A IIIitteilungs-Blatt des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend. Zu beziehen durch die Bezirksführer die Nummer zu 5 Pf. oder durch die Post vierteljährlich 12 Pfl frei ins Haus. Nr. 14. Berlin, den 1. Juli 1917. 12. Jahrgang. Büro des Verbandes sowie Redaktion des Mitteilungsblattes befinden sich vom 1. Juli ab Zchicklerslraße s, hol 2 Crcppcn, Eingang neben dem Tierschutzverein. Alle Briefe und Geldsendungen werden von diesem Zeitpunkt ab nach obengenannter Adresse erbeten. .Ms Minister empfehlen iidj... Berlin, den 25. Juni 1917. Das österreichische Ministerium Clam-Mar- tinitz ist endgültig gescheitert. Der Widerstand der Polen und anderen Slaven im Reichsrate war so stark, daß alle Persuche des Ministerpräsidenten, ein allen nationalen Parteien genehmes Ministerium zu bilden, vergeblich waren. Auf seiner Suche nach neuen Männern für das Kabinett hat Graf Clam-Martinitz auch bei der deutsch-österreichi- schen Sozialdemokratie angeklopft und dem Ee- Nossen Dr. Renner einen Ministersessel ange- boten. Der Herr Graf hat aber eine Absage er- halten. Räch dem Bericht des„Berliner Tageblattes" hat das Präsidium der deutsch- österreichischen Sozialdemokratie die Ablehnung folgendermaßen begründet: Die Partei lehne grundsätzlich die Teilnahme an der Regie- rung eines kriegführenden Staates ab. Denn die erste Aufgabe der Sozialdemokratie sei die internationale Arbeit für den Frieden. Das reichsdeutsche regierungssozialistische Zen- tralorgan, der„V 0 r w ä r t s", verschweigt seinen Arbeiterlesern diese Begründung. Er macht einige allgemeine Redensarten: Die Arbeitskraft Renners sei zu wertvoll, um als Paradestück eines Ministeriums ohne klaren Willen und feste Ener- gie abgenutzt zu werden. Dann aber schreibt das „einzige Arbeiterblatt Berlins" wörtlich: „In politisch weiter vorgeschrittenen Län- dern anerkennen auch die Sozialisten aus langer Erfahrung den hohen Wert der tätigen, wirkenden, verantwortlichen Arbeit durch ihren Eintritt in die Regierung, ohne sich deshalb zu schnödem Oppor- tunismus zu bekennen. Man kann auch nicht sagen, daß der Eintritt in die Re- gierung eines kriegführenden Staates unzu- lässig sei. Es wird vielmehr immer darauf an- kommen, in welcher Stellung� das einzelne Parteimitglied besser für den Frieden wirken kann......" Und weiter meint der„Vorwärts", die feindliche Legende müsse zerstört werden, als ob Deutsch- lands und Oesterreichs Völker einer Befreiung von außen bedürften. Die Advokaten der„Macht- politik" seien die gefährlichsten Berater der Staaten, die Vorkämpfer der Demokratie führten im Nahmen des Staates die m 0 r a l i s ch e Lan- desverteidigung, die nicht weniger notwendig sei als die physische. Reben dem vor einiger Zeit im„Vorwärts" abgelegten Bekenntnis zur Monarchie gewährt diese Empfehlung des Minifterialismus einen klaren Ausblick auf den Kurs, den der Regierungs- sozialismus einschlagen möchte. Sein leidenschaft- liches Sehnen läuft darauf hinaus, ein paar oder auch nur einen seiner Staatsmänner in die bürger- liche Regierung hineinzusenden. Er glaubt und sucht den Arbeitern einzureden, daß ein sozial- demokratischer Staatssekretär oder Minister an der Seite der Herrn v. Bethmann-Hollweg. v. Stein, Helfferich usw., oder auch der eventuell mit der Ministerwürde zu beglückenden Herrn Ctresemann. Erzberger usw.„verantwortliche Arbeit" leisten könne. Denselben Faden hat dann Herr Scheidemann im„Vorwärts" weitergesponnen. Die Erfahrun- gen, die er und seine Freunde in Stockholm sam- nwln konnten, scheinen nicht gerade erfreulich ge- wesen zu sein. Sein Selbstbewußtsein scheint doch manch harten Stoß erlitten zu haben. Die sozial- patriotischen Verteidigungspolitiker, die offenbar gemeint haben, daß ihr lautes Friedcnsgeschrei die Menge ihrer Kriegssündcn vergessen machen könne. haben erkennen müssen, daß zur Anbahnung eines baldigen und dauernden Weltfriedens doch etwas mehr nötig ist, als eine dreijährige burgfriedliche Zahmheit und platonische Friedensdeklamationen. Es wird ihnen allmählich klar, daß Lebensfragen der inneren Politik in engster Wechselbeziehung stehen zu den Problemen der äußeren Politik, vor allem aber zu dem Abschluß eines Verstündigungs- friedens. Darum versteigt sich sogar Herr Scheide- mann zu dem Satze:„Es(d. h. die Anbahnung des Friedens) geht nicht ohne eine durchgreifende Demokratisierung Deutschlands." Und weiter sagt er:„____ Tiefgreifende, weithin sichtbare Reformen unseres Staatslebens sind jetzt nötig, und es ist keine weitere Verschiebung des Termins statthaft, wenn unser Volk nicht den schwersten Schaden leiden will." Der„Sozialdemokrat" Scheidemann denkt aber gar nicht daran, diese seine Erkenntnis mit den Mitteln des proletarischen Befreiungskampfes zu verwirklichen. Er wendet sich an„alle politischen weitblickenden Männer und Frauen Deutschlands, gleichviel, wie sie sonst in einzelnen Fragen zu denken gewohnt sind".„In diesem Punkte muß es heißen: Es gibt keine Parteien mehr, es gibt nur e i n Volk", meint Herr Scheidemann. Was hier in allgemeinen und diplomatischen Redewendungen empfohlen wird, findet seine Er- läuterung in Auslassungen anderer regierungs- sozialistischer Staatsmänner. Da erfährt man, was diese Vorkämpfer der„wahren, alten Sozialdemo- kratie" unter„weithin sichtbaren Reformen" ver- stehen. Schon der frühere Staatssekretär Dern- bürg hätte vor einiger Zeit angeregt, an Stelle der Neuordnung der deutschen Verfassung wenigstens einen Personenwechsel vorzunehmen, weil das Ausland zu den jetzigen deutschen Regierungs- männern kein Vertrauen habe. Von denselben Gedankengängen ausgehend wie Echeidemann und Dernburg schlägt die„B r e s l a u e r Volks- wacht" vor, an Stelle Bethmann-Hollwegs müsse Graf Vernstorff Reichskanzler und Herr Dernburg Staatssekretär des Innern werden. Zu Staats- sekretären sollten aber Männer aus dem Parla- ment wie der Zentrumsmann Erzberger, der Wort- fllhrer der nationalliberalen Schwerindustrie Stresemann, der„Sozialdemokrat" David und— der Unabhängige Sozialdemokrat Wurm ernannt werden. Das schönste aber kommt noch. Die„Vres- lauer Volksmacht" schreibt: „Wer rüstet eine Delegation zu Kaiser Wil- Helm aus, die ihm die Sachlage vorstellt und ihm nahelegt, in den Kreisen seiner Berater die Ver- änderungen vorzunehmen, die uns das Ver- trauen des Auslandes wiedergeben und die Aenderungen des Systems vorzunehmen, die allein„eine Sicherheit für die Zukunft" geben." Darnach liefe die ganze Politik der Partei, die in hartem Kampfe mit den herrschenden Gewalten groß geworden ist, und deren Lebens- und Stoß- kraft in der engsten Fühlungnahme mit den werk- tätigen Massen und deren tätiger Mitwirkung an den politischen Kämpfen bestand, darauf hinaus, durch eine alleruntertänigste Petition beim Kaiser und durch die Verleihung des goldgestickten Mini- sterfrackes an einzelne Parlamentarier jene„weit- hm sichtbaren Reformen" zu erreichen, von denen Ccheidemann schreibt. Daß die„Breslauer Volks- wacht" in ihrem genialen Vorschlage auch den Ee- nossen Wurm erwähnt, muß wohl auf die tropische Junihitze zurückgeführt werden, in der jener be- wußte Artikel geschrieben wurde. Denn daß ein Genosse der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei in dem Augenblicke aufhören würde, Mit- glied der Partei zu sein, in dem er ernsthaft für einen Posten in der Regierung des kapitalistischen Eegenwartsstaates in Frage käme, bedarf gar keiner Frage. Zu wundern braucht man sich über diese neueste Weisheit unserer Regierungssozialisten weiter nicht. All diese Aeußerungen neunmalweiserStaats- mannskunst, all diese Anbiederungsversuche und Selbstempfehlungen sind die natürliche Folge- erscheinung der vielgerühmten Politik des 4. August. Die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, die Verwirklichung sozia- listischer Ziele, kurz all das, was bisher der Grund- gedanke der sozialdemokratischen Bewegung war, wird jetzt preisgegeben, um den trügerischen Schimmer einer Scheinmacht nachzujagen. Haben nicht unsere Regierungssozialisten ihren französi- schen und englischen Gesinnungsgenossen zum Vor- wurf gemacht, daß sie in ein kriegerisches und im- perialistisches Ministerium eingetreten sind? Jetzt brennen sie darauf, das gleiche Experiment zu machen. Aber wie bei den Franzosen die Guesde, Thomas usw. als Minister ihre sozialistische Ueber- zeugung in die Tasche stecken mußten, so wird wohl erst recht in Deutschland ein sozialdemokratischer Minister darauf verzichten müssen, wirklich sozial- demokratische Forderungen zu vertreten. Schwer wird einem Regierungssozialisten freilich dieser Verzicht nicht werden. Die dreijährige Unterwer- fung unter den Burgfrieden war eine gute Vor- schule dafür. Die Herren haben in dieser Zeit feden Blick für die ökonomischen und politischen Machtverhältnisse verloren, alle historische Ersah- rung ist bei ihnen in die Brüche gegangen. Sie müßten sonst wissen, daß alle solche ministeriellen Experimente kläglich gescheitert sind. Die Entwick- lungsgeschichte eines Millerand sollte ihnen doch ein lehrreiches Beispiel sein. Aber selbst wenn ein sozialdemokratischer Minister kein ehrgeiziger Streber ist wie Millerand, so würde ihn die Macht der monarchischen, militärischen, agrarischen, groß- industriellen und klerikalen Gewalten so die Hände binden, daß aus seiner Ministertätigkeit so gut wie nichts für den Sozialismus und die Demo- kratie herauskäme. Das ganze Streben nach„weithin sichtbaren Reformen" läuft also tatsächlich auf ödesten Oppor- tunismus hinaus. Es soll den Arbeitermassen den Schein eines politischen Einflusses vortäuschen, es soll sie veranlassen, ihr Heil vertrauensvoll in die Hände einiger erleuchteter Parteiführer und Par- teidiplomaten zu legen, denen sie durch ihren Stimmzettel indenSättelverholfenhaben.Siemei- nen, daß Ausland und Inland an eine Demokrati- sierung Deutschlands glauben werden, wenn ein Scheidemann, ein David oder sonst eine „sozialdemokratische" Leuchte mit dem Titel Ex- zellenz beehrt wird. Aber mit solchen phantasti- schen, unehrlichen und unfruchtbaren Gedanken wird der Sache des Friedens nicht gedient. Wollen die Regierungssozialisten aller Länder zu einer Beendigung des Völkerringens beitragen, müssen sie schon zu anderen weithin sichtbaren Mitteln greifen, um ihren Friedenswillen durch die Tat zu beweisen. Die Julitagung des Reichstages bietet den deutschen Regierungssozialisten Gelegenheit dazu. Kebel über den Zliiintsterinlismus. Die Frage, vb Sozialdemokraten in ein bürger- liches Ministerium eintreten können, hat schon öfter in der Partei zu Erörterungen geführt. So auch 1903 auf dem Dresdener Parteitage. Damals stand in Frankreich der„Millerandismus" in schönster Blüte. Auch eine ganze Anzahl deutscher Revisionisten sang damals dem Streber Millerand Loblieder. Das waren meist dieselben Leute, die bei Ausbruch des Welt- krieges, als Millerand französischer.striegsminister war, wütend über ihren einstigen Liebling herfielen. Genosse Bebel wandte sich damals gegen die Lobredner eines sozialdemokratischen Ministerialismus. Was er damals gegen Wollmar ins Feld führte, trifft heute noch auf die Tchcidemanu, Stampfer usw. zu. Bebel führte damals u. a. aus: „Es soll sich um Machtzuwachs handeln. Das ist ja überhaupt die Frage des Revisionismus ilics heute: Rcgierungssozialismus. Die Red. d. MF, man will schließlich in der Regierung Macht erwerben, so denkt man hüben wie jenseits der Wogesen,' wenn wir mal erst einen sozialdemokratischen Geheimrat in einem Ministerium hätten, oder einen Unterstaatssekretär oder gar einen Staatssekretär! Was wäre denn dann? Rehmen wir einmal an, man nehme den Tüchtigsten aus Ihren Reihen und machte lihiil zum Staatssekretär des Innern. Glanben Tie, daß er dann Gesetz- entwürfe machen könnte, wie er ivollte? Da steht die ganze Bourgeoisie, die heute kaum ihre eigenen Männer in der Regierung hat, und die sollte einen Sozialdemokraten hineinlassen; das wäre doch nur dann denkbar, wenn sie ganz genau wüßte, daß sie dadurch die Sozialdemokratie von innen heraus z e r t r ll m m e r n u n d z n etwas anderem m a ch e n könnte, als sie jetzt i st. Der Kaiser hat ja jene Randbemerkung gemacht:„Ja, wenn wir einen Millerand hätten!" Ich würde, wenn er mich fragte, sagen: wir haben Wollmar lheute müssen ivir natürlich sagen: Scheibemann oder David. Die Red. d. MF, der ist Millerand mindestens ebenbürtig... Die Dinge gehen bei uns freilich anders als ander- wärts. Bei uns heißt es in letzter Stunde stets: biegen oder brechen. Und da es nicht biegt, so bricht es. Setzen wir einmal den Fall, man verspräche sich in den maßgebenden Kreisen Vorteil davon, man würde glauben, damit Eindruck auf die Arbeiter zu machen, wenn man einen aus unseren Reihen in die Regie- rung aufnähme. Glauben Sie, daß das ohne Kon- Sessionen abginge? l)o ut cles!(Ich gebe, damit du mir gibst.).... Dafür würden wir ein Stück Macht eingeräumt erhalten, das viel unbedeutender ist, als Sie glauben. Die Rativnalliberalen haben seit Jahr und Tag den langen Müller in der Regierung. Vor vierzehn Tagen las ich in dem nationalliberalen„Han- noverschen Kurier" einen Artikel, der darauf hinaus- lief:„Verehrter Genosse, machen Sie, daß Sie so schnell wie möglich aus dem Ministerium heraus- kommen. Sie können uns dort nichts nützen, Sie kompromittieren uns nur." So geht es schon der nationalliberalen Partei— also nehmen wir den Fall, daß für unsere Partei etwas ähnliches möglich wäre, dann würde man uns sagen: Wurst wider Wurst: wir machen euch Konzessiönchen, aber nun seid so gut und stimmt auch für den Rcichsetat! Ihr müßt jetzt das Militär-, das Marinebudget, das Kolonial-Budget, die auswärtige Politik, die indirekten Steuern, die Lebens- zöllc, die Liebesgaben akzeptieren, den ganzen Etat mit Haar und Haut verschlingen, dann machen wir euch Konzessivneu... Je stärker Ihr die Regierung macht, um so mehr festigt Ihr die Regierung und setzt sie in den Stand, uns zu zwiebeln und alles zu ver- weigern......" ....... Natürlich ist alles staatsmünnische Genie auf Seite unserer Revisionisten llies heute: Regie- rungssozialisten. Die Red. d. MF, alles diplomatische Geschick auf ihrer Seite. Ihr staatsmännischcs Genie sieht man schon aus tausend Meter Entfernung und ihr staatsmännisches Geschick riecht man schon auf hun- dert Meter. Darauf sage ich Euch: diese Prinzipien- reitcr, die den alten idealen, revolutionären Stand- punkt der Partei heute mehr wie je vertreten, das sind keine Diplomaten, keine Staatsmänner, wollen keine sein— aber ich sage: merkt man einem an, daß er ein „Staatsmann" ist, dann ist er schon keiner mehr. Läßt sich jemand den Diplomaten anmerken und spricht er es womöglich auch noch aus, dann hört er auf, es zu sein. Es ist mit einem Wort das Streben der An- Näherung an die bürgerliche Gesellschaft. Die Ber- tuschnng, die Uebcrbriicknng der Gegensätze zwischen Proletariat und bürgerlicher Gesellschaft." Unter dem Schutze desUnternelimertn. ts. Die„Leipziger Wolkszeitung" berichtete am ■21. Juni: Die Leipziger Handelskammer versendet an ihre Mitglieder das nachstehende Schreiben: Handelskammer Leipzig. Leipzig, am 13. Juni 1917. Bekanntlich haben sich die Gegensätze in der So- zialdemokratie infolge der Bewilligung der Kriegs- krcdite wesentlich verschürft und zu einer Spaltung in der Organisation der sozialdemokratischen Partei geführt. Die große Mehrheit der Sozialdemokratie anerkennt die Pflicht der Vaterlandsverteidigung, während die Minderheit die Kriegskredite verwei- gert wissen will. Die alten Leipziger sozialdemvkra- tischen Kreisvereine vertreten den Standpunkt der Minderheit, deren Tendenzen in der Leipziger Volkszeitung zum?l u s- druck k o m in e n. Als Glied der sozialdemokratischen Partei Deutschlands hat sich kürzlich in Leipzig ein neuer Parteiverein gebildet, der nunmehr auch an die Her- ausgäbe einer neuen Zeitung gehen will, die von Ende Jnni an täglich unter dem Titel„Freie Presse" erscheinen wird. Die Herausgeber dieser neuen Z e i- t u n g h a b e n sich nun an die Handelska m- m e r mit der Bitte gewendet, bei ihren B e z i r k s a n g e h ö r i g e n z u b e f ii r w orten: l. daß die Verteilung der vom 20. Juni an er- scheinenden P r o b e n u m m e r n i n oder wenig- stens vor den Betriebsstätten beim Arbeitsschluß gestattet werde: 2. daß kurz vor dem 1. Juli Abonnements- l i st e n für die„Freie Presse" in den Betrieben zir- kulieren können, soweit sich Leute bereit finden lassen, diese Listen in Zirkulation zu setzen: 3. daß sie sich der neuen„Freien Presse" und namentlich ihrer Probenummern, die in hoher Auf- läge in Leipzig-Stadt und-Land unentgeltlich zur Verteilung kommen, als günstiger Ins er- tionsgelegenheit bedienen. Wenn sich die Handelskammer auch bisher grunb- sätzlich jeder Stellungnahme in parteipolitischen Fra- gen enthalten hat und an diesem Standpunkte auch in Zukunft festzuhalten gedenkt, so glaubt sie im vor- liegenden Falle nach Lage der Verhältnisse doch so weit gehen zu sollen, daß sie die Wünsche der H e r a u s g c b e r d e r n e u e n Zeit u n g ihren Vezirksangehörigen, wie hiermit geschehen sein soll, mitteilt und ihnen ihre Erfüllung a n h e i m- stell t. Die Handelskammer. Schmidt, Vorsitzender. Dr. jur. Wendtland, Syndikus. Dazu bemerkt die„Leipziger Volkszeitung": Dieses Schriftstück ist in mehrfacher Hinsicht außer- ordentlich bemerkenswert: Es ist ein Zeichen unserer Zeit, es ist ein weiterer Beweis dafür, aus welchen Quellen den Sozialimperialisten moralische llnter- sttttzung und moralische Hilfe fließen. Als Grundsatz der Arbeiterbewegung gilt, daß die Befreiung der Arbeiter aus den gegenwärtigen Verhält- nissen nur das Werk der Arbeiter selbst sein könne. Das große Vertrauen, das die sozialdemokratische Partei bis zum Kriegsausbruch bei den Arbeitern fand, be- ruhte ausschließlich darauf, daß die Arbeiter die Wah- rung ihrer Interessen bei der Sozialdemokratie in sicherer Hut wußten. Auf die Selbständigkeit der Ar- beitcrbewegung wurde der entscheidende Wert gelegt: unabhängig von allen kapitalistischen Einflüssen, frei von allen Interessen des Kapitals sollte die Bewegung sein: das war der Wille, das war der Stolz der beut- scheu Arbeiter. Und darum regte sich bei den Arbeitern soviel Zorn und Erbitterung gegen die gelbe, gegen die wirtschafts- friedliche und die anderen Richtungen dieser Art, die nur durch die weitgehende Unterstützung der Unter- nehmer aufkommen konnten. Die Arbeiter wissen: der Unternehmer folgt nur den Gesetzen seiner Klasse, wenn er für jede Leistung eine Gegenleistung verlangt. Der Unternehmer unterstützt die gelben Vereine nicht deshalb, weil deren Mitglieder schönere Menschen sind als die Mitglieder der freien Gewerkschaften, sondern seine Unterstützung hat den Zweck, diese Vereine den kapitalistischen Interessen dienstbar zu machen, sie in den ivirtschaftlicheu Auseinandersetzungen gegen ihre Arbeitsgenosseu auftreten zu lassen. So ist das auch in diesem Falle. Die Unternehmer, die die Handelskammer bilden, leihen ihre freundliche Hilfe den Herausgebern des Konkurrenzorgans der Leipziger Wolkszeitung nur, weil sie annehmen können, daß das Blatt kapitalistische Interessen wahrnehmen wird. Die Handelskammer bildet die offizielle Ver- tretnng des Handels- und Industriekapitals, sie muß deshalb zu dieser Auffassung kommen. Die neue Zeitung der Leipziger Sozialtmperia- listen tritt also als ausgesprochen gelbes Blatt auf den Plan. Nachdem sich ergeben hat, daß die Masse der Leipzider Arbeiter diesen Herren keine Ge- folgschaft leisten, wenden sie sich vertrauensvoll an die offizielle Vertretung des Unternehmertums, und wie man aus diesem Dokument ersieht, sind sie nicht auf taube Ohren gestoßen. Die weitere Erörterung dieses Vorgangs, seine deutlichere Charakterisierung überlassen wir unseren Lesern! Der Fall hat aber nicht nur ein besonderes Ar- beiterinteresse, sondern er gibt auch zu allgemeinen poli- tischen Bemerkungen Anlaß. Die Handelskammern sind, wie wir schon bemerkt haben, Interessenvertretungen des Handels- und In- dustriekapitals. Sic beeinflussen selbstverständlich das politische Leben, sie nehmen auch aktiv zu politischen Fragen Stellung, soweit diese ihre Jnteressenkreise be- rühren. Neu jedoch ist, daß sie offiziell für eine Partei gegen die andere Stellung nehmen. Wir verstehen ja, daß sich die Sympathien der Leipziger Handelskam- mein dem neuen Blatte zuwenden: aber gehört es noch zu den Aufgaben einer Handelskammer, sich in den Propagandadienst einer neugebildeten politischen Partei zu stellen? Wir machen weiter darauf aufmerksam, daß die Leipziger Handelskammer offiziell eine Handlung unterstützt, die bestehende Gesetzesbestimmungen ver- letzt. Die Bekanntmachung über Druckpapier vom 20. Juni 1916, unterschrieben von Herrn Dr. Helfferich als Stellvertreter des Reichskanzlers, veröffentlicht im Reichsgesetzblatt Seite 534, enthält folgenden § 8. Die Lieferung von Frei- und Werbeexemplaren von solchen Zeitungen, Zeitschriften und sonstigen periodisch erscheinenden Druckschriften, die ganz oder teilweise auf maschinenglattem, holzhaltigen Druck- papier hergestellt sind, ist verboten, gleichgültig, ob die Lieferung auf längere oder kürzere Zeit, ob sie durch Verleger oder durch Mittelspersonen erfolgt. Die Lieferung von Pflichtexemplaren an Behörden wird von dieser Bestimmung nicht berührt, ebenso ist die Abgabe von Freiexemplaren an Mitarbeiter, Lazarette und Soldatenheime, jedoch nicht mehr als ein Exem- plar, und die Abgabe von Belegexemplaren an In- lerenten gestattet. In der Verordnung wird Gefängnis bis zu sechs Monaten oder Geldstrafe bis zu 10 000 Mark gegen den angedroht, der« ihren Bestimmungen zuwider- handelt, lind in der„Sammlung der Vorschriften über den Verkehr mit Druckpapier und Druckfarbe", herausgegeben von der Kricgswirtschaftsstelle für das deutsche Zeitungsgewerbe, wird in einer Anmerkung zu 8 8 ausdrücklich gesagt:„Verstöße gegen das Ver- bot müssen unnachsichtlich bestraft werden." Wenn man sich daran erinnert, welche großen und kleinen Schwierigkeiten der Tagespresse und nicht zu- letzt der sozialdemokratischen Presse gegenwärtig be- reitet werden, wie sie unter den gesetzlichen Bestim- mungen, die der Kriegszustand mit sich gebracht hat, zu leiden hat, wie sie alle die Einschränkungen an Materialverbrauch über sich ergehen lassen muß, dann muß man sich allerdings darüber wundern, mit welcher Leichtigkeit die Herausgeber des neuen Blattes über diese Schwierigkeiten hinwegkommen! Wenn es noch eines Beweises dafür bedurfte, wie notwendig es ist, daß die wirklich freie Presse, die von allen kapitalistischen Interessen unabhängige Leipziger Volkszeitung, von den Arbeitern unterstützt wird, so ist er durch die Bettelaktion der Leipziger Sozial- imperialisten für ihr gelbes Blatt erbracht worden. Wir werden auch in Zukunft nicht um das Wohlmollen der Unternehmer buhlen. Wir versprechen auch diesmal, daß wir nur diesem einen Leitsatz wie bisher folgen werden: Unermüdlich für das Wohl der arbeitenden Bevölkerung tätig zu sein. Das hat uns bisher das Vertrauen der Arbeiter und aller derer erworben, die auch in der Politik auf Sauberkeit halten, und darauf stützen wir unsere Arbeit." ** « Die politisch geschulten Arbeiter werden von selbst die Mitteilungen der„Leipziger Volkszeitung" von der Flucht sogenannter Sozialdemokraten unter die schützenden Fittiche des Kapitalismus nicht als eine Einzelerscheinung auffassen, sondern darin nach all den Erfahrungen der Kriegsjahre ein ganz bestimmtes System sehen. Es handelt sich bei diesen Dingen nur um die natürliche Fortentwicklung dessen, was man gemeinhin die Politik des 4. August nennt, um eine praktische Anwendung des Programms des Regie- rnngssozialtsmus. Das, was in Leipzig geschah, steht im engsten Zusammenhang mit anderen Lebensäuße- rungcn jener Partei, die den Arbeitern vorlügen möch- ten, sie sei die„alte, wahre Sozialdemokratie" ge- blieben. In dieses Kapitel gehören die Gewaltstreiche des Parteivorstandes, der den Belagerungszustand heuchlerisch mit Worten bekämpft, in der Praxis aber sich denselben zu Nutze macht, um oppositionelle Zcitn ngen unterseincFuchtel zubringen. Die Arbeiter, die dicVor- ortzüge des Berliner Ostens und Nordens benützen, sehen täglich den Beweis für die Umwandlung der Sozialdemokratie zur regicrungssozialistischen Reform- Partei an den Werbeplakatcn für den Vorstand3-„Vor- wärts" vor ihren Augen. Das Königlich Preußische Eisenbahnministerium, das noch während des Krieges keinen Zweifel daran gelassen hat, daß es wichtigen Grundforderungen der Arbeiterbewegung feindlich gegenübersteht, würde seine Zustimmung zur Anbrin- guilg der Werbcplakate nicht gegeben haben, wenn es nicht genau gewußt hätte, daß diese Partei und diese Zeitung einen Sozialismus vertreten, der der Regierung nicht mehr gefährlich wird, der hier und da vielleicht einmal bellt, aber nicht mehr beißen kann. Im engsten Zusammenhang mt diesen Dingen steht die regierungssozialistische Methode, den Arbei- tern weiß zu machen, ihre Partei sei zu großem Ein- fluß gelangt, weil sie irgendeinen sozialdemokratischen Konzcssionsschützen in das Ernährungsamt, in das Kriegsamt für den„vaterländischen Hilfsdienst" oder einige andere Kriegsausschüsse gesandt hat, wo sie in der Praxis nicht viel mehr als Dekorationsstücke be- deuten. Und wenn sie dort vielleicht auch einmal die eine oder die andere Einzelbeschwerde vortragen, und belanglose Nebensächlichkeiten durchsetzen können, so kommen in den erwähnten Körperschaften doch ganz andere Kräfte und Interessen zur Geltung als der angebliche Einfluß der zahmen Regierungssozialisten. Jeder Arbeiter kann sie täglich an seinem Magen, in seiner Lebenshaltung, an der Unfreiheit seines Ar- beitsverhältnisses, an dem ganzen Druck und Zwang seines heutigen Daseins spüren, wie es um diesen Einfluß in Wirklichkeit bestellt ist. Ebenso muß die Leipziger Entlarvung des Regie- rungssozialismns betrachtet werden im Zusammen- hange mit dessen bisherigen politischen Lebensäuße- rungen. Im Leitartikel dieser Nummer ist schon auf die Sehnsucht der Regierungss�zialisten nach einem Ministersessel hingewiesen worden. Aber auch die Wahlen, die bisher stattgefunden haben, zeigten das regierungssozialistische System in seiner ganzen Schönheit. Bei der Reichstagswahl in Spandau-Ost- Havelland flogen dem braven regierungssozialistischen Kandidaten nicht nur die konservativen und liberalen, ja sogar gelben Stimmen zu, er erschien sogar noch höheren Ortes für so absolut rcgierungsfromm, daß die Kammerherrn und Hoflakaien der Schlösser von Potsdam und Sanssouci geschlossen für ihn stimmen durften. Und ebenso ist das klägliche Wuchergeschäft der Regierungssozialisten im 1l. Berliner Landtags- Wahlkreise noch in aller Erinnerung, wobei letzten Endes die Fortschrittler noch mehr Rückgrat zeigten als die Pattlöcher. Und weiter ist es nur die praktische Anwendung des regierungssozialistischcn Programms, wenn die Juristen der„alten, wahren Sozialdemokratie" in ihren Schriftsätzen die Anhänger der Unabhängigen Sozialdemokratie als„Anarchisten" und„Landesver- rüter" der Polizei und der Justiz denunzieren, und die regierungssozialistischen Musterknaben in um so strahlenderem Lichte erscheinen zu lassen. Das sind nur einige Tatsachen aus der regierungs- sozialistischen Praxis. Alle aufzuführen ist aus den be- kannten Gründen zurzeit nicht angängig. Vor allem können wir nicht darlegen, wie schwer, ja unmöglich uns Unabhängigen die Herausgabe von neuen Zcitun- gen und die Erhaltung bestehender Blätter gemacht wird, während die Regierungssozialisten, das Leipziger Beispiel zeigt es erneut und mit handgreiflicher Deut- lichkeit, sich der wohlwollenden Förderung behördlicher und kapitalistischer Kreise erfreuen können. Den politisch geschulten Arbeitern sagen wir mit allen diesen Dingen nichts Neues. Aber sie dürfen die angeführten Tatsachen nicht als Einzelerscheinungen auffassen, sondern müssen sie in ihrem Zusammenhange als die praktische Durchführung des Programms an- sehen, das sich der Regierungssozialismus gegeben hat. Und dann müssen sie in ihrem Wirkungskreise dafür sorgen, daß den weniger geschulten Arbeitern die Augen geöffnet werden über die wahre Natur jener Partei, die, wie Ebert in der letzten Sitzung des Par- tciausschusscs behauptete, eine Klassenkampfpartei sein will, in Wirklichkeit aber sich hilfesuchend an die Nock- schöße der Regierung und des Unternehmertums anklammert. Wochen fchan. Born 19. bis 26. Jnui 1917. Die Kriegsereignissc haben in der hinter uns liegenden Woche nichts gebracht, was die militärisch- politische Gesamtlage des Weltkrieges hätte ändern können. An der Westfront bringt jeder Tag neue Schlachten und Gefechte und fordert neue Opfer, ohne das Kräfteverhältnis auf beiden Seiten zu erschüttern. Aus allerlei Andeutungen der englischen Presse geht hervor, daß man noch eine starke Tvmmervffensivc der Engländer und Franzosen zu erwarten hat. Bor allem aber setzen die Kriegstreiber im Ententelager ihre Hoffnungen auf die amerikanische Hilfe, die aber erst im Jahre 1918 militärisch wirksam sein könnte. Bon diesem, dem, wie man es nennt,„amerikanischen Jahr", erwarten die Ententekreise, denen es mit drei Jahren Bölkergcmetzel noch nicht genug ist, das Heil. Damit würde die geplagte Menschheit ein viertes Kriegsjahr über sich ergehen lassen müssen, ein vierter Kriegs- winter würde der ausgebluteten und ausgehungerten Kulturwclt noch bevorstehen. Es ist dringend zu wün- schen, daß die Anregungen, die in Stockholm gegeben werden, bei allen Völkern ein Echo auslösen und die mör- derischen Pläne der Kriegshetzer hüben wie drüben zunichte machen.— An der i t a l.i e n i s ch c n Front ist es bis auf einige größere Kampfhandlungen in Süd- tirol im Gebiet der sieben Gemeinden verhältnismäßig ruhig gewesen.— Auf dem Balkan ist neben der politischen Vergewaltigung Griechenlands durch die Entente die militärische Besetzung des schwergeprüften Landes durch italienische und französische Truppen fortgesetzt worden. Der deutsche Admiralstab hat in den letzten Tagen bedeutsame Zahlen über die Ergebnisse des U-Boot- Krieges bekannt gegeben. Darnach sind im Monat Mai 869 009 Tonnen Schiffsraum versenkt worden. In den ersten drei Monaten des verschärften U-Boot- Krieges, vom Februar bis April, wurden versenkt 2 786 000 To. Im ganzen Kriegsverlauf sind von deut- schen U-Booten bis jetzt versenkt worden 8 638'>00 To. Das bedeutet, daß die Ladung von vielen tausend langen Güterzügen mit Waren, Rohstoffen, Lebens- Mitteln usw. auf den Meeresgrund befördert worden sind, lieber diese Zahlen ließe sich von rein militä- rischem und kriegerischem Standpunkte aus manches Rühmliche, von politischem Standpunkte aus viel Be- denkliches, von wirtschaftlichem und sozialem sehr viel Kritisches sagen, wir müssen es aber unseren Lesern überlassen, sich ihr eigenes llrteil darüber zu bilden. ** * Im Auslände hat Oesterreich eine Minister- krisis über sich ergehen lassen müssen, weil die selbstän- digcn Regungen der slavischen Nationalitäten dem Ministerium Clam-Martinitz die Arbeit unmöglich machten. Graf Clam-Martinitz ist jetzt endgültig in Gnaden entlassen und darf als Oberst und österreichi- scher Gouverneur nun das unterworfene Montenegro beherrschen. Als Nachfolger des Grafen Clam-Mar- tinitz ist der bürgerliche Ackerbauminister v. Seidler berufen worden, der ein Beamtenministerium gebildet hat, das aber nur provisorischen Charakter haben soll. Fn Ungarn hat der neue Ministerpräsident Graf Esterhazy sein Regicrungsprogramm entwickelt, das eine gründliche Wahlreform enthält, wenn damit auch nicht alle Forderungen, die män an eine freies Wahlrecht stellen muß, erfüllt sind. In bezug auf den Frieden sagte Graf Esterhazy, daß die ungarische Re- gierung für einen„für uns und unsere Gegner an- nehmbaren Frieden" eintrete. In Dänemark wollten die Konservativen den sozialdemokratischen Minister Skauning dadurch zu Fall bringen, daß sie ihren Parteiminister Rottböll aus der Regierung herausnehmen wollten. Die Liberalen wollten mit der gleichen Maßnahme auf die konser- vative Attacke antworten,' damit wäre die vor Jahres- frist abgeschlossene Verständigung der dänischen Par- tcien in die Brüche gegangen. Der Konflikt ist aber schließlich dennoch beigelegt worden? Stauning braucht also auf seine Ministerwürde nicht zu verzichten. In Griechenland, wo zurzeit der politische Kommissar der Entente, der Franzose Jonnart, der tatsächliche Herrscher ist, übernimmt Bcnizelos die Re- gierung und besetzt das bisherige Ministerium mit seinen Anhängern. Hand in Hgnd damit gehen Ver- folgungen von Anhängern der bisherigen Regierung und von mißliebigen Beamten und Offizieren. Auf diese Weise wird Griechenland„unter Wahrung seiner Selbständigkeit" an die Seite der Entente gezwungen. Ein neuer Beweis dafür, daß die kleinen Nationen nur ein Spielball in der Hand der großen Mächtekoalitio- neu sind und wie notwendig eine Neuregelung des Bölkerlebens auf der Grundlage nationaler Gleich- berechtigung ist. In I t a l i e n hat in der vergangenen Woche die Regierung Gelegenheit gehab», die üblichen Kriegs- tiraden vor der Kammer zu halten, deren Weise und Text in den verschiedenen Variationen man nachgerade von allen kriegführenden Regierungen gehört hat. Der Ministerpräsident Boselli hielt es aber für notwendig, in seiner Rede gewaltig gegen die Friedensströmungen zu donnern, ein Beweis dafür, daß auch in den breiten Schichten des italienischen Volkes diese Friedens- strömungen sehr lebendig und durch die gewaltigen Aderlässe der letzten Offensiven noch sehr gestiegen sind. Der Minister des Aeußern Sonnino machte die auch anderwärts zu hörenden Redensarten wie: Italien erstrebe keine Eroberungen, es wolle nur Sicherheiten an seinen nationalen Grenzen. Besonders schön machte sich in Sonninos Munde der Satz, daß Italien keinen Imperialismus kenne. Das wichtigste aber, was die Regierung der Kammer zu sagen hatte, wurde trotz des Protestes der Sozialisten unter Ausschluß der Oeffent- lichkeit in einer Geheimsitzung gesagt.— Von der großen Friedenssehnsucht des italienischen Volkes zeugt übrigens die Tatsache, daß das tapfere Zentral- organ der italienischen Sozialdemokratie, der in Mai- land erscheinende„A v a n t i", kürzlich auch eine römische Ausgabe eingeführt hat, die in allen Bevöl- kerungskreisen Zuspruch findet. Dieser Vorgang zeigt auch noch, daß trotz aller Tücken der italienischen Zensur, die in zahllosen weißen Stellen des„Avanti" zum Ausbruck kommen, die Bewegungsfreiheit der oppositionellen Presse nicht so eingeschränkt ist, wie anderswo. Aus Rußland kommen in der abgelaufenen Woche wieder allerlei Meldungen über kontcrrevolu- tionäre Machenschaften, deren Richtigkeit sich von hier aus nicht nachprüfen läßt. Zurzeit tagt der allrussische Kongreß aller Arbeiter- und Soldatenräte, der sich in seiner überwältigenden Mehrheit gegen einen Sonder- frieden mit Deutschland ausgesprochen, dafür aber er- neut ein entschiedenes Bekenntnis für einen allge- meinen Verständigungsfrieden ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen ablegte. Außerdem billigte dex. Kongreß die Tätigkeit des Kriegsministers Kcrenski an der Front, vor allem dessen Vorgehen gegen die Verbrüderungen an der Front. Tie Vertreter der extrem-radikalen Richtung, deren Wortführer Lenin ist und die einen Frieden um jeden Preis wollen, um die Errungenschaften der Revolution im Lande aus- bauen zu können, blieben in der Minderheit. Des weiteren hat der Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte mit 843 gegen 126 Stimmen die Schaffung der Koalitionsregierung gebilligt und deren allgemeine Politik anerkannt. Ferner verlangt der Kongreß die Auflösung der Duma und des Reichsrates, dafür aber die schleunige Einberufung der gesetzgebenden Ver- sammlung. Von wenig zuverlässiger Seite ist auch die Mel- dung verbreitet worden, der Kongreß habe sich für die Wiederaufnahme der Offensive ausge- sprochen. Eine unzweideutige Bestätigung dieser Mel- dung liegt bis zur Stunde nicht vor. Es ist auch kaum glaublich, daß die Arbeiter- und Soldatenräte für die Wiederaufnahme einer Offensive im Sinne und nach den Wünschen der Entente-Kricgshctzer zu haben sind. Wie wir auch die Tätigkeit Kerenskis, so- lange wir nicht eines anderen belehrt werden, so ans- fassen, daß er bestrebt ist, die Devensivkraft des russi- schen Heeres gegen etwaige Angriffe der Armeen der Mittelmächte wieder herzustellen. Die Meldungen über den angeblichen Offensivbeschluß, von dem der Vorstands-„Vorwärts" sogar behauptete, er sei nach einer Begründung durch Zeretelli mit überwältigender Mehrheit angenommen worden, sind bisher nicht be- stätigt worden. Das hindert die bürgerliche Presse nicht, schon tüchtig darauf loszuschlagen. Den Vogel schießt dabei der militärische Mitarbeiter des„B e r- liner Tageblatts", ein Herr Generalleutnant z. D. Baron v. Ardenne, ab. Der Herr, der die Dinge in Rußland nur ans der Perspektive des preußischen Kasernenhofes betrachten kann, leistet sich u. a. folgende Beschimpfungen des Kongresses des russischen Arbeiter- und Soldatcnrates:„Zunächst ist zu bemerken, daß selbst in dieser aufgehetzten, durch Gold und Alkohol beeinflußten Versammlung etwa ein Drittel der Abstimmenden unter Führung des Arbeiterapostels Lenin sich gegen diesen Beschluß aussprach." Und:„Der obenerwähnte Arbeiter- und Soldatentongretz hat nur die Bedeutung einer will- kürlich zusammengelaufenen Volksver- s a m m l u n g." Man muß überhaupt, wenn man den Artikel des Herrn Generalleutnants z. D., dem ähn- liche iin„B. T." schon vorausgegangen sind, liest, un- willkürlich an das Gepolter jener all-preußischen Gamaschenknöpfe denken, die sich vor 120 Jahren über die Armee des revolutionären Frankreich lustig mach- tcn. Ob solche Artikel von rein bürgerlichem Stand- punkte klug und nützlich sind, mag dahingestellt bleiben, soll auch nicht unsere Sorge sein. Der Fall zeigt aber sehr deutlich die ganze Haltlosigkeit und Zwiespältig- keit der bürgerlichen Presse in allen Kriegs- und Frie- densfragen, auch in Zeitungen, die sich noch eixr ge- wisses Maß. von Ruhe und Vernunft bewahrt haben. Was nützt es der Anbahnung eines baldigen Friedens, wenn heute Herr Theodor Wolfs oder Herr Hans Vorst einen leidlich vernünftigen, ruhig und nüchtern urteilenden Artikel bringen, wenn morgen ein drauf- gängerischer General(früher war es ein zur„Deut- schen Tageszeitung" abgeschwenkter Major) die gute Fernwirkung solcher Artikel in Trümmer schießt. Die Arbeiter sollte aber ein solches Beispiel, denen sich tausend andere aus dieser Kriegszeit zugesellen ließen, kritisch machen gegen die so haltlos hin und her schwankende bürgerliche Presse einschließlich des regte- rungssozialistischen Zentralorgans. ** * In Stockholm sind jetzt die Vertreter der Un- abhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands eingetroffen. Zur Zeit, in der diese Zeilen geschrieben werden müssen, verlautete noch nichts über ihre Vor- besprechungen mit dem skandinavisch- holländischen Komitee und ihre Stellungnahme zur Konferenz der Zimmerwalder usw. Diese Konferenz soll am 28. Juli in Stockholm zusammentreten. Der eigentliche und ausschlaggebende Kongreß, der wahrscheinlich der vom russischen Arbeiter- und Soldatenrate einberufene sein wird, ist wiederum verschoben worden, um den fran- zösischen Sozialisten Zeit zu gewähren, an den Ver- Handlungen teilzunehmen. Die Vorbesprechungen der deutschen Regierungs- sozialistcn in Stockholm, ihr berühmtes Memorandum, verschiedene Interviews der Herren Scheidemann, David nsw., sowie manche andere Begleiterscheinungen dieser ersten Reise unserer Regierungssozialii?en nach Stockholm hat im In- und Auslande viel Stoff zu Erörterungen gegeben, deren Bewertung wir uns für die nächste Nummer vorbehalten müssen. »* * Tie innere Politik Teutschlands wird dem dcut- fchen Regierungssozialismus in den nächsten Tagen eine schwere Nuß zu.knacken geben. Donnerstag, den S. Juli, wird die erste Plenarsitzung des Reichstages stattfinden. Die Regierung wird eine neue Kriegs- kreditvorlage von 15 Milliarden vorlegen. Vom Bundesrat ist eine neue„R e i ch s- gctreideordnung für die Ernte 1917" be- schlössen worden, nach der Getreide aller Art beschlag- nahmt werden kann,' dem freien Handel sollen größere Betätigungsmöglichkeiten eingeräumt, den Kommunal- bchörden erweiterte Machtbefugnisse eingeräumt wer- den. Ob die Konsumenten mehr Brot und Mehl er- halten werden, wird in der Verordnung nicht gesagt,' das hängt vom Ausfall der Ernte ab. Zur Kontrolle der landwirtschaftlichen Produktion wird eine„Reichs- wirtschaftskarte" eingeführt. ** * Ter Fall Grimm. Die Ausweisung des Schweizer Nationalrates Grimm aus Rußland, die vom Arbeiter- und Soldaten- rat mit 640 gegen 121 Stimmen der Leningruppe ge- billigt wurde, hat das politische Leben der Schweiz in große Erregung versetzt. Der Leiter der auswärtigen Angelegenheiten der Schweiz, Bundesrat Hoffmann, hat sofort nach Bekanntwerden seines Briefes an den Schweizer Gesandten in Petersburg sein Amt nieder- gelegt. Auf die politischen Kämpfe, die dieser Vorfall in der Schweiz verursacht hat und der auch eine törichte Demonstration halbwüchsiger Burschen gegen das deutsche Konsulat in Genf zur Folge hatte, kann hier nicht näher eingegangen werden. Grimm hat von Stockholm aus eine längere Erklärung veröffentlicht, in der er die Vorgänge bei seiner Ausweisung schil- dert und sich mit aller Entschiedenheit gegen den Vorwurf, er sei ein deutscher Agent, verwahrt. Er hat gleichzeitig seinen Vvrstandsposten in der Leitung der Zimmerwalder Internationalen Kommission nieder- gelegt. Eine aus Vertretern der Zimmerwalder Gruppen zusammengesetzte Kommission soll die Ange- legenheit Grimms untersuchen. Von Interesse ist, was das Blatt Grimms, die„B e r n e r T a g w a ch t", über den Fall zu sagen hat. Wir geben die Ausführungen des Blattes nach einem Bericht der„Münchener Post" hier wieder: Die„Bcrner Tagwacht" erklärt, wenn Nationalrat Grimm sich zu dem auf den ersten Augenblick über- raschenden und vielleicht sogar befremdenden Schritt entschlossen habe, so sei er dazu zweifellos und einzig durch die S o r g e um das Schicksal und die Errungenschaften der russischen Revo- lution getrieben morden. Diese großartigen revolutionären Errungenschaf- ten im ehemaligen Zarenreiche sind, wie er sich selbst an Ort und Stelle überzeugen mußte, bei einer weiteren Fortdauer des Krieges in schwerster Gefahr, was iibri- gens aus allen Berichten hervorgeht, die seit Wochen aus Rußland eintreffen. Es hat sich im neuen Ruß- land gezeigt, daß durchgreifende, dem Proletariat und den Bauernmassen wirklich nützende Reformen im In- nern nicht möglich sind, solange der Krieg nach außen andauert, solange Millionen russischer Arbeiter und Bauern im Schützengraben liegen, anstatt sich zu Hause für den demokratischen Aufbau und die ökonomische Sanierung des Riesenreichs einzusetzen, den breiten Volksmassen nicht nur formale politische Freiheiten, sondern auch die Befreiung aus wirtschaftlichem Elend und niederdrttckendstcr sozialer Knechtschaft zu erstrei- ten. In dieser tragischen Sitnation gab es für den Ge- nossen Grimm kein langes Besinnen. Höher als alle anderen Erwägungen mußten ihm die Sorgen um die Erhaltung und den Ausbau dessen stehen, was die russische Revolution in den letzten Monaten erobert hat. Dies läßt sich aber nach der Ueberzeugung vieler russischer Genossen nur durch die schleunige Beendigung und Lignidierung des K r i e- g c s e r m ö g l i ch e n. Und darum unternahm Genosse Grimm den Schritt, der durch den Diebstahl der chiffrierten Depesche und die schaden- frohe Indiskretion des schwedischen So- zialpatrioten Branting vorzeitig bekannt ge- worden ist. Es ist natürlich vollständig ausgeschlossen, daß Ge- nosse Grimm hier auf eigene Faust gehandelt hat. Er stand dabei vielmehr im Einvernehmen mit hervorragenden russischen Genossen und Wortführern der Revolution, die wie er der Meinung sind, daß der beschleunigte Friedensschluß die einzig sichere Gemähr für den dauernden Sieg der rcvolutio- nären russischen Demokratie darstellt. Wenn die Ententepresse so tut, als ob es. sich bei den Bemühungen des Genossen Grimm, die von Bun- desrat Hoffmann unterstützt wurden, um die Herbei- ftthrung eines deutsch-russischen Separatfriedens handle, so lügt und entstellt sie wissentlich. In dem Telegramm von Bundesrat Hoffmann heißt es ausdrücklich:„Bin überzeugt, daß Teutschland und seine Verbündeten auf den Wunsch von Rußlands Verbündeten sofort in Friedensverhandlungen eintreten würden." Das sieht wahrlich nicht nach Bestrebungen für Separatfrieden aus. Und darum ist es auch ganz unberechtigt, Herrn Bundesrat Hoffmann eine ncutralitätswidrige Haltung vorzuwerfen, wie es etwa „Der Bund"(eine dentsch-schweizerische Zeitung. Die Red. d. M.) tut. Dieses Lakaienblatt legt seinen trau- rigen Mut auch diesmal wieder an den Tag. Solange ein Bundesrat fest im Sattel sitzt, wagt es„Der Bund" nie, auch nur ein Wort der Kritik gegen ihn zu schrei- ben. Einem eidgenössischen Magistraten dagegen, der in ehrlicher, mutiger Weise für den Frie- den,fürdasJnterefsederganzenMensch- heit gewirkt hat und dabei das Opfer der Kriegshetzer in den En t c n t e st a a t e n g e- worden ist, darf auch der getreueste Hoflakai unge- straft einen E s e l s f u ß t r i t t versetzen. Wenn vorläufig auch das Unternehmen des Ge- Nossen Grimm als gescheitert zu betrachten ist, so steht doch außer Zweifel, daß die weiteren Ereignisse seiner Stellungnahme recht geben werden. Was von ihm begonnen und wieder aufgegeben werden mutzte, dttrf- ten wahrscheinlich andere in Bälde neuerdings ver- suchen."_ Die Krotm latzkarte. Der Schöneberger Magistrat gibt bekannt:„Nach- dem die zur Neuregelung der Verteilung von Brot- zusatzkarten den Berlin-Schöneberger Betrieben ge- setzte Frist zur Angabc der Krankcnversicherungspflich- tigen, gewerblich beschäftigten Personen verstrichen ist, werben die Vorarbeiten in der Schwerarbeiter-Ver- sorgungsftelle aufs emsigste gefördert. Da in Zukunft die Brotzusatzkarten nicht mehr durch die Brotkom- Missionen, sondern unmittelbar durch d i e B e- triebe an die beteiligte Arbeiterschaft verteilt wer- den sollen, lag es im eigensten Interesse jedes Be- triebes, die Zahl» der krankenversicherungspflichtigen Personen, mit Ausschluß des Büropersonals und der kaufmännischen Angestellten(Schwer- und Schwerst- arbeiter) entsprechend der Aufforderung des Magi- strats rechtzeitig anzugeben. Betriebe, die dieser Aufforderung dennoch bisher nicht nachgekommen sind, werden es schleunigst nach- zuholen haben, denn sie laufen sonst Gefahr, daß ihre Arbeiterschaft, sobald die beabsichtigte Neuregelung in Kraft tritt, keine Brotzusatzkarten erhält. Für die nicht im Gemcindcbezirk Berlin-Schöne- berg gelegenen Betriebe sind die gleichen Aufforderun- gen, die die zuständigen Gemeinden erlassen haben, maßgebend. Was hier für Schöneberg gilt, gilt auch für die übrigen Gemeinden in Groß-Berlin. Für den Bcr- liner Magistrat erläßt die Berliner Gewerkschafts- Kommission durch Inserat im„Vorwärts" die gleiche Bekanntmachung. Warum die Gewerkschaftskommission � diese Aufgabe nicht dem Magistrat überläßt, ist nicht klar. Wohlfeile Witzchen. Die technischen Unzulänglichkeiten, mit denen wir zur- zeit bei.Herstellnng unseres.Mitteilungsblattes" zu rechnen haben, bringe» es mit sich, daß sich in jeder'Nummer einige Druckfehler einschleichen können. Es verlohnt nicht. sie einzeln zu berichtige», der verständige Leser wird, wenn es sich nicht um ganz sinnentstellende Salzfehler handelt, ohnehin die richtige Lösung finden. Ein Druckfehler in unserer Nr.\2 hat aber der F K. Gelegenheit zu einigen geistreichen Bemerkungen gegeben. Er fand sich in der Wochenschau dieser situnimer in dem Absatz, in dem von dein englischen Genosse» Mac Donald die silede war. Wir hatten geschrieben!.Wie bei uns dt« Opposition von den Legten, Braun»ssv. werden in England Mac Donald und die Seinen von den kriegSpalrioiischen Arbeiterführern als .Anarchisten" und„im deutschen Solde stehend" denunziert" Daraus hatte der Druckfehlerteufel gemacht:„Wie bei uns die Leyien, Braun usw." Die I. K. leistet sich dazu einige geiltrciche Bemerkungen. Wir wollen ihr gern zugestehen, daß es keinem Menschen einfallen wird, diese braven rcgierungssoziali- stischen Staatsbürger und Jnstanzenchcfs als Anarchisten zu bezeichnen. Dafür sind sie aber desto eifriger gewesen, Andersdenkende als„Anarchisten' zu denunzieren. In das Gebiet unfreiwilliger Komik gehört aber die Behauptung der I. K.. diese beiden Männer überträfen Mac Donald .an Klarheit und Folgerichtigkeit des Friedensstrebens." Dereins-DeranKoltuttgen. Zugendscktion Berlin VI. Sonntag, den I. Juli, B a d c- W a n d c r u u g. Fahrt bis Erkner, a» der Löck- nil; entlang zum Werl-Pcei, und Möllen-See. lBaderaft.) lieber Alt-Buchhorst, Kl. Wall an der Löckim; zurück nach Bahnhof Fangfchleuse. Abfahrt: Bahnhof Gesundbrunnen 6.27, Stralau-�iummelsburg Bahnsteig E 7.09. Fahrgeld 1,35 Pik. Weglänge 20 Kilometer. Pankow-Niederschönliausen. Sonntag, den 8. Juli: Gemeinsamer F a in i l i e n- A u s f l u g nach Hermsd o rf. Treffpunkt mittags l Uhr, BahuhofSchönholz. Tchöneberg. Sonntag, den 1. Juli, Ausflug nach Grünau. Treffpunkt 1.50 Uhr Bahnhof Schöneberg. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Alhtmg! Mglieder kr II. 6. P. D. Krek Teltm- PeeskW- SMW- ChaMenburg. Zahlt Eure Beiträge nur an die Kassierer und Zahlstellen der Opposition. Achtet auf Legitimationskarten und Vezirkslokal- Plakate. Verhindert durch Eure Wachsamkeit, daß die DurchHalter Eure Groschen erschleichen. Besonders die Neuköllner Genossen und Genossinnen seien aufmerksam gemacht. Genossen, die aus dem Felde zurück- gekehrt, versäumen nicht sich umgehend bei ihrem Wahlverein wieder anzumelden. Der Kreisvorstand. Unserem langjährigen Bezirks- und Parteigenossen»I Paul Fügner des Z. Wahlkreises. I» '• Paul Fügner»J 1* zu seinem am Sonntag, den l. Juli, stattsindenden >» 60. Geburtstage•' • die besten Glückwünsche und Gratulationen. (• Die Bezirksführer der 8. Abteilung (''...... edarlottenburg. Am Donnerstag, den 5. Juli, abends S'/i Uhr, findet im Volkshaus, Rosincnftr., eine Mitglieder-Versammlung statt.— Tagesordnung: l. Bericht von der Verbands- gencralversammlung. Berichterstatter Genosse Däumig. 2. Neuwahl des Vorstandes. 3. Verschiedenes. Der wichtigen Tagesordnung wegen ist ein pünktliches und vollzähliges Erscheinen sämtlicher Mitglieder dringend notwendig. Der Vorstand. Quittung. Für den Preffef-nds: 20 Mk. von Buchdruckern der Firma Ashelm. Durch Kaiser. Neukölln, Bezirk 8 a, 3 Mk. Ueberschuß vom Mitteilungsblatt. 5 Mk. von einem Feldgrauen durch P. Nemitz. Bez. 120. 2. Kreis, von einem Feldgrauen l LNk. Der U. S. W. Neukölln sucht zum baldigen Antritt für das Büro eine weibliche Hilfskraft. Mitgliedschaft Bedingung. Bewerbungen erbeten Neckarstraße 3. Todesanzeige. Am 18. Juni starb im Lazarett unser lieber guter Sohn und Bruder, der lreusorgende Gatte und Vatcr seines Söhnchens, im 32. Lebensjahre, der Kanonier Arthur ZyttKomsKi. In tiefem Schmerz Auguste Zqttkowski geb. Knobel als Frau und Söhuchcu Werner. Julius Zqttkowski und Frau, als Eltern. Bruno Zqttkowski z. Z. im Felde. Margarete Wernicke geb. Zyttkowski. Wilhelm Knobel und Frau, als Schwiegereltern. Willi Knobel und Frau. Dm MM« u«jem a«s dm Kriegs- sMM gefallenen Genossen! Genosse 3. Wahlkreis. Arthur Zqttkowski 141. Bezirk ist am 7. Juni verwundet und ani 18. Juni an keinen Verwundungen verstorben. Wahlverein Adlershof. Als Opfer des Weltkrieges fiel unser treues Mit- glied, der Litograph Daul Schröck. Wahlverein Ärib. Ais Opfer des Weltkrieges uarb an im Felde zu- gezogener Krankheit am 18. Juni 1917 in der Charitö unser Genosse Willi Wildbrett Friedrichsbrunnerstr. l, 8. Bezirk. Ehre ihrem Andenken! Nachruf. Wahlverein Neukölln. Am 10. Juni verstarb unsere Genossin Frau Murtu Dieckmann Fuldastr. 14/15, 6. Bezirk. Sozialdrm. Wahlverein Uieder-Karnim. Bezirk Reinickendorf-Ost. Am 21. Juni verstarb nach längerem Leiden im blühenden Alter ovu 30 Jahren unjcr treuer Genosse, der Maschinenarbeiter Deinhold Dirke Raschdorffstr. 66. Ehre ihrem Andenken! 'eiii; Verleger.' Adolf Hoffmann; beide Vertin äW.BS, Lindenslr. 3.- Druck: Maurer& Dtmmick, Berlin SO.iu jtöpcnicker Zirage M-3». Generalversammlung des Verbandes der Wahlvereine Kerlins und Umgegend. Am Sonntag, den 24. Juni hielt der Verband sozialdemokratischer Wahlvereine Berlins und Um- gcgend seine ordentliche Generalversammlung in der Germania, in der Chausseestraße, ab. Aus dem Ge- schaftsbericht, den der Vorsitzende, Genosse Adolf Hoff- m a n n, mündlich ergänzte, ist zu entnehmen: Das abgelaufene Geschäftsjahr des Verbandes ist für die Parteigeschichte von entscheidender Bedcu- tung, nicht nur für die von Groß-Berlin, sondern weit darüber hinaus. Tie Bedeutung der Parteivorgänge im verflossenen Jahre liegt weniger darin, baß die Genossen Groß-Verlins sich von einer Verbandsleitung befreiten, die jeder Demokratie Hohn sprach und Schind- luder mit ihr- spielte, sondern vielmehr darin, daß von diesem Zeitpunkt ab immer klarer und entschiedener der Kampf gegen eine Politik geführt wurde, welche die alten sozialdemokratischen Grundsätze einer nationali- stischen und imperialistischen Politik opferte und der Regierung die Steigbügel hielt. Tie Kämpfe, die sich in den verschiedenen Phasen vor allem in Berlin mit dem Parteivorstand und seinen Schildknappen abspielten, sind für unsere Bewegung jetzt und in Zukunft von so hohem Interesse, daß sie es verdienen, urkundlich in allen ihren Teilen festgehalten zu werden. Das Geschäftsjahr begann noch unter der alten Leitung. Mit Händen und Füße» wehrte sie sich, den Genosse« Rechenschaft in einer Generalversammlung zu geben. Allerlei Ausflüchte brauchte sie. Und als sie nicht mehr anders konnte, und eine Generalver- sammlung einberufen mußte, unterbreitete sie den Ge- Nossen einen Geschäftsbericht, der kein Borstandobericht war, sondern nur ein mit Verbandsgcld gedruckter Be- richt des Vorsitzenden, aus dem ans jeder Seite die Ten- denz zu ersehen war, sich ins hellste Licht zu setzen. Die Abrechnung der Genossen mit der alten Verbandslei- tung erfolgte am 23. Juni und endete ohne viel Auf- Hebens mit der Nichtwiedcrwahl der Parteidespoten, welche die Demokratie mit Füßen getreten. Mit Tor- neu hatte der alte geschästsführende Ausschuß den Weg gepflastert, den die neue Verbandsleitung beschreiten mußte.'. � Tie Kassenverhältniße waren die denkbar ungünstigsten. Die Schulden waren größer als der vorhan- dene Kaffenbestand. Wie Bankrotteure hatten die Herr- schaften gewirtschaftet. Dem Parteivorstand waren in den Jahren 1914— Ki 43 000 Mk. mehr zugeflossen als er zu bekommen hatte. Der Kassierer sparte sich jedes Kopfzerbrechen, er gab„Panschalen". Und das, obwohl der Kassenbestand in dieser Zeit von 123 000 auf 10 000 Mark sank. Und dann stellten sich immer neue Rech- nungen ein, vor allem die der Jugend, die mehr als 4000 Mk. für Druckerei und Buchhandlung zu zahlen hatte. Für die Druckerei hatte die frühere Vermal- tung so gesorgt, daß heute noch Ausnahmescheine und Einladungszettcl vorhanden sind, mit denen man die gesamte Partei Deutschlands auf 20 Jahre versorgen kann. Auch der Jugendsekretär hatte es verstanden, aus dem vollen zu schöpfen. Es würde zu weit führen, dieses Kapitel im einzelnen aufzuzeigen. Im abgelaufene» Jahre nahmen tiefgehende in- nere Kämpfe unsere Kräfte ausschließlich in Anspruch. Obenan stand der Kampf um den„Vorwärts", der ein Kapitel für sich darstellt. Der Vorwärtsraub wurde perfekt, die Berliner Genossen ihres Blattes beraubt. Dazu noch die Druckerei unter Bruch des Treuhand- Verhältnisses. Ter Parteivorstand kannte auf dem Wege der Gewaltpolitik kein Halten mehr, er ging konsequent weiter, Gewaltstreich häufte sich auf itzewaltstreich. Im September suchte der Parteivorstand einen Ueberblick zu gewinnen über die Situation, indem er eine Konfe- renz einberief. Tie Sache ging nicht ganz nach Wunsch. Der Parteivorstand hielt sich jetzt nur noch an getreue Schildknappe», die er zunächst im Parteiausschuß hatte und in Berlin besonders in dem Thurow-Groger-Pa- gels-Trio fand, zu dem sich erst insgeheim, dann offen, die Ernst-Garde gesellte. Immer schärfer wurde der innere Kampf. Sonderorganisationen entstanden, zu erst in Teltviv-Beestow, dann in Klein-Berlin mit dem berüchtigten Diskutierklub„Vorwärts". Der „Vorwärts" wurde nach Hinauswurf der Redakteure Regierungsblatt, daß der Monarchie seine Referenz be- wies. In dieser Zeit galt es, den Kampf nicht nur gegen die Politik des 4. Angnst zu führen, sondern vor allem gegen die Versuche, unsere Organisationen der Partei- vorstandspolitik dienstbar zu macheu. Wir wurden schließlich„außerhalb der Partei" gestellt, so dekretierte der Parteivorstand, und so deckte das Feigenblatt des Parteiausschusses die Parteivorstanösmaßnahmen. Es kam, was kommen mußte: Die Hinansgedräng- ten schlössen sich organisatorisch zusammen zur llnab- hängigen Sozialdemokratischeu Partei Deutschlands. Tie Agitation war vollkommen unterbunden. Oeffentliche Versammlungen in Groß-Berlin grund- sätzlich nicht erlaubt, und alle Versuche, nach dieser Rich- tung hin etwas zu unternchmen, scheiterten. Der Presse beraubt, suchten wir uns damit zu helfen, daß wir nach dem Vorwärtsraub das„Mitteilungsblatt" wöchentlich erscheinen ließen. Es wurde das Band, das die Organisationen trotz Fehlen der Tagespressc zu- sammenhielt. Aber ein tägliches Blatt kann es natür- Uch nicht ersetzen. Dazu kamen andere Schwierigkeiten, aus die wir hier nicht näher eingehen könne», die uns eine öffentliche Betätigung unmöglich machten. Auch die Vcreinstätigkeit war stark eingeengt. Aber trotz aller dieser Widerwärtigkeiten, trotz der großen Tene- rung und der Ernährungsschwierigkeiten, ist es doch gelungen, die übergroße Mehrheit der Parteigenossen Groh-Berlins von der Notwendigkeit einer entschiede- nen sozialistischen Politik zu überzeugen. Einen klaren Beweis für diese Behauptung lieferten unsere Genossen anläßlich der Landtagsersatzwahl im 11. Berliner Land- tagswahlbezirk. Eine schmähliche Niederlage holten sich die Negierungssozialisten, die sich eingebildet hat- ten, mit dem Kampfruf: Für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands! besondere Geschäfte machen zu können. In Gotha hat sich die Opposition zusammenge- schlössen. Eine selbständige Politik zu betreiben, ist das Ziel. Sorgen wir auch in Groß-Berlin dafür, daß nun- mehr auch gearbeitet wird im Sinne eines unverfälsch- ten Sozialismus und der wahren Demokratie. Den Kassenbericht erstattete Genosse H e r b st. Bei Uebernahme der Kasse befanden sich die Finanzen in trostlosem Zustande. Schulden über Schulden hatten unsere Vorgänger hinterlassen. Mit Hilfe unserer Ge- nosscn haben wir die Ausgaben erheblich vermindert. Alle gemachten Ausgaben wurden sofort beglichen und die Schulden stetig abgetragen. Der Verband erholt sich zusehends, trotz großer Einziehungen und Vermin- derung des Markenumsatzes. Unerhört ist die Tatsache, daß unsere Borgänger alle Belege von vor dem 31. März 1916, die doch Eigentum des Verbandes sind, beiseite geschafft hatten. Das kennzeichnet die Leute zur Genüge. Im abgelaufenen Geschäftsjahr hatte die Ver- baudskasse eine Gesamteinnahme von 66 411,74, der eine Ausgabe von 61 489,74 Pik. gegenüber stand. Am 1. April war ein Kassenbcstand von 4922 Mk. in der Verbandskasse vorhanden. Für Beitragsmarken wurden von der Verbandskasse vereinnahmt 15 821 Pik. für Männermarkcn und 7622,40 Mk. für Frauenmarken. Außerdem wurden von den Kreisen an die Ver bandskasse an Monatsbeiträgen 7000 Mk. abgeliefert. Notwendij} sei, für eine» Fonds für eine zu schaffende Tagespresse kräftig zu wirken. Einmal müßte der Krieg zu Ende gehen, dann müssen wir sofort auch auf d.iesem Gebiete kräftig vorwärts gehen. lieber die Tätigkeit des Bildungsausschuffes referierte Genosse D ü u m i g. Er wies auf die Notwendig- kcit hin, der Arbeiterklasse geistiges Rüstzeug zu lie fern. Nur wer die Zusammenhänge nnseresjvirtschast- lichen und politischen Lebens kennt, sie vom Standpunkt unserer Weltanschauung beurteilt und sich große Ziele steckt, nur der sei leichter in der Lage, im Interesse seiner Klasse zäh und entschlossen zu wirken. Nur wer wisse, daß die Befreiung des Proletariats sein ur- eigenstes Werk sei, der werde auch keinen Augenblick an seiner Sache wankend werden können. In diesem Sinne wirke der Bilbungsausschuß. Gute Arbeit leiste auf diesem Gebiete die Arbeiter-Btldungs- s eh u l e. Sie habe 78 wissenschaftliche Veranstaltungen getroffen, die trotz des Krieges einen Besuch von 6800 Teilnehmern aufzuweisen hatte. Was die Jugendbewegung in Groß-Berlin be- treffe, so seien die sttegiernngssozia listen am Werke, die Jugend für sich in Anspruch zu nehmen. Glück hätten sie aber sehr wenig. Die arbeitende Jugend sei daran, sich auf eigene Füße zu stellen. Man nütze ihr am besten, sie von jeder Tchnlmeisterci und Bevor- mundung zu befreien. Selbstdisziplin würde' die Ju- gend allein übe». Bedauerlich sei, daß es nicht gelun- gen sei, die proletarische Jugend zu vereinigen. Der Bildungsverein wolle keine Verständigung. Trotzdem läge eine solche im Interesse der Jugend, die alle Förderung verdiene. Für die Kinderschutzkommission berichtete Genossin D e m n i n g. Mühevoll»nd aufopfernd sei diese Tätig- feit. Die Kinderarbeit habe im Kriege entsetzlich zuge- nvmmen. Die Kinderschutzkommission habe besonders. die Sorge für viele Kinder übernommen, deren Väter im Felde weilen, und sich, da die Mütter arbeiten müssen, oft allein überlassen seien. Viele solcher Kin- der wären mit dem Strafgesetz in Konflikt geraten, und ihnen drohen Gefängnis und Fürsorgeerziehung. Um diesen Kindern treue Helfer zu sein und sie vor den Folgen ihrer Taten zu bewahren, hat die Kom- Mission 86 Schutzaufsichten übernommen. Die Kom- Mission habe die Genugtuung gehabt, von vielen im Felde Stehenden warme Dankschreiben zu bekommen, daß man sich ihrer Kinder so annehme. In der den Berichten sich anschließende» Diskussion wurde von einzelnen Rednern betont: Es sei richtig, daß die Verhältnisse im verflossenen Jahre sehr schwie- rige gewesen seien. Wenn nicht mehr geschehen, so läge das in der Natur der Tinge. Man müsse aber darauf Bedacht nehmen, daß bei der Wahl zur Verbandslei- tung nicht allznstark mit Arbeit belastete Personen in die Leitung zu wählen seien, wenn die Arbeit nicht leiden solle. Bon einem anderen Redner wurde gewünscht, das „Ptitteilnngsblatt" sollc'Reichstagsreden unserer Ver- treter zum Abdruck bringen. Eine Genossin wies auf de» schwere» Mangel hin, der durch das Fehlen der Presse vorhanden ist. Uebrigens hätten wir viel zu lange mit den Rcgiernngssozialisten Geduld gehabt. Ein anderer Redner wies auf die Notwendigkeit hin, mehr für Verbreitung und Propaganda unserer Ideen zu tun. Das sei auch deshalb erforderlich, damit nicht wieder falsche Bahnen eingeschlagen würden. Schwierigkeiten dürften uns nicht schrecken, immer und immer wieder vorwärts zu drängen. Solange wir kein Tageblatt hätten, müßte das„Mitteilungsblatt" noch weiteren Ausbau erfahren, auch wenn die Num- mer 10 Pf. kosten sollte. In finanzieller Beziehung müßten die Genossen sieh schon dazu entschließen, einen höheren Beitrag zu leisten. 10 Pf. pro Monat mehr könnten die Mitglieder schon opfern, zumal der Sache damit außerordentlich genützt werden könne. Von an- derer Seite wurde ausgeführt, daß in Berlin eine öffentliche Tätigkeit nicht möglich sei. Es müßte an- erkannt werden, daß gelestet worden sei, was möglich war. Uebrigens solle auch nicht verkannt werden, daß die uns zur Verfügung stehenden Kräfte nicht so vor- banden seien wie früher. Die Negierungssozialisten hätten Angestellte auch von Gewerkschaften, die jetzt tätig seien, obwohl sie früher nie zu haben waren. Es läge in dieser Arbeit allerdings ein Stück Egoismus, da sie in der Fortführung der Politik vom 4. August auch persönlich interessiert seien. Aber, auch wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen. In seinem Schlußwort legte der Vorsitzende dar: Es sei erfreulich, wenn die»Genossen die Tätigkeit des Verbandes mit kritischen Augen betrachteten. Es sei aber auch nötig, selber mit Hand anzulegen. Nur so könne es weiter vorwärtsgehen, die Verhältnisse ar- beiteten für uns. Ein Antrag, wonach die Preßkommission beauftragt werden sollte, Vorschläge zu machen, wie„die Mei- nungsfreiheit für die verschiedenen Auffassungen in- nerhalb der Partei in der Parteipresse, in erster Linie im Mitteilungsblatt sichergestellt werden könne," wurde abgelehnt. Dann ging die Versammlung zur Beratung einer vom Zentralvorstande vorgelegten Entschließung, die sich auf die Organisation bezieht, über. Folgender Beschluß wurde einmütig gefaßt: „Die am 24. Juni 1917 tagende Generalversamm- lung des Verbandes der Wahlvereinc von Grotz-Ber- lin und Umgegend bestätigt den Uebertritt der dem Verbände angeschlossenen Organisationen zur Unab- hängigcn Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Sie bekennt sich zu den Grundsätzen, die auf dem Kon- greß zu Gotha am 7. und 8. April dieses Jahres aufge- stellt worden sind und verpflichtet sich, für eine ent- schieöene, grundsatztreue Führung des proletarischen Befreiungskampfes zu wirken und den Geist und den Sinn des alten sozialdemokratischen Parteiprogramms lebendig zu erhalten. Die Verbands-Generalversamm- lung erwartet von den hinter ihr stehenden Organi- sationen, daß. sie, belehrt durch die Erfahrungen des Weltkrieges, mehr als bisher für die Stärkung und Vertiefung der sozialdemokratischen Erkenntnis ihrer Mitglieder sorgen, eine rege Werbetätigkeit entfalten und alles tun, um die proletarische Bewegung für die kommenden Kämpfe zu rüsten. In organisatorischer Hinsicht macht sich die Ver- bands-Generalversammlung die in Gotha beschlossenen Organisations-Grundlinien der Unabhängigen Sozial- demokratischen Partei Deutschlands zu eigen. Bor allem verlangt, sie von den angeschlossenen Organi- sationen, daß sie ihr Leben auf breitester demokratischer Grundlage aufbauen. Die Berbandsversammlung verzichtet zurzeit dar- auf, eine völlige Umänderung des bisherigen Ver- bandsftatuts vorzunehmen. Eine gründliche Neuorb- nung der Berliner Organisationsverhältnisse soll erst stattfinden, wenn die zahlreichen Genossen, die jetzt im Kriegsdienst stehen, daran tätigen Anteil nehmen tön- nen. Die Verbands-Generalversammlung beschließt, daß bis dahin provisorisch folgende, durch die gegen- wärtige» Umstände gebotene» Aenderungen des Ver- bandsstatnts durchgeführt werden: Die Verbands-Generalversammlung wählt zur Leitung der Verbandsgeschäste eine Verbandsleitung, bestehend aus zwei Vorsitzenden, einem Kassierer und einem Schriftführer. Von den Kreisen selbst werden gewählt: eine Preßkommtssion,— ein Aktionsausschuß,— eine Kinderschutzkommission.— eine Agitations- tvmmission für die Provinz Brandenburg,— eine Schiedgerichtstvmmissivn,— je ein Bertre- ter des Kreises für den Bezirksbildungsausschuß. Verbandsleitung, Aktionsausschuß, Preßkom- Mission, Schiedsgerichtskommission und Agitations- kommission für Brandenburg bilden zusammen den Zentralvvrstand. Diesem gehören außerdem noch an 5 Vertreterinnen der Genossinnen und 5 Revisoren, die in der Verbandsgeneralversammlung gewählt wer- den. Der Vorsitzende der Groß-Berliner Kinderschutz- tvmmission und der Obmann des Bezirksbildungsaus- schnsses sind gleichzeitig Mitglieder des Zentralvor- standes. Tie Preßkommtssion hat die Kontrolle über das „Mitteilungsblatt" des Verbandes auszuüben. Die Verbandsgeneralversammlung macht es allen Mitgliedern der zum Verband gehörenden Organisationen zur Pflicht, das„Mitteilungsblatt" des Ver- bandes zu halten und für dessen Verbreitung zu sorgen." Beseitigt wird damit die Bestimmung, wonach die Verbandsversammlung ei» Bestätigungsrecht der von den Kreisen für die einzelnen Kommissionen gewähl- ten Mitglieder ausübt. Auch die Bestimmung, wonach der„Vorwärts" Publikationsorgan ist, für dessen Ver- breitung jedes Mitglied Sorge tragen soll, wird auf- gehoben. Neues enthält die Entschließung nur insoweit, als das durch die Aufhebung der Lokalkvmmission und Ein setznng einer Agitationskommission notwendig gewor- den ist. Zurückgestellt wird eine Bestimmung, nach der ein ans je einem Vertreter bestehender Beirat ge- mein sn m mit dem geschäftsführenden Ausschuß alle die Agitation vorbereitenden Maßnahmen zu treffen hat. Die Wahlen zur Verbandslettung hatten folgendes Ergebnis: Gewählt wurden: zum 1. Vorsitzenden Adolf Hoffmann? zum 2. Vorsitzenden wurde Pank Hoffmann mit 198 gegen 132 Stimmen gewählt, die auf Emil Eichhorn entfielen. Kassierer wurde Genosse Herbst, und Schriftführer Carl Leid. Einige Stimmen entfielen auf Genossen Bolmerhaus. Nach den Wahlen hielt Gen. Däumig ein eingehen- des Referat über„U ufere Aufgabe n". Däumig zeichnete in großen Zügen die jetzige Situation, schil- derte das Streben nach Frieden und Freiheit und den Weg, der dazu führe. Nur wenn das Proletariat fest und zielsicher seinen eigenen Weg gehe, würde keine Macht der Erde imstande sein, den endgültigen Tieg ihm zu rauben. Deshalb tue Aufklärung drin- gend not. Diese Aufgabe planmäßig zu betreiben, sei die Aufgabe, die uns zufalle. Infolge der vorgerückten Zeit konnte eine auf die Stockholmer Konferenz bezüg- liche Resolution nicht mehr verhandelt werden. Mit einem Appell an die Genossen zu wirksamer Mitarbeit, und einer Sympathieerklärung an alle für das Frei- heitsideal kämpfenden und leidenden Genossen schloß der Vorsitzende die von gutem Geist beseelte General- Versammlung. Anwesend waren 416 Delegierte einschließlich der Mitglieder des Zentralvvrstandes. Es fehlten 57 Tele- gierte. An der Versammlung nahmen zum ersten Mal Delegierte des Wahlkreises Spandan-Osthavelland teil, dessen Anschluß an Groß-Berlin vor Erstattung des Berichts die Versammlung einstimmig beschloß. Der„Vorwärts" begleitete in seiner Sonntags- nummer die Generalversammlung mit folgenden tief- gründigen Bemerkungen: __->>-». mrj.-— s »Am heutigen Tage halten die„Unabhängigen" Berlins ihren Bcrbandstag ab, zu welchem sie auch einen Bericht herausgegben haben. Wer glaubt, über eine politische Tätigkeit des Verbandes etwas zu er- fahren, irrt sich. Die Berliner Leitung hat anschci- nenö über ihre Leistungen gar nichts zu berichten — ein Manko, dah sie durch Anrempelungen ihrer Vorgänger zu vertuschen sucht. Interessant sind aber doch einige Aufzeichnungen. Z. B. erfahren mir, daß der Verband uur 28 000 Mitglieder zählt. To iveit hat ihn also die Taktik der„Unabhängigen" schon jetzt heruntergebracht! Unter den Unkosten figuriert: Gehalt für Meyer 2473,31 Mark, Gehälter für Ber- baudsbeamte 11 238,81 Mk., Drucksachen 14 372, KS Mk. und an Unterstützung der Familien inhaftierter Ge- nossen 1920,60 Mk. Diese letzte Summe scheint gering. Von irgendeiner Tätigkeit zu berichten, sei, wie es hcitzt,„aus naheliegenden Gründen" unmöglich. Der„Vorwärts" täuscht durch die Notiz wieder einmal seine Leser. Die Verbandsleitung hat einen ihre Tätigkeit erschöpfend darstellenden Bericht nicht herausgegeben, sondern nur dem Kassenbericht einige Bemerkungen vorausgeschickt. Die 2400 Mk., die der frühere geschäftsführende Ausschuß für seinen Jahres- bcricht aufwandte, erscheinen ihm in jetziger Zeit zu hoch, zumal doch nicht eine solche Sachdarstellung über das verflossene Jahr gegeben werden konnte, wie das die Wahrheit erfordert. Aufgeschoben ist nicht aufge- hoben. Daß die'Mitgliederzahl des Verbandes nur 28 000 beträgt, entspricht nur den vielen im letzten Jahre erfolgten Einziehungen. Das durch die frühere Leitung geschundene Vertrauen der Genossen kehrt wieder, und von Tag zu Tag nehmen die Mitglieder, welche durch die frühere Politik beiseite gestanden haben, ihre Mitgliedschaft wieder auf. Unter den Aus- gaben für Gehälter fungieren allein 3S00 Mk. Gehäl- tcr für Fischer und Böske, sowie die 1600 Mk. für den zum Heere eingezogenen Bildungssekretär. Daß dem „Vorwärts" die für Unterstützung der Familien Jnhaf- ttertcr ausgegebene Summe gering erscheint, ist nur dem Umstände geschuldet, daß die Vorwärtsredaktivn keine Ahnung davon zu haben braucht, daß von den Genossen der einzelnen Kreise fast ausschließlich diese Kosten getragen worden sind. Man sieht, der„Vor- wärts" urteilt ohne die geringste Sachkenntnis. Das tut er aber immer. Nur Redensarten, hinter denen nichts steckt: wenn nur der Zweck erreicht wird, andere herabzusetzen und geleistete Arbeit zu verkleinern. Daß dem'„Vorwärts" unsere Tätigkeit nicht gefällt, glauben wir: das freut uns nur. KUfe für den Narwarts uns dem Kerliner Stadtfiickel. Dem Vorwärtsverlag ist es sehr unangenehm, daß wir sein Bittgesuch um Herabsetzung der Miete für die „Vorwärts"-Svcdition am Petersburger Platz der Oefscntlichkeit mitgeteilt haben. Der Verlag sucht, so gut und so schlecht es geht, sich aus der blamablen Affäre hcrauszuwickeln. Das tut er wie folgt: „Ein Bittgesuch ist weder von dem Filiallciter Feller, der in der Notiz genannt wird, noch von der Firma eingereicht worden, sondern es ist hier nur das geschehen, was tagtäglich zwischen Geschäfts- lenteu und Mietern vor sich geht: wenn für den Mieter die Möglichkeit vorliegt, billigere und passen- dere Räume zu erhalten, so legt er dem Vermieter nahe, die Miete zu ermäßigen, andernfalls der Kon- trakt gekündigt wird. So auch in diesem Fall. Da die Stadt Verlin Eigentümerin des Grundstücks ist, auf dem sich das gemietete Lokal befindet, so mußte das Gesuch an die Grundeigentums-Deputation der Stadt Verlin gerichtet werden, der Herr Stadthagcn als Mitglied angehört. Verhandlungen der Dcpu- tation werden, soweit sie persönlichen Charakter tragen, in der Regel diskret behandelt: dem Bericht- erstatter der Minderheitspresse scheint dies nicht bc- ' kannt zu sein, oder der Haß gegen den„Vorwärts" und die Sozialdemokratische Partei ließ ihn alle Rücksicht ans Anstand und Sitte vergessen. Stadt- Hägen bekämpfte übrigens in der Deputation den Antrag in der gehässigsten Weise. Wenn der Bericht- erstattcr der Mindcrheitspresse über den Rückgang der Abonnentenzahl des„Vorwärts" jubelt, so wollen wir bemerken, daß dieser Rückgang nicht neueren Datums ist, sondern schon zu der Zeit kon- statiert werden konnte, als Stadthagen noch seine „geschätzte Kraft" der Redaktion zur Verfügung stellte. Seitdem das nicht mehr möglich ist, hat der „Vorwärts" viele seiner damals aus Verärgerung über die gehässige Schreibweise abgegangenen Abon- nenten zurückgewonnen: übrigens ein Beweis dafür, daß der„Vorwärts" auf dem rechten Wege ist." Die Darstellung stellt die Sache auf de» Kopf. Tatsache ist, daß der Antrag ans Mietsermäßigung be- gründet wurde mit dem starken Rückgang des Abon- nentenstandes und dem der Buchhandlung. Es falle dem Verlag schwer— so hieß es in der Begründung— die Miete für die Räume zu zahlen und er bäte darum, die Miete um 2S Prozent zu ermäßigen. Nach allen bisherigen Gepflogenheiten kann ein solcher Antrag nur dann Berücksichtigung finden, wenn der Antrag- steller sich tatsächlich in einer besonderen Notlage be- findet. Diese muß nachgewiesen werden. Dazu kommt noch, ob der Antragsteller in eine besondere Notlage kommt, wenn er nicht gerade in den Räumen wohnen bleiben kann, die er inne hat. Das lag aber nicht vor. Der Vvrwärtsverlag bekommt andere Räume und die Stadt andere Mieter, zumal die Miete für diese Räume außerordentlich gering ist. Ein Mietserlaß könnte nur auf allgemeine Kosten geschehen und wäre von Stadt- Hagen gar nicht zn verantworten. Die Anwürfe gegen den Genossen Stadthagcn sind nur der Ausfluß des Aergers darüber, daß Stadthagen in der Grundeigen- tums-Deputation seiner Pflicht gemäß sich gegen das vom Vorwärtsverlag von der Stadt erbetene Geschenk auf Kosten der Bürgerschaft gewendet und das an die Deputation gestellte Ansinnen in das rechte Licht gc- rückt hat. Hätte der Vorwärtsverlag noch Gefühl für Selbstachtung, so hätte ihn das von der Stellung seines Bettelantrages abhalten sollen. Dann hätte er sich die Blamage erspart. Um seine herabgehende Leserzahl zu mehren, ver- öffentlicht der„Vorwärts" in seiner Svnntagsnummer eine Aufforderung an die Arbeiter und Arbeiterinnen Äroß-Bcrlins zum Abonnement. In der Aufforderung heißt es unter anderem: „Der„Vorwärts" ist das einzige sozialdemo- kratische Parteiorgan in Groß-Berlin, das einzige Blatt, das eure politischen, sozialen und wirtschaftlichen Anschauungen zum Ausdruck bringt". Das wagt man den Berliner Arbeitern zu sagen, denen man ihr Blatt geraubt hat. Wenn man noch geschrieben hätte, der „Vorwärts" ist das Blatt, das für Herrn Scheidemann Reklame macht, das Blatt der Regierungssozialifteu, so hätte der Verlag wenigstens die Wahrheit gesagt. Gewiß, einzig ist der„Vorwärts" in seiner Art, aber das Blatt der Berliner Arbeiterschaft ist der„Vor- wärts" längst nicht mehr. Dann heißt es in der Ein- laduug: „Hat sich also der„Vorwärts" in der politischen Welt einen Rang erworben, auf den er und seine Freunde stolz sein dürfen, so hat er sich als Blatt der Grvß-Berlincr Arbeiterschaft die volle Stellung, die ihm gebührt, erst zu erwerben. Zehntausendc von Groß-Berliner Arbeitern halten farblose, p o l i- lisch bedeutungslose Blätter und entziehen damit dem Blatt, das ihre Ideen und ihre Interessen vertritt, die verdiente Unterstützung." Ein Blatt, das ständig hin und her pendelt, ohne feste Grundsätze, hat das Anrecht verwirkt, sich vorbtld- lich hinzustellen und die Unterstützung der Arbeiter zu verlangen. Dann wird gesagt, daß die Arbeiter und Arbeiterinnen sich nicht eher zufrieden geben dürfen, „bis euer Organ, der„Vorwärts", das meist gclescnste Blatt Berlins ist". Dafür werden sich die Arbeiter bestens bedanken. Nur ein Blatt, das wirklich unabhängig auch in diesen schweren Zeiten des Weltkrieges furchtlos und unerschrocken die Interessen des Proletariats vertritt, ohne jede Rücksicht, nur ein solches Blatt könnte und müßte die Unterstützung der Arbeiter und Arbeite- rinnen Groß-Berlins finden. Ein solches Blatt ist aber der„Vorwärts" nicht mehr. Er begeifert vielmehr diejenigen, die eine entschiedene im Interesse des Proletariats gelegene Politik führen. Und deshalb werden die Arbeiter Groß-Berlins sich abwenden und zwar mit Verachtung abwenden von einem Blatt, das längst nicht mehr das Ihrige ist. Hinter den alldentschen Kulissen. Die„M ü n ch e n e r P o st" brachte vor einigen Tagen unter der Ueberschrift„Großkapital, Annexions- Politik und Preßkorruption" einen Artikel, dessen Kraftstellen wir hier nicht wiederzugeben wagen. Der Artikel enthielt die Zuschrift eines„bekehrten" Anncxionsschwärmers, in der es heißt: „Ich schloß mich im Februar 1916 der rührigen anncxionistischcn Gruppe an, die„Richtlinien für Wege zum dauernden Frieden" ausarbeitete. Die Gruppe setzte sich durchaus nicht einheitlich zusam- menz denn sie bestand aus Großagrariern, Groß- kapitalisten, Intellektuellen und Vertretern der christlichen Arbeiterschaft. Neben dem vielgenann- ten General Freiherr« v. Gebsattel, dem kon- servativen Bündler Bcckh und dem Freiherrn v. Cetto saßen die Arbeiter- und Gewerkschasts- sekretäre Linus Funke und Franz K ä s e h a g c. In den Zielen war sich diese merkwürdig gemischte Ge- scllschaft durchaus nicht einig. So stieß auf starken Widerspruch der Herren v. Gebsattel, Beckh und v. Cetto folgender Satz der„Richtlinien": Unter Ablehnung einer politischen Entrechtung der beiden belgischen Völker muß das Deutsche Reich den mili- tärischcn Schutz gegen Anschläge der Westmächtc auf Belgien übernehmen." Den alldeutschen Gewalt- menschen vom Schlage der Gebsattel ging dieser Passus nicht weit genug, sie waren im Grunde ihres Herzens für eine vollständige Entrechtung der beiden belgischen Völker. Nun schließlich einigte man sich, und so kämpften denn der Bund der Landwirte, der Evangelische Bund, die Führer der christlich- sozialen Arbeiterschaft, die Größen des Münchener Freisinns(Herr Dr. Hohmann), der große Cassel- mann einmütig miteinander„für Deutschlands Große". Sehr in die Augen fiel mir bei meiner Beteiligung an den Bestrebungen der„Richtlinien"- Gruppe die hervorragende Tätigkeit einsluß- r�c i ch e r Finanz- und H a n d e l s g r u p p e n. So unterzeichneten die„Richtlinicn"«. a. die Herren: Kuhlo, Syndikus des Bayerischen Industriellen- Verbandes, Kommerzienrat Stöhr, Dr. Zeitl- m a n n und S ch r c y e r, Direktoren der Bayer. Hypotheken- und Wechselbank, Kommerzienrat W a u t s ch. Die Leiter der Richtlinien-Gruppe leg- ten eben besonders großen Wert aus„Wirtschaft- l i ch st a r k e P e r s o n e n". lind so wurde schon den Vertrauensleuten dieser Gruppe an das Herz gelegt,„die wirtschaftlich starken Personen des Orts zu bearbeiten, damit sie entsprechende Geld- s u m m e n für die große Sache zur Verfügung stellen. Mit der Sammlung in Form von kleinen und kleinsten Beiträgen ist wenig anzufangen____" Nach diesem Rezept wurde gearbeitet, und so zeich- netcn denn für die Verbreitungskosten der Richt- linien hauptsächlich: Der Bayer. Jndn- st r i e l l e n v e r b a n d, die B a ne r. Hypo- t h e k e n- und W e ch s e l b a n k, K a t h r c i- n e r s Malzkaffe e-F a b r i k e n, Herr G a u t s ch usw. usiv." Die„Münchener Post" teilt weiter mit:„So bat denn in letzter Zeit das annexionslustige deutsche Großkapital das Machtmittel der Presse systematisch in den Dienst seiner Politik gestellt. Nicht weni- g c r als drei Zeitungen brachte es i» s eine n B c s i tz. Und eins öergrößtenBer- l i n e r Blätter, das sich als„unparteiisch" aus- zugeben den Mut hat, ist direkt unter seinen Einfluß gelangt. Der„Berliner L o k a l a n z e i g e r" hat sich neuerdings der Partei der schwernationalliberalen Kanzlergegner angeschlossen.".... In dieser Hinsicht sind die Ausführungen...., des Generalsekretärs B cum er, aus der Essener .Konferenz d e S niederrheinisch-we st- fälischen Bezirksverbandes des U n a b- h ä n g i g e n Ausschusses für einen d e u t- scheu Frieden von hohem aktuellem Interesse. Herr Beumcr führte nach dem Bericht der Rheinisch- Westfälischen Zeitung vom S. Juni tNr. S4g> aus: „Als im Jahre 1871 Jules Favre behauptete, kein Fußbreit Landes würde abgetreten und kein Stein einer französischen Festung werde Deutschland überlassen, und als Alphonsc Tiers durch ganz Europa reiste,»m die Neutralen gegen Deutschland ' aufzuhetzen, da entfesselte Bismarck, g a n z im Hintergrund bleibend, einen Pressefeldzng o h n e g l c i ch e n, indem er die ganzen Sünden der Franzosen in Jahrhunderten hindurch darlegte und dann zu sagen: Der Staats- mann ist in Teutschland unmöglich, der dieser Volks- stimme nicht nachkommt, der Volksstimmung, die den Schlüssel zu unserem deutschen Hause fordert: das Elsaß. Das tat damals Bismarck. Heute ist die Presse jahrelang im Kriege zunächst gehemmt worden, und heute tun die von Bethmann-Hollweg beeinflußten Blätter das Gegenteil, obgleich sie, wie Bismarck in einem Prcssefcldzug den Schlüssel zum deutschen Hause forderte, mit demselben Rechte den Schlüssel Englands zu Belgien, Ant- w e r p c n, fordern müßten." Die„Münchener Post" schließt ihren Artikel mit folgender Aufforderung: „Angesichts der...... Versuche, die öffentliche Meinung zugunsten der annexionistischcn Bewegung zn fälschen, kann das Volk nicht laut genug reden. Das Volk muß sich noch häufiger und entschie- dencr als vordem der sozialdemokratischen Presse, dieses Sprcchorgans der breiten Masse aller schaffenden Schichten, bedienen und in einer Massenbewegung von der Regierung stürmisch den baldigen Abschluß eines annexivns- losen Dauerfriedcns fordern." Das Münchener Blatt würde gut tun, seinen rcgicrungssozialistischcn Freunden das Rückgrat zu steifen. Aber es hat selbst im Verein mit der ganzen „Mehrheits"- Presse im Laufe der drei Kriegs- jähre dazu beigetragen, den annexionslüsternen tsse- walten in den Sattel zu helfen. Renaudel und Mehring. Zu dem offenen Briefe des Genossen Mehring an Tschcidse schreibt Renaudel in der„Humanite" n. a. folgendes: „... Der Brief erfordert übrigens einige Be- trachtungen. To scheint Mehring, wenn er mit viel Kraft die Haltung der deutschen Sozialdemokratie verurteilt, es einfach im Namen eines allgemeinen und abstrakten Prinzips zu tun, mehr als im Namen der Tatsachenbctrachtung. Die Verantwortlichkeit des deutschen Sozialismus geht weiter und tiefer. Er hat sich in der Stunde des Krieges täuschen lassen, und er hat jene These angenommen, daß von dem Augenblick an, wo das Kaiserreich Deutschland in den Krieg ge- schleudert hatte, es nichts mehr zu diskutieren gab, die Pflicht der Vatcrlandsvertcidigung, die dem Sozia- liSmus untersagte, sich mit den Verantwortlichen zu demoralisieren, wurde durch sie geschaffen. Der Gc- danke Mehrings über diesen Plan scheint nicht klar... Ebenso wenn der Kampf gegen den Jmperialis- mus die Zcntralaxe der internationalen sozialistischen Aktion ist, wer sieht dann nicht, daß seine Form not- wendigcrweise variieren muß, indem er den poltti- scheu Institutionen folgt. Es gibt z. B. Länder, wo das Volk, dank seiner demokratischen Institutionen, mit Sicherheit auf die Regierungsentschcidungen einwir- ken, die Vertreter der führenden Kasten oder Klassen verpflichten kann, vor dem Bekenntnis imperialisti- scher Ambitionen zurückzuschrecken, und zu verkünden, daß keine Geheimdiplomatie im Kriege herrschen wird. Der Kampf gegen den Imperialismus muß eine ganz andere Form annehmen in den Ländern der Autokratie, wo weder das allgemeine Wahlrecht noch die tatsächliche Verantwortlichkeit der Regierung vor dem Parlament, die aus dem allgemeinen Wahl- recht entspringt, bestehen. Noch weniger scheint Mehring genügend Unter- schied zwischen dem angegriffenen und dem angreifen- den Land zu machen. Wie es indessen auch sei, sein Brief ist sehr inter- essant, und er betont sehr lebhast, was wir selbst gesagt haben, daß eine internationale Zusammenkunft veran- stalten, ohne die deutschen Sozialimperialisten vor Gericht zu stellen, die Bewegung des sozialistischen Er- wachens in Deutschland abschwächen und die Aktion einer wiedererstandenen Internationale paralysieren hieße." Renaudel beruft sich auf Mehring bei seinem Urteil über die deutsche Mehrheit. Wir sind von der Unaufrichtigkeit und Gefährlichkeit ihrer Haltung überzeugt, aber wir glauben auch nicht, daß die Hal- tung der französischen Mehrheit volle Anerkennung finden wird, und daß sich das„Gericht" nicht nur auf die deutsche, sondern auch auf die französische Majo- rität erstrecken muß. Genosse Mehring dürfte dabei der letzte sein, der sich die etwas einseitige Auffassung Nenaudels zu eigen macht. Kronprinz und Sozialdemokrat. Wir lesen in der I. K.: „Die deutschen Kriegsnachrichtcn geben einen längeren Bericht wieder, den der Chefredakteur der „Äönigsbcrger Allgemeinen Zeitung", Herr A. Wyne- ken, über einen Besuch im Hauptquartier des Krön- Prinzen in seinem Blatte erstattet hat. Seine ver- himmelnden Redensarten interessieren uns nicht weiter. Wir nehmen Anstoß nur an der folgenden Stelle des Berichts: „Er sder Kronprinz) erzählte mir bei diesem Anlaß auch, daß er kürzlich, als zehn bayerische Ab- geordnete die Front besuchten, Gelegenheit gehabt habe, sich mit einem Sozialdemokraten zu unter- halten. Er habe es für nützlich gehalten, diesen Herrn in die vorderste Linie zu bringen und sei erfreut gewesen über den gewaltigen Eindruck, den dieser Mann aus dem Volke von den bitteren Leiden, den Riesenleistungen und dem nicht umzu- bringenden Siegeswillen der Truppen heimgebracht hat. Er, der Kronprinz, habe empfunden, daß der Herr mit sehr ernsten Gedanken, vielleicht gar mit einer neuen Weltanschauung, den Heimweg ange- treten." Die I. K. bemerkt hierzu: „ES ist ganz unmöglich, daß der Kronprinz Herrn Wyneken das erzählt hat. Wer weiß, was der alte Herr aus Königsberg da alles mißverstanden hat!... Es läge im Interesse des Kronprinzen, wenn über die Unterredungen, die er führt, nicht so unberufene und irreführende Darstellungen namentlich in dem halbamtlichen Blatte verbreitet würden. Herr Wyneken hat ihm mit seinen Erzählungen keinen guten Dienst erwiesen." Wir sind der Meinung, daß es im Interesse der deutschen Sozialdemokratie lüge, auf solche Haupt- qnartierbesuchc zu verzichten. Der bayerische Sozial- demvkrat hätte dann sich, seiner Partei und auch dem Kronprinzen peinliche Situationen und irreführende Darstellungen erspart. Knyo Haase geften eine Lriedens- niterpcllotion. Die„Leipziger Volkszeitung" kennzeichnete in ihren Nummern vom lö. und 111. Juni lwir haben die Artikel in letzter Nummer abgedruckt) die Friedens- Heuchelei der Regierungssozialisten in zwei Artikeln, die an der Hand von Aeußernngcn der führenden Re- gierungssozialisten nachweisen, daß die Herren Scheide- männer, die sich heute den Anschein, geben, als hätten sie von Anbeginn des Krieges mit größtem Nachdruck für einen Verständigungsfrieden gewirkt, allen ernst- haften Friedensbestrebnngen stets entgegengetreten sind. Die Richtigkeit dieser Nachweise wagt der„Vor- ivärts" nicht zu bestreiten. Dafür rächt er sich mit der Behauptung, Genosse Haase habe im Mai lOG sich ebenfalls gegen eine Friedensinterpellation gewendet. Die Tatsache an sich ist richtig, aber sie ist gar nicht in Vergleich zu stellen mit der Haltung der Regie- rungssozialtsten, die aus Rechnungsträgerci gegenüber der Regierung jede Friedensaktion vereitelten. Jene Bemerkung Haases zu dem geschäftsführenden Aus- schuß der Groß-Berliner Organisation gab nur wieder, was in einer Fraktivnssitzung beschlossen worden war. In der Fraktionssitzung vom 17. Mai IlllS beantragte Hoch, eine Friedensinterpellation einzubringen. Ge- nosse Haase, als FraktionSvorsitzcnder, berichtete, daß der Reichskanzler aus Rücksicht auf die Krise in Jta- lien— Italien stand unmittelbar vor der Kriegser- klärung an Oesterreich— seine politische Rede bis zum 2ll. oder 27. Mai hinausschieben wollte,- er fügte hinzu, daß er von der Einbringung einer Friedcnsinterpella- tion in diesem Augenblick abrate, man hätte sie schon sollen im Dezember löll oder im März 191ö einbrin- gen. Gerade jetzt aber könne sie in Italien als be- st c l l t e Arbeit wirken, den Anschein erwecken, als säße den Deutschen das Messer an der Gurgel. Dadurch könnte sie geradezu die Kriegserklärung Italiens bc- schleunig», und zur Verschärfung der Kriegslage bei- tragen. Es wäre deshalb zweckmäßiger, mit der Frie- dcnsinterpcllativn zu warten, bis die Entscheidung in Italien gefallen sei. Dies der Vorgang,- er beweist lediglich, daß der Genosse Haase nicht, wie die Herren Regierungssozia- listen so oft sagen, öde Vcrneinungspolitik treibt, daß er vielmehr Notwendigkeiten der politischen Situation Rechnung zu tragen weiß, was ihn allerdings insofern von den Regierungssozialisten unterscheidet, als diese ote Opportunitätspolitik grundsätzlich zur Richtschnur ,hres Handelns gemacht haben. Aus der Seweguncl. Die Generalversammlung des 3. Kreises fand am 19. Juni im Gewerkschaftshause statt. Genosse Braun erstattete einen ausführlichen Bericht über die Verhält- nisse des Kreises, wie sie sich seit Ausbruch des Krieges bis jetzt entwickelt hahen. Er unterzog die Machina- Honen des Parteivorstandes sowie seiner Helfer einer gründlichen Kritik und kam zu dem Ergebnis, daß wir im Kreise im allgemeinen befriedigt sein können, an uns liege es jetzt, unsere volle 5lraft einzusetzen im Dienste der Partei, wie wir sie uns in Gotha ge- schaffen haben. Den Kassenbericht erstattete Gen. Budde. Es waren im Geschäftsjahr 1916 eine Einnahme von 51-11,36 Mk. zu verzeichnen, dem stand gegenüber eine Ausgabe von 3733,56 Mk., so daß am 31. März ein Kassenbestand von 1167,86 Mk. zu verzeichnen war. Auf Antrag der Revi- soren wurde der Kassierer einstimmig entlastet. In der Diskussion wurde ein Antrag des Genossen Beck, die Kinderschutzkvmmissivn aufzuheben, abgelehnt, da- gegen wurde der Beschluß des Zentralvorstandes, die Lokalkommission aufzuheben, dafür aber eine Agita- tionskommission für die Provinz Brandenburg ein- zusetzen, angenommen. Die Wahlen zum Vorstand hatten folgendes Ergebnis: 1. Vorsitzender Genosse Braun, 2. Vorsitzender Geu. Mau, 1. Schriftführer Genosse Krasemann, 2. Schriftführer Genosse Gent, 1. Kassierer Gen. Budde, 2. Kassierer Gen. Stein, sowie noch sämtliche Abteilungsführer, welche noch kein Amt haben, als Beisitzer. Vertreter im Aktionsausschuß wurde der Vor- sitzende des Kreises Gen. Justin Braun, in die Preß- kommission wurde der Gen. Gustav Müller, i» die Agi- tationskommission der Gen. Ludwig Borchardt, in die Schiedskommission der Gen. Johannes Mau und als Revisor von Groß-Berlin der Gen. Albert Protz ge- wählt. In die Schiedskommission des Kreises wur- den gewählt die Genossen Preuß, Harkbert, Gründler, Rüdiger, Genossin Knagge, als Ersatzmann Genosse Conradt. In die Zeitungskommission wurden die Genossen Hinz, Beyer, Mittag, Genossin Müller ge- wählt, in den Bildungsausschuß die Gen. Gent, Eickhof, Laughof, Stein und Preuß. Für die Schifferagitativn wurde der Gen. Gent gewählt. Für die Frauen wählte die Versammlung die Genossin Reinkc als Vertreterin des Kreises. Als Revisoren wurden die Gen. Krüger, Inner und Genossin Behnke bestimmt,' in die Kinder- schutzkommission die Genossin Frau Wettola. Zum Schluß bestätigte die Generalversammlung die Delegierten zur Verbandsgeneralversammlung, welche seitens der Abteilungen in Vorschlag kamen. Tie Generalversammlung des Unabhängigen Sozialdemokratischen Wahlvereinö Neukölln, die am 8. Juni tagte, nahm den«Geschäftsbericht des Genossen Koch entgegen. Ter alte Vorstand konnte sich im Vor- jähre nicht dazu verstehen, dem neugewühlten Vorstand die Geschäfte, wie es sich gehörte, zu übergeben, son- dcrn die Groger-Gruppe suchte die Wahl für ungültig zu erklären. Der jetzige Vorstand hatte sich aber nicht das Recht nehmen lassen, die Geschäfte am 7. Juni zu übernehmen. Außer dem Sekretär wohnte kein altes Vorstandsmitglied der Uebcrgabe bei. Erst in der dritten Generalversammlung vom 28. Juni 1916— zu der ein ganzes Heer von Gewerkschaftsangestellten aufgeboten worden war— fiel die Entscheidung. Der eigentliche Kampf spielte sich in der 5trcis-Gcneral- Versammlung vom 18. Juni 1916 ab, wo der Vorstand der Groger-Gruppe unter Mitnahme der Geschäfts- bücher ausrückte. Am 27. August 1916 fand in Neukölln von Neumann und Genossen die Gründung des Son- dervercins statt, zu der der Parteivorstand seinen Segen erteilte. Das ganze Jahr war für den Vor- stand ein aufreibender Kampf. Von Neumann und Genossen wurde der Vorstand als reiner Vorstand der Spartakus-Gruppe denunziert, und hatte derselbe sich s wim Oer fienudlicheu Ausmerrsamkeir der Polizei- und Militärbehörden zu erfreuen. DeralteVorstand iftrestlos zur G> oger Grnvve iibergegangen Im November v. I referierte Dr. Silbcrsteiu über die Stadtverordneten- wählen. Seine Ausführungen bewiesen� daß ihm seine Stellung als Fraktivnsvorsitzendcr näher stand, als die Stellung seiner Wähler. Auf die spätere An- frage des Vorstandes an sämtliche Stadtverordnete, welche Stellung sie einnehmen, traf durch Grvger die Antwort mit den Unterzeichneten ein, daß sie bis auf vier Stadtverordnete, auf dem Boden des Parteivor- standcs stehen. Im Februar d. I. erklärten Scholz, Dr. Silberstein, Rohr und noch einer, daß auch sie ans. unserer Organisation ausscheiden, nachdem der ehemalige Vorsitzende Scholz als Redakteur des frühe- ren„Vorwärts" seinen Kollegen in den Rücken ge- fallen war und dem Regierungsorgan treu blieb. Die Jugendheime wurden geschlossen, und mußte der Vorstand zur Unterkunft der Kinder der Genossen leerstehende Läden mieten. Erst in diesem Frühjahr wurden die Heime als Kinderhorte freigegeben. Der Vorstand erledigte seine Geschäfte in 25 Sitzungen. Versammlungen fanden inkl. General- Versammlungen 5 statt. Ter Vorstand glaubt seine Pflicht getan zu haben, indem er eine selbständige sozialdemokratische Politik vertrat. Den Kassenbericht gab an Stelle des eingezogenen Sekretärs, Gen. Radtkc, gleichfalls Genosse Koch. Die Einnahmen betrugen 11752,-16 Mk.,- die Ausgaben 22164,34 Mk. Der Mitgliederbestand betrug am 31. März 1916 4656 Männer und 1516 Frauen, zusammen 5566 Mit- gliedcr. Durch Tod schieden 226 Mitglieder. Aus- geschieden und gestrichen sind 672 Männer und 329 Frauen, zusammen 1661, und ncueingetreten 33 Män- ner und 11 Frauen, so daß am 31. März 1917 2127 Männer und 1376 Frauen, zusammen 3563 verblieben. Im Felde befinden sich 4363 Mitglieder, so daß der Ge- samtbcstand 7866 Mitglieder beträgt. Der Borstand wurde, nachdem für die ansgeschie- denen Mitglieder Vorschlüge erfolgten, einstimmig en bloc gewählt. Die Wahl der Viertelsführer für den 2. und 3. Bezirk wurden den hetreffenden Genossen überlassen. Zur Kreisgeneralversammlung wurden zwei An- träge vom Gen. Becker angenommen, die verlangten, daß dem Ortsvorstand zur Kreisgeneralversammlung nur drei Mandate, und dem Kreisvorstand zur Ver- bandsgeneralversammlung nicht mehr als fünf Man- date zustehen. Der Abgeordnete Hoch als rcgiernngssozialistischer Organisator. In H a n a n hatten sich am letzten Sonn- tag unter Führung des Abgeordneten Hoch Anhängsel der Scheidemänner zusammengefunden, um die Spal- tung der Kreisorganisation, die mit überwältigender Mehrheit zur Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei steht, zu vollziehen. Hoch„begründete" die „Notwendigkeit" dieses Schrittes. Gleichzeitig befür- wortete er den Anschluß an die Frankfurter„Volks- stimme" und deren Gewaltstreichlern, die während des Krieges die ländlichen oppositionellen Kreise schnöde entrechteten. Dabei war Hoch die Jahre hindurch ein lauter Rufer im Streit, ähnlich, wie er lange Jahre den„radikalen" Vvlkstribun mimte. Die Leutchen, die sich zur Spaltung der Wahlkreisorganisation einge- funden, stimmten ihm natürlich zu. Doch die Herren werden im Hanauer Wahlkreis innewerden, daß so- wohl Hoch ausgespielt hat, wie sich ihre Sammlungs- versuche für die Regierungssozialisten auf geringe Sprengstückc beschränken werden. Die Masse der Ar- beiter steht fest zur U. S. P. Bnderich für die unabhängige Sozialdemokratie! Von den Tcheidcmannsozialisteu des Niederrheins wird mit größtem Eifer der Anschein zu erwecken ver- sucht, als ständen wenigstens die kleineren Kreise des Bezirks falle großen haben sich bekanntlich schon längst geschlossen für die Unabhängige Sozialdemokratische Partei erklärt) hinter den Regierungssozialisten. Was auch diese Behauptung auf sich hat, zeigt neuerdings iviedcr das Verhalten der Parteimitglieder des Wahl- kreises Ncuß— Grevenbroich. In der Generalversamm- lung des Wahlkreises fam 3. Juni) stimmten 21 Ver- treter für die Mehrheitspolitik, 17 Vertreter für d e n II n s ch l u ß a n d i e 11 n a b h ä n g i g e S o z i a l- demokratische Partei. Eine Resolution Dr. Erdmann, die die Gewaltpolitik des Parteivorstaudes scharf geißelt, erhielt alle, also 38 Stimmen. Die 17 Vertreter und die hinter ihnen stehenden Partcimit- glieder haben sofort ihren Austritt erklärt und den Anschluß an die Unabhängige Sozialdemokratische Par- tei vollzogen. Die Ortsgruppe Büderich ist geschlossen übergetreten. In den andere» Ortsgruppen steht der Anschluß bevor. So sieht's nicht nur hier sondern in allen Kreisen des Bezirks aus. Was die Vertrauens- Männer der Scheidemanngruppe natürlich nicht abhal- ten wird, jetzt erst recht mit Mut und Ausdauer das genaue Gegenteil zn behaupten. Aus Breslau. Wie manche der rechtsstehenden Partciblätter sich mit ihrem Abonncutenzuwachs wüh- rend der Kriegszeit brüsten, und dabei immer einen Se.itenhieb auf die radikalen Blätter austeilen, deren Abonnentenzahl erheblich sank, ist genügend bekannt. Allen, die nicht blind an den Grundursachen vorüber- gehen, ist auch klar, daß diejenigen Blätter, deren Abonnentenzahl sich verringerte, ans dem alten sozial- demokratischen Standpunkt stehen blieben, während die mit dem berühmten Zuwachs versimpelten und ver- bürgerlichtcn, die, wenn sie vor dem Kriege noch einen Funken sozialistischen Geist in sich trugen, und noch so etwas wie Grundsätze hatten, diese in die Rümpel- kammcr taten und den neuen militärfrommen Grund- sätzen sich anpaßten. Ganz besonders trifft das auf die Breslauer „Volksmacht" zu. Dieses sozialdemokratische Organ unterscheidet sich in keiner Weise mehr von den bür- gerlichen Blättern, ja es wird in Ton und Forde- rungcn manchmal von der bürgerlichen Presse am Orte noch übertrumpft. Nur ganz ausnahmsweise passiert ihm»och ein Rückfall in die alte Zeit,' aber wenn mal ein schärferer Ton mit unterläuft, dann merkt man die nächsten Tage förmlich, wie das Blatt aus Rene sich müht, um zahmer zn sein. Diese Haltung des Blattes hat natürlich mancherlei bürgerliche Abonnenten ge- hracht: wer sich in bürgerlichen Kreisen den Anschein eines oppositionellen geben will, greift zur„Volks- wacht" und läßt möglichst deutlich sehen, daß er Leser dieses ehemals sozialdemokratischen Blattes ist. Dazu kommen die Feldabvnuenten. Was sind denn das für Leute, die täglich als neue Mitglieder auf- tauchen oder schon länger die Zeitung ins Feld be- kamen? Die Vreslaner Sozialdemokraten und die Ge- Nossen aus der Provinz lassen sich selbstverstäudlich ihre Parteizeitung ins Feld schicken, sie lasen nie ein' andercs'Blatt und ihnen liegt doch hauptsächlich daran, etwas aus der Heimat zn erfahren. Viele dieser Ge- Nossen sind durch die bisherigen Aufklärungsmethoden auch nicht allzu scharf in ihrem Urteil, fast blind ver- trauen sie ihrer Zeitung wie ihren Führern. Im Felde haben sie als Soldaten naturgemäß noch weniger Ge- legenheit, sich neue Urteile zu bilden. Wenn aus vie- len Gegnern oder Indifferenten Leser dieser Partei- zeitung wurden, so bringt das der Krieg im allgemci- nen mit sich. Dem Berlage der„Volksmacht" und besonders ihrem Chefredakteur gibt der Umstand, daß eine erheb- liche Zahl neuer Abonnenten während des Krieges ge- wonnen wurden, bei jeder Gelegenheit Veranlassung, rühmend hervorzuheben, wie glücklich man doch sein könne über die Haltung des Blattes, das solche Erfolge zeitigte. Gewiß, für die Kasse der Zeitung ist der Er- folg recht angenehm, nur ähnelt es mehr kapitalistischen Grundsätzen als sozialdemokratischen, wenn so stark auf die pekuniären Berhältnisse Rücksicht genommen wird. Aehnlich wie mit der Parteizeitung verhält es sich auch mit der Zunahme der Mitglieder. Gewiß stimmt es, daß eine ganze Anzahl neuer Mitglieder sich meldeten. Sic kamen sogar direkt zugelaufen, oft ohne jede Aufforderung. Ja, wie ist das möglich? wird jeder fragen. Die Sache ist sehr einfach. Jeden Mo- nat werden einige Vorstellungen in Vreslaner Thea- tern zu billigen Preisen für Äiitglicder der Partei ge- gebe». Früher war es leicht möglich, durch Bekannte und Berwandte, die Mitglieder waren, auch als Nicht- Mitglied ein Billett zu erhalten. Mit der Zeit wurde der Andrang aber so groß, daß an die Mitglieder Thea- terkarten herausgegeben werden mußten, die nur dem Inhaber das Erstehen eines Billetts ermöglichten. Nun war für die anderen guter Rat teuer, aber sie halfen sich, indem sie Mitglied wurden. Ein nicht unerheblicher Teil der neuen Mitglieder kommt auf dieses Konto. Nach alledem haben die Breslauer Schreier nicht einmal viel Ursache, so ihres Sieges froh zu sein. Aller Voraussicht nach dürfte hier der Katzenjammer nach dem Kriege recht kräftig einsetzen. Tie Hallcschc Volkstribüne. In Halle haben die Regicrungssozialisnui eine neue Zeitung gegründet, die„Hallesche Volkstribüne", deren lokaler Teil von Karl Wendcmuth, früher an der„Berg. Arbeiter- stimme", redigiert wird. Der politische Teil wird von der Magdeburger„Volksstimme" übernommen. Aus Tegel wird uns geschrieben: Auch hier ist endlich die„reinliche Scheidung" im Bezirkswahlverein vor sich gegangen. Die bisherige Leitung hatte es ver- standen, und eine Reihe von ihr behaupteter Zufällig- keitcn half dabei, diese Klärung unter den hiesigen Genossen so lange hinauszuschieben. Allerdings nicht ohne Schuld der hiesigen Genossen, denn deren Mehr- heit konnte oder wollte sich nicht zu einer entschiedenen Haltung der zögernden Vereinsleitung gegenüber auf- raffen— es war mit der alten gewohnten Gemütlich- leit und Ruhe doch in Tegel zu schön und man ließ sich des öfteren in den stattgehabten Zusammenkünften gern das alte Lied vorsingen von der„früheren Selb- ständigkeit Tegels, die man wieder herstellen wollte, falls sich eine Mehrheit für die„Unabhängigen" finden würde." Alan war ja mit vielem gleichfalls unzufrieden, aber„Spaltung"— nein, das machen wir nicht mit, sagte die Bezirksleitung, eher werden wir wieder„selbständig" wie früher. Nun, so weit kams zum Glück dieser Herren nicht. Nach fast halbjährigem Hangen und Bangen kam jetzt, nachdem vor zwei Monaten bereits Genosse Stadthagen in einem zusammenfassenden Referat alles Notwendige zur Klärung gesagt und als Korreferent der Vertreter der „Mehrheit" Giebel deren Standpunkt recht ergiebig dargelegt hatte, ohne daß den Genossen je Gelegenheit geboten ivar, darauf zu erwidern, die endliche Abstim- innug über die fernere Zugehörigkeit zur alten anerkannten— jawohl, anerkannten— Kreisorganisation zustande: nur 15 Ge- nossen— bei leider nur schwacher Beteiligung in- folge ungenügender Einladung— erklärten sich dafür, also für die Unabhängige Partei, während 26 sich für die Mehrheitszugehörigkeit erklärten. Ein anderer Teil enthielt sich der Stimme— sie konnten sich an- geblich„noch immer nicht richtig orientieren, wohin sie gehören: uns paßt dies nicht von links, jenes nicht von rechts". Nun, mögen sie den Haufen der Jndiffc- reuten vermehren helfen? sie wußtcns bisher nicht und werdens auch künftig nicht wissen, wohin gesteuert wird.„ Damit ist für Tegel reiner Tisch gemacht— vorläufig— einiges Geschäftliche wie Abrechnung und Regelung der Bibliotheksrage usw. muß noch erfolgen. In unserer letzten Zusammenkunft war unser Kreis aber schon so ansehnlich geworden, daß die Vorstands- und sonstigen Posten glatt besetzt werden kviurten. Tie Tätigkeit, für die Interessen der organisierten Genossen einzutreten, wird nunmehr wieder aufgenommen, Zahlabende finden regelmäßig statt und für Auf- klärung im Sinne der alten sozialdemokratischen Welt- anschauung wird Sorge getragen werden. Der n ä ch st e Zah labend im Juli wird bei S o r r e r, Schlieper-, Ecke Buddestraße, abgehalten werden, bis dahin werden die Bezirksftthrer alle Genossen mit dem bisher vernachlässigten Material versorgen. Be- zirksleiter ist Genosse Thomas, Tegel, Freie Scholle 21 rechts, Kassiererin Genossin P a l lach, Schöneberger Straße 6, Hof rechts, 8 Tr. Von diesen wird jede gewünschte Auskunst erteilt. An den Tegeler Genossen liegt es jetzt, wieder in Reih und Glied mit den übrigen Niedcrbarnimern zu marschieren. Die Wahlkreisorgauisatio» von Wctzlar-Alten- kirchcn beschloß auf ihrer Kreiskonsercnz einstimmig den Anschluß an die Unabhängige Sozialdemokratische Partei, entsprechend der Stellungnahme, die Kreis- Vertrauensleute und Ortsfilialen vor der Gothaer Tagung eingenommen. Die Kreiskonferenz bekundete ferner der gemäß- regelten Genossin Zetkin ihre Sympathie. Ein weite- rer Beschluß erkennt der„Oberhessischen Bvlkszeitung" und der„Frankfurter Volksstimine" den Charakter eines Partciblattes für den Wahlkreis ab und cmp- fiehlt die„Leipziger Volkszeitnug" und das„Mittei- lungsblatt" unserer Berliner Genossen. Die Organisation des Wahlkreises Dclitz-Bitter- selb hat sich der Unabhängigen Sozialdemokratie ange- schlössen. Der Vorort Eilenburg hatte den Antrag ge- stellt, den man zur Vorberatung den einzelnen Or- ganisationen des Kreises überwies. Am letzten Sonn- tag wurde dann ein außerordentlicher Kreistag ein- berufen, der die Entscheidung brachte. Vor der Tis- knssion über die Frage des Anschlusses wurde Bericht erstattet über den Stand der Bewegung. Taraus ging hervor, daß die Organisation infolge des Krie- ges zwar schwer geschwächt wurde, daß es aber gelang, die Finanzkraft des Kreisvereins wie überhaupt die Organisation aufrechtzuerhalten. Auch die Leserzahl des Parteiblattes nimmt erfreulichen Aufschwung. Der Anschlußantrag rief eine mehrstündige Aus- spräche hervor, in welcher nur ein Redner gegen den Antrag sprach. Der Abgeordnete des Kreises, Genosse Raute', erklärte'sich sofort offen für den Anschluß. Er wird der Unabhängigen Fraktion beitreten. Damit war volle Klarheit. Der Antrag wurde mit 15 gegen 4 Stimmen angenommen. Mehrere Delegierte, die für den Anschluß gestimmt hätten, mußten vorher ab- reisen. Von den 4 gegen den Anschluß stimmenden Tele- gierten entfernten sich nach der Abstimmung 3, dar- unter ein Konsumvereinsgeschäftsführer und ein Ge- werkschaftsangestellter. Dr. Onarck rcdaktiousmüde. Im Innern der regierungssozialistischcn Partei zu Frankfurt a. M. hat sich letzthin ein häuslicher Streit abgespielt. Die Haltung des Reichstagsabgeordnetcn Dr. Onarck, Redakteurs der Volksstimme, ist einer von dem ehe- maligen Nationalsozialcn Sinzheimer geführten Gruppe zu sehr imperialistisch und regierungstreu. Diese Richtung setzte es am letzten Freitag in einer Generalversammlung des sozialdemokratischen Vereins durch, daß dem Dr. Quarck das Stimmrecht im Vor- stand des Vereins entzogen wurde. Darauf hat der Herr seine Stellung als Redakteur der Bolksstimme gekündigt. Einen wesentlichen Einfluß wird das auf die Haltung der Bolksstimme nicht haben. Die Unter- schiede zwischen Herrn Quarck und den anderen Mehr- Heitlern zu Frankfurt a. M. sind verhältnismäßig nn- wesentlich. Die wirklichen Sozialdemokraten Frank- furts gehören in die Unabhängige Sozialdemokratie. Die Opposition in Bayern. Aus Würzburg wird geschrieben: Am Sonntag, den 16. Juni, fand die Wahlkreisgeneralversammlung der Wahlkreisorgani- sation Würzburg statt. Em von den Anhängern der Unabhängigen Sozialdemokratie eingebrachter Antrag, sich der unabhängigen Partei anzuschließen, wurde mit ll gegen 16 Stimmen abgelehnt. Die Anhänger der unabhängigen Partei werden nunmehr an die Grün- dung einer eigenen Wahlkreisorganisation gehen. Die Sektion Heidingsfeld, die zweitgrößte des Wahl- kreises, hat sich schon vor Wochen einmütig für die unabhängige Partei erklärt, ebenso stehen die Landes- sektionen auf dem Boden der Unabhängigen Partei. Die Jahreskonferenz des Sozialdemokratischen Vereins für den Wahlkreis Wittenberg-Schweinitz nahm endgültig Stellung zu den Parteidifferenzen. Der industriell stark entwickelte Wahlkreis gehörte schpn bisher zur Opposition. Der Kreisvorstand entsandte regelmäßig Delegierte zu den oppositionellen Konfe- renzen und der Hauptindustrieort des Kreises ver- langte schon längst den ausdrücklichen Anschluß an die Unabhängige Partei. Dieser Antrag wurde jetzt nach einem kurzen Referat des Genossen Hildebrandt und nachfolgender Aussprache e i n st i m m i g angenom- men. Ein Delegierter enthielt sich der Abstimmung. Die Haltung des Volksblattes für Halle wurde durchaus gebilligt und auch rein ländliche Orte hielten nicht mit ihrer Anerkennung zurück. Die Abonnenten- zahl, die in den Jnbustrieorten rasch gewachsen ist, soll noch durch fleißige Agitationsarbeit vermehrt werden. Bei der Neuwahl des Vorstandes trat das Bor- standsmitglied, das sich bei der entscheidenden Ab- stimmung der Stimme enthalten hatte, vorläufig zurück. Sonst wurden die bisherigen Mitglieder wiedergewählt. Anschluß an die Unabhängige Partei. Eine sehr stark besuchte Kreisgeneralversammlnng des Wahl- kreises R e u ß jüngere L i n i c beschloß am Sonn- tag mit 58 gegen 5 Stimmen, sich der Unabhängigen Sozialdemokratie anzuschließen. Ter Kreisgeneral- Versammlung wohnte ein Vertreter des Kreises Reuß ältere Linie bei, wo demnächst vermutlich auch der An- schluß an die Unabhängige Partei vollzogen wird. Mit dem Berdienstkreuz für Kricgohilfc ist Hugo Schaal, ein Getreuer des Herrn Scheidcmann, aus- gezeichnet worden. Aus der Zeit. Die Einschränkung des Papierverbrauchs für Zeitungen übt vor allem auf die große Jnseratenpresse großen Einfluß aus. Die Vcrlegerinteressen werden dadurch schwer geschädigt, weil die Einnahmen aus Inseraten, welche die Haupteinnahmequellen der Ver- leger bilden, stark beeinträchtigt werden. Das ist auch der Grund» warum diese Zeitungen gepfefferte Artikel gegen diese Zustände vom Stapel lassen. Die gesamte große Presse geißelt die neue Papierverorhnnng aufs schärfste. Die„Kölnische Zeitung" droht: „Die Gefahr, die ans der Durchführung der Ver- ordnung droht, daß nämlich die Zeitungen ihre täglich wichtiger werdenden Aufgaben unter immer schwieri- geren Verhältnissen erfüllen, und daß sie schon mit der Möglichkeit oder gar Wahrscheinlichkeit rechnen müssen, eines Tages ihre Pflichten überhaupt nicht mehr er- füllen zu können, diese Gefahr geht jeden Leser, geht auch die Regierung an? sie bedroht geradezu die glück- liche Entwicklung der Dinge, sie macht eine Waffe stumpfer, die wir dringend nötig haben, und die doch schärfer und härter werden müßte, je näher wir der Entscheidung kommen." „Die großen politischen Zeitungen," fährt die„Köl- Nische Zeitung" fort,„also die Blätter, die den publi- zistischcn Krieg mit dem Feinde führen müssen, auf deren kritisches und mahnendes Wort das Volk in allen seinen Schichten und in allen Teilen des Landes hört, die in ihrem Anzeigenteil die mühsam geflickten Beziehungen zwischen den einzelnen Erwerbsklassen aufrechterhalten müssen, werden durch die neue Ver- teilung tödlich gctrofsen." 6:2 Zeitungen Mitteldeutschlands geben bekannt, daß sie genötigt sind, den Bezugspreis zu erhöhen. Tatsächlich sind die Kosten für Papier und Druck außer- ordentlich gestiegen. Ans den Dokumenten der russischen Revolntion. Tie menschewistische„Rabotschaja Gaseta" iArbeiter- zeitung) veröffentlicht folgenden Befehl des Generals Kornilows» des bisherigen Kommandierenden des Petersburger Militärbezirks: „Befehl an den Petersburger Militärbezirk, Peters- bürg, 17. April 1617, Nr. 176». Morgen, am 18. ApriMI. Mai), finden aus Anlaß des Weltfeiertages der Arbeit in den Truppenteilen des mir anvertrauten Militärbezirkes keine Uebun- gen statt. Die Truppenteile, nebst ihrem Musikorchester,. nehmen an den Volksaufzügen teil, nachdem sie mit den betreffenden Rayonkvmitees Vereinbarungen ge- troffen. Unterzeichnet: Hauptkommandierender der Truppen des Militärbezirkes, General- Leutnant Kornilow." Weise liatschläge. Ein älterer Genosse schreibt uns: In der langen Zeit meiner Parteitätigkeit babe ich nmnche Kenntnisse ini Pariei- leben gesammelt und Erfahrungen gemacht, wie man am besten das Parieilcben fördert. Ich halte mich geradezu für verpflichtet, diese meine Erfahrungen zu Nntz und Frommen zu Papier zu bringen. Meine Ratschläge be- ziehen sich nur auf eine Seite im Parteileben, sind also sehr lückenhaft. Wenn du in der Partei helfen willst, so gehe in die Versammlung oder in die Parteisitzung und rede ungefähr folgendermaßen:„Unsere Bewegung geht nicht so vorwärts, wie das notwendig ist. Tara» ist vor allem der Vorstand schuld. Er hat nicht genug getan, er entwickelt nicht genug Initiative. Was er getan hat, ist nicht der Rede wert, laugt überhaupt nichts. Wir— Genossen— müssen den Vorstand vorwärts treiben. So wie bisher kann es nicht weiter gehen." Wenn du besonders klug sein willst, so hüte dich, selber Vorschläge zu machen, wie es besser gemacht werden kann. Oder du sprichst:„Schon längst hätte ein gepfeffertes Flug- blakt verbreitet werden müssen, alle Well wartet auf uns." Bei einer anderen Gelegenheit melde dich zum Wort und führe etwa folgendes aus:„Der Besuch unserer Ver- sammlungen oder der Zahladcnde läßt zu wünschen übrig. Das muß anders werden. So kann das nicht weiter gehen. Die Genossen müssen mehr tun." Dabei brauch» du dir garnichls draus zu machen, wenn du selber den Versammlungen oder den Zahlabenden fern bleibst, denn du kannst dich damit trösten, daß du ja alles schon iveigl, ivas man dir da sagen könnte. Auch Flugblattverbreitungen oder Einladungen zu Zu- sammenkünfien kannst du ruhig den Andern überlassen. Wenn die Devatie über die Presse geführt wird, so mußt du euva folgendes den Geno»en jagen:„Die Ver- breilung unseres Blattes müßte viel größer sein, denn die Presse ist eine Macht. Die Genossen müssen für ihr Blatt Werbearbcu leisten. Fehl wird viel zu ivenig getan." Sei aber vorsichtig und überlasse die Arbeit selbst— den Andern. Wenn du diese Rarschläge befolgir, wirst du als tüchtiger Genosse überall Beifall finden und was die Hauptsache ist, die Bewegung in außerordentlichem Maße fördern. Fiele Menschen. sDas Gedicht wurde 1967 von dem kürzlich zum Tode verurteilten österreichischen Genossen Dr. Friedrich Adler verfaßt.» Dunkle, ahnungsvolle Mären Hüllten ein den ersten Pfad, Und in schauerndem Verehren Fand die Menschheit Trost und Rat. Von des Brauches heiligen Schranken. Fühlte sie sich treu umhegt, Alle Wünsche und Gedanken In des Vaters Hand gelegt. Doch aus kindlich dumpfem Dämmern Stieg Erkenntnis kühn empor, Pochte mit verwegnen Hämmern An der Rätsel stummes Tor. Auf den Lippen stete Frage, Drang sie vorwärts ungestillt, Suchend im Geschehn der Tage Das Gesetz, das ewig gilt. Immer weiter! Auf der Lohe Flammend steigt des Forschers Geist, Dem allein die ernste, hohe Wahrheit Ziel und Richtung weist,' Muß er alte Form zersprengen, Sei es immer, sie zerfällt. Auf dem Schutt mit frohem Drängen. Bant er sich die neue Welt. Vom entschwundenen Paradiese Missen ivillig wir den Traum, Drin ans blütenreicher Wiese Früchte miihlos trug der Baum. In der Kräfte vollem Regen Sehn wir neidlos drauf zurück, Den» die Arbeit ist uns Segen, Und das Schaffen ist uns Glück. Ging der Himmel uns verloren, Jenes leuchtende Panier, Doppelt innig,' erdgeboren, Hängen an der Mutter wir. Sinkt in toten Staub die� Hülle, Sei vom Dank das Herz durchbebt, Daß wir all der Schönheit Fülle Eine Weile mitgclebt. Seid gegrüßt, der Zukunft Streiter, Frisches Heer auf altem Plan, Unerfchrock'ne Vorwärtsschreiter, Wahrt der Freiheit ihre Bahn! Schritt für Schritt gilt es zu ringen Und das Ziel es ist noch weit, Aber hvffnungsfreudig klingen Hört den Ruf der neuen Zeit! Aus dem„Atheist". Verantw. Redakteur: C. Leid; Verleger: A. Hoffmann; beide Berlin SW. 68, Lindenstr. 3. Dn»ck: Maurer L Dimmick, Berlin, Köpeiücker Str. 36-33.