«nr. 29. Diese Zeitung erscheint dreima tvSchenllich, i'.nd zwar: Dienstags, Donnerstags und Scnnaiend« Abends. Kösnnemcnt»-?re!s: Für Berlin incl. Brinzerlohn vierteljiihrlich prss- nuiosrauao 1 Rm. 35 Pf., monatlich tiö Ps., ein« zelne Nummern 19 Pf.; bei den Postämtern in Deutschland incl. Berlin 1 Rm. 69 Pf., frei in'S Hau» 2 Mark. Kreuzband-Ab onnements pro Quartal n. Eremplar: Für Deutschland und Oesterreich 3 Rm.— Pf. • Niederlande und Belgien. 3« 69« « England und Frankreich. 4« 59- - Amerika(Berein. Staaten) 5« 59- Bestellungen auf Kreuzband-Ab onnement» sind nur bei der Expedition aufzugeben und müssen prae- narnerando gezahlt werden. Berlin, Sonntag, den 7. März 1875. Rener 5. Jahrgang. Redaktion und«rpeditloar Nerki«, Oranienstraße Nr. 8, Lv. Bestellungen werden bei allen Postämtern, in Berlin bei der Expedition, sowie bei jedem Spedi teur entgegengenommen. EigenthvM der Lassalleauer. Inserate (nur w der Expedition aufzugeben) werden pro sünfgefpaltene Petitzeile mit 59 Pf. berechnet. BersammlungSannoncen die 5-gespaltene Petitzeile«der deren Raum 29 Ps. Sogenannte Reklame-Anzeigcn werden nicht aufgenommen. Z u d a l t. An die Tocial-Demokraten Deutschland». Der Kulturkampf in Preußen. Pslitisch? Neberstchtl Der Papst und die preuß'sche Reoiermag. — Der geringe Umlauf der neue« RetchSmÜnzen.— Arbelterrmlaffungen. FranzösticheS.— Au» Spanien.— Aus den Bereinigten Staaten.— Z:m B.amakck'utlu».— EI, geflügelte» Wort.— Ein interessantes Er- kenntn ß de« Berliner KammerzrrichtS.— Eine uenc iocial'demokra'ifche Z:it«nq.— Konstskatioa der neuesten Most'fchru Broschüre. Au» Gotha. Korrespondenzen: Bremen.— Frankfurt a. M.— Hamburg. Zur Geschichte de» ZeitungSwefens. Au die Parteigenossen. Vermischte». A« die Tsrial-Demokrate» Deutschlands. Parteig cnosfius Jammer drinzender tritt die Nothwendigkeil an die deutschen Arbeiter h'ran, die gesammte Social- Demokratie Deutschlands zu einer einh tiichen Partei zu veischmelzeu. Umsomehr ist die« der Fall, eis die virschiedeue» Dlfferenzp unkte, welche bisher daS Znsa'imrngeben aller Social-Dlmokraten Deutschlands verhindert haben, im Laufe der letzten Äahre ausgeglichen und durch die heftigen Verfolgungen, welchen die Sscial-Demokratie feitmS ihrer Gegner ausgesetzt ist, zu Tunst-n einheitliche« Widerstandes über» wunden wurden. Seit drei Monate» haben wiederholt Besprechungen stattge. fanden, welche die Einigung der Social-Demokrated: Deutschlands in einer festorganisieten Arbeiterpartei nach Kräften anstrebten. Heute unu find wir im Stande,»inen wettereu Schritt zur Be- grüudnnz dieser Arbeiterpartei zn thao; derselbe erfolgt im Ein» verstäu' u!ß mit Ench, Parteigenoisen, die Ihr schon da vielen Bersammlungen der erwähnten Einigung Eure Sympathien kaod- gegeben habt. Und so laden wir Euch teau ein zar Beschickung eine» Kongresse« der So cial. Demokraten Deutschlands, welcher am 23., 24. und 25. Mai d. I. in Mitteldeutschland, «u einem noch näher zn bestimmeudlo Ort:, stattfinden wird. Die Tag-Sordnung dieses Kongresses lautet: 1. Die Bereinigung der Social-Demokrateu Deutschlands. 2. Da« Programm der neu zu begrSadeude» Arbeiterpartei. 3. Di« Organisation dirscr Partei. 4. Die Presse dieser Partei. 5. Die Parteiagitation. -6. Wahl der Parteibehördea. Die Besucher(Delegirten) deS Kongresse» haben sich durch Vollmachten(Mandate) zu legitimireu. In jeder Bollmacht muß der Wohnort und die Zahl der vertretenen Tifinoungögenosseu angegeben und durch einen bekannten Parteigenossen beglaubigt sein. Ein Delegirter darf nicht mehr als vierhundert Parteig«. »offen, welche auch an verschiedenen Orten wohnen können, ver- treten. Damit die Berhandlnugcn über die Tagesordnung am Sonn« tag, 23. Mai, ohne Aufenthalt beginnen können, werden die �Delegirten ersucht, schon deS Sonnabends, 22. Mai, späte» fieaS 8 Uhr Abends, am Orte de» Kongresses einzutreffen, um an diesem Abend noch das Bureau dcS Kongresses nnd die Man- datSprüfungSkommiffion zu wählen. Parteigmossen! Gleichzeitig mit diesem Aufrof werden zwei Entwürfe veröffentlicht, auS denen Ihr entnehmen könnt, wie weit die Verhandlungen bezüglich einer gemeinsamen Organisation nnd eine« Parteiprogramms gediehen find. Dies« Eatwürfe, welche dem Kongreß unterbreitet werden, berathet in allen Einzelheiten, damit kein Schritt, welcher zur Bereinigung hinführt, ungeprüft bleibe. Ueberall, wo da« arbeitende Kolk Deutschlands im Kampfe mit der Kapitalmacht und der Reoklion begriffen ist, überall, wo die Social« Demokrat!« Deutschlands ihr Banner entfaltet und ihre Heimstätte begründet hat, rüstet Euch zar Beschickung de» KongreffeS. Parteigenossen! E» gilt, ein Werk zn schaffen, an dem die VerfolgnngSwoth der Gegner der Arbeiterfache zerschellen muß, und auf dess-o fester Grandlage die Partei fich mächtig und fie- gesfrendig entfalten kann. Wir find Eurer Mitwirkung hierbei gewiö! Mit social- demokratischem Graß I. Aaer. Es. Bernstein. W. Bock. August Geib. G. W. Hartmann. W. Hascoclever. W. Haff.lmann. Aug. Kapell. Otto Kapell. C. Kräme:. W. Liebknecht. JnlinS Motteler. H. R mm. P. C. RelndcrS. Jacob Schmidt. Jal. Bahlteich. H. Wa'ther. Cenrad Wode. Programnt der deutschen Arbeiterpartei. I. Die Arbeit ist die Quelle alle» ReichthrnnS und aller Kultur, und da die nutzbringende Arbeit nur in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft möglich ist, gehört der Ertrag der Ar- teit unverkürzt nach gleiebem Rechte allen GesellschaftSgliederu. Ja der heutigen Gesellschaft fad die Arbeitsmittel Monopol der Kapitalistenklasse; die hierdurch bedingte Abhöngigkeit der Ar« beiterklasse ist die Ursache deS Elends und der Knechtschaft in allen Formen. Die Befreiung der Arbei. erfordert die Erhebung der Ar- bettSmittel zum Gemeingut d'r Gesellschaft und die geaossenschaft- der Arbeiterklaffe nur«ine reaktionäre licht Regelung der Gesawmlarbcit mit gerechter Bert.heilang deS Arbeitsertrages. Die Befreiung der Arbeit maß daS Werk fein, ker gegenüber all« anderen Klassen Masse sind. Die Arbeiterklasse wirkt für ihre Befreiung zuerst im Rah- men deS heutigen nationalen Staates, fich bewußt, daß daS noth- wendige Ergebniß ihres StrebenS, welch S den Arbeitern aller Kulturländer gemeinsam ist, die internationale Bölkerverbrüdernng sein wird. II. Bon diesen. Grundsätzen ausgehend, erstrebt die deutsche Arbeiterpartei mit allen gesetzliches Mitteln den freien Staat und die facialistische Gesellschaft, die Aufhebung de« LohnsystemS mit dem ehernen Lohugefetz und der Ausbeutung in jeder Gestalt, die Bestiiignsg aller socialen nnd politischen Ungleichheit. Die deutsche Arbeit-rpartei verlangt, um die Lösung der so- cialen Frage anzubahnen, dir Errichtung von Produktiog-Nlossen. schasten mit StaatShülfe unter der demokratischen Kontrole deS arbeitenden Volkes. Die Produktivgeuossenschafteu find für Ja- dustrie und Ackerbau iu solchem Umfange in'S Leben zu rufen, daß auS ihnen die focialistifche Organisation der GesauTNthelt entsteht. Die deutsche Arbeiterpartei verlaugt als freiheitliche Grund- lsze de« Staates: 1) Allgemeines gleiche», direktes und geheimes Wahlrecht aller Mänuer vom 21. Lebensjahre an für alle Wahlen in Staat and Gemeinde. 2) Direkte Gesetzgebung durch daS Volk mit Vorschlags- und BerwerfungSrecht. 3) Allgemeine Wehrhastigkeit. LolkSwehr an Stelle der ste- hendeu Heere. Entscheidung über Krieg und Frieden durch die Volksvertretung. 4) Abschaffung aller AuSnahmexrs-tze, namentlich der Preß«, Vereins- und Versammlungsgesetze. 5) Rechtsprechung durch daS Volk. Unentgeltliche RechtSpficge. Dir deutsche Aicheiterpartei verlaugt als geistige und fett- «che Grundlage d'S Staate»: 1) Allgemeine u?d gleiche Volkserziehung durch dcu Staat. Allgemein« Schulpflicht. Uuestgeltlichen Unterricht. 2) Freiheit der Wissenschaft. Gewissensfreiheit. Die deutsche Arbeiterpartei verlangt als wirthschaftliche Grundlage des Staate«: Eine einzige progressive Einkommensteuer für Staat nnd Gemeinde an Stell« aller bestehenden, insbesondere der indirekten Stmero. Die deutsche Arbeiterpartei verlangt zum Schutze der Ar- beiterklasse gegen die Kcpttalmacht innerhalb der heutigen Gefell- schaft: 1) Koalitionsfreiheit. 2) WorwnlarbeitStag und Verbot der SouatagSarbeit. 3) Beschrüllkuug der-Frauen- und Verbot ber Kinderarbeit. 4) Staatliche Ueberwachung der Fabrik«, Werkstatt- und HauS- iadnstrie. 5) Regelung der Gefärgvißarbeit. S) Ew wirksames Haftpflichtgesetz. Orga«isatie« der deutsche« Arbeiterpartei § 1. Der Partei kann Jeder angehören, der fich zum Parteiprogramm bekennt uad für die Förderung der Arbeiter- iuteressen chal kräftig, auch durch Geldopfer, eintritt. Wer längere Zeit säumig ist, wird nicht mehr als Parteigenosse betrachtet. % 2. Parteigenossen, welche gegen daS Interesse der Partei handeln, können vom Verstand ausgeschlossen«erden. Berufung an den SuSschuß, resp. au den Parteikongreß, ist zv lässig. § 3. Alljährlich findet ein Parteikonzr-ß statt, auf welchem die Verhältnisse der Partei berathe» werden. Der Sitz des Bor- staudes und der Sitz der Koutrolkommisfio» werden dort für 1 Jahr bestimmt; ferner Borstaad, Kontrolkvmmisfion und Aus- schoß für die Dauer eines JahreS gewählt. ß 4. Der Vorstand kann einen außerordentlichen Partei- kongreß eiabervf u. Der Vorstand muß einen solchen innerhalb 6 Wochen einberufen, wenn die Mehrzahl der Kontrolkommisfion nnd deS Ausschusses, oder 1 Sechstel siimmtlecher Parteigenosseu die Einberufung beantragen. Der Borstand bestimmt den Ort deS ParteikongresseS. Der Vorstand ist verpflichtet, mindestens 8 Wochen vorher Zelt und Ort dcS Parteik.ovgress-S den Partei- genossen zur Kenntn'ß zu bringen. § 5. Zu jedem Parteikongreß ist die vorläufige TageS- ordvung mindestens 5 Wochen vorher durch den Vorstand den Partelgensffcn zur Kenntviß zu bringen. Die spätestens J20 Tage vor dem Kongreß von Seiten der Parteigenossen eivla.ifenden «utläge sind 14 Tage vor dem Kongreß als d.fiaitlve Tagesordnung zu veröffevt ichen. Selbstständige Anträge, welche iuorr- halb der letzten 20 Tage vor dem Kongreß oder erst auf deim Kongreß gestellt werden, kommen nur dann zur Berhantluug, wenn fich mindestens 1 Drittel der Delegirten dafür erklärt. Z 6. Ans dem Parteikongreß darf ein Delegirter nicht mehr als 400 Stimmen vertreten; du Abstimmung geschieht noch der Anzahl der vertretenen Parteigenossen und einfacher Majorität. Der Vorstand ist berech'igt, 3 seiner Mitglieder, die Konttol- kommisston und die Redaktionen und Expeditionen der beiden offiziellen Paiteiorgane je 1 ihrer Mitglieder zum Kongreß zu dele�iren. Ja außerordentlichen Fälle» ist die Anwesenheit des gesammten Vorstandes auf dem Kongreß znlässtg. Besoldete Be- amte der Partei dürfen kein Mandat von Parteigenosseu an- nehmen. § 7. Spätestens 4 Wochen nach Schluß deS Parteikou» gress'.S muß das Kongreßprotokoll den Parteimitgliedern zugäng- lich gemacht werden. § 8. Die Leitung der Parteigeschäste Ist einem Borstand fecn 5 Persoueu: einem 1. und 2. Vorsstzenden, einem 1. und 2. Sekretär und 1 Kasfirer übertragen. Der Kasfirer hat eine von der Kovtrolkommisflon gutzuheißende Kaution oder Bürg-� schaft zu stellen. Da« Gehalt der Borstandsmitglieder wird durch den Kongreß festgesetzt. Sämmtlich» BorstaudSmitglieder müssen an einem und demselben Ort ihren Wshnfitz haben. Sie wer- den vom Parteikongreß für die Dauer bis zum nächsten, gleich- viel, ob ordentlichen oder außerordentlichen Parteikongreß, und zwar in besonderen Mahlgängen, mit abso'uter Majorität gewählt. Sollte bei der ersten Wahlhandlung eines Wahlganges die ab- solute Stimmenmehrheit nicht erreicht werden, so hat zwischen den beiden meist bestimmten Personen eine engere Wahl stattzufinden. Weder ein Mitglied der Redaktion, roch der Expedition der Par- teiorgane darf dem Vorstande angehören. Trete» im Laufe de» Jahre» Vakanzen ein, so besetzt die Kovtrolkommisflon für die be- treffende Zeit dir erledigte Stelle. Vierteljährlich hat der Bor- stand eine Abrechnung, monallich ein B-rwaltungSzirkalar an die Konttolkommisstsn und an den Ausschuß zu schicken. Z Ä. Der Vorstand mvß fich binnen 14 Tagen nach dem Parteikongreß konstitnirev; bis dahin verbleibt dem bisherigen Vorst«n\ fall» der Kongreß nicht anders verfügt, die Geschäfts- führung. § 10. Zur Kontrolirnng deS VorflaadeS besteht eine Kon- trollommisston von 7 an einem und demselben Ort wohnenden Personen. An die Kontrolkommtsston können auch alle vom Vor- stände nicht berückfichtigte B.schwerden zur Erledigung gerichtet werden. Die Wahl der Kontrolkommisfion erfolgt auf gleicht Weise, wie die deS Vorstandes. §11. Der Ausschuß, welcher im Fall von Differenzen zwischen Borstand und Kontrolkommisfion in Thätigkeit treten muß, besteht auS 18 Personen, welche an verschiedenen Orten wohnen können. Die Mitglieder deS Ausschusses werden vom Kongreß in besonderen Wahlgäogen, iu gleicher Weife wie der Borstand, und zwar für die Dauer bis zum nächsten Kongreß gewählt. Der Ausschuß wird durch seinm Borsstzeudeu einbe» rufen, und zwar ans Antrag deS Vorstandes und der Kontrol- komm sfion odrr S seiner Mitglieder. Die Elnberufnng muß binnen 14 Tagen erfolgen. Zu allen Sitzung:» des Ausschusses und der Kontrolkommisfion habea die Mitglieder deS VoestaudrS Zutritt und müssen auf ihr Verlangen gehört werden. Stimm» berechtigt find fie nicht. § 12. Der Ausschuß und die Kontrolkommisfion fiad be» rechtigl, falls der Vorstand feiue Pflichten verletzt, oder fich wei» gett, bei nachgewiesenen Fahrläsfigkeiten Abhülfe zu schaffen, den. selben mit absoluter Majorität abzusetzen; ebenso können unter ften nämlichen Berhällniffeu einzelne Vorstandsmitglieder vom Amt« entfernt w-rden. Ist da« Letztere der Fall, so besetzen die kontrolkommisfion und der AuSlchrß vereinigt die betreffenden Pasten. Sind mehr ol» 2 Mitglieder de« Vorstandes vom Amte entfernt, so muß inuerhalb 6 Wochen ein Parteikongreß zur Neu» wähl berufen werden. Bis dahin verwaltrn die Kontrolkommisston und der Ausschuß die Partei durch eine zu ernennende Kam- misfian. § 13. Ans Antrag de« Vorstandes kann der Ausschuß ein» zelne oder sämmtliche Mitglieder der Kouttolkommisstou ihrer Thätigkeit eniheben; der Ausschuß hat dann bis zum nächsten Parteikongreß die Posten neu zu besitzen. §- 14. Offizielle Orgaue der Partei find vorläufig der „Neue So cial- Demokrat" zu Berlin und der„Volksstaat" zu Leipzig. Beide Organe find Eigenthom der P rtei; in Bezog hierauf werden die Formalien durch den Vorstand noch dea Be- schlüssln deS Kongresse« erledigt. ß 15. Die Redakteure, die ständigen Mitarbeiter und die Expedienten der in ß 14 genannten Organe w.-rdrn, soweit diese» nicht der Kongreß dem Vorstand überweist, auf dem Kongreß ge« wählt und ihre Gehälter dort bestimmt; HülfSredakteure an» Hülftexpidievten:c. und deren Gehalt werden auf Antrag der Redaktionen uud Expedttionea vom Borstande bestimmt. Der Kongreß entscheidet über den Preis und die Größe der Blätter. Die Expedienten, welche die Kasse der Blätter führen, haben Kaution oder Bürgschaft zu stillen. § 16. Zar Ueberwachung der geschäftlichen Leitung der in § 14 genannten Parteiorgane hat der Vorstand je 2 Revisoren zu erncimen, falls er die Revision nicht selbst vornehmen kann. Dies- Revisoren haben nach Aoweisung dcS Vorstandes mindestens 1 Mal monatlich daS Kasseowesen der genaautea Blätter zu re» vidlren, jederzeit auf B-rlauzen dem Vorstand, beziehentlich dem ' Ausschuß, sowie einem jeden Parteikongreß Bericht zu erstatten :ttLb Rechenschaft abzulegen. § 17. Der Vorstand ist berechtigt, bei Pflichtverletzung die R-detkuure und Exp-dienten ihre» Amtes zu enthebeo. Denselben steht die Ber�fuug an die Koottolkowmisfioa zu, welch: di* Berufung eutwecher abweisen oder sich au den Ausschuß brhufS ge- meiusirmer Enrfcheidung wenden kann. Konirolkowmisstoa und Ausschuß könuen mit Stimmenmehrheit den Beschluß de« Bor- standeS annullireo. Berufung an den Kongreß ist zulässtg. § 18. Zar Be�rgadavg von lokalt» Parteiblattera ist die Zustimmaeg des VorstandeZ, der KontrolkvAmisfion und deS Ausschusses, welchen über die bezügüchea örtlichen Verhältnisse rechtzeitig und autführlich berichtit«erden maß, erforderlich. Nur solche Blätter, welche mit Zust mmung genannter Parteibe- Hörden iu'S Leben treten, find als Parteiorgane zu betrachten und können die moralische und materielle Unterstützung der Partei be« ansprachen. Die lokalen Parteiblätter haben fich in prinzipiellen Fragen an dcS Parteiprogramm zu halten, und find gleich den beiden in ß 14 genannten Orgauen in taktischen Parteifragea dem Vorstand nnt erstellt. § 19. Der Lorstand ist verpflichtet, die vierteljährliche Abrechnung der Parteikasse, sowie der Kassen der Organe, welche Eigenthnm der Partei find, nachdem sämmtliche T.cile von den zuständigen Parteibehördeu geprüft wordeu find, jedesmal in der ersten Hälfte des neuen Quartals den Part-igenossea zur Kennt« niß zu bringe». Der Kult«! kämpf in Preußen macht fich nunmehr nach allen Seiten hin geltend; nachdem bis jetzt nur die Social-Demokcaten und Ultcamontauen von dem- selben berührt wurden, find in letzter Zeit auch die Ultrakonser- vativeu an die Reihe gekommen— unter Anderen ist auch der bekannte Macker Pastor Qaistorp(Verwandter deS Gründers Quistorp) seines Amtes entsetzt. Wir Social-Demokrateu fiad durch derlei Verfolgungen gegen Klerikale und Mucker in zar keine angenehme Gesellschaft gcrathen, doch trösten wir uns damit, daß fich jene Herren allesammt wie- der vertragen werden, um dann uutereiuander versöhnt vom öffentlichen Schauplatzt für ewige Zeiten zurückzutreteo. Uad die Anzeichen hierfür fiad schon da. Preußen hatte fich Siebenmeilenstiefel angezogen, um auf der Bahn deS Liberalismus da» Versäumte nachzuholen; doch diese Stiefel drücken die reaktionären Hühneraugen allzusehr, fie werden flugS wieder ausgezogen, dahingegen die alten Landsturmholzschuhe angezogen und das schöne Liedcheu erklingt: „Immer langsam voran, immer langsam voran, Daß der Krähwinkler Landsturm nachfolgen kann!" Halt, LaSker! Halt, Vö!ck, halt auch Da, edler Kulturknabe HinschiuS! Haltet, ich komm nicht mit, ruft die a'te Dame Boruffla— und wirft fich der gnäsigea Frau„kreazzeitung" in die Arme mit dem einen Aug« nach der„Germania", nicht nach dem„deutschen Reiche", sondern nach Majunke'S„Germania", schielend. DaS eben eingeführte Civilehegefetz wird von der pr-ußi- scheu Regierung ausgelegt, und zwar zu Gunsten der Klerikalen und der Mucker. So lesen wir folgenden Erlaß der PotS- damer Regierung: „Königliche R-gierung zu Potsdam, 4. Februar 1875. Nachdem uuS bekannt geworden ist, daß Sie Ihre im Dezember v. I. geschlossene Ehe nicht haben kirchlich einsegnen lassen, können wir von Ihren Diensten an der dortigen Volks- schule keinen weiteren Gebrauch machen, da wir von einem christlichen L-Hrer fordern müssen, daß er die christlichen Ordnunzen erfülle uud in deren Beobachtung der Gemeinde mit seinem Beispiele vorangehen werde. Sie werden deshalb zum 1. k. M. auS Ihrer dortigen Stellung entlassen. Abtheilung für Schulsachen. Prediger Breisdorf. Superintendent Scropfil. Brnhn." Großer Schrecken in den Reihen der Liberale», die„Kreuz- z'.itang" und die„Germania" aber tanzen vor Freuden überdaS wiedergefundene alte kirchliche Preuße» einen herrlichen Cancan. Nachd.m der Schicken und die Freude etwas nachgelassen, tritt plötzlich noch größerer Schrecken ein und die Freude bei den Klerikale» und Orthodoxen wird noch übersprudelnder. Durch die Zeitauge» geht nämlich folgend; Nachricht: „Bon parlamentarischer Seite verlaotet, eS mach« fich in ilvflußreicheu Kreisen eine sehr starke Reaktion gegen daS Institut der Civilehe geltend. Erzählt wurde, neulich hätte ein Feld- webcl fich verheirathet, ohae die kirchliche Einsegnung seiner Eh« begehrt zu haben. Er soll voa seinem militärischen Vorgesetzten bedeutet worden sein, daß eine bloS vor dem Standesbeamten ge- fchlossene Ehe eines Soldaten unwürdig sei, und weiter heißt eS, zufolge dieses Borfallrö sei eiu R-scr'pt erlassen wor- den, daS den Militärpersonen zur Pflicht mache, der bürgerlichen Trauung die kirchliche folgen zu lassen." Nun wird eS nicht lange dauern, daß alle preußischen Beamten veranlaßt werden, trotz deSCivilchegesetzeS fich kirchlich trauen zu losseo. Wir geben überhaupt nicht viel auf solche Wirren; unS ist eine Pfaffenherrschaft unauSst.hlich, uns ist die Herrschaft der politischen Reaktion unausstehlich, aber unS ist auch die Herrschaft deS auf den Geldsack gestützten Liberalismus unausstehlich— daS Grundprinzip aller drei Herrschaftsformen ist eben die Reaktion. Mögen fich unsere Gegner nur recht fleißig befehden, möge die Reaktion den: allzu übermüthig auftretenden Liberalismus nur gehörig auf die Finger klopfen, wir freuen unS— wir sehen in dem Zank der anderen Parteien um die kleinlichsten Dinge nur ihren Verfall. Nnr noch einige Jahrzehnte und eS werden UltramontaniS- muS, Reaktion und Liberalismus vereinigt in die historische Rum- pelkammer geworfen sein, wo fie dann recht friedlich nebeneiuander ruhin können. Politischelleberffcht. Berlin, dert 6. März Die preußische Regierung ist sehr erboßt auf eine neue Bulle deS Papstes, in welcher derselbe die neuen Kircheugesetze für gar nicht verbindlich für feine Getreuen erklärt. Nun sollen alle katholische Beamten gefragt werden, ob fie zum Papste oder zur Regierung halten wollten jetzt und in der Zukunft. Danach scheint man auf den Diensteid, den jeder Beamte schon geleistet hat, nicht besonders Gewicht zn legen. Die Klage» über den noch so geringen Umlauf der neuen ReichSmüuzen vermehren fich taglich, ohne daß eine Aussicht vorhanden ist, daß diesem Mißstand« bald abgl Holsen werden wird. Nach einem der„BolkSzeituug" von kompetenter Seite zugehende» Gutachten ist vor dem Jahre 1880 ei» normaler Umlauf der deutsche» ReichSmÜnze selbst bei der angestrengtesten Thätigkeit der in Deutschland bestehenden Müuzprägeanstalten nicht zu er- warte». Utber Arbeitereutlafsungell läßt fich die„BolkSzeitung" aus Königsberg schreiben:„Ja»iaer der hiesigen Maschinenbau- fabrikea haben die Fabrikarbeiter die Arbeit, vorläufig unter den bisher von ihren Fabrikherren gegebenen Bedingungen, wieder aufgenommen. Die Arbeiter der UuiouS- und Steinfurth'fchea Eisengießerei, in der Zahl von circa 800, j-doch noch nicht. Dieselben feierten auch heute noch, da die Herren dieser Fa- brikeu an der Forderung einstündiger Mehrarbeit fest- hielten.— Der„K. H. Ztg." geht die berichtigende Müthei- lung zu, daß die 550 Fabrikarbeiter der„Union" nicht die Arbeit eingestellt haben, soadern von der Arbeit ausgesperrt wordeu find, da nämlich alle Arbeiter, die nicht zu der-neu augesetztm Zeit, um 6 Uhr Morgens, sondern um die bisher übliche Zeit, um 7 Uhr, fich zur Arbeit einfanden, die Thüren der Fabrik für fich geschlossen fanden."— Eö ist wirklich unerhört, daß j:tzt, wo die Fabrikation so schlecht geht, die Forderung einer einstü'- dizen Mehrarbeit von S-iten der Fabrikanten gestellt wird. Darin kann mau nur den boShaftea Uebermath jener Herren er- blicken, welche die Arbeiter jetzt drücken wollen, weil dieselben wehrlos find. Wer säet den» nun den Klasseahaß? Dem Vernehmen nach hat die scanzöstscht Regierung Auf- trog gegeben, in Deutschland 10,000 Pferde anzukaufen. Die„Kölnische Zeitung" bemerkt dazu:„ES liegt kein Grund zu der Annahme vor, als fei damit uothwmdiger Weife eine kriegerische Abficht verbunden. Die Maßregel bildet vielmehr einen Theil der im Werke begriffeaen Reorganisation der srauzöfi- scheu Armee. Unverkennbar wird diese Reorganisation in dem Styl unternommen, daß fie bei erfolgtem Abschluß einer impo- santrn Kcieggrüstuvg gleichkommt, welche wahrscheinlich die Spitze gegen Deutschland kehrt. Da fragt eS fich denn aber, ob die deutsche Pferdezucht gerade den Beruf hat, die frauzöfische Streit- kraft zu erhöhen. UebrigenS abgesehen von Allem, ist zu beben- k-u, daß die einmalige Ausfuhr von 10,000 Pferdea doch für eine Reihe von Jahren auf unS ihre Wiikung übt. Uafere land- wirthfchastlichen Verhältnisse haben ohnehin mit Schwierigkeiten zn kämpfen. Diesen würde fich nun die Konkurrenz eio:r frem- den Regierung zugesellen, die, ohne Rücksichten auf ihre Steuer- zahler fich beengt zu fühlen, so umfassende Geschäfte ohne Pr-iS- limitatiou unternimmt. So scheint Manches dafür zu sprechen, in diesem Falle eiu Ausfuhrverbot für wünschenSwerth und auge- zeigt zu erachten." Die„Norddeutsche Ailgemeiae Zeitung" enthält eine ähnliche offiziöse Mittheilrug. Ein Ausfuhrverbot scheint also bevorzustehen. Der Krieg scheint also nicht mehr lange auf sich warten zu lassen.— Aber wie ficht eS bei solchen Ausfuhrverboten mit den freihändlerischrn Jeeen auS, denen fich Delbrück und Genossen in der deutschen ReichSgesetzgebung durchweg angeschlossen haben? AuS Spanien wird berichtet, daß Köaig Alfons erkrankt ist. Die Aerzte haben ihm Ruhe anempfohlen. Der Knabe muß also seinen Thateadrang bändigen nad den Kriegsschauplatz vermeiden. Wahrscheinlich ist ihm dies sehr lieb. Ja den Bereinigten Staate» von Nordamerika ist, wie von dort geschrieben wird, nicht welliger als eine Million Arbeiter uad Arbeiterinnen orodloS, da eS nichts für die- selben zu lhan giebt. Ein volles Viertel davon sind Eifenarbriter oder Kohlen- uud Essenzrubeuarbeiter und andere Handwerker, die für ihr tägliches Brod auf den Eifenhandel aagewiesen find.— Ja Deutschland stehl'S nicht besser— die Jateressea aller Kulturvölker sind dieselben und Freuden und Leiden theileu fie gemeinsam._ ♦ lieber den Bismaickkllltus, wie er in Deutschland Mode geworden ist und auch unter den Deutschen im Auslände gepflegt wird, fiadeu wir in einer Londoner Korrespondenz der„Allge- meinen Zeitung" ein recht treffendes Urtheil.„Die politische Krankheit deS HeldenkultuS— sagt der Verfasser— maß seuchenartig in Deutschland wllthen, wenn wir nach dem Gebahren der junzen Deutschen in England und nach der Hal- tuug der gut- und bestgefiauteu Pceffe im Vaterlande unS einen Schluß auf die öff ntliche Meinung erlanbeu dürfen. E« ist aber die gefährlichste und entfittlichendste aller politi- scheu Krankheiten,«eil st- die bürgerliche Selbstthätigkeit zer- stört, da« Bertranen auf eigene Kraft, das perföuliche Pflichtze- fühl, ohne w'lchrS weder die Dauer der politischen Macht noch der B ginn der politischen Freiheit denkbar find. Selbst der EäsarkmuS wirkt weniger demoralificend, da er der Zwangsmittel bedarf,«m die Gefammtheit in einer einzigen P-rson untergehen zu lassen, und daher immer gewisse oppofitiouelle, zur Selbst- thätigkeit berechtigende, auf eine günstige Gelegenheit wartende Gefühle wach erhält. D.e„BiSmarckomaaia" dagegen, wie der „Standard" diese Krankheit zu neoneu Pflegt, ist der freiwil- lige Verzicht auf selbstständigeS Denken und Handeln, avf Männlichkeit des Charakters uad ans daS politische Pflicht- gefühl. Hier in England, daS feine Macht und seine Freiheit ausschließlich der thatkräftigea Initiative und dem Muthe seines Volkes verdankt, begreift man solche Zustände kaum. DaS Zit- tern und Zagen, daS fichtbarlich durch die deutsche Presse geht, sobald, wie eben jetzt, daS Gerücht fich verbreitet, daß der„große Mann" demnächst durch GesnudheitSrückfichteu zum Rücktritt be- wozen werdtu könnt», d S allgemeiae Houlcoucert, zu welchem die offiziellen Zeitungsschreiber vorgingen, macht hier«inen rathsel- hafte» Eindruck."_ * Ein gcfliigeltes Wort. Ein groß« Wien« Geldmanu, Baron von Werthheim in Wien, gab vor einiger Zeit in einer Generalversammlung der Aktionäre der Kasseo-Fabrik-Aktieu-Ge- sellschaft auf verschiedeue Angriffe, folgende bezeichnende Worte: „Die Moral steht nicht auf unserer TageSord- uongl" * Das Berliner Kammergericht hat bei unseren Branden- burger Parteigenossen, welche der Uebertretnng deS B:r- tinSgefttzeS angeklagt uud von der ersten Jastaoz zu hoher Ge- fäugnißstrafe verurtheilt waren, dies Erkenntniß in Geld- strafe verwandelt. Die Motive dieser Umwandlung find im Elkenntoiß dahin festgestellt, daß die preußische Polizei durch ihr langjähriges paffiveS Verhalten gegenüber dem Allg. d. Arb.-Ber- ein und der social-demskcatischen Bereinigungen überhaupt, die Arbeiter in dem gute» Glauben gelassen habe, daß sie daS Gesetz nicht verletzten. AuS diesem Grande dürfe ein ver- schärfteS Strafmaß unter keinen Umständen angenommen werden. D« Grund ist allerdings zutreffend— aber noch richtiger wäre es gewesen, wenn nach solchen Erwägungen die Angeklagten freigesprochen worden wären. Habe» dieselben überhaapt daS Gesetz verletzt, so habe» fie eS nach dem Ausspruch deS Kammer- gerichtS ohne Absicht und ohne Bewußtsein zethau— fie können dann doch nicht bestraft werden. * UaS liegt die erste Nummer des„Agitator'� vor; wir begrüßen daS neue Uateraehm-n mit Freuden. Der„Agitator" wir) ein guter Mitkämpfer für die Sache der Arbeit sein.— Herr Ecks, unser alter Fceuud und Parteigeuosse, leitet das Ualeraehmea mit folgeudea Worten«tu: „ Än die Parteigeuosseni Ja den letzten Jahren stad die polizeilich. n Hindernisse, welche der socialestischen Agitation in den Wez gelegt wurden, immer größer geworden; viele Parteigenossen weilen im Exil und noch weit mehr btfiuden fich in den deutschen Gefängnissen. Die Agitation aber darf nicht erlahmen! Deshalb habe ich eS unternommen, gestützt auf daS B:r- trauen, welches ich se't lanzm Jahren unter den social-demokra- tischen Arbeitern genieße, den „Agitator" heranSzugebeu. Derselbe wird in streng socialtstischem Sinne redigirt, die Uiberschüsse aber sollen zur Agitation für daS Recht der arbeitenden Klasse verwendet werden. Deshalb fordere ich zu zahlreichem Abonnement auf, damit die focialistifche Agitation durch den„Agitator" in doppelter Weise gefördert werde. Berlin, den 4. März 1875. Mit social-demokratischem Graß H. Eck», Alte Jakobfiraße Nr. 46." Wir wollen wünschen, daß der„Agitator" bald 25,000 Abonnenten hat. W r ersuchen unsere Freunde, dies Uatecnehmeu zu nllterstStzea.____ * Die Most'sche Broschüce:„Die Pariser Commune vor den Berliner Gerichten," ist am 2. März bei dem Verleg« W. Bracke In Brauaschweig koufiSzilt worden. D-r„Bnuaschweiger Bo ksfceund" schreibt dazu:„Soeben wurde die Broschüre von Joh. Most:„ Die Pariser Commune vor den Berlin« Gerichten", auf Autrag der herzoglich brauuschweigscheu Staatsanwaltschaft bei dem Verleg« W. Bracke jr. koufiSzirl. Dieselbe soll gegen d.n§ 130 deS Strafgesetzbuchs verstoßen, also verschiedene Klassen der Äesellschuft in eiu« den öffeutlicheu Frieden geföhrdeaden Weise zu GewaltthStigkeiten geg:» einander anreizen. Wir fiad doch sehr neugierig, wie fich dies begründen läßt, da die Broschüre doch» nnr den Bericht über den gegen Most angestrengten Prozeß enthält. Die AsSbeate war übrigens gering, da die Schrift seit nahezu acht Tagen vergriffen war; eS wurde eiu Exemplar vor- gefunden, vaS seines beschmutzten Umschlages wegen nicht hatte versandt werden können." Ebenso hat die Leipziger Polizei am 3. März auf der Buchhandlung deS„Volksstaat" zehn Exemplare dieser Broschüre konfiSzirt. *»vir bringen nachstehenb einen längeren Bericht au? dem Äothaer Reglerungsorgan über eine Bolksversammlung in Gotha, in welcher unsere Parteigenossen Haseaclever, ReiuderS, A. und O. Ka- pell gesprochen hoben. Man ficht aus dem Berichte das groß- Interesse, welches mall den soclal-dcmolratischen Bestrebungen überall widmet, und auS diesem Grunde schon und de» Fleißes wegen, bm der Referent im All- gemeinen gezeigt hat, sollen uns die faulen Witze und Unrichtigkeiten deS Berichtes ganz kalt lassen. Daß beispielsweise Hasencleoer nicht gesagt hat, die Leibeigenen haben sich an» den P ebejcrn entwickelt, ist wohl seibstocr« ständlich. Dann kann man nicht»st genug wiederholen, daß in einer nur 1— Lstündigen Rede, welche sich über die Entstehung des SociallSmus verbreitet und dann noch einige Schlaglichter auf den Reichstag wiest, nur Anbeutungen und keine großen Ausfithrnagen gegeben werden lönnen. Im Uebrigen wäre eS gut, wenn sich alle R-fereuten von gegnerischen Zeltiingeu so viele Mühe gäben, wie der Goihaer Referent. Der Bericht folgt nunmehr: Gotha, 16. Februar. Ich bin seit gestern erst In den Dienst wieder eingetreten. Der Dienst de« Reporters war grade gestern ganz Interessant. Die„freundl chen Brüder der Social-Demokratie hielten in hiestj« Stadt einen Kongreß ad, um Ihre frühere Brüderlichkeit aus der s-itherizen Feind« seligkeit wieder neu heraus zu rekovstruirell. In Held»'» Lokal(Restan- ration Kaltwasser) war ans Abend» 8 Uhr eine VoltSversammlu-g anberaumt, vor welcher ReichStagSabgeordneter Ha'enclever speechen wollte. Um Has-nclever zu scheu, zog auch ich in die Su idhäuler Allee mit hinan». D«r Saal war überfüllt. Wenn unsere Kirchen fich einmal solcher Frequenz zu erfreuen haben, wird'S um die Aufgabe der Synoden, den kirchlichen S NN zu wecken, äußerst«.hl bestellt sei«. Hinein konnte man wohl, aber wieder hcrauszug-lanzen war dann zunächst ein Ding der baaren Unmöglichkeit. Herr Bock von hier eröffnete 3 Uhr die Sitzung mit Biidung de? Buce.u». E- selbst wurde zum Vorsttzenden, zwei junge Leute an» einer hiesigen Fabrik«urd n zu Schr'ftfllhrcril durch Akklamat'on gewählt. Der Borfitzende irthcilte Herrn R-IchStazZabgeordnet-nHasenclever, den wir In untrer Milte zu sehen die Freude haben, da» Wort. He« Hasenclever, der gar nicht so schlimm aussteht, wie er gewöhnlich gemacht wird, der eher da» Exterieur eine» Siterade», viel geärgerten Gym- nastalprofeffar?, als da» ein s jugendlich w-ltumwühleuden Bolkitribunen darbietet, trat an die Rampe vor. Er begann mit der Eröffnnng au die Versammlung, daß Dank der selbstlosen Aufgabe mannigfach persönlicher Ueberzengungen und Interessen das Werk der Lersöhamig, welches die Füh- rer der Social-Demokratie hier Im Schooße Thüringens zusammengeführt habe, hente noch geglückt und zum Abschluß gediehen sei. Viribus unitis— wie die Ocsterrcichcr sagen— wird die Social« Demostatle nunmehr an ihre menschheiterlösende Aufgabe herantreten kön- neu. Diese Ausgabe darf er auch in Gotha«»hl nachgerade al» hinläng- lich bekannt voranssetzin und zudem würde ihn dle Kürze der ihm nur zum Sprechen zugemessenen Zelt au einem gründlich elschöpseuden Eingehen In all die Plobleme auch hindern. Aber einige h'stortfchc P-iallel-a werden gestattet sein, und dann sollen kurze Aper?!» ans dem Reichstag auch Den- jenigen, welche vielleicht nnr die Neuzierde uns nicht die Sympathie mit unserer Historik oder Philosophie hierher gesührt hat, immerhin noch etwa» JlltcressantcZ bieten. Daß die Vertheilung der Arbeitserfolge zwischen dem Arbeiter selbst und dem diesen In Bewegung setzenden Kapital eigentlich eine gänzlich im« gerechte Ist, daZ wird eigeuilich nicht einmal ein gerechter Kapitalist bestreiten «ollen, wenn mau Ihn darum frägt. Denn Niemand mag heul zu Tage mehr offenbar ungerecht erscheinen. Aber das«ürdea die Social-Demo- kcateu doch nicht zu ändern vermögen, wird auch der gerechte Kapitalist antworten, der Unterschied zwischen Arm und Reich, zwischen Kapltalmacht und Arbeiterproletariat sei einmal göttliche und menschliche Ordnung. Aber man soll- darüber den Muth nicht finken lassen. Man solle nur In die Geschichte zurückgehen.(R-buer thut da» um geht zunächst nach Rom zurück, al» dort die Könige vertrieben waren, die beiden Gracchen die Bürgerkriege einleiteten und später die Weltherrschast de» KaiserthumS ihre üppigen Blütheu auf dem Bode» der Sclaverei trieb.) Wenn einstmals etwa ein zugereister Fremdling an einen Tisch mit römischen Patriziern fich gesetzt und Ihnen an» einander gesetzt haben würbe, baß eigentlich doch diese ganze Behandlung und Stellung der Plebejer in Rom eine äußerst nngerechte sei, so würben ihm gewiß die humanen Herren Patrizier am Tisch All- barin vollkommen«echt gegeben, ober ihm auch gesagt haben, daß da» fich einmal nicht ändern lasse, und daß-» eben göltliche und menschliche Ordnung wäre! Und doch(et all diese Ordnung im Laufe»er Zelt gleichwohl mit sammt den Patriziern und Plebejern noch in die Rum- pelkammer geworfen wordeu. Und al» nun mit August»» da« Kaiserthum heraufkam uud unter seinen Nachfolger» die reicheu Römer Ihre Sclaven in Ihre Fischteiche hlnelugewsrfeu hatten, um da« Fleisch der davon gesät- tigUn SRutJtttn auf Ihrer üpp'zc� Tsfil dkM Ätr vShnten Alinmm s-bm:-!- hafter zu machen, da w�rdc evms, gewiß der humane Vivis dem Fremd« ling an seiner lucllülfchen Tafel, daß eine salche Verwendung der Scladen, eine selche Ausbeutung d» Sclaverei etwa? äußerst Ungerechtes sei, einzc- räumt, aber gewiß auch nicht hinzuzusligeu vergessen haben, daß— die Sclaver i einmal göttliche und meuschliche Ordnung sei, und daß der Fremd« ling mit seineu Parteig-nossen fie gewiß nicht au» der W.lt hrranSzuschassen vermöchte. Und dach sei in Rom und zuletzt in Amerika noch In nn'etn Tagen baS fluchwürdige Institut der Sclavrei gan. genau in dieselbe Rum- peikammer gekommen, iu welcher vor ihr die Plebejer friedlich neben den Patriziern ausruhten. Der Redner steigt nunmehr In'S Mittelalter hinunter. Aus dem Pa- trizier- und Plebejer-, dem freien Bürger- und dem uufreiea Sclaventbum der alten llalfischen Welt hat fich Im Mittelalter allmälig— da? R ttcr- thum und die Leibeigenschaft hcrausentwickelt.(Mein alter ehrwürdiger Gcschichtslchrcr Christian Ferdina- d Schulze möge diese kühne histor sche. Hypothese seinem ehemaligen Schüler ja nicht a'S eigene These zn Last legen!) Und— au der Tafelrunde im Prunksaal jener Raubritter wurde gewiß ebeuso wenig irgend einer der Gel-gSgenoffen dem Fremdling gegenüber aufrecht erhalten haben, daß die Bedrückung de» Leideigenes, die AuS- raubung de» Vorst' erziehendeu Städteiürger» etwa»„Gerechte»" sei, wohl ober würde ihm Jeder erwidert haben, daß da» einmal göttliche und mensch- liche Ordnung sei, und daß er'» mit seiner neneu Zeit doch nicht ändern werde. Und dennoch habe eben diese uene Zeit— den mittelalterlicheu Raubritter zum Patrizier der klasstscheu Vorzeit, den bürger- uud bäuerlicheu Leibeigenen zum Plebejer und Sc'aven derselben in eine und dieselbe Rum- pelkammer hincingeworfeul Warum solle dieselbe Erfahrung nicht auch in unserer modernen Zelt, bei weltb-r nunmehr der Redner anlangt, sich wiederholen? Wie au» den Palrizlern die Raubritter und aus den Plebejeru die Lcibcigeoen sich ent- wickelt haben, so Ist au» dem Raubr-tterthum die herrschende Sapitalmacht und aus der Leibeigenschaft das verhungernde Proletariat unserer moder- neu Zeit herausgewachsen.(Christian Ferainand Schulze«olle diesen un- geheuerlichen Sprung dem Refe.euten als bloßes Referat abermals verzei- hcn!) Und wie zu den Patriziern die P ebejer, zum eivis die res sese movens und zum mittelalterlichen Raubritter sehr rechtloser Leibeigener, so würde vielleicht auch noch einmal zum modernen Kapitalmeuschen der modern rechtliche Proletarier In'S selbe Museum geschichtlich überwundene Zustände, — wenn wir's auch nicht mehr erleben, müssen wir doch d'ran arbeiten I — hineinkommen. In dieser Hoffnung schließe auch ich a'S Feullleton-Prolitarler meine „Arbeit", erkläre mich aber auch zur Fortsetzung bereit, wenn Leser der Zeitung da» wünschen sollten. Gotha, 19. Febr. Sie haben Recht: mein Bericht im Mittwochsstück umfaßt nur den erstereu allgemeineren— ich möchte sagen historisch oder vielmehr unhistorisch philosoph'rendcn Theil d-r Hasenclever'schcu Rede. Ich komme aber gern Ihrem Wunsche nach und ans die Moutagsversammlung Im Hedler'schen Lokal zurück. Jener eiste Theil erschien mir nur eben mehr al» da» Wichtigste, weil für die ganze Art und Gelse, wie die Social- Demokratie flch den Glauben au eine Möglichkeit Praktischer Verwirklichung ihrer Utopien logisch zurechtlegt, Bezeichnendste. Nach seinem bistoriichin Exkurs in'» klaifisch- Alterthum und da» feu« dale Mittelalter ging Herr Hafenclever auf die brennenden TogeSfrcgcn unserer Neuzeit üier. Hier t.at er zunächst zwei Jrrthümer» entgegen, denen die social-demo« kratischen Bestrebuuzeu noch immer degeaneteu. Einmal der falschen Auffassung, daß st- da» private„Eigenthum" de» Einzelnen aufheben wollten. Da» wollten sie gar nicht. Sie wären nur gegeu die„Kapitalübermacht", welche die Arbeit für fich allein ausbeutet, aber nicht gegen da»„Eigeathum'' gerichtet, welches der Arbeiter süc fich au» teinrr Arbeit gew nnt.(Aiich Im social-bemvkralischen Zukunflsstaat wird also z. B. der Arbeiter den Vogelbauer, In dem er sein Rothkehlchen birgt und au» dem er von diesem fich bei seiner Arbelt etwas vorfingen läßt, al« sein ganz persönliches PrivateigcMhnm zu betrachten haben, nicht al» das Eigenthum der mit Ihm arbeitenden G-sammtheit.) Dann auch der falschen Auffassung, als ob die soclal-demokralischen Bestrebungen„international", gegen da» eigene Baterland gerichtet wären. Wer übe all freie, glückliche Meuschen haben will, der will ste in seinem eigenen Baterland gewiß nicht al«„Unterdrückte vom Fremdling" haben. Wenn die Franzosen, wie der Redner an anderer Stelle eemeikt, 1870 von Belfort miS nach Deutschland hereingekommen wären und d-rmalciust später Kosaken und Baschkiren noch hineinkommen würden, so wären wir Social- Demokraten gew ß die Ersten, welche die Einen wie die Anderen vom ge- heiligten Boden der Hcimath wieder hinauSzntreiben herbeieilten. Nicht auf deui W-gc der Verschwörungen, sondern dem legale, Weiterenlwicklung will die Demokratie Ihre Ziele erreichen. Der Redner geht versprochenermaßen nunmehr zn den B-rhaudmnzen de» devtsch-n Reichstage» über, rou denen er übrigen» ganz und gar nicht befriedigt erscheint. Drei Punkte hebt er hier besonders heraus. Zunächst eine mehr nur persönliche Angelegenheit. Er ist nämlich wegen Beleidigungen de« Füesteu Reilbskarzlers, der für derartige Nadelstiche ganz besonder« senstbel sei, zu Gesängaiß verurtheilt worden, und im Gefängniß hat er den ersten Sessionen de» RrichZtaz» natürlich nicht bei- wohnen könne». Einer seiner social-demokralischen Partei und G.sinnungS- amossen hat aber inzwischen i« Reichstag ben Antrag auf seine Freilassung sür dle Damr der b-rmallgen Session eingebracht. Uab dieser Antrag ist nicht einmal von der Fortschrittspartei, geschweige denn von den„Nat'onal- liberalen" unterstützt worden, welche doch eigentlich schm»om„National« verein" her nnr Klyptogothaer und bei Licht betrachtet noch wenige» liberal al» national find! Al» aber dagegen Herr Majimke von der„Zentrum»« fraktlon", obgleich er längst vor Eröffnung de» Reichstag» schon v-rnrth-llt war, nun hluterher auch hinter Schloß und Riegel gestickt wurde, da habe sich ans einmal da» Unabhängigkeit», und Sclbstgtsühl der Fortschritt»-, wie der natlanallideralen Partei nachträglich aufgebäumt und der gesammte Reichstag mit überwiegendster Majorität nunmihr die Freilossnng de» Herrn Majunke verlangt I Denn, fügte der Redner hinzu, die Zentrum.'fraktion verfüge über 110, nöihlgcn und günstigen Falle» sogar über 150 bi» 160 Stimmen und könne also möglicher Weise einmal bei der Enbabstimmung über Irgend ein Gisetz noch den Ausschlag gedrn; eine Liebe sei aber der anderen Werth und — sämmtliche liberale Partelen haßten noch weit mehr die rothe, als die schwarze Internationale. Ob aber darin eine geriss.- Gleichmäßigkeit und Konsrqncuz, oder auch nur eine Gerechiigkeit selten» de» Reichstag» liegt, da» überlasse der Red« ner dem Urth'il der Versammlung selbst. Am meisten hat den Redner die Annahme de« Landsturmgesetze» vvni Reichstag g> ärgert. Früher hicß e» in Preußen bei der A-.meereor« ganifation immer, wenn wir erst die Coburg-Gothaer und die Schwarz« burg-Rndolstädter und-Sondershäuser und wie alle dle anderen kleineren und mittleren Staaten heißen, bei unserer priujischen Armee hoben, daß wir nicht allein mehr die Rüstung sür ganz Deutschland tragin müssen, dann werde die MIlliärlast, sowohl was die Steuern dafür als die Dauer der Dienstzeit betrifft, auch für Preußen erleichtert werden lönmu. Und die Dienstpflicht habe damals nur dir zum 32. Lebensjahr gedauert Seit 1866 und uamertllch 1370 verfüge Preuß-n über die gesammte deutsche Wehrkraft und— jetzt komme man wieder mit einem neuen Gesetz, welche» die Dienstpflicht dadurch bis zum 42. Lebeusfahr ausdehnt, daß der Kaiser, wenn ihm deutsche« Gebiet von einer feindlichen J-ivasion bedroht er- scheint, den Landsturm, d. h. alle wehrsähige Mannschaft In Gesammt- Deutschland bi» zum 42. Jahre unter die Fuhne berufen und nun den Land- stürm, wie die Reserve au« der Landwehr ergänzen kannl Und der Reich«- tag habe ein solche« Gesetz natürlich auch richtig wieder augeuommeu! Die Steuern aber seien nirgend» in Deutschland kliiuer geworben, sondern wür- den mit jedem Tag immer größer I Wenn man auch von Kaiser Wilhelm persönlich nicht zu befürchten habe, daß er etwa unnütz den Landsturm auf« bieten wird, so schneide man doch Gesetze nicht auf Persouen zu und In die Gesetze gehörten präzise Bestimmungen hinein. Die Hauptlast d-.s Mi- lilärdleuste» ruhe ohnihin auf dem Arbeiterstaude und kern Proletariat; die Geldmacht lönue fich«her, wie die großen BestechuogSproz-ss- neuerer Zeit iu den Rheinprovioz.-u uu» auderwärl« Iu Bezug auf da» dortige Aushe- bungegeschäft gezeigt hätten, von der per öilichen Erfüllung der Dlenstpfl-cht losräufen, ganz abgesehen von dem Institut de» Einjährig- Freiwilligen- blenste». Der dritte Punkt ist ein Widerspruch zwischen zwei Aeußeruugen, welche der preußische Finanz minister Herr Camp hausen(zwo» nicht im Reichstage, aber doch Im preußischen Abgeordnctenhause) neulich gtthan hat. Bei Bor« läge de» E-atSgesetze« konstatirte nämlich dieser vielvermögende Fachmann, daß In Preußen mehr al? sechs Millionen steuerpflichtiger GtaatSlürger im letzten Finanzjahr gar keiue direkte Steuer zu bezahlen gehabt haben, well die Bürger unter 140Thlr. jährlichen Cinkomme»« dort»ou der Klasseystkuerpflicht ganz frei find. Uud fast im selben Alhemzuge, mit Ivel« ch-m er diese entsetzliche Thatsache konstatirte, schlug er e'u fast ebenso haar- sträubendes Heilmittel dagcgcll vor: die Arbeiter müßten von ihren hohen Arbeitslöhnen mehr nachladen, damit die öffentlichen Zustände wieder bess re werden könuten. Welche Zumulhang! Wie eiu Arveitcr den Lohn für seiue Arbeit, die Ihm nicht einmal 140 Thlr. jährlich einbringt, noch mehr heruntersetzen und dabei seine vielleicht zahlreiche Familie anch noch ernähren solle? D-r Redner trat hier ab und überließ da» Kuust�ück der Bersamm- lang, die iu einer Pause von 10 Minuten darüber nachdenken konnte. Nach der Pause stellte sich Herr Relnder» au» Breslau vor, ein Reise« prebiger mit dem Exterieur eine» iu seiuer idealistisches Welt schwärmenden Küastscr», der zwar nicht gaoz grammatikalisch richtig, aber außerordentlich fließrud und zungengewandt zu sprechen wußte. M't unserm Gotha Ist er eigentlich ziemlich zufrieden, denn er- 1 dct hier wenig Großindustrie und viel Achtung vor dem BereioS« und Versammlungsrecht, aber anderwärts herrscht noch die Großindustrie vor urd dort ist e« so, daß der Fabrikbchtzer vielleicht früh und höchstens noch einmal Abends durch seine Fabrik hin- durchwandert, in welcher W-rkmeister und Buchhalter mit den 200 Fabrik- arbeitrn die eigentliche Arbelt besorgen, daß alle diese Arbeiter nur wö- chemllch ober monatlich ihren Wochenloh», resp. Ihr: Mona'Sgage bekommen uud wenn das Jahr herum Ist uud der Fabrikant f.ine Bilance zieht, hat er 10,000 Thlr., die er in seine Tasche stickt und die Arbeiter habe» uicht», als glückilchst-n Falle« sich vielleicht kärglich wieder eiu Jahr welter durch- geschlagen. Wäe S nicht bisser, wenn die 200 Arbeit« auch für ihre alten Tage einen Antheil an ben 10,000 Thlrn. hätten? Aber Besserung ist nur auf dem W-gc der gesetzlichen Eulwicklucg, durch größere Bctheiliguvg von Arbeltervntretcru am Werk dir Gesetz zevung an ustrcbcn uud da» Drei- klasseuwahlsystem wie iu Preußen, da« Indirekte Wahlsystem wie in Gotha ist dazu wenig günstig. E» fo'gen noch zwei Gebrüd« Kapell an» Beelin, auch G-schästSrel- feude der social-demokralilchen Propaganda, auf der Rednertribüne, aber praktische Vorschläge zur Lösung d-r schwierigen Aufg» e, wie da» Erden« leben so verbesser: werdeu kann, daß c» für den Einen wie für den Anderu gleich gut ifl,«isstn auch fie ebenso wenig, wie ihre Borredner zu macheu, und die Versammlung treant fich gegen 12 Uhr Nacht» ziemlich ebenso unterrichtet, wie fie gegeu 8 Uhr Abend» zusammengekommen war.— Daß die trefflicheu Ausführungen der Gebrüder Kaycll vollständig an»- gelaffen find, hat wohl seinen Grund daria, daß dem Referenten der R-um mangelte, da dieselben lonst wohl geeiguet waren, den Gothaeru vielfach die Augen zu össreu.— Die Versawmluuz selbst, so wie der B-richt de» Go- thaer RegleruugSorgauS haben jebcufall» iu Gotha für uusere gute Sache große Propaganda gemacht. Wir sagen dem Herrn Neferenten de» Rtzl«ung»blalte» unsern besten Dank für seine Mithülfe. B emtk7 26. Februar.(Versammlung.) Am 24. bsS. tagte hier eine Bollioersammlunz, in welcher der ReichstagZabgeordnetc A. Selb au» Hamburg üb« die kuitmhistorische Nothweudigleit de» SocialiSmuS und seine Gegner r feriren wollte. D.rch unvorhergesehene Grschäste war der« selb- aber daran verhindert. An seiuer Stelle hatten die Herren Slauck an« Berlin und Auer au» Hamburg da» Referat üdernomme». Beide Herren rutlrdigteu fich ihrer Aufgabe zur vollen Zufriedenheit all« Au- «esenbtn. Buch Herr Frick sprach noch einige Worte zur TageSorbnung. Ein« Aufforb«ung de» Borfitzesdcn, die G.gn«, welche mit den Auöfüh- runzen genannter Herren nicht einverstanden ielcn, möchten fich zum Worte m-lden, warb« nicht Folge geleistet. In gehobener Stimmung schloß die Versammlung unter dem Gesänge der Aibeltermarscillalse. Da» Burkau testaud au» den Herren: Hasinclev«, al» erstem Bw sttzeudeu, W. Frick, al» zweitem Vorsitz-nben, und Unterzeichnete n al» Ichriftsührer. C. Lochte. Fraokftttt ll. M.. 23 Febr.(Bericht.) Gestern Abend fand hier- selbst eine Lollsvcrsammlung statt, die von sämmtlichen Socialist n zahl« reich besucht war. Das Bureau bestaub aus den Herren Prinz, Schmidt und Gabor. Nachdem Herr C. Klein üb«, Macht und Recht" uut« gro« ßim Bkifall gesprochen hatte, b-rieth man über die G üubung elneS social« demokratischen Wahlverelns. Sämmtiiche R-dner, Prinz, Schmidt, Klein, B,yer und Sabor, schlngen die Wahl eirer Kommission vor, welche die Statuten ausarbeiten und ein« neuen Versammlung znr Prü-nng vvrlcg u sollte. Dieser Antrag wurde eiustimmig angenommen, und sind folgende Personen In die Kommisston gewählt: B>y«, Ellaer, Haferkoru, Klein, Prinz, Riel, Schade, I. Schmidt und Sador,(zu etwaigem Ersatz: Adam uud Ad. Schneid«). Hamborg, 28. Februar.(Allg Böttcher« sKüper-j Berein.) Sonntag, dm 21. bis, hielten w!r eine Versammlung ab, iu welcher Her« O. Fischer au» Berlin über die Strike? nub ihren Nutzen zn allgemeiner Zusriebenheit sprach. Anch die Herren Godow und Heinke nahmen an der Debatte Theil. Die Versammlung verlief gut und wird Ihre Früchte tragen. H Jlper. Zur Geschichte des Zeitaugswesens. Nach dem bei der Vervielfältigung von Schriftwerken Haupt- sächlich wirksamen Jaflrnm-nte, der Buchdruckerpresse, hat mau bildlich die Gesammlheit der durch deu Druck verbreiteten Schriften uud die darin sich offenbarende geistige Bewegung mit dem N-. men Presse belegt. In einem engeren Sinne atrd diese Be- neuunog auf denjenigen Theil der Lckeratur übertragen, dessen ganze Wirksamkeit von der raschen und allgemeinen Verbreitung, und deshalb vorzugsweise von der Benvtzung der Druckerpresse abhängt, ans daS bei deu ertropäifcheo Kulturvölkern, im Vorbei« gehen gesagt, in eminenter Weise ausgebildete Zeitungsweseu. Mau hat die Presse die sechst«„Großmacht genannt. Die Anfänge des ZeitougöwesenS sind in nur scheinbarem Gegensatze zu nnserer soeben gegebenen Definition nicht im Mittel« alter, sondern im klassischen Alterthum zu suche». DaS freiheitS« liebeude und nichts weniger als in unserem Siuue gelehrte Volk der Griechen hat daS in Rebe stehende Institut uicht gekannt. Die praktischen alten Römer, daZ Volk der StaatSkuust, verstand auch ohne Kcnutnijz deS eigentlichen Buchdruckes mittelst Abschrift durch Taufeude und Tausend« von Händen eine Schrift zu vervielfältigen und so die Maschine zu ersitzeu. In der Zeit von Cicero di« Marc Aurel wurde im Verhälkniß nicht weniger ge» lesen uud geschrieben, als heutzutage. Das kaiserliche Rom be« saß sogar seine periodische Presse, sein Jonrnal, ein Institut, das sowohl dem freifinmgen Griechenland als der römischen Republik unbekauut geblieben ist. Mit der Beröffentlichnng der„Acta senatus"(SeuatSprotokolle) hatte man schon vor Cäsar'S Er- mordung den Anfang gemacht; und dieser selbst gab eiu offizielles Tageblatt:„Acta cklurna pudlica populi Romani" heran«, welches auf die eben angedeutete Weife in unzähligen Exemplaren über das ganze römische Reich, respektive die ganze gebildet« Welt verbreitet wurde. Die politische Bedeutung eiueS derartigen Blattes wurde denn auch von Seiten der Regierung schnell be« griffen, und keiner der nachfolgenden Kaiser hat deu Versuch ge« macht, dassilbe zu unterdrücken. Waun die„Acta diuma� auf« hörten, ist nicht bekannt; wohl aber, daß während de« mit der Vöikerwanderuvg beginnendm BildungSprozesseS der heutigen Kulturvölker keine ähnliche Erf�einuug aufkam. D:r Ursprung der gedruckten politischen Zeitungen geht in Europa bis auf die Aufäuge der Geschichte der Buchdruckerkaust zurück. Zuerst wurden auf einzelne» fliegend:» Blättern wichtige Ereignisse in einer für weiter- Kreise verständliche Form erzählt und daun abgedruckt. In Frankreich finden wir solche„DiS- courS",„NouvelleS",„Recueil",„Röcit" uud dergleichen bereits in ben nenuziger Jahren des fünfzehnten Jahrhunderts. Solche einzelne fliegende Blätter gehören jedoch zu den größten Selten- htjten und»erden von den Bibliomauen besonders gesucht. Seit dem Eade des fünfzehnten Jahrhunderts finden flch auch iu Italien ähnliche Flugschriften, anf zwei oder vier Blättern mit gespaltenea Kolumnen gedruckt und mit einem oder mehreren Holzschnitten illustiirt. Ganz besonders aber war schon damals das deutsche Reich mit solchen literarischen Erzeuguissen gesegnet. DaS älteste bekannte Exemplar datirt ans dem Jahre 1494. Sie führten schon sehr früh den T'til„Zeitung" oder„Neue Zei- taug", und meldeten nicht nur politische Ereignisse, sondern auch allerlei andere merkwürdige Dinge, als da sind: Erdbeben, Ueber« schwemmungen, Mißzeburtm, Hixengefchichtev, LeichenbegSugmffe und Ex-qaien fürstlicher Persouen, Festlichkelten welllicher uns geistlicher Art u. s. w. So zitkalirteu nach der Entdeckung von Amerika bald eine Menge von Relationen über dieses Wunder» land. In der zweiten Hälfte diS sechSzehuten Jahrhunderts erschie- uen zahlreiche Pamphlete politisch-religiösen Inhalts. Eine Satyce Dr. Martin Lather'S gegen die Reliquienverehrnug führte den Titel:„Neue Zeitung vom Rhe-n Anno 1542". In derselben Periode entstanden auch die historischen Jahr- bücher. DaS erste war der Im Jahre 1611 gegründete„Mercarr frau�aiS". Ja Deutschland kamen zu Ende des sechzehnten Jahr- Hunderts die sogenannten Postreuter, eine Art Almanach, auf, iu welchen iu Kaittelversen die wichtigsten Ereignisse des Jahres be» snugen wurden. So interessant auch diese Versuche find, so kön- uen wir fie doch nicht als Journal in unserem heatigen Sinne gelten lassen. Der erste. sicher nachweisbare Stamm deS Z-ituugS- wesevS ist die vom Buchhändler Emil Eg-uolph zu Frankfurt am Main im Jahr 1615 gegründete„OberpostamtSzeitnng", feit dem 1. April 1854„Fraulfnrter Postzeitnug" genannt. Nachdem die im brittifchea Museum im Jahre 1794 unter einem Haufen alter Zeitungen entdeckten drei Nummer«(50, 51 und 54) eines Blattes,„The englifh Mercnrie" betitelt— fie handeln von der Abfahrt der„Armada" uud einem' Treffen Drake'S uud scheinen von der englischen Regierung selbst inspirirt worden zu sein— als eine abfichtliche Fälschung nachgewiesen worden ist, und auch die Echtheit der„schwedischen" Zeitung, angeblich auS dem Jahre 1606 stammend, stark angezweifelt wird, so wäre iu der That daS damals so unpolitische Deutschland die Wiege der politischen Journalistik. In Frankreich kam zuerst der bekannte Arzt Renandot, dem sein Freund, der berühmte Genealoge d'Hozier, seine umfangreiche Korrespondenz mit dem Ja- uud Auslände zur Vufüzung stellte, um fie feinen Krask-n als Z-.itvcrtreib vorzugsweise vorzulesen, auf den Gedanken, durch periodischen Abdruck dieser Auszüge eine Spekulation auf den Geldbeutel der kranken und gesunden Neu- gierigen zu machen. Er theilte sein Projekt dem Kardinal Riche- lieu mit, und dieser erkannte schnell den ungeheuren Bortheil, den eS für sein RegiernngSsystem haben müsse, wenn dem Pabli« kum nur die unter feiner Avfstcht abgefaßten politischen Mitthei- luugen in die Hände g-spielt würden. Renaudot erhielt nicht nur daS Privilegium zur Herausgabe einer Zeitung, sondern der Kardinal sowohl als Ludwig XIII. virsorgten ihn mit eigen- händige» Artikeln. Diese„Gazette" erhielt sich auch in der Gunst der folgenden Herrscher, und nahm 1762 den Titel„Gazette de France" an. Renaudot gab auch gleichzeitig daS erste bekannte „Anzeige- und Jntelligenzblatt" heraus. Seit 1789, wo all« Privilegien und Monopole anfhörteu, entwickelte fich die Jour- nalistik in Frankreich sehr rasch. Die Aera der Bücher war z« Ende, die Aera der Journale eröffnete sich. In dieses Jahr fällt die Gründung des„Journal deS DcköatS" uud der„Moni- teur". Mirabeau ließ„LeS Etats Gsackravx", Camille DeS- moulinS„Le virvx Cordelier" und Marat seinen„Ami du Peuple" erscheiueu. Innerhalb Jahresfrist entstanden über hundert neue Journale. England hatte schon sehr früh Flugblätter im Sinne der dmtschen neuen Zeitunzen. DaS britische Maseum besitzt bereits welche anS dem Jahre 1580. Seit dem Jahre 1622 kam ein Wochenblatt unter dem Titel:„The certaia newS of the prefeut week", doch fiadet flch in allen diesen Blättern, wahrscheinlich tmS Furcht vor der Sternkammer, kein Wort von Enzland. Seit Aufhebung derselben beginnt mit dem langen Parlament für Eng-- land die Aera der Preßfreiheit. Neben den offiziellen Z-itungen (z. B.„Diurnal occurr?uc«S in Parliament") entstanden uud ver» schwanden bis zum Jahre 1660 g-gen 200 Zeitvnzcu jeder Farbe. Als Karl II. wieder deu Thron bestieg, machte er ein seit ungefähr 10 Jahren»xlstireudeS Blatt„The Politlc Mer- cmy" zum Regierungsblatt, und schuf 1665 in Nachahmung der „Gazette de Fraace" eine„Oxford Gazette", die nach JahreS- frist regelmäßig unter dem T'tel„The London Gazette" heraus- kam. Mit der Revolution von 1668 begann eine uene Aera für die englische politische Journalistik, und von hier datirt jener Freimuth, der bis auf diese Stunde di« englischen Journale auS- zeichnet, uud seit der Aufhebung der auf den Zeitungen lastenden Steuern der Aufschwung der einzelnen Journale und der beispiel- lcs billige Preis derselben. In Eaglund konnte flch deshalb eine Gattung der TageSliteratur nicht einbürgern: daS kleine Klatsch- jonrnal, jeneS Geschreibsel, wie man eS in Frankreich und auch anderwärts für einen Sou verkauft; denn wer sollte