Mend-Vorwaris 5lr.« Beilage zum Vorwärts 25. Luni 193� Zugend und Arbeitersport. Zum Reichs-Arbeitersporttag. In großen Scharen ist im legten Jahrzehnt die Jugend zum Sport geströmt. Mancher hat das bödauert, mancher stand dem ver- stöndmslos gegenüber. Und dennoch nützt es nichts, hier negativ ooer gar ablehnend Stellung zu nehmen und immer wieder die Frage zu walzen, wie kann die Jugeich dem Sportlichen abgewandt werden und der politischen Aufklärung zugeführt werden? Die Triebkräfte in der Jugeichentwicklung sind im wesentlichen von Ge- fühlsmomenten beeinflußt. Gefühlsmäßig kommt der Jugendliche vorerst in die Jugendgruppe, um sich unter Gleichaltrigen und Gleich- gestiminten wohl zu fühlen: gefühlsmäßig erfaßt er vorerst die gesellschaftlichen Dinge: ein Ausdruck des Gefühlsmäßigen ist es auch, wenn er sich mit in erster Linie körperlich frei bewegen, frei austoben, die körperlichen Kräfte frei spielen lassen inächte. Warum man das früher nicht so bemerkte, wind man fragen. Nun, da spielt die gesellschaftliche Mo- ral, die bürgerliche Kultur- ausfassunz eine große Rolle. Zu einer Zeit, in der die Moralisten noch hinter jedem Sporttrikot, hinter jeder Badehose herschnüfselten, da mußte alle; Körperliche unter einem gewissen Zwang leben. Der Körper ist ja noch heute für inanche Kreise etwas „Smidiges", dem man sich nicht frei gegenüberstellen kann, das man im Abstand betrachtet, um nachher an allzu großer Freiheit „Anstoß" zu nehmen. Das ist leicht, aber wenig fair. Und die bürgerliche Welt hält sonst doch überaus viel auf diesen Begriff. Nach dem Zusaminenbruch 1918 hat die Welle des Befreiung?- gefiihls auch in starkem Maße aus Geistiges, Seelisches, Gefühls- mäßiges übergegriffen. Wir sollten darüber nicht greinen, sondern nur Obacht geben, daß aus dieser Entwicklung nicht die Zielsetzung des Sports oder auch der Körperkultur als Selbstzweck wird. Dann haben wir nir den Befreiungskampf der Arbeiterklasse nichts davon zu erwarten. Und diesem zu dienen, ist doch schließlich Aufgabe jeder Organisation der Arbeiterschaft, sei sie wirtschaftlich, politisch, kulturell oder sportlich betont. Wenn wir somit feststellen, daß das sportliche Leben und das sportliche Interesse besonders in der Jugend nach dem Kriege einen gewaltigen Aufschwung genommen haben, so muß ein gleiches von der Arbeiter-Sportbewegung selbst gesagt werden. Gerade unter dem Einfluß der Jugend hat sie sich einer ganzen Reihe sportlicher Uebungsarteii angenommen, die bis dahin in Arbeiterfportkreifen kaum gekannt oder gar direkt verpönt waren. Die Spielersparts kann davon viel erzählen: erwähnt sei nur, daß der weiße Sport (Tennis) lange Zeit als Domäne des besitzenden Bürgertums galt. Dazu kommen beträchtliche Fortschritte im Wandern, im Wasser- spart, in der Leichtathletik und in schwerathletischen Hebungen, wie Boxen, Jiu-Jitsu und Artistik. Wesentliche Fortschritte machten ferner Gymnastik und Freikörperkultur. Was so von den verschiedenen Sportarten gilt, das kann im selben Sinn von der Kultivierung des sportlichen Leben behauptet werden. Die erste„Sportinflation" trug auch in die Reihen der Arbeiterschaft den Geist der Oberflächlichkeit. Nur-Sport, Rekord- 5 s I K s Wo rtrs» u e n! Fest in die Zukunft mußt du schauen, Dir selbst und deiner Kraft vertrauen, Denn sieh: Du lebst, du bist! An deinem Menschen mußt du bauen, Ihn stets von links und rechts behauen, Bis er vollendet ist! Hermann Noll. geist und Höchstleistungen schienen sogar in die Arbeiter-Sport» bewegung einzudringen. Man war sich zumindest in breiten Mit» gliederschichten nicht immer der Verantwortung gegenüber der Klassenbeivegung des Proletariats bewußt. Das hat sich glücklicher» weise gewaltig geändert. Das Kampfsportproblem ist aus ein Mindestmaß der Wertungen herabgedrückt. Das Wesentlichste wurde die ggemeinschaftliche Leistung, das Aneinander-Aufwachsen der Gesamtheit. Gemeinschastssport wurde das Ziel, und in diesem traten sich selbst die einzelnen, bisher sehr getrennt arbeitenden Bereine einander recht nahe. Die Zusammen» arbeit in den Sparten- kartellen und in der Zentral- kommission für Arbeitersport und Körperpflege wurde sehr eng. Und von dorther kam dann die engere Fühlung- nähme mit Partei, Gewert- schaftcn und den sozialistischen Jugendverbäiiden. Besonders die Zusammenarbeit mit der Freien Gewerkschaftsjugend und der Sozialistischen Arbei- terjugend hat sich gut bewährt. Daneben wurde auf inter- nationalem Gebiet eine engere Berbindung zwischen Sozia- listischer Jugendinternationale, Sozialistischer Erziehungsinter- nationale und Sozialistischer Arbeitersport» Internationale hergestellt. Die Gemeinschastsarbeit unter den verschiedenen sozio- listischeu Organisationen hat sich vor allem auf dem Gebiet der Festkultur als wertvoll erwiesen. Kein großes Gewerkschastsfest, keine Parteifeier und Parteidemonstration, keine größere Jugend- Feierstunde ist ohne zumindest sportlichen Einschlag denkbar. Sei es durch Massenfreiübungen, durch Gymnastik, durch einzelne spart- liche Darbietungen oder durch Bewegungschor, überall kommt von dieser Grundlage des Sportlichen oder der Körperkultur ein be- lebendes Element. lind dabei sind die Darbietenden nicht etwa nur die Sportorganisationen, sondern auch in den Jugendvcrbänden selbst ist man zur Einschaltung von Sportstunden, Sportkursen und Sportveranstaltungen, zur Eröffnung von Sport- und Gymnastik- gruppen übergegangen. Das ist eine notwendige Bereicherung de» Arbeitsplans, aber sie erfolgt— wo der Selbstzweck ausgeschaltet wird— immer mich zur Bereicherung und Anbahnung einer sozia- listischen Kulturentwicklung. Im besonderen Sinne günstig hat sich diese Entwicklung, in den letzten Jahren, u. a. bei den Maifesten der Jugend in Berlin, ausgewirkt. Die enge Fühlungnahme zwischen Arbeiter- spart und Jugend und die damit verbundene günstige Beeinflussung der Jugendentwicklung ist erfolgt. Auch weiterhin gilt es, diese Bahn zu beschreiten. Wenn die Arbeitersportler auf dem Posten waren, als die Jugend rief, dann darf man es jetzt auch in umgekehrter Weise erhoffen. Die Berliner Arbeitersportler haben ihre dies- jährige Kampfdemonstration aus den 28. Juni im Grunewald- Stadion festgesetzt. Der R e i ch s- A r b e i t e r s p o r t t a g bietet dort die Gelegenheit zum gemeinsamen Ausmarsch unter roten Fahnen für die sozialistische Gedankenwelt. Auch die Jugend darf da nicht fehlen!.Adoli Lau. Begeisterung Erlebnisse von frül Heinz, unser Gruppenführer und Werner, der Obmann für den Frankfurter Jugendtag, unterhielten sich:„Weiht du", sagte Werner, „ich bin mit dein Ergebnis meiner Tätigkeit nicht recht zufrieden; es haben sich erst zehn Genossen für den Jugcndtag angemeldet, das ist doch viel zu wenig!" „Ja, ja, erwiderte Heinz,„die Wirtschaftskrise! Die Väter un- serer jungen Genossen sind meist arbeitslos, da hapert es mit dem Geld zur Bestreitung der Kosten." �„Das scheint mir nicht der 5)auptgrund zu sein. Ich glaube, die Ursache für die zögernden Anmeldungen liegt darin, daß der größte Teil unserer jüngsten Genossen noch keinen Jungendtag mit» gemacht hat, und darum das großartige Erlebnis eines solchen Treffens nicht kennt. Wir müssen mal einen Gruppenabend beson- derer Art veranstalten, um in unseren Jüngeren die Begeisterung für Frankfurt zu wecken" „Du hast recht", sagte Heinz.„Aber wie machen wir das? Ein Lichtbildervortrag über Frankfurt?— Halt. Ich Hab'ne Idee! Wir betiteln unfern nächsten Gruppenadend:„Iugendtagserlcbnisse" und lassen uns von den„älteren Jahrgängen" ihre Eindrücke und persönlichen Erlebnisse auf früheren Iugendtagen schildern. Den Lichtbildervortrag machen wir dann später, vielleicht bietet sich noch Gelegenheit, den Film von der Frankfurter Olympiade zu zeigen." „Mensch— großartig! Machen wir!" stimmte Werner zu. Mit einem„Freundschaft" trennten sie sich. * Der nächste Gruppenabend war herangekommen. Der Vor- sitzende eröffnete. Nach einem Lied und ein paar einleitenden Worten über die Bedeutung unserer Jugendtreffen hatten die Be- richtcrstatter das Wort. Harri berichtet vom Fünften Deutschen Arbeiterjugcndtag 1928 in Dortmund. Seine begeisternden Wort ließen uns alle dieses Massentreffen der roten Jugend auf roter Erde im Geist miterleben. Wir spürten den eisernen Takt der Eisenhütten und Bergwerke des Ruhrgebiets, als er die Aufführung des Brögerschen Sprechchor- Werkes„Rote Erde" in der riesigen Westsalenhalle schilderte. Wir waren mit dabei, als er von der Kundgebung der 79 900 im Dort- mundcr Stadion erzählte. Gerda sprach von der Herzlichkeit der Dortmunder Arbeiter- schaft als Ouartiergcber. Wie diese so armen Bergleute ihre jungen Gäste aufnahmen, ihnen ihre besten Schlafgelegenheiten überließen, sie mit Braten, Kuchen, Stullen und anderen guten Dingen fütterten. Mit leuchtenden Augen verkündete Ernst das überwältigende Er- lebnis des internationalen Jugendtreffens 1929 im roten Wien. Er schilderte die grandiose Eröffnungskundgebung auf dem Helden- platz, die unbeschreibliche Begeisterung der Wiener, das nicht enden- wollende„Freundschaft"rufen beim Fackelzug am Donaukanal, das märchenhaft beleuchtete Rathaus, den stundenlangen Zug der Achterreihen über die Ringstraße am Sonntag... Die Jugendinternationale in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit und Buntheit wird wieder vor uns lebendig: die hellblauen Kittel der Polen, die„Nazdar"-Rufe der Tschechen, die roten Blusen der Tessiner, die Bulgaren, Holländer, Skandinavier, Amerikaner! Wie wir mit ihnen persönlich in engste Berührung kamen, uns ver- ständigten durch die stumme und doch so beredte Sprache der Augen, der Herzen und Hände. „Wien", so endete Ernst—,„das war mehr als ein bloßes Zu- samemntresfen junger Arbeiter, Wien— das war das Fanal einer werdenden neuen Welt— Blut und Leben gewordene Jnter- nationale." Jetzt meldete sich Schorsch, der„alte Jugendveteran" zum Wort:„Auch ich will euch von einem Jugcndcrlebnis berichten. Es sind keine großen Arbeitermassen, die darin eine Rolle spielen— eigentlich war es nur ein ganz einfacher, schlichter Vorgang. Und doch werde ich ihn nie vergessen." „Es war 1923 bcün Hamburger Jugcndtag. Der eigentliche Iugendtag mit seinen gewaltigen Kundgebungen und den besonderen Eindrücken, die eine See- und Hafenstadt bietet, lag hinter uns. Wir hatten eine Dampferfahrt nach Cuxhaven gemacht und befanden uns mit dem Dampfer„Delphin" aus der Rückfahrt nach Hamburg. Von Osten kamen schwarze Gewitterwolken heraus— die untergehende Sonne stand, ein blutroter Ball, dicht über dem Wasser. Wir saßen am Heck des Schiffes und sangen Kampflieder; unsere roten Fahnen flatterten im Wind. Da begegnete uns ein kleiner holländischer Frachtdampfer. Auf dem Verdeck war niemand zu sehen. Plötzlich tauchte aus einer Luke das Gesicht eines jungen Schiffers auf, starrte uns einen Mo- für Frankfurt. ment an und verschwand dann wieder. Gleich darauf erschien der junge Seemann wieder, stieg freudig erregt aufs Deck und schwenkt« mit beiden Händen ein rotes Tuch. Wie elektrisiert sprangen jetzt auch wir auf, riefen, schrien durcheinander und schwenkten unsere roten Fahnen. Wir hatten den Gruß unseres holländischen Kameraden verstanden. Es war nur ein Stück roten Tuches, ein Lappen, fast nur ein Fetzen, das er in den Händen hielt. Und doch schien uns in diesem Moment dieser Fetzen prächtiger als die prunkvollste Fahne. Er war uns das Symbol unserer internationalen Verbundenheit... Solange ich lebe und atme wird mir dieses Bild unvergeßlich sein: der einsame Fahrcnsmann auf dem holländischen Frachter, wie er mit dem roten Tuch grüßend und winkend in die Sonne fährt..." Zum Schluß richtete der Vorsitzende noch einen packenden Appell an alle Genossen: mitzukommen nach Frankfurt. „Auch dort werden wir in Berührung kommen mit unseren Brüdern, die jenseits der„Grenzen" für den Sozialismus kämpfen. Auch dort werden unsere Herzen höher schlagen im Takt der sozialisti- schen Internationale. Auf nach Franksur t. Spart und rüstet für den 6. Deutschen Arbeiterjugendtag!" Georg Eitelsbcrg. Sonnenwende. Aus dem grauen Häufermecr Berlins kamen Arbeitcrjungcn und Arbeitermädel nach Brieselang, um inmitten von Wald und Wies« eine Sonnenwendfeier zu veranstalten. Sonnenwende? Wanim wollen wir Arbeiterjugend sie scstlich begehen? Als Naturerscheinung war für die Menschheit schon vor lausenden von Jahren der Sonnentag ein Festtag. Das haben wir schon in der Schule gehört, aber was geht uns das an? Wir leben in dem Steinmeer der Großstadt, stehen tags über in den Fabriken oder Kontoren im tosenden Lärm der Arbeit, od Winter oder Sommer, ob lange Tage oder kurze Tage. Was verbindet uns also noch mit der Naturerscheinung der Sonncnwcndc? Wer die Feier der arbeitenden Jugend in Bricl«lang miterlebt hat, wird es wissen.. Schon am Sonnabend'nachmittag bevölkerte die Jugend im blauen Kittel das Gelände. Rote Fahnen leuchten aus dem grünen Laub der Bäum« hervor. Am Rande der Wiese werden eifrig Zel!« gebaut, überall herrscht munteres Leben. In der Mitte des Platzes ist ein Holzstoß aufgeschichtet, ein ganz gewöhnlicher Holzstoß und doch wird er von allen angeschaut als hätte er eine ganz besondere Bedeutung. Das Treiben auf dem weiten Platze wird immer leben- diger, denn jeder Zug aus Berlin bringt neue Scharen Jungen und Mädel, die mit Gesang und Musik anmarschiere». Die Sonne ver- sinkt endgültig, Sterne und die verschwommene Mondsichel tauchen am Himmel auf, weithin leuchtet der Schein der brennenden Fackeln. Um 2212 Uhr verkünden Fanfarenruse und Trommelwirbel den Beginn der Sonncnwendfeier. Tausend« jung« Menschen sammeln sich im Kreis um den Holzstoß. Erst jetzt kann man überblicken, wie viele Jugendliche auf dem weiten Gelände verstreut waren. Ringsum liegt über allem das undurchdringliche Dunkel der Nacht. Nur den Festplatz erhellt ein Kreis brennender Fackeln. Laut und kräftig schallt unser Arbeitcrjugendlied„Dem Morgenrot entgegen" in die Finsternis. Trommelwirbel zerreißen die kurze feierliche Stille, das Fest- spiel„Grenzenlose Erde" beginnt. Vertreter der unterdrückten Klass« aus allen Erdteilen sprechen zu uns. Ob in Europa, Zlfrika, Asien, 'Amerika oder Australien, überall leben unterdrückte Menschen, über- all herrscht«in« Klasse, die auf Kosten der Arbeiter ein genußreiches Leben führt. Doch die Flamme der Empörung, der Erkenntnis ist in alle Länder der Erde gedrungen. Der Arbeiter besinnt sich aus sein« Menschenrechte, erkennt, daß er ein menschenwürdiges Dasein führen kann, weim er es sich im Kampf der herrschenden Klasse er- ringt. Einigkeit, Verbundenheit muh der Grundsatz aller Unter- drückten sein, kein Krieg gegen die arbeitenden Brüder des anderen Landes kann uns ein menschenwürdiges Dasei» bringen, sondern der Kampf der Unterdrückten gegen' die Herrscher. Dieser Kamps ist ein gemeinsamer Kampf, geloben wir die Einigkeit und sind bereit für die große Wandlung. Der Holzstoß wird entzündet, hoch lodern die Flammen, sprühen die Funken. Der Sprechchor verkündet das Gelöbnis der Jugend, wir werden den Kamps sühren sür die Menschenrechte des Prole- tariats, wir bringen das Licht des Sozialismus, die neue Zeit. „Brüder zur Sonne zur Freiheit" erschallt es aus allen Kehlen, voller » Begeisterung und Zuversicht. Hochouf flackern die Flammen, leuchten weithin in Sie Nacht. Unser Genosse Paul Löbe ergreift das Wort: Schwer lastet die Wirtschaftskrise auf der Arbeiterschaft. Auch die prole» tarisch« Jugend wird im stärksten Ausmaße von ihr betrossen. Arbeitslosigkeit, Aussichtslosigkeit bedrücken ihr Leben. Doch trotz aller Not, trotz allen Elends dürfen wird nicht müde werden und kleinlich beiseite treten. Unser Kampf geht weiter, er muß verstärkt werden, steigert die Energie, steigert die Disziplin, steigert Euer Cm Kriedensw Seit zwei Tagen sind die französischen Zeitungen mit der Neuigkeit erfüllt: 200 deutsche Kinder von Arbeitslosen kommen während ihrer Ferien nach Frankreich. Der Tag> ist gekommen! Zwischen 18 und 19�- Uhr, der Haupt- vcrkehrszeit in Paris; die Stcno-Dactylo, die Arbeiter, die Vcr- käuferinnen; alles eilt, um nach Hause zu kommen. Bahnhof„Gare du Nord",— Mittelpunkt von Paris— Hochbetrieb. Diejenigen, die in den Vororten wohnen, hasten, um den Zug noch zu erreichen. Züge kommen von außerhalb, um die Menschen auszuspeien, die sich im Trubel des jetzt sich wiederbele- benden Paris verlieren. Der Bahnhof gleicht einem Ameisenhaufen. — Es wimmelt—. Doch am letzten Ouai stockt der Verkehr. Menschen stehen und warten geduldig. Noch 5 Minuten und der Zug kommt! Noch 2 Minuten.— Endlich!— Ein Pfeifen, ein. letztes Pusten.— Der Zug steht. Jetzt— in Reih' und Glied marschieren Kinder, vollbcladen, müde nach so langer Reise und trotz allem mit erwartenden, freudigen Augen; Kinder mit blauen Kitteln und roten Wimpeln; Arbeiterkinder! Aus den Versammelten lösen sich Stimmen:„Es lebe der Friede! «s lebe Briand! es lebe die Internationale!" Die Augen der Kinder glänzen.— Aus einiger Munde tönt ein zaghaftes„Freundschaft", um dann mit einem feurigen, kräftigen„Freundschaft" für den Empfang zu danken. Die Vertreter der Gewerkschaften, der Partei, der Arbeiter- jugend, ja sogar der deutsche Botschafter, der Generaldirektor der französischen Staatseisenbahn und die Presse sind anwesend. Paris beteiligt sich an dem Empfang. Neue große Rundfahrtautos stehen bereit, um die Kinder im Alter von 19 bis 14 Jahren nach dem Fcstsaal der Gewerkschaft zu bringen, wo für 299 hungrige Mäulcr«in„Festmahl" bereitsteht. Einige sagen mir:„Ist das für uns?, der Wein, die Servietten, das Besteck?" Einer wagte sogar zu sagen:„Wir gehören eigentlich umer den Tisch, das ist ja ein Essen wie für seine Leute". Dem wurde die Antwort zuteil:„Sind wir denn keine„seinen" Leute? Sollen wir es denn nicht auch einmal schön haben?" Ein französischer Kamerad begrüßte alle im Namen der Syn- dicate recht herzlich und forderte sie auf, nur„feste drauf los zu essen". Das ließ man sich natürlich nicht zweimal sagen. Sie hatten alle großen Hunger mitgebracht. Ein deutscher Lehrer dankte für' die Gastfreundschaft und rief ein„Hoch" aus auf die Internationale und den Völkerfrieden. Nach d.em Essen sah man Freud« und Zufriedenheit aus allen Gesichten?. Es war nicht einer von den Hainburgeri?, Leipzigern oder Berlinern, der ein verdrießliches Gesicht?nachte oder vielleicht gar an Heimweh dachte. Nein, i?n Gegenteil, überall sagte man inir: „Wir haben nicht geglaubt, daß die Franzosen so nett sind" oder„es ist so schön hier, wir möchten immer hier bleiben". Ja, ich glaube es Euch, auch ich, wo überall ich hintominen mag, werde freundlich aufgenommen. Und überall heißt es:„Nie wieder Krieg!" Und ich bin der Meinung, daß dieser Wunsch des Friedens, den die F/anzofen ausspräche??, die Kinderherz«?? erfaßte, sie a?ifrüttelte und ihnen eii?prägte:„Ja wir wollen in Friede?? leben?nit unseren französische?? Kameraden, wir wolle?? Freunde sein, es darf kein Krieg herrschen zwischci? den Völker??." Und oies« Kinder, die an? selben Abend die Internationale aus dein Bahnhof sangen, werden es weitertragen, und werde«? dafür kämpfen, daß es nur eil? Ziel für?li?s gibt:„Nie wieder Krieg!" Leider hatten wir ei?i kleines Mißgeschick. Ei?? Polizist, der, obgleich er die Worte nicht verstand, aber et«vas musikalisch war, un? heraushört«, daß wir die Internationale sai?gcn, bat uns, diese nicht zu singen, da si« hier verboten sei! Wir sangen die Strophe zu Ende und man applaudierte uns.— Wissen, steigert die Begeisterung für unsere hohen Ziele, dann wer- den mir siegen. Flamine verzehre die«norsche Zeit, unsere Herzen sino bereit die Welt zu erobern. „Wacht auf, Verdammte dieser Erde", mit diesen? Gdöb??is, mit diesem Mahnruf schloß unsere Sonnenwendf«i«r. Keine Götzcnanbctu!?g, keine romantische Schwärmerei, ein Be- kenntnis, ein Treueschwur für den Kampf der Arbeiterschaft um ihr« Menschenrechte ist?inscre Sonnenwende. DI« lodernden Fla?ninen sind uns S?)inbol für diesen Kampf. knäel SclnniedeL erk an Kindern. Wir sangen nicht weiter; jedoch bei Abfahrt de» Zuges ließen dl« Kinder es sich nicht i?eh>nen, den Refraii? zu singen: „Völker hört die Sigi?ale, a?>f zun? letzten Gefecht, Die Internationale erkäinpst das Menschenrecht!" Das hinterließ einen Eindruck, de?? alle französischen Kollegen und Genossen, die sich bei der Weiterbeförderung beteiligten, nie ver. gcssen nxrocn. und das den Kameraden zeigte, daß auch' schon die Jugend vertrilt, wofür wir kämpfen; daß wir trotz allem, was auch kon?n?en mag, nie den Kaii?pf aufgeben werden: Den Kampf für die iirrernalionale Völkerverständigung; Den Kampf für den Völkcrsriedc»! „Freundschaft" L-Zist? Reitz- Berus und Gpori. Die Berufsschule in Königsberg hat eine Erhebung unter ihren Berufsschülern veranstaltet, un? die Zahl der sporttreibende?� Jugendlichen iestzustellen. Dabei ist ermittelt worden, daß von den 3914 Berufsschülern n?«r 814 regelmäßig Sport treiben, also nur rund 27 Proz. der Schüler. Das Ergebnis ist gewiß nicht erfreulich, aber es erscheint soiort ii? einein ganz anderen Licht, wenn man bei der Untersuchung die Berufe der«chüler berücksichtigt. Es stellt sich nämlich hierbei heraus, daß Bertlfe«nit schlechter Arbeits- zeitrcgelung erheblich weniger an sportlicher Betätigung teilnehmen. Während z. B. von den Bäckerlehrlingen nur 19,6 Proz. und von den Schneiderlchrlingen sogar nur 19,1 Proz. aller Lehrlinge reget- ?näßig Sport betrieben, betrug bei de?? Elektrikern der Prozentsatz der sporttreibenden Berufsschüler 58,9 Proz. und im Buchdruck- gewcrbc 59 Proz. Der Einfluß des Berufes zeigt sich hur ganz deutlich. Es sind hauptsächlich Gewerbe?nit vorherrschende?? Fa?nilien- betrieben, wo der Lehrling häusig noch in Kost und Logis bei??? Meister steht, lvo auch die Arbeitszeit noch schlecht geregell ist und der Lehrlii?g über die Zeit hinaus init allen mögliche?? Arbeiten, die oft?i?it seinen? Berufe gar nicht in? Zusammenhang gebracht werden können, beschäftigt wird. Hier bleibt den Lehrlingen nicht die Zeit, sich regelmäßig sportlich zu betätigen. Auch vertreten viele Lchrnteister ganz rückständige A??schauungen, und jede sport- liche Betätigung erscheint ihnen überflüssig.„Wir habe«? so etwas nicht getannt, und ihr braucht das auch nicht zu kennen." Die Ergebnisse der Königsbergcr Berufssch?i1«rheb?ing«Verden gewiß ganz aUge>«,ein interessieren, so daß es uns nicht überflüssig erscheint, die Zahlen hier bekanntzugeben: Lehrlinge davon Sportler Prozent Bäcker........ 390 59 19.6 Fleischer....... 148 39 29,2 Friseure....... 142 26 18,3 Gärtner....... 83 11 13,2 Maler und Lackierer... 222 59 22,5 Bauschlosier...... 185 27 14,5 Schmiede....... 56 7 12,5 Schneider...... 99 10 10,1 Tischler und Stellmacher. 342 77 22,5 Hier sii?d zunächst diejenige,? Berufe angeführt, die eine gering« sportliche Beteiligung aufweisen. Wie«i?a?? sieht, sind es ausnahms» los solche Berufe, in denen der Familienbetrieb stark vorherrscht. Es wäre gewiß äußerst interessant gewesen, wenn gleichzeitig F«st- stellungen darüber getroffen worden wären, aus welchen Gründen die Lehrlinge sich nicht an? Sport beteiligen. Man hätte zweisello» ermittelt, daß das Arbeitsverhältnis der Hauptgrund ist. Erheblich stärker>var die regelinüßige sportliche Betätigung bei folgenden Berufen: Lehrlinge davon Sportler Prozent Bauhandwerker.... 288 86 39 Btichgewerbe..... 68 33 59 Elektriker....... 208 122 58,6 Klempner und Installateure 93 26 27,9 Maschiiten- u Autoschlosser 425 133 31 Tapezierer ui?d Sattler.. 97 39 39,9 Zahntechniker..... 78 29 37,1 Die Lehrlinge können aus diesen Ergebnissen wertvolle Schlüsse ziehen. Nur dann kann sich die arbeitende Jugend ausreichend sport- Nch betätigen, Erholung suchen und ihren Körper stählen, wenn ihr das Arbeitsverhältnis die Zeit dazu läßt� Darum ist es geradezu eine gebieterische Pslicht, gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, lind das ist nur inöglich im Rahmen der Organisation. L. M. Der Lesehunger der Lugend. In der Jugend bildet sich der Geschmack. Er kann sich aber auch verbilden. Immer wird das Elternhaus, die tägliche Umwelt bestimmend für das sein, was Kinder lesen. Daß die aus materiell besser gestellten Familien stammenden Kinder Bücher besitzen, ist schon ein Vorsprung, den sie vor de» Kindern haben, deren Eltern mit der Not ums tägliche Brot zu kämpfen haben. Diese Kinder sind zumeist auf Zufallslektüre angewiesen und die ist oft danach. Die materielle Not und Armut zwingt die Kinder geradezu zu Büchern, die billig sind oder nichts kosten, zumal das geistig auf- geschlossene Kind, das lesen will, um jeden Preis und alles liest, was ihm unter die Finger kommt. Interessante Streiflichter in dieser Beziehung ergab ein Buchtag, den das Lehrerkollegium einer Rheinischen Freien Schule ver- anstaltete, zu dem die Kinder Listen mitbringen mußten mit den Verzeichnissen aller von ihnen gelesenen Bücher. Es ließen sich in der Hauptsache drei Gruppen von Ergebnissen wahrnehmen: 1. Eigenbesitz von zum Teil hervorragend gute» Büchern; 2. keine oder nur geschenkte oder geliehene Bücher: 3. wahllos durcheinander gelesene oder getaufte Bücher. Die Gruppen 2 und 3 zerfielen in Kinderlesepublikum aus gleichgültigen Kreisen und in ein solches aus verwahrlostem Milieu. Recht aufschlußreich war das Verzeichnis gelesener Bucher eines notorischen Schulschwänzers, aus armer Familie stammend, das folgende aus einer Leihbibliothek, pro Band 3 Pf. Leihgebühr!, stammende Literatur enthielt: « Frank- Allan-Serie: Das grüne Kreuz— Die kalte Hand— Die grünen Augen — Die Erscheinung am Fenster— Der rote Faden— Das schwarze Kabinett— Ein seltsamer Fang— Das Drama auf dem Ozean— Hotelzimmer Nr. 13— Die Mumie— Um.zwei Sekunden— Der geheimnisvolle Bettler— Der schwarze Jim— Die singende Flasche— Der Mord in der Luft— Boxer-Jonny — Die" rote Stadt— Der schwarze Retter— Der Todesritt— Der rote�Häuptling— Eine gefährliche Stunde— Am Kreuzweg — Der tochuß im Nebel— Mister Satan— Ein Ruf aus der Tiefe— Der verschwundene Friedhof. Tom Chart: Die schwarze Hand— Der Mann im Dunkel— Er, den man nicht nennt— Das Geständnis der Drei— Der weiße Kakadu — Die goldene Kuppel— Der Mord in der Jägerstraße. Für jeden dieser Schundbände zahlte der Junge 5 Pi. Leihgebühr. Ist es nicht eine Schande, aus körperlicher Not Geld zu schlagen und eine geistige Not noch daraufzusetzen? Inwieweit die Schülerbibliotheken einer Ileberholung bedürfen, zugunsten des guten Buches, wäre allerorten ernster Prüfung wert. Der Lesehunger der Jugend muß gestillt werden. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wenn auch die heutige Zeit kaum Mittel für die allernotwendigsten Bedürfnisse erübrigen kann: für gute Bücher sollte immer ein Fonds zur Verfügung stehen. Wir erleben — Nachwirkungen der Kriegszeit!— oft ein hohes Maß von geistiger Verwahrlosung vieler Kinder. Darum schenke, wer irgend kann, ein gutes Buch! Schund- firmen werden reich auf. Kosten der Armen, die sich keine Bücher, wenigstens keine guten Bücher kaufen können. Gegen kapitalistische Ausbeutung in jeder Form gilt es sich zu wehren. Helfen wir alle mit In diesem Kampfe. Treten wir ein für die geistige Fortbildung der Kinder, deren Eltern die Not ums Brot verwehrt, ihren Kindern in dieser Beziehung gerecht zu werden. Es ist ein Stück Erzichungs- aufgäbe, die wir erfüllen müssen, wenn wir uns nicht mitschuldig am geistigen Tiefltand des jungen'Geschlechts machen wollen. !. K. AUS OER JUGEND-INTERNATIONALE Die Jugend-Internationale wächst. Das Sekretariat der Sozialistischen Jugend-Jnternationale ver- öffentlicht eine ileberficht über die Entwicklung der Mitgliederzahlen in den angeschlossenen Verbänden im Jahre 1930. Es haben jetzt fast alle Organisationen berichtet, und das Ergebnis ist eine Steige- rung der Gefamtmitgliederzahl von 238 994 am 31. Dezember 1929 aus 252 284 am 31. Dezember 1930. Das bedeutet eine absolute Zunahme von mehr als 13 000 Mitgliedern. An dieser Aufwärts- bewegung sind fast alle Verbände beteiligte An der Spitze marschiert der schwedische Verband mit einer Mitgliederzunahme von rund 40 000. Ihm folgt Frankreich, das feine Mitgliederzahl von 0000 auf über 9000 steigern tonnte. RUNDSCHAU Im Zeichen be k ö n i g sollen nach altem deutschen Brauch gewähit werden. Unter großem Hallo beginnt die Wahl, die nachher fast zwei Stunden dauert. Mehrere„Kandidaten" werden vorgeschlagen. Man kommt zu keiner Einigung. Von Anfang an hat„Karl, der Raubritter", die meiste Ausficht, gewählt zu werden. Aber so ein„Maikönigskandidat" hat auch feine Gegner. Sprechchöre für und wider den Raubritter hallen über die Wiese. Die einen wollen ihn auf die Schultern heben. „Schiebung" gellt es und man zerrt ihn wieder herunter. SA. wird als Ordnungspolizei eingesetzt. Anfangs werden nur Püffe verteilt, über ein erhebliches „S ch i n k e n k l o p p e»" steigert sich die Tätigkeit der Ordnungs- Polizei zu einer gemütlichen„Rollere i". Endlich hat„Karl, der Raubritter", gesiegt. Man jubelt ihn, zu. Auf den Schultern seiner Vasallen wird er einmal um den Maibaum getragen. Die Wahl der Maikönigin ist nicht ganz so slürmsich, aber geschrien und gezankt wird auch." Sie wählen einen König und eine Königin, das entpsricht ihren Zielen: einige machen eine„Schiebung", wie kann's angehen! Das Ende ist Pusferei. sadistisches„Schinkenkloppen",„gemütliche Rollerei", Geschrei und Gezänk. Deuisch« Jugend, so kommst du in da»„Dritte Reich" � Heil!