Mend-Vorwarls ».1 Beilage zum Vorwärts 29. Lanuar i95l Wir siegen durch dieIugend Aufruf zur Zugendagitation/ von K&ri Kautsky Die Agitation unter den jugendlichen Arbei- �t e r n war seit jeher von gröyter Bedeutung für den Befreiung?- kämpf d«? Proletariats. Doch ist sie niemals so wichtig, aber auch so schwierig geworden wie in der letzten Zeit. Seitdem die Bourgeoisie ausgehört hat, revolutionär zu sein, gab es bis zum Weltkrieg und den ihm folgenden Revolutionen nur noch eine einzige Partei in der kapitalistischen Gesellschaft, die sich hohe Ziele setzte, wie sie die Jugend begeistern und zu Taten drängen, das war die Sozialdemokratie. Ein Arbeiter, der zu politischem Interesse erwacht war, konnte damals gar nicht anders, als Sozialdemokrat werden. Der Agitation unter den Äugenotichen fiel da vor allem die Ausgabe zu, ihr Interesse für politische Fragen zu erwecken. War das gelungen, dann stellten sich von selbst Feuereifer und Wissensdrang ein, die umer der Anleitung erfahrener Genossen leicht zu Klarheit und voller sozialistischer Erkenntnis führten. Seit d e in. Weltkrieg liegen die Dinge nicht mehr so einfach. Auf der «inen Seite brachte er in vielen Ländern eine Spaltung der Sozialdemokratie. Die dem Krieg folgenden Revolutionen vertieften oft die Spaltungen und ver- änderten andererseits in hohem Maße die Stellung der Soziali- ften im Staat. Ehedem waren die Sozial- Demokraten in den Militär- Monarchien die Umstürzler gewesen. Rur durch den Umsturz dieser Monarchien war die Demokratie erreichbar, die die 'Voraussetzung der vollen Befreiung der Arbeiterklasse ist. Nach dem Krieg« wurde die demokratische Republik erreicht, aber auch von ihrem Beginn an bedroht. Obwohl die neuen Repu- bliken noch nirgends Formen angcnoininen haben, die uns befrie- jzigen, so ist es doch zu einer der wichtigsten Aufgaben der Sozial- demokratie geworden, die neue Staatsforin vor den Monarchisten und Faschisten zu schützen, die danach trachten, sie.umzustürzen. Insofern fallen den Sozialdemokraten die Funktionen einer kon- servatioen Partei gegenüber manchen Umstürzlern zu. Aber auch ökonomisch hat die Revolution der Arbeiterschaft wichtige Errungenschaften gebracht: Urlaub, Achtstundentag, Be- triebsräte, Arbeitslosenversicherung, die e? gilt festzuhalten. Gleichzeitig ist durch die Revolution die Macht des Proletariats in Staat und Gesellschaft gewaltig gestiegen. Zwar noch nicht so weit, daß es allein die politische Macht im Staate ausüben könnte, aber doch so weit, daß es, wo die Verhältnisse ihm günstig sind, die Uebermacht der Gegner verhindern oder sie so spalten kann, daß es imstande ist, zusammen mit einer bürgerlichen Fraktion oder unter ihrer Duldung zu regieren. Doch auch in diesem günstigsten Fall gelangt die Sozialdemo- kratie nirgends dahin, an eine entschiedene Durchsetzung ihres Pro- gramm? zu gehen. Sie bleibt ihren großen Zielen treu, hängt»ach 'iric sich die'tlasls die Jlrbelltdletmlpfllriil denken wie vor mit gleicher Leidenschaft an ihnen, muß sich ober in der Praxis mit sehr kleinen Schritten und oft mit bloßer Abwehr ge- planter Verschlechterungen begnügen, was ihr manche Ae» antwortung für die bestehende Staatsordnung auflastet. Das ist ein Zustand, der sehr wenig befriedigt. Er wird noch fühlbar verschlimmert durch die Wirtschaftskrise, die grenzenloses Elend mit sich bringt. Das reizt alle zu wilder Empörung gegen den bestehenden Zu- stand, am meisten natürlich jene, die der Notstand zu wahnsinniger Verzweiflung treibt, vornehmlich aber auch die proletarisch« Jugend, die leidenschaftlich vorwärtsstürmen will. Ihre Opposition gegen die bestehende Gesell- schaftsordnung wird nun leicht zu einer Opposition gegen die Sozialdemokratie, wenn man die Bedingungen nicht erkennt. die sie zeitweise in die Defensive drängen, sie mit mancher Ver- ontwortuiig belasten und ihren Vormarsch hemmen. Dies« Situa- tion bereitet in der Jugend den Boden für eine hennnungslose Demagogie nationaler oder so- zialer Art, die nicht zur Be- sonnenheit mahnt, sondern die Phantasie entfesselt und ver- spricht, dem enthusiastischen Ta- tendrang vollst« Befriedigung zu schassen, der die Jugend stet« beseelt und den die Revolution von 1917 und 1918 mächtig an- gestachelt haben. Unter diesen Umständen genügt es nicht mehr wie vor dem Weltkrieg, dt» jugendlichen Arbeiter dem politischen Leben zuzuführen, um sie zu Soziaidemokraten zu inache». Heute heißt es, um die Seelen derjenigen Jugendlichen zu ringen, die bereits politisch interessiert sind. Heute muß man ihnen nicht bloß die Fluchwürdigkcit des Kapitalismus und Militarismus dar- legen, sondern auch die Verkehrtheit der Diltatur, die unter dem Vorgeben, den Weg zur vollen Befreiung ungeheuer abzukürzen, ihn tatsächlich völlig verschüttet, Man muß ihr zeigen, daß keine Diktatur helfen kann, die bloß eine Wiederbelebung des uralten Messiasglaubens, de» blinden Vertrauens zu einem Erlöser darstellt. Man muß zeigen, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann, die allein in der demokratischen Republik und nie in einer Diktatur zu jener vollständigen geistigen und organisatort- scheu Selbständigkeit gclairgcn können, ohne die jeder Sozialismu» unmöglich ist. Heute sozialdemokratische Agitation unter den Jugendlichen zu treiben, ist weit schwieriger, als es vor dem Weltkrieg war. Aber je größer die Schwierigkeit, um so größer der Gewinn, wenn es gelingt. Darauf muß unsere beste Kraft ton- zentriert werden, denn die Sozialdemokratie, die Partei des „Zukunftsstaates", kann nur siegen durch die Jugend, durch die Generation, die unser« Zukunft bildet. Erziehung z Die Erinnerung an die Schrecken des Weltkrieges schciict In unserem Volt nur noch sehr schwach zu sein. Die Opscr an Gut und Blut, die das vierjährige Völkermorden gefordert hat. geraten immer mehr in Vergessenheit. Für die Jugend ist der Weltkrieg, den sie iricht einmal in der 5)ungersront der Hciiuat miterlebte, nicht mehr, als ein historisch-heroisches Ereignis, wie es früher für die Jugend beispielsweise der 3i)jährige Krieg gewesen ist Durch die nationa- listische Propaganda wird neue Kriegsstimmung gerade unter den Jugendlichen eifrig geschürt. Für alle Friedensfreunde ist es höchste Zeit, sich stärker um die Erziehung der Jugend zum Friedens- godanken, zur Abscheu vor dem Völkermorden, zu bemühen. Um einen Begriff davon zu geben, welch furchtbare Beute an Menschenleben der Krieg sorderte, sei hier eine Zusammenstellung der Gcsanitzijser gegeben, soweit dl« Zahlen bis heute feststehen. Das deutsche Heer verlor während des Krieges Insgesamt l 822 55ö Tote. Zu diesen kommen noch rund 4 278 000 Verwundete, so daß die blutigen Verluste zusammen 6 Millionen übersteigen. Frankreich verlor rund 1,25 Millionen Tote, ohne Kolonien, England einschließlich seiner Dominions 1,S Millionen. Die Zahl der gefallenen Russen wird niemals auch nur annähernd ermittelt werden. Man greift nicht zu hoch, wenn man sie mit 8 Millionen einseht. Hüben und drüben, aus allen Kriegsschauplätzen', zu Lande und zu Wasser, sind schätzungsweise 1l Millionen Menschen den Soldaten- tod gestorben, während 69 Millionen unter den Waffen standen. Mit anderen Worten ist rund jeder sechste Soldat draußen geblieben Nimmt man aber nur die Zahl der in der Front gewesenen Soldaten als Grundlage, so ist schätzungsweise jeder dritte Mann der seind- lichen Einwirkung erlegen. Mit zwei Millionen Soldaten zog Deutschland 1914 ins Feld. Fast ebenso viele kehrten nicht wieder heim. Die Gesamtzahl der blutigen Verluste übersteigt die Gesamt- zahl der bei Kriegsbcginn vorhandenen Soldaten um das Dreifache. Man mag schätzen, daß am Ende des Krieges vielleicht noch ein Zehntel jener Soldaten'unverwundc: lebte oder kämpfte, die im August 1914 hinauszogen. Ose 7!o< jörSert den Völkerbah Die soziale Lage weite st er Jugendschichten ist der beste Nährboden für die von den Nationalsozialisten, den Deutsch- nationalen und den nationalistische» Wehrvcrbänden eifrig gestreute Saat neuen Völkerhasses. Die langwierige und tiefgreifende Wirtschaftskrise erscheint der Jugend als ein schier unüberwindlicher Felsblock, der ihren Lebensweg verbaut. Am Anfang ihres be- wußten Daseins fühlt sich die Jugend unter der Last der Erwerbs- kofigkeit betrogen um Lebensfreude, um Glück und'Aufstieg. Es ist begreiflich, daß sie nichts sehnlicher wünscht, als eine möglichst schnelle und möglichst radikale Acnderung des heutigen nieder- drückenden Zustandes. Die Jugend hofft, daß irgend etwas geschehen möge. Durch die saschistisch« und nationalistische Hetzpropaganda wird dieses„irgend etwas" in konkreter Vorstellung ein Revanche- feldzug gegen die Sieger im Weltkrieg. Die außenpolitische Lage erleichtert die Kriegsverhctzung der Jugend ebenfalls außerordentlich. Die Balkanisierung im Osten und Südosten Europas, die aus wirtschaftlichen Gründen unhaltbare Grenzziehung zwischen Deutschland und Polen, das gespannte Ver- hältnis zwischen diesen beiden Nachbarstaaten, die geringen Fortschritte der Abrüstungsbestrebungen, die Last der Reparationen, be- reiten der Kriegshetze williährig den Weg. Das saschiiiische Italien und das bolschewistische Rußland leisten dazu erschreckend viel aus dem Gebiet der organisierten kriegerischen Verstuchmig der Jugend. �aststistische un» bolschewistische Kriea"erz'e''una. In Italien ist die gesamte Jugenderziehung ausschließlich Sache des faschistischen Regimes. Ende Oktober 1930 zählte das jaschistifche Jugendwerk in den Allcrsklassen von 8 bis 18 Jahren 2072 000 eimgeschrieben« Mitglieder, darunter 700 000 Mädchen. Die Knaben von 8 bis 14 Jahren sind in 497 Legionen, der so- genannten Balila, die Jungmannen von 14 big 18 Jahren in 239 Legionen, der Aoanduardia, zusammengejaßt. Diesen Legionen sind über 33000 Millzossiziere, Instrukteure und Gruppcnsührer zu- geteilt. Im Jahre 1928 wurden in den militärischen Vorbereitungs- kursen über 220 000 Jugendliche unter 18 Jahren militärnch ausgebildet. 10 300 Jungmannen gehören dem Lustschutz an. Uniformen, Auszeichnungen und Beförderungen, Schießen und Fechten. Musik und Paraden, Manöver- und Fahrtenabenteucr ziehen die Jugend- lichen ganz in den Bann dieser großangelegten Erziehung zu Kriegs- begeisterung und Wasfenhandwert. Die Kriegserziehung der Jugend in der Sowjet- n n i o n ist womöglich noch umfassender als in Italien. Auch in Rußland gibt es nur eine staatliche Erziehung, nämlich die des um Frieden bolschewistischen Regimes. Es gibt nur eine Jugendorganisation in Ruhland, den Kommunistischen Jugendverband. Er zählt an die 3 Millionen Mitglieder. Auf seinem Verbandstag, der am 18. Ja- nuar in Moskau eröfsnet wurde, kam der hochgezüchtete kriegerische Geist in der russischen Jugend immer wieder zum Dörscheln. Ein Beispiel dasür. In der„Roten Fahne" vom 20. Januar wird über die Erössnungslagung u. a. das Folgende berichtet:„Der Verband nahm den Bericht des Genossen Muklcwirsch, des Koimnandierenden den Roten Flotte der UdSSR, entgegen. Hinter ihm standen be- wastnete rote Matrosen. Der Kommunistische Jugendoerband hat seit langem die Chesschast über die Rote Flotte. Die Rote Flotte erstattet Bericht über ihre Siege. Am 1. Mai 1931 wird ein von den Mitteln des KJL. gebautes Unterseeboot vom Stapel lausen. Die jungen Matrosen der Roten Flotte haben sich bei ihrer 2lus- landsfahrt mustergültig gehalten. Die Amurslotte Hai durch zwei kurze Vorstöße der chinesischen Flotte aus diesem Fluß ein Ende gemacht." Die koimnunistifche Presse bringt immer wieder aussührliche und begeisterte Berichte über militärische Uebungcn der russischen Jugend, und Bilder über ihre Ausrüstung mit dem modernsten Kriegsgerät. 'Oie Welt starrt W'ft, In anderen europäischen Ländern wird durch die bestehenden Heere die Kriegserzichung nicht minder eifrig betrieben. Das Heer Frankreichs hat eine Friedensstärke von 733 000 Mann, die mit 783 Batterien, 35300 Maschinengewehren und 2300 Tanks aus- gerüstet sind. Die Kriegsstärke des sranzösischen Heeres beträgt 4 500 00 Mann. In Polen sieben im Früden 260 831. Im Krieg 2 Millionen Mann unter den Wosfen, zu denen 439 Batterien. 9700 Maschinengewehre und 220 Tanks-gehören. Italien hat im Frieden 334 000 und im Kriegsfall 3 500 000 Soldaten: zur Ausrüstung gehören 523 Batterien, 4300 Maschinengewehre, 120 Tanks. Die größte Militärmacht ist Rußland. Sein Heer zählt im Frieden 1 050000 und im Krieg 6 Millionen Mann: die Bewajsnung zählt 1306 Batterien, 28300 Maschinengewehre, 220 Tanks. Eng- lands Söldnerheer zähl: im Frieden 140000 Mann mil 196 Bat- tcrien, 6400 Maschinengewehren, 330 Tanks: die Kriegsstärke des englischen Heeres wird mit 2 Millionen angegeben. Dazu kommet' die Seestreitkräfte. Im Mai 1928 hatten England 20, die Vereinigten Staaten 18, Japan 10, Frankreich 9, Italien 5 Groß- kampf schisse: Kreuzer hatten England 58, die Vereinigten Staaten 32, Japan 34, Frankreich 16, Italien 13: Torpedoboote und Torpedo- bootsjäger hatten England 180, die Vereinigten Staaten 293, Japan 94, Frankreich 83. Italien 124: Unterseeboote hatten Eng- land 36, die Vereinigten Staaten 120, Japan 63, Frankreich 60. Italien 42. Int Kriegsfall stehen Frankreich 2200, Italien 1300, England 1291, Rußland 1200, Polen 1000 Flugzeuge zur Verfügung. Geist-ae Abrüstuno ist not' In D e u l I ch l a n d haben wir durch die Terrorakte, die zum Verbot des Filmes„Im Westen nichts Neues" beitrugen und die ausnahmslos von Jugendlichen verübt wurden, ein Warnungszeichen erhallen über die Stärke der kriegerifchen Verhetzung der Jugend. In ähnlicher Richtung bewegt sich die eifrige Propaganda der Rational- soziaiisten für die Arbeitsdienfipflicht. Sie halten die Zeit für gc- kommen, da Tausende von Jugendlichen zu militärischem Drill und kriegerischen Kommandos bereit sind. Denn auf nichts anderes würde die Arbeitsdicnstpslicht hinauslausen Deutschland kann nicht technisch aufrüsten. Aber die Nationalisten aller Schal- l i e r u n g e n wollen die geistige Ausrüstung. Es ist eine Preissrage, was für die Gefährdung des Wellfriedens gejähr- licher ist, die lechnifche Aufrüstting oder die Aufrüstung der Geister. Alle Sozialisten und Friedensfreunde müssen begreifen, daß crlzöhts Aktivität in der Erziehung der Jugend zum Friedensgedanken ein dringendes Gebot der Stunde ist. Die Sozialistische Arbeiterjugend sieht die Erziehung der Jugend zur Völkerverständigung als eine ihrer Hauptaufgaben an. Sie kämpft an gegen jede Kriegsgefahr und gegen den Faschismus, der neues Völkermorden bedeutet. Sie kämpft ebenso sehr gegen den Bolschewismus, weil er die Hossnungen der Jugend aus einen neuen Weltkrieg setzt, aus dessen Blut und Asche der Sozialismus Phönix- artig rein und schön erstehen soll. Die Sozialistische Arbeiterjugend hat den Monat März zu einem Werbemonat' erklärt unter der Parole:„Gegen Faschismus und Wirtfchastsnot", die die größten Hemmnisse für eine Ausweitung der Front der Friedensanhänger sind. DieSoz iali st ische Arbeiterjugendwill keinen Krieg, s i e will Verständigung und Versöhnung der Menschen über alle Grenzschranken. Hierin sieht sie die wichtig st e Boraussetzung für die Erreichung des Sozialismus. Als Austauschschüler in Krankreich praktische Kriedensarbeit unter der Lugend Während der großen Ferien 1S30 war Ich zun» drute» Male als Austaujchschüler in Frankreich. Jel) trat meine Reise mit der Erwartung an, mir nach diesem Ausenchalt ein noch besseres Bild über Frankreich und französische Verhältnisse machen zu können, als nnr das bei meinen früheren Aufenthalten als Austauschschüler möglich gewesen ist. Es ist ja eine Erfahningstalsache, daß man nach jedem neuen Aufenthalt in einem fremden Lande Immer wieder neue Feststellungen machen und Vergleiche anstellen kann. In meinen Erwartungen bin ich nicht cirtläuschi worden. Die elementaren und äußerlichen Unterschiede zwischen dem fremden und dem eigenen Lande bemerkt jeder natürlich beim ersten Aufenthalt. Viele für das Volk und Land charakteristischen Eigenschaften aber sallen erst später in die Augen. Ich konnte meine Beobachtungen der Borjahre in interessanter Weise aussrischen und ergänzen. Daß ich zunächst in der gleichen liebenswürdigen und freundlichen Form ausgenommen wurde wie In den Vorjahren brauche ich kaum zu erwähnen. Ich wurde behandelt wie ein Sohn der Familie und kann nur Immer wieder betonen, daß ich weder in der Familie noch bei anderen Franzosen, mit denen ich zusammen gekoinme» bin, etwas von Deutschenhaß gemerkt habe. Allerdings niuß ich hier einsäge», daß uns unsere Nationalsozialisten im Ausland und besonders in Frankreich unendlich viel schaden, und daß> in allgemeinen die Stimmung gegen Deutschland gegenüber dem Vorjahre weit ungünstiger war. Ich habe dies durch das Lesen der großen Informationsblätter, die in Frankreich weil maßgebender sür die ässcntliche Meinung sind als in Deuljchland,. festgestellt. Bei jeder Unterhaltung fühlte ich, daß die sranzösischen Leute bedenklich sind, daß die Stimmung eine ganz andere war als z B. im Jahre lll29. Als die Unruhen Im Rheinland»ach dem Abzug der französischen Truppen ausbrachen, war das nalürlich besonders den chauvinistischen sranzösischen Blättern Wasser aus die Mühlen. In dieser Richtung wirkte aber besonders der Ausfall der letzte» Rcichstagswahle». Ich habe mich oft über die Frage der deutsch- sranzösischen Beziehungen unterhalten und erkannt, daß es noch unendliche Schwierigkeiten zu einer völligen Versöhnung dieser beiden große» Nationen gibt. Ich glaube aber, daß der primitive Völkerhaß stark überwunden ist und wir aus dem Wege der An- nähcrung und friedliche» gemeinsaincn Bearbeitung aller Probleme unaushaltsam vorwärts schreiten. Ich habe mich keinen sogenannten „pazisistischen Träumereien" hingegeben, aber ich habe alles dieses festgestellt und im besondere» auch, daß der Schülcraustausch, d. h. das gegenseitige Kennen- und V e r st e h e» l e r n c» von Vertretern der Jugend beider Nationen eines der b c st e n Mittel zur Erreichung des wirtlichen Friedens ist. Paris, wo ich die letzten beiden Jahre meine Ferien verbracht habe, war natürlich für mich in jeder Hinsicht äußerst interessant. Man kann allerdings in Paris, das ja schließlich eine internationale Großstadt ist, das typische französische Leben nichk so gut kennenlernen wie in einer Kleinstadt, wo ich meine erste» Ferien in Frankreich zugebracht habe. Die Sehenswürdigkeiten von Paris habe ill) mir gründlich be- guckt und dabei sestgestcllt, wie grundverschieden Paris und Berlin find. Paris, schon zur Zeit der Römer eine Metropole, und Berlin. vor ein paar hundert Jahren noch eine kleine Fischersladt, sind schon im äußeren Anblick verschieden. Sieht man sich de» Plan von Paris an, so sindet man, daß das Wachstum der Stadt ständig durch die Stadtmauer eingeschränkt war, und das wird durch das Straßen- bild auch bestätigt. Es gibt unendlich viele kleine enge winklige Straßen, die ganz willkürlich von den großen Boulevards durch- brache» werden. Diese Boulevards sind erst viel später gebaut worden, als mit dem steigenden Verkehr die Notwendigkeit großer Durchbruchstraße» immer dringender wurde. Berlin, das in seiner Ausdehnung nie irgendwie-beschränkt war, ist gegen Paris eine weil ausgedehnte modernere Stadt. Der junge Deutsche, der das erstemal in Frankreich ist, sich mit seinen sranzösischen Kameraden unterhält und eifrig umsieht, lernt sehr viel ganz Neuartiges kennen. Ich erfuhr z. B., daß in Frank- reich die höheren Schüler fast ausschließlich in Internaten leben und unterrichtet werden, daß sie vor- und nachmiitags Unterricht haben. daß sie ungefähr zweieinhalb Monate große Ferien haben, dafür aber so gut wie gar keine kleineren Ferien. Der Sport wird in den Schulen sehr vernachlässigt. Wenn man in Berlin durch die Straßen geht, sindet man an allen Ecken und Enden Sport- und Turnplätze. Die wird man in Paris vergeblich suchen. Ein Stadion, wie wir es in Berlin und in vielen anderen deutschen Großstädten haben, haben die Pariser nicht. In de« Schulen gibt es so gut wie gar keinen Turnunterricht. Seltsam mutete es mich an, als mir, da ich bei meinem ersten Aufenthalt der großen Hitze wegen ohne Jackett, also in Hemd und Hose gehen wollte, gesagt wurde, dos sei in Frankreich verpönt. Dies alles find natürlich nur einzelne charakteristische Eindrücke, die ich während nieines Ausenthalts ausgenommen habe. Hoffen wir, daß diese Art, die Jugend zweier Nationen einander näher zu bringen, ihre Früchte tragen möge. Ein Berliner Austouschschüler. Ana!phabetenium der Gowje«jugend. Sowjctrußland hat erst vor kurzem die Schulpslicht eingeführt und besitzt infolgedessen eine große Anzahl von Analphabeten. Du die Besettigung des Analphabeteittunis die Voraussetzung sür jede Kulturarbeit ist, bemühte sich die Sowjetregierung seit langem, die Zahl der Analphabeten zu reduzieren. Es galt die Parole: Keine Analphabeten im Lande der Sowsets zum 10. Jahrestage der Ottobcrrcvolution. Daß es nur bei der Porole blieb, zeigt die Tai- fache, daß noch jetzt allein im Alter von 11 bis 15 Jahren rund 2,5 Millionen Analphabeten vorhanden sind. Jetzt wird zum zweiten Male versucht, das Analphabetentum zu beseitigen. Am 1. Oktober 1030 wurde die vieriährig« Schulpslicht lGrundschulc) eingefühlt Ein großzügig angelegter Plan fleht die Ausbildung der 2 107 000 Analphabeten im Alter von 11 bis 15 Jahren vor. In ein- und zweijährigen Kursen soll ihnen Schreiben und Lesen beigebracht werden. Da genügend verfügbare Lehrkräiie nicht vorhanden sind, sollen neben den Lehrern der Grund- schulen auch Funktionäre der Kulstirorganisationen»nd besonders aktive Mitglieder des kommunistischen Jugendverbandcs herangezogen werden. Da im vorigen Jahr nur 93 000 jugendliche Analphabeten der betreffenden Altersstufen erfaßt werden konnten, würde die vor- gesehene Zahl eine gewaltige Steigerung der Auszubildenden be» deuten. Dieser phantastische Plan des Volkskommissariats für Volks- bildung stieß auf den Widerspruch der einzelnen Bezirksinstanzen dieses Volkskommissariats, die mit der traurigen Wirklichkeit näher in Berührung kommen. Sie machten einen Kompromißvorschlag, der aus die Verringerung der Zahl der auszubildenden jungen Analphabeten um rund ein Viertel hinauslief. M't Entrüstung stellt die„Prawda" fest, daß weder die Gewerkschaften, noch der tommu» nistische Jugendoerband oder die Kolletiivwirkschasten diesem Plan widersprochen haben. Dieser Fehler wurde wieder gutgemacht, indem von oben die ungeschmälerte Durchjührung des vorgesehenen Planes diktiert wurde. Wie dieser Plan ausgeführt wird, zeigt die Tntsache, daß am 10. November 1930 kaum 30 Proz. der In Frage kommenden jungen Analphabeten ersaßt waren. In einigen Bezirken lag der Prozentsatz noch niedriger. Di« unzureichende Durchführung S«r Schulpslicht und die Schwierigkeiten bei der Ausbildung der jungen Analphabeten schien der Witwe Lenins, K r u p s k o j a, ei» ge- nügend wichtiger Grund zu sein, um in den Spalten der„Prawda" dazu Stellung zu nehmen. Nach allgemeinen Aussührungcn über die Notwendigkeit einer allgemeinen Schulpflicht und darüber hinaus der Fortbildungsschulpflicht, und nach der Feststellung, daß das„Vater- land aller Werktätigen" davon»och recht entfernt ist, kommt der interessant« Hinweis aus das demakratifch« Deutschland, wo die allge» meine Schulpjlicht restlos durchgeführt ist Dagegen sei in Sow>«i- rußland 13 Jahre nach der bolschewistischen Revolution die Frage der allgemeinen Schulpslicht zum ersten Male ernsthaft erörtert worden. Krupskoja weist ans die Schwierigkeiten hin aus die man bei der Durchlührnng der allgemeinen Schulpflicht gestoßen sei. Noch größere Schwierigkeiten seien be! der Erfassung der jungen Analpha- beten zu überwinden: die Elf- bis Fünszchnjährigen stehen vielfach im Produktionsprozeß M a n könne inFabriken Elf- und Jwölsjährigeantresfen. Darüber hinaus seien die Jugend- licheii dieser Altersstufen durch die Hausarbeit ftT' M�Oei, auf dem stachen Land kommt die Landarbeit hinzu. Die gesetzliche Regelung aus diesem Gebiet sei unzureichend und müßte stark ausgedehnt werden. Die Ausführungen Krupskajas stehen in der Sowtztprcsfe nicht vereinzelt: überall sindet man Klagen über die mangelhafte Durch« führung der Schulpflicht, über das Fehlen von Schulräumen, Leh.- Mitteln und Lehrkräfte». Met ptn Reichsjogendiag in Frankfurt! Der Reichsausschuß des Verbandes der Sozialistischen Arbeiter- jugend beschloß in seiner letzten Sitzung, den K. Deutschen Arbeitertugendtag vom 28. bis 30. August in Frankfurt am Main abzuhalten. Die Veranstoillung steht unter der aktuellen Losung!„Für Demokratie und Sozialismus, gegen den Faschis- Ntus!" Der Reichsjugendtag in Frankfurt soll durch einen Massen- ausmarsch der sozialistischen Jugend den Freunden und den Feinden zeigen, daß die Jugend trotz aller Not und Demagogie zum demokra- tischen Sozialismus steht. Leute muß schon in allen Jugendgruppen das Sparen und Rüsten für das Reichstreffen der roten Jugend Deutschlands einsetzen. Das 2. Reichsjugendzeltlager geht dem Reichsjugend- tag vorauf. Es wird vom lö. bis 28. August auf der schönen Rhein- insel Namedy durchgeführt. Namedy Hai einen guten Klang in der sozialistischen Erziehungsbewegung: eine Reihe von Kinder- srenndelagem wurde dort mit großem Erfolg veranstÄtei. Für ein Jugendlager ist Namedy in jeder Beziehung eine ideale Stätte. An weiteren Deransiailungen im Jahre 1931 sind vorgest Hein ein Werbe monat im März unter der Parole:„Gegen Faschis» mus und Wirischiftsnot!" In den Monaten April bis Juni finden fünf Schulungswochen für leitend« Funktionäre in den ein- zelnen Landesteilen statt. Zu Pfingsten sind zahlreiche Bezirks- oder Unterbezirksjugendtreffen. An, ersten Sep- tembersonntag ist ein Reich-spiel« und Sporttag. Zur Werbung für den Friedensgedanken ist am 4. Oktober der Inter- nationale Jugendtag, der nicht nur in Deutschland, son- dern in allen Ländern mit sozialistischer Jugendbewegung veran- staltet wird. Für Deutschland ist der Internationale Jugendtag der Auftakt zur Herbstwerbewoche. Arbeit die Hülle uird Fülle erfordert die restlose Durchführung dieses Iahresplanes der SZlI. Sie wird von Erfolg gekrönt sein, wenn alle Jugendgenossinnen und Iugendgenossen, wenn jede Iugendgruppe ihre Pflicht freudig erfüllen und wenn alle Arbei er- eitern erkennen, daß ihre schulentlassenen Kinder in die SAI. gehören, Es darf innerhalb der organisierten Arbeiterschaft keine Ausreden mehr geben auf die Frage:„Genosse, wo ist dein Kind?" St r�i Rundschau JSJ scheu Jugendverbände, der Deutsche Reichsausschuß fsir Leibesübun- gen, die Zentralkomiliission für Arbeitersport uild Körperpflege, der Reichsherbergsverband und mancherlei Zweckverbindungcn innerhalb der Jugendverbönde sind durch eigene Berichte vertreten. In einem Anhang werden die Iugendpflegearbeit des preußischen Staates, der übrigen Länder, des Reiches, der preußischen Provinzen, der Land- kreise und der Städte geschitdert. Der Preis des Handbuchs beträgt 16 Mark. Aus der Bewegung Sck»ulv«nwirtschast bei den Lungkommnnisicn. Der.Kommunistische Jugendverband bemüht sich seit Monate», die„Junge Garde als Wochenschrift herauszubringen. Vom Fe- bniar ab soll sie sogar täglich erscheinen. Wie sehr organisatorische Fragen bei den Jungkommunisten als Schluderware betrachtet wer- den und wie sehr ihre Organisa Ion aus Sand gebaut ist, beweist das folgende Zitat aus einem Artikel im Heft 1(September/Oktober ISZgj der„Jugend-Jnternationale", offizielles Blach der Kommu- niftischen Jugend-Jnternationale Es heißt dort in einem Artikel „Schafft eure Tageszei ungi":„Von etwa 1200 Gruppen und Zellen beziehen und vertreiben etwas mehr als 300 unsere Zeitung.(Also gerade ein Viertel. D. Red.) Im Laufe von vier Monate» hat die Mehrheit unserer Organisationseinheiten durch verantwortungsloses Arbeiten es so weit gebracht, daß ibr Schuldenkonto bei der Zei- tunqsstelle immer höher anwuchs. Nicht nur, daß sie den Verband politisch schädigten, indem sie die Zeitungssielle zwangen, von einer weiteren Belieferung bis zur Beoleiclmng eines Teils der Schulden abzusehen, woraus sich ergab, daß ein großer Teil des Verbandes und breite Kreise der Jungarbeiberschoft nicbt die Rolle und Auf- gaben unserer Oraonlsation erkannten, sondern, was ebenso aesähr- lich ist, sie brachten die Zeitunasstelle und damit unsere Zeitung selbst in sinanziell- Schwierigkelten, so daß oft eine unregelmäßige Herausgabe der Wochenzeituna erfolote." Man müßte annehme», daß nach solchen Feststellungen die Jungkommunisten zu der Meinung kämen: wir wolle» erst einmal die wöchentliche Herausgabe der„Jungen Garde" sichern. Aber nein, sie Kaden si-K n-äm'ich ibren russischen Arbeitgebern dazu verpflicbtet. eine Taaeszeituna für die Juaend herauszubringen. Und Befehl Isi Besebl. Wenn auch die aanze Orqanisation dabei in Sck>»lden ersäuft. Oder hörst man aus den baldia-'n Ausbruch der Weltrevolution, die dann auch diese Schulde» beseitigen würde? Tkallonaisoziaiiftiftbe Iuaenderztehunq. Im„SA-Mann", der Wocbenbeilaae zum„Välkisciieu Beob- achter", vom 15. Januar-st in einem Artikel mit der Ueberschrist „Die Erziehung des waffenlosen Körvers" folgendes zu lesen:„Die andere Art von sicherer Selbstverteidigung ist der t e ch n i s ch richtig gelandet« Boxschlag, durch den der Gegner sofort außer Gefecbt gesetzt wird. Das Ziel ist die Kinn- spitze, die von vorn« mit Geraden oder von unten oder der Seite mit Aufwärtshacken oder Hacken getroffen werden muß. Sitzt der Schlag, sinkt der Gegner lautlos zusammen, um erst nach langer, langer Zell die Besinnung wieder zu erlangen, wenn er sie überbaup! wieder aewlnnt." Wenn solche Sätze in dem Zentraloraan der nationalsozialistisck)«» Bewegung stehen, braucht man sicb nicht zu wundern, wenn die Hitlersiweud ihr« Gegner durch Kinnhaken, Dolch oder Pistole „erledigt", Handbuck der deutscken Zuiendverbände. Wie dem AmVicheu Preußischen Pressedienst berichtet wird, ist das Handbuch:„Die deutschen Jugendverbände", ihre Ziele, ihre Or- ganisation sowie ihr« neuere Entwicklung und Tätigkeit, heraus- gegeben von Dr. Hertha Siemering. soeben in der dritten neu- bearbeiteten Ausgabe im Verlag Karl Heymann. B.rlin, erschienen. Die srüberen Ausgaben:„Die deutschen Jugendvsleqeoerbände", Berlin 1918, und„Die deutschen Jugendverbände", Berlin 1923, sind berciis seit Jahren verprissen Das neue Werk bringt in drei- zehn Kapiteln authentische Berichte über die jüngere Entwicklung von etwa 170 Juaendverbänden aller Gattungen und Richtungen. Auch die großen Dacharganisationen, der Reichsausschuß der deut- Wie stark ist die sozialistische Jugend? Mit dieser Frage begann der Vorsitzende der Sozialdeinokrati- schen Partei Deutschlands, Artur C r i s p i e n, sein Referat in der Eröffnungsversammlung des Arbeitskreises junger So- z i a l d e m o k r a t e n in Leipzig. Genosse Crispien antwortete mit konkreten Zahlen: 1. Kinderfreunde, nahezu 200 0Al Kinder im Wer von 6 bis 14 Jahren: 2. Sozialistische Arbeiterjugend, rund 56 000 Mitglieder im Alter von 14 bis 20 Jahren: 3. Iugendgruppe» der Freien Geioertschasten. ungefähr 300 000 Jugendliche: 4. Iugendgruppe» der Arbeiterturn- und Sportverbändc und der sozialistischen Kulturorganiiationeii rund 500 000 Jugendliche. In der So- zialdemokratischen Vartei sind 80 000 Parteimitglieder weniger als 25 Jahre alt. 61 Proz. aller Parteimitalieder stehen in einem Zll er von 20 bis 25 Jahren, Mit der vielbesprochenen Uebcralterung der Mitgliedschaft der sozialdemokratischen Bewegung ist es also nicht weit her, Diese Feststellungen sollen aber nicht zur Selbstgenügsainleit dienen, sondern zu weiterer verstärkter Werbuna unter der Jugend anspornen. Denn es ist erst ein Bruchteil der Ju- aend. die hier erfaßt worden ist. Es aibt in Deutschland rund neiin Millionen Menschen im Alter von 14 bis 21 Iahren. Davon lind 7 Millionen erwerbstätig. Das ist das Reservoir für unsere Jugendwerbearbeit. Iugendwerbearbeit ist für die sozialistische Be- wegung mehr als eine reine Nachwuchsfrage. Si» ist im Zeichen des Kampfes uni-die Juqend zu einer hochpolitischen Frage ge- worden. Alle Teile der sozialistischen Bewegung müssen da? noch mehr als bisher erkennen und entsprechend arbeiten. Neue Verfolqunaen in Nuß'.and. Die Verschärfung der volitischen Krise in Rußland hat auch erneute Verfolgungen der Sozialisten mit sich gebrocht. Nach den letzten Meldungen befinden sich unter den Verhafteten auch wieder Mitglieder des Verbandes der sozialdemokratischen Arbeiterjugend Rußlands. Di« Verhaftungen wurden in fast allen Städten vorge- nommen, in denen unsere Genosien nach langjährigem Gelänonis oder Verbannungsstrafen unter Polizeiaufsicht wohnten. Darüber hinaus wurden aber auch aktiv tätige Genossen i» Moskau verhastet. Im Oktober 1930 wurden die Jirgendgenosisn Roisman, O n i s ch t s ch e n k o und die Genossin G e n d e l m a n n fest- aenommen. Ende 1930 hat die GPU. ivolitische Polizei) alle drei Festgenommenen auf administrativem Wege— also ohne jegliche gerichtliche Verhandlung— zu einer Freibeitsstrafe von drei Iahren im berüchtigten Gefängnis Suzdal verurteilt. Gleichzeitig wurde«in« andere Genossin, M o r o s o w a jTockter eines asten, 1929 in sibirischer Verbannung verstorbenen Sozialdemokraten), auf drei Jahre verbannt. Das„Verbrechen" der ganzen Gruppe soll darin bestanden haben, daß sie versucht l)at,«inen sozialdemokratischen Auf- ruf abzudrucken. Das Schicksal der in der Verbannung verhafteten Genossen— darunter führender Mitalieder des Iuaendoerbaudes— ist vorläufig unbekannt. Es verdient der Erwähnung, daß die meisten seit 1922/23 fast ununterbrochen Ihr Dasein im Gefängnis bzw. in der Verbannung fristen.