Mitteilunas- Blatt des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend. Ur. IS. Berlin, den 8. Dezember 1916. 11. Jahrgang. Aschenbrödel Demokratie. In dem Augenblick, in dem diese Zeilen ge- schrieben werden, ist das Schicksal des sogenannten Zivildien st gesetzes noch nicht entschieden. Wenn der Leser sie zu Gesicht bekommt, wird er und mit ihm das ganze deutsche Volk um ein Kriegsgesetz reicher sein, ein Gesetz, das trotz seines schönen Aushängeschildes:„Vaterländischer Hilfs- dienst", alle werktätigen Volksschichten in eiserne Klammern zwängen wird. Zwar ist im Reichs- tage, wie schon so oft bei anderen Gelegenheiten, auch über dieses Kriegszwangsgesetz sehr viel ge- redet worden. Bedenken über Bedenken wurden geäußert, eine reiche Fülle von Anträgen und Vorschlägen ergötz sich auf die vier dürftigen Paragraphen dieses Mantelgesetzes, das dem Bun- desra't und der Militärgewalt die weitgehendsten Machtbefugnige einräumen sollte und trotz der schönen Reden im Reichstage auch einräumen wird. Wer sich in dieser Zeit der Kriegsgesetze nur einigermaßen den klaren und kühlen Blick für Wirklichkeiten bewahrt hat, muß sich darüber klar sein, daß mit diesem Gesetz das arbeitende Volk der Kriegsdiktatur der zivilen und militäri- schen Verwaltungsbureaukratie ausgeliefert wor- den ist, und daß die Mitwirkung des Reichstages nichts weiter darstellt, als ein paar armselige, scheindemokratische Lappen, mit denen die engen Handfesseln dieses Zwangsarbeitsgesetzes um- wickelt werden sollen. Daß dem in Wirklichkeit so ist, beweist ein Blick auf die ganze Tätigkeit des Reichstages in den letzten zwei Jahren. Da dieses pompöse Heiligtum der ach so engbrüstigen deutschen Demokratie als Bewilligungsapparat nun einmal nicht zu entbehren ist, wurden die Abgeordneten stets zusammengetrommelt, um die ihnen vorge- legten Milliarden-Kriegswechsel zu unterschreiben. War das aber geschehen, dann hatte es die Regie- rung immer sehr eilig, die Herren Volksvertreter wieder nach Hause zu schicken. Hatten sie doch die ihnen zukommende„vaterländische Dienst- Pflicht" erfüllt: sie hatten treu und gehorsam die neuen Kriegskredite bewilligt. Aber die Herren hatten ein demokratisches Gewissen; sie wußten der Regierung stets einige Tage parlamentarischer Wirksamkeit mehr abzuknappsen, als diese für un- umgänglich notwendig hielt. In dieser Gnaden- frist ist dann weidlich viel geredet, gedonnert, oe- antragt und beschlosien worden. Wenn man die Dinge nur nach der im Reichstage verbrauchten Lungenkraft beurteilen würde, dann müßte in bezug auf die Volksernährung, in den Fragen der Zensur, der Schutzhaft, ja sogar des Friedens alles zum besten gewendet sein. In Wirklichkeit ist aber in der Hauptsache alles beim Alten geblie- den, wenn vielleicht auch der eine oder andere besonders böse Einzelfall aus der Welt geschafft oder an Kleinigkeiten herumgedoktort worden ist. Schon in Friedenszeiten hat die Demokratic im deutschen Vaterlande zu den Stiefkindern des Hauses gezählt. Im Krieg ist sie aber vollständig zum Aschenbrödel geworden. Es ist das ja auch nur zu natürlich. Wenn Mars die Stunde regiert, wenn alles dem Kriegszweck und dem Kriegs- zwang unterworfen ist, wenn die Militärbehörden mit souveräner Gewalt ausgestattet werden, dann bleibt für die Demokratie nichts mehr übrig. Das bischen Scheindemokratie, das im Reichstage ge- mimt wird, ändert an dieser Tatsache nicht das Mindeste. Als harte Notwendigkeit wäre ein solcher Zustand auf mehrere Monate zu ertragen gewesen, jetzt, da er schon im dritten Jahre auf dem Volke lastet, muß er die schwersten politischen und sozialen Schäden zeitigen, die gesamte Kultur- entwicklung auf Jahrzehnte lahm legen. Lassalle hat einmal das Wort geprägt:„Das Königtum hat bessere Diener als Sie. meine Herren!" Wenn jemals, so hat das Wort in diesem Kriege seine Berechtigung. Geradlinig, entschlossen und energisch gehen die Militärs drin- nen und draußen auf ihr Ziel los. Ihr ganzes Tun und Denken ist militärisch orientiert, ihre Weltan- schauung, ihre. Arbeitskraft erschöpft sich in strate- gischen, taktischen und organisatorischen Gedanken- gängen. Es gibt allerdings Sozialdemokraten, die auch dem sozialen Verständnis der Militär- behörden Loblieder singen. Die Braven vergessen, daß dieses soziale Verständnis da aufhört, wo der Kriegszweck ein Ende hat, und daß jenseits dieser doch recht recht engen und nur vorübergehend ge- zogenen Grenze die großen sozialen und demokra- tischen Ziele der Arbeiterschaft auf den Wider- stand des Offiziers stoßen müssen, der heute aus den Kreisen der Aristokratie und des besitzenden und gebildeten Bürgertums stammt. Daran ändert auch das von Lensch und anderen so heraus- gestrichene Bäckerdutzend„sozialdemokratischer" Leutnants der Landwehr 1. und 2. Aufgebotes und Offiziersstellvertreter, die in der Schar von einigen hunderttausend Offizieren völlig ver- schwinden, nicht das Mindeste. Weltanschauung und Lebensausgabe der Sozialdemokratie unterscheiden sich von der der heutigen Militärs wie Tag und Nacht. Ihr Tun und Denken kann und darf nicht rein mili- tärisch orientiert sein, will sie sich nicht selbst auf- geben. Wie steht es aber um ihre Diener und Führer? Sind diese auch so geradlinig, ent- schlössen und energisch in der Verfolgung ihrer Ausgaben, wie die„Diener des Königtums"? Wie es damit bestellt ist, zeigt u. a. ein Blick aus die Vorgeschichte des Zivildienstgesetzes. Der Vater des Gesetzes, der General Eröner, ist ein Mann, der genau weiß, was er will und für den es zur Erreichung seiner militärischen Zwecke „Bedenken" nicht geben kann und darf. So weit, so gut. Was soll man aber dazu sagen, daß aus- gerechnet ein sozialdemokratischer Abgeordneter das Grönersche Kriegszwangsarbeitsgesetz als„die reifste Frucht auf dem Baume des Kriegssozialis- mus" bezeichnet hat und daß ein anderer Abge- ordneter dieses Gesetz sogar als einen Triumph der Demokratie feiert. Der Brave, der dieses fertig brachte, ist der sozialdemokratische Reichs- tagsabgeordnete Dr. Max Quark, und der Ort, wo er seine Begeisterung ablagerte, ist der Müller-„Vorwärts" und das„Berliner Tage- blatt". Dem letzteren war bei dem Quarkschen Hymnus doch nicht ganz wohl zu Mute, es rückte in einer redaktionellen Bemerkung sehr deutlich von diesem Prachtexemplar von Sozialdemokraten ab. Das Müller-Stampfer-Papier aber hatte an Quarks Begeisterung nichts auszusetzen. Kein Wunder! In einem Blatte, in dem Partei- bureaukraten, die seit mehr als drei Jahren jeder demokratischen Kontrolle enthoben sind, dank der Mächte des Belagerungszustandes das Szepter führen, hat die Demokratie kein Daseinsrecht mehr, da wird ihr Platz von einer unehrlichen Demagogie eingenommen. Wenn man die Dinge nur vom agitatorischen Standpunkte aus betrachten wollte, könnte man sich freuen, daß Quark, der Müller-„Vorwärts" und die alte sozialdemokratische Reichstagsfrak- tion sich neben vielen anderen Kriegssünden auch noch die Veranrwortung für das Ärbeitszwangs- gesetz aufgeladen haben. Die Tage der Abrech- nung müssen ja doch einmal über kurz oder lang einmal kommen. Aber die Sache ist zu ernst, das Schicksal von Hunderttausenden hängt daran, so daß man schon im Namen der Demokratie und der sozialen Gerechtigkeit gegen das Verhalten eines Quark und seiner Gesinnungsgenossen protestieren muß. Quark schreibt, man könne bei dieser„Orga- nisution der Volkserhebung für vaterländische Dienste" von„einer Art Volkserhebung in der Heimat" sprechen. Es wiederhole sich in„ruhige- re» Formen, aber in der Tiefe ebenso mächtig, das große Schauspiel der ersten Wochen des Krieges". Wir möchten gern wissen, wo dieser erleuchtete Volksvertreter die Stimme aus der Tiefe gehört, wo er wirtlich den Pulsschlag der arbeitenden Massen gefühlt hat? Der Massen, die die Hauptleidtragenden dieses Zwangsgesetzes fein werden, haben ganz andere Sorgen»md Schmerzen, als Herr Max Quark sich einbildet. Wo und wann ist das Volk um seine Meinung nbg: dieses Gesetz gefragt worden? Hat es fem politisches Verständnis, mit dem es dank eines undemokratischen Schul- und Staatswefell? scholl vor dem Kriege recht dürftig bestellt war, an einer seit Jahren unter Zensur stehenden Presse schulen können? Hat ihm der Belagerungszustand jede politische Tätigkeit in Versammlungen usw. nicht unmöglich gemacht? Habt ihr sozialdemokratischen Abgeordneten nicht selbst mitgeholfen, die Demo- kratie als Aschenbrödel in den Winkel zu drän- gen? Euer parlamentarisches Redegeplätscher erscheint Euch, weil jetzt in der Tiefe alles stumm sein muß, als ein großes Schauspiel, das Euch selbst berauscht und in diesem Rausche erscheint Euch das, was draußen als harter Zwang emp- funden wird, als große demokratische Errungen- schaft, als„eine Kräftigung des staatsbürgerlichen Bewußtseins". Die Kriegspsychose hat manches Unheil in den Köpfen angerichtet. Das schlimmste Unheil besteht aber in der Tatsache, daß jetzt, nachdem die Arbeiterbewegung über zwei Jahre auf ihre demokratischen Kontrollmittel verzichten mußte, die meisten Führer dieser Bewegung einer Art absolutistischen Größenwahns oerfallen sind. Wie Ludwig XIV. einst sagte!„Der Staat bin ich!", so sagen die Wortführer der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion!„Wir sind die Sozialdemo- kratie!" Und die Scheidemann, Ebert, Müller usw. sagen!„Wir sind die Partei!" Und daß die Gewerkschaftsführer in ihrer gewich- tigen Persönlichkeit die ganze Eewerkschaftsbewe- gung verkörpert sehen, ist in dieser Kriegszeit erst recht deutlich geworden. Wenn wir daher der Demokratie im Staats- leben zum Siege verhelfen wollen, müssen wir sie erst in unserer Bewegung aus ihrer Aschenbrödel- rolle befreien, müssen wir sie gegen Gewaltstreiche übermütig gewordener Bureaukraten verteidigen. Und in diesem Kampfe bildet der Widerstand gegen den„Vorwärts"-Raub durch den Partei- vorstand eine der wichtigsten Etappen. Der Protest der Feldgrauen. Ein Musterbeispiel vornehmer Objektivität liefert wieder einmal die I. K. 2ie schreibt unter oben- stehender Spitzmarkc: „Von den Briefen, die uns täglich aus dem Felde zugehen, beschäftigen sich in der letzten Zeit viele mir dem Boykott beschluf; der Berliner Opposition gegen den„Vor- wärt s". Viele der aus Berlin stammenden Ge- nassen betonen ihr.Einverständnis mit dem Protest gegen den Boykott und mit den. Wirken des neuen Vereins. Achnlichc Briefe erhalten Berliner Genossen. Aus einem solchen Schreiben eines Genossen, der an sehr gefährliche rStellc steht, möchten wir nachstehende charakteristische Aeuherung wörtlich wiedergeben: „Erfahre soeben von meiner Frau und aus der Zeitnngsbeilagc von dem Protest gegen den uuer- hörten und ganx unverständlichen Beschluß des Boy- kotts. Soweit ich im Schützengraben mit Berliner Abonnenten Fühlung habe, ist die Stimmung durch- weg die, daß der Krieg nervenzerrüttend wirlt, blos nicht w i r Wersen verrückt, sondern die Hei- matsgenossen. Es ist unerhört, unser Organ. an dem soviel Tropfen Schweiß d e r A g i- t a t i o n klebt und welches jetzt ein Opfer der obwaltenden Verhältnisse geworden ist, so herunter- ziireißem Wir bedauern nur, uns dem Protest nicht anschließen zu können. Na, hossentlich kommen wir zuhause, wir werden ihnen„Spaltung" lehren!" So denken die Genossen draußen über die blind tvütige Zerstörnngssucht der Haase-Ledebour-Leute, die ihren Taten- drang nicht meistern können, und diesen nun gegen das unter vielen Mühen Geschaffene betätigen." Wir wollen der sauberen I. K. für heute einige Fragen unter die Nase reiben, aus die wir von dieser Meisterin der Wanzentaktik eine Antwort allerdings nickn envarten. 1. Glaubt die I. K-, daß nur i h r aus dem Felde Briefe zugchen, die sich mit dem„Vorwärts"- Konflikt befassen? Wir könnten ebenfalls mit einer reichhaltigen Sammlung von Feldpostbriefen aus- warten, die alles andere als Schmeicheleien für die Macher des Vorwärts-Raubes und deren Helfershelfer enthalten und die noch viel schärfere Abwehrmaßnah- men gegen den Gewaltstreich der Müller-Fischer- Stampfer-Leute verlangen. Tarunter befinden sich auch Genossen, die„an sehr gefährlicher Stelle" stehen. Zu verössentlichen sind sie in diesen für die Presse so brenzlichen Zeitläufen allerdings noch nicht. Da ist die I. K. mit ihren guten Beziehungen zurzeit aller- dings in einer günstigeren Lage. 2. Was hat die I. K- getan, um die draußen im Felde stehenden und nur aus ihre geistige Kost an- gewiesenen Genossen über die Vorgeschichte des Vorwärts-Konfliktes zu unterrichten? Kein Wort ha- den diese Leute ersahren von dem Treiben des Partei- Vorstandes und seines Helfershelfers Fischer, lein Wort über jene Häufung von Hinterlist, bureaukra- tischer Gewalt, Verletzung von Treu und Glauben, kein Wort davon, daß die Vorstandsdcspoten weit über die Forderungen der Militärzensur hinausgingen, daß sie die Rechte der Berliner Genossen aus den „Vorwärts" erdrosselt, alle Forderungen der Demo- kratie und des Parteistatuts über den Haufen ge- warfen haben. Die von der I. K., der„sozial- demokratischen Feldpost" und dem„objektiven" Müller- „Vorwärts" in seiner heutigen Gestalt„aufgellarten" Genossen haben ja keine Ahnung von den Gewalt- streichen, die die Groß-Berliner Verbandsgencralvev- sammlung zur Abwehr gezwungen haben. 3. Warum hat die I. K. die Feldgrauen nicht über„die blindwütige Zerftörungssucht" eine Legion, vieler hundert von Gewerkschaftsbeamten und der ganzen Gefolgschaft der Groger-Thurow-Gruppe in- formiert, die seit Jahr und Tag den„Vorwärts" boy- kottiert und sich„gegen das unter vielen Blühen Ge- schaffene betätigt" haben? Jetzt winselt die I. K., dieses mit Gewerkschaftsmitteln und mit Gewerkschafts- Hilfe aufgezüchtete und erhaltene Reptil, das sich in der Gnadensonnc des Paricivvrstaudes wärmt, über die„Haase-Ledebour"-Leutc, die einen bittern Kampf nm ihr gutes Recht und um die Ehre der deutschen Sozialdemokratie sühren müssen. Dabei gibt es unter den„Haase-Ledcbour- Leuten" massenhaft Genossen, die sehr viele„Troppenschwciß der Agitation" für den „Vorwärts" verzossen, ja sogar jähre- und monate- lang für„unser Organ" hinter eisernen Gi.tcrn gesessen haben, als an den edlen J.-K.-Baumeister und seine wackeni Mitlämpen in der Partei überhaupt noch nicht zu denken war. *** Parteigenossen und Parteigenossinnen Groß- Berlins! Ihr werdet fragen, warum wir der I. K. und ihrem Kehricht soviel Ehre antun und uns so eingehend mit ihr beschäftigen. Aus Lust am Kva- kehl geschieht es gewiß nicht; mit solchem Gesindel sich herumzuschlagen, ist wahrlich kein Vergnügen. Aber es geschieht aus zwei Gründen: Ihr seht einmal, mit welch verlognen und demagogischen Mitteln die Ge- nosscn draußen im Felde von der I. K. und ihren Hintermännem bearbeitet werden. Ballonweisc geht wöchentlich die von der I. K. herausgegebene„s o- z i a l d e in o k r a t i s ch c F e l d p o st" an die Front und in die Garnisonen, um dort ihr Werk der Brunnenvergistung zu verrichten. Daher ist es zwei- tens dringend notwendig, daß auch ihr mit doppelter und dreifacher Energie die uns nahestehenden Feld- grauen über die Vorgänge in der Partei ausllärt. Ans diesem Gebiete ist von uns noch viel versäumt worden, die geschäftsgewandten Macher der I. K. sind da viel eifriger. Das muß Euch ein Ansporn sein, im Kampfe um Euer Recht überall Klarheit zu verbreiten. Ten im Felde stehenden Genossen darf die Kenntnis der Vorgänge in der Partei nicht blos aus der Sudelküche der I. K- kommen. * Ein soeben uns aus dem Felde zugehendes Schrei- ben wollen wir an dieser Stelle doch wiederholen. Es lautet:„Durch das„Mitteilungsblatt" sowie die „Leipziger Volkszeitung" erhielten wir Kenntnis da- von, daß die Berliner Genossen endlich den Kamps mit jener Gruppe selbstsüchtiger Geschästspolitiker, die sich sozialdemokratischer Parteivorstand nennt, aufgc- nommen haben. Um aujch einen kleinen Teil zum Gelingen dieses Kampfes beizutragen, der nicht zu letzt in unserem Interesse geführt wird, übersenden wir Ihnen den Betrag von 15 Mark." Diese Zeilen klingen anders, als die in der I. K. Die Genossen draußen können sich darauf verlassen, daß wir Daheimgebliebcnen fest und unerschüttcrt den Kampf fortführen werden, bis uns unser Recht ge- worden. Sollen fie triumphieren? Vor einigen Tagen brachte die„V o f j> s ch c Zeitung" folgende Notiz: Der„Vorwärts"- Boykott durch die radikalen Sozialdemokraten in Berlin kann, wie die sozialdemokratische„Chemnitzer Volksstimme" fchreibt, schon jetzt als ein Fiasko bezeichnet werden: die Zahl der Abbestellungen ist Verhältnis- mäßig gering. Die Persuche, sür die„Leipziger Volkszenung" und den noch radikaieien„Volks- freund" in Braunschweig radikale Leser in Berlin durch Einrichtung einer besonderen Rubrik sür Ber- liner Nachrichten zu getvinnen, ist nicht geglückt. Wie das Cheninitzer Blatt hört, hat man für die „Leipziger Vdlkszciümg" 1800 und für den Braun- schtvciger„Volksfreunz' 1100 Abonnenten in Grotz- Berlin gewonnen. Räch dem Bericht für den Par- tcitag in Jena im Herdst 1913 hatte der„Vorwärts" am 31. März 1913 im ganzen 157 100 Abonnenten; im Jahre vor dem Äriege wurde stark über den Rückgang an Abonnenten des.Vorwärts" geklagt, dcch dürste er auch noch vor einigen Monaten mehr als 100 000 Abonnenten gehabt haben. Tie wcscntüchcn Angaben dieser Meldung sind in der I. K. der Presse übermittelt worden, wahrschein- lieh in höherem Auftrag der Müller, Fischer oder Ge- Nossen. Diesen edlen Borkämpsern sozialdemokratischer Grundsätze, diesen einzig wahren nnd berufenen Ver- tretern i>cr Aroeitcrimeressen, ist jedes Riitiel recht, die Berliner Genossen, die sich nicht vergewaltigen lassen wollen, herabzusetzen, ihren ehrlichen Kampf gc- gen Rechtsbruch und Gewaltstreich als wahnsinnige Zerstörungswut hinzustellen. Aber ihr unehrlich Spiel miiB durchkreuzt werden. Gerade eine Meldung, wie die obenstcbcndc, mutz die Berliner Parteigenossen und Parteigenossinnen zu verstärktem Widerstano heraus- fordern. Solange der„Vorwärts" in den Händen des Paricivorstanaes und seiner Kostgänger ist. solange die Müller. Stampfer usw. darin mit demagogischen Schlichen und Kniffen auf Bauernfang ausgehen, so- lange die Prestkommission als Vertreterin der Berliner Partciorganisationen unter Bruch des Parteistatuts vom Vorstände ausgeschaltet wird, solange mutz auch der Kampf gegen diesen„Vorwärts" durchgeführt wer- den. Eure Parteigegncr häufen zur Gewalt noch den Hob»! Gebt ibnen die rechte Antwort darauf, Partei- genossen! Ein ungeeignetes Objekt. Die Reichstagsersatzwahl inOschatz-Grimma hat mit einem Wahlsiege des bürgerlichen Kandidaten geendet. Da der sozialdemokratische Kandidat, Ge- nosse L i p i n s k i, erklärt hatte, daß er sich bei einer etwaigen Wahl der sozialdemokratischen Arbeits- gemeinschaft anschließen werde, wird jetzt in der Mchrheitspresse über die„Niederlage" dieser Arbeits- gemeinschaft orakelt. Der vermüllerte und ver- stampferte„Vorwärts", der jetzt aus jeder Blüte Ho- »ig sangen muß, um seine aus brutaler Gewalt be- ruhendes Dasein zu rechtfertigen, mimt den emsten Schulmeister. Das Voll hat nach seiner Meinung ein vernichtendes Urteil über die„Kreditverwcigerer" ge- sprachen. Das heißt nrit anderen Worten: Wenn einer von uns sozialpatriotischen Mehrhcitsleuten kandidiert hätte, wäre er sicher Sieger geblieben. Diese Verfech- ter einer den Tagesströmungcn Rechnung tragenden „Realpolitik" haben das A. B. C. sozialdemokratischer Grundsätze vollständig über Bord geworfen. Sie wissen nicht mehr, daß der Wahlkanrps nur ein Teil des großen proletarischen Befreiungskampfes sein kann, daß die Aufgabe des Sozialismus nicht allein aus der Froschspcrspektive kleinlicher Mandatsintercsscn betrachtet werden dürfen. Wie tief das sozialdcmolra- tische Ehrgefiihl bei den Leuten des Müller-Vorwärts schon gesuirken ist. das beweist sein Verhalten in der Kandidatenfrage für die Ersatzwahl in Köln, wo für den verstorbenen Genossen Hofrichter der eingeschworcne Mehrheitsjüngcr Merfeld aufgestellt worden ist. Hier hat das Zentrmn seine Zustimmung zu dieser Kandidatur gegeben, weil dieser Sozialdemokrat ausdrücklich alle Forderungen dos Zentrums, als da sind Kredit- bewilligung, patriotisches Verhalten und dergleichen mehr bereitwillig zu erfüllen versprochen hat. Und der Müller-Vorwärts gibt zu diesem Verzicht auf jede selbständige sozialdemokratische Kriegs- und Frie- dcnspolitik seinen väterlichen Segen. Wer die Wahl in Oschatz-Grimma nur vom Standpunkt reiner Mandatspolittk betrachtet, kann natürlich zu keinenr anderen Urteil kommen als der Vorstands-.Vorwärts". Wenn man dagegen die Um- stände in Betracht zieht, unter denen diese Kriegswahl vor sich ging, der wird trotz der zahlenmäßigen Nie- derlagc ein erfreuliches S i ch b e h a u p t e n der alten sozialdemokratischen Grundsätze erkennen. Und da Stampfer das Sichbehaupten draußen an der Front als Sieg bezeichnet hat, muß er diese Anerkennung auch für unsere innere Kampffront gelten lassen. Trotz der Schwierigkeiten der Wahlagitation unter Belagerungszustand und Zensur, trotz der großen Lücken in den Vollskieisen, die als sozialdemokratische Wähler in Be.racht kommen, durch Einberufungen usw. ist die Zahl der für Lipinski abgegebenen Stimmen erfreu- lich hoch. Der Wahlkampf in Oschatz-Grimma ist ein moralischer Sieg, der durch keine Kriegskonjunktur irre gemachten Sozialdemokratie, ein moralischer Sieg, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigt, für die Zeit, in der es keine Kriegspsvchoche, keinen Belage- rungszustand mehr geben wird, in der auch mit den „Realpolitikern" des Vorstands-.Vorwärts" gründlich abgerechnet werden kmrn. Kethman»s Kostgänger. Am 29. November konnte der Reichskanzler von Bethmann-Hollweg seinen 00. Geburtstag begehen. Im Vorstands-„Vonvärts" wird er bei dieser Gelegen- heit als der Kanzler der„Neuorientierung" gefeiert. Kein Wunder, denn auf Sem ach so unsicheren nnd sandigen Grunde dieses Kanzlcrwortcs erhebt sich das Luftschloß unserer Staatsmänner und Realpolitiker von der Mehrhcitsseite. Ihre Kricgspolitik hat sie mehr und mehr in Abhängigkeit von der Regierung Bcthmanns gebracht, eine Abhängigkeit, die bei man- chem, trotz mancher starken Worte über Nebensächliches, in Wnrdelosigkeit ausgeartet ist. Man mag der Persönlichkeit Bethmanns in dieser verantwor- tungsschwcren Völkerkrise noch so viel menschliches Verständnis entgegenbringen, als Staatsmann ist er für jeden ehrlichen Sozialdemokraten der Vertreter des kapitalistischen Militärstaates, der den großen Forde- rungen der Demokratie und des Sozialismus feindlich gegenübersteht und stehen muß. Daran ändern auch die kleinen Konzessionen, die dem Kriegszwang und dem KriegSzweck ihr Dasein verdanken, nicht das mindeste. Am wenigstens aber das bloße Versprechen einer „Neuorientierung", das auf tausend Widerstände stößt, die stärker sind als Bethmann-Hollweg, über dessen Amtsdauer ein der Volksvertretung unverantwort- lichcr Monarch zu entscheide» hat. Aber das ist eben der Fluch der Kricgspolitik der sozialdemokratischen Fraktionsmehrheit und des Parteivorstaudes, daß sie zu Vasallen der Regierung geworden sind, ja, daß sie sogar, wie das Beispiel des„Vorwärts"-Raubes zeigt, mit dem Kalb des Belagerungszustandes und der Zcu- sur pflügen müssen, um ihre realpolitische Herrlichkeit noch einige Zeit aufrechtzuerhalten. Wie weit das trauliche Verhältnis der Mehrheitssozialdemokraten zu Bethmann geht, zeigt die nachstehende Meldung, die anläßlich des Kanzlergeburtstages durch die bür- gerliche Presse ging, die aber der Vorstands- „V o r w ä r t s", der, wie er sich selbst bestätigt, einzig und allein, voll und ganz und unentwegt die Arbeiter- interessen wahrnimmt, seinen Lesern vorent- halten hat. Die Meldung lautet: Beim Reichskanzler fand gestern(Diens- tag, den 28. November) abend, neun Uhr, ei» par- lamcntarisches Esten statt, zu dem das Präsidium des Reichstages, die Parteiführer und die Mitglieder des Haushaltsausschusses geladen und— einschlietz- lich der Sozialdemokraten— erschienen waren. Unter den etwa fünfzig Herren, die an der Veranstaltung teilnahmen, befanden sich auch die Staatssekretäre und Unterstaatssekretäre, der Kriegsministcr, der Präsident des Kriegsernährungsamts und der Leiter des neuen Kriegsamts Ob bei diesem Essen Herr Scheidemann vom Reichskanzler Zwischen Fisch und Braten die von die- fem genialen Sozialdiplomaten so heiß ersehnte Auf- klärung über des Kanzlers Kriegs- und Friedcnsziele erhalten hat, können wir leider nicht verraten. Das arbeitende Volk aber mag sich angesichts die- ses Verhaltens seiner Führer mit Hamlets Worten trösten:„Fch esse Luft, ich werbe mit Ber- sprechunge« gestopft: Kapaunen kann man so nicht m ä st e n!" Da» Arbettsgesetz und- der Parteians schütz. In der Sitzung des Zentralvorstandes vom 24. November referierte Genosse Stadthagen über die Sitzung des P a r t e i a u s s ch u s s e s. Der Parteiausschuß sei plötzlich zum 23. November 2 Uhr zwecks Beratung über den Gesetzentwurf be- treffend„vaterländischen Hilfsdienst" einberufen. Die Sitzung habe um 4 Uhr begonnen und sei in Gemein- schaft mit einer Beratung der„sozialdemokratischen Fraktion" erfolgt. Die Arbeitsgemeinschaft habe keine Einladung erhalten. Genosse E b e r t habe die Sitzung mit einer Dar- legnng des Inhalts des inzwischen ja bekannt gcwor- denen Gesetzentwurfes eingeleitet. Er sei gegen eine Durchpeitschung. des Gesetzentwurfs im Reichstag. Auch müßten im Wege der ordentlichen Gesetzgebung Sicherheiten und Garantien zugunsten der Arbeiter gegeben werden. Die Regierung habe mit der G c n e- r a l ko m m issio n vor Einbringung der Vorlage verhandelt. Uebcr die Verhandlungen berichtete dann Genosse Bauer. Am Tage des Schlusses des Reichs- tags, am 4. November, seien sie zu einer Besprechung im Retchsamt des Innern zum 8. November eingc- laden, dort sei ihnen der Plan des Gesetzes dargelegt. Es hätten dann noch am 17. und 18. November eingehende Besprechungen mit der Regierung stattge- fanden. Sie seien in Gemeinschaft mit den Christ- lichen und Hirsch-Dunkerschen erfolgt. Gemeinschaft- lich hätten die Vertreter der Gewerkschaften dann ihre Forderungen zum Schutz der Arbeiter eingereicht. Diese seien im Prinzip von General v. Grüner ge- billigt, hätten aber zu ihrer Verwunderung keine Auf- nähme im Gesetzentwurf gefunden. Auch sei ihnen zugestanden, daß der Borsitzende der Metallarbeiter, Genosse S ch l i ck e, ins Kriegsamt berufen würde. Die Garantien seien im wesentlichen enthalten in den am 24. November im Haushaltsausschuß cingcbrach- ten Anträgen Bauer, Becker, Behrens, Gicöberts, Legien. Sie verlangen im wesentlichen: Befreiung der Gewerk schaftsan gestellten vom Gesetz durch Gleichstellung der gewerkschaftlichen Organisa- tioncn mit vaterländischem Hilfsdienst, Einführung eines Beirats für das Kriegsamt, Arbeiter- ausschüssen, gewählt von allen Arbeitern und Arbeiterinnen über 18 Jahre zur Verhandlung über die Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen sowie über Beschwerden. Wird ein Einvernehmen nicht erzielt, so solle ein Einigungsamt ent- scheiden, das aus je 3 Zlrbeitgebern und Arbeitnehmern bestehen solle. Ein Schiedsgericht sähen die Vorschläge ferner vor und zur Entscheidung über arbeitstechnische und allgemein wirtschaftliche Fragen einen Ausschuß aus einem Offizier als Vorsitzen- den, 2 Staatsbeamten und je 2 Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Das Vereins- und Versa mm- lungsrecht der Arbeiter dürfe nicht beschränkt werden. Die außerhalb der Heimat Beschäftigten soll- ten eine Familienzulage erhalten, arbeitslos werdende Arbeitslosen unter st ützung. Be- freiung von der Rcichsversicherungsordnung solle un- zulässig sein. In der Diskussion in der gemeinsamen Sitzung von Parteiausschuß und Fraktion haben sich eine Reihe Redner gegen das Gesetz ausgesprochen: andere, so Bauer, Schöpflin und Brey, sprachen für dasselbe falls die Anträge der Gewerkschaften Annahme fänden. Stadthagen sei der Ansicht, die„Garantien" reichen keineswegs aus. Das Gesetz sei das schlimmste, das je gegen die Arbeiter vorgelegt sei. Ihnen würden alle Rechte, insbesondere das Selbstbestimmungsrecht, das Koalitionsrecht, die Freizügigkeit genommen. Es wirke lohndrücleud gegen die Arbeiter, profitvermch- rcnd für die Kriegsindustrie und dem Großgrund- besitz. Das Gesetz bedrohe auch mit der Anwendung der Äriegsgcsetzc gegen sie. Die Wirkung des Ge- setzcs würde auch eine politische Entrechtung der Ar- bcitcr sein und die Möglichkeit schaffen, gegen politisch Mißliebige ebensolchen Mißbrauch zu treiben, wie mit der Schutzhaft. Bürden auch wirkliche Garantien auf dem Papier gegeben— die Antrüge der Gewerkschaf- ten seien völlig wirkungslos— und würde auch ohne Maximalarbeitszeit von 8 Stunden eine Verstaatlichung der Rüstungsindustrie und anderes zum Schutze der Arbeiter vorgeschrieben, so käme doch alles auf die Ausführung an. Tie Gewcrkschaftsanträge beseitigen keineswegs die Wirkung, daß durch das Gesetz für Großgrundbesitz der Krieg zu einem beson- ders profitablen Geschäft gemacht würde. Der vor- geschlagene Frondienst treffe in der Hauptsache die Arbeiter. Die Wirkung des Gesetzes würde eine Ver- längerung statt einer endlichen Beendigung des Krieges im Gegensatz zu der Ansicht setner Besür- worter herbeiführen. Deshalb sei er grundsätzlich für Ablehnung der Vorlage. In diesem Sinne habe sich F l c t ß n c r im Ausschuß für die Opposition im Parteiausschuß ausgesprochen. Betont sei dort auch: der Arbeiter stehe stets in wirtschaftlichem Zwang. Wolle man mehr Arbeltslcistiingen, so könne man diese durch bessere Ernährung, Einführung der Acht- stnndenzeit als Maximalzett»nd günstige Lohnbedin- gungen leicht schaffen. Die Erfahrungen in Textil- und Schuhindustrie zeigen, daß man die Not der Arbeiter schon jetzt zu Lohndruck schlimmster Art anwende. Das Gesetz erhöhe diesen Druck und übe ihn auch auf die setzt beschäftigten Arbeiter aus. Das Gesetz sei gruno- sätzlich zu �kämpfen. Eine Abstimmung habe im Parteiausschuß nicht stattgefunden. Genosse Eberl habe im Schlußwort seine Auffassung über die Stim- mung der Versammlung ausgedrückt: Das Gesetz sei so, wie es vorliege, unannehmbar. Zur Wahrung der wirtschaftlichen und rechtlichen Interessen der Arbeiter seien gesetzlich festzulegende Garantien er- forderlich: die endgültige Stellung werde von der Ge- sialtnng deö Gesetzes abhängen. In nächster Zeit solle der Parteiansschuß's» einer Sitzung mit der Tages- orduung„Die Situation in der Partei" einberufen werden. In öcr Diskussion sprachen sich alle Redner im Sinne des Referenten aus. Stadthagen ermähnte noch, die Fraktion der Arbeitsgemeinschaft habe noch nicht Stellung nehmen können, da sie erst am 2ö. zur Frattionssitzung zusammenkommen könne. Er zweifle nicht daran, dag sie einmütig das Gesetz verwerfen und durch Anträge versuchen werden, wenigsten die schlimmsten Wirkungen des Gesetzes zu beseitigen. In diesem Sinne hat die Fraktion auch in ihrer Sitzung am 25. November beschlossen. Di- Politik des Als ob. Genosse Eduard Bern st ein macht in der T.'zi.ildemokratischen Auslandskorrespondenz folgende beachtenswerte Ausfuhrungen: Wie sich die Politik der offiziellen Leitung der deutschen Sozialdemokratie herausgestaltet hat, das kann man mit Fug als die Politik des opportu- nistischcn Als ob bezeichnen. Diese Politik arbeitet immer mehr mit Fiktionen einer gewollten Be- grenzung des Erkennens, zu denen man seine Zuflucht nimmt, weil man nicht sehen will, was i st, weil man es für zweckmäßiger findet, den Tingen nicht aus den Grund zu gehen oder sogar sie bc- wüßt in einem anderen Lichte darzustellen als der Wirklichkeit entspricht. Mit krasser, ja man kann sagen, mit grauen- hafter Deutlichkeit zeigt sich das an den Tänzen, die im gegcnivärtigen Augenblick Philipp Scheidemann um Herrn v. Bethmann Hollwcg herum vollzieht. Ich will ihm die ehrlichen Absichten nicht bestreiten, es ist immer richtiger, der Kritik einer Politik die günstigsten Annahmen für die Absichten ihrer Verfechter zugrunde zu legen, als ohne weiteres auch die Absichten in Frage zu stellen. Also mag Scheidemann die besten Absichten haben, wenn er bald vor, bald hinter dem deutschen Reichskanzler einhertänzclnd, so tut, a l s o b dieser in bezug auf die Kriegszielc ihm und der Sozialdemokratie näher stehe als den eigenen Partei- und Klassengenossen, so bleibt dieses Spiel darum doch ein ebenso verwerfliches wie es seinen Ztveck not- »vcndig verfehlen muß. Man vergegenwärtige sich die Borgänge. In Bres- lau hält Scheidemann im Frühjahr eine Rede, worin er als quasi in die Absichten des Kanzlers Einge- weihtet verkündet, dieser sei ein Gegner von Annen- onen. Sofort rust ihn, der Kanzler durch den Mund der offiziösen„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung� zu: „Grundfalsch. Der Kanzler hat sich im vertrauten Kreise gegen maßlose Annerionspläne ausgesprochen, aber das bedeutet noch lange nicht das, was Herr Scheidemann unterstellt." Das war, sollte man mei- neu, eine sehr deutliche Abweisung. Statt sie sich aber zur Lehre dienen zu lassen, führt Scheidemann den umgekehrten Faust aus. Aus das„Du gleichst den, Geist, den du begreisst, nicht mir," tautet seine Antwort:„Erhabner Geist, wie nah fühl ich mich dir." Oder, etwas derber ausgedrückt:„Du willst mich ölos Unter den Linden nicht kennen, kleiner Schäker, in» Känunerlein verstehen wir uns schon." Er tischt am 11. Oktober im Reichstag die zurückgewiesene Behaup- tung in einer neuen Formel auf, und weil er es in einer Rede tut, die dem Kanzler sonst sehr angenehm ist, schweigt dieser. Darob großer Jubel: der Kanzler hat geschwiegen, also bat er zugestimmt. Ebedcmnann- ten wir in der Sozialdemokratie diese Folgerungs- weise Bedientenlogik und forderten klare unzweideutige Erklärung. Jetzt ist man mit Schweigen zufrieden, das um so vieldeutiger ist, als es auch auf Erklanm- gen von Konservativen bezogen werden konnte, die genau das Gegenteil der Scheidemannschen Formel besagten. Also Jndianertanz. Indes, es kommt der 9. November heran. Von einem Abgeordneten gestellt, erklärt der Kanzler im Hauptausschuß des Reich-tags, er müsse sich ausdrücklich dagegen verwahren, daß fem Schweigen zu den Ausführungen Scheidemanns als Zustimmung gedeutet werde. Er halte alles ausrecht, was er seinerzeit über die Notwendigkeit realer Garantien im Osten und Westen gesagt. Run sollte man meinen, daß jetzt endlich das Spiel aufhörte. Aber nein, die Politik des Als ob läßt von ihrer Fiktion nicht ab.„Ich lasse mir das Recht nicht nehmen," erklärt Scheidemann im„Vor- ivärts" vom 19. November,„Folgerungen zu ziehen, die nach meiner Ueberzeugung gezogen werden müssen, wenn man die Ausführungen des Kanzlers loyal auslegen will." Ausführungen loyal aus- zulegen ist kein beliebiges Recht, sondern eine Pflicht, aber eine Pflicht im vorliegenden Falle nicht nur gegenüber dem, der die Ausführungen ge macht, sondern mehr noch gegenüber der O e s f e n t l i ch k e i t. Diese, und insbesondere die Partei, zu deren führenden Mitgliedern Scheidemann gehört, hat ein Recht, von ihm zu verlangen, daß, ivcnn er sich über den Sinn von Erklärungen des Kanzlers äußert, er nicht über Sätze hinwcgvoltigiert, die mit dem in direktem Widerspruch stehen, was er ihn sagen lassen möchte. Tatsächlich hat der Kanzler es vermieden, hinsichtlich Belgiens so bestimmte Erklärungen abzu- geben, daß man aus ihnen mit absoluter Sicherheit folgern kann, welches seine positiven Absichten und Forderungen in bezug auf Belgien sind. Das be- greift man aus seiner Stellung; tvcnngleich gerade wir als Sozialdemokraten uns nicht dabei beruhigen dürfen. Der Kanzler will sich bzw. der Regierung freie Hand vorbehalten, erstens mit Rücksicht auf die Entwicklung der Kriegslage und zweiten- mit Rücksicht aus die Druckkraft der maßgebenden Elemente ini eigenen Land. Welches die An- und Absichten derjenigen Parteien sind, welche die Forderungen der Oberen ini Deutschen Reiche widerspiegeln, hat sich in der Sitzung des Hauptausschusses des Reichstags vom 9. November mii vollster Deutlichkeit gezeigt, und der Kanzler hat sich nur dagegen verwahrt, daß man aus seinem Schweigen seine absolute Zustimmung zu den betreffenden Ausführungen des Grafen Westarp usw. folgere. Mit viel größerem Recht als Scheidemann könnte daher der Gras Westarp auf den Kanzler sich sttr seine Ziele hinsichtlich Belgiens berusen. Aber dazu ist der Führer der Konservativen, das muß ihm auch der Gegner zugestehen, zu stolz. Er stellt seine Forderung aus und vertritt sie mit Kraft, gleichviel wie der Kanzler verstanden sein möchte. Er spielt nicht den Herold des Kanzlers, wo er weiß, daß er auf diesen nicht mit Sicherheit rechuen kann. Er täuscht seine Mannen nicht, sondern macht sie scharf zur Ber- sechtung derjenigen Politik, die ihren Grundsätzen entspricht. Wie kläglich sticht dagegen die Politik des Als ob ab, deren Posaunenbläser Zcheidcmann ist. Mit der Fiktion vom Kanzler, der„nichts von Belgien will", hat sie sich zum Gefangenen des Kanzlers ge- macht, statt die ganze Kraft der Sozialdemokratie für die demokratische Politik mit Bezug auf Belgien ein- zusetzen, die allein ihrer würdig ist und dem m o r a- l i s ch e n wie dem materiellen Interesse des deutschen Volkes einzig und allein entspricht. Wo die Partei, soweit sie durch die alte Fraktion ver- treten ist, heute ernsthaft kämpfen müßte, treibt sie Spiegelfechterei. Wohl hat Schcidemann vor einigen Wochen im„Vorwärts" Wotte vernehmen lassen, die wie Trohmtg mit bitterer Gegnerschaft aussahen, falls der Kanzler nicht so handele, wie er solle, und Fernerstehcnde haben das einen Augenblick für bare Münze genommen. Aber sie sind schnell eines ande- ren belehrt worden. Da die Drohung nur auszu- führen war, wenn man die Fiktionen fallen ließ, auf die die bisherige Politik der Fraktion sich gründete, man aber nicht den Mut hat, mit jenen Fiktionen zu brechen, bleibt es bei der jammervollen Politik des „Als ob". Und zu welcher kläglichen Rolle die Sozialdcmo- kratie sich bei ihr verurteilt sieht, verrät unter anderem eine Rotiz in der Rummer des„Vorwärts" vom-20. November. Sie ist gegen die Pariser„Humanitö" ge- richtet, welche die Absichten Deutschlands in bezug aus Belgien gemäß den Erllärungen der Mehrhcb.s- Parteien des Reichstags besprach, und gipfelt in dem Satz: „Die„Humanite" weiß genau, daß ihre ganze Position mit einem Schlage z u s a m m c n b r ä ch c, wenn sie sich nicht mehr auf Gröber als authen- tischen Ausleger der Kanzlererklärung berufen könnte, sondern zugeben müßte, daß Scheide- manns Auslegung die richtige ist." Fst eine Haltloscrc Sprache möglich? Der„Vor- wärts" wagt nicht zu sagen, daß der Zentrumsmann Gröber, der sagte, daß Deutschland Belgien militärisch, wittschaftlich und polittsch in der Hand behalten, d. h. zu seinem Hörigen machen müsse, die Kanzlererklärung nicht au hentischcr auslegt als Scheidemann, er sieht sich nicht einmal in der Lage zu behaupten, daß die „Humanite" zugeben muß, Scheidemanns Auslegun>g sei die richtige und behält nur zuletzt die Form der positiven Aussage sür seine Fiktion bei. Ter Satz ist so aus lauter Widersprüchen zusammengesetzt, das rechte Produkt der inneren Widersprüche der ganzen Politik der gegenwärtigen Parteileitung der deutschen Sozialdemokratie. Aus welchem Punkt man diese Politik uiucrsucht, überall wird man auf das Abtveichcn oder Abrutschen Von den alten Grundsätzen und den besten Neberliefc- ruugen der Sozialdemokratie stoße». In keiner Frage vielleicht schmählicher als in der Frage Belgien. Selbst die dänische Sozialdemokratie nicht ausgenommen, die unserer Partei doch so vieles nachsieht, gibt es keine einzige Sektion der sozialistischen Internationale, in der man nicht über das Vcrhaltcil unserer Partei in dieser Frage entsetzt oder entrüstet wäre. Der Ge- schwätzigkeit, wo man Ursache hätte zu schweigen, ent- spricht das Schweigen, wo es die Pflictn wäre, laitt zu reden. Je mehr die Politik des opportunistischen Als ob regiert, um so mehr verliert die Partei ihre alte, kühne und edle Sprache. Im Reiche der politischen Fiftionen gibt es kein politisches Gewissen. Aus der Geschichte der Berliner Opposition. Die tiefgehenden Auseinandersetzungen in der Gesamtpartei und die Berliner Parteivcrhältnissc im besonderen, rufen Erinnerungen der Vorgänge wach, die jetzt für weitere Parteikreise von Interesse sind. Eine gewisse Aehnlichteit mit den heutigen Differen- zen, wenn auch nicht so tiefgehender Natur, haben die Vorgänge in der Berliner Parteibewegung von vor 25 und 20 Jahren. Das Sozialistengesetz war im Jahre 1890 gefallen. Die Partei konnte sich öffent- lich wieder betätigen. Weite Parteikreise wendeten sich mit positiver Entschiedenheit gegen eine Politik, die ihrer Meinung nach eine Oportunitätspolitik sei, und verlangten eine entschiedene, von sozialistischen Grundsätzen getragene proletarische Politik der Reichs- tagsfraktion. In Berlin kamen diese Meinungen in verschiedenen Versammlungen zum Ausdruck. Schließ- lich fanden sich eine Anzahl in der Berliner Bewc- guug tätigen Genossen zusammen und veröffentlichten ein Flugblatt, in dem sie ihre Ansichten niederlegten. DaS Flugblatt lautet: An die sozialdemokratischen Parteigenossen Berlins. Motto: Erinnere dich, mein Sohn. daß mau begeistert sein muß um große Dinge zu vollbringen. St. Simon. Eine Anzahl Genossen aus allen Berliner Reichs- tagswahlkreisen, welche unter dem Sozialistengesetz keine Gefahren und Opfer scheuten, um die Ideen der Sozialdemokratie unter der Arbeiterbevölkeruna zu verbreiten, und denen neben der siegreichen Macht dieser Ideen selbst, die heutige Stärke der Partei wesentlich zu verdanken ist, kann es nicht länger mit auseheif, wie der revolutionäre Geist dieser Bewegung seitens einzelner Führer systematisch ertötet wird. Es wäre Verrat an der uns heiligsten Sache, wenn wir noch länger müßig zusehen wollten, wie die Diktatur jedes demokratische Denken und Fühlen er- sticki— wie die ganze Bewegung immer mehr ver- flacht und schon jetzt zur puren Reformpartei klein- bürgerlicher Richtung herabgesunken ist— wie die Revolution von der Tribüne des Reichstages herab feierlichst abgeschworen wird, und täglich alles ge- schieht, um einen Ausgleich zwischen Proletariern und Bourgeois herbeizuführen. Wenn Lassalle und Lieb- knecht damals Recht hatten, als sie von der Fort- schrittspartei behaupteten, daß sie sich während der preußischen Konfliktszcit totgeredet habe, dann trifft dies auch heute wieder auf die sozialdemokratische Reichstagsfraktion zu. Wir wenden uns mit diesem Flugblatt hanptsäch- lich an die überzeugten und zielbewußten Genossen, und erst in zweiter Linie an diejenigen, welche es nur dem Namen nach sind. Und da möchten wir die erstercn hier gleich zu Ansang fragen: „Wer von Euch fühlt heute noch die glühende Begeisterung in sich angesichts der sogenannten Arbeiterschntz- und Versicherungsanträge, welche uns vordem alle Hindernisse überwinden half und uns trotz unserer geringen Anzahl der Regierung und übrigen gcsetzmachenden Gesellschaft oft so furchtbar erscheinen ließ?" „Aber"— hören wir manche sagen—„im Jnter- esse der Partei muß jeder Genosse der Majorität sich unterordnen, auch wenn diese Majoritätsbeschlüsse der eigenen Ansicht schnurstracks entgegenstehn!" Diese Anficht ist grundfalsch und muß schließlich zur politischen Korruption führen. Die Majorität einer politischen Partei ist sehr oft eine rein zufällige inid setzt sich, auch bei der Sozial- demokratie. namentlich seit den letzten Wahlen, aus den verschieöensten Interessengruppen zusammen. Majoritätsbeschlüsse kommen daher fast immer mit Rücksicht auf andere Parteien und Gesellschaftsklassen zustande, und haben sehr oft mit den Prinzipien der eigenen Partei nicht nur sehr wenig gemein, sondern sie laufeil diesen Prmzipten öfter schnurstracks zuwider, und ebnen so den Bode« einer Schwenk«»« nach rechts, die leider von de» meiste« erst dann bemerkt wird, wenn sie vor der vollendeten Tatsache stehe«. Der Sache selbst schadet man aber nicht, wenn man die Parteileitung und die nach unserer Ansicht falsche und verkehrte Taktik der Partei bekämpft. Die Disziplin wird bedingt durch die Organisa- tion: über beiden aber mutz für jeden Parteigenossen in erster Linie das Prinzip, die Idee des revolutio- nüren Sozialismus stehen. In den meisten Fällen hat nun der Sozialismus und auch die Demokratie fast nichts geneein mit dem, was unsere Vertreter im Reichstage den herrschenden ftlassen abdtsputieren wollen, wie wir weiter unten beweisen werden. Die sozialdemokratische Bewegung in Deutschland ist von Anfang an eine durch und durch revolutionäre und proletarische gewesen, der gegenüber alle übrigen Ge- sellschaftsklassen als die„Eine reaktionäre Masse" noch bis vor ganz kurzer Zeit von jedem Parteigenossen bezeichnet wurden. Deshalb ist jeder Versuch, diese von Ratur rein proletarische Bewegung, mit Rücksicht auf das mittlere und Kleinbürgertum, weniger revolutionär erscheinen zu lasse», ein Verrat an der Sache des Proletariats. Dieser Vorwurf kann durch keinerlei Gründe wie „Verbreitung der sozialdemokratischen Ideen" beseitigt werden, weil wir ganz genau wissen, dast in oben genannten Gesellschaftskreisen nicht die Ideen des demokratischen Sozialismus es sind— wenn sie überhaupt gepredigt werden—, welche den Bauer und Kleinhandwerker usw. bestimmen, bei der Wahl einem Sozialdemokraten seine Stimme zu geben, sondern es entspricht einfach dem Jntercssenstandpunkt jener Leute, die sich bedrückt und geknechtet fühlen, und daher glauben, das; die Sozialdemokraten doch eigent- lich weniger Rücksicht auf Regierung und Geldprotzen- tum zu nehmen brauchen und der Sozialismas vor- läufig noch in weite Ferne gerückt fei. Den Industriearbeitern und wirklichen Sozial- demokraten kann es demnach ziemlich gleichgültig sein, ob bei der Reichstagswahl in Hinterpommern JjlW oder 10U0 Stimmen für uns abgegeben werden,' einmal, weil eo falsch ist, die vorgeschrittene Arbeiter- schast auf die Bekehrung der zurückgebliebenen Län- verstriche zn vertrösten, und zum andern, weil es ein Betrug wäre, wenn man die Genossen glauben zu machen versucht, oast innerhalb der heutigen Gesell- schast mit Hilfe des Parlamentarismus, durch Majo- rnätsbeschlüffe die Sozialisierung der verschiedensten Klaiieir herbeizuführen sei. Die soziale Revolution wird dort entschieden, wo sie zuerst begonnen hat,' in den Industriezentren, wo die Proletarisierung schon seit sto Jahren mit Riesenschritten vorwärts schreitet, unbekümmert um die Zu- stimmung der für alle Zukunft indifferenten Land- bevölkcrung. Ein ebensolcher Unsinn ist es auch, das Volk glau- ben zu machen, daß den Königen ihr Handwerk schliesslich zu schwer werden konnte und dieselben eines Tages erklären würden, dass auch sie auf ihre Vor- rechte freiwillig verzichteten. Wo das bisher wirklich geschah, da geschah es zugunsten des Kronprinzen oder auch eines anderen Bevorrechtete», um dem Volk T-?nd in die Augen zu streuen und Hoffnungen zu erwecken, die sich niemals erfüllten. Ebenso verhält es sich mit dem„Hineinwachsen" der heutige» Gesellschaft in den sozialistischen Staat, der ohne jede Betriebsstörung alsdann über Nacht nur proklamiert zu werden braucht und in England eigentlich schon heute proklamiert werden könnte. Die- jenige», welche solchen Blödsinn in die Menge schleu- dern, hätten wirklich kein Recht, von politischen Kinds- köpfen zu sprechen und zu schreiben. Sie selbst sinst weit schlimmeres als das. Wir sind daher der Ansicht, daß es an sich schon taktisch falsch ist, wenn eine Zentralstelle die Haltung der Genossen an den verschiedenen Orten in allen Dingen zu bestimmen hat. Es ist ganz undenkbar, da» die Genossen in Berlin und anderen Industrie- städten, denen der Sozialismus schon seit 30 Jahren gepredigt wird, nur der Parteidisziplin wegen, in allen taktischen Fragen Rücksicht auf das zurückgeblie- bene Dorf und den an seine Scholle gefesselten Bauer zu nehmen gezwungen sind. Hier, wo der Kampf ums Dasein auf deni Schlachtselde der Industrie tag- lich Hunderte von Menschenleben fordert, die durch Arbeitslosigkeit, Ueberanstrengung, Rot und Elend und alle damit verbundenen Begleiterscheinungen laugsam dahinsiechen und vor der Zeit zugrunde gehen — hier rechnet man nicht,— sondern man fühlt instinktiv, da» etwas anderes als bisher geschehen mu», wenn nicht Verzweiflung in den Reihen der be- währtesten Kämpfer Platz greisen soll. Wir können auch nicht verstehen, da» alljährlich nationale und internationale Kongresse mit schweren Opfern zustande kommen, nur um die dort gefaßten Beschlüsse bei der ersten Gelegenheit unter irgend- einem Vorwand wieder umzustoßen, wie dies mit der Maiseier schon zweimal geschah und mit dem Ver- halten bei Stichwahlen usw. schon öfter. Als die Partei noch jung war und nur ans Prole- tarier« bestand, da wäre eine Taktik wie die heutige ganz unmöglich gewesen. Die einfache Tatsache, da» diese Taktik dennoch möglich ist, beweist schon allein, daß die Partei aus Elementen sich zusammensetzt und geleitet wird, die zum Teil ganz andere Ziele verfolgen, keinesfalls aber indentisch sind mit jenen, die Gut und Blut ihrer Ueberzeuguug zu opfern stets bereit waren und noch sind. Was nun die Zweckmäßigkeit des Parlament«- rismus betrifft, der heute das Mädchen für alles ist, so deckt sich auch heute noch unsere Ansicht darüber mit der des Genossen Liebknecht, welche derselbe in seiner Broschüre:„Die politische Stellung der Sozial- demokratie" festgelegt hat und die wir hier wörtlich folgen lassen. In bezug auf den Reichstag schrieb Liebknecht damals, es war im Jahre ISM, unter anderem folgendes: „Einen direkten Einfluß auf die Gesetzgebung kann unser Reden nicht ausüben. Den Reichstag können wir durch Reden nicht bekehren. Durch unser Reden können wir keine Wahrheiten unter die Massen werfen, die wir anderweitig nicht viel besser bereiten könnten. Welchen praktischen Zweck hat also unser Reden im Reichstag? Keinen, ttnd zwecklos reden ist Toren Vergnügen. Nicht Ein Vorteil! Und nun auf der andern Seite die Nachteile: Das Prinzip geopfert, der ernste politische Kampf zur parlamentarische« Spiegelfechterei herabgewürdigt, das Volk zu dem Wahn verführt, der Bismarcksche Reichstag sei zur Lösung der sozialen Frage berufen.— Und wir sollen aus praktischen Gründen parlamentieren? Nur der Verrat und die Kurzsichtigkeit kann es unS zumuten." Und an einer andern Stelle schreibt Liebknecht: „Der Sozialismus ist keine Frage der Theorie mehr, sondern einfach eine Machtfragc, die in keinem Parlament, die nur auf der Straße, auf dem Schlachtfelde zu lösen ist, gleich jeder andere« Machtfrage." Damit vergleiche man nun die jämmerlichen Gesetzentwürfe und die kläglichen Neichstagsredeo> welche die Fraktion und Liebknecht mit, inzwischen verbrochen hat. Aus was ist nun diese, für jeden sichtbare Schwen« kung zurückzuführen? Die Führer sagen, daß sie bei ihrem Borgehe« Rücksicht aus daS Kleinbürgertum usw. zu nehme« gezwungen seien, um die Partei zu einer volkAtüm» lichen zu machen und die breite Maffe hinter sich zu haben. Wir aber sind der Ansicht, daß man mit dieser breiten Masse nur sich selbst und andere täuscht. Die Masse wird im gegebenen Augenblick ebenso rasch abfallen, wie sie gekommen ist, weil ihr nicht mehr wie alles fehlt, was eine sozialdemokratische Gesellschaft bc- seclen muh. Die Maffe kann schliesslich jeder haben, der es versteht, sich überall den Verhältnissen anzu- passen, wie die antisemitische Agitation dies auf das Deutlichste beweist. Deshalb i st auch die neue Taktik in dieser Hinsicht nichts weiter, als ein Kompromiß in i t der Masse, ans Kosten des Prinzips. Wir alle glaubten, daß nach dem Aufhören des Tozialisieugesehes und dem Einzug von 33 Sozial- demokraten in den Reichstag die Agitation prinzi- picllcr betrieben und die Gesetzentwürfe und Anträge unsererseits weiter als bisher gehe« mnßten, und das gerade Gegenteil trat ein. Nach dem Entwurf unserer Fraktion soll der 8 stiindige Arbeitstag erst mit dem Jahre l8!)8 Ge- setzeskraft erlangen, trotzdem auf dem internationalen Kongreß in Paris 1889 beschlossen wurde, daß der 8 stündige Arbeitstag schon jetzt überall von der Gesetz- gcbung zu fordern sei. Wie verträgt es sich aber ausserdem mit der Demokratie, daß der Reichstag im Jahre 1890 etwas beschließen und zum Gesetz erheben soll, was erst im Jahre 1893 Gesetzestrast erlangt? In unserem Programm fordern wir alljährlich Reu- wählen und halten eö für unstatthaft, daß die jewcili- gen Vertreter des Volkes irgend etwas festlegen, was erst zu einer Zeit zu Recht bestehen soll, wo unter Umständen bessere oder auch schlechtere, jedenfalls aber andere die Vertretung ausüben. Wie verträgt es sich serner mit der Demokratie, wenn im Reichstage seitens unserer Fraktion bei Beratung der Gewerbe- Novelle der Antrag gestellt wird, daß das Einbeziehen verschiedener Gewerbe unter dieses Gesetz durch Kabinetsordrc, also den Kaiser persönlich, geschehen soll, und nicht durch den Reichstag oder der Zustim- mung desselben? Feind des Militarismus in jeder Form, verstieg sich dennoch Bebel im vorigen Jahre so weit, daß er der Regierung seine Unterstützung versprach, wenn sie in Anbetracht des rauchlosen Pulvers, anstatt der bisherigen blanken Uniform ganz schwarze Uniformen anschaffen wollte, was er später damit rechtfertigte, dass ja auch diese verminderte Treffsicherheit des Feindes den bei der Armee sich befindenden Gennssen zugute käme. Wer so argumentiert, kann schliesslich alles rechtfertigen. Auch die Junker behaupten, daß die hohen Getreidepreise dem landwirtschaftlichen Ar- beiter an seinem Lohne und somit dem Volke zugute kämen. Wenn die Regierung etliche hundert Millio- neu zum Kasernen- und Fcstungsbau verlangt, dann behauptet auch sie, daß dadurch Arbeitsgelegenheit geschaffen würde und der weitaus größte Teil dieser verlangten Summen doch wieder in die Taschen der Arbeiter zurückfließe. Dasselbe behauptet der Züuft- lcr, wenn es sich um öfsentliche Arbeiten handelt, gleichviel welchem Zweck sie dienen. Das höchste in dieser Beziehung leistete in den letzten Tagen der ehemals als radikal bekannte Abgc- ordnete v. Bollmar. Wenn die Regierung nun immer noch kein Einschen hat und dem, mit unstreitig staats- männischem Talent ausgestatteten Genossen den Mar- schallstab nicht verleiht, dann hat er sich sicher das erste Anrecht aus das Zunächst frei werdende Minister- Portefcuil durch seine Münchcner Rede vom Montag, den 1. Juni erworben. Nicht bloss die Rational- liberalen und Freisinnigen, auch wir haben jetzt unser» Staatsmann. Und da tut man noch empört, wenn wir von Korruption sprechen? Das Wort ist viel zu gut, denn die Handlungen Einzelner grenzen nahezu an Verrat. So hat sich auch die Agitation gegen die Getreide- zolle durch nichts von dem, wie die Freisinnigen die I Aufhebung begründen, unterschieden. i Mit keiner Silbe wurde der einzig richtige Stand- punkt, den schon Karl Marx 1849 in seiner Brüsseler Rede vertrat, von unseren Abgeordneten erwähnt. Die Agitation zum Reichstag und allem, was da- mit zusammenhängt, welche bisher stets als Mittel zum Zweck betrachtet wurde, ist jetzt Selbstzweck ge- worden, und dies alles bloß, um das Linsengericht eines sogenannten Arbeiterschutzgesetzes, das viel eher ein Schutzgesetz der Unternehmer genannt zu werden verdient und durch den neu hinzugekommenen Kon- traktbruchparagrapheu all die sogenannten Vorteile, welche dem Arbeiter scheinbar aus dem übrigen Gesetz erwachsen, zehnfach wieder aufhebt. Der praktische Erfolg steht also durchaus in gar keinem Verhältnis zu den Opfern, welche die Partei deshalb zu bringen verpflichtet ist. Nicht Unehrlich- keit werfen wir aber deshalb den Führern vor, son- dern allzu grosse Rücksichtnahme auf alle möglichen Machtsaktoren, hervorgegangen aus der veränderten Lebensstellung und der zu geringen Fühlung mit dem Proletarierelend, dem Pulsschlag des gequälten Volkes. Wer aber bis jetzt immer noch hoffte, daß die Taktik sich bald ändern könnte, den dürften die Aus- lassungen Bebels, sowie seine eigene Kriegserklärung an alle diejenigen, welche in Zukunft nicht Ordre parieren, in der Fecnpalast-Versammlung vom Frei- tag, den 3. Juli, eines besseren belehrt haben. Betreffs der allgemeinen Feier am 1. Mai wußte auch Bebel diesmal nichts weiter anzuführen, als daß jedenfalls iusvlgcdesscn noch heute 10 900 keine Arbeit hätten, wenn die Fraktion nicht noch recht- zeitig erkannt, dass bei der eingetretenen Krisis eine Kraftprobe der Partei nicht angebracht sei. Verhält sich denn das aber wirklich so, oder leidet auch diese an demselben Grundfehler wie alle übrigen oben an- geführten Maßnahmen der Partei? Das Unter- nehmertum hat ichvn immer, wo es sich stark genug fühlte und Zeit und Umstände günstig waren, fach- gewerbliche und politische Organisationen der Ärbei- ter zu sprengen versucht und jeden überzeugnngs- treuen Arbeiter zu maßregeln verstanden, lange bevor der 1. Mai als ein gegen das Unternehmertum gerich- teter Weltseiertag vom internationalen Kongreß pro- klamiert war. Wenn man aber zugibt, daß das Unternehmertum stark genug ist, um bei einer derartigen Kraftprobe des Proletariats Hunderttausende von Arbeitern auf das Pflaster zu werfen, dann ist es sicherlich auch stark genug, unter den gleich günstigen Verhältnissen jede Beteiligung an dieser Demonstration überhaupt in gleicher Weise zu ahnden, auch wenn dieselbe auf einen Sonntag füllt, da die Bedeutung ja dieselbe sein soll. Aber auch die Demokratie bekam von Bebel in dieser Versammlung einen so derben Faustschlag ins Gesicht, daß wir noch jetzt nicht begreifen können, wie ein Mann an einem Abend, ja in einer Stunde alles das zertrümmern kann, was er seit 23 Jahren selber mit aufgebaut und in Wort und Schrift so tapfer und energisch vertrat. Eine eigene Partei sollen diejenigen sich grihidel� welche nicht blindlings mit allem einverstanden siud, was die Parteileitung für gut befindet. Ist denn das nicht die Regierung in einer anderen Form? Glaubt denn auch Bebel heute schon, dass er die Unzufrieden- heit wird beseitigen können, wenn er einige Wort- führer dieser Unzufriedenen beseitigt? Wir sind heute, was wir vor 10 und 13 Jahren, schon waren, und werden auch in Zukunft dasselbe fein: überzeugte Sozialisten und wirkliche Demo- kratcn. Wir betrachten uns nach wie vor zur svzialdcmo« kratijchcn Partei gehörig und lassen uns weder von den Leitern unserer Partei, noch von sonst jemand zu etwas drängen, was gegen unsere Uebcrzeugung streitet. Auch liegen zivischeu dem Reichstag und der Revo- lution auf dem Gendarmenmarkt noch mehrere Mittel- straßen, welche nach unserer Ansicht rascher zum Ziele führen. Trotzdem wir schließlich auch vor der äußer- Pen Konsequenz des einmal für richtig Erkannten nicht zurückschrecken würden, trotz aller demagogischer Verhetzung und Angstmeierei. Wir erwarten aber auch von denjenigen Partei- genossen, welche mit uns, namentlich unter dem Sozialistengesetz, für die Verbreitung unserer Ideen so tapfer kämpften, daß sie sich endlich aufraffen und wieder mit uns der Versumpfung entgegentreten. Dann wird auch die alte Begeisterung wieder- kehren, welche die Tatkraft stählt und alle Schwierig- leiten überwinden hilft. Hoch die internationale revolutionäre Sozial- dcmokratie!" Verantwortlich für das Flugblatt zeichnete: Ernst Müller, Berlin, Schmidtstr. 39. Gedruckt wurde es von O. H a r n i s ch, in Firma Hugo Ginzel, Neuen- burgerstr. 30. Die in dem Flugblatt enthaltenen Anklagen gegen die Reichstagssraktion wurden von der damals amtierenden Parteileitung als eine Art Hochverrat an der Partei empfunden, genau so wie heute und eS kam im Anschluß an diese Veröffentlichung zu heftigen Zusammenstößen. Im VI. Wahlkreis fanden ulehrerc Versammlungen statt, in denen Genosse A u e r sich mit der Opposition auseinandersetzte. In der Versammlung vom 1. September 1891, die im Eiskeller in der Chausseestraßc tagte, nahm namens der Opposition der Schriftsetzer Eugen E r n st das Wort und erklärte nach einem an den Parteitag in Erfurt erstatteten Bericht, er sei zwar nicht der Ber- fasser des Flugblattes, und sagte dann:„Wir scheuen uns nicht, unsere Forderungen auszusprechen und wer sie nicht kennt, der mckg sie im Flugblatt nachlesen."____ ,�n dem Ausspruch Bebels sim Feen- palastl, er werde der Opposition Gelegenheit zur Gründung einer eigenen Partei geben, zeigt sich eine solche Fülle von Diktatur und Unduldsamkeit, daß eine Gegendemonstration voll berechtigt war: in dem Augenblick mußte etwas geschehen und es erschien das Flugblatt..... Auer nennt die Kritik des Flug- blattes verleumderisch und gemein und doch heißt es in diesem:„Nicht Unehrlichkeit werfen wir den Führern vor, sondern allzu große Ztücksichtnahme auf alle möglichen Machtfaktoren, hervorgegangen aus der veränderten Lebensstellung und der zu geringen Füh- lung mit dem Proletarierelend. Fa wohl, während Sic sich in oratorischen Leistungen ergehen, hören wir den Bcrzweislungsschrci des verhungernden Volkes... Wir warnen, den bisherigen Weg weiter zu vcr- folgen! Durch Vergewaltigungen der Opposition werden sie uns nicht dahin bringen, unsere Meinung fallen zu lassen. Sie werden sich nur einen Hofstaat von üblen Heuchlern und Schwindlern im eigenen Lager groß ziehen: die ganze Korruption, mit der das Herrschcrtum verbunden ist, wird kommen, und dann haben Sie die Partei so weit— wie sie unsere Gegner wünschen." In anderen Versammlungen, die folgten, sprachen noch andere Redner der Opposition. Der Parteitag in Erfurt 1891 beschäftigte sich gleichfalls mit diesen Fragen und kam zu dem Be- fchluß, Werner und Wildberger aus der Partei aus- zuschließen wegen verleumderischer Angriffe, ein Beschluß, der keineswegs durch das Statut gerecht- fertigt war und der gegen etwa 17 Stimmen gefaßt wurde. Unter den Delegierten, die damals gegen diesen Beschluß stimmten, befand sich auch der dama- ligc Delegierte für Nieder-Varnim, der heute gemäß- regelte„Vorwärts"-Redakteur Genosse E a r l Leib. In weiterer Iolge schieden eine Anzahl Genossen in Berlin aus der Partei aus und gründeten den „Verein unabhängiger Sozialisten". Mitbegründer dieses Vereins war damals Genosse Eugen E r n st, derselbe, der heute au der Spitze des vom Partei- vorstände gegründete» Vereins„Vorwärts" steht. Sehr lehrreich! Die Sanderbiittdier in Milmersiwrf. In Wilmersdorf wurde am Sonntag, den 2g. No- vember eine Stadtvcrordnetenwahl vollzogen. Unsere Parteigenossen hatten den Genossen Hcrzfeld als Kandidaten aufgestellt. Das wurmte die Sonderbündler um Thurvw-Grogcr. Sie konnten es nicht über sich gewinnen, den Genossen Hcrzfeld zu wählen, und sie stellten deshalb in der Person des Architekten Lüde- mann einen Gegenkandidaten auf. Tie bürgerlichen Wähler, die sich der Stimme enthalten wollten, wur- den dahin bearbeitet, angesichts der Doppelkandidatur doch zur Wahl zu gehen und für Lüdemann zu stim- men, um den Genossen Herzfeld zu Fall zu bringen. In der„Wilmersdorfer Zeitung" wirkte der Besitzer dieses bürgerlichen Blattes, wie Stadtverordneter Heenemann, direkt für Lttdemanns Wahl. Er wies dar- auf hin, daß das Abkommen mit dem sozialdemo- kratischen Wahlverein aus Grund der Bewilligung der Kriegskredite durch die Sozialdemokratie am 4. August 1914 geschlossen worden sei. Eine Stimmenthaltung der bürgerlichen Wähler zugunsten Dr. Herzfelds, der sich mit dem sozialdemokratischen Wahlverein von der Politik des 4. August lossagte, würde deshalb den Geist des Wahlkompromisses in das Gegenteil um- wandeln: dem Sinne jener Wahlabmachung entspreche vielmehr, da bei einer bürgerlichen Wahlenthaltung Dr. Herzfeld zweifellos siegen würde, die Unter- stützung des sozialdemokratischen Kandidaten, der auf dem Boden der Politik des 4. August stehe, also des Ingenieurs Lüdemann. Danach wurde Lüdemann der Kandidat des ge- samten bürgerlichen Blocks gegen den Genossen Herz- feld. Das geht auch aus einem Flugblatt hervor, das die Sonderbündler für Lündemann verbreiteten. Da- rin heißt es u. a.: Nur seine(Lüdemanns) Wahl bietet die Mög- lichkeit, in das Wilmcrsdorfer Ttadtparlament einen Anhänger der alten sozialdemokratischen Partei und ihrer Politik, wie sie im Reichstag durch die von dem Abgeordneten Schcidcmann geführte alte Frak« tion vertreten wird, hineinzubringen. Nur seine Kandidatur entspricht auch der Vereinbarung mit den bürgerlichen Parteien, das Mandat, wie im Jahre 1914, unter Wahrung des Burgfriedens zu besetzen. Von den 2300 eingeschriebenen Wählern erschie- nen 114. Von diesen stimmten 21 für Dr. Herzfcld, 73 für Lüdemann. Zirka 70 der Lüdemann-Wähler sind Bürgerliche! Ein glänzender„Sieg", der Arm in Arm mit den bürgerlichen Wählern erfochten worden ist! Partei und Gewerkschaften. Eine Konferenz der Verbandsvorstände befaßte sich in den Tagen vom 20.— 22. November u. a. auch mit der Frage:„Fernhaltung des Parteistreits von den Zentralverbänden". Ueber die Verhandlungen berichtet die I. K.: „Die Abgeordneten Simon und Bock(Gotha) ver- treten die Auffassung, daß die Gewerkschaften die Bor- gänge in der sozialdemokratischen Fraktion und Par- tei nichts angehen dürfe, daß die Gewerkschaften voll- ständig neutral bleiben müßten. Das„Korrespon- denzblatt" der Geueralkommission wurde von diesen beiden Rednern wegen seiner Haltung zu den Partei- streitigkeiten heftig angegriffen. Der Standpunkt der beiden wurde von keinem der anderen Redner geteilt. Vielmehr wurde von allen betont, daß es sich hier auch um ganz wichtige Gewerkschaftdiuteressen handle, daß tzte Haltung der Mehrheit der Reichstagsfraktion sich durchaus mit den Interessen der Gewerkschaften decke, und daß es Pflicht der Gewerkschaften und ihrer Presse sei, im Sinne ihrer bisherigen Beschlüsse zu wirken. Mit allen gegen drei Stimmen wurde folgender Bc- schlnß gefaßt: .„Die Konferenz der Vertreter der Verbands- vorstände ist sich nach wie vor völlig einig in der wiederholt festgestellten Auffassung, daß die Haltung der sozialdemokratischen Fraktion im Reichstage zu den Kriegsfragen allein den Interessen der Ge- wcrkfchaften entsprochen hat und noch entspricht. Sie lehnt die gegen die Generalkommission und gegen die Gewerkschaftspresse gerichteten Angriffe und Vorwürfe als durchaus unbegründet ab und geht zur Tagesordnung über." Daß in einer Zusammenkunft der Vorstände kein anderes Ergebnis zu erwarten war, war vorauszu- sehen, haben sich doch die Vorstände seit Jahr und Tag aus die Politik des t. August festgelegt. Niemand aber wird behaupten wollen, daß die Mitglieder der Ge- wertschaften auf die Dauer sich von ihren Vorständen werden bevormunden lassen. In einer ganzen Reihe von Gewerkschaften mehren sich die Anzeichen, daß die Mitglieder diese gänzlich satt haben, und es dürfte die Zeit kommen, wo die Arbeiter solchen Führern die Gefolgschaft versagen: denn die Politik, welche die Gewerkschaftsführer, von Ausnahmen abgesehen, ver- folgen, liegt nicht im Interesse der Arbeiter. Leben-mittelnachrichten. Auf dem Gebiete der Lebensmittelversorgung sind in dieser Woche wesentliche Aendernngcn nicht eingc- treten. Ungewiß ist, ob das Flcischquantum von 250 Gramm wird aufrechterhalten werden können. Der Auftrieb au Rindern ist zurückgegangen, auch Schafe und Schweine kommen weniger ans de» Markt, und es muß mit einer Herabsetzung des Wochenquantums gerechnet werden. Auch Kartoffeln sind infolge des Frostes in dieser Woche weniger eingeführt worden, »und es beginnt wiederum eine Jagd von einem Kar- tosfelhändler zum andern, um die für den Haushalt benötigten Kartoffeln zu erhalten. Marmelade soll aus den Abschnitt 7 der Lebens- mittclkarte V- Psund abgegeben werden, auf drei Ab- schnitte 2 Pfund. Die Abgabe erfolgt Mitte Dezember von Kleinhändlern. Die K ohlenknappheit ist noch nicht über- wunden und es dürfte in dieser kalten Jahreszeit eine neue dringliche Aufgabe der Gemeinden sein, die Kohlenversorgung in die Hand zu nehmen. Aus den Organisationen. «, Unjer für den Dezember angesetzte Volksliederabend kann umständehalber erst am 10. Dezember, abends 0 llhr, im Lokale von Tempel stattfinden. Sollten einigen Genossen die ivöchentlich erschci- neuden Mitteilungsblätter nicht regelmäßig zugestellt werden, so bitte sofort den in Frage kommenden Viertelsführer zu benachrichtigen. Bestellung auf das tvlitteilungsblatt kann jederzeit bei dem Gruppen-, Abteilungs- oder Viertelsführer erfolgen: desgl. die Bestellung der„Leipziger Volkszeitung". Der Vorstand. Mariendorf. Der Bildungsausschutz von Marien- dorf veranstaltet am Sonntag, den 3. Dezember, bei Benscheck, abends l> Uhr, einen„Unterhaltungsabend". Ein einleitender Vortrag, Rezitationen Heinescher Gedichte und musikalische Darbietungen sollen den Abend zu einem anregenden und geselligen gestalten. Wir erwarten guten Besuch. Der Bildungsausschnß vo» Mariendorf. Arbeiterbildnugs schule. Dienstag, den 5. Dezember findet der siebente Vortrag im Kursus des Genossen Ernst Däumig: „Einführung in die wissensuiastlichen Grundlagen der nrodernen Arbeiterbewegung" statt. Behandelt werden an diesem Abend: Ter Gang der kapitalist schen Eni- Wicklung: Ter Konkurrenztamps Die Wirtschafts- krisen— Tic Aktiengesellschaften— Kartelle der Syn ditate— Tic Banken— Imperialismus und Nano nalpolitit— Ter Kamps um de» Weltmarkt. Tonnabend, den 0. Dezember: Ta mit Rück- ficht auf den Kunstabcnd des Bczirks-Bildungsaus- schusses der Bor.ragsabcnd des Genossen Eduard B c r n st e i n auf acht Tage verschoben wurde, wird ictzl der sechste Vortrag im Kursus„Tic Geschichte der deutschen Sozialdemokratie vom Fall des Sozialisten- gcsctzes bis zum Porabend des Weltkrieges" nachgc holt. Zur Behandlung kommt das Tbema: T i e Fragen der Handels- u ir d W e l t p o I i- i i k, die Stellung; u m Militarismus und M a r i n i s m u s. Die Handelspolitik auf dem Stuttgarter Partei- lag(1898) und die Wcltpolitit auf dem Mainzer Parteitag(1900). Tie Verteidiger von Schutzzöllen und Kolonialunternehmungen: Calwer, SchippA, Hilde brand, die Sozialistischen Monatshefte.— Tic �o zialdemokratie und der Imperialismus(Chemnitz >912). Ter Fall Hildebrand aus dem Ehcnmitzcr Parteitage. Die Beschlüsse der Parteitage über Mi litarismus und Marinismus(Hamburg 1897, �tntt gart 1898). Die Stellung der Sozialdemokratie zur Wchrvorlage 1913. Tonntag, den 10. Dezember: Trittcr Vortrag des Genossen Leo Kestenberg in der musika tischen VöV.ragsseric:„U e b u n g e n i in M u s i I h.ö t e»". Behandelt wird diesmal die Form im Zusammenwirken der Musik mit der Poesie. L>ed. Melodrama. Mit Gesangs- und m c t o d r a m a- l i s ch c n Beispielen. Beginn der Sonntagsvorträgc abends 8 Uhr. Eintrittspreis 20 Pfg. Verbreitet unser Mitteilungs-Klutt! Unser Mitteilnngsblatt soll das Band darstellen, durch das unsere Organisationen nach dem„Bor- wärts"-Ranb zusammengehalten, verde«. Unsere Funktionäre haben sich der Mühe der Verbreitung unterzogen. Bielsach geschieht diese Arbeit mit an- erkennenswcrtem Eifer, an manchen Stellen läßt aber die Verbreitung noch zu wünschen übrig. Dem muß abgcholsen werden. Im Kampfe führt nur Ansdauer und Zähigkeit zum Ziel. Lauheit und Lässigkeit dürfen in heutiger Zeit bei uns keine Stätte finden. Deshalb ergeht an unsere Genossen und auch an unsere Genossinnen erneut der Rns: Werbt für unser Mitteilungs-Blatt! — 12— Nerem»-NerA»K«twnsen« Freireligiöse Gemeinde Berlin. Eonntag� den 2. Dezember, vormittags 9 Uhr, Pappel Allee 1S/!7,- Neukölln �Jdealkasino" Ideal- passage,' Oberschöneweide, Clarastr. 2. Freireligiöse Porlesung. Vormittags 11 Uhr Kl. Frankfnrterstr. S Vortrag von Herrn Ernst Däumig:„Aus der Ge- schichte der Jesuiten". Arbeiter-Radf.-Verein„Grost-Berlin". Sonntag, den 19. Dezember: Gemütliches Bei- sammensein bei Matschcnz, Forsterstr. 9. An die Kreis- nnd Grisnorkande! Im„Mitteilungsblatt" soll in Zukunft ein kleines Spiegelbild über öns Parteileben in den einzelnen Kreisen und soweit das möglich ist, auch aus einzelnen Drtcn gegeben werden. Auch sollen alle Veranstal- tungcn wie Lese- und Zahlabenöc, Versammlungen usw. bekannt gemacht werden. Ferner ist beabsichtigt, eine Sterbetafel einzurichten, in der die Namen der verstorbenen Mitglieder verzeichnet werden sollen. Die Genossen werden gebeten, alle für das„Mit- teilnngsbtatt" bestimmten Veröffentlichungen bis spätestens Donnerstag früh nach dem Verbands- bürv, Lindenftrahe 3, 3. Hof Ili Treppen, gelangen zu lasicn. E«tchdruckei*ei Maiorer ÄIMmiMck. SO'6, Köpenicker Strasse 36 38. Aistertigäng von: Zeitschriiten Statuten Q: ittiingsmarken— Bilfets— Milgliedsböchern— Programmen sowie i- iirntii eisen Druck sacSsen. lillllliiiiillliiiililli Uachrnf. 4. Wstizikreis. Am'-7. November verstarb unser Genosse, der Möbclpolierer Alfred Zernott. Palisadenstr. 91. Ehre seine in A»denken! 6. Wahlkreis. II in 24. November verstarb unser Genosse, der Gastwirt Rodert Gerth. Kopenhagenerstr. 30. Am Donnelstag. den 23. November, verstarb unser Genosse, der Schlosser Pulli Dat r. Rostockerstr. 46. Am Sonntag, den 29. November, verstarb unser Genosse, der Schuhmacher (ruft Kl»m, Putbuferstr. 8. Ehre ihre in N n d c n k e n! Im Aiiiimlieil li»M Us dm Knezs- Am 22. Oktober fiel der 34 jährige Arbeiter Gtto Tietz Guineastr. 38, 22. Abt., Bez. 774. An den Folgen seiner Verwundung verstarb im Lazarett der 29 Jahre alte Buchhalter Erich Winketmann Wittstockerstr. 19, 14. Abt., Bez. 691. Im November fiel der 42 jährige Töpfer Rudolf Riedel Lüderilzstr. öS, 22. Abt., Bez. 770a. siel der 42 jährige Form- In den Julikämpfen steche r Heinrich Henfchel Kopenhagen. rstr. 31, 7. Abt., Bez. 582. Im Felde siel der 47 jährige Schriftsetzer Richard Schaller Tresckowstr. 37, 3. Abt., Bez. 512. früheren Kämpfen fiel der 39 Jahre alte vin Brauer Adolf Hentlchel Göhrenerstr. 12, 4. Abt., Bez. 543a. Sozialdemokratischer Wahlverein für den«. Berl. Reichstags, vahlkreis. Im Felde fiel der Tischler Paul Uölkel Tellstraße 6, 4. Bezirk. Durch Granatsplitter gefallen der Maurer Wilhelm Weife Elbestraße 9/10, 6. Bezirk. Sozialdemokratischer Wahlverein Neukölln. Als Opfer des Weltkrieges siel am 30. Oktober unser Genosse, der 37 Jahre alte Buchdrucker Georg Klaus Niederbarnintslr. 7, 1. Viertel, 1. Gruppe. Auf dem Kriegsschauplatz gefallen Kruno Uetzkau Prinz Albertstr. 13, 56. Gruppe. Sozialdemokratischer Wahlverein Lichtenberg. Ehre ihrem Andenken! Nachruf! Am 23. November starb nach kurzer Krankheit der Fräser Paul Unter im Alter von 55 Jahren. Ehre seinem Andenken! Die Kolleginnen und Kollegen des Werkzeugbaues der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken. Bersntwortlichlor �iedatlelli: Zöicha ri».gerbst- Verleger: A Tnid: nret& D i m mick, Berlin d»! f Hoffmann) beide Berlin SW. 68, Lindenstr. 3. W.tO, Klip« nicke? Strafte 8MS.