Neuer Demokrat 3 Inhalt. Die Mausefalle für Tocial-Tcmokraten. Deutscher NcichStag. Prlitifchc Uebersicht: Noble Gründer.— Aus dem„Reiche". — �uffland.—■ Türkisches.— Versammlungs-Auflösungen und sonstige roiizeil'iche Ueberraschungen.— Nationallibcraler Professorenzopf.— Zur Charakteristik unserer heutigen Verhältnisse. Innere Partei-Angelegcnheiten. Korrespondenzen: Crefeld.— Ottensen.— Göttingen.— Hamburg.— Constanz. Tie Mausefalle für Social-Demokraten. i. Die sogenannten Kautschuk-Paragraphen in den Gesetzen des deutschen Reichs stehen bei Jedwedeni, welcher eine politische Thätigkeit ausüben will, im schlimmsten Ge- ruch; eS sind dies jene Paragraphen des StrasgesetzeS u. s. 10., welche seitens des Reiches in dem weitesten Um- fang, je nach der persönlichen Ansicht desselben ausgelegt werden können, so daß dem einen Richter Handlungen nych als erlaubt erscheinen, welche von einem anderen Richter mit der schwersten Strafe bedacht werden. Wer nun auf politischem Gebiete nicht in das Horn der herrschenden Klasse stößt, wer die bestehenden Verhältnisse beseitigen will und, um die Ueberzeugung des Volkes für die Rothwendig- keit einer solchen Umformung des Bestehenden zu gewinnen, die Kritik der Gesellschaftsschäden in der Oesfentlichkeit voll- zieht, derjenige ist thatsächlich aus den glücklichen Zufall angewiesen, wenn er beabsichtigt, die vom Gesetz vollzogene Grenze inne zu halten. Es fehlt ihm jede Richtschnur, um entscheiden zu können, ob der Gerichtshös, vor welchem er sich möglicherweise zu verantworten haben wird, seine schar- fen Ausführungen als berechtigte Kritik, oder als„Aus- reizung",„Verächtlichmachung" und wie sonst die kautschukartigen Benennungen lauten mögen, betrachten wird. Und wenn alsdann noch den Richtern es in die Hand gegeben ist, bis zu zwei Jahren Gefängniß und noch mehr in einer solchen Sache zu verhängen, dann ist ee für den oppositionellen Politiker, überhaupt insbesondere aber für den Social-Demokraten, gar nichts Uebertriebenes, wenn er mit einein Fuß im Gefängniß zu stehen meint, wenn er sich wie ein„Vogelfreier" vorkommt. Die KK 130 und 131, sowie nicht wenige andere des deutschen Strafgesetzbuches sind solche hochberühmte dehn- bare Paragraphen, und nicht Wenige haben dieselben un- vermuthet überschritten. Wenn der � 130 z. B. bestimmt, daß„Anreizung der Gesellschaftsklassen zu Gewaltthätig- leiten" strafbar sei, und das preußische Obertribunal an- nimmt, gegen diesen Paragraphen sei bereits verstoßen, selbst wenn beftiinnite nahe liegende Gewaltthaten gar nicht in's Auge gefaßt seien, sondern zu möglicher Weise in fer- ner Zukunft eintretenden Gewaltakten angereizt sei, dann — unseres Parteifreundes Most Prozeß ist ein redendes Zeugniß— kann der gewiegteste, vorsichtigste Redner in'S Garn gehen. Aber harmlos, in vollstem Sinne des Wortes Harm- los sind diese vielberufenen Paragraphen gegen das, wo- mit der neue Strafgesetz-Entwurf uns beglücken will. Der Wortlaut desselben und noch mehr die ihm beigefügten Motive sind dermaßen dunkel, daß nicht nur der Zeitungs- redakteur und der politische Redner, sondern jedenfalls auch gar mancher Richter gänzlich rathlos sein wird, ob ein Ver- stoß gegen das Gesetz vorliegt, oder nicht. Staatsan- waltlichem Diensteifer ist Thür und Thor geöffnet und das freie Wort ist dermaßen beschränkt, daß— wir können es offen sagen— nicht nur fast alle sorialiftischen Schriften, sondern die Meisterwerke Schiller's, Göthe'S, Les- sing's, ja Hunderte von Schulbüchern konfiszirt und vernichtet werden müßten. Wir wollen im heutigen Artikel unser» Lesern nur in Kürze fünf" solcher Paragraphen nebst den Motiven vorführen, indem wir die eingehende Besprechung uns noch vorbehalten. Zunächst treffen wir auf die neue Form der ZK 110 und III; dieselbe lautet: § 110. Wer öffentlich vor einer Menschenmenge, oder wer durch Verbreitung oder öffentlichen Anschlag oder öffentliche Aus- stellung von- Schriften oder anderen Darstellungen zum llngehor- sam gegen Gesetze oder rechtsgültige Verordnungen oder gegen die von der Obrigkeit innerhalb ihrer Zuständigkeit getroffenen An- ordnungen auffordert oder anreizt, insbesondere wer in der angegebenen Weise solchen Ungehorsam als etwas Erlaubtes oder Verdienstliches darstellt, wird mit Ge- sängniß bestraft. Sind mildernde Umstände vorhanden, so kann auf Geldstrafe bis zu dreitausend Mark erkannt werden. Z III. Wer auf die vorbezeichnete Weise zur Begehung einer strafbaren Handlung auffordert oder anreizt, insbeson- dere eine solche Handlung als verdienstlich oder er- laubt darstellt, ist gleich dem Anstifter zu bestrafen, wenn die Aufforderung oder Anreizung die strafbare Handlung oder einen strafbaren Versuch derselben zur Folge gehabt hat. Ist die Aufforderung oder Anreizung ohne Erfolg geblieben, so tritt Geldstrafe bis zu dreitausend Mark oder Gefängniß ein. Die Strafe darf jedoch der Art oder dem Maße nach keine schwerere sein, als die auf die Handlung selbst angedrohte. Die Motive hierzu lauten kurz: Z 110. Der hier vorgeschlagene Zusatz entspricht dem Z 20 des am 11. Februar 1874 im Deutschen Reichstage eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über die Presse. Zu seiner Rechtfertigung wird ans die Motive jenes Ent- wurfs(vgl. Stenogr. Ber. Deutscher Reichstag Session 1. 1874 Bd. III. Aktenstück Rr. 23 S. 41) und auf die in der Reichs- tagssitzung vom 24. April 1874 von dem preußischen Bevollmäch- tigten zum Bundesrath abgegebenen Erklärung(Stenogr. Ber. Bd. II. S. UOl) Bezug genommen. Außerdem ist der Höchstbetrag der angedrohten Strafe ge- steigert, damit auch Fälle der schwersten Art angemessen geahndet werden können. Z III. Die Aenderungen des Z III sind eine Konsequenz des Vorschlags zu§ 110. Visher war die Aufforderung zu strafbaren Hand- lungen verboten, jetzt soll auch die Anreizung zu deusel- ben oder ihre Darstellung als verdienstliche Handlung strafbar sein. Damit schwebt schon das Schwert des Gesetzes z. B. über Jedem, welcher es gut heißt, daß Redakteure von Zeitungen ehrenhalber das Zeugniß verweigern und lieber in's Gefängniß gehen, als den Einsender eines Artikels angeben. Aber noch mehr; kann nicht ein eifriger Staats- anmalt finden, daß Schiller ein„Vergehen" als„ver- dienstlich" darstellt, wenn im Fiesko ein Tyrann ersäuft wird, in Don Carlos Marquis Posa eine Majestäts- beleidigung begeht, indem er von Philipp II. ziemlich grob Gedankenfreiheit fordert, und Tell den Geßler er- mordet? Ist in der„Bürgschaft" nicht Kullmann- MöroS als Attentäter verherrlicht? Wahrlich, es giebt nicht zehn Meisterwerke unserer klassischen Dichter, welche nicht dem Tesscndorf verfallen müssen! Wir kommen jetzt zum neuen Z 128, demzufolge sämmt- lichen Arbeitervereinen der Hals gebrochen werden kann. Derselbe lautet: Z 128. Die Theilnahme an einer Verbindung, deren Da- sein, Verfassung, Zweck oder Wirksamkeit vor der Staats- regierung geheim gehalten werden soll, oder in welcher gegen unbekannte Obere Gehorsam oder gegen bekannte Obere unbeding- ter Gehorsam den Mitgliedern zur Pflicht gemacht oder von ihnen versprochen wird, ist an den Mitgliedern mit Gefängniß bis zu sechs Rionaten, an den Stiftern und Vorstehern der Verbindung mit Gefängniß von Einem Monat bis zu Einem Jahre zu bestrafen. Gegen Beamte kann auf Verlust der Fähigkeit zur Beklei- dung öffentlicher Aemter auf die Dauer von Einem bis zu fünf Jahren erkannt werden. Die Motive dazu lauten: § 128. Die Vorschrift des Z 128 ist gegen die geheimen Verbindungen und gegen solche Verbindungen gerichtet, deren straffe Disziplin die öffentliche Ordnung gefährdet, indem sie der Unterordnung unter die Gewalt und die Gesetze des Staates eine andere Unterordnung— unter das Regiment der Verbindung— entgegensetzen. Die Bestimmung hat sich jedoch als unpraktisch herausgestellt und zwar weil ihre Wortsassung der Tendenz nicht entspricht. In Betreff der Frage, ob eine Verbindung als eine„geheime" anzusehen ist, kommt nicht allein in Betracht, ob Dasein, Zweck und Verfassung der Verbindung geheim gehalten werden; die Er- fahrung hat vielmehr gezeigt, daß manche Verbindungen, obwohl sie ihre Statuten und ihren Zweck vor der Staatsregierung nicht geheim halten, dennoch im Geheimen eine staatsgfährliche Wirksamkeit entwickeln. Das Gesetz will ferner diejenigen Verbindungen treffen, in denen eine Verpflichtung besteht, gegen unbekannte Obere oder gegen bekannte Obere unbedingten Gehorsam zu leisten; es verlangt aber, daß der Gehorsam versprochen sein muß. Da sich meistens ausdrückliches Versprechen des Gehorsams nicht nach- weisen läßt, so haben staatsgefährliche Vereine, trotzdem die fragliche Verpflichtung besteht, geduldet werden müssen. Es kann sachlich keinen linterschied begründen, ob eine solche Ver- pflichtung ausdrücklich oder stillschweigend übernommen ist. Schon die thatsächliche Leistung des Gehorsams muß, insoweit sich in ihr die stillschweigend übernommene Verpflichtung ausdrückt, straffällig sein. Auf diesen Gründen beruhen die hier vorgeschlagenen Fassungsändcrungen. Wir finden hier, daß die Strafbestimmungen, wodurch geheime Verschwörungen verhindert werden sollen, nach diesem neuesten Plan gegen jeden noch so harmlosen, ganz öffentlich seine Angelegenheiten verhandelnden Verein ge- richtet werden können, falls die Ansicht an maßgebender Stelle Platz greift, daß entweder die Verbindung insgeheini eiire iraatsgefährliche Wirksamkeit entfal- tet, oder daß die Mitglieder thatsächlich, und zwar ohne sich dazu verpflichtet zu haben, dem Vorstande Gehorsam leisten! Was ist nun aber„staatsgesährliche Wirksam- keit?" Wir haben in den Motiven des Kranken- kasfen-Gesetz-Entwurfs bereits gefunden, daß es für staatsgefährlich erachtet wird, wenn die Mitglieder eines gewerkschaftlichen Vereins für sich eine Krankenkasse gründen. Es ist demnach gar nicht so unwahr- scheinlich, daß ein Staatsanwalt meinen würde, jede Kran- kenkasse verfalle den drakonischen Bestimmungen des Z 128 — Gefängniß bis zu 6 Monaten für alle Mitglieder, bis zu einem Jahr für die Vorsteher— und sei eine staatsgefährliche Verschwörung, wenn ihre Mitglieder neben- her einer Gewerkschaft angehören!— Ebenso steht es mit dem„stillschweigenden Gehorsam". Jeder Wahlverein setzt stillschweigend voraus, daß seine Mitglieder bei Wahlen den Beschlüssen des Vereins gemäß stimmen werde». Jede Ge- werkschafl erwartet, daß bei Lohnfragen die Mitglieder den Anordnungen des Vorstandes Folge leisten werden. Von einer Verpflichtung zu unbedingtem Gehorsam, wie beim Militär, ist natürlich nicht die Rede. Aber wenn thatsäch- lich die Mitglieder ihren Verpflichtungen nachkommen, ist dann nicht zehn gegen eins zu wetten, dvß ein Staatsan- walt erklärt, es werde thatsächlich Gehorsam geleistet und deswegen sei der Verein staatsgefährlich? Sprechen wir es offen aus, der§128 vernichtet in seiner neuen Forin selbst das harmloseste Vereinsleben, so- bald Staatsanwalt und Richter zur Meinung gelangen, daß entweder irgend eine geheime Bestrebung neben den Ver- einszwecken verfolgt würde, oder daß thatsächlich eine feste Organisation bestände, und wie leicht greift nicht eine Tau- schung da Platz, sobald die Mitglieder eines Vereins durch socialistischen Geist verbunden sind! Nörgelnde, scandalirende, Vereinsspielerei treibende Liberale erscheinen Jedem ungefährlich, aber der socia- listische Geist der Brüderlichkeit flößt jedem Richtsocialisten die Furcht ein, es stecke eine geheime Macht dahinter. Also ein Todcsurtheil für die social-demokratischen Vereine ist jener Paragraph; während die Geheimbünde der Freimaurer von ihm natürlich ausgeschlossen sind. Trotz alledem ist dies noch nicht die schlimmste „Mausefalle". Es kommt noch der unübertreffliche§ 130 in seiner neuen Form, den wir im nächsten Artikel be- trachten werden. Deutscher Reichstag. Die erste Lesung des Gesetz-Enttvurfs, betreffend die Erhöhung der Brausreucr. (Schluß.) Präsident: Der Herr Staatä-Minister Camphausen hat da � Wort. Bevollmächtigter zum Bundesrath für das Königreich Preußen, Vizepräsideut des Staatsministeriums, Staats- und Finanzminister Camp hausen: Meine Herren, ich habe den Vorzug entbehrt, die Rede des Herrn Vorredners vollständig zu vernehmen, ich bin soeben auf diesen Platz zurückgekehrt und höre, daß Bemerkungen über meine neuliche Acußerung wegen des Bankdiskonto gefallen sind. Darin wurde ein harter Tadel und eine harte Anschuldigung der Bankverwal- tung gefunden, während ich nichts ausgesprochen habe und nichts habe ausspreche» wollen, als daß ich eine Herabsetzung des Bankdiskonto für nahe devorstehend hielt, und ich kann Ihnen mittheilen, nach der Mittheilung, die mein Nachbar mir gemacht hat, daß diese Herabsetzung heute erfolgt ist.(Heiterteit.) Dabei der Bankverwaltung einen be- Sinderen Vorwurf zu machen, ist mir nicht in den Sinn gekommen und at mir nicht in den Sinn kommen können. Es war vollständig rich- tig, daß unsere Bankverwaltung Ende September zur Erhöhung deS Diskonto auf den ungewöhnlichen Satz von 6 Prozent überging, der übrigens im Vorjahre ungefähr um dieselbe Zeit auch hatte gewählt werden müssen. Diese Diskontopolitik hat dem Lande große Vortheile verschafft, sie hat dazu geführt, die Wechsclcourse angemessen zu stellen, sie hat dazu geführt, in Verbindung mit früheren Schritten Gold in's Land zu führen und unsere Goldmünzen im Lande zurückbehalten. Wie in dieser»eulichen einfachen Aeußerung eine große Anschuldigung gegen die preußische Hauptbank hat gefunden werden können, ist mir geradezu unverständlich. Dann habe ich aus den Aeußerungen des Herrn Redners noch entnommen, daß ich, glaube ich, indem ich einmal bei einer früheren Verhandlung darauf hingewiesen habe, daß die große Majorität deS Reichstags den Schritt mitgetha» habe, daß ich damit hätte meine Ver antwortlichkeit dem Reichstage gegenüber ablehnen wollen. Nun, meine Herren, ich bin mir nicht allein— und ich habe das übrigens schon öfter ausgesprochen— nicht allein vollständig meiner Verantwortlichkeit an dieser Maßregel wegen Einführung der Goldwährung bewußt, son- der», meine Herren, ich betrachte das unter den wenigen Dingen, die mit zu Stande zu bringen mir vergönnt gewesen ist, als eine der wichtigsten Maßregeln, und hoffe, in später Zukunft mit Stolz darauf zu- riickblicken zu dürfen, trotz aller Nörgeleien und Anfechtungen, die diese große Maßregel in unserem Vaterlande gesunden hat. Endlich, meine Herren, schließe ich aus dem Umstände, daß diese Bemerkungen an die Steuervorlagen angeknüpft werden, als wenn muthmahlich der Redner wohl ausgesprochen haben möchte, ich hätte diese Steuervorlagen im Suche gelassen und ich schöbe dem Reichstag die Verantwortlichkeit dafür zu. Aber, meine Herren, wie ist das nur möglich nach den Darlegungen, die ich neulich gemacht habe,»ach den Darlegungen, wo ich auseinandergesetzt habe, daß rs vorn das Reich im Jahre 1875, wenn die Berechnungen des Reichskanzleramts-Präsi- denten richtig sind, mit einem Defizit von 40 Millionen Mark gewirth- schattet hat, daß das Reich in der Lage sei, in dem Etat pro 1870 Zuschüsse aus den früheren Jahren für den Betrag von 32,368,,, Uhr. im Lokale des Herrn Schultz in Barmbeck am Markt, Gemeinsame Metallarbeiter- Vers amml. T.-O.: Die Eisen-Jndustrie. Referent: Herr Rönnekamp. Jeder Metallarbeiter muß am Platze sein. (F. 89.) I. A.: I. D. Schultz.]2,40] Ärtt-llitt-rt Sonnabend, 4. December, •ylllUIUZ, Abends 8' 3 Uhr, im Lokale des Herrn Geißler, Geschlossene Mitgliederversammlung des Social- dcmokr. WahlvcreinS. Tagesordn.: Die Frauen in der heutigen Gesellschaft. ! Die Versammlungen finden regelmäßig jeden Sonnabend statt. Reue Mitglieder werden aufgenommen. Parteigenossen, laßt die Lauheit fallen und seid auf dem Poste». (F. 59.)__ Janitsch.[3,20]. tXijrtl Sonnabend, den 4. Dcc., »Jl ltl. Ab. 8 Uhr, im Engt. Garten Partei-Versammlung. Tagesordnung wird in der Versammlung bekannt gemacht. Alle Parteigen, müssen erscheinen. Chr. Starck.[ 1,10 j Sonntag, 5. December, "'||vU. Vorm. 11 Uhr, bei Hrn. Brandenberg, Grabenstr., Oeffentl. Versammlung ! des Socialistischen Arbeiter- Wahl- Vereins. Tagesordn.: Die heutigen Rechtsbegrisst über das Eigcnthum. Referent: Herr Raspe. (F. 45.)' A. Krem er.[2,20} Gclfenfircheu. 6.sC"i.S im Lokale d. Hrn. M. Hellmer, Käiserstr. 202, wichtige Angelegenheiten, sowie eine be- kannte Abrechnung erledigt werden. Alle Parteigenossen werden aufgefordert, zu er- scheinen. Diejenigen P., welche an der abzurechnenden Angelegenheit betheiligt sind und nicht erscheinen, sollen in den Partei- Organen öffentlich genannt werden. (F. 100.) Der Agent.[2,20] Vei-goilter-KellüIIk. Für einen jungen Vergolder-Gchülfen (Rahmenarbeiter) ist gleich ein fester Platz ledig in einem der größten Ateliers Kopen- Hagens.(0550)(F. 100.)[6,00] Forderungen und Mittheilungen werden franco erbeten unter 51. II. 8787 an das Annoncen-Bureau Aug. J. Wollt'& f'0' in KOpt-nhagen, mit Zeugniß(Co?ie> daß der Suchende ein tüchtiger, ordentlich�' und schneller Arbeiter erster Klasse ist. Dtuck und Vertag der Allg. deutschen Assocrarwne Buchdruckerei zu Berlin, Eingetragene Genoffenschaft, Kaiser-Franz-Grenadier-Platz«a. Verantwortlich für die Redactton: H. Lange in Berlin. Hierzu eine Beilage. Beilage zu Nr. 143 des„Neuen Social-Deinokrat". __ Freitag, den 5t. Dezember 1875. (Schluß aus dem Hauptblail.) Meine Herren! Praktisch maq ein solcher«'ieda� ke wohl etwas Kahres in sich tragen. An sich aber ist theoretisch doch.ichti�, daß oie Tin- kommensteuer eigentlich die richtige wäre, wenn man pe so veranlagen könnte, wie es das Recht und die Billigkeit mit sich bringt. wäre das Natürlichste— und das Natürliche ist immer d.s Richtige—, wenn' jeder Staatsbürger nach dem Maße seines Vermögens seine Quote für den Staat direkt hergäbe. Da daS o' er n'cht ausführ- ka. und sich durch alle Zeiten unausf''.�rbar erwiesen hat, so hat man dem Einkommen der einzeln. n Staatsbürger in einer anderen Art beizukommen sich bemüht u-.o ist dann auf die indirekten Steuern gekommen. Dabei bin icb ganz damit einverstanden, daß man so viel wie thunlich a"s den indirekten Steuern nehmen muß, daß man den?...arif bis auf wenige Positionen, auf die sogenannten Finanz..Positionen reduziren soll, wie der Herr Reichskanzler es. oargelegt hat. Aber mit dem also Gewonnenen wird man i...iner auskommen, wenn wir nicht unendlich viel sparsamer we'�..>. Wir werden nimmer auch der direkten Steuern nicht entbehren können, und ich glaube, so lange die Welt steht, werden wir das gemischte Steuersystem behalten. Uebrigens glaube ich nicht, daß der Versuch des Herrn Reichskanz- lers, diese Vorlagen als den Anfang einer Steuerreform nach der Richtung seines Ideals darzulegen, vollständig gelungen ist. Zunächst hat der geehrte Herr selbst gesagt, daß die von ihm gegebenen Aussüh- rungcn nur seine eigenen Ansichten seien. Er hat uns die unendlichen Schwierigkeiten dargelegt, im deutschen Reich nnt den verschiedenen Regierungen und den verschiedenen legislativen Körpe» ein allgemein zutreffendes Steuersystem so aufzustellen, daß man es als das des Bundesraths, also das der vereinigten Regierungen ansehen könne. AuS der Darlegung dieser Schwierigkeit folgt für mich, daß ein eigent- liches festgestelltes System der deutschen Regierungen für die Steuer- rcform nichk vorliegt. So lange dieses System der Bundesregierungen aber nicht vorliegt, können wir uns auf die Diskussion eines solchen überhaupt gar nicht mit Erfolg einlassen, auch nicht annehmen, daß die Vorlagen einzelner neuen Steuern der Anfang der Ausführung solchen Systems seien.. Auch darf ich wohl sagen, daß ich in der ganzen Diskussion, die bis zur Rede des Herrn Ministerpräsidenten stattgefunden hat, von der Idee sehr wenig gehört habe, daß mit den gegenwärtigen Vorlagen eine Steuerreform in Aussicht genommen sei. Es handelte sich in der Thai immer um die Frage: werden wir für das Jahr 1876 eine Ver- mehrung der Einnahmen nöthig haben und wollen wir diese Einnahmen durch diese Steuer beivirken? Also handelt es sich um neue Steuern, und nicht»in eine Steuerreforin. Es ist sodann in den Steuervorlagen noch eine Steuerreform gefunden mit Rücksicht auf die Matrikularbeiträge. Ich begreife, daß die Regierungen, und insbesondere die kleineren, namentlich die thüringischen, die Matrikularbeiträge sehr unangenehm empfinden. Ja, ich kann mir denken, daß der Druck dieser Matrikularbeiträge so stark wird, daß sie die kleineren Staaten erdrücken.nnß ich frei aussvrechen finde ich das Budget äußerst mäßig; die Gebältcc der obe-n Beamten und Offiziere sin» unz veifelhaft zu hoch, da kö 6- und sollte viel gestrichen weroen; allein das Gros der Ausgibtzi, das Budget für die Soldaten, wird Niemand gerechterweise zu ho h si ide a lünnen. Jni Gegentheil! Es ist eine Thatsache, die keiner von Ihnen öesiceiten wird, daß unser deuts he Soloat nicht genügende Löhnung erhält, um eine menschenwürdige Existenz fiiftren, um die noth oenaigstea Bedürfnisse des Lebens befriedigen zu können; es ist eine Thitsa ye, saß diesem offiziellen Militärbudget zur Seite geht ein nichtö�izielles,! welches vom deutschen Volke direkt gezahlt wird: von»en Ellecn und Verwandten der Solvaten; und dieses Budget dürfte kaum weniger bedeutend sein, als das offizielle. Wenn wir einmal die Nothwendig- keit des Heeres, wie es jetzt besteht, anerkennen, dann muffe» wir auch die Nothwendigkeit eines genügenden Budgets anerkennen; und da das jetzige Budget den Anforderungen des Militarismus unleugbar noch nicht genügt, so müssen: wir auch anerkennen, daß die Regierung be- rciitigt ist. neue Steuern zu fordern. Aber ist das herrschende lilitärsystem denn in der That nothwendig? Gereicht es wirklich dem Vaterlande zum Heil? Verträgt es sich mit den Interessen des Volks? Das ist die Frage, aus die Alles ankommt. Man sagt»ns, die Miliärorzanisatio», welche wir jetzt haben, sei die beste, welche über- Haupt möglich; jedes andere Militärsystem sei verkehrt, oder doch von untecgsordnetem Werth. Das leugne ich von vornherein, ich behaupte, naß das Milizsystem, das BolkSheer, welches ich schon vor acht Iah- ren im Reichstag zu vertheihigen die Ehre Hatto, weit besser ist zur Vertbeidigung des Vaterlandes, eine weit größere Machteittfaltunq gestattet, als das jetzt in Deutschland zur höchsten Äolltommenheit gebrachte System der stehenden Heere. Man redet uns zwar vor, wir haben in Deutschland die allgemeine Wehrhastigkeit, aber, meine Herren, es ist das eine Fiktion, ein Ausfluß jener politischen Heuchelei, von welcher der Herr Fursi Reichskanzler einst gesprochen hat. Wir haben keine allgemeine Wehrhastigkeit! Nur eine Minorität der wehrfähigen Bevölkerung steht in Deutschland unter den Waffen oder wird in den Waffen geübt; die große Mehrheit der wehrfähigen Bevölkerung wird nicht wehrtüchttg gemacht. Hätten wir das Milizfystem, so wurden wir mindestens L�/zmal so viel Soldaten haben als heute; und wenn die große J�ee des Mannes, den man bei anderen Gelegenheiten so gern zitirte, dessen Geist man so oft für das heutige Reich angerufen hat— 1 wenn der Gedanke Fichtes, den er in seiner„Rede an die deutsche Nation" ausführt, sich verivirilichte und„ein großes nationales Erziehunqssystem" begründet würde, welches zu gleicher Zeit auch die Wehrbaftniachunq der Jugend umfaßt,— dann hätten wir eine Rülizarrnee, die an sich ebenso tüchtig wäre, wie das bestgedrillte stehende Heer und obendrein weit zahlreicher, folglich zur Bertheidigung des Vaterlandes viel besser geeignet. Allerdings wurde hier im Reichstage vor'/« Jahren bei Berathung des Septennats vom Feld- Marschall Moltke die Behauptung ausgestellt, die Geschichte habe den Beweis geliefert, daß das Milizsystem nichts tauge und das einzige historische Beispiel der erfolgreichen Anwendung dieses Systems im Großen, die glorreichen Thaten der französischen Freiwilligen vom Jahre 179l bis 1794 hätten sich als historisches Truggebilde er- wiesen, es sei von einem Franzosen, Namens Rousset, ein Buch ge- schrieben worden, welches den aktenmäßigen Beweis führe, daß, was bisher über jene Freiwilligen erzählt worden, vollständig falsch sei. Das Buch eristirt, meine Herren, aber gerade dieses Buch schlägt der Wahrheit ins Gesicht. Auf die Geschichte der damaligen Zeit zuriickzu- greisen, kann natürlich hier nicht in meinem Plane liegen, aber die eine Thatsache steht fest: die französische Volontär» rniee ist es gewesen, welche das revolutionäre Frankreich von der Invasion des monarchischen Europa gerettet, die gedrillten Armeen des monarchischen Europa besiegt hat. Daß diese Freiwilligen, diese Revolutionssoldaten von den damaligen Berufssoldaten, von den coyalistischen Offizieren gehaßt und in den Berichten an das Kriegsministerium angeschwärzt wurden, das ist eine Erscheinung, die sehr natürlich ist, und über die sich na- mentlich kein Preuße wird wundern können, denn es ist sattsam be- kannt, daß auch der preußischen Landwehr, den Milizsoldaten, denen wir unsere Siege in sen Befreiungskriegen von 1818 verdanken— daß auch ihnen nachgesagt wurde, sie seien keine tüchtigen Soldaten gewesen; ja aus höchstem Munde wurde 1814, bei dem Einzüge in Paris, ein sehr ungünstiges Zeugniß über die Landwehr gefällt, Aber jeder Preuße und Deutsche fühlt trotzdem sein Herz höher schlagen, wenn er der Thaten jener deutschen Volkswehr gedenkt. Sie hat die Schlachten von damals geschlagen, die Sieze von damals erfochten und die ungünstigen Nrtheile der Berufssoldaten waren diktirt durch dasselbe Vorurtheil, welches die französischen Berusssoldaten in den Jahren 1791, 92, 93 und 94 gegen die revolutionäre Armee Frankreichs beseelte, Und bloß diese parteiischen Zeugnisse sind es, welche in dem Roussetschen Buche gesammelt find. Solche Zeugnisse sind absolut wcrthlos. lieber den relativen Werth von VoliSsoldaten und einer stehenden Armee hat der letzte Krieg praktischen Ausschluß gegeben, Wenige Wochen reichten hin, um das stehende Heer Bonapartes nieder- zuiverfen. Einige gewaltige Hammerschläge— und es lag zerschmettert am Boden. Aber war der Krieg damit zu Ende? Nein, noch sechs Monate hat das ohne jegliche Vorbereitung improvisirte Volksheer Frankreichs sich vertheidigt, lRufe: Zur Sache l' Brausteuer!) und wahr- lich, der Sieg war den deutschen Armeen nicht leicht! Jedenfalls zeigte sich die Volkswehr, obgleich unter ben ungünstigsten Bedingungen orga- nisirt, weit tüchttger zur Bertheidigung des Landes, als es das stehende Heer gewesen war.— Dies, meine Herren, ein Beweis dafür, daß ein Milizheer den militärischen Anforderungen besser entspricht, als ein stehendes Heer. Freilich Einen Nachthcil hat das Milizsystem; einer der größten Generale der Neuzeir, Marschall Radetzky, sagt: militärisch läßt sich das System nicht bekämpfen, aber es walten politische Bedenken gegen dasselbe ob. Und was sind diese politischen Bedenken, meine Herren? Ein Milizheer, das wirkliche„Volk in Waffen", ist bloß zu gebrauchen gegen den auswärtigen Feind, es läßt sich nicht ge- brauchen gegen den sogenannten„inneren Feind", nicht zur Aufrecht- erhaltung der Klaffenherrschafast. Und dazu will man in Deutschland die Soldaten gebrauchen. Es i't dies offen ausgesprochen in den Mo- tiven zum Militäretat bei dem Passus über offene Städte Seite 293. Es sind nur ein paar Zeilen, die ich hier verlesen will; es ist wichtig für uns, daß das deutsche Volk erfährt, wofür die heutige Armee da ist: „Dem als Kommandanten von Altona und gleichzeitig dem als Kommandant der in Hamburg garnisonirenden Truppen fungirenden Offizier fällt es zu, bei Störungen der öffentlichen Ordnung die obere Leitung der Truppen in dem Komplex von Städten und Ortschaften zu übernehmen, dessen Kern die Städte Hamburg und Altona bilden." „Es entzieht sich dieser Erörterung, in wie weit von gewissen Theilen der dort fluktuirenven, zahlreichen Bevölkerung solche Ruhestörungen zu besorgen sind. Die Größe des eventuell zu schützenden Eigenthums und die Bedeutung von Hamburg lassen jedenfalls eine Ruhestörung daselbst besonders verhängnißvoll, die energische, schnelle Unterdrückung einer solchen besonders nothwendig erscheinen. Zu diesem letzteren Zwecke wird die Einsetzung eines besonderen Kommandanten von militärischem Standpunkte aus unerläßlich." Genau dasselbe, nur kürzer, wird gesagt von Frankfurt am Main, wo eine zahlreiche, agitatorischen Einflüssen theilweise leicht zugängliche Bevölkerung auf engem Raums versammelt sei.-- Nun, das ist deutlich! Wir iviffen nu», wozu das deutsche Heer gebraucht wird, und warum unsere Machthaber dem Milizensystem, welches unendlich billiger ist, welches finanziell weit weniger auf den« Volke lasset, ihr« Zustimmung nicht geben wollen. Ich sagte: es lastet finanziell weit weniger auf dem Bolk; wenn wir die Berechnungen der Schweiz zu Grunde legen, so würde ein Bolksheer bei zweieinhalbmal so hohem Betrage uns bloß die Hälfte deffen kosten, ivas das jetzige Heer kostet, und der Soldat iin Dienste wäre viel besser verpflegt, als es heute verpflegt ist. Ader, so wendet man häufig ein, wir können doch nicht im jetzigen Momente abrüsten, Ivo ganz Europa in Waffen starrt. In gewissem Grade ist das vollkommen richttg,— aber warum starrt Europa in Waffen? Worum schweben wir beständig in Kriegsgefahr? Geht diese Unsicherheit, die'« permanent« Kriezsgesuhr etwa nicht aus den politi- schen Verh iltniffen hervor? Ist sie nicht die nothwendig« Frucht des politischen Systems, das diesseits und jenseits des Rheins herrscht? Nehmen Sie aü, meine Herren, wir hätten vor 1370 in Frankreich und in Deutschland wirklich freiheitliche Zustände gehabt,— wäre damals eine Krieg möglich gewesen? Würde der freie französische Arbeiter, der freie französische Bauer, der freie französische Bürger sich gegen den Deutschen haben hetzen lassen? Würde der freie Deutschs sich'gegen Franzosen haben hetzen lassen? Uns haben die Franzosen nichts ge- than, den Franzosen hat das deutsche Volk nichts gethan, das Volk würde sich von denen, die es in den Krieg treiben wollten, abgewandt und ihnen gesagt haben: Wenn ihr ein Duell wollt, gut! aber dann nicht ein Duell" der Völker, sondern ein persönliches Duell, das ihr kriegslustigen Herrn unter einander selbst avmachen müht! das Volk hat mit eurem Krakehl nichts zu thun. Ein freies Volk drüben iind und hüben— das wäre die sicherste Fricdensbürgschast: die einzige wirkliche Friedensbürgschaft. Die jetzige Lage Deutschlands und Europas kann Niemand überraschen, der die Entwicklung der Dinge verfolgt hat. Sie ließ sich von jedem vernünsttge» Menschen voraus- sehen. Als im Jahre 1870 die Annexion von Elsaß-Lothringen zuerst auf die Tagesordnung kam, wurde von Seiten der wenigen sozial- demokratischen Abgeoroneten im Reichstag Protest erhoben; wir erklärte», die Annexon ist nicht bloß ein Verbrechen— Verbrechen wiegen leicht in der Politik, für welche der moralische Standpunkr nicht eristirt — es ist weit mehr als ein Verbrechen: es ist ein Fehler,— Elsaß- Lothringen wird c n Dorn im Fleische Deutschlands, wird ein deutsches Venctien; statt ein:s Machtzuwachses eine Machtverminderung und eine Quelle beständiger Kriegsgefahr für uns; die Franzosen werden zu wildem Hasse gereizt, ihre Revanchegelüste genährt; Frankreich wird -gewaltsam zum Bundesgenossen jedes uns feindlichen Staates gemacht, und der Schrot, unkt der politischen Macht in Europa wird nicht von Parts nach Berlin, sondern von Paris nach Petersburg; und unser „Erbfreund" dort an der Neva wird der Schiedsrichter Europas.(Leb- hafte Unruhe.) Präsident: Ich muß den Herrn Redner jetzt ersuchen, zur Sache zu sprechen. Abgeordneter Liebknecht: Ich bin durchaus bei der Sache. Die Steuersorderung geht hervor aus der gegenwärtige�Zinanzlage und die Finanzlage geht hervor aus unserer politischen Lage, aus dem herrschenden System..Es ist eines gar nicht von jdem anderen zu trennen. Meine Herren! Wir protestirten von diesem Standpunkte aus gegen die Annexion; wir erklärten, sie wird eine beständige Kriegsgefahr für Deutschland sein, sie wird zur nothwendigen Folge haben, daß Deutschland größere Rüstungen macht, daß neue Steuern uns auferlegt werden. Dem wurde widersprochen; es wurde geantwortet: wenn die Franzosen gründlich besiegt sind, wenn ihnen die Festungen Straßburg und Metz, die Ausfallthore, weggenommen sind, dann werden sie keinen Krieg mehr gegen Deutschland wagen, dann kann die Militärlast dem deutschen Volke abgenommen, die Steuern können vermindert werden; es wird eine Aera des Friedens, der Freiheit, des Wohlstandes für Deutschland anbrechen. Nun, meine Herren, seitdem sind fünf Jahre verflossen; wer hat Recht gehabt: die Socialdemokraten, die damals im Reichstage ihre Stimme erhoben, oder die großen Staatsmänner und Vertreter der Staatsmänner, welche uns entgegen getreten sind? Alles, ivas wir damals voraussahen, es ist in Erfüllung gegangen und die Finanznoth, in der die Regierung sich jetzt befindet, läßt sich ganz direkt aus die politischen Fehler, welche damals begangen worden sind, zurückführen. Es ist das Resultat der Blut- und Eisenpolitik, die binnen wenigen Jahren uns drei große Kriege gebracht hat, von denen der zweite mit Rothwendigkeit aus dem ersten, der dritte mit Roth- wendigkeit aus dem zweiten hervorgegangen ist. Eine solche Politik wird, wenn ihr nicht Einhalt gethan wird, uns auch in weitere Kriege hineintreiben Ist das deutsche Volk seit 1871 entlastet worden? Nein! die Steuern sind vermehrt worden. Hat die Kriegsgesahr abgenommen? Ich dächte, für diejenigen, die bezweifeln, daß wir in beständiger Kriegsgefahr sind, mußte der einfache Hinweis auf die Ereignisse des vorigen Frühjahrs genügen. Damals entstand plötzlich eine Panik; in einer Zeitung, welche der Spitze der Regierung nahe steht, erschien ein Artikel welcher ankündigte, daß„Krieg in Sicht" sei. Es wurde ein Verbot der Pferdeausfuhr erlassen. Die offiziöse Presse, welche ja voll- ständig unter der Leitung von oben ist, brachte Arkitel, die Jeden daran glauben lassen mußten, daß ein Krieg unmittelbar drohe. Nun, es ist nicht zum Kriege gekommen, aber durch die Enthüllungen im englischen Parlamente ist die Thatsache bekannt geworden, daß allerdings die Kriegsbefürchtungen wohl begründet waren, daß die Kriegsgesahr eine ernste gewesen; daß wirklich die Absicht bestanden hatte, lieber Frankreich gegenüber das Prävenire zu spielen, als zu warten, bis Frankreich ge> rüstet genug ist, um unter ihm gunstigen Chancen den Krieg zu begin- neu. Meine Herren! Eine schärfere Verurtheilung der auswärtigen Politik, eine schärfere Verurtheilung der Politik namentlich, wie sie sich in der Annerion von Elsaß-Lothringen kund gethan hat, läßt sich überhaupt nicht denken.(Ruf: Zur Sache!) Und was hat diese Annerion uns weiter gebracht? Die Freihett auf allen Eebielen beschränkt, den letzten Rest von Prcßsreiheit, den uns das reaktionäre Regiment Manteuffels übrig gelassen, uns entrissen.... Präsident: Der Herr Redner spricht jetzt ganz entschieden nicht mehr zur Sache, und ich ersuche ihn jetzt, zur Sache zu sprechen, und zwar rufe ich ihn zur Sache mit den Wirkungen der Geschäftsordnung zum ersten Mal. Abgeordneter Liebknecht-. Meine Herren! Sie werden schon noch zu hören bekommen, was ich Ihnen zu sagen habe!(Heiterkeit.) Es ist einfach nicht möglich, die Steuerforderung der Regierung von der politischen Lage zu trennen, und ich glaube, indem der Herr Präsi- dent eben erklärte, daß er mich zum ersten Mal zur Sache verweise, hat er damit anerkannt, daß ich vorhin vollständig im Rechte war, als ich mich auf dem Gebiet der auswärtigen Politik bewegte.(Heiterkeit.) Präsident: Ich lasse mich auf Diskussionen hinsichttich der Rechtfertigung meiner Aeußerungen mit dem Herrn Redner nicht ein. Ich habe zum zweiten Male den Ruf zur Sache»ur markirt nach den Vorschriften der Geschäftsordnung, welche, wenn ich dem Ruf zur Sache weitere Folge geben will, mich nöthigt, auf die Folgen besonders aus- merksam zu mächen..,, Abgeordneter Liebknecht: Gut!(Große Heiterkeit.)»ehen wir ab von der politischen Krisis, ivelche wir im letzten Frühjahr gehabt haben— schon ins dritte Jahr leiden wir jetzt unter den Wirkungen einer anderen Krisis, einer ökonomischen Krisis, die wahrlich in ernste Erwägung gezogen werden muß. Wenn man einein Volke Steuern zu- muthet dann muß auch dieses Volk in der Lage sein. Steuern bezahlen zu können. Ueber die Krisis, in der wir uns befinden, ist hier in den letzten Tagen viel hin- und hergeredet worden. Auch die Thronrede erwähnte derselben mit folgenden Worten: „Wenn in Handel und Verkehr dennoch gegenwärtig eine der Stagnationen stattfindet, wie sie in, Lause der Zeit periodisch wiederkehren, so liegt es leider nicht in der Macht der Regie- rungen, diesem Uebelstande abzuhelfen, der sich in anderen Ländern in gleicher Weise wie in Deutschland fühlbar macht." In der Thronrede wird also die Krisis vollständig anerkannt, auch die Ohnmachl der Regierung ihr gegenüber, indem erklärt wird, daß solche Krisen periodisch wiederzukehren pflegen, so zu sagen unvermeid- liche Natuereignisse seien. Es ist allerdings richtig, diese Krisen sind unvermeidlich in der heutigen Gesellschaft und es wäre thöricht, wenn eine der verschiedenen volkswirthschaftlichen Parteien im Reichstage der anderen den Vorwurf machen wollte, sie sei mehr oder weniger schuld an der gegenwärtigen Krisis! Die Ursache der Krisis liegt in der jetzigen kapitalistischen Produktionsweise, die planlos, im Interesse des Privatproduzenten, darauflos Maaren erzeugt, statt daß Konsum und Produktion im allgemeinen Interesse von einer Central-Leitung aus regulirt werden, so daß die Produktion mit der Konsumtion gleichen Schritt halten könnte. Bei der heutigen Produktionsweise werden Sie solche Krisen nicht vermeiden können— und in der Konstatirung dieser Thatsache liegt die Bankcrotterklärung der heutigen Gesellschaft— aber bei Erwägung des SteuerprojektS fällt es schwer ins Gewicht, daß Deutschland hart unter dem Druck der Krisis leidet. Wohl hat man ausgesprochen, daß ein wirklicher Nothstand nicht bestände. Es ist er- klärt worden, die Lage der Arbeiter sei im ganzen genommen eine ziemlich günstige. Run, meine Herren, es ist in Wahrheit ein Roth- stand vorhanden, ein schwerer Nothstand. Denjenigen von Ihnen, die daran zweifeln, rufe ich zu: gehen Sie einmal in das sächsische Erzge- birge gehen Sie an den Rhein, nach Schlesien, gehen Sie nach Luckenwalde wo ich vorigen Sonnabend war, Sie werden dort ein herzzer- reißendes Schauspiel menschlichen Elends sehen;(Unruhe.) und wer dieses Schauspiel vor Augen hat, der vereine es mit seinem Gewissen, diesem darbenden, armen Volke neue Steuern aufzuladen! Es ist er- klärt worden, allerdings nicht im Reichstage, aber von Männern, die dem Reichstage angehören und auch in amtlicher Stellung sich befin- den, daß die Krisis weieutlich dadurch hervorgerufen sei. daß in Deutsch- land zu theuer produzirt werde, daß die Arbeitslöhne zu hoch seien. Das ist unrichtig. Die Arbeitslöhne sind+n Deutschland wahrlich niemals zu hoch gewesen. Die erhöhten Löhne in den Zeiten der Pro- sperität sind nur die Brosame», welche vom Tische der reichen Arbeit- geber in den Schoß des arbeitenden Volkes gefallen sind. Zu keiner Zeit waren die Löhne so hoch, daß die arbeitende Klasse den nothwen- dige» Anforderungen, welche ein menschenwürdiges Dasein an den Menschen stellt, vollauf hätte genügen, geschweige denn, wie man gm- dct hat dem Lurus Hätte stöhnen können. Trotzdem ist sogar von, Ministertisch aus gesagt worden, die Löhne seien zu hoch, im Interesse der deutschen Industrie Müßten sie reducirt werden. Unsere Bourgeoisie ist aus allen Arbeitsgebieten diesem Rathe mit Freuden nachgekommen, sie hat das R-cept genau befolgt und die Löhne aufs Aeuherste herabgesetzt. Außerdem haben Massenenrlassungen von Arbeitern stattgehabt und haben noch statt, und, was wie ein Widerspruch erscheint; während es an Arbeit fehlt, wird de» relativ wenigen Arbeitern, die m Arbeit sind, längere Arbeitszeit zuqeinuthet. Sie müssen sichs gefallen lassen, weil man in den auf dem Pflaster liegende» Arbeitern den in Arbeit stehenden Arbeitern eine Konkurrenzarmee geschaffen hat, durch die mau letztere vollständig im Zaume und niederhalten kann. Man darf sich nicht wundern, daß, wenn aus dein Mlmde eines Ministers selbst, und zwar des preußischen Finanzministers, welcher hier als Bundes- kommiffar anwesend ist, die Loosung ausgegeben wurde, die Arbeiter müssen niedrigere Löhne erhalten,— diese Loosung im vollsten Maße befolgt wurde. Aber durch die niedrigen Löhne, wie sie jetzt herrschen, durch die Arbeitslosigkeit, welche daneben eristirt, ist ein Zustand ge- schaffen worden, der es dem Volke ganz unmöglich macht, mehr Steuern zu bezahlen. Ich möchte den anwesenden Herrn Bundeskommissar fra- gen, wie er das i» Hannonie bringen will, wenn er auf der einen Seite die Loosung„Niedrigere Löhne für das Volk!" ausgiebt und auf der anderen Seite dem arbeitslosen oder auf der niedersten Lohnstuse auf.Hungerlohn gesetzten Volke neue Steuern absordert! Ich lasse mich nicht ein auf die Details der vor uns liegende« Steuern. Es ist ganz gleichgültig, ob wir es mit einer Steuer zu thun haben, die diesen oder jenen Namen trägt, mit einer Börsensteuer, Tabakssteuer, Brausteuer, oder wie sie sonst heißen mag. Wie die Verhältnisse heutzutage liegen, das habe ich schon angedeutet, fällt jede Steuer mit mehr oder weniger Wucht auf das arbeitende Volk. Das Volk ist in Noth. Es ist in Roth nicht durch feine Schuld, sondern durch die Schuld des falschen wirthschafttichen und ökonomischen Systems, welches jetzt herrscht. Wenn mit vollem Rechte die Thronrede betont hat, daß die Geschäftskrisis, wie sie heute existirt, unvermeidlich sei in der bürgerlichen Welt, so ist andererseits seststehend, daß die Krisis in Deutschland durch die Gesetz- gebung von oben herab verschärst worden ist. Die Gesetzgebung des deutschen Reichs war wesentlich eine Gesetzgebung für das Groß- kapital, für die Großbourgeoisie. Die letzten Schranken, die das kleine Kapital von deni großen Kapital schützte», wurden niedergerissen, und der Nothstand, über den namentlich das kleine Kapital klagt— er ist unzweifelhaft durch die Gesetzgebung des Reichstags wesentlich gefördert worden. Auch läßt sich nicht leugnen, daß gerade von Seiten der obersten Behörde in Deutschland jener Schwindel, für den vorgestern das deutsche Volk verantwortlich gemacht werden sollte, begünstigt wor- den ist. Meine Herren! Das Volk hat mit diesem Schwindel nichts zu schaffen; das Volk hat ihn nicht herbeigeführt, und es hat ihn nicht mitgemacht. Das Volk— es ist ehrlich;'das Volk, es hat zu allen Zeiten, wo es momentan wirklich em Besitz der Macht gewesen ist, ge- zeigt, daß es durch und durch ehrlich ist. Ich erinnere Sie an die alte französische Revolution, an die Revolution von 1830 und 1848 in Paris, an den Kommuneaufftand, an die Atärzrevolution und sonst— wo überall das Volk das Eigenthum als„heilig" betrachtete, nicht wollte, daß man es mit Dieben zusammenwerfe. Das Volk hat nicht gestohlen,— von oben her ist das Beispiel gegeben worden, von oben her ist der Schwindel begünstigt worden, und zwar— es muß hixr ausgesprochen werden— ganz direkt von Behörden des Reichs. Ich erinnere Sie a.n die Thatsache, daß aus der Seehandlung für 2'/» Prozent der Diskontogesellschast kolossale Summen Geldes vorge- schössen worden sind. Jedermann kennt die Diskontogesellschast und weiß, zu welchem Zweck die Gelder gegeben wurden. Ein anderes Beispiel! Neulich kam die Angelegenheit des Jnvalidensonds hier vor. Der deutsche Reichstag hat den wahren Gründern des Reichs, denen, die mit ihrem Blute auf den Schlachtfeldern Frankreichs das Reich ge- gründet haben, mit freigebiger Hand einen Fonds ausgesetzt, der aller- dings so hoch ist, daß dem Nothstand? in jenen Kreisen gesteuert werden kann. Nun, meine Herren, es ist an den Tag gekommen, daß von diesem Fonds, den die Reichsvertretung unter einstimmiger Billigung des Volkes bewilligt hat, ungeheure Summen an Leute verliehen und in Unternehmung?» gesteckt worden sind, die keineswegs als solide be- zeichnet werden können; mit anderen Worten, man hat von dem Geld? der Invaliden, von dem Gelde, welches heilig hätte sei» sollen, welches als eine heilige Schuld der Dankbarkeit, namentlich von Seiten der Leute angesehen werde» müßte, welche jetzt an der Spitze des Reiches stehen, man hat von diesem Geld- bedeutende Summen, viele Millionen an Männer gegeben, die so damit wirthschasteten, daß ich sagen kann, mit diesem Geld ist dem Schwindel Vorschub geleistet worden. Und dazu kommt noch, daß das Geld, welches in diese Nnterneh- münzen gesteckt wurde, gefährdet ist. Man hat wohl neulich hier einen Schleier über diese Vorgänge zu ziehen versucht, aber die Wahr- heit, sie soll und muß an daS Licht gezogen werden; und ich hoffe, daß bald die volle Wahrheit in Bezug auf die Zahlen ziffermäßig zu Tage kommen wird. Die Thatsache selbst, daß es sich so verhält, wie ich ge- sagt, wird'Niemand zu leugnen wagen. Genug, es ist von oben herab diesem Schwindel, der die jetzige wirthschasttiche Krisis verschlimmert und gesteigert hat, Vorschub geleistet worden; diesem Schwindel, der tief hineinreicht in die obersten Schichten der Gesellschaft, der tief hinein» reicht in die Beamtenkreise.(Gelächter.)— Meine Herren! Lachen Sic nicht; es ist dies ein Gegenstand sehr ernster Natur. Ich erinnere Sie bloß an die eine Thatsache, daß an anderer Stelle von dem Ab- geordneten Laster diese Frage angeregt wurde, und wie beflissen man damals war, diese ganze traurige, sehr traurige Angelegenheit dem Lichte der Oeffentlichkeit zu entziehen und sie vor eine königl. Kom- Mission zu bringen, wo dann die schmachvollen Thatsache» begraben worden sind! Präsident:'Der Herr Redner spricht jetzt offenbar nicht mehr zur Sache, und ich rufe ihn zum zweiten Male zur Sache. Abgeordneter Liebknecht: Ich habe hier nur meine Pflicht er- fällt; ich glaube, daß ich vollständig zur Sache gesprochen habe. Ich kann gegen die Geschäftsordnung, gegen die Art und Weise, wie sie gegen mich angewendet wird, nicht wirksam protestiren.— Genug, es st meine Pflicht, zu protestiren gegen die neue Auflage von Steuern, einerlei, welcher Art diese Steuern sind. Dem jetzigen System, welches auf politischem und auf flnanziellem, wie auf jedem anderen Gebiete in einer der Nation verderblichen Weise wirthschastet, welches Deutschland korrumpirt, knechtet und in beständige'Kriegsgefahr stürzt, welches dem Volke Lasten auferlegt, denen es nicht gewachsen ist,— diesem System muß prinzipiell von unserem Standpunkte aus jede Steuer ver- weigert werden, denn jede Steuer würde, meiner festen Ueberzeu- gung nach, nur zu volksfeindlichen Zwecken verwendet werden. Meine Herren! Der Reichstag ist seiner Majorität nach mit der jetzigen Politik, und zwar sowohl der äußeren als der inneren, und nanientlich auch der Wirthschaftspolitik, einverstanden, er ist der Rlit- schuldige in den Augen des Volkes. Ich weiß, daß wir hier im Hause vereinsamt stehen mit unseren Anschauungen; aber, meine Herren, für das deutsche Volk ist in der That der Moment gekommen, wo eS sich darüber klar werden muß, ob es ferner für ein System eintreten will, durch das es stnanziell und polirisch ruinirt und korrumpirt wird, oder ob es einen vollständiaen Bruch mit diesem System will, um Personen zu nennen— und Personen drücken ja ein Prinzip am deutlichsten aus— welches sich kennzeichnet durch die Person eines Stieb er und durch die Person eines Wagener, denselben Herrn Wagener, der, wie Sie wohl wissen werden, an den Rockschößen des Herrn Reichskanzlers hängt.(Große Heiterkeit.)— Meine Herren! Sie wünschen vielleicht, daß ich mich dahin berichtigen soll, zu sagen, daß der Herr Reichskanz- ler an den Rockschößen ves Herrn Wagener hängt? Wenn man gewisse Borgänge betrachtet, so könnte die letztere Lesart wohl als die richtigere erscheinen.(Unruhe.) Also unser Wahlspruch ist einfach: dem jetzigenSystem keinen Pfennig, sei es in Form welcher Steuer es wolle! Voll- ständiger Bruch mit diesem System! Präsident: Das Wort hat der Bevollmächtigte zum Bundesrath, Geheimer Finanzrath vr. Heerwart. Bevollmächtigter zum Bundesrath für das Großherzogthum Sachsen-.Weima-, Geheimer Finanzrath Hr. Heerwärt: Meine Herren, ich hatte gehofft, von der besonderen Stellung der kleineren Bundes- ftaaten zu der Steuervorlage hier schweigen zu können, weil der hohen Versammlung eine Vorlage des Bundesraths und nicht der Antrag einzelner Regierungen vorliegt, und weil diese Vorlage, wie ich hinzu- fügen darf, auf einem einstimmigen Beschluß des Bundesraths bcrubt. Allein die Stellung meiner Regierung zu dieser Vorlage ist einer solchen Reihe von Mißverständnissen ausgesetzt worden, daß ich nickt umhin kann, in später Stunde noch das Wort zu ergreifen. Zunächst möchte ich noch dem Herrn Abgeordneten Windthorst er- widern, daß feine Befürchtung, es könnte durch die Erhöhung der! Brausteucr und durch die Einführung einer Börsensteuer in den thüringischen Staaten wegadministrjrt werden, mir vollständig u»erklärlich> ist, und daß er soivohl wie seine politischen Freunde, welche ein'elbst- ständigeres Leben der Einzelstaaten wünschen, in dieser Beziehung nichts besseres thun können, als diese Vorlage anzunehmen, die es uns er. möglicht, eine freiere und selbstständigere Finanzverwaltung in den Einzelstaaten aufrecht zu erhalten. Denn, meine Herren, ein Gesichts- Punkt, der noch nicht genügend hervorgehoben wurde, ist der, dpß den Einzelstaaten durch die Reichsoerfassung die Gesetzgebung über die Verbrauchssteuern entzogen ist, sie also nicht in der Lage sind, für ihre eigenen Finanzen ein befriedigendes Verhältniß zwischen den indsrtklen Steuern und dem Theile des Budgets, der durch direkte Steuern auf- zubringen ist, herbeizufuhren; sie sind vielmehr in dieser Beziehung vollständig an das Reich gebunden, welches dafür meines Erachtens die Verpflichtung hat, sie in dem Bestreben zu Unterslützen, ein richti- ges Verhältniß in diesen Stcuerarten herzustellen. Ich kann ferner nicht umhin, noch auf einige Aeußerungen des Herrn Abgeordneten Richter zurückzukommen, die er in der vorgestrigen Sitzung gethan hat, und die ebenfalls beweisen, welchen unrichtigen Anschauungen die Stellung insbesondere der thüringischen Regierungen ausgesetzt gewesen ist. Ich muß mir zu diesem Zweck erlauben, einige Sätze auS seiner Rede zu wiederholen. Er hat gesagt: „Nun verweist man uns auf die kleinen Staaten. Ich finde es allerdings hart, daß Staaten, die wesentlich von Holzhauern, Ziegelbremiern und Hausirern bewohnt find, dasselbe an Matri- kularbeiträgen aufbringen sollen wie wohlhabende Staaten. Man braucht aber nur Nachlässe zu gewähre», wie das schon vor dem Jahre 1871 geschehen ist, und die Herren Hanseaten mittelst Zuschlägen etwas stärker heranzuziehen. Jedenfalls handelt es sich um einen Betrag von 100,000 Thalcrn oder Mark, wie man sie in Kollekten für Nothleidende aufzubringer pflegt. Eine solcke Rücksicht kann nicht die Achse für die Finan Politik eines großen Reiches abgeben. Das scheint allerdin j der weimarsche Minister gemeint zu haben, als er die Jnitiat e im Bundcsrath zu beiden Steuervvrlagen ergriff, denn ch kann nicht anne!> nen, daß er nur auS Gefälligkeit die K ta- nie» für den Reichskanzler aus dem Feuer holen wollte. Zch meine übrigens, daß es mit dieser anderweitigen Gestalt»-. der Matrikularbeiträge gar nicht solche Eile hat. An die no- oeut- scheu Staaten, also auch an die Kleinstaaten, sind in dc Iah- reu 1873 und 1874 126 Millionen Thaler aus der Kr gskon- tribution zur Vertheilung gekommen und diese Verthc.ung ist nach Maßgabe der Matrikularbeiträge erfolgt. Dam- 4 haben sich die Kleinstaaten über diesen Vcrtheilungsinodus nicht beschwert, während ich einen inneren Grund zu dems den nicht zu erkennen vermochte, denn die Kleinstaaten Hab i zu den Kriegskosten gar nichts beigetragen; sie haben in Folge ihrer srühren Kriegsverfaffung nicht einmal im Verhält- iß der Be- völkerungszahlen so viel Mannschaft stellen könne» rls Preußen. Die Kleinstaaten haben das Unrecht des geger.wä-.igen Verthei- lungsmaßstabes für eine Reihe von Jahren i-n v raus vergütet bekommen." Meine Herren! Ich überlasse es zunächst dem Herrn Abgeordneten, sich mit der Bevölkerung dieser alten Kulturstätten 1 eutschlands darüber auseinanderzusetzen, daß er sie in dieser Versr nmlung als eine Bevölkerung von Holzhauer», Hausirern und Ziegelb eunern hingestellt hat. Es wird ihm dies uni so leichter werden,< ts er früher selbst eine» Thcil dieser Bevölkerung vertrete» hat. Sodann möchte ich mich besonders gegen die Auffassung verwahren, als ob die thüringischen Staatezi zu den Kr cgskosten nichts bei- getragen haben. Meine Herren!.Haben denn v n den Jahren 186« bis 18/1 die thüringischen Staaten ihre Zölle u>d Verbrauchssteuern in der Tasche behalten, oder haben sie keine Matr kularbeiträge: ezahlt? Man sagt: ja, sie haben Nachlässe gehakt. Das ist allerdings richtig; indessen waren diese nur dazu bestimmt, den sch oierigen Uebergang zu den stärkeren Anforderungen des nordveutschcn Bundes zu erleichtern, und sie sind auch in der Zeit, in welcher se Nachlässe hatten, nach ihrer Leistungsfähigkcit ebenso stark herang- zogen gewesen, wie die übrigen Angehörigen des Bundes. Oder Hasen die Bevölkerungen an dem Kriege selbst nicht theilgenommen? E- würde in der Thät eine geringe Kenntniß der Kriegsgeichicktc bekunden, wenn man nicht wüßt«, welchen Antheil die thüringischen Regime iter an den Erfolgen des Krieges gehabt haben. Mit welche» Opfera dies geschehen ist, bezeugen die Denkmäler der Gefallenen. (Abgeordneter Richter(Hagen): Es ist ja alles falsch!) Es ist mir also völlig unerfindlich, wie man behaupten kann, es habe der Krieg den thüringischen Sta-ien nichts gekostet. (Abgeordneter Richter(Hagen): Ist e: denn der stenographische Bericht?) Ich muß also die Behauptung daß man uns auf die Kriegsent- schädigung als eine Vorausvergütung verweisen könnte,, zurückweisen, und gegen die Annahme, als ok es sich gewissermaßen um ein Geschenk bei derselben gehandelt habc, orotestiren. Meine Herren! Diese Steucrvoclagen sind allerdings ursprünglich angeregt worden von den kleineren Bundesstaaten; ich nehme gar leinen Anstand, das zu konstatircn, ui d bedaure nur, daß an diesen Ur- sprung hier besondere Diskussionen geknüpft worden sind. Aber ich möchte Ihnen doch zu erwägen geben, ob es nickt mit Rücksicht auf die Rothwendigkeit, in den einzelnen Staaten ein rationelles Verhält- niß herzustelle», zwischen den indirekten Stenern, zwischen demjenigen Theil der S.- tsbedürfniss:, die durch direkte Stevern aufzubringen sind, an der Pflicht des Reiches liegt/ die Einzelsta-.ten in diesen Re- sonnbestrebungen zu unterstützen. Ich empfehle Ihnen aus diesen, Gesichtspunlte nochmals die Annahme der Vorlagen. Präsident: Es ist der Schluß der ersten Berathung beantragt von dem Herrn Abgeordneten Valentin. Ich ersuche diejenigen Herren, aufzustehen, welche den Schlußant.ag unterstuyen wollen.(Geschieht.) Die Unterstützung reicht aus. Ich ersuche nunmehr diejenigen Herren, aufznstehen, respektive stehen zu bleiben, welche den Schluß der ersten Berathung beschließen wollen.(Geschieht.) Das ist die Majorität; die erste Berathung ist geschlossen. Zu einer persönlichen Bemerkung ertheile ich das Wort dem Herrn Abgeordneten Richter(Hagen). Abgeordneter Richter(Hagen): Der Herr Bundeskommissar bat aus einer stelle meiner Rede Schlußfolgerungen gezogen, welche mir eine persönliche Bemerkung zur Rothwendigkeit' machen. Wenn ich von Staaten gesprochen habe, die wesentlich von Ziegel hj brennern und Holzhauern bewohnt werden, so ergiebt der Zusammen- � hang der stenographischen Berichte, daß ich damit nur eine Bezeichnung wiederholte, welche Herr von Mim-.igcrvde in die vorgestrige Debatte eingeführt hat, und Herr von Minnigerode bezog sich damit allerdings auf eine Stelle in meiner vorigjährigen Rede' Damals machte ich aber das wesentlich gellend, um die thüringischen Staaten ror der Erhöhung der Matrikularbeiträge um 24 Millionen zu schützen. Es bedarf wohl keiner Widerlegung, daß, wenn ich gesagt habe, sie hätten zu den Kriegskoslen nichts beigetragen, ich nicht davon gesprochen habe, daß sie überhaupt keine Opfer für de» Krieg gebracht, oder daß sie von 1866 bis 1870 keine Matrikularbeiträge gezahlt haben. Wenn der Herr Bundeskommissar aus meiner Bemerkung gefol- gert hat, daß sie in Folge ihrer früheren Kriegsverfassung i.icht' so viel Mannsckaften hätten stellen können, wie der Bevölkerung entspricht, so ist es nicht entfernt meine Absicht gewesen, das, was die thüringischen Regimenter zum Kriege geleistet baben, in Frage zu stellen. Es be>og sich meine Bemerkung einfach darauf, daß man'dcn Maßstab der Mann-. schaflen, die am Kriege theilgenommen haben, der bekanntlich für die Vertheilung der Kriegsentschädigung angewendet worden ist, hierauf anwenden wollte, die thüringischen Staaten in Folge ihrer früheren KriegSverfassung— und jede Statistik sagt deni Herrn Bundeskommissar,- daß das richtig ist— nicht so viel Reservisten und Landwehrmänner haben stellen können, wie Preußen und die größeren Staaten. Präsident: Ich habe jetzt die Frage zu stellen, ob der Gesetz- entwurf, betressend die Erhöhung der Brausteuer, zur weiteren Vorbe- rathung an die Kommission verwiesen werden soll. Sollte der Reichstag die Verweisung an eine Kommission beschließen, so würde ich annehmen,- daß die Ueberweisung an die Butgetkominission erfolgen soll. ;ch eriuche demnach- diejenigen.Herreil, ivelche die Verweisung der �.orlage zur weiteren Vorberathuiig an eine Kommission beschließen- tiliszustehen.(Geschieht.) Das ist die Mehrheit; die Verweisung der Borlage an die Budgetkonimission ist beschlossen,