Mitteilungs- Blatt Nr. 15. des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend. Berlin, den 24. Dezember 1916. 11. Jahrgang. Winter- Sonnenwende 1916. legungen, alle mystische Verherrlichung des„ ,, WeihSieh, die Winter- Sonnenwende Hat soeben sich vollzogen, Und es ist zum Licht gewendet Wiederum der Lauf der Tage; In des Winters tiefster Dede Ward der Frühling neu geboren, Denn Natur, die güt'ge Mutter Wandelt ihre ew'gen Bahnen Und erlöst zur rechten Stunde Ihre zagenden Geschöpfe Aus des Winters Tyrannei. * * Doch die Menschheit auch ist ewig, Und sie stirbt nicht unter'm Druce Einer Zeit, die schwer und düster Sie umschattet und bedräuet. In der Völker trübsten Tagen Wird die Freiheit nen geboren Und sie wecket schon die Geister Und sie flammt schon in den Herzen. Darum fort das bange Zagen, Fort die Wolken von der Stirne! Darum auf dem Licht entgegen, Neuem Frühling, neuem Leben! Und so freu dich auch der Weihnacht, Denn sie soll dir Kunde bringen, Daß vorbei die Sonnenwende, Und die Völker wieder schreiten Vorwärts auf des Lichtes Bahn. Friedensworte und Friedenstaten. Seit anderthalb Jahrtausenden-die christ liche Kirche der ersten drei Jahrhunderte kennt das Weihnachtsfest nicht ertönt in diesen Dezembertagen in der ganzen christlichen Welt die Botschaft:„ Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen." In unzähligen Predigten, Liedern und frommen Schriften hat man versucht, den Menschen den idealen Inhalt dieser Glücks- und Friedensbotschaft zu deuten. Aber alle übersinnlichen Ausnachtswunders", fonnten dem ehrlich religiös empfindenden Menschenherzen für kurze Zeit nur fromme Friedensträume vorgaukeln, die in der rauhen Luft des wirklichen Lebens nur zu schnell perflattern mußten. Denn in den anderthalben Jahrtausenden, in denen Jahr für Jahr die weihnachtliche Friedensbotschaft verkündet wurde, in denen die Lippen das Gebot der Nächstenliebe als höchstes sittliches Gesez priesen, haben Krieg und Massenvernichtung, haben Länderraub und Menschenausbeutung, haben Unterdrückung und Entrechtung nicht aufgehört. Die Friedensworte der Weihnachtsbotschaft haben zu allen Zeiten in schreiendem Gegensatz gestanden zu den Taten der Menschen und Völker, die sich zum Christentum bekennen und bekannten. Ja sogar im Namen des Christentums selbst sind Kriege geführt, Völker ausgerottet, Länder verwüstet und Menschen gefoltert und gepeinigt worden. Für uns, die nur das Weltgeschehen im Lichte der sozialistischen Erkenntnis betrachten, ist dieser flaffende Widerspruch zwischen Worten und Taten der christlichen Kulturwelt verständlich. Wir wissen, daß nicht die„ Schlechtigkeit" oder„ Sündhaftigkeit" der menschlichen Einzelwesen die letzte Ursache dieses Widerspruches ist, wir haben erkannt, daß nicht die Satzungen irgendeiner Sittenlehre, und seien sie noch so ideal und einleuchtend, von sich allein aus den Menschen Frieden und ,, Wohlgefallen", d. h. leibliche und seelische Glückseligkeit, bringen können. Wir sind der Ueberzeugung, daß die friedensfeindlichen Mächte, die trotz der Weihnachtsbotschaft die Menschheit in Krieg und Unheil stürzen, letzten Endes zu suchen sind in der ungleichen Verteilung der Eigentumsverhältnisse, die den einen wirtschaftliches Uebergewicht, politische und gesellschaftliche Macht und schrankenlosen Genuß aller Kulturgüter gewähren, während die anderen, und das ist in allen Völkern die Mehrzahl, wirtschaftlich nichts weiter in die Wagschale zu werfen haben, als ihre schlecht und unzulänglich entlohnte Arbeitskraft, so daß sie politisch minderen Rechtes, gesellschaftlich wenig geachtet und leiblichen und geistigen Entbehrungen ausgesetzt sind, obwohl viele von ihnen in der Stumpfheit und Dumpfheit ihres Daseins solche Entbehrungen nicht merken können. Dieser Gegensatz tritt uns auf den vielverschlungenen Pfaden der Geschichte, hier weniger, dort mehr, klar und einfach, bis auf unsere Tage auf Schritt und Tritt entgegen. Und da überall Macht zur Vergrößerung der Macht, Besiz zur Erweiterung des Besizes, Herrschaft zur Ausdehnung der Herr schaft dringt, prallen auch im Völkerleben Besitzhunger, Machtbegier und Herrschaft aufeinander, der Wirtschaftskampf und der politische Gegensatz der Staaten führen schließlich zu kriegerischen Katastrophen, aus denen jeder mit neuer Macht und neuen Herrschaftsmöglichkeiten hervorgehen möchte. Auf allen Seiten aber haben die arbeitenden Massen in solch blutigen Katastrophen den größ ten Anteil der Opfer an Blut und Gut getragen, obwohl sie nicht die Urheber solchen Völkerwür gens waren, das sehr oft sogar gegen ihren Willen über sie hereinbrach. So erklärt sich für uns Sozialisten der Wider spruch zwischen den Friedensworten und den Friedenstaten der christlichen Welt. Nicht immer liegen die treibenden Kräfte der Geschichte, die wir hier nur in einfachen Strichen greifen fonnten, flar zutage. Häufig tragen sie die Maste religiöser oder nationaler Bestrebungen, decken sich sogar auf eine kurze Strede Weges mit solchen Bestrebungen, laufen schließlich doch am letzten Ende auf Fragen der Macht und des Besizes hinaus... Aber wir Sozialisten wollen nicht nur die Vergangenheit theoretisch betrachten, wir wollen auch in der Gegenwart wirken und die Zukunft gestalten. Wir wollen unsere ganze Kraft einsetzen, daß die Kriege, die furchtbarste Geißel des Menschengeschlechtes, einmal unmöglich werden. Wir wollen an unserem Teile dazu beitragen, daß die Friedensworte mit den Friedenstaten der Kulturwelt in Einklang stehen. ter ist auf dem Wege, der uns unseren Zielen näher bringt. Das nächste Wegziel ist aber, wie wir heraustommen aus diesen Kriegsnöten, wie wir zum Frieden gelangen. Denn so schneidend und aufreizend wie in unseren Tagen ist noch nie der Widerspruch zwischen den Friedensworten und den Friedenstaten der Kulturmelt gewesen. Weit über 10 Millionen kräftige Männer und blühende Jünglinge modern jetzt nach zweieinhalbjährigem Völkerwürgen in Massengräbern oder in zahllosen Einzelgrabstätten. Noch größer ist die Zahl derer, die als Krüppel und Sieche in die Heimat kehrten, die sie im Vollbesitz ihrer Gesundheit verlassen hatten. In Millionen von Frauen und Kinderherzen tönt der Klang der Weihnachtsglocken wie das Wimmern des Totenglödleins. In allen Ländern fizzen Entbehrung und Not des Leibes und der Seele in Millionen von Wohnungen am Weihnachtstisch. Und wer kann sagen, wie viele noch dazu sinten werden, wie hoch das Meer von Blut und Tränen noch steigen wird? Ein heißes, schmerzliches Friedenssehnen geht durch die Völker, und doch rast noch auf allen Fronten das Trommelfeuer, dringen täglich in jeder Minute Schmerzenschreie sterbender und verwundeter Menschen gen Himmel. Warum das alles? Weil die, die in allen Ländern gleichmäßig, bewußt oder unbewußt, diese Völkerkatastrophe entfesselt und sie mit der Leidenschaft des Hasses und mit kühlberechnender Anwendung der Waffengewalt in das dritte Kriegsjahr verlängert haben, Furcht vor einem Frieden haben, der ihre Macht und ihren Besitz nicht vermehrt; denn sie glauben der Verantwortung, die sie an dem Unheil tragen und für das sie ihre Völker zur Rechenschaft ziehen werden, nur dann gewachsen zu sein, wenn sie als Siegespreis noch mehr Macht in die Wagschale werfen können. Darum müssen die blutenden und leidenden Völker mit umso größerem Nachdruck ihren Friedenswillen in die Welt hinausschreien. Das kann aber nur geschehen durch entschiedenes Eintreten für die Forderungen des Sozia: lismus. Und da dieser das Evangelium des arbeitenden Volkes ist, auch durch entschiedenes Eintreten für die Forderungen der Demokratie. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, diese wirtschaftliche Grundforderung des Sozialismus, kann nur verwirklicht und der Allgemeinheit Und gerade jetzt ist die Zeit dazu. Denn das nutzbar gemacht werden, wenn das Volk sich die so lange verpönte Wort„ Frieden", das denen, die politische Macht zu erkämpfen und in echt demo- es im Laufe des Weltkrieges fordernd aussprachen, fratischem Sinne auf allen Gebieten des Gesell- mancherlei Verfolgungen eingetragen hat, lebt schaftslebens anzuwenden weiß. Dazu gehört nicht jetzt auf allen Lippen, seit die deutsche Regierung nur das Pochen auf demokratische Rechte, wir und ihre Verbündeten ihr Friedensangebot ge= müssen auch eingedenk sein, daß es auch demokra- macht haben. Zwar dient es nicht dem Frieden, tische Pflichten gibt. Ein jeder, der sich als wenn auch bei uns in demselben Atemzuge, in Kämpfer zur Sozialdemokratie bekennt, hat die dem man von Frieden redet, an das Schwert gePflicht, sein Verständnis und seine Einsicht in die schlagen, und die Friedensbotschaft mit offenen Dinge des wirtschaftlichen und politischen Lebens oder versteckten Drohungen mit einer noch einsichtszu erweitern und zu vertiefen, er hat die Aufgabe, loseren und blutigeren Fortsetzung des Krieges benach Kräften mit Hand anzulegen an der Verwirt gleitet wird. Es dient auch nicht einer schnellen lichung unserer sozialistischen und demokratischen Herbeiführung des Friedens, wenn man überall Ziele. Nur im Hinblick auf diese Ziele hat die die greifbaren Bedingungen, unter denen man engere Parteitätigkeit in unseren Organisationen, Frieden schließen will, verschweigt und verschleiert die ja nur ein Mittel in unserem Kampfe sind, und an allen Orten die unerfättlichen VernichSinn und tiefere Bedeutung; die kleinste und un- tungs- und Eroberungsschreier toben läßt. Und scheinbarste Kleinarbeit innerhalb unserer Bewe- ebensowenig ist es der Friedenssache förderlich, gung erhält ihre Weihe, wenn man an sie heran- wenn man es bei einem unbestimmten Friedenstritt mit dem Bewußtsein, daß sie ein Schritt wei-| angebot bewenden läßt und das Volk oder seine - 3 Simili- Friedensarbeit.*) Eine Erwiderung für Scheidemann. Von Ed. Bernstein. Im Vorwärts" vom 3. Dezember zieht Philipp Scheidemann gegen meinen Artikel„ Die Politik des Als ob" zu Felde, der das von ihm seit einiger Zeit beliebte Spiel mit politischen Fiktionen geißelte. ( Vgl. u. a. Braunschweiger Volksfreund" vom 27. NoVertretung hindert, diesem Angebot der Regierung den Ausdruck seines eigenen Wollens mit auf den Weg zu geben, damit die Völker auf der Gegenseite hören, welchen Frieden wir als von der Regierung unabhängige Sozialisten und Demofraten erstreben. Wäre das geschehen, dann hätten die Sozialisten und Friedensfreunde des feind lichen Auslandes, die keinen Bund mit ihren kriegerischen Regierungen geschlossen haben, die frie- vember.) Seine Antwort ist nach dem System geardenswilligen Volksmassen gegen die friedensfeindlichen Regierungen und Kriegsheher mobil machen können. All die Begleiterscheinungen des deutschen Friedensangebots aber haben zur Folge gehabt, daß in allen Herzen Zweifel naht, ob den Friedensworten nun auch die Friedenstaten folgen werden. Von uns Sozialisten kann nur der mit reinen Händen und reinem Gewissen an die Friedensarbeit gehen, der sich frei gehalten hat von jeder politischen und moralischen Mitschuld am ganzen Verlauf dieses Völkerwürgens. In dieser wildwogenden Zeit, in der der Einzelne nur zu leicht Kompaß und Richtung verliert, ist es doppelte Pflicht, auf den Leitstern des Sozialismus und der Demokratie zu sehen und das Schiff unserer Bewegung danach zu lenken, und nicht ziellos im Kielwasser anderer Schiffe zu fahren, deren Kurs nicht der unsere ist. Das letztere ist im Laufe des Weltkrieges nur zu oft geschehen und darum herrscht auch in unseren Reihen nicht der Friede. Wenn wir in dieser kampferfüllten Zeit auch den Kampf im eigenen Lager führen müssen, so geschieht das nicht um der Lust am Streit willen, sondern wir ringen, weil wir diese Bewegung wieder auf die Bahn bringen wollen, die nach unserer Ueberzeugung am sichersten und schnellsten zur Demokratie und zum Sozialismus hinführt, weil wir nicht direkt oder indirekt die kriegerischen Mächte stärken, sondern mit aller Energie die Friedenskräfte stärken wollen. Nicht allein für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft. Denn die zum Kriege treibenden Gewalten werden auch nach Abschluß dieses Weltkrieges noch lebendig sein. Dann wird im Kampfe gegen sie bei den Massen des arbeitenden Volkes Gehör und Gefolgschaft finden, wer in dieser Zeit nicht allein durch Friedensworte, sondern durch Friedenstaten wenn solche unter dem Kriegszwang und Kriegsdruck auch nur häufig in Schwei gen, Zurückhalten, Nichtzustimmen bestanden der Sache des Sozialismus und damit des Menschheitsfriedens gedient hat. Wir sind überzeugt, daß wir durch treues Festhalten und energisches, durch keine Staatsmännelei und überschlaue Anpassungssucht gelähmtes Eintreten für unsere sozialistischen und demokratischen Ziele Sinn und Inhalt erhalten wird, was heute noch als leeres Wort in unsere Ohren schallt, das Wort: Friede auf Erden! beitet, mit dem ich es in jenem Artikel zu tun hatte, sie unterstellt Absichten, die nicht vorhanden waren, stellt Behauptungen auf, für die auch nicht die Spur eines Beweises erbracht wird, und geht um den wirklichen Inhalt meines Artikels mit nichtssagenden Redensarten herum. Es würde sich daher nicht lohnen, auf sie etwas zu erwidern, wenn es sich nicht darum handelte, das Falsche einer Bewegung aufzudecken, die nur geeignet ist, unser Volk in verhängnisvoller Weise irrezuführen. Nachdem er mich hat über die Schlechtigkeit der andern jammern" lassen, während mein Artikel ausdrücklich von jeder Bezweiflung der Redlichkeit seiner Absichten absah und lediglich die Frage seiner Politik kritisch behandelte, stellt Scheidemann folgendes fest": Solange die Fraktion und der Parteivorstand in Berlin keine Stimme hatten, wurden sie den Berlinern als Hurrah- Patrioten, Kriegsverlängerer, Annexionisten usw. verdächtigt. Dieser sagen wir einmal: beabsichtigte! Irrium hat jetzt, da man uns nicht mehr mundtot machen kann, ein Ende. Der ,, Vorwärts" hat als Zentralorgan der Partei in vier Wochen weit mehr Friedensarbeit geleistet, als in den zwei vorausgegangenen Jahren." Ein feckeres Umspringen mit den Tatsachen ist nicht gut denkbar. Diese Feststellung" unterstellt Zustände in der Sozialdemokratie Groß- Berlins, die in Wirklichkeit niemals bestanden haben. Niemals Hat der Parteivorstand in Berlin feine Stimme gehabt, und so wenig war die Fraktion- soll heißen: die Fraktionsmehrheit ohne Stimme in Berlin, daß von den sieben sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Groß- Berlins drei R. Fischer, W. Pfannfuch und Robert Schmidt ihr angehörten und bei jeder wichtigen Besprechung in der Lage waren, deren Standpunkt zu verfechten. Wohl mag in Versammlungen oder in Flugblättern manches übertriebene Wort über die Politik der Fraktion oder des Parteivorstandes gefallen sein. Aber im Vorwärts ist eine solche Sprache gegen sie nicht geführt worden, und selbst der größte Hizkopf hat dem Parteivorstand nicht den zehnten Teil des Unrechts angetan, das dieser durch seinen Gewaltstreich gegen die Redaktion des Vorwärts sich selbst angetan hat. Und dann der Vergleich zwischen der Friedensarbeit des Vorwärts unter der alten und unter der neuen Redaktion: vier Wochen Arbeit der Gewaltredaktion sollen zwei Jahre Arbeit der rechtmäßigen Redaktion übertreffen! Das ist von einer Kühnheit, daß man versucht ist zu fragen, warum überhaupt noch Wochen in den Kauf geben? Warm nicht lieber gleich sagen: vier Tage? Oder, noch besser: vier Stunden? Jedes davon wäre gerade so berechtigt gewesen wie das erstere. Unter der vergewaltigten früheren Redaktion hatte der Vorwärts mit nicht genug anzuerkennender 3ähigkeit, soweit es die gegenwärtigen schwierigen *) In Nr. 13 des Mitteilungsblattes brachten wir Scheidemanns Antwort auf den auch von uns veröffentlichten Artikel Eduard Bernsteins„ Die Politik des Als ob". Da wir wegen Raummangels Bernsteins Widerlegung der Ausführungen Scheidemanns in der vorigen Nummer nicht bringen konnten, holen wir sie hiermit nach. Sie hat jetzt angesichts der Stellung, die Scheidemann und der VorstandsVorwärts zum deutschen Friedensangebot ein.hmen, auch jetzt noch ihren Wert. Verhältnisse überhaupt nur zuließen, die Grundsätze der Völkerpolitik hochzuhalten gesucht, welche die Sozialdemokratie die ganzen Jahrzehnte vor dem Kriege verkündet und verfochten hatte, hatte er sich und durch sein Beispiel auch das Gros seiner Leser freigehalten vom Bann der Schlagworte und Stimmungen des Tages, sich das zu erhalten verstanden, was Karl Marx einmal unter Bezugnahme auf Jean Jaques Rounean den einfachen jitlichen Latt nennt, der selbst jedem Scheinkompromiß mit den herrschenden Gewalten aus dem Wege geht, und hat er dadurch dem Organ der Sozialdemokratie Groß- Berlins das Vertrauen der ganzen sozialistischen Internationale, diese erste Vorbedingung jeder echten sozialisti= schen Friedensarbeit zu bewahren gewußt. Mit dieser Art Friedensarbeit ist die neue Vorwärtsredaktion, das muß man ihr lassen, in der Tat sehr schnell fertig geworden. In fabelhaft kurzer Zeit hat sie den Vorwärts seines einheitlichen Charakiers entkleidet und aus ihm ein Bastardgebilde ge= macht, das von allem etwas und nichts ganz darbietet. Weil sie dabei eine journalistische Gewandtheit entwickelt, die der etwas schwerfälligen früheren Redaktion abging, ist denn auch schon von Leuten, deren Abgott der Tag ist, ihr Lob in allen Tonarten gesungen worden. Aber eines hat keiner ihrer Lobredner ihr nachrühmen können. Keiner konnte mit auch nur einem Schimmer von Fug sagen, daß sie dem Vorwärts den guten Namen erhalten hat, den er bisher in der Internationale der Sozialdemokratie genoß. Für ein in jeder Hinsicht unabhängiges sozialdemokratisches Blatt wird der neue Vorwärts draußen von niemand mehr betrachtet. Mit dem Ansehen, das das Vertrauen verleiht, ist aber auch die Möglichkeit dahin, irgendwie Ernsthaftes für den Frieden zu tun. Und das gilt wie für die Trabanten, so für das Zentralgestirn selbst. Auch Scheidemanns Friedensarbeit, von der er soviel Aufhebens macht, ist verurteilt, als solche unfruchtbar zu bleiben, weil ihm draußen nicht mehr das Vertrauen geschenkt wird, das seine Verkündigungen genießen müßten, um dort eine nennenswerte Wirkung zu erzielen und die Wirfung seiner Reden daheim nicht auf Erziehung der Geister für den Frieden, sondern auf solche gegen den Frieden hinauslaufen muß. Das Schema der Reden, die Scheidemann unter der Firma Friedenspolitik hält, liefert einer der Sätze, die er in dem Vorwärtsartikel mir an den Kopf schleudert. Dort sagt er:„ Mein Verbrechen in Bernsteins Augen besteht darin, daß ich eine Wahrheit offen ausspreche, vor der die A. G. frampfhaft die Augen schließt: die Wahrheit nämlich, daß die deutsche Regierung jeden Tag bereit ist, Friedensverhandlungen zu beginnen, und daß die andern Regierungen nicht dazu bereit sind." Nun ist es erstens nicht wahr, daß ich einen so albernen Vorwurf gegen Scheidemann erhoben habe und zweitens unwahr, daß die sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft für die Scheidemann die kabbalistischen Buchstaben A. G. sett der Tatsache, die Scheidemann auf die obige Formel reduziert, irgendwie, krankhaft oder traumhaft, die Augen verschließt. Um nur ein Beispiel zu nennen, so hat auf der Parteikonferenz der Genosse Hugo Haase in seinem Referat sich sehr eingehend mit ihr befaßt, wie man in dem vom Parteivorstand herausgegebenen Protokoll der Konferenz auf S. 77 ff. nachlesen kann. Aber- und das ist das Unangenehme für Scheidemann wir lassen uns nicht durch seine Formel über den wahren Sachverhalt hinwegtäuschen. vor Nicht das ist die Frage, ob der Reichskanzler den Frieden will oder nicht, sondern die Frage ist, wel= chen Frieden er haben will, und ob dieser Friede nach allem, was geschehen ist, den Völkern auf der Gegenseite annehmbar sein kann. Hierüber Klarheit zu schaffen, ist eine der ersten Vorbedingungen für eine erfprießliche Friedensarbeit und es waren gerade Mitglieder der Minderheit, die in der damals noch vereinten Fraktion seinerzeit den Antrag stellten, dem Kanzler die Frage in solcher Form zu stellen, die feiner Zweideutigkeit Raum ließ. Er fiel zu Boden und warum? Weil Scheidemann und seine Freunde ihn bekämpften und die Wahl einer verwaschenen Formel durchsetzten, die naturgemäß dann auch keinerlei Klarheit schuf. So ist es vor etwa einem Jahr gegangen, so geht es der Sache nach heute noch und darum rücken wir in der Friedensfrage nicht von der Stelle oder gehen sogar nach rückwärts. Tatsächlich ist die Stimmung heute, während die Sehnsucht nach dem Frieden zunimmt, dem Frieden ungünstiger als seit langem. Es fällt mir nicht ein, die Schuld daran ausschließlich Deutschland zuzuschieben oder, soweit die sozialistischen Parteien in Betracht kommen, die Mehrheit der deutschen Sozialdemokratie für die einzig Schuldige zu erklären. Es genügt die Erkenntnis, daß sie überhaupt einen Teil der Schuld auf dem Gewissen hat. Die Schuld der deutschen Sozialdemokratie aber besteht darin, daß sie in dieser Katastrophe Europas durch Untreue an ihren besten Ueberlieferungen es dahin gebracht hat, daß all ihr Tun in den Fragen der großen Politik mit dem Fluch der inneren unwahrheit behaftet ist. Gerade an Scheidemann kayn man dies beobachten. Da er mehr als andere an den Schlagworten der Partei aus ihrer besseren Zeit festhält, gibt sich bei ihm der Widerspruch zwischen Wort und Wirklichkeit am frassesten fund. Was ist der Scheineffekt der Versammlungen, die er allerorts in Deutschland jetzt abhält? Propaganda der Friedensidee. Was ist ihr wirklicher Effekt? Festigung der Position der Kriegspartei. Des Brimboriums entkleidet, womit er seine Reden ausstattet, laufen sie darauf hinaus, daß er seinen Hörern er= zählt, Deutschland wolle den Frieden und biete akzeptable Friedensbedingungen, aber Deutschlands Gegner weisen den Frieden zurück und sinnen auf Eroberun= gen und Niederdrückung Deutschlands, die deutsche Sozialdemokratie biete den Sozialisten der gegnertschen Länder die Bruderhand zu gemeinsamer Friedensarbeit, diefe aber wiesen sie mit Hohn zurück und unterstützten die Kriegspolitik ihrer Regierungen. Der einfache Mann, der das hört und glaubt, kann danach zu keinem anderen Schluß gelangen, als daß unter solchen Umständen die deutsche Regierung darauf Anspruch hat, daß man ihr alle Mittel zur kräftigen Weiterführung des Krieges bewilligt. Stimmungsmache für den Krieg und die Bewilligung der Kriegskredite, das ist der notwendige Ausgang von dem, was Scheidemann als seine Methode für den Frieden zu arbeiten" nennt. Ich nenne fie deshalb SimiliFriedensarbeit. Denn wie der Simili- Brillant mit den echten Diamanten nur das Glizern gemein hat, aber seiner im Bedarfsfall felſendurchbohrenden Härte und seines tiefen Feuers entbehrt, so hat diese Friedensarbeit von wahrer Friedensarbeit nur das Glizern, aber nicht das Feuer und die in die Herzen eindringende Kraft. Wahre Friedensarbeit dies zur Antwort auf Scheidemanns Frage an mich, was ich denn für die richtige Methode halte- wahre Friedensarbeit begnügt sich nicht damit, festzustellen, die Gegner wollen nicht, sondern sie erforscht und entwickelt die Gründe, weshalb die Gegner, Antiimperialisten so gut wie Imperialisten, nicht wollen, fie legt dem eigenen Volke klar, weshalb die Völker dem deutschen Frieden nicht trauen und was nötig ist, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Wahre Friedensarbeit stellt ein eigenes, flar umschriebenes Friedensprogramm auf, das für jedes Volk sein volles Recht verlangt, und tritt für dieses Programm mit unbeugsamer Straft ein, statt mit Friedensanerbietungen zu jonglieren, die nicht die eigenen sind und für die man auch nicht die geringste Garantie übernehmen kann. Das grundlegende Problem des europäischen Friedens ist namentlich, soweit die großen Demokratien der Nationen in Betracht kommen, in erster Linie die Frage der Wiederherstellung des Ver= trauens der Völker zueinander. Auf diesem Gebiet liegt aber gerade das Arbeitsfeld der Sozialdemokratie, hier ist das Reich ihrer großen geschichtlichen Mission. Die Erfüllung dieser Mission jedoch hängt davon ab, daß die Sozialdemokratie nicht den geringsten Zweifel aufkommen und fortbestehen läßt an ihrer Gesinnungstreue in bezug auf die Grundsätze und Forderungen der Internationalität, das heißt an ihrer vollen Unabhängigkeit von allen Vorurteilen und Bestrebungen, die mit ihr in Widerspruch stehen, und von allen Mächten, die ihr feindlich sind. Der Vaterländische Hilfsdiens" und die christlichen Frauenvereine. Die nachstehenden Vereine: Verband der Berussarbeiterinnen der Inneren Mission der evange= lischen Kirche, Frauenschule der Inneren Mission, Frauen- Ausschuß des deutschen Vereins für das höhere Mädchenschulwesen, Verband der kirchlich- sozialen Frauengruppen, Berliner kirchlich- soziale Frauengruppe, Berliner Frauenbund, Katholischer Frauenbund Deutschlands" hatten gemeinsam eine Eingabe an den Reichstag gerichtet, das Gesetz über den Baterländischen Hilfsdienst" dahin zu erweitern, daß das Kriegsamt ermächtigt werde, zu bestimmen, inwieweit dieses Gesetz auf Frauen und Mädchen Anwendung findet". Zur Begründung wird angeführt, daß immer noch Hunderttausende von Frauen untätig herumlaufen oder ihre Kraft nicht genügend nuzzbringend verwenden. Darunter verstehen die christlichen Frauenvereine außer den ganz unbeschäftigten alle diejenigen Frauen und Mädchen, welche in der Spielwarenindustrie, Luxuswarenherstellung und Vertrieb, Kinoindustrie, niederen Theater- und Musikaufführungen, Konditoreien, oder als Empfangsdament, Gesellschafterinnen und Kinderfräulein tätig sind. Ja, auch die Dienstboten im Haushalt, Fensterpuzerinnen, Plätterinnen, Schneiderinnen und Friseurinnen sollen als überflüssig abgeschafft werden, soweit sie für den Bedarf von Frauen arbeiten. Andere, die nicht voll beschäftigt sind, wie Zeitungsund Aufwartefrauen, fönnten sehr wohl noch stundenweise im vaterländischen Hilfsdienst Verwendung finden. Sehr schade nur, daß die Eingabe nicht verrät, wer für die Millionen von Frauen, die heute schon erwerbstätig sind und deren Zahl ständig zunimmt, eigentlich waschen, plätten, nähen und reinemachen soll? Oder glauben die unterzeichneten Vereine im Interesse der Arbeiterinnen zu handeln, die sie vertreten, wenn der erwerbstätigen Frau und Mutter zugemutet wird, nach zehnstündiger, anstrengender Fabrikarbeit auch noch die ganze Last der Fürsorge für Haushalt und Kinder zu tragen. Das geht über menschliche Leistungsfähigkeit hinaus und bedeutet außerdem noch die geistige Lahmlegung jeder Frau und Mutter. Die im Eifer für die Beteiligung der Frauen am Zwangsdienstgefeß weit über das Ziel hinausschießenden Frauen ist nebenbei noch ein Frrtum unterlaufen. Es heißt in der Eingabe, daß die Gruppe der Dienstboten im Haushalt in dem viel fleineren England 150 000 Personen abgegeben" habe. Jm Reichsarbeitsblatt Nr. 11 vom 22. November 1916 Ist ein Bericht veröffentlicht über die Frauenarbeit 5 in Großbritannien während des Krieges. Danach waren im Juli 1914 3,2 Millionen Frauen beschäftigt, die bis Juli 1916 um 866 000 zugenommen hatten, das ist 27. v. H. Nicht inbegriffen sind die häuslichen Dienstboten, und die in kleinen Läden und Werkstätten des Bekleidungsgewerbes tätigen Frauen und Mädchen. Nach Schäzung des Handelsamtes haben diese um ungefähr 150 000 abgenommen. Daraus folgern die Verfasser der obengenannten Eingabe irrtümlich, daß dies 150 000 Dienstboten sind. Auch im Deutschen Reich hat sich die Zahl der Dienstboten stark vermindert. Am 1. Januar 1916 waren nach dem Bericht von 2110 Orts- und Landkrankenkassen 717 704 häusliche Dienstboten beschäftigt, am 1. November 1916 bei 2032 Orts- und Landfrankenkassen 627 704. Das ist eine Verminderung um 90 000 Dienstboten in 10 Monaten. Eine Zahl, die der gleichen Gruppe in England vermutlich entspricht. Daraus ergibt sich, daß diejenigen Hausfrauen, welche heute noch, nach 2½½ Jahren Krieg, Dienstboten beschäftigen, entweder selbst berufstätig sind oder aber weder fähig noch willens, ihren Haushalt und ihre Kinder selbst zu besorgen. Ein Bedürfnis, die Frauen in das Hilfsdienstgesetz einzubeziehen, liegt nicht vor. Nach der Arbeitsnachweisstatistik übersteigt das Angebot an weiblicher Arbeitskraft noch immer die Nachfrage um ein Drittel. Dieser Tatsache entsprach auch die Haltung des Reichstags. Die Petition der frommen Verbände wurde mit zehn ähnlichen von Frauenvereinen eingebrachten unter Zustimmung aller Parteien dem Reichskanzler als Material überwiesen. Es bedarf wahrlich nicht erst eines Gesetzes, die Frauen zur Arbeit zu zwingen, das besorgt die Not der Zeit. Sünden? In den Organisationen der freien Gastwirte wird zurzeit eine Entrüstungskomödie gegen die alte Borwärts"-Redaktion ausgeführt. Es wird der Vorwurf erhoben, die frühere Redaktion des„ Vorwärts" hätte die Gastwirte fortgesetzt angerempelt. Ju einem im Freien Gastwirt" veröffentlichten Versammlungsbericht der Groß- Berliner Verwaltungsstellen ist darüber zu lesen: ,, Kollege Matthes wies auf die fortgesetzten Anrempelungen der Gastwirte durch die Parteipresse, insbesondere des Vorwärts", hin. Der Genosse Eugen Ernst, unser früherer Kollege, war für den Vorwärts"-Verlag erschienen, um die Beschwerden entgegenzunehmen. Kollege Litfin erklärte, daß die Gastwirte in der gesamten Tagespresse feine Stüße fänden, sondern in den Redaktionsstuben eine geradezu unverständliche Unkenntnis der gastwirtschaftlichen Verhältnisse und Voreingenommenheit herrsche. Die Redakteure der Pareitpresse seien in vielen Fällen Abstinenten, und da könne man die Ausfälle gegen alles, was mit dem Alkoholgewerbe zusammenhinge, ver= stehen. Aber die überwiegende Mehrzahl der Leser der Parteipresse huldigten feineswegs den Anschauungen dieser Fanatiker, deshalb sollten sie fich die höhnischen Anzapfungen ernstlich verbitten. Gegen eine fachliche Kritik würde niemand etwas einwenden. Besonders richteten sich die Ausfälle gegen die Gastwirte. Die ins Elend gestoßenen Gastwirte oder Schnapsladenbefizer sollten sich durch die Spirituszentrale unterstüßen lassen", wie es in einem Artifel des Vorwärts" geheißen habe, sei ein Faustschlag in das Gesicht der Gastwirte gewesen. Wenn also die Kollegen zu Abwehrmaßnahmen ergriffen, so nur deshalb, weil sie sich dadurch beleidigt gefühlt hätten. Allerdings sei dies seit Jahren von der alten Redaktion geschehen. Jetzt sei zwar eine neue an ihre Stelle getreten, aber trotzdem müßten wir verlangen, daß diese nicht in die Fußtapfen ihrer Vorgänger trete. In den Parteizwist sich einzumischen, hätten wir keine Veranlassung. Es müßte vielmehr alles aufgeboten werden, daß er nicht auch in unsere Reihen übergriffe. Eugen Ernst gab eine Darstellung der Verhältnisse und sprach den Wunsch aus, der neuen Redaktion das nicht entgelten zu lassen, was die alte gesündigt habe. Was an ihm liege, solle geschehen, um darauf hinzuwirken, daß diese Anrempelungen unterblieben. Er bat die Gastwirte, den ,, Vorwärts" im Interesse der Arbeiterbewegung weiter zu unterstüßen und dafür zu sorgen, daß er nicht durch bürgerliche Tagesblätter ersetzt werde. Wer ohne Schädigung seines Geschäfts neue Abonnenten werben könne, sollte es tun, im Interesse der Sache, der er seit Jahren seine Kräfte widme. Kollege Obiglo, Fischer( Charlottenburg), Rott, Fahrow, Matthes, Wiehle, Feuerstein( Adlershof), Ritter( Lichtenberg) u. a. übten scharfe Kritik an der gegen die Gastwirte beliebten Schreibweise des Vorwärts", besonders die längeren Ausführungen des Kollegen Obiglo gipfelten in dem von uns oben angegebenen Sinne. Die Leipziger Volkszeitung", welche jetzt in Berlin zu verbreiten versucht werde, habe ganz wie der Vorwärts" seit Jahren unsere Kollegen verunglimpft. Allseitig wurde darauf hingewiesen, daß es jetzt kaum möglich sein werde, den Wunsch des Genossen Ernst zu erfüllen, denn dadurch würde der Kollege, der es tue, nur Gäste verlieren. Kollege Fischer- Charlottenburg erklärte, auf die dor= tigen Mitglieder einwirken zu wollen, daß sie den " Borwärts" wieder bestellen. Damit galt die Sache als erledigt." Die vorstehende Darstellung stellt die Sachlage vollständig auf den Kopf. Es ist kein Zweifel, daß die Gastwirte unter den Kriegsfolgen außerordentlich leiden. Starke Abgaben, verminderter Umsatz, verringerte Polizeistunde und andere Schwierigkeiten haben schon viele kleine Gastwirte veranlaßt, ihre Existenz aufzugeben unter Verlust ihrer Barmittel, die sie besessen haben. Was sich manche in jahrelangem Mühen erworben hatten, ist zugrunde gegangen. Vollkommen irrig ist es aber, die Redakteure der Parteipresse dafür verantwortlich zu machen. Bald nach Ausbruch des Krieges mußte auch unsere Parteivertretung zu den wirtschaftlichen Fragen Stellung nehmen. Am 13. August 1914 richtete der Parteivorstand und die Generalfommission der Gewerkschaf= ten an den Reichskanzler eine Eingabe, in der Maßregeln zur Regelung der Produktion und Vorschriften über die Verwendung von Produkten gefordert wurden. Ueber diese Eingabe hat in der Partei unseres Wissens nie eine Meinungsdifferenz geherrscht, immer wurde in der Parteipresse auf die Bedeutung dieser Eingabe für die Massenernährung hingewiesen. Wären die damals gemachten Vorschläge beherzigt worden, es stände besser um die Volfsernährung. Unter den Vorschlägen, die Parteivorstand und Generalfommission machten, befanden sich auch die folgenden: „ Ausschluß von Kartoffeln und Getreide von der Branntweinproduktion. Regelung der Einschränkung der Produktion von Bier, Zucker, Stärke." 6In der Parteipresse, auch im Vorwärts", sind diese Forderungen wiederholt vertreten vertreten worden. Naturlich übt eine Einschränkung des Bierkonsums und ein Verbot der Branntweinproduktion einen starfen Einfluß auf die Gewerbetreibenden aus, die ihre Existenz auf dem Verkauf dieser Produkte aufgebaut haben; die Forderung mußte aber im Interesse der gesamten Volfsernährung erhoben werden, die allen anderen Interessen vorangehen mußte. Wenn das ,.Sünden" der Vorwärtsredaktion sind, so muß die Redaktion dieses Sündenregister tragen. Aber auch der neue„ Vorwärts" wird diese Sünden begehen müssen, will er sich nicht mit dem vom Vorstand selber aufgestellten Wirtschaftsprogramm in Widerspruch setzen. Ein Versprechen, daß das anders wird, dürfte auch Genosse Ernst kaum halten können. Bleibt noch übrig die Form, in der die Frage behandelt wird. Und da scheint die vom Genossen Litfin bemängelte Ausdrucksform einer Notiz besonders böses Blut unter den Gastwirten gemacht zu haben. Hierzu wollen wir feststellen: Die bemängelte Notiz hat in der Vorwärtsnummer vom 29. Oktober gestanden. Diese Nummer ist unter dem Parteivorstands- Chefredakteur Müller erschienen, der für den Inhalt der Zeitung die Verantwortung sich angemaßt hat. Mehr noch! Mit der so sehr angefochtenen Notiz hat die bisherige Vorwärtsredaktion nicht das mindeste zu tun. Sie hat dieselbe im Vorwärts" nicht früher gelesen, als die anderen Vorwärtsleser. Die Notiz ist durch den Parteivorstandschef Müller selber ins Blatt gegeben worden, nachdem sie ihm von abstinenzlerischer Seite übermittelt worden war. Die Verantwortung für die Form der Notiz trifft ausschließlich die neue Vorwärtsredaktion. Und angesichts dieser Tatsachen stellt sich Genosse Ernst hin, spricht von Sünden der alten Redaktion und verspricht, auf die neue Redaktion einzuwirken, damit solche ,, Anrempelungen" vermieden werden. Was wird ihm Müller antworten, der doch weiß, daß er einzig und allein die Sünden" auf dem Gewissen hat, sie aber ruhig auf die alte Redaktion abwälzen läẞt? Man sieht an diesem Beispiele wieder einmal, mit welchen unehrlichen Mitteln gekämpft wird. Das schlechteste ist recht. Wer entstellt? Der Vorstands- Vorwärts hat das sehr begreifliche Bedürfnis verspürt, sein statutenwidriges und allen Begriffen von Parteiehre ins Gesicht schlagendes Dasein vor den Berliner Arbeitern zu rechtfertigen. Vor einigen Tagen wurde dem Vorstandsblatte eine kleine Flugschrift, betitelt 3um Vorwärts- Boykott" beigelegt, nachdem schon einige Tage zuvor die J. K. als diensteifrige Helferin beim Vorwärtsraub die Schrift in etwas schärferer Form an bürgerliche Blätter und die Parteipreffe versandt hatte. In besagter Flugschrift wird Berliner Parteigenossen vorgeworfen, daß sie seit Wochen in geradezu selbstmörderischer Weise gegen ihr eigenes Blatt unter völliger Entstellung der Tatsachen" agitieren. Der Verlag des Vorwärts", der die Flugschrift herausgibt und für den merkwürdigerweise in diesem Falle nicht Richard Fischer, sondern Th. Glocke, zeichnet, der sonst nur die Verantwortung für den Inseratenteil des Vorwärts" trägt, weiß natürlich recht gut, daß es sich bei der Notwehraktion gegen den Borstands- Vorwärts nicht um einige tobsüchtig ge= wordene Berliner Parteigenossen handelt. Er hat aber alles Interesse daran, der Welt zu verschweigen, daß die rechtmäßigen Organisationen der Groß- Berliner Parteiorganisationen und deren Vertretungen wie Preßkommission, Zentralvorstand und sogar Ver bandsgeneralversammlung schweren Herzens und nach reiflicher Ueberlegung zu Abwehrmaßnahmen gegen das undemokratische und selbstherrliche Vorgehen des Parteivorstandes und Richard Fischers usw. greifen mußten. Es ist das alte, während der ganzen Kriegsjahre nur zu oft und bei vielen Gelegenheiten zu beobachtende Spiel: jede Kritik an dem Verhalten des Parteivorstan= des, der Fraktionsmehrheit, der Gewerkschaftsführer usw. wird in Bausch und Bogen als, Parteizerstörung", als Parteizerrüttung" usw. erklärt, und alle formalen und bureaukratischen Gewaltmittel, über die der Parteivorstand, ledig aller demokratischen Kontrolle durch die Gesamtpartei, in dieser Kriegszeit mit diktatorischer Gewalt verfügt, gegen die unbequemen Menschen, die die Frechheit befizen, eine andere Meinung zu verfechten, als die dem Parteivorstande usw. genehme, zur Anwendung gebracht. Wehren sich die also Gemaßregelten gegen Druck und Entrechtung, so geht das Zetergeschrei über die böse und respektlose Oppofition erst recht los. Diese Methode kommt in der Flugschrift des Verlages" über den Vorwärts- Boykott in vollem Maße zur Anwendung. Wir sehen uns daher genötigt, die Geschichte des Vorwärts- Raubes noch einmal aufzurollen. Unsere Parteigenossen sollen dadurch in die Lage gesezt werden, in den Betrieben, Werkstätten usw. den Arbeitern, die die Aufklärungs"-Flugschrift des Vorwärts- Verlages in die Hand bekommen haben, die Wahrheit über den Vorwärts- Raub und die Berechtigung der Abwehrmaßnahmen klar zu machen. Den weniger unterrichteten Arbeitern muß auch diesem erneuten Täuschungsverfuche des Parteivorstandes( denn er ist es ja, der unter dem Aushängeschild des„ Verlages" die weniger mit den Vorgängen vertrauten Arbeiter für sich födern will) mit doppelter Energie das wahre Gesicht der Kriegs- und Friedenspolitik des Parteivorstandes, die im Vorwärts- Raub ihre Krönung gefunden hat, gezeigt werden. Diese im Interesse der Berliner Parteibewegung liegende Aufklärungsarbeit wird um so wirkungsvoller sein, je nachdrücklicher sie vor dem 1. Januar erfolgt, ihr können auch die geselligen Zufammenfünfte an den drei Weihnachtssonntagen dienstbar gemacht werden. Der gegenwärtige Vorstands- Vorwärts brüstet fich gern mit seiner Loyalität", d. h. er behauptet, daß jetzt in ihm alle Meinungen und Richtungen zum Wort kämen. In Wirklichkeit ist von dieser Loyalität" nicht viel zu spüren gewesen; der Vorstands- Vorwärts hat sogar offizielle Rundgebungen der Berliner Parteikörperschaften und der rechtmäßigen, jetzt hinausgedrängten Redaktion entweder überHaupt nicht oder nur in verstümmelter Form gebracht, von anderen Dingen ganz zu schweigen. Wir wollen nicht in denselben Fehler verfallen. Wir haben keine Ursache, den Berliner Parteigenossen vorzuenthalten, was der Parteivorstand und der„ Verlag" zur Rechtfertigung ihres Gewaltstreiches anzuführen haben. Wir tun das, obwohl uns bei der Darlegung unserer Argumente in vielen Punkten die Hände gebunden sind, aus Gründen, auf die wir nicht einmal hinweisen dürfen, die aber jedem unterrichteten Parteigenossen während des Kriegs- und Belage rungszustandes klar geworden sein dürften. Der in allen Haupt- und Grundfragen der Kriegspolitik regierungsfromme Vorstands- Vorwärts ist da besser daran als wir. Hören wir zunächst, was der Verlag" über den Borwärts- Boykott" zu sagen hat. In der Flugschrift wird zunächst eingegangen auf die Frage: Woher kommt der Streit? Es heißt da: Der„ Borwärts" wurde im Oktober wieder einmal vom Oberkommando verboten. Parteivorstand, Preßkommiffion, Verlag standen vor der Frage: Wie bekommen wir den Vorwärts" wieder frei? Die Berliner Arbeiter müssen zur Wahrung und Vertretung ihrer Interessen eine Tageszeitung haben. Der Parteivorstand wandte sich sofort an die Reichsfanzlei, der Geschäftsführer und Vertreter des Verlags ebenfalls sofort an das Oberkommando um Aufhebung des Verbotes. Genau so wie in früheren Fällen eines Verbotes. Was verlangte das Oberkommando? Es erklärte: Durch den jezigen groben Verstoß gegen die 3ensurvorschriften habe es das Vertrauen in die jetzige Redaktion verloren; eine Aufhebung des Verbotes fei erst möglich, wenn durch Aenderung in der Redaktion Garan tien für die Zukunft gegeben seien; diese Garantien müßten aber durch andere Herren gegeben werden. Daraufhin trat, wie auch früher, der Parteivorstand mit der Preßkommission und Zentralvorstand sofort in Verbindung, um über diese Forderung des Oberkommandos mit diesen Körperschaften zu verhandeln. Der Berliner Zentralvorstand lehnte es ab, auf dem Boden dieser Forderung zu verhandeln. Lieber wollte er den Vorwärts" eingehen lassen. Er glaubte eine Aufhebung des Verbots erzielen zu können, wenn er den Redakteur Däumig fünftig ausschließlich für die Ueberwachung der Zensurvorschriften haftbar in Vorschlag brächte. Däumig aber war gerade der Redakteur, unter dessen Zensurfontrolle im Vorwärts" auch jener Artikel stand, der das Einschreiten des Oberkommandos veranlaßte. Der Geschäftsführer des Vorwärts", Genosse R. Fischer, der die Verhandlung mit dem Oberkommando geführt hatte, also genau wußte, daß das Oberkommando gerade die Zensur durch Däumig als ungenügend erklärt hatte, lehnte die Vertretung dieses Vorschlags ab, einmal, weil er nach seiner Unterredung mit dem Oberkommando von der glatten Ablehnung dieses Vorschlags überzeugt war, dann aber auch, weil er ohne Kenntnis und Genehmigung des Parteivorstandes gar nicht berechtigt war, einen solchen Vorschlag zu machen. Darauf gingen A. und P. Hoffmann mit Däumig selber zum Oberkommando und erhielten von dem Herrn Oberstleutnant v. Berghe nur den Bescheid, sie sollten den Vorschlag einreichen, er werde ihn zur Uebermittlung an Herrn v. Kessel entgegennehmen. Daraus wurde zur Täuschung der Parteigenossen die Schlußfolgerung gezogen, das Oberkommando hätte diesen Vorschlag als genügend angenommen, wenn ihn der Geschäftsführer unterschrieben hätte. Das ist eine grobe Unwahrheit*), denn das Oberkommando hat selber in einem Briefe an die Redaktion vom 19. Oktober diesen Vorschlag als nicht ausreichend bezeichnet, und als Fischer selber am 16. Oktober auf dem Oberkommando diesen Vorschlag vorbrachte, wurde er als ungenügend abgewiesen. Bei den Verhandlungen mit dem Parteivorstand lehnte die Preßfommission zunächst einstimmig ab, mit dem Oberkommando auf Grundlage der von ihm gestellten Bedingungen, die Aenderun= gen in der Redaktion" verlangten, in Verhandlungen zu treten. Sie änderte dann diesen Beschluß unter folgenden Bedingungen, die keiner Verhandlung mit dem Oberkommando unterlagen: es sollten keine Entlassungen *) In der durch die J. K. versandten Flugschrift heißt es: Das ist eine faustdicke Lüge". -8von Redakteuren erfolgen, die Haltung des Vorwärts" solle dieselbe bleiben und die Redaktion müsse mit der Aenderung einverstanden sein". Da nach dem Parteistatut nicht die Redaktion, sondern die Aufsichtsinstanzen über das Blatt zu entscheiden haben, war die letzte Forderung hinfällig. Zu den anderen schrieb der Parteivorstand: ,, daß nach der Meinung, die der Parteivorstand stets vertreten hat, im Vorwärts", als dem Zentralorgan der Partei, auch die Auffassung der Parteimehrheit zur Geltung kommen muß und nicht nur die der Minderheit". Entlassungen der Redakteure aber waren weder vom Oberkommando noch vom Parteivorstand verlangt worden. Die Preßkommission war also mit Verhandlungen, die eine Aenderung in der Redaktion" bezweckten, einverstanden. Der Parteivorstand schlug darauf vor:„ Ein Mitglied des Parteivorstandes tritt in die Redaktion ein und erhält die Vollmacht, über den Inhalt des Blattes zu entscheiden." Das wurde von der Preßkommission abgelehnt und vorgeschlagen, daß das Mitglied des Parteivorstandes nur die Beobachtung der Zensurvorschrif ten zu überwachen und zu erzwingen habe. Es ist für jeden Einsichtigen klar: Wer den Inhalt des Blattes nicht bestimmen fann, fann auch die Garantie für die Zensurvorschriften nicht übernehmen. Darüber war man sich bei dem früheren Verbot auch völlig einig, und darum erhielt der da= malige„ Garantiemann" Däumig nach dem Vorschlage der Redaktion selbst„ diktatorische Gewalt und die Befugnis, selbständig über Inhalt und Form der aufzuneh menden Artikel zu entscheiden". Diesmal war man sich zwar darin einig, daß der Parteivorstand den„ Garantiemann" stelle. Aber im Gegensatz zu 1914 erklärte der Berliner Zentralvorstand, auf den Inhalt des„ Vorwärts" dürfe dieser keinen Einfluß haben. Was für den Garantiemann" Däumig als eine unbedingte Notwendigkeit anerkannt war, wenn er die Beachtung der Zensurvorschriften sollte erzwingen können, wurde dem Garantiemanu" Müller verweigert. Ohne diese Vollmachten aber war weder Müller noch der Parteivorstand imstande, die Verantwortung für das Blatt zu tragen. Eine Einigung fam nicht zustande. Die Preßkommission beharrte bei der Verweigerung dieser notwendigen Vollmachten. Somit fonnten die Forderungen des Oberkommaudos nicht erfüllt werden. Das Oberkommando hatte ausdrücklich verlangt, dieses Mitglied des Parteivorstandes müsse mit Vollmachten ausgestattet sein, welche dem Oberkommando die notwendigen Garantien bieten. Und nun sollte Müller über den Inhalt des„ Vorwärts" gar nichts zu entscheiden haben! Ohne diese verlangten Vollmachten war aber eine Aufhebung des Verbotes nicht zu erreichen! In dieser Zwangslage mußte der Parteivorstand also selbständig entscheiden. Er konnte den Untergang des Blattes, ja des ganzen Vorwärts"-Unternehmens, an dem Hunderte von Familien mit ihrer Existenz hängen, vor der Partei nicht verantworten. Er konnte auch die Verantwortung dafür nicht übernehmen, daß die deutsche Sozialdemokratie ihr Zentralorgan verlieren und die Berliner Arbeiter ohne ein Organ zur Vertretung ihrer Intereffen sein sollten. Deshalb erfolgte das Angebot an das Oberkommando: „ Ein Mitglied des Parteivorstandes tritt in die Redaktion ein und entscheidet über den Inhalt des ,, Vorwärts", worauf das Verbot aufgehoben wurde. Das ist die aftenmäßige Darstellung." Diese Berufung auf die aftenmäßige Dar stellung" ist überaus bezeichnend für die bureaukra= tische Verknöcherung des Parteivorstandes. Wie eine beliebige Polizeibehörde oder eine Staatsanwaltschaft erklärt er, nur das, was in meinen Akten steht, existiert für mich, alles andere hat kein Lebens- und Beweisrecht. Nur schade, daß die Vorstandsakten das Schicksal aller Bureaukratenaften teilen: sie geben von den tatsächlichen Vorgängen ein ganz schiefes und verstaubtes Bild und pressen die Ereignisse in ein dem Horizonte des Aktenschreibers entsprechendes Schema, zumal wenn das Objekt der aftenmäßigen Dar stellung" von vornherein ins Unrecht gesezt wer den soll. Sehen wir uns diese aktenmäßige Darstellung" einmal etwas näher an. Da macht sich gleich der erste Satz der Vorstandsdarstellung recht nett: Im Oktober wurde der Vorwärts" wieder einmal" vom Oberkommando verboten. Darin soll natürlich der Vorwurf der Leichtfertigkeit und der Böswilligfeit gegen die alte, rechtmäßige Redaktion enthalten sein. Seht, Berliner Arbeiter, so gewissenlos hat die Redaktion des Vorwärts" gewaltet, daß Euer Blatt so und so oft verboten werden mußte, während mir, dem Parteivorstande, die Erhaltung des Vorwärts" so sehr am Herzen liegt." Das ist der tiefere Sinn, der aus diesem wieder einmal" herausklingt. Aber wie liegen denn die Dinge? In der Zeit vom Oktober 1914 bis Oktober 1916 ist der Vorwärts" unter der zenfurellen Verantwortung des Redakteurs Däumig, von Zensurrügen, die allen Blättern zuteil wurden, abgesehen, einmal verboten und einmal unter Präventivzensur gestellt worden. In beiden Fällen durch die Schuld des Parteivorstandes. Das eine Mal handelte es sich um eine offizielle Friedenskund= gebung des Parteivorstandes, das andere Mal um eine solche Kundgebung, die Parteivorstand und Generalkommission der Gewerkschaften in der Teuerungsfrage erlassen hatten. In beiden Fällen war die Vorwärtsredaktion auf Grund des Organisationsstatutes verpflichtet, die Kundgebungen des Parteivorstandes aufzunehmen. Hätte sie es nicht getan, so hätte der Parteivorstand schon damals ein erwünschtes Mittel in der Hand gehabt, der wegen ihrer selb= ständigen, der Kriegspolitik des Parteivorstandes widersprechenden Meinung verhaßten VorwärtsRedaktion einen Strick zu drehen. Dann hätte eben das Parteistatut herhalten müssen, das man im Oftober 1916 nicht brauchte, da hier das Eingreifen der Zensurbehörde den Erdrosselungsabsichten des Parteivorstandes Tür und Tor öffnete. Im Juli wie im November 1915 hat denn auch der Parteivorstand nichts oder so gut wie nichts getan, die Maßnahmen der Zensurbehörde rückgängig zu machen. Da er selbst die Ursache dieser Maßnahmen war, konnte er damals nicht schon die Hand auf den Vorwärts" legen, wie er es im Oktober 1916 tat. Diese Tatsachen aftenmäßig" festzulegen, hütet sich der Parteivorstand. Seine Behauptung, daß er den Berliner Arbeitern unter allen Umständen ihr Blatt erhalten müsse, rückt aber damit in die richtige Beleuchtung. " Auf die Ursachen, die dann im Oktober 1916 zum vierten Verbot geführt haben, dürfen wir an dieser Stelle nicht eingehen. Das Verbot hängt mit dem leidenschaftlichen Kampfe zusammen, den seinerzeit die sogenannte Kanzlerfronde führte, also um eine polttisch Frage, zu der die Vorwärtsredaktion von einem unanfechtbar sozialdemokratischen Standpunkte aus Stellung genommen hatte. In all den Auseinandersetzungen und Verhandlungen, die dem Verbote folg= ten, hat der Parteivorstand, also die verantwortliche Leitung einer großen politischen Bewegung, auch nicht mit einer Silbe die politische Sette des Ver botes der Zensurbehörde gegenüber erwähnt. Es ist ihm nicht einen Augenblick eingefallen, die grundsäßliche Auffassung der Sozialdemokratie in Fragen der Preßfreiheit und dieses Spezialfalls zur Geltung zu bringen. Die Redaktion des Vorwärts hat das in einem Schreiben an das Oberkommando getan, der - 9 Parteivorstand hat sie aber bei dieser Erfüllung einer politischen und journalistischen Gewissenspflicht nicht nur nicht unterstützt, er ist ihr sogar direkt in den Rücken gefallen. Denn er hat die Verhandlungen nach echter Bureaukratenmanier mit der Zensurbehörde geführt, wie eine untergeordnete Dienststelle, die die Anweisungen der vorgefeßten Behörde widerspruchsLos hinnimmt und ihren Diensteifer noch dadurch dokumentiert, daß sie über diese Anweisungen noch hinausgeht. Und das sind dieselben Leute, die im Reichstage gegen Zensur und Belagerungszustand donnern! Die Arbeiter Berlins haben daher alle Ursache, nicht bloß die Worte dieser Parteivertreter zu hören, sondern sich ihre Taten recht genau anzusehen. Wie haben sich die Vorgänge, die zur Aufhebung des vierten Verbotes und zur Umwandlung des alten Vorwärts" in ein offiziöses Vorstandsorgan ge= führt haben, in Wirklichkeit abge= ipielt? Am Sonntag, den 8. Oktober, wurde der Vorwärts" zum vierten Male verboten. Ein Vertreter des Parteivorstandes wandte sich wegen des Verbotes an die Reichskanzlei, ein Schritt, der von vornherein zur Aussichtslosigkeit verdammt war und angesichts der Machtvollkommenheiten, mit denen die militärischen Zensurbehörden ausgestattet sind. Die einige Tage später stattfindenden Reichstagsverhandlungen, in denen das Vorwärtsverbot eine Rolle spielte, haben dann auch gezeigt, daß die Wortführer der Reichsregierung, in erster Linie Herr Helfferich, trotz der guten Beziehungen Scheidemanns zur Reichskanzlei dem alten gefnechteten Vorwärts" noch einen Fußtritt versezte. Am Dienstag, den 10. Oftober, fand eine Sigung der Preßkommission statt, in der der Geschäftsführer des Vorwärts", Richard Fischer, mitteilte, daß er selbst mit dem Oberkommando in den Marken in Verhandlung getreten sei, um ein Wiedererscheinen des Vorwärts" in die Wege zu leiten. Aus dieser Mitteilung ging hervor, daß das Oberkommando in die gegenwärtige Redaktion des„ Vorwärts" in bezug auf Einhaltung der Zensurvorschriften kein Vertrauen mehr habe und stärkere Garantien verlange. Die Preßkommission und alle Beteiligten faßten die Forderung des Oberkommandos, wie sie der Geschäftsführer Fischer vortrug, dahin auf, daß die jetzt im Vorwärts" tätigen Redakteure entlassen werden sollen, da zunächst eine andere Erläuterung des Begriffs: Veränderung im Personal der Redaktion" nicht gegeben worden war. Die Preßfommission erklärte nach längerer Aussprache, daß auf solche Bedingungen eine Partei von politischem Ehrgefühl unter feinen Umständen eingehen könne. Es dürfe sich bei der Forderung des Oberkommandos einzig und allein um Garantien handeln, die die Innehaltung der Zensurvorschriften gewährleisten. Der in dieser Sizung der Preßfommission anwesende Parteivorstandsvertreter Otto Braun erklärte, daß der Vorstand sich zu den Bedingungen des Oberkommandos noch nicht äußern könne und erst abwarten wolle, was die Berliner Parteiinstanzen, Preßkommission und Zentralvorstand, beschlie= ßen würden. Die Preßkommission und der Zentralvorstand beschlossen schließlich, am Mittwoch abend die beiden Vorsitzenden der Groß- Berliner Organisation, die Genossen Adolf und Paul Hoffmann, nach dem Obertommando an entsenden und mit diesem über eine Aufhebung des Verbotes zu verhandeln. Hieran sollte auch der Redakteur Däumig teilnehmen. Vor ihrem Gang zum Oberkommando erkundigte sich der Genosse Paul Hoffmann bei dem Parteivorstande, welche Stellungnahme er in dieser Angelegenheit beschlossen habe. Die anwesenden Parteivor= standsmitglieder erklärten, teine Aus= funft geben zu können, da der Parteivorstand über diesen Gegenstand noch feine Sigung gehabt habe. Donnerstag, den 12. Oktober, abends 6 Uhr, fand die Unterredung der Genossen Hoffmann und Däumig einerseits und der Herren vom Oberkommando andererseits statt. Die Herren vom Oberkommando erklärten, daß es durchaus irrig set, wenn unter dem Begriff: Veränderungen der Redaktion" die Entlassung der Redakteure verstanden würde. Das Oberkommando wollte nur auf Grund früherer Erfahrungen weitergehende Garantien für Einhaltung der Zensurvorschriften haben. Auf die Frage, ob die Garantie vielleicht darin bestehen könnte, daß durch Aenderungen in der Ressorteinteilung der Redaktion die Arbeitskraft Däumigs einzig und allein zur Ueberwachung der Zensurvorschriften freigemacht würde, erwiderten die Herren des Oberkommandos, daß die Entscheidung darüber dem Herrn Oberkommandierenden selbst überlassen werden müsse. Es sei aber wohl an gängig, wenn derartige Vorschläge auf schriftlichem Wege dem Oberkommando übermittelt würden. Die Verhandlungen mit dem Oberkommando könnten aber nur durch den gesetzlichen Vertreter des Vorwärts", den Verleger Fischer, geführt werden. Am gleichen Donnerstag abend trat der Zen= tralvorstand Groß- Berlins zusammen und nahm zu dieser neuen Sachlage Stellung. Er beschloß, eine Eingabe an das Oberkommando einzureichen, in der Ressortveränderungen vorgesehen würden, durch die Redakteur Däumig ausschließlich für die Ueberwachung der Zensurvorschriften verpflichtet sei. In der langen und sehr erregten Debatte, die sich mit diesem Vorschlage beschäftigte, weigerte sich der Geschäftsführer Fischer, diesen zu vertreten und dem Oberkommando zu unterbreiten. Er berief sich darauf, daß er zwei vorgesetzte Instanzen habe, nämlich Preßkommission und Parteivorstand; letzterer aber habe zu diesem noch nicht Stellung genommen. Angesichts der hartnäckigen Weigerung Fischers beschloß der Zentralvorstand, daß seine Vorsitzenden das Gesuch mit dem entsprechenden Vorschlage selbst an das Oberkommando absenden sollten. Man war sich zwar darüber klar, daß das Oberkommando formale Bedenken geltend machen werde, da die Unterschrift des Verlegers fehlte. Aus den ganzen Auseinandersetzungen mit Fischer ging deutlich hervor, daß dieser und seine Hintermänner gewillt waren, dem Oberkommando noch weit mehr Garantien zu bieten, als dieses selbst verlangt hatte. Am Freitag, den 13. Oktober, setzten sich die Beauftragten Groß- Berlins mit dem Parteivorstand in Verbindung, um diesen nun endlich zu einer flaren Stellungnahme in dieser Sache zu bewegen. Aber der Parteivorstand hatte es auch jetzt noch nicht eilig; er erklärte mit der größten Seelenruhe, daß er jetzt erst abwarten wolle, welche Antwort das Oberkommando auf die Eingabe des Berliner Vorstandes erteilen werde. Dabei mußte sich der Vorstand ohne weiteres klar sein, daß die Antwort zunächst in negativem Sinne ausfallen werde, da diese Behörde von ihrem Grundsaz, nur mit dem gesetzlichen Vertreter zu verhandeln, keinen Fingerbreit abweichen werde. Aber all diese Erwägungen konnten den Parteivorstand nicht aus seiner bureaufratischen Gemächlichkeit herausbringen. Er hatte in diefen Tagen ungeheuer viel Zeit, um wenige Tage später, als die Früchte nach seinem Geschmack gereift waren, mit blitzartiger Schnelligkeit zuzugreifen. Juzwischen ging vom Oberkommando nachstehendes Schreiben ein: - 10 Abschrift. Oberkommando in den Marken. Sect. Z. Berlin W 10, den 14. Oktober 1916. Viktoriastraße 25 Das Oberkommando hat in der Besprechung zwischen dem unterzeichneten Chef des Stabes und dem Verleger, Herrn Fischer, als dem gesetzlichen Vertreter des Vorwärts", die Forderung gestellt, daß eine Aenderung in dem Personal der Redaktion des„ Vorwärts" eintrete, welche für die Zukunft die nötigen Garantien böte. Gleichzeitig wurde Herrn Fischer anheimgestellt, mit geeigneten Vorschlägen an Se. Exzellenz den Herrn Oberbefehlshaber heranzutreten. Dieser Standpunkt wird auch jetzt noch eingenommen. Inzwischen hat der Verband der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend dem Oberkommando mit Schreiben vom 12. dieses Monats Vorschläge über Aenderungen innerhalb der Redaktion eingereicht und dabei auf seine Rücksprache mit dem Verleger Richard Fischer, Bezug genommen. Das Oberkommando kann indessen, abgesehen davon, daß Herr Fischer der gefeßliche Vertreter des Vorwärts" ist, den Verband der Sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend zur Führung von Verhandlungen um so weniger als berufen anerkennen, als der Vorwärts" nicht nur als Organ des Verbandes der Sozialdemokra= tischen Wahlvereine Berlins und Umgegend, sondern auch als Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands benannt ist, für welches ein Mitglied des Parteivorstandes auch die seinerzeit eingegangene Verpflichtung mit übernommen hat. Von seiten des Oberkommandos. Der Chef des Stabes: v. Berghe. An den Verlag des Vorwärts", zu Händen des Herrn Richard Fischer, M. d. R., Berlin. Das Oberkommando zeigt sich hier als überaus guter Kenner des Parteistatuts. Der Parteivorstand feinerseits wartete die günstige Gelegenheit ab, um seinen sorgfältig und von langer Hand geplanten Gewaltstreich auf den„ Vorwärts" durchzuführen. Nur so ist es zu erklären, daß er acht Tage lang trop wiederholten Ersuchens der Preßkommission und der Berliner Parteileitung nicht mit einer Silbe ver raten hat, welche Vorschläge er selbst für richtig und notwendig erachte. Er hat mit den Berliner Parteigenossen ein Versteckspiel getrieben. Am Sonnabend, den 14. Oftober, fand dann eine gemeinsame Sigung der Preßkom= mission und Zentralvorstand statt, zu der zum ersten Male auch der Parteivorstand erschien. Schon das äußere Auftreten der Parteivorstandsmitglieder zeigte, daß sie in diesem Kreise als feindliche Gewalt erschienen seien. Es fiel dem Parteivorstand nicht ein, sich mit den Vertretern der Berliner Genossen in eine gründliche und sachliche Diskussion einzulassen. Er brachte eine sorgfältig formulierte Frage mit, von deren Beantwortung sein weiteres Verhalten abhängen sollte. Diese, wie er es nannte, Prinzipienfrage", bestand darin, ob die Preßkommission bereit sei, auf dem Boden der Bedingungen des Oberkommandos in Verhandlungen einzutreten. Erst nach Beantwortung dieser Frage werde sich der Parteivorstand äußern. Alle Gegenfragen, was man denn eigentlich unter diesen Bedingungen verstehe, und alle Versuche, den Parteiverstand zu einer ffaren Stellungnahme zu bewegen, blieben erfolglos. Auf Beschluß des Zentralvorstandes traten Parteivorstand und Preßkommission nochmals zu einer Sonderberatung zusammen, damit der Parteivorstand endlich sein Geheimnis offenbare ,, was er unter den Bedingungen des Oberkommandos verstehe. Aber auch diese fünfviertelstündige Beratung bleibt ergebnislos. Der Parteivorstand ist keinen fingerbreit von seinen Forderungen abgewichen, er will seine Prinzipienfrage" zunächst beantwortef haben. So droht an der Hartnäckigkeit des Parteivorstandes jeder Versuch einer Verständigung zu scheitern. Die empörende Nichtachtung der Berliner Parteigenossen, die durch das Ausweichen einer Aussprache dokumentiert ist, wird vom Parteivorstande bis zum Schluß der Sizung beibehalten. Da läuft folgender Antrag ein: " ,, Wir erklären uns mit einer Aenderung im Personalstande der Redaktion einverstanden, wenn 1. die bisherige Haltung des Blattes gewähr= leistet bleibt, 2. wenn keine Entlassung der jetzigen Redakteure daran geknüpft wird, 3. wenn die vorzunehmende Aenderung nichts Verlegendes für die Redaktion in sich schließt und die Redaktion damit einverstanden ist.“ Dieser Antrag wird vom Zentralvorstand ange= nommen. Man sollte annehmen, daß jezt der Parteivorstand seine Anschauungen dargelegt hätte, aber er verschanzte sich aufs neue hinter formale Ausflüchte.„ Troßz Annahme des neuen Beschlusses bestehe doch die Tatsache der Ablehnung der Prinzi pienfrage" durch die Preßkommission." Um auch diesen Vorwand hinwegzuräumen, beschließt die Preßfommission nunmehr die Bejahung der Prinzipienfrage" unter ausdrücklicher Bezugnahme auf den unmittelbar vorher angenommenen Antrag. Alle in der Sizung Anwesenden glaubten jetzt mit Bestimmtheit, daß nun der Parteivorstand in eine sachliche Erörterung der ganzen Angelegenheit eintreten werde. Aber dem Parteivorstand lag gar nichts daran, die Berliner in seinen fein gesponnenen Plan einzuweihen. Wie auf Kommando erhoben sich die Herren und verließen die Sigung mit der Erklärung, daß der Parteivorstand nunmehr seinerseits hierzu Stellung nehmen werde. Auf die Frage, wann ihm der soeben angenommene Antrag des Zentralvorstandes schriftlich zugestellt werden solle, erklärte er, da s habe Zeit bis Montag; an diesem Tage, um zehn Uhr, träte der Parteivorstand erst zu einer Sigung zusammen. Das wagte derselbe Parteivorstand zu sagen, der zwei Tage später feine Minute Zeit mehr hatte, sich mit der Preßkommission der Berliner Instanz zu verständigen und mit fieberhafter Eile seine Abmachungen mit dem Oberkommando traf. Das Ergebnis dieser Woche, in der der„ Vorwärts" den Berliner Parteigenossen vorenthalten wurde, war ein Verschleppungsmanöver des Parteivorstandes mit dem Ziel, die Berliner Organisation bei der Entscheidung vollständig an die Wand zu drücken und durch eine Ueberrumpelung in letter Stunde den Vorwärts" eigenmächtig in die Hand zu bekommen. Im Gegensatz zu der langsamen und bedächtigen Haltung in dieser Woche steht dann sein schnelles und energisches Zupacken an den folgenden Tagen. Am Montag, den 16. Oktober, fand eine gemeinsame Sigung des Parteivorstandes mit der Preßfommission statt und hier rückte der Parteivor stand endlich mit seinem Vorschlage heraus, den er dem Oberkommando machen wollte. Er lautet: Vorschlag des Parteivorstandes. Das Oberkommando in den Marken hat in der heute geführten neuen Verhandlung Garantien für die Junehaltung der nach dem zweiten Vorwärts" Verbot durch den Brief des Genossen Haase vom 30. September 1914 gegebenen Zusicherungen verlangt, wenn das gegen den Vorwärts" erlassene Verbot aufgehoben werden soll Das Oberkom mando hat den auf Däumig_bezüglichen Vorschlag als ungenügend abgelehnt. Es verlangt eine Ber son, die mit den nötigen Vollmachten ausgestattek wird und auch die nötigen Garantien bietet. Der Parteivorstand ist der Auffassung, daß das Wiedererscheinen des Vorwärts" bald ermöglicht werden muß, da sonst nicht nur die Partei, sondern auch der Verlag und die Druckerei dauernd den schwersten Schaden erleiden würden. - 11 Der Parteivorstand schlägt deshalb der Preßfommission vor: Ein Mitglied des Partei= vorstandes tritt in die Redaktion des Vorwärts" ein und erhält die Vollmacht, über den Inhalt des Blattes zu entscheiden. Damit hatte der Parteivorstand seine Mine auffliegen lassen. Es lag klar zutage, daß er das Eingreifen der Militärzensur benußen wollte, den„ Vorwärts" vollständig in die Hand zu bekommen, und ihm eine politische Richtung zu geben, die den Anschauungen des Parteivorstandes entspricht. Die Preßkommission wehrte sich in der energischsten Weise gegen einen solchen Handstreich. Mit vollem Rechte wurde darauf hingewiesen, daß das Oberkommando Garantien nur für die Innehaltung der 3ensurvorschrif ten verlangen könne. Der Parteivorstand wurde darauf aufmerksam gemacht, daß die Berliner Par teiorganisation auf keinen Fall zulassen würde, daß ihr Blaft zu einem offiziösen Organ des Vorstandes umgewandelt werde. Von der Preßkommission wurde folgender Antrag vorgelegt und einstimmig angenommen: Vorschlag der Preßkommission. Ein Mitglied des Parteivorstandes tritt in die Redaktion des Vorwärts" ein und erhält die Vollmacht, die Beobachtung der Zensurvor= schriften zu überwachen und zu er= zwingen. In diesem Antrage kam man der Forderung des Oberkommandos im weitesten Maße entgegen. Da in einer erneuten Unterhandlung Fischers mit dem Oberkommando von letzterem ausgeführt worden war, daß es in der Person des Redakteurs Däumig genügende Garantie für Innehaltung der Zensurvorschriften nicht erblicken könne, erklärte sich die Preßkommission durch ihren Antrag bereit, einem Parteivorstandsmitgliede das Zensurüberwachungsrecht für den Vorwärts" einzuräumen und ihm zu diesem Zwecke alle Machtvollkommenheiten zuzubilligen. Das liegt ganz unzweideutig in dem Worte:„ erzwingen". Mehr hatte das Oberkommando nicht verlangt, mehr fonnte es auch nicht verlangen. Aber der Parteivorstand wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die Militärzensur zu verkoppeln mit seiner eigenen Parteizensur, die er schon vor einem Vierteljahr gegen den Willen der Berliner über den Vorwärts" verhängt hatte.. Am Dienstag, den 17. Oktober, erhielt die Berliner Parteileitung vom Parteivorstande folgendes Schreiben: Abschrift. Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Berlin, den 16. Oktober 1916. An den Vorstand des Verbandes der Sozialdem. Wahlvereine Berlins, hier Werte Genossen! Der Wortlaut des Beschlusses der Preßkommission und des Zentralvorstandes ist uns heute vormittag durch Boten übermittelt worden. Der Parteivorstand hat in seiner eben stattgefundenen Sihung dazu wie folgt Stellung genommen: In dem durch Ihren Beschluß ausgesprochenen Einverständnis mit einer etwaigen Aenderung im Personalstande der Redaktion erblicken wir die Zustimmung zu Verhandlungen über die Forderung des Oberkommandos, die dahin geht, daß eine Aenderung in dem Personal der Redaktion des ,, Vorwärts" eintrete. Im übrigen bemerken wir in bezug auf die Haltung des Vorwärts", daß nach der Meinung, die der Parteivorstand stets vertreten hat, im„ Vorwärts", als dem Zentralorgan der Partei, auch die Auffassung der Parteimehrheit zur Geltung kommen muß und nicht nur die der Minderheit. Doch das ist eine Angelegenheit, über die nicht mit dem Oberkommando zu verhandeln ist. Wir sind weiter der Meinung, daß die vorzunehmende Regelung nicht von dem Einverständnis der Redaktion abhängig gemacht werden kann. Um Verhandlung mit dem Oberkommando ist bereits nachgesucht. Mit Parteigruß Herm. Müller. Hier spricht der Parteivorstand deutlich aus, daß er sich über alle Bestimmungen des Parteistatuts hinwegsetzt, Preßfommission und Berliner Parteileitung vollständig übergeht und die Regelung der„ Vorwärts"-Frage selbstherrlich in die Hand nimmt. An diesem Tage fand um 2 Uhr eine Sihung der Preßkommission statt, zu der der Parteivorstand troß Einladung nicht erschien. Wohl aber war der Geschäftsführer Fischer anwesend, der bekannt gab, daß er auf Grund der Beschlüsse des Parteivorstandes mit dem Oberkommando verhandelt habe. Letteres sei bereit, jeßt das Verbot aufzuheben. Die Preßkommission war über dieses Ueberrumpelungsmanöver auf das höchste entrüstet. Aber an der Unverfrorenheit eines Richard Fischer, der erst vor wenigen Tagen feierlich versichert hatte, daß für ihn die Befehle der beiden ihm vorgesezten Instanzen maßgebend seien, prallte alles ab. Dieser Angestellte und Beauftragte der Berliner Parteiorganisation hat in diesem Falle erneut sein Amt dazu mißbraucht, um eine ihm unbequeme Meinung im Vorwärts" zu knebeln und mundtot zu machen. Fischer selbst wagt nicht einmal zu behaupten, daß das Oberkommando mehr als rein zensurelle Garantien verlangt habe. Aber er ist eifriger Vertreter der Vorstandsmeinung, die in der Behauptung gipfelt, man könne es einem Vorstandsmitgliede nicht zumuten, die Verantwortung für ein Blatt zu übernehmen, auf dessen Inhalt man keinen Einfluß habe. Trotz aller Proteste der Preßkommission hielt dann am Dienstag, den 18. Oktober, nachmittags gegen 5 Uhr, der neue Chefredakteur Hermann Müller seinen Einzug in die Redaktion. Er brachte bereits ein ganzes Bündel von langer Hand vorbereitetem Manuskript mit und bewies auch dadurch, daß es sich um einen seit langem planmäßig angelegten Gewaltstreich des Parteivorstandes handelte. * * Das ist die wahre Antwort auf die Frage: Wie entstand der Streit?" Man vergleiche damit die aktenmäßige Darstellung" der Vorstands- und Verlagsflugschrift. Jeder Arbeiter, der nur eine Spur von Parteiehre und politischem Reinlichkeitsgefühl in sich trägt, muß sich sagen, daß gegen ein solches Verhatten des Parteivorstandes und Richard Fischers die schärfsten Abwehrmaßnahmen gerechtfertigt sind. Die Beschlüsse der Berliner Verbandsgeneralversammlung gegen diesen Vorstands- Vorwärts sind aber durch die späteren Vorgänge noch doppelt und dreifach gerechtfertigt worden. Immerhin sind wir dem Verlage" dankbar, daß er uns durch seine Flugschrift Gelegenheit gegeben hat, die Wahrheit über den Vorwärtsraub in weitere Kreise der Berliner Arbeiterschaft zu tragen. In ähnlicher Weise werden wir auch die in der Verlagsflugschrift behandelten Fragen der Eigentums= verhältnisse des Vorwärts", der Ver= Redaktion gewaltigung der usw. zer= pflücken. Aber die„ attenmäßige Darstellung" des Vorstandes ist nicht allein einseitig und tendenziös, sie arbeitet auch mit direkten Uuwahrheiten, zum Teil sogar wider besseres Wissen. Die Flugschrift behauptet: Wer den Inhalt des Blattes nicht bestimmen fann, fann auch die Garantien für die Zensurvorschriften nicht übernehmen." Damit soll die Gewaltherrschaft des Parteivorstandsmitgliedes Hermann Müller über den„ Vorwärts" gerechtfertigt werden. Begründet wird diese Behauptung mit dem Hinweis auf ein früheres Verbot im Oktober 1914, bet dem der damalige Garantiemann Däu= mig" nach dem Vorschlage der Redaktion selbst 12,, diktatorische Gewalt" und die Befugnis, selbständig über Inhalt und Form der aufzunehmenden Artikel zu entscheiden" erhalten haben soll. Das ist eine glatte unwahrheit! Als damals das Oberfommando das Wiedererscheinen des Vorwärts" von gewiffen Bedingungen, so z. B. die Aufnahme einer Erklärung an der Spize des Blattes usw. verlangte, da gab nach langen Beratungen mit den Berliner Instanzen und dem Parteivorstande die VorwärtsRedaktion folgende Erklärung ab: Ausgehend von dem Wunsche der Berliner Parteiorganisation und des Parteivorstandes, unter allen Umständen den Vorwärts" zu halten und unter dem Zwange des Kriegszustandes erklärt die Redaktion, sich den vom Oberkommando gestellten Bedingungen anpassen zu wollen. Zum Zweck der Durchführung hat die Redaktion den Genoffen Däumig mit diktatorischer Gewalt eingesetzt und dem Parteivorstand den Wunsch ausgesprochen, seinerseits ebenfalls ein Mitglied zum Zensor zu bestimmen. In dieser Erklärung, der die Berliner Instanze und der Parteivorstand beitraten, ist mit feinem Wort davon die Rede, daß der Garantiemann Däumig" den Inhalt des Blattes zu bestimmen habe. Und tatsächlich hat Däumig in den zwei Jahren seiner verantwortungsvollen Tätigkeit nicht ein einziges Mal den Versuch gemacht, seine„ diftatorische Gewalt" auf den Inhalt des Blattes auszudehnen. Er hat einzig und allein über die Wahrnehmung der Zensur vorschriften gewacht. Der Inhalt und der Charakter des Blattes ist auch unter der zweijährigen, Diftatur" Däumigs bestimmt wor den von dem Gesamtwillen der auf demokratischer und kollegialer Grundlage beruhenden Gesamtredaktion. Däumig hat stets Wert darauf gelegt, daß der Inhalt des Blattes das Ergebnis einer engen und vertrau ensvollen Zusammenarbeit aller Redaktionsfollegen sei. Diese follegiale Redaktionsführung ist jahrzehntelang die für den Vorwärts" gegebene gewesen, und die Berliner Parteiorganisationen und der Parteivorstand sind stets für sie eingetreten. Das vor dem Kriege angeschnittene Problem einer Chefredaktion ist über das Stadium von Vorschlägen und Erwägungen nicht hinausgekommen. Die follegiale Redaktionsführung hat erst aufgehört, als die Diktatur Müllers und hier trifft das Wort in seiner ganzen Bedeutung zu dank der oben geschilderten Machenschaften im Vorwärts" ihren Einzug hielt. Das wissen der Parteivorstand und der„ Verlag", das weiß vor allem Hermann Müller ganz genau. Aber zur Verteidigung ihrer schlechten Sache kommt es ihnen auf eine Unwahrheit mehr oder weniger nicht an. Hermann Müller war von Oktober 1914 bis Juli 1915 der obenstehenden Erklärung entsprechend der Bensurbeirat" Däumigs. Wenn Müller in dieser Zeit in dem einen oder anderen Falle der Inhalt einer Notiz oder eines Artikels nicht zusagte und er sich deshalb an Däumig wandte, ist ihm von diesem stets gesagt worden, daß er die Angelegenheit erst der Gesamtredaktion unterbreiten müsse. Mit der„ diktatorischen Gewalt des Garantiemannes Däumig" kann also die Selbstherrlichkeit Müllers und der Gewaltstreich des Parteivorstandes nicht gedeckt werden. Parteigenossen Berlins! Ihr steht im Kampfe um Euer gutes Recht auf den„ Vorwärts". Seht Euch die hier geschilderten Kniffe und Schliche des Parteivorstandes recht genau an, damit ihr den weniger unterrichteten Arbeitern, vor allen aber den Gewerkschaftsmitgliedern sagen könnt, in was für Hände„ das einzige Arbeiterblait Berlins" und das politische Organ der Berliner Arbeiterklasse" zurzeit geraten ist. Der loyale Vorstands- Vorwärts. Genosse Karl Kautsky schreibt uns: Der Borwärts vom 12. Dezember brachte folgende Notiz: Noch eine Berichtigung. Genosse Kautsky schreibt uns noch: Ich lege Wert darauf, festzustellen, daß ich nicht zu den Abonnenten des Vorwärts" gehöre. Wenn ich fortfahre, sein alter Leser zu sein, ist es eine Folge des Umstandes, daß die Neue Zeit" mit dem Vorwärts" im Austausch verhältnis steht." Also Genosse Kautsky friegt den Vorwärts" umsonst. So gut fanns freilich nicht jeder haben. Da eine Reihe Genossen mir ihr Befremden über diese Berichtigung ausdrückten, sei hier festgestellt, daß die Redaktion des Vorwärts" sich einfach erlaubt hat, aus einer Berichtigung, die ich ihr sandte, einen Saz herauszunehmen und den Rest unter den Tisch fallen lassen. Schon in der Nummer vom 10. Dezember veröffentlichte ich eine Berichtigung im Vorwärts", die unwahre Behauptungen der Redaktion über Bernstein und mich richtigstellt. In einer Erwiderung auf diese Berichtigung verdächtigte mich die Redaktion des Vorwärts", ich sei nach wie vor trener Abonnent des Vorwärts", mißachte also den Beschluß der Berliner Genossen, und ich vernachläßige den Kampf um die Ehre unserer Partei. Da ich vor den Berliner Genossen in falschem Licht erscheinen konnte, wenn ich die Verdächtigung im „ Borwärts" auf sich beruhen ließ, sandte ich ihm folgende Zuschrift: „ Noch eine Berichtigung. Die Nach schrift, die die Redaktion des Vorwärts" meiner Berichtigung anhängt, veranlaßt mich noch zu einer fleinen Richtigstellung. Der Vorwärts" begrüßt mich als„ treuen Abonnenten“ und„ alten Lejer". Ich lege Wert darauf, festzustellen, daß ich nicht zu den Abonnenten des Vorwärts" gehöre. Wenn ich fortfahre, sein alter Leser zu sein, ist das eine Folge des Umstandes, daß die Neue Zeit" mit dem„ Bor märts" im Austauschverhältnis steht. Auf die väterliche Mahnung der jeßigen Redaftion des Vorwärts", ich möchte doch auch auf Wahrung der Ehre der deutschen Sozialdemokratie bedacht sein, erwidere ich hier nicht, schon deshalb nicht, weil unsere Anschauungen über das, was der deutschen Sozialdemokratie zur Ehre gereicht, himmelweit auseinandergehen." Daß der Redaktion des„ Vorwärts" dieser Schluß nicht sehr angenehm war, begreife ich. Das gab ihr aber kein Recht, meine Zusendung zu verstümmeln und dadurch ihren Charakter zu entstellen. Sie hat sich nicht nur erlaubt, wesentliche Teile hinwegzulaffen, sie hat sogar den nebensächlichen Hinweis auf das Austauschverhältnis durch unterstreichung besonders hervorgehoben und zur Haupsache gemacht. Was sie den Lesern des„ Vorwärts" als meine Einsendung vorjezte, war nicht diese selbst, sondern uur ein verfälschtes Surrogat. K. Kautsky. * * Nachschrift. Meine Berichtigung hat ein kleines aber bezeich nendes Nachspiel erfahren. Am 12. Dezember erschien das eine Stückchen meiner Einsendung und schon am 14. bekam ich feinen Vorwärts" mehr zugesandt. Wie ich jetzt festgestellt habe, geschah dies auf eine Anordnung von der Zentralstelle aus. Man hatte dort offenbar den Scherz der Redaktion ernst genommen, die bemerft hatte, ich kriege den Vorwärts umsonst". Hätte sie das ernst gemeint, so wäre das ein ökonomischer Blödsinn gewesen, denn ein Austausch ist etwas ganz anderes als eine Scheit fung. Die Redaktion der Neuen Zeit" bekommt den„ Vorwärts" nicht umsonst, sondern gibt ihm dafür ein Exemplar ihrer Zeitschrift. Ein derartiger Tausch ist ein redaktionelles Bedürfnis. Es wäre interessant, zu wissen, ob der Vorwärts" nicht mit der übrigen Parteiprese im Austauschverhältnis steht und ob die Redaktion von den Blättern, mit denen sie tauscht, ein Zeugnis des Wohlverhaltens verlangt. Weil man sich im Vorwärts" über mich ärgert, glaubt man berechtigt zu sein nicht etwa das Tauschs verhältnis zu kündigen, nein, die Neue Zeit" bezieht er ruhig weiter, sondern die Erfüllung des Tauschvertrags einseitig einzustellen. Man betrachtet sie dort offenbar als eine Gunst, die nur Günstlingen der Redaktion zuteil und jedem entzogen wird, der bei ihr in Ungnade gerät. Ich weiß nicht, auf wen diese großartige Manier, mich für meine oppositionelle Haltung zu bestrafen", zurückzuführen ist, ob auf die Redaktion oder den Verlag. Wer immer es sein mag, er bringt mir die Heineschen Worte in den Sinn: Gemein und schmutzig der Wanzerich, Wie Wanzen pflegen, rächte er sich. Die Situation in der Partei. Mit diesem Thema beschäftigten sich am Freitag, den 15. Dezember, eine Anzahl Versammlungen der Wahlvereine Groß- Berlins. Der Besuch der Verfammlungen war sehr verschieden. Er litt unter dem Mangel an genügender Bekanntmachung, da ein in Aussicht genommener Säulenanschlag nicht mehr ermöglicht werden konnte und das Mitteilungsblatt noch nicht in die Hände aller Genossen gekommen ist. Erfreulich aber war, daß überall ein guter Geist zum Ausdruck fam. Im 6. Kreise erklärte im Anschluß an die Mitteilung von der Beschlußfassung des Holzarbeiterverbandes, im Vorwärts" nicht mehr zu inserieren, ein Vertreter des Metallarbeiterverbandes, daß auf der Ortsverwaltung des Verbandes ein gleicher Antrag eingereicht worden sei, was mit lebHafter Zustimmung aufgenommen wurde. Ueberall wurde für die Verbreitung unseres Mitteilungsblatt eifrig Propaganda gemacht und darauf verwiesen, daß unsere Versammlungen im Mitteilungsblatt angezeigt werden. Leider konnte das ursprünglich in Aussicht genommene Thema über das Hilfsdienstgesetz in den Versammlungen nicht behandelt werden. Die Genossen haben sich auch so beholfen. Ueberall kam der Gedanke zum Ausdruck, sich durch keinerlei Maßnahmen des Parteivorstandes in der Vertretung prole= tarischer Interessen und in der Propagierung des proletarischen Sozialismus beirren zu lassen. Es gibt für uns kein anderes Ziel, um aus dem heutigen Wirrwarr herauszukommen, als das zum Sozialismus. „ Und Friede auf Erden..." Eine Glocke rasselt hinter dem hohen eisernen Tor, das finster aus dem roten Mauerwerk auf uns Herniederstarrt. Dann wird es ganz stille. Nur die Schritte des Militärpostens hören wir seitwärts auf dem Pflaster des Hofes erschallen. So vergehen ein paar Minuten im Schweigen, bis plöblich von drinnen her ein Schlüsselbund am Schloß erklirrt. Seitwärts öffnet sich eine Pforte, in deren Rahmen die Gestalt eines schlüsselbewaffneten Beamten erscheint, die sich schwarz vom erleuchteten Hintergrunde abhebt. Wir weisen die Bescheinigung vor, die uns ungefährdeten Eintritt in das Reich des Schweigens gewährt. Unser uniformierter Begleiter von draußen verläßt uns. Krachend fällt die Tür hinter uns ins Schloß. Wieder klirren die Schlüssel und rasselnd schieben sich die schweren Riegel vor. Dann herrscht Totenstille um uns. Der gewölbte Raum zeigt rechts und links schwere braune Holztüren mit schwarzem Eisenbeschlag. Geradezu geht über seine ganze Breite eine Matt13 glastür, scheinbar verziert, in Wirklichkeit gesichert durch schwere Eisengeranke. Unhörbar schreitet unser Pförtner auf die Glaslür zu. Jetzt erst sehen wir, daß er weiche Filzschuhe trägt, die mit seiner fast militärisch anmutenden Uniform und seinem Seitengewehr seltsam kontrastieren. Und nun wir ihm folgen, bemerken wir, daß der Fußboden aus einem fugenlosen meergrünen Stein mit Kokosmatten belegt ist, auf denen wir lautlos folgen, weil jedes Betreten des nackten Steines mit unseren genagelten Stiefeln ein beinahe schmerzhaft wirkendes Knallen an der gewölbten Decke bewirkt, das uns unwillkürlich auf die Kokosläufer zwingt. Und wieder klirren die Schlüssel, wieder empfängt uns hinter der Tür ein neuer Führer mit Filzschuhen, Schlüsselbund und Seitengewehr. Und wieder fällt eine Tür hinter uns ins Schloß, als set dies für die Ewigkeit. Wir stehen jetzt in einem Raum hoch wie ein Kirchenschiff. Rechts und links wieder die seltsamen schweren Türen, eine neben der anderen. Kalte schwarze Nummern stehen darauf. Oben aber schwingt fich Gallerie über Gallerie an den Wänden entlang, die in der Ferne von schwindligen Eisenbrücken verbunden werden. Dort in der Ferne führen auch spinnewebendünne, eiserne Treppen in die Höhe. Auf die Gallerie hinaus aber starrt wieder Tür an Tür. Auch hier die seltsame Stille. In der Ferne sehen wir einen einzigen dunkel gekleideten Mann mit furzer Jacke und einer dunklen Müße, der einen Besen hantiert. Ats wir auf der Kokosmatte an ihm vorbeischreiten, stellt er den Besen aus der Hand, kehrt das Gesicht gegen die Wand und bleibt so unbewegt stehen, bis wir uns wieder entfernt haben. Ueber uns wölbt sich nun ein hoher, kuppelgekrönter Dom, in dessen Mitte in der Höhe der zweiten Etage eine Art Kanzel schwebt, nur getragen von schwindsüchtigen Eisenbrücken, die von drei Seiten her nach ihr hinführen. Lassen wir den Blick von der Höhe nach den Seiten schweifen, so sehen wir, wie von dem Kuppelbau aus sich mächtige Flügelbauten nach allen Seiten erstrecken wie die Glieder eines Seesternes. Jeder dieser Flügel weist die Gallerien, die uns schon beim Eintritt ins Innere des Gebäudes auffielen und hier wie dort gähnen dunkle Türöffnungen in unabsehbarer Reihe ins Parterre wie auf die Gellerien hinaus. Ganz am Schlusse aber begrenzt jeden Flügel ein einziges mächtiges Fenster, das durch alle vier Stockwerke reicht und an dem vorbei sich eiserne Treppen von Etage zu Etage ranken. Auch in der Zentrale führen Treppen empor, auf denen wir nun in die Höhe steigen. Durch die durchbrochenen Eisenplatten des Treppenbelages sehen wir dabei schwindelnd in die Tiefe, bis wir die Höhe der zweiten Gallerie erreicht haben. Hier verläßt uns unser Begleiter und schreitet über eine der Brücken nach der Kanzel in der Zentrale, um dem dort postierten Oberauffeher eine Meldung zu erstatten. Von dem Plaße aus, den dieser Mann einnimmt, find alle Gänge und Gallerten alle Stationen", wie der Fachausdruck lautet des gewaltigen sternförmigen Gebäudes zu übersehen. Von hier aus sieht man jede Tür, die sich öffnet, jeden Menschen, der sich außerhalb dieser Türen bewegt. Selbst dafür ist gesorgt, daß man die Menschen hinter diesen Türen sehen kann. Tritt heran an eine von ihnen. Schwere eiserne Bänder führen von den Angeln aus über sie hin. Ein klobiges, schwarz lackiertes Schloß sichert sic. In etwas über Tischhöhe hat die Tür eine Oeffnung, gerade groß genug, einen Eßnapf durch sie hindurch zu reichen. Aber diese Oeffnung ist wohl verwahrt durch eine feste, ebenfalls mit Schloß versehene Klappe. Ueber dieser Klappe ist eine kleine, runde, verglaste Oeffnung, die zur Durchsicht geöffnet und geschlossen werden fann, wie ein photographisches Objektiv. Das ist der Spion", der uns gestattet, den hinter der Tür Eingeschlossenen unbemerkt zu beobachten. • Wir persuchen es. Dort sißt auf einem hölzernen Stuhl ein Mann in dunkler Anstaltskleidung. Er hat Wäschestücke vor sich zu liegen, die er mühselig ausbessert, indem er die schlechtesten zerschneidet und davon Flicken auf die besseren sett. ,, Unser Anstaltsschneider", erläutert unser Begleiter. Er sitzt jetzt fünf Jahre ab wegen schweren Diebstahls." Wir gehen weiter, bis uns eine Tür auffällt, die außer durch das allgemein vorhandene Schloß durch schwere Riegel verwahrt ist, die ihrerseits durch Vorhängeschlösser gehalten werden. „ Ein Raubmörder", antwortet unser Führer auf Befragen.„ Er wird vermutlich bald hingerichtet werden." Wir öffnen den Spion. Dort liegt ein Mann auf der Pritsche, dessen beide Handgelenke durch eine Eisenstange verbunden sind. Eine Kette führt zu einem Ringe, der dicht über dem Fußboden in die Wand eingelassen ist. Die Kette ist gerade lang genug, um ein Einherschreiten zwischen der Tür und dem kleinen Fenster hoch an der gegenüberliegenden Wand zu ermöglichen. Der Gefesselte richtet sich empor, sein Blick wandert an der kahlen Wand entlang und bleibt an der eisenbeschlagenen Tür fleben, hinter der wir ihn beobachten. Es ist, als sähe er durch die Tür. Schaudernd lassen wir die Deffnung zuschnappen. In diesem Augenblick hebt eine Uhr an und von der Zentrale her schmettern drei scharfe Gongschläge dazwischen. Am Eingange wird es lebendig. Die Treppen feucht es empor. Und bald darauf erscheinen von der Zentrale her zwei Gefangene mit einem gewaltigen Kessel, der die Abendsuppe enthält. Ein dritter hat eine weiße Schürze vorgebunden und handhabt eine große Kelle, während der Stationsaufseher die Klappen an den Zellentüren öffnet. Von innen wird Napf auf Napf durch die Klappe herausgegeben, gefüllt und aurüdgereicht, und mit lautem Knall werden die Klappen wieder zugeworfen. Im ganzen Hause dröhnt und schlürft und klappert und knallt es, bis die Verteilung der Suppe beendet ist. Dann nehmen wir unsere Wanderung wieder auf. Die Zelle, in die wir den nächsten Blick werfen, beherbergt einen Apotheker, der wegen Sittlichkeitsverbrechens verurteilt ist. Er ist mit Blumenmachen beschäftigt. Wir schreiten weiter, bis unser Begleiter mit geheimnisvoller Miene stehen bleibt. Hier sitzt ein Politischer." Wie heißt er? Weswegen sitzt er hier?" Das darf ich nicht sagen!" Leise öffnen wir den Spion". Links ist die an der Wand befestigte, hochgeklappte Pritsche, die oben eine gerollte, blauweißbezogene Decke trägt. Weiter wandert unser Blick nach der Fensterwand, an der unten die Röhren zur Heizung entlang gezogen sind, während sich in mehr als Manneshöhe ein kleines, vergittertes Mattglasfenster be= findet. Rechts ist ein winziger Wandschrank zu sehen, aus dem ein brauner Eßnapf hervorlugt. An dem Schrank schen wir auch das Nummernschild hängen, das jeder Gefangene beim Verlassen der Zelle auf der Brust trägt. Oben auf dem Schrank steht ein kleiner Waschnapf, unten hängen ein paar gerollte, dunkle Kleidungsstücke und die Müße mit der schwarzen Tuchmaske, die von den Gefangenen auf dem Wege nach dem Hofe, nach der Kirche usw. getragen werden muß, um jede Möglichkeit des Erfennens auszuschließen. Auf dem Tisch liegen ein paar Bücher. Und nun fällt unser Blick auf den Mann, der raftlos zwischen den fahlen Wänden auf und ab wandelt. Zehn Schritte von der Tür nach dem Fenster. 3chn Schritte vom Fenster nach der Tür. Auf und ab. Hin und her. Wie ein rastloses Pendel. Sturze, schwarze Locken decken den Lassalle- Kopf. 14Ein kleiner Bart umgibt den Mund. Dunkle Augen blicken aus dem aufrecht gehaltenen Gesicht. Jetzt bleibt er stehen. Zum tausendsten Male fällt sein Blick auf die Hausordnung, die an der Wand hängt. Wieder liest er ihre salbungsvolle Einleitung: Du bist nun ein gefangener Mann..... Da lenften abermals drei scharfe Gongschläge unsere Aufmerksamkeit ab. " Türen werden geöffnet. Dunkle Gestalten fommen heraus. In je zehn Schritten Abstand von einander wandern sie dann auf ein erneutes Zeichen nach der Zentrale, schwarze Masken vor dem Gesicht, aus denen nur die Augen herausfunfeln. Wie entstellt doch diese Tracht! Wie verhüllt doch diese Maske! Keine Mutter würde aus dieser Schar ihren Sohn herausfinden! Von der Zentrale aus geht der Weg dann auf der zweiten Gallerie entlang weiter zur Kirche, deren Pforten weit geöffnet sind. Jeder verschwindet dort in einem der amphitheatralisch angeordneten Kasten, die nur nach der Kanzelseite hin geöffnet sind und jeden Verkehr mit Nachbarn, Hintermann oder Vordermann ausschließen. Zwei Aufseher. die rechts und links von der Kanzel Play nehmen, können jeden einzelnen der so Untergebrachten beobachten. Es ist der Kirchenchor der Anstalt, der jetzt versam= melt ist, und bald erscheint an der Orgel auch der Kantor, ein älterer vollbärtiger Herr, um seine Zög= linge zu dirigieren. Er gibt den Ton an und mit dem Taftstock das Zeichen zum Beginn. Dann setzt voll und mächtig das Lied ein: Stille Nacht, heilige Nacht...." Die Töne suchen ihren Weg zu den geöffneten Türen der Kirche hinaus nach der Zentrale. dort streben sie auseinander und wollen nach allen Seiten in die Flügel des Gebäudes ein. Keine noch so fest verschlossene Tür gebietet ihnen Halt. Sie dringen in die Zellen zu den Männern, deren größte Qual es mit war, ein ganzes Jahr keine menschliche Stimme gehört zu haben. Erst wird es totenstill hinter den eisenbewehrten Türen. Wann dringi, da und dort heraus leiſes Weinen. Und als das Lied geendet hat, schallt aus einer Belle ein wildes hysterisches Schluchzen, dem laute Schreie nicht mehr zu unterdrückenden inneren Schmerzes folgen. Wieder wird es stille. Dann schwingt sich ein herrlicher, jubelnder Tenor aus der Kirche in die fernsten Winkel des Zuchthauses: „ Ehre sei Gott in der Höhe...." Und nun senken sich die Stimmen des Chores: „ Und Friede auf Erden...." Der Kantor hat abgeklopft; die Sänger sind in ihre Zellen zurückgekehrt; ein großes Schließen hebt an. Von der Zentrale gibt eine größere Glocke dröhnend des Schlußzeichen. Nun erlischt in allen Zellen das Licht, bis auf das in der Zelle des Mörders. Hier brennt es unbarmherzig jede Nacht, bis auch sein Lebenslicht erlöschen wird. Die Gefangenen suchen ihr Ruhebett auf, doch der Schlaf meidet alle. Auf ihrem harten Lager wälzen sich der Einbrecher, der Mörder, der Sittlichkeitsverbrecher und alle die anderen. Rückgewandt blicken sie auf ein verlorenes Leben. Nur der Politische schaut versonnen voraus. Und im Dunkel der Zelle ersteht vor ihm eine Vision, eine gewaltige Volksmenge, die auf offener Straße jubelnd singt: ,, Und Friede auf Erden...." Lebensmittelnachrichten. Vom Lebensmittelmarkt fann Erfreuliches nicht berichtet werden. Die Kartoffeln sollen in Zukunft nur von Händlern abgegeben werden, bei denen der Kunde sich hat in eine KundenI iste einzeichnen lassen. Alle schönen Verspre 15 chungen, Berlin würde so reichlich mit Kartoffeln persorgt, daß die Bevölkerung sich damit eindecken tönnte, sind nicht gehalten worden. Nur die wenigen, die zuerst auf Bezugsscheine Kartoffeln zent nerweise erhalten haben, sind etwas im Vorteil gegen die anderen, die nicht zentnerweise Kartoffeln bekommen oder kaufen konnten. Jetzt soll sich herausgestellt haben, daß weit weniger Kartoffeln vorhanden sind, als man schäzungsweise angenommen hat. Diese Feststellung wird aber starf angezweifelt; es wird vielfach vermutet, daß die im Februar in Aussicht stehenden höheren Preise für Kartoffeln die Ursache der jetzigen Kartoffelknappheit seien. Diese ganze Ernährungspolitik ist keine solche, die im Interesse weiter Kreise liegt. Mit Kohlrüben, die heute die Kartoffeltäufer mitnehmen müssen, können die meisten Hausfrauen nicht viel anfangen, da es ihnen an Fett mangelt. Hohe Preise wurden für Aepfel gefordert. Für den Höchstpreis sind Aepfel nicht zu haben, alles wird unter der Firma Tafelobst verkauft, um die Höchstpreise überschreiten zu können. Spargel und Erbsenkonserven sollen in der Woche gegen Abgabe des Brotmarkenmittelstücks verabfolgt werden, aber nur bis zum 24. Dezember. Leider haben viele Kleinhändler diese Konserven gar nicht am Lager, und viele Frauen fragen erstaunt, wo sie denn Spargel- und Erbsenkonserven erhalten. Schlimm steht es auch mit der Gemüseversor: gung Berlins. Seit wir eine Reichsstelle für Gemüse haben, ist Gemüse vom Markte so gut wie verschwunden, so daß die Preisfestsetzungen der Preisprüfungsstelle für Wirsingkohl und Weißkohl nicht allzu viel nügen. Die einzig erfreuliche Mitteilung bezieht sich auf die angekündigte Herabsetzung der Preise für Heringe und Räucherwaren. Tatsächlich sind Bücklinge und Räucherheringe mit 1 Mark pro Stück bezahlt worden. Man spricht davon, daß die Preise auf 40 bzw. 35 Pf. herabgesetzt werden sollen. In den Räucherwarengeschäften waren aber die Preise in den letzten Tagen noch die gleich hohen. Zahlreiche Familien sind auf den Räucherhering direkt angewiesen, der früher 20 bis 25 Pf. gekostet hat. Und Heringe find fast nirgends zu haben, bis auf die städtischen Heringe, die aber nur selten in kleinen Portionen zu haben sind. Aus der Partei. Genoffe Artur Stadthagen hielt in einer sozialdemokratischen Parteiversammlung in Jena einen Vortrag über das Zivildienstgefeß. Dabei wurde folgende Resolution gegen eine kleine Minderheit angenommen: 1. Aus der Tatsache, daß die sozialdemokratische Fraktion für das Gefeß gestimmt hat, kann die sozialdemokratische Arbeiterschaft die sozialdemoFratische Fraktion nicht mehr als ihre Vertretung ansehen und wird dementsprechend ihre Konsequenzen daraus ziehen. 2. Die am 6. Dezember 1916 tagende Mitgliederversammlung der Ortsgruppe Jena des fozialdemokratischen Kreiswahlvereins Weimar III kann sich mit der Einführung des Zivildienstpflichtgesetzes nicht einverstanden erklären. Mit der Ablehnung des Gesetzes durch die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft erklärt sich die Partelversammlung einverstanden. Die Bewilligung dieses Gesezes durch die sozialdemokratische Fraktion wird auf schärfste verurteilt. Die Anwesenden sind überzeugt, daß das Volf, insbesondere die Abgeordneten, alles tun werden, um aus eigener Kraft gegen die Verlängerung des Krieges zu arbeiten. Da die Reichstagsfraktion Mitglieder der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft auf, in der Presse und im Reichstag selbst allen Bestrebungen, auch die Frauen in das Gesetz einzubeziehen, aufs energischste entgegenzutreten. unser Vertrauen nicht mehr besißt, fordern wir die Der Wahlverein Randow- Greifenhagen( Landfreis Stettin), der vom Genossen, Alwin Körsten, Gewerkschaftssekretär in Berlin, vertreten wird, sprach feine Mißbilligung zu der Annahme des Hilfsdienstgefeßes durch die Sozialdemokratische Fraktion aus. Die Beitragssperre beschlossen die Parteivereine in Bremen und Braunschweig. Natürlich ist der Parteivorstand sofort dabei, neue Organisationen in Bremen ins Leben rufen zu lassen und die Genossen aus der Partei hinauszudrücken. Es gibt kein ungeeigneteres Mittel, den Kampf in der Partei gegen den Parteivorstand zu führen, als die Beitragssperre. In Gotha sprachen sich am Sonntag, den 17. Dezember, die Vertreter der Gothaer Gewerkschaften in ihrer Kartellißung, die von 70 Funktionären besucht war, nach einem Referat des Reichstagabgeordneten Bock gegen das Gesetz über den Vaterländischen Hilfs= dienst aus, das sie nicht als im Interesse der Arbeiterfchaft liegend anerkennen können. Verschiedene Redner gewerkschaftlicher Organisationen begründeten ihren Standpunkt in eingehender Weise. In Leipzig stellte sich eine Versammlung, in der Genosse Geyer referierte, auf den gleichen ablehnenden Boden. Strafanträge Müller- Ernst- Fischer. Die Gewaltmaßnahme des Parteivorstandes und Richard Fischers gegen die Berliner Genossen, die insbesondere im Vorwärtsraub den Höhepunkt erreichten, hat zu den bekannten Abwehrmaßnahmen der Berliner Genossen geführt. Auch Strafanträge find schon eingereicht worden. Sie richten sich gegen ein Mitglied der Preßkommission und gegen einige Genossinnen, die beschuldigt werden, in die Redaktionsräume widerrechtlich eingedrungen zu sein, und an dem neuen Chefredakteur Müller Lynchjustiz verübt zu haben. Darauf Anzeige wegen Hausfriedensbruch und Körperverleßung. Antragsteller sind die Herren Müller, Geiger, Ernst und Richard Fischer. Was Ernst und Fischer bei der Sache zu tun haben, ist unflar. Offenbar betrachten sich beide als Hauswirte vom Lindenhaus. Noch unklarer ist aber, daß die Beschuldigten und auch Zeugen vor die Abteilung VII, politische Abteilung des Polizeipräsidiums zur Verbandlung geladen waren. Hoffentlich entgehen die Attentäter nicht ihrer verdienten Strafe, die exemplarisch ausfallen muß, wird der Rechtsanwalt Heinemann im Termin sagen. Recht, Herr Heinemann. Aus den Organisationen. Leseabende finden am 3. Feiertag in verschiedenen Wahlkreisen statt. Dritter Wahlkreis. Mittwoch, den 27. De= zember, am dritten Weihnachtsfeiertag, findet im Gewerkschaftshaus, Engelufer 15, abends 6 Uhr, im Saal I, eine kleine Veranstaltung für die Kinder statt. Zahlreiche Beteiligung erwünscht. Der Vorstand. Niederschönhausen. Am Mittwoch, den 27. Dezember, abends 8 Uhr,( 3. Feiertag), im Lokale von Rettig, Blankenburgerstraße 4: 3wangloses gemütliches Beisammensein. Um recht rege Beteiligung ersucht die Bezirksleitung. 16 Vereins- Nachrichten. Neukölln. Die Bibliothek des Wahlvereins bleibt am Sonnabend, den 23. Dezember, sowie in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr geschlossen. Von Neujahr ab wird dann die Bibliothek an den Ausgabetagen nur noch bis um 9 Uhr geöffnet sein. Vereins- Veranstaltungen. Freireligiöse Gemeinde Berlin. Sonnntag, den 24. Dezember, vormittags 11 Uhr: Kl. Frankfurterstraße 6: Vortrag von Herrn Ernst Däumig: Wie das Weihnachtsfest entstand. Montag, den 25. Dezember: Herr Dr. M. H. Baege: Menschwerdung. Nächste freireligiöse Vorlesung: Sonntag, den 7. Januar. Arbeiter- Radf.- Verein Groß- Berlin". Mittwoch, den 27. Dezember, abends 7 Uhr, Mitgliederversammlung in Gieskes Vereinshaus, Köpenickerstraße 62. Tagesordnung: Vortrag und Geschäft= liches. Teilnehmer und Gäste haben Zutritt. Die Mitglieder werden dringend gebeten, pünktlich zu erscheinen. Ausstehende Sammellisten sind mitzubringen. Das Jugendheim I( Brunnenstr. 70) veranstaltet am 1. Weihnachtsfeiertag, 8 Uhr abends, eine Heimfeier. Rezitationen, Gesang, Mandolinenvorträge und Festansprache. Eltern und Angehörige, sowie Freunde unserer Jugendbewegung sind hierzu herzlich eingeladen. Wahlverein Bohnsdorf. Montag, den 25. Dezentber( 1. Feiertag), nachmittags 4 Uhr, Weihnachtsfeier im Saale des Herrn Wirth, Bahnhofstraße. Mitwirkende: Frl. Marie Schipfmann( Rezitatorin), Gesangverein Sängerchor", Jugendkapelle, Kinderchor. Groß- Lichterfelde. Am 28. Dezember, abends 8 Uhr, bei Wahrendorf, Hindenburgdamm 104, Nachruf. 4. Wahlkreis. Am 16. Dezember 1916 verstarb unfer Genoffe, der Silberarbeiter Adalbert Christoph, Muskauerstr. 36. Am 16. Dezember 1916 verstarb unser Genosse, der Maler Carl Dreier, Tilsiterstr. 72. Am 17. Dezember 1916 verstarb unser Genosse, der Tischler Hermann Gutsche. Ehre ihrem Andenken! 6. Wahlkreis. Am 15. Dezember verstarb unser Genosse, der Klempner Max Müller, Triftstr. 62. Ehre seinem Andenken! Wahlverein Neukölln. Am 12. Dezember verstarb unsere Genossin Berta Kerntopp Leinestr. 51, 16 Bezirk. Ehre ihrem Andenken! Monatsversammlung. Vortrag: Die Gewerkschaften und ihre Zukunft. Erneuert rechtzeitin das Abonnement. Die Leser auswärtiger Parteiblätter werden darauf aufmerksam gemacht, ihr Abonnement baldigst zu erneuern. Wer nicht vierteljährlich abonnieren will, kann das monatlich tun. Er muß zu diesem Zwecke nach der zuständigen Postanstalt gehen und das Abonnementsgeld bezahlen. Auch diejenigen, die neu bestellen, müssen das gleiche tun. Nachruf! Als Opfer des Weltkrieges fiel bei den Kämpfen in Rumänien unser Kollege, der Mechaniker Richard Neumann im 27. Lebensjahr. Sein Andenken ehren Die Kollegen der Firma C. Lorenz A.-G. Abt. Bandke. Dem Andenken unserer auf dem Kriegsschauplaz gefallenen Genossen! 6. Wahlkreis an dui Am 27. Juli fiel der 33 jährige Maurer Hermann Pollnow Bastianstr. 3, 17. Abt., Bezirk 803. Am 2. September fiel der 30 Jahre alte Monteur Georg Seibert Wöhlertstr. 11, 11. Abt., Bezirk 644. Wahlverein Neukölln. Am 19. November verstarb im Lazarett unser Genosse, der 29 Jahre alte Glaser Albert Panjas Elsenstr. 83, 4. Bezirk. Am 10. Dezember verstarb im Lazarett in Thorn unser Genosse, der 45 Jahre alte Schriftseger Adolf Abraham Donauftr. 25, Bezirk 7a. Seine Leiche ist nach hier überführt worden und am 17. Dezember im Krematorium in Treptow Baumschulenweg eingeäschert worden. Am 19. November fiel unser Genosse, der 29 Jahre alte Tableauarbeiter Waldemar Lau Oterstr. 7, 16. Bezirk. Am 10. November fiel im Westen unser Mitglied, der Bauarbeiter Hermann Jäckel Erfstr. 4, 7. Bezirk. Ehre ihrem Andenken! Verantwortlicher Redakteur: Richard Herb: Ver eger: Adolf Hoffmann; beide Berlin SW. 68, Lindenstr. 3. Drud: Maurer& Dimmid, Berlin SO. 16, Ropenider Straße 36-38.