A nMellungs-Blaff its Verbandes der sozialdemokratischen Wahlveretne Berlins und Umgegend. 3* beziehen durch die BezirKefShrer die Rümmer z» 10 Pf.»der durch die Post.— Reduktion n. Verlag: 0. 27, Schicklerstr. 6. Fernruf: Alexander, S007. Nr.«. Berlw, de« 12. Mai ISIS. 1Z. Jahrgang. Memngen gegen Möen mS volksrechte. Gegen die»gefährliche Kadikalisternng" Preußens. Das Wort„Sicherungen" spielt jetzt in der inneren und äußeren Politik Deutschlands eine große Rolle. Seine häufige Anwendung widerlegt den Ausspruch des Glücksritters Riccault de la Marliniere in Lessings„Minna von Varnhelm", daß die deutsche Sprache„ein plump Sprak" sei. Rur böswillige Verleumdung kann behaupten, daß es bei uns Leute gibt, die Annexionen wollen. Nein, man will nur„Sicherungen" in Ost und West. Nur Narren können meinen, daß das, was in der Ukraine, in Estland usw. vor sich geht, mit den Friedens- oder ,,Freundschasts"-Verträgen, deren Tinte kaum trocken geworden ist, nicht recht in Einklang stehe. Nein, man will nur„Sicherun- gen" haben, daß die Ukraine ihren Lieferungsver- pflichtungen nachkommt und daß in Eftland der anarchische Zustand aufhört und Gott weiß, was sonst noch für„Sicherungen" notwendig sind. Ganz falsch ist aber die Meinung, daß die preußische Re- gierung und die bürgerlichen Bundesbrüder des Regierungssozialismus an dem gleichen Wahlrecht henimzwackte und-zwickte. Nein, man will nur „Sicherungen" haben, die, wie Herr Staats- minister Dr. Friedberg sagte,„die unangenehmen Folgen eines gleichen Wahlrechts ausschließen". Am 2. Mai hat das preußische Abgeordneten- haus mit 235 gegen 183 Stimmen das gleiche Wahlrecht, so wie es im Regierungsentwurf vorge- sehen war, abgelehnt. Das Pluralwahlrecht mit seinen sieben Stimmen für Alter, Besitz, Bildung usw. ist mit 232 gegen 183 Stimmen angenommen worden. Das geschah in der zweiten Lesung. Die dritte Lesung steht noch bevor. Die Regierung hat die Absage der Wahlrechtsfeinde ruhig eingesteckt, sie hat bis jetzt auch auf den Theaterdonner des Negierungssozialismus gepfiffen, der in der Toga des Volkstribunen die Auflösung des Abgeord- netenhauses verlangt. Die Hertling, Friedberg usw. werden so leicht nicht ihre besten Freunde vor den Kopf stoßen. Außerdem ist die allgemeine Situation auch nicht derart, daß die maßgebenden Stellen sich um das Aschenbrödel Demokratie in Unkosten stürzen sollten. Kein Mensch weiß heute, was bis zur dritten Lesung aus der„Demokrati- sierung" Preußen-Deutschlands werden wird. Aber Graf Hertling hat, wie wir in der vorigen Rum- mer mitteilten, angedeutet, daß er mit sich reden lasten werde. Und wir armen Sterblichen haben ja keine Ahnung, was in diesen Tagen hinter den Kulisten zwischen Regierung und den verschiedenen bürgerlichen Parteien gekuhhandelt werden mag. Graf Hertling hat keinen Zweifel daran gelassen, daß er über das Thema„Sicherungen" zu weiterer Diskustion gern bereit sei. Der Arbeiterschaft kann nicht oft genug gesagt werden, gegen wen sich das harmlose Wort„Siche- rungen" richtet. Die Reaktionäre sprechen von einer gefährlichen Radikalisierung Preußens: das heißt in allgemein verständliches Deutsch über- tragen: Die„Sicherungen" sollen der Arbeiter- schaft, dem werktätigen Volke, die Waffe des glei- chen Wahlrechts zu einem Pappschwerte wachen, mit dem man wohl martialisch herumfuchteln, aber seinen Gegner nicht weh tun kann. Darum sind schon in dem Regierungsentwurf selbst eine hübsche Anzahl„Sicherungen" eingebaut worden. Allein der kluge Mann baut vor. Wie man draußen nicht genug„Sicherungen" haben kann, so auch drinnen. Nach dem 2. Mai ist man eifrig am Werke, neue.,Sicherungs"pläne zu entwerfen. Da diese in der Hauptsache vom Zentrum ausgehen, dürfki» Graf HertNng ihnen nicht ganz ahnnngs- los gegenüberstehen. Eine solche neu ausgeknobelte „Sicherung" ist z. V. der Zentrumsantrag, nach dem eine Aenderung der Wahlkreiseinteilung Preußens nur dann vor sich gehen kann, wenn da- für eine Zweidrittel-Mehrheit im Abgeordneten- Hause zustande kommt. Das heißt in der Praxis: die Bevorzugung des platten Landes, d. h. des agrarischen Elements gegenüber den Städten und Industriezentren soll möglichst verewigt werden. Denn die guten Rechner des Zentrums wissen ganz genau, daß das„gesicherte" gleiche Wahlrecht keine „radikalisierte" Zweidrittel-Mehrheit zustande kommen läßt. Eine weitere, vielleicht noch bösartigere „Sicherung" ist der Zentrumsantrag, nachdem alle die katholische wie protestantische Kirche sowie die Volksschule betreffenden Beschlüsse und Gesetze ebenfalls mit Zweidrittel-Mehrheit gefaßt und angenommen werden müsten. Das heißt, die Welt- anschauung der Kinder der Arbeiterschaft soll viel- leicht noch mehr als jetzt in die spanischen Stiefel des protestantischen und tatholischen Glaubens- zwanges eingestellt werden, das„demokratisierte" Parlament soll als Bollwerk gegen eine geistige Radikalisierung der Masten dienen. Daneben soll die Kirche unter parlamentarischer Deckung die ordnungstützende Rolle im Obrigkeitsstaate weiter- spielen, die sie einst im absolutisttschen Polizei- staate frei und unverhüllt gespielt hat. Damit würben die Dunkelmänner beider Konfessionen den viel umstrittenen sozialdemokratischen Programmsatz in ihrer Weise interpretteren, wobei auch die kümmerlichen Ansätze von Eeistesfreiheit unter den Schlitten kämen. Eine weitere„Sicherung" will dann das Zen- ttum unter Zuhilfenahme des Herrenhauses er- richten. Bei Meinungsverschiedenheiten über den Staatshaushalt zwischen Abgeordnetenhaus und Herrenhaus soll in einer gemeinschaftlichen Sitzung beider Häuser entschieden werden. In solchen Fällen würden natürlich die 510 in der Hauptsache agrarischen und großkapitalistischen Stimmen des Herrenhauses das Abgeordnetenhaus majorisieren. Die schönsten Reden von vielleicht 100—120 sozial- demokratischen Abgeordneten wären dann in wich- ttgen politischen Fragen bloße Lufterschlltterun- gen; bei entscheidenden Abstimmungen würden die Vertteter der Arbeiterschaft an die Wand gebrückt. Es ist zurzeit nicht abzusehen, was aus diesem „Sicherungs"-Kuddelmuddel herausspringen wird. Soviel steht aber fest, daß es mit der.IZelten- wende", von der der„Vorwärts" einmal in bezug auf das Wahlrechtsversprechen schrieb, Essig ist. Denn die Welt wendet sich nicht so leicht, wie Herrn Stampfer die Tinte aus der Feder läuft oder die Neuorientierungstiraden dem Gehege der Zähne Scheidemanns entfliehen. Die Wahlrechtsfeinde der verschiedenen politischen Schattierungen han- deln, wie sie ihren Klasteninteresten entsprechend handeln müssen, und die Regierung ist zu sehr Fleisch vom Fleische dieser Klassen, als daß sie der Demottatie nur auf gutes Zureden hin die Bahn frei macht. Da muß die Arbeiterklasse schon mit der gleichen Energie ihre Klasseninteressen ver- fechten und für diese„Cicherungs"-Mittel anwen- den, die dem Wesen des proletarischen Kampfes entsprechen. Dabei wird sie allerdings bald mer- ken, daß ihr Ringen um die politische Macht sich nicht auf die schwarz-weißen Landesgrenzen be- schränken kann, daß der preußische Wahlrechts- kämpf heute nur noch eine Teilerscheinung des großen Ringens mit den imperialistischen Gewal- ten ist. Verlin, denk. Mai 1918. Der Regierungssozialismus möchte den Wahl- rechtslampf gern nur zu einer Katzbalgerei inner- halb des preußischen Pferchs herabdrücken. Seine Sünden auf dem Gebiete der Kriegspolitik läh- men ihm auch hier den Arm und wenn er auch noch so sehr in seine preußische Alarmtrompete bläst. Der bürgerliche Demokrat voix Gerlach hat schon recht, wenn er in bezug auf das regierungssozia- listische Verhalten zu den letzten Vorgängen im Abgeordnetenhause schreibt:„Der Artikel, mit dem der„Vorwärts" die rettungslose Blamage der von ihm bisher gestützten Regierung komipenttert, ist so ziemlich das Traurigste an Halbheit, was die Scheidemannsche Sozialdemokratie im Kriege pro- duziert hat." Die Grenzen des ParlamentarivMNs. Die lebhaften Erörterungen über die preußische Wahlrechtssrage hat das Problem der Stellung des Pro- letariats zum Parlamentarismus überhaupt in den Kreisen der Parteigenossen stärker in den Vordergrund gestellt. Wir haben stets betont, daß der Parlamen- tarismus des kapitalistischen Klassenstaates bestimmte Errnzen hat. deren klare Erkenntnis vor einer Ueber- schätzung und vor einer Unterschätzung der parlamentarischen Tätigkeit bewahrt. Es seien daher hier einige Gedanken über die Grenzen des Parlamentaris- mus angeführt. Zu den vielen störenden Erscheinungen, die den proletarischen Klassenkampf trüben, kommen auch noch solche, die im Wesen des Parlamentarismus selbst liegen. Es ist das, was K. Marx in seiner scharfen Weise als„parlamentarischen Kretinismus" bezeichnete. Räch Marx tritt für den Parlamentarier alles, was sonst geschehen mag, industrielle Umwälzungen, technische Revo« lutionen, Kriege, alles, was die Well bewegt, tn de« Hintergrund gegenüber jener Frag«, die gerade in dem gegebenen Augenblick das hohe Hau» beschäftigt. Ee offenbart sich hierin der Gegensatz zwischen der schein« baren Macht und der wirklichen Schwäch« des bürger« lichen Parlaments. Die Macht des Parlaments ist tn der tapttaltstischen Gesellschaft mannigfach eingeschränkt. Bor allem durch den kapitalistischen Besitz. Dadurch werden die wirtschaftlichen Verhältnisse, die all« andere» sozialen Beziehungen bestimmen, in großen Stücken dem Wir« kungskreise des Parlamentes entzogen. Der Zusammen« hang dieser Verhältvisse mit der Polltik ist so groß, daß der kapitalistische Staat selbst zu immer schärferen Ucbergriffen in das Gebiet des kapllalistifchen Privat- eigentums sich veranlaßt steht. Immerhin bleiben aber die Beziehungen zwischen dem kapitalistischen Besitz und dem Staat noch immer derartige, daß das Parlament durch die kapitalistische Produktionsentwicklung vor fer- tige Tatsachen gestellt wird. So bewegten sich vor de« Kriege die Debatten des deutschen Reichstages jähr- zehntelang im Fahrwasser der M ittelstandspolitik, er wollte das Handwerk retten, die Börse einschränken, und kam auf einmal, fast unbemerkt für sich selbst, unter dem Einfluß der kapitalistischen Protmttionseutwicklung zu einer weltlapitalistifchen Kolonialpolttik mit der Börse an der Spitze. Nicht anders vollzog fich in Amerika der Uebergang von Demokrati« zum kapitalistischen Imperialismus. Der Wechsel der parlamentarischen Szenerie ging so rasch vor sich wie auf einer Drehbühne. Die zweite Beschränkung der Macht des Parlaments liegt in der Beschränktheit d,s Staates selbst. Bei den Kleinstaaten steht man das ohne weiteres. Die Kleinstaaten sind in ihrer ganzen sozialen Entwick- lung von den Droßstaaten abhängig. Aber auch die GrcWaatest werden immer mehr zur Bedeutung von Kleinstaaten herabsinken tn dem Maße, wie die Welt- zujummeilhäuge der kapitalistischen Produktion sich er- weiter». Wo, wie«» in Nordamerika vor dem Kriege tn Srsch«im!ng trat, der kapitalistische Privatbesitz und die kapitalistische Weltwirtschaft sich vereinigen, tritt die Machtlostgkeit des kapitalistischen Sioates und des Pcrfanexres erst recht i« ein besonders grelles Licht. S- bei den xretzea Trusts. Sine weitere Sinschränkung des Parlamentarismus ergibt sich aus der Teilung zwischen der gesetz- gebenden und der vollziehenden Gewalt. Selbst wo die Minister von dem Parlament gewählt «erden, bildet doch der Reglerungsapparat mit seiner Beamtenschaft und Armee eine mehr oder weniger selb- ständige politische Macht. Dazu kommen die Hemmungen des Einflusses des Parlaments, die sich in verschiedenen Ländern aus der Verfassung ergeben. Sie gipfeln in dem Uebcr- gewicht der Regierungsgewatt und in der Einschränkung selbst der gesetzgeberischen Tätigkeit des Parlaments. Die wichtigste Beschränkung der Macht des Par- laments liegt aber in seiner Eigenschaft als V e r° tretungskörperschaft. Die Abstimmung im Par- lament gibt die formelle Entscheidung— wir sehen hier von konstitutionellen Einschränkungen ab. Aber diese Wsiimmung ist aus alle Fälle nur eine Macht, wenn sie von einer Macht außerhalb des Par- laments unterstützt wird. Also auf diese kommt es an. Wird schon der Parlamentarier durch seine ezpo- vierte Stellung zur Ueberschätzung seines Einflusses verleitet, so wird er in dieser Ueberschätzung ungemein durch die parlamentarische Illusion bestärkt, dag daq Stimmenverhältnis im Parlament dem politischen Kräfteverhältnis im Laad« entspricht Das ist aber durchaus falsch. Eeschwrigc schon von dem Wahlrecht, der Wahlkretseinteilung und der Wahlmache der Regie- rung und der herrschenden Parteien, die so wirken, daß bis jetzt noch in keinem Land« der Welt auch nur eine einzige Parlamentswahl unverfälscht herauskam, bestehen die politischen Machtsakroren eines Staates keineswegs blo'z aus Wahlstimmen. Die wirtschaftliche Macht der Kapitälistenklaffe ist zugleich ein politischer Machtfaktor. Die Banken und die Börse infolge ihrer herrschenden Stellung im kapi- talistischen Verlehr und infolge der finanziellen Ab- hängigteit des Staates vom Geldmarkt sind ein poltri- scher Machtsaktor für sich. Die Regierung ist ebenfalls ein Machtfaltor für sich. Di« Armee. Das Beamten- tum. Dann kommen die verschiedenen Volksschichten mit ihrer Stimmenzahl und ihrem sozialen Einfluß. Schließlich die Arbeiterschaft, die— vom parlamentari- schen Gesichtspunkt aus— nur ihre Stimmen in die Wagfchale zu werfen haben. Alle diese Faktoren machen sich geltend bei den parlamentarischen Abstimmungen, so daß diese vielmehr das Maß der Interessenkonflitte innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, als das Ver- hältnis der Voltsmasten zueinander wiedergeben. Das politische Kräfteverhältnis vollends wird nur offenbar, wenn die wirkenden Faktoren im offenen Kampf gegen- einander sich mesten. Deshalb und weil die parlamen- tarischen Abstimmungen auf dem plumpen Gegensatz von Majorität und Minorität beruhen, kann eine starke Ver- änderung im Lande eintreten, ohne die parlamentari- schen Entscheidungen wesenUich zu beeinflussen. Das Parlament ist also keine selbständige politische Macht. Das höchste, was es sein kann, ist der Anzeiger der politischen Tendenzen und Stimmungen im Volke, das politische Barometer. Aber auch als solches ist es höchst unvollkommen. Denn zu alledem kommt, daß die parlamentarische Fraktionen, obwohl sie Interestenver- tretungen sind, auch noch ihren eigenen Gesetzen folgen, die sich aus der politischen Ileberlieferung, aus dem Geist der Führer und aus tausend Zufälligkeiten ergeben. Run denke man sich aber einen Laubfrosch, der sich einbildet, daß er das Wetter macht, und man wird sich ungefähr die Selbstgefälligkeit vorstellen können, mit welcher der eingefleischte Parlamentarier über die Ee- schicke de? Voltes zu entscheiden glaubt Soweit auch sozialdemokratische Parlamentarier von dieser politischen Autosuggestion betroffen werden, äußert sich das darin, daß sie sich gewöhnen, die par- lamentartsche Behandlung als den Gipfelpunkt einer politischen Aktion, die parlamentarische Abstimmung als politische Entscheidung zu betrachten. Einem solchen scheint die Welt vernagelt zu sein, die Geschichte stellt ihren Lauf ein, alle Kräfte ruhen, nichts kann ge- schehen und jedes Hoffen ist vergebens,— wenn sich im Parlament dafür nicht eine Mehrheit findet. ••* Wenn wir in Vorstehendem einigen Gedanken Aus- druck gegeben haben, die gegen eine Ueberschätzung des Parlamentarismus sprechen, so soll damit nicht einer Unter schätzung oder gar einer Verwerfung des Par- lamentarismus das Wort geredet werden. Der prole- tarische Kampf bedarf auch des parlamentarischen Terrain», nur soll das Proletariat nicht meinen, daß ihm hier die letzten der reifsten Früchte seines Strebens heranreife«. Es wäre aber eine Art politische« Selbst- mordes, wollten die Arbeiter die politischen Interessen- Vertretungen des kapitalistischen Staates, die biir- gerlichen Parteien hübsch unter sich lasten. Rein, wie ein Pfahl i« Fleische muß die parlamen- tarische Vertreterschaft des Proletariats im bür- gerlichen Parlamente sitzen. Die Parlamentstribüne muß die Kanzel sein, von der aus die Arbeiterklaste aufge- rüttelt wird, und an Reformen muß herausgeholt wer. den, was nur immer herausgeholt werden kann, so- weit dadurch der Kampfeswillen und die Kampfkraft des Proletariats gestärkt werden können. Das wird in einer Zeit, in der der Imperialismus das Bürgertum mehr und mehr zu der einen reaktionären Mäste zusammenschweißt, nicht viel sein. Darum gehört der Kampf gegen parlamenta- rische Illusionen und alle Bestrebungen, die darauf hinauslaufen, die Arbeiter mit Scheinerfolgen einzu- lullen, zu den wichtigsten Eegenwartsausgabe« des internationalen Sozialismus. Zur GeWerKschastsfrage. Aus Eewerkschaftskretsen wird uns ge- schrieben:„Die Zentralleitung der ll. S. P. hat eine Erklärung veröffentlicht, welche vor dem Austritt aus den Gewerkschaften warnt und die Hoffnung ausspricht, daß es gelingen wüste, die Gewerkschaften wieder mit sozialistischem Geiste zu durchdringen. Die Eewerkschastsbürokratie wird hier als„Helferin" der Regierungspolitik bezeichnet, damit ist wohl die offizielle Regierungspolitik gemeint, denn sonst wäre diese Bezeichnung nicht zutreffend. Die Eewerkschaftsbllro- ttatie unter Führung der Generalkommistion ist An- stisterin zu der Politik, welche die Scheidemann und Genosten beschritten haben. Die Eeneralkommistion regiert nicht nur am Engelufer, sondern auch in der Lindenstraße. Wehe den Scheidemännern, wenn sie es wagen sollten, einmal gegen den Stachel zu löcken. Man gestattet ihnen wohl mal gelegentlich, radikale Worte zu gebrauchen, man achtet aber scharf darauf, daß die Taten dem Wesen der burgftiedlichen Reformpolitik entsprechen. Konsequent wie die Gewerkschaftspolitik immer ist, hat sie für ein Mittel gesorgt, um ihren politischen Wün- schon Nachdruck zu verleihen, und das ist in diesem Falle der Volksbund für Freiheit und Vaterland. Die Zenttalleitung der U. S. P. hat recht, wenn sie es für falsch erklärt, wenn die Parteigenosten den Gewerkschaften den Rücken kehren» das heißt ohne Kampf das Feld räumen, aber die Zenttalleitung muß dann auch einen Schritt weiter gehen, sie muß der Oppo- sttion in den Gewerkschaften den Rücken stärken. Das Wort„Parrei und Gewerkschaften sind eins" hat ja gegenwärtig keine Geltung mehr, weil zwei Parteien bestehen und die Gewerkschaften sich für die Regierungssozialiften und gegen uns erklärt haben, wenn auch nicht in voller Einmütigkeit, so doch die maß- gebenden Instanzen. Für uns soll Partei und Gewerkschaft in Zukunft aber eins sein und nicht nur in Worten, sondern auch nach den Taten, sie muß diese Einheit aufbringen, wenn die Arbeiterbewegung ihren historischen Aufgaben gerecht werden will, wenn sie den Kampf gegen die kapitalistische Gesellschaft erfolgreich mit allen ihr zu Gebot« stehen- den Mtteln führen will. Dir Opposition in den Gewerkschaften hat einen schweren Stand, da die Machtmittel, über welche die Gewerkschaftsleitungen verfügen, noch weit größer sind, als es in der Partei der Regierungssozialtsten der Fall ist Diese Machtmittel der Eewerkschaftsinstanzen und die Einrichtungen der Gewerkschaften, welche mit Demo- kratie, nur wenig gemein haben, verhüten das Ein- dringen der Opposition, namentlich wenn diese sich erst entwickeln muß. Bettachtet man die Bewegung in den Gewerkschaften, so muß man zu dem Resultat kommen, daß die Fort- schritte der Opposttion sehr minimal find, trotzdem die Stimmung für uns durchaus nicht ungünstig ist. Dies hat seine Ursache darin, daß die Opposttion zersplittert ist Wir mästen, wenn wir die Gewerkschaften an Haupt und Gliedern reorganisieren wollen, die Oppo- sttion sammeln und für den schweren Kampf, den sie in ihren Gewerkschaften zu führen haben, Waffen liefern und schulen. Jetzt kämpft in jeder Gruppe, jeder Mitgliedschaft, Zahlstelle oder Branche die Opposttion für sich auf eigene Faust und so fehlt un» ein genauer Ueberblick über das Terrain, das wir bis jetzt erobert haben. Dies muß anders werden. Die Zufammenfastung der Opposttion ist Vorbedingung für«in schnelles erfolgreiches Vordrin- gen. Es kann dies auf folgende Weife geschehen. Die Opposttion einer Ortsgruppe oder Mitglied- schaft muh sich zusammenfinden, um erst ihre Kräfte kennen zu lernen. Dann müsten Vertreter jeder Eewerk- schaft des öfteren zusammentreten und so eine Berbtn- dung der Eesamtopposition am Ort« herstellen,»etch, planmäßig arbeiten kana. Geschieht die» a« alle« Orte«. so ist die Verbindung geschaffen, es fehlt dann nur noch eine Zentralstelle, welche die Veibindung mit den ein- zelnen Orten herstellt Diese Zentralstelle hat dann eine genaue Uebersicht über jede einzelne Gewerkschaft und der Gesamtbewegung, sie kann alle Vorginge beobachten und in geeigneter Weise, wo ersorderlich, eingbbisen. Heute kennen sich die Eewcrkschaftsgenosien einer einzelnen Gewerlschaft ja nicht einmal; die eine Gruppe weiß nicht, was in der anderen vorgeht Die Eewerk- fchaftsorgane hüten sich natürlich, objektiv zu berichten. Die Zentralstelle hätte also auch die Aufgabe, als Mate- rial- und Informationsstelle zu funktionieren. Man wird diese Einrichtungen als Spaltungsaktio- nen vcrfehmen, doch dies wird uns nicht hindern, den Kampf für eine internationale klassenbewußte Politik planmäßig zu betreiben. Wenn wir diesen Weg beschreiten, dann werden auch unsere Genossen bei der Stange bleiben und sich um das Banner der Opposttion scharen. Es wird ein harter Kampf werden, denn es stehen sich ja Welt- anschauungen gegenüber, man wird mit dem beliebten Betäubungsmittel der gewerkschaftlichen Neutralität kommen, das ja immer hervorgeholt wird, wenn die Politik des wahrhaft proletarischen Klassenkampfes pro- pagicrt wird. Da dies uns ebenfalls nicht abhalten wird, unser Ziel zu verfolgen, so kann auch in den Gewerkschaften der Zeitpunkt kommen, wo die Opposition als außer- halb der Gewerkschaften stehend bezeichnet wird, denn die Legten, Bauer und Genossen haben ja an den Vor- gängen in der Partei und der Fraktion nicht geringen Anieit Diese Tatsachen nicht sehen zu wollen, hieße den Kopf in den Sand stecken. Aber gerade um allen Eventualitäten begegnen zu können, muß die Opposition gesammelt werden. Nur dann wird sie in absehbarer Zeit da» Feld behaupten. Ate enzUlcheu Frauen kümpftn weiter. Die englischen Frauen haben das politische Wahl« recht, wenn auch in befchräicktercm Unisange als die Männer, erstritten. Ihr Sieg ist der vorlausige Ad. schluß von iahczehntclangen Heiben Kämpfen, die in den letzten Jahren vor dem Krieg mit ecner Erbiite- rung von beiden Seiten gefiihtt wurden, die sich kaum noch steigern teß. Aber haben die Frauen nun ihr Endziel erreich»? Können sie zurü.kscyauen aas ihre Arbeit und sick der Ruhe freuen? lteinesmegs Die Frage scheint noch nicht mit voller Klarheit beantwortet zu sein, ob die Frauen das Rechi auf Sitz und Stimme im Parlament haben. Das aktive Wahlrecht ist ihnen zugestanden, um das passive muß noch gerungen werden. Und die englischen Frauen benutzen die erste sich bietende Gelegeilheti, um einen Vorstof! in dieer Richiung zu unternehmen. Miß Aina Boyle. eine der Vorkämpferinncil in der FraucmFreiheits-Liga, macht den Versuch, sich bei der ersten Nachwahl im Kreise Keighly als Kandidat aufsteiten zu lassen. Per- weigert der Wahlbeamte die Anerkennung ihrer Er« Nennung, so steht es Miß Boyle frei, sich an den Gerichtshof zu wenden, um eine Entfcheidung zu er- langen. Die Sache kann dann weitergehen an den Appellationsgerichtshof und an das Haus der Lords. Die Durchführung dieses Kampfes hätte nicht allein den Wert, Klarheit über die Rechte der Frauen zu schaffen, sie würde auch dazu beitragen, das Interesse der Frauen wachzuhalten und so in hohem Maße agitatorisch wirken. Der Wahlbeamte hat bei der Erledigung dieser Angelegenheit ziemlich weitgehende Vollmachten. Bei ihm liegt die Entscheidung darüber, ob die Ausstel» lürtg im Widerspruch zum Wahlgesetz gcs6,ieht, und allgemein wird angenommen, dag er die Kandidatur Nina Boyles verweigern wird. Bei den allgemeinen Wahlen in England wird eine ganze Anzahl von Frauen sich aufstellen lasten, unter ihnen die Eencssinnen Snowden und Bond- ficld. Sie sehen muliq ihrem neuen Kampf ent- gegen:.Wenn die richtige Art Kandidatinnen ausge« stellt wird,' so meinte die«enosstn Snowden,.kann es keinem Zweifel unterliegen, daß das Land bereit ist, dieses alte männliche Vorrecht zu beseitigen.' Diese kampfesfrohe Stimmung unter den eng- lischen Genossinnen ist sehr zu begnitzen. Im polt« tischen Leben gibt es keine Ruhe, Stillstand ist Rück- schritt. Und in Vreuhen-Deutschland stehen wir still. Die preutzischcn»Herren" haben noch vor kurzem er- klärt, daß die Frauen nicht einmal die Sttmmberech- tiguna in den städtischen Deputationen haben sollen! Wahrbaftig, ein riesenhafter Unterschied zwischen den preußischen und den englischen Lordsl Aber nicht geringer ist der zwischen den englischen und den deutschen Frauen. Dort Kanipseseifer und Tatkraft — hier Indolenz und Gleichgültigkeit gegenüber den wichtigsten Fragen der Gegenwatt und Zukunft. Es wird Zeit, daß wir von den Frauen im Ausland lernen. GenraUtge Vervtögensbtldtmg. Gerade jetzt, wo man stch im Reichstag anschickt unter Schonung der durch unerhörte Kriegsaewinne g«. stärkten Schultern, der minderbemittelten Bevölkerung riesenhafte Lasten in der Form von indirekten Steuern aufzuerlegen, ist es angebracht, auf die beispiellose Ernte der Kapitalisten hinzuweisen. Als reiner Profit, dem keinerlei Gegenleistung gegenübersteht, fließen einigen Begnadeten viele Millionen zu.— Dir„Franks. Ztg.- sNr. Nsj verössentllcht eine Zusammenstellung über di« GelchSstsergebniss« von S Grotzbanleo aus de« letzte» zwei Iahren. Es handelt sich um die folgenden Unter- nehmen: Deutsche Bank, Diskonto-Gesellschaft, Dresdener Bank, Darmstädter Bank, Berliner Handelsgesellschaft, Commerz- und Diskontobank, National-Bank und Mittel- deutsche Kredit-Vank. Diese Gesellschaften zusammen er- höhten, von 1916 auf 1917, �hr: Aktienkapital um 9ö,00 Mill. auf 1350,00 Mill. Mk. den Reingewinn„ 25,15..„ 169,70„„ die Dividende„ 16,33„„ 125,15„„ die Tantiemen„ 8,69„ 23,37„ Ganz besonders ausfällig ist die Steigerung der Tan- tieme! wobei noch ja bemerken ist, dag die angegebene Summe nicht die Vorstandstantieme bei der mitbeteiligten Schaffhaujener Bank enthält. Angaben darüber fehlen. Nimmt man das Durchschnittseinkommen eines Ar- beiters mit 2600 Mk. an, dann müßten 85 000 Arbeiter ein ganzes Jahr schaffen, um den Betrag zu erlangen, der von den 8 Banken als Reingewinn Herausgewirt- haftet worden ist. Und die Aktionäre, die doch keinen Handschlag zu tun brauchen, bekommen gerade soviel, wie 62 000 Arbeiter bei dem angegebenen hohen Durch- ichnittsverdienst für eine ganze Iahrestätigleit an Lohn erlangen würden. Und das erarbeitete Einkommen wird mit schwer drückenden Steuern beladen, jedoch das mühe- los Erworbene soll möglichst geschont werden. Wer zweifelt noch daran, dag wir in der besten aller Welten leben? Koch- und Landes Verratsprozeß vor dem Reichsgericht. Der vereinigte 2. und 3. Strafsenat des Reichsgerichts beendete am Sonnabend nach jechstägiger Vor- Handlung einen Hoch- und Landesverratsprozeg gegen zwölf Personen männlichen und weidlichen Geschlechts aus der Dresdener Gegend, welche als Anhänger der Unabhängigen Sozialdemotraue verschiedene Flugschriften verbreitet hatten. Die Angeklagten, von denen drei noch nicht 18 Jahre alt sind, wurden verurteilt zu Zucht- hausstrasen bis zu acht Iahren und zu Gefängnisstrafen bis zu zwei Iahren sechs Deonaten. Im einzelnen wur- den verurteilt: 1. die Kontoristin Wella Henker aus Dohlen, 23 Jahre alt, wegen versuchten Landesverrats in zwei Fällen und Aufforderung zun» Ungehorsam gegen ein militärisches Verbot in zwei Fällen zu 2 Iahren 6 Monaten Zuchthaus! 2. die Fabrikarbeiterin Marga- rele Hahn aus Birtigt, 19 Jahre alt, wegen versuchten Landesverrats und 3. die Fabrikarbeiterin Gertrud Grub- ler aus Zauckerode, 20 Jahre alt. wegen oersuchten Landesverrats und Aufforderung zum Ungehorsam gegen ein miluärisches Verbot zu je einem Jahr 3 Monaten Gefängnis: 4. die Arbeiterin Marie Griesbach aus Dresden, 21 Jahre alt, wegen verjuchten Hochverrats, wegen verjuchten Landesverrats und Aufforderung zum Klassenkampf und zum Ungehorsam gegen ein militä- risches Verbot in zwei Fällen zu 4 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrenrechrsverlust: 5. die Bibliothekarin Margarete verw. Just aus Burgk, 27 Jahre alt, wegen rer>uchten Landesverrats zu ein Jahr 3 Monaten Ge- fängnts: 6. der Steindruckerlehriing Kurt Schäfer aus Dresden, 17 Jahre alt, wegen Betyilfe zum ver, achten Landesverrat zu 8 Monaten Gefängnis: 7. der Buch- Halter Willi Richter aus Dresden, 23 Jahre alt, wegen Beihilfe zum versuchten Landesverrat zu 1 Jahr 3 Mona- tcn Gefängnis: 8. der Zeichnerleyrling Arno Gruhl aus Dresden-Cotta, 17 Jahre alt, wegen versuchten Landes- verrats usw. zu ein Jahr 1 Monat Gefängnis: 9. der Luchdrucker Maximilian Hünig aus Dresden, 66 Jahre alt, wegen Veihilse zum versuchten Landesverrat in zwei Fällen sowie Aufforderung zum Klasienkampf und Ungehorsam gegen ein militärisches Verbot zu vier Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrenrechtsoerlust: 10. die Aiaurersehcfrau Minna Naumann aus Dresden, 36 Jahre alt, wegen Beihilfe zum versuchten Landes- verrat zu 1 Jahr 6 Monaten Zuchthaus: 11. der Kauf- mann Erich Lewinsohn aus Dresden, 26 Jahre alt, wegen Aufforderung zum Hochverrat, wegen versuchten Landesverrats sowie Aufforderung zum Klassenkampf und Ungehorsam gegen ein militärisches Verbot zu 8 Jahren Zuchthaus und 10 Iahren Ehrenrechts verlust: 12. der Klaoierbauerlehrling Walter Schotola aus Deuben, 16 Jahre alt, österreichischer Staatsangehöriger. wegen versuchten Landesverrats zu 2 Jahren 6 Monaten Gefängnis. Den Angeklagten Henker, Grübler, Gries- dach, Just, Gruhl und Naumann wurden je 6 Monate der erlittenen Untersuchungshaft auf die Strafe ange- rechnet, den Angeklagten Hahn und Schäfer je 1 Monat, den Angeklagten Richter und Schotola je 2 Monate, dem Angeklagten Hünig 5 Monate und dem Angeklagten Lewinsohn 4 Monate. Außerdem wird noch aus Ein- Ziehung der beschlagnahmten Druckschriften und Unbrouch- barmachung der zur Herstellung derselben benuhten Platten erkannt.— Die Angeklagten waren Mitglieder des sozialdemokratischen Iugendbildungsvereins für Dresden und Umgegend oder � standen zu ihm in Be- ziehung. Nach Ausbruch des Krieges trat eine Spal- tung ein und es bildete sich später unter den unab- hängtgen Sozialdemokraten des Vereins eine besondere Kampforganisation, in deren Hintergrund die Angeklag- ten Henker und Lewinsohn standen. Von den übrigen Angeklagten waren die meisten in Vorstandsämtern usw. tätig. Der stellvertretende General des 12. Armeekorps hatte verboten, Druckschriften ohne Nennung des Vcr- legers und Druckers zu verbreiten. Gleichwohl haben die Angeklagten im Sommer 1917 eine Anzahl von Schriften ohne diese Bezeichnung verbreitet. In der Urteilsbegründung wurden als solche Schriften aufgc- führt' Der Stürmer, Spartakus, Jugendruf. Das Gericht hat festgestellt, daß in einzelnen dieser Schriften, die zum Teil in großen Mengen verbreitet wurden,� die Aufforderung zum gewaltsamen Umsturz des Deutschen Reiches und zur Benachteiligung der Kriegsmacht des- selben enthalten ist, insbesondere wird darin zu einem allgemeinen Streik am 8. und 3. Sept. 1917 zur Herbei- führung des Kriegsendes aufgefordert, ferner wird darin zu Sewalttätigkeiten gegen gewisse Vevölkerungsklassen und y.m Ungehorsam gegen die Vorschriften über die Wehrpflicht aufgefordert. Die Verbreitung der Schriften hat nicht nur durch Verteilung und Versendung, sondern auch durch Ankleben an Plakatsäulen und Häuser statt- gefunden. Der Anteil der einzelnen Angeklagten an den velschiedenen Straftaten wird in den Gründen eingehend dargelegt und es wird insbesondere hervorgehoben, daß die Angeklagten Lewinsohn, Hünig und Schotola sich üe- sonders heroorgetan haben. Mildernde Umstände wurden den Angeklagten nicht bewilligt, weil sie sich in einer Weise detätigt haben, die Abscheu hervorrufen müsse, sie hätten sich im Kriege, wo es gelte, die Interessen des Vaterlandes in erster Linie wahrzunehmen, lediglich von Rücksicht auf ihre Partei- und Klassengenossen leiten lassen. Ans der KeWegung. Au» der Parteileitung. An Stelle des Genossen Wilhelm Dittmann, der sich bekanntlich zurzeit in Festungshaft befindet, ist Genosse Ernst D ä u m i g als Sekretär in die Parteileitung gewählt worden und hat seine neue Tätigkeit begonnen. Die Briesadresse lautet: Ernst Däumig, Berlin RW. 6, Schisfbauerdamm 21, 2. Hof 3 Treppen. Aus der Znteruational«. Die Parteileitung der U. S. P. D. erhielt aus Luxemburg folgende telegra- phische Trauernachricht: .Infolge Arbeitsunfall verschied am 1. Mai Genosse Schortgen, Bergmann, Abgeordneter und Vorfitzender der Parteileitung." Parteisekretär Dr. Knaff. Um daS Hallesche Volkbblatt. Der Vorstand des- Unabhängigen sozialdemokratischen Vereins und die Funktionäre von Verlag und Pretzkommisston des „VolksblattS' in Halle a. S. veröffentlichen in letzlerem eine Erklärung folgenden Inhalts: .Wir haben den Parteigenossen der U. S. P. im Bezirk Halle und den Lesern des Volksblattes die Mitteilung zu machen, daß mit dem heutigen Tage der bisherige Geschästsführer des Verlags Volksblatt, G. m. o. H., Herr WUh. Herzig, von seinem Posten dispensiert worden ist. Es wird zur Genüge bekannt sein, daß Herr Herzig mit den Genossen Jähnig und Rciwand als Treuhänder des sozialdemokratischen Vereins die Ge- iellschast m. b. H. Verlag Bollövlatt bildete. Beim Uedertritt des 1839 gegründeten sozialdemokratischen Vereins für Halle und den SaalkreiS- zur Unabhan- gigen sozialdemokratischen Partei Dcmschland trat Herr Herzig nicht mit üver, sondern schloß sich der Grupve Tbiele Garbe an. die in Halle einen neuen sozialvemotratischen Verein ins Leben rief und ein Konkurrenzblatt, die HaUesche VollSstimme, gründete. Am Tag« nach dem Uedertritt am 7. Mai be» gaben sich die Genossen Jähnig, Rellvand und Abbrecht zu Herrn Herzig in das Geschäftszimmer des Verlags und srugcu thn, was er nun zu tun ge- denke. Herzig erklärte, daß er zur U. S. P. nicht mit übertrete, daß er aber seinen Posten als Ge- schäfisführer wie bisher weiterführen würde, daß er die bestehenden Parteiinstanzen anerkenne und daß er — darauf wurde Herzig besonders aufmerksam ge- nacht— niemals den Versuch machen würde, das Volksblatt dem neuen Verein in die Hände zu spie- len.. Herzig erkannte auch die Parteiinsianzen sast dreiviertel Jahr lang an. Da er aber nicht zu un- serer Partei gehörte, war es selbstverständlich, daß wir ihn zu internen Besprechungen der U. S. P. nicht mehr eingeladen haben. Darüber fühlte sich herzig gekränkt und beschwerte sich desbalb beim Vor- sitzenden des sozialdemokratischen Vereins, dem Ge- Nossen Albrecht. Es kam zu Auseinandersetzungen, die dazu führten, daß Herzig vor Vorstands- und Preßkommisssonsmitgliedern die Erklärung abgab, seine Stellung als Geschäfissührer zum 31. März dieses Jahres kündigen zu wollen. Da Herzig die Kündigung bis zum äußersten Termin, am 31. De- zembcr v.J., nicht eingereicht hatte, sahen sich Vor- stand und Preßkommission veranlaßt, ihm zu kün» oigen. Herzig nahm die Kündigung nur unter Vor- behalt an und führt dagegen Klage beim Gericht, erstens wegen formaler Verstöße gegen das Vereins- statut, das für die Anstellung und Entlassung auali- sizierier Angestellter besondere Bestimmungen enihäli. und zweitens, weil er die Instanzen, denen Herzig feine Kündigung wiederbolt angeboten und denen er sich acht Monate lang unterstellt halte, nickt als zur Kündigung berechtigt anerkannte. Preßkommission und Vorstand sahen- sich veranlaßt,-die Kündigung zu- nickzunehmen, weil sie die formellen Verstöße gegen das Orgamsaiionsstaiut zugeben mutzten. ,ES konnten wegen de-Z Belagerungszustandes keine Distrikissitzun- gen im ganzen Wahlkreis abgehalten werden.) Kurze Zeit daraus ging Herzig zu einem Notar und erklärte, daß seine Mitgesellschastcr Jähnig und Reiwand auS der Gesellschaft m. b. H., Verlag Volksblait, ausgeschieden seien, weil sie nicht mehr Mitglied des sozialdemokratischen Vereins für Halle und den Saalkreis wären. An ihrer Stelle ließ Herzig den früheren Vezirkssekretär Drescher und den Oriskrankassenangesielltcn Döltz, beide Mitglieder deS neuen sozialdemokratischen Vereins und Anhänger der.Volksstimme", als Gesellschafter eintragen Herr Herzig ging nun zu einer eigenmächtigen Geschäfts- subrung über, erkannte die Instanzen nickt mehr an. ließ keme Kasseurevisionen mehr abhallen und sührle gegen den Widerspruch von Preßkommission und Re- daktion die Unterhatrungsheilage.Neue Welt" ein. die laut einer Erklärung des Vorstandes der Scheide- mannpariei Blättern der unabhängigen Partei nicht geliefert wird. Es lag also die Gefahr vor. daß das.Volks- blatt" nach dem Ntuster von Duisburg, Bremen, Vraunsckweig, Düsseldorf usw. gewaltsam und eni- gegen dem Willen der Parieiinstanzen und Parteigenossen zu einem Blatt der Scheidemannrichwng gemacht werden sollte. lim das zu verhindern, hatten die alten G lcll- schasicr Jähnig und Rciwand eine Gesell'chosicr- Sitzung anberaumt, zu welcher Herr Herzig gemdc» und erschienen war. In dleser Sitzung wurde de« Beschluß gefaßt, gegen die Eintragung von Drescher und Döltz als Gcicllschafter Befchlverde beim Gericht zu erheben; außerdem wurde mit Stimmenmehrheit beschlossen, den Anteil des Gesellschafters Herzig ein- zuziehen und ihn feines Postens als Geschästsführer zu entheben. Am 18. April d. I. erhielt nun Ge- nosse Jähnig einen Beschluß der 2. Kammer für Handelssachen des Kgl. Landgerichts Halle a. S. zu- gestellt, wonach seine Beschwerde gegen die unbefugi« Einsetzung von Drescher und Dölz zu Gesellschaftern als berechtigt anerkannt wird und die Genossen Jähnig und Reiwand wieder in ihre Rechte eingesetzt wurden. Danach konnten zugleich auch die Partei- instanzen(Vorstand des soziackemolrakischen Vereins und Preßkommission) wieder in Funktion treten. Nunmehr beschlossen die Gesellschafter am 29- v. Mis., im Hinblick auf den Monatsabschluß, die üd- liehe Prüfung der Bücher und Kasse vorzunehmen, was.verrn zperzig mit Vormittag des 30. v. Mts. mitgeteilt war. Bei der Uebcrnahmc von Kasse und Büchern teilte der GesellschaftSvertrctcr Genosse Schade Herrn Herzig mit, daß er im Hinblick auf die von ihm selbst berbergeführten unhalkbarcn Zustände und um das Blatt und feine polithch« Richtung sicherzustellen, seines Postens als Geschäftsführer enthoben sei. Eine Kündigung wurde nicht ausgesprochen. Tagegen protestierte Herr Herzig und weigerte sich, die Wertpapiere des Verlags an seinen von den In- stanzen bestimmten Rachsolger zu übergeben. AlS er diese Weigerung nicht durchsetzen konnte und die Ge- sellschaftsvertreier die Interessen der Gesellschaft an den Wertpapieren und dem Kassenstände sicherten, ließ Herr Herzig die Polizei herbeirufen, worauf Be- anite in größerer Zahl erschienen, den Sachverhalt feststellten uno Herrn Herzig aus den Klagewcg»er- wiesen. Der anwescubc Polizeikommissar erklärte Herrn Herzig ausdrücklich, daß seine Ansicht, es handle sick um einen tätlichen Uebcrfall und Bieran- vung, irrig sei. Die bestehenden Differenzen seien eine Privatangelegenheit, in denen das Gericht zu- ständig wäre. Darauf verließen die Beamten die Ee- schäfisräume." Die Gesellschafter des Verlags und die Preß- kommission oestimnucn, so heißt es in der Erklärung zum Schlüsse, den Genossen Herm. Schade als Ge- schäftssübrer des Verlags. Wie sie kämpfe», die Regierungssozialisten nämlich, geht aus einer Kontroverse hervor, die sich zwischen dem „Eothaer Generalanzeiger" und der„Weimarische« Bolks- zeitung" abspielt, von der letzteren war in treue« Brüderschaft mit der„Thüringer Freien Presse" des Herrn Baudert behauptet worden, daß wegen einer unserem Genossen angetanen Beschimpfung„die gekränkten Hintermänner" des unabhängigen Blattes sich schütz- suchend an das Generalkommando und an die weiteren- Instanzen gewandt und behauptet hätten, die„Thüringer Freie Presse" verletze den Burgsriede». Jetzt muß die „Volkszeitung" einer Berichtigung Raum geben, nach der dies« Behauptung nach allen Richtungen hin unwahr ist. Das Blatt verläßt sich jetzt auf die„Freie Press« irgendeinen Beweis kann sie nicht erbringen, obwohl sie zuerst die unwahren Behauptungen veröffentlicht hat. Das sind tapfere Heloten. Auch der„Vorwärts" ha» die Stotiz weiterverbreitet, daß er seine Mitteilung zurücknehmen wird, ist kaum anzunehmen. Zur Klärung in Sachsen. In Freiberg i.S. fand am 28. April die Kreisgeneralverjammlung statt. Der im Reichstag vom Abg. Wendel vertreten« Kreis hat sich schon längst von der Politik der Scheidemänner abgewandt. Sein Abgeordneter hat längst jeden. Boden im Kreise verloren, nur die Kreisleitung bestand bisher noch zum Teil aus Regierungssozialisten. Das ist» nunmehr vorüber. Die Kreis-Generalversammlung wählte mit 88 gegen 46 Stimmen einen Kreis- vorstand, der nur aus Genossen der O p p o s i t i o n besteht. Danach wird auch das Parteileben im Kreis» künftig wieder einen einheitlichen, der Politik»o» 4. August entgegengesetzten Charakter bekommen. Da» Landgericht Diissrldors hat seine Verfügung, durch die unser bisheriges Düsseldorfer Partei- blait, die„Volkszeitung", in die Hände der Abhängigen geriet, bcstangt. Diese Entscheidung war zu erwarten, nachdem das Gericht, ohne die Gegenseite erst zu hören, eine solche Verfügung erlassen hatte. Dasselbe Gericht hat nun auch den Hanptprozetz»u entsck-id«, was die Aussichten dieses Prozesses schon andeutet. Wir nehmen an, daß unsere Düsseldorfer«e- nossen gegen den Beschluß Berufung einlegen, gebe» uns aber keinen Illusionen hin. Die U. S. P. in Mannheim konnte nach vieler Mühe nunmehr auch erstmalig eine össeutliche Versammlung abhalten. Dieselbe nahm einen guten verlauf. Das Re erat de» Genosse» Eimon-Nürnberg fand einmütige Zu timmung. Bemerkenswert ist die Stellung der hiesigen Tages- presse. Die Aufnahme eines Inserates zu dieser Versammlung lehnte man ab: die Herren Abhängigen in der hiesigen„Bollestimme"„würdigten" die Parteileitung der II.&. P. nicht einmal einer Antwort. Stolz lieb ich den Spanier! Daß die Regierungssozialisten mit solchen Leistungen unsere Bewegung beernträchtigsn könnten, werden sie wohl selbst nicht glauben. Sie wissen nur zu gut, daß wir marschieren. Daher ihr'Zorn und im vorliegenden Falle ihre„Rache" durch Verweigeruna einer Jnseratenausnahme. Doch einen weiteren„Erfolgs haben sie zu buchen. Die Hockenheimer Parteimitglieder(die stärkste Mitgliedschaft der Landorte des Mannheimer Wahl- kreises) vollzogen im Auausi o. I. mit großer Mehrheit ihren Anschlug an die U. S- P. Darob große Wut der Abhängigen. Sie beschritten den Klageweg, um in Besitz des Kassenvermögens und der Vereinsuten- filicn zu gelangen. Das Gericht hat nun in erster Instanz gegen unsere Genossen entschieden. Man bat sich anscheinend an formale Einzelheiten anläßlich der damaligen entscheidenden Vereinsversammwng aek'—- Hielt, um so eine Verurteilung" unfern ibenofjen zu eraitfen, MSgtn die Negieniftgssozialisten mit den tM Mat? Kassennermögen„glücklich" werden,'lrts aber Sieiben die Hockenheimer Eenosjen und Eenossinnen, Sie in langjähriger treuer Parteiarbeit so manche Feuer- probe abgelegt, als tapfere Mitkämpser. Und darauf rommtesan! Aus der Zelt. Das Kommunistische Manifest für Salonsozialisten. Die Firma Anzengruder-Verlag, Brüder Suschutzle in Wien, läßt, offenbar um einem ganz dringlichen Be- dürsnis abzuhelfen, eine Prunkausgabe des Kommuni st ischen Manifestes von Mar z und Engels erscheinen. Die Vorzugsausgabe rostet in 200 numerierten Exemplaren auf Japan-Dokumenten- S apier 20 Mark, daneben wird für das arme Volk eine nsgabe auf holzfreiem Dokumentenpapier für 10 Mark hergestellt. Diejenigen, denen das Kommunistische Manifest wirklich etwas zu sagen hat, werden sich auch weiterhin mit den populären Ausgaben für 20 und 30 Pf. begnügen und sie werden für ihren Lebenskampf mehr davon haben, als der sozialistische Snob mit seiner Aus- gäbe auf Japan-Papier. Etwas über die„bolschewistischen Ereuel". � Der Berichterstatter des„Verl. Tagebl.", Leonhard Adelt, schreibt in einem Briefe aus Odessa u. a.� „Die Schauermären über die bolschewistischen Greueltaten in Odesia reduzieren sich auf einige Brand- schatzungen bei reichen Leuten, auf Ueberfälle und Einbrüche, wie sie heute auch in anderen europäischen Erotzsiooten vorkommen sollen, und aus die Ermordung einiger mig- liebiger Marineoffiziere durch meuternde Matrosen. Einer phantasievollen Legende zufolge sechshundert, die mit gebundenen Händen und Eijentugeln an den otugen in, Meer versenkt worden seien. Mit der rusiischen Kriegs- E liefen auch verschiedene vollbefrachtete©4 treibe- : aus Odesia aus und sollen Zuflucht im Asowschen gesucht haben. Di« Jagd nach diesen Schiffen. die mit unserem Vomnarsch in der Krim und im Donez- gebiet ihre letzten Häfen zu verlieren drohen, gehört zu den spannendsten Kapiteln diefes denkwürdigen ukrai- nischen Krieges im Frieden. Entschlossen, ihre Selbst- herrlichteit so teuer wie möglich zu verkaufen, hat jetzt die Schwarzmeerflotte Bevollmächtizie nach Odessa ge- fandt, um Wer llebergabe und Verkauf mit uns zu ver- handeln. Der Wortführer, den ich sprach, ist Marine- offizier und ttägi, unbeschadet aller revolutionären Grundsätze, bei den Verhandlungen einen hohen Orden am hals. Nicht die Piraienflotte, sondern der Kohlenmanael bemträchttgte bisher den Schiffsverkehr auf dem Dnjestr, Bug, Dnjepr und dem Schwarzen Meer, für den das Kartell deutscher und österreichisch- ungarischer Reedereien genügend Schiffsraum verfügbar gemacht hat." Massensterben and Technik. Di« Zettung des Vereins beuischer Eil''" Notiz, aus schütterndes______ WM._ entgegentritt und das erkennen läßt, wie zurzeit der Tod unter der minderbemittelten Bevölkerung Wiens aufräumt. In der Notiz heißt es: „Die starke Belagerung der städtischen Huma- uiiätsanstalten, und zwar sowohl des Jubiläums» ftals als auch des Ver f o rg u ngs h e i in s, mit alten und schwerkranken Personen e Anzahl von täglichen Todes- '; die Leichen muhten bisher in ein- em Zentralkirchhof geführt werden. es wünschenswert ist. einen Jol- Berteyr Zahlreicher Leichen- Sin zik St? möiven und durch Lerwendung roget Wagen fük die gleichzeitige Beförderung mehrerer »icherl zu ersetzen, hat der im Kriege aufgetretene Pferde- Mangel die Durchführung dieses Wunsches zur Notwendig- kett gemacht. Die Direktion der Wiener Städtischen im Einvernehmen mit der Städtischen bmung einen Beiwagen derart i 52 uf nähme von 12 bis ist. Der ganz gefchlosssne Wagen et und grau gestrichen worden: an trägt er ein weißes Kreuz. Im Wagen- kasteli sind durch den Einbau eines Zwischenbodens der Höhe nach zwei Abteile geschaffen worden. An den Seitenwänden befinden sich Türen. Die Särge werden seitlich in den Wagen geschoben und liegen senkrecht zur Wagenachse. Dadurch, daß das obere Abteil nicht unter- stellt ist. können hier ungefähr zehn leichtere Särge untergebracht werden. Einstweilen wird der Wagen nur zur Abbeförderung der Leichen vom Lainzer Versorgungs- heim oerwendet. Cs besteht die Absicht, einen Motor- wagen für die Leichenbesörderung in der Weise herzu- richten, daß auch die Leidtragenden in einem besonderen Abieil des Wagens mit auf den Friedhof fahren können und die Beerdigung unmittelbar an d,e Fahrt ange- schlössen werden kann. Derartige Einrichtungen bestehen schon seit Iahren beispielsweise in Mailand und Mexiko." Aus Lenins Pariser Elendstagen. Im„Avanti" gibt Wtllamows einige Episoden aus dem Leben der russischen Flüchtlinge in Paris bekannt, wo er zusammen mit Lenin und anderen Revolutionären weilte, bis ihm der Zusam- menbruch der zaristischen Regierung die Rückkehr nach der Heimat gestattete. In einem Winkel der französischen Hauptstadt, draußen an den alten Festungswerken, hatte sich die russiche Kolonie, so gut es ging, häuslich einge- richtet. Sie wohnten alle zusammen in diesem von kleinen Beamten und Handelsleuten bewohnten Viertel. In einem grau angestrichenen Häuschen, das von einem mageren, verstaubten Eärichen umgeben war, wohnte Lenin mit seiner Frau und der alten Mutter. Wenige Schritte entfernt davon hauste Kamenew in einem Keller, und in der Nähe hatte Zinowiew. der derzeitige Präsi- dent des Petersburger Sowjets. Quartier bezogen. Im Hintergrund eines Hofes befand sich die Druckerei der Revolutionsblätterk JDet Proletarier", der ,, Arbeiter« zettnntz" und des„Sozialdemskräk". Zwei Setzer und ein Expedient b-.tderen das gesanue iecyrnstye und Bcr- triebspersonal dieser Presse. Redakteure, Setzer und Expe- dient empfingen die gleiche Entlohnung: 200 Frank im Monat. Die schwieriaste Aufgabe blieb dem Expedienten vorbehalten, dejscn Amt es war, die Zeitungen und Druckschriften nach Rußland einzuschmuggeln. Man mußte die Aufmerksamkeit mehrerer russischer Geheimpolizisten täuschen, die die russischen Revolutionäre ständig über- wachten. Das gelang indessen so gut, daß dem scharfen Ueberwachungsdienst zum Trotz allwöchentlich Tausende von Blättern und Broschüren den Weg nach Rußland fanden. Immerhin waren das aber noch gute Zeiten für die russischen Flüchtlinge im Vergleich zu den letzten drei Iahren im Kriege. Denn der Krieg hatte die Äe? bindungs- und Beförderungsmöglichkeiten jelbstverständ lich vollständig gestört und die russische Revolution� presse sozusagen zum Hungertode verurteilt. Oft genug waren die Redakteure und Setzer gezwungen, ihren Hunger durch eine Zigarette zu betäuben, und Äntonow, der der- zeitige Militärgouverneur von Petersburg, der damals den Eolos leitete, sah sich in die Zwangslage versetzt, wöchentlich mit ganzen 3 Frank auszukommen. Um die Kosten zu sparen, hatte er denn auch sein Heim in der Druckerei ausgeschlagen und einen Tisch zu seiner Lager- statt erkoren. Dem Verdienst— das Kreuz. Das Eisern« Kreuz findet eine recht umfangreiche Anwendung. In den Kreis der mit dieser Tapferkeitsauszeichnung vor dem Feinde geschmückten Personen find nun auch die Kirchen- f ü r st e n eingezogen worden. Der deutsche Kaiser ver- lieh dem Erzvischof in Freiburg das Eiserne Kreuz am schwarz-weißen Bande. Der Vorsitzende der Diözese, der zur Kriegszeit feine Metropole nicht ver- lassen Hätz erfährt aus den Kommentaren der Zentrums- presse, daß dre Gewährung des Eisernen Kreuzes wohl eine Anerkennung für die von der Geistlichkeit gemachten vaterländischen und charitativen Veranstaltungen sein soll. Diese Dekorierung des badischen Kirchenfürsten füllt zeit- lich zusammen mit der Ratifizierung des Friedens- vertrage? zwischen Kurie und Staat im Großherzogtum Baden. Der liberale Staat ist nach Canosia gegangen und hat die Waffen des Kulturkampfes im Arsenal des Burgfriedens niedergelegtz Die Gesetzgebung der national- liberalen Aera der 80er Jahre zur Bekämpfung des „Ulttamontanismus" ist nun bis auf kleine Reste ausge- tilgt, nachdem die II. Kammer einstimmig im Einver- nehmen mit der Regierung die gesetzlichen Bestimmungen. über die Heranbildung der Geistlichkett und über ihre Zulassung zur Lehrtätigkeit aufgehoben und den Znstand, wie er unter Lameys Ministerzeit geschaffen wurde, wieder hergestellt hat. Ans den Organisationen. Das Verbandsbüro, Schicklerstr.S, ist geöffnet vormittags von 9—1 Ahr, nachmittags von 4—7 Ahr. Alle für de» Verband der Bereine Berlins und Umgegend bestimmten Mitteilungen find an das Büro zu richten. Alle Geldsendungen, auch die für das Mitteilungsblatt bestimmten, find an den Kassierer Richard Herbst, Schicklerstr. 5, zu adressieren, unter genauer Angabe, für welchen Zweck fie bestimmt find. Erster Kreis. Da Umständehalber der Zahlabend am 1. Mai nicht stattfinden konnie, wird derselbe am Mittwoch, den 1 ö. Mai, abends 8 Uhr. im G e- werkschaftshaus, Engelufer 14/15, abgehalten werden. Mit Rücksicht auf die Wichtigkeit dieses Zahlabends wird um vollzähliges pünktliches Erscheinen aller Ee- Nossen und Genossinnen ersucht. Der vorstand. 2. Wahlkreis. Z. und 4. Abteilung. Gemeinschaftlicher Zahlabend am Mittwoch, den lö. Mai, bei Schirm, Charlottenstt. 8. Stralau. Am 15. Mai, abends 8'/» Uhr, findet bei Otto Steinicke, Alt-Sttalau 5, die diesjährige General- Versammlung statt. Tagesordnung: Bericht des Bezirks- leiters: Kassenbericht: Neuwahl der Bezirksleitung. Erscheinen jedes Mitgliedes ist Pflichtz Friedrichshagen. Am Sonntag, den 12. Mai, nach- mittags 2V- Uhr, Familien-Kaffeelochen im Lokal Wiesengrund am Kurpark. Treffpunkt 2 Uhr am Bahnhof Friedrichshagen. Um rege Beteiligung bittet Die Bezirksleitung. Bezirk Weißensee. Mittwoch, den 15. Mai. abends 8V, Uhr. Lokal Masche. Berliner Allee 251. General- Versammlung. U. a. Jahresbericht, Kasse, Neuwahl der Bezirksleitung, wichtige Bezirksangelegenheiten. Niederschöneweide. Mittwoch, den 15. Mai, abends 8 Uhr. bei Bengsch, Mitgliederversammlung. Da wir zur Kreis-Generalversammlung Stellung nehmen müssen, ist das Erscheinen der Mitglieder dringend erforderlich. Niederfchöuhaufen. Dienstag, den 14. Mai, abends pünktlich 8 Uhr. im Lokale von Rettia, Blankenburger Straße 4. Zahlabend. Das Erscheinen der Mit- glieder ist dringend notwendig. Der Vorstand. Spandau. Der Zahlabend findet Mittwoch, den 15. Mai. abends 8 Uhr, bei Dertz. Kurstr. 21, statt. Bezirk Karlshorst. Der Zahlabend findet statt am Donnerstag, den 16. Mai, abends 8V, Uhr, im Lokal von Kurzmann, Prinz-Heinrich-Str. 2. Nereins-NeranSaltungen- Freireligiöse Gemeinde Berlin. Sonntag, den 12. Mai, vorm. 9 Uhr, Pappel-Allee 15/17; Neukölln.„Jdealkasino', Wttchselstr. 8; Oberschöneweide, Wilhelminenhofstr. 43 bei O. Pamp:„Freireligiöse Bor- lesung".— Vorm. I0V, Uhr, Kl. Frankfurlerstr. 6: Vottrag von Herrn Ernst Däumig:„Wanderungen durch die Kirchengeschichle. XVUI. StaatSkirche und Kapitalismus.' Eäste willkommen. Quittung. Für die Unabhängige sozialdemokratische Partei gingen in der Zeit vom 1. April 1913 bis 1. Mai 1918 bei der Unterzeichneten ein: Aus Fürth für Mitglieds- bücher 14,80 Mk. Ernemann-Vremervörde 7,80 Ml. W.-Schmalkalden 4,50 Mk. K.-Dortmund 7,80 Ml. Hos, Mitgliedsbücher 58,70 Mk. H.-Münden 7,80 Mk. E. W� Remscheid, Mitgliedsbücher 109,80 Mk. H.©.«Stettin Mitgliedsbücher 29,60 Mk. K.-Ludwigshafen, Mitgliedsbücher 22,60 Mk. Leipzig 13. Kreis 5200 Mk. F. Nürnberg 15 Mk. Kahla, Mitgliedsbücher 4 Mk. Jena, für' Frauenzeitung 28,80 Mk. Noschhaufen/Orlamünde 13,80 Mk. Kahla 9,20 Mk. T.-Magdeburg 189 Mk. Sch.-Schöneberg 54,50 Mk. Randow-Greifenhagen 53,97 Mark. Ueckermünde 4,56 Mk. Elberfeld, Mitglieds- bücher 7,80 Mk. Schwarze Maske 4000 Mtz Rathenow 20 Mk. Köln, Mitgliedsbücher 29,90 Mk. Hannover, Mitgliedsbücher 15,00 Mtz Hannover gesammelt 84,50 Mark. Themnitz 48.20 Mk. Wahlsonds Chemnitz 20.10 Mark. Chemnitz Sammlung 189,65 Mk. M.-Witten- berge 5,55 Mk. Für Literatur Südwestdeutschland 260 Mk. Sammlung Nordwest durch Henke 178,60 Mk. E tauch au- Meerane 10,13 Mk. Hannooer 12,84 Mk. Ulrich 3L. Duisburg 4 Mk. Für den Wahlkampf im 13. sächsischen Kreis:„Das sind doch keine Demokraten mehr" durch O. Zfch.-Lunzena» 30 Mk. Eassel, Mitgliedsbücher 14,80 Mark. Danzig, Mitgliedsbücher 38,20 Mk. F.-Lemgo 15,90 Mk. D. Tönning 6,7' Mk. Für ein Protokoll 6.50 Mk. B.-NLrnberg, Mitgliedsbücher 73,20 Mk. Bayer- Nürnberg L. 96.12 Mk. Arnstadt, Mitgliedsbücher 36,60 Ml. A. L.-Falkenberg/Oberschl. 8.60 Mk. T� Breslau, Mitgliedsbücher 21 Mk. St. Sieker 5 Mtz Sömmerda 250 Mk. Dortmund 100 Mtz Halle 1018,86 Maitz Hanat 1 Mtz und 4 Mtz Nordhausen„Für den Frieden" 2. Rate 800 Mk. Arnstadt 2947 Mtz Eintritt und Mvnatsbeittao für 10 Genossen ans R. M. 6 Mtz Wulsdorf, Mitgliedsbücher 7,80 Mtz Hamburg für A. P. 52 Mtz Hof 186.72 Mk. Leipzig 12. Kreis 1093,60 Mk. H. Lange 5 Mk. Ungenannt 10 Mk. Fr. W.- Friedrichsort 5,25 Mk. Von Ungenannt durch M.© 5 Mk. 7. fächf. Kreis 61,22 Mtz a konto Niederrhein 610 Mk. F. P.-Hamburg 5 Mk. H. H.-Burg 26.77 Mk. O. Herbstmann, Eintritt und 3 Monate Beitrag 2,80 Mtz Wahlfonds 1 Mtz Beiträge Südwest 2. Rats 220 SRI. „Munition für den Frieden" durch Petzold, 5. Rate 640 Mtz K.-Hamburg, Mitgliedsbücher 350 Mk. Jost 10 Mtz Aus Chemnih Bo-Bu 70 Mk. Tönning 15 Mr. V.-Sömmerda 27.30 Mk. Mitgliedsbücher 7.80 Mtz N. N.-Bceliß 5 Mk. I�-Pillig 15 Mk. Karlsruhe, Mit- gliedsbücher 4,30 Mtz Fürth 250 Mtz Mannheim, Mit- gliedsbücher 36.50 Mk. Groß-Dresden 214 Mk. Nordhausen„Für den Frieden" 3. Rate 100 Mk. Luise Zieh, Berlin SkW. 6, Schiffbauerdamm 21, 2. Hof 3 Tr. (Postscheckkonto Nr. 32287.) Beim Verbandsbüro gingen ein durch Sammer 23,20 Mk. g!esa!��3r!SK5®SSBraaSE£S5HaK$SKSß i Dm«»!> Mftl« Ms de«! Kriegs- WM gefallenen tzenojsen! 4. Wahlkret». Am 4. April fiel im Alter von 35 Iahren auf dem Schlachtfelde unser Genosse, der Tischler Erich Wefch »angenbeckstr. 4, Bez. 386, Abt. 37. Am ll. April siel im Alter von SO Jahren unser Genosse, der Kartonzuschneider Mar Schiffner Grüner Weg 73, Bez. 304, Abt. 24. Mechw-rei» UenköUn. Am 26. März fiel bei den letzten Kämpfen unser treuer Genosse, der Lederarbeiter Vani Sanelt Weisestr. 64, 22. Bez. Ehre ihrem Andenke»! Uachrnf. 4. Mahlkreis. Am 29. April verstarb unsere Genossin Mathilde Mandstock Adalbettstr. 21, Bez. 145, Teil IL Am 2. April verloren wir durch den Tod unsere alte Genossin Mnlf Jnsterburger Straße 23, Bez. 844. Ehre ihrem Andenkevl - SitUtumx:««et Seit; verleg«-*ö»lt Ooffn«»«; beide ötttin O.S7, vchtckleritr.*.- Druck- K-ar.r» Dt»»ick. 8«tU« 30.10,«»»e-tcker»tuie«Mt Kettage zu Ur. 6 des„Mitteilungsblattes". Ei» Krief von Karl Marr. In der Marz-Runimer der Sozialistischen Auslandspolitik Veröffentlicht Karl Kautskp einen bisher unveröffentlichten Brief von Karl Marx über Ferdinand Lassalie und dessen„Realpolitik", der für die Situation der Gegenwart große Bedeutung hat. Wir bringen das interessante Dokument zur Kenntnis unserer Leser. In Bezug aus die Ausfüh» rungen, die Karl Kautskv an den Brief lnüpst, ver- weisen wir auf die Sozialistische AuSlandspolitik, deren Bezug wir unseren Genossen dringend empfehlen. Der Brief lautet: 2Z. Februar 13Kö. 1 Modena Villas, Maitland Park, Haverstock Hill, London. Verehrter Freund! Ich erhielt Ihren mir sehr interessanten Brief gestern und werde jetzt auf die einzelnen Punkte ant- Worten. Ich will Ihnen zunächst mein Verhältnis zu L a s s a l l e kurz darlegen. Während seiner Agita- tion war unser Verhältnis suspendiert, 1. wegen der seibstlobhudelnden Renommiiterei, womit er zugleich den schamlosesten Pragiarismus an meinen usw. Schriftcu verband; 2. weil ich seine politische Taktik verdammte; 2. weil ich ihm schon vor Eröffnung seiner Agitation hier im Lande ausführlich erklärt und.bewiesen" hatte, daß unmittelbar sozia- listischeS Eingreifen eines.Staats Preußens". Unsinn sei. In seinen Briefen an mich ivon 1843 bis ILLZ) hatte er sich, wie in seinen persönlichen Zusammen- künften mit inir, stets als Anhänger der von mir re° präsentierten Partei erklärt. Sobald er sich in Lon- don(1862) überzeugt, daß er nicht mit mir sein Spiel treiben könne, beschloß er, gegen mich und die alte Partei sich als.Arbeiterdiltator" aufzuwerten. Trotz alledem erkannte ich seine agitatoristtien Ver» dienste an, obgleich gegen Ende seiner kurzen Lauf- bahn nur selbst die Agitation in immer zweideuti- gcres Licht trat. Sein plötzlicher Tod, alte Freund- ichaft, Jammerbricfe der Gräfin Hatzfeld, der Unwule über die feige Frechheit der Biirgerblätu'r gegen den von ihnen bei Lebzeiten so schwer Gc- fürchteten, alles das bewog mich, eine kurze Erklä- rung, die sich aber nicht aus den Inhalt von Las- salles Treiben bezog, gegen den elenden Blind zu veröffentlichen.(Die Hatzfeld schickte die Erklärung in den„Nordstern".) Aus denselben Gründen und in der Hoffnung, die mir gefährlich scheinenden Elemente enlsemen zu Wimen, versprach ich mit Engels Mitarbeit an dem „Sozialdemokrat"(er hat Ucversctzung der .Adreß"' gebracht und ich habe aus seinen Wunsch bei Proudhons Tod Artikel über den letzteren ge- schrieben) und erlaubt, nachdem Schweitzer uns ein genügendes Programm seiner Redaktion zugeschickt, > Jnauguraladresse. uns als Mitarbeiter zu nennen. AIS Garantie diente uns ferner, daß W. Liebknecht unoffizielleS Mit- glied der Redaktion war.-* Indes zeigte sich bald— die Beweise davon ka- men in unsere Hand—, daß Lassalle in der Tat die Partei verraten hatte. Er hatte einen förmlichen Kontrakt mit Bismarck eingegangen(wobei natürlich Garantien keinerlei Art in seiner Hand). Ende Sep- tember 1864 sollte er nach Hamburg und dort(zu- sammen mit dem verrückten Schramm und dem pr(eußischen) Polizeispion Man) Bismarck zur Inkorporation von Schleswig-Holstein zwingen, das heißt, solche im Namen der„Arbeiter" proklamieren usw. Wogegen Bismarck allgemeines Wahlrecht und einige sozialistische Charlatanerien versprochen. ES ist, schade, daß Lassalle diese Komödie nicht ausspielen konnte! Sie hätte ihn verdammt lächerlich und gc- foppt erscheinen lassen. Und allen Versuchen solcher Art für immer ein Ende gemacht. Lassalle geriet auf diese Abwege, weil er in der Art des Herrn Miauel ein„Realpolitiker", nur von größerem Zuschnitt und mit mächtigeren Zwecken war! (By the bye-, ich war längstens über Miguel im Reinen so weit, daß ich mir sein Austreten daraus erklärte, daß der Nationalverein ein prächligcr Vor- wand für einen kleinen Hannoverschen Advokaten, sich vor Deutschland außerhalb seiner vier Pfähle hören zu lassen und die so gesteigerte„Realität" Seiner Selbst rückwirkend im hannoverschen Inland geltend zu machen, dazu unter„preußischem" Schutz„Hanno- veröschen" Mirabeau zu spielen.) Wid Miguel und seine jetzigen Freund: die vom preußischen Pnnz- regcnten inaugurierte„Neue Ae«r am Zopf faßten, um nattonal zu vereinlern und sich an die„preußische Spitze" zu klammern, wie sie überhaupt unter preu- ßischem Schutz ihren„Bürgett'wlz" entwickelten, so wollte Lassalle den Marquis Posa des Proletariats mit dem Uckcrmärkischen Philipp LI. spielen, Bismarck als Kuppler zwischen ihm und dem preußischen König- tum. Er ahmte nur die Herren vom Nationalvercin nach. Aber wenn jene im Interesse der Mittelklasse die preußische„Reaktion" hervorriesen, schüttelte er Hand mit Bismarck im Interesse des Proletariats. Jene Herren waren insofern berechtigter als Lassalle, als der Bürger geivohnt ist, das nächst vor der Nase liegende Interesse als„Realität" auszusasscn, und als in der Ta: diese Klasse überall ein Kompromiß sogar rnit dem Feudalismus geschlossen hat, während der Natur der Sache nach die Ärdeiterklasse ehrlich„revo- luticnär" sein muß. Für eine theatralisch eilte Natur, wie Lassallc (der jedoch durch Lumpereien wie Stellen. Bürger. meisteramt» usw. nicht zu bestechen), war es ein sehr vcrsübrerischer Gedanke, eine unmittelbare Tat für das Proletariat, ausgeführt von Ferdinand Lassalle'. Er war in der Tat zu unwissend über die wirklichen - Beiläufig. 5 Miguel wurde 186!> Bürgermeister don Osnabrück. ökonomischen Bedingungen solcher Tat, um fich selbst gegenüber trttisch wahr zu sein. Di: deutschen Arbeiter anderseits waren durch vie niederträchtige„Nealitais- Politik", womit die deutschen Bürger die Reattion von 184g— 18S9 geduldet und der Verdummung des Volkes zugesehen hatten, zu ,verkom:nen", um nicht einen solchen marktschreierischen Erlöser zuzujauchzen, der ihnen durch einen Sprung ins gelobte Land zu helfen versprach! Also, um den oben abgebrochenen Faden wieder auszunehmen! Kaum war der„Sozialdemokrat" ge- stislet, so zeigte sich bald, daß die alte Hatzfeld L.:j. salles„Vennächtnis" nachträglich ausführe» wollte. Sie stand durch Wagencr(von der„Kreuzzeitung") in Verbindung mit Bismarck. Sie stellte dem letzteren dcu„Arbettcrverein"(Al gem. deutschen), den„Sozial demokrat" usw. zur Disposition. Die Ännexalion von Schleswig-Holstein sollte im„Sozialdemokrat" prokla- miert, Bismarck überhaupt als Patron anerkannt werden usto. Dieser ganze schöne Plan wurde dadurch vereitelt, daß wir den Liebknecht in Berlin und in der Nedaltion des„Sozialdemokrat" hatten. Obgleich Engels und mir die Redaktion des Blattes mißfiel, der speichelleckende Lassallekultus, die gelegentliche Koketterie mit Bismarck usw., so war es natürlich wichtiger, einstweilen össenttich mit dem Blatt zu halten, um die Intrige der alten Hatzfeld und die völlige Kompromillicrung der Arbeiterpartei zu verhindern. Wir machien daher bonne mine h manvais je«*, obgleich privatim beständig dem„So- zialdcmokrat" schreibend, daß sie dem Bismarck gegen- über ebensosehr Front machen müßten, als den Fori- schrittlcrn. Wir duldeten sogar, daß der gespreizte Geck, Bernhard Becker, der die ihm von Lassalle testaiuentarisch vermachte Wichtigkeit ganz ernsthaft nimmt, gegen die International Worlingmeus Asso- ciation� intrigierte. Indessen wurden die Artikel des Herrn Schweitzer im„Sozialdemokrat" immer Bismarckscher. Ich hatte ihm vorher geschrieben, daß man die Fortschrittler in der„Koalitionssrage" einschüchtern könne, daß aber die preußische Regierung nie und nimmermehr die völlige Abschaffung der Koalittonsgesetze zugeben werde, weil oas ein Durchbrechen des Bureaukratis- muS, eine Mündigmachung der Arbeiter, eine Zer- reißnng der Gesindeordnung, Abschaffung der adligen Arschprügclci auf dem Lande usw. usw. mit sich führe, die Bismarck niemals erlauben könne, die überhaupt unverträglich mit dem preußischen Beamten- staat. Ich fügte hinzu, daß. wenn die Kammer die ltoalitionSgesetze verwerfe, die Regierung zu Phrasen ihre Zuflucht nehmen würde(solchen Phrasen z. B., daß d.e soziale Frage„tiefere" Schritte verlange usw.), um sie aufreckt zu erhalten. AlleS das bestätigte sich. lind was ta: Herr v. Schweitzer? Er schrieb einen Ar- trikel sür Bismarck und spart all seinen Heldenmut 4 Gute Miene zum bösen Spiel. ° Die Jnternaiionale Arbeiter-Association. fi Jenny Marr. „Für einen Mann, der im öffentlichen Leben mit einer Welt von Gegnern im Kamps liegt, ist eS«'cht gleichgültig, weS Geistes Kind die Frau ist, die an seiner Seite steht. Je nachdem kann sie eine Stütz« und eine Förderin ferner Bestrebungen oder ein Biel- gewicht und ein Hemmnis für denselben sein." So sagt August Bebel im ersten Band seiner Memoiren und er fügt binzn, daß er so glücklich war. eine Frau der ersteren Gattung zu haben. Marx konnte sich desselben Glückes rühmen wie Bebel. Er hatte eine Frau an seiner Seite, die mit Hingebung seine Entbehrungen und mit Begeisterung seine Bestrebungen teilte. Räch allem, was die Räch- «elt von dieser Frau erfährt, muh es als ciu Glück empfunden worden sein, in ihrem Kreise zu weilen. Jenny Marr war keine Proletarierin' von den Hohen der Gesellschaft kam sie, um ihr Leben an der Seite von Karl Marr in Verbannung und Not zu verbrin- ien. Frau Marz entstammte einer deutschen Aristo» ratensamilie— in weiblicher Linie von den Herzogen von Argylle— ibr Bruder war ein hoher Beamter; dennoch wurde sie die verständnisvolle und auf- opfernde Gefährtin des Begründers der internattona- lcn Arbeiterbewegung. Von Land zu Land wurde sie an seiner Sette gehetzt; die Frau, der man im elterlichen Hause Teppiche unter die Fuße gevrettei, mußte ein Leben fsibren wie eine Proletarierin. Da- bei war sie ihrem Manne eine Genossin im vollsten Sinne des Wortes. Marr hatte so hohe Achtung vor dem Verständnis seiner Frau, daß er sie mir allen seinen Manuskripten bekannt machte und aus ihr Ur- teil Wert legte. Jenny Marr war aber nickst nur die Genossin, sie war auch die Gehilfin, d.e Sekretärin ihres Mannes. Sie schrieb seine Manufinpie sür den Druck ab. Wie groß aber war das Elend das diese außerordentliche Frau, die durch Klugheit, Schönheit und Hochherzigkeit ausgezeichnet war, zu ertragen hatte! Aber wenn sie noch so arm war, wenn sie mit ibren vier Kindern i« einem Neinen Raum leben mußte, immer noch war sie liebreich und aaktkreundlich gegen die Flüchtlinge, die von den reak- tionären Regierungen ins Ausland geheyt wurden und die in London ihre Schritte in das Haus von Karl und Jenny Marx lenkten. Wieviel schwerer noch hätte der große Mann an seinem Lebenswerk arbeiten müssen, wenn er nicku diese Frau gehabt hätte! Sie wachte über ihn und war bestrebt, ibm Widerwärtigkeiten aller Art fernzu- halten. Ohne daß er es wußte, war sie bemuht, tue Slot der kinderreichen Familie zu lindern. Niemand wiefc ohne tiefste Erschütterung de» Brief lesen kou- neu, den vor einigen Jahren Franz Mehring in der „Reuen Zeit" veröffentlicht hat. Der Brief war an einen Freund der Familie Marx gerichtet. Frau Marz erzähl: von den finanziellen Schwierigkeiten, wie alle Hilfsquellen versiegten, wie die„demokra- tischen Biedermänner" denselben Marr, der sein ganzes Vermögen in die„Neue Rheinische Zeitung" gesteckt hatte, im Stich ließen.„Ich kam nach Frank- furt, um mein Silberzeug zu versetzen, das letzte, was wir halten: in Köln ließ ich Meine Möbeln verkaufen..... Kaum in Paris eingewohnt, wie- der vertrieben, mir selbst und meinen Kindern wird der längere Aufenthalt versagt. Ich folge ihm wie- der übers Meer. Nach einem Monat wird unser viertes Kind geboren....." Tann schildert Fran Marr einen Tag aus dckn Leben, wie sie es anfangs in London durchgemacht. Sie war krank und hätte für das kleine Kind eine Amme gebraucht, sie konnte sie aber nicht bezahlen. Trotz schreeklicher Schmerzen nährte sie das Kind selbst. Dieses trinkt den Schmerz und Kummer der Mutter mit, ja Blut kommt in sein Mündchen. Das K'nd schwebt zwischen Leben und Tod, von heftigen Krämpsen gequält, ohne Schlaf. Da kommt die Pfändung in« Hau«. Betten, Wäsche, Kleider, selbst die Wiege des Kindes werden mit Bc- schlag belegt.„In zwei Stunden drohten sie alles zu nehmen— ich lag dann aus der flachen Erde mit mei- neu frierenden Kindern, mit meiner wehen Brust!" Frau Marr sollte den LetdenZbecher bis zur Neige leeren. Ein Freund wollte helfen, aber beim Ab- springen von einem Wagen verunglückt er und wird Frau Marr blutend ins Hans gebracht. Am nächsten Tag, es war kalt, regnerisch und trüb, versammelt sich der ganze Mab der Gegend bei Frau Marr. Die Pfändung hat sich herumgesprochen, alle Habselig- leiten werdet, verkauft und die Lebensmittellieferanten befriedigt. Was Frau Marr bewog, diese Leiden mitzuteilen, war die Serge um ihren Mann. Dann spricht sie von ihren Kindt"n, dem Knaben Edgar. „Der kleine Kobold singt den ganzen Tag mit unae- l, eurem Pathos und einer Riesenstimme, und wenn er die Worte aus Freiligraths Marseillais«„O Juni. komm' und bring' uns Taten, nach frischen Taten lechzt das Herz" mit furchtbarer Stimme erschallen läßt, dröhnt das ganze Haus. Vielleicht ist es der weltgeschichtliche Berus dieses Monats wie seiner bei- den unglücklichen Vorgänger, den Riesenkampf zu er- öffnen, bei dem wir uns alle wieder die Hände reichen werden." Der Gedanke, daß die Famifie des Mannes, der mit seinen wissenschaftlichen Leisttingen eine ganze Welt in Aufruhr gebracht hat, so herzzerreißendes Elend erdulden mußte, ist etwas Unfaßbares. An ihrer Seite hatte Frau Marx eine ausge» zeichnete Person, die verdient, mit Frau Marx ge- «anni zu werden! Lenchen D e m u t, die als Bauern- kind in das elterliche Haus von Frau Marx als Dienstmädchen gekommen war und ihr dann folgte, un. alles Unglück mit ihr zu teilen, um ihr eme Stütze bei der Versorgung ihres HaufeS und ihrer Kinder zu sein. Lenchen Demut hat die Familie Marx nie verlassen, sie war nicht Dienerin, sondern Pflegerin, Helferin und Freundin. So wurde sie auch gehalten und ihre letzte Ruhestätte wurde ihr im Grabe der Familie Karl und Jenny Marx bereitet. Frau Marx hatte auch als Mutter viel Leid zu er- dulden. Ihre beiden Knaben und ein Mädchen mußte sie dem Grabe übergeben. Aber drei ihrer Töckter wurden die Gattinnen von Sozialisten, woraus wohl auch zu schließen ist, wie die Erziehimz der Manschen Kinder vor sich ging. Sie atmeten die Lust de» So- zialiSmus, den Geist der Jnternattonalität. AlS Frau Marx am 2. Dezember 1881 den Tod nahen sübltv, hatte dieser keine Schrecken fiir sie. Ihre letzten Worte waren:„Karl, meine Kräfte sind gebrochen." Engels, der treue Freund der Familie Marx, sprach am Rand deS Grabes:„Meine Freunde! Die hochherzige Frau, welche wir begraben, ward 1814 zu Salzwcdel geboren. Ihr Vater, der Baron von Wesiphalen, wurde bald darauf als Regierungsrat nach Trier versetzt und befreundete sich dort innig mit der Familie Marx. Die Kinder wuchsen zusammen heran. Die beiden hochbegabten Naturen sanden sich. .... Jennv Marr hat die Schicksale, die Arbeiten, die Kämpfe ihres Mannes nicht bloß geteilt, sie hat daran mit dem höchsten Verständnis, der glühendsten Leidenschaft Anteil genommen.... Was eine solche Frau mit so scharsem kritischen Verstand, mit solch politischem Takt, mit solcher Energie und Leidenschast deS Charakters, mit solcher Hingabc für die Kamps. genossen in der Bewegung während fast vierzig Jahren geleistet, das hat sich nicht in die Oeffentlichkeit vor- gedrängt, das steht nicht in den Annalen der zeitge- nössiseben Presse verzeichnet. Das muß man selbst miterlebt haben. Aber das weiß ich, wenn die Frauen der Kommuneflüchtlinge noch oft ihrer gedenken wer- den, so werden wir anderen noch oft genug ihren kühnen und klugen Rat vermissen— kühn, ohne Prahlerei, fing, offne der Ehre je etwaS zu ver- geben.... Wenn es je eine Frau gegeben, die ihr größten Glück darein gesetzt hat, andere glücklich zu machen, so war es diese Fran." Wenn das Proletariat Marx ein weihevolles Ge- denken tvidmct, dann soll es nicht geschehen, obne auch von seiner bewunderungswürdigen Levens« und Kampsgeführtin zu spreche». e«|tn solche infinimenl Petit»', wie Schulze, Faucher usw. auf. Ich glaube, daß Schweitzer usw. es ehrlich Meinen, aber sie sind„L! e a i p o Ii t i k e r". Sie wollen de« bestehenden Äerhältnissen Rechnung tragen «nd dies Privilegium der»RealpolUil* nicht allein den Herren Miquel et Tomp. überlassen.( Leslere scheinen sich das Recht der inienmzmrc' mit der preußischen Regierung vorbehalten zu tvollen.) Sie wissen, daß die Arbeiterdlätter und Arbeiterbetvegung w Preußen(und daher im übrigen Deutschland) nur dar la grace de la Police' bestehen. Sie wollen also »ie Umstände nehmen wie sie sind, die Regierung nichlt reizen usw., ganz wie unsere„repudlilanijchen' Realpolltller, die einen Hohenzollem l a i s» r mit- nehmen wollen. Da ich aber kein.Realpolttiker" bin. habe ich es für rw-tig gesunden, in einer össentlichen Erklärung die Sie Wohl bald in einer oder der anderen Zei truig sehen werden) zusammen mit Engels dem»So- ztaidemokrat- aufzukündigen. Sie sehen daher zugleich, warum ich in diesem Augenblick nichts in Preußen tun kann. Die dor- lig« Regierung hat meine Wiedereinbürgerung in Preußen direkt verweigert. Agitation würde mir dort nur erlaubt, wenn sie eine Herrn v. Bis marck wünschenswerte Form nähme. Ich ziehe hundertmal eine Agitation hier durch die Zmematwnale Association vor. Der Einfluß aus daS englisch« Proletariat ist direkt von der höchsten Wichtigkeit. Wir stir' hier jetzt die General Suffrage Queftton", die hier natürlich ganz andere Bedeutung Im ganzen ist der FortschriU dieser.Association über alle Erwartung hier, in Paris, in Belgien, Schweiz und Italien. Rur in Deutischland stehu mir natürlich Lassalles Nachfolger entgegen, die 1. ihr« Wichtigkeit thörichterweise einzubüßen fürchten, 2. meinen erklärten Gegensatz gegen das, was die Deutschen.Realpolitik' nennen, kennen.(Es ist diese Sorte»Realität*, die Deutschland so well hin- ur alle zivillsierten Länder stelll.) Da ein jeder Mensch, der eine Karte von 1 Schilling löst, member os the associttion" werden kann? da die Franzosen diese Fonn von individuol membership" gewählt haben(dtno die Belgier), weil das Gesetz ihnen verbtetel, sich als»Association* an uns anzuschließen? da es sich in Deutschland ähnlich verhält, haoe ich jetzt beschloffen, meine Freunde hier und in Deutscklouo aufzufordern, kleine socieiteS"' zu stiften, gleichgültig wieviel members an jedem Ort, von denen jedeS Glied an Engltsh card os memder- ship" löst. Da die englische Gesellschaft öffentllch. steht diesem Berfahren sogar in Frankreich nichts im Wege. ES wäre mir heb, wenn Sie auch, in Ihrer nächsten Umgebung in dieser Art mit London in Äer« biiidung träten. Ich danke Ihnen für Ihr Rezept. Sonderbarer- weise war drei Tage vor seiner Ankunft die wider- liche Krankheit wieder ausgebrochen. Das Rezept kam also ganz gelegen. Ich schicke Ihnen in ein vaar Tagen 24 Adreffen mehr. Eben werde ich von einem Freund im Schrei- den unterbrochen, und da ich gern diesen Blies ab- schicken will, werde ich das nächstemal aus andere Punkte Ihres Brieses eingehen. Ihr Organisation» Staat» Staatosoxialivmus. Sin Kapitel»K r i e g s m a r x i s m u s'.. L ES ist«ine hervorstechende Eigenschaft aller Umlerner, daß sie große Praktiker sind, die auf die Theorie wenig geben und oft verächtlich aus jene her- «bsehen, die sich bemühen, den Gang der Dinge wissenschasuich zu erklären und auch die vermutliche Entwicklung vorauszusehen. Solche»Propheten* gelten als Doktrinäre und als durch dt« Krieg sereigniffe abgetane»Orthodoxe*. Hatte doch der Weltkrieg so viele Voraussagen Lügen gestraft, hatte doch die politische Haltung der so- zialistlscheu Parteien vieler Länder alle alten Grund- fjitze verleugnet. Was sollte da veraltete theoretisch« Weisheit helfen» Dem»Umlernen* gehörte die Zu- fünft, dem durch keinen theoretischen Ballast de» schwerten»Tatwillen* deS Praktikers, der ins unbe- grenzt» Land reformistischer Möglichkeiten mit vollen Segeln hineinsteuerie. Besonders in der ersten Kriegs- zeit war die Losung»Gefühl ist alles* und»es lebe der Augenblickserfolg*. Doch der Bang der Kriegserelgniffe zwang durch manch« Enttäuschung, durch die Angriffe der überall erstanenden Opposition zu einer eingehenderen Bc- «rUndung der neuen Taktik. ES wurden mancherlei Versuche im einzelneu gemacht. Man verbrämte die neue regteruugSsozialtstlichc Politik mit alten Marx- 8itaten. Man suchte den Weltkrieg in dialektischem mschlag zu einer Welttevolution unter deutscher Führung zu stempeln. Lensch brachte dieses neu- hegelschr ttunstsiück fertig. Man begründete die ßBurgfriedensiakUk mit gewerkschaftlichen Argumenten und sucht« daS nationale Interesse von Arbeiter- »st und Industrie, will sagen Kapital, zu erweisen. e es Wtmiig mit mehr Temperament als durch- • Unendlich winzige Wesen. In Frankreich zur Bezeichnung mikroskopischer Organismen gebraucht. f Vermischung. • Von Gnaden der Polizei. ' schüre». " Frage deS allgemeinen Wahlrecht». bat. als in Preußen. " Mitglied der Wociation. " Individueller Mitgliedschaft. " Gesellschaften. u(iiBf 1B1»rlrtir«Tli chlagenden Argumenten in immer wiederholten AuS- ührungcn sich bemühie. Doch das alles waren An ätze. Der h-rvorrazende Theoretiker der Politik des 4. August wurde Karl Nenner, der lanz)»»riu Mitarbeiter der sogenannten„Austromarristen*. ü! seinen Friedensschristeu guckte allerdings der Grs, Oesterreicher dem internationalen Sozialisten oft durü, chie Maske, wie nach Marx tlajsischen Worten bei Irokese beim Griechen, aber das siel damals nuu so sehr aus und wurde als„echt österreichisch* mit in Kauf genommen. Der Krieg aber brächte diese Ke'.m zu irelbhausmäßtger Entwicklung. Das Buch Renners»Krieg, Marxismus u,u Internationale* ist echter Kriogsmarxisums. Renner sucht in marxistisch klingenden Argumenten und Wor ten, mit der ganzen ihm zu Gebote stehenden Bered smnkeit und konstruktiven Phantasie die Lehren dti Krieges als angeblicher Marxist zu ziehen. Er misch Falsches und Wahres durcheinander, knüpft an b« kannte Marxsche Gedankengänge an, zieht auS zu treffenden oder halbrichtigen Geschichtskonstrultlon-, imhalbare politisch« Folgerungen und wird durch dies Metbode besonders gefährlich, da er den unkundigen Leser mit einer Fülle von Gedanken überschüttet, vi: dem Lesenden neu und außerordentlich piausibel er scheinen. Die kritische Sauce, die ziemlich gepfifer- ist, soll das neue Gericht würzen und noch mehr bei Appetit reizen. Die»Vulgarmarristen* werden mi herablassender Geringschätzung oder beißendem Spoti von dem»geläuterten Marxisten Karl Neuner abg- lan, der ein Studtenprogramm entwirft, das all. Lücken dieses VulgärsrtedenSmarxiLmuS ausfüllen sol! Dabei weiß niemand so recht, wer diese verdammen» werten Halüwisser sind, da keine Namen genannt und auch die bekämpften Gedankengänge nur angedeut:. oder verzerrt dargestellt werden. Es ist daher sehr dankenswert, daß Karl K a u t s k y, als dessen Schüler sich Karl Renner selbst bekennt, es unternimmt, in einigen krittsch-r Randnoten, wie Renner eS nennen würde, etnma diese Arbeit seines eigenarnaen Schülers zu glossieren und zu zensieren.*) Die Akt d-r Darstellung Ren ners, seine unbestimmten Vorwürfe machten es un möglich, eine umfassende Antikritik seines Buches»> schreiben, sondem es war nur angängig, einige Ge- dankengänge herauszuheben, möglichst zutreffend dar zustellen und die Fehlschüsse, hinienden Vergleiche geistreichen aber unrichtigen Konstruktionen Rennerc kritisch zu beleuchten und vor allem zu zeigen, wr dieser kriegsmäßig geschwind produzierte MamSnuu nur eine Ersatztheort« ist, um die krieassozialislisch«! Taten aller Soziaipatrioten zu begründen, um dem Block von Scheidemann bis Leuthner eine handliche geistreiche, schillernde und für den Laien bestehende Theorie zu liefern. GS ist die poltt: che Philosophi der Neuorientierung und wird als solche sicher aus dem Markte der politischen Kriegswirtschaft guien Av- satz finden, zumal sie ohne Bezugsschein zu haben ist und in ihrer Mannigfaltigkeit ven verschiedensten Be dllrfniffen entgegenkommt. Es ist nun unmöglich, hier nur einen Ueberblief über die kritischen Einwände KautskhZ zu geben. DaZ wäre eine trockene Aufzählung ohne eingehende Darstellung Dann» sei an einem wichtigen Beispiel gezeigt, WV Renner argumentiert, w-ie Kautsky kritisiert. Wir halten uns dabei nicht streng an Kautskys Worte, da beim Lesen seiner Polemik dem Lesenden selbst so zahlreiche Belege und ergänzende Bemerkungen ein sallcn, daß man versucht ist, noch einmal eine Bro- schüre zu schreiben. Zu den mißbrauchtesten Worten, zu den viel deutigsten Kricgsschlagworten geHort der Begriff der Organisation. Wir siegen, well wir die beste Orga nisation besitzen. Wir sind das Land der auSge prägtesten Organisation. Die ArbehterNasse ist der Träger des Organisationsgedankens. Der Staat ist die Organisation, die immer mehr den Interessen deS Proletariats dient und endlich der Sozialismus ist in erster Linie Organisation. Das sind so oft ge hörte Schlagworte, die zugleich einen Gedankengang Renners darstellen, der immer häufiger wiederkehrt. - Zunächst muß die falsche»Gleichsetzung von Or- ganisation und Organismus in ihrer Unrichtigkeit Nar erkannt werden. Ein Organismus, z. B. ein Büffel und ein Mensch ist ein tierisches Wesen, dessen verschiedene Organe vom Gehirn oder den Ganglien, Nervenknoten im Leibesinnern gelenkt werden. Hier findet Arbeitsteilung zwischen Arm, und Bein, zwischen Auge«nd Ohr, zwischen Magen und Lunge statt. Aber alle werden vom Gehirn geleitet. Das Bewußtsein ist die Zentrale dieses Organismus. Eine Organisation, eine Büffelherde oder eine mem'chlich« Gesellschaft, ist aber eine Vereinigung solcher tierischer oder menschlicher Wesen, dir also aus einer Anzahl solcher mit Willen und Bewußtsein begabter Orga- nismcn besteht, die sich zu einem bestimmten Zwecke zusammengeschlossen und unter sich eine Arbeitsteilung innerhalb dieser Organisation herausgebildet haben, wobei aber jedes Einzelwesen selbständig bleibt und oft nur in bestimmten Betätigungen von der Orga- nisation erfaßt wird. In der Gewerkschaft ist der Arbeiter als Lohnempfänger und als in der Werk- statt tätiger ersaßt. Der Konsumverein will den Ver- brauch seiner Mitglieder an Kolonialwaren regeln. Die politische Partei muß den politischen Willen ihrer Mitglieder organisieren und zum Ausdruck bringen All diese Organisationen bestehen nebeneinander und ergänzen oder bekämpfen sich. Organisation ist der Menschbeit von ftüdester Vorzeit an gcläuftg: Im .........'"; iie Anfang war die Horde, nicht Adam und Eva. ja schließlich auch die Organisation einer Familie bildeten. Es ist vaber ganz falsch und irreführend, irgend eine Klasse oder eine Zeit als Trägerin der Organisation zu bezeichnen. Es handelt sich nur um ») KriegsmarriSmus. Eine theoretische Grundlegung der Politik des S.August beleuchtet von Karl Kautsky. Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, 4,60 Wart. die Art und den Zweck der Organisation, um proie- arisch-demokratische oder kapitatistisch-herrschastilche Or- .anisaiionssormen, um Kartelle, die die Produktion im oben im Juteresse der Kartellmagnaten regcln oder um Genossenschaften, die im Interesse der Genossen- chaftsmilgiicder in den Kleinhandel eingreifen. Der razialismus ist nun die proletari.ch-deuiolratische Or- mulsaiion der Gütererzeugung im Gegensatz zur apitalistischen Organisation der heutigen Waren- Produktion. Es ist aber der Fehler Renners, Lensch, deS �ärgerlichen Marxtöters Plenge, Professor in Münster and Mitarbeiter wie vieler anderer, daß sie diese Zielseitigkeit der Organisation verkennen und sozia- istisch-proletarische Organisation für Organisation ichlechihm erklären. Dazu kommt dann noch die Ver- wechielung von Organisation und Organismus, die oei Renner ihren höchsten Triumps in der Veteachiung oes Staates feiert. Er schreibt: »Eine verjüngte und geläu.erie Marxistenschule wird diese Antwort uns geben, wird uns von d.m Fetisch des Rechtes zu befreien haben, der uns noch immer narrt, und die Wirklichkeit des Aechtes aus heilen. Einstweilen müssen wir uns mit einer Dar- fttl.uilg begnügen, die bloß auf einer Analogie zu beruheil scheint, aber dennoch zutrifft: Wir beirach- ten den Staat unter dem Bude eines einzelnen Menschen, der trotz seiner Vielkövstakeit denkt, snhtt und will, wie ein physiologisches Individuum, und ebenso handelt, obschon mit unendlich gewaltigeren Mitteln.(S. 223.)* Das flingl sehr schön, ist aber gnmdsalsch. Vor allem denkt nicht die Organisallon, nicht der Staat, andern die Menschen, die diesem Staat angehören. .iese denken aber nicht einheillich. Jeder hat cm anderes Bewußtsein»nd anders gcrichtetcn Willen. Immerhin besteht zwischen gewissen Gruppen und Klassen eine weitgebende Wtiiensgemeinsn,aft. Run isibt es aber Organisationen, die aus Angehörigen der erschiedensten Klassen bestehen und deren Wirken so ick in das Leben der beteiligten Menschen eingreifen, .'ay die verschiedenen Ktassenlvillen aufeinanderprallen. Hier denken also Nicht einmal die einzelnen Jndi- oiduen annähernd gleichartig, sondem es steht Klassen- .ville gegen Klassenwillcn. Hier setzt sich dann am stärkstell der Wille der»herrschenden Klassen* durch, d h. der Wille jener Gruppen, die dank ihrer Wirt- chastiichen Stellung, Besitz der Produktionsmittel. Lefitz der wissenschaftlichen Erkenntnis, geistigem Ein- stuß auf die Massen anderer Gruppen oder Klassen, sie Herrschaft ausüben. Dies zeigt sich am beut- uchsten bei der Betrachtung des Staates, besonders oeS„modernen* Staates mit seiner unendlich gestei- aerten Verwalmngs- und Wirtschaftsmacht, die im Kriege sich jedcni offenbarte und zu einer Staats- mystlk und schrankenlosen Staatsverherrlichung gcsü rt hat, der auch zahlreiche frühere Marxisten anHeim- gefallen sind. II. Sicher ist der Staat heute die mächtigste Orga- nisation, in die jeder Mensch hineingeboren wird, der er aber nicht entfliehen kann, auch nicht durch AuS- Wanderung. Er muß Einstuß auf sie zu gewinnen suchen. Er muß sich mit Gleichgesinnten organisieren, cr muß um Einfluß im Staate, um die Staatsmacht selbst kämpfen. Gerade bei diesem modernen Staat zeigt es sich aber, daß er trotz aller Maßnahmen, die dem allgenieinen Interesse zu dienen scheinen und auch in gewisser Hinsicht dienen, Hcrrschastsorgani- salion bleibt. Das zeigt gerade die Kriegszeit. Bei der stärksten Bedrohung durcv die Heere der Feinde, trotz der Abschließung vom Weltmarkt und der da- durch bedingten wirtschaftlichen Schwierigkeiten im Jimern hat der Staat sich vor allzu großen Ein- griffen in daS Privateigentum gehütet. Er erfaßte die Produkte und ihre Verteilung, rationierte Mehl und Fleisch, ers«nd den Bezugsschein, regelte die Zu» teilung zahlreicher Lebensmittel. Wir warten aber noch immer auf den Produkttonszwang in der Land- Wirtschaft, auf einschneidende Eingriffe in das Privat- eigentum an Grund und Boden und an Maschinen. ES ist nicht verwunderlich, daß die Kriegswirtschaft so.staatssozialistisch wurde*,> sondern man muß sich in Er- innerung an die französische Revolution von 17S» wundern, daß heute bei hochentwickelter kapitalistischer Warenlvirtschaft und ungeheuer gesteigerter Abhängig. keit vom Weltmarkt nicht viel energischere und um- fassender« Eingriffe in das Privateigentum gemocht sind. Aber die Besitzer der Produktionsmittel b«- herrschen doch in erster Linie jene riesige Organisation, die wir den Staat nennen, trotz aller inneren Gegen- sätzc unter den verschiedenen Gruppen der Industrie- eilen, trotz der gelegentlichen Reibungen zwischen Agra- rtern und den Veredlungsgewerben, trotz Konflikten zwischen Privatkapital und Beamtentum, zwischen Zivil und Militär. Diesen Herrschafts- und Klassencharakter de» Staates übersehen die Bekehrten des 4. August und auch ihr Theoreiiker Renner. Er, der schon im Frie- den die österreichische Dynastie und Bürokratie für seinen Plan der nationalen Autonomie durch lieber- redung zu gewinnen hoffte und die Wirkungen zweck- mäßiger Verwaltungsreformen maßlos überschätzte. Dieser Herold der Interessen zwischen österreichischer Arbeiterschaft und der Bürokratie und Dvnastie des Donaustaates, mutzte zum Verkünder des Staatsso- zialismus werden, den er in der Kriegswirtschaft vor- gebildet steht. Für ihn und viele andere ist die Brotkarte schon balber Sozialismus. Diesen Sozialis- mus Renner. Lensch'scher Färbung charakterisiert Kautsky treffend: „Was uns Nenner in seinem Buche vorführt, ist ein Bastard zwischen Naumann und Rodbertus, angetan mit marxistischem Kostüm, der die Sprach« der Krtegsjournalistik spricht und dem Proletariat zuredet, Vertrauen zur Regierung zu haben, die sich ihm immer mehr nähere und durch bie Logik de, Tatsachen gedrängt werde,»immer vorwiegende» dem Proletariat zu dienen*. Er kommt zu dem Schluß: „Tie bloße Tatsacke, daß je entwickelter ein Proletariat war, desto näher seme Vertreter zur Stacusregierung getreten sind, gidt sehr zu denken. Also wäre der Grad der Staaisnähe und nicht der Grad der Staatssorm ein Merkmal der Klassenreise! Und das verwundert uns nach den Ergebnissen der vorangegangenen Studien durchaus nicht!*(Renner S. 379.) Dazu bemerkt Kautsky: »Hier ist alle Bcziedun?. auf den Klassenkamps aufgehoben. Das VerhStpls der Vertreter des Proletariats zur Staatsre'gterung wird hier nicht abhängig gemacht davon, in den Händen welcher Klasse diese Regierung ist, welche Klassenpolitik sie treibt. Keine Spur des Gedankens, dag die „Staatsferne*, das heißt die Opposition des Prole- tariais gegen die Zlegierung an Schroffheit wachsen kann, wenn die Regierung immer tapitalistischer wird. Daß die Opposition am energischsten gerade dann sein kann, wenn sie dem Siege am nachten ist, wenn die Bourgeoisie die verzweiselsten Versuche macht, die Staatsgewalt zu behaupten. Nein, der Staat ist für Nenner etwas, was sich von selbst notwendigerweise der Ärbeiterllafse nähert, so daß es bloß ein Zeichen von Unreife des ProletariaiS bedeutet, lvenn seine Vertreter der Staatsregierung nicht„näher treten*. Aber die!e Vertkennung des Klassentampses, dieser Verzicht auf bei» demokratischen Sozialismus, zu- gunfieu eines Stagtssozialismus, der seine Segnungen Ipcndet durch die von den Theoretikern des Reu- Marxismus aufgcklÄtte Beamtenschaft, unterstützt durch sozialistische Beiräte in den Ernährungsämtern und jaistretcheil Kommissionen, gefordert durch die sret- willige Kriegshil-e der Gewerkschaften und der polt- :i,cheu Organisationen, dieser neue Staatssozialismus ist echter Kriegsmarxismus. Er ist das Eingeständnis der politischen Ohn- macht des Proletariats. Jener Schwäch« gegenüber dem machtvollen Militarismus, diesem Muster Herr. schastlicher Organisaiion, seine Kapitulation vor der Allmacht des Slaates, um dessen Besitz man nicht mehr kämpft, sondern dem man sich als dienendes Glied einordnet. Dieser Staatssozialismus ist modernster Utopis- mus. Man verzweifelt an der„Eigenmacht* des Pro- letariats und sucht durch die Bundesgenossenschast der Büroiralie und gewisser Teile der Bourgeoisie das zu erlisten, was man nicht im Kampfe erreichen kann. Alz ein Zeichen dieser Schwäche, als die theoretische Rechtfertigung, der aus dieser Schwäche er- wachsenden Taktik ist Renners ttriegsmarxiSmus wichtig und ein Symptom, das nicht nur in der Persönlichkeit des Verfassers begründet ist. Es wird aber mit dieser Taktik gehen wie mit der Taktik Lassallcs und seines Nachfolgers Cchweyzer. Die Logik der Tatiachen, die man nicht beachKte, die Logik der wirtschaftlichen Entwicklung wird all diese halbtheoretischcn Gespwttste zerreißen. AUe Gelehrsamkeit und Beredsamleit, alles geistreiche Feuerwerk und alle polemischen Handgranaten gegen die Vulgpr- Marxisten werden daran nichts ändern. Es gilt nur, sich von diesem Feuerwerk nicht blenden zu lassen. Es gilt die Raketen Rennerscher Stilistik nicht für einen Sonnenansgang zu halten, der daS Dunkel des Weükrieges erleuchtet. Es sind nur Signale der Kriegsmarrtsten, es sind schnell der- löschende Funken, die kein: wahre Heillgktit verbreiten, sondern in bLtzarliaer Beleuchtung alle Gegenstände verzerrt und verschoben erscheinen lasten. Es gilt daher, diesen Rennerschen Scheinapgu- mcnten und lustige» Karienhäusern die Ergebnisse marristisä er Forschungsarbeit entgegenzustellen, fener Studie»,' die schon vor dem Kriege über das Wesen von Staat und Wittschaft, über Fmanzkapilal und Kartel.schutzzoll, über Imperialismus und Wirtschafls- gebiet gemacht wurde. Jene Studien gelten auch heute noch, sie sind durch die Tatsachen des Krieges zu ergänzen, aber nicht einsach wcgzudisputieren, wie es Renner mit Wortgaulelei häusig tut. Der Versuch, Methode und Mängel dieses Kriegs- marrismuS hier anzudeuten, kann natürlich keine end- gültige umfassend« Widerlegung sein. Er soll an- reizen, das Büchlein Nautikvs zu lesen und zu stu- dicren. Tie polemische Darstellung, die allen Schlrick- wegen Reimericher„Logik* folgt, macht die Lektüre zu einem Genuß und der Humor, in dieser Kriegs- zeit ein so seltener Artikel, würzt auch diese Demas- tierung des KriegsmarxiSmus. Die Frische und die bei Kautsky fast selbstver- ständliche Klarheit und leichte Faßlichkeit der Behand- lung selbst verwickelter theoretischer Fragen, macht daS Lesen dieser polemischen Broschüre zugleich zu einer Einsührung in die Theorie des echten MarrtS- müs und wird hoffentlich veranlassen, daß diese Theorie trotz Weltkrieg und RegierungSwzialismus wieder mcbr studiert wird trotz aller Lobesartitcl jener Scheimnarnsten zum 100. Geburtstag des großen Vorkämpfers. Von diesen„Schwärmen* von Renner-Anbetern. gitt daS Bibelwort: Dieses Voll dienet mir mit den Lippen, aber ihr Herz ist ferne von mir. Sie zitieren Marx, ge- brauchen sein« Auödrucksweise, aber dem Geist des Marrtsmus sind sie welienscrn. Sie sind Rationattst-n des Krieges aber keine internationalen Soziattften Marxscher Prägung. Ein Vergleich von Renners Buch und der Aussatzsammlung Friedrich Adlers:»Die Erneuerung der Internationale' er- hellt diesen unüberbrückbaren'Gegensatz zwiscken Krieqsmarrismus und intemationalem Wissenschast- liehen Sozialismus. Das eine ist ein Kriegsprodukt. das andere ist der Weiterbau und die Fortsührung jener Wissenschaft und Politik, deren Geburtsurkunde. das Kommunistische Manifest, vor nun reicklich 70 Jahren geschrieben wurde. Z»r Frage der Fandesvertetdigung. Von K. Kautsky. 3. Widersprüche und Jnkunjequeuzen. Wie unzureichend die Auffassungen der Regie- rungssozialisten sind, erhellt schon darauS, daß sie nicht in der Lage sind, ihnen konsegueut treu zu bleiben. Auf Schritt und Tritt müssen sie sie ver- letzen. So ist auch Renner nicht imstande, sich der Stellung und Beantwottung der„Beichtvarersrage" zu enthalten. Gelegentlich äußert er selbst, wo er d,e Schuldigen sucht, und er bezeichnet als wiche nicht bloß die Bourgeoisie, sondern auch die Arbeiter Frankreichs und Englands: „Man geht leider zu oft mit Stillschweigen über die Tatsache hinweg, daß die englische und die sranzöstsche Arbeiterklasse bis auf eine verschwin- dende Minderheit durch ihre Vertrauensmänner sich geradezu zum Träger des Krieges gemacht haben, was die deutsche Partei nie getan h a t.* fMarxismus, Krieg usw. S. 373.) Roch eiltfchiedener drücken sich jene seiner Freunde aus, die im Rahmen der alten deutschen Sozialdemo- kratie den intemationalen Sozialismus notzachiigen, die David, Heitmann usw. Sie stimmen nicht immer darin überein, wer der Schuldige ist, ob Peter von Serbien, ob der Zar, ob Poincars, ob Grey, wissen aber in jedem einzelnen Fall den Schuldbrweis ganz genau zu führen. David hat über diese„Beichtvater- frage* ein eigenes Buch geschrieben:„Die Sozial- demokraite im Weltkriege.* Und das ist ganz natürlich, denn so verschieden auch der Standpunkt der Landesrerreioignng von dem des Verteidigungskrieges ist, seine propagan- distlsch« Krast vetommt der erste« dadurch, daß er, teils unbewußt, teils in bewußter Absicht mit dem letzteren zusainmengeworsen wird. Das stärkste Argu- inent ist stets dir Erklärung: Der Krieg ist uns aus- gezwungen worden. Vom Standpunkt der absoluten Bejahung der Landesverteidigung ist die Beantwortung der Schuld- jrage gleichgültig. Sic ist dagegen grundlegend für die Beantwortung der Frage, ob der Krieg ein Angriffs- oder ein Verteidigungskrieg ist. Und so kommt es, daß diejenigen, die die Lau- desverieidigung und den Verteidigungskrieg durch- einanderwcrfen, auch sich selbst dadurch widersprechen, daß sie die Schuldsrage als belanglos, ja als„um- wisscnsckasilich* hinstellen, um sie dann doch selbst zu beanlworten. Am komischsten ist es allerdings, daß Renner einmal gleichzeitig erklärt, die Schuidfrage fei erst nach dem Kriege zu beantworten, und doch genau weiß, daß dieser ein Verteidigungskrieg ist: „Je größer das ökonomisch« und politische Mit- intcresfe und die Mitverantwortung des Proletariats, um so größer die physische und moralische Zwangslage, den einmal ausgebrochenen, von wem immer verschuldeten, noch so sehr gehaßten Krieg im Interesse des Proletariats selbst so lange auf die eigene Schulter zu nehmen, a l s ex den Charakter der Verteidigung besitzt, und die Abrechnung über die Verschu� dung wie über die Folgen des Krieges der inneren Auseinandersetzung nach dem Kriege vorzubehalten.* (Marxismus usw. S. 380.) Also das Proletariat soll den Krieg als Vertei- digungstrieg aus die eigenen Schultern nehmen, und nach dem Kriege untersuchen, welcher Staat eigentlich der Angreiscr, welcher der Verteidiger war, warum und wozu man eigentlich Krieg führte. Man sollte annehmen, daß es von Ansang an die dringendste Pflicht eines jeden Politikers und vor allem eines jeden Parlamentariers wäre, der über ttricgskredtte abzustimmen hat, in diesen Fragen Klarheit zu be- kommen und Klarheit zu schaffen und von seiner Re- gierung alle notwendigen Ausschlüsse zu fordern, selbst aus die Gefahr hin, von einem erleuchteten Kriegs. Marxisten altvaterischer Beichwatermanieren geziehen zu werden. 4. Rußland und Deutschland. Die Vexfechter der„Landesvetteidigung" be- schränken sich invcS nicht daraus, sie mit dem Vertet- digungskrieg zusammenzuwerfen und die Schuldstag« in gleichem Atem abzulehnen und zu beantworten. Sie machen sich noch»veiterer Inkonsequenzen schitzdig. Ist die Parole der Landcsvertcigung in dem Sinne, in dem sie von den Regierungssozialisten ge- braucht wird, richtig, dann atlt sie für jedes Land, das im Kriege ist und von einer Niederlage bedroht ist. Merkwürdigerweise wurden jedoch vabei Ausnahmen gcmachl. Tie russischen Sozialisten hatten in der Duma nack Kriegsausbruch gegen die Kriegs- kredile gestimmt. Das behagt David gar Wohl. Er schreibt darüber: „Man kann die größte Hochachtung haben für den Mut und die Opfersrcudig'elt von Männern, die lie- ber die Schrecken der russischen Justiz über sich ergehen lassen, als mit der zariscken Regierung gemeinsame Sache zu machen. Daß man sich auch nicht solidarisch suhlt mit den herrschenden Kreisen eines solchen „Vaterlandes* selbst im Falle eines Angriffs von außen, ist begreiflich. Und in diesem Falle konnte den russischen Sozialisten noch dazu nicht verborgen bleiben, daß die Regierung deS eigenen Landes mcht die angegriffene, sondern die angreifende Partei war. AuS diesem Gnmd wäre jede Kritik an dem Ver- halten der russischen Sozialtsten verfehlt.*(Die So- ztaldemokratie im Weltkrieg, S. 1S2, 1S3.) Et, ei! Hier taucht plötzlich die Regierung auf! Sonst kann David nicht laut genug verkünden, daß man die Kriegskredite dem Volke bewilligt, nicht der Regierung.> In Rußland ist das offenbar anders. Dort ist auch daS Vaterland nur eins mit Gänse- füßchen geworden,«in Land, dessen Verteidigung selbst im Falle eineS Angriffs nicht lohnt. Warum? Wegen seiner schlechten Regierung. Und die russischen Sozialisten hatten alle Ursache und jede Möglichkeit, die Schuldfragt zu erwägen und zu beantworten. nicht erst nach dem Kriege, sondern gleich bei feinem Ausbruch. Für sie gilt also nicht das Renuerjche Rezept, daß bei Kriegsausbruch nur zwei Frauen van den Sozialisten zu deantwotten seien: 1. Ist der Krieg wirklich da» 2. Was ist zu tu», um eine Niederlage zu verhindern?(Vcrgl. seinen Marxts- mus, Krieg usw.. S. 370.) Doch David geht noch weiter. Er verkündet jetzt laut, daß die rurnsche Revolution sein und seiner Freunde Werk sei, die die Kriegskredite in Deutsch- iand bewilligten, dadurch den Sieg der deutschen Ar- meen über bie russischen möglich machten und den Umsiurz des Zarismus herbcifühctcn. Ich will hier nicht weiter mit David darüber rechten, warum er die Verdienste um die russische Re- Volution bloß aus die alte deutsche Sozialdemokratie beschranken und nicht aus alle ausoehnen will, die in Teutschland Kriegölredite forderien und bewilltgteu. Die Herren Westarp und Stresemann haben sich doch in diesem Sinue ebenso sehr um die russische Revo- lution verdient gemacht wie die Herren David und Scheidemann. Ich will mich auch nickt weiter bei der Frage aufhallen, waruni die letzteren, die sich rühmen, die Revolution nach Rußland getragen zu haben� sich jetzt so über die Bolschewiti cntrüsten, die daS Geschenk gern mit einem gleichen Gegengeschenk beantwortet hätten. Endlich will ich nicht ivelier dabei verweilcn. daß Rußland schon vor dem Kriege einer neuen Ztevolmton entgegcmrieb, und daß gerade der Krieg und die Art seines Abschlusses Bedingungen geschaffen Hai, die die Behauptung der Revolution aufö äußerste erschweren. Nur eines sei hier betont: Wo bleibt daS ab- solute Prinzip der Landesverteidigung, wenn Ver- Hältnisse denkbar sind, in denen sogar eine Niederlage und eine feindliche Invasion zur Wohltat werden können, sobald sie dem bestehenden RegierungSsystem den Garaus machen? Und stellt sich hier David nicht auf den gleichen Standpunkt wie wir, daß die Frage der Landesverteidi- gung nicht isoliett, sondern in dem politischen Qto- samtzusammenhang. in dem sie steht, zu erörtern sei? Ja. Bauer, sagt David. daZ ist etwas ganz anderes. Das ist gut für Rußland, aber nicht für uns. »Deulschluno ist nicht Rußland. Zwar gibt eS einige komische Käuze, die glauben oder wenigstens behaupten, die politischen und sozialen Verhälttriff« in Preuhen-Deutschland seien nicht besser als die Rutz» lands und darum verloren die deutschen Arbeiter nichts, wenn sie das russische Regiment gegc» das deutsche eintauschten. Wlein mit solchen Geistern«ntst- hast zu dtSkutieren, hieße sich selber zum Narren machen.*(S. 163.) Allo die Landesverteidigung ist doch kein adfo- luteS Prinzip, sie versteht sich nicht unter allen Um- ständen von selbst, ohne Untersuchung des politischen Zusammenhanges, aber sie versteht sich von selbst für uns in Deutschland, weil unsre politischen und svzi- alen Verhältnisse um so viel besser sind. Hier enthüllt sich uns die geheime Wurzel der Auffassung der NcgierungSsozialisten von der Land«»- Verteidigung: Das Vertrauen zur bestehenden Regie- rnng, zum bestehenden RegierungSsystem. Es macht für sie jede besondere Untersuchung der voltttschen Zusammenhänge der Landesverteidigung überflüssig, macht für sie die Bewilligung der Krirgskredite not- wendig, wie immer die Politik der Regierung sein mag. Das Vertrauen zur Regierung, daS kennzeichnet nach Rcuiier den reifen Sozialisten. Er sindei: „Die bloße Tatsache, daß, je entwickelter ein Proletariat war, desto näher seine Vertreter zur Staatsregierung getreten stvv, gibt sehr zu denken. Also wäre der Grad der Staatsnäh« und nicht der Staatsserne ein Merkmal der Klassenreise.*(Marlis- muö usw. iS. 379.) Sebr viel mehr zu denken gibt die„bloße Tat- fache", daß Renner die Annäherung des Proletariats an die Regierung nicht vom Eharakter der letzteren abhängig macht— davon tprickt er mit keiner Silbe sondern von der Entwicklungshöhe des Prole- tariatS. Je größer dessen.Klaffenreise*, desto unge- messener sein Vertrauen Regierung. Hier liegt der nesste Grund des Zwiespalts zwischen der unabhängigen und der abhängigen So- zialdemokraiic, wie in andem Fragen so auch der der Landesverteidigung. Kein unabhängiger Sozial« demokrat will sein Land äußeren Feinden preis- aeben,„Landesverrat" üben. Aber er steht die größte» Gefahren, die beut Volke drohen, anderswo, als der abhängige Sozialdemolrat: seine Methode, Land und Voll zu schützen, unterscheidet sich sehr wesentlich von der abhängigen. Der Gegensatz beider läßt sich aber nur begrün- de» und erfassen durch Erörterung unsrcr gesamten inncren und äußern Politik. Die LoSlösung der Frage der Landesverteidigung aus diesem Zusammen- hang wirkt bloß verwirrend und nützt nur jenen, denen es nickt um Klärung zu tun ist, die n» Trüben zu fischen suchen. Mest-Sstüche Arabesken. Von A. Sander. Kurz bevor der Friede mit Rußland im Reichs- tag angenommen wurde, bekannte Herr August W i n n i g in der„Glocke" mit schöner Offenherzigkeit. daß der Fried« kein Friede nach unserm Herzen sei. Er bemängelte, daß die MehrhettSdartet imr schöne Wone von Verständigung und Versöhnung qesvroche», aber nichts getan habe, um ein klares Programm über die Neuordnung im Osten auszustellen, und er prägte schließlich daS Wort, daß die untätige Politik der Mebrbcitspartet zwar aus guten Füßen stehe, aber leider daitehe mit gebundenen Händen. Es sind nur wenige Wochen nach dieser Selbst' kasteiung inS Land gegangen, und He« Minnig ist bereits anderer Meinung geworden. Jetzt steht der Qstsriede und die Art, wie er herbeigekührt wurde. glSnzend««rechifrrtigt da, und«s ist m» der ewigen Krittelei und Nörgelei, die dem Teutschen im Blute liegeu, zuzuschreiben, daß an dem Ostftieden überhaupt Kritik geübt wurde. Doch hören wir, wie Herr Witt- nig das in einem Artikel»Vom deutschen Wesen' in der„Glocke' vom 6. April des näheren begründet: .... Wir kämpfen mit Glück. Den Ring, der uns erdrosseln sollte, zerbrechen wir— grade an der Stelle, wo er am stärksten schien. Das russische Welt- reich, gegründet auf roheste Gewalt und Unterjochung, bricht militärisch und politisch zusammen. Ader wir sind weit entfernt, diese Gunst der Stunde auszu- nutzen. Mit Gewehr bei Fuß stehen wir dabei, als sich das Riesenreich in inneren Krämpfen windet. Wir machen uns die Parole zu eigen, mit der die Vcr« weser des zarischen Erbes ihr Land aus dem Zu- sammenbruch retten wollen, und akzeptieren die Formel: Frieden ohne Annexionen und Kontributionen — einem Länderkomplex gegenüber, der zu vier Fünf- teln aus gewaltsam annektierten Gebieten besteht. Aber die Perhandlungen werden zu einer K o m ö- die. Nicht den Frieden will man er- handeln, sondern durch die VerHand- lungen die Revolution in Deutsch- l a n d entfachen; die Revolution in einem Lande, das in einem verzweifelten Kampfe jjegcn alle großen Reiche der Erde steht. Die Regierung erkennt, was jedes Kind sieht, und macht der Komödie ein Ende. Sie durch- kreuzt die Finten und.stellt die nlssischen Machthaber vor eine Zwangslage. Sie konzediert ihnen einen Frieden, der noch immer frei von Annexionen und Entschädigun- gen i st. Sie verlangt nichts weiter als die Atter- kennung, daß die Loslösung einiger Fremdvölker aus dem Gefüge des russischen Staates, die bereits durch die russische Regierung diesen Völkern zugestanden ist, als dauernde Tatsache stabilisiert wird, und sichert sich den bestimmenden Einfluß aus diese neuen Staaten.. Und wir? Nun, wir wissen nichts Besseres zu tun. als der Regierung Vorwürfe zu machen, daß sie mit den Interessen der Fremdvölker, und insonderheit mit den Interessen Großrußlands, nicht säuberlich ge- nug umgegangen ist.' S o, Imtb in dem führenden Organ der GeWerk- schafts- und Parteibureaukraiie der Mehrheit Geschichte geschrieben. Auch ein Beitrag zu dem Kapitel W innig»»Vom deutschen Wesen'. ••• In den Schaufenstern der Berliner Bäckereien and Butterhandlungen hängt seit einigen Tagen eine große Karte: Die Ukraine, Land und Volk, deren Lektüre uns wohl zu freundlicheren Gedanken verHelsen soll. Mit schöner roter Farbe sind dke voraussichtltchen Grenzen der»ukraimfchen Volksrepublik' gezeichnet, die sich von Cholm und Polesje bis an das Schwarze Meer und über den Kuban bis zum Kaukasus ausdehnt(der größte Teil BeßarabienS ist allerdings fürsorglich für die Ru- mänen und die südliche Hälfte dxr Krim für die Tataren reserviert). Eine Reihe Zahlen illustriert die Produktion dieses»reichsten Landes' des ehe- maligen russischen Reiches, und zusammenfassend heißt es:»Die landwirtickaflliche Produktion der Ukraine im Frieden könnte den Bedarf der Mittelmächte sicher- stellen, ihre reichen Schätze an Kohle. Erz, Salz und Petroleum«1»Sozialistischen Monatsheften', das steuerlose Umspringen von der gegenteiligen anttbritfschen Auffassung zur»kurzsichtig bequemen Pufferstaaispolftil' enthülle lediglich, wie wenig tief in Deutschland das weltpolitische Neulemen bisher noch immer ging. Ter Vorwurf ist nicht unberechtigt und trifft insbesondere Cunow, den jetzigen Leiter der vom Parteivorstaild annellierten»Neuen Zeit', der, seitdem er den Boden des Marxismus verlassen hat, wie ein steuerloses Wrack auf den Wogen der Tagespolitik treibt. Schippel dagegen darf sür sich mindestens in Anspruch nehmen, daß er den anlibrittschen Standpunkt konse- quent verfolgt und aus ihm recht durchschlagende Ar- aumente gegen die jetzt inaugurierte Ostpolitik schöpft. In seinem letzten Artikel zitiert er das Wort Bis- marcks: man solle nur nicht glauben, daß man Groß- rußland als tote Masse betrachten dürfe, und er weist mit vollem Recht darauf hin, daß einer britischen Politik, die ihre jetzt erlittenen Scharten später wie- der auszuwetzen versuchte, jederzeit ein antideutsches, große deutsche Kräfte bindendes Rußland sich als ver- geltungssuchender Bundesgenosse ganz von selber dar- bieten würde. Es ist nicht ohne Reiz, daß diese� Annäherung zwischen Großrußland und der Entente sich schon jetzt unter der bolschewistischen Herrschast anbahnt, obwohl die Bolschewiki einerseits und die Ententediplomaten andererseits auch die letzten Brücken zueinander abge- brachen hatten. Die aus Finnland nach Wologda zurückgekehrten Botschafter und Gesandten der alliierten Mächte erklären in einer Rote an die russische Presse vom 27. März, die Friedensbedingungen von Brest- Litowsk hätten die Alliierten gezwungen. il?re schwer bedrohten Interessen zu verteidigen. Jetzt jedoch hielten sie es für notwendig, nach Rußland zurückzukehren. Fast zu gleicher Zeit schreibt L i t w i n o f f, der bolschewistische Botschafter in London, in einem Artikel im»Manchester Guardian'. die Entente schädige ihre eigenen Interessen, wenn sie eine Intervention Japans in Sibirien zuließe. Rußland sei bereit, ohne sich formell zu binden, die Hilfe der Entente für seinen Existenzkampf entgegen- zunehmen. Aebnlich äußert sich R a n s o m e, der Moskauer Vertreter der»Dailv News', der der eng- lischen Regierung dringend anrät, im Interesse Eng- lands und zum Nachteil Deutschlands die Sowjet- regierung zu befestigen.— Gemeinsame Rttionsmög- lichkeiten ergeben sich übrigens schon jetzt, wie das Beispiel des Zusammenwirkens der Sowjetregierung mit der Entente zum Schutz der Murnianbahn zeigt, die durch das Vorgehen der sinntschen weißen Garde bedroht ist. Roch enger scheinen sich die Beziehungen der Sowjetregierung zu der Regierung der V e r e i- nigten Staaten zu gestalten. Zur Eröffnung des Moskauer Sowjetkongresses am 14. März sandte Wilson ein Begrützungsielegramm, in dem er namens der Regierung der Vereinigten Staaten den: russischen Volke die Zusicherung gab, alle Mittel auf- zuwenden, um Rußland zur vollcn Souveränität und Unabhängigkeit und zu seiner früheren Stellung in der europäischen Politik zu verhelfen. Der Kongreß sprach Wilson in einem Antworttelegramm seine Er- renntlichkett für die dem russischen Volke ausgedrückte Sympathie ans. und in einem Leitartikel der offiziösen»Iswrstija' kennzeichnete Genosse S t e! l o s f das Telegramm Wilson? als ein Dokument von außer- ordentlicher politischer Bedeutung..Der politische Re- allsmus diktiere Rußland die Annäherung an die große Demokratie der Vereinigten Staaten. Auch sie handle nicht uneigennützig, da die Vereinigten Staaten der natürliche Konkurrent Deutschlands auf dem rns- sifchen Markt und der Gegner Japans am Stillen Ozean seien. Aber zwischen den Imperialismus Japans und Dentichland gestellt, müff? Rußland die Hand der Vereinigten Staaten ergreifen� um innerlich zu erstarken und alle äußeren Angriffe auf die Wurzeln seiner Eristen» abzuwehren. Es ist schwer, sich bei der fast hermetischen Ab- geschloffenbeit von Rußland ein klares Bild der dort herrschenden Strömungen zu machen. Aber schon die vorhandenen Nachrichten weisen unzweideutig daraus hin, daß die innere wie die äußere Politik Rußlands sich konsequxnt in der Richtung fortentwickelt, die ihr durch die eiserne Logik des Lsi'ncdens gewic-sen wird. Es ist nicht die Richtung, die Cunow und Konsorten in ihrem Irrwahn zu sehen vermeinen. Groß-Kerttner Cbronik. Die Kohlennot will kein Ende nehmen. Viele Tausendc laufen tagtäglich zum Kohlenhändler und stellen sich stundenlang an, um auf ihre Karten Kohlen zu bekommen, die am 15. Mai oerfallen. Die Kohlen- Händler können die Kunden nicht bedienen, da sie selber leine Kohlen haben. Was nützen alle Karten, wenn man darauf nichts erhält. Jetzt will die Kohlenstölle den Verfalltermin der Karten auf den h, Juni festsetzen. Wenn es aber nicht besser mit der Belieferung der Händler wird, nützt auch diese Maßnahme nichts. Dafür Zoll aber die Easstrafe eingezogen werden von denjenigen, die mehr verbraucht haben, als sie sollten. Nun ist doch klar, daß derjenige, der Kohlen nicht er- hielt, Gas. verbauchte. Dafür will man noch die Strafe einziehen. Man will mit„Milde" verfahren, heißt es In Wirklichkeit ist es einfach unerhört, überhaupt noch Strafe zu erheben. 50 Pr. pro Kubikmeter sollen be- zahlt werden. Ist das nicht überhaupt ein Wucherpreis gegen den eingeschritten werden müßte? Zur Kohlennot kommt die Schuh-, die Kleider- und die Wäschenot. Das Alte ist ziemlich ausge- braucht. Neue» gibt» kaum und da» ist furchtbar teuer. i Für Anzüge oder Schuhe«Lssen heute kleine Vermögen I angelegt werden, soweit wenlgftens die ärmere B.'völ- kerung in Frage tommr. Nun will man haujceren gehen nach Anzügen, die abgegeben werden sollen. Biel wird da nicht herauslominen. Und dann sollen die Bellet- dungsstellen in Funktion treten. Da wird was rechts herauskommen. Denn was Eejcheites hat man von diesen Alt-Kleider-Verwertungsstellen noch nicht gehört. Nur der Besitzende, der Kriegsgewinnler wird davon wenig merken. Wer heute viel Geld hat, kann sich nicht nur gut nähren, sondern sich auch sehr elegant kleiden. Wie Polizetagentinnen manchmal arbeiten, dafür lieferte eine kürzlich vor dem Schösfengericht Ber- lin-Schöneberg stattgehabte Eerichtsoerhandlung einen hübschen Beitrag. Angetlagt war wegen verbotenen Eoldhandels der Kaufmann Mendlson, ein englischer Staatsangehöriger, und der Faktor Schröder. Die Polizei hatte durch eine Agentin davon Kenntnis erhalten, daß die beiden Angeklagten in dem Cafö Leon am Rollen- dorfplatz einen größeren Posten Goldstücke für 36 Mark das Stück zu verlaufen suchten; sie hatte beide aus frischer Tat ertappt und festgenommen. Zu der VerHand- lung hate Rechtsanwalt Dr. Julius Meyer I die Ladung der Polizeiagentin Meyer beantragt, die inzwischen wegen Diebstahls verhaftet war und aus dem Unter- suchungsgefängnis vorgeführt wurde. Die Vernehmung der Zeugin, die sich fortwährend ihrer hohen Beziehungen Rühmte und behauptete, in vorliegendem Fall im aus- drücklichen Auftrag eines Offiziers vom politi- l ch e n Amt gehandelt zu haben, erglib die eigenartige Aufklärung, daß die Polizeiagentin selbst das ganze Eoldgeschäft eingeleitet und die Angeklagten erst zu der Straftat angestiftet hatte, um die Differenz im Stück- preise zwischen 30 und 30 Mark in die eigene Tasche zu stecken. Der Amtsanwqlt beantragte mit Rücksicht aus dieses Ergebnis der Verhandlung, von einer Gefängnis- strafe Abstand zu nehmen und die Angeklagten nur zu Gelvstrafen von 500 und 300 Mark zu verurteilen. Von dem Verteidiger wurde ausgeführt, daß die Angeklagten ausschließlich das Opfer der Polizeiagentin geworden seien und deshalb mit besonderer Milde be- urteilt werden müßten. Das Gericht ging bei der Strafabmessung noch unter den Antrag des Amtsanwalts herunter und erkannte gegen Mendlftm auf 50 Mark und gegen Schröder auf 30 Mar! Geldstrafe, da, wie der Vorsitzende, Amtsgerichtsrat Bennewitz, in der Urteils- begründung bemerkte, die Polizeiagentin als Hauptange- klagte auf die Anklagebank gehört hätte. Am 1. Mai flatterte auf einem Hause Unter den Linden eine rote Fahne. Wenn früher unter dem Sozialistengesetz an einer Telegraphenstange eine rote Fahne flatterte, wurde schnell die Feuerwehr herbei» geholt, um das staatsgesährlichs Ding herunterzuholen. Diesmal wurde die Feuerwehr nicht alarmiert, obgleich die rote Fahne ausgerechnet Unter den Linden aufgezogen war. Mancher staatserhaitende Bürger mag entsetzt ge- wesen sein, daß das rote Banner hoch oben lustig wehte. Es war das Haus der russischen Botschaft, das die rote Fahne als Nationalflagge zur Feier des 1. Mai ausge» zogen hatte. Und in der Botschaft selber waren Freunde des Herrn Joffe, des jetzigen Botschafters, geladen, um in den Räumen, in denen sonst Fürsten und Grafen große Feten gaben, einfach und würdig den L Mai zu begehen. Hersteller falscher Brotkarten sind wieder aufgetaut, t. es haben erneute Verhaftungen stattge-- funden. Die Eüterdteb stähle nehmen kein End«. Auf dem Lehrter Bahnhof wurde ein Hilfsrangierer dabei erwischt, wie er mehrere Kisten kondensierter Milch bei- leite schaffte; er wurde verhaftet. In seiner Wohnun» fand man eine Menge Waren, die gestohlen waren. Straßenbahnzusammen st öße haben weh- rere stattgefunden, wobei erhebliche Verletzungen vor- kamen. Ein falscher Schutzmann hat in einem Ber- liner Vorort Angestellte einer Vrotkommission nach Hause geschickt, da er die Aufsicht über die Brotkarten über- nehmen wollte. Als der richtige Schutzmann, der mit der Aufsicht betraut war, ankam, war der falsche Schutz« mann verschwunden und mit ihm große Menge» Brot- karten. Ein Erholungsheim für Beamte und Arbeiter hat Herr Aron Hirsch von der Hirschschen Kupfer- und Messingwerke-Aktiengesellschaft gestisteft Das Heim ist am Merbellinsee gelegen und wurde am Sonntag im Beisein des Generalobersten von Kessel, Kultusminister Schmidt und anderen feierlich eröffnet. In solche Heime kommen nach bisherigen Erfahrungen Beamte und Werkmeister, während die Arbeiter dabei durchgängig den kürzeren ziehen, es sei denn, es handelt sich um wohlgesinnte Leute. Wegen Verkaufs eines getragenen Kleidungsstückes an eine Privatperson ist eine hiesige Einwohnerin zu 20 Mark Geldstrafe oder vier Tagen Gefängnis verurteilt worden. Arbetter-KHdnngsschnle. Die Bibliothek der Schule ist bis auf weiteres wieder an jedem Donnerstag, abends von 7 bis 9 Uhr geöffnet und steht den Hörern und den Mit- gliedern der Eroß-Verliner Wahlvereine gegen ent- sprechende Legitimation(Mitgliedsbuch u. dergl.) unent- geltlich zur Verfügung. Redaltionsschlud: Zeven Dienstag Abend. Verantw. Redakteur: E. Leid; Verleger A. Hoffmaan; beide Berlin O. 27. Schtcklerstraße 5. Druck: Mmim& Dimmick, Berlin. LöpemckerStk. 36*31