a Mtttsjluligz-Llcitt des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlveretne Berlins und Umgegend. In beziehen durch die Bezirksführer die Nummer zu 10 Pf. oder durch die Post.— Redaktton u. Berlag: 0.27, Schicklerstr. S. Fernruf: Alexander, 3007. Nr. 24. Berlin, den 9. September 1917. 12. Jahrgang. Regimingsfchialütitcbe Ratzbalgereien. Reichstagsanflolung und Neuwahlen? Zwischen dem Grafen Reventlow und dem regierungssozialistischen Zentralorgan tobt seit langem ein grimmer Streit. Der Herr Graf leit- artikelt täglich spaltenlang in der„Deutschen Tageszeitung" gegen den Scheidemannschen„Van- kerottfrieden" und gegen die ach so kümmerlichen Demokratisierungs-Experimente des Juliblockes. Der„Vorwärts" dagegen sucht nachzuweisen, dag die Friedensresolution der Reichstagsmehrheit und die Parlamentarisierung der Welt im allge- meinen und dem deutschen Volke im besonderen das Heil bringen werde. Jeder der beiden Kämpen behauptet, die Mehrheit des deutschen Volkes hinter sich zu haben. Schließlich hat sich Graf Reventlow dafür ins Zeug gelegt, daß der gegen- wältige Reichstag aufgelöst werde und daß Reu- wählen stattfinden sollten. Der„Vorwärts" hat diesen Gedanken aufgegriffen und Herr Doktor David hat bereits einen fix und fertigen Feldzugs- plan für etwaige Kriegsneuwahlen entworfen. An der Seite des Grafen Reventlow fechten jeßt die„Kreuzzeitung" und andere alldeutsch-konser- vative Organe, während die von Stampfer in- spirierte regierungssozialistische Parteipresse dem „Vorwärts" sekundiert. Der gegenwärtige Reichstag vegetiert nun schon im siebenten Jahre. Er ist, darin hat Graf Revent- low Recht, unter ganz anderen Voraussetzungen gewählt worden und daher überreif für die Auf- lösunA. Gegen einen Appell an das deutsche Volk wäre also unter normalen Verhältnissen nichts ein- zuwenden. Aber den Reventlows liegt natürlich nicht das mindeste an einer ehrlich demokratischen Neuwahl. Am liebsten wäre ihnen, wenn die Re- gierung den Reichstag nach Hause schickte, die Neu- wählen bis nach Friedensschluß hinausschöbe und ohne parlamentarisches Feigenblatt nach innen und nach außen eine Politik der gepanzerten Faust durchführte. Dieser Gedanke ist aber zu schön, als daß er verwirklicht werden könnte. Darum ruft der alldeutsch-konservative Herold nach Neuwahlen, — aber so, wie er sie versteht. Er denkt natürlich nicht an ein offenes, ehrliches Messen der politi- schen Kräfte, sondern verlangt„sachliche Auf- klärung des Volkes durch die berufenen amtlichen Stellen". Also Landratswahlen, verschärft dprch Belagerungszustand und Zensur! Reichstagswahlen unter Belagerungszustand und Zensur wären ein Experiment, gegen das die berüchtigten Volksabstimmungen Napoleons III- demokratische Musterleistungen gewesen wären. Wenn der Gedanke an Neuwahlen während des Krieges wirklich ernsthaft erörtert werden soll, dann ist die erste und unbedingte Voraussetzung die Aufhebung des Belagerungszustandes und der Zensur, die restlose Sicherstellung aller gesetzlichen Bestimmungen, die für den Wahlkampf gegeben sind. Sonst wird die ganze Wahl zu einer elenden Komödie, die im Innern keine Klärung schaffen und nach außen den gegnerischen Kriegshetzern einen unbezahlbaren Agitationsstoff liefern würde. Völlig unter die Räder aber kommen würde ein baldiger Friede. Eine zweite Voraussetzung wäre, daß alle zurzeit im Militärdienst stehenden Wähler auch ihr Wahlrecht ausüben können, und zwar frei und ungehindert. Denn ohne die vielen Millionen wahlberechtigter Männer, die seist Um bürgerlichen Leben herausgerisfen sind, würde die Neu- wähl einer jämmerlichen Mißgeburt gleichen. Die Reventlows schweigen sich über diefe un- erläßlichcn Voraussetzungen aus. Ja, in der „Kreuzzeitung" hielt es ein als miles(Soldat) zeichnender Einsender für selbstverständlich, daß die Soldaten nicht wählen dürfen. Es ist aber be- zeichnend, daß auch weder der„Vorwärts" noch Dr. David kein Wort über die Aufhebung des Belagerungszustandes und der Zensur für etwaige Neuwahlen sagen. Erscheint ihnen das selbstver- ständlich? Nach den Erfahrungen, die sie bisher in punkto Belagerungszustand haben machen kön- nen, sollte ihnen doch bewußt sein, daß es bei den heutigen Zeitverhältnissen notwendig ist, auch Selbstverständlichkeiten doppelt und dreifach zu unterstreichen. Herrn Davids ganze Sorge besteht darin. Arm in Arm mit den bürgerlichen Freunden des Juliblockes in den Wahlkampf hineinzumar- schieren. Außerdem hat er ein feines, technisches System ausgetüftelt, das den Feldgrauen die Wahrnehmung ihres Wahlrechtes ermöglichen soll. Von irgendwelchen sozialistischen Zielen für einen Wahlkampf ist bisher weder im„Vor- wärts" noch in der anderen regierungssozialisti- schen Presse die Rede gewesen, und der Einpeitscher David schweigt erst recht davon. Für ihn genügt als etwaige Wahlparole:„Verständigungsfrieden und freiheitliche Neuordnung im Innern". Ver- ständigungsfrieden natürlich in der verwaschenen und objektiv unehrlichen Form der Mehrheits- resolution und innere Neuordnung nach dem MljTer der bisherigen demokratischen Glanz- leistungen des Juliblockes! Und in solchem Zeichen will die sozialdemokratische Kampfpartei— der Parteivorsitzende Ebert behauptet ja heute noch, daß seine Partei eine solche sei— Arm in Arm mit Zentrumsmännern und der liberalen Vour- geoisie in einen Wahlkampf gehen, der wie nie einer zuvor über die Geschicke des deutschen Volkes entscheiden soll. Die Alldeutschen und Konservativen und vor allem die hinter diesen stehenden ökonomischen Kräfte gehen aufs Ganze. Graf Reventlow liefert ja nur die Ideologie und die journaliftifche Jnter- pretation ihrer letzten Ziele. Auch die Heeres- leitungen zeigen täglich, wie sie geradlinig auf ihre bestimmten militärischen Ziele losgehen. Nur die abhängige deutsche Sozialdemokratie will von einem entscheidenden Wahlkampf von dieser Eerad- linigkeit in der Verfolgung ihrer demokratischen und sozialistischen Ziele nichts wissen. Doch das mögen die Parteidiplomaten und Parteistrategen mit sich abmachen. Sollte es wirklich zu einem Wahlkampf kom- men, ob mit, ob ohne Belagerungszustand, so wird für uns die Parole lauten: Für einen Frieden ohne Annexionen und ohne Kriegsentschädigungen und unter Wahrung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker, für Sozialismus und Demokratie. I. K. kontra„Vorioarts" oder Mer ist der größere Patriot? � Seit Herr Heilmann der geistige Leiter der I- K. ist, liebt er es, sich am„Vorwärts" und besonders an Herrn Stampfer zu reiben. Wie es ja überhaupt mit der Einigkeit im Lager der Regierungssozialisten sein eigenes Bewenden hat. Kürzlich hat nun Heilmann dem armen Stampfer ganz empfindlich auf die Füße getreten. In der �cjprechung der Antwort Wilsons auf die Frie- densnote des Papstes hatte Stampfer die Bemer- kung gemacht, daß die undemokratischen innerpolj- tischen Zustände Deutschlands ein großes Friedens- Hindernis seien und daß es keine Schande für das deutsche Volk sei, wenn es Wilsons Forderung auf Demokratisierung erfülle. Damit hat er Herrn Heil- Berlin, den 4. September 1917. mann in die Wolle gebracht. Dieser Herr hat schon manche Sensationsleistung vollbracht. Schrieb er doch seinerzeit in seinem Chemnitzer Blatte die klassischen Worte:„Ich gehe zu Hindenburg!" Und nicht vergessen darf ihm werden, daß er die Redak- teure der„Humanitß" und Kollegen Jean Jaures der Mittäterschaft am Morde dieses großen Sozia- listen beschuldigte. Da die„Deutsche Tageszeitung" in bezug auf die Erörterungen der Antwort Wil- sons behauptet hatte, die deutsche Demokratie habe sich auf die Seite Wilsons gestellt, schrieb Herr Heilmann aufgeregt, man begreife angesichts sol- cher Behauptung nicht mehr, ob die deutschen Po- litiker wahnsinnig geworden seien, oder„ob lauter Verbrecher jetzt die Zeitungen schreiben", die Be- hauptung der„Deutschen Tageszeitung" sei eine dreiste Unwahrheit, nur der„Vorwärts" habe sich auf die Seite Wilsons ge- st e l l t. Das ging dem braven Sozialpatrioten Stampfer gegen den Strich. Heute ist zwar in Deutschland jeder zweite Mensch ein offener oder versteckter Freund oder Agent des feindlichen Aus- landes; mußte sich doch fogar kürzlich die natio- nalliberale Reichstagsfraktion von der„Kreuz- zeitung" sagen lassen, daßLloydEeorge an ihr seine Freude haben werde. Aber Herr Stampfer konnte den Heilmannschen Tusch nicht auf sich sitzen lassen. In seiner sentimental-weinerlichen Art legte er im „Vorwärts" mit Namensunterschrift vor aller Welt Zeugnis ab von seiner treudeutschen Ee- sinnung. Seine Verteidigungsepistel ist so rührend, daß wir sie wenigstens teilweise in unserem„Mit- teilungsblatte" wiedergeben wollen. Es heißt darin: »Die Internationale Korrespondenz erhebt damit mit noch schärscrer Betonung als irgendein reaktionäres Blatt gegen das Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei die verleumderische Behauptung, es habe sich auf die Seite einer Macht gestellt, mit der sich Deutschland im Kriege befindet. Und das, weil der Vorwärts sich erlaubt hat. die Bedingungen der Wilson-Note ohne Gereiztheit zu prüfen und wahrheitsgemäß festzustellen, daß die einzige >» ihr wörtlich ausgesprochene Bedingung, die Demokrati- sierung Deutschlands, den Wünschen des deutschen Volkes selbst entspricht. Meinungsverschiedenheiten hat es immer gegeben und wird es inimer geben. Aber Denunziationen aus den eigenen Reihen sind eine neue und hoffentlich vorüber- gehende Erscheinung in der sozialdemokratischen Partei- geschichte. Da Ernst Hcilmann versichert, daß nicht.lauter Ver- brecher jetzt die Zeitungen schreiben", sondern daß„einzig und allein der Vorwärts sich auf die Seite Wilsons gestellt hat, unterzeichne ich diese Entgegnung mit meinem Namen. Für diejenigen, die mich nicht kennen, füge ich hinzu, daß ich vom ersten Tage des Krieges an bis zum heutigen Tage— mit der einzigen Unterbrechung meines Felddienstes— die Sache der deutschen Landesverteidigung täglich publizistisch vertreten habe." Diese Katzbalgerei zweier regierungssozialisti- scher Federhelden, die täglich im Namen der deut- schen Arbeiterschaft schreiben, ohne mit der eigent- licheil Arbeiterschaft irgendwelche Fühlung zu ha- ben, wäre an sich belanglos. Es birgt sich dahinter aber ein sehr tiefgehender Meinungsunterschied in den Kreifen der führenden Regierungssozialisten. Einmal passen den erklärtenSozialimperialistendie hysterischen Temokratisierungstiraden des„Vor- wärts" nicht in den Kram, dann haben aber auch die führenden Eewerkschaftsgrößen offenbar kein rechtes Interesse an dem Ideal eines parlamenta- rischen Regimes, wie es dem Stampfer-„Vorwärts" vorschwebt. Das geht ziemlich deutlich aus einem Artikel besagten Ernst Heilmanns in Nr. 21 der „Glocke" hervor, betitelt!„Proletarisches Klassen- interesse und parlamentarische Advokatenroirt- schaft". Da man die engeren Beziehungen zwischen I. K. und Gewerkschaftsleitung kennt, wird Herr Heilmann nicht allein seine eigenen Herzensgeheim- nisse ausgeplaudert haben. Heilmann geht in seinem Artikel mit den pgrlamentarischen Systemen der anderen sogenannten demokratischen Länder streng ins Gericht und deckt deren Mängel und Gebrechen auf, vergißt aber darauf hinzuweisen, daß das na- turnotwendige Folgeerscheinungen der kapitalisti- schen Wirtschnsts- und Gesellschaftsordnung sind. Bor solcher parlamentarischen Versumpfung und Verlumpung will Heilmann das deutsche Volk be- wahren. Der positive Teil seines Artikels läuft auf eine Verherrlichung des preußisch-deutschen Verwaltungssystems und des Obrigkeitsstaates hinaus. Er spricht zwar viel von Sozialismus, in Wirklichkeit aber meint er einen Staatsparlamen- tarismus gemildert durch die Mitarbeit der Ee- werkschaftsfllhrer. Es scheint fast, als ob die lei- tenden Gewerkschaftsgrößen mit Heilmann fürchte- ten, ihren sogenannten Einfluß auf die nun einmal vorhandene deutsche Regierung zu verlieren, wenn sie allzu eifrig die Jagd nach dem parlamenta- tischen Glück an den Rockschößen Stampfers und Scheidemanns mitmachten. Ueber dieses Thema wird vielleicht noch mancherlei zu sagen sein. Wir haben nie ein Hehl daraus gemacht, daß wir das parlamentarische System nicht um seiner selbst willen erstreben. Erst kürzlich, beim letzten preußischen Wahlrechtsver- svrechen, haben wir daraus hingewiesen, daß freies Wahlrecht und Parlamentarisierung nur Etappen auf dem Wege zur Verwirklichung des Sozialismus seien und daß bei der Erkämpfung dieser Etappen der klare proletarische Charakter unserer demokra- tischen Bestrebungen gewahrt werden müsse. Unter Sozialismus aber verstehen wir die Aufhebung aller Ausbeutung, mag sie nun durch das Privat- eigentum an Produktionsmitteln oder durch einen zum Großunternehmer gewordenen Obrigkeitsstaat erfolgen. MocheitschlW. Vom 28. Auanst bis 4. September 1917. Kriegsereianisse: An der Westfront haben in der vergangenen Woche Kampfhandlungen großen Stils nicht stattgefunden. Die Artillerieschlacht geht aber mit wechselnder Stärke Tag und Nacht weiter, anch die Unternehmungen größerer und kleinerer Stoßtrupps und Patrouillen reißen nicht ab, besonders lebhaft waren sie bei Berbun und an der AtSne. Von einer Kampfpause im eigentlichen Sinne kann bei dieser überaus aktiven Form des Stellungskrieges nicht geredet werben. Nur Angriffe von Infanterie- masscn haben teils infolge der ungünstigen Witterung, teils infolge der großen Verluste, die Franzosen und Engländer bei ihren letzten Kraftanstrengungen er- litten haben, nicht stattgefunden. Die Gcsamtlage an der Westfront hat sich anch nach den letzten Großkampf- tagen nicht verändert.— Dagegen ist der nördliche Teil der Ostfront, an dem lange Zeit hindurch die Methoden des hinhaltenden Stellungskrieges vor- herrschten, in Bewegung gekommen. Deutsche Truppen haben südlich Riga den Dünaflnß überschritten und am 3. September die bedeutende Stadt Riga genommen und stehen zurzeit vor Dünaburg. Die Nüssen befin- den sich in dieser Gegend auf dem Rückzüge. Wie alle Rückzugsbewegungen dieses Weltkrieges, ist auch dieser Rückzug von Zerstörungen und Verwüstungen be- gleitet. Der strategische Grundsatz, dem nachfolgenden Gegner keine Verpflegungsmöglichkeiten und sonstige militärische Hilfsmittel zurückzulassen, hat an allen Fronten blühende Landstriche in Wüsteneien verwan- delt und der unschuldigen Zivilbevölkerung unermeß- bares Elend gebracht. In den anderen Abschnitten der Ostfront haben täglich kleinere Kämpfe stattge- funden, die im Südosten, wo russische und rumänische Truppen gegen die Armee Mackensen ankämpfen, be- sonders hartnäckig waren.— Auch an der m a z e d o- n i s ch e n F r o n t war die Kampfcstätigkeit in der ver- gangenen Woche lebhafter.— An der I s o n z o f r o n t haben die Italiener die ganze Woche hindurch ihre Kraftanstrengungen fortgesetzt. Aber auch die jetzt vierzehn Tage währende 11. große Jsonzoschlacht hat ihnen nur geringe örtliche Erfolge gebracht, ohne sie trotz der furchtbaren Opfer ihrem Ziele, Trieft, näher zu bringen.— Der verschärfte U-Boot-Krieg hat nach einer Meldung des deutschen Admiralstabes in der Zeit vom t. Febr�"' 1. Sc tember b."Tsonen Tonnen Frachtraum ans �..i Grund des Meeres be- fördert. Das bedeutet, daß mit Hunderten von Schiffen die Ladungen von vielen Tausenden langen Güterzüge mit Lebensmitteln und Waren aller Art vernichtet worden sind.— Auf englische Hafenstädte sind wieder Luftangriffe gemacht worden,' ebenso auf Calais und Dünkirchen. *»* Ausland: In Oesterreich hat infolge des Nationalitätenhaders ein parlamentarisches Ministe- rium nicht gebildet werden können. Daher ist in diesen Tagen das Beamtenministerium Steide! durch neue Männer ergänzt worden und wird bis auf weiteres das Negterungsschiff durch die ausgeregten Gewässer der inneren Politik Oesterreichs zu steuern haben.— Unter den Polen Oesterreichs, die in scharfer Oppo- sition zur Regierung stehen, ist es zu Zerwürfniffen gekommen. Die konservativen Elemente unter ihnen stehen offenbar auf dem Boden der Polenpolitik der Mittelmächte, während die demokratischen Elemente für die volle Selbständigkeit Russisch-Polcns und die Autonomie Galiziens eintreten. Die polnischen So- zialdemokraten Oesterreichs, deren Eintritt in den rein bürgerlichen Polenklub vor einiger Zeit Aufsehen erregte, sind unter Führung Dascinskys mit anderen bürgerlich-demokratischen Parteien aus dem in Krakau tagenden Nationalkomitee ausgetreten. In R u s s i s ch-P o l e n haben die inneren Wirren zum Rücktritt der provisorischen Landesregierung, des Staatsrates, geführt. Die innere Verwaltung des Landes wird jetzt von einer Kommission geleitet, die aber natürlich völlig unter dem Oberbefehl des beut- schen und österreichischen Militärgouverneurs steht. Ein Teil der polnischen Legionen ist an die Jsonzofrvnt ge- schickt worden, die Aushebung und Ausbildung polni- scher Truppen im Lande nimmt aber ihren Fortgang. Trotz der beruhigenden Erklärungen der deutschen und österreichischen Regierung, in denen an dem Ver- (• Parteigenossen!•} (' Werbt sür die Unabhängige £ Sozialdemokratische Partei (• Deutschlands!•; • sprechen, ein Königreich Polen zu schaffen, festgehalten wird, wird die Erregung des polnischen Volkes noch lange anhalten. In der Schweiz hat am 30. August ein großer, ohne Zwischenfall verlaufener D e m o n st r a t i o n s- st r e i k stattgefunden, durch den das arbeitende Volk gegen die Teuerung und andere Kriegsnötc protestiert. In Griechenland hetzt der derzeitige Diktator Venizeloö seine Staatsanwälte gegen die früheren Minister. In England bekämpft die Regierung die offen- bar immer weiter um sich greifende Friedensbewegung mit allen Mitteln. Sie konnte aber nicht verhindern, daß kürzlich dem Parlament eine Friede nspeti- tion mit 221617 Unterschriften eingereicht wurde. Neben der Bearbeitung der sozialpatriotischen Ar- beiterführer in bezug auf die Stockholmer Konferenz geht die Regierung auch mit Gewalt gegen die ent- schiedenen Friedensfreunde vor. So wurde kürzlich der Pazifist Morel inS Gefängnis gesteckt.— In England hat sich unter dem Namen„N eue National- Partei" eine neue bürgerliche Partei gebildet, die auö entschiedenen Schutzzöllnern und Kriegshetzern besteht und wohl die Aufgabe hat, demokratischen und freihändlerischcn Tendenzen, besonders nach dem Kriege, entgegenzuwirken. Der Regierung Lloyd Georges steht die neue Partei nicht gerade freundlich gegenüber.— Die falsche Nachricht vom Tode S i r EdwardGreys, des vielgenannten Ministers, der vor dem Kriege und zu dessen Beginn die auswärtige Politik Englands in Händen hatte, gab vielen deutschen Zeitungen Anlaß zu allerlei einseitigen und gehässigen Betrachtungen. Für viele deutsche Englandfresser ist Grey ja überhaupt der schwarze Mann, der den Welt- krieg heraufbeschworen hat. In Wirklichkeit war Grey einer von den vielen politischen Agenten des Jmpe- rialismus, der in allen kapitalistischen Großstaaten schließlich zu einer gewaltsamen Machtprobe drängte. Da sich herausstellte, daß nur ein Namensvetter Greys gestorben mar, bleibt den gutgesinnten deutschen Zei- tnngsschreibern die Hoffnung, noch einmal geistvolle Nekrologe über den bösen Grey schreiben zu können. In Frankreich wirbelt die Almereyda- Affäre immer mehr Staub auf. Die Frage, ob dieser Redakteur der oaiiftfttf(|y Zeitung„Bonnet rouge"(die rote Mütze) im Gefängnis durch Mord oder Selbstmord geendet hat, ist noch immer offen. Der Minister des Innern, Malvy, hat infolge der An- griffe, die von nationalistischer Seite gegen ihn ge- richtet werden, bereits seine Demission gegeben, wie überhaupt die Stellung des ganzen Ministeriums Ribot erschüttert erscheint. In I t a l i e n hat die innere Krise und vor allem die Ernährungsschwierigkeit zum Rücktritt von drei Ministern geführt. Der Minister des Innern Orlando, der Ackerbauminister Raineri und der Lcbensmitteldiktator Canepa haben ihr Amt nieder- legen müssen. Ueber ihre Nachfolger ist noch nichts bekannt. In Rußland ist in der vergangenen Woche der Moskauer N a t i o n a l k o n g r e ß zu Ende gegangen. Sein Ergebnis ist die scharfe Kampfansage der bürgerlichen Gegenrevolution gegen die Vertreter des revolutionären Sozialismus. Alle bürgerlichen Redner haben sich gegen die Arbeiter- und Soldaten- räte gewandt und die Regierung beschworen, sich von deren Einfluß unabhängig zu machen. Besonders zeichneten sich auf diesem Gebiete der bekannte impe- rialistische Ex-Minister Miljukow, der Dumapräsidcnt Rodzianko und der ehemalige Zarengttnstling, Admiral Alexejcw, aus. Am schneidigsten aber trat der der- zeUige Höchstkommandierende Kornilow auf, dessen Bestreben offenbar darauf hinausläuft, neben und über Kerenski eine diktatorische Säbclherrschaft zu etablieren. Und die kkriegslage Rußlands bringt es ja mit sich, daß das Bestreben, das bedrohte Vaterland zu retten, bis in die sozialistischen. Reihen hinein lebendig ist und den militärischen Gewalthabern Macht- Vollkommenheiten zuweist, die von diesem selbstbewuß- ten Säbelmenschcn gegen die Errungenschaften der Revolution ausgenutzt werden. Unter dem Borwande, die Ordnung und die Disziplin in der Armee wieder herzustellen, führen sie auch zugleich tödliche Streiche gegen die Revolution selbst. Die Wiedereinführung der Todesstrafe, der Kriegsgerichte usw. beweisen das nur zu deutlich. Die stärkste Stütze des Zarentums, die Kosacken, stehen auch einem Kornilow treu zur Seite. Deren Vertreter sprach auf dem Moskauer Nationalkongreß sehr energisch für Fortsetzung des Krieges und für„Manneszucht" im Heere und ver- langte, daß von den Soldaten alle Politik ferngehalten werbe. Daß daneben auch Redner auftraten, die sich gegen die maßlosen Forderungen der Arbeiter wandten, ist selbstverständlich. Gegen diese lauten, gegenrevolutionären Stimmen kamen die sozialistischen Redner kaum auf. Der Sozialpatriot Plechanoff wandte sich gegen den Gedanken eines Sonderfriedens, der berühmte alte Anarchist Kropatkiu feierte dieegrvße russische Bundesrepublik und Tschcidse entwarf ein Programm in bezug auf die Getreideversorgung, Steuern, Bodenfragc, Munitionslieferung und sprach sich, wenigstens nach dem offiziösen Tclegraphenbitro, für weitgehende Machtvollkommenheiten der Regie- rung aus. Der radikale Teil der russischen Sozial- demokratie, die Bolschcivicki, waren auf dem National- kvngreß überhaupt nicht vertreten. Ihr Versuch, die Moskauer Arbeiter zu einem Proteststreik gegen den Nationalkongreß zu veranlassen, scheint teilweise ge- lungen zu sein, wenigstens wurden allerlei Unruhen aus Moskau gemeldet, die aber durch ein starkes nach Moskau gebrachtes Militäraufgcbot unterbrückt wurden. Daß aber auch die gemäßigten Elemente des Sowjet der Moskauer Tagung sehr kritisch gegenüber- standen, beweist die schwache Majorität, mit der sich der Moskauer Sowjet gegen einen Demonstrattons- streik aussprach� 364 Stinimen waren dagegen und 364 dafür. � Inzwischen wird den einsichtigen Elementen der Sowjets zum Bewußtsein gekommen sein, daß die Mos- kauer Tagung der Auftakt zu schweren Kämpfen mit der Gegenrevolution war. Sie werden sich zu ent» schiedener Abwehr entschließen müssen, wenn sie die Errungenschaften der stlevolution nicht preisgeben wollen. Den Bolschewicki hat der Verlauf des National- kongresses nur neues Material geliefert und ihren Anhang unter den Arbeitern und Soldaten vermehrt, auch in den Sowjets ist ihre Position gestärkt. Tat- sächlich hat die Mehrheit in den Sowjets eine ent» schiedene Kampfstellung gegen die Regierung etnge- nommen. So wurde von den Sowjets die Abschaffung der Todesstrafe verlangt und Kerenski soll diese For- derung auch erfüllt haben. Nach neueren Meldungen scheint die Regierung den offenen Kampf mit den Sowjets dadurch vermeiden zu wollen, daß Kerenski ein M i n i st e r d i r e k t o r i u m bilden will, das auS Kerenski, T s ch e i b s e und Zeretelli bestehen und wahrscheinlich ein Gegengewicht gegen die Militär- diktatur Kornilows bilden soll. Ein solches, der ster- benden großen französischen Revolution nachgebildetes Experiment würde aber den EntschetdungSkampf zwischen der bürgerlichen Gegenreliolut�q jnM) Tojtnlfjitfdjen Mvolutton nur hinausschieben, aber nicht aus der Welt schaffen. Tie kriegerischen Gewal- ten der Ententeländer scheinen von diesem Plane Kerenskis nicht sehr erbaut zu sein, sie sympathisieren natürlich mit dem Traufgänger Kornilow. Im Anschluß an den Moskauer Nationalkvngrcß hat sich eine neue bürgerliche Partei gebildet, die sich „republikanisches Zentrum" nennt, die für eine energische Fortführung des Krieges an der Seite der Verbündeten und für die Schaffung einer starken Regierungsgewalt eintritt.— Ob der Verlust Rigas und die Niederlage der 12. russischen Armee der gegen- revolutionären Propaganda oder der sozialistischen Friedensagitation zugute kommen wird, bleibt abzu- ivarten. Der Kampf der provisorischen Negierung gegen die Selbständigkeitsbcstrebungen Finnlands nimmt immer schärfere Formen an. Die dort errichtete Militärdiktatur hat das Landtagsgcbäude mit Truppen besetzt und den Abgeordneten des gewaltsam aufge- lösten Landtags den Zutritt verwehrt. Diese haben darauf an einem anderen Orte getagt. Nach einem Erlaß der provisorischen Regierung können jetzt Frauen alle Staatsämtcr bekleiden, die bisher nur den Männern vorbehalten waren. Als Sllndenbock des zaristischen Systems sitzt jetzt der frühere K r I e g s m i n t st e r S u ch o m l i n o w auf der Anklagebank. Er wurde wegen seiner gewissen- losen und unehrlichen Amtsführung für die Nieder- lagen der russischen Armeen verantwortlich gemacht und sieht jetzt seiner Verurteilung entgegen. Die Ge- rjchtsverhandlung zeitigte sensationelle Enthüllungen über die verbrecherische Art, wie die russische Militär- Partei in den letzten Julltagen Ilttl beim Anzünden des Weltbrandes mitgewirkt hat. Das Dunkel, das über jenen verhängnisvollen Julitagen schwebt, ist da- durch wenigstens auf russischer Seite blitzartig erhellt worden. Suchomltnow und der Generalstabschef' Januschkewitsch haben mit dem Mobilmachungsbefehl ein frevelhaftes Spiel getrieben. Sic haben den Zaren, der in letzter Stunde nur eine Tcilmobilisternng an der österreichischen Grenze wollte, angelogen und auch den deutschen Militärattache getäuscht, well ihnen alö Militaristen daran lag, den Stein ins Rollen zu bringen. Die Aussagen, die Januschkcwitsch vor Ge- richt machte, zeigen, wie der Zündstoff, der von einer intriganten und unkontrollierten Geheimdiplomatie zusammengetragen war, schließlich durch die Machen- schaften kriegslüsterner Militärs zur Explosion ge- bracht wurde. Die Enthüllungen des Prozesses Suchomlinow bilden einen wichtigen, wenn auch nicht den einzigen Äeitrag zur Vorgeschichte der Welt- tragödie, aus der die Volker sehr viel für die Zukunft zu lernen haben. Ter Konflikt zwischen Argentinien und Deutschland wegen eines torpedierten Dampfers ist durch eine Verständigung beigelegt worden. Die F r t e b e n S n o t e dcS Papstes ist zuerst von den Bereinigten Staaten beantwortet worden. Wilsons Antwort bedeutet eine sehr wortreiche Ablehnung der päpstlichen FriedenSvor- schlüge. Nicht gegen das deutsche Volk richtet sich nach Wilsons Darstellung der Krieg, sondern gegen die „deutsche Autokratie" und gegen die Bestrebungen, ein die Westmächte ständig bedrohendes„Mitteleuropa" zu schaffen. Es sind also wieber die unglückseligen inner- politischen Zustände Deutschlands, die den Kriegstret- bern der Entente willkommenen Anlaß bieten, einer friedlichen Verständigung aus dem Wege zu gehen. Wir Sozialdemokraten wissen, daß die politischen und sozialen Zustände in den Entcnteländern und nicht zuletzt auch in Amerika alle? andere als Ideal sind, wir verzichten auch auf die kriegerische Mithilfe frem- der imperialistischer Regierungen beim Kampfe um unsere demokratischen Freiheiten. Dcrett Notwendig- keit spüren wir am eigenen Leibe und wir werden sie aus eigener Kraft erkämpfen müssen, wenn wir gesunde Zustände im Innern nnd einen dauernden Frieden nach außen haben wollen. Für daS warme Herz, das der poetische Geschäftsführer des amerika- Nischen Großkapitals für baß deutsche Volk zu haben vorgibt, danken wir. Wir sind dagegen überzeugt, daß die Wirkungen dcS Krieges auch die amerikanischen Sozialisten zwingen werden, im eigenen Lande mit aller Energie für eine ehrliche Demokratie und sozia- listische Forderungen einzutreten. Herr Wilson hat daS wahr gemacht, was wir als Schicksal der Papstnotc vorausgesagt haben: Er hat mit allerlei Spitzfindig- kciten und höflichen Redensarten um den Kern der päpstlichen Vorschläge herumgeredet. Die anderen Regierungen werben mit entsprechenden Variationen seinem Beispiele folgen. ».* Innere Politik: Die wunderbare, im Leitartikel der vorigen Nummer geteuuzetchnete parlamentarische Neuschöpsting hat inzwischen ihren Namen gewechselt. Sie heißt nicht mehr„freie Kommission", sondern „Sonderausschuß beim Reichskanzler". Die vierzehn Männlein dieses Ausschusses 17 Reiche- tagsabgeordnete und 7 BundcSratsmttgltcder) haben schon einigemale bei den Vorarbeiten für die Antwort auf die Friedensnvte des Papstes— mit zuhören dürfen. Ter Ha uptaus schuh des Reichstages hat sich in dieser Woche noch mit einigen Dingen be- schästigt, die auf dem Gebiete der auswärtigen Politik liegen und die zum größten Teil vertraulich behandelt wurden. Höchst sonderbar muteten die Mitteilungen an, daß das Problem Belgien, dieser Kardinal- punkt eines Verständigungsfriedens, vom Hauptaus- schuß überhaupt nicht besprochen wurde. Folgte man da einem Wunsche aus höheren Regionen und soll die belgische Frage auch aus den Erörterungen der Ge- samtsitzung des Reichstages ausgeschaltet werden? In bezug auf K u r l a n d und L i t t a u e n sprach sich der Hauptausschub für Selbstverwaltung aus. Ob es sich hierbei um Schaffung selbständiger Staaten unter deutschem militärischen Oberbefehl handelt, läßt sich aus dem dürftigen Verhandlungsbericht nicht erkennen. Am 29. August kam es dann im Hauptausschub zum so und sovieltcn Male zu einer großen Zensur- debatte, die zwar öffentlich war, von der wir aber im einzelnen leider nicht berichten können, obwohl Genosse D i t t m a n n die vielen Schmerzen unserer Partei ausführlich vorgetragen hat. Wenn Belage- rungszustand und Zensur durch Reden vernichtet wer- den könnten, so wären sie schon längst tot und be- graben. Aber es ist seit Jahr und Tag bei dieser Art Verhandlungen das alte Spiel: alle Parteien stöhnen über die Handhabung der Zensur, die RegierungSvcr- tretcr sprechen von einzelnen Mißgriffen und ver- sprechen Milderungen, in Wirklichkeit bleibt aber alles, wie es war, eher wurde es schlimmer als besser. So wirb es auch diesmal gehen. Wohl hielt Herr Heine wieder eine flammende Anklagerede gegen die poli- tische Zensur, wohl wurde eine gegen diese gerichtete Resolution des Jnliblockcs angenommen, wohl sagten die Regierungsvertretcr wohlwollende Prüfung zu, aber die Hoffnung des Herrn Erzbergcr, daß bis zum Zusammentritt des Reichstages Besserung eintreten werde, wird, wie wir aus eigener Erfahrung wissen, nicht in Erfüllung gehen. Das System bleibt das alte, daran wird auch der im Geruch des Liberalismus stehende neue Mann im Rcichsamt des Innern, Herr Wallrat, mit seinen unverbindlichen Versprechungen nichts ändern. Die Wurzel allen NebclS bleibt der Belagerungszustand, an dem alle bürgerlichen Parteien nicht zu rütteln wagen. Ein Antrag der Unabhängigen Sozialdemokratie auf Abschaffung de» Belagerungszustandes wurde abgelehnt. Für ihn stimmten neben unseren Vertretern nur die Regie- rnngssozialisten. Aber diese Herren müssen sich den Vorwurf der Unehrlichkeit schon gefallen lassen. Kein Mensch kann leugnen, daß der Belagerungszustand eineS der schlimmsten Hindernisse für eine durchgret- sende Demokratisierung der deutschen Politik ist. Dke Regicrungssozialisten aber behaupten, sie seien die eifrigsten Vorkämpfer dieser Demokratisierung, sie be- hanpten ferner, auch der Juliblock trete für diese Demo- kratisierung ein und sie hätten den stärksten Einfluß in diesem glorreichen Blocke. Warum haben sie da nicht ihre Vlockgenosscn veranlassen können, mit ihnen gegen den Belagerungszustand zu stimmen? In dieser polt- tisch überaus wichtigen Frage hätte sich eine Kraft- probe wohl gelohnt, und die Massen draußen hätten Verständnis dafür gehabt. Haben die RegierungS- fozialisten einen solchen Versuch überhaupt gemacht? Entweder sind sie zu schwach, ihre Blockgenossen zu einem energischen Borstoß gegen den BelagerungS- zustand vorwärtszutreiben, oder sie sind zu unehrlich, wirklich demokratische Taten zu vollbringen, weil sie befürchten, bei den regierenden Gewalten in Miß- krcdit zu geraten. Beides ist gleich blamabel für die Regicrungssozialisten. Wenn sie aber in Versamm- lungen usw. mit ihrer Abstimmung gegen den Be- lagcrungszustand renommieren wollen, dann haben wir den Arbeitern zu sagen, was von diesem Fechter- stoß in die Luft zu halten ist. Nach seinen aufregenden Verhandlungen ist dann der Hauptausschutz des Reichstage? wieder auf vier Wochen in die Ferien gegangen. Er wird erst am 27. September wieder zusammentreten. Die„Norddeutsche Allgemeine Z e t- tung" hat sich mit Kerenskiö Moskauer Rede, in der er von einem kürzlich erfolgten zweiten Sonder- friedensangebot der deutschen Regierung sprach, auseinandersetzt. Nach dem RegierungSblatte soll überhaupt kein Sonderfriedensangebot erfolgt sein. Diese Behauptung stimmt nicht ganz, denn in den ersten Wochen der russischen Revolution ist ein solches Angebot von deutscher Seite, wenn auch nicht durch die Zivilregieruug, gemacht worden. Der ehemalige Reichskanzler v. Bethmann- Hollweg hat sich in einer Unterredung mit einem Zcitungsmanne gegen die in unserer vorigen Nummer erwähnten Angaben des früheren amerikanischen Bot- schafters Gcrard über Bcthmanns belgische Pläne ge- wehrt. Herr v. Bethmann-Hollweg will über Belgien nur in allgemeinen Wendungen gesprochen haben. In der deutschen mehr oder weniger annexionslüsternen Presse sind aber Bethmanns Andeutungen sehr aus- giebig so interpretiert worden, wie es in Gerards Buche steht. In recht energischer Weise hat der bekannte Professor Delbrück in seinen„Preußischen Jahr- büchein" gegen Reichskanzler und Reichstag Stellung genommen. Er sagte u. a., daß die Machtlosigkeit des Reichstages daran schuld sei, daß dessen Friedens- resolution im Auslande nicht gewirkt habe. Neuerdings haben die K r i e g e r v e r e t n e gegen einen Verzichtfrieden mobil gemacht nnd wollen gegen einen solchen eine lebhafte Agitation in Versamm- lungen, Broschüren usw. entfalten. Die gesinnungs- tüchtigen Herren haben dabei nicht mit solchen Schmie- rigkeitcn zu rechnen wie die Verfechter eines Friedens ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen unter Wahrung des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Aus den Auseinandersetzungen, die sich zwischen dem Geheimrat Duisbcrg, einem Wortführer der Großindustrie, und Herrn Scheiöemann, dem Verteidiger des Generals Gröner, entsponnen bat, ging hervor, baß gewisse industrielle Kreise die Auf- Hebung des s 9 des Ztvildienstgesetzcs erstrebten. Dieser Paragraph unterbindet die Freizügigkeit der Arbeiter. Natürlich wollen die Großindustriellen die Beseitigung dieses Paragraphen nicht aus Wohlwollen für die Arbeiter, sie wollten' sich vielmehr dadurch auf Kosten der anderen Industrie» einen stärkeren Zu- ström leistungsfähiger Arbeitskräfte sichern. Der bekannte Agrarier Oldenburg-Janu- schau hat wieder einmal von sich reden gemacht. In einem offenen Briese hat er gegen die bisherige Er- nährnngSpolittk vom Leder gezogen. Er verlangt Ab- fchaffung der Höchstpreise und freie Hand für die Land- wirte bei Absetzung ihrer Produkte. Damit würde natürlich die konsumierende Bevölkerung aus dem Regen in die Traufe geraten. Der Preußenbund, eine lange Zeit verbor- gen wucherndes reaktionäres Gewächs, hat sich wieder an die Oeffcntlichkeit gewagt und in einem Aufruf die Gefahren einer Demokrattsierung Deutschlands allen echten Preußen ins Gewissen gerufen. Zur Frontreisc von MunitionSarbei- tern, von der wir in der vorigen Nummer berich- tctell, werden wir gebeten, darauf hinzuweisen, daß die Vertreter der freien Gewerkschaften in den Span- dauer technischen Institutionen es abgelehnt haben, sich an solchen Reisen zu beteiligen, weil die meisten selber an der Front waren und die Verhältnisse au» eigener Anschauung längst kennen, Aus der Zeit. Der Landhunger des Großkapitals. Wenn man eine große Tageszeitung zur Hand nimmt, findet man ganze Seiten von Angeboten landwirtschaftlicher Be- sitzungen. Rittergüter usw., aber eine Menge von Kaufgesuchen. Auf einer Seite der„Deutscheu Tages- zeitung" finden sich u. a. folgende Kaufgesuche: Ein Prinz sucht Waldrittergut im Preise biß zu 8l/s Millionen Mark. Ein Prinz sucht hochherrschaftliches Gut von 800 bis 1000 Morgen. Herren vom Abel, hohe Militärs, Industrielle, suchen Rittergüter bis 2 Millionen Mark. Eine Herrschaft wird gesucht bis 5 Millionen Mark zur Anlage eine Ftdeikommisses. Ein Rittergut von 1'/- bis 2 Millionen Mark. Ein Rittergut an der Ostsee, mit eigenem Strand, 1 bis 2 Millionen Mark. Rittergut in Sachsen oder Thüringen 800—1000 Morgen. Ein Jagdgut von 2500 Morgen. Ein Rittergut von 1500 bis 3000 Morgen. Herrschaftliches Rittergut bis 1 Million. Ein Gut zum Vervachten geeignet als Sommersitz für Großstadtfamilic. Ein Rittergut von 1000 bis 1500 Morgen. Eine Waldherrschaft zum Majorat. Ein Forstritteraut, L biß 2'/, Millionen Mark. Dazu noch eine Reihe Gesuche kleinerer Güter.denen man ansieht, daß es den Suchenben hauptsächlich um die Selbstversorgung geht. Außerdem finden sich eine ganze Menge Anzeigen, in denen gewerbsmäßige Ver- mittler Güter in allen Größen bei hoher Anzahlung oder voller Auszahlung des Kaufpreises suchen. Die Leute haben es dazu! An« de« Orsanilattene«. Friedrichshagen. Am Mittwoch, den 12. September, abends 8'/, Uhr, Mitalicderversamnilung in Lerches Bürgersälen, Frlcdrichstraße 112. Tagesordnung: 1. Vortrag beö Genossen O. Meyer. 2. Partei- und Kreisangelegeuheileo. 3. Bericht von der Frauenkon- ferenz. 4. Vereinsangelegenheiten und Verschiedenes. Ter reichhaltigen und wichtigen Tagesordnung wegen ist vollzähliges und pünktliches Erscheinen der Partei- Mitglieder erforderlich. � Der Vorstand. Friedrichshagen. Am 17. September, abends 8 Uhr, Lescabcnd, Tcharrnwebcrftratze 59. Stralau. Werte Genossinnenen und Genossen! Der gemeinsame Zahlabend findet auf Beschluß des letzten Zahlabcnds am 12. September, abends 8'/- Uhr, bei Steinicke, Alt-Stralau 5, statt. Daß der noch besonders ergehenden Einladung jeder Folge leistet, erwartet Die Bezirksleitung. Tempelhof. Am Mittwoch, den 12. September, fin- det ein gemeinsamer Zahlabend bei Hohmann, Bo- russiastr. 40, statt. Tagesordnung: Vortrag des Ge- nossen Müller. Wahl von vier Delegierten zur Kreis- Generalversammlung. Stellungnahme zur Beitrags- erhöhung.— Genossen, erscheint vollzählig. Der Borstand. Wcißensec. Am Mittrooch, den 12. September, abends 8'/- Uhr, findet im Lokal von Masche unsere Mitgliederversammlung statt. Zahlreichen Besuch er- wartet Die Bezirksleitung. Nereiits-Ueranftaltitngen. Freireligiöse Gemeinde Berlin. Sonntag, den 9. Sept., vorni. 9 Uhr, Pappcl-Allee 15/17: Neukölln, Jdealkasino, Weichselstr. 8; Oberschöneweid«, Wilhelminenhofstr. 43, bei Otro Kamp: Freireligiöse Vor- lesung.— Vorm. WV- Uhr, Kleine Frankfurterstr. 9: Vor- trag von Herrn Emil Eichhorn:„Der antireligiöse Geist in der modernen Literatur.' VHI. Vorreformatoritche Bewegungen. Gäste willkommen. Sonntag, den 16. und 23. September finden in der Festhalle des Berliner Stadthaus, Klosterstr., die Jugend- wtihen statt, verbunden mit Künstler-Konzert und Kinder- chor.(Vorm. 10 v« Uhr.) Festrede am 16. September: Herr l)r. Bruno Wille: am 23. September: Herr Ernst Däumig. Arbeiter-Samariterbund, Kolonne Groß-Berlin. Die Vorstände der Vereine und Klubs werden hier- durch erinnert, daß die Mitglieder der Kolonne zu jeder Veranstaltung zur Verfügung stehen, sobald bei den Unter- zeichneten eine schriftliche Aufforderung mindestens 3 Tage vorher eingegangen ist. Gustav Dietrich, Vors., Klopstockstr. 25. Sonntag, den 9. September 1917: Herbst- AuSflug von Friedrichshagen, Strandschloß Rübezahl nach Müggel- heim an der Krampe(Mittagspause). Nachmittags von 2 Uhr ab Treffpunkt für Nachzügler im Restaurant zur Krampenburg.— Morgens Treffpunkt: Vormittags 10 Uhr im Erholungsheim dicht am Bahnhof Friedrichshagen. (Frühstückspause.) Die Krampenburg ist zu erreichen von Grünau mit Dampfer oder mit Motorboot bis Schmetter- lingShorst, von da ab per Fuß am Wasser entlang. Die Mitglieder und Teilnehmer werden gebeten, mit Gäste stch recht rege daran zu beteiligen. Der Winter-Kursns beginnt am 24. September, abends 8»/, Uhr pünktlich, Köpenicker Str. 62.— Gäste haben einmaligen freien Zutritt. 2. Wahlkreis. Wir machen hierdurch nochmals auf das an diesem Sonntag(9. September) in Habels Brauerei-Garten unter Mitwirkung der Kreuz- berger Harmonie stattfindende zweite Sommer- fest des 2. Kreises aufmerksam. Der gute Ausfall des Juli-Sommerfestes hat eine Wiederholung notwendig gemacht.— Außer dem üblichen Kaffekochen ist für Kinderbelustigungen durch Spiele, Kasperle-Theater, Verlosungen usw. vorgesorgt, gutes Wetter ist bestellt. Pankow- Stitderschöntzansen. Am Sonnrag, den 16. September d. I., gemeinsamer Familien-Ansflug nach Waidmannslust. Treffpunkt mittags 1 Uhr für Nieder- schönhausen am Bahnhof Schönholz: für Pankow am Bahnhof Pankow-Nordbahn: für Nachzügler Restaurant „Freie Scholle'. Zahlreiche Beteiligung erwartet Der Borstand. Quittung. 2. Kreis« Zum Pressefonds: Auf Liste 161 30,10, 125 3,50, 131 12,10, 132 18,60, 133 1,80, 134 6,30, 225 24,30, 231 7,30, 233 19,30, 234 21,17, 235 19,85, 236 13,—, 237 32,35, 238 6,50, 239 5,25, 240 3,—, 241 14,—, 242 7,50, 243 10,95, 244 7,75, 245 4.—, 303 8,50, 321 3,50, 324 3,—, 325 l.—. 326 1,—, 330 7,20, 331 1,—, 332 1,—, 335 15,— 336 14,—, 341 29,-, 342 3,—, 343 2,—, 344 6,—, 345 7,— 347 4,25, 350 11,76 Mk. Summa 386,82 Mk. Kür den Pressefonds: 3 Mk. von Hugo Er., Feld- grauer. 5 Mk. von K. P., Landsturmmann 2. Kreis. 3 Mk. von 2 Jugendgenossen im Felde, P. S. und F. St. l0 Mk. von Manz, gewesener Armicrungssoldat. Kür die U. S« P. von Wurm durch Nehmsch 5 Mk. Auf Liste 6536, Zeppelin, Staaken, 16 Mk. ßerbfifeft des Sozialdemokratischen Wahlvereins für den VI. Berliner Neichstagswahlkreis am Sonntag, den 1k. September 1817, im Berliner Prater-Theater, Kastanien-Allee 7—9. Mitwirkende: Gesangverein»Lerche- Einigkeit" (M. d. A.-S.-B.) und die Prater-Theater-Hauskapelle. Für die Kinder: Fackcl-Polonaife. Eröffnung 3 Uhr. Anfang des Konzerts 4 Uhr. Grobes Kaffeekochen und Kaffee in Kannen. Eintritt 38 Pfennig. All Msm PHllbmeiltell! Unseren Postabonnenten zur Nachricht, daß der Bezugspreis des Mitteilungsblattes vom 1. Oktober ab i.« Mk. inklusive kestellgebüdr pro Bierteljahr beträgt. Wir machen darauf aufmerksam, das Abonnent lrüftxeitig zu erneuern, damit in der Zustellung keine Unterbrechung eintritt. Wo Postanstalten angeben, das Mit- teilungsblatt stände nicht in der Postzeitungs- liste und infolgedessen Bestellungen nicht entgegennehmen, bitten wir um umgehende Mitteilung. MMoil ifli) Verlag des Nittel ungsblatts. Nachruf! Am Mittwoch, dcn 29. August, starb nach kurzem, schweren Leiden unser treuer Kollege, der Lagerhalter Franz Gleinert im 66. Lebensjahre. Ehre seinem Andenken! Jentralverband der Handlungsgehilfen. Sektion der Lagerhalter. Bezirk Berlin. Montag, den 18. September 1817, abends 8 Uhr: 4 Mitglieder- Versammlungen für die Kommnnal-Wahlbezirke 8—12, 15—25 in folgenden Lokalen: Südost, Waldemarstraße 75. Eomenius-Feftfäle, Memelerstraße 6l. BoeKer, Weberstraße 17. Engelmann, Landsberger Allee 155. Tagesordnung: 1.»Die bevorstehende Gaspreis- erhöhung." 2. Diskussion. Die Stadtverordneten dieser Bezirke sind gebeten, in diesen Versammlungen zu erscheinen.— Regen Besuch dringend erbeten. Auch Ihr Frauen erscheint. Der Einbernfer: Paul Hoffmann, Gubenerstr. 5. Uachrnf. 4. Mahlkreis. Am 23. August verstarb nach langjähriger schwerer Krankheit unser ehemaliger Abteilungs- führer Fritz Rockmann. Kurz vor seinem Tode ereilte ihm noch die Mit- teilunst, daß sein ältester Sohn, der Ernährer der Familie/ auf dem Schlachtfelde gefallen ist. 6. Wahlkreis. Am 29. August verstarb unser langjähriges Mit- glied und Parteiveteran, der Lagerhalter Franz Gleinert Müllerstr. 163», 16. Abt., Bez. 750. Der Verstorbene war eine altbekannte Persönlich- keit im Kreise und seit Gründung des Wahlvereins un- unterbrochen in seiner eigenen stillen Weise tälig: wenn auch in den letzten Jahren weniger hervortretend, so doch allen älteren Genossen noch in Erinnerung, wo er als erster Kassterer des Kreises in den Jahren 1892— 95 seine beste Kraft für die Organisarion eingesetzt hat, und immer bestrebt war, für die Partei zu wirken. Die Einäscherung im Krematorium hat bereits am Dienstag stattgefunden. Am Sonntag, den 26. August, verstarb unsere Genossin Frau Anna Matthes Ackerstr. 137, 9. Abt., Bez. 627. Am Freitag, den 31. August, verstarb unser früherer Bezirksführer, der Tischler Richard Minterfeld Soldinerstr. 8, 18. Abt., Bez. 816. Wahlverein Uenkölln. Gestorben ist unser Mitglied Minna Mertitz Bodestr. 34, 15. Bezirk. Mit ihr schied eine tüchtige Genossin im Alter von 64 Jahren aus unseren Reihen. Am 27. August starb nach schwerem Leiden unser langjähriger Parteigenosse, der Tabakarbeiler Karl Freese Steinmetzstr. 109, 19. Bezirk an der Proletarierkrankheit. Kazialdem. Wahlverei« Uteder-Karnim. Bezirk Lichtenberg. Am 24. August 1917 starb unser Genosse, der Maschinenarbeiter Wilhelm Kendler Eitelstr. 86, 5. Viertel, 17. Abt., 74. Gruppe. Ehre ihrem Andenken! Freunden und Bekannten die traurige Mitteilung, daß am 18. August unser lieber Sohn Willy Graske im blühenden Alter von 20 Jahren ein Opfer des Weltkrieges geworden ist. Er starb kurz nach schwerer Verwundung. Wer ihn gekannt, weiß was wir verloren.— In tiefem Schmerz Wilhelm Graske und Frau. Walter Graske. zurzeit im Felde. Erwin Graske. Familie Tengler, Lichtenberg. Familie Rettig, Alvenslebenstraße. Familie Egel. Fürstenberg(Oder). Dm Wenden unserer nnf dm Knegs- WnM Wllenen Genüssen! Ä. Wahlkreis. Am 16. August fiel unser Genosse Gr« st Jude Jahnstr. 19. 128. Bezirk. 4. Wahlkreis. Am 28. Juli fiel im Alter von 35 Jahren der Zimmerer Otto Decker Voigtstr. 7/8, Bezirk 373. Am 6. August fiel in Flandern unser Genosse, der Dreher August Schröder Dolzigerstr. 31, Bezirk 368 II. Am 10. August verstarb an den Kriegsfolgen im Alter von 40 Jahren, der Maler Georg Kalliwoda Holzmarktstraße 5, Bezirk 257. 6. Wahlkreis. Am 9. August fiel durch einen Granatvolltreffer der 37 Jahre alte Arbeiter Kermann Fleischmann Bornholmerstr. 87, 8. Abt., Bez. 811. Am 2. August fiel der 37 jährige Arbeiter Richard Herzig Lüderigstr. 5, 22. Abt., Bez. 771. Am 24. Juli siel durch Gewehrschuß der 34 Jahre alte Lackierer Johann Matszullat Swinemünder Str. 76, 8. Abt, Bez. 602. Am 8. August fiel der 27 jährige Tischler Robert Krosse Eichendorfstr. 6, 11. Abt., Bez. 638. Infolge einer erhaltenen Verwundung verstarb im Feldlazarett an: 19. August der 23 Jahre alte Bäcker Fritz Planmann Swinemünder Str. 49, 8. Abt., Bez. 602. Wahlverei» Uenkölln. Infolge schwerer Verwundung verstarb im Lazarett unser Genosse Wilhelm Hering Weisestr. 12, 2l. Bezirk. Sozialdem. Wahlverei« Uieder-Karnim. Bezirk Lichtenberg. An: 14. August fiel durch Volltreffer, als Opfer des Weltkrieges, unser Genosse Gefreiter Paul Petri im Alter von 25 Jahren.— 69. Gruppe. Am 27. Juli fiel im Westen unser Genosse Wilhelm Fradrich Hubertusstr. 53, 5. Viertel, 19. Abt., 81. Gruppe. Am 17. August fiel durch Granatschuß unser Genosse Richard Krandt Emanuelstr. 14. Gruppe 64. Ehre ihrem Andenken! p? v«ra»twortlich« R«dakte»r: Carl Lei»; B-rlcgcr:«iolf Hoffmaun: beide Berlin 0.27, Tchicklerstr.- Druck: Maurer& Dimmick. Berltu so.19»öueutcker Straße 38-88. Seilage m Ur. 24 des„Mitteilungsblattes". Stockholm. Die Konferenz ist jetzt tatsächlich auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Sie konnte am 9. September nicht zusammentreten, obwohl die beiden Komitees, das russische und das skandinavisch-holländische, diesen Termin als den endgültigen bezeichnet hatten. Die äuhere Veranlassung für die nochmalige Verschiebung ist die Pahverweigerung durch die Ententeregierungen. Die letzte Ursache an der Verzögerung ist aber die klägliche und energielose Haltung der französischen Regicrungssozialisten und der englischen svzialpatrio- tischen Arbeiterparteiler, denen wiederum die national- einseitige Haltung der deutschen Negierungssozialisten Material für ihre Verschleppungstaktik geliefert hat. Der Bankerott des internationalen Regierungssozia- lismus tritt bei diesen fortwährenden Verschiebungen offen zutage. Die Schiffe des französischen, englischen, deutschen usw. Regierungssozialismus sind zu sehr aus dem Fahrwasser des entschieden proletarischen internationalen Sozialismus herausgesteuert worden, als daß sie nun wieder den gleichen Kurs finden könn- ten, und das um so weniger, als die Renaudel und Thomas, die Henderson und die Scheidemänner auch weiter den nationalen Kompaß benutzen wollen. Den treu zur proletarischen Internationale haltenden Par- teien und Richtungen aber machen in allen Ländern Belagerungszustand und Zensur eine Entfaltung ihrer Kräfte unendlich schwer. Auf der Zimmerwalder Konferenz können weder die Franzosen, noch die Eng- länder, noch die Italiener vertreten sein, da sie ja keine Päsie erhalten haben. Eine Rumpf-Koufercnz aber kann nicht die Fernwirkung haben, die zu einer einheitlichen Friedensaktion des internationalen Pro- letariats notwendig ist. Alles Hoffen, Sehnen und Drängen kann nicht mehr über die bittere Tatsache hinweghelfen: die Er- Wartung, daß die Stockholmer Konferenz dazu bei- tragen würde, den ausgebluteten, hungernden und leidenden Völkern einen vierten Kriegswinter zu er- sparen, zerflattert mehr und mehr. Ter neue Termin der großen Stockholmer Kon- serenz soll erst mitgeteilt werden, wenn die russische Abordnung, die an der Konferenz der Ententesozia- listen in London teilgenommen hat, nach Stockholm zurückgekehrt ist. Die Londoner Konferenz der Entente s o z i a l i st e n hat so gut wie gar kein greifbares Ergebnis gehabt. Die Verhandlungen waren nicht öffentlich, die Außenwelt hat über den Meinungsaus- tausch und über die Meinungsverschiedenheiten der einzelnen Parteien nichts erfahren. Rur das amtliche Reutcrbureau hat ein paar dürftige Meldungen über die Konferenz in die Welt gesandt, die die Unklarheit über die Konferenz nur vermehrten. Vor allem hat man gar nichts über die Haltung der französischen und englischen Minderheiten erfahren. Fest steht wohl nur, daß die Konferenz sich im allgemeinen grundsätzlich für eine Beteiligung an der Stockholmer Konferenz ausgesprochen hat. Wenigstens wurde ein Antrag des englischen Sozialimperialisten Hyndman, erst dann in eine Konferenz einzuwilligen, wenn die Deutschen alle von ihnen besetzten Gebiete geräumt hätten, gegen 4 Stimmen abgelehnt. Ein Bericht Macdonalds, der sich wahrscheinlich in entschieden friedensfreundlichcm Sinne für eine Teilnahme an der Stockholmer Kon- serenz ausgesprochen hat, fand keine Mehrheit. Die ergebnislose hat dann schließlich die Einberufung einer neuen Konferenz der Ententesozialisten beschlossen. Ungefähr zu gleicher Zeit hat in B l a k p o o l der parlamentarische Ausschutz der englischen Arbeiter- Partei getagt, der einen demnächst stattfindenden Kon- gretz der englischen Gewerkschaften vorzubereiten hat. Dieser Ausschuß hält nach der Meldung eines eng? lischen bürgerlichen Blattes die Abhaltung einer all- gemeinen Konferenz in Stockholm für aussichtslos, solange die Ententcsozialisten über Kriegsziele und Friedensvorschlüge nicht zu einer Einigung gekommen sind. Sei diese Voraussetzung erfüllt, könne eine internattonale Zusammenkunft der Sozialisten und Arbeiterparteien sehr nützlich und notwendig sein. Immerhin nahm der Ausschuß energisch Stellung gegen die Entcnteregierungen wegen der Paßverweige- rung. Es wurde darüber gemeldet: , Keine Regierung hat der Kommission zufolge das Recht, die Meinungsäußerungen der arbeitenden Klassen ihres Landes zu verhindern, und die Kom- Mission betrachtet das Verhalten der Regierung in dieser Angelegenheit als eine ungerechtfertigte Ein- Mischung. Die englischen Arbeiter haben so unsägliche Opfer gebracht, daß sie das Recht daraus haben, ihren Einfluß am Zustandekommen des Friedens geltend zu machen. Die Kommission schlägt vor, daß der Kongreß nachdrücklich gegen das Auftreten der Regierung, die die Ausfolgung der Pässe verweigerte, Einspruch er- heben und verlangen soll, daß im Falle, daß eine internationale Zusammenkunft auf der vorgeschriebe- neu Grundlage stattfinden sollte, den Abgesandten der verschiedenen Länder keine Hindernisse in den Weg gelegt werden dürfen." Die RegierungssozialistenderMittel- mächte haben am 29. und 39. August eine Zusam- menkunft in Wien gehabt. Die deutsche Partei wurde von Ebert und Scheidemann vertreten. Diese Konferenz hat ein langes Schreiben an das hvlländisch-skandinavische Komitee gerichtet, in dem über die fortwährende Verschiebung des Konferenz- termines geklagt und gewünscht wird, daß ein definj- tivcs Datum für die Konferenz festgesetzt werde, und zwar für einen möglichst nahen Termin, an dem un- vcrrückbar festzuhalten sei. Weiter werden die Eni- cntesozialisten auf ihre Pflicht verwiesen, den Wider- stand ihrer Regierungen zu brechen. Es heißt da: „Die sozialistische Internationale war nicht im- stände, den Krieg zu verhindern: das ist ihr Schicksal, nicht ihre Schuld. Und wenn Schuld besteht, ist es heute nicht an der Zeit, über ihr Ausmaß und den Anteil jedes einzelnen Landes an dieser Schuld zu rechten. Aber wie dem auch sein möge, es ist dop- pelt und hundertfach die Pflicht jedes Sozialisten und jeder sozialistischen Partei, alles zu tun, um dem Kriege ein Ende zu machen und mit Aufgebot aller Kraft und aller Selbstverleugnung den Frieden zu fördern, der dem Entsetzen ein Ende macht, daß die Völker bis an den Hals im Blute waten. Wir setzen voraus, daß diese Gesinnung unsere Genossen in allen Ländern beseelt und daß trotz alledem auch in jenen Ländern, die am schwersten für die Beteiligung an der Konfe- renz zu gewinnen waren, die Massen die gemeinsame Arbeit für den Frieden wolle» und daß ihre verant- wörtlichen Vertrauensmänner, sich ihrer höchsten'und dringendsten sozialistischen Pflicht bewußt, dieses Ziel über alle Bedenken siegen lassen werden." Sehr gut gesagt. Nur schade, daß die Negierungs- sozialisten der Mittelmächte es bisher tausendfach an der Erfüllung dieser Pflicht haben fehlen lassen, was der Gegenseite immer wieder Anlaß gab, auch ihrerseits auf die sozialistische Friedenspflicht zu pfeifen. Das gab dann den deutschen, österreichischen usw. Regie- rungssozialistcn wiederum Anlaß, noch tiefer in den Sumpf ihrer Durchhaltepvlitik hineinzupatfchen. Jetzt möchten sie gerne der Stimmung der Massen Rechnung tragen, aber ihre.Kriegssünden sind zu groß, um eine schnelle und gemeinsame Friedensarbeit zu ermög- lichen. Die russische» Gcwerkschafte« zur Stockholmer Konferenz. Die in der ersten Julihälfte stattgefundene all- russische Konferenz der Gewerkschaf- t e n schuf als leitende Instanz einen Zentralrat der Gewerkschaften Rußlands, der nun eifrig daran arbei- tet, die mit Macht einsetzende gewerkschaftliche Orga- nisationsarbeit auf festem Boden zu verankern. Der geschästsführende Ausschuß des Zentralrates hat sich -auch in einer Reihe von Sitzungen mit der Frage der Wiederherstellung der Arbeiter-Jnternationale und der Wiederaufnahme der Beziehungen zu den sozialistischen Parteien und Gewerkschaften der anderen Länder be- schäftigt. Es wurde der Wortlaut eines Aufrufs an die Arbeiter der ganzen Welt beschlossen, der demnächst veröffentlicht werden soll. Dann wurde zur Frage der Beteiligung an den bevorstehenden internatio- nalen sozialistischen Konferenzen folgender Beschluß angenommen: „Das Exekutivkomitee des Allrussischen Zentral- rats der Gewerkschaften beschließt, an der Internatio- nalen Sozialistischen Konferenz in Stockholm teilzn- nehmen, die auf die JnMative des Allrufsischen Kon- grefles der A.- und S.-Räte einberufen wird. Das Exekutivkomitee ermächtigt die entsandte Delegation, auch an den Arbeiten der dritten Zimmer- walder Konferenz teilzunehmen, unter der Bedingung, daß die dritte Zimmerwalder Konferenz sich vorher in bejahendem Sinne über die Teilnahme an der Stock- holmer Konferenz ausspricht. Die Delegation des Exekutivkomitees mutz bei allen Gelegenheiten, wo sie auftritt, in der entschieden- sten Weise für die Einheit der internationalen sozia- listischen und gewerkschaftlichen Bewegung eintreten und die Wiederherstellung einer einigen proletarischen Internationale fördern." Als Delegierte nach Stockholm wurden die Ge- nossen N. N j a s a n o f f(der bekannte Marxforschers und D. Ko lzow leiner der Führer der Menschewickis gewählt. Gleichzeitig wurde beschlossen, die Erhöhung der Vcrtreterzahl auf vier Delegierte anzustreben. *.* Eine internationale Frauenkonfe- renz sollte vom 16. bis 13. September im Anschluß an die große Konferenz stattfinden. Sie wird aber wohl auch auf unbestimmte Zeit vertagt werden müssen, bis die allgemeine Konferenz zustande gekommen ist. Das Programm der Frauenkonferenz soll sein: 1. Gehaltsbezüge und Arbeitsbedingungen der Frauen: 2. die wirtschaftliche Stellung der Frau als alleinstehende Familienversorgerin: 3. der Einfluß der Frauen auf die Vermeidung künftiger Kriege: 4. die ethischen Forderungen des öffentlichen Lebens.— Auskünfte und Meldungen bei dem Empfangskomitee: Stockholm, Sibyllegatan 39 Hl. ** * Die französischen Minderheitssozialiften wollen am 9. September einen allgemeinen Kongreß abhalten, auf dem zur Stockholmer Konferenz und zur Patzverweigerung Stellung genommen wer- den soll. «-» * Die sozialistische Partei Koreas hat an das Stockholmer Konferenzkomitee eine Depesche gerichtet, in der eine Regelung der koreanischen Frage durch Befreiung vom Joche Japans verlangt wird. Korea müsse durch ein internationales Uebereinkom- men geschützt werden, wenn es nicht Ursache für einen künftigen Krieg werden solle, wie der Balkan die Ursache zu dem gegenwärtigen Weltkriege gewesen sei. Die koreanischen Sozialisten— ihre Zahl wird freilich nur gering sein— wünschen, daß schon im Jahre 1917 Frieden geschlossen werden möge. *.* Eine Richtigstellung. In der vorigen Nummer des Mitteilungsblattes ist infolge eines technischen Versehens unter Stockholm ein ganzer Absatz nebst Ueberschrift weggeblieben. Dem letzten, durch Sterne abgetrennten Teile des vorigen Stockholmer Artikels muß vorangehen: Eine Erklärung der französischen Zimmerwalder. Für den Fall, daß die Zimmerwalder Konferenz die Teilnahme an der großen Stockholmer Konferenz beschließt, haben die französischen Zimmerwalder den Fragebogen des holländisch-skandtnavischen Komitees beantwortet. Wie wir der I. K. entnehmen, lautet ihre Antwort nach einer Mitteilung des„Avanti" folgendermaßen: ,D>er gegenwärtige Krieg usw. usw. Usch eine Kriegsbilanz. In Nr�lK des„Mitteilungsblattes" brachten wir nach einer Broschüre von Parvus eine Zusammen- stellung über Kosten und Verluste des Weltkrieges. Diese Aufstellung erscheint noch optimistisch gegen- über der Kriegsbilanz, die von der entschieden libera- len englischen Zeitung„M anchester Guardian" aufgestellt wurde. „Manchester Guardian" schätzt die Zahl der Toten auf ungefähr 9 7S0 0()v Mann und bemerkt: „Fügt man hinzu den unmittelbar durch den Krieg hervorgerufenen Geburtenrückgang, so kann man den Verlust an Menscheuleben infolge des Krieges auf 14 236 999 Seelen schätzen. Die Zahl der Verwundeten stellt sich wohl auf das 2V-fache der Gefallenen, also zirka 23'/- Milli- onen. Alle diese Menschen haben unendliche Schmer-' zen erduldet und nicht weniger als die Hälfte ist für militärischen Dienst, eine große Zahl sogar für bür- gerliche Arbeit dauernd ungeeignet. Nach einer sehr mäßigen Schätzung bettägt die Zahl der Kriegsgefangenen in den verschiede- nen Ländern 4 Millionen Mann. Hierzu kommen Mittwoch, den 12. Sept.: Zahlabend in Groß-Berlin. noch 250000 Zivilaefangene. Das sind also 4lh Millionen Menschen, die für kürzere oder längere Zeit in- folge des»rieges in fremden Händen in Gefangen- schaft geschmachtet haben. Aber man muß natürlich bei jeder Berechnung des menschlichen Leidens nicht nur die Verluste an Toten, Verwundeten und Gefan- genen in Betracht ziehen, sondern auch diejenigen, die dem bürgerlichen Leben entzogen sind und das schwere, aufreibende und gefährliche Soldatenleben führen müssen." Die Zahl aller Einberufenen schätzt das Blatt auf 49 750 000 Mann, wobei Rumänien nicht ein- gerechnet ist, ebensowenig Amerika. Der Krieg hat also mindestens 49> Millionen Männer aus ihrem gewohnten bürgerlichen Dasein geschlendert und ihr ganzes Leben erschüttert. Zu diesen Zahlen hinzufügen muß man die große Masse derjenigen Männer, Frauen und Kinder zu Hause, die außergewöhnlich arbeiten müssen, um die Armeen im Felde auf den Beinen zu erhalten, was in allen kriegführenden Ländern zu großen Unruhen in den Industrien führte. Bei obenstehenden Schätzungen ist auch nicht Rech- nung gehalten mit den durch Seuchen verursachten Verlusten. Die normalen Kriegsepidemien waren während dieses.Krieges weniger heftig, dafür ist aber eine andere Geißel um so schärfer aufgetreten: die venerischen Krankheiten. Und von diesen kann man mit Recht sagen, daß die Sünden der Bäter an den Kindern heimgesucht werden. Die Wirkung dieser Geißel wird nicht durch eines, sondern durch viele Geschlechter fühlbar sein.... Bei der Berechnung des sachlichen Verlustes wäh- rend der drei Kricgsjahre müssen wir drei Elemente berücksichtigen: 1. die direkten Kriegsausgabcn der Ne- gicrnngen, Gemeindeverwaltungen nnd Privaten, 2. den Verschleiß an Maschinen nnd Material und 3. die Vernichtung von Besitzungen durch militärische und maritime Operationen, dabei einbegriffen der Schaden der in den vom Kriege heimgesuchten Gebieten und durch die Schiffsversenkungen verursacht wurde. Ueber die erste Art der Ausgaben besitzen wir bestimmte An- gaben, bezüglich der Punkte 2 und 3 können wir nur schätzen und vermuten. Bis zum März dieses Jahres hatte die eng- tische Regierung 5 570 000 Pfund Sterling ll Pfund Sterling rund 20 Mk.» ausgegeben. Ziehen wir hiervon 000 Millionen Pfund ab für friedliche Zwecke, so ergibt sich, daß die direkten Kriegsausgabcn Englands ungefähr 5 000 000 000 Pfund betragen. Rech- nen wir hinzu die Ausgaben der indischen Regierung, der Dominions und der anderen Kolonien, die bcson- deren Ausgaben der Gemeinden und Privaten, so kommen wir zu einer Summe von mindestens Milliarden Pfund oder ungefähr einem Drittel des Gesamtbesitzes der englischen Inseln. Frankreich hat bis zum gleichen Zeitpunkt mehr als 3 Milliarden Pfund ausgegeben: das Deut- sch e R e ich mehr als 4 Milliarden Pfund, und rechnet man die Ausgaben der Bundesstaaten, der Gemeinden und die private Wohltätigkeit hinzu, so ist man wahr- schcinlich von 5 Milliarden Pfund Sterling nicht weit entfernt. Die Ausgaben O e st c r r c i ch- ll n g a r n s haben sicher nicht weniger als 2'/- Milliarden Pfund, die Rußlands 3'/- Milliarden und die Italiens 1 Milliarde Pfund betragen. Die Gesamtsumme der anderen kriegführenden Mächte beträgt ungefähr l Milliarde Pfund. Das ergibt zusammen 21 500 000 000 Pfund Sterling. Der gesamte Reichtum aller Krieg- führenden zusammen wird auf 100 Milliarden Pfund geschätzt, von dem die Regierungen bereits den fünften Teil„verpulvert" haben. Fügt man die eigentliche Vernichtung an Eigentum hinzu: Da sind vor allem öffentliche Werke, wie Eisenbahnen und Straßen, vernichtet. Das Eisenbahnnetz Rußlands befindet sich beispielsweise in einem Zustande des Verfalls, was wohl einem Scha- den von 200 000 000 Pfund gleichkommt. Dann dicJPer- Wüstungen ausgestreckter Gebiete. Wenn wir die Schä- den in Belgien, Frankreich, Rußland nnd Serbien mit 1000000 000 Pfund Sterling veranschlagen, ist das sicher nicht zu hoch gegriffen. Den Verlust an Schiffen durch Versenkung, Still- legung usw. schätzt der„Manchester Guardian" auf 9'/- Millionen Tonnen, ohne den Wert derselben, den Wert der Ladung und den Verlust an VersicherungS- Prämien einzusetzen, was alles in allem gleichfalls eine ungeheure Summe ausmachen dürfte, und kommt zum Schluß zu folgender Aufstellung: Zahl der im Militärdienst stehenden 49 500 000 Tote............. 9 750 000 Totalverlust der Bevölkerungen.. 14 250 000 Verwundete lhier kann leicht mancher doppelt gezählt sein)...... 23500000 Dauernde Invaliden...... 12 000 000 Gefangene.......... 4 250 000 Pfund Direkte Kriegsansgaben..... 21 500 000 000 Vernichtung und Verschleiß.... 1200000000 Zerstörte Tonnage....... 9500000 Aufgelegte Tonnage....... 3 500 000 Der„Manchester Guardian" kommt dann zu fol- gcnder Schlußfolgerung:„Tic Zahlen sind natürlich ■durchaus Mutmaßungen, in Besonderheiten zweifel- los ungenau, aber in der Hauptsache doch ivohl nicht fehlgegriffen. Die Ausgaben der Vereinigten Staaten sind nicht gerechnet, obschon das Land durch seinen Hin- zutritt zweifellos ebenfalls schwere Opfer an Gut und Leiden wird bringen müssen. Bei alledem muß noch ein Punkt im Auge behalten werden, nämlich, daß die Verluste an Menschenleben viel größer sind alS in den ersten drei Jahren des Krieges. Wie entsetzlich auch die Uebcrficht über das bisher Vergangene sein möge, das Schlimmste steht noch bevor..." Rülhtttgsftreiks nnd revolutionäre Syndikaliken. Wir lesen in ber„Leipziger Volkszcitung": „Unter diesem Titel bringt die Nr. 34 der Arbeit- g e b e r z e i t u n g eine Menge Nachdenkliches, auf das es unter dem Belagerungszustand und der Zensur nicht möglich ist, eine richtige Antwort zu geben. Wir wollen aber den Arbeitern, denen es nicht möglich ist, das Unternehmerorgan selbst zu lesen, doch einige Proben zum Lesen geben, sie müssen sich die notwen- digcn Anmerkungen dazu dann selbst machen. Der Artikel beginnt:„Es kriselt schon wieder in der Ziüstungsarbciterschaft. Diesmal soll ein Generalstreik den Frieden bringen. In Magdeburg haben Vorstand des sozialdemokratischen Vereins und Gewerkschafts- kartell in der Volksstimme bekanntgegeben, daß sie mit diesen Dingen nichts zu tun hätten. Ter stcllver- tretende kommandierende General des 4. Armeekorps bedroht die Verfolgung einer jeden, auch nur vorüber- gehenden Einstellung in der Rüstungsindustrie als Landesverrat." Zu diesen Tatsachen macht die Arbcitgeberzeitung einige ziemlich krause theorettschc Ausführungen über Massenpsychologie, und dann bescheinigt sie den Ab- hängigen, daß die Arbeitgcberzeitung mit ihrer Politik eigentlich ganz zufrieden wäre, wenn nur die Massen den„vernünfttgen Führern" auch Gefolgschaft hielten: „Aber die Folge hat doch bewiesen, daß selbst die Gewerkschaftsleitungen die Rüstnngsarbciterschaft nicht mehr oder noch nicht recht in Händen haben. D i e Vi c n s ch e n s i n d n v ch z u n n v e r n ii n f t i g: in i t dem einzelnen läßt sich reden, mit der G e s a m t h e i t a b e r n i ch t. S o w i e s i e e i n iv e n i g angekratzt wird, kommt die Masse z u m B o r s ch e i n" Die Arbeitgcberzeitung beklagt sich über das an- gebliche Entgegenkommen der Regierung: „Der große Irrtum unserer Regierung, indem sie den demokratischen Forderungen der Linken Schritt um Schritt nachläuft, besteht darin, daß sie— mit den vernünftigen Führern der Arbeiterbewegung— annimmt, die Arbeiterklasse sei geistig so weit vorge- schritten, um einzusehen, ihre Interessen seien unteil- bar mit dem Gesamtinteresse der Volkswirtschaft ver- blinden. Nun plötzlich zeigt die Arbeiterschaft sich wieder als Masse und steht unter dem treibenden Ein- fluß der materialistischen Klassenkampsideologie. Sic g l e i t e t d e n w o h l m e i n e n d c n F ü h r e r n a n s den Händen und wird iv i e d e r von den m a r x i st i st i s ch e n D o g m a t i k c r n mißleitet. Und diese sind obendrein noch tapfer genug, diese Tatsachen abzuleugnen. Angesichts der furchtbaren Bedeutung, die diese immer wieder wachwerdcnde Treibung zu Rttstungs- streiks für unser Vaterland hat, kann auf diesen inner- lichcn Zusammenhang gar nicht eindringlich genug hin- gcipixsen werden. Die Boraussetzung des Hisss- dienjigcsetzcS, daß die Arbeiterschaft persönltchkettSwerttg ihren Führern ihrem Gehirn, ihrer Vernunft folgen könne, beginnt sich als falsch zu er- weise n. An dem guten Willen einer Auslese der polittichcn Führer und besonders an dem der Leiter der Gewerkschaftsbewegung ist nicht zu zweifeln. Aber der gute Wille nützt nichts: auch mit dem guten Kern in der Arbeiterschaft ist nicht zu rechnen. Sic stecken in der Masse drin und müssen als ihre bcdaucrns- werten Opfer ihre Triebbewegungen notgedrungen mit- machen und werden sehr bald auch geistig von ihr assimiliert werden." Dumm aber stark, fordert die Arbcltgebcrzcitung die Regierung ans, mit der Militärgewalt einzugreifen. Den Unabhängigen erteilt sie kein Lob wie den Abhästgigen und den Gewerk- schaftsführcrn, sondern beschuldigt sie. in der Arbeiter- schaft die Masseninstinkte wieder entfesselt zu haben. Sie schreibt: „Jene Männer werden sich mehr und mehr als das entpuppen und mehr als das anerkannt werden, als was wir sie neulich schon kennzeichneten: als re- volutionärc Syndikalisten. Der revolutionäre Syndi- kalismus, der in Deutschland schon vor dem Kriege, genährt durch die im Klassciikampf- und Machtsinne in der Tat vorliegende gänzliche Erfolglosigkeit der„par- lamentarischen Aktion", als Gcneralstreikgcdaiiken um- hcrspukte, ist— in Frankreich erwachsen— durch den Krieg, durch die wirtschaftliche Not des Vaterlandes auch bei uns jetzt akut geworden. S c i n Z i e l> st die Beendig nng des Krieges durch den Generalstreik. Er steht auf dem Standpunkt jener massenpsychologischen Anschauung, die in der Masse nicht eine persönlichkeitwcrdende Kraft, sondern eine konstante Triebkraft sieht, die vom Geiste der Einzelpersönlichkeit ausgebeutet werden müsse. Sic wollte materialistische Geschichte machen—, ein Un- sinn, der sich selbst widerlegt, aber leider Methode hat. Man unterschätze die Gefahr nicht. Für eine ins lltollen gekommene Masse gibts kein Halten mehr. Sic läßt sich willenlos mißbrauchen: sie denkt nicht, sie reflek- tiert nur: sie handelt nicht, sondern treibt: sie hat keine Vernunft, sondern Instinkt: kennt keine innerlichen Hemmungen, sondern nur äußerliche Widerstände, vor denen sie sich staut, um eines Tages über sie hinweg- zuschwemmen. Tie ist rohe Gewalt und ist nur besieg- bar durch geistige Gewalt. Tie läßt sich nur auf zweierlei Weise beeinflussen: sie läßt sich von der Phrase lenken: nnd das stärkste Schlagwort, das sie peitschen kann, ist: Hunger! Unter ihm jagte man schon immer die Masse in die Revolte. Und die andere Weise ist: Strenge, rückhaltlose. durchgreifende Strenge. Diese Strenge soll zugleich Erziehung sein: soll durch Furcht wirken auf den Instinkt und durch Ehrfurcht auf diejenigen in der Masse, die sich ihr entgegenstellen möchten. Die Ver- fügung des Magdeburgischen stellvertr. Generalkom- mandos sichert all denen den Schutz der Gesetze und der össentlichen Gewalten zu. die es über sich bringen, sich dem Treiben der Masse und ihr entgegenzu- stemmen." Wir müssen es uns aus denen schon oben gekenn- zeichneten Umständen versagen, diese Gedankengänge zu kritisieren. Von Neuorientierung und Umlernen der Arbeitgeber vermögen wir darin nichts zu ent- decken. Daß„Strenge, rückhaltlose, durchgreisende Strenge" das Mittel ist, um das„Hungergeschrei" zu beseitigen, vermögen wir auch nicht einzusehen." Eine wohlverdiente Adschüttelnng. Die Volschewicki, der radikale Flügel der russischen Sozialdemokratie, müssen sich seit einiger Zeit die Gönnerschaft der deutschen Regierungssozialistcn ge- fallen lassen. Dieselben Leute, die in Deutschland der Unabhängigen Sozialdemokratie nicht genug Haß be- weisen können, und vor Verleumdungen und plumpen Denunziationen nicht zurückschrecken, können sich nicht genug über die schmachvolle und mit gleichen Mitteln arbeitende Verfolgungswut der Kerenski-Regierung gegen die Volschewicki entrüsten. Bor kurzem hat nun Herrn Konrad Hönischs„Glocke" als Beilage die Nr. 42 der von den Volschewicki herausgegebenen russischen Svlixitenzeitung„Soldatskaja Prawda" in deutscher Uebersctzung herausgebracht. Herr Konrad Hönisch hat dieser Beilage noch in der„Glocke" selbst eine schmalzige Besprechung gewidmet, in der er be- sonders den rein proletarischen Charakter der russischen Zeitung hervorhebt. Die Russen selbst aber sind über das Lob aus solchem Munde nicht sehr erbaut. Unter der Spitzmarke„H ä n d e w e g!" schreibt die Aus- lands-Prawda der Bolschcwicki: „Die„Glocke", eines der schamlosesten Organe der deutschen Sozialpatrioten, in dem sich die ertrcm- stcn Reformisten mit den Renegaten des linken Flügels, mit den Lensch, Cnnow und Hönisch, ein Stell- dichein gegeben haben, das Organ, dessen Charakte- ristik aus der Feder Lenins wir hier vor kurzem ge- geben haben, versendet an seine Leser die volle Ueber- sctzuug einer Nummer der Toldaten-Prawda, des Organs unserer Partei. Zu welchem,'Zwecke sie es tut, ist unS vollkommen nubekaunt. Wir haben nnr festzustellen, daß die Redaktion der„Glocke" unsere Partei niemals um die Erlaubnis der Uebersetzung ersucht hat. Hätte sie es getan, so würde unsere Partei selbstverständlich den Abdruck ihr nicht erlaubt haben. Mit dem Organ der Richtung, die für die deutsche« Soldaten die„F c l d p o st" hcranSgibt, ein Blatt, das ebensogut von den deutschen Kricgcrvcreinlcr» heraus- gegeben werden könnte, haben die Bolschcwicki selbst- verständlich nichts gemein." Wir gratulieren der Gesellschaft Parvus-Hänisch usw. zu dieser kalten Dusche. Die Gas- und KohlenetnfthränKnng. Immer neue Rationierungen werden uns beschert. 'Jetzt sind Gas- und Kohle an der Reihe: die Elektrizität folgt. Tie Verordnung über die Gaseinschrän- kung hat nach Rücksprache mit den Vertretern der Gemeinden ein anderes Gesicht erhalten. Die schon erlassenen Bestimmungen sind durch neue ersetzt wor- den, die mit dem 1. September in Kraft getreten sind. Danach ist eine allgemeine Gaseinschränkung von 10 Proz. gegen den Verbrauch im gleichen Zeiträume des Borjahres festgesetzt worden. Die neue Gasverordnung gilt für Berlin, Char- lottcnbnrg, Schöncberg, Wilmersdorf, Neukölln, Lich- tenberg nnd für die Kreise Teltow und Niederbarnim, soweit sie aus den Gaswerken dieser Städte, von der „Englischen" Gesellschaft, der Oberspree-G. m. b. H., der Aktiengesellschaft Grünau, der städtischen Gas- anstatt Cöpenick, den Gemeindc-Gaswerken in Herms- dorf, Tegel, Wittenau, Fricdrichsfelde. Britz. Nieder- schöncwcide, Fricdrichshagcn versorgt werden.§ 1 lautet: Von der Ablesung des Gasmessers im Monat Sep- teinbcr bis zur Ablesung des Gasmessers im Monat Oktober 1917 darf kein Verbraucher mehr als 90 Proz. seines Gasverbrauches im entsprechenden Zeitraum 1910 verbrauchen, mindestens jedoch 30 Kubikmeter. In der Folgezeit darf kein Verbraucher vierteljährlich mehr verbrauchen als 90 Proz. seines Verbrauches in dem entsprechenden Vierteljahr des Jahres 1910: der Verbrauch darf jedoch in dem Vierteljahr Januar bis April 105 Kubikmeter, April bis Juli 70 Kubik- mcter. Juli bis Oktober 70 Kubikmeter und Oktober 'bis Januar 120 Kubikmeter betragen. Maßgebend für den Beginn und das Ende des Vierteljahres ist die erste Ablesung des Gasmessers in jedem Bierteljahr. 8 2 handelt von öffentlichen Gebäuden, kricgswich- tigen Betrieben, Massenspeisungen, Lazaretten, Kran- kenhäusern usw. und fährt fort: Für diejenigen Abnehmer, die in dem entsprechenden Zeitraum des Jahres 1910 kein Gas bezogen haben, erfolgt die Festsetzung der höchstzulässigen Verbrauchs- menge durch den Kohlenverband Groß-Verlin. Ebenso ist zu verfahren, wenn ein Abnehmer Gas aus einer Einrichtung mit einem Gasmesser anderer Größe be- zieht, als in dem entsprechenden Zeitraum des JahreS 1910. Nach 8 3 dürfen Leuchtflammen und zur Speise- und Warmwasscrbcreitung bestimmte Einrichtungen nickst lediglich zur Raumhcizung brennen. 8 4 verbietet neue Hausanschlüsse. Neubohrungen. Neuaufstellung von Gasbadeöfen und Äaszimmeröfen und Ersatz e!nc§ Gasmessers durch einen größeren. Ausnahmen bedürfen der Zustimmung des Kohlenverbandes. 8 ö übertrögt die Ausführung der Verordnung dem Kohlenverband, dem die Gaswerksleiter Folge leisten müssen. Z 6 bedroht Zuwiderhandlungen gegen die Verordnung oder gegen gemäß ihr erlassene Borschrif- ten des 5kohlenverbandes mit Gefängnis bis zu einem Jahr und Gelbstrafe bis 10 MV Mk. Wer mehr verbraucht, muß für jedes zuviel ver- brauchte Kubikmeter Gas eine Strafe von SV Pf. zahlen. Im Wiederholungsfälle wird die Gassperre verhängt. Zur Durchführung dieser neuen Verord- nung ist eine neue Organisation, der Kohlenverband für Groß-Berlin, geschaffen worden. Für den Verbraucher wird es nicht leicht sein, die Verordnung zu beachten. Nicht jeder Gaskonsument kennt den Verbrauch des Vorjahres. Die Gaswerks- Verwaltungen werden den Gasverbrauchern eine Uebersicht über seinen Verbrauch im Vorjahre zustellen müssen und der Verbraucher wird sich die Mühe machen müssen, von Zeit zu Zeit nach seinem Gasmesser zu sehen, um gewiß zu sein, sein Quantum nicht zu über- schreiten. Die neuen Bestimmungen sind tiefeinschnci- dend, die Einschränkung der Kochgelegenheit durch Gas kann auf keine Weise wettgemacht werden durch Ver- wendung von Kohlen, da auch der Kohlenverbrauch eingeschränkt ist. Leute, die beispielsweise im letzten Jahre Knuden der Volksspeisung geworden sind und deshalb weniger Gas ober Kohlen zu Kochzwecken verwendet haben, können zum Selbstkochcn gar nicht mehr zurückkehren, da ihnen die Brennstoffe zum Kochen fehlen, sie müssen also der Volksspeisung treu bleiben, ob sie wollen oder nicht, denn das Kohlen- quantum ist sehr gering. Dieser Tage hat sich eine gemeinsame Sitzung der Vertreter der Freien, Christlichen und Hirsch-Duncker- schen Gewerkschaften und der Angestelltenverbände mit der H a u s b r a n dv e r so r g u n g beschäftigt und eine Entschließung angenommen, in der erklärt wird, daß die getroffenen Maßnahmen nicht ausreichen, um eine genügende Versorgung der Groß-Bcrliner Bevvlke- rung sicherzustellen. Als festen Maßstab der Kohlenzuteilung wird die Belieferung von einem Zimmer. und Küche mit mindestens 40 Zentner Kohlen und für jedes weitere Zimmer bis zur Hvchstzahl von 0 Zimmer mit je 10 Zentner bezeichnet. An die Reichskohlcn- stelle wird das energische und dringende Ersuchen ge- richtet, dem Kvmmunalvcrband„Kohlenstellc Groß- Berlin" das nach diesem Maßstabe zu berechnende Quantum an Hausbrand rechtzeitig zu verschaffen. Einige Mitglieder des Arbciterernährungsaus- schusscö, die an der Versammlung teilnahmen, sprachen offen aus, daß sie das ursprünglich gehabte Vertrauen in die versprochenen Maßnahmen der Reichsregierung auf dem Gebiete des Ernährungswescns verloren hätten, weil zwar Zusagen gegeben aber nicht erfüllt würden. Bezüglich der Kohlcnversorgung befürchten sie dasselbe, wenn der Einfluß des Unternehmertums im Bergbau gegenüber der Nelchskohlcnstellc nicht ge- brochen werde. Bleibe die vorstehende Entschließung an dieser Stelle nnbcachtet, so seien im Falle eines strengen Winters wie im Vorjahre die Folgen unbc- rechenbar. Für diese müßten die versammelten Ver- treter die Verantwortung ablehnen, die Reichskohlen- stelle möge gewarnt sein. Was nützen alle schonen Ratschläge an die Haus- frauen, Morgcnsuppen zu kochen, wenn die Möglich- keit zu kochen immer geringer wird. Das Gas wird nicht nur eingeschränkt, sondern es ist auch stark verschlechtert worden durch Znsatz von Wassergas. Der Konsument erhält schon lange schlechteres Gas. das weniger Heizkraft hat. Dadurch steigt der Verbrauch, was wiederum die Gasrechnung höher werden läßt. Damit aber nicht genug. Jetzt kommen die Ge- meinden auch noch mit einer Preiserhöhung des Gases. Der Berliner Magistrat hat der Stadtverord- neten-Versammlung eine Vorlage gemacht, wonach der Gaspreis von lg Pfennige auf 20 Pfennige pro Kubikmeter erhöht werden soll. Für eine Verwaltung sind die jetzigen Produktionsverhältnisse für die Preis- bestimmung entscheidend,- für die große Masse der Be- völkerung bedeutet diese Gaspreiserhöhung eine neue schwere Belastung. Diese wird auch nicht schmackhafter durch die Bestimmung, daß die Inhaber von Münz- gasmcssern oder die Verbraucher bis zu 36S Kubikmeter nur zwei Pfennig Erhöhung zahlen sollen. Die Automatenkundcn zahlen ohnehin schon einen höheren Gaspreis als die Inhaber von Gasmessern, ganz ab- gesehen von dem verschlechterten Gas. Wir halten es für selbstverständlich, daß die Ver- treter der erwerbstätigen Bevölkerung sich für eine Gaspreiserhöhung in jetziger Zeit nicht bereit finden. Es ist natürlich, daß eine Gaspreiserhöhung nicht auf Verlin beschränkt bleibt. Die Englische Gasgcsellschaft wird in gleicher Weise vorgehen und die Magistrate Charlottenburg, Neukölln und andere Gemeinden in Groß-Berlin folgen dem Berliner Beispiele. Noch ist die Gaspreiserhöhung nicht unter Dach und Fach, so winkt schon eine neue Erhöhung und zwar die des Wasserpreises. Die Gemeinden be- raten in ihren Deputationen über diese Frage. Char- lvttenburg hat eine Wasserpreiserhöhung schon offiziell angekündigt,' es wird also ernst. Wo soll das noch hin? Nur die Luft scheint von der Besteuerung noch frei! Aus tiefer Not schrei ich zn dir! In seiner Not um Abonnenten ist der„Vorwärts" auf die Idee gekommen, denjenigen mit Rat und Tat beizustehen, die nicht wissen, womit sie ihren Lieben im Felde eine Freude machen können. Der„Vorwärts" wirst die Frage auf: Wie mache ich meinen Angehö- rigen im Felde eine Freude? Und er beantwortet die Frage auch, indem er schreibt: „Vor dieser bangen Frage hat wohl schon manche brave Frau, manche sehnende Braut, manche sor- gcnde Mutter in letzter Zeit des öfteren gestanden. Im ersten Kriegsjahr, wo alles noch aus dem Bollen geschöpft werden konnte, ist bald ein Stückchen Wurst, bald ein Töpschen Schmalz zum Postschalter gebracht worden. Wer möchte die Zigarren, die Zigaretten und Tabakpäckchcn zählen, die hinaus gesandt wur- den nach Frankreich, nach Rußland und Serbien? Und welch freudiges Gesicht dort draußen, wenn die Post verteilt, dein Name aufgerufen wurde! Das kann nur der empfinden, der es miterlebt hat. Dann kamen die langen Stellungskämpse, die langen Schützengraben-Jahre, wo manche frei Stunde war, und— die Zeit der rationierten Lebensmittel. Jetzt stellte sich etwas ein, was so selten be- friedigt wurde, der Hunger nach geistiger Nahrung. Die Zeitung, die manchmal nur zum Ausfüllen einer leeren Ecke des Päckchens benutzt war, wurde von vorn bis hinten Zeile für Zeile verschlungen, wenn die Nachrichten auch Wochen zurücklagen. Man wollte doch mal wieder sehen, waS in der Heimat vorging. Und manch einer bat um regelmäßige Zusendung der Zeitung. Heute lesen Taufende ihre Zeitung, Zehn- taufende noch nicht. Wollt Ihr Frauen» Bräute, Mütter wissen, wo- mit Ihr Euren Lieben da draußen eine Freude be- reiten könnt? Müssen wir es noch sagen? Abonniert ihnen die Zeitung, die sie früher gelesen haben, den„Vorwärts. Taufende bekommen ihn heute schon, Zehntausendc warten darauf. Auch Dein An- gehöriger! Ihr habt es so bequem, geht zu Eurem Spedi- tcnr oder schreibt an die Expedition. Ihr braucht nur den nachstehenden Bestellschein auszufüllen, alles andere besorgt der Verlag. Der Abonnementspreis von 1,30 Mk. ist monatlich zu entrichten, die Versand- kosten trägt ebenfalls der Verlag, nm seinen frühe- ren Abonnenten auch im Felde die Möglichkeit zu geben, ihren„Vorwärts" zu lesen) Abonniert für Euren Feldgrauen den„Bor- wärts"! Ihr wißt nicht wie groß die Freude, die Ihr da- mit erweckt." Nun wissen cS die Frauen, Bräute Mütter, womit sie ihren Angehörigen im Felde eine Freude machen können. Tie sollen den„Vorwärts" schicken, diesen „Vorwärts", den sie früher gelesen haben. Wenn dieser Rat befolgt wird, werden diejenigen, die den früheren „Vorwärts" gelesen haben, sehr bald erkennen, daß dcr jetzige„Vorwärts" ein ganz anderer ist, als er früher gewesen. Der frühere„Vorwärts" war den Lesern lieb und wert. Diese Zeit ist vorbei,' der„Vorwärts" hat ein anderes Gewand angezogen, er unterscheidet sich wenig von der bürgerlichen Presse. Und es wird das Gegenteil eintreten, als die Absender des jetzigen „Vorwärts" sich träumen lassen. Nicht Freude, sondern Empörung wird die Zusendung dieses„Vorwärts" im Felde auslösen, wie wir das tagtäglich mündlich und schriftlich erfahren müssen. Nein, die Absicht, den Frauen, Bräuten, Müttern einen Rat zu geben, wie sie ihren Angehörigen im Felde eine Freude bereiten, ist im vorliegenden Falle nicht das Leitmotiv des„Vorwärts", sondern die Hoff- nnng auf die Zehntausendc neuer Abonnenten, die an- gcblich draußen auf den„Vorwärts" warten. Sehnlichst wartet man in der Lindenstraßc auf diese neuen Abonnenten, und zwar baldigst. Es ist ein Hilfeschrei dieser gute Ratschlag: Aus tiefer Not schrei ich zu dir! Der EinKochzttcker des Herr« Stadt- pfarrers. Die„Neue Donaupost" in Regensburg hatte An- fang August aus Eschcnbach in der Oberpfal, einen Artikel veröffentlicht, in dem die sonderbare Vertei- lungsart für Etnkochzucker im Bezirk Eschcnbach be- sprachen und der Vorwurf erhoben wurde, daß in die- fem Bezirk zuerst die Pfarrer, dann die Lehrer und endlich das gewöhnliche Volk mit Zucker versorgt wurden. Herr Stadtpfarrer und Landtagsabgeord- neter Steets in Auerbach habe sogar 8» Pfund erhalten, worüber die Erbitterung bei der Bevölkerung natür- lich groß sei. Herr Stadtpfarrer und Landtagsabgeordnetcr Skeets hat sich beinahe vier Wochen Zeit gelassen, bis er zu diesem Artikel Stellung nahm. In einer Er- klärung, die in der Nummer der„Nürnberger Volks- zeitung" vom 30. August veröffentlicht ist, läßt er„zur Steuer der Wahrheit" eine Erklärung los, die kaum geeignet sein dürfte, die In der Bevölkerung entstan- dene Erbitterung zu beschwichtigen, wenn er sich auch auf den„Burgfrieden" beruft, der die sozialdemokra- tische Presse nicht abhalte,„dnrch eine derartige grund- lose Verdächtigung eine wüste politische Hetze zu treiben." Herr Stadtpfarrer Steets stellt fest, daß er nicht 80 Pfund, sondern mir 40 Pfund Einkochzncker erhalten hat, und zwar hat ihm das Bezirksamt aus freien Stücken die Zu ck e r marken für 40 P f u n d z n g c s a n d t mit dem Ersuchen, auf jede weitere Zuweisung von Einkvchzucker durch den Stadtmagistrat zu verzichten. Letzteres sei auch von ihm geschehen. Herr Steets möchte denjenigen Sozial- demokraten kennen lernen, dem es unter solchen Um- ständen eingcfalle» wäre, die erhaltenen Zuckermarken wieder zurückzuschicken. In einem weiteren Aus- schreiben vom 18. August hat das Bezirksamt Eschen- bach dem Herrn Pfarrer bestätigt, daß er, wie die meisten Pfarrer des Bezirks Eschenbach, nur 40 Pfund Einkochzucker erhalten hat. Diese Darlegungen, so bemerkt die„Fränkische Tagespost", sind für die Bevölkerung, der tagtäglich von oben her das Durchhalten und die höchste Sparsamkeit und Enthaltsamkeit hinsichtlich des Verbrauchs von Lebensmitteln und Bedarfsartikeln aller Art gepredigt wird, sehr interessant. Die städtische Bevölkerung hat nur 3ft- Pfund Einkochzucker auf den Kops bekommen, Herr Steets hätte also mit seiner Köchin nur 7 Pfund beanspruchen können, erhalten hat er aber nach cige- nem Geständnis 40 Pfund, somit 33 Pfund mehr als der Städter, dem ohnedies alles schon so knapp als möglich zugemessen ist. Auf Grund welcher Erwä- gungen werden Pfarrer reichlicher bedacht alS z. B. Arbeiter, die im Dienste des Vaterlandes ihre Arbeits- kraft aufs äußerste anstrengen müssen? Durch eine derartige ungerechte Bevorzugung wird die Durch- Haltestimmung im Volke wahrhaftig nicht gestärkt. Herr SteetS stellt zum Schluß fest, daß nicht nur die Pfarrer des Bezirkes Eschcnbach, sondern auch viele höhere Beamte das gleiche Quantum und die Lehrer und mittleren Beamten annähernd das gleiche Quan- tum Einkochzucker erhalten haben. Er bestätigt damit, daß im Bezirk Eschenbach ein höchst eigentümliches Snstem der Einkochzucker-Berteilung gehandhabt wurde, daß zuerst die Pfarrer und höheren Beamten den Löwenanteil von dem zur Verfügung stehenden Zucker, dann die Lehrer und mittleren Beamten„an- nähernd dasselbe Quantum" erhalten haben und det verbleibende Rest auf die übrige Bevölkerung verteilt wurde. Der gewöhnliche Untertanenverstand wird nicht begreifen, warum Pfarrer, Beamte und Lehrer zum Durchhalten mehr Zucker brauchen als gewöhn- liche sterbliche Menschenkinder. Totenlifte. Der Tod hält unheimliche Ernte. Unsere im besöen Mannesalter stehenden Genossen werden durch den Krieg uns im wachsenden Maße entrissen, diejenigen, die unsere Arbeit fortsetzen sollen. Und daheim sinkt einer nach dem andern dahin, die ein Menschenolter hindurch ihr Alles der Partei gegeben. Dieser Tage kam die Nachricht, daß einer unserer älteren Genossen im 6. Kreise, unser Freund Franz Gleinert.tm Alter von 06 Jahren nach kurzer Krankhett ge- storben ist. Franz Gleinert. von Beruf Tischler, kam in jungen Jahren zur Partei. In gewerkschaftlicher und politi- scher Beziehung war Gleinert gleichermaßen tätig. Die schwere Zeit des Sozialistengesetzes sah unfern Freund in unseren Reihen, unermüdlich und zu allen Opfern bereit. Still und bescheiden, aber mit aller Zähigkeit und Ausdauer blieb Gleinert unserer Sache treu. Lange Jahre versah er die verschiedensten Vertrauens- Posten im 0. Kreise, lange Jahre war Gleinert Kassierer deS Wahlvereins. Immer aber hielt er darauf, unseren Grundsätzen treu zu bleiben. Und so gehörte Gleinert auch zu denen, die ihre Treue der alten sozialdemokratischen Partei, der nunmehrigen Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei, bewahrten. Vis zum letzten Atemzuge gehörte Gleinert zu uns, die wir unfern toten Freund in ehrendem Andenken behalten werden. Am Tage der Einäscherung ließ sich die Stadtvcr- vrdneten-Versammlung, welcher der Verstorbene lange Jahre hindurch angehört hatte, durch Deputierte ver- treten. Berufs- und Parteivertretung ehrten unseren Genossen durch Kranzspenden und Ansprachen. Aus der Bewegung. Unsere Bewegung in Sachsen geht erfreulicher- weise vorwärts. Wenn man das nicht schon wüßte, so könnte man diese Tatsache aus dem„Vorwärts" er- sehen, der in einer„Skandalpolitik der Unabhängigen" übcrschricbenen Notiz seine Wut über unsere Erfölge zum Ausdruck bringt. Dort wird berichtet, daß Herr Schöpflin in Crimmitschau, Werdau und Zwickau über „Frieden und Demokratie" gesprochen und daß ihm dabei Genosse Dittmann gehörig in die Suppe gespuckt habe. Natürlich wird der Bericht zu einem Erfolg SchöpflinS umzufälschcn versucht, was natürlich ist, wenn man erwägt, daß der Berichterstatter auch zu- gleich der Referent Schöpflin ist. Weil die„Leipziger Volkszeitung" das Abkommen der Zwickauer Regierungssozialisten mit sämtlichen bürgerlichen Gruppen und damit auch mit den Gelben für die Stabtverordnetenwahlen festgenagelt hatte, hat sie sich den Zoru des Zunckauer Sachsischen Volksblatt zugezogen, die eine Schimpfkanonade beliebt, in der geschrieben wird von„Unabhängigen Schmierfinken" „sächsisches Zentralorgan der U. S. P. D.",„ein poli tisch und moralisch mehr als niedriger Charakter" „erbärmlichste Hundsföttereien",„Heuchelei",„Stänker fritzen",„Schmierfinken",„traurige Gesellen". Mit einer derartigen Schreiberei wird die Zwickauerin nght weit kommen.— � Aus Thüringen. Das Bezirkssekretariat von Groß Thüringen der Bcgierungssozialisten veröffentlicht einiges über die Parteibewegung der alten Partei Aengstlich hat man vermieden, auch nur die geringsten Zahlen anzugeben. Das hat natürlich seinen guten Grund. Der Bericht zeigt deutlich, daß die Tätigkeit des Bezirkssekretärs, die man vor kurzem recht treffend als Brockensammlung bezeichnete, in Wirklichkeit �auch nichts anderes gewesen ist. Aber mehr noch als�'der Mitgliederverlust scheint der finanzielle Verlust zu schmerzen, denn es wird den Unabhängigen stark an gekreidet, daß sie ausgeschieden seien,„ohne ihren Pflichten dem Bezirkssekretariate gegenüber nachzu kommen". Merkwürdige Ansicht und Demokratie. Das Sekretariat verlangt Beiträge für eine Politik, die dem Willen der Mitglieder entgegenläuft. Das Sekretariat gehört einer Sonderorganisation an. Das wesent lichste aus dem Bericht lautet:„In Gotha ist durch einen sozialdemokratischen Verein, der zunächst für die Stadt Gotha in Frage kommt, die Verbindung mit dem Agitationsverbande wieder hergestellt worden."—„Im Wahlkreise Schwarzburg-Sondershausen ist durch Ein- berufung und dem Stank der Unabhängigen die Be- wegung so weit runter, daß der Aufbau schwer wird Jedoch sind auch schon Verbindungen mit dem Bezirks- vorstand angekündigt."— Dann kommt Eisenach Dermbach. Neben einigen Seitenhieben auf die„Hin- terlistigkeiten" ehemaliger Sozialdemokraten kommt der Bericht zu dem Schlüsse, daß, wenn alle ihre Pflicht tun, der Wahlkreis am Ende des Jahres„besser da stehen wird, als zur Zeit der Spaltung." Unerklärlich ist dann aber die Wut und der Haß gegen die Unab- hängigen,' das reimt sich nicht zusammen. Dann kommt Reuß j. Linie(Gera). Unter anderem lautet der Bericht:„Man kann mit Bestimmtheit behaupten, hätte der Abgeordnete Wurm nicht die Schwenkung zu den Unabhängigen vorgenommen, dann war die Zer reißung der Organisation in diesem Wahlkreis nicht möglich. So unangenehm es sein mag, gegen Genossen zu kämpfen, mit denen man ein Menschenalter zu- summen gearbeitet hat, so mußte auch in Reuß j. L. die Sammlung derjenigen vorgenommen werden, die keine Veranlassung haben, die sozialdemokratische Partei wegen dem„unabhängigen Wurm" zu verlassen. Die Ernüchterung wird schon kommen, wenn erst mal in Gera der Belagerungszustand vorbei ist und die Agi tation für die sozialdemokratische Partei einsetzen wird."— Das schreibt der Sekretär einer Partei, die bloß noch von Belagerungszustandes Gnaden existiert. Spotten ihrer selbst und wissen nicht wie. Es wäre doch der Vollständigkeit halber interessant gewesen, wenn gleich das Ergebnis der Sammlung der Anhänger der Regierungssozialisten mitgeteilt worden wäre. Was hier schamhaft verschwiegen wird, soll hier ergänzt wer- den. Kürzlich fand die große Versammlung der Ab- hängigen in Gera statt. Große Plakate kündeten der Einwohnerschaft davon. Und der„Abhängige Leber" aus Jena fand 12 getreue, zwölf, ein richtiges Dutzend, getreue Anhänger. Und da wurde der„alte" sozial- demokratische Verein„wieder hergestellt. „Der Austritt von R. j. L. hatte zur Folge, daß auch der Kreisvorstand von Reuß ältere Linie(Greiz) natürlich ganz ohne Grund, wie in Reuß j. L. auch, für den Uebertritt zu den Unabhängigen Propaganda machte. Jedoch auch hier sind die Genossen, die nicht unabhängig werden wollen, zusammeirgetreten, und der alte Verein von R. ä. L. ist wieder hergestellt." Wer wagt es zu zweifeln, wenn der Bezirksvorstand Leber das schreibt. Die Vereine sind mit den Finanzen und der Presse zu den Unabhängigen übergetreten, in Reuß ältere Linie erklärten selbst die wenigen, die gegen den Uebertritt waren, von der Gründung eines neuen Vereins absehen zu wollen, aber der Brockensammler der Regierungssozialisten schüttelt die Vereine nur so aus dem Aermel. Nun hat der erweiterte Bezirksvorstand in Wei- mar getagt. Es wurde beschlossen, daß da, wo die Un- abhängigen die Presse in Händen haben, ein anderes Organ geschaffen werden soll. Dann wurde auch ge- ivünscht, daß die Thüringer Partetpresse im allge- meinen prinzipiell schärfer und klarer schreiben müßte. Dasselbe wurde auch vom Vorwärts gewünscht. Zum Parteitag wurde klar ausgesprochen, daß der Kampf im Parlament von der Reichstagsfraktion bei ver- schiedenen Fragen hätte schärfer geführt werden müssen und daß es besser war, wenn die sozialdemokratischen Grundsätze mehr in den Vordergrund gestellt worden wären. Mitglieder sind nicht vorhanden, aber Geld der anderen möchte man schlucken. Abhängige— Beweggründe. Ter abhängige „Braunschweiger Volksfreund" polemisiert gegen den Genossen Henke also: Knies, Borchardt, Radeck, Pannekoek sind jetzt für Henke erledigt, da er unabhängiger Opportunist geworden und heilfroh ist, wenn er als Redakteur, pardon Sckmftleiter Und Sekretär des plattdeutschen Bezirks„Watcrkant" sein bißchen Leben fristen kann. Da braucht er keine Taten, nur immer Worte, nichts als Worte. Es ist ein mageres Pöstchen und wird es bleiben. Die Fleischtöpfe Aegyptens sind zerbrochen,' er hat sie in seinem Unverstand selbst zertöppert. Es gibt Lenke, die können ihre Beweggründe nicht verbergen. Und je kleinlicher sie sind, um so mehr suchen sie sie bei andern. Die„Reußische Tribüne", unser Geraer Partei- blatt konnte am 1. September auf ein Lös ähriges Bestehen als Tageszeitung zurückblicken. Möge es weiter tapfer und unerschrocken für unsere Sache wirken. Aus den Gewerkschaften. Die Textilarbeiter leiden auch mährend der Kriegszeit unter sehr schlechten Lohn- und Arbeits- Verhältnissen. Wir haben kürzlich eine Reihe solcher Klagen wiedergegeben. Diese Klagen richteten sich vor allem gegen die Anweisung, in der Textilindustrie Mindestlöhne nicht mehr zuzulassen, wie das unter der Leitung des Generals Gröncr vom Kriegsamt ge- schehen ist. Der Vorstand des Textilarbeiter-Verban- des hat deshalb gegen den Beschluß Beschwerde er- hoben. Der Textilarbeiter veröffentlicht den Wortlaut der Eingabe. Sie lautet: Berlin, den 1ö. August 1ll17. An das Kriegsamt z. H. des Herrn Generals Gröner, Exzellenz. Berlin. Der endesunterzeichnete Vorstand des Deutschen Textilarbeiterverbandes teilt Ew. Exzellenz hierdurch mit, daß in den Einigungsverhandlungen des sch lesischen Arbeitgeberverbandes der Textilindu strie und der Vertreter des Deutschen Textilarbeiter- Verbandes im Beisein des Herrn Landrates Graf v. Degenfeld und des Herrn Gewerbcrats Töpfer, welche am 8. August in Reichcnbach i. Schl. stattfand, von dem Vorsitzenden der Konferenz, Herrn Fabri kanten Fleischer, folgendes erklärt wurde: „Nach einer Mitteilung der Kriegsamtsstelle Breslau haben die gesamten Kriegsamtstellen Deutschlands vor kurzem eine Konferenz in Berlin gehabt und dort die Weisung erhalten, künftig gegen Fe st legung von Ntinde st löhnen Stellung zu nehmen,' Sie haben also von dort, ganz besonders soweit die Kriegsamtstelle Bres- lau in Betracht kommt, Unterstützung in Ihrem Streben nach solchen Mindestlöhnen nicht zu er- warten." Von anderer Seite wurde diese Mitteilung da- durch bestätigt, daß erklärt wurde, der Vorsitzende der Schlichtungsstelle zu Liegnitz habe in einer der letzten Sitzungen aus einem Erlaß des Generals Gröner den Satz verlesen: Mindest löhne dürfen nicht mehr fe st gelegt werden. Der unterzeichnete Vorstand eines Verbandes, dessen Mitglieder an der Festlegung von Mindest- löhnen außerordentlich interessiert sind und in dem die große Mehrzahl der deutschen Textilarbeiter ihre Ver- tretung erblickt, stellt hierdurch fest, daß irgendeine Mitteilung von feiten des Kriegsamts oder einer anderen Stelle über diese Maßnahmen ihm nicht zuge- gangen ist, daß er vor der Beschlußfassung jener Kon- erenz, wie auch vor der Versendung des erwähnten Erlasses an die Schlichtungsstellen von keiner Seite gehört wurde. Der unterzeichnete Vorstand erblickt in diesen Maßnahmen des Kriegsamtcs und seines Leiters eine schwere Beeinträchtigung und Schädigung des Strebeus der notleidenden deutschen Textilarbeiter und-arbeiterinnen nach angemessener Entlohnung zu- gunsten der Unternehmer, und er erhebt hiermit gegen diese Matznahmen den entsprechenden Protest. Das Streben der deutschen Textilarbeiter nach Mindestlöhnen ist herausgewachsen aus den Erfahrun- gen dreier schwerer Kriegsjahre. Troy glänzender Ge- Winne, welche der größte Teil der deutschen Textilindu- triellen auf Grund der hohen Preise der Militürver- valtung machen konnte, blieb der Lohn dauernd unter enem Minimum, welches allseitig als notwendig be trachtet wird, um Leib und Seele wenigstens einiger- maßen gesund zusammenzuhalten. Die drei Kriegs- ahre waren für die deutschen Textilarbeiter Hunger- ahre im wahrsten Sinne des Wortes. Unter gleich- zeitigem Hinweis aus die dem Kriegsamt schon gemach ten Mitteilungen und die in früheren Publikationen des Verbandes Jahrbücher usw.— gemachten Mitteilungen erlaubt sich der Unterzeichnete, einige wenige Auszüge aus den vielen Tausenden von Lohnnach- weisen, welche uns vorliegen, zu übersenden. Wir sind bereit, Lohntüten in großer Ätasse dem Kriegs- amt zur Verfügung zu stellen, aus welchen die karge Entlohnung der deutschen Textilarbeiter ersichtlich ist. Eine Zusammenstellung dieser uns noch vorliegenden Lohntüten tonnte wegen Mangels an Zeit und Kräf- ten nicht erfolgen. Trotz teilweise vorgenommener prozentualer Steigerung der Akkordlohnsätze spotten die Lohnein- kommen der Arbeiter dauernd jeder Beschreibung. Die mit jedem Monat zunehmende Verschlechterung des Rohmaterials macht prozentuale Steigerungen der Akkordlohnsätzc dauernd unwirksam. Dort, wo die Regierungen unter dem Drucke des Arbeiterelends genötigt waren, die Behauptungen der Arbeiter nach- zuprüfen, hat man die Klagen der Arbeiter bestätigt gefunden. So hat die sächsische Regierung feststellen können, daß infolge niedriger Akkordsätze Stunden- löhne von si, C) und 8 Pf. sich ergeben haben. Es dürfte Ew. Exzellenz leicht sein, die Wahrheit dieser Behauptung bei der sächsischen Regierung festzustellen. Das Kgl. Bayerische Staatsministerium hat unter we- icntlichcr Mithilfe des bayerischen Kriegsministeriums gleichfalls gefunden, daß nur eine Festlegung von Min- destlöhnen den Arbeitern einen einigermaßen aus- kömmlichcn Lohn zu sichern vermag. Es hat deshalb ür die gesamte Papicxvcrarbeitung Bayerns Min- destlöhne vorgeschrieben. Die Arbeiter erkennen das vom bayerischen Kriegsministerium im Gegensatz zu manchen anderen Stellen oftmals gezeigte Wohlwollen auch den Arbeitern gegenüber dankbar an. Die Behauptung der Unternehmer, daß die Fest- lcgung von Mindestlöhnen die Leistungsfähigkeit der Arbeiter beeinträchtige usw., erklären sich aus den der Festlegung von Mindesilöhnen entgegenstehenden Un- ternehmerinteressen. Wenn von anderer Seite gleiche Einwände erhoben werden, so erklären sie sich zum großen Teil aus mangelnder Kenntnis der diesbezüg- lichen industriellen Verhältnisse in der Industrie der Welt. Die Festlegung von Mindesilöhnen hat den glänzenden Aufstieg der englischen Baumwollindustrie nicht gehindert, wohl aber zur besseren Ernährung der englischen Textilarbeiter wesentlich beigetragen. Ebensowenig ist in der Spitzenindustrie der Schweiz die behauptete Minderleistung der Arbeiter nach Fest- legung von Mindestlöhnen eingetreten. Es dürfte Ew. Exzellenz auch nicht unbekannt sein, daß in Deutschland in zahlreichen Industrien Mindestlöhne festgelegt worden sind, teilweise unter Mitwirkung der Militärverwaltungen und der Kriegsämter, ohne daß die Leistungsfähigkeit der Arbeiter darunter gelitrew hätte. In der Regel ist das Gegenteil der Fall. In diesem Zusammenhang sei bemerkt, daß die Ansicht militärischer Stellen in Schlesien, bei diesen Minimal- löhnen handle es sich um Zukunftsaufgaben, die Kriegsämter aber hätten nur Gegenwartsfragen zu regeln, ganz falsch ist. Für die Textilarbeiter handelt es sich bei der Festlegung von Minimallöhnen um eine infolge des Krieges notwendig gewordene in den Kriegserfahrungen begründete Maßnahme, die unter Umständen nach Beseitigung des 5irieges wieder ver- schwinden kann. Die als skandalös zu bezeichnenden Lohnzustände in der Textilindustrie, ganz besonders in der schle- fischen Leinen- und Baumwollindustrie und in der Baumwollindustrie der sächsischen Oberlausitz, welche sich in dreijähriger Kricgszeit herausgebildet haben und nicht einmal den vollen Einkauf der rationierten Bedarfsgegenstände gestatten, sowie die Tatsache, daß alle bisherigen großen Bemühungen vieler behörd- licher Organe und der organisierten Arbeiter um Auf- besserung des Lohneinkommens ein befriedigendes Re- sultat nicht erzielt haben, müssen jeden Einsichtigen, der nicht einseitig zu den Unternehmern neigt, zur Er- kcnntnis kommen lassen, daß nur in der Festlegung eines bestimmten Mindestlohnes die Existcnzmöglich- teit für die Textilarbeiter gegeben ist. Es unterliegt schon heute keinem Zweifel, daß auch die neuerdings erfolgte Preiserhöhnng, welche die militärischen Stellen in der Leinenindnstrie den Unternehmern ge- währten, für viele Fabrikanten ein Mittel der Äc- reichcrung wird. Bis heute wird in Landcshut in Schlesien z. B. ein erhöhter Lohn noch immer nicht ge- zahlt(inzwischen hat dort aber eine Einigung in der Lohnfrage stattgefunden, d. R.), während in anderen Gegenden, z. B. in Fulda, schon seit vielen Wochen eine Lohnsteigerung eingetreten ist. Das den Arbeitern ungünstige Verhalten der Lau- deslmtcr Leinenindustriellen unter Führung des Ritt- mcisters Methncr bezüglich der Gewährung ange- messener Mindestlöhne dürfte nicht zuletzt auf das Ver- halten der militärischen Stellen Schlesiens zurückzu- führen sein. Das Verhalten jener Stellen wird von den Arbeitern seit langem äußerst unliebsam empfun- den, nnd das Vertrauen zu"denselben ist vollständig geschwunden. Unter Hinweis auf oben ausgesprochenen Protest erwartet der unterzeichnete Vorstand im Interesse der deutschen Textilarbciterschaft, daß bei Vergebung von Militäraufträgen künftig für Gewährung ausreichen- der Lohneinkommen der in Frage kommenden Arbei- ter, ganz besonders in Schlesien und in der sächsischen Obcrlausitz, endlich gesorgt wird. Er darf diese Er- Wartung um so mehr aussprechen, als durch das Hilfs- dienstgesetz dem Arbeiter die Möglichkeit, durch kollek- tives Handeln— Streiks usw.— Lohnaufbesserungen zu erzwingen, in hohem Maße beeinträchtigt worden ist. Es zeichnet Mit aller Hochachtung Der Vorstand des Deutschen Textilarbeiter-Verbandes. i. A.(gez.) H. Jäckel. Uenköllner Kriegslasten. Seit Kriegsbeginn wurden in Neukölln insgesamt 440l6I92 Mk. für laufende Unterstützungen und 241 1 394 Mk für Sonderunterstützungen verausgabt. Die Mietbeihilfen erforderten bisher 9 379 009 Mk.. während tür Zwecke der freiwilligen Kriegswohlfahrtsvstege 704 039 Mk. auf- gewendet wurden Zur Besoldung der während des Krieges neu eingestellten Hilfskräfte und zur Gewährung von Teuerungszulagen wurden bis jetzt 2 852 398 Mk. ver- braucht. Die Verzinsung der aufgenommenen Kriegs- darlehcn erforderte bisher rund 3 999 099 Mk. Die Ge- samtaufwendungen für Kriegsausgabcn haben nunmehr— am Schlüsse des dritten Kriegsjahres— die Höhe von 64915 U3 Mk. erreicht. Ein Rückblick aus die Ausgaben in den einzelnen Kriegsjahren läßt erkennen, in welchem Maße die Auf- Wendungen der Stadt mit der längeren Dauer des Krieges gewachsen sind. Schon im ersten Knegsjahre machte die Eigenart in der Vevölkerungszusammensetzung Neuköllns, deren Einwohnerschaft zu 89 Proz. ans jungen und jung verheirateten Arbeitern besteht, ungleich höhere Auswen- düngen für Kriegsunterstützungen usw. notwendig, als in anderen gleich großen Gemeinden. Die gesamten Kriegs- ausgaben Neuköllns betrugen im k- Kriegsjahr rund 1 1 Millionen Mark, wovon 7 599 999 Mk. auf laufende Unterstützungen und 1>/- Millionen Mark auf Mietbeihilfen entfallen. Im 2. Kriegsjahr wuchsen die Gesamtausgaben um 24 Aiillionen Mark, die laufenden Unterstützungen um 16 199 999 Mk. und die Mietbeihilfen um 3 999 099 Mk., so daß die Gesamtausgaben seit Kriegsbeginn am Schlüsse des 2. Kriegsjahres 35 999 999 Mk. ausmachten. Im Lause des 3. Kriegsjahres trat dann eine weitere außerordentliche Steigerung der Ausgaben ein. Die laufenden Unter- slützungen erforderten ini abgelaufenen Jahre 294l6l92 Mk., die Mietbeihilfen 4 279 900 Mk. Die gesamten Kriegs- ausgaben Neuköllns stellten sich im 3. Krietzsjahre auf rund 39 Millionen Mark. Eine ganz erhebliche Steige- rung haben insbesondere die Aufwendungen für die Massen- speisung erfahren, die von 82 000 Mk. am Schlüsse des 2. Kriegsjahres auf 486 333 Mk. am Ende des 3. Kriegs- jahres gestiegen sind. Bedeutend gewachsen sind auch die Ausgaben für Bezahlung von Hilfskräften und für Teue- rungszulagen. Bis zum Schluß des 2. Kriegsjahres be- trugen die Ausgaben hierfür rund 1 500 000 Mr., jetzt fast g 000 000 Mk. Verantw. Redakteur: C. Leid,' Verleger A. Hoffmann,' beide Verlin O. 27, Schicklerstraße 5. Druck: Maurer � Dimmick, Berlin, Köpenicker Str. 26-36.