A niitteilungs*BIaft des Verbandes der iozialdemokrafirdien Wahlwereine Berlins und Umgegend. Unabhängige lorialdcmokratilcbe Partei Deutichlands. Nur kurze Zeit trennt uns von den Wahlen. Es werden die bedeutungsvollsten Wahlen sein in der Geschichte des deutschen, des internationalen Sozialismus. Bewußt, auch in der schwersten Zeit ihre sozialistische Pflicht erfüllt zu haben, geht die Partei in den Wahlkampf. Als der Krieg Verwirrung in die Reihen des Proletariats brachte, sammelten sich die Genossen, die unerschütterlich den Prinzipien der Interna- tionale treu geblieben waren und gründeten die U. S. P. D. Keinen Augenblick wankte die Par- tei in der schärfsten Bekämpfung des Krieges. Sie wies jedes Kompromiß mit den schuldigen Macht- habern, mit den Kriegsverlüngerern und ihren sozialistischen Helfern zurück. So bereitete sie jene Tage vor, in denen die Revolution die alte �Gewaltherrschaft stürzte, der Massenschlächterei ein Ende bereitete und die sozialistische Republik begründete. Die Tage seit der Revolution haben gezeigt, daß die historische Aufgabe der Partei damit nicht erfüllt ist. Die Masten in Stadt und Land haben zwar erkannt, daß nur im vollständigen politischen und wirtschaftlichen Neuaufbau die Rettung für die ungeheuren Kriegsschäden zu forden ist. Aber die rechtssozialistische Führerschaft geht nur allzu zaudernd und zögernd ans Werk. Sie fürchtet den Bruch mit den bürgerlichen Parteien, mit denen sie so lange in enger Gemeinschaft gewirkt hat. Sie schreckt zurück vor der kühnen Fortfüh- rung der Revolution, vor den notwendigen Maß- nahmen ihrer Sicherung und der Niederhaltung der Gegenrevolution. Der Verlauf der Neichskonferenz der Arbeiter- und Soldatenräte hat erneut den Beweis er- Berlin, den 23. Dezember 1918. An die Partei! bracht, daß alle energischen und durchgreifenden Maßnahmen auf den Widerstand der Rechtssozia- listen stoßen. Die wichtigen und unumgänglich notwendigen Forderungen der Soldaten begeg- neten ihrem Widerstreben, und die Ausführung der Beschlüsse ist bei dem Widerstand der Heeres- leitung nicht gesichert. Die Anträge der Unab- hängigen Sozialdemokratie auf Wahrung der Rechte des Zentralrates wurden von ihren An- hängern niedergestimmt. Die revolutionäre Energie wurde nicht gestärkt, sondern ge- schwächt. Die U. S. P. D. erhält so die Aufgabe, als Trägerin einer prinzipiellen sozialistischen Politik für die Verwirklichung des Sozialismus in der revolutionären Epoche bis zum endgültigen Siege zu kämpfen. Die Partei verkennt nicht, daß die Hauptschlacht geschlagen werden muß zwischen dem vereinigten Bürgertum auf der einen Seite und dem Proletariat auf der anderen Seite. Denn in diesem Wahlkamvf handelt es sich nicht mehr um einzelne politische oder wirtschaftliche Forde- rungen der Arbeiterklaste, sondern es geht um die Aufhebung der Klassenherrschaft überhaupt, um die Ersetzung'der kapitalistischen Ausbeutung durch die sozialistische Gesellschaft der in Freiheit und Gleichheit verbundenen Menschheit. Soll aber dieses höchste Ziel, um das je gerungen worden ist, erreicht werden, so bedarf es der Vorkämpfer, die unbehindert um jede Rücksicht auf die Gegner, unbelastet von einer schuldbeladenen Vergangen- heit, die Wegbereiter des Neuen sein können. Um ungehindert diese Aufgabe erfüllen zu können, muß die U. S.'P. D. in voller Geschlossenheit und Selbständigkeit in den Wahlkampf eintreten. Die Partei erwartet von allen ihren Genossen, daß sie mit ganzer Kraft die Zeit ausnützen zur Werbung für die sozialistischen Ideen, zur Aus- rllttelung der Masten, zur Gewinnung neuer Kämpfer. Wir wollen behaupten, was wir erobert haben: die volle Demokratie in der neuen deut- schen einheitlichen Republik. Wir wollen die Er- oberung der Staatsmacht als Hebel benutzen, um die kapitalistische in die sozialistische Gesellschaft umzuwandeln., Wir fordern, daß alles geschieht und mit aller Beschleunigung geschieht, was sofort an Soziali- sierung geleistet werden muß. Wir fordern ins- besondere die Erklärung aller Bodenschätze und Kraftquellen zum Eigentum der Nation und die rascheste Durchfllhrunge aller Maßnahmen, die dieses Eigentum verwirklichen. Wir fordern, daß die Lasten des Kriegs durch umfastende Besteuerung der Einkommen, Ver- mögen und Erbschaften und Konfiskation der großen Kriegsgewinne auf die Besitzenden abge- wälzt werden, deren Politik den Krieg verursacht hat. Wir fordern eine Verfastung, in der die Grundsätze der Demokratie restlos und befreit von allen bürgerlichen Traditionen verwirklicht sind. Dafür wollen wir jetzt die Masten zu gewinnen suchen. Gegen die Beherrschung der Men- schen durch Menschen, für Freiheit und Gleichheit! Gegen kapitalistische Ausbeu- tung, für sozialistische Brüderlich- keit! Die Parteileitunq der U. S. P. D. Zum HMchied. Mit dieser Nummer nimmt das Mitteilung?- blatt Abschied von seinen Lesern. Nicht aus AI- tersschwäche, nicht als Besiegter, sondern als Sie- ger tritt es vom politischen Kampfplatz ab. Neue Kräfte regen sich, neue Zeitungen entspringen dem Boden der Revolution und setzen unseren Kampf fort. Als vor 2 Jahren der Parteivorstand Hand in Hand mit der Militärdiktatur den Berliner Arbeitern den„Vorwärts" raubte und die alte Redaktion mit brutaler Gewalt entfernte, um seine journalistischen Lakaien einzunisten, da mußte das Mitteilungsblatt auf den Plan treten, um gegen die Räuber und Brunnenvergifter Front zu machen. Aus einem kleinen, nur Drga- nisationszwecken dienenden Verbandsorgan wurde es zu einem politischen Wochenblatt. Seine Auf- gäbe bestand darin, den Berliner Arbeitern we- nigstens allwöchentlich eine geistige Kost zu lie- fern, die erfüllt war vom Geiste des internatio- nalen Sozialismus, von revolutionärer Heber- zeugung und ehrlichem Friedenswillen. Unter unsäglichen Schwierigkeiten technischer und poli- tischer Art hat das Mitteilungsblatt 2 Jahre lang seine Aufgabe erfüllt. In klarer Erkenntnis der kommenden Entwicklung hat es tapfer und un- beirrt als Vorkämpfer der Revolution gewirkt. Die Berliner Arbeiterschaft hat ihm Treue ge- halten und hat in aufopferungsvoller Tätigkeit für seine Verbreitung gesorgt. In verhältnismäßig kurzer Zeit stieg seine Auflage von 8900 auf rund 45 000. Die Zahl der Leser war aber bedeutend größer. Auch in das Feld ist das Mit- teilungsblatt in zahlreichen Exemplaren gegan- gen und hat dort zur Aufklärung unserer Brüder im feldgrauen Rock beigetragen.' Nach und nach fand es auch in den Provinzorten, in denen die Unabhängige Sozialdemokratie keine eigene Zei- tung hatte, starke Verbreitung. So ist unser Blatt zu einem wichtigen Parteiorgan geworden, das dem Zusammenhalt der Partei gedient hat, vor allem aber auch dem Zusammenhalt der revolutio- närenArbeiterschaft Groß-Berlins aufrecht erhielt. Der Außenstehende macht sich keinen Begriff von den Schwierigkeiten, unter denen das Mit- teilungsblatt hergestellt werden mußte. Es war ganz natürlich, daß die Militärdiktatur und die Zensur sich unser Blatt besonders scharf vor- nahmen. Es wurde unter Präventivzensur ge- stellt, d. h. jede Nummer mußte, ehe sie in Druck gehen konnte, von der Titelseite bis zur letzten Jnseratenzeile dem Zensor vorgelegt werden. Schon beim Schreiben der Artikel sah man den drohenden Rotstift des Zensors vor sich und mußte überlegen, wie das, was man sagen wollte, vor den �nsurschlingen zu bewahren sei. In jeder Nummer hat die Zensur rücksichtslos gehaust. B e r l i n, den L7. Dezembe, 1915. Aber wenn sie auch die besten Sätze herausstrich. den Geist des Ganzen konnte sie doch nicht er- töten, und so kann das Mitteilungsblatt das Ver- dienst für sich in Anspruch nehmen, daß der klaffen- bewußte Vortrupp der Berliner Arbeiterschaft durch seinen Geist für die»evolutiomirev Aftio- nen mitgeschult worden ist. Treue Kampfgemeinschaft hielt unser Blatt mit> der rustischen Revolution, und es erblickte seine Aufgabe darin, deren Lehren der deutschen Arbeiterschaft zugänglich zu machen. In inter- nationaler Solidarität hat sich das Mitteilungs- blatt auf die Seite der viel verlästerten Bolsche- wiki gestellt und rückhaltlos deren heroischen Kampf für Friede und Sozialismus gewürdigt und unterstützt. Auch auf diese Weise hat unser Blatt dazu beigetragen, daß der revolutionäre Gedanke in der cklastenbewußten Berliner Arbei- terschaft Wurzel schlagen konnte. Auch der von der Militärdiktatur arg be- drängten Arbeiterjugend hat das Mitteilungs- blatt in der Zeit der schwärzesten Reaktion eine Freistatt gewährt. Jetzt tritt das Mitteilungsblatt vom Kampf- platz ab. Seine Arbeit hat reiche Früchte getra- gen. Auch unser Blatt hat redlich die Nevol»- tion mit vorbereiten Hetfen' es hat auch für den Geist gesorgt, aus dem heraus die Arbeiterschaft die re«oluDisnären Errungenschaften sichern und ausbauen wird. Die Aufgabe des Mitteilung?- blaltes wird jetzt von zahlreichen Zeitungen übernommen, die dank der Revolution in Berlin und«nderen Orten entstehen konnten. Ihre PfliSrt ist es jetzt, das, was von uns in schweren Zeiten begonnen wurde, weiterzuführen und zur Vollendung zu bringen. Wir aber verabschieden uns von unseren Lesern mit dem Dichterwort: Neue Kräfte seh ich glühen, neue Säfte seh ich blühen, lichtwarm steigt die neue Welt. Das Gemeine weicht von Erden, was nie war, nun will es werden, und das Sklavenschiff zerschellt. M« Sehen wir? Die deutscht Revolution hat ihren e r st e n Schrh?- getan. Sie hat den Fürsten von Gottes Gnaden den Laufpaß gegeben; sie hat in den starken Wall de� Militarismus Bresche geschossen. Aber das Siaais Wesen, das aus der Revolution hervorging, ist noch weit davon entfernt, eine wirklich sozio- listische Republik zu sein. Um eine Wirtschaftsform und ein Staatswesen z« schaffen, in dem daS arbeitende Volk Träger und Nutznießer der Produktion mw Verwaltung ist, bedarf es noch zäher, revolutionärer Arbeit. Die Mächte des Großkapitals und der Reattion wehren sich mit verbissenem Ingrimm gegen daS ihnen drohend« Ver- hänguis. Generäle, Adnuräl« und Offiziere, die Schlot' und Krautjunker, das Pfaffentum aller Konsessionen, sowie all die Elemente, die sich unter dem alten Wey gimc Wohl gefühlt haben, kämpfen offen und noch mehr in der Stille gegen die Versuche an, das ar- beitende Volk Deutschlands wirklich zum Herrn seiner Geschicke zu machen. Das Bestreben, den an seiner eigenen Unfähigkeit zu Grunde gegangenen Reichstag wieder einzuberufen, die übereilte Einberufung de. Nationalversammlung, die Ränke klerikaler Spaltungs- Politiker und das Verhalten vieler gegenreoolmionür gesinnter Befehlshaber der heimlehrenoeu Fronttruppen beweisen, daß die junge deutsche Freiheit noch ringsum von Feinden umlagert ist. Gestützt und gestärkt werden die Mächte der Ge- genrevolution durch die schwächliche Haltung der mehrhtittSfoztaltstischen Partei. Es ist nur zu natürlich, daß diese davor zurückschreckt, die revolutionäre Entwicklung mit etsenur Kosequenz weiter zu treiben. Sie wagt nicht, den notwendigen scharfen Trennungsstrich zwischen der revolutionären Arbeiterschaft und dem kapitalistischen Bürgertum zu ziehen. Sie tvagt nicht, eine ausgesprochene prole- tarische Friedenspolitik zu machen. In unverzeihlicher Nachgiebigkeit hält sie z. B. im Auswärtigen Ann •i« Vertreter jener fluchwürdigen Gehtimdiplomatu fest, die das deutsche Volk in«in Meer von Blut und Tränen hineingeführt hat. Riesengroß ist die Mitschuld der sozialdemokratischen Partei an dem unsäglichen Unheil, das durch den Weltkrieg über das deutsche Volk gekommen ist. Hat diese Partei doch vom 4. August 1314 an die Kricgspolitik des mou- archisch-militaristischen Deutschlands rückhaltlos unter- stützt. Die Rettung aus den schweren Nöten unserer Zeit und die Anbahnung eines Friedens, der die Ohnmacht Deutschlands ausschließt; die Anknüpfung neuer, internaflonaler Beziehungen, kann nur von Muten ausgehen, die frei stick» von aller Mitschuld an den furchtbaren Katastrophen der letzten Jahr«. Nur die Partei, die rücksichtslos angekämpft hat gegen den großen Voltsbetrug der letzten Jahre, gegen den Välkerhaß und den kriegerischen Wahn, hat das Recht, als Sachwalterjn der Zievoluiion aufzutreten und auf das Vertrauen des Volles Anspruch zu erheben. Nur diese Partei ist in der Lage, die Früchte der Revo- lution zur Reise zu bringen. Bis zum ü. November tonnte die U n a b- häng ig» sozialdemokratische Partei oe» Ruhm für sich In Anspruch nehmen, am«nt- schiedensten gegen die Kriegspolitik der davongejagten Regierung und deren Helfershelfer angekämpft zu haben. Das Verhalten der Parteileitung in den ersten Revolutionswochen entsprach aber nicht der Haltung der Partei vor der Zievolution. Die Nechissozialisten drängten sich in den Bordergrund, obwohl sie bis zum 3. November alle ehrlichen Revolutionäre beschimpft und denunziert hatten, und rissen die Früchte der Revolution an sich. Da war es ein großer polirischer Fehler, daß sich leiieude Männer der Unabhäiigigen Sozialdemokratie mit den so arg kompromitiierten Ebert, Scheideinann usw. an«in und denselben Re- gicrungstisch setzcen. Von dieser Koalitionspoi-itik rührt alle Verwirrung und alle Zerrissenheit her, unter Irr beute kic U ikabbänciigc jff a«rei zn leiden ha». Man hm eben keine lonjequente revolutioiüir« und so- zialistische Politik mit Männern machen, die während des Weltkrieges Schleppenträger des deutschen Im- PerialiSmus waren und die'«tzt nach der Revo- iution einen schwächlichen, kleinbürgerlichen Resorm- sozialismus einführen wollen, der dem Kapital nicht ernsthaft webe tut. Mehr als einmal hätten die Ge» nossen Haase, Dittmann und Barth Gelegenheit ge- habt, die kompromittierende Arbeitsgemeinschast mit den Ebert, Scheidemann und Landsberg aufzugeben. Sie haben ti leider nicht getan, nicht einmal nach oen blutigen Vorgängen vom(3. und vom 23. und 24. Dezember in Berlin. Es ist daher kein Wunder, wenn heute ein Riß durch die Arbeiterschaft geht, die bisher zur Unabhängigen Sozialdemokratischen Parui gehalten hat. Ein kleiner Teil der Arbeiter und eine größere Anzahl von Führern sind vom Einigungs- dnsel befangen und sucht ihr Heil in der Rückkehr zur al;en, verknöcherten Partei. Der größere Teil der .Irbeiter der U. S. P. aber verlangt die Inn«» haliung einer konsequenten revolutionären Politik. Letten die Parteikührer nicht rechtzeitig ein, lehnen üe nicht schleunigst jede Arbeit mit den Ebert und Genossen ab, so wird die Revolution auch die al:en Partcigrenzen hinwegschwemmcn, wie sie die Fürsten- throne hinweggeschwemmt hat, und die revolutionäreil Elemente der Unabhängigen Partei werden sich in einer neuen entschieden revolutionären Partei zu» sammenschließen müssen. Zu den Wahlen zur Ucktionalversammlung. Am 19. Januar finden die Wahlen zur Na- lisnalversammlung statt. Deutschlands Männer und Frauen sind an diesem Tage vor solgenschioere Entscheidungen gestellt. Die Feinde und die lauen Freunde der Revolution konnten in ihrer, dem bösen Gewissen entspringenden Hast den Wahltermin nicht früh genug haben. Denn das aus dem Revolutionssturme entstandene System der Arbeiter- und Soldatenräte, in dem allein der revolutionäre Wille und die revolutionäre Macht des arbeitenden Volkes zum Ausdruck kommt, ist ihnen ein Greuel. Sie fürchten, daß das Rätesystem grundlegend endgültig ihrem Reichtum, ihrer sozialen Machtstellung, ihren Vor- rechten ein Ende macht. Darum sind heute selbst die Junker, die bis vor kurzem die wütendsten Gegner jeder Demokratie waren, die lautesten Rufer nach der Nationalversommlung. Und um zu verhüten, daß das werktätige Volk über sein künftiges Schicksal und über die Ziele der sozialen Revolution aufgeklärt werde, hat man den Wahl- tag so überaus früh angesetzt. Männer und Frauen des werktätigen Volkes, seid auf der Hut! Laßt Euch nicht von den schönen Worten jener Pharisäer blenden, die Euch 52 Monate lang das„Durchhalten" gepredigt haben und Euch jetzt um die Früchte der Reoolu- tion betrügen wollen. Denkt an das alte, wahre Sprichwort:„Nur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber!" Die Wahlen zur Nationalversammlung sind nicht gleichzustellen den früheren Wahlen zum Reichstage oder zum preußischen Dreiklaisenhause. Die Nationalversammlung soll die Verfassung und damit das künftige Schicksal des deutschen Volkes festlegen auf Jahrzehnte hinaus. Männer und Frauen des werktätigen Volkes! Eure und Eurer Kinder Freiheit steht auf dem Spiele! Wenn Ihr blind und tatenlos beiseite steht, wird die Nationalversammlung statt der alten, von der Revolution zerbrochenen Ketten Euch neue Ketten schmieden. Laßt daher Eure revolutionäre Energie nicht erlahmen. Ueberlaßt Euer Heil nicht einigen wenigen Parlamentariern. Haltet Euch bereit, die Verhandlungen der Nationalversammlung durch wuchtig« Massenkundgebungen vorwärtszu- treiben und im Sinne des revolutionären Sozia- lismus zu beeinflussen, Wählt am IL. Januar nur Männer und Frauen, an deren ehrlicher, revalntionärer und sozialistischer Gesinnung und Tatkraft kein Zwei- fel isti Mit heuchlerischer demokratischer Maske treten die früheren bürgerlichen Parteien vor Euch hin. Alle die Bankiers, die Fabrikanten, die Kriegs- gewinnler und sonstigen Nutznießer der alten Ge- sellschaftsordnung tun heute so, als ob das Wohl des Lölkes ihre brennendste Sorge sei. Aber- sie alle sind kapitalistische Wölfe in demokratischem Schafskleide. Glaubt ihren pharisäischen Worten nicht. Sie alle erhoffen von der NatianalzeHaniM- lung die Sicherung ihres Besitzes und ihre—.acht!| Mit dem gleichen Eifer werben die Rechts- sozialisten, die Partei der Ebert und Schsidemann um Eure Stimme. Sie spielen sich auf als die wahren Freunde des arbeitenden Volkes, als die uneigennützigen Vorkämpfer der Revolution und des Sozialismus. Wenn Ihr aber heute schwer unter den Wirkungen des Weltkrieges zu leiden habt, wenn die gestürzte verbrecherische Regierung Euch als Erbschaft Hunger, Entbehrungen, Ar- beitslosigkeit und andere Röte hinterlassen hat, so tragen die Scheidemann-Sozialisten ein über- reiches Maß Mitschuld. Sie haben Euch vier Jahre lang eingeredet, daß die Regierung wei- land Wilhelms II. am Massenwllrgen unschuldig sei, daß Deutschland nur einen Verteidigungskrieg führe. Sie haben Euch bis in die Novembertage 1918 zum Durchhalten aufgefordert, sie haben dem Sklavengesetz des Hilfsdienstes zugestimmt, sie haben noch im letzten Moment mit der„natio- nalen Verteidigung" geliebäugelt und waren be- reit, das deutsche Volk einem letzten ebenso straf- baren wie zwecklosen Aderlasse preiszugeben. Sie haben durch ihre Zustimmung zum Ukraine- Frieden und zum Frieden von Bukarest sowie durch ihre jammervolle Haltung beim Frieden von Vrest-Litowsk dazu beigetragen, daß heute aus Deutschland der Groll und der Haß der ganzen Welt lastet. Männer und Frauen des werktätigen Volkes! Glaubt nicht, daß der Vertreter einer solchen Partei dem deutschen Volke einen Frieden brin- gen kann, der seine Wunden heilt. Dazu stehen diese Männer bei den Regierungen, noch mehr aber bei den Völkern des Auslandes zu sehr in Mißkredit, dazu baben sie ihr Bekenntnis zur Po- litik des 4. August 1814 viel zu laut in die Welt geschrieen. Die Nationalverjammlung hat aber auch Arbeit für den so dringend nötigen, gedeih- lichen Frieden zu leisten. Das bisherige Verhalten der Scheidcmann» Sozialisten bietet Euch aber keine Gewähr für diese Friedensarbeit. Die Schcidemann-Soziv- listen sind aber auch nur laue und falsche Freunde der Revolution. Bon bell ersten Kriegstagen an haben sie alle Männer verfolgt und als„Landes- Verräter" verleumdet, die den Kampf gegen ihre und der alten Regierung Kriegspolitik aufgenom- men hatten. Mit dem gleichen Eifer, mit dem sie immer wieder xKriegskredite bewilligten, haben sie die aus ihrer Partei gestaßen, die das Unheil einer verbrecherischen Äriegspolitik kommen sahen und in ihrer Sorge um das. deutsche Volk alle Verfolgungen der Militärdiktatur in den Kauf nahmen. In den großen Streiks der letzten Jahre sind die Arbeiter von den Scheidemännern und Gewerkschaftsführern beschimpft und ver- lästert worden. Diese angeblichen Arbeiterver- treter haben den Gerichten und der Militärdikta- tur massenhaft Material gegen die streikenden Arbeiter in die Hand gegeben. Männer und Frauen des werktätigen Volkes! Erwartet von solchen Männern nicht dce Vertre- tung der proletarischen Interessen auf der Na- tionalversammlung! Sie sind die Sachwalter des engstirnigen, revolutionsfeindlichen Klein- bürgsrtums, das jetzt in Scharen hinter ihnen herläuft. Sie können oder wollen den Mächten des Kapitals nicht ernsthaft wehe lun. Ihr Ziel ist die Errichtung einer kleinbürgerlichen demo- kratischen Republik, in der der Arbeiter noch auf lange hinaus Lohnsklave bleiben muß. Männer und Frauen des werktätigen Voltes! Wer da will, daß die Revolution auch mit der Macht und den Vorrechten der besitzenden Klassen ein Ende mache, wer da wilt, daß das arbeitende Volk sein Geschick selbst in die Hände nehme, der wähle zur Nationalversammhflng nur Männer und Frauen aus der Unabhängigen Sozialdemokratischen Par- tei Deutschlands, an deren revolutionärer und sozialistischer Gesinnung kein Zweifel ist. Männer und Franen des melktät gen Volkes! Nehmt auf Eure Listen nur solche Männer oder Frauen der Unabhängigen Sozialdemokratie, von denen Ihr gewiß seid, daß sie in der National- Versammlung den salscben Demokraten oder Sozia- listen die Maske vom Gesicht reißen! Rüstet Euch, den Kampf für die revolutionären Errungenschaf- ten, für Freiheit des Sozialismus in der Ratio- nalversamrnlung durch Massenkundgebungen außerhalb der Nationalversammlung zu unter- stützen! Nu? so kommt Ihr zum Frieden, zur Freiheit». � zum vMer befreienden Sozialismus I' Selbständigkeit der Partei. Von Luise Zieh. Die Nechtssozialistcn sind unablässig am Werl. um den Arbeitern zu suggerieren: Das Interesse des Proletariers ersordcre die Verschmelzung der beiden sozialistischen Parteien. Um ihr Ziel zu erreichen sind ihnen alle, auch die bedenklichsten Viittel recht. In jeder Weise wird gegen oic U. S. P. gehehts insbe- wndere der„Vorwärts� leistet dabei das Unglaublichste. In der Provinz schlägt inan eine andere Taktik ein, da suchen die Scheidemänner unsere Ortsgruppen- lciter auf und geben vor: Zwischen den beiden Par- teileitungen seien bereits Einignngsverhandlungen im Gange, diese könne man fördern, wenn inzwischen die Ortsgruppen die Verschmelzung zur Tatsache machen würden. Eine Fälle von Zuschriften aus den verschie- densten Gegenden des Reiches, in denen meistens ganz erreg: angefragt wurde, ob es wahr sei, daß von uns die Einigung betrieben werde, bei iynen wolle da- von kein Mitglied ocr U. S. P. etwas wissen, gaben uns Kenntnis von diesem Treiben. � Selbstverständlich haben wir geantwortet: die Par- teileitunp denke gar nicht daran, Eintgungsverhand- lungen einzuleiten oder irgendwie zu betreiben. In dem ersten Aufruf der Parteileitung, der nach der Revolution crsaien, ebenso in unserem Aufruf an die Internationale und in unserem Aufruf zur Wahlbeteiligung für die Nationalversammlung ist scharf und klar zum Ausdruck gebracht, daß wir die Selbständigkeit unserer Partei als geschichtliche Not- wendigkcit betrachten. Und der Ausrus zur Wahlbeteiligung ersolgte am Tage nach einer Rcichskcnserenz. die aus allen Wahl- bezirken des Reiches stark beschickt war, in der mit allen gegen eine Stimme beschlossen worden war: W:r bleiben eine selvständigc Partei, wir gehen mit eige- neu Listen in den Wahltampf. Durch diese Beschlüsse ist ganz unzweideutig der Wille der Parteigenossen und der Leitung zum Aus- druck gebracht. Bei der Aussprache in der Reichskon- fercnz wurde wiederholt erklärt: Wenn einzelne per- sonen die Politik der Rechlssozialistcn mitmachen wol- len, stehe ihrem Abmarsch ja niemand im Wege, die Partei der 11. S. P. halte an ihrer grundsäülrchcn Politik und an ihrer organisatorischen Selbstan- digtcit fest. Wir meinen, das ist deutlich! Wie aber sind wir zu diesen Beschlüssen gekom- men? Fst es Eigensinn, der aus das Interesse des Proletariats keine Rücksicht nimmt? Spricht aus ihnen die tiefe Bitterkeit über all oas Schmähliche, was uns die Rechtssozialisten im jahrelangen Bruderkamps durch Verleumdung, Denunziationen, Vergewaltigung antaten? Nein, sicherlich nicht! Wenngleich es menschlich nur allzu begreiflich wäre wenn wir angesichts des ungeheuren Sünden- registcrs der Rechtssozialisten erklären würden: mit ihnen gibt es keine Gemeinschaft. Oder lehnien wir die Verschmelzung ab, weil die Rechtssozäalisten durch ihre verderbliche ßrieszspcl t.t so>chr kompromittiert sind, daß wir deshalb uns nicht mit ii,!.icn organisatorisch vereinige» können? Das wäre sicherlich Grund genug, poli ifch unser Verhalten zu erAärcn und zu rechiserligcn. Leun wieder und wieder müssen wir daran erinnern, daß die Rechtssoziaiisten alle Regicrunoen während des Kriegol unter stüßten, ihnen die Mittel zum Krieg- , uhrcn benültiglen, auch dam: noch, nachdem der preußische Militarismus dazu dienen mußte, in Fim: land die sozialistische Republik meft:rzuschlngcn und Zchutauscnoe unserer sinnischen Partei- und tRUvert. schaftSgcnosscn, die sich ergeben halten, durch deutsche Maschinengewehre in die Gräber zn sch-wn. die sich die bedauernswerten Tods.wpfer selbst hatten graben müssen. Tic Nechtssozialistcn haben die alte, verbrechen- sche Regierung auch dann noch unterstützt, als der Gewallfricdc mit Rteßlano, der Ukraine und mit Rn- Manien geschlossen wurde, gegen den>>e ntchi einmal zu stimmen wagten. Sic haben sich bedingungslos hinter die einander ablösenden Regierungen gestellt und damit an der Verlängerung deZ Krieges mitgewirkt trttb die Mitschuld für die unzähligen Opfer des Krieges oiu nch geladen, trotzocm ihnen so gut wie allen Palit fem zahlreiche Dokumente bekannt waren, durch weiche die Schuld Deutschlands am Ausbruch des Kriegs erwiesen wurde, durch die bekannt wurde, daß Deutsch- land wiederholt F ri:dc» sotö glichkei tett vernichict haii,;. Uns haben sie bescyitupfi, wenn wir auf diese Tat- fachen verwiesen, die z. T. vom Genossen»aase in seinen Rcichstaasreden' unter dem Wutgeheul der Rcichstagsmemh'eit angepmitgert wurden. Talsachcu, die spater von Schulze-Gävernitz u. a. in den Tagcv- blättcrit besprochen worden sind. -Die Rechtssozialisten haben während dir ganzen Dauer des Krieges den Klassenkampf abgeschworen und jede selbständige Regung des Proletariats unterdrückt. Die Aufrufe ihres Parteivorstandes und der Generalkommission, in denen der Friedcnsschrei der streiken- den Arbeiter verunglimvst und als Landesverrat de- nunziert wurden, sind bei Gerichtsverhandlungen des Reichsgerichts acgeh unsere Genossen und Genossinnen als Bclasitingsmnterial vom Staatsanwalt verwendet worden, um die Ängetlagtcn des»Landesverrats" zu überftihre» und sie ins Zuchthaus zu senden. So ist von jener Seite alleS gcfchdhen. um den Kampf der Arbeiter für Beendigung des Krieges wir- kungslos zu machen. Bis zum»Lage der Revolution ist diese Bekämpfung der revolunonaren Arbeiterbewegung sortgesetzt worven, dafür sind die Nummern des »Vorwärts" mtwideilcoliche Beweise. Dafür ist Beweis ein Flugblatt, das am Tage der Revolution in den Großbetrieben Berlins verbreitet wurde. Es trägt »e Unterschrift»Parteivorstand der Sozialdentokra- .«Ichen Partei Deuichlauds, es fordert die Arbeiter auf, nicht aus die Straße zu gehen, nicht den Auf- rufen von yhinderhciten zu folgen, denn— Scheibe» manu habe dem Kaiser nahegelegt, abzudanken und der Parteivorstand werde alles aufbieten, um— baldmöglichst die vielen Einziehnngeu rückgängig zu machen.(Dabei erinnere man sich, daß kurz vorher der„Vorwärts" Stimmung machte für die„nationale Verteidigung".) Dieses Sichstemmen gegen die Revolution ersolgte noch am 9. November, dem Tage der Revolution in Berlin, nachdem an Kiel, Hamburg, München und anderswo bereits die Macht in den Händen der Ar- beiter und Soldaten lag. Glücklicherweise folgten die Arbeiter uns und nickt den Rechtssozialisten und als die Hauptarbeit am Rebolutionstagc getan war, paß- len sich jene schleunigst der Situation an. Der Mund Sckeidemanits. der ae:e.i die Revolution berufen hatte, war kaum geschlossen, um sich alsbald wieder zu öffnen: die Revolution zu preisen und die sozia- liüische Republik auszurufen, als seine Augen sahen, daß die verpönte Revolution siegreich war. Im Gegensatz zu den Rechtssozialisten haben wir die Kricgspölitik aus das schärfste bekämpft, haben die Arbeiter aufgerufen zum Kamps gegen sie. Durch un- sere Kriegspolitik und unsere Organisation haben wir die geistige Vorbereitung der Revolution getroffen, die jene bekämpften. Wir haben also alle Ursache, zu erklären: Wir sind von ttcfstem Mißtrauen gegen die Rechtssosialisten erfüllt, wir sind der Neberz'etigung: der Feind von gestern kann kein zuverlässiger Freund von beute sein. wir bleiben deshalb selbständig als U. S. P. Diese Argumentation würde unser Verhalten je- doch nur halb begründen. Die Politik dn Rechtssozialisten seit der Revo- lution bat bereits zur Evidenz erwiesen, wie berechtigt unser Mißtrauen ist./ Zu den alten Sünden vor der Revolulton sind neu', nicht minder schwere, nach der Revolution ge- kommen Halbheit und Doppelzüngigkeit kennzeichnet ihre Politik auch nach der Revolution in all ihren Maß- nahmen. Nur wenige Beispiele mögen diese Tatsache erhärten. Bereits am Tage der Resolution, als die David. Scheidemann und Ebcrt utt! ersuchen, in die Regierung einzutreten, machte David den Vorschlag: vom Kaiser und ocm Kronprinzen Abdankung zu vcr- langen, dem Enkelkind Wilhelms jcdock die Krone zu erhallen. Er wollte also die Monarchie, nach sieg- reicher Revolution wieder errichten. In der Nacht von: 9. zunt 10. November versuchten Rechtssozialisten unter Führung Aniricks den provisorischen Soldatenrat zum Staatsstreich zu ver- leiieit. indem sie ihn aufzuputschen versuchten, nicht zur Soldatenratswahl zu schreiten und nüht in die konstituierende Versammlung des Zirkus Busch zu gehen. Durch den Genossen Stein, der diese Aus- rcizungen ntit ciugehört hatte, wurden die Soldaten von der Durchsühtung dieses verbrecherischen Vvrschla- ges abtgehälten. In derselben Nacht setzte dann noch ein Aushetzen der Soldaten gegen uns ein, durch Flugblalwerieilung und mündliche Verleumdung, deren Erfolg sich in der Stimmung im Zirkus Busch am Abend des 10. No- vember zeigte. Diesfes Aufhetzen der Soldaten gegsen uns ist fort- gesetzt worden bis aus den heutigen Tag, während heuchlerisch die„Einigkeit" gepredigt wird. Unsere Genossen sind in die Regierung eingetreten unter bestimmten Bedingungen, davon war die eine: Der Arbeiter- und Soldaienrat ist als Träger' der politischen Macht anzuerkcnncn. Ans dem Kongreß der Arbeiter- und Soldaten- rälc stemmte sich Ebert init aller Macht gegen die Ancrtzenmmg dieses Rechts, setzte dessen Einschrätckung durch, woraus die Miialteder der Unabhängigen sozialdemokratischen Partei den Eintritt in den Vollzugsrat ablehnten. Im iiabinett wurde vereinbart, nach heftigem Kampfe seitens unserer Mitglieder: die Wahl zur Nationalversammlung soll, borbe.>aül'ch der Zustimmung des Rätekongresses am ilb Fcbranr stattfinden. Eberl als Mitglied«des Kabinetts hält Soldaten- und VoVsversamn lunpen ab, in denen er für die Wahl ani 19. Januar Stimmung macht. Derselbe Ebert brchtildigt jedoch den Genossen Bartb der Unksllegialität, wenn er spricht, über noch schwebende. Verhandlungen, bei denen er den Wider- stand der Rechtssozialisten bereits zu spüren bekam: als es sich darmn bandelte, den berüchtigten Grenz- schütz zu beseitige�, der von so ungemein Verhängnis- vollen Folgen für unsere innere und äußere Politik werden kann. Statt ihre ganze Kraft zur Bekämpfmig der Kon- ckerrevolutiou imd den offenen Hochverrat des Zen trums zu ricl'tcn, wird Tag für Tag der Kamps ge- gen links geführt und damit jene Atmosphäre erzeugt, in*£T die Konterrevolution prächtig gedeiht. Tie Forderungen der Soldatendeputationen auf dein Kongreß. Selbstverständlichkeiten im Interesse der Revolution, für die wir unausgesetzt eingetreten sind, werden verdächtigt und verunglimpft. Ihrem Wider- stand ist es gekchiildct, das; das Auswärtige Amt noch immer nicht gesäubert ist von den Konterrevolutionären. Die Trcnnug von Staat und Kirche, eine Forde- rung des Erfurter Programms, das angeblich auch für die Rechtssozialisten noch gilt, wird als Vorwand genommen, um gegen Adolf Hofstnann zu hetzen, der damit'chuld icin soll an Hm Hochverrat des Zentrums, das ank die Loslösung einer Nbeinisch-weft- fälischcn Republik vom Deutschen Reiche hinzielt. Rur wenige Beispiele,- die sich stark vermehren ließen, die aber deutlich zeigen, daß von einer ziel- klaren Politik bei den Scheidemännern nicht die Spur anzutreffen ist. Von den bürgerlichen Schick'Ut d'r Bevölkerung werden sie dann auch, mit Recht, als die Schützer der Üiapitalmteressen angesehen. Daraus ergibt sich, daß wir als selbständige Par- tei eine wichtige historische Ausgabe zu erfüllen haben: die Regierung zu überwachen und vorwärts zu trei- ben zur schnellen energischen Inangriffnahme der S»- zialisierung. Insbesondere aber: die Massen Per Arbester nrttet unserer Fahne zu scharen zu einer energischen ziel- klaren sozialistischen-Poluik, zur Rettung der Revo- lution. Das Interesse des Proletariats erfordert also nicht Verschmelzung der Parteien, wobei es den grundsatz- treuen Sozialisten just so gehen würde, wie den U S. P.-Bertretern auf dem Räiekongreß, sondern: Selb- ständigkeit der U. S. P. als treue Versechtcrin der Ideale des Sozialismus, als Hüterin der Revolution und ihrer Errungenschajtcn. Der Ratekongreß. Ein Parlament, wie es nur die Revolution her- vorbringen konnte, tagte in der Woche vom 16. De- zember una folgende Tage in Berlin Diese Räte, ate in oen Reootj ittwisUtgen sich übera.l bildeten und an Sielte gestürzter Gewalten sich starke Macht- Positionen schafften, sotltcn nunmehr über dak Reich zusatumeitgc.Bßt, zum ersten Male von ihrem weit- gehenden Recht Gebrauch machen. Tie Wahlen zu diesem Kongreß muß.en nach Lage der Dinge über- eilt und unvorbe.ettct vorgenommen weroen. Es wurde versucht, möglichst breite Schichten zu erfassen. alle Haitis- und Kopfarbeiter waren wa.-lberechttgt. Aber sas Wahlshstem wies sehr viele Mängel auf. Ob die Vertretung eine wesentlich andere gewesen wäre, wenn die Unvosthommenheitien beseitigt tmd wenn mehr Zeit für die Wahtvorbereitungen zur Aer- sügunlg gestanden hätte, mag dahingestellt blpibcit. Tatsache ist, daß große indiffetente BevölkerungS- schichten, die der Revolution bis dahin teils feierlich, teils gkeichgüliig gegenüberstanden, ein stark aus- schlaggtebendes Elenutti darstellten. Man bsoenke nur, daß in Berlin allein 225 000 in Reichs-, Staats-, Koiiimunal- und anderen öffentlichen Betrieben tiiti- ge männliche und weibliche. Angestellte und Hilss- .raste toahlberectitigt waren und gemäß ihren Zahl nicht weniger als 225 Räte wählen konnten. Von einem Verständnis für den großen Klassenkampf des Proletariats, für den Sozialismus ist in diesen Kreizen wenig zu finden Und dann die Soldaten, hie lange Jahre der politischen Bühne entrückt wa- ren. Dazu kamen die großen bürgerlichen Schichten, von denen die Soldaten durchsetzt sind, ein Umstand, der vielfach dazu führle, Vorgesetzte als Vertrete« zu entsenden. So kam eine Zusammensetzung des RätekongresseS zuwege, die keine Gewähr gab für eine Fortführung des durch das Proletariat Erreichten im revolutio- nären Geiste. Der Verlauf des Rätekongresses hat daS auch klar und deutlich bewiesen. Den Kernpunkt deS Kongresses bildete die EinHerusung der Nationalver- sammlung. Die bürgerliche Presse im Verein mit den Mehrheitssozialistcn hatten auf dem Rätekongreß ihre Hofsnunaen gesetzt. Und diese Hoffnungen sind in vollen Maße erfüllt worden. Um einen Ausbau deS Rätesystems, von einer Erweitevung und Befesti- gmtg seiner Macht wollte diese Vertretung nicht» wissen. Eindringlich lvuroe der Rätetagung dargelegt, daß die heutige Republik noch lange keine sozialistische ist, daß es gelte, erst alle ökottomtschen Machtsak- toren in die Gewalt der Allgemeintzeii zu bringen che an einen modernen politischen Ausbau gegangen werden könne. Das Ziel müsse sein, eine Aeretni- gung politischer und ökonomischer Wirtschast des So- ztaltsmns. Tie Räte könnten hierzu den Hebel btl- den. Der SlppeU an das revolutionäre Empfinlden dieser Räteversammlung versagte vollständig. Die Demokratie sei das Mittel zum Aufstieg in die sozia'istische Gesellschaft, wurde entgegnet. Sie müßte so schnell wie mögiuh ar.fgerüttelt werden. Und zu den frühest möglchcii Tevmin festgesetzt werden. Ter in 'ruhest möglichen Termin festgesetzt werden. Der in Aussicht genommene Termtit am 26. Februar sei viel zu weit gesteckt, der 19. Januar sei der Zeitpunkt. an dem die Wahlen zur Nationalversammlttng stattfinden müßten. So beschloß denn auch der Kongreß nicht nur die Naüonoläcrsammlung senderu er stimmte auch dem 19. Fanuar als Wahltermin zu. Wie sehr dieser Kongreß sich selber entrechtete, gelst aus einer Entschließung hervor, die von der Konserenz angenommen wurde, dieselbe lautete: 1 Der Reichskongreß der Arbeiter- und Sol- datenräte Deutschlands, der hie gesamte politische Macht präsentiert, überträgt bis zur aitd>.rweiten Regelung durch die Nationalversammlung die gcsetz. gebende und vollziehende Gewalt dem Rat' der Vollsbeauftragten. 2. Der Kongreß bestellt ferner"einen Zentral- rat oer Arbeiter- und Soldatenräte, der die parla- mcntarische Neberwachtmg des deutschen und deS preußischen Kabinetts ausübt. Er h«. das Recht der Beruktmg und Abh-rusung der Volksbeauftrag- len des Reiches und bis zur endgütitgen Begeluna der staatlichen Verhättnisse auch der Votksbvauf- iragien Preußens. 3. Zur Uebcrwachung der Geschäftsstichrntg in den Reichsämtern werden vom Rat der Volks- beauftragten Beigeordnete der Staatssekretäre de- stimmt. In jedes Rcichsamt werden zwei Beigeordnete entsendet, die aus den beiden sozialdemokrait- scheu Pdetcicn zu entnehmen sind. Vor der Berufung der Fachministcr und der Beigeordneten ist der Aentralrat zu hören. Dies« Antrag wird mit großer Mehrheit angev ItftffllUftti D«r Vorsitzende erklärt damit den Antrqg Laufenberg für erledigt, welcher besagt: Das revolutionäre Proletariat, vereint mit der revoluiionären Armee, warf die alten Gewalten zu Beden. Durch den siegreichen Ausgang der Erhebung fiel die oberste Macht den A.- und S.-Räten zu. Als Vertreter der A.- u. S-Räte von ganz Deutschland ergreift der Kongreß Besitz von der poli- tischen Gewalt und übernimmt ihre Ausübung. Als Träger der Souveränität des Reiches hat er das Kontrollrecht, Besetzungs» und Absetzungsrecbt gegenüber der Exekutive. Der Kongreß verlangt das sofortige Ausscheiden der bürgerlichen Mitglieder aus der Regierung. Er wählt eine Kommission, die ihm über die Ersetzung der ausscheidenden Rcgicrungsmitgliedcr Vorschläge unterbreitet." � In: Ucbrigen war der Kongreß reich an Nebci» raichnngcn und ständigen Zusammenstößen zwischen den Vertretern der U. S. P. D. und den Mehr- bei, jsoIalisteu, die wiederum von den bürgerlichen Elementen und den Soldaten stark gestützt wurden. Starke Erregung entstand durch die Schilderung eines Delegierten aus Remscheid über die Treibeoe cn und Frechheiten militärischer Kreis», die ihre Macht nach jeder Richtung hin ausnützen, ihn konteruevolutirnär ZU wirken. Geheimbefehle von Offizieren wnrden ent- hüllt, die die Tildnng einer Avantgarde von lomre- vevolutioniären Offizieren zum Ziel hatten, dann wurde die Wirkung des von der Heeresleitung be- absichiigten„Grenzschutzes" im Westen gegeißelt, das nur auf ein möglichst längeres Festhalten von Trup- Pen hinausläul: in: Sinne der obersten Heeresleitung, die:mmer noch nach ihrem früheren Schema und im alten Geiste schaltet und waltet, wie es ihr beliebt. Durch die Berliner Truppen wurde der Kongreß genötigt, zu wichtigen Fragen der Heeresorganisation Stellung zu nehmen. Es erschienen plötzlich iin Kon- greßsaale Vertreter Berliner Truppen und überbrach- ten folgende Forderungen: Die am 17. Dezember im Schloß zu Berlin tagende Versammlung der Soldatcnräte von 17 Regimentern und militärischen Formationen erhebt einstimmig folgende Resolutton zum Beschluß: Wir stehen nach wie vor der jetzigen Regie- rung, also der Negierung, die auf ihrem Programm als endgültiges Ziel die Schaffung einer sozia- listischen Republik stehen bat, zur Verfügung. lLeb- haster Beifall.) Gegen die von reaktionärer Seite geplante Entfernung der Volksmarinedivision pro- testieren wir auf das energischste.(Beifall.) Die Kameraden der Marine sind die ersten Träger und Schützer der Revolution gewesen. Ihre Änwcsen- heit in Berlin ist deshalb unbedingt erforderlich. Die Soldatenräte beantragen bei der im Abgeord- . W... ige netenhaus tagenden gefetzgebenden Körperschaft sol- gende Dringlichkeitsanträgc sofort*um Beschluß zu erHeden: 1. Ein oberster Soldatenrat. zusammengesetzt aus gewählten Delegierten aller deui.sct.en Soldatenräte übt die Kommandogewal. über alle Trup- Pen des Heeres aus, analog der Marine.(Bravo.) 2. Die Rangabzeichen alle': Dienstgrade sind verboten.(Beifall.) Sämtlich: Offiziere sind zu cm- waffnen.(Stürmischer Beifall bei einem Teil der Versammlung.) Das Veroot der Rangabzeichen aller Dienstarade tritt für di! heimkehrenden Tnippen, in Kraft, nachdem die Nicderlegung der Waffen in der Kaserne erfolgt ist. 3. Für die Zawerlässigkeit der Truppenteile und für die Aufrecbterhaltrmg der Disziplin sind die Soldatenräte verantwortlich. Wir beantragen gemäß unserer Resolution hierüber sofort als Dring, ichlkeitffantrag Beschluß zu fassen. Diese Anträge ricsen im Kongreß lebhafte Erregung hervor, zumal die Soldaten kategorisch auf sofortiger Erledigung bestanden. Es.gelang, die Leute zu bereden, sich etwas zu gedulden:mo in eine kurz- srist'ge Erörterung der Foroerungen einzutreten. Das Ergebnis war, daß mit einigen Abänderungen ins- besondere des erben Teiles der Kongreß die Wünsche als eine so schnell wie möglich in die Praxis um- zusetzende Notwenoigkeit anerkannte und ihnen zu- stimmte. Aus den übrigen Verhandl, Masgegenständen ist zu erwähnen ein Vortrag über die Notwendigkeit der Sozialisierung und über das dabei zu beobachtende Temvo. Zu hekt gen Auseinanaersetzunaen über die Politik der Volksbcauftragten kam es es dei den ver- schiedensten Gelegenheiten, insbesondere bei der Be- rich'erstattung des Vollzua:Zrats. Es wurde der Vor- Wurf erhoben, daß die Volksbeanftragtcn zu wenig o�iv seien und nicht"eft amiig gegen oie von•mi'i- tärischen Kreisen gemachten konterrevolutionären Trei- bereien borge en, überhaupt den Generalen die offene Verhöhnung der Revolution durchgehen lieben anstatt mit eiserner Faust diesen Todfeinden der Revolution den Garaus zu macben. Am Schlüsse des Kongresses kam es noch zu Mirmi'chcn Anftrit en, die damit endeten, daß die Vertreter der Unabhängigen Sozial- demojlraten zeitweilig den Saal zun: Protest vcr- ließen. Bei der Wahl zum Zentralrat wurden nur Mehrbeitssozialisten gewählt, nachdem unsere Genossen eine Wahl abgelehnt hatten. So hat d-eser Kongreß der Räte alle Hoffnun- aen derieniaen zunichte gemacht, die'"'berbanH n"ch gehofft hatten. Jetzt ist die Naiionalversamm- lung berufen. Am 19. Januar ist die Wahl. Nur wenige Truge trennen uns voin Wahltermin. Ganz gleich, wie man zur Naticmalversammlung stehen mag: die kurze Zeit muß dazu benutzt wer- den. weite Kreise für den Sozialismus zu ge Winnen. Je intensiver das geschieht, in je größere Kreise das Verständnis und die Ueberzeugung für dw Notwendigkeit oer Uever-ühruns, der kapilalistischer Produktion und Güterverieilung iu. eine sozialffiische hineingetragen wird, desto leichter wird sich die zweite wirklich soziale Revolmion vollziehen, die der endgült>>zen Ausbeutung des Menschen vureg den Menschen ein Ende macht. Deshalb darf es lein Ausruhen geben, neue Arbeit und immer wieder Arbeit im"sozialistischen Sinne muß unsere Parole sein. Die Arbeiterräte aber, vor allem in den Be- trieben, müssen ausgebaut, müssen aus feste Grund- lagen gestellt werden. Denn sie werden berufen sein, in diesem Umwandlungsprozeffe eine große historische Aufgabe zu erfüllen. Das braucht nicht unter allen Ilmständen im prinzipiellen Gegensatz zur National- Versammlung zu gescheben, es liegt die Möglichkeit vor. daß eine enhprecheno z�lsammengesetzte Nationalversammlung den Räten feste Grundlagen geben kann. Tut sie das nicht, wird ihr der Kampf, zäher Kampf anaesagt werden müssen. Immer aber gehö« dazu: sich zn rühren und aufzuklären, wo das nur möglich ist. Ohne Arbeit kein Preis! ol. A. Hoffmann's Verlag Theater-, Buch- und Mustkalien-Literatur G. m. b. H. Verlin 0.27. Blumenstraße 22, l. Bestellungen aus alle Erscheinungen des Bücher- und Musikalienmarktes roerden prompt und zu Original-Verlegerpreisen ausgeführt. Es empfiehlt sich, Bestellungen auf Festgeschcnke recht frühzeitig aufzugeben. Tchristen-, Theater- und Musikalienkataloge auf Wunsch gratis und franko. ür Theateraufführungen, Unterhaltung?- und Bunte bende Auswahlfendungen an Vereine bereitwilligst.(Vereinsstempel ist der Be- stellung beizudrücken und die Nummer des Kataloges an- zugeben.) Der Verlag übernimmt Herausgabe und Vertrieb aller Buch- und Theaterliteratur, die dem freien Gedanken und den Prinzipien der wahren Sozial- demokratie nicht widersprechen. Der freundlichen Unterstützung aller Eesinnungs- genoffen entgegensehend D. O. Berliner Organ der Unabhängigen Sozialdemokrahfchen Partei Deutfdilahds r eiFdieinf täglich 2 mal:: flbonnemenfspreis 2 Mark im Monat, dazu Poltbelfeltgeldl mm ift im 1. Nachtrag der Poffzeitungslilte für das Sahr <(|j|P Vrßllielr)> eingetragen und bei jeder Postanltalt beziehungs- weile beim Briefträger zu beltellen. Ceiantt». Redakteur: C. Leid: Verleger A. Hoffmauu: beide Berlin O. 27. Schicklerstraß- 5.— Druck: Maurer S°Dimmtck.Verlin.KöpenickerStr.S0-88. Beilage zn Ar. oe«..„Mitteilungsblattes". Das war vor der Entscheidungsschlacht! In eurem Lager wüstes Lärmen! Die Becher klangen durch die Nacht, MufiK, Geschrei und trunk'nes Schwärmen. Wir sahen euch im Tanze drehn durch eurer Lagerfeuer Qualmen und liehen uns herüberwchn vom Wind die Melodie von Psalmen. Da ward gebetet und geflucht, denn abseits von der tollen Rotte hat zitternd Trost und Schutz gesucht das Muckertum bei seinem Gotte; und während auf den Knien lag mit Angstgeplärr der Troh der Pfaffen, schliff pfeifend für den„Ehrentag* der Uebermut sich seine Waffen. So habt ihr. prahlend und verzagt und mit geheucheltem Vertrauen, die Nacht verjubelt und verklagt, statt ernst aufs gute Recht zu bauen; und während still das Dunkel wich dem Tag und seiner Strahlenkrone wollzog in finst'rem Schweigen sich der Aufmarsch uns'rer Bataillone. Der erste Wt. Vernehmlich liefen durch die Reihn geflüsterte Kommandöworte; ein jeder stand im Morgensdiein geschloffen am bestimmten Orte. Wir wußten, wo der Gegner stand, und konnten nicht im Wege irren, und wenn ein Laut sich hob und schwand, so war's der Waffen leises Klirren. Wohl krampfte zornig sich die Hand, wohl schlug das Herz in heißem Grimme, doch selbst die tiefste Wallung fand > in diesen Stunden keine Stimme, und kaum ein Lächeln ward getanscht von Freunden, wie ein ernstes Mahnen, als leicht im Morgenwind gerauscht die chrenrcichen roten Fahnen. Ein Wink, dann ein Trompetenstoß, ein Schrei des Hasses tausendstimmig— und furchtbar brach das Wetter los, wildschön, erhaben, aber grimmig! Das war kein zierlich Lanzenspiel, das war ein Kampf auf Tod und Leben, und wer von unfern Hieben siel, dem wurde kein Pardon gegeben. Und wie sie fielen! Links und rechts brach's wie der Sturm in ihre Glieder. warf rauh die derbe Faust des Knechts die zarten, seidnen Herrlein nieder. Der Sturm zerblies ihr Heer wie Schaum sie suchten sich umsonst zu sammeln, und selbst die Frömmsten fanden kaum die Zeit, ein Stoßgebet zu stammeln. Ward deinesgleichen je gesehn, gewaltigste der Niederlagen? Um die Armada wars gcschehn, bevor sie sich noch recht geschlagen; und mancher prahlerische Held, geziert mit Federn und mit Ketten, irrt jammernd flüchtig übers Feld und sucht verzweiselud sich zu retten. Nach ihren stolzen Fahnen greift die Hand des Niedrigsten und Letzten; durch Blut und Kot der Wahlstatt schleift er spöttisch singend die Zerfetzten. Und was nur splitterte, nicht brach, entrann nicht rächenden Geschicken, denn unter dieser Last von Schmach wird es wie Rohr zusammenknicken. Wir aber stehen'stumm und dicht in Massen wieder und Kolonnen, wir sind die blöden Narren nicht, zu glauben, alles sei gewonnen. Das große Schauspiel hat gepackt- es kehrt mit einem Eisenbesen; doch ist's, ihr Herren, der erste Akt des Niesendramas nur gewesen! Lavant. .�ns unserer Keidenszeit. Wir leben in einer Zeit, in der man nicht Ge- schichte schreibt, sondern Geschichte macht. Die Gegenwart und die Zukunft erfordern unfere ganze Au,- mcrlsamkeit, unser ganzes Interesse und unsere ganze Kraft. Wenn wir heute trotzdem einen Mick rückwärts Wersen, so deshalb, weil es sich unr einen Scheiden- den oder besser gesagt, um eine Scheidende handelt. Diese Nummer des Niitterlungsblattes soll vorläufig die letzte sein, die in dieser Form aus der Druckpresse hinausgeht. Da ziemt es sich, euren kurzen Rückblick zu werfen, auf den Weg, den wir gehen mußten. Dieser Weg war ein Leidensweg schlimnrster Art. Unser Mitteilungsblatt war vor dem November 1916 für innere Organisationsangelcgenheitcn in Groß- Berlin bestimmt und erschien monatlich nur einmal für die Funktionäre. Die Zuspitzung der inneren Gegensätze in der Partei führte vor allem in Ber.in zu heftigen Auseinandersetzungen, die sich buchstäblich um die Macht in der Berliner Organisation und unr den Besitz des„Vorwärts" drehten. Die Leitung der Berliner Organisation wurde den Händen der Ernst und Co. entwunden; der„Vorwärts" wurde unseren Genossen geraubt und die Vorwärts-Rcdakieurc auss Pflaster geworfen. Täglich wurden sie beschimpft, be- geifert, ohne daß wir antworten konnten. Nun cnl- schlössen wir uns, das Mitteilungsblatt in unsern Dienst zu stellen, zumal neue Blätter grundsatzuch nicht genehmigt wurden. Wir machten Ansang No- bember 1916 dem Oberkommando die einfache Mit- teilung, daß unser Blatt nun wöchentlich erscheint Darauf erhielten wir die Antwort, daß das Oberkommando unsere Mitteilung vom wöchentlichen Er- scheinen einer Genehmigung bedürfe; eine Versagung erfolgte nicht. Und so erschien das Mitteilungsblatt wöchentlich. Wir gestalteten seinen Inhalt nach und nach um. Zunächst hatten wir alle Hände voll mit den innem Berliner Parteikämpfen, abzuwehren und anzugreifen und unsern Genossen Kampfesmut zu gebeit. Wir setzten sofort die Aufhebung der Bor- zensur durch, die unsere Vorgänger ohne ein Wort des Widerspruches über sich hatten verhängen lassen, obwohl es sich nur um ein Jnformationsorgan der Organisation handelte. Die ersten Monate mußten wir den größten Teil unseres Kampfes den Kredit- bewilligern und Organisationszettrümmcrcm widmen. Wir nlußten den Herrschaften im Lindenhausc die Maske vom Gesicht reißen und sie den Berliner Ar- beitern als das denunzieren, was sie waren, gelreue Knechte der Regierung Bethmann-Hollweg und die Schildhalter der kapitalistischen Kriegsmacher. Diese Aufgabe war nicht so einfach. Die Zeizftlr hinder.e uns in diesem Kampfe: sie siel uns sottgcfetzt in den Arm. Unter welchen Umständen die Redaktion des Mitteilungsblattes zu arbeiten hatte, geht daraus her- vor, daß keine Nummer herauskommen konnte, ohne daß wir gerüffelt wurden. Hier einige Beispiele. In einem Schreiben des Oberkommandos vom 4. Januar 1917 an die Re- daktion heißt es u. a.: „Berlin W. 10, den 4. Januar 1917. Viktoriastraße 25. Im Leitartikel der Nr. 15 Ihres Blattes vom 24. d. Mts. schreiben Sie auf Seite 2 von denen, „die in allen Ländern gleichmäßig, bewußt und unbewußt, diese Völkerkatastrophe entfesselt und sie mit der Leidenschaft des Hasses und mit kühl be- rechnender Anlvendung der Waffengewalt in das dritte Kriegsjahr verlängert haben". Diese Worte enthalten eine mit votier Bewußtheit ausgesprochene große Vcrungllmpsung weiter Kreise oder einzelner Männer Deutschlands in besonders ver- antwortungsvoller Stellung. Im nächsten Absatz sprechen Sie davon, daß die deutsche„Friedens- botschaft mit offenen oder versteckten Drohungen mit einer noch aussichtsloseren und blutigeren Fort- setzung des Krieges begleitet wird". Hierin ist eine Kritik der militärischen Kriegssnhrung zu erblicken. die allgemein verboten ist. Sie werden deshalb erneut und mit allem Nachdruck daran erinnett, daß das Recht der Ver- tretung der eigenen Meinung auch kür das Mit- teilungsblatt die Pflicht in sich schließt, sich im Hinblick auf das Interesse des deutschen Vater- landes Zurückhaltung aufzuerlegen, und daß Ihnen ein Recht auf Veröffentlichung von abfälligen Be- merkungen über die Art unserer Kriegsführung in keiner Form zusteht. Weitere Verstoße gegen der- artige selbstverständliche und Ihnen wohlbekannte Bestimmungen müßten emste Zensurmaßnahmen ge- gen Ihr Blatt zur Folge haben. Voit feiten des Oberkommandos. Der Chef des Stabes. gez. v. Berge. An die Redaktion des Verbandes der sozialdemo- kratischen Wahlvereine Verlins und Umgegend verli»»W.«t Kindsnstr. 8. Unter dem 7. Februar 1S17 schreibt das Ober- kommando: Berlin W. 10, den 7. Februar 1917. Viktoriastraße 25. In Nr. 21 Ihres Blattes vmn 4. d. Mts. bringen Sie auf Seite 5 längere Ausführungen über die„Organisationsfähigkeit der Arbeiterinnen". Sie versuchen dabei nachzuweisen, daß„die Frauen da oft handeln, wo der Mann nur murrt", daß unter den Arbeiterinnen„sehr rasch eine Bewegung zustande kommt, die so plötzlich und überraschend sich äußert, so offne jede Rücksicht sich durchsetzt und schnell solche Massen ergreift, daß die zögernde Vorsicht der Männer sich daran gemessen als grober Mangel an Entschlußfähigkeit darstellt." Gleichsam als Beleg für die Behauptung berichten Sic dann eingehend von dem Verhalten der Magdeburger Straßenbahnschaffnerinnen, deren„Einmütigkeit ihnen nach kurzer Zeit den Sieg erzwang." Die Ausführungen dazu lassen deutlich erkennen, daß Ihnen das Verhalten der betreffenden Frauen ge- rade sür die Gegenwart vorbildlichen' Wert zuhaben scheint und es nach Ihrer Ansicht verdient, den männlichen Arbeitern als nachahmungswertes Bei-l spiel hingestellt zu werden. Auf Seite 1 der glei- chen Nummer bezeichnen Sie obenein die Meinung, „daß man die Massen nicht ungestraft drei Jahre lang in einem burgfriedlicken Winkel rostig und schartig werden lassen darf", als Ihre einzige Sünde, nehmen sie also als Ihr gutes Recht in Anspruch. Derartige Ausführtlngcn erregen in der ernsten Zeit, die wir durchleben, hier schwere Bedenken. Ihre Beherzigung und Umsetzung in die Tat könnte die Interessen der Allgemeinheit offenbar in Einzel- fällen ernstlich gefährden. Es liegt zunächst noch i'ein Grund vor anzunehmen, daß Ihre Ausfüh- rungen bewußt aus solche Schwierigkeiten hrnar- betten wollten, das Oberkommando steht sich jedoch ~ dem Ernste der Zeit ernsprechend— veranlaßt, Sie ergebenst auf die Gefahren hinzuweisen, die die Veröffentlichung derartiger Ansichten und Ratschläge mit sich bringt, und Sie zugleich drinaeud zu ersuchen, in Zukunft auch»ine solche Wirmug Ihrer Worte eingehend zu«rwägen, damit das „Mitteilungsblatt" nicht nach und nach einen In- halt erhält, der unbedingt zur Anwendung ent- sprechender ernster Zensurmaßnahmen führen müßte. Von feiten des Oberkommandos. Der Chef des Stabes. gez. v. Berge. An die Redaktion des Mitteilungsblattes des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend Berlin S W.«3 Lindenstr. 2. Unter dem 2. Juni 1917 schreibt das Ob»». kommando: Berlin W 10, den 2. Juni 1917. Viktoriasttaße 25. Der Leitartikel„Was will das werden?" in .Nr. 9 des„Mitteilungsblattes" vom 27. v. MtS. hat zu den ernstesten Bedenken Anlaß gegeben. ES wird in ihm gesagt, da» die„f»udaK»,ttv»>«ck«e burgerlich�apiüllistisch« Apltanschamm» mt g—usi,« Weitkcuaftrophe»«qchtltmP Hab«, mtbreud an anderer Stelle von der„rabulifttsch Theorie vom Verteidi«un>Skrie«e" die R«de ist. Zu- gleich wird die Forderung»in« Jnter«ationcu«>r aufgestellt, ,, die ihre nationalen Wieder zu wirb- lichen Friedenstaten verpflichtet und nicht hwj i» platonischen Friedeusdeklamation« schwelgt' Mitwirkung der Proletariermassiu« jed»« taut*" wird ausdrücklich für„notwendig" erklärt in be« Sinne, daß„sie sich nicht«uf dehnbare Beschlüsse beschränken, sondern wirkliche Friedensarbeit leiste» und den Kampf bi? aufs Messer gegen alle im- prrialistischm Gewalten ausnehmen." In diesen und manchen anderen Gedanken und Einzelwen- düngen des Artikels liegt eine Gefährdung natio- naler Interessen und eine Vorbereitung zur Unter- grabung der öffentlichen Sicherheit. Die Schrift- leiiung wird deshalb hiermit auf das Nachdrücklickffte vertvarnk. Sollten künftige Artikel des„Mittet- lungsblattes" sich, auch in der Polemik gegen andere politische Parteien, nicht völlig von der- artigen Gedankengängen und Aufforderungen frei- zuhalten wissen, so würde die Redaktion die un- vcrzügliche Anwendung schärfster Zeusurmaßnahmen zu gewärtigen haben. Von feiten des Oberkommandos. Der Chef des Stabes. gez. v. Berge. An" die Schriftleitung des„Mitteiltungsblattes des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend" Berlin S W. 63 Lindenstr. 2. Kurz darauf verschärfte das Oberkommando seine Matznahmen gegen uns. Wir wurden mit folgenden Schreiben beehrt: Berlin W 10, den 12. Juni 1917. Vrktoriastraße 25. Der Iichatt ver Ämnmer 11 des„Mitieilimg»« blattc-s" voin lu. juni 1S17 gibi Veranlassung,..n Anschluß an die im diKseitigen Schreiben vom 2. d. Mts. ausgesprochene nachdrückliche Verwarnung, der«chriftleitung aus Arund des§ 9 b des Ge« letzcs über den Belagerungszustand vom 4. Juni lSöl die Verpstichtung aufzuerlegen, von nun an o r dem Aertnev einer jeden neuen Ruuuner des »MitteilungsblatleZ" regelmäßig ein Exemplar dem Oberkommando zur Prüfung vorzulegen Der Ver- utcb e�ner jcoe» neuen Auflage darf erst nach er- folgler sZrüfung und besoilderer Genehmigung von feiten deS �Oberkommandos erfolgen. Die Schriftleitunz wird ergebenst aufgefordert,� der. Empjang dieses Briefes zu bestäligen und unter bejonderem Hinweis aus die strikte Erfüllung der auferlegten Verpflichtung mitzuteilen, wann und bis zu welcher Stunde der Vorlage des Exemplars entgegengesehen werden kann. Bs« feiten des Oberkommandos. D« Ehes des Stabes. gez. v. Berge. An die Schriflleitung des„Mitteilungsblattes deS Ver° bandes der sozialdeuiolraiischen Wahlverein« Berlins und Umgegend" Berlin S W.«9 Lindensir. L. Gegen die Zensur waren wir machtlos; sie war ja allmächtig. Aber den Schein wollt« sie wahren. Man ivollte nicht zugebe», daß wir unter Borzensur gestellt waren, und die Bertriebsgenehmignng mußten »vir haben, ehe wir uns« Blatt drucken w.d verbreiten durften Um dies« Genehmignng»u erhalten, mußten wir daS fertig umbrochen« Blatt einreichen und ehe es gedruckt wurde alle«er Zensur nicht g*- nehmen Stellen darauS entfernen. Das ist»loch schlimmer, als wen»! die Artikel einzeln eingesandt werden müffeu. Durch dissr Maßnahme war«S immer Kiigeisiß, wann wir»aa Bratt herausdrinsen konnte»». Uil'er»velchen UmMnden die BetriebögenehnU- guirg erfolgte, geht aus zahlreichen Schreiben h«rv»r, die»v.r vom Obe�nunant»» erhielten. Meu lele: Herl tu n is, den 12. Suli 1»17. Hetsdanier Streße 22 a. Der Vertrieb der Skr. lö des Mitteilungsblattes »oird hiermit ornehutigt. Nachdruck und Befprechunz des in der Betlage 2, Z. Spalte abgedruckten Brieses Dfche.dseö an»i« deutsche S»ii»ldemotratie wurden durch Wolffruk vom 5. 7. d. Is. verboten. Es wird daher ergebenst darauf bingewiesen, daß von der Veröffentlichung dieses Briefes auch i» Ihrem Blatte Tsstaad gdttou«»« iverden»tnß I.«. ge». weur. «n die Eckristlettung de»„Mitteiluntsblattes des Bei» bände« der stozialdemskrati'chen Äadlderein» Berlin» u,rd Umgegend' Berlin O 37, Schicklerstr. 5. Wus..richtet" die W-lts-schichte?� Bon Prälat Dr. Paul v. Mathie«, Zürich. Dir Weltgeschichte, hat man gesagt, sei auch das Wcligericht. In einem besonderen Sinne erscheint sie i»i4 das Weltgericht über— Einseitigkeiten. Rasienhockmut; Herrcnmenschentum; dynastische Haus- volilik; Verlange» nach einer Heoeutonie auf dem gest- lande»der einer unbestrittenen Suprematie auf«UeN Weltmeeren; das Bestreden, HandelSproduktc und Ver- tehrswege zu monopolisieren; die verfchiedenen Formen des religiösen, staatsrechtlichen, sozialen, ökonomischen, nationalen Fanatismus'sind es nicht alleS Einsed- »igkeitcn, über welche die Weltgeschichtt immer wieder ihr vernichtendes Urteil spricht? Nicht bloß eine offen- kundige und offenbar« Verletzung fremder Recht« schafft uns Feittde. Da» tut ebenso die rücksichtslose, blind, einseitige Betonung der eigenen Recht»... NU»«erad» weil es nicht da» offenbare U n- recht, sondern ein iiderspennte» Recht is», für daS man fein Schwert au» de« Scheide reißt, wird es jeder Regierung s« leicht, mit Hilf« einer gefügigen Presse»in ganzes Volk in lürzester Zeit derart siir eine Pskittk zu begeistern, daß eS willig oder sogar srendig die größten Opfer an Gut und Blut»ringt. Der gegenwimtge Weltkrieg ofsenk'art uns eine aus den ersten Blick varador erscheinend« Datsach«: alle Völler, hüben wie drüben, sind überzeugt, daß sie für„die gerechte Sache" kämpfen, von den„Ueder- zeugungen" der Regierungen und Diplomaten rede ich hier nicht. Ich habe die Massen im Aug«, die regiert werden. Der Gedanke, daß die Völker, die man nicht zur Abstimmung über Krieg und Frieden»uge- la�en bat, wenigstens nicht bewußter Weise sitr den Sie« deS Unrechts kämpfen, hat immerbin et- wo? Erlösendes: man braucht sich also nicht viel« Mit- *) Wir geben dieses Feuilleton in der Schluß- nunrmer als einen kleinen Beweis für das Walten der fenfttt gegen das„Mitteilungsblatt". Vor ungefähr ahreSfrist war es gesetzt und sollt« in eine Rümmer unseres Blaetes ausgenommen werden. ES wurde aber in vollem Umfange vom Zensor verboten. Die Militärdiktatur wollte»den keine Stimme der Mensch- lichseit laut werden lassen. Da» deutsche Volt, sollt, unter allen Umständen auf den Völkerhaß eingedrillt werden, damit daS Mastenwürgen ungehindert seinen Fortaang nehme. Aber auch über diese Gewaltpolitik bat die Weltgeschichte jetzt ihr Verdammungsurteil ge- sprocheu. Aufgabe der Revolution ist es, dasür zu sorgen, daß solch verbrecherischer Wahnwitz ntemals wieder Wurzel schlag«. Berlin W 10, den IS. Juli 1917. Potsdamer Straße 22 a. Der Vortrieb der hier zur Prüfung vorgelegten Nr. 17 des Mitteilungsblattes wird unter der Bc» dingung genehmigt, daß in dem Artikel„Die inner» Politik Teutschlands" der vorletzte Absatz(Nach einer Mitteilung bis verurteilt) fortgelassen wird, da er«ine verschiedenen Nedaklioneu andrer Zei- tungen gegenüber gerügte, an sich unzulässige Ver- Üffentlichung von tfricgsgeilchtsuricUen darstellt, und daß ferner die gleichsalls unzulässige Notiz aus Königsberg i. Pr.(Wilhelm Liebknecht bis„sozia- l-stische Aufklärung") in Fortfall kommt. I. V. gez. Beer. An die Redaktion des Mktteilungsblancs des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins urw Umgegend Berlin O. 27, Schicklerstr. 5. Berlin W 10, den 20. Jult 1917. Potsdamer Straße 22 a. Tie Nr. 18 des M.tteilungsblatles vom 29. d. Mts. wird in der eingereichten Form nur unter der Bedingung zum Vertrieb zugelassen, daß der Ar- rikel.Friedcnszieldebatte und Unabhängige sozial- demokratische Partei" und der entsprechende Hin- weis in dem Artikel„ReichStags-Allerlei" in Fort- fall kommen. I. V. gez. Beer. An die Redaktion des Mitteilungsblattes des Verbandes der sozialdemokratischen Wählvereine Verlins und Umgegend Berlin O. 27, Schicklerstr. 5. Berlin W. 10, den 0. August 1917. Potsdamer Straße 23 a. Der Pertrieb der Nr. 20 deS„MitteilungS- blattes" in der eingereichten Form kann nur unter der Bedingung genehmigst werden, daß die Ueber- schrift des Lettarlikels und der Absatz aus Seite 1 „Air halten«S mit— statt Brot boten", ebenso wie der Schlußsatz des Artikels„Tie neuen Männer" im Hauptvlatt Seite 2(„wobei wir stehen") und der Artikel„Die Metallarbeiter tn Hatte" auf Seite 4 der Beilage in Fortfall kommen. I. V. gez. Beer. «n die Redaktion des„MtttetlnngsblatteS des Verbandes der s»,iald«mokrattschen Wahlverein» Berlins und Umgegend" Berlin O. 27. Schicklerstr. 5. Berlin W 10, den 30. August 1917. Potsdamer Straß« 22 o. Der �Pertrle» der Nr. 23 de».Mitteilung»- »Inn»" wird in der hier eingereichte» Form unter der Bedingung genehmigt, daß der aus der„Lri> venswatte" übernommene Artikel„Was richtet die Neltgefchtchte?" w Jettsali kommt. A. B. gez. Weinberg. lisnen kriegsoegeisterter Kulturmenschen als eine dlut- gierig« Apachenhorde vorzustellen. Im GezenieU: die Mehrzahl der Kriegsteilnehmer kämpft sür eine„hei- ltge Sache". Und ganz unhelfa ist dir Sache keiner Nation. Daß man überall auch von dem eigenen Recht reden kann, wenigstens in einiger« maßen plausibler Weise, daS macht die ganze Krieg»- begeisterung— und sogar die ganze Kriegsbcreitschlst Europa«— einigermaßen plausibel. Da» eigene Recht zu verteidigen»der zu erstreilen, ist offenbar wieder- um ein Recht. Handelt eS sich um das Recht «ineS ganzen Volke», so ist der Kampf nm's Recht volkstümlich— patriotisch. Ein Verzicht aus dieses Recht erscheint als Schwäche, als Feigheit, als Verrat— iß unpatriotisch. Soweit wäre alle., verständlich und klm. Wenn man»der bedenkt, daß eine Regierung mit Hilfe der Presse— d. h. der Presse- Inspiration und der Press« z e n s u r— sozusagen im Hand undreben einem ganzen Volke eine ganz bestimmte„Rechtsaufsassung" instnuteren kann, so wird da» ethische Problem wieder unklar und schwierig. Und noch dunkler wird e», wenn wir un» sazen müssen; Schon tn der Schule werden die Vorbedingungen geschaffen, welche e» überhaupt ermöglichen, daß Millionen gebildeter »nd gesttteter Menschen in einem Augenblicke gegen Millionen anderer gebildeter und g'sttteter Menschen. mit denen sie bisher gemeinsam geistige und materielle Wert« schusen, vom wütendsten Hasse»rsüllt werden. Wir wollen un» klarer ausdrücken: schon bei der Er- ziebung verfallen wir auf ein« verhängnisvolle Ein- s« t t i g k e t t: wir überspannen die an und für sich edle und notwendige Vaterlandsliebe. Aus einem Rechte auf da» eigene Volkstum entwickeln wir ein Unrecht gegen unsere Mitmenschen. Eine heilige Pflicht gegen di, Heimat unserer Geburt oder unserer Wahl entstellen wir zur Karrikatur deS Uebermutes und der Selbftgerechtigkeit. Ans der selbstverständlichen Tat- fache, daß wir die eigene Mutter am innigsten lieben. pressen wir gleichsam die sophistische Doktrin, man müsse die Mütter fremder Leute hassen... Jeder Ehauvintsmul, jeder überspannte Nattona- liSmus, aller krankhafte Rassendünkel muß vom Erzieher als Menschenfeindlichkeit und Unsittltchtett ge- brandmarkt werden. Die Anschauung, daß der Aus- länder oder Fremd« als solcher mtnderwertig jei. muß man als«in« Art Hexenwahn verlachen. Aller- dings wird der Spott, der ja eigentlich eine negative Waffe ist. allein nicht gar viel gegen solch bornierte Vorurteile ausrichten. Positive Bildung ist daS beste Heilmittel gegen menschenfeindliche Anwcmd- lungen... Ferner hat m. E. die wahre Herzens- und die hö- her« Geistesbildung tn den letzten Jahrzehnten unter ?lu die Redaktion des„Mitteilungsblattes deS Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegeno" Berlin O. 27, Sch-cklerstr. 5. Berlin W 10, den 0. Sepiember 1917. Potsdamer Straße 22 a. Der Vertrieb der Nr. 24 des„Mitteilungsblattes" wird in der hier eingereichten Form unter der Bedingung genehmigt, daß im 3. Absatz des Leitartikels„Regierungssozialistische.Katzbalgereien" die Sätze„Die französischen Präsekten— nicht geben", in ver 2. Spalte der„Wochenschau" der Absatz„Holland hat— Kriegswinlers erspart" und in dem Artikel„Stockholm" der Beilage der Schlug- sah deS ersten und des zweiten Absatzes„Dazu kommt— unterrichtet werden" und„Wird das— ergehen lassen?" in Fortfall konnnen. A. B. gez. Weinberg. An das Mitteilungsblatt des Verbandes der sozial- dcmokralischeu Wahlvereine Berlins und Umgegend Berlin O 27. Berlin W 10, den 13. Sepiember 1917. Potsdamer Straße 22 a. Unter Bezugnahme auf das heutige Telefon- gespräch mit dem Redakteur Herrn E. Leid lvird Ihnen eraebeilst mitgeteilt, daß der Vertrieb der Nr. 25 Ihres Blattes nur unier der Bedingung zugelassen werden kann, wenn der Satz„An der Westfront... bis... zu ändern" in dem Ämkel „Kriegsereignisse" im 3. Hauptblait sowie der Ar- tikcl„Versammlungs verböte" in der 3. Beilage fort- fallen. I. V. gez. v. Beirda. die Redaktion des.Mitteilungsblattes des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereint Berlins und Umgegend" Berlin O. �7. Schicklerstr. 5. Berlin W 10, den 20. September 1917. Potsdamer Straße 22 a. Der Verirteb der Nr. 20 des Mitteilungsblattes vom 23. Sevlcmber 1917 wird unier der Ve- dingung genehmigt daß der letzte Absatz von„Der unabhängige Ausschuß für einen deutschen Frieden" bis„vor der eigenen Türe zu kehren" in dem Artikel„Was sich die Vaterländischen leisten können" zum Fortfall kommt. A. B. gez. v. Bend«. An daS Mitteilungsblatt der sozialdemokratischen Wahl- Vereine Berlins und Umgegend Berlin O. 27. Schicklerstr. 5. Berltn W 10, den 11. Ottober 1917. Potsdamer Straße 22 a. Der Vertrieb der Ar. 29 des„Mttteilungs- blatteS" w-rd unter der Bedingung genehmigt, daß solgend: Stellen zum Fonsall kommen: der einseitigen Betonung der Vorteile eine? technischen Fachwissens nicht unbedenklich gelitten. Ist es nicht gerade die Technik(im iv-iicsten Sinne dieseZ Woctes). die den kriegkahreilden Mä� cn eine so grausam-rassini-ne Kampfeswcisc ermöglich»? Alle sog.„Errungenschaften der Neuzeit" sind tu den Dienst der Riesenmetzelet gestellt worden. Freilich— wir wollen gerecht abwägen!— auch in den Dienst der Sanitötskolonnen und der Lazarette, tzlber das eigentlich Charakteristische dieses langwierigen Welt« krieges ist»tnd bleibt doch die— man möchtt fast sagen „satanische"— Ausbeutung unseres gesamten technischen Wissens und Könnens. Mögen die kommenden Geschlechter, zumal die Pädagogen, allen Sckmrssinn dar- auf verwenden, wie man eine richtige Synthekc zwischen den technischen Fortschritten und den sog. Geistes- Wissenschaften zustande bringe... Der Annäherung oder besser der Wiederannäye- rung der einzelnen Rationen aneinander werden natür« lich die aus beiden Seiten neu erwachenden Handels- intettssen dienen. Eine aligemeine oder iellweise Boy- kottiernng dieser oder teuer Natten durch ihre Feinde wird niemals von lauoer Dauer sein können. Di« K a u f l e» t e aller Länder, die Produzenten, Spedl- teure, Grossisten. Verkänser»nd Abnehmer sind aus- «inander angewiesen. Sre alle brauchen sodann die Techniker und die Techniker brauchen sie. Und daS ist gut für die Welt, die auf diese Weise früher oder später durch die Not z» iriedlicher Arbeit gezwungen wird. Da» materielle Interesse wirkt also voller- verbindend. Aber es wirkt auch Völker- trennend. Der gegenwärtige Krieg beweist es ja — denn Rivalitäten ökonomischer Natur sind an setner Entstehung stark beteiligt. Darum wird das m a t e- r i e l l e Interesse den Völkern nkmakS einen laugen Frieden verbürgen. Habsucht. Gewinnsucht, Erobc- rvngösnchl schauen immer wieder nach neuen„Jnter- essensphärcn" aus, wie man so elegant aus diploma- tisch sagt. Daher die„Erpansionspolitik" in der einen oder andern Form. Daher die Machtgelüste hüben und drüben, sür welche alle Weisheit der Botschafter und Gesandten kein Heilmittel findet. Daher der drwaff- nete Friede, um den Krieg zu verhindern. Daher der rücksichtslose Krieg, um den Frieden z« dittieren... Die Völker kennen einander nicht genügend. Wer länger« Zeit also nicht etwa bloß als Tourist — in einem fremden Lande gelebt, wer stch in die Gesellschaft eines fremden Landes eingelebt hat, wer eine fremde Sprache wirklich beherrscht und dadurch befähigt ward, in die Literatur und die Denkweise eines fremden LanoeS verständnisvoll einzudringen, für den— ist jenes Land kein„fremdes" Lmid mebr. Der Satz„tout comprendre c'est tou» vardonner'(alles verstehen heißt alles verzeihen) erweist stch wuner als S- 3, 1. Spalte, der Arttkel �JnnÄe Politik", von �der berühmte Siebener-Ausschuß"..... bis ......„über elsaß-lothringische Fragen verhandelt." (2. Absay.) S. L., der ganze Artikel„Kriegselend im böhmischen Erzgebirge". I. A. gez. v. Benda. An die Schriftleitung des„Mitteilungsblattes des Ver-- bandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend" Berlin O.' 27, Schicklerstr. 5. Berlin W 10, den 13. Oktober 1917. Potsdamer Siratze 22 a. Unter Bezugnahme aus das telefonische Gc- sprach mit Ihrem piedakteur, Herrn C. Leid, wird Ihnen ergebeust mitgeieiit, daß der Vertrieb der Nr. 30 des Miteilunasblattes nur unter der Be- dingung genehmigt wird, daß folgende Stehen in Fortsall kommen: 1. auf Seite 1 der im 1. Say des Leitartrkels enthaltene Hinweis auf die Zensur. 2. Auf Seite 2 der in dem Artikel„Kriegs- creignisse". im 2. Absa� von„ ig die�e von öc- roll, Schlamin... bis an diesem Wahne feg- halten�" Auf der letzten Seite die Notiz„Eingestelltes Perfahren wegen Landesverrat." I. A. gez. v. Benda. An das Mitteilungsblatt des Perbandes der sozial- demokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend' Berlin O. 27, Schicklerstr. 5. Berlin W. 10, den 25. Oktober 1917. Potsdamer Straße 22 a. Der Vertrieb de: Nr. 31 des Mitteilungsblattes wird unter der Bedingung genehmigt, daß 1) die beiden letzten Sätze des Artikels„Das Würzburger Bekenntnis zum Rkaierimgssozialis- mus" in Fortsall kommen, daß 2) die Zensurvcrfügung beachtet wird, nach der die Oberste Heeresleitung, somit auch die Na- men Hindenburg und Ludendorsf nach jeder Ztichtmig hin aus den Parteibetriebe und den Streit der politischen Meinungen ferngehalten werden. I. A. gez. v. Benda. An die Redaktion des„Mitteilungsblattes des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend" l B e r l i n O. 27. Schicklerstr. 5. Berlin W 10, den 8. November 1917. Potsdamer Straße 22 a. Der Vertrieb der Nr. 33 des Mitteilungsblattes wird nur uMer der Bedingung genehmigt, daß folgende Stellen in Fortfall kommen: wahr, wenn man erst einmal mit denen vertraut ge- worden ist, die man vorher aus Vorurteil oder auch aus reiner Dummheit für Menschen zweiter Klasse hielt, weil man für sich und die Seinen die erste Klasse reserviert hatte. Kommt nun zu dem wirklichen Wissen um ein anderes Volk noch die Erkenntnis der wissen- schastlich sesstzrlegten Tatsache hinzu, daß es auch keine „Rasscufrage" geben kann saus dem sehr einfachen Grunde, weil es nirgends mehr reine Nassen gibt), dann ist dem unveruiinsiigen Hasse die Hauptnahrung emzogen— es sei denn, daß der Philister sich täglich zwei oder drei Mal durch sein blödes Leibvlatt von der„Superiorität" seiner Nation(beut*, der Romanen, Germanen. Slaven oder Angloamerikaner) über-euaen" lasse. Solange man es als ein Unglück öder aar als eine Bosheit ansieht, wen« jemand nicht in unserem gebenedeitcn Vaterlandc aus die Welt gekommen ist. solange huldigt man einer einfeittgen Lebcnsausfassnng, die. wenn sie ostentlich betont wird, natürlich aus der andern Seite abermals Nl Einseitig- ketten herausfordert. Man drancht derartige k-t-en nur zu organisieren und- oic Kriegserklärung ist da. Die Weltgeschichte, wie gesagt, richtet solche Einseitigkeiten. Sie lehrt uns, daß Hochmut vor dem Falle kommt und daß kein Volk auf die Dauer andern Völkern seinen Willen auszwingen kann Auch die Schulbücher und Jugendschriften müßten diesen Geist der Versöhnlichkeit und des gegenseitigen Verständni�cs atmen. Uns säucht es gar nicht ein- mal besonders schwer, den Nachweis zu führen, daß gerade das. was wir als„unsere Zivilisation" bezeich- nen, ein Ergebnis Unzäbliger ineinander wirkender alter und neuer„Knltmen" ist. Allerdings wird der oberflächlich gebildete Mensch es immer einfacher finden, e'n möglichst einseitiges Kulturideal zu fördern. Es bringt ihm diese Richtung auch am meisten Ebre bei seinen Zeitgenossen, wenigstens bei der Masse, und außerdem bei denen, die Titel und Auszeichnungen zu vergeben baden. So liegen die Dinge iieut zutage. Vielleicht kommt aber doch einmal eine Zeit, wo man jede Einseitigkeit als einen Mangel an wahrer, tiefe- rer Bildung nicht bloß empfindet, sondern geradezu brandmarkt, und wo die Gesellschaft es ablehnt, sich von Menschen rezieren zu lassen, deren politische Grundsätze folgerichtig immer wieder zu Völkerzwisten mit blutigem Ausgang führen müssen... Immer neue Kulturwerte schaffen, um sie immer wieder zu zerstören— das kann nicht die Aufgabe einer zivilisierten Menschheit sein. Mögen gewisse Ein- feitigkeitcn den Beifall mächtiger Interessengruppen finden— der Glaube an die Salidaritäi aller Men- scheu muß sich in Zukunft als noch mächtiger er- weisen... Aus der„Friedenswarte". 1. Ter Absatz„Ausland": von„Die großen mili- tärischcn Ereignisse der letzten Wochen.. bis „am Isonzo und Tagliamcnto Geschlagene ist — der baidige Friede." 2. Im 2. Hauptblatt: Das Telegramm des General-t reldmarschalls von Hindenburg kann nur im ganzen vernfsemlicht werden, ohne dasselbe in irgendwelcher Form in Bcziebungen zu der Be- hauptung des Vorwärts, daß es keine belgische Frage mehr gäbe, zu bringen. 3. Auf derselben Seite: Der Artikel unter der Ueberschrift„Königsberg i. Pr." 4. Auf der letzten Seite, mittlere Spalte, in dem Artikel„Zur Stadtverordnetenwahl in Schöne- berg" die Sätze:„Leider tonnte ein ernstes Wahlflugblatt... bis... im letzten Augen- blick unmöglich." I. At- gez. v. Benda. An die Schristleitung des Mitteilungsblattes des Ver- bandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins «llv Umgegend Berlin O. 27, Schicklerstr. 5. Berlin W 10, den 15. November 1917. Potsdamer Straße 22 a. Der Vertrieb der Nr. 34 des Mitteilungsblattes wird unter der Bedingung genehmigt, daß fol- gende Stellen in Fortsall kommen: 1. Auf Seite 1 der Ausruf:„An das so- zialistiscke Proletariat Teutschlands". 2. Auf Seite 2, mihlere Spalte: Der Kommentar im Anschluß an den„Friedensappell der so- zialistischen Regierung" bis auf den 1. Satz. 3. Auf Seite 4: 1. Spalte: die Ankündigung der Versammlungen, die sich mit dem Friedensangebot der russischen provisorischen Regierung be- schastigen sollen, unter der Ueberschrift„Arbeiter, Parteigeuosscn von Groß-Berlin". 4. In dem Artikel„Die Praktischen" die Worte „Im Felde stehender". I. A. gez. v. Benda. An die Schriftleitung des„Mitteilungsblattes des Ver- bandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend" Berlin O. 27, Schicklerstr.'5. Um Verzögerungen in dem Erscheinen unseres Blattes möglichst zu vermeiden, wurde mit dem Ober- kommando vereinbart,, daß regelmäßig ein Mitglied der Redaktion persöntich die sättige Nummer beschrieb, um so' schnell tvie möglich in den Besitz der zum Vertrieb erforderlichen Genehmigung zu komnipn. Welche Mühe, welche Schwierigkeiten uns da er- wuchsen und mit welchem Zorn und ohnmächtiger Wut wir die wöchentlichen Gänge nach dem Oberkommando machten, das kann nur empfinden, wer in ähnlicher Lage gewesen. Wir. haben aus diesem unfern Ge- fühl auf dem Oberkommando nie ein Hehl gemacht und ganz offen ausgesprochen, daß gerade die Unab- häugigen es sind, denen die Zensur besonders aus dem Dache ist. Inzwischen haben ja zahlreiche Ver- öffentlichungen erwiesen, welche Anweisungen von der Obersten Heeresleitung gegen die Unabbängige Partei ergangen sind. Um sich einen kleinen Begriff von dem Wirken der Zensur gegen unser Blatt zu machen, da- zu muß mau sich die einzelnen Nummern ansehen, wie sie von der Zensuh beackert worden sind. In der ganzen Zeit, in der wir unser Blatt vor der Druck- legung einreichen mußten, ist nur eine einzige Nummer vonr Eingreifen des Zensors verschont geblieben. Zum Schluß wollen wir unfern Lesern nur eine -kleine Kostprobe geben, in welche, Vandalismus Zen- soren verfallen. Unsere WeihnachtSuummer im Vor- jähre sollte folgendes Gedicht enthalten: Schlicht eure Neiß'n zum grohen Völkerbunde! ch sah den Frieden jüngst herniedersteigen, r streute Blumen rings und lichtes Gold; In allen Tälern schlief ein holdes Schweinen Wo eben üoch des Krieges Stumr gegrollti „Erwacht!" so klangs von seinem Güitermunde, „Erwacht vom Ebro zu der Wolga Strand! Schließt eure Reih'n zum großen Völkerbund», Reicht euch" die Bruderhand!" Hellenen, Russen, Italiener, Briten, Erwacht, es naht die große Stunde nun! Ihr Söhne Teutschlands habt genug gestritten, Und ihr, Franzosen, laßt die Schwerter ruhn! Ich r alle blutet an derselben Wunde! Ferbrechi die dumvse Kette, die euch bannt! Schließt eure Reih'n zum großen Völkerbünde, Reich: euch die Bruderhand! Ihr saht so oft den Abendhimmel glänzen, Gemalt von eurer Hütte düst'rcr Glut— Blind rast der Mord, und rings an euren Grenzen Ist keine Aehrc rein von Menschenblut. Des Wahnsinns Sklaven bis aus diese Stunde, Trug, ihr Verwüstung in der Brüder Land: Schließt eure Reih'n zum großen Völkerbünde, Reicht euch die Bruderhand! Was gilt das Molk im Schreckenskampf der Kronen? Was gilt das Volt im Toben der Gewalt? Verrat und Ehrfurcht schlachten Milttonen, Und keine Münnerlippe donnert Halt! Ihr tauscht ein Joch, verkauft wie feile Hunde, Siumm mit dem andern, ohne Widerstand! Schließt eure Reih'n zum großen Völkerbunde, Reicht euch die Bruoerhandl Ruhm jedem Edlen, der die Freiheitsfahnc Im Dienst des Friedens segensvoll erhebt! Tod dem Erob'rer, der im Fieberwalme, Was Gott geeinigt, zu zerreißen strebt! Stürzt ihn hinab zum tieften Höllenschlunde, Werst seine Burgen prasselnd in den Sand! Schließt eure Reih'n zum großen Völkerbünde, Reicht euch die Bruderhand! Hold zu der Auserstehung Morgenfeier Ertöne des Gesetzes Melodie! Baut eure Fluren bei dem Klang der Leier, Fromm an der Hand der Liebe erntet sie. Im Licht des Friedens heilt die letzre Wunde, Zum Himmel wird der Erde stilles Land: Schließt eure Reih'» zum großen Völkerbünde, Reicht euch die Bruderhand! Pierre Jean de Böranger. " Dieses prächtige Gedicht wurmte den Zensor. Er erklärte, die 3., 4. und 5. Strophe nicht gestatten zu können. Für uns war dadurch das Gedicht nutzlos. Denn wir geben uns nicht dazu her, ein solch präch- tiges Werk verhunzt wiederzugeben; wir verzichteten lieber unter solchen Umständen ans den Abdruck des Weihnachtsgedichtcs. Das ist nur eine kleine Prob» auf das Walten der Zensur. Unsere Leser ersehen daraus, wie dornenvoll der Weg war, den wir ge- gangen. Es war ein Leidensweg schlimmster Ar-. Wenn wir heute nach der Revolution daran erinnern, so nur deshalb, um zu zeigen, daß das Mitteilungs- blalt trotz allen Schwierigkeiten aufrecht geblieben ist bis zum letzten Augenblick, daß es keinerlei Kon- Zessionen gemacht habe und immer weiter vorwärts zu treiben versuchte im Sinne der Revolution. Am Tage nach der Revolution! In jeder sozialistischen Revolution erscheint, nach- dem die Awfgaöe der Eroberung der Macht durch das Proletaric.lt entschieden ist und in dem Maße, wie in den Hcrnpt- und Grundziigen die Ausgabe, die Erpropriareure zu exproprtziercn und ihren Wider- stand zu brechen, gelöst wird, notwendigerweise auf den ersten Man die Kernfrage der Schaffung eines höheren Gesellschastsglefüaes, als der Kapitalismus ist, und zwar: die Erhöh»eng der Arbeits- p r o> d u k t i v i t ä t und im Zusammenhang damit knnd zu diesem Zwecke) ihre höchste Organisierung. Und hierbei wird es mit einem Male sichtbar, daß, wenn man sich der zentralen Staatsmacht in einigen Tagen bemächtigen kann, die dauerhaste Lösung der Aufgabe, die Arbeitsproduktivität zu heben, j». denfalls(besonders nach dem aualvollsten und zer- störendsten aller Kriege) einige Jahre erfordert. Der langwierige Charakter der Arbeit wird hier durch un- bedingt objektive Umstände vorausgesetzt. ' Die Hebung' der Arbeitsprodullttvität verlangt vor allen: cinc Sicherung der materiellen Grundlage der Großindustt'e: die Entwickelung der Produktton von Brennmaterial, Eisen, des Maschinenbaues, der che- mischen Industrie. Als eine andere Bedingung der Hebung der Arbeits- Produktivität erschetnit erstens der kulturell« und Btldungsaufstieg der Bevölkerung S- m a s s e. Dieser Aufstieg geht jetzt mit ungeheurer Schnelligkeit vor sich, was ,en« durch die bürgerliche Routine verblendeten Menschen nicht sehen, die nicht fähig sind, zu verstehen, wieviel an Ausschwung zum Licht und an Initiative sich jetzt in den„Tiefen" deS Volles entfaltet. Zweitens, als eine Bedingung des ökonomischen Aufstiegs erscheint auch die E r h ö- Huna der Disziplin der Werktät'gen. des Verständnisses für die Arbeit, der Gedeihlichkeit, der Intensität der Arbeit, ihre bessere Organisation. Es ist natürlich, daß unter den Massen, ,vie soeben einen nie gesshenen wilden Druck von stchgeworfen haben, ein tiefes und breites Sieden und Brodeln vor sich gebt, daß die Au-sarbeitung von neuckn Grundlagen! der Arbeiteroisziplin— ein sehr langwierige» Pro- zeß ist, uiw daß bis zum vollständigen Siege über die Grundbesitzer und die Bourgeoisie diese Ausarbeitung nicht einmal beginnen kann. Aber ohne uns irgendwie der oft verfälschte» Verzweiilwg hinzugeben, die die Bo-uryeoisie und die bürgerlichen Intellektuellen(die verzweifelt sind, iljre alten Privilegien nicht verteidigen zu köimer.) verbreiten, dürfen.»vir in keiner Weise das offen- bare Uebel verbergen. Im Gegenteil, wir werden tS aufdecken, weil der Erfolg de« SozioliSmu«»bne de« Sieg der proletarischen bewußten Diszipliniertheit über die elementare kleinbürgerliche Anarchie nicht denkbar ist. Lernen zu arbeiten,— diese Ausgabe muß die Revolution vor dem Volk m ihrem ganzen Umfange stellen. Das letzte Wort des Kapitalismus in dieser Hinsicht, das System Taylors, vereiniget in sich— wie alle Fortichritte des Kapitalismus— ein« verfeinerte Grausamkeit der bttaerlichcn Ausbeutung und eine Reibe von reichsten wissenschafllichen Erote- rungen auf dem Gebiete der Analyse von mechani- scheu Veweaungen bei der Arbeit, des Ausschaltens voe überflüssigen und uugsschickten Bewegungen, der Ausarbeitung der richtigen AribeitZwelhodeu, der Ein- sühruna von besten Systemen der Berechnung und der Kontrolle' niw. Die soziale Revolution muß um jeven Preis alles Wertvolle aus den Eroberungen der Wissenschaft und der Technik auf diesem Gebiete übernehmen. ».» Wenn eine neue Klasse als Führer und Leiter der Gesellschaft aus die bistolrischc Szene tritt, so verläuft dies niemals ohne eine Periode des stärk- sten„Schmikclns", der Erschütterungen, des Kampfes und der Stürme einerseits— und �andererseits nickt ohne cinc Periode von unsicheren Schritten, Ejrperi- menten, Schwankungen und eines Herumirrens bezüg- lich der Wahl von neuen Methoden, die der neuen objektiv«» Umgebung entsprechen Der untergehende Feudaladel rächte sich an dem stegenden und ihn ver- drängenden Bürgertum nicht bloß durch Berschworun- gen. Versuche von Aufständen und Restaurierung, son- Kern auch durch ströme von Hohn über die Unverständigkeit, über die Ungeschick- lichkeit und die Fehler der„Emporkömmlinge", der„Frechlinge", die sich erdreisten, das„hei- lige Steuer" des Staates ohne die jahrhun- dertelange Vorbereitung dazu: der Fürsten, Va- rone, Edelleute und der Vornehmen, in die Hand zu nehmen, genau so, wie sich ietZt an der Arbeiter- Ilasse wegen ihres„dreisten" Versuchs der Ueb�vnabme der Macht die Helden des bürgerlichen Geschäfie- machenums oder der bürgerlichen Skepsis, rächen. Nicht Wochen, versteht sich, sondern lange Monate und Jahre sind nötig, damit die neue Gesellschafts- klasse, und dabei eine bisher unterdrückte, durch Not und Unwissenheit bedrängte Klasse, sich der neuen Lage anpassen, sich umsehen, ihre Arbeit einrichten und ihre Organisatoren hervorbringen kann. Es ist verständlich, daß bei der das revolutionäre Pkoleta- riat leitenden Partei sich die Erfahrung una die Nou- tine der großen, auf Millionen und abermals Millio- neu von Bürgern berechneten Organisationse.nrich tungen nicht bilden konnten, und daß rie Uniarl-ei- tnng der alten, fast ansschließuch agitatorischen Ge- wohnheiten eine sehr langwierige Sache ist. Aber UnmSg.tches hierbei gibt es nicht und haben wir erst die klare Erkenntnis der Notwendigkeit der Vcrände- rung, di« feste Entschlossenheit, sie zu verwirklichen, die Ausdauer bei der Verfolgung des großen und schwierigen Zieles, so werden wir sie verwirklichen An Organisali ons-talenten ist im„Volke", d. h. unter den Arbeitern, eine Menge vorbanden: sie sind zi>< Tausenden von bem Kapital erdrückt, zugrunde gc- richtet und fortgeworfen. Sie zu finden, zu ermutigen. ans die Füße zu stellen, hervorzutun— verstehen auch wir»och nicht. Aber wir werden es erlernen, wenn wir, mit dem ganzen revolutionären Enthusiasmus, ohne welchen es keine siegreichen Revolutionen givi, an dieies Erlernen Herangehen werden. Keine einzige tiefe und mächtige Volksbewegung in der Geschichte ist ohne einen schmutzigen Preis aus- gekommen ohne die an die unerfahrenen Neuerer sich ansaugenden Abeilteurcr und Gauner. Prahlhänse und Schreihälse ohne sinnloses Hin- und Herlaufen, Kopf- lofigkeit, unnütze Gischästigkeit, ohne Versuche einzel- ner„Führer", sich an 20 Dinge heranzumachen und kein einziges zu Ende zu führen. Mögen die Köpjc der bürgerlichen Hcsellschast aus Anlaß jedes überslussren Spanes beim Abholzen eines großen alten Waldes kreischen und bellen. Dazu sind sie ia Möpse, um den proletarischen Elefanten anzubellen. Hrittzipie« der Demokratie und Diktatur des Uroletariats. Der Broschüre Leo Trotzkhs:„Von der Ok- tober-Revdlution bis zum Brester Friedensvertrag" ent- nehmen wir folgendes interessante Kapitel: Als Marxisten sind wir nie Götzendiener der for- maleit Demokratie gewesen. In der Klassengesellschaft beseitigen die demokratischen Institutionen nicht nur den Klassenkamps nicht, sondern sie verleihen den Klassen- interessen einen höchst unvollkommenen Ausdruck. Den besitzenden Klassen bleiben immer noch unzählige Mittel zur Verfügung, den Willen der arbeitenden Volks- massen zu fälschen, abzulenken und zu vergewaltigen. AU ein noch unvollkommener Apparat zum Ausdruck des Klassenkampfes erscheinen die Institutionen der Demokratie unter den Bedingungen der Revolution. Marr bezeichnete die Revolution als die„Lokomotive der Geschichte". Dank dem offenen und unmittelbaren Kampf um die Regierungsgcwalt häufen di- arbeiten- den Massen in kürzester Zeit eine Menge politischer Erfahrung an und steigen in ihrer Entwicklung schnell von einer Stufe auf die andere. Der schwerfällige Mechanismus der demokratischen Institutionen kommt dieser Entwicklung um so weniger nach, je größer das Land und js unvollkommener fein technischer Appa- rat ist. Die Majorität erhielten in der konstituierenden Versammlung die rechtsstehenden Sozialisten-Reoolu ttonäre. Der parlamentarischen Mechanik entsprechend i hätte ihnen die Regierunasgewalt gehören müssen. Die j Partei der rechtsstehenden Sozialistcn-Rcvolutionäre! hatte aber schon im Lauf der ganzen Zeit vor d?m Oktoberumsturz die Möglichkeit gehabt, diese Regierungs-. gewalt zu bekommen. Dennoch entzog sich diese Partei, der Regierung und trat ihren Löwenanteil an die libc-, rale Bourgeoisie ab, und auch infolgedessen hatte sie — gerade in dem Augenblick, da die numerische Zu- sammensetzung der Konstituante sie formal vcrpflich- tete, die Regierung zu bilden— da hatte sie den letzten Rest ihres Kredits bei den revolutionärsten Teilen des Volkes verloren. Die Arbeiterklasse und zugleich mit ihr die Rote Garde stand der Partei der rechten Sozialisten-Revolutionäre tief feindselig gegen- über. Die erdrückende Mehrheit der Armee unter- stützte die Bolschewiki. Die revolutionären Elemente auf dem Lande teilten ihre Sympalhien zwischen den linken Sozialisten-Revolutionären und den Bolschewiki. Die Matrosen, die in den Ereignissen der Revolution eine so bedeutende Rolle gespielt hatten, folgten fast ausschließlich unserer Partei. Aus denjenigen Sow- jets, die schon im Oktober, d. h. vor der Einberusüng der Konstituante, die Macht ergriffen hatten, waren die rechtsstehenden Sozialisten-Revolutionäre gezwungen, fortzugehen. Auf wen konnte sich also ein Ministerium stützen, das von der Majorität der Konstituierenden Versammlung aufgestellt wurde? Hinter ihnen waren die Spitzen der Landbevölkerung, der Intellektuellen und die Beamten gestanden, rechts hätten sie einst- weilen von feiten der Bourgeoisie eine Stütze gesunden. Einer solchen Regierung hätte aber der mate- rielle Regicrung�apparat vollkommen gefehlt. In den Konzentrationspunktcn des politischen Lebens, wie es Petrograd ist, wäre diese Regierung vom ersten Schritt an auf unüberwindliche Hindernisse gestoßen. Wenn unter diesen Umständen die Sowjets— in Unterwerfung unter die formale Logik oer demokratijchen Institutionen— die Regierung der Partei Kerenslis und Tschcrnows überließen, so hätte diese Regierung, die kompromittiert und ohnmächtig war, in das polt- tische Leben des Landes lediglich eine zeitweilige Per- wirrung hineingetragen, um dann wenige Wochen später durch einen neuen Anfstand gestürzt zu werden. Die Sowjets beschlossen, oicses verspätete historische Experiment auf ein Minimum zu reduzieren, und sie lösten die Konstituierende Versammlung noch an dem- selben Tage auf, an dem sie zusammengetreten war. Dies gab Anlaß zu den härtesten Anschuldi- gungen gegen unsere Partei. Das Auseinanderjagen der Konstituierenden Versammlung machte un Zweifel- hast auch ans die führenden Kreise der sozia- listischen Parteien Westeuropas einen ungünstigen Ein- druck. Dort erblickte man in diesem politisch nnvcr- meidlichen und notwendigen Akt eine Parteiwillkür, eine Art Tyrannei. In einer Reihe von Aufsätzen setzte Kautsky mit der ihm eigentümlichen Pedanterie die Wechselbeziehung zwischen den sozialistisch-rcvolu- Parteigenossen? Werbet für die Unabhängige Sozialdemokratische Partei DeitLschlands! 0 °) 0 :i ticnären Aufgaben des Proletariats und dem Regime volitischer Demokratie auseinander. Er bewies, daß für die arbeitende Klasse die Beibehaltung der Grund- lagen der.'.okratischen Aufbaues letzten Endes stets von Nutzen sei. Im Großen und Ganzen ist dies natürlich vollkommen richtig. Aber Kautsky degradierte diese historische Wahrheit zu. einer Prosessoren-Banalität. Wenn es letzten Endes für das Proletariat vorteilhast sei, seinen Klassenkampf und sogar seine Diktatur in die Bahnen demokratischer Institutionen zu leiten, so bedeutet das noch keineswegs, daß die Geschichte dem Proletariat immer eine solche Kombination ermöglicht. Die marxistische Theorie ergibt nom keineswegs, daß die Geschichte stets solche Bedingungen schaffe, die für das Proletariat mn„günstigsten.' seien. Man kann momentan kaum sagen, toelchen Verlaus die Rcvolu- tion genommen hätte, wenn die Konstituierende Ver- sammlung in ihrem zweiten odcx dritten Monat ein- berufen worden wäre. Es ist sehr � wahrscheinlich, daß die damals dominierenden Parteien der Sozialisten- Revolutionäre und der Menschewiki sich zusammen mit der Konstituante kompromittiert hätten: sowohl in den Augen der aktiveren Schichten, die die Sowjets unter- stützten, als aber auch in den Augen der rückständige- reu demokratischen Massen, von denen sich heraus ge- stellt hätte, daß ihre Hoffnungen nicht an den Sowjets sondern an der Konstituante hingen. Unter diesen Umständen hätte die Auslösung der Konstituante zu neuen Wahlen führen können, bei deiftn die Partei des linken Flügels sich als Majorität hätte erweisen können. Die Entwickelung schlug aber einen anderen Weg ein. Die Wahlen zur Konstituierenden Versamm- lnng fanden im neunten Monat der Revolution statt. Zu dieser Zeit hatie der Klassenkampf eine solche An- spannung erfahren, daß er durch einen Ansturm van inncn-heraus die formalen Nahmen der Demokraiie ge- sprengt hat. Das Proletariat hatte die Armee und die armen Bansrnschichten hinter sich. Diese Klassen befanden sich in einem Znstand direkten und erbitterten Kampfes mit den rechtsstehenden Sozialisten-Revolutiottären. Aber infolge der schwerfälligen Mechanik der demokra- tischen Wahlen erhielt diese Partei— als treues Abbild der Vor-Oltoberepoche der Revolution— in der Konstituante die Majorität. So kam ein Widerspruch zustande, der im Rahmen der formalen Demokratie absolut unlösbar war. Und nur politische Pedanten. die sich keine Rechenschaft über die revolutionäre Logik der Klassengegensätze abgeben, können im Angesicht dieser Nachoktober situation dem Proletariat banale Vorhaltungen machen über die Vorteile und den Nutzen deN Demokratie für die Sache des Klassen- kampfes. Die Frage wurde von der Geschichte viel konkreter und schärfer gestellt. Die Konstituierende Versammlung mußte also der Zusammensetzung ihrer Majorität nach die Negierung auf die Gruppe eines Tschernow, eines Kercnski und eines Zeretelli übertragen. War aber diese Gruppe imstande, die Revoluiion zu leiten? Konnte sie in derjenigen Klasse, die als Rückgrat der Revolution erscheint, einen Halt finden? Nein. Der wirkliche Klasscninhalt der Revolution war unversöhn- lich gegen ihre demokratische Schale gestoßen. Und damit allein war das Schicksal der Konstituante be- siegelt. Ihre Auslösung erschien als die einzig mög- liche, als die chirurgische Lösung, als einziger Aus- weg auS dem Widerspruch, der nicht von uns, son- dern vom ganzen vorhergehenden Lauf der Ereignisse geschaffen worden war. Aus der Zeweguug. Parteibeschlüsse der Waterkant. In H a m- bürg tagte am Sonntag eins Lkonserenz der Ver« treter der Unabhängigen sozialdemolraüschen Organi- saiionen der Waterkant(von Kiel bis Bremen). Nach langer grundsätzlicher Aussprache wurde folgende Resolution Henke mit Zweidrittel-Mehrheit zum Be- schlnß erhoben: Die Konferenz erklärt sich für die Beteiligung an den Wahlen zur Nationalversammlung. Alz Nicht- linie für den Walilkampf nimmt die Konferenz den Beschluß der Berliner Patteikonlerenz vom 4. De- zember an: Selbständiger Wall'ampf der Partei und verbundene Listen in Gemeinschaft mit den Rechts- sozialistcn. Tic Konferenz erblickt als den bauptsächlichflea. Grund für die besonders in dem unklaren Streben nach einer Einiguna mit den Mebrhe'tssozialisten zutage tretenden Verwirrung in der U. S. P. die Zu- s a m ni e n a r ib c i! von unabhängigen Sozialdcvio- kraten mit den Sozialimperialisten E b e r t, Scheide- mann, David. Landsberg usw. Diese Zusammcnar- beit mußte komprsmittierend für die U. S. P. wirk- kcn. Im Widerpruch zu ihr steht der Beschluß der Berliner Konferenz vom 4. Dezember, betr. die Selb- ständigkeit der Partei im Wahlkampf. D'e Konferenz fordert deshalb im Anschluß an einen in gleicher Richtung sich bewegenden Beschluß ocr Parteileitung, gefaßt am 5. Dezember, den so- fortiaen Austritt unserer Genossen aus der Koali- tionsregicrnng. Tie Ret? Fahne, die ursprünglich in den Hün- den ocr Linksradikn.'en lKonm,»nisten gewesen lvar, dann aber durch Mehrheitsbeschlüsse an die Unabhän- gigen überging, ist jetzt umgewandelt worden in „Hamburger Volkszciiung(Adresse: Hrnmburg, Friedenstraße 4). Tie Parteigenossen in Erfurt beschlossen in einer Mitgliederversammlung: Der politische Kampf bei der Wabl zur National- Versammlung muß und soll vom gesrmten werktisti gen Bol geschlossen gegen die Reaklion geführt wer- den Eine Verständigung mit der Partzilcitung der Rechtes ozialijste» über eine gereckte Vertci- lung der Kandidaten auf beide Par- t e i e n und ei» geschlossenes Vorgehen in Wabl Kampfe muß erzielt werden. Sobald es die Verhältnisse gestatten, muß ein Parteitag einberufen werden, dem die Beschlußfailnug über die wichtigsten taktischen Fragen überlassen bleiben muß. Aus dem Geistesschak des Sozialismus. „Der ganze Unterschied gegen die alte, offenherzige Sklaverei ist nur der, daß der heutige Arbeiter frei zu sein scheint, weil er nicht auf einmal verkauft wirb, sondern stückweise, pro Tag, pro Woche, pro Jahr, und weil nicht ein Eigentümer ihn dem andern ver- kauft, sondern er sich selbst auf diese Weise verkaufen muß, da er ja nicht der Sklave eines Einzelnen, son- dern der ganzen besitzenden Klasse ist." Friedrich Engels: „Die Lage der arbeitenden Klasse in England." *<:* ..Wenn die freiwisiige produktive Tätigkeit der höchste Genuß ist. den wir kennen, so ist die Zwangs- arbeit die härteste, entwürdigendste Qual. Nichts ist fürchterlicher, als alle Tage von morgens bis abends etwas tun zu müssen, was einem widerstrel't. Und je menschlicher der Arbeiter fühlt, desto mehr muß ihm seine Arbeit verhaßt sein, weil er den Zwang, die Zwecklossg- keit für ihn selbst fühlt, die in ihr liegt." Friedrich Engels: „Die Lage der arbeitenden Klasse in England." Eachdruckere? Maurer& SO 16, Köpenicker Strasse 36/38. Anfertigung von: Zeitschriften— Statuten— Quittungsmarken— Billets— Mitgliedsbüchern— Programmen sowie sämtlichen Drucksachen. Verantw. Redakteur: C. Leid,' Verleger A. Hosfmau»? beide Verlin O. 27, Schicklerstraße 3. ! Druck: Maurer L: Dimmick,Berlin,KöpenickewStr.3e-gL.