A mitteilungS'Bla des Verbandes der soziawemokrattschen Wahlvereine Berlins und Umgegend. Zu beziehen durch die VezirKsführer die Nummer zu 10 Pf. oder durch die Post.— Redaktion u. Verlag: 0.27, Schicklerftr. 5. Fernruf: Alexander, 3007. Nr. 29. Berlin, den 14. Oktober 1917. L 12. Jahrgang. Jenseits der Linie Die große Regiernngokrife. Vom 6. bis 9. Oktober stand die deutsche Politik »ieder einmal im Zeichen einer großen Krise. Eine Zeitlang schien es, als ob sich die Ereignisse der ersten Julitage dieses Jahres wiederholen würden, als ob die Stellung des Reichskanzlers Dr. Michaelis, vor allem aber die seines Stell- Vertreters, des Herrn Helfferich, ernstlich erschüttert sei. Aber da zitierte Herr Dr. Michaelis— man hat ihn nicht umsonst als Hüter altpreußischer Beamtentraditionen gerühmt— den Geist des seligen Puttkamer aus sozialistengesetzlicher Zeit, lenkte den kuror der Herrn Parlamentarier und aller braven Staatsbürger auf die Unabhängige Sozialdemokratie und gab der Reichstagsmehrheit willkommenen Anlaß, von der Attacke auf die Regierung Abstand zu nehmen. Die Unabhängige Sozialdemokratie wurde durch den obersten Reichs- beamten politisch in Acht und Bann getan' sie hat sich damit abzufinden, daß die Regierung des Herrn Dr. Michaelis ihr gegenüber dieselben Methoden anwenden will, die Bismarck von 1878 bis 1899 gegen die alte Sozialdemokratie anwendete. Schließlich ist damals aber nicht die Sozialdemo- kratie, sondern der eiserne Kanzler selbst auf der Strecke geblieben. Skizzieren wir kurz die Ereignisse der vier histo- risch denkwürdigen Tage: Am Sonnabend, den 6. Oktober, stand die Interpellation der Regie- rungssozialisten über Begünstigung der alldeut- schen Propaganda durch die Regierung und über amtliche Beeinflusiung zugunsten der„Vaterlands- partei" auf« der Tagesordnung des Reichstages. Der Abgeordnete Landsberg begründete die Jnter- pellation in einer nicht ungeschickten Rede, die aber den großen Fehler hatte, daß sie allen Nachdruck auf Aeußerlichkeiten und Begleiterscheinungen legte, ohne die Axt an die Wurzel des Uebels, das System selbst zu legen. Wir bedauern, zurzeit nicht im einzelnen das Wesen dieses Systems schildern zu können. Einem geschulten Sozialisten sollte man von vornherein die Kenntnis desselben zu- trauen. Aber unsere Regierungssozialisten sind über drei Jahre dagegen blind gewesen. Sie haben selbst redlich dazu beigetragen, daß die Dinge, gegen die Herr Landsberg zu Felde zog, soweit gediehen sind. Sie hätten wissen müssen, daß die amtliche„Aufklärungsarbeit" genau so ein Teil der strategischen Grundgesetze ist, wie die Technik der Truppenaufmärsche, der taktischen und strategischen Offensive und Defensive usw. Hat doch der bekannte General o. Blume in seinem grundlegenden Werke über Strategie den Grund- satz aufgestellt:„Um Großes zu erreichen, muß man den Geist im Heere und im Lande heben und den Verkehr zwischen beiden fördern, damit er hier wie dort befruchtend wirkt". Nach diesem Grundsatz haben die leitenden militärischen Kreise verfahren, und es gehört die ganze Blindheit der regierungs- sozialistischen„Realpolitiker" dazu, wenn sie er- wartet haben, daß die amtliche Aufklärungsarbeit im Sinne der Friedensresolution des Juliblockes oder gar im sozialistischen Sinne erfolgen werbe. Es war daher kein Wunder, daß der Kriegs- minister Herr v. Stein Herrn Landsberg eine recht barsche Antwort gab und damit das Selbstgefühl des Herrn Reichstagsabgeordneten erheblich kränkte. Der Vicekanzler, Herr Helfferich, versuchte dem mit empörten Zwischenrufen bedachten Kriegs- minister beizuspringen. Aber er machte das in einer so hochfahrenden und herausfordernden Art, daß sich der ganze Zorn des Hauses gegen ihn wendete. Und da seine Vicekanzlerwürde noch nicht die volle Saktion des Reichstages hatte, viel- mehr erst in zwei Lesungen angenommen war,— es handelte sich um einen Nachtragsetat, der die Neuordnung im Reichsamt des Innern und damit auch die Vicekanzlerfrage regeln sollte— beschloß die Reichstagsmehrheit, Herrn Helfferich die Zähne zu zeigen. Die Fortsetzung der Jnterpellations- debatte wurde nicht auf Montag, sondern aufDiens- tag vertagt, der Hauptausschuß wollte sich aber am Montag Herrn Helfferich verknöpfen, und es hatte den Anschein, als ob dieses Herrn Pice- kanzlerschaft bei der dritten Lesung des Nachtrags- etats unter die Räder kommen werde. Eine interessante Mitteilung machte in der Sonnabenddebatte noch der konservative Redner, Herr v. Eraefe. Man erfuhr durch ihn, daß die Heeresleitung auch die vielgenannte'Stockholmer Broschüre des Herrn Dr. Eduard David, betitelt: „Wer trügt die Schuld am Kriege", zu amtlichen Propagandazwecken an der Front hat verteilen lassen. Wir haben schon zur Genüge das Auf- treten Dr. Davids als freiwilligen Regierungs- kommissar in Stockholm gekennzeichnet, so daß sich unsere Leser über eine solche amtliche Begünstigung einer regierungssozialistischen Schrift nicht weiter wundern werden. Den Arbeitern muß aber gesagt werden, daß der„Vorwärts" seinen Lesern den betreffenden Passus aus der Rede Eraefes vvr- enthalten hat. Der aus dem Leim gegangene Iulidlock Zwischen Sonnabend und Montag mag man- cherlei hinter den Kulisien vorgegangen sein. Herr Dr. Michaelis machte inzwischen auch eine kurze Reise ins Große Hauptquartier. Der Montag brachte eine große Ueberraschung: Herrn Helffe- richs Mcekanzler-Eehalt wurde bewilligt! Dabei hat sich aber der berühmte Juliblock als das bröckelige Gebilde erwiesen, als das wir es schon immer bezeichnet haben. Fortschrittler und Zen- trum bekamen Angst vor der eigenen Kurage, denn weite Kreise ihrer Anhängerschaft neigen mehr zur „Vaterlandspartei" als zur„Hungerfriedensmehr- heit", wie» sie der Annexionsprophet Reventlow in seiner geistvollen Art getauft hat, daneben werden die Parteiführer auch noch von Regierungsherren bearbeitet worden sein, kurz— die Regierungs- sojialisten mußten mit Schmerzen konstatieren, daß ihre Blockkameraden die Fahne der Opposition in den Staub sinken ließen. Wollten sie sich nicht um den letzten Rest von Kredit bei den Arbeitern bringen, durften sie diese Retirade ihrer Block- freunde nicht mitmachen. Sie stimmten daher mit der Unabhängigen Sozialdemokratie gegen den Nachtragsetar. Die Arbeiter dürfen aber nicht meinen, daß damit die Zeit regierungssozialistischer Blockpolitik vorüber ist. Der„Vorwärts" schreibt: „Die Sozialdemokraten haben, indem sie sich in dieser wichtigen Frage von der Mehr- heit trennten, von zwei Uebeln das kleinere ge- wählt". An anderen Fragen will man also wieder" mit den lieben Blockbrüdern zusam- mengehen. Wie es ja für die Geistesverfassung unserer Rcgierungssozialisten überaus charak- teristisch ist, daß sie es für ein„Uebel" ansehen, wenn sie einmal nach langem Hängen und Würgen wirklich sozialdemokratische Politik machen. Herr Dr. Michaelis hat in der Montagsitzung etwas weniger schroff für die Berechtigung der amtlichen„Aufklärungsarbeit" gesprochen als der Kriegsminister und Herr Helfferich. Der„Vor- wärts", der noch am Grabe die Hoffnung auf- pflanzt, sagt dazu:„Man kann aus seinem Ver- halten schließen, daß die behördliche und militä- rische Agitation gegen die Politik des Reichstages Berlin, den 9. Oktober 1917. stark eingedämmt werden wird". Die Herren in der Lindenstraße 3 werden aber noch Wunder erleben. Die Zlnabhangige Sozialdemokratie— der gemeinsame Feind. Am Dienstag, den 9. Oktober haben sich dann Regierung, Vaterlandsparteiler und Mehrheits- Parteien in einer gemeinsamen Kampffront zusam- mengefunden. Das Ziel der allgemeinen Ent-"' rüstung ist jetzt die Unabhängige Sozialdemokratie. Alles läßt darauf schließen, daß die ganze Attacke einem wohl vorbereiteten Feldzugsplan des Herrn Dr. Michaelis entsprang. Die Jnterpellations- debatte wurde fortgesetzt. Als erster Redner sprach Genosse Dittmann. Er ging dem amtlichen Aufklärungssystem mit grundsätzlichen Argumen- ten energisch zu Leibe. Er wies daraus hin, daß neben der amtlichen Propaganda die Unterbin- dung aller politischen Lebensäußerungen der Un- abhängigen Sozialdemokratie einhergeht. Dabei erwähnte er, daß bei der Marine über 299 Jahre Zuchthaus und sogar mehrere Todesurteile ver- hängt worden sind. Nach Dittmann nahm der Reichskanzler das Wort' uns' sagte, daß Genosse Dittmann der letzte sei, dem er das Recht zugestehe, über Agitationen im Heere und in der Marine zu sprechen. Der Reichskanzler fuhr dann fort: „Sodann hat mir der Abgeordnete Dittmann ein Wort entgegengehalten, daß ich mit voller Objektivität allen Parteien und Richtungen gegenüberstehen wolle. Er hat aber vergessen, den Zusatz mit zum Ausdruck zu bringen, den ich dabei ausgesprochen habe. Ich habe gesagt, alle politischen Parteien und Richtungen, sofern sie nicht den Bestand des Deutschen Reiches und Staates gefährdende Ziele verfolgen. Die Partei der Unabhängige» Sozialdemokraten steht für mich je«- seits dieser Linie." Der Staatssekretär des Reichsmarineamtes, Herr v. Capelle, gab dann eine Darstellung von den Vorgängen bei der Marine, wie sie in seinem Aktenmaterial enthalten ist. Er erhob dabei Anschuldigungen gegen die Genossen Haase, Vogt- Herr und Dittmann. Eenosie Haase erwiderte darauf:(Wir geben Haases Ausführungen nach dem Berichte der„Vosiischen Zeitung" wieder, da uns andere ausführlichere Berichte zur Stunde nicht vorliegen.) „Ucber unsere politische Tätigkeit, von der der Herr Staatssekretär des Reichsmarineamts gesprochen hat, irgendwie ein Dunkel zu lassen, habe ich keine Veranlassung. Alles, was vorgekommen ist, will ich offen darlegen. Ich stelle gegenüber der Behauptung des Staatssekretärs folgendes fest: Der Matrose, von dem er gesprochen hat, hat zwar mit mir im Fraktions- zimmer der Unabhängigen Sozialdemokratischen Frak- tion eine Unterredung gehabt. Es ist aber unrichtig, dast er mir einen Plan, wie ihn der Herr Staats- sekrctär hier vorgetragen hat, entwickelt hat. Ich ersuche den Staatssekretär, mir für seine entgegen- gesetzte Behauptung das Beweismaterial vorzulegen, und ich erkläre schon jetzt: Er hat kein solches Material, es gibt kein Beweismaterial. Zu dieser Erklärung habe ich noch folgendes zu sagen: Oester haben mich Matrosen und Angehörige des Landheeres im Reichs- tag besucht und mir Beschwerden über Miszstnnde in Heer und Marine und persönlich erlittene unwürdige und schlechte Behandlung vorgetragen und mir ein Bild der Stimmung in Heer und Marine entworfen. Wie alle übrigen Mitglieder dieses Hauses, habe auch ich die Beschwerdeführer entweder in der Wandelhalle oder in einem der Zimmer dieses Hauses, das für Besuche zur Verfügung steht, oder im Fraktions- zimmer der Unabhängigen Sozialdemokratischen Frak- tion empfangen. Welche Bedeutung der Bemerkung des Herrn Staatssekretärs, daß ich den Matrosen im FraktionSzimmer empfangen habe, zukommen soll, weih ich nicht. Im Sommer dieses Jahres hat nun auch der er- wähnte Matrose mit mir gesprochen und hat mir über 5k Zxstänbe, unter Lenen er un5 seine Kollegen litten, bittere Klage gesiihrt»und mir von öer starken Unzu- friedenheit erzählt und von der großen Erbitterung, die in der Marine herrsche. Dabei hat er noch folgen- des gesagt: Wir Matrosen empfinden die lange Dienst- zeit, den Mangel an geistiger Anregung sehr tief, jetzt aber haben wir in sehr großer Anzahl ans die Presse der Unabhängigen Sozialdemokrattschen Partei abvn- niert, und wir lesen diese Zeitungen. Er und seine Kollegen hätten den Plan, sich weiter fortzubilden und in Zusammenkünften am Lande politische Unterhal- tungcn zu pflegen. Zu diesem Zwecke sei es ihnen erwünscht, Literatur zu haben. Ja, meine Herren, politische Unterhaltungen am Lande, die an sich erlaubt sind. Wird doch sogar, wie hier jetzt festgestellt worden ist, solche politische Auf- klärung amtlich mit Hochdruck betrieben. Ich habe ten Matrosen darauf aufmerksam gemacht, daß die Unterhaltungen zwar an sich erlaubt, aber unter den besonderen Bedingungen für ihn gefährlich werden könnten und habe ihn gewarnt. Danach, meine Herren, ist die Behauptung des Staatssekretärs auf ihre Trag- weite zurückgeführt. Ich bin es dem Andenken dieses Matrosen schuldig, noch hier zu erklären, baß er auf mich den Eindruck eines frischen jungen Mannes von hohen Gedanken machte und daß ich auf das Tiefste erschüttert war, obwohl ich keine näheren Beziehungen zu ihm hatte, als ich hörte, daß er wegen Verfolgung seiner Ideale den Tod habe erleiden müssen. Ich weise darauf hin, daß nicht nur die Anhänger meiner Partei, sondern die Sozialdemokraten aller Richtungen öffentlich im Reichstage und in der Presse den russischen Revolutionären ihre Sympathie und ihre Begeisterung entgegengebracht haben. Es ist bc- greislich, daß diese Revolution das größte Ereignis des Jahrhunderts auf alle freiheitlich Gesinnten den tiefsten Eindruck machen mußte. Der Zweck der Aus- führungeu des Herrn Staatssekretärs ist ja ganz klar. Ich habe gar nichts anderes erwartet. Es kommt den Herren von der Regierung jetzt darauf an, das rote Tuch zu schwenken und die anderen Parteien zu einem festen Block zur Unterstützung dieser unglückseligen Regierungspolitik zusammenzuschmieden. sStürmisches Sehr richtig! links.) Vom ersten Kriegsjahre an habe ich das erwartet, und ich habe unmittelbar vor der entscheidenden Sitzung deS 4. August darauf hingewiesen(lebhafte Rufe bei den Unabh. Soz.: Sehr richtig!), daß dieser Zeitpunkt einmal kommen wird. (Sehr wahr! links.) Jetzt, wo die Regierung nichts gegen das Unheil tun kann, da schlägt sie also los gegen diejenigen, die das Unheil vorausgesagt haben. (Stürmische Rufe links: Sehr wahr, sehr gut!). Was der Herr Reichskanzler gesagt hat, das war Geist vom Geiste Puttkamers, aber wie mit dieser Politik nicht nur Puttkamer, sondern sogar ein Größerer, Herr v. Bismarck, Schiffbruch erlitten habe, so werden auch Sie, Herr Reichskanzler Dr. Michaelis, mit dieser Politik Schiffbruch erleiden.(Stürmisches Sehr wahr! bei den Unabh. Soz.)." In ähnlicher Weise traten die Genossen Vogt- Herr und Dittmunn den Ausführungen des Herrn v. Capelle entgegen. Vor Haase hatte noch der Abgeordnete David gesprochen und'sich in seinen Ausführungen, die in der Hauptsache der alldeut- schen Propaganda gewidmet waren, auch gegen den Reichskanzler gewandt, weil er eine politische Partei als minderen Rechts bezeichnet habe. Das ist gewiß sehr nett und sehr korrekt von Herrn David, kann aber nicht über die Tatsache hinweg- helfen, daß die Regierungssozialisteir, vom Partei- vorstände angefangen, der Justiz, der Polizei und anderen Behörden massenhaft Material geliefert und uns als„Anarchisten",„Landesverräter" u. dergl. denunziert haben. Es ist daher auch nicht verwunderlich, daß besonders rabiate Abgeordnete und die reaktionäre Presse die Aufhebung der Immunität der Genossen Haase, Dittmann und Vogtherr und ein hochnotpeinliches Verfahren gegen die drei verlangen. Die Dinge sind zurzeit, in der diese Zeilen in Druck gehen müssen, noch in Fluß. Das Resultat der vier historischen Tage läßt sich aber jetzt schon übersehen: die Regierung des Herrn Dr. Michaelis hat den parlamentarischen Sturm glücklich über- standen, die Vaterlandsparteiler haben einen Triumph über die Reichstagsmehrheit davon- getragen und diese Mehrheit selbst ist völlig in sich zerfallen. Alle stehen aber geschlossen gegen die Unabhängige Sozialdemokratie. Die Drohung des Herrn Dr. Michaelis schreckt uns nicht. Viel schlimmer als die Dinge bisher für uns waren, können sie nicht werden. Man kann wohl einzelnen Personen das Leben noch schwerer machen; an unserer Ueberzeugung und unseren Idealen wird die Kampfansage vom 9. Oktober nicht rütteln können. Mochenscha«. Vom 2. bis S. Oktober 1917. Kriegsereignisse: An der Westfront haSen sich die ewige Artillerieschlacht und die fortwährenden Unternehmungen der Patrouille� und Stoßtrupps am 4. Oktober wieder zu„einem Schslachttage von seltener Schwere" gesteigert, wie es im deutschen Heeresbericht heißt. Die opferreichen Kämpfe habe» de» Engländer» einen Geländegewinn von kaum tausend Metern ge- bracht, an der Gesamtlage ist aber nichts geändert worden. Auch im Frontabschnitt von Verdun ist es zu größeren Kämpfen gekommen.— Eine besonders scharfe Form hat in der verflossenen Woche der Luftkrieg ange- nommen. Deutsche Flieger haben die Stadt Dün- kirchen mit ihren vielen militärischen Anlagen, Magazinen usw. derart mit Bomben beworfen, daß der Ort fast vollständig zerstört ist. Auch London und andere englische Hasenstädte sind wieder das Ziel dem- scher Luftangriffe gewesen. Andererseits haben eng- lische und französische Flieger Angriffe auf Städte Süd- deutschlands und des rheinisch-westfälischen Industrie- gebietcs gemacht. So wurden die Städte Stuttgart, Frankfurt a. M. usw. angegriffen. Der englische Premierminister Lloyd George soll erklärt haben, daß der eigentliche Luftkrieg gegen Deutschland jetzt erst beginnen werde. *.* Ausland: Der Leiter öer auswärtigen Politik Oesterreich-Ungarns, Graf C z e r n i n, hat in Budapest eine Fricdensrede gehalten, auf die im wesentlichen zutrifft, was wir in der vorigen Nummer zur Charakterisierung der ministeriellen Friedens- reden gesagt haben. Es muß zugegeben werden, daß der erste und größte Teil der Rede des Grafen Czernin starken Nachdruck auf die Friedensbereitschaft Oester- reich-Ungarns legt und weit klarer, als es bisher von deutscher Seite geschehen ist, die Notwendigkeit eines Berständigungsfriedens im einzelnen begründet. Graf Czernin hat sich für Schiedsgerichte und Abrüstung auf internationaler Basis und unter inter- nationaler Kontrolle erklärt und verlangt, daß für die europäischen Staaten alle Aulässe zu künftigen Ncvanchekriegen beseitigt werden müßten. Die Ent- Wicklung all dieser Gedanken durch Grafen Czernin unterscheidet sich sehr zu ihrem Borteil von der unbe- stimmten Form, in der von deutscher Regierungsseite aus der Schiedsgerichts- und Abrüstungsgedanke er- wähnt wurde. Aber all das Gute, was der erste Teil der Rede Czernins enthält, wird über den Haufen ge- worfen durch deren Schluß. Da sagt Graf Czernin, daß seine Friedensbereitschaft nur auf Kündigung sei. Wenn die Feinde den Krieg fortsetzen würden, soll dieses schöne Friedensprogramm gründlich revidiert werden. Es ist also das alte Spiel: Komplimente vor einem Verständigungsfrieden und gleichzeitiges Blasen in die Kriegsflammc. Immerhin mag die Meinung mancher Leute zutreffen, daß Graf Czernin den drohenden Schluß seiner Rede Seit in Berlin herrschenden Anschauungen maßgebender Kreise habe an- passen müssen. Das hat ihn aber nicht davor bewahrt, daß die Alldeutschen mit großer Wut über ihn her- gefallen sind und dem schwarz-gelben Bundesgenossen manche Bosheiten an den Kopf geworfen haben. Der Parteitag der deutsch-österrei- chischen Sozialdemokratie wird am 19. Okto- ber zusammentreten. Der Papst will nach allerlei unbesttmmten Mel« düngen seine Rolle als Friedensvermittler weiter- spielen. Im Vatikan versteht man sich ja von jeher auf die Künste der Geheimbiplomatie, und so werden wohl manche diplomatischen Fäden hin- und hergehen. Wie es heißt, soll der Papst jetzt besonders mit den Ententeregierungen in Verhandlungen stehen. In S ch w e d e n hat daS Ergebnis der Wahlen zu einer Ministerkrise geführt. Es war ein Koalttions- Ministerium geplant, in dem alle Partelen vertreten sein sollten. Da aber chle Konservativen für ihre Teil- nähme an der Regierung Bedingungen aufstellten, die für die Sozialdemokratie unannehmbar waren, hat die ozialdemokratische Partei die Beteiligung an einem Koalitionsministerium abgelehnt. In Frankreich sucht die Reaktton der Friedens- bewegung dadurch Herr zu werden, daß sie sie durch allerlei Skandal- und Bestcchungsgeschichten zu dis- kreditieren versucht. Sogar gegen den früheren Minister des Innern, Malvy, ist der Vorwurf erhoben worden, daß er seit drei Jahren in deutschem Solde gestanden und Kriegöpläue an den Feind verraten habe..» Der Hauptankläger ist der Abgeordnete Daudet, ein Sohn des berühmten Romanschriftstellers Daudet. Aus der Kaurpagne gegen Malvy geht hervor, daß die royalistt- scheu Kreise dabei ihre Hand im Spiele haben und für ihre monarchischen Wünsche Stimmung zu machen suchen. Malvy soll sich in der Kammer gegen die Anwürfe verteidigen können, der Regierung aber biete die reaktionäre Kampagne Anlaß, durch Ber- schärfuug des Preßgesetzes und andere Maßnahmen die Friedensbestrebungen zu knebeln. Ministerpräsi- denk Paiulevö hat energisch die Verweigerung der Pässe zum Berner Gewerkschaftskongreß verteidigt, und die Regteruugssozialisten vom Schlage eines Sembat usw. habe» ihn dabei moralifch unterstützt. Auf dem Nationalkongreß ber Sozia- I l i st e n in Bordeaux stoßen, soweit bis jetzt die vor- liegenden dürftigen Nachrichten ein Urteil zulassen, die Meinungen hart auseinander. Der Regierungssozialist Compöre Morel hat mit aller Schärfe gegen einen Verständigungs- und für einen Siegesfrieden ge- sprochen: er hat verlangt, daß die sozialistische Partei auch weiterhin die Regierung„der nationalen Ver- teidigung" unterstützen müsse. Die bisherigen Redner der Minderheit haben sich mit mehr oder weniger großer Entschiedenheit gegen eine derartige Auffassung gewandt. Zu entscheidenden Abstimmungen ist es bis jetzt noch nicht gekommen. In England hat der Minister Churchill, ein Draufgänger und Imperialist in Reinkultur, eine Rede gehalten, die offenbar der um sich greifende» Friedensstimmung entgegenwirken sollte. Churchill hat allgemeine Redensarten über die notwendige Demo- kratisierung Deutschlands gemacht, im übrigen aber den Kriegswillen des englischen Volkes durch allerlei Sieges- und Erfolgversprechungen aufzupeitschen ver- sucht.— Die Labour Party(Arbeiterpartei), die bisher keine eigentliche politische Partei war, sondern im Grunde nur die parlamentarische Vertretung ber Gewerkschaften darstellte, will sich jetzt als große, geschlossene politische Partei organisieren. In Rußland ist die bedeutsame bemokra» tische Konferenz zu Ende gegangen, ohne den Kampf zwischen rev»luti»närer Demokratie»nd Bour- geoisie zur endgültigen Entscheidung zu bringen. Di« Konferenz ist wohl zu einem einmütigen und energi- schen Bekenntnis zur Fricdensbercitschaft ohne Annexionen, ohne Kriegsentschädigung unter Wah- rung des Selbstbestimmungsrechts der Völker gekom- mcn, die inneren Gegensätze aber bestehen weiter. Zur Friedensfrage selbst hatten die Mazimalisten, d. h. die entschieden radikalen Elemente wie die Bolschcwickt usw., einen Antrag eingebracht, nach dem sofort Frie- densverhandlungen anzubahnen seien. Dieser Antrag wurde mit 660 gegen S8S Stimmen von der Tages- ordnung abgesetzt. In der Hauptsache wurde die Kon« ferenz von der Frage in Anspruch genommen, ob man auch weiterhin eine Koalition mit bürgerlichen Ele- menten eingehen wolle. Die Entscheidung über diese Frage führte zu mehreren, einander widersprechenden Abstimmungen, bei deren einer das Znsammengehen mit den Kadetten usw. mit SSä gegen 106 Stimmen abgelehnt wurde. Es ist aber wohl den Bemühungen Kerenökis zuzuschreiben, daß dieser Beschluß nicht auf- recht erhalten wurde. Es ist schließlich ein Kompromiß zustande gekommen, nach dem die Regierung auch bür» gerliche Elemente zur Mitarbeit heranziehen darf, zur Kontrolle der Regierung aber wurde eine neue Instanz, ein sogenanntes Vorparlament, geschaffen, das bis zur Konstttuaute die Regierung zu überwachen hat. Vorsitzender dieses Vorparlamentes ist Tschetdse, in der Leitung sitzen auch einige Maxtmalisten wie Trotzkt und Kamenad. Kerenski hat inzwischen in MoS- kau mit Vertretern ber Bourgeoisie verhandelt, unS diese haben, offenbar um nicht gänzlich ausgeschaltet zu werden, mit sauer-süßer Miene sich bereit erklärt, an der Regierung teilzunehmen. Sie wollen aber dem Vorparlament kein formales und juristisches Recht auf Kontrolle zugestehen, sondern erklären nur, daß keine Regierung am Ruder bleiben könne, die mit dem Vor- Parlament in Differenzen gerate. Damit hat sich aber die Bourgeoisie eine Hintertür gesichert, durch die sie ihre gegenrevoluttonären Pläne einschmuggeln kann. All daS macht verständlich, daß die entschieden revolw- ttonären Kreise mit einer solchen Lösung nicht ein- verstanden sind. Der fast durchweg aus Maximaltsten bestehende Sowjet von Petersburg hat daher entschiede» gegen Borparlament und Koalitionsregierung Siel« lung genommen und zum Kampfe gegen die verkappte Gegenrevolution aufgerufen. Er will darauf hin- arbeiten, daß die Regierungsgewalt an die sozialistischen und revoluttonär-demokratischen Elemente über« geht, und hat zu diesem Zweck eine Konferenz aller russischen Arbeiter- und Soldatenräte beantragt. Da- nebe» verlangt der Petersburger Sowjet u. a. auch die Freigabe ber politischen Propaganda im Heere. Die demokratische Konferenz hat also die Klassenkämpfe der russischen Revolution nicht beendet, son- der» nur eine neue Periode derselben eingeleitet. Bon der tiefgehenden Gärung im Lande zeugt auch die Absicht der russischen Eisenbahner, in den General st reik einzutreten, ein Beschluß, bek der» wohl nicht allein die schlechte Lebenslage der Eisen« bahner, sondern auch politische Erwägungen ausschlaggebend gewesen sind. Die Regierung gibt sich all« Mühe, den Forderungen der Eisenbahner entgegenzukommen. In F i n n l a n d haben die Wahlen zum Landtage stattgefunden. Die Sozialdemokratie hat annähernd die Hälfte der abgegebenen Stimmen erhalten. Di« Erfolge der bürgerliche» Parteien sind daraus zu e», IröTCttv daK viese Parteien infolge der Differenzen mit Ser russischen Regierung gleichfalls sehr radikal aus- getreten sind und dadurch viele Anhänger um sich geschart haben. Der Landtag bereitet jetzt Gesetz- eutumrfe vor, nach denen Finnland zur selbständigen Republik erklärt werden soll, die in ein gewisses Bundesverhältnis zur großen russischen Republik tritt. Die allgemeine Gärung im russischen Niesenreiche hat auch die mohammedanische Bevölkerung der inner- asiatischen Provinzen ergriffen. In Taschkent kam es zu einem Aufstand gegen die provisorische Negierung, der mit Gewalt unterdrückt wurde. Die Staaten Südamerikas haben jetzt fast alle die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abge- brachen. In den letzten Tagen haben auch C o st a r i c a und Peru diesen Schritt getan. Auf den militäri- schen Verlauf wird diese Haltung Südamerikas keinen wesentlichen Einfluß ausüben, höchstens daß eine An- zahl in den dortigen Häfen liegender deutscher Han- delsschtffe direkt oder indirekt der Entente in die Hände fallen. Für die späteren wirtschaftlichen Be- Ziehungen Deutschlands zu Südamerika sind die Vor- gänge aber von schwerwiegender Bedeutung, denn Südamerika war ein wichtiges Exportgebiet für die deutsche Industrie, die wiederum von dort wertvolle Rohstoffe erhielt. «» » Innere Politik: Abgesehen von der großen poli- tischen Krise, die wir im Leitartikel behandeln, hat sich im Reichstage nichts welterschüttcrndes zugetragen. Im Hauptausschusse ist über viele Dinge, wie Kriegs- wuchcr und sonstige liebliche Begleiterscheinungen deS frisch-fröhlichen und veredelnden Krieges viel geredet worden, in den wenigen Vollsitzungen ist das parla- mentarische Bächlein sanft dahingcplätschert. Fest- gehalten werben muß, daß die Regierungssozialisten zu dem Gesetz über daS Milliardengefchenk an das Reederkapital ihre grundsätzliche Zustim- mung gegeben haben. Und das, obwohl ein ihnen so nahestehender Mann wie Parvus mit aller Eindring- lichkeit bewiesen hat, welch großen Fehler sie damit von nationalökonomischem und sozialistischem Stand» punkte aus begehen. Wenn der Reichstag im November wieder zusam- mentritt, wird ihm eine neue Kriegskredit-For- derung von 10— 1ö Milliarden präsentiert werden. Bürgerliche Blätter wußten allerlei von ewer Reform des preußischen Herrenhauses zu berichten. Diese Reform soll nach dem Muster der mittelalterlichen Ständeverfassung zustande kommen, d. h. die hauptsächlichsten Berufsstände sollen eine Ver- tretung im preußischen Oberhause erhalten, das kon- servative Element aber behielte nach wie vor die Ober- Hand. Da man aber Mumien nicht neu beleben kann, bleiben wir bei der alten sozialdemokratischen For- derung: Fort mit dieser Mumienkammer! Mit der kleinen„demokratischen" Reform, zu der sich die Regierung bereit erklärt, hat, mit der Teilung derRiesenwahlkreisefür dieReichstagswahlcn geht es auch nicht sonderlich schnell vorwärts. Im Verfassungsausschuß hat Ministerialdirektor Lewald angekündigt, daß ein entsprechender Gesetzesvorschlag erst Anfang nächsten IahreS dem Reichstage vorgelegt werden könne. Man muß allerdings zugestehen, daß wahlgeometrische Berechnungen eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. Der Zentralausschuß der fortschrittlichen Volks- partei hat in ziemlich sanfter Form gegen den vom alldeutschen Koller befallenen Abgeordneten Pfarrer T r a u b Stellung genommen. Herr Traub scheint aber gar nicht daran zu denken» der Fortschrittspartei den Rücken zu kehren. Er hat dazu auch gar keine Veranlassung, denn viele Größen dieser Partei be- kennen sich zwar mit dem Munde zu der Friedens- resolntion des Juliblockes, in unbewachten Augen- blicken verraten sie aber, daß sie für eine Verstän- digung— mit Annexionen sind. Das hat erst kürzlich der Führer der sächsischen Fortschrtttler, Herr Günther, getan. Die„Deutsche Vater landspar tei" stellt mit Befriedigung fest, daß sie bei den Liberalen und Zentrumsleuten Bayerns überaus starken Anhang ge- fanden hat. Nach Meldungen bürgerlicher Blätter soll der Zentrumsabgeordnete und Führer der christlichen Ge» wcrkschafter GteSberts für die Stelle eines Unter- staatssekretärS im ReichSwirtfchaftsamte ausersehen sein. DaS Verlangen, vormärzlkche Zustände in Deutschland wieder einzuführen, spricht auS einer Rundfrage der sächfische» Regierung au die Handels- kammern über die Einführung eines allgemeinen Paßzwanges, auch für Jnlandsreisen und auch für den Frieden. Wie gemeldet wurde, sind Gewerkschafts- führer mit einer Einladung zum Generalfeld- Marschall v. H i n d e n b u r g ins Große Hauptquartier bedacht worden. Am 3. Oktober hat beim Reichskanzler Dr. Michaelis ein parlamentarischer Gesell- schaftsabend stattgefunden, an dem auch die Regie- rungssozialisten teilgenommen haben. Aks der KeWeglmg. In Württemberg hat sich in Böckingen eine OrtS- gruvve gebildet und sich der U. S. P. angeschlossen. Die Ortsgruppe hatte in letzter Zeit eine Anzahl Neuaufnahmen zu verzeichnen. Die Chemnitzer Organifertion macht gute Fert- schritte, wie in der letzten am 2. Oktober stattgefundenen MonacSvcrsammlmig berichtet werden konnte. Die An- gaben über den angeblichen Mitgliederbestand derRegieruugZ» l ozielisien im Chemnitzer Bezirk löste bei den Versammelten Heiterkeit auS. Mnrkiertc abhängige Friedenödemnnstration. Im Reichstagswahlkreis Naumburg— WeißenfelS — Z e i tz, dessen zuständige Kreisorganisation be- kanntlich zur Unabhängigen Sozialdemokratischen! Par- tet übergetreten ist, steht es um die Sache der Regie- rungssozialisten herzlich schlecht. Mit Ausnahme des Abgeordneten Thiele lHalle), der mit einem Häuflein von Getreuen(Gewerkschafts-, Konsum- und Kranken- kassen-Angestelltenj die Sache der Scheidemänner un- entwegt hoch hält, will im Kreise niemand etwas von ihr wissen. Um dem etwas abzuhelfen, hatte' man jüngst in den Städten WeißenfelS und Hohenmölsen öffentliche Friedensversammlungen veranstaltet, aber auch damit einen kläglichen Hereinfall erlebt. In WeißenfelS hatte man in der bürgerlichen Presse ein großes Inserat losgelassen, laut welchem alle Bevöl- kerungskreise zu einer öffentlichen Volks- Versammlung mit Herrn Stadtrat Beims, Magdeburgs alS Referenten eingeladen wurden. Unter» zeichnet war das Inserat mit„Der Einberufer", jcd- weder Hinweis darauf, welcher Parleirichtung dieser geheimnisvolle Einberufer angehörte, fehlte. Wer von der Existenz und den persönlichen Verhältnissen des Herrn Stadtrat Beims keine Ahnung hatte, mußte der ganzen Aufmachung der Einladung nach eine bür- gerlichc Veranstaltung vermuten, um so mehr, als in der Schuhmacherstadt Weißenfels seither immer mit offenem Visier gekämpft worden ist. Ebenso kläglich wie die Aufmachung war auch der Erfolg der Veranstaltung. Kaum IM Personen, die fast ausschließlich bürgerlichen Kreisen angehörten, hatten sich eingefun- den. Resigniert meldet das Erfatzparteiblatt, das in Halle erscheint, daß die Versammlung„infolge der unabhängigen Gegenagitation" so schwach besucht war. Von einer solchen ist aber unseren Genossen nichts bekannt geworden, außer der Tatsache, daß am gleichen Tage im„VolkShaus" eine Schuhmacherversammlung stattfand, die sehr stark besucht war. Aehnlich wie in WeißenfelS ging es mit der ab- hängigen Sache in Hohenmölsen. Dort hatten sich außer den Bürgerlichen auch eine Anzahl Gewerk- vereinler eingefunden, die aus Neugierde gekommen waren, um zu sehen, wie von unabhängiger Seite dem „Herrn Stadtrat" mitgespielt wurde. Sie kamen nicht auf ihre Rechnung, denn unsere Genossen hatten es auch hier vorgezogen, die Herren Abhängigen unter sich zu lassen. Mittlerweile macht die unabhängige Partei- bewcgung im Kreise gute Fortschritte. Partei- nntgliederstanS und Leserzahl des„Bolksboten/" sind heute höher, als vor dem vor zwei Monaten er- folgten Uebertrttt zur Unabhängigen Partei, trotz aller Absplitterungsversuche der Abhängigen. Die Klärung hat auch hier die alte Zugkraft der sozialisti- schen Anschauung kräftig gestärkt. Wittgentdorf. Nach längerer Zeit fand wieder eine Versaminlnng des sozialdsmokratischen Vereins statt. In der Versammlung waren als Gäste Genossen des Kreis- resp. des Bezirksvorstandes der U. S. P. erschienen. Da am 23, Mai der 16. sächs. ReichttagSwahlkreis zu den Unabhängigen übergetreten ist, die Wiltgmtdorftr Organisation aber nicht ihren Austritt aus der KreiSorganisalion erklärt hat, nahmen die Genossen des KreiSvorstandes ohne weiteres an, daß sie an der Versammlung, teilnehmen könnten. Herr Waibel, ein tüchtiger Durckhatler, war aber anderer Meinung: unter allerhand Verdächtiaungcn stellte er den Antrag, vi« Gäste cmS der Versammlung hinauszuwerfen. Die Versammlung lehnte diesen Antrag ad. In Kürze wird in WittgenSdorf eine öffentliche Versamin- lung der Unabhängigen stattfinden. Preiserhöhung für de»„Wahren Jak»»". Der Verlag deS»Wahren Jakob' gibt bekannt-„Die ungeheure Preissteigerung besonders des Papiers und der Farben zwingt uns, von Nr. Slö an eine kleine Erhöhung des AbonnementspreiseS eintreten zu lassen. Das Jahresabon- nement ab viertes Quartal 1917 beträgt 3,80 Mk., das Postabonnement vierteljährlich Sö Pf.(ohne Bestellgeld). Die einzelne Nummer kostet IS Pf. Der geringe Aufschlag von 5 Pl. für die Nummer ist dringend, da der bisherige Preis bei weitem die Kosten nicht deckte.' Der„Wahre Jak»»" ist mit den Jahren immer miserabler gemorden. Er ist heute so schlecht, daß er daS Papier nicht verdient, auf dem er heut« gedruckt wird. Man mühte einen Prct» auSschrei>ben für den, der in diesem Drackerzeug«« einen wirklich guten Witz entdrckt. Kein bürgerliches Blatt ist im Krieae so entartet, wie dieses ehemals von Arbeitern gern gelesene Blatt. Heute ist eS wirklich der„Wahre Jakob", dem jeder anständige Arbeiter aus dem Wege geht. Offenburg.(7. Kreis.) Am». Oktober fand die erste Bürgerausschnßsitzung scit unserer Parteischeidung statt. Die< Regicrungssozialisten giiuou als Stadtverordnete jetzt ihre eigenen Weee Unsere fünf Genossen traten den- noch bei den Vorschlügen zur Ersatzwahl für die im Felde stehenden Mitglieder deS Ausschusses dafür ein, daß an Stelle der beiden ausgeschiedenen Sozialdemokraten die in der Wahlvorschlagsliste von!gl2 an nächster Stelle stehen- den beiden RegierungSsozialisten gewählt werden sollen. DaS geschah auch. Ov die Umlerner im entgegengesetzten Falle auch so gehandelt Härten? Der Protest unserer Genossen gegen den Abzug eine? BerrageS von der Teile- rungSzulage der städtischen Arbeiter hätte den erhofften Erfolg. Grojs-Kerliner Chrsnik. Die Versammlung des. Zweck verban- des in Groß-Verlin beschloß, die Stellung des Direktors für den Zweckvcrband öffentlich auszu- schreiben. Die Gegensätze im Zweckverband sind außer- ordentlich stark zugespitzt. Herr Steiniger, der jetzige Direktor, hat sich als ungeeignet für das Amt erwiesen. Durch sein selbstherrliches Vorgehen hat er Leute vor den Kopf gestoßen, die früher für ihn eingetreten sind. Das liegt auch daran, daß der Mann mit den Land- raten und der Regierung eine Berlin feindliche Politik zu betreiben versucht. Ob übrigens ein anderer Mann etwas Besonderes leisten wird, steht dahin, denn die ganze Organisation des Zweckvcrbandes ist ein solches Gebilde, das zu einer für die Gemeinden Groß-Berlins ersprießlichen Tätigkeit gar keine Mög- lichkeit bietet. Interessant ist, daß Herr Steiniger sich herausgenommen hat, seine eigene Stelle selber aus- zuschreiben, was eine Sache des Vorsitzenben, Herrn Oberbürgermeister Mermuth, ist. Letzterer hat nun- mehr die Ausschreibung selber vorgenommen. Bei einem Hoch auf Hindenburg, das nach einer Rede des Oberpräsiöenten zum Geburtstage Hinden- burgs Herr Mermuth noch glaubte ausbringen zu müssen, erhoben sich auch die Stadtverordneten Hei- mann, Pfannkv.ch, Ritter, Vasner und Bruns von ihren Sitzen, während die Stadtverordneten Wey! und Hoffmann sitzen blieben, da dieses Hoch in dieser Situation als politische Demonstration zu werten war unter Ausscheidung der Person Hindenburgs und be- kannt ist, in welcher Weise der Name Hindenburg in letzter Zeit zur Deckung politischer Bestrebungen benutzt worden ist. Neukölln und Britz haben eine Wirtschaft- liche Vereinigung geschlossen insofern, als Neukölln die Gemeinde Britz auf 20 Jahre mit Gas ver- sorgen will. Um sich der Ab st im mung über die Gaspreiserhöhung zu entziehen, haben sich die Stadtverordneten Theodor Fischer und Adolf Ritter in der entscheidenden Abstimmung über die Preiserhöhung für Gas aus dem Sitzungssaale ent- fernt. Beide Stadtverordnete gehörten dem Aufsichts- rat der Gaswerke an, wo die Vorlage über die Gas- Preiserhöhung vorbereitet wurde und wo sie für die Vorlage gestimmt haben. Nette Arbeitervertreter! Die Verteuerung von Mehl und B r o t soll am 12. Oktober in Kraft treten. Der Brotpreis steigt um 8 Pfennige. Vom 12. Oktober ab kostet das ISlS-Gramm-Schwarzbrot 83 Pf. und das 1920-Gramm- Weißbrot 90 Pf. Gleichfalls wird mit dem 12. Oktober eine Erhöhung der Mehlkleinhandclspreise eintreten. Der Preis für das Pfund Weizenmehl stellt sich von diesem Tage ab auf 23 Pf., für das Pfund Roggen- mehl auf 24 Pf. und für das Pfund Lrankenmehk auf 30 Pf. Die Erhöhung des Brotpreises entspricht der durch die Reichsgetreidestelle festgesetzten Erhöhung des Mehtpreises. Wege» der durch eine etwaige Streckung des Brobes mit Kartoffeln sich ergebenden Verände- rung sind bisher bindende Beschlüsse noch nicht gefaßt worden, da zunächst auch über den 12. Oktober hinaus die bisherige Mehlration durch die Reichsgetreidestelle beibehalten werden soll. Eine Ha u p t w i l d st e l l e ist in Berlin ge- gründet worden. Wildfleisch werden wir deshalb aber kaum zu sehen bekommen. Bemerkenswert ist, daß nach den neuen Bestimmungen von den einzelnen Jagdstrccken drei Stück Rot-, Dam-, Schwarz- oder Rehwild oder 10 Stück Niederwild lHasen, Kaninchen, Fasanen) zur freien Verfügung des Jagdberechtigteu stehen. Mit drei Hirschen oder drei Rehen läßt sich schon eine Zeitlang leben und nicht einmal schlecht!— O b st ist in Berlin noch reichlich vorhanden, aller» dings sind die Preise immer noch recht hoch zu nennen. Gemüse dagegen ist kaum zu erhalten.— Wegen Wuchcr m i t S t i e f e l s o h l cn hat das Kriegswucheramt dem Kaufmann L. Dukelskv in der Warschauerstraße den Handel mit Geaenstänben des täglichen Lebens untersagt und das Gericht hat den Mann deswegen zu 0 Monaten Gefängnis und 2000 Mark Geldstrafe bedacht. Teuere und schlechte Stiefelsohlen sind aber jetzt allgemein, vielfach be- kommt man kaum noch die Schuhe repariert. Eine Zusammenlegung der Schulen soll in der Art erfolgen, daß vormittags und nach- mittags abrvechselnd Unterricht erteilt wird, um Kohlen zu sparen. Für viele Kinder bedeutet das ivcitcre Wege zur Schule, was bei der teuren und mangelhaften Schuhbekletdung sehr ins Gewicht fallen dürfte. Wegen Warenvers chiebnngcn sind dieser Tage eine Reihe von Verhasiungen erfolgt. Es sind! zugleich große Warenmengen vom Kriegswucheramk beschlagnahmt worden und zwar: 270 Zentner Weizen- mehl, 3 Zentner Schokolade, 24 lebende Rinder und g Schweine, 120 Zentner Honig, 40 000 Zigarren, 21 000 Kilogramm Kupfer, Ztun und Messing. Eine weitere Kürzung der Milch- ration ist infolge geringerer Milchzufuhr für die Kinder im 3. und 4. Lebensjahr eingetreten. Anstatt "U Liter werden nur 1h Liter Milch gewährt. Dafür sollet) monatlich 2 Psund Nährmittel gegeben werden. Der Unabhängigen Stadtverorö- n e t c n f r a'k t i o n war Genosse Ewald alö Hospi- taut beigetreten. Er hat jetzt wieder seineu Rücktritt erklärt.— Eine bemerkenswerte Szene spielte sich in der Stadtverordnetenversammlung am 28. September ab. Es handelte sich um die Bewilligung einer Summe von 8000 Mk. zum Zwecke der Versendung von armen Frauen und Kindern nach auswärts an einen Verein. WolderSkn(Abhängiger Sozialdemokratt erklärt, öasj feine Fraktion die Summe für die Soziale Arbeits- gemeinschaft des Ostens ablehne. Weyl(U. S.) erklärt, dah auch wir an sich für städtische und nicht für private Wohlfahrtspflege seien, datz wir aber über diesen Berein gute Auskunft erhalten hätten und deshalb bewilligen würden. Uebrigens sei das Geld schon verbraucht. Stadtrat Fischer gab günstigen Bericht über den Berein und darauf erklärt Woldersky: Nach dem über den Verein in der Debatte gegebenen Auskünften kämen seine Freunde in Verlegenheit f!!!), wenn s i e ablehnen würden, sie würden also auch bewilligen. Heiteres. Herr Ferdinand Bon«, der auch in Arbeiterkreisen bekannte Schauspieler, gibt in einem Feuilleton der „Deutschen Tageszeitung" seinen Senf zur Gründung der„Deutschen Vaterlandspartei" und singt ihr ein himmelhoch jauchzendes Begeisterungslieö. Darin apostrophiert er die sozialdemokratischen Arbeiter fvl- gendermaßen: „Mögen gute und schlechte Könige wechseln, das System des Königtums ist doch die beste von allen möglichen Negicrungsformen. Drum haltet doch jetzt um Gottes willen aus, ihr s o z i a l i st i s ch e n deutschen Brüder, nachdem ihr so heroisch für euer Vaterland gekämpft habt. Schaut nach Ruß- land, und wenn euch die scheußliche Unfreiheit, die Wühlerei und Bestecherei einer Republik besser ge- fällt, so sucht uns später zu überzeugen. Bei mir wird's nicht gelingen, ich bin trotz persönlicher Er�hrungen überzeugter Monarchist. Ihr könnt mich ja dann köpfen, wenn ihr Revolution macht. Wenn schon. Bielleicht sitzt dann Maximilian Haiden im Revolutionstribunal. Ein feiner geistvoller Mann, wie er ist, wird er mir mit sardonischem Lächeln die Hand drücken:„Sie sind ja das Geköpft- werden schon gewöhnt, lieber Bonn. Ihr historischer Freund Fritz Engel hat Sie ja so oft geköpft— — lassen Sie sich's recht gut gehen bis zur Hin- richtuug!" Das kann alles kommen, wie es soll. Aber wollt ihr wissen, was der H u n g e r f r t e d e— der Englands Niederlage kn Sieg verwandelte— für euch bedeuten würde,— fragt einen der euren, Karl Leuthner z. B., der vor Jahren schrieb:„In der Weltwirtschaft hat uiemaud die Niederlage mehr zu fürchten als der Arbeiter. Ihm geht es doppelt und dreifach ans Leben. Er vergießt das Blut in den Schlachten, wird arbeitslos und heimlos." Herr Ferdinand Bonn hat seinem Ritt ins poli- tische Leben eine durchaus treffende Ueberschrift gc- geben. Sie lautet: Gedanken eines Laieu! Arbeiter-KUdmtgsschule. Sonntag, den 14. Oktober, abends 8 Uhr, findet der zweite musikalische Vortrag des Genossen Leo Kestenberg über Mozart statt. Eintrittspreis 20 Pfennig. Montag, de« 15. Oktober, abends S'/i Uhr, beginnt der Kursus des Genossen Emil Eichhorn über Wirtschaftsprobleme des Weltkrieges (Kriegs- und Staatssozialismus, Monopole, Steuer- fragen usw.). Dienstag, den 16. Oktober, abends 81/» Uhr, nimmt der Kursus des Genossen Eduard Bernstein über SaS Thema: Aus der Geschichte des Sozia- liSmuS und der Sozialdemokratie seinen Anfang.— Dieser Kursus ist besonders für weib- l i ch r Hörer bestimmt. Mittwoch, den 17. Oktober, beginnt der Kursus für Jugendliche: Einführung in die Grundlagen des wissenschaftlichen Sozialismus. Donnerstag, de» 18. Oktober, nimmt der Kursus des Genossen- Ernst Däumig über das Thema: Die ökonomische und s o z i äT e En t w i ck- lung Ruhla lids seit der Bauernbefreiung seinen Anfang. *.* Die Bibliothek der Schule ist vom 13. Oktober ab an allen Kursusabenden geöffnet und steht den Hörern sowie allen Mitgliedern der Groß-Ber- liner Parteiorganisation gegen entsprechende Legitimation unentgeltlich zur Verfügung. *» Die Karten zum Knnstabend des Bezirköbildungs- ansschnsses am 27. Oktober im großen Saale des Lehrervereinshauses sind schon jetzt zum Preise von KOPfennig im Verbandsbüro, Schicklerstraße 5, im Büro des 4. und 6. Wahlkreises, im Büro des Ortsvereins Neukölln und im Büro des Itreises Niederbarnim zu haben. Der Reinertrag der Veran- staltung ist für die Arbeiterbildungsschule bestimmt. Mitwirkende sind an diesem Abend: Frau Ida Harth zur Rieden(Gesang), Frau Resi Langer(Rezi- tation), Herr Leo Kestenberg(Klavier), Herr Rikvlas Lambingcr(Violine) und Herr Gottfried Zeelander (Biolincello). Aus den Organisationen. S. Wahlkreis. Donnerstag, den 18. Oktober, abends 8 Uhr. Roseitthaler Siraße 11/12, Exlra-Zahlabend. Lichtenberg. Im September d. I. konnte der � Genosse Karl Staffelt, Kantstr. S, auf eine 25 jährige Parteizugehörigkeit zurückblicken. Im September 1892 kam er zur Partei, der er bis heute durch alle Jrrun- gen und Wirrungen hindurch die Treue gehalten hat. ! Hoffen wir, daß es ihm noch recht lange und in vollster ! Rüstigkeit vergönnt sein möge, für seine Ideale im | Dienste der Partei zu wirken. Das 4. Viertel. Teltow- Beeskow- Storkow- Eharlottenburg. Die Statutcnberatungskommission tagt bis | auf weiteres jeden Mittwoch abends 8 Uhr !(außer am Zahlabend) im Büro des Wahlvereins Neu- ' kölln, Neckarstraße 3, Laden. Jedes Mitglied hat ! Zutritt. Anträge sind zu richten an den Obmann N. Nosenstiel, Neukölln, Manitiusstraße 1. Cäpenick» Arn 3. Oktober erstattete Genosse Matz Bericht über die KreiSqeneraloersammlung, der zu einer lebhaften Aussprache führte. Von mehreren Rednern wurde der Gedanke ausgesprochen, daß die U. S. P. nicht in die Bahnen der alten Partei treten inöge. Nicht auf hohe Beiträge rc. komme es an, sondern auf erprobte Klassenkämpfer, und es sei dringend notwendig, daß nicht etwa der alle Fehler, nämlich Ecablierung eines büro- kratischen Systems, wieder begangen werde. Die Führer müßten von den Massen kontrolliert werden und da käme eS auf Zielstrebigkeit jedes einzelnen an.— Unter„Ver- schiedeneö" gab Gen. Rieck den Kassenbericht vom 2. Quartal, welcher mit 179,36 Mk. Einnahme und 136,56 Mk. Aus- gäbe abschließt. Ferner wurde darauf hingewiesen, daß die alleic Beitragsmarken nur bis zum 31. 12. 17 Giltigkeit haben. Auch ivurdcn die Genossen auf die regierungs- sozialistischen Bestrebungen innerhalb der Konsum-Genossen- schafc und der Freien Volksbühne aufmerksai» gemacht. Ebenso wurde die skandalöse Entlassung des Gen. KaulSky aus der Redaktion der„Neuen Zeit' einer ausgiebigen Besprechung unterzogen. Ein Redner regte die Schaffung einer Bücherei an, zu der jeder nach eigenem Können bei- steuern möge, damit die Bildungsfragc am Ort in Angriff genommen werde. Die anregend verlaufene Versammlung atmete einen kanipffreudigen Geist und gibt die besten Aus- sichten für den Ausbau unserer Bewegung. Am Mittwoch, den 19. Oktober, finden 2 Bezirk-versammlungen statt und zwar bei Schnorre, Mahlsdorferstr. 1 und bei Ehrenberg, Elisabethstraße. Uereins-Ueranftaltungen. Zweiter Wahlkreis. Sonntag, den 14. d. M., findet für die Mitglieder eine Herbst Wanderung statt. (Grünau— Müggelberge— Friedrichshagcn.) Treffpunkt mittags 2 Uhr am Bahnhof Grünau. Nachzügler bis 4 Uhr im Restaurant Rübezahl. Um recht zahlreiche Be- teiltgung ersucht Der Bildungsansschuß. Gälte sind herzlich willkommen. Neukölln. Im Winterhalbjahr werden von der Stadt Neukölln in der Aula der Realschule, Boddin- straße 34/41, volkstümliche Vortragsabende und Kon- zerte veranstaltet. Dienstag, den 16. Oktober, abends 8 Uhr, spricht Privatdozent Dr. Hans Spethmann über: Der Kanal und die Ostküste Englands— London und die Londoner. Lichtbildervortrag. Platzkarten und Garderobepgebühr 29 Pf. Karten zu dem Vortrage sind im Sekretariat, Neckarstr. 3, zu haben. Gewerklchastshaus, Saal 4. schlössen, als ein Staatsstreich der Kadetten aufgefaßt. Jetzt zeigt es sich, daß die konterrevolutionäre Verschwörung bis in die Spitzen der kleinbürgerlichen Demokratie reichte Wenn als Resultat der Ueberzeugung von der Teilnehmer- schaft der Kadetten an dem Kornilowschen Staatsstreich die Forderung erwuchs: fort mit den Kadetten aus der Regierung, so wird sich auS den neuesten Enthüllungen ergeben. daß keine revolutionäre Regierung iusamrnen mit den Vertretern des rechten Flügels der kleinbürgerlichen Demokratie möglich ist. Die Krise, die durch die demokratische Ve» ratung in Petrograd im Moment, wo wir den Artikel schreiben, gelöst werden soll, reicht viel tiefer, als man angeblich annehmen konnte. Und deshalb ist es unwahr- scheinlich, daß sie auf einem Anhieb gelöst werden könnte. Sie wird nach aller VorauSstcht den Charakter einer schleppenden Krankheit annehmen. Das Lager des Sozial- Patriotismus ist völlig zerbröckelt. Die Menschewicks allein lind in nicht weniger als 3 Gruppen zerfallen. Die Sozialisten- Revolutionäre ebenso. DaS kann Kerenski ermöglichen, sich noch eine gewisse Zeit zu halten. Seine Presse erklärt offen, daß die Menschewicks und die Sozialisten Revolutionäre zu keiner einheitlichen Entscheidung gelangen werden, und daß ihnen nichts andere» übrig bleiben wird, als Kerenski bei der Gewalt zu lassen. Aber die Ver- schleppung der Krise wird nur dazu führen, daß ihre Lösung desto radikaler ausfallen wird. Während da» sozialpatriotische Lager bei lebendigem Leide zerfällt, sammeln sich um die BolschewickS alle revolutionären Kräfte. Es handelt sich dabei keinesfalls um eine vorüdargchende Stimmung unter dem Eindruck des Kornilowschen Staats- streicheS. Die vollkommene Unfähigkeil der Loalitions- regierung irgend was zur Aufhaltung der wirttschaftlichen Zersetzung zu tun, das wachsende Mißtrauen der Volks massen, das ist der Boden, auf welchem der Bolschewis mus immer stärker wird. Richtet sich auf der demokratischen Beratung die kleinbürgerliche Demokratie nicht auf, nimmt sie keine scharfe Wendung nach linkS, dann wird jede friedliche Lösung der Staatskrise unmöglich. Die Partei des. revolutionären Proletariats wird dann auch der Nein- bürgerlichen revolutionären Elemente, oder sie werden ge- nötigt sein, neue revolutionäre Parteien zu bilden, die ihre Interessen vertreten und nicht verraten werden, wie es die Führer des SozialpatriotiSmuS tun. Die Entpuppung des populärsten Führers der kleinbürgerlichen Demokratie Kerenskis, als eines Verschwörers gegen die Volksmassen, wird diesen Prozeß ungeheuer de- schleunigen. Aus de« Gewerkschaften. Die Bäcker streben seit' Jahr und Tag das Verbot der Nachtarbeit an, sie wollen TageSarbeit leisten. Dadurch erst wird cS auch den Bäckereiarbeitern ermöglicht werden geordnete Verhältnisse im Berufe und auch für sich selbst bessere Zustände herbeizuführen. Der Widerstand, der den Forderungen der Bäcker entgegenstand, ist durch den Krieg gebrochen worden. Und es geht auch so. Wichtig ist aber, für eine gesetzliche Festlegung des Nachtbackverbotes zu sorgen. Diese Festlegung muß aber bald erfolgen, es liegt kein Anlaß zu einer Verschiebung vor. Auch die große Mehrheit der Meister ist für diese Maßnahme. Um der Forderung deS NachtbackverboteS mehr Nachdruck zu geben, hatte kürzlich der Verband der Bäcker und Konditoren eine roße � öffentliche Versammlung einberufen, um zu der Frage erneut Stellung zu nehmen. In der Versammlung erklärte ein Vertreter vom Reichsamt des Innern, daß in der Absicht der Regierung, einen Gesetzentwurf über das Nachtbackverbot dem Reichstage vorzulegen, eine«ende- rung nicht eingetreten sei, nur könne im Hinblick auf die Veränderungen im Reichsamt über den Termin noch nichts Näheres mitgeteilt werden. In einer Resolution, die einstimmig angenommen wurde, erklärten die Versammelten, sie erwarten von der Neichsregierung, daß sie das wiederholt in Aussicht gestellte Nachtbackverbor b a l d i g st erläßt, oder daß ein endgültiger Entwurf den geseggebenden Körperschaften zur schleunigen Verabschiedung zugeht. Es ist dringend erforderlich, dag sowohl ole Groß- als auch die Mittel- und Kleinbetriebe sich schon jetzt auf die Friedenswirtschaft einrichten und shre ganze Betriebsführung auf die dauernde Beseitigung der Nachtarbeit einstellen können. Die Bäckereiarbeiter, zu denen jetzt wieder Tausende älterer Berufsarbeiter ge- kommen sind, die früher von der Bäckerei abgestoßen wurden, da sie sich infolge der dauernden Nachtarbeit keine Familie gründen konnten, haben das Recht, nun bald zu erfahren, ob sie nach dem Kriege wieder zu einem Be- rnfswechsel gezwungen werden sollen. Die Bäckereiarbeitcr sind nicht gewillt, sich allen, von jedem einsichtigen Sozial- Politiker und von jedem Arzt ohne weiteres zugegebenen schweren Schädigungen der Gesundheit durch die Nacht- arbeit wieder auszusetzen. Sie haben den Unterschied zwischen Tag- und Nachtarbeit kennen gelernt und wollen deshalb die für das Gewerbe durchaus nicht notwendige Nachtarbeit unter keinen Umständen wieder auf sich nehmen. Internationaler Arbeiterschuh» Die englischen, französischen, belgischen und italienischen Gewerkschaften hatten im September 1916 an die deutsche General- kommission der Gewerkschaften das schriftliche Ersuchen Sowjets, die Soldalenorganisationen, auf den Plan getreten gerichtet, gemeinsam mit ihnen Arbeiterschugforderungen sind, daß die Arbeitermasse und die Soldaten zum Kampfe j für die künftigen Friedensverträge aufzustellen. Die deutsche Generalkommission hat damals die von den ausländischen Gewerkschaftsführern ausgestreckte Hand verächtlich beiseite geschoben und deren Schreiben in den Papierkorb geworfen. Den deutschen Gewerkschaftsmitgliedern ist es bis zum Ma 1917 verheimlicht worden. Diese Tatsachen sind in der im Verlage der Letp�iaer Buchdruckerei-Aktiengesellschaft erschienenen Broschüre über „Tie Neuorientierung der Gewerkschaften" festgestellt worden. Sie sind jetzt Legien und seinen Freunden sehr unangenehm. Die berüchtigte„Internationale Korrespondenz" lägt daher alle ihre BerdrehungSkünste spielen, um den wirtlichen Sachoerhall zu verwischen. Sie tut jetzt so, als ob das Schreiben der ausländischen Gewerkschaftsführer im Ottober 1916 im„Grundstein", dem Organ des BauarbeilerverbandeS, mitgeteilt worden sei. Das ist durchaus unwahr. Der .Grundstein" hat damals lediglich gesagt, dag die franzö- sischen GewerkschaftSblätter für die Friedensverträge bestimmte Arbeiterschugforderungen aufgestellt hätten und daß die englischen»ewerkvereine an di» englische Regierung eine ähnliche Forderung gestellt haben. Der„Grundstein" schloß seine damaligen Ausführungen: „Nach diesem furchtbaren Kriege loerden die besitzenden Klassen aller Länder so viel andere Aufgaben lösen wollen, daß für den Ausbau der sozialen Gesetzgebung keine Zeit und kein Geld übrig sein wird. Scho* jetzt deshalb die desonderen Arbeitecschutzforderunge» hervorzuheben, die Wünsche, auf deren Erfüllung die Arbeiterschaft aller Länder gercchteriveise Anspruch erheben kann, mit allem Nachdruck zu betonen, ist eine Aufgabe, der sich auch die deutschen Gewerkschaften nicht entziehen sollten." E» lag für die deutschen Gewerkschaftsführer außer- ordentlich nahe, den deutschen Gewerkschaftsmitgliedern in diesem Zusammenhange mitzuteilen, daß die ausländischen GewerkschaftSfüdrer die Bruderhand zu einer gemeinsamen Verständigung für dies« Dinge ausgestreckt haben. Kein deutsches Geiverkschaftsblatt hat diese Tatsache seinen Lesern berichtet. Erst im Mai 1917 hat die deutsche Generalkommission in ihrem„Korrespon- denzblalt" öffentlich eingestanden, daß sie damals d»Z Schreiben der ausländischen GeiverkschastSführer stikl- schweigend in de» Papierkord gwoorfm hat. Well die deutschen Gewerkschaftsführer jeueS VorständigungSanaedot so schnöde zurückgewiesen haben, wallen die autländsschsn GewerischaflSfiihrer(Schweizer, Frangosen, Behzier usw.) Herrn Legien nicht mehr mit de« Ehrenaint ein«; internationalen Sekretärs betrauen. Die Belgier, Engländer, Franzosen usw. sind daher unv au» anUttn Gründen auch nicht auf der internatioualen GewerkschastSkonferenz er- chienen, die auf Betreibe» LegienS Anfang Oktober 1917 in Bern stattgefunden hat. Eine Versammlung der Staatsaröeiter für die Ardeiter nud Arbeiterinne« der Königlich technischen Institute in Spandau fand am Sonntag, den 7. Okto- der, im Zirkus Schumann statt. Die Berhältnffe in den Werkstätten wurden einer eingehenden Besprechung unterzogen, insbesondere die Wahlen zu den Arbeiter- ausschüffen, die Behandlung und Be»ahlung. ES wurde beschlossen, den Direktionen neue Forderungen einzureichen. Die Stücklöhne sollen so festgesetzt weo« den, daß bei normaler Anstrengung die gelernten Ar-- beiter ch50 Mk., die Maschinenaröeiter 2,19 Mk. und die ungelernten Arbeiter 1,7S Mk. für die Stunde er- reichen können. Im Zeitlohn fordern die Handwerker 2,10 Mk., die Maschinenarbciter 1,70 Mk. und die un- gelernten Arbeiter 1,S0 Mk. für die Stunde. Für die Arbeiterinnen wurde ein Einstelnngslohn von 1 Mk. ür die Stunde gefordert, und wenn die Arbeiterinnen im Akkord beschäftigt sind, sollen die Stücklöhne so be- messen werden, daß bei normaler Arbeitsleistung 1,20 Mark für die Stunde verdient wird. Außerdem wurde noch eine Erhöhung der Zuschläge für Ueberstunden, Nacht- und Sonntagsarbeit verlangt. In der Aussprache wurde der mangelhafte Schutz ür die Arbeiterinnen gerügt und die Wiederher- tellung der im Kriege außer Kraft gesetzten Arbeite- rinnenschutzgesetze verlangt. Klagen wurden auch ge- 'ührt über die Lebensmittelverteilung. Im Mein liegt— Nr-jit! Uester L0 Prozent ist ein gewinn vom Aktienkapital hat im letzten Jahre der Trier-Ainzer- verein A.-G. herausgebracht. Sei« Aktienkapital be- trägt 199 009 Mk., der ausgewiesene Reingewinn stellt ich auf 104 0SS Mk.— In Jugenheim in Rheinhessen löste ein Weinvcrgspüchter auS seiner Ernte Itz vhh Wtk„ er zahlt jährlich 400 Mk. Pacht. Sin anderer Pächter in Neustadt a. H. erzielte auS seinen Bergen 10000 Mk.? die zu zahlende Pacht beträgt 900 Mk. Für 100000 Mk. erwarb vor einigen Jahren ein Herr Matern das Weingut Anöree in Hardt? die ganze Knussumme hat der Mann in diesem Jahre herausgeholt. Man sieht: im Wein liegt Profit! Ans der Zelt. Wie dt« Vaterlands-Partel Arbeitermitglieder „gewinnt". In dem kleinen westpreußischen Städtchen Manenwerder ging dieser Tage ein Reserveoffizier in den Fabriken, in Begleitung der Geschäftsleitung von Arbeits- vlatz zu Arbeitsplatz und suchte die Arbeiter als Mitglieder •ür die Vaterlands-Partei zu gewinnen. Da diese Arbeiter meist Reklamierte sind, so erhoffte man von diesem sanften Druck sicheren Erfolg. Jedoch den Arbeitern, selbst den Reklamierten, war die Sache doch zu dumm. Der Herr Reserveofstzier holte ich eine kräftigt Abfuhr, nur ein paar alte Mummelgreise gingen bei diesem Fischzug ins Netz! Redaktionsschluß: Jeden Dienstag Abend. Verantw. Redakteur: C. Leid? Verleger A. Hoffmann) beide Berlin O. 27, Schicklerstraße ö. Druck: Maurer& Tiumuck, Berlin, Köpenicker Str. ZS-3S,