Zugend-Vonvürls Nr.» Beilage zum Vorwärts Die Zrieüensfrage. 24. Mgust 1926 Bis in die jüngst« Zeit hinein hat sich die Auffassung erhalten. daß der Staat Macht bedeutet. Der Stärkere glaubt sich zur Herrschaft über den Schwächeren berechtigt, und das Streben nach Herrschaft und Macht ist die Ursache aller Kriege gewesen. Weil es einer Minderheit gefiel, ihre selbstgeuommenen Rechte und ihren unverdienten Besitz zu sichern und zu erweitern, darum mußten Millionen von Menschen auf den ungezähllen Schlachtfeldern verbluten und Kulturstätten verwüstet werden. Als das C h r> st e n t u m in die Welt hinausgetragen wurde. da sollten all« Menschen zu einer großen Frieden-gemein- schast vereinigt werden. Bon der Erkenntnis ausgehend, daß alle die Glieder eines gleichen Körpers sind, sollt« die Liebe die Menschen miteinander verbiuden. �Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", in diesen Worten lag schon olles begründet, was eine Gemeinschaft der Menschen ermöglichen konnte. Aber bald wich die Kirch« von bm sozialen. Grundideen der christlichen Lehre ab und strebte nach Macht. Durch das Austreten der Kirche als weltliche Macht neben den bereits vorhandenen Mächten wurde die Zersplitterung und Irreführung der Menschen noch verheerender. Es kamen die furcht- baren Religionskriege des Mittelalters, in denen die Kirch« um ihre Herrschaft kämpfte. Als dann die Kirch« sich in den Dienst der Staaten stellte, da geriet sie vollends in«inen großen Zwie- fpalt zwischen der christlichen Lehre und ihrem Handeln. Staat und Kirche haben von nun ab in gemeinsamer Arbeit dos Boll systematisch für ihre Interessen erzogen. Bom ersten Schuljahre ab wurde in die Herzen der Jugend die Kriegsbegeisterung gepslanzt. Man erzählte den Kindern von früheren glorreichen Kriegezügen und dem Heldenmut der Deutschen:— über die Greuel und de» Wahn- sinn eines Krieges ging man jedoch hinweg. Wohl lehrte man * daneben auch die zehn Gebote mit der Forderung.du sollst nicht töten", aber der Krieg mit seinem Menschenmorden hatte damit scheinbar nichts zu tun. Aber auch das Elternhaus ist nicht ohne Schuld, den Neinen Knaben schenkte man als Spielzeug Soldaten, Gewehr und Säbel und erregte in dem Kinde die Lust zum Zer- stören, den Wunsch, auch eininal Soldat zu werden. Als vor etwa 100 Jahren zum ersten Male öffentlich vom Welt- frieden gesprochen wurde und zwei Amerikaner den ersten Frieden»- verein gründeten, spöttelt« man zunächst darüber, aber man hatte inzwischen dech erkannt, daß, entgegen der bisher von der Kirche verbreiteten Auffassung, der Frieden nicht als ein Geschenk des Himmels kommen werden sondern daß die Menschen selbst zu diesem Ziele gelangen müßten, und bald gelangte die Friedensbewegung zu einer ernsten Bedeutung. Jedoch alle seitdem gegründeten inter- nationalen Friedensoereinigungen, die einberufene» Kongresse und abgeschlossenen Verträge vermochten nicht, den Weltkrieg zu ver- hindern. Jetzt zeigte es sich, wie erfolgreich die Erziehungsarbeit von Staat, Kirch« und Elternhaus gewirkt hatte: denn die Mehrheit des Volkes war bereit, für das Vaterland, d. h. für die Herrschsucht und Gewinngier seiner Machthaber, sich hinzuopfern. Zu dem dann einsetzenden Morden der Menschen untereinander gab die Kirche ihren Segen Noch können wir die Folgen, die der Weltkrieg für alle Wen- schen nach sich ziehen wird, in ihrer ganzen Tragweite nicht an- nähernd überblicken, aber da» eine wissen wir heute schon, daß die Ki.lturentwicklung der gesamten Menschheit darunter schwer gelitten hat. und daß Jahrzehnte dazu gehören werden, um wieder auf- zubauen, was der Krieg an K'ilturwerten vernichtete. Die blühendsten Menschenleben, die. welch« erst zu lebe» anfingen, sind im Krieg! hingcmordet und alle natürlichen Morolbegrisfe vergiftet worden.— Gerade, weil wir jungen Menschen als die Träger der kommenden Generation selbst die furchtbaren Auswirkungen eines Krieges mit- erleben, dürfen wir nicht gleichgültig über die große Berantwortunch dl« wir alle haben, hinweggehen. Wir dürfen nie vergessen, daß es auch an uns liegt, ob für die Zukunft die grauenhaften Menschen- schlachtungen weiterbestehen sollen, oder ob da; Ziel de» Welt- sricdcns in eine greisbare Nähe rückt. Alle die, welche da meinen, daß«in Welt frieden wohl sehr wünschenswert, doch nicht möglich wäre und es immer Krieg geben werke, wie auch die bisherige Gesänch., zeige, sollten einmal daran denken, daß wir heutigen Menschen uns in kultureller Be- ziehung den vorausgegangenen Zeitaltern überlegen glauben. Gewiß, wir haben nach und nach immer tiefere Erkenntnis erlangt, der Forschergeist ist in die Unendlichkeit der Welt eingedrungen und wir haben einen Einblick in die Gesetzmäßigkeit oller Entwicklung ge» wannen:»st es nicht gerade deshalb um so trauriger, wenn wir immer»och nicht ersaßt haben, wie auch wir Menschen nur al» ein Glied in die Entwicklung eingereiht und all« gleichen Ursprungs sind, daß jeder von uns der Lebensdauer und Größe eines Staubkorns gleicht? Fühlen wir nicht, daß wir Menschen der Erde durch die Naturgesetze trotz allen Leugnens ein« Gemeinschaft bilden? Ersahren wir nicht mit jedem Atemzug« an uns selbst das große Wunder, das Leben heißt und in jeden von uns ohne sein Verdienst gelegt ist? Wie dürfen wir es darum wagen, den Naturgesetzen zuwiderzuhandeln und die Heiligkeit des Lebens an- zutastenl Wenn wir meinen, daß der Krieg sich nicht abschaffen lassen weil oft ein Volk die Neutralität des anderen verletzte und diese» dann gezwungen sei, sich zu wehren, dann sollten wir daran denken, daß bei einem Krieg keine Partei schuldlos ist. Auch mit unserem Weltkrieg war es so. Er begann nicht erst mit dem offiziellen Kriegsausbruch, sondern lange Zeit vorher ist von allen aüf den Krieg hingearbeitet worden, bis es schließlich nur noch des äußeren Anlasjes bedurfte, um die geschürten Flammen des gegenseitigen Hasses und der Kampjbegcisterung hell auflodern zu lassen. Sind unsere germanischen Borsahren auch kriegerischer gewesen als wir, so lehrten doch gerade die Kampfmittel des letzten Krieges leider nur zu deutlich, wie grausam die Gesinnung der Kulturvölker noch immer ist. Nach dem Kriege 1870/71 begannen besonders die europäischen Staaten ein allgemeines Wettrüsten. Man ging von der Ausfassung aus, daß man gut gerüstet sein müsse, um sich vor einem evenwellen Kriege schützen zu können, und in diesem Sinne rechifertigte man die Rüstungen. So wurden Unsummen Geldes, die der Staat als Steuern vom Volke empfing, für Rüstungen ausgegeben, woran kapitalistische Unternehmerkreise glänzend verdienten, und die au» diesem Grunde auch wieder ein Interesse hatten, daß diese Rüstungs» arbeiten mit aller Energie weitergeführt wurden. Dazu kommt als Schlimmstes der Militarismus. Die jungen Männer wurden al« Werkzeug für den Staat erzogen, sie waren in den Augen der Offiziere keine Menschen, sondern nur das Material, das Im Kriege als Zielscheibe zu dienen hatte. Denn wozu bestanden letzten Endes alle Exerzierübungen und Manöver, doch nur, um die Soldaten triegstüchtig zu machen. Das Töten, das man zu anderen Zeiten als ein Verbrechen strafte, wurde im Kriege gefordert und belohnt. Wie wurde der Haß gepflegt durch die Siegesfeiern, die man alljähr- lich wiederholte. Sind damit wirkliche Garantien für einen dauernden Frieden geschaffen wörde»? Nein, das Gegenteil war die Folget Würden jedoch alle die Gelder, die man für Rüstungen und für das Militär ausgab, die der Krieg verschlang, für die Hebung der Lebens- und Kulturkroft des Volkes verwendet worden sein, wieviel bessere Garantien hätte man für die Beseitigung der Kriegsgefahr gehabt. Selbst wenn uns heute ein Weltsricden unmöglich erscheint und wir eine Arbeit in diesem Sinne daher auch für nutzlos halten, so wird doch einmal ohne bewußte Arbeit dafür der Zeitpunkt eintreten, an dem alle Menschen zu der Einficht kommen, daß sie eine große Interessengemeinschaft sind. Denn unser ganzer Entwicklungsprozeß geht unaufhaltsam dem Ziele des Weltsriedens entgegen: wir sind schon jetzt in idealer und materieller Beziehung in eine so große ?lbhöngigkeit voneinander gekommen, daß wir sowohl Im einzelnen . wie als Volkeganze» nicht mehr ohne die anderen leben können, Danün fön« sich ein Krieg nichk mehr auf zwei Siaaten beschrSnkcn, es werden jetzt auch die anderen in Mitleidenschaft gezogen. Diese gegenseitige Abhängigkeit nimmt ständig zu und wird eines Tages so weit gegangen sein, daß bei einem Kriege alle Menschen dem Verderben ausgeliefert wären. Es zeugt darum von geringer Ueberlegung und von Verkennung des Verantwortungsgefühles, von der Unmöglichkeit eines Welt- frlcdens zu sprechen. Wir müssen von der Zuversicht durchdrungen sein, daß der Krieg einst aus der Welt geschafft wird. Wir dürfen den Glauben an das Gute im Menschen nie verlieren: denn die Entartungen, welche in dem Krieg und seinen Folgeerscheinungen bei den Menschen untereinander sich auswirken, sie sind erzeugt durch falsche Erziehung und bewußte Irreführung. Nicht nur die Deutschen, sondern auch alle anderen haben sich irreführen lassen. Darum dürfen wir in den Menschen der anderen Länder nicht unsere Feinde sehen, sie unterlagen nur der gleichen Beeinflussung wie wir. Noch immer sind wir zum Hassen geneigt, wo wir Liebe säen sollten, noch haben wir zu wenig der Wahrheit und Erkenntnis in uns aufgenommen. Aber noch ist es nicht zu spät für uns, für die Abschaffung des Krieges einzutreten. Nur müssen wir Geduld haben: denn es kommt darauf an, daß alle Menschen von innen heraus zur Verurteilung des Blutvergießens gelangen. Wenn wir uns alle einig werden in dem Streben»ach Verbreitung der Wahrheit, einig in der Liebe zu allen Menschen, dann gehen wir den richtigen Weg. Nicht unser Leben— das ist widernatürlich—, sondern ein Lebenswerk wollen wir den anderen geben. Weder mit dem Christentum, noch mit den natürlichen Begriffen von Sittlichkeit und Moral läßt sich der Krieg rechtfertigen, darum wollen wir, die Jogend, Kämpfer werden für die Verwirk« lichung der Friedenside ei Charlotte A. E. Krüger. /lrbeitenöe�ugenö unö Reichsverfayung. Im alten monarchistischen Staat war die arbeitende Jugend das Aschenbrödel der Gesellschaft. Ihr Iugendleben, ihre Erziehung, war eine schematische Prägung zum Menschen der untersten Stufe in der Gesellschaft. Systematisch zum wirtschaftlichen und politischen Untertan erzogen zu sein, das war die bittere Erkenntnis der Arbeiterjugend im wilhelminischen Deutschland. Diese schmählichen Erfahrungen haben in der Jugendarbeiterschast den Gedanken der Selbsthilfe geweckt und die Jugendorganisationen geschaffen. Trotzig klangen die Forderungen: Schutz den jungen Händen vor Ausbeutung! Schutz den jungen Köpfen vor Verdummung! Vergebens versuchten die Behörden des Obrigkeitsstaates die Jugendorganisationen zu vernichten. Erst der Weltkrieg zerriß diese junge Bewegung. Vier Jahre tobte der Mord durch die Welt. Not und Elend wuchs von Tag zu Tag. Mit verzweifelter Kraft wurden an jenem Novembertag vom Volke die Ketten zerrissen. Aus Millionen zermarterten Menschen stieg zukunftsgläubige Hoffnung. Auch die Arbeiterjugend grüßte die neue Zeit: endlich hoffte sie aus den Fesseln geistiger und wirtschaftlicher Unterdrückung befreit zu werden. Es ging daher eine mächtige Erregung durch die gesamte freie Jugendbewegung, als die Nationalversammlung nur wenige grundlegende Maßnahmen zum Wohle der Jugend schuf. Nur einige Artikel der Reichsverfassung sind es, die von Jugendschutz und Iugendrecht reden. Nachstehende Artikel sind von grundlegender Bedeutung: Artikel 122. Die Jugend ist gegen Ausbeutung, sowie gegen sittliche, geistige oder körperliche Verwahrlosung zu schützen. Staat und Gemeinden haben die erforderlichen Einricytungen zu treffen. Artikel 143. Für die Bildung der Jugend ist durch ösfent« liche Anstalte» zu sorgen. Bei ihrer Einrichtung wirken Reich, Länder und Gemeinden zusammen. Artikel 148. In allen Schulen sind sittliche Bildung, staatsbürgerliche Gesinnung, persönliche und berusliche Tüchtigkeit im Geiste des deutschen Volkstums und der Völkerversöhnung zu erstreben. Sieben Jahre sind seit der Verfassungsannahme ins Land gegangen. Die Durchführung obiger Bestimmungen wird immer noch von der Jugend vermißt. Bis heute hat die Republik noch keine ausreichenden Mittel und Wege gesunden, um jungen begabten Arbeitern den Aufstieg zu den höchsten Bildungsstätten zu ermöglichen. Noch entfalten Lehrer eine umfangreiche Hetz- und Hahpropaganda gegen andere Völker. Es ist kein Jugendschutz, wenn man der Arbeiterjugend die wenige freie Zeit, die sie zur Entfaltung ihrer geistigen, sittlichen und körperlichen Kräfte braucht, beschneidet. Es ist falsche Sparsamkeit, daß man die Durchführung des Jugendwvhlfahrtgcfetzes größtenteils außer Kraft setzt, wie es durch die Verordnungen auf Grund des Ermächtigungsgesetzes ge- schehcn ist. Das muß anders werden!— Mit aller Kraft muß für die Durchführung der Rechte und Forderungen der jungen Arbeiter- schaft eingetreten werden. Nach dem furchtbarsten Krieg aller Kriege, nach diesem wirt« schafltiche» Zusammenbruch hat die Republik die heiligste Pflicht, sich um den Nachwuchs der Nation in erster Linie zu kümmern, denn die Jugend ist das kostbarste Gut eines Volke». Soll die Republik fest und unerschütterlich gebaut werden, dann muß sie in den Hirnen und Herzen der Jugend selsenfest verankert sein. Die besten Fun- damente und die festesten Brücken in die Zukunft aber sind eine gut ausgebaute Jugendwohlfahrt und Jugenderziehung, denn sie össnen unzähligen Menschen den Weg in ein neues Leben, ja, sie sind eine lebensnotwendige Voraussetzung für die Heranbildung einer neuen Generation, die der Republik den neuen Inhalt geben kann. Am 11. August haben taufende Jugendliche In ollen Teilen de» deutschen Reiches an den Verfassungskundgebungen teilgenommen. Gemeinsam mit ihren Vätern und Müttern haben sie den Ruf:„Für die Republik—« gegen die Reaktion" erhoben. Diese jungen Republikaner sind die kommende Generation, die die hohe Aufgabe hat, die junge Republik auf- und auszubauen und den Geist der Weimarer Versassung durchzuführen.— Darum her mit dem au,» reichenden Jugendschutz!— Gerd Bothur. Die andere fugend. Während die sozialistische und friedliebende Jugend der ganzen Welt sich müht, die Wunden, die der Weltkrieg geschlagen hat, Iu schließen und durch eine Verständigung der Völker einen neuen Massenmord zu verhindern, sind schon wieder Kräfte am Werk, die Jugend, die das Elend des großen Krieges nicht bewußt erlebte, zu erfüllen mit Kriegsbcgcisterung und billiger Verherrlichung des „letzten großen Erlebnisses eines Volkes", des Krieges. Die Zeit- schrift des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbande« „Blätter für junge Kaufleute" hat ihre Augustntimmer als Kriegs- nummer herausgebracht. Es werden Tagebuchblätter und Skizzen von Gefallenen gebracht, die den Krieg und das Soldatenleben ver. herrlichen. Die erste Tagebuchnotiz heißt z. B.: „Das Rekrutenleben ist unglaublich fein, gesund und lehrreich. Abends ist man wohlig müde, wie durchgeknetet am ganzen Leibe. Bis jetzt geht es noch spielend. Dann der Hunger. Und Schlasl .— Wie die Götter." In einer Schlußbetrachtung wird als der Sinn dieses Heftes hingestellt: „In diesem Heft unternehmen wir den Versuch, das Gewal- tigste der gewaltigen Zeit vor unsere Seele zu stellen: den Krieg selbst mit seinem wogenden Leben tund grausen Sterben, seinem Siefen und Verlieren, seinem Stolz und seiner Trauer. Nur wenige' unserer jungen Freunde werden persönlich einen stärkeren Eindruck von jenen Jahren des Kampfes haben. Die meisten haben wohl mit dem Worte Krieg nur mehr eine perstondesmäßige Vor» stellung und kennen ihn allenfalls unter dem Schlagwort vcrwcich- lichender, utopischer Phrase:„Nie wieder Krieg!" Das Erleb- nis des Krieges als die Form des letzten, größten und' schwersten Kampfes um das Leben und die Zukunft des Voltes aber ist ihnen fremd. Sie werden zu wenig berührt von dem Heldentum, das in den Jahren des Kampfes zum Ausdruck kam. So bringen wir Notizen aus den ersten Tagen des Krieges bis zu Niederschriften über die wilden Kämpfe der letzten Monate. Welche Härte spricht aus der Schilderung Jüngers! Welche Kraft, was für eine seelische Stärke müssen die Menschen besitzen, die in einer solchen Hölle noch den Glauben an das Leben, an den Sieg ihres Kampfes inmitten solch ungeheuren Materials haben. Dies« Zuversicht solcher Stunden, aus denen Wille und Energie fließt, erscheint uns als das Größte. Wer nur da« Clend steht oder gar aus der F r i s ch e des Kampfes Lust an der Vernichtung liest, wie c» unsere Pazifisten tun, empfindet weder das Heldenhafte noch die zwingende Notwendigkeit dieser letzten Handlung. Das ist mit ein Teil der Größe, daß zu solchem Kampf keine Menschen der Halbheiten, sondern nur Männer der Tat fähig sind. Diese Werte wollen wir für uns von den vielen, heldischen Leistungen de» Krieges ableiten." Ja, es ist eine herrliche Sache um den Krieg. Wir spüren noch heute seine Segnungen. Hunderttausende Krüppel und Millionen Arbeitslose rufen die„große Zeit" immer wie» der in unsere Erinnecking zurück! Und wir begreifen den Sinn für das Heldentum, das der Krieg im einzelnen weckt, wenn wir an jene Kompagnien in Frankreich denken, die überrascht wurden vom Gasangriff des Gegners und kampflos dahinsanken wie ein Mann. Diese„Frische des Kampfes" soll die Jugend nie vergessen. J3d> holte dafür, daß in einer wohlgeordneten Re- publik am meisten Menschenwürde, Menschenwert, allgemeine Ge- rcchtigkeit und allgemeine Glückseligkeil möglich ist. Wo nicht der Knabe, der diesen Abend in der letzten Slrohhütte geboren wurde. einst rechllich das erste Amt seines Vaterlandes ver- wallen kann, ist es Unsinn, von einer vernünftigen Republik zu sprechen. Privilegien aller Art sind das Grab der Freiheit und Gerechtigkeit. S e u m e. Sei Schöpser! Prolel, deine Stuben sind dumpf und klein, Deine Hände vernarbt und voll Schwielen— Trohdeml Pflanze in dich hinein Die Sehnsucht nach höheren Zielen. And wird auch heute Erfüllung noch nicht Au» voller Schale sich schenken, Einmal wird sich da» hellste Licht Auf deine Hände senken! Prolet, deine Tage sind dumpf und klein. So bau dir dein eigenes Leben In die frohlockenden Sterne hinein. Du schwieliger Mensch, lerne schweben! Lerne in frohem Gedankenslug Die heimische Welt zu erfassen, Die schon immer ihr Leuchten trug Ueber die dunkelsten Gassen. Prolet, deine Stirne ist dumpf und Nein. Das macht dein müde» Verzichten. Du selber quälst dich, den letzten Schein Der Hoffnung in dir zu vernichten. Sieh dir die schassenden Geister an, Sie haben gedarbt und gehungert! Aber sie haben im dumpfen Bann Nicht ihr Leben vcrlungert. Prolet, auch du kannst ein Schöps er sein! Wage die ersten Schritte. Recke dich! Geh in da» Leben hinein. Stell dich getrost in die Mitte« Wenn man dich nach der Herkunst fragt— Sag«! ich komme au» Tiefen. Aber ich habe den Aufstieg gewogt. Weil die Sterne mich riefen! Robert Seil Tlus unserer?ugenöbilöungsarbelt. 1. Grundsätzliche». Roch lockt der Sommer jeden Jungen aus der Stube, holt ihn zu Spiel und Sport, zur frohen Fahrt. Wie schnell vergeht uns doch im Kreise froher Äugend die Zeit! Bei schönen Fahrten ver- gessen wir die Müh' und Plag« einer langen Woche schwerer Arbeit. Doch wie lange noch—, dann zieht der Winter bei uns ein und fesselt uns an die Stub». Was beginnen wir jetzt in unserer freien Zeit? das Ist für viele eine bange Frage. Nun, der Winter fei in erster Linie unserer Bildung gewidmet: denn wir, die Jugend, sind einst berufen, das Wert, das die Arbeiterschaft in jahrzehntelanger, mühseliger Kleinarbeit aufgebaut hat, weiterzuführen zu neuen Siegen und neuen Erfolgen. Dazu genügt bei weitem nicht da» Wissen, das uns die Volksschule gab, auch nicht, was wir von Vor» trägen auf Gruppenabenden behalten haben. Da heißt es eben, selbst au» dem tiefen Brunnen der Wissenschaft zu schöpfen. Die Klassiker des Sozialismus, ihre Theorien und Lehren gilt es kennen zu lernen, die Geschichte der Gewerkschaften, der Arbeiterbewegung großer Länder, Bolkswirtschast und nicht zu allerletzt Weltgeschichte sind Themen, die wir kennen müssen, um einmal unseren Mann zu stehen..Ach", werden mir da viele sagen,„was soll ich meine Jugend mit Stubenhocken versauern: Ich weiß genug, um mich durchs Leben zu schlagen." Das ist so die Meinung wohl de» größten Teiles der heutigen Jugend. Es ist eine alte Erscheinung» daß große Massen der Arbeiterschaft sich nicht um die geistigen Güter kümmern, die doch für alle geschaffen wurden, nicht nur für die Reichen. Da entsteht nun die Frage: Welche Bildungsmittel stehen uns zur Verfügung? Eines der wichtigsten nannte ich schon: das Buch. Die Volkshochschule, Kurse und Einzelvorträge sollen daneben dazu dienen, unser Wissen zu vertiefen und neue Gesichtspunkte zu ge» Winnen. Dann kommt uns auch die Stadt mit vielen großartigen und modernen Bildungsinstituten zu chilfe. Wir haben da umfang- reiche Museen und Sammlungen: ich erinner« an die Arbeiter- wohlfahrtsausstellung, die Urania, die Sternwarte in Treptow, wo wir schon für wenig Geld gute Lehr- und Naturfilme sehen und wissenschaftliche Vorträge über die verschiedensten Gebiete hören können. Wir können Bibliotheken besuchen, von deren Größe man Sich schwer eine Vorstellung machen kann. Wem Bildungsmittel in olchem Umfange zur Verfügung stehen, wie der Berliner Arbeiter- chaft, von dem sollte man doch annehmen, daß er von ihnen den entsprechenden Gebrauch macht. Das ist bei einigen wenigen auch der Fall, aber die große Masse, die doch den Ausschlag gibt, läßt dieses Interesse vermissen. Zum Beweis: die Volkshochschule Groß- Berlin mußte im Wintersemester 1925/26 die größte Zahl ihrer Vor- lefungen einstellen wegen Mangels an Beteiligung. Eine Vorlesung über Psnchologie, die mit 32 chörern angefangen hatte, schloß im zweiten Trimester mit sieben chörern ab Und das in einem der größten Arbeitervorort«! Es liegt nun für diese Erscheinungen die Erklärung nahe, da? viel« Jugendliche mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Schwer« körperliche Arbeit bringt in der Regel auch eine geistige Cr» schlnssung mit sich, so daß viele nicht dazu aufgelegt sind, nach Feierabend noch«in Buch zur chand zu nehmen und sich geistig an» zuftrengen. Sie füllen viel lieber die Kinos und lassen— selbst passiv— den Filmstreifen an ihren Slugen vorüberrollen, häuslich« Verhältnisse, zu kleine Wohnungen, viele Geschwister, locker« -Freunde, Tanzboden—, alles das ist dazu angetan, den jungen Menschen willensschwach zu machen. Trotz all dieser Hemmungen müssen wir jedoch dahin streben, eine geistig hochstehende Arbeiter» jugend heranzubilden: denn in den sozialen Kämpfen, in die wir einmal eingreifen sollen, gibt nicht der größte Mund den Ausschlag, sondern das größte Wissen. Nehmen wir uns unsere toten Führer zum Vorbild: Karl MaiL, der oft hungern mußte, nur um sich da» Papier für seine Manuskripte kaufen zu können; Bebel und Lieb- kriecht, die ihre Gesängniszeit dazu benutzten, sich in fremden Sprachen und anderen Wissenschaften zu vervollkommnen. Bebel war es auch, der als Lehrling und junger Geselle nach ost 12- bi» lästündiger Arbeitszeit ein Buch zur Hand nahm, um zu lernen alles im Dienste der Arbeiterbewegung! Vor kurzer Zeit hatte ich Gelegenheit, mit deutschen Genossen aus der Tschechoslowakei zujammenzukonimen und war erstaunt über ihr theoretisches Wissen. Fast alle hatten Bücher von Marx, Engel», Bebel, Adler und Kautsly gelesen: sie waren Mitglieder der„Urania" und des Bücherkreises. Wollen wir da zurückstehen, Genossen? Nein! Und darum laßt uns alle dahin wirken, daß Bildung kein Vorrecht einer einzelnen Klasse bleib«, sondern daß alle Bildungsiisslitu:« allen Bildungshungrigen zugänglich gemacht werden. Um das zu erreichen, wollen wir in unserer Jugend, wo wir am ausnähme- fähigsten sind, uns vorbereiten auf die Zeit, wo die Arbeiterschaft uns rufen wird! Erwin Tenschert, Berlin-Britz. 2. Praktische». Von jeher war einer der ersten Grundsätze der proletarischen Jugendbewegung die Erziehung der Jugend zu bewußten Klassen» kämpfern, um gemeinschaftlich mit den Alten für den Sozialismu» zu streiten. Die Erkenntnis der gesellschastlichen Lage ist die erst« Voraussetzung dieses Klassenbewußsseins. Das praktische Leben sorgt dafür, daß sich solche Erkenntnis schon srühzeitig anbahnt. Doch in vollem Umfange erreichen können wir sie nur durch syitcmatlsch« Bildungsarbeit, und daher ist diese eine der wesentlichsten Auf- gaben der proletarischen Jugendbewegung. Mehr als sonstwo brauchen wir gerade zur Lösung dieser Ausgabe die tätige Mitarbeit älterer Genossen. Die besondere Schwierigkeit der Bildungsarbeit In der Arbeiter- jugendbewegung liegt darin, daß wir zwei in ihren Voraussetzungen und ihren Bedürfnissen sehr verschiedene Schichten von Jugend- genossen in unseren Reihen haben: ein Teil unserer Genossen gehört noch den Jahrgängen an, in denen der Sozialismus nur gesühl»- mäßig erlebt werden kann: ein anderer schon Jahrgängen, in denen das Streben nach Erkennen der gesellschaftlichen Zusaninienhäng« in den Vordergrund tritt. Beide Teile in der Bildungsorbett zu befriedigen, ist äußerst schwierig: und doch hat die Jugend von Groß-Berlin sich eine Bildungsarbeit geschaffen, die den Bedürf- nissen beider Gruppen einigermaßen gerecht wird. Das zeigt schon «in Blick in das Bildungsprogramm für den kommenden herbst und Winter. In diesem sind zunächst für die Jüngeren wie für die Aclteren gemeinsame Wochenendkurse vorgesehen, die im Lause eine» Sonntags draußen in den Jugendherbergen der Mark stattfinden. Zweck und Ziele unserer Bewegung und die Stellung des einzelnen in der Bewegung sind die Themen, welche diese Wochencndkurs« beherrschen. Auch die S ch u l u n g s k u r s e für Funktionäre, welch« folgen, gehen noch mit Rücksicht auf das Thema für beide Alters- aruppen gemeinsam, wird doch In ihnen die Arbeit der einzelnen Funktionäre und die Stellung der Jugend innerhalb der Gesellschaft besprochen. Diese Kurse umfassen fünf Abende. Nach ihrem Ab» schluß findet erst die Teilung der Jüngeren und Aelteren statt, und zwar in den Bildungskursen, welche zweimal fünf Abend« umfassen, einmal im Novcmber-Dezcniber und ein zwcitcsnial im Januar-Februar, hier sind Themen für die Jüngeren folgende: Einführung in den Sozialismus: Volkswirtschaftliche Grundbegriffe: Geschichte der Zlrbeiterbewegung usw., mährend für die Aelteren in Aussicht genommen sind: Probleme des Marxismus: Theorie uiid Praris des proletarischen Klassenkampfes; Kulturlehr« des Sozialismus; Einführung in die Soziologie; Staats- und Versassungslehr«: Sozialistische Erziehungsaufgaben usw. Neben diesen Bitdungskursen haben wir noch zentrale F ü h- rcraussprachen an Sonntagabenden über aktuelle Fragen und an vier Sonnabendabenden im Winterhalbjahr eine Schulung der Jugendbeiräte vorgesehen. Die letzteren werden stets päda» gogische und jugendpsychologische Fragen behandeln. Auch Int er- natskurs« werden stattfinden, die unsere Jugendgenosscn auf einige Tage dem grauen Stodtleben entreißen und in ruhiger Ab- geschlossenheit über wichtige Probleme der Jugend- und Arbeiter- bewegung arbeiten lassen. Daneben soll auch den Neigungen der Genossen, welche nach tüiistlcrifcher Richtung besonders interessiert sind, Genüge geschehen. Da sind vor alien Dingkn Sonnta�veranstaltungen in verschiedenen Teilen der Stadt mit Themen, welche sich über vier bis fünf Abende erstrecken, wie: Einführung in die Kunst; Meister der Musik; Streifouge durch die Weltliteratur: Sozial« und Arbeiterdichtung: ferner auch naturwissenschaftliche Themen und Reisebeschreibungen und schließlich Führungen durch verschiedene Bibliotheken und Museen. Im großen und ganzen ein Bildungsplan, der, wenn er oer- wirklicht wird, gute Früchte zeugen muß. Und wir jungen Berliner werden für die Durchführung diese» Programms sorgen. Standen wir in der Geschichte der Arbeiter- iugendbewegung stets an der Spiße, wa-<-