Nr. 11 Beilage zum Vorwärts 3». n°°°mb» ,»2» Sie fugend und> In den Kampf um den unglücklichen Entwurf eines Gesetze» zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschristen hat bisher die Jugend nur in sehr geringem Maße eingegriffen, obwohl in erster Linie ihre Interessen durch da» geplante Gesetz berührt werden. Es dürfte sich daher empfehlen, die Stellung der deutschen Jugend, scweit sie in den Iugendverbänden zusammengefaht ist, hier einmal zu betrachten. Ihre Auffassung dürfte auch für die Befürworter de» jetzigen Entwurfs von ausschlaggebender Bedeutung sein, da sie kein Interesse daran haben können, ein Iugendschutzgesetz zu schaffen, das in Widerspruch steht mit dem Willen der Jugend selbst. Zunächst ist es notwendig, einiges Geschichtlich« anzuführen. Der jetzt vorliegende Entwurf ist bekanntlich vorbereitet worden auf Grund einer Entschlietzung, die der Reichstag im Jahre 1921 einstimmig angenommen hat. Diese Einstimmigkeit ist nicht zuletzt herbeigeführt worden durch die Tatsache, daß sich In allen Teilen der organisierten Jugend ein starker Unwille über die damals rapid zunehmende Schundliteratur unter der Jugend bemerkbar machte. Vielfach gründeten die örtlichen Iugendgruppen aller Richtungen besondere Ausschüsse zur Bekämpfung der Schundliteratur, die öffentliche Kundgebungen und Schundliteraturverbrennungen ver- anstalteten. Es zeigte sich jedoch bald, daß mit derartigen„direkten Aktionen" allein dem Uebel nicht beizukommen war. Es setzte sich die Meinung durch, datz die Förderung der guten Literatur da» besiere Kampfmittel ist; abel es herrschte unter der Jugend auch fast ein- mütig die Auffassung, daß ein Gesetz, da» die wirkliche Schundlitera- tur dem Vertrieb unter der Jugend entzieht, eine wertvolle Unter- stützung im Kampfe gegen Schund und Schmutz sein könne. Das Verlangen nach einem derartigen Iugendschutzgesetz fand dann seinen Niederschlag in der oben erwähnten Entschließung de» Reichstags. Die Förderer des Gesetzentwurf» können sich daher mit einem gewissen Recht darauf berufen, daß die Schaffung eines derartigen Gesetzes dem Willen der großen Mehrheit der deutschen Jugend entspricht, und der bereits erwähnte Unistand, daß die Jugend in dem bisherigen Abwehrkampf gegen den nunmehr vorliegenden Ent- wurf verhältnismäßig inaktiv war, könnte zu dem Schluß verleiten, daß die Jugend im allgemeinen auch mit dem jetzt dem Reichstag verllegenden Entwurf einverstanden sei. Das ist jedoch völlig f a l sch. Die Jugendverbände haben zwar bisher nur vereinzelt öffentlich Stellung genommen, aber dem BIl- dungsausschuß des Reichstags ist Anfang November eine Eingabe des Re t ch sa u s s chu s f e s der deutschen Iugendver- bände zugegangen, die die Haltung der Jugendverbände klar be- leuchtet. In dieser Eingabe stellt der Reichsausschuß, dem bekannt. lich fast alle deutschen Iugendverbände angehören, einleitend fest. daß die Iugendverbände nach wie vor als das wirksamste Mittel zur Bekämpfung der Schund- und Schmutzliteratur die energische Förderung der Volks- und Iugendbibliotheken und die Verbreitung guter billiger Volksliteratur ansehen. Daneben hält der Reichsaus- schuß auch«in Gesetz für ein Mittel, Schund- und Schmutzschriften übelster Art von der Jugend fernzuhalten. Der jetzt vorliegende Entwurf erscheint dem Reichsausschuß jedoch in wichtigen Punkten sehr verbesserungsbedürftig. So wird verlangt eine Definition des Begriffs Schund- und Schmutzliteratur, damit jede mißbräuchliche Ausnutzung des Gesetzes als allgemeines Zensur- gesetz ausgeschaltet werden kann. Als Definition wird vorgeschlagen: „Schund- und Schmutzschriften sind für Massenverbreitung bestimmte Schriften ohne künstlerischen oder wissenschaftlichen Wert, die nach Form oder Inhalt verohend oder entsittlichend sind oder von denen eine schädliche Wirkung auf die sittliche, geistig« oder gesundheitliche Entwicklung oder eine Ueberreizung der Phantasie zu besorgen ist." Eine große Gefahr sieht der Reichsausschuß in der vorge- sehenen Einrichtung von Länderprüf stellen. In der Ein- gäbe heißt es:„Es gibt nur eine deutsche Sitte, eine deutsche Jugend und eine deutsche Sorge um den Schutz der Jugend vor tas Schundgesetz. Schund und Schmutz." Der Reichsausschuß fordert daher die Ein« richtung einer Reichsprüf stelle. Schließlich verlangt der Reichsausschuß eine Bestimmung in den Aussührungsbestimmungen. die garantiett, daß sich unter den zwei Mitgliedern der Priisstelle; die durch die Iugendwohlfahrt und die Jugendorganisationen be- stellt werden sollen, stets ein Vertreter der Iugendcrganisationen befindet. Schließlich wendet sich der Reichsausschuß gegen die im Entwurf auch vorgesehene besondere Berücksichtigung der Vertreter der Körperschaften de» öffentlichen Recht»(Religionsgesellschaften), da dafür keine sachliche Notwendigkeit bestehe. Der Reichsausschuß glaubt, daß das Gesetz nach Berücksichtigung dieser Aendeningei» eme Möglichkeit bietet, die gröbsten Mißbräuche und Auswüchs« auf dem Gebiete der Schund- und Schmutzliteratur zu beseitigen. So kommt die Spitzenorganisation der deutschen Jugend, dl« über drei Millionen deutsche Jugendliche umfaßt, zu Abänderung»- Vorschlägen, die einer Ablehnung des jetzigen Entwurf gleich» kommen. Es ist dabei zu bemerken, daß der Reichsausschuß sein« Entscheidungen nur einstimmig fällen kann, so daß man e» hier mit einer einmütigen Willenskundgebung der deutschen Jugend und ihrer Führer zu tun hat. Aber auch wo die Verbände selbständig Stellung genonimen haben, üben sie eine scharfe Kritik an dem Entwurf. Die S oz i a- l i st i s ch e Arbeiterjugend hat sich den Forderungen de» Sozialistischen Kulturbundes angeschlossen, die neben den Abände- rungen, die auch der Reichsausschuß der deutschen Iugendoerbänd« verlangt, bekanntlich noch die Einstimmigkeit der Entscheidungen und die Herausnahme der Zeitschriften au» dem Geltungsbereich des Gesetzes verlangen. Selbst die evangelischen Iugendver- bände, die doch ihrer ganzen inneren Einstellung nach am ersten bereit sein dürften, dem Gesetz die Zustimmung zu geben, haben in einer Entschließung zwar ein Iugendschutzgesetz auf diesem Gebiet gefordert, aber mit keinem Wort verlangt, daß dieser Entwurf Gesetz werden solle. Aehnüch liegen die Dinge bei der katholischen Jugend. Die„Germania" hat unter führenden Leuten des Zentrums und des Katholizismus eine Anfrage über den Entwurf veranstaltet, die auch im„Vorwärts" besprochen wurde. Unter den Befragten befindet sich auch der Geschäftsführer der Windthorftbünde, Reichstagsabgeordneter Dr. Krone. Er bezieht sich in feinen Ausführungen ausdrücklich auf die Eingabe des Reichsausschuffes der deutschen Iugendverbände und fordert, daß die dort gewünschten Abänderungen berück- sicht werden. Das Parlament könne an der Stellungnahme der Jugend unmöglich vorübergehen. In einigen abschließenden grund- sätzlichen Bemerkungen weist er mit Nachdruck darauf hin, daß da« Gesetz nur ein Hilfsmittel sein könne. Der beste Schutz sei die Bil- dung des jugendlichen Charakters und die Erziehung zu allem Schönen und Edlen im Menschenleben. Die verantwortlichen Reichsstellen und diejenigen Reichstags- fraktionell, die noch die unveränderliche Annahme des Entwurfs be« treiben, dürfen an diesen Urteilen der Jugend auf keinen Fall achtlos vorübergehen, denn sie sind von schwerwiegender Bedeutung. Da« Gesetz will die Sache der Jugend vertreten. Man kann es daher unmöglich gegen den Willen der Jugend machen. Denn sonst gibt man allen denen recht, die jetzt schon behaupten, daß man die Sachs der Jugend nur als einen Vorwand benutzt, um reaktionäre Zensur« Methoden einzuführen. Zum anderen sollten sich alle Beteiligten klar darüber sein, daß das Gesetz, und wenn seine Fassung noch so sehr verbessert wird, nur dann der Jugend zum Segen gereichen wird, wenn die in der Jugendarbeit stehenden Kreise der Bevölke- rung und die Jugend selbst mit innerer Anteilnahme an der Aus« führung des G«setz«s mitarbeiten. Werden die Wünsch« der Jugend nicht berücksichtigt, dann haben wir aber den Zustand, daß der Reichstag ein Iugendschutzgesetz verabschiedet, da» die Jugend ablehnt und das dann nichts anderes fein wird als ein neues Mittel, um big Gegensätze innerhalb des Volkes zu vertiefen und zu verschärfen. j ?lrbeiterfugenö unö Such. Gedanken zum weihaachtsfest. Nur noch wenige Wochen trennen uns von dem Tage, an dem mr Menschen, die uns nahestehen, eins Freude bereiten wollen. Wir wollen ihnen etwas schenken, was ihrer Persönlichkeit gerecht wird und zugleich ein wertvolles Andenken ist. Dabei soll ober berücksichtigt werden, dah von dem kargen Einkommen des Arbeiters mir sehr wenig für Geschenkzwecte übrig bleibt. Mit diesem Wenigen geht dann das Kausen los. Das eine ist zu teuer, das andere taugt nichts, dieses paht nicht und das gesüllt nicht. Es soll sür wenig Geld etwas möglichst„Großartiges" sein, dos„nach was aussieht", wie man ost hört. Meist ist es dann minderwertig, ober es präsentiert und das ist der Zweck. Hier sehen wir eine Rückständigkeit in der Arbeiterschaft: man will mehr scheinen— auch beim Geschenk— als man ist. Wer kennt nicht den Proleten im abwaschbaren Gummi- kragen, der alles andere eher braucht als diesen. Stolz ist sein Gang, als wäre er der„gemachte Mann". Für dies« Leute ist das Wort vom„verhinderten Kapitalisten" geprägt worden. Es soll hier nicht untersucht werden, wer schuld ist an dieser salschen Per- sönlichkeitsgeltung, die sich gerade in den Arbeiterkreisen findet, denen jede Wirkung»- und Entfaltungsmöglichkeit fehlt. Wir sehen hierin lediglich eine Auswirkung der heutigen Gesellschaftsordnung, die jede Menschen- und Eigenblldung, im Jnteresie des Prosit» unterdrückt. Gegen diese verlogene Kultur des Aeußerlichen macht sich bei Jung und Alt eine gesunde Opposition geltend, die den Inneren Menschen wecken will. So gibt es Arbeiterkulturkartelle, Proleta- rische Feierstunden und Kunstausstellungen. Auch die Jugendbewe- gung, die dieser Opposition ihren Aufstieg mitverdankt, hat in allen Orten Fuß gefaßt. Aber eins wird immer noch viel zu wenig beachtet und das ist d a s g u t e B u ch. Das Buch, das uns so viel geben könnte und von so wenigen gesehen wird, begleitet uns treu- lich durch ganze Leben. Wer hat nicht gern in seiner Kindheit vor dem Bilderbuch gesessen und Gestalten hineingesehen, die die Phan- tasie ihm eingab? Wer kennt aus seiner Jugend nicht Grimmsche Märchen oder die Götter- und Heldensagen oder Parsisal oder Don Quichotte? Aber später, dann kam die Fabrik mit ihrem harten Muß, dem niemand entgeht, sein Leben lang. Uns blieb nur die kurze Zeit nach Feierabend, die können wir einteilen nach unserem Belieben. Wie sie eingeteilt wird, davon reden die Kinos und Bergnügungs- stätten eine deutliche Sprache. Ein Buch nehmen die wenigsten zur Hand. Und wenn, in wieviel Fällen ist es dann ein„spannender Kriminalroman" oder eine süßlich sensationelle Geschichte von Grasen und Baronen, blinkenden Uniformen und Monokeln! Das kann jeder beobachten, der mit der Straßenbahn oder sonst einer Bahn fährt, wo die jungen Menschen in Ihre Literatur verliest sind. Ihre Wirkungen auf das menschliche Gemüt zu schildern, wäre Aufgabe eines besonderen Aussatzes. Aber es ist nicht alles so grau, wie es hier geschildert wird. Langsam, aber stetig erobert sich auch die Arbeiterschast das Buch. In diefeiti Zeichen stand auch die Grofchenbüchermesie der Berliner Gewerkschaften, die mehrmals verlängert wurde. Gerade wir brauchen das Buch als geistige Erfrischung, wir wollen am Abend nach- holen, was wir am Tage versäumten. Es gibt jedem, was er sucht: historische, Entwicklungs- und Gesellschastsromane oder Novellen und Erzählungen, klassische oder moderne Dichtung, kurzum, sür seden Geschmack ist etwas Hervorragendes zu finden. Auch die wissen- schaftliche Literatur, die die Probleme des Lebens, der Natur und des gesellschaftlichen Lebens erörtert, soll nicht vergessen werden und wird sicher als Geschenk viel Freude bereiien. Im Vordergrunde müssen aber sür uns die sozialistischen Schriftsteller stehen. Sie gaben unserer Bewegung ja erst die wissenschaftliche Grundlage und sind heute und stets zur Vertiefung und Ausbreitung unserer Ideen unentbehrlich. Darum lest und schenkt Bücher! Sie sind zwar äußerlich nicht ausdringlich wie mancher nutzlose Tand. Aber was geben sie an Freude, Anregung und Wissen. Ein gutes Buch lesen, ist ein Er- lebnis, das weiterklingt im Menschen. Dieses Erlebnis vielen, ja allen mitzuteilen, ist das Buch berufen. Darum: Lest und schenkt Bücher! Erwin Tenschert, Derlin-Brltz. Die öegegnung. Bon Max Barth« l. Kurz vor dem ersten Mai kam ich in meine Heimatstadt zurück. Ich suchte die Freunde auf, und wir saßen lange über alten Erinnerungen zusammen. In dieser Stadt traf ich auch den früheren Leutnant Funke. Nun gab es viele Fragen und Gegenfragen mit „Weißt du noch," und„Ja, damals an der Mühle zum Toten Mann". Auch über Anfperg sprachen wir, über Paulus und Munck. „Klinger," sagte Funke,„ich bin jetzt Buchhändler geworden, und wenn ich mir die letzten Kriegsjahre überlege, da muß ich doch sagen, daß Paulus der Wahrhastigste unter uns war. Du weißt, ich kam nach der Verhandlung in eine Sturmkompagnie. Dort hatte ich den Heimatschuß schon in den ersten drei Tagen. Weißt du. wir haben hunderttausendmal den Krieg verflucht, ja, mit dem Maul, doch Paulus ist aus der Reihe getreten und machte nicht mehr mit. Er hat sich geopfert. Das ist der Unterschied. Wir wurden geopfert. „Auch Munck hat sich geopsert, Funke," antwortete ich.„Denkst du noch an die„Tote Tochter" und den Mann, der vor dem Graben schrie?" „Ich höre ihn auch jetzt noch manchmal durch meine Träume schreien." erwiderte Funke.„Und Munck? Ich denke daran. Klinger. Und setzt frage ich mich, hat die Menschheit den Krieg schon wieder vergessen? Schau sie an, die Narren, wie sie nach neuen Metzeleien brüllen. Das ist doch Wahnsinn! Und jetzt: Warum verständigen sich die Völker auch heute noch lieber durch Fliegerbomben und Granaten?" „Die Völker," fiel ich ein,„Funke, die Völker könnten sich schon brüderlich verständigen, wenn die unersättliche Raubgier ihrer Herren nicht wäre. Sieh doch an, wie im eigenen Land die Ober- klasse gegen die Arbeiter steht! Solange sich ein Mensch von dem anderen ausbeuten lassen muß, kann kein Frieden kommen. Da» gilt natürlich auch für die Völker." „Du magst recht haben," sagte Funke,..natürlich hast du recht. Klinger. Aber," und feine Augen gingen über ein grünes Saatfeld und sein Mund zuckte,„aber muß denn dos sein? Siehst du die schöne Erde? Ueberall ist Glanz und Frieden. Die Blumen blühen. Die Wälder sind grün und aus den Feldern wächst das Brot. Brot und SchönheitI Für alle Menschen, Klingcr, sür alle! Und denkst du daran: Morgen ist der erste Mai!" „Ich denke daran," antwortete ich.„doch mein Herz ist immer noch auf Wanderschast. Ich denke an Viktoria..." Nun war das Wort gefallen, das uns auf der Seele lag. „Viktoria!" rief Funke,„ja Viktoria! Aber weißt du auch, daß Viktoria Sieg bedeutet? Siehst du, sie lebt über dos Grab hinaus. Ja, Klinger, Viktoria sei unsere Losung." „Viktoria!" rief auch ich,„ja Funke, Viktoria sür die arme getretene Menschheit!" „Und morgen ist der erste Mai," sagte Funke. Wir verabredeten uns und ich bummelte noch eine Stunde durch die Stadt. Aus der Hauptstraße sah Ich einen älteren Mann, der wie Christus gekleidet war und dünne Hefte vertäust«, in denen in verzückter Sprach« der Untergang der alten Welt angezeigt wurde. Der Mann ging langsam hin und her und blickte kindlich verwundert in das lebendige Leben der Stadt. Ab und zu verkaufte er auch Büchlein. Viele Leute blieben stehen und betrachteten den sonder- baren Heiland. Ein Herr im Pelz, der im blitzenden Auto vorbei- huschte, beugte sich zu seiner Dam« im weißen Schleier und zeigte den asketischen Schwärmer. Di« Dame im wehenden Schleier winkte lachend mit der Hand. An diesem Tage erlebte ich die Stadt in einem neuen Licht. Sie war ein steinernes Meer, in dem sich die Straßenzüge ver- wirrend kreuzten. Straßen des Lebens, Straßen des Schicksals. Ich sah durch die Fassaden der Häuser und sah Lustspiele und Tragödien, Brutalitäten und Gemeinheiten, aber auch die heldischen Romane rollten sich vor meinen inneren Augen ab. Auf meiner Wanderschaft war ich auch«>einmal in Pompeji gewesen. Aus den antiken Straßen, Häusern und Wandgemälden tonnte ick das Leben der versunkenen Stadt ablesen. Jahrtausende wurden lebendig. Auch jetzt mußte ich wieder an Pompeji denken. Plötzlich übersiel mich der Gedanke, daß doch eigentlich jede Stadt ein wieder ausgegrabenes Pompeji sei, daß man auch aus den Gesichtern der Menschen das Leben ablesen könne. Und ich sah mir die Menschen an. Zuerst blieben die Gesichter verschlosien, doch manchmal sah ich den Frost einer Berechnung, den Purpur einer Verzückung darüber gehen. Dann tonnte ich In allen Gesichtern lesen. Die Wolken der Schwermut sah ich, die Daseinsangst, die Flamme eines Hasies. Aber ich sah auch Lebensmut und in vielen Gesichtern leuchtete die Bereitschaft zur neuen Erde. Aus den vielen, wechseloollen Gesichtern formte ich dos Antlitz der kommenden Zeit. Viele Menschen trieben vorüber, geliebte und ungeliebte, und ich sah auch euch, ihr jungen Adlergesichter in der grausen Langeweile des Geldverdienens. Dann kam der erste Mai. Das Arbeitervolk eroberte sich die Stadt. Auch Ich marschierte mit Funke in einem der herrlichen Züge. Mein Herz flog den ungezählten Millionen voraus, die heute an dem einen Tag über die Weitstraßen dröhnten. „Siehst du. Klinger," frohlockte Funk«, als wir durch die Stadt marschierten,„in den Fabriken stehen heute alle Maschinen still. Unsere Macht und unser Wille haben sie gelähmt. Und wir sind auch mächtig genug, dte verdammten Maschinen eines neuen Krieges abzustellen. Millionenhändig!" „Es liegt in unserer Macht," antwortete ich.„Die Gewehre denken ja. Wenn geschossen werden soll, wissen sie, wohin sie schießen müssen. Meinst du, wir würden uns noch einmal wie Vieh abschlachten oder wie Ungeziefer vergiften lasten? Nein. Wir erobern uns die Welt. Mit dem Herzen und mit dem Gehirn. Und mit unseren eisernen Fäusten, wenn es sein muß."„Ja," sagte Funke,„und was wird dann sein? Ewiger Friede? Das Paradies?" „Nein, nicht das Paradies!" antwortete ich.„Die Erde wird sein, die blühende, schöne, fruchtbare Erde. Das Volk wird sein und die Menschheit wird sein und das Leben mit allen Wundern und Wirklichkeiten, die vielleicht die größten Wunder sind. Auch der Kampf ist noch da. der heftige und heitere Kampf zur vollkomnienen Form und Gestaltung aller Dinge. „Der Krieg wird nicht mehr sein," fuhr Funke fort,„aber Brot und Schönheit. „Das alles wird sein und noch vieles mehr, Genossen," sagte mit lauter Stimme ein junger Arbeiter neben uns.„Das alles aber zwischen Leben und Sterben wird die Freiheit sein..." Ein brausendes Lied stieg auf und riß alle Worte und Gespräche in jene goldene Wolke der Harnwnie, In der wir schon jetzt die Schönheit der kommenden Erde fühlen. » Diese Veröffentlichung ist dos Schlutzkapitel aus einer Kriegs» erzählung von Max Borthel:„Die Mühle zum toten Mann", die in diesen Tagen im Arbeiterjugend-Verlag SW. gl, Bellc-Alliance- Plag 8. erscheint. /lufsang. Ihr Jungen voll unerhörtem Sehnen zu jenem Neuen, das keine Bücher noch lehrten, das euer Blick schon wittert, das aus jeder Gebärde euch zittert, ihr Leuen an Krait gegen uns Wächter der Ruh— euch gesell ich mich zu. Trägheit lastet umher, ein Meer von Blei, Bosheit tastet mit hämischem Lächeln herbei. Unbeweglich, ei» Klotz, starrt Unverstand. Auf in dos neue Land, das wir selber sind! Wir, von Menschenmüttern geboren, länger nicht zwischen Leib und Seele verloren. Latz mich die weihen Segel euch brassen Helsen im Windl Sonnenselig hebt sich die Küste. Traumgewoltig breitet sie ihre Brüste gegen den Strand. Auf in das neue Landl Hermann Csaudius. Wir cuwedmen dieses Gedicht der im Slrdriteriuaend-Vrrlag ertchienrnrn Eaimnlinig de» Dichter».Wieder der Unruh*. Helgisthe Jugenükonferenz. Am 31. Okiober und 1. November fand in Brüssel der dies, jährige Berbandstag der belgischen Organisation statt. Die Tagung war von 216 Delegierten, die 12S Ortsgruppen vertraten, beschickt. Auherdem nahm der Genosse Toornftra für die holländische Organi- sation und der Genosse Ghesquiere für die sranzösisch« sozialistische Jugend teil. Die Sozialistische Jugendinternationale sowie die Bruderverbände in England, Oesterreich. Italien und Deutschland hatten der Konferenz schriftliche Grütze übermittet. Den Bericht über den Stand der Bewegung gab der Nationalsekretär Genosse M a r t e l. Der Stand der Organisation ist folgender: Der Berichterstatter, der seinen Bericht französisch und flämisch erstattete, färderte eine pünkUiche Einsendung der Beiträge, da nur dann eine vollkommene Uebersicht über die Stärke der Bewegung zu erhalten ist. Er verwies weiter auf die grotzen Anstrengungen der bürgerlichen Parteien, besonders der Klerikalen, um die pro- letarisch« Jugend in ihre Jugendverbände zu bringen. Genosse Martel entwickelte dann ein neues Programm für die Jugendarbeit. In der Diskussion verteidigte Genosse de Muynck mit Wärme und in geschickter Weise die Methoden der kulturellen Arbelt, wie sie im slämischen Teil der Organisation angewandt werden und forderte die Uebernahme dieser Methoden auch für die Gruppen in dem wallonischen Teil des Verbandes. Vertreter aus Wallonien und auch der Genosse Ghesquiere-Frankreich versprachen, alles zu tun, um in der Richtung der vom Genossen de Muynck gegebenen An- regungen zu arbeiten. Am Schluß der Aussprache wurde ein An- trag angenommen, eine besondere Werbewoche für die Wirtschaft- lichen Forderungen der Organisation, vor allem für Ferien und Lehrlingsschutz und Ausbau der Berussschulen, durchzuführen. Eine weitere Entschließung forderte die Gruppen auf, durch weitere finanzielle Unterstützungen den streitenden englischen Bergarbeitern zu Helsen. Es kam dann zu einer längeren Diskussion über den Vorschlag der flämischen Gruppen, ein zentrales Jugendorgan des Verbandes herauszugeben. Bisher mutzten sich die jungen Garden begnügen mit einer Jugendbeilage des flämischen und französischen Organs der belgischen Bildunaszentrale. Die Entscheidung über den Vor- schlag wurde auf ein Jahr vertagt, jedoch besteht bei der flämischen Organisation die Absicht, ein eigenes Jugendorgan Anfang 1927 her- auszugeben. Die Partei- und Gswerkschaftspresse wurde aufg«. fordert, die Jugendbeilagen auszubauen. Genosse de G r a e v e erstattete einen Bericht über die Arbeit der Sozialistischen Jugendinternationale. Einig« Gruppen aus der Brüsieler Umgebung erhoben Einwendungen gegen die Haltung der Internationale in der Frage der Rutzlandsdetcgation und der Ein- heitsfront. Genosse de Gcoeoe verteidigte in seinem Schlußwort die Haltung der Internationale. Sein Bericht wurde von der Konserenz mit überwältigender Mehrhest angenommen. Die Konferenz beschloß weiter, an der Deckung des Defizits des internationalen Jugend- tags mitzuhelfen Ein wichtiger Tagesordnungspunkt war die Debatte über den Vorschlag einer Zentralisaiion der gesamten belgischen soziali. stischen Jugendbewegung, Kinderfreunde, Turn- und Sportorgani- sationen und Jungen Garden. Es soll eine zentrale Organisatton mit einem zentralen Sekretariat mit dem Genossen Vandcroeken als Sekretär, einem besonderen Sekretär für die Jungen Garden, Ge- nasse Martel, und einem Sekretär für die Turn- und Sportvereine, Genosse Vandersmissen, eingerichtet werden. Partei. Gewerkschaften, Genossenschaften und Krankenkassen wollen den größten Teil der entstehenden Kosten übernehmen, verlangen aber eine größer« finanzielle Leistung der Jungen Garden und eine systematischer« Zusammenarbeit der verschiedenen Jugendorganisationen Der Kon» gieß beschloß, zur endgültigen Entscheidung über die Angelegenheit einen besonderen Kongreß aller in Frage kommenden Organisationen im Frühjahr 1927 abzuhalten. Er beschloß serner eine prinzipielle Zustimmung zu diesem Plan sowie die Erhöhung der Beiträge der Gruppen an die Zentrale auf 1,— Franken für die Mitglieder über 14 Jahre und 0,50 Franken für die Mitglieder unter 14 Jahre. Eine außerordentliche Konserenz wird sich im Februar oder März mit der Stellung zum Militarismus und dem Verhältnis der Jugend zur Partei beschästigen. Zum Schluß gab es«ine lebhafte Debatte über Fragen der Disziplin in der belgischen sozialistischen Jugendbewegung. Einige Gruppenführer aus der Umgebung von Brüssel halten Beschlüsse der Verbandsleitung in bezug auf das Verhalten zu den Komm», nisten übertreten. Es wurde fast einstimmig beschlossen, die Ver- bandsleitung zu ermächtigen, mit allen Mitteln, evtl. mit dem Aus- schlutz gegen derartige Verletzungen der Berbandedisziplin vorzu» gehen. Ohne Diskussion wurde eine Resolution angenommen, die die Herabsetzung der militärischen Dienstzeit aus sechs Monate verlangt. Ebenso wurde ein Beschluß gesaßt, der sich gegen die Gründung der l>esonderen Jugenorganisationen durch die Gewerkschaften wendet. In die Exekutive der Internationale wurde» die Genossen Hoyaux, de Graeve und Dien gewühlt. Der Kampf in öer Tsthechoflowatei. Wir haben in der vorigen Rummer bereits über das gemein- same Vorgehen der tschechischen und deutschen soziattstischen Jugend- organisationen in der Tschechoslowakei gegen das Gesetz über die militärische Vorbereitung der Jugend berichtet. Inzwischen haben die vereinbarten Kundgebungen der Jugendorgani- sationen stattgesunden. Sie wurden am 17. und 24. Oktober in ollen Teilen der tschechoslowakischen Republik abgehalten. Bedeutsam ist. datz die Versammlungen wirklich gemeinsam waren. Im gemischt- sprachigen Gebiet nahmen tschechische und deutsche jugendlich? 41« beiter in Massen daran teil. Besonders eindrucksvoll war die Kund- gebung in Prag, wo zum erstenmal auch deutsch referiert wurde. Das Begrüßungsschreiben der Sozialistischen Jugendinternnlionale wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen. Die Hauptreferate, die Kasal(tschechisch) und Paul(deutsch) erstatteten, wurden immer wieder durch brausenden Beisall unterbrochen. Im tschechischen Gebiet fanden Versammlungen in Pillen, Mäbrtsch-Ostrau, Paidu- bitz, Kolin, Prosnitz und einigen kleinen Orten statt Aon den Kundgebungen im deutschen Gebiet waren die in Westböhmen die mächtigsten Versammlungen, die seit Iahren von der Arbeite« jugend oeranstallet wurden. In Karlsbad sprachen vor meh>' als 1000 Anwesenden Kern und Pleskot und Abgeordneter de Witte. Die Ver- sammlung in Eger wurde von dem anwesenden Regicrungsvertreier wegen der Aeutzerung des Referenten, daß die Bestrebungen der Regierung«ine Schande für den Staat bilden, aufgelöst. Große Der- sammlungen waren noch in Töplitz, Bodenbach, Aussig. Schluckenau, Trautenau, Bruck, Bedin, Komotan. Neudeck, Gramtitz und in einer Reihe anderer Orte. In einigen Versammlungen erschienen auch Kommunisten, die aber ihren Kampf gegen den Militarismus dadurch führten, daß sie die Versammlungen zu stören suchten. Das Verteidigungsministern»« hat es bisher nicht gewagt, den Gesetzentwurf vor das Parlament zu bringen, jedoch ist eine Regie- rungsverordnuiig erschienen, die die Beibehaltung der ISmonatlichen Dienstzeit bestimmt. Außerdem bereitet die Regierung eine Ab- änderung des Wehrgesetzes vor, die den Soldaten dos Wahlrecht nehmen soll. Ferner wurde die Mannschastslöhnung van 2,30 Kronen auf ILO Kronen für den Tag herabgesetzt, während die Bezüge der Offiziere erhöht wurden. Die eindrucksvollen Kundgebungen der sozialistischen Jugend- verbände haben das große Mißfallen der jetzt regierenden Kreise gefunden. Die Novembernuminer der„Sozialistischen Jugend", der Zeitschrift für die deutsche Arbeiterjugend in der tschechoslowakischen Republik, wurde konfisziert und durfte erst erscheine», nachdem die der Regierung gefährlich erscheinenden Stellen gestrichen waren. Der Abtrünnige. Gestern traf ich ihn wieder einmal?' Er stand vor dem Zeitungs- tiosk inmitten einer Gruppe Menschen und studierte die ausge- hängten Zeitungen. Oft war er im Laufe der Jahre an mir vorbei- gelaufen, hatte getan als kenne er mich nicht. Schamhast, so kam es mir vor, hatte er stets zur Seite geschaut. Und jetzt stand er neben mir, der frühere Freund, schaute m-ch schüchtern, ja ängstlich von der Seite an. Da reichte ich ihm di« Hand zum Gruße, in die der blasse, kränklich aussehend« Junge, der ehemals so frisch und munter mit uns herumtollte, die seinige legte. Wie geht's? Was tust du jetzt? Was hast du die ganzen Jahre über getrieben? So fragte ich ihn und im selben Moment ging im Geiste an mir die Zeit vorüber» in der wir befreundet waren. Ich sah, wie er des Abends zu mir kam und wir, gerade der Schule entlassen, gemeinsam zum Jugendheim gingen, und uns mit den anderen freuten, interessiert den Vorträgen zuhörten, auf dein Heimweg eifrig unsere Eindrücke besprachen und auf Wanderungen henimtollten wie wilde Füllen. Da, mit einmal kam er nicht mehr, ging mir aus dem Wege, wo er nur konnte, daheim traf man ihn nicht an und in der Gruppe hieß es, er sei ausgetreten. Warum? Der Mädels wegen hatte man gesagt. Sie schauten ihn nicht an, war als Grund angegeben. Mit schwacher, kranker Stimme gab er mir Antwort auf meine Fragen. Schlecht ging's ihm. Lange Zeit war er krank, hatte lm Krankenhaus gelegen und war erst vor wenigen Tagen entlassen. Auf meine Frage, was er jetzt treibe, gab er mir zur Antwort, daß er dem Rudersport nachgehe, Mitglied eines neutralen, unpolitischen Ruderklub» sei und sich im übrigen um nichts mehr kümmere. Wir könnten doch an all dem nichts ändern, und er erzählte mir, als er durch meine Gegenargumente einigermaßen überzeugt zu sein schien, er sei die Jahre über Mitglied des Jungdo gewesen und wenn «r wieder zu uns kommen würde, müßte er steh vor seinen«he- inallgen Kameraden dieser Mitgliedschaft In dem Rechtsverband B)ämen. Niemals hatte ich gewußt, daß er Mitglied einer solchen rganisation war und jetzt erst wurde mir klar, warum er mir immer so scheu aus de,» Wege gegangen. Ein Stück des Weges ging er noch mit mir, hatte mir auf vielerlei Frage» zu antworten und wehmütigen Blickes reichte er mir, nachdem ich von unserem Lebe», Treiben, Schaffen und Streben erzählt hatte, beim Abschied die Hand. Kopf hoch, sagte ich Ihm. E» ist eines jungen Menschen nicht würdig, alle Ideale über Bord zu werfen und so wie du zu reden. Stumm nickte er und wir gingen auseinander. Armer Junge, dachte ich, wärst du bei uns geblieben, ich hätte heute mit einem anderen Menschen reden können. Du wärst heute, so wie wir, ein Kämpfer des wahren Menschenrechts. Karl Birnbaum. 1 c vie yugead in der Gesetzgebung. > M» M> Die Neuregelung der Fahrpreisermäßigung für Zugendpflege. Die neuen Bestimmungen über dt« Gewährung von Fahrpreisermößi- gung für Fahrten im Interesse. der Jugendpslege treten am 1. Januar 1927 in Kraft Nach diesen Bestimmungen wird die Ermäßigung nur den Jugendoereinen gewährt, die in di« behörd» tiche Liste der Jugendpflegeoereine eingetragen sind. Diese Ein- tragung muß jeder Jugendverein bis zum 1. Dezember 1926 bei der zuständigen Regierungsstelle, in Preußen beim Regierungs- Präsidenten, beantragen. In der Regel werden die Orts- oder Kreisausschüsse für Jugendpflege die Anträge weiterleiten. In den Anträgen ist der Name der Berelnigung, ihr Sitz, ihr Zweck, die Zahl ihrer Mitglieder unter 20 Jahren sowie Name und Wohnung des Borsitzenden oder der Geschäftsstelle des Bereins abzugeben. Die behördliche Anerkennung der Iugendgruppen der Sozialistischen Arbeiterjugend, der freien Gewerkschaften und der Arbeitersport- verbände muß erfolgen, da die Zentralen dieser Verbände dem Reichsausschuß der deutschen Iugendverbände bzw. der Zentral- Kommission für Arbeitersport- und Körperpflege angeschlosien sind. Dem Antrag der Ortsgruppen ist«ine Bescheinigung der Bezirk»- teitung über die Zugehörigkeit des Verbandes zu den oben ge- nannten Spitzenorganisationen beizufügen. Ueber die Anerkennung durch die Regierung wird eine Bescheinigung ausgestellt, die bei der Beantragung der Ermäßigung am Fahrkartenschalter vor- zuzeigen ist. Größere Bereine können mehrere Ausweise erhalten, wenn sie es in dem Antrag vermerken. All« leitenden Aufsichtspersonen müssen einen behördlichen Lichtbildausweie besitzen, der ebenfalls von dem Regie- rungspräsidenten ausgefertigt wird. Die Ausfertigung muß gleich- falls bis zum 30. November beim Regierungspräsidenten be- antragt werden. Dabei ist neben dem Vor- und Zunamen und der Adresse des Führers der Name und die Anschrift de» Bereins an- zugeben sowie ein Lichtbild in Paßbildgröße beizufügen. Als Auf- fichtspersonen können Funktionäre der Gruppen im Alter von mehr als 18 Iahren namhaft gemacht werden. Die A u s w e i s k a r t e des Vereins gilt für ein Jahr, für da» Lahr 1927 wird eine blaue Karte ausgegeben. Der Lichtbild- a u s w e i s gilt unbeschränkte Zeit. Ab 1. Januar 1927 ist die Fahrpreisermäßigung nur dann zu erlangen, wenn bei der Antrag- fiellung die blaue Ausweiskart« und dt« Lichtbilderausweise der ote Fahrt leitenden Funktionär« vorgelegt werden. Ein Zuaendgerlchlsgesetz in Oesterreich. Die Erkenntnis, daß jugendliche„Verbrecher", wenn wir einmal dieses häßliche Wort ge- brauchen wollen, nicht nach den gleichen Grundsätzen wir erwachsene „Verbrecher" beurteilt und verurteilt werden dürfen, hat selbst in Kreisen Eingang gefunden, die im allgemeinen den Problemen neuer Erziehung verständnislos gegenüberstehen. Jedoch dauert es bei dem langsamen Tempo unserer Gesetzgebung geraume Zeit, ehe derartige Erkenntnisse in das geltende Recht Aufnahme finden. Gleiche oder wenigstens sehr ähnliche Verhältnisse finden wir in dem uns eng verbundenen Oesterreich, wo jetzt endlich der Entwurf eines Iugeudgerichtsgesetzes vorliegt. Die in Oesterreich auf diesem Gebiet bisher herrschenden Verhältnisse waren überaus traurig. Als straffrei galten nur Kinder bis zu 10 Iahren. Kinder zwischen 10 und 14 Iahren wurden dem Strafrichter vorgeführt, wenn ihre Tat nach dem Strafgesetz als Verbrechen anzusehen war. Andere strafbare Handlungen Jugendlicher in diesem Alter wurden„nur dann" der Ahndung durch die Stcherheltsbehörden überlassen, wenn die„häusliche Züchtigung" nicht ausreichte! Mit 14 Iahren trat di« volle Strafmündigkeit«in, sedoch galt jugendliches Alter und ungenügende Erziehung als Strafmilderungsgrund. Das alte bürgerliche Gesetzbuch ließ ferner die Möglichkeit zu, in Fällen mangelnder Erziehung„angemessene Verfügungen" zu treffen oder(nach 8 8 des Gesetzes vom 24 Mai 1885, RGBl. Nr. 89) die Jugendlichen in eine„Besserungsanstalt" zu stecken. Das bisherig« Gesetz basierte also aus dem Grundsatz, die Straf« a l s S ü h n e für die begangene Tat anzuwenden, und nur in ganz besondere» Fällen Erziehungsmaßnahmen, die ent- schieden eher am Platze gewesen wären, anzuwenden. Wie wenig Erfolge mit dieser grundsätzlichen Einstellung zu erzielen waren, mögen einige Zahlen zeigen: Unter deii im Jahre 1922 in di« Iugendstrafanstalt Kaiserebersdorf tzu Wien gehörig)«ingelieferten 461 Jugendlichen waren 200 rückfällig, unter den 1924 etngelieserten 183 Jugendlichen sogar 150 rückfällig l Von durchaus neuen Gesichtspunkten geht der von der Bundes- regierung dem Notionalrat vorgelegte„Entwurf eine» Bun- gesgesetze» über die Behandlung junger Rechtsbrecher(Iugendgerichtsgesetz)" aus. In der Begründung des Gesetzentwurfes heißt es. daß die Aufgabe des Richter» nicht darin bestehen dürfe,„dem jungen Rechtsbrecher als Vergeltung für das Uebel. das er durch feine Tat der Rechtsordnung und dem Verletzten angetan hat, ein Leid zuzufügen, sondern darin, Ihn zu retten, ihm den moralischen Rückhalt zu schaffen, dessen er entbehrt, ihn um seiner selbst willen und um der Gesellschaft willen davor zu bewahren, daß er ein Sklave der schädlichen Neigungen werde, die die Tat offenbart hat." Der neue Gesetzentwurf stellt also die Dinge in den Vordergrund, die im alten Gesetz nur nebensächlich behandelt wurden: durch soziale und erzieherische Maßnahmen die Ursache der Rechtsbrechung zu beseitigen. Ob der Entwurf allen modernen pädagogischen Ansprüchen gerecht wird, mag dahingestellt bleiben. Er enthält jedoch so grund- legende Aenderungen, daß man nicht achtlos daran vorübergehen kann. Wesentlich sind die folgenden Bestimmungen: 1. Di« Strafmündigkeit beginnt erst mit dem 14. Leben»- jähre. Die Sicherheitsbehörden haben jedoch auch bei Recht»- brechern jüngeren Alters einzugreifen und angemessene Ver- fügungen zu treffen, wenn Rechtsbrecher jüngeren Alter« der not« wendigen Erziehung entbehren. 2. Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren sind nicht straf- bar, wenn ihnen nach Loge der. Ding« die notwendige Reife zur Erkenntnis der Tat fehlt. 3. Die Strafmaß« werden für Jugendlich« erheblich herab- gesetzt. 4. Die Verurteilung eine» Jugendlichen kann aufgeschoben und von guter Führung abhängig gemacht werden. 5. Die Dauer einer Freiheitsstrafe braucht nicht zeitlich be- messen zu sein, sie kann von der Wirkung auf den Häftling ab- hängig gemacht werden. 6. Kurze Freiheitsstrafen sollen überhaupt nicht verhängt werden. Diese für das neue Gesetz vorgesehenen Bestimmungen können in der Hand von sozial und pädagogisch geschulten Richtern außer- ordentlich segensreich wirken. Es kommt darauf an, daß als Jugend- richter Menschen fungieren, die dieses Verständnis mitbringen, und die nicht nur nach dem Buchstaben, sondern mit dem Herzen Recht sprechen I H. L ö g g o w- Kaulsdorf. T7I m r�i Nunöschau ■23 !2t fcai ngii Sammlung der Reflbeflände. Eine Anzahl von r« cht s st« h e n« den Jugendverbänden haben Ende Oktober«in« Konferenz tn Nürnberg abgehalten, tn der beschlossen wurde, in Zukunft aus allen Gebieten„vaterländischer" Jugendarbeit zusammenzugehen und ge- meinsam« Forderungen gemeinsam zu vertreten. Es handelt sich u. a. um den Deutschen Pfodsinderbund. den Großdeutschen Jugend- bund, Adler und Falken, di« Jugend der Deutschen Volk»« Partei, Iunglandbund, Jungnationaler Bund. Iungsturm, Iungstahlhelm urtd Werwolf.