A des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlveretne Berlins und Umgegend. Zu beziehen durch die Bezirksführer die Nummer zu 10 Pf. oder durch die Post.— Nedaktton u. Verlag: 0.27, Schicklerstr. 3. Fernruf: Alexander, 3007. Nr. 18. Berlin, den 4. August 1S18. 13. Jahrgang. Offene feinde und Mfche frennde des Sojiaisniis, Gin Auferstandener. Der„Vorwärst" hat dieser Tage an die letzte große Friedensdemonstration der Berlmer Arbeiter vor Ausbruch des Weltkrieges erinnert. Er nennt jenen 28. Juli 1914 einen Ehrentag der Berliner Arbeiter und meint, diese könnten mit tiefer Genug- tuung an diesen Tag zurückdenken. Wir, die Ivir mit der Stimmung der großen Mehrheit der sozia- listischen Arbeiterschaft Groß-Berlins besser vertraut sind als die derzeitigen Herren im„Vorwärts"— sie haben ja in der Hauptfache mehr mit der Orga- nisationsbürokratie als mit der eigentlichen Ar- beiterschaft Fühlung—, können feststellen, daß bei den denkenden Arbeitern von Genugtuung nicht viel zu spüren ist. Destomehr aber von bitterem In- grimm. Denn sie wissen, daß dem 28. Juli der 4. August folgte, der Tag, an dem die leitenden Faktoren der deutschen Arbeiterpartei auf ein „Sichaufbäumen gegen das Schicksal" verzichteten. Der Friedensdemonstration vom 28. Juli folgte die von den Instanzen verkündete Harmonieparole, die Festlegung auf den„Burgfrieden" und die weiteren unzähligen Sünden gegen den Geist des proletarischen Emanzipationskampfes. Mit„Ge- nugtuung" hat das nicht das mmdeste zu tun. Selbst unter den Arbeitern, die bisher gläubig dem sozialpatriotischen Evangelium gelauscht haben, -regen sich jetzt Zweifel und Unzufriedenheit mit den Führern, deren politischen Praxis zu Beginn des fünften Kriegsjahrcs noch genau dieselbe ist wie vor vier Jahren. An so manches, was damals geschah, wollen die Herren nicht gern erinnert sein. Die Tatsache ist aber nicht aus der Welt zu schaffen, daß viele von ihnen ergriffen waren von dem damaligen Harmoniesieber. Dafür zeugen zahllose Zeitungs- artikel in der Partei- und Geiverkschaftspresse, das beweisen die schönen Harmoniebücher, die die Scheidemann, Schulz, Legten, Winnig und wie sie alle heißen, im Verein mit konservativen, liberalen und klerikalen Politikern geschrieben haben. In jener Zeit konnte man auch in der regierungs- sozialistischen Presse mehr als einmal lesen:„Jetzt, da es keine Parteien, sondern nur noch Deutsche gibt, hat auch der N e i ch s v e r b a n d zur B e- kämpfung der Sozialdemokratie für immer das Zeilliche gesegnet. Jetzt, wo die deutsche Sozialdemokratie durch die Tat bewiesen hat, daß sie das Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stiche läßt, ist der Reichsverband tot, mausetot, und niemals ioird es für ihn ein Auferstehen geben., Richtig ist, daß zu Anfang des Krieges besagter Reichsverband eine Zeitlang die Bude zugemacht hat. Oder richtiger: Er hat vorübergehend i�zs offene Ladengeschäft geschlossen, hinten in seiner Werkstatt ist er aber desto fleißiger gewesen. Die wenigen Sozialdemokraten, denen von vornherein klar"war, daß der Kriegssturm die bestehenden Klassengegensätze nicht verwehen, wohl aber vcr- tiefen und verstärken werde, glaubten nicht an das selige Ende des Reichsverbandes. Die Entwick- lung der Dinge hat hier wie in so vielen anderen Fragen ihrem Skeptizismus Recht gegeben. Dieser Tage mußte der„Vorwärts", dessen derzeitige In- haber gerade um ihrer burgfriedlichen Gesinnung willen in den Besitz des Blattes gekommen sind, folgenden Aufruf des totgesagten Reichsverbandes bekannt geben: Berlin SW. II, im Juli 1918. Dessauer Str. 39. Euer Hochwohlgeboren! Die Sochstimung des ersten Augusttages des Jahres 1911 ist bei der langen Dauer des Krieges ver- Losen, Verbitterung herrscht in weiten Schichten des. deutschen Volkes. Der Gedanke, die sozialdemokra- tische Arbeiterschaft, die doch mit uns um Leben und Sein kämpft wie alle übrigen Volksglieder, durch fortwährende Z n gr st ä n d n i s s e bei guter Laune zu erhalten und sie für die Erfüllung ihrer ein- fachen Pflicht zu belohnen, trägt unheilvolle Früchte. Das deutsche Wirtschaftsleben, das durch ver fehlte staatssozialistische Maßnahmen schon genug geschädigt ist, gcht nach dem Fri'den schweren Erschütterungen entgegen. Heftige Lohnkämpfc nach dein Kriege sind zu erwarten. Die Befürchtung ist nicht von der frand zu weisen, daß der nächste Reichstag die Durchführung des bewährten Bismarckschen Grundsatzes„des Schutzes der natto- nalen Arbeit in Stadt und Land" nicht mehr gewähren wird. Dann würden Reich stagsauflösungen sich häufen, wenn die bürgerlichen Parteien, die auf dem Boden obigen Grundsatzes stehen, sich nicht erfolg- reich zusammenschließen, um der roten Flut einen Damm entgegenzusetzen. Da gilt es, beizeiten zu rüsten, um die drohenden politischen und wirtschaftlichen Kämpfe bestehen zu können. Der„R eichsverband gegen die Sozial- ö e m o k r a t i e" muß abermals, wie vor den Wählen des Jahres 1997, eine umfassende und grotzzügige�Auf- klärungsarbeit in die Hand nehmen. Dazu bedarf er erheblicher Mittel und ist am Werke, um diese Arbeit leisten zu können, einen Wahl schätz zu sammeln. Wollen wir nicht russischen Zuständen ent- gegensehcn, wird Opfcrwilligkeit zur rechten Zeit un- erläßlich sein, um den Zusammenbruch der bttrger- lichen Gesellschaft zu verhüten. Wer die Zeichen der Zeit erkennt und dafür ist, daß mit der Fackel der Wahrheit in die weitesten Volkskrcise hineingeleuchtet wird, um schwere Schädi- gungen des Volksganzen zu verhüten, setzt sich dem späteren Vorwurf nicht aus: Du hättest rechtzeitig das Deine dazu beitragen können, die drohende Gefahr abzuwehren. Wir richten daher an Ew. Hochwohlgeboren die dringende Bitte, zu unserem Wahlschatz nach Kräften beizusteuern, um darauf hinzuwirken, daß nicht die ödeste Gleichmacherei proletarischer Masfcuinstinkte ans den Trümmer» der bürgerlichen Gesellschaft und unserer Wirtschaftsordnung die Welt regiert. Wir sind im Verteidigungskrieg gegen den sozialdemokratischen Angriff. Zum Krieg- führen gehört aber Geld, Geld und noch- m a l S G c l d! Wir hoffen, daß unser Appell an Ihre oft bewährte Opferwilligkeit auch diesmal nicht ver- gebens sein wird und zeichnen mit.vorzüglicher Hochachtung ergebenste Hauptstelle des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie. Der Vorstand des Reichsverbandes gegen die Sozial- demokratie. Wirkt. Geh. Rat Gras von Arnim, M. d. H., Muskau., Oberstleutnant a. D. Graf von Blücher, Rostock. General d. Inf. z. D. v o n d c r B o e ck. Wirkl. Geh. Rat von Dirksen, M. d. H., Gröditzberg. Landrat a. D. Graf zu Dohna, Potsdam. Landrat a. D. Dr. v o n Go ß lar, M. d. A., Schätz bei Guhrau. Geh. Justtzrat Haar mann. M. d. A., Dortmund. Syndikus Hirsch. M. d. R. u. A.. Essen. Generaldirektor Reg.-Rat a. D. Kleindorf, Schloß Waldenburg. General d. Inf. z. D. von Licbert, M. d. A., sl. Vorsitzender), Verlin. Fürst von Pleß, M. d. H., Fttrstcnstcin. Direktor Dr. R u h n a u, Berlin. Landrat a. D. Rötger, M. d. A., Berlin. Geh. Reg.-Nat Dr. Schmidt, Berlin. Geh. Kommcrzienrat Vo r st e r, M. d. A., Köln. Laudgcrichtsdirektor Dr. W a g e n e r, Dresden. Ter Aufruf ist in aller Stille an die kapita- listischen und reaktionären Interessenten versandt worden in einer Zeit, in der die Zeitungen alltäg- lich in auffallendem Druck Mahnungsnotizen in ihren Texten einschieben, die„Einheit der Heimat- sroni" unter allen Umständen ausrecht zu erhalten. Da macht sich eine solche Kampfansage gegen alles, was Sozialismus heißt, besonders nett. W\ r regen uns darüber nicht sonderlich auf. Wir wußten Ste-rtin, den 30. Juli 1918. schon längst, daß unter der Decke der patriotischen Phraseologie der Klasseninstinkt der Kapitalisten und Reaktionäre lustig weiterwuchert und daß diese Herrschaften mit weit mehr Klarheit und Energie ihre� Klasseninteressen versechten, als es gewisse Sozialisten und Arbeiterführer für das proletarische Klassoninteresse tun. Das wissen die Macher des Reichsverbandes auch recht gut. Darum bieten sie ihre politischen Landsknechtsdienßx der zahlungsfähigen Kundschaft an. Wie der Herr"General von Liebert einst seine ostafrikanischen Askaris den Buschkrieg führen ließ, so will er jetzt die jour- nalisti scheu und agitatorischen Askaris des Reichsverbandes gegen die Arbeiterbewegung ausschwär- uzen lassen. Aber Landsknechtsheere werden nur mit Geld zusammengehalten. Daher der Appell an die feuerfesten Geldschränke der Großkapita- listen und Großagrarier. Die Herren werden sich der_ Mahnung nicht verschließen. Ihr seines Klassengefühl sagt ihnen, daß die„proletarischen Masseninstinkte" eine sehr gesährliche Sache sind, ganz besonders nach den Erschütterungen des Welt- krieges. Die Reichsverbandsherolde wissen daher auch ihre Kundschaft an der empfindlichen Stelle zu packen. Sie verweisen mit Geschick auf die „staatssozialistischen" Mahnahmen, die zwar herz- lich wenig vom Geiste unseres Sozialismus an sich haben, den Jndustriemagnaten und Grund- Herren aber ein Greuel sind. Der Hinweis aus die„heftigen Lohnkämpfe nach dem Kriege" zeigr deutlich, daß die kapitalistischen und reaktionären Elemente ganz genau wissen, daß der Arbeiterschaft ein Notfriedeu bevorsteht, der ihnen den Kampf gegen das Kapital aufzwingt. Für diesen Kampf will der Reichsverband schon jetzt die Waffen lie- fern. Vor allem sind es aber„die russischen Zu- stände, die in dem Aufrufe als Schreckgespenst vor- geführt werden. Wir sind, sicher, der auferstandene Reichsverband wird„Geld, Geld und nochmals Geld" zur Ge- nüge erhallen. An Mammon für seinen Verleum- dungsfeldzug wird es ihm nicht fehlen. Aber sein Appell an den. Geldsack der Besitzenden ist gleichzeitig eine Fanfare für die ArbÄterklasse. Möge sie die Müden, Trägen und Verdrossenen aufrütteln. Arbeit für den Reichsverband. Es ist ein Verdienst des„Vorwärts", den Aus- ruf des Reichsverbandes an das Licht der Oeffent- lichkeit gebracht zu haben. Weniger rühmlich ist aber das Begleitwort, das er ihm mit auf den Weg gibt. Nach einigen allgemeinen Sätzen über den Mammonismus und nach einer Jammerarie über die Bruderkämpfe in der Arbeiterschaft sucht er den Aufruf dahin zu erläutern, daß er sich nur „gegen die deutsche Sozialdemokratie" richte. Die Strömungen, die die Sozialdemokratie„von links her bekämpfen"— d. h. also in erster Linie die Unabhängige Sozialdemokratie— würden in dem Aufruf„mit Schonung" behandelt. Und dann wird ein Register der Sünden der Parteioppositiou aufgezählt. Es ist das ein demagogischer Kniff, der nicht zum ersten Male angewandt wird. Die Tatsache, daß die reaktionäre Presse sich mit besonderem Eifer mit Scheidemann und seiner Partei herum- schlug, benutzte man von regigrungssoziallistischer Seite dazu, den urteilslosen Arbeitern zu sagen: „Seht, was sind- wir für schneidige Kerle; wir blingen die reaktionären Geister in Wut, von den Unabhängigen dagegen spricht kein Mensch." Nach dem gleichen Rezepr arbeitet der„Vorwärts" jetzt bei dem Ausruf des Reichsverbandes. Wie liegen die Dinge in Wirklichkeit: Daß die reaktionäre Presse sich mit Vorliebe die Scheide Männer cruss Korn genommen hat, ist zurück zuführen: 1. auf die Reklame- und Sensation»- hascherei dieser Herren, die al» politische Hans- dampfs auf der Vorderbühne des öffentlichen Lebens herumzappeln; 2. auf den wütenden Haß aller reaktionären Elemente gegen alles, was sich Sozialismus nennt, selbst wenn es sich in der zahmen Form des Kriegs- un' Negierungssozia- lismus präsentiert; 3. ist es eine alte Taktik im politischen Kampfe, den Gegner, den man für be- sonders gefährlich hält und den man besonders haßt, totzuschweigen, solange es irgend geht. Rcit dieser Wanzentaktik hat man die alte Sozialdcmo- kratie lange Zeit bedacht, diese Taktik wird jetzt auch gegen die Unabhängige Sozialdernokratie ein geschlagen, und der Regierungssozialismus hißft dabei wacker mit, siehe seine Parlamentsberichte usw.; 4. aber, und das ist das wichtigste: die reaktionäre Presse und die reaktionären Politiker hatten bis heute gar nicht nötig, sich in geistige Unkosten gegen die Unabhängige Sozialdemokratie zu stürzen. Wußten sie doch den positiven Kampf gegen unsere Partei in guten Händen. Die reaktionären Zeitungs- chreiber wissen sehr gut, daß unsere Partei„jen- eits der Linie" steht, wozu also großes Aufheben von ihr machen. Es ist also ein plumper demagogischer Kniff, wenn der„Vorwärts" seine Leser glauben machen will, daß der Reichsverband nur auf die Scheide- mann-Partei anstürmen werde. Nein, für diesen wie für die Kreise, die hinter ihm stehen, ist alles. was den Namen sozialistisch mit Recht oder Unrecht führt, in gleicher Verdammnis. Dem ganzen Pro- letariat gilt der Kamps, am meisten aber sicher der Unabhängigen Partei und all denen, die am Regie- rungssozialismus irre werden und einen entschiedenen Klassenkampf verlangen. Gegen diese Gegner steht dem Reichsverbande massenhaft Material zur Verfügung, das ihnen in den letzten vier Jahren von regierungssozialistischer Seite geliefert wurde. Tag für Tag haben die Angestellten des Reichsverbandes gesessen und fleißig gesammelt, was ihnen die regierungssozia- listische Presse an Anwürfen gegen die Opposition, gegen die Arbeitsgemeinschaft und die Unabhängige Partei geboten hat. Die Zettelkasten des Reichs- Verbandes über„Landesverrat", Agenten des Aus- landes",„Volksfeinde" usw. usw. werden mit regie- rungssozialistischem Material vollgepfropft sein. Jede Nummer der I. K. war für die Neichsver- bändler ein gefundenes Fressen. Wenn jemand auf„Schonung" durch den Reichs- verband zu rechnen hat, so Werden es sicher andere Leute sein, als die, die den Regierungssozialismus von links bekämpfen. Wir aber werden sowohl mit dem Neichsverbande wie mit seinen-freiwilligen und unfreiwilligen Hintermännern fertig werden. M. Gorlti Lber die proletarische Devolution. Wenn wir Mcirim Gorki im Zusammenhanqe mit den Ereignissen in Rußland zitieren, so geschiebt es selbstverständlich nicht weil oder insofern sein Urteil politisch einwandsfrei und maßgebend ist: wer Gorki die Eigenart seines Talentes, sein glüh'endes Tempe- rament kennt, bat nie überrascht sein können über die Schwankungen und Urbergänge, die er trotz sei- nev tiefen, revolutionären Gefiible und großen Hin- gäbe an die Besreinng deZ Volkes, in seiner sozia- listischen Partei- und Frakrionsorientieruna durchge- macht. Ticse selben Schivaukuugen durchlebt er auch jetzt, was sich deutlich aus der Rubrik„Nnzeitge- mäße Gedanken" in der er fast täglich in der ,.No- vaia Jisn" zu den Ereignissen in Nußland Stellung nimmt, ergibt. Aber was ihn von so manmem unterscheidet, ist, daß er trotz der scharfen Kritik. trotz der Verztveiflung, die einzelne Vorgänge in Rußland in ihm hervorrufen, das Große und Schöne fühlt und schätzt, und trotz alles dessen, was er gegen die Machtansübung der Bolschewiki schreibt, ein spontanes Bednrsnis empfindet, sie und vor allem die revolutionäre Nmwälzmig, die in Rußland vor sich geht, zu verteidigen, auf ihre grandiose Seite hinzuweisen. Es ist wobl überflüssig, hinzuzufüaen, daß wir mit so mancher Vehauptung oder Ein- schätzung nicht einverstanden sind— so u. a. mit der Art und Weise, wie Gorki die Frauen idealisiert, was er übrigens selbst einsieht, ober wie gesagt, das Bemerkenstverieste in der Gorkischcn Stellung liegt Hilst auf peluischen! Gebiete, sonderr auf rein.psy- chologischenl. Am 19. Mai begleitete Gorki eine Reihe von Auesagen über iste unerträglichen Zustände. in der russischen Armee mit solgendem KommeiUar. „Alles da? schreibe ich nicht etwa um die So- zialisten zu verteidigen, ich glaube nicht, daß sie ver- tcidigt zu sein brauchen, aber allzu eklig ist es, beobachten zu müssen, wie die Lüge, wenn sie tau- sendmal wiederholt wird, für so manchen den An- schein der Wahrheit bekommt. Die grausame und unparteiische Wahrheit besteht darin, dag die Zerstörung ganz Rußlands und nicht nur seiner Armee begonnen hat, lange bevor die Sozialisten ihre Stimme erheben konnten, und daß jetzt die Geschichte den Sozialisten die Verantwor- tung für die Riesenarbeit der Gesundung und Er- Neuerung Rußlands auferlegt hat." Im selben Blatte, unter demselben Titel, schreibt Gorki einige Tage später: „Es ist eine ebenso traurige wie augenscheinliche Tatsache, daß die Erscheinungen negativen Charakters ungleich zahlreicher sind als diejenigen durch die der Aiensch seine besten Gefühle und edelsten Bestrebungen verwirklicht. Je näher der Sieg unserer Bestrebun- gen zur Gerechtiglcit, Freiheit, zum Schönen und Großen, um so ekelerregender scheint uns das Tie- rischc und Niedrige, was auf dem Wege zum Menschentum, zum Schönen steht. Bei Sonnenschein kommt das Schmutzige, Veraltete mehr zum Vor- schein, allein es kommt oft vor, daß, indem wir unfern Blick darauf konzentrieren was in schreiendem Widerspruche mit unserem heißen Sehnen nach Besse- rem steht, wir in gewissem Sinne aushören, die Sonne zu sehen, ihre belebende Kraft zu spüren. Daß Rußland sich am Rande des Abgrundes befinde, das haben wir schon vor drei Jahren mit einem Gefühl der Beklemmnis, der Angst, des Grolls angefangen laut zu verkünden, aber auch schon viel früher sprachen wir leise, in einer von der monarchischen Zensur verstümmelten Sprache von dem unvermeid- Parteigenossen! Werbet sür die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands! lichen Zugrundegehen des Vaterlandes, seit drei Iah- reu leben wir inmitten dieser Katastrophe; das Ge- schrei über den Untergang des Landes wird immer lauter, immer mehr werden die äußeren Bedingungen seiner Existenz als Staat bedroht, immer bemerkbarer — wenigstens so scheint es— wird die innere Zer- lcgung des Landes und— wenigstens dem Anscheine nach— sollte es schon seit-genauer Zeit in den Abgrund der politischen Vernichtung gefallen sein. Bei alledem ist Rußland noch nicht tot und es wird auch morgen noch nicht sterben, wenn wir imstande sein werden, zu wollen. Es handelt sich nur darum, vom Bewußtsein durchdrungen zu sein, daß das Schöne wie das Abstoßende von uns geschaffen wird— es handelt sich um das Bewußtsein, das noch nicht tief genug in uns gedrungen ist— der Verantwortung eines jeden von uns vor den Ge- schicken des Landes. 'Daß wir schlecht leben, ja so, wie es eine Schande ist zu leben, braucht nicht wiederholt zu tverden; das wissen alle; es ist schon lange her, daß wir so leben, aber unter der Monarchie führten wir ein noch schlechteres, schändlicheres Lxbcn. Dam: träumten wir von der Freiheit, ohne ihre belebende schaffende Kraft zu spüren, jetzt aber fühlt endlich das ganze Volk diese Kraft. Es ist wapr, es genießt es in egoistischer, brutaler, tierischer Weise, aber es ist Zcn,!e grandiose �atkache schätzen z» lernen, daß ein Volk, das im, amsten Sklave � tum gelebt, von den Ketten, dic s unterdrückten und entstellten, befreit ist. Wir haben uns noch niäht von dem vererbten Sklaventum zu befreien gewußt, wir haben noch nickt die Sicherheit erworben, daß wir frei sind, wir verstehen noch nicht in würdiger Weise die Freiheit- zu genießen— vor allem, weil es uns an Sicher- heit fehlt— deshalb sind wir so brutal und so grausam, so lächerlich in der Furcht, die wir vor einander haben, in der Art und Weise, wie wir einander zu erschrecken suchen. Und doch ist das ganze Rußland bis zum w!l- besten seiner Einwohner, bis auf die tiefste Grund- läge und die tiefste Wurzel erschüttert, in der Wurzel seiner astatischen Gleichgültigkeit, seiner orientalischen Passivität. Die Leiden und Qualen, die das russische Volk jetzt erschüttern, können nicht umhin, sein inneres Wesen zu verändern, sie werden es von allen Vor- urteilen und Voreingenommenheiten befreien. Es wird verstehen müssen, daß, wie stark und gierig der äußere- Feind auch sein mag, der schlimmste Feind des russischen Volkes der innere ist, das Volk lelbst, wegen seiner Beziehungen zu sich selbst und zu seinem Nächsten, zum menschlichen Wesen über- Haupt, das niemand ihn gelehrt hat zu schätzen oder zu achten, wegen seiner Stellung dem Vatcrlände gegenüber, das es nicht fühlt, der Vernunft und dem Wissen gegenüber, deren Macht es nicht imstande war, zu erkennen und zu würdigen, und die es für eine„herrschaftliche", für die Bauern schädliche Erfindung betrachtete. Das Volk ließ sich von der alten asiatischen Schlauheit, vom dummen Sprichwort leiten„ein Tag ist vorübergegangen, Gott sei Dank." Jetzt aber hat der Feind ihm bewiesen, daß die Schlauheit eines versolgtcn Tieres nichts ist im Ver- gleich mit dem eisernen, organisierten Verstände. Jetzt wird der Bauer die sechs Wintermonate nicht im Schlaf und Hunger verbringen müssen. Er wird gezwungen sein zu verstehen, daß das Vatertand nicht innerhalb eines Gouvernements liegt, sondern daß es sich um ein riesengroßes und rieienhafl reiches Land handelt, voller unerschöpstichcr Reichtümer, das imstande ist, seine ehrliche und intelligente Arbeit sabelhast zu belohnen. Er wird einsehen, daß d.e Faulhcjt und Trägheit ebenso schädlich für den Kor- per wie für die Seele sind und daß sie überwunden werden können. Somit wird er arbeiten und lernen wollen, um Hirn und Körper zu stärken. Eine jede Revolution ist eine Erschütterung, der eine langsame und regelmäßige Bewegung in der Richtung des von ihr gestellten Zieles folgen muß. Das heldenhafte französische Volk hat 10 Jahre ge- braucht, um einzusehen, daß ganz Frankreich sein Vaterland war, und wir wissen, mit welchen: Helden- tum es seine Freiheit gegen die Reaktion zu ver- teidigcn verstand. Das italienische Volk hat in 40 Jahren etwa 10 Revolutionen vollendet, bevor es das einhcnliche Italien schuf. Da, wo das Volk keinen direkten Anteil an dem Baue seiner eigenen Geschicke nimmt, kann es sich dem Unglücke des ganzen Landes gegenüber nicht verantwortlich fühlen. Jetzt aber beteiligt sich das ganze russische Volk an der Schaffung seiner Ge- schichte, das ist eine äußerst wichtige Tatsache, der Ausgangspunkt für die Beurteilung des Schlechten, das uns so quält und des Guten, das uns so srcut. Ja, wahr ist es, daß das Volk halb ver- hungert, gemartert, erschöpft, daß es viele Ver- brechen begeht und daß von ihm nicht nur im Ge- biete der Kunst gesagt werden mag„Ein Bär in einem Porzellangcscyäft". Diese schwerfällige Kraft, die noch nicht durch die Vernunft organisiert worden ist, ist eine großaruge Kraft, einer jeden Entwicklung fähig, sie enthält unerschöpfliche Reichtümer. Dieje- nigcn, die mit so einer Hesiigkeit die revolutionäre Demokratie bekämpfen, um iht die Macht zu ent- reißen und sie, sei es für kurze Zeit, den cgoistifchen Interessen der besitzenden Klassen ju unterwerfen, vergessen die e einfache Wabrbeit, die ihren Interessen >o sehr widerspricht. Je größer die Zahl der Men- scheu, d e frei und zielbewußt arbeiten, um so wert- voller ist die Arbeit, um so rascher bilden sich höhere, vollstünoigerc Formen des gefellschaftlichim Lebens. Gelingt es uns, die Hirne in Bewegung zu bringen, die in allen Teilen des Landes zerstreut sind, wird es uns gelingen, ein Wunderland zu schassen. Da wir nicht gewöhnt sind, unter Anstrengung aller Kräfte des Gehirns und des Herzens zu leoen, sind nur der Rivolutionen müde' Es ist aber eins gesahrlicke Müdigkeit, die zu früh zum Vorschein gekommen ist. Ich persönlich glaube, daß die Müdig- keit schwinden wird, sobald eine rtinunternde Stimme, eine Stimme der Auserstehung erschallen wird— sie muß erschallen." II. Am 26. Mai schneo Gorli im selben Blatte unter derselben Rubrik: „Die interessantesten Briefe, die an mich ge- langen, stammen von Frauen her. Diese Briefe, dem Eindruck der stürmischen Gegenwart gewidmet, sind von Beklemmnis, Groll, Entrüstung erfüllt, aber sie sind nicht so apathisch wie die der Männer — ein jeder Fraucnbricf ist ein Schrei einer leben- digen Seele, gemartert von den zahlreichen Qualen der grausamen Zeit. Sie erwecken das Gefühl, sie seien von einer einzigen Frau, von der Mutter des Lebens geschrie- den. von derjenigen, dw der Welt alle Rassen und Völker gegeben dat und gebären wird, von derjeni- gen, die dein Mann veruolsen, den groben zoologischen Instinkt in die zarte Exstase der Liebe zu verwandeln. Diese Briefe sind der Schrei eines Wesens, das die Poesie ins Leben gerufen, die Kunst inspiriert und stets inspiriert hat und das immer von einem unauslöschlichen Durst nach Schönheit, Leben und Freude gequält ist. Nachdem Gorki betont, daß für ihn die Frau vor allein Mchler Ist— wenn sie auch keine Kinder hat— und allem gegenüber mütterliche Gefühle hat und demgemäß unter dem Werke des Todes und der Zcrstöning mehr leidet als ein Mann und es mehr verabscheut, gibt er zu, daß er vielleicht die Frau idealisiert sieht, aber dieses Bedürfnis zu idealisieren sei ihm stets eigen gewesen und daß es gerade in revolutionären Zeiten notwendig sei— es handelt sich um einen gesunden die Gefühle er- hebenden Idealismus, der den Menschen größeres soziales Bewußtsein verleiht— schildert er weiter die in Betracht kommenden Briefe.„Die Briese, aus die ich mich beziehe, sind voller Klagen der Mütter über das Verderben der Menschen, darüber, daß sie grau- samer, wild, gemein unehrlich werden und daß die Moral verroht. Diese Briese sind voller Flüche ge- gen die B o l s ch e w i k s, die Bauern, die Ar- beiter, sie wünschen ihnen alle Strafen, alle Greuel. alle Geißel." „Alle aufhängen, alle erschießen, alle vernichten" das verlangen die Frauen, Mütter und Pflegerinnen aller Helden und aller Heiligen, aller Genies, aller Verbrecher, aller Hallunkcn und aller ehrlichen Men- schcn, die Mutter eines Christi wie eines Judas, Johann des Grausamen wie des schamlosen Macchia- vellr. des zarten und lieben Franziskus von Assisi, des düsteren Feindes einer jeden Freude, Savona- rola, die Mutter Philipp des II., der.in seinem ganzen Leben nur einmal aelacht, als er die Nach» richt von der Bartholomäusnacht erhielt— vom gröjztcn Verbrechen der Katarina Mediä, die auch Frau uild Mutter war und aus ihre Art ausrichüg um das Wohl einer Anzahl von Menschen be-- !orgt war. Tod, Vernichtung, Gewalttaten hassend, schreit die Mutter, die vom Manne bewunderte, ihn zu ©roiiciii und Schönem führende Frau, die Quelle des Lebens und der Poesie.. totschlagen, aushängen, füsilieren". Da handelt es sich um einen schrecklichen und düsteren Widerspruch, der dazu angetan ist, den Heiligenschein zu zerstören, mit dem die Geschichte die Lkrau umgeben bat. Ist es darauf zurückzufüh- ren, daß die Frau sich von ihrer großen kulturellen Rolle keine Rechenschaft gibt, ihre ichöpferische Kraft nicht spürt und sich zu sehr der Verzweiflung hin- gibt, die in ihrer Munerseele durch das Chaos der revolutionären Tage hervorgerufen wird? Ich werde aus diese Frage nicht weiter eingehen, ich will nur folgendes bemerken: Ihr Frauen wißt sehr gut, daß die Geburt stets von'Wehen begleitet ist, daß der neue'Mensch im Blute geboren wird— so will es die böswillige Ironie der blinden Natur. Im Augenblicke der Niederkunft schreit ihr wie Tiere und lächelt mit dem seligen Lächeln der Madonna, wenn ihr das neugeborene Kind an Euere Brust drückt. Ich will Euch Euer tierisches Geheul nicht vor- werfen, mir sind die unerträglichen Qualen verstäub- lich, die diesen Schrei hervorrufen, bin ick doch selbst am Ersticken von diesen Qualen, obwohl ick keine Frau bin. Und ich wünsche von ganzem Herzen, von der ganzen Seele, ihr sollet bald lächein— mit dem Lächeln der Madonna— an euer Herz den neugeborenen Menschen Rußlands drückend." ..... Man muß sich erinnern, daß die Revo- lution nicht nur eine Reihe von Grausamkeiten und Verbrechen darstellt, sondern auch eine Reibe Helden- taten der Tapferkeit, des Ehrgefühls, der Selbst- losigkeit, der Uneigennühigkeit. Seht ihr das nicht? Komm> es vielleicht daher, daß ihr durch Haß und Feindseligkeit geblendet seid? Der 40jährigc Bürgerkrieg des 17. Jahrhunderts hat in Frankreich eine abscheuerregendc Verrohung hervorgerufen, eine prahlerische Grausamkeit, bedenkt nur, welchen wohltuenden Einfluß eine iJulie Reca- inier ausgeübt! Solcher Beispiele des Einflusses der Frau auf die Entwicklung der menschlichen Gefühle und Ideen gibt es in der Geschichte so manche. Euch Mütter geziemt es, unmüßig r.- der Liebe zum Menschen zu sein, zurückhaltend im Haß ihm gegen- über. Bolschcwiki? Ja, denkt nur— sie sind doch auch Menschen wie wir alle, sie sind von Müttern ge- boren und tierisches haftet ihnen nicht mehr als uns an. Die besten unter ihnen sind ausgezeichnete Leute. auf welche die Geschichte Rußlands mit der Zeit stolz sein wird, während unsere Kinder und Enkel ihre Energie bewundern werden. Ihre Handlungen unterliegen der heftigsten Kritik, sogar boshaftem Hohn— das bekommen die Bolschewiks vielleicht in größerem Maß, als sie es verdient haben. Sie sind von einer stickenden Atmosphäre des Hasses der Feinde umgeben, und was vielleicht noch gefähr- sicher für sie ist— von heuchlerischer, gemeinen Freundschaft derjenigen, die wie Füchse sich an die Macht heranmachen, um sie als Wölfe auszunützen —und die hoffentlich wie Hunde krepieren werden. Ich verteidige die Bolschewiks? Rein, ich kämpfe gegen sie— aber ich verteidige die Menschen, deren Ausrichtigkeit der Ueberzeugung ich kenne, deren per- sönliche Ehrlichkeit mir bekannt ist, ebenso wie mir die Ehrlichkeit ihrer Hingabe für das Wohl des Vol- kes bekannt ist. Ick weiß, daß sie das grausamste wissenschaftliche Experiment am lebenden Körper Ruß- lands machen, ick verstehe zu hassen, ziehe es aber vor, gerecht zu sein. O, ia, sie haben viele sehr grobe, düstere Fehler begangen— Gott hat ebenfalls einen Fehler begangen, als er uns dümmer gemacht hat, als wir sein sollten— die Natur hat sich in so manchem geirrt, wollen wir sie beurteilen vom Standpunkte unserer Wünsche, die ihren Zielen oder ihrer Zwecklosigkeit zuwiderlaufen. Aber, wenn man Will, kann man auch von den Bolschewiks cttvas gutes sagen: ich behaupte, ohne wissen zu können, welche politischen Ergebnisse ihre Tätigkeit schließlich führen wird, behaupte ich— daß vom psychologischen Standpunkte die Bolschewiks bereits einen sehr großen Dienst dem russischen Volk erwiesen, indem sie in der Masse des russischen Volkes Interesse und Teil- nähme an den gegenwärtigen Ereignissen hervorge- rufen haben, ohne die unser Land zu Grunde ge- gangen wäre. Jetzt wird es nicht zu Grunde gehen, da das Boll aus dem Schlafe zu neuem Leben erwacht ist: in ihm reifen neue Kräfte, die sich weder vor dem Wahnsinn der politischen Neuerer noch vor der Gier der fremdländischen Räuber, die ihrer Unbestegbarkat sicher sind, fürchten.——— Rußland kämpft krampfhaft unter schrecklichen Wehen der Entbindung — wollt ihr, daß sobald als möglich das neue, schöne, gute, menschliche geboren wird? Lagt euch sagen, 0 Mütter, daß Groll und Haß schlechte Hebammen sind— Die deutsche Freiheit.') �(I u st u s.) „Wiederbol's nicht vor göttlichen Ohren. ' Tu sprichst wie die deutschen Profestoren. (Goethe, Politica.) I. Der Bund deutscher Gelehrter und Künstler hat einen" Sammelbund„Die deutsche � Freiheit"(Pertes. 1917) herauögegeüen, der Vortrage don fünf der .♦) Aus dem.Kampf". bedeutendsten deutschen Gelehrten der Gegenwart, nämlich von Harnack, Menucke, Sering, Tröltsch, Hmtze vereinigt und als wichtiges Zeitdokumem Be- achtung verdient. Es sind Antworten an den Prä» sidentcn Wilson, der den Eintritt Amerikas in den Krieg damit motiviert hatte, die deutsche Autokratie bedrohe Frieden und Freiheu der Welt. Das an sich sympathische und unserer Freundschaft würdige deutsche Volk, führte die Botschaft Wilsons aus, ge- höre nicht zu den freien, sich selbst regierenden Völ- kern und der Krieg sei ohne Kenntnis und Villi- gung des deutschen Volkes beschlossen � worden. Amerika bleibe daher der aufrichtigste Freund des beut- scheu Volkes und wünsche die Wiederherstellung inniger Beziehungen. Ja der Krieg gehe auch um die Befreiung des deutschen Volkes. Tie Antwort der fünf deutschen Gelehrten besteht zunächst in einem Trommelfeuer von Beschimpfungen. Sic nennen die Botschaft„die unverschämteste, an- maßendste und heuchlerischste Kundgebung" seit Na- pvleon I.„Lüge und Trug, Verworrenheit und Selbstvrrblendung, Schwindel und Selbstsucht" und dergleichen mehr. Uebcrraschend ist hieran nur die Sclbstschmähung, wenn sie nämlich ihrem amertta- nischen Kollegen„profcssorale Plattheit" Vorwersen. Das Bewußtsein beschränkten Untertanenverstandcs schlägt eben durch. Auch sonst geben sie es ihm tüchtig zurück. Nicht weil Amerika die Srcherhctt der Demokratie bedroht glaubte, sei es in den Krieg eingetreten, sondern„weil seine Morgans und Kon- forte» im Kriege verdienen, viel verdienen wollen" — so eröffnet uns Geheimrat Adolf v. Harnack. Alle Ausführungen laufen darauf hinaus, daß es überhaupt nirgends aus der Welt eine so„groß- artige Noltesreiheit"(wie Tröltsch sie auf Seite 109 nennt) gebe, wie in Deutschland. Auch Sering (Seite 72) versichert, der deutsche Obrigkeitsstaat habe sich als echter Volksstaat erwiesen, während hingegen Hintze(Seite 169) meint,„dieser Krieg werde uns die Umbildung, zum Polksstaate und zum Volks- königtum bringen." Achnliche Widersprüche finden sich überall. So eifern einerseits alle Redner gegen die böse Demokratie. Demokratie sei Despotie(S. 63) sie sei korrupt, antisozial, bedeute Unterjochung des Volkes unter die Plutokratie und Verkümmerung der freien Persönlichkeit,„Schulung zur öffentlichen Lüge und zum Betrüge der Riassen"(Seite 51). was hauptsächlich Amerika beweisen soll. Professor Hintze warnt vor der angloamerikanischcn Universaldemo- krasie und vergleicht sie mit einem Polypen, der die moderne Kultur ersticken müsse! Anderseits wieder- holen aber Sering und Tröltsch(Seite 42 und 196) den ehrwürdigen Ladenhüter, England- sei überhaupt keine Demokratie.„Das vielge,choltene preußische Wahlrecht ist demokratischer als das englische." Die- ser Ausspruch Seringö sollte dem ganzen Band, m welchem Wilson Unwissenheit und Heüchelci vorge- warfen wcrd, als Motto vorangestellt werden. Im Jahre 1913 entfielen aus die drei Klassen des preu- ßjjchen Wahlrechts 6 701 519, bczw. 1 323 708, bzw. 371 837 Wähler oder 80,16 und 4 Prozent.. Jede dieser drei Klassen wählte nun dieselbe Anzahl Ab- geordneter, so daß in Klasse I ein Wähler ein zwanzigmal stärkeres Wahlrecht hatte, als ein Wäh- ler der Klasse lll! In manchen Wahlbezirken>var aber das Verhältnis noch vicl krasser. Und dieses Wahlrecht, von dem schon Bismarck sagte, in keinem Staate sei je ein wisersinnigeres elenderes Wabl- gefetz ausgedacht worden(vergl. Bismarcks Rede vom 28. März 1867„Parlamentarische Reden" herausgegeben von Böhm, 3. Band S. 191) nennt Sering demokratisch! Selvst wenn aber das Wahl- recht in Preußen wie immer abgeändert würde, könnte dies allein noch keine Demokratie begründen, sondern höchstens den Schein der Demokratie. Denn von Demokratie kann nur die Rede sei», wenn das Parlament auch wirklich die Macht hyt, seinen Wil- len gegen Krone, Bürokratie und Heer unbedingt durchzusetzen, wenn also die für die ganze regic- rungsverantwortlichcn Minister die Erkorenen der Par- lamentsmehrhcit sind und abtreten müssen, wenn sie das Vertrauen dieser Meb'heit verlieren. Run wagt es freilich Sering, wirkli.v zu behaupten(Seite 67), auch die deutschen Minifv feien dem Parlament ver antwonlich, während me britischen Minister dem Parlament gegenüber„Völlig unverantworllich sind"'! Vor einer solchen Küynyeit versagt die Höf- lichkeit der deutschen Sprache. Wir müssen es aber glauben, daß die„Schulung zur Lüge" eine Frucht der Demokratie sei. Nicht nur England, auch Amerika ist übrigens nach Sering keine richtige Demo- kratie. weil ja der Präsident bekanntlich autokratische Vollmacht hat. Merkwürdiger Zwiespalt! Zuerst wird uns be- wiesen, daß die Demokratie ihrem Wesen nach die Mutter alles Bösen, ein durchaus korruptes, anti- soziales, plutokratlsches, verlogenes System sei. dann aber hören!vir wieder, die angeblich demokratischen Länder seien dies in Wahrheit gar Nicht, sondern nur Preußen-Deutschland besitze das kostbare Gut wabrer Demokratie. Tiefe Beiveisführung der deutschen Ge lehrten erinnert an die bekannte Beweisführung vom zerbrochenen Krug: erstens habe.ich ihn gar nicht ausgeliehen, zweitens habe ich ihn ganz zurückge- aeben, drittens war er schon zerbrochen, als ich ihn erhielt Die Behauptung übrigens, England sei keine Demokratie, sondern eine Aristokratie oder gar eine Plutokratie, wird fast in allen derartigen Pro- sessorcnfckiristen unermüdlich wiederholt und damit „bewiesen", daß das englische Volk beute noch zahl- reick-e SUigehörige deS Adels und des BurgertumS wähle. Man sollte also meinen, daß der demokra- tische preußische Landtag ausschließlich aus Prole- taricrn zusammengesetzt oder daß schon einmal der Sobn eines armen Schuliehrcrs, wie Lloyd George, deutscher Reichskanzler geworden se«. Doch der ganze Schluß ist ebenso abgeschmackt, als wenn man die Sozialdemokratie eine plmokratifckie Partei nennen wollte, weil Marx, Engels und Lassalle ans reichen Bürgerhäusern sicnrmttn. A«s dtn GwEfc k»mmt eL. an, nicht aus den znsalllatn Setorttsftert? Warum kämpfen nun o'.rfe Recken so grin>m>.Zj gegen die Demokratie? Ganz einfach: der wabrrn Freiheit lvegen, der deutschet: Freiheit, woblversicu- den. Diese Spielart ist aber ein gar geheimnisvoll köstliches Gut. Die vulgäre Auffassung der Freiheit wird verachtungsvoll abgelehnt. Diese Briten und Fankees haben ja überhaupt keine Ahnung davon, was eine richtiggehende Freiheit ist. Man erkennt sie hauptsächlich an— ihrem Gegenteil. Die Desi- nttion stammt aber nicht von Wilhelm Busch, son- dcrn von Professor Meinccke. Er belehrt uns, daß (Seite 13) jede„historische Erscheinung immer nur vurch den Hintergrimd ihres Gegenteils und eines ?!ndcrsscins, als sie selber ist, sichtbar wird und oft mit diesem Anders seienden in der Wurzel verwachsen ist. Wo Freiheit ist, da ist auch Unfreiheit— bei uns» wie in aller Welt. Jeder spezifischen Freiheit folgt, so darf man rein soziologisch schon sagen, tvic der Schatten dem Lichte, auch eine spezifische Unfreiheit. Und Freiheit ist überhaupt nichts Festes und Substantielles, sondern Werden und Leben. .Handeln und Ringen mit der Unfreiheit. Freiheit ist nicht etwas Gegebenes, sondern etwas Ausgegebenes, immer neu zu Schaffendes, weil immer mit Vernichtung Bedrohtes und vollendete Freiheit eine wunderariige, seltene Blüte und vielleicht nur der Traum von einer solchen Blüte." Doch diese blümerant-p'-,zceuse Herum- und Vor- bcirederei, die die Bildungshöhen des heutigen drut- ichcn Gelehrten wie mystischer Nebel umwallt, läßt den Historiker Meinecke doch nickt ganz vergessen, was die Geschichte lehrt. Er weiß, daß die alten Germanen eine andere Freiheit hatten, als sie heute wunderartig selten in Germanien blüht, er weiß, das:„es ganz wesentlich unsere geschichtlichen Schick- sale gewesen sind, die unsere ursprüngliche Anlage zu politischer Freiheit verkümmert haben." Dann wieder findet er, daß„ein Ucbermaß von Frciheitstrieb, genannt die deutsche Libertät", die Einheit Deutschlands zerstört habe. Dazu sei nun noch der Druck des bösen Auslandes gekommen, der Deutschland um Einheit, Macht und Freiheit ge- bracht habe. Deshalb aber habe es keinen anderen Weg gegeben, als zunächst einmal Macht über Frei- heit zu stellen, die Keime edlerer politischer Freiheit niederzuhalten, also die Entwickelung des straffen preußischen Militär- und Beamtenstaates(Seite 19). An dieser geschichtlichen Auffassung wäre nun mancherlei auszusetzen. So wenn Meinecke meint, die Deutschen seien infolge eines Uebermaßes an Freiheitstrieb um ihre Freiheit gekommen. Die „deutsche Libertät" war doch nur ein Postulat der Fürsten gegenüber der Kaisergewalt! Viel be- rechtigter wäre es zu behaupten, daß ein Uebermaß an Machttrieb, der römisch-deutsche Unipersalismus und Imperialismus, es gewesen sei, das sich wie ein Fluch aus Deutschlands ganze Entwicklung legte, seine nationale Einheit und politische Freiheit zer- störte. Doch Wetter. Luther, Kant und Fichte ha- den dann nach Meinecke jenes höhere deutsche Frei- heitsidcal geschaffen:„Freiheit heißt, lehrten sie, frei werden von allen Banden der Sinnlichkeit, das Geistige, Gottverwandte in uns zum Herrn machen, sich und sein Handeln bestimmen, sich und sein Leben formen nach der in unseren Tiefen sprechenden, schlechthin unzweideutigen und unabweisbaren Stimme des Gewissens, des Sittengebotes, des überempi- rischen Ichs"....". Freiheit und Unfreiheit sehen wir also auch hier miteinander verbunden, aber nicht im trüben Gemenge, wie gewöhnlich, sondern un« trennbar, ununterscheidbar, in höchster, vergeistigter Potenz."(Seite 21 und 22.) Dies alles paßt na- türlich wunderbar auf den St>aat der Junker, Ge- heimräte, alldeutschen Generale und der Schwer» industriellen. Auch daß der sriederizianische Staat den strengen Pflichtbegriff Kants verkörperte, bekommen wir selbst- verständlich vorgesetzt. Lessing freilich dachte anders über diesen Staat, dessen berrlicke Gewissensfreiheit uns ja fortwährend angepriesi wird. Er schrieb am 25. August 1765 an Nico oie Berliner Frei- heit zu denken und zu schreibt.. ,ei einzig und allein die Freiheit, gegen die Religion so viel Sottisen zu> Markte zu bringen, als man wolle; falls aber ein- mal einer in Berlin versuchen würde, über andere Diuge so frei zu schreiben, als Sonnenfels in Wien geschrieben, und dem vornehmen Hospöbel so die Wahrheit zu sagen, als dieser sie schon gesagt habe, oder gegen Aussaugung und Despotismus seine Stiiiinie zu erheben,»vie es jetzt sogar in Frankreich und Dänemark geschehe, so werde er bald die Er- fahrung machen, welches Land bis auf den heutigen Tag das sklavischste Land in Europa sei. Zu Les- siugs Zeiten hatten eben die Professoren die deutsche Freiheit noch nicht entdeckt! Ans de» Organisationen. S. Wahlkreis. Sonntag, den 18. August veranstalten die Genossinnen des Kreises einen Familien-AnA- klug nach dem„Alten Freund" in Pichelswerder. Treffpunkt 1 Uhr mittags an der Berolma auf dem Alcxanderplatz. Abfahrt Bahnhof Alexanberplatz l.OO In Eharlottenburg umsteigen, von da ab 2.24 nach Pichelsberg. Rege Beteiligung wird erwartet. Das Büro der U. S. P. D., Ortsverci« NenkSll» ist geöffnet nur Wochentags in der Zeit von 5'/-— S1/» Uhr. Die Bibliothek ist nach der Inventur ab 7. Juli geöffnet nur am Mittwoch und Sonnabend, abends von 7—9 Uhr. Wir ersuchen, die geliehenen Bücher nach 1 Monat Lesczcit pünktlich und im erhaltenen Zbstant» wieder znrückzultefern. Der Borstand. Schöneberg. Am Sonntag, den't August, gemeinsamer Fcuuilieu-AnMug nach».Uet? FreuM Sritfönrnft. nachmittags 2 Uhr �nnrewakS- Ecke Goltzstraße. Nachzügler 5 Uhr beim Allen Freund. Treptow-Baumschnkemveg. Ilm Sonntag, den 11. Arrgnst findet ein allgemeiner Faurilien-Nnsflug nach Mahlsdorf-Süd b. Köpenick, Restaurant„Hubcr- ws" statt.— Beste Fahrgelegenheit: Mit der Spree- Tunnel-Bahn, die nach Köpenick(Endstation) fährt. Abfahrt der Treptower Genossen früh 9 Uhr von der Haltestelle„Paradiesgarten": der Genossen von Btnun- schnlenmeg um 91/« Uhr von der Haltestelle Bahnhof Baumschulcnweg. Sammelpunkt und Frühschoppen beim Genossen Schnorre am Bahnhof Köpenick. Für die Nachzügler im Restaurant Hubertus. Für guten Empfang und Unterhaltung ist gesorgt. Um rege Be- teikigung ersucht Der Vorstand. Spandau. Mittwoch, den 7. August, abends um 8 Uhr, im Lokal von Windt, Pichelsdorfer Str. 5, Zahlabend. Tagesordnung: 1. Vortrag. 2. Vereins- angelegenheiten. 3. Verschiedenes. Um zahlreiches Er- scheinen' ersucht Der Vorstand. Rosenthal-Niedcrschönhansen-West. Sonntag, den 4. August, Familienpartie nach Waidmannslust, R>> staurant„Zur freien Scholle". Treffpunkt pünktlich nachmittags 2 Uhr am Bahnhof Reinickendorf-Rosen- thal. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Die Bezirksleitung. Sonntag, den 25. August, Sommerfest im Lokal von Herrn Schneider, Hauptstraße Ecke Nieder- straße. Eintrittskarten zu je 1 Mark sind bei allen Bezirkskeitern zu haben. Wir bitten sämtliche Ge- «offen und Genossinnen mit ihren Familien um rege Beteiligung. Das Komitee. Uereins-Peranstattungen. Arbeiter-Samariterbnnd. Kolonne Groß-Berlin. F a m i l i e n- A ms s l u g, Sonntag, den 4. August nach Freibad Rahnsdorf. Teilnehmer erhalten freien Eintritt gegen Abgabe einer Teilnehmerkarte, welche bont Vorsitzenden verteilt wird. Treffpunkt morgens 9 Uhr im Kurpark Friedrichshagen. Früh- stückrast, um 19 Uhr Abmarsch nach dem Freibade. Nachmittags 3 Uhr Kaffeekochen in der Ralmsdorfer Mühle, nachher Spiele im Walde. Die Mitglieder und Kursusteilnehmer werden ersucht, sich daran zu beteiligen. Montag, den 5. August: U e b u n g s-ft u n d e Königsgraben Nr. 2. Gäste haben einmaligen freien Zutritt. Quittung. An Ge-lder gingen von Marks 4 Mk., R- BootsaMeilung 10 Mk. für Pressefonds, für die Freie Jugend 51 Mk. Kranzübcrschuß, Mitglieder in der 28. Verkaufistelle der K. G. Zm Weil des InpiWims Berlins I. Die Genossinnen und Genossen des 0. Kreises ver- an stalten am Sonntag, den 4. August, im Moachiter Schützenhause in Plötzensee ein Sommerfest bestchend aus Konzert, gesangliche» und turnerischen Vorsührnngen. Ein etwaiger Ueberschntz soll zum Besten des Jugendheims in der Brnnnenstraße Verwendung finden. Die Eintrittskarten ä 60 Pf. sind bei den Funktio-- nären zu haben. Die Kaffeeküche ist von 2 Uhr ab geöffnet. Anfang 3 Uhr nachmittags. Zahlreichen Besuch erwartet Das Festkomitee. Berband der SAeider. Echnelderinnen und Msche- arbetter DeutWM. Sebastianstr. 37-38.— Tel.: Moritzplatz 9737. Mitglieder sämtlicher Branchen Berlins! Mittwoch, den 7. Angust 1918, abends 8 Uhr, im Gewcrkschaftshans, Engelufer 14—16. keneral-llerlammlung Tagesordnung: 1. Abrechnung vom 2. Quartal. 2. Ersatzwahl znr Qrtsverwaltung. 3. Stellungnahme- zum Berbandötag. Mitgliedsbuch legitimiert? ohne dasselbe oder mit mehr als 8 restierenden Wochenbeij igen kein Zutritt. *** Montag, den 12. August, vor 5—9 Uhr abends, in folgenden Lokalen. Wnlj! m 9 Delegiecki! zm BerSMsiag: 1. Osten: Rigacr Str. 17, bei Wicdcmann. 2. Nordosten: Prenzlauer Allee 43, bei Brandt. 3. Nordoste«, Waßmannstraße 24, bei Seidel. 4. Neukölln und Südosten: Kottbuser Straße 19, bei Ehlert. 5. Zentrum: Seidelstraße 39, bei Wegener. 6. Südwesten und Westen: Puttkamerstr. 9. bei Löhrich. 7. Nordwesten: Marienstraße 9, bei Schneider. 8. Norden: Brunnenstraße 79, bei Dvhling. 9. Charlottenbnrg:„Volkshaus", Rosinenstraße 3. Mitgliedsbuch legitimiert: ohne dasselbe oder mit mehr als 8 restierenden Wochenbeiträgen keine Wahl- berechtigung. Die Wahl wird pünktlich um 5 Uhr eröffnet und um 9 Uhr geschlossen. Die Ortsverwaltnng. yw—w—aw— J® Zweiter Berl. Reichstagswahlkreis. (U. E. P. D.) 9 Sonntag, den 11. August, findet in Habels S Brauerei-Ausschank, Bergmannstr. 5/7, unser Zweites Sommerfest statt, bestehend aus Konzert, Gesangsvorträgen der„Kreuzberger Harmonie", sowie Kinderbelufti- gungen(Kasperletheater und Festzug). Auch für das Kaffeekochen ist bestens Sorge gelragen, doch wird das dazu erforderliche Geschirr nur gegen Pfand abgegeben. Kasseneröffnung'2 Uhr. Anfang 4 Uhr. Einlaßkarten im Vorverkauf bei den Funktionären und den mit Plakaten belegten Stellen 40 Pf., an der Kasse 50 Pf. Um zahlreichen Besuch von Mitgliedern und Gästen ersucht Das Festkomitee. SS«G«®O®Se �Mitglieder-Versammlung des Ortsvereins Neukölln der U. S. P. D. am Mittwoch, den 7. August, abends 8V- Uhr, in den Paffage-Festsälen, Bergstr. 151/52. Tagesordnung: 1. Referat des Genossen Ernst Däumig. Thema:„Die heutige politische Lage." 2. Ver- einsangetegenheiten. 3. Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen mit den Mitgliedsbüchern ersucht Der Borstand. Proft'sches Quartett empfiehlt sich den Parteigenossen zu allen Gelegenheiten besonders Trauerfeierlichkeiten und Einäscherungen Franz Proft, Berlin NO., Lippehnerstr. 15. Tel.: Amt Alexander, 894. -x- SV- yTT a Mahwerei« Cöpenick. Am, 20. Juli riß der Tod einen der Besten aus unserer Mitte! Durch Betriebsunfall verschied im Alter von 53 Jahren unser lieber Genosse, der Bezirksführer Ferdinand Kanse. Bis zum Tode den alten Parteigrundsätzen treu, wird seine fülle Art und Tätigkeit unter uns fort- leben. «- Dem Menschheitsfluch fiel auch unser Genosse Gustav Krey zum Opfer. Im Aller von 36 Jahren riß ihn der Tod von seiner Familie und aus der Bewegung, der er in Treue anhing. Beider Andenken werden wir in Ehren halten. halten.|| Uachrnf. 3. Mghlkreis. Am 24. Juli verstarb im Alter von 57 Jahren unser Genosse, der Buchhalter Hermann Steinbart Dresdener Straße 1, 2. Abt., 142. Bez. 4. Wahlkreis. Am Dienstag, den 23. Juli, verstarb im Alter von 72-Jahren unser Genosse Reinhard Richter Barnim-Straße 3, Bez. 382. Am Sonntag, den 21. Juli, verstarb unser lang' jähriger Genosse, der Gastwirt Angust Pollak I Tilsiter Straße 77, Bez. 342. Arn 17. Juli verstarb an den Folgen des Krieges im Alter von 40 Jahren unser Genosse, der Gas- arbeiter Wilhelm Lange Mühlenstr. 46, Abt. 23. Bez. 290. 6, Wahlkreis. Am 28. Juli starb unser Genosse Eduard Simsch 12. Abt., Bezirk 739». Lehrterstr. 43. Die Beerdigung fand am 31. Juli,-/-g Uhr, auf dem Johanniskirchhof in Plötzensce statt. Sozialdem. Wahlverein Uicdcr-Sarnim. Bezirk Stralau. Am 6. Juni verstarb nach Unglücksfall mit Automobil unser Genosse Artur Ulüller Stralau, Friedrich-Jungestr. 6. Bezirk Reinickendorf-Weft. Am 18. Juli verstarb unser langjähriges und treues Mitglied, der Mechaniker Karl Keller Scharnweberstr. 122 im Alter von 49 Jahrey. Ehre ihrem Andenken! Danksagung. Sage hiermit allen Verwandten, Freunden, Ge- nossinncn und Genossen für die zahlreiche Beteiligung und schönen Kranzspenden, insbesondere dem Genossen Stadtverordneten Leid für seme trostreichen Worte ain Sarge meiner lieben Frau meinen herzlichsten Dank. Emil Bogel, Schönhauser Allee 96/97. Pl�.lich und unerwartet erhielt ich die schmerz- liche Kunde, daß mein heißgeliebter Mann, der Landsturmmann Paul Hellmig am 16. Juli in einem Kriegsfeldlazarett an Nieren- krankheit infolge der Strapazen des Krieges ver- starben ist. In tiefstem Schmerz Frau Alma Hellwig. Berlin-Niederschönhausen, Sachsenstr. 8. „Allein"— wie schließt das Wort, so arm und klein, der Seele größte Qualen ein. Und tausend Tränen, die vergossen, sind diesem kleinen Wort entflossen: und niancher Seufzer, schwer und bang, um seinetwillen schon erklang. Mir fehlt des Gatten treue Hand, mir fehlt das Herz, das mich verstand. Wie sehnsuchtsvoll noch Deine letzten Zeilen, Tags darauf tat Dich der Tod ereilen! Du dachtest nie an Dich, sorgtest immer nur für mich. Drum kann ich's auch noch gar nicht fassen, daß Du, Geliebter, mich verlassen. Aus meines Herzens größter Pein ruf'�sehnend ich:»Ich bin allein!" Deine tiestraurige Alma. Sem«nute unserer ras Den Krieg* WuM gesglenra GraHra! 8. Wahlkreis. Am 3. Juni verstarb in einem Feldlazarett an Blutvergiftung im Alter von 43 Jahren unser Genosse, der Hausdiener Franz Schlöter Admiralstr. 6, 1. Abt., 169. Bez. 4. Wahlkreis. Am 14. Juli fiel unser früherer Bezirksführer im Alter von 38 Jahre», der Tischler Paul Srandt Boxhagener Str. 29, Abt. 26, Bez. 336 l. Mahlverein Neukölln. Der seit Dezember 1914 als vermißt gehaltene Genosse Richard Pauligb Jonasstraße 23, 17. Bezirk, ist nunmehr als gefallen gemeldet. Gefallen ist auch der gleichfalls seit langem als vermißt gehaltene Gastwirtsgehilfe, Genosse Franz Lindenberg. Am 11. Juni siel, durch eine Fliegerbombe getroffen, unser Genosse, der Buchbinder Johannes Palm Münchener Straße 54. 6. Wahlkreis. Am 15. Juli fiel unser Genosse Franz Fiebag Bezirk 821», 18. Abteilung, im Alter von 26 Jahren durch Granatenschuß. Wahlverei« Charlottenbnrg. Am 22. Juni siel auf fernem Kriegsschauplatz der Genosse Richard Schimmelpfennig Erasmus str. 4. Soiiaidem- Wahlverei« Uieder-Sarnim. Bezirk Rosenthal. Am 16. Juli verstarb in einem Kriegs-Feldlazarett an Nierenkrankheit unser Genosse, der Landsturmmann Paul Hellwig. Ehre ihrem Andenken! Berantw. Redakteur: C. Leid: Verleger A. Hoffmann: beide Berlin O. 27, Schicklerstraße 5.— Druck: Maurer L-Dimmick,Berlin,KöpenickerStr.36-38. ■ KeUage zn Ur. 18 des„MMettungsklattes". Der Gewerkschaftsapparat bei politischen Mahlen. Die Ursachen, welche das Wahlresultat in Nieder- barnim-mit hervorgebracht haben, sind schon zur Genüge erörtert,' das Fehlen der Presse, die Irreführung der Arbeiterschaft durch den„Vorwärts", unterstützt durch die geistesverwandten bürgerlichen Organe, der Belage- rungszustand usw. Aber ein wichtiges Moment ist bisher nicht ge- nügend hervorgehoben, das ist die Frage der Organisa- tion des Wahlkampfes, die Beschaffenheit des Wahl- apparates. Wir hatten die größte und die Abhängigen die klcinste Organisation, wir waren numerisch im Vorteil und trotzdem waren sie uns organisatorisch, wie der Wahlausfall bewiesen hat, überlegen. Wie war dies möglich? Kurz vor der Wahl waren unsere Reihen anläßlich des Ausstandes stark gelichtet und namentlich waren es naturgemäß unsere besten Kräfte, die wir entbehren mußten, die vorhandenen Kräfte genügten nicht und nur wenige Genosien konnten sich voll zur Verfügung stellen. Hier ist der wunde Punkt, wo uns die Abhängigen überlegen waren, sie ersetzten den Parteiapparat, den sie ja nicht hatten, durch den Gewerkschaftsapparat, der Wahlkampf ist von ihrer Seite fast ausschließlich von Eewerkschaftsangestellten geführt worden, namentlich so- weit es die organisatorische Seite anbelangt. Diese verfügen ja über genügend Zeit, nicht nur am Wahltage, sondern während der ganzen Wahlzeit, zu jeder Zeit stehen ihnen Hunderte von organisatorisch geschulten Kräften zur Verfügung, die jede Minute einspringen und jede Situation ausnützen können. Nicht nur die im Kreise wohnenden Angestellten kommen in Betracht, sondern alle, die in Eroß-Berlin wohnen, stürzen sich in die Wahlarbeit. Sie sind ja nicht der Willkür eines privatkapitalistischen Unter- nehmen? ausgesetzt, sie sind frei und können sich unge- hindert betätigen, ohne ihre Stellung zu gefährden und ohne finanzielle Opfer zu bringen. Die umfangreichen schriftlichen Arbeiten können bei soviel Kräften naturgemäß spielend erledigt werden. Wo unsere Genossen sich die Finger wund schreiben, stehen diesen Schreibmaschinen, Vervielfältigungsappa- rate usw. unentgeltlich in größter Anzahl zur Verfügung. Außerdem wird die Sache nicht teuer, da meistens ja alles in der Bürozeit gemacht wird� und schließlich. wenn dies erforderlich ist, wird auch noch das Material geliefert. Wer weiß, welche Unmenge Arbeit eine planmäßig sauber vorbereitete Wahl verursacht, der kann diesen immensen Vorteil, den die Abhängigen durch die gewerk- schaftliche Hilfe erhalten, richtig einschätzen. Was unsere Genossen des Abends spät oder gar des Nachts machen müssen, erledigen diese Herren bequem anr Tage und haben am Abend Zeit, sich der Agita- tion zu widmen, was wir mit Geld aufwiegen müssen, haben sie umsonst. Es liegt uns fern, die politische Tätigkeit der Ee- wcrkschaftsangestellten zu beschränken, wir wollen nur den Vorteil aufzeigen, die ihre fast geschlossene Mitwir- kung für die Abhängigen hat. Hätten diese Leute Taktgefühl, so mühten sie sich sagen, daß sie auch von den Beiträgen der Mitglieder leben, die zur U. S. P. D. gehören und sie deshalb ihre Stellung und ihre Dienstzeit gegen diese ausnützen könnten. Doch solche Empfindungen kennt man nicht. Die Sache liegt ja auch tiefer. Die Eewerkschafts- instanzen haben ein Interesse daran, daß bei den Wahlen die Abhängigen gut abschneiden, da die Politik der Abhängigen die Politik der Eeneralkommission ist, es handelt sich also um ihre Sache. Getraut sich jemand in den Gewerkschaften politische Zeit- und Streitfragen zu erörtern, so wird die Neutra- litätsfahne gehißt; bietet sich ihnen aber Gelegenheit, ihre politische oder die von ihnen verlangte politische Gesinnung zu betätigen, so stellen sie skrupellos nicht nur ihre Person, sondern den ganzen Apparat in den Dienst ihrer politischen Partei. Wer die inneren Verhältnisse in den Gewerkschaften kennt, weiß, daß dies keine Ausnahmeerscheinung ist, son- dern daß hier ein System vorliegt, welches angesichts der kommenden Kämpfe ständig planmäßig ausgebaut wird. Wir dürfen beim Ausbau unserer Organisation und namentlich wenn wir Nachwahlen haben, diesen Faktor nicht unterschätzen, denn gerade bei Nachwahlen ist es diesen Leuten möglich, ihre ganzen Kräfte zu konzen- trieren. f Aber wir haben auch in den Gewerkschaften die Pklicht, aufklärend zu wirken, diese politische Tätigkeit der Eewerkschaftsbürokratie muß den Mitgliedern zum Bewußtsein gebracht werden. Die falsche Lehre von der Neutralität ist ja nur dazu da. diese Bürokratie zu schützen. Welch ein Widerspruch besteht doch darin, daß Leute, die meinen, die wirtschaftlichen und sozialpolitischen Rechte ihrer Mitglieder wahrnehmen zu können, sie gleichzeitig politisch be- kämpfen. Wir müssen dafür sorgen, daß wir keine Waffen schmieden, mit denen wir selbst geschlagen werden, und wo solche schon vorhanden sind, müssen sie beseitigt werden. Für jeden klassenbewußten Arbeiter gibt es hier keine Neutralität, sondern nur ein Entweder-Oder. Aus der Keuteguug. Aus der Unabhängigen Bewegung. D i e U. S. P. D. u n d d i e I n t e r n a t i o n a l c. Der Brief Brantmgs mit dem Memorandum der Londoner Konferenz ist' erst mit vierwöchiger Ver- spätung in die Hände der Parteileitung gelangt. Diese hat dem Genossen Branting geantwortet, daß ihr Standpunkt unverändert derselbe ist, den sie im Com- mer 1917 in ihrem Stockholmer Manifest niedergelegt hat. Daraus ergibt sich, wie die U. S. P. D. zu dem übersandten Memorandum der Sozialisten in den Ententeländern steht. Aus dem Dresdener Bezirk. Am Sonntag, den 21. Juli hielt der Sozialdemokratische Verein für den 9. sächsischen R e i ch s ta g s w a h I k re i s(Frei- bergj eine Generalversammlung ab, die nach sehr lebhafter Debatte mit 48 gegen 28 Stimmen den Ueber tritt zur Unabhängigen Sozial- demokratischen Partei beschloß. In diesem Wahlkreise, besonders in seinem Hauptorte Freiberg, bestand von vornherein eine starke Strömung gegen die Politik der alten Partei, die stets in Fühlung mit uns mar und blieb. Vor Ausbruch des Krieges zählte diese Organisation 2146 Mitglieder, am 31. März 1918 nach der Statistik der Abhängigen noch 273, eingezogen waren 1428. Es wird sofort, nachdem nun der unhalt- bare Zustand beseitigt und klare Bahn geschaffen ist, in eine möglichst umfassende Agitation eingetreten werden. In einer Sihnng mit der Bezirksleitung wurde bereits zwei Tage nach der entscheidenden Generalversammlurrg das nötige in die Wege geleitet. Wir glauben, in absehbarer Zeit die große Mehrheit der Mitglieder der alten Partei in unserer Organi- sation zu haben; viele frühere, die seit Kriegsbeginn abseits standen, wieder und andere neu heranzuholen. Der Wahlkreis wird jetzt vom abhängigen Abgeorö- neten Wendel im Reichstage vertreten. Der Kreis- sekretär Bethke hatte einige Tage vor der Generalver- sammluug noch von den„sieben Männchen", die„fpal- ten" wollten, gesprochen. Die Generalversammlung war stärker als alle früheren— von über 199 Perso- nen— besucht. Eine Anzahl war vor der Abstim- mung weggegangen. Im e r st e n sächs. Reichstagswahlkreise, Zittau, bestanden bisher zwei Ortsgruppen unserer Partei. Nächstens kommen zwei weitere hinzu. Bald werden wir auch hier eine Wahlkreisorgantsation haben können. Die Wahlkreisorganisation von M e r s e- burg-Querfurt hat ihren Jahresbericht ver- öffemlicht. Daraus geht hervor, daß es den Abhängt- gen bisher nicht gelungen ist, in diesem Kreise festen Fuß zu fassen. Der Kreis hat 1991 männliche Mit- gliedcr, eingezogen sind 1I8ö. Die Zahl der weiblichen Mitglieder beträgt.149. Tic hat sich im letzten Jahre um 72 vermehrt. Es ist das einer der wenigen Kreise, in denen eine erfreuliche Zunahme der weiblichen Mit- glieder zu verzeichnen ist. Auch der Merseburger Kreis hatte unter den bekannten Härten des Belagernngs- Zustandes zu leiden. Der Kreis konnte auch fein Partei- und Arbeitersekretariat wieder eröffnen, in dem wertvolle Arbeit für die werktätige Bevölkerung geleistet wurde. Hanau. Einen herben Verlust hat unser Genosse Dr. Wagner erlitten und auch unsere Parteiorgani- sation durch das Hinscheiden seiner Gattin nach länge- rem Leiden. Hart spielt das Schicksal unserem Freunde mit. Als unsere Genossin auf dem Sterbebette lag, er- Soldatentrost. ,. Von Paul Seife. Wenn man die Entwicklung der Erzeugnisse von Setzkasten und Druckerschwärze in diesen vier Kriegs- jähren überblickt, möchte einen gelinder Zweifel erfassen, ob die Erfindung Eutenbergs als ein Segen für die Kulturmenschheit anzusprechen sei. Kaum auf noch einem Gebiet haben die herrschenden Eesellschaftsschichten aller kriegführenden LändK ihre internationale Uebereinstim- mung so unverhüllt zum Ausdruck gebracht, als in dem Stoff, der den fast ausschließlich in diesem Kriege Opfern- den, den Völkern, als geistige Nahrung vorgesetzt wird. Trotz Papiernot hat man in weiser Erkenntnis des napoleonischen Ausspruchs, eine Zeitung wiege ihm mehr denn 1999 Gewehre, eine Art internationale Magen- küche für geistige Verblödung etabliert. Wobei aller- dings nicht der freiwilligen Dienste vergessen werden soll die der herrschenden Klasse von den internationalen Reformsozialisten geleistet worden. Naturgemäß steht der Soldat dieser Papierüberschwemmung am hilflosesten gegenüber. Denn der Zivilbevölkerung stehen bei gutem Willen immer noch Quellen genug zur Verfügung an denen sie namentlich die unter wissenschaftlichem Deck- mantel segelnden Literaturprodukte auf ihren wahren Gehalt prüfen kann. Anders der Soldat. Sein ein- töniges Leben hungert nach Neuigkeiten und zwar solchen, die ihn ein Ende seiner Qual erhoffen lassen. Auf dieses Sensationsbedürfnis sind denn auch die unter den Soldaten meist verbreiteten Blätter eingestellt. Wahre Kinodramen-Titel enthält in fettestem Druck jede solcher Zeitungsnummer.„Das feindliche Rätselraten. .Fn Erwartung des nächsten Schlages." Am Vorabend großer Ereignisse."„Tiefe Niedergeschlagenheit in Eng- land und Frankreich."„Die französischen und englischen Arbeiter für Fortführung des Krieges." So gehts Tag für Tag und die Zeitung findet reißend Absatz. Ist es da wohl ein Wunder, wenn ein ernst gehal- teuer Artikel einer ernsten Zeitung gcrnicht gelesen, weil er nicht verstanden wird? Wie mit dieser Zeitungs- lektüre sieht es aber auch mit dem meisten all deren Lese- stoff des Soldaten aus. Wohl bot man hier und da in den Lazaretten leidlich eingerichtete Bibliotheken. Aber vorherrschend ist natürlich die Kriegsliteratur. Und der Verlag Ullstein liefert an Seichtigkeiten ein ganz erheb- liches Quantum. Daneben lausen dann die Schund- erzeugnisse allerniedrigster Art, deren Zerlcsenheit auf den ersten Blick erkennen lassen, durch wieviel Hände sie bereits gewandert. Man ha? auch wirklich nicht das Gefühl, als ob seitens der Behörden eine' ernstliche Ve- kämpsung dieser gehirnverkleisternden Produkte erfolge. Und in der Tat gibt es auch kaum ein geeigneteres Mittel, den Soldaten am Nachdenken zu hindern, als solche Lektüre. Darf man unter solchen Umständen wirklich einen besonderen Stolz darin erblicken, Deutsch- land als das Land der wenigsten Analphabeten anzu- sprechen, wenn die Kunst des Lesens und Schreibens auf Kosten völliger Kritiklosigkeit erlangt wurde? Aus dem Wust der Broschllrenflut nur ein paar Proben. Der liebe Anton Fendrich, der sich immer noch Sozialdemokrat nennt, fehlt natürlich nirgends.„Wir", ein Hindenburgbuch von ihm, ist ziemlich weit verbreitet, Wer kennt die milden Spender, die für diese gut aus- gestattete Broschüre die Kosten aufgebracht? Fendrich schildert darin die patriotische Welle, die nach dem 4 Auaust durch Hütte und Palast geflutet. Er singt auch der sozialen Fürsorge für die Kriegsbeschädigten ein be- geistertes Loblied. Nachdem er insbesondere aufgezeigt, wie für die Unglücklichsten, die Kriegsblinden, gesorgt wird, versteigt er sich zu dem schönen Satz:„Es geht rüstig vorwärts. Wir haben schon über tausend Kriegs- blinde!"-- Aber auch von anderer Seite werden die Soldaten mit Trost bedacht. So versendet der Hühneraugen- Wachsmuth. Hamburg, der jetzt in„Amol" macht, ein Soldatenliederbuch an die Front. Neben den üblichen Volks- und Soldatenliedern finden wir natürlich auch Lissauers Haßgejang auf England und andere nationale Eegenwartserzetlgnisse darin. Muß man es an sich schon dem Geschmack der christlichen Heilsverkunder überlassen, den lieben Herrgott mit diesem Morden in Verbindung zu bringen, wie abstoßend, wie gotteslästerlich muß es selbst einen„Heiden" berühren, wenn er in diesem Liederbuch folgendes..Kriegsgebet" findet: Lieber Gott! Der Du uns Deutschen bisher ge- halfen hat, siegreich unsere Feinde zu bezwingen, erhöre mein Gebet und lvappne das Herz unseres edlen Kaisers gegen Weichmütigkeit. Du weißt ja, daß der Russe aus Rassenhaß uns bekriegt, der Franzose- will Elsaß-Lothringen wieder haben und kämpft darum. Aber der Teufel sitzt hinter dem Busch und das ist unser Vetter, der Engländer: er gönnt uns Deutschen nicht Luft und Sonne, nicht das Brot für unsere Kinder. Seit Menschengedenken hetzt er die Völker aufeinander, und wenn sie blutend am Boden liegen, stiehlt und räubert er. Darum, lieber Gott, laß das Herz unseres guten Kaisers hart werden und ihn nicht eher Frieden schließen, bis der Brite, dieser Wege- lagercr, niedergerungen a?n Boden liegt. Alle Deut- schen schwören ihrem Kaiser, daß sie ausharren wollen, bis das herrliche Ziel erreicht ist und damit der Friede der Welt. Amen!" Wir wollen hier ununtersucht lassen, in welche Zwangslage der liebe Herrgott kommen muß, der doch von den Briten. Franzosen. Italienern usw. in ähn- licher Weise für ihre„gerechte" Sache angerufen wird. Zweck dieser Zeilen ist es. die Genossen daheim aufzu- rufen, gegen diese geistige Vergiftung ihrer Brüder im Militärrock mit allen Mitteln anzukämpfen. Das Lese. bedürsnis der Soldaten ist zweifellos groß. Man hat dahei?n immer noch nicht zur Genüge erkannt, welchen Wert eine Zeitung, die sich die Verinittlung der Wahr- bcit auks Panier geschrieben, für unsere künftige wirt- schaftliche Gestaltung hat und natürlich auch für die l'olitiscke. Seht in Euren Schränken nach. Vielleicht findet sich hier und da auch noch ein gutes Büchlein, eine hübsche Erzählung. Auch sie ist ein wertvolles Mittel, ja das beste mit, den elenden Schund zu bekäinpfen. Bedenkt, daß Ihr Euch da?nit den größten Dienst selbst leistet, wenn Ihr dafür sorgt, daß Eure Brüder draußen nicht geistig stumpf gemacht werden. Denn aufgeklärte Köpke brauchen wir in Zukunft mehr denn je. Aber gebt Eurer lieben Bequemlichkeit öfter einen kleinen Stoß und schreibt Euren Freunden, schreibt ihnen, wie es in Fabrik, Kontor, in der Organisation aussieht. Das sind die besten Bindemittel, �ür Euch eine kleine Mühe, für die da draußen ein großer Liebesdienst, für uns er e Kultur- arbeit die beste Agitation! tITfc ihtt Sie Nilchricht. Sah sein ältester' Sohn Sei den Sutten kämpfen vernrihr sei. Was Genossin. Wagner unseicr Parin war, lönnen nur die ermessen, die mit ihr im persönlichen Berkehr standen. Nicht nur eine ante('«.uJn und Ntutter, svudcrn eine wirkliche, hilfs- berei'e �c�ialistin ist nicht mehr. Bielen Genossen im Felde linj Hunderten von Familien zu Hanse hat sie mir o?Uen Händen gegeben und Not und Elend ge- mildert. Weihnachten war für sie ein Freudentag. Da laufte sie, um d�n Kindern und Frauen eine Freude zu machen, manenHast ein und trug es, trotz ihrer Kra lheit, selbst zur Familie. Sie war glücklich, hatte sie anderen eine Freude bereitet. Nie dachte sie an sich, stets an andere. Die Partei unterstützte sie, wo sie konnte, in reichlichem Maße. Sie vertrat, wie ihr Gaste, in der Partei eine prinzipielle grundsätzliche Politik und stand auf dem linken Flügel der Partei. Wir werden ihrer stets in Ehren gedenken. Hoffen wir, da' ihren Gatten der schwere Verlust als Kamp- fer nicyt beugen wird und er weiter mit Energie Md Mut für die Enterbten eintritt. Aus der Bewegung der Abhängigen. Scheidemanns Primadonnen reise hat bekaaistlich in Solingen einen schrillen Mißklang ge- zeitigt. In der abhängigen Presse herrscht darob grosse Entrüstung. Man sucht den Solinger Borfall als eine raffiniert angelegte Störnngsaktion der Unabhängi- gen Partei hinzustellen. In Wirklichkeit handelt es sich um einen elementaren Stimmnngsausbruch der Solinger Arbeiterschaft, die ans diese Weise ihrem einst vergötterten Scheidemann ihre Unznfriedenhett mit dessen.Kriegspolitik ausdrückte. Dafür werden jetzt alle Eutrüstungsregister gegen die Solinger Par- teigenossen gezogen. Eine Notiz, die sie als Jgnoran- ten, Krakeeler, Wirrköpfe usw. bezeichnet, stammt offen- bar auS der Lindenstrasse 3, aus der Feder Scheide- manns selbst. Im Zusammenhang damit wird in einem anderen Artikel allerlei über die mangelnde Werbekraft der Unabhängigen orakelt. Dieselben Leute, in deren Nethen die Unzufriedenheit mit der Fraktionspolitik täglich mehr zum Ausdruck kommt, reden von einem ständigen Niedergang der U. S. P. D. In den Reden, die Herr Scheidemanu in Essen und Solingen hielt, mußte er natürlich auch gegen die Unabhängige Partei losziehen. Es waren die alten» durch ihre Wiederholung nicht überzeugender werden- den Behauptungen, so z. V., daß die Unabhängigen gegen die Aufhebung des Belagerungszustandes und der politischen Zensur gestimmt hätten. Herr Scheide- mann nahm für seine Partei in Anspruch, daß sie ab- hängig von der Vernunft sei. Aber selbst in den Krei- sen seiner Parteigenossen saht man diese Abhängigkeit etwas anders auf. Die Arbeiterschaft wird mehr und mehr erkennen, wo die politischen Bankrotteure zu suchen sind. Die Haltung der abhängigen Frak- tion wird in deren Parteikonferenzen häufig einer scharfen Kritik unterzogen. Wenn auch die abhängige Presse manches davon verschweigt oder nun sehr zag andeutet, so geht doch daraus hervor, daß man mit der' Haltung der Fraktion nicht mehr einverstanden ist. So haben kürzlich in Kannstatt, Stuttgart, Königshütte usw. eine ganze Anzahl von Parteimitgliedern ihre Unzufriedeicheir mit der Politik ihrer Partei ansge- sprachen. Besonders ist man in weiten Kreisen mit der Bewilligung der Kriegskredite nach der letzten Krise durchaus nicht einverstanden. Diese Unzufriedenheit äussert sich auch im politi- scheu Teil der abhängigen Parteipresse. Herr Stampfer versucht in einem Korrespondenzartikel die Haltung der Fraktion zu rechtfertigen. Die Frankfurter Volks- stimme ist aber durchaus nicht mit ihm einverstanden. Sie findet ein Echo auch in anderen Blättern. Aller- dings herrscht kn diesen Fragen eine ziemliche Kon- fusion. So wettert in der Rheinischen Zeitung Herr Meerfeld gegen die Regierung, besonders gegen den Kanzler Hertling, ist aber der Meinung, daß die Ver- Weigerung der Kriegskredite nicht in Frage kommen könne. Dieselbe Anschauung vertritt Herr Quarck, der nicht allein genügende Kriegskredtte, sondern auch das Feschalten an der Reichstagsmehrhett befürwortest. Seiner Weisheit letzter Schluß ist, daß er der Krone sehr gut zuredet, sie müsse sich mit konstituttonellen Beratern umgeben. Die Sozialdemokratie Badens hat kürzlich in Offenburg ihren Parteitag abgehalten. Die ganze badische Partei zählt jetzt noch S711 Mitglieder, darunter 1703 weibliche. Besonders wird über den ungünstigen Stand der Kassenverhältnisse geklagt. Der Mitgliederbeitrag wurde auf 1ö Pf. pro Woche für männliche und 10 Pf. für weibliche Mitglieder erhöht. Auf dem Parteitage hielt der Abgeordnete Oskar Geck eine grosse politische Rede, die auf eine rückhaltlose Verherrlichung der regierungssozialistischen Politik hinauslief. Im Gegensatz zu den fürchterlichen Züstän- den in Russland verlangt er die Evolution,„das etappenweise Fortschreiten unter Ausntttzung aller taktischen Borteile des Augenblicks". Im Zusammen- hang damit strich er die grossen Erfolge der regle- rungssozialistischen Politik heraus. Dabei durfte es natürlich nicht an Angrissen ans die Unabhängigen fehlen, die daran schnld sein sollen, daß die Friedens- Politik der Llbhän-gigcn und der Regierung bisher zu keinem Erfolge geführt hat. Vertreten waren ans dem Parteitage ettva W) Del vgl erw. Die Stadtbehörde von Offenburg hatte entgegenkommend für die Ver- pflegung der Gatte gesorgt. Diesen wurden auch die Vorschriften bei Fl iegere.ng rissen zu Geinlltc geführt. Welche Früchte die sozialdenrvkratische Großblock- polftik in Baden getragen hat, geht daraus hervor, daß das badische Zentrum jetzt den Triumph davon getragen hat, daß der obligatorische Religionsnuter- richt in den badischen Fortbildungsschulen eingeführi worden ist. Abhängige Bcrlenmdnngen. In verschiedenen Orten wird von den Funktionären der Regiernngs- sozialsten ein systematischer Verleumdungsseldzug irtszeniert. Es wird behauptet, d-st die Genossen Haase, Herzfeld, Schwartz und Geyer im Reichstage nur gegen Kriegskredite stimmten, aber brav Kriegsanleihe zeich- neien. Demgegenüber sei festgegellt: Die Genossen Haase, Herzfeld und Geyer haben niemals Kriegsan- leihe gezeichnet, sie haben niemals Kriegsanleihe be- sessen und besitz» i keine Kriegsanleihe. Dasselbe gilt für den Genossen Schwartz, solange er der Unabhängi- gen Sozialdemokratie angehört. Dem Genoffen Haase wird vorgeworfen, er habe seinen Sohn als Kriegsfreiwilligen in das Heer tre- ten lassen. Genosse Haase ist schon zweimal dieser Be- hauKung in der Presse entgegengetreten. Der �-ohn des Genossen Haase hatte für den 18. August 1014 sei- neu Stellungsbefehl erhalten. Um die Freiheit der Wahl des Truppenteils zu haben, ist er der Zwangs- einstellnng zuvorgekommen, indem er sich freiwillig bei dem ihm zusagenden Truppenteil meldete. Alle gegenteiligen Behauptungen können von den Genossen ohne weiteres als böswillige Verleumdungen ge- brandmarkt werden. Im Kreise Wiesbaden- Rheingan- Untertaunns haben die Abhängigen den seitherigen Reichstagskan- didaten G. Lehmann ans Mannheim abgesägt.(Leh- mann gehörte auch von 1007 bis 1012 dem Reichstag an.) Darob ein kleines„Nachspiel" im abhängigen Organ, der Frankfurter„Volksstimme". Lehmann nagelte das hinterhältige Versahren, das man gegen ihn beliebte— so wurde er u. a. nicht einmal zur frag- lichen Kreiskonferenz der Abhängigen eingeladen, noch sonst gehört,— gebührend fest. Ihm antwortet Herr Haese tBauarbeiterbeamter in Wiesbaden) als Kreisvorsitzender, der auch die treibende Kraft mit bei diesem Spiel war. Lehmann dünkt ihnen nicht genü- gend„stubenrein". Zwar sei er Mitglied der Aohängi- gen, doch sein Verhalten im Lauf der Kriegsjahre habe mehr einer Unterstützung der Opposition gegolten. Das mußte gerochen werden. Das jetzige Spiel der Herren Haese und Genossen erinnert an ähnliche Vorgänge bei der letzten Ttadtverordnetenwahl in Wiesbaden zu Ende vorigen Jahres. Zwei Mitglieder der Abhängt- gen schieden aus. Doch der eine davon— ein in der Arbeiterbewegung ergraurer Mann— trat„freiwillig" zurück, der andere, zurzeit in französischer Gefangen- schuft, wurde nicht wieder aufgestellt und so konnten Haese und einer seiner Kumpane die beiden Stadtver- ordnetensitze mit Hilfe der Bürgerlichen, die sie bei der Wahl burgfriedlich unterstützten, einnehmen. Damals schon setzte eine starke Rebellion in Wiesbadener Ar- beiterkreisen ein. Bei der kommenden Reichstagswahl wird Herrn Haese und Genossen eine ähnliche Mandat- schiebung nicht gelingen. Dafür sorgt die U. S. P., die sich auch im Wiesbadener Wahltreis wachsender Sympathien erfreut. Soweit die A r b e i t e r kreise in Frage kommen, besitzt unsere Organisation auch im Wiesbadener Kreise bereits heute die Mehrheit. Da- bei sind wir in stetem Fortschreiten begriffen. Natür- lich: das A n g e st e l l t en t n m aller Schattierungen steht nebst engerem Anhang auch in diesem Kreise im Lager der Negierungssozialisten. Dafür sind die Herrn auch gut reklamiert und dauernd unabkömmlich. Die größten Maulhelden der Abhängigen an erster Stelle. Das paßt zum Bilde. Fm Wahlkreis Zweibrückeu-Pirmasens lPsalzj schritten unsere Genossen kürzlich zur Bildung einer Wahlkreisorgnnisation, nachdem ihr die Gründung verschiedener Ortsgruppen der U. S. P. vorangegan- gen. Die Kreisorganisation, die zurzeit in den ver- schiedenen Orten 140 Mitglieder zählt, ist im besten Fortschreiten. Mehr und mehr vollziehen neue Orts- gruppen und Mitglieder ihren Anschluß. Voran mar- schieren als stärkste Filialen Pirmasens und St. Ingbert. Mancherlei Schwierigkeiten hat die U. S. P. i m S a a r r e v t e r zu überwinden. Doch wir haben fester Fuss gefaßt. Unsere Partei zählt heute in einer Anzahl Orte 100 Mitglieder. Daran sind drei Reichstagswahlkreise beteiligt. Die„Leipziger Volks- zeitung" hat rund 180 Abonnenten.(Das ist sehr er- freulich!) Unsere Genossen, die in diesem Gebiet zähe, unermüdliche Arbeit leisten, sind weiterer Fortschritte unserer Bewegung gewiß. Nicht locker lassen, heißt auch hier die Parole. Eine Wahlkreisorganisation schafften auch die Ge- Nossen im Kreise Darmstadt-Grossgera» sHessen). Acht Orte mit über 100 Mitgliedern waren bei der Gründung beteiligt. Vergeblich waren die Mahnungen des ab- hängigen Kreissekretärs, den„Quertreibern",„Partei- spaltern" usw.— so hieß es in einem seiner Zirkulare — kein Gehör zu schenken. Wo die unabhängigen Agi- tatoren aber auftauchten, solle man ihm sofort Nach- richt geben, eventuell telegraphisch. sTa kann der Herr noch öfter mit Telegrammen rechnen!) Unlängst erschien Frau Iuchaz, Berlin, höchst persönlich in R ü s s e l s h e i m, dem zweitstärksten Ort des Kreises, um die Arbeiterinnen des Oppelschen Werkes zu„be- lehren". In der Diskussion trat ihr Genossin Sender ans Frankfurt a. M. entgegen. Der die Versammlung leitende Metallarbetterbeamte machte wiederholt den Versuch, unserer Genossin das Wort zu entziehen. Doch der entschiedene Widerspruch der Versammelten'hin- derte ihn daran. Nach einem mit eisiger Kälte auf- genommenen Schlusswort zog Madame Iuchaz ab, die Arbeiterinnen blieben noch mit unserer Genossin bei- sammen und Beitritte zur U. S. P. beschlossen den Abend. So mag Frau Iuchaz noch öfter„wirken". Don der Hungersnot in Rußland. (Ein Brief Lenins an die Pettograder Arbeiter. Ende Mai.) Genossen! Neulich besuchte mich Euer Dele- giertet, ein Arbeiter von den Putilowswetten und entwarf ein äußerst ttauriges Bild der Hungersnot, die in Petersburg herrscht. Wir wissen, daß in einer ganzen Reihe Jndustrie-Gouvernements die Lcbensmittelsrage eine ebenso kritische Form angenommen hat, der Hunger klopft dort ebenso schreck- lich an die Tür der Arbeiter und bedürftigen Bes völkerung... Zur gleichen Zeit beobachten wir eine steche Spekulation mit Brot und anderen Lebensmitteln. Nicht etwa, daß es kein Brot in Rußland gäbe, nicht darauf ist der Hunger zurückzufahren, sondern darauf, daß das Bürgertum und alle Reichen gerade mit diesem äußerst scharfen und unsehlbaren Jnlttet die Herrschaft der arbeitend. n Massen, die Macht der Sowiets in der letzten entscheidenden Schlacht stürzen wollen. Das Bürgettum und alle Reichen. Uwe- griffen die Spekulanten unter den reichen Äviuern, wollen das Getreidemonopol untergraben, vernichten die staatliche Verteilung des Getreides, die vor allem die arbeitenden, norleidenden Massen mit Brot zu versehen suchen. Die«! Bourgeoisie verhindert die Durchführung von Maximalpreisen, spekuliert auf das Getreide, verdient je ein-, ziveihundert Rubel pro Pud Getreide und mehr, sie vernichiet das Getreide- Monopol und die regelmäßige Perteilung des Getrei- des durch Bestechung, durch wohlüberlegte böswillige Untergradung der Macht der Arbeiterklasse, die die rlkrwirüichung des ersten Gebotes des Sozialismus „Wer nicht arbeitet, darf nicht essen", anstrebt. „Wer nicht arbeitet, darf nicht essen", dieser Grundsatz ist einem jeden Arbeitenden verständlich. Mit ihm sind alle Arbeiter einverstanden, alle ärmsten und sogar nicht ganz armen Bauern, alle diejenigen, die wissen, was Rot bedeutet und je auf ihren eigenen Verdienst angewiesen waren, sind mit dieser einleuchtendsten unter allen Wahrheiten einver- standen, die die Grundlage des Sozialismus, die unausrottbaren Wurzeln seiner Kraft, die sichere Ga- rantie seines endgültigen Sieges ausmacht, ein- verstanden. Aber darin gerade liegt die Schwierigkeit der ganzen Frage, daß zwischen dem Lippenbeieuntnis zu diesem Grundsatze, zwischen dem Eid, daß man mit ihm einverstanden ist und der Fähigkeit ihn durchzuführen, ein großer Abstand besteht. Wenn in einem Lande, das sich kommunistische Republik nennt, Millionen und Millionen P>nd Ge- treibe von Spekulanten und Wucherern unterschlagen werden, während Hunderte, Tausende und Millionen vom Hunger geqäult werden(in Petersburg, in den nichtagrarischen Gegenden, in Moskau) ist für einen jeden llassenbewußten Arbeiter und Bauern Stoff zur Ueberlegung und ernstem Nachdenken vorhanden. „Wer nicht arbeitet, darf nicht essen" wie ist dieser Grundsatz durchzuführen? Es ist ohne weiteres klar, daß dazu notwendig ist 1. die Durchführung des Getreidemonopols, d. h. das Verbot des Privathandels mit Getreide, die obligatorische Uebergabe an den Staat zu Marimal- preisen des ganzen Ikberfluffes an Getreide, das ab- solute Verbot der Verheimlichung und Richiabliese- rung des Getreides, 2. die Registrierung aller Ge- treidebestände und tadellose Licscrung von den gelreidereichen in die getreidcbedürfttgen Geacn- den, der Vorrat an Saat, am notwendigen für die nächste Ernte, 3. strenge Durchführung der abso- luten, eine jede Begünstigung ausschließenden Ver- tetlung des Getreides unter allen Bürgern des Lan- des, unter Kontrolle der arbeitenden Klassen, des proletarischen Staates. Es genügt auch nur ein klein wenig über diese Bedingungen dcß Sieges über den Hunger nacknu- denken, um die ganze Stumpssinnigkett der an- archistischen Phrasen zu erfassen, die die tztotwcndigkcit des Staates bestreiten(unerbittlich gegen die Bour- geosie, ebenso wie gegen die Versuche, die Macht zu desorganisieren) für den Uebergang vom Sozialls- mus zum Kommunismus, für die Befreiung der ar- bettenden Massen von jeglichem Joche und jeglicher Ausbeulung. Gerade jetzt, wo unsere Revolution— und darin besteht ihr großes Verdienst— unnjittel- bar an die Frage der Verwirklichung des Sozialis- mus herangetreten, gerade jetzt, und in der Haupt- »rage, in der Brotfrage, ist es klar, wie notzvendia eine encrne revolutionäre Macht ist, die Diktatur des iProlctaria-ts, die Organisation der Einsammlung der m Belracbt kommenden Produkte, ihrer regelmäßigen Zufuhr, die Sorge für die zukünftige Saat und Ernte, alles das in großem nationalen Maßstabe unter Benicksichligung der Bedürfnisse von Millionen und aber Millionen von Menschen. Romanow und Kerenski haben der Arbeiterklasse 5".Land hinterlassen, das durch ihre räuberische Politik, durch den verbrecherischen und folgenschwersten Krieg, durch die'einheimischen und fremden Jmperia- listen unglaublich zerstört war, bis aufs auuerste Brot kann nur dann für alle ausreichen, wenn alles bis auf das letzte Pud berechnet wird und bis aus das letzte Pfund gleich verteilt wird. Auch an Heizmaterial ist großer Mangel, Arbeitslosigkeit. Ein- stcllung des Eisenbahnverkehrs droht, das Volk wird vcrhuiigern, wenn bei dem Verbrauch und Verteiluna dea Heiz Materials nicht die größte Sparsamkeit und Gleichberechtigumg obwaltet. Tie Katastrophe ist ganz nah an uns herangerückt, der Mai war uner- träglich schwer, die noch schivereren Monate Juni Juli und August stehen noch bevor. Das Staatsgetreid-emonopol existiert zwar dem Gesetze nach, allein die Bourgeoisie vernichtet es in der Praxis. Ter reiche Bauer, der gewöhnt it auszubeuten und auszubungern, zieht auch jetzt die Spekulation vor, die Schuld am Hunger kann ja ohne weiteres dem Sowjet zugeschrieben werden Ebenso Verfahren die polit.schen Verteidiger dieser Spekulanten, die Kadetten, rechten S. R. und Mm- schcwits, die offenkundig und geheim gegen das Ge- treidcmonopol und gegen die Macht der Sowjet ar- bciten. Auch die linken S. R., schwach und uncnt- schlössen wie immer, lassen sich von den Klagen der bedrohten Spekulanten mschüchtent, auch sie weisen nicht die nötige Festigkeit in ihrer politischen Stel- lungnahmc,