jir.r Beilage zum Vorwärts 29.3.1««30 Aufruf on öie Zugcuö! Äer Reichstag ist aufgelöst. Das deutsche Volk ist aufgerufen, am 14. September an die Wahlurne zu treten, um von neuem über sein Oeschick zu entscheiden. Die Reichstagsauflösung ist von der Sozialdemokratie erzwungen worden, im Kampf gegen den Generalabbau der sozialen Gesetzgebung» wie er von der Bürgerbiockregierung Brüning durchgeführt werden sollte: Abbau der Arbeitslosen- und Krankenversicherung, dazu Einführung der unsozialen Ledigen- und Kopssteuer. Die Auflösung des Reichstags war außerdem notwendig zum Schutze der Aechte Ses Voitzes» verankert in der Reichsverfaffung von Weimar. Gegen den Willen der Mehrheit der Reichslaasabgeordneten und entgegen den klaren Bestimmungen der Berfaffung haben Reichsregierung und Reichspräsident die unsozialen Steuergesehe verordnet» deren Aufhebung die Auflösung des Reichstags herbeigeführt hat. Bon der verfassungswidrigen Anwendung des Artikels 48 der Reichsverfassung bis zur offenen Diktatur ist nur noch ein Schritt.— Die Reichstagswahlen sind ein Akt in dem großen Kampf Mtfcheu Arbeit unö Kapital. Es geht um die Rechte des arbeitenden Volkes gegen die Interessen der Besitzenden. Zwei Heereshause« stehe« sich gegenüber: die organisierte Arbeiterschaft unter den roten Fahnen der Sozialdemokratie und das Bürgertum, zwar gespalten in vielerlei Gruppen und Gräppchen mit kleinlichen Zielen, aber einig in dem Willen, den Einfluß der Arbeiterschaft in Reich, Ländern und Gemeinden zu beseitigen, den Schutz der Arbeit einzuschränken, die Lasten des verlorenen Krieges auf die Schultern der Schwachen abzuwälzen. Kommunisten und Rationalsozialisten haben in diesem gigantischen Ringen durch ihre Hetze gegen die sozialistische Bewegung und durch die Züchtung des politischen Rowdytums den Fortschritt gehemmt, die Reaktion gefördert. Die arbeitende Jugend in Stadt und Dorf kann in ihrer großen Masse noch nicht aktiv mitbestimme», wohin sich in diesem Wahlkampf die Schale des Sieges neigen soll. Sie ist aber befähigt, durch Wahlhilfe und Aufklärungsarbeit die Entscheidung mitzubeeinflusseu. Sie ist dazu verpflichtet, weil vom Ausgans der Wahlen jeder Zngendl, che persönlich betroffen wird. Ein Sieg des Bürgertums und der extremen Gruppen bedeutet Sieg der sozialen Reaktion, bedeutet weitere Verschlechterung der Lebenslage des Volkes und der arbeitenden Jugend, bedeutet im besonderen Abbau oder sogar Beseitigung der Arbeitslosenversicherung für die Jugend und der bescheidenen Ansätze eines moderne« Iugendschuhes und Zugendrechtes, bedentet Einführung der Arbeitsdienstpflicht, Herauftetzung des Wahlatters auf 25 Jahre und förder! den Faschismus. An die Zuagwahler ergeht der Auf» sich restlos an der Wahl zu beteiligen. Rund drei Millionen junge Männer und Frauen im Aller von zwanzig bis fünfundzwanzig Iahren sind wahlberechtigt: sie können fünfzig Abgeordnete wählen. Bei den Stärkeverhälwissea der Parteien sind diese Abgeordneten das Zünglein an der Waage in den kommenden politischen Auseinandersetzungen. Von den Jungwählern wird es im starken Maße abhängen, ob in Zukunft die soziale Demokratie im Geiste der Verfassung von Weimar, oder ob der Portemonnaiefiandpunkt der Krauler und Junker die Gesetzgebung beherrschen. Die Entscheidung kann nicht schwer fallen. An«nsrr» Jugenögenassinnen und-genoffe« appellieren wie, sich in bekannter und bewährter Weise der Sozialdemokratischen Partei zrr Wahlarbeil zur Verfügung zu stellen. Die Sozialistische Arbeiterjugend hat die Pflicht, in der Wahlschlacht der Arbeiterbewegung die begeistertste und arbeitssreudigste Truppe zu stellen. Sie hat mit dabei zu sein, wen« es zu kämpfen gilt für den Schutz der Arbeit, gegen die sozial« Reaktion für die Demokratie, gegen den Faschismus sur de« Sozialismus, gegen den Kapitalismus Dz? HzmpwgrstmzK öt-s VerbtmöeS Ks« SoMsiftifchsn ArbeiteeMgeaK Deuifchlattös! Fliege, roter Strofetn jagen, Menschen keuchen, weg»nv Not sind eng gesellt. lärm will!ust und Spiel verscheuchen Und das ist nicht unsre Welt. Zugcnd wandert, wo auf Schwingen !ied der bunten Vögel eilt. Jugend will das Glück erringen, Oos in blauen Fernen weilt. Fliege, roter Falke, fliege In den weiten hellen Tag. hoch in reinen Lüften wiege, was auf Steinen wartend lag. Jährt nach Kopenhagen. Berliner zum skandinavischen Zugendtag. Mit einem kräftigen„Freundschaft" und Heller Begeisterung verließen am Donnerstag, dem 10. Juli, 180 Berliner Jungens und Mädels die graue Halle des Stetliner Bahnhofs. Es ging zum skandinavische n Jugendtag in Kopenhagen. Der Zug trug uns durch Mecklenburg, vorbei an Kiesernwälder und weiten Wiesen. In Rostock wurden wir von den Jugendgenossca herzlich empfangen. Mit Musik zogen wir ins Quartier. Am Freilagniorgen hallten die alten Straßen Rostocks wider von unseren Kampsgesängcn. Wir gingen an Bord. Der„Kroß- herzog von Mecklenburg", der uns über die Ostsee tragen sollte, wurde mit kritischen Blicken betrachtet. Der Flachs blühte:«Der reinste Sprcedampfer",„Da schlagen ja die Wellen in den Schorn- stein" usw. Die Rostocker hatten einen anderen Namen für dieses Schiff aus der Wikingerzeit. Sie nannten es die„K____ schaukel". Der allergrößte Teil der Berliner waren natürlich alte, er- fahren« Seeleute(Müggelsee). Hinter Warnemünde wurde uns allen aber so ganz anders. Windstärke S, aufgewühlte», wild- bewegtes Wasser. Weiße Wogenkämme. Ein herrlicher Anblick. Doch die Freude dauerte nicht lange. Nach einer Viertelstunde Fahrt ließ der erst« seinen Kopf in See über die Reling hängen. Der Magen rebellierte gegen die allen Kleichgewichtsgeseßen höhn- sprechenden Bewegungen des„Großherzog»". Wir alten Berliner Seebären wurden alle seekrank. Schwankende, müde Gestalten, mit gelblich-grünen Gesichtern, hingen über die„Klagemauer von Jerusalem". Vom Sonnendeck kam der schrille Ruf:„Platz, die Falken k..en!" Wir drückten uns schnell beiseite. Unglück, nimm deinen Laus! Es ging alles vorüber. Der Kapitän hatte Mitleid und ging unter den Windschutz des Landes. Die Wogen glätteten sich, auch die Menschen wurden rbhigcr. Stolze.Segler und Dampfer zogen an uns vorüber und wurden zu Dutzenden geknipst. Das Segelschiff ist noch lang« nicht gestorben. Kopenhagen in Sicht? Links grüßten die Kreidefelsen der Insel Moen. Nach neun Stunden Seefahrt kam Kopenhagen in Sicht. Alle roten Fahnen wurden herausgesteckt. Von einem Fort grüßt« uns als erster ein dänischer Mairvse. In militärischer Haltung bezeugte er den roten Fahnen des Proletariats den Ehrengruß. Vom User klang es auf„Freundschaft":„Kampklä" zurück. Der Empfang auf dänischem Boden war ruhiger als in Wien/ wir waren sa auch im Nordland. Das Stadtbild Kopenhagens war von den blauen Hemden der roten Jugend belebt. In großen Scharen zog die sozialistische Jugend Nordeuropas zur Begrüßungsfeier im großen Rathaus» saal. Die Fahnen aller beteiligten Nationen grüßten von den Wänden. Kopf an Kopf war der weite Raum gefüllt und immer neu« Scharen ziehen ein. Musik ertönt. Ein gemeinsames Lied in fünf verschiedenen Sprachen. Es folgten Ansprachen. Auf Dänisch und Deutsch wurden die Teilnehmer willkommen geheißen. Kampfgeist und internationales Zusammengehörigkeitsgesühl sprach aus allen Reden. Wir sehen ipu unter sachkundiger Führung die Stadt an. Eingehend besichtigen wir die Jugendtagsausstellung im Technolo- gischcn Institut. Zwei große rote Transparente zierten den Ein- gang dieses wuchtigen Backsteinbaues. Die Ausstellung war in einer weiten Halle untergebracht. Der Blick des Beschauers wurde durch ein großes, in der Mitte der Halle aufgebautes Monument festgehalten. Auf deni im Blute des Weltkrieges erstickten Europa baut sich neu und stark die Internationale der ganzen Menschheit aus. Auf dem Kegel, der die Internationale darstellt, weht die Fallce, fliege! Urberall sind auch die Sorgen, vieler Menschen Kummer wacht, Doch wir künden weg und Morgen Jeder dunklen Grdcnnacht. Laßt die stillen Straßen singen, weckt und ruft, was trauernd rnbt. Bus den jungen Funken springen Feuer in die alte Glut. Kehre, roter Salke, kehre In die graue Stadt zurück. viele Brüder warten. Lehre Brüder deines Manderns Glück. Franz kothenjelder. rot« Fahne. Der Boden Europas, durchsetzt mit dem Blut der Millionen Toten, ist mit Flugschriften, Broschüren, Büchern und Bildern, mit all dem literarischen und agitatorischen Schund bedeckt, mit dem die Jugend aller Nationen vergiftet und zu Menschen- mördern erzogen wurde. Alles Kricgsspielzcug: Zinnsoldaten, Kanonen, Tanks, Revolver, war zusammengetragen. Das Ganze war eine wuchnge Anklage gegen den Krieg. Was ist ein Kronprinz wert? Zwei Wände der Galerie waren dem Gegner gewidmet.„W a s ist ein Kronprinz wert?" So fragte das ein« Bild. Er ist genau soviel wert, wie 132 Handwerkslchrlinge! Denn er bc- kommt 48 tM Kronen jährlich, genau soviel wie 132 Lehrling« verdienen. Eine große Waage stand im Gleichgewicht, rechts der Kronprinz und links die Lehrlinge. Das andere Bild glossierte die Arbeit der christlichen und königstreuen Jugcndvcrbände, den ein- zigcn Gegnern der dänischen Arbeiterjugend. Einen kommunisti- fchcn Jugendver'oand gibt es nicht. Die kommunistische Partei er- hielt bei den letzten Reichstagswalssen in Dänemark gegen 3000 Stimmen. Große Tascln und Statistiken zeigten den Ausbau und die Entwicklung des dänischen Iugendvcrbandes. Dänemark hat 3,5 Will. Einwohner: die Arbeiterjugend hat über 12 000 Mi gliedcr. Das sind deutliche Zahlen. Andere Tafeln gaben über die sozialen Verhältnisse in Kopenhagen Ausschluß. Die dänische Hauptstadt hat 750 000 Einwohner. Der Verlehr, Gas-, Wasser- und ElektrizitäcS- Versorgung sind in kommunaler Verwaltung. Der Ratsnhrcr- verkehr ist sehr stark. 300 000„Cykles" bevölkern die Straßen. Große Parkanlagen und breite Straßen verschönern das Stadt- bild. Der Wohnungsbau wird stark gefördert. Kinder- und Alters- Heime schützen vor bitterster Not. Eine Schwimmhalle ist im Bau. Der Schulbesuch ist unentgeltlich. Es gibt 65 Volksschulen, eine Wehrschulc und vier Gymnasien. Die Ausgaben für das Schulwesen betragen jährlich 20 Mill. Kronen. Die Zahl der Schüler betrögt 60 000. Die Verwaltung der Stadt hat seit 1920 «ine sichere rote Mehrheit. Von 37 Mitgliedern des Bürgcrrates sind 25 Sozialdemokraten. In Dünemark gibt es 63 sozialdemokratische Tageszeitungen, davon find über die Hülste Kopsbläiter. Die Arbeiterschaft ist fast restlos gewerkschaftlich organisiert. Der durchschnittliche Stunden- lohn beträgt sür gelernte Slrbeiter 1,52 Kronen und sür Ungelernte 1,27 Kronen. Der Lebensstandard ist bedeutend höher als bei uns. Wir fuhren durch den Hafen. Unter einer Klappbrücke hin- durch ging es an Speichern und Magazinen und an Schiffen aller Arten, aller Größenverhältnisse und vieler Nationen vorüber. Von überall erklang die Erwiderung unseres„Freundschaft" zurück. Die Besichtigung des dänischen Reichstages beschloß die Führungen. Durch weite Hallen und Aufgänge, durch Sitzungssäle wurden wir gesührt. Die Regierung ist sozialdemokratisch. Ge- nosse Stauning ist Ministerpräsident. In der zweiten Kammer gehören von 149 Abgeordneten 60 der Sozialdemokratie an. Eine internationale Jugendfeier. Im„Forum", eine große, weite Halle, die ungezählten Massen Raum gibt, war am Sonnabend«ine Iugendseier. Ein musika- tische? Potpourri„Arbeirerjugendliedcr" bildete die Einleitung. Ee- meinsame Lieder wurden von Zlnsprachcu und Rezitationen ab» gelöst. Es sprachen von den internationalen Gästen Erich Ollen« Hauer(Berlin), Felix Könitz(Wien) und Koos Vorrink(Holland). Der Höhepunkt dieser Feier mar ein Sprechchor der Hamburger unter der Leitung von Adosf Iohanneisou. Sprache und Bc» wegung waren meisterhaft zu einem ausdrucksvollen Werk zu- sammengeschweißt. Wahre Beifallsstürme belohnten die Hamburger Jugendgenossen. Der Feier schloß sich ein Fackelzug an. Rote Fahnen vorn, dann marschierten die deutschen Teilnehmer auf. Es folgten die Schweden und die Dänen. Der Fackelzug war ein hin- reißendes Schauspiel, wie es die Kopeichagener Bevölkerung noch Meer und Himmel lieh euch Farben, Strom und Berg sind euer Kleid. Streift und werbt um goldne Garben, Freunde, die ihr Boten seid. Und ihr tragt des kühnen roten Falken Bild im heitern Blau, Und ihr seid der Freiheit Boten kluf des Lebens schönster klu. Steige, roter Falke, steige, Deiner Sehnen Mut gestrafst. Hebe dich empor und zeige Junger Flügel Schwung und Kraft. nie gesehen hat. Massen marschierten mit der Jugend, Kamps- lieder llangen in die Nacht hinaus. Der Widerschein der Fackein leuchtet« aus dem Wasser, an dein wir en.lang zogen. Ein unvergeßlicher Anblick. Der Sonntag fand uns schon früh auf den Beinen. Wir sahen uns das Rathaus an. Es ist ein Riesenbau voller Kunstschälze und Schönheiten. Der Bau hat über Kitt) Zimmer. Ein herrlicher Rundblick von dem 1t)K Meter hohen Rathausturm ließ unser Auge weit über die Insel Seeland streisen. Nachdem wir die Taub.n im Ralhausgane» gefüttert hatten, gingen wir zu unserer eigenen Abfütterung über. Wir mußten immer wieder feststellen, daß der Dane gut und viel ißt. Durch die Seeluft wird der Appetit immer angeregt Ein besonderes Kapitel waren die„Smörebrods"(ge- schmierte Brote). Es gab manchmal bümmc Gesichter, wenn man gemischtes Gemüse, Pellkartosfeln, Gurkensalat oder saure Gurken auf dem Brot fand. Aber geschmeckt hat's immer. In„Sölidermarken*. einem großen Park, war am Sonntag- nachmittag eine politische Kundgebung. Es dauerte mehrere Stunden, bis die letzten Züge aufmarschiert waren. In einer Talmulde stand die Bühne. Ein herrliches Naturtheater! Ministerpräsident Genosse Stauning redete, vor Beifallsstürmen und Freundschaftsrusen empfangen. Während seiner Rede ging ein Platzregen nieder. Die Massen aber standen. Niemand verließ seinen Platz. In Ruhe und Disziplin wurden Reichlich viel Reden angehört, lins Berlinern wurde es beinahe zu bunt. Der Vorsitzende der Sozialistischen Jngend-Jnlernationale, Genosse Karl' Meinz(Wien) schloß den Reigen der Reden mit einem degeisien aufgenommenen„Freundschaft!" Ein genußreicher Abschied. Am Abend gingen wir mit unseren Ouartierellern in den Tivoligarten.(Der„Prater* in Wien, der„Lunapark" in Berlin Geist gegen Faust. Nicht mit dem Rüstzeug der Varbaren...! Nach außen hin herrscht in unserem politisch-ösfentlichen Leben der Klamauk. Straßenecken und Kneipen sind die Stätten politischer Auseinaudersetzirngen. Ihre Mittel sind Stahlruten, Schlagringe, Dolche, Revolver und Maschinenpistolen. Ihr Leitsatz ist: Willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein! Das ist wortwörtlich zu nehmen. Fast täglich bringen Zeitungs- Meldungen über nächtliche Schlägereien zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten traurige Beweise dafür. Menschen werden zu Krüppeln oder totgeschlagen, die Täter werden zu schweren Ge- sängnisstrasen verurteilt— und alles unier der Firma: Eroberung der politischen Macht. Das schmerzlichste an diesem politisch vcr- kleideten Rowdytum— denn nichts anderes ist es— ist die Tatsache, daß seine Träger allermeist Menschen in jungen Jahren, osi sogar ausgesprochene Jugendliche sind. Für diese Verrohung des politischen Kampfes— der notwendig und, in anständiger Weise ausgetragen, auch förderlich ist— wollen wir nur zwei Ursachen andeuten: die trostlose.wirtschastliche nnd die unsichere politische Lage. Drei Millionen Erwerbslose, zum Teil ausgesteuert und Krisenunterstiitzte, und, soweit sie unter LI Jahren sind, sogar auch ohne dieses Gnadenbrot, und alle mit sehr geringsügigen Aussichten auf Arbeitsmöglichkeit. Wir brauchen diese Armee geplagter Menschen nur zu erwähnen, um die Notlage, die in weitesten Slrbeiterkreisen seit langem und wachsend herrscht, vor Augen zu haben. Nennen wir noch dazu einige der Untaten der Bürgerblockregi�rung Brüning: Steigung der wichtigsten Lebens- mittelpreise durch unerhörte Agrarzölle und Abbau der Löhne und Gehälter(siehe Verbindlichkeitserklärung des Schiedsspruchs von Oeynhausen durch den Arbeitsminister Stegerwald)— und wir haben den Boden skizziert, auf dem der politische Klamauk seine Gistblüten treiben und sich immer mehr ausdehnen kann. Mit diesen Feststellungen sollen die Taten des politischen Rowdytums nicht entschuldigt, sondern nur teilweise erklärt werden. Wir klagen an eine Wirtschaftsordnung, die trotz entwickeltster Technik und zentralisierter Organisation nicht imstande ist, alle Menschen menschenwürdig zu ernähren, zu kleiden und wohnen zu lasDn. Wir klagen an eine Reichsregierung, die ihre tymptausgabe sah in der Rettung der Landwirtschait und in der Abtragung der öffentlichen Lasten auf Kosten der Hilfsbedürftigen. Wir klagen aber am lautesten an jene Hetzer, die die Notlage der Massen ausnutzen zur Durchführung ihrer zweifelhasten, romantischen und manchmal sogar verrückten Ideen mit allen— und immer am wenigen geistigen— Mitteln. Wir rufen den Fluch aller Opfer des politischen Rowdytums auf die Häupter aller jener, denen ein recht weites Gewissen ein-sanstes Ruhekissen ist, für die Leichen nichts mehr bedeuten als eine agitatorische Chance. National- sozialisten und Kommunisten tragen hier gleich hohe Blutschuld. sind ungefähr dasselbe.) Wasserkünste, Beleuchtungseffekte und vor allen Dingen die Konzert- und Musikhällen sind allseitig beliebt. Die Achterbahn ist sehr zahm. Ein Feuerwerk versammelte alle Besucher und Punkt 12 Uhr wurde der Garten geschlossen. Zum letzten Male zogen wir am Montag durch Kopenhagen. Am Morgen säuberten wir uns im Seebad„Helgoland". Dort ging es sehr seltsam zu. Familienbad gibt es nur im Sportbeckeni bei völlig bekleidetem Oberkörper. Ein Genosse wollte dort ohu« bekleideten Oberkörper baden: das kostete ihm LK Kronen! Der bittere Kelch ging aber vorüber. Er wurde amnestiert. An der langen Linie entlang zogen wir in die Stadt zurück, vorbei an der Seejungfrau auf einem Stein(eine Bronzefigur). Wir sahen die dänischen Kriegsschiffe zurückkehren. Ein Schiff immer im Kiel- wasser des anderen. Zwei Kreuzer, vier Torpedobootszerstöre? und fünf U-Boote, das ist die ganze Flotte. Wir kamen zur Marmorkirche. Sie ist 80 Meter hoch und bietet einen schönen Rundblick über die Stadl und Hasen. Von dort ging es zur Genossenschaftsmolkerei„Einigkeit*. Das wa? unsere legte Etappe(und nicht die schlechteste). Diese Molkerei ist eine der größten und modernsten von Europa. 302 000 Liter Milch werden täglich abgesetzt. Außerdem werden noch Sahne, Käse und Butter hergestellt. Wir sahen hier den modernsten SIerilisations- apparat der Welt. Der Abschied verlief sehr genußreich. Eiskalte Milch wurde uns gereicht. Dankbar verließen wir dies« gastliche Stätte. Nun noch einmal mit unseren Ouartiergebern Mittagessen eingenommen und dann nahte der Abschied. Unser Dampfer log »och am Kai und wir wurden wieder verfrachtet: Richtung Berlin. Di« Rücksahrt verlief sehr ruhig. Jeder schlief aus jedem rnög« lichen Platz. U eberall lagen unsere Falten und schnarchten. Um vieles bereichert fuhren wir von Rostock per Bahn nach Berlin zurück. An den Kopenhagener Jugendtag werden wir lange zurück- denken.' Ernst; Holtmann, Neukölln. Der Nationalsozialismus hat sehr viel mit Reaktion, Nationalismus, Militarismus i» ihren schlimmsten Formen, obe» nichts, aber auch rein gar nichts mit Sozialismus zu tun; das ließ« sich an Dutzenden von Beispielen nachweisen. Von dem Führer de? Femeorganisation Eonjul, Kapitänleutnant Ehrhardt, ist unwider» sprachen erklärt worden, daß der Naziführer Ad als Hitler den Rationalismus als das Primär«(als das wichtigste) und den Sozialismus als das Sekundär«(als das nebensächliche), als d!« agitatorische Verbrämung der nationalsozialistischen Bewegung an- sieht. Und mögen sich die Nazizeitungen und-redner auch manchmal überschlagen in ihren Phrasen gegen Bürgertum und Finanzkapital — die Tatsache können sie nicht aus der Welt brüllen, daß ihr« Tätigkeit gegen die Arbeiterbewegung und für den Kapitalismus ist, daß sich der Hauptstoß der deutschen Faschisten gegen die sozialistischen Arbeiterorganisationen richtet. In solcher Situation und vor einein sicherlich sehr heißen Wahlkamps müssen wir uns die Frage vorlegen: Was kann oder muh die sozialistische Jugendorganisation gegen die faschistische Gesahr tun? Denn von einer solchen mutz gesprochen werden, wenn es uns auch scheint, als wenn hier und da die bis vor kurzem allgemein geübte llnterbewertung der national« sozialistischen Treibereien in eine Ueberbewertung umgeschlagen ist. Bedenken wir doch immer das eine, daß unser Todfeind der Kapitalismus ist und daß der Nationalsozialismus nur eine be- sondere aggressive Form des kapitalistischen Kampfes gegen uns ist, das heißt, daß wir selbstverständlich den Nationalsozialismus be» tänipfen, daß wir aber auch noch Kräfte übrig lassen müssen für deiB vielseitigen und wichtigeren Kamps an der Hauptfront des Klassen« kampfes, deren Titel lautet: Kapitalismus gegen Sozialisinus. Die Bekämpfung des Nationalsozialismus kann niir die Aufgabe der gesamten Arbeiterbewegung sein. Di« Führung dieses Kampfes liegt hier— wie bei allen politischen Auseinander» setzungen— bei der Partei. Auf Grund der in Lüneburg be« schlossenen Richtlinien für politische Erziehung gilt dieser selbsh- verständliche Grundsatz auch für die Sozialistische Arbeiterjugend. Die Nutzanwendung daraus ist, daß sich die Sozialistische Arbeiter» jugend beim Kampf gegen den Nationalsozialismus der Führung der Partei einordnet, daß sie von.eigenen Aktionen absehen muß; gerade mit Rücksicht auf seine möglichst tiefe Wirkung. Hierin darf sich die Arbeiterjugend auch nicht beirren lassen beispielsweise von den Schimpfereien der Jungkommunisten über ihre Parteitreue. Sie haben nicht das geringst« Recht dazu, weil nach ihrem Programin der Kommunistische Jugendverband nichts und das Exekutivkomitee der Komintern alles zu bestimmen hat. Die Bekämpsung des Nationalismus kann von uns nicht mit denselben Mitteln geschehen, wie sie die Hitlerjchen Sturm« ableilungen(SA.) gegen uns gebrauchen. Die sozialistische Be- wegung hat immer ihren Stolz darin gesetzt, ihre Gegner zu einer geistigen Auseinandersetzung zu zwingen, auch in den allerschliminsten Zeiten der Verfolgiingen und Ilnterdrückuiig ■faajifllificngetis) ist von diesem Grundsatz nicht abgewichen worden. Das bedeutet natürlich nicht, daß wir uns gegen tätliche Angriff« nicht zur Wehr setzen. Ader organisierte Vorbereitungen auf Hand- greisliche Auseinandersetzungen lehnen wir ab. Wir wehren uns gegen den Faschismus: wir wollen uns gegen ihn nicht nur oer- teid'igen. sondern wir wollen ihn angreifen da, wo er am empfindlichsten ist: aus dem Gebiet der geistigen Auseinander- setzung, der geistigen Aufklärung der Arbeitermassen. Unsere beste Wehr fft unser Glaube an die Sieghastigkeit unserer sozialistischen Idee und eine breite, aber trotzdem gründliche Erziehungs- und Schnlungsorbeit an der arbeitenden Jugend. Das ist schwerer als das Dreiirschlagen mit Schlagringen, aber es ist auf die Dauer gesehen wirkungsvoller. Vergessen wir das auch nicht im kommenden Wahlkampf. Helfen wir mit daran, daß die gefftig« Zluseinander- setzung. das Tuchen nach gangbaren Wegen aus unserer Kotlage tiber die Prügeleien und das Aufstellen von radikalen Patent- rezepten ohne jede Aussichr ans Verwirklichung siegen werden. G. W. Die nationalsozialistische Phraseologie. In der Führerzeidschrist der Hitler-Jugend„Die junge Front" wird wioder einmal mit starken Worten der Versuch unternonrmen, der» Nationalismus so etwas wie eure sozialistische Kegrlinduug zu gebe«. In einem Artikel unter der Ueberschrift„Weg und Auf- gäbe des jungen Sozialismus" wird u. a. geschrieben: „Der j ab rzeh nielange fenupf des deutschem Arbeiterz um Frei- heit und Brot ist die tiefste Schmach, die das Bürgertum dem Volke zufügte. Jene aus dem Geiste deutscher Menschen geborenen Selbst- yilfeorIauisationen der Arbeiter, die nwr eine Rotwehr gegen den Händiergeist und Unternehmermaterialismus so manches deutschen .Mruders" waren, lieferte das durch„Bildung", Unabhängigkeit und nationales Verantwortungsgefühl zur Führung beauftragte deutsche Bürgertum an jene wildgewordenen bürgerlichen Literaten und jüdischen Intellektuellen aus und überließ die Angelegenheit des Volkes jenen marxistischen Füllern und legte damit den Grundstein jener Mauer, die sich heute zwischen deutschen Volksgen assen aus- richtet. Die Front des deutschen Proletariats, die kein Krieg, keine Republik zusammenschweißte, ist und bleibt die Voraussetzung utrseres Freiheüskampfes. Endgültig muß der Fluch des unseligen Brüderkampfes getilgt und das Bürgertum niedergezwungen werden, nachdem es jedes Recht auf Führung verspielt hat." Diese klingenden Reden in miserablem Deudich werben nur die politiichen Säuglinge glauben machen können, daß es dem National- sozial isrnus wirklich ernst ist mit seinem Kamps für die Arbeiterjugend. Seine enge Verbindung mit dem kapitalkräftigen Bürger- tum, seine mationalistisch-reaktionäre Einstellung, ht zu oft bewiesen. Kein denkender Mensch wird diese Phrasen für bare Münze nelfmeu. Das Wahlrecht der Lugend. Wir wissen aus der Vergang«iil>e>t, mit welchem Aufwand in Wort und schritt die rechtssteheudeu Parteien gegen die Forderung der Sozialdemokratie gekämpft haben, neben dem Frauenwahlrecht auch das Wahlrecht der Jugend bis zu M Jahren einzuführe». Es wurde behauptet, der junge Mensch sei in diesem Atter zu unreif, um politisch selbständig denken zu können, ja, die Sozialdemokrnti« verfolge mit falcher Forderu.ui nur das Liel, die Jugend zu ver- Hetzen und für ihre Zwecke dienstbar zu machen. Als in der neuen Reichsoerfaisung jeder Staatsbürger vom 20. Lebensjahrs ab das Wahlrecht erhielt, agüierte die Reaktion nur noch zum Schein dagegen. In Wirklichkeit begann sie eine bei- tpiellose Verhetzung der deutschen Jugend. Stahlhelm, Werwolf und Iungdo betrieben diese Arbeit in erster Linie. Selbst der Bestand de» Staates war ihnen keinen Pfifferling wert. Was man in dema- geglicher Weise den Sozialisten voruxirf. betrieb man selbst in emer Weife, die so recht die Charakterlosigkeit reaktionärer Politik zeigt, der j e d e s Mittel zur Erreichung ihrer Ziele reckst ist. Die Sozialdemokratie erkämpfte aus rein ideellen Motiven dem jungen Menschen seine politischen Rechie. In anderen Ländern beginnt die staatsbürgerliche Erziehung bedeutend früher als bei nus. Wenn es auch falsch ist, wenn man die Jugend mit all dein Wust politischer Phrasen vollpfropft, so ist es doch ei» erstrebenswertes Ziel aller förtschriltlich Denkenden, in viel uuisasfenderer Weise als bisher den heranwachsenden Menschen mit dem Wesen politischer Arbeit in zweckdienlicher Weste vertraut zu machen. lind da fft die voll der Sozialdemokratie proklamierte und nunmehr durchgesetzte Wahl- berechtigung auch der Jugendliche» vom ZO. Lebensjahre ab ein ge- wattiger Fortschritt. Er bedingt, daß das Interesse dieser Jugend- lichen an poiirisch.en Dingen ein viel stärkeres wird. Glaube keiner. daß der junge Mann oder das junge Mädel bei der Abgabe ihrer Stimme rein gefühlsmäßig handeln. An Versuchen der Beeiuslustuna von allen Seiten fehlt es nicht, und wenn auch wirtlich manch armes Dienitmädel uMer dem Terror ihrer ,F)errslbast'" deiltschnatiaual wähli, so bestäligt das ja nur die Noiwendigkeit viel stärkerer poli- tischer.Lusklänufg der Jugend. Die Rechtsparteien sind Gegner jedes Wahlrechts, das ihnen keinen St:mn:evzllwachs bringt. Wir Sozialisten stehen heute wie ehemals zum Frauenwahlrecht. obwohl die Statistik beweist, dag wir dadurch hie und da Nachreil, unsere Gegner den Vorteil davon haben. Aber um der Ueber, zeugung willen halten wir an unseren Idealen fest. So war's auch beim Jugendwahlrecht. Wenn w-r auch in unseren Reihen die Jugend zeitweise stark oermißten, be- stüligen uns doch heute die Tatjachen, daß hier ein« Wendung er»- getreten ist. Innerhalb der Partei macht sich eine starke Zunahm« der jugendlichen Genossen bemerkbar. Außerhalb zeigt der radikale Mitgliederschwund der sogenannten„vaterländiichen" Verbände, daß bei der Jugend eine Gesundung der Ansichten Platz greift. Als bei den Wahlen in Hamburg und Brmmschweig die Reaktionäre eine jo große Pleite erlitten, war ihr größter Kummer, daß„ihre Hoffnung auf die Jugend" nickst in Erfüllung gegangen war. Lügen haben kurze Beine! Und daß Verleumdung noch immer an sich selbst zugrunde geht, beweisen uns das tägliche Leben und auch die Geschichte. Mit welch unsauberen Mitteln hat der Rechts- radikalismus gearbeitet, um die Jugend m seine Verbände zu be- kommen: wieviel Lügen gebraucht man, um die letzten Enttäuschten noch zu halten— einmal umß dies Kartenhaus zusammenbrechen! Arbeiten wir mit Takt und etwas psychologischem Verständnis. um die große Masse dieser Enttäuschten und Indifferenten in unsere Reihen zu bekommen, in die Partei der vorwärts drängenden Menschheit. Ist doch unser Endziel weniger dem heutigen als dem werdenden Geschlecht gewiß. Wir haben alle Verantassung, den diesjährigen großen Wahlen in freudiger Erwartung entgegenzusehen. Tragen wir bei der bald einsetzenden Wahlarbeit der geistigen Ein- stellüng der heutigen Jugend Rechnung, die nicht nur in ihren Pslich« ten, sonder» auch in ihren Recksten gleichberechtigt sein will. Die reaktionäre Weltanschauung kann nie aus die Dauer Sache einer neuen Generation sein, sie stellt sich gern und freudig an die Seife derer, die für eine neue Welt- und Wirtschalfsordinmg auf den Erdball kämpsen— für den Sozialismus! W. T we«r. Die Toten des Krieges. Ilm einen Begriff davon zu geben, welch furchtbare Beute an Menichenlebeu der Krieg forderte, sei hier eine Zusammenstellung der Gesamtziffer gegeben, soweit die Zahlen bis heute feststehen. Das deutsche Heer verlor während des Krieges insgesamt 1 822 535 Tote. Zu diesen kommen noch rund 4 278 ODO Verwundete, so daß die blutigen Verlust« zusammen 6 Millionen übersteigen. Frank- reich verlor rund 1,25 Millionen Tote, ohne Kolonien, England ein- schließlich seiner Dominions 1,6 Millionen. Die Zahl der gefallenen Russen wird niemals auch nur annähernd ermittelt werden. Man greift flicht zu hoch, wenn man sie mit tz Millionen einsetzt. Hüben und drüben, auf allen Kriegeschanplatzen, zu Lande und zu Waffer, sind insgesamt schätzungsweise 11 Millionen Menschen den Soldatentod gestorben, während 6g Millionen unter den Waffen standen. Mit anderen Worten ist rund jeder sechste Soldat draußen geblieben. Nimmt man aber nur die Zahl der in der Front gewesenen Soldaten als Grundlage, so ist schätzungsweisi' jeder dritte Mann der seindlichen Einwirkung erlegen. Mit zwei Millionen Soldaten zog Deutschland 1914 ins Feld. Fest ebensoviel kehrten nicht wieder heim. Di? Gesamtzahl der blutigen Verluste übersteigt die Gesamtzatfl der bei Kriegsbeginn vorhandenen Soldaten um das Dreifache. Man mag schätzen, daß am Enfce des Krieges vielleicht iföch ein Zehntel jener Soldaten unverwundet lebte»der kämpfte, die im August 1614 hinauszogen.