. 00) M. nm t» ii-CidSC Nr. 14?. Diese Zeitung erscheint dreimal wöchentlich, und zwar: Dienstags, Donnerstags und Sonnabends Abends. Sonntag, den lZ. Dezemker IN?5. Neuer 5. Jahrgang. Ncdaction n. Expeditio»: Berlin, SO,, Kaiser Franz-Grenadier-Pl. 8a. Bestellungen werden bei allen Postämtern, in Berlin bei der Expedition, sowie bei jedem Spediteur entgegengenommen. Vemckrat. Organ der SocialWchen Arbeiter-Partei Deutschlands. Inserate (nur in der Expedition aufzu- geben) werden pro sünfgespaltene Petit- zeile mit 8V Pf, berechnet, Ber- sammlungs-Annoncen die fünf- gespaltene Petitzeile oder deren Raum LO Pf, Sogenannte Re- klame-Anzeigen werden niust aufgenommen, Abc>«nctncnts-P?eiA: Für Berlin incl. Bringerlohn vierteljährlich praenumeranäo l Rm. 98 Pf., monatlich t>b Pf., einzelne Nummern 10 Pf.; bei den Postämtern in Deutschland incl. Berlin I Rm. 60 Pf., frei in's Haus 1 Rm. 95 Pf.— Kreuzband-Abonnements pro Quartal und Exemplar: für Deutschland und Oesterreich 3 Rm., für Niederlande und Belgien 3 Rm. 60 Pf,, für Frankreich 4 Rm. 50 Pf., für England und Amerika 3 Rm. 55 Pt. Bestellungen auf Kreuzband-Abonnements sind nur bei der Expedition aufzugeben und müsien prasilmnerainio gezahlt werden. '--..w!�ueMassuuw-i iii> Inhalt. Offene Vricfc an Friedrich von Hclltvald. I. Die Tcmpceatnr in Berlin wird immer angenehmer. Deutscher sticichötag. Politische Uebcrffcht: Unerfreuliche Aussichten.— Schiffsunglück.— Aus Graz.— Spanisches.— Rodbertus j.— Lange f. — Frau Strausberg.— Der„Reichsbote" und unsere Volksschul- lehrer. Innere Partei-Angelegenheiten. Korrespondenzen: Burscheid.— Berlin.— Hamburg.— Bremen. Offene Briefe an Friedrich von Helllvald. i. Wenn ich mit kritischer Sonde an die in Ihrer Kul- t Urgeschichte ausgesprochenen Worte herantrete:„Der Kampf ist unendlich", und der hieraus gezogenen Kon- sequenz:„Ausschluß der Menschenliebe aus der Geschichte für alle Zeiten", nicht beipflichte, so geschieht dies nicht etwa deswegen, weil ich einem über den Naturgesetzen, welche die menschliche Entwicklung bedingen, stehen- den Ideale huldigte, sondern weil ich der Ueberzeugung bin, daß der Naturprozeß selbst eine organische Gliede- rung der Menschheit herbeiführen muß. Wenn innerhalb derselben der egoistische Drieb des Einzelnen, als Stär- kerer den Schwächeren zu beherrschen, überwogen wird von dem geselligen Triebe, welcher, auf der Erkenntniß des genieinsamen Interesses beruhend, auf Gleichheit Aller hinwirkt, so bleibt damit der Selbsterhaltungstrieb in ganzer Kraft bestehen; nur äußert sich derselbe in entgegen- gesetzter Weise, als bei dem Vorherrschen des egoistischen Triebes vorwiegend nicht mehr als„Kampf",'- sondern als „Menschenliebe". Ich behaupte nicht, daß in der Gegenwart die mensch- liche Gesellschaft bereits zu einem solchen, den inneren Kampf beruhigenden Organismus sich entwickelt habe. Ich fuße vielmehr darauf, daß kulturgeschichtliche Thatsachen vorhanden sind, aus welchen für die heutigen Kulturvölker das stete Wachsthum der geselligen Seite des Selbsterhal- tungstriebes auf Kosten seiner egoistischen Seite sich ergiebt — ich weise hier als Beispiel nur darauf hin, daß die größte Kulturerrungenschast der Gegenwart, nämlich der angesammelte Schatz wissenschaftlicher Wahrheiten mensch- liches Gemeingut darstellt und um seiner selbst willen durch die einzelneu Menschen vermehrt wird. Steht aber einmal eine gegenwärtig in ihren Anfängen beobachtete der- artige Richtung der Entwickelung der Menschheit fest, so ergiebt sich logisch daraus, daß dieselbe einmal dahin füh- ren muß, daß der Selbsterhaltungstrieb sich weniger im Kampfe der Einzelnen um den Vorrang, als vielinehr in gemeinschaftlichem, gleichmäßigem Handeln Aller äußert, einem Organismus vergleichbar. Der menschliche, resp. thierische Körper ist ein aus Zellen bestehender Organismus, von welchem jede ein eigenes vegetatives Dasein führt; wohl mögen'die Zellen eines Organes auf Kosten jener eines anderen rascheren Stoffwechsel haben und an Masse zunehmen, also gewisser- maßen mit jenen einen Kampf um's Dasein führen. Aber eine höhere Macht, die Existenzfrage des gesammten OrganiSinus, schränkt diesen Kampf ein, indem der ganze Organis, uns zu Grunde geht, wenn die Zellen eines für ihn wesentlichen Organs in jenem Kampfe um's Dasein unterliegen. Die Kulturentwickelung drängt nun die menschlichen Einzelwesen auf Organisation hin; Familie, Stamm, Staat und Kulturgesellschast sind die stets komplizirteren Formen. ES läßt sich mit mathematischer Gewißheit darthun, daß die dichten Bevölkerungen der Kulturstaaten an Nahrungsmangel sofort zu Grunde gehen müßten, falls der Kampf um's Da- fein die Auflösung dieser Organisationen herbeiführte und die großen Gruppen in einzelne Individuen zersplitterte. Die Abhängigkeit des einzelneil Menschen von der Gesammt- heit wird hierdurch eben so zwingend, wie jene der Zelle vom Organismus. Das körperliche Band der Zeilen wird für die Menschen dargestellt durch die Erkenntniß der Nothwendigkeit gemeinsamer Jnteressen-Berfolgung bei Strafe des gemeinschaftlichen Unterganges. Somit muß der Selbsterhaltungstrieb schließlich dahin führen, daß die Menschheit, durch das Band gemeinsamen Denkens verknüpft, als Organismus höheren Grades lebt und dies Da- sein, sowie die Thätigkeit ihrer einzelnen Organe eben so regelmäßig unterhält, wie der menschliche Körper seinen Stoffwechsel. Die Nieinungsverschiedenheit über die endliche Wirkung des Kampfes um's Dasein iu der Natur und Gesellschaft rührt meines Erachtens daher, daß ihm bezüglich der einzelnen Individuen in der organischen Welt meistentheils eine zu ausschließliche Rolle durch die Vertreter der neueren Naturwissenschaft angewiesen wird, während die übrigen Ursachen der Anpassung der Organismen an die Außenwelt allzusehr in den Hintergrund gedrängt werden. Ich ver- muthe, daß bei dem Entstehen der Darwinschen Theörie auf englischem Boden die dort herrschenden national-ökono- mischen Theorien eines Malthus und der Manchesterschule durch ihre Analogie dazu geführt haben, gewissermaßen die „freie Konkurrenz" im Kampf um's Dasein als alleinige Triebfeder der Umwandlung der Organismen zu betrachten und der von Lamarque und Anderen behaupteten Umwand- lung der Organe lebender Thiere und Pflanzen durch den Einfluß ihrer Umgebung eine zu geringe Bedeutung beizu- legen. Ich, für mein Theil, bin jedoch geneigt, den verschiede- neu Ursachen gleiches Gewicht zu geben und regestrire demnach zunächst für die Umwandlung der Arten— sodann angewandt ans die Kulturgeschichte der Menschheit für die Entwickelung jener— drei wirksame Momente, von denen je nach Umständen das eine oder das andere überwiegt. Erstens, passive Anpassung im Kampf um's Dasein: Jene Individuen von Thier- und Pflanzenarten, welche den äußeren Verhältnissen am Besten Widerstand leisten können, pflanzen sich vorzugsweise fort und vererben die Eigen- schaften, welche sie auszeichnen auf ihre Nachkommenschaft, während die weniger bevorzugten Individuen untergehen. Der- Starke verdrängt den Schwachen. Zweitens, aktive Anpassung durch Selbstveredelung: Alle Individuen entwickeln jene Organe während ihres Lebens aus Kosten der übrigen am stärksten, deren sie am Meisten zu ihrer Selbsterhaltnng bedürfen. Die Arbeits- leistung bewirkt die Eirkulation der Säfte und in Folge dessen die Neubildung der Zellen und das größere Wachs- thum dieser Organe. Es tritt eine Aenderung des Organis- inus ein, welche er auf seine Nachkommenschaft vererbt. Drittens, zufällige Anpassung durch Ortsveränderung: Alle Individuen, für welche durch örtliche oder klimatische Veränderungen neue Lebensbedingungen geschaffen werden, muffen untergehen oder sich demselben durch Veränderung des Organismus anpassen. Die unter bestimmten örtlichen und klimatischen Verhältnissen bestehenden Arten tragen daher auch ei» bestimmtes Gepräge. Diese Sätze sind nicht neu, nur vergißt man über dem ersten zu leicht das Gewicht der beiden anderen. Und vor Allem machen sich letztere bei der Entwickelung der Menschheit geltend, bei welcher es sich, sobald dieselbe in das Stadium der sogenannten Kultur eintritt, fast nur noch um die Ausbildung und das Anpassungsvermögen eines einzigen Organs, des Gehirns, handelt. Die Anpassung des Menschens, vor Allem des Kultur- oder Gehirnmenschen, an die Außenwelt legt daher den obigen drei Ursachen der Entwickelung eine in ihrer Größe sehr wechselnde Wirkung bei, wie wir sogleich erkennen werden. Die Temperatur in Berlin wird innner angenehmer. Am 9. d. Morgens fand wieder einmal in der Expe- dition des„Neuen Sozialdemokrat" eine Haussuchung statt, diesmal aber mit Hindernissen; und was das Bemer- kenswertheste dabei war, mit Nichtbeachtung der im§ 27 des Preßgesetzes vorgeschriebenen Bestimmungen. Ter§ 27 des Preßgesetzes lautet nämlich: „Die Beschlagnahme von Druckschriften trifft die Exem- plare nur da, wo dergleichen zum Zweck der Verbreitiiug sich befinde». Sie kann sich auf die zur Vervielfältigung dienenden Platten und Formen erstrecken; bei Druckschriften im engeren Sinne hat auf Antrag des Bethei.'igten statt Beschlagnahme des Satzes das Ablegen des letzteren zu geschehen. „Bei der Beschlagnahme sind die dieselbe veranlassenden Stellen der Schrift unter Anführung der verletzten Gesetze zu bezeichnen. Trennbare Theile der Druckschrift(Beilagen einer Zeitung k.), welche nichts Strafbares enthalten, sind von der Beschlagnahme auszuschließen." Der Hergang mar folgender: Kurz nach i(> Uhr kamen zwei Schutzleute besäbelt und behelmt in die Expedition und es verlangte der Eine den Vertreter derselben, Rackow, zu sprechen. Er präsentirte eiiieu circa 4 Zoll großen Zettel, ohne Amts-Siegel, und wollte darauf hin den Vorrath von „Armen Conrad's" mit Beschlag belegen. Rackow und Fritzsche erklärten ihm, daß sie auf einen solchen Zettel hin die Beschlagnahme der Kalender nicht dulden werden. Hierauf ging einer der Schutzleute fört, um dem Revier-Lieuteuant Bericht zu erstatten, der andere verblieb im Geschästslokale. Es wurde von dem Erpeditious-Personal wie gewöhnlich gearbeitet, und sind Schriften im Expeditionszimmer ver- packt und forttransportirt. Hiergegen wollte der dagebliebene Schutzmann Ein- spruch erheben, indem er vielleicht glaubte, der Kalender würde bei Seite geschafft werden. Hieraus erklärte Rackow, daß er sich nicht durch seine Anwesenheit in seiner Arbeit stören lasse, überhaupt halte er ihn nicht für berechtigt, im Ziminer zu verweilen, so lange er kein amtliches Schriftstück vorzeige, wonach er als Wache in's Geschäftszimmer dirigirt fei, vielmehr bitte er ihn, jetzt das Lokal zu verlassen. Diesem Wunsche kam dann auch der Beamte nach. Bald darauf trat nun der Revier-Lieutenant selbst ein, jedoch ebenfalls nur mit dem 4 Zoll großen Zettel, worauf ihm dieselbe Erklärung wurde, wie vorhin dem Schutzmann. Sodann entfernte sich der Lieutenant unter Zurücklassung diverser Schutzleute als Besatzung der Ans- gänge, jedoch außerhalb des Zimmers, ans dem Corridor. Nachdem ca. 1 Stunde vergangen, kehrte der Lieute- nant mit einer amtlichen Verfügung zurück. Er las dieselbe vor, woraus Rackow sich veranlaßt sah, zu erklären, daß dieselbe nicht genüge, laut§ 27 des Preßgesetzes müßten bei einer Beschlagnahme auch der Grund derselben, resp. die inkriminirten Stellen der betreffenden Schrift an- gegeben werden. Da dies nicht geschehen sei, so könne er die Beschlagnahine nicht duldenZmd las hierauf dem Beaiutm den Wortlaut des§27 dieses Gesetzes vor. Dieser erklärte jedoch in Geaenwart der Herren Fritzsche, Baumann und Anderer: dag er dann Gewalt anwenden und den Vorrath konfisziren werde. Der Gewalt wurde kein Widerstand entgegengesetzt und unser„Armer Konrad" wanderte unter den Ariaen einiger Schutzleute dem Molkenmarkte zu. Rackow und Fritzsche sollten nun noch einen Revers unterschreiben, wonach 55 Kalender mitgenommen seien, was sie verweigerten. Selbstverständlich wird über diese Konfiskation mit Außerachtlassung betr. Bestiuimungen des Preßgesetzes ganz energische Beschwerde geführt. Deutscher Reichstag. Debatte über de» Gehalt der Postbeamten. (Nach dem stenographischen Bericht.) Präsident: Tit. 9.— Der Herr Abg. Dr. Lingens hat das Wort. Abg. Dr. LingenS: Meine Herren, zu Tit. 9 habe ich mir das Wort erbeten, um auch meinerseits einige Aufklärungen zu veranlasse». In der Denkschrift, die uns mitgetheilt worden ist, über die Verschmelzung der Telegraphie mit der Post in Bezug auf die Verwaltung und den Betrieb für das Jahr 1876, ist zugesichert, daß diese Verschmelzung zur Folge haben werde: erstlich eine Vervollkommnung der Telegraphier Einrichtung, dann aber zweitens, daß trotzdem keine Verstärkung der Beamtenkräfte einzutreten brauche, drittens aber gleichwohl eine Erhöhung des Einkommens gestattet werde in unbedeutenderen Dienst- stellen. Es ist dabei bemerkt:„bei sonst nicht vollbeschäftigt gewesenen Beamten."— Ich zweifle nun durchaus nicht daran, meine Herren, daß unserem energischen Herrn General-Postdirektor auch in diesem Unternehmen die in Aussicht gestellten Verbesserungen gelingen werden, daß also der nächstjährige Etat in der Beziehung schon ein wesentlich besserer sein wird, insofern die Telegraphie sich darin auch wird als einträglich erweisen. Aber, meine Herren, bei der Durchsicht der fol- genden Positionen dieses Titels ist mir aufgefallen, daß Einrichtungen getroffen worden sind, die ich nicht wohl mit solchen Zusicherungen zu vereinigen vermag. Es ist mir nämlich eingefallen, daß die nächste Folge der Aufstellung dieses Etats eine erhebliche Verschlechterung des Einkommens der Postsekretäre in Berlin sein wird. In Berlin befinden sich, we»n meine Notizen richtig sind, ungefähr 502 Postsekretärc. Außerhalb Berlins sind bei der Post 1850, bei der Telegraphie 254 Sekretäre, macht in Summa 2104, die im Minimum 1650, im Durchschnitt 2325, im Maximum 3000 Mark beziehen. An deren Verhältniffen hat der neue Etat nichts geändert. Außerdem aber waren noch vorhanden in Berlin: bei der Post 232, bei der Telegraphie 38, in Summa 270 Sekretäre, inclusive 32 Sekretäre im Zeitungsaint, welche im Minimum 2100, im Durchschnitt 2700, im Maximum aber 3300 Mark bezogen haben. Die Sekretäre im Berlin standen also im Durchschnitt um 375 Mark per Stelle besser, als ihre Kollegen auswärts. Die Mehrausgabe pro 1875 betrug also für die Berliner Post- und Telegraphen-Sekretäre 270 mal 375 gleich 101,250 Mark. Nun, meine Herren, wirst der neue Etat die 2104 Sekretäre außerhalb Berlins mit den 270 Sekretären in Berlin zusammen und setzt, indem die Zahl der Stellen um 88 ver- mehrt werden soll, für in Summa 2462 Sekretäre den Durchschnittssatz auf 2325 Mark fest. Demnach werden 270 Stellen um je 375 Mark, oder im Ganzen um die oben angegebene Summe von 101,250 Mark, geschmälert und herabgemindert. Zieht man von dieser Summe den im neuen Etat ausgebrachten Zuschuß für die 95 ältesten Sekretäre mit je 300 Mark— 28,500 Mark, dann für die 95 nächstältesten Sekrekäre mit je 150 Mark gleich 14,250 Mark, im Ganzen also mit 42,750 Mark ab, so ergiebt sich, daß den Berliner Sekretären überhaupt ein Beirag von 58,500 M. hinfüro entzogen werden soll. Das ist aber merkwürdiger- weise annähernd der Betrag, nm welchen die höheren Stellen in Berlin verbessert werden sollen, nämlich: für den Oberpostdirektor 1500 Mark, für den Rendanten der Oberpostkaffe 600 Mark, für den Kasstrer dieser Kasse 600 Mark, für acht Buchhalter je 300 Mark Aufbesserung; außerdem für die Vorsteherstellen des Hauptpostamts, des Stadtpostamts, des Packet- und Fuhramts, endlich die Vorsteher zweier Telegraphen- Aemter ein Zuschuß von 1200 Mark. Die Sekretäre aber in Berlin gehen leer aus; es sind deren in älteren Stellen 200, in den übri- gen 302. Im Jahre 1873 wurde bei der damaligen Verhandlung ein be- sonderer Werth darauf gelegt, daß im Besnldungsinodus in Verlin nichts geändert werde� Auch im Postetat von 1874 heißt es: Für die Sekretäre in Berlin sind bei der ausnahms- weisen Lage der Verhältnisse an diesem Orte die bisherigen Gehaltssätze beibehalten worden. Da drängt sich nun wohl die Frage aus, meine Herren, hat vielleicht seitdem die bestandene ausnahmsweise Lage der Verhältnisse in Berlin aufgehört? Ich für meinen Theil muß daS bezweifeln Jedenfalls würde dann aber auffällig bleiben, falls die Lage der Verhältnisse in Berlin sich wirklich gebessert hätte, falls also jetzt in der That die Lebens- bedingungen günstigere geworden wären, als sie früher waren, warum die Postverwaltung diese Verbesserung abschafft, während für andere Verwaltungen nicht das Gleiche in dem Budget vorgeschlagen wird. Die Postverwaltung wäre die einzige, wenn ich das Budget richtig auf- gefaßt habe, die mit dieser Herabminderung den Anfang macht, wäh- rend die anderen Verwaltungen die früheren Sätze durchaus beibehalten haben. Dann bliebe aber zweitens noch die Frage übrig: wenn gerade bei der Postverwaltung eine solche Herabminderung und Ersparniß statt- finden soll, warum zunächst denn bei den Postsekrbtären? Da finde ich nun in den Erläuterungen Seite 17 bemerkt: durch daS Zusammen- werfen der Post- und Telegraphen-Sekretäre in Verlin mit denen außer- halb Berlins werde die Verwaltung„eine größere Beweglichkeit in Bezug auf die dienstliche Verwendung der Beamten dieser Dienstklasse" erlangen. � Dieser Grund will mir ebenfalls nicht zusagen. Meine Herren, was ist zu verstehen unter größerer Beweglichkeit? Etwa, daß hinfüro sowohl die Pestsekretäre in Berlin wie alle übrigen Postsekretäre des Reiches einem starken Wechsel, gar einer willkürlichen Versetzung unterliegen sollen? Das würde mir eine Härte scheinen, die ich dem Herrn General-Postdirektor in der That nicht zutrauen kann. Ich glaube, wir haben alle Ursache, wenn wir uns vergegenwärtigen den schweren Dienst, die aufreibende und verantwortungsvolle Thätigkeit der Postsekretäre, wie wir dieselbe in unseren Städte» außerhalb Berlins, wie wir sie dann besonders wahrnehmen in Berlin, namentlich an den Postämtern auf den Eisenbahnhöfen,— ich meine, wenn wir diese Thätigkeit betrachten, dann müssen wir solche Leistungen anerkennen und bereitwillig würdigen. Meine Herren, ich glaube, dieses Haus schuldet so tüchtigen, opferwilligen und ihrem Dienste sich hingebenden Beamten, ihnen seine warme Sympathie zu bethätigen. Solcher Sym- pathie würde es aber direkt widerstreiten, wenn wir stillschweigend darüber hingehen wollten, daß in Zukunft alle jene Beamten einer Beweglichkeit unterworfen würden, wodurch ihnen dieHeimath geraubt, wodurch das Verbleiben an dem Orte, an welchen Familien- und dauernde Verhältnisse Bande geknüpft haben, ihnen erschwert würde. Ferner aber möchte ich bei diesem Anlaß auch betonen, meine Herren, daß ich lebhast wünschte, unsere Reichsbeamten möchten so ge- stellt, so geachtet sein, daß sie gewissermaßen Muster würden und Muster bleiben für alle übrigen Beamten, insbesondere für die in den Partikularstaaten. Mir liegt am Herzen, daß die angemessene Unabhängigkeit der Postbeanlten hier von Ihnen anerkannt und geschützt werde. Ich wünsche das in dem Sinne, daß jeder Reichsbeamte, wenn er seine Amtspflicht voll, ganz und treu erfüllt hat, dann in allem Uebrigen nnbehelligt gelassen werden möge, daß er in seinen bürger- lichen Beziehungen, in seiner Stellung aus Staatsbürger, als. Büraer einer Gemeinde, durchaus nicht von seinen Oberen drangsalirt werde. Wir haben in einzelnen Bundesstaaten gerade in den letzten Zeiten gar traurige Erfahrungen gemacht;— meine Herren, exsmpla sunt (MliiMs.. Ich könnte aus meiner eigenen Vaterstadt aus allerletzter Zeit Anführungen machen, die Ihr Erstaunen in hohem Grade provoziren würben; ich will das aber nicht thun; ich begnüge mich, die Erwartung auszusprechen, daß all« Postsekretäre, daß alle Postbeamte, welche das große Heer der sechszigtausend Postangestellten im deutschen Reich bil- den, nicht blos durch Tüchtigkeit, sondern auch durch Ihren Schutz, so- wie durch rechte Unabhängigkeit ausgezeichnet seien.— Dann werden auch die Telegraphen-Sekretäre, sowie die Tetegraphisten und Ober- Telegraphisten, die zur Zeit in großer Besorgniß und Unruhe find— sie sowohl, wie auch die Postsekretäre haben mehrere Petitionen«n das hohe Haus gerichtet— ich hoffe zuversichtlich, sie alle werden emarten dürfen, daß alle� ihre Interessen eine sorgfältige, eine gewiffen'zaste, eme energische Fürsorg« finden weiden in den HäNden des Herrn Ge- neral-Postmeisters. Präsident: Der Herr KommHarius des B«vdesraths hat das Wort. Kommissarius des Bundesraths, kaiserlicher Geheimer Postrath Mießner: Meine Herren, ich möchte mir er&ubeir, Mnächst darauf aufmerksam zu machen, daß die Feststel�ing der GehäWer für die Post» sekretäre in Berlin keineswegs mit der Gefj«ltSfvstsdtzung für bis höheren Stellen der Postverwaltung in Verbindung, steht. Die Arts. wie die Gehälter für die Postsekretäre in Berlin durch den gegenwärtig vorliegenden Etat bestimmt worden sind, ist auch nicht blos bell diesen Beamten angewandt, sondern sie findet sich gleichmäßig durch- geführt bei den Gehältern der Oberpostsetretäre, der Pdstinspcktoren pnd der Postdirektoren in Berlin, indem eben firv' die Stellungen in Bertin ein Zuschuß zum Gehalt gewährt wird. Es ist als»- nothwendig erachtet worden, eine Gleichstellung der Postsekretüvo in Berlin mit jenen in anderen großen Städten möglichst anzusivebsn„ wenn auch keineswegs verkannt wird, daß in Berlin gerade eins gsüßere Zahl tüchtiger Postsekretäre vorhanden sein muß„ um d«n Schwierigkeiten des Dienstes gerecht zu werden. Dieser größeren Zphk»on Post- sekretären soll nach dem Vorschlage des Etats, soweit sie sich in dem vorgerückten Dienstalter befinden, in Berlin ein Zuschuß, gewährt wer- den von theils 800 Mark, theilS 150 Mark jährlich; sie stehen damit in ihrem Diensteinkommen noch immer den Postsekretärsw vir, die sich in anderen größeren Städten des Reichs befinden, beispielsweise in Hamburg, in Frankfurt am Main, in Köln, wo an die- Dienstthätig- keit der Beamten nicht nnnder große Anserderungen gestellt werden müssen. Der Wohnungsgeldzuschuß, wie er s«it dem Jahre 1873 den Beamten gewährt wird, bildet außerdem eine wesentliche Ausgleichung; dieser ist in Berlin um 80 Thaler(240 Mark) jährlich höher für die Beamten der gedachten Kategorie, als im Durchschnitt-n den Städten des ganzen Reiches. Die Postsekretäre, die gegenwärtig in Berlin be- schästigt sind, werden natürlich in ihren; gegenwärtig?» Einkommen keine Verminderung erfahren. Es wird überhaupt ein» Ausgleichung namentlich auch darin gefunden werden, daß, wie sich aus dem Etat ergiebt, eine Erhöhung des Durchschnittssatzes für 1760 Stellen von 2175 Mark auf 2250' Mark in Antrag gebracht ist. Wenn diese Be- willigung stattfindet, so wird damit das Mittel gewannen sein, einer größeren Zahl von Postsekretären, in Berlin wie au anderen Orten, Gehaltszulagen zu gewähren. Präsident: Der Herr Abgeordnete Hasselmann hat das Wort. Abgeordneter Hasselmann: Der Herr General- Postdirektor: Stephan meinte vorhin, es sei eine Ausgabe der social-dema-- kratischen Partei, für dir unteren Postbeamten einzutrete,. Da hat er sich ganz entschieden nicht geirrt. Und aus diesem Grunde sehe ich mich veranlaßt, hier zum zweiten Male, wie schon im vorigen Herbst, dafür zu sprechen, daß eine wirklich erfolgreiche Erhöhung der Gehälter dieser Beamten eintritt. Denn es ist etwas ganz anderes, ob vielleicht im Laufe von 20 Jahren die Gehälter jener Beamten um 25 Prozent erhöht werden, während zu gleicher Zeit die Preise der Lebensmittel nebst den Wohnungsmiethen u. s. w. um 100 Prozent ausschlagen, oder ob das Wachsthum der Gehälter der Steigerung der Lebensmittelpreise, resp. der Entwerthung des Geldes genau angepaßt wird. Und in der That berührt diese Frage hier nicht blos die Post- beamten, sondern sämmtliche Beamte. Im Lause der letzten zwanzig Jahre haben sich die Beamtenge- hälter um ein Bedeutendes weniger vermehrt, als sämmtliche Preise der Lebensbedürfnisse gestiegen sind; ich habe dies besonders deutlich ersehen, als ich den gegenwärtigen Etats mit den früheren Etat des preußischen Staates verglich. Beispielsweise stellt sich heraus, daß im Jahre 1355 die Berliner Briefträger durchschnittlich 1040 Mark an jährlichem Gehalt erhielten, während sie gegenwärtig im Durchschnitt 1200 Mark jährlich erhalten. Es stellt sich ferner heraus, daß die Unterbeamten bei den Lokalpostanstaltcn vor 20 Jahren ca. 680 Mark im Durchschnitt erhielten. Gegenwärtig läßt es sich nach der Statistik des vorliegenden Etats nicht genau feststellen, wie viel diese Beamten- klaffe erhält; denn es ist'nicht bezüglich jeder einzelnen Beamten- kategorie angegeben, wie viel ihre Gesammtzahl und die Gesammtsumpie ihres Gehalts beträgt, und man kann daher nicht wissen, wie viel die 8660 Unterbeamten der Lokalpostanstalten im Durchschnitt erhalten. Jnsgesammt sind vielmehr die sämmtlichen 11,335 niederen Beamten, unter denen auch die Briefträger und Packetträger mit inbegriffen sind, mit einem Budget von 12,572,000 Mark ausgeführt. Unter solchen Umständen ist es mir nicht möglich, für jede einzelne Klasse der Be- amten die Steigerung deS Gehalts ganz genau festzustellen. Aber im großen Ganzen berechnet, ist der Gehalt für die Berliner Briefträger um 15 pCt� aufgeschlagen, für die übrigen Unterbeamten um 20 bis 25 Prozent. Rur die Landdriesträger befinden sich in einer scheinbar besseren Lage, indem ihr Gehalt im Durchschnitt um 80 Prozent erhöht ist. Trotz alledem sind sie noch immer in der traurigsten Lage; denn, wie hier angegeben ist, beträgt ihr Gehalt jetzt 540 Mark jährlich, also etwa 1'/, Mark pro Tag. Ein gewöhnlicher tüchtiger Arbeiter steht sich immer noch besser, als ein Landbriefträger. Die Aufbesserung des Gehalts der Postbeamten in den letzten 20 Jahren ist also eine vollständig unzureichende, während in dem- selben Zeitraum das Wachsthum der Löhne der Arbeiter sowohl als der Gehälter der höheren Beamten der Industrie, welche als Ingenieure, Bautechniker u. s. w. angestellt sind, bedeutend besser sich gestaltet hat. Hier haben wir z. B. den Gehalt der verschiedenen Postsckretäre. Es beläuft sich der Durchschnittsgehalt der ersten Klasse auf 2325 Mark, der zweiten auf 2250 Mark; dies repräsentirt also ein Durchschnitts- einkommen von 60 bis 65 Thalern monatlich. Ich frage Sie nun, meine Herren, ob der Kommis eines Bankgeschäfts, oder ein im Eisen- bahndienst angestellter technischer Beamter, oder ein Techniker, der in einer größeren Fabrik beschäftigt ist, oder auch ein Baukondukteur, nicht einen entschieden höheren Gehalt bezieht? Man verlangt vom Postsekretär aber genau dieselbe Bildung, man verlangt genau dieselbe anstrengende Thätigkeit; die Bureaustunden der Postbeamten sind im Allgemeinen sogar noch länger. Ich kann versichern, daß mir nur sehr wenige, und noch dazu verhältnißmäßig junge Leute bekannt sind, die weniger Gehalt in den erwähnten Stellungen beziehen, als 75 Thaler monatlich. Bei längerer Anstellung und Höherem Alter steigt bei den Angestellten, die in der Industrie, beim Eisenbahnwesen u. s. w. beschäftigt sind, der Gehalt auch noch bedeutend rascher wie bei den Be- amten der Post init ihrem Dienstalter. Viel rascher kann Jemand auf industriellem Gebiet Karriere machen. Dasselbe, wo nicht ein noch mißlicheres Verhältniß haben wir bei den Unterbeamten. Dort sind die Gehälter so knapp bemessen, daß sie kaum den Arbeitslöhnen der gewöhnlichen Arbeiter gleichgestellt werden können. Run werden Sie fragen: wie kommt es, daß im Allgemeinen die Postbeamten nicht mehr petitioniren? daß wir immer nur einige wenige Petitionen, wie z. B. gegenwärtig eine solche aus Köln, in jeder Session vor Augen haben? Ich antworte darauf: die Leute sind dermaßen eingeschüchtert, daß Niemand mit Petitionen in großem Stil vorzugehen wagt. Wohl ist es möglich, daß an einem einzelnen Orte durch den Einfluß eines besonderen energischen Kollegen die Postbeamten zu petitioniren beginnen. Aber ein« Massenpetition mit 10,000 Unterschriften, wie sie nöthig wäre, um einen Eindruck auf die Gesetzgebung auszuüben, wagt man nicht zu veranstalten, aus dem einfachen Grunde, weil die schlimme Erfahrung betreffs der Zeitung: „Die deutsche Post" einen allzugroßen Druck auf den gesommten Stand der Postbeamten ausübt. Wenn sich die Beamten sagen müssen, daß es ihnen nicht erlaubt ist, auf eine Zeitung zu abormiren, wenn sie riskiren, daß aus der Post die Abonneinentslisten nachgtsehen werden und die Einzelnen des Abonnirens wegen geisaßregekt werden,— unter solchen Umständen kann man den Leuten nicht verdenken, wenn sie sich auch nicht daran machen, eine MassenSewegung in'S Werk zu setzen. Jeder, der auftreten wollte, der eine Bersamm- lung der Postbeamten einberufen wollte, dvr einen Verein»nn Post- beamten zum Zweck dar Verbesserung ihre? Lage begründen wollte, würde als„Agitator" Wer Bord geworfen»erden. Was für eine Stimmung seitens des Herrn Generalpostd-irektors gegen solche Bestrebungen vorherrscht, haben wir soeben gehört, da er gewissermaßen uns Socialdmnoiraten sagte, wdrkönnten uns dafür bedanken, baß unsere Briefe überhaupt noch expedier würden. Ganz- in derselbe» Weise wird der Herr denken: die Posrunterbeamten können sich dafür bedanken, daß si» ihr Brod im Hause haben; weiter zw rai- soirniren ifi nicht erlaubt! Dies ist der Grund med der sehr klar»- und einleuchtende Grund, weshollt von den Beamten nicht in Masse petitio- nirt wird. E» haben mir schon Hunderte von Pdstbeamten— gprade in Folge meiner letzten Red» m der vorigen Session— dieses brieflich nritgetheÄt, und ich weift es auch ans der persönlichen Mitthei- lung von Leuten, die ich früh«: niemals gesehen hatte, und welche keine Socialldemokraten sind. Wiv verlangen für die Beamten übrigens nichts AbsonderücheS; sonder» nur,, daß man nicht thatsächlich ihnen die Gehilltor verkürzen lasse durch die heutigen Verhältnisse. Wenn ein Beamter vor W Jahren in dsn Postdienst eingetreten ist, so hat, er damit sich- einerseits zu einer Arbeitsleistung verpflichtet, auf der. an- , deren Serts. hat er aber für sich das Recht in Anspruch genosnnen, , nach dem damaligen allgemeinen' Zustande bei den Karriere und der ' Steigerung, der Gehälter berücksichtigt zu werden und in gleicher Weise,. - wie es damals der Fall war, im Laufe der Zeit s«n Einkommen ver? i bessert zu sehen. Derjenige Beamte, der vor 20 Jshiren in den Dienst eingetreten ist, hat sich persönlich gesagt: für mein». Leistung werde, ich entsprechend bezahlt, wenn ich den üblichen Gehult habe und wenn ich nach 10 Jahren, nach20 Jahrsu die übliche Sdeigerung erziele. Er hat aber nicht voraussehen können, daß in der: Folge in disien 20 Jahre» die Ävbensbedürfnff.s» für einen swlichen Beamäen in einer Weise gestiegen sind-,, daß sich ihr Preis, mindestens auf: das Doppelltr, bisweilew sogar noch auft«ehr beleust wie zuvor. Man wnck mir vielleicht aorwersen, diese Anuplbe wäre übertrie- ven; aber ich verweise sie auf. die Wirklichkeit, f-iicht berufe ich mich, wie es einzeln« Rationalökono.»en thun, lediglich auf die Kor npreise;. sine erklären,,»eil die Kornproife vor 20 Jahre* mehr als die Hälfte des heutigen Preises betrugen, so brauche auch»im Mensch heute nicht das Doppelte, für seinen Lebtnäunterhalt zu zahita. Es kommen aber viele Dinge hier in Betracht: Ssust könnte inam ja ebensr gut ein-. : wenden, daß,, da das Wass«? heute noch genau ebenso billig respektive? werthlos waas, wie vor 20 Jähre», alle Lebensbedürfnisse nicht theure» wären, wie äazumal. Der Mensch lebt aber.»cht allein von WassM ' und Brod. Thatsoche ist nun, das-, fast jedes Produlg. welches rpn dem aa- bettenden Äatke, respektive von den niederen Beamten kcusnmirt wiaid, in Folg« des Andranges der Massen nach Im Großstädeen, in cia«i Weise im Preise gesteigert worden ist, wie man dies nimmer vor 2V Jahren oder selbst vor Ib: Jahren geglaubt hätte. Das Brodkorn o«d vom KonPmcnten des Blwdes nicht mit dem Preise bezahlt, für wel- chen es d«r Bauer etwa, praduzirt, sond«» die Prehe aller Lebens- bcdürfnifl«, des BrodeS», der sonstigen NaPrung, vor Allem der Speisen in den Restaurationew. aus welche ja namentlich die jüngeren Postbeamten und auch andere Beamte angewiesen sind, find gänzlich vom Zwischenhandel abhängig, und daher in einer undirechenbare» Weise gesteigert, je dichter der großstädtische Verkehr ist. Ich kann ani eigener Ezfichrung mittheilen, daß im La-che der letzt«» 6 Jahre auf diese Art die Lebensmittstpreise mindestens, um 75 bis 80 Prozent in Berlin ausgeschlagen find, die Wohnungsmiechen aber»och mehr. In einer gleichen Weise also müßte von Rechtswegen auch der Stand der Post- beamten und übrigen Beamten im Gehalt ausgebessert sei»; aber dies ist nicht geschehen. Ich erwähnte vorher speziell die Gehaltserhöhung dreier Kategorie« der Postunterdeamten mit Ziffern; ich führte auf, in welcher Weise die Berliner Briefträger, die lokalen Unterbeamten und die Landbriefträger seit 20 Jahren aufgebessert worden sind, und daß dies nicht ausreicht. Run behaupten wir dem gegenüber, daß die Postsekretäre, um mit ihren Gchaltsansprüchen wieder in das alte Geleise vor 20 Jahren zu kommen, einer Erhöhung von 20 bis L5 Prozent bedürften, und daß die unteren Beamten, wie Briefträger ic., um sich heute dieselbe Menge von Gütern für ihren Gehalt kaufen zu können, mindestens eine Auf- besserung von 50 Prozent bekommen müßten. Wenn wir dieses sagen, fußen wir auf den bestehenden thatsächli- chen Verhältnissen. Bestreitet man uns die Wahrheit dieser Schluß- solgerung, nun wohlan, dann möge man uns nicht hier mit dem ein- fachen Worte bekämpfen: es ist eine„social-demokratische Uebertrei- bung", sondern dann niöge man eine allgemeine Enquete über die Steigerung der Lebensmittelpreise veranstalten, dann möge der Der? jauo oie cu juu/t uyun j\u, in Betreff seiner Beamten ein Rundschreiben erlassen, damit dieselben die Marktpreise, die Wohnungspreise u. s. w. seit zwei Jahrzehnten niederlegen. Auf postalischem Wege wird sich leicht eine sehr genaue Statistik betreffs dessen feststellen lassen, was gegenwärtig ein Beamter zu seinem Lebensunterhalt braucht und was er vor 20 Jahren eiwa dazu gebraucht hat. Es wird sich dann, ich verbürge mich dafür, das, was ich hier erklärt habe, bestätigt finden.' Nun, meine Herren, kommt ferner in Betracht, was man uns oft einwendet: es drängten sich ja trotz alledem Leute zum Beamtendienst; wenn der Verdienst wirklich so niedrig wäre, dann würben sie sich hüten; es würde etwa, wie das in Preußen ja so„glänzend" mit dem Lehrermangel der Fall ist, ein großartiger Postbeamtenmangel ein- treten; die Postanstalten würden leer stehen, wie jetzt so manche Schule des„Kulturstaats" leer steht. Meine Herren, es sind zufällige Ver- Hältnisse, die in dem Vorleben der Beamten begründet sind, welche eS unmöglich machen, daß bei dem Angebot dieser Arbeitskräfte das Verhältniß sich so ungünstig gestaltet, daß ein Nachlaß dieses Andran- ges stattfindet. Der Subalternbeamte hat nämlich selten seinen Beruf frühzeitig gewählt, sondern ist meist durch sein Vorleben genöthigt wor- den, den Beruf zu ergreifen. Bei den meisten Unterbeamten geht das Militärleben dem Beamtenthum voraus, sie sind ftüher Unteroffiziere gewesen oder es sind Invaliden aus den letzten Kriegen. Sie sind also darauf angewiesen, eine Civilversorgungsstclle zu bekommen. Wenn man nun auch den Postdienst, das Amt eines Briefträgers, nicht als einen Versorgungs- und Ruheposten bezeichnen kann, so hat der Mann bei der kargen Jnvalidenpension doch keme bessere Wahl, als einen solchen Posten zu ergreifen, selbst wenn jener auch noch so schlecht do- tirt ist. Bei denen, welche sich für das Poslwesen selbst ausbilden, und welche später als Posthülfsbeamte, dann zu Postsekretären und in höhere Chargen aufrücken können, besteht ein ähnliches Verhältniß. Jene werden nämlich anfangs im Postdienst ausnahmsweise schlecht besoldet und so zum Schuldcnmachen veranlaßt. Wir haben ja nur zu häufig gesehen, wie vor Gericht über Verbrechen abgeurtheilt wurde, welche nur dem Leichtsinn eines jungen von Schulden bedrückten Post- beamten entsprangen. Und was stellte sich dann heraus? Fast immer war die Ursache jene Schuldenmachcrci, die in Folge der zu kargen Dotation dieser Beamtenstellen stattgefunden hatte. Sobald ein Beamter einige Jahre in der Karriere ist und er die Aussicht hat, daß sein Ge- halt verbessert wird, ist er schon genöthigt, um aus diesem unleidliche» Zustande, daß er durch-Schulden bedrückt ist, herauszukomme«, im Postdienst bei der Fahne zu bleiben. Die allmähliche, durch Entwerthung VeS Geldes und Steigerung der Lebensmittelpreise bewirkt« Verringerung des sachlichen Einkom- mens kann später diese Leute, die ein für alle Mal an dies Beamten- thum gekettet sind, nicht mehr abhalten, ferner- demselben anzugehören. Was soll ein Briefträger beispieisweise machsn, wenn er sich sagt: ich kann nicht auskoinmen, ich kann meinen Kindern keine menschenwürdige Existenz und Erziehung bereiten? Soll er fortgehen und die Straße fegen, vc>r den Thür»» Holz klopfen oder mit: dem Bettelsack einher- ziehen? Es tst nicht möglich für chn, eine andere ausreichende Karriere zu ergreifen, er ist ein für alle Mal auf dn« glänzende Elend des Beamtenproletariats hingewiesen, tr ist daran gekettet! Aus diesen Gründen zeigt sich beim.Postwefen, wie bei dem übri- gen Beamtenstande, kein Mangel an solchen Personen, die sich hinzu- drängen. Ader in denjenigen Klasse» von Stasäsbürgern, welch» ge- wissermaßen die Vorläufer des Beamtenstandes sind, verringert! sich gegenwärtig schon das Angebot. Wir lesen es rächt blos in den Zei- tungen, sondern hören es aus offiziell«; Erklärung«-», daß ein ailge- meiner MangÄ an Unteroffizieren stattsindet. Woher rührt das? Beil kein junger Mann sich mehr dazu bereit finden will, in der Armee Unteroffizier zu sein, da ihm für seinen späterem Lebensabend nicht- mehr die günstige Civilversovgungsstelle- geboten wird, wie vor einem: Menschenalter. Während sich vor einem Menschenalter eine Menge Leute zum Untoroffizi-rstand drängten� um später- Beamte, eventuell: Postbcamte und- Briefträger zu werden, hört das h«nt« auf; viel lieber: ergreift der Mann ein technsches Gewerb« und wird« Ardeiter, als daß- n einer solchen kargen und schwankenden Aussicht halber jahrelang in> der stehenden äämee ols Unteroffizier diente. Dort sehen wir also die- »rfte Folge jener allgemeinen: Kalamität des niedere.» Bcaintenthums. Ich erwähn» hier weiter� daß man uns einwendach wenn wir be- deutend höhere Besoldungen der Beamten in Vorschlag bringen, daß? hierdurch entiveo«r der Uebettchuß der Postverwaltu>rg wegfiele, oder. »n-s der anderen: Seite eine Erhöhung des Briefportos oder anderere Portosätze statt flriden müßte. Ich erklSre ganz entschieden, daß eS> besser wäre, wewn das allgeiurene Staatswesen einiga Millionen wcni»° ger auf diese Weise erlangte,, als wenn Zehntausend» von Staatsbür- gern in Roth und Elend darbten. Der Staat hat- seinen Beamten. gegMÜber die Pflicht, sie menschenwürdig zu erlabten; der Staat: darf nicht sein«» Beamten gegenüber in die Stelle Antreten, wie eiw Fabrikbesitzer, dar bei einer Aeschäftskrssjs die Fabrikthüren schließt und- »rktärt, es m lisch? zu geringerem Lohne gearbeitet werden. Eine solche- Tendenz ist des, Gemeinwesens, der Staatsbürger durchaus unwür--- »ig. Denn war rcpräsentirn den Staad und die Staatsregierung?-ES- ist die Gesanrmtheit des Volkes; nicht sind es üivs jene Beamten,. die an der S:«itze stehen und- von oben herab das Tt»iben der Niederen, ihnen Untergebenen beachten, respoitive einen aufgeklärten Ab» solutismus inigeführt haben. Die tUesammtheit dw Volkes hat alsv- di« Pflicht, und die niederen Beamten, haben das Rächt, zu verlangen». daß die Gehälter in solcher Weise fixirb werden, daß nicht Noth und» Elend über diese große Klasse von. Staatsbürgern heraujbeschwore-n, wird. Es ist- diese Ansichi: eine sociteiistische, da.4 ist gewiß, und- Ur einer socialitzfichen Gesellschaft würde der Staat alle ad in gs dafür Surg» tragen müssaa, daß alle Beamten, welche von.hm direkt abhingen. . genau in demselben Verhältnissen stchj befinden, wi» die Arbeiter eensv . Produktirussociatiow, respektive genau ein ähnliches Auskomms» hätten. Jiu derselben Wbise wie sich die Lohnarbeiter von uns- ver- langt wird,, daß sie dem vollen Arbeitsertrag bekommen und nichts blos mit dem ksrgen, zum. Lebensunteichalt nur ebim ausreichenden äzHn als Einkommen abgefu»den werdeiq, ebenso ist d«r Staat verpflithtet, einen me ischenwürdigu» Unterhalt, den Arbeitern� die direkt von ihm abhängig find, zu gewährleisten. Aber, wie gesagt, heutzutage herrscht die Tendpnz vor, die niederen Beamten als ein» Klasse von Lohmardei- tern zu betrachten, d iren Lohn man so karg beinißt, als Angabst und Nachftag« es zulassen. Alan sagt: je weniges Behalt sie halte», desto besser fiihrt das Gemeinwesen dabei. Ans diese Weise wird aber thatsächlich baivirkt, daß im Saufe der Zeit eine Deprasirung der Beamtenkbasse stattfinden muß. Ich hörte kürzlich einem Gespräche mehrerer Beamten, zu. Sie sprachen frei zu einander, weck sie wohl gloschtcn, daß sie nicht erkannt würden, und ms�-jedenfallS nicht kannteiv Sie meinten,, daß, wenn man«inen Schutzmann in Berlin mit 30S Thalern besolde, man sich nicht zu wundern brauche, wenn dieser Schutzmann genöthigt sei, hier u»> dort„Natenverdieteste" zu suchen; dies sei bei dem ganzen niederen Bearetenzustande der Fall, so daß man sich nicht zu wundern brauche, wen» aus den Gesängnissen die Kassiber von Spitzbuben leichb hinausbefördert werden, weil auch die Gefängnißbeamten mit dem jetzigen Gehalts nicht existiren könnten. Was hier in sieiner Gegenwart ausgesprochen wurde, muß ich für wahr halten. Wenn nicht dem hsu» tigen Systeme Einhalt gethan wird, wenn man glaubt, daß man den Beamten gegenüber vollständig Genüge leistet, indem man ihren Geld- lohn oder Gehalt auf derselben Stufe wie einstmals beläßt, odjchon ihr S ach lohn in Folge der Steigerungen der Lebensbedürfnisse hierbei zurückgeht, dann wird eines von zwei Dingen erfolgen. Entweder wird das Beamtenthum depravirt, korrumpirt, ergiebt sich der Bestech- lichkeit und ähnlichen Lastern, oder das Beamtenthum ist noch von ge- sundem Sinn begeistert— und ich glaube das—, und dann wird das Beamtenthum nicht sich wegwerfen, sondern es wird ganz ener- gisch eintreten für seine Rechte, es wird sich gerade s», wie die Lohnarbeiterklasse, als enterbten Stand betrachten; es wird sich sagen, daß es auch zur enterbten großen Masse des Volkes ge- hört, und dann kämpfen für die allgemeinen Volksrechte, die allge- meinen Menschenrechte. Diese letztere Wendung der Sache h.-ffe ich; ich hoffe, daß der Kelch einer Depravirung an unserem Beamtenthum vorübergehen werde; ich hoffe, daß es sich energisch aufraffen wird. Aber zu gleicher Zeit werden wir es nicht unterlassen, den Weg zu zei- gen, der aus der jetzigen Kalamität führt, die durch die Entwerthung die niederen Beamten in' eine solche Lage versetzen, daß sie'sich nur eben so gut stehen, wie vor einem Menschenalter, dann muß auch radi- kal geholfen werden z man darf sie nicht blas mit schönen Phrasen abspeisen. Präsident: Der Herr Abgeordnete Windthorst hat das Wort. Abgeordneter Windthorst: Meine Herren, der Herr Vorredner hat im Allgemeinen die Besoldungsverhältnisse der unteren Beamten besprochen; er hat sich nicht allein auf die hier in Frage stehenden Beamten beschränkt. Es läßt sich allerdings nicht verkennen, daß in den gegenwärtigen Verhältniflen auf dem niederen Beamtenstande eine gewisse Last ruht, ein Druck, von dem ich meinestheils wünschte, wir könnten ihn mit einem Schlage beseitigen. Wenn man aber solche Wünsche äußert, so muß man sich auch vergegenwärtigen, ob man die Mittel hat, das vollständig zu erreichen, was man erreichen mochte, und sich wohl hüten, die Unzufriedenheit, die in Folge des Druckes entsteht, dadurch zu vermehren, daß man utopische Ansichten äußert. (Sehr richtig!) Ich habe die Ueberzeugung, daß die deutschen Beamten sich unter allen Umständen bemühen werden, vollständig und nach allen Seiten ihre Pflichten zu erfüllen. Wenn Sie aber auf die Ideen eingingen, wie der verehrte Herr Vorredner sie dargelegt hat, dann, glaube ich, würden Sie etwaS thun, was Sie am allersichersten in eine noch unglücklichere Lage bringen würde.(Sehr richtig!) Ich bin, wenn ich dieses äußere, darum aber nicht der Meinung, daß die Beamten sich absolut beruhigen könnten, daß man sie mit ihren Beschwerden abzuweisen hätte. Ich bin vielmehr der Meinung, daß wir recht sorgfältig zu prüfen haben, ob und wie wir die Lage dieser Männer, die zun» Theil wirklich unglücklich sind, verbessern könnten. Und da weiß ich allerdings nur das Mittel, daß wir zum Theil in den Staatssäckel greifen, um eine Aufbesserung herbeizuführen, daß wir anderntheils bemüht sind, die Zahl der Beamten, so weit irgend möglich, zu verringern. Es ist das, ich weiß es, sehr leicht ausgesprochen und nicht so leicht gethan, aber das muß ich nach den Erfahrungen, die ich gesammelt habe, sagen, wie es mir vorkommt, daß bei dem System der preußischen Verwaltung— und das wird inehr oder min- der auf ganz Deutschland übertragen— die Zahl der Beamten ganz außerordentlich wächst und mehr wächst, als das in den anderen Staa- ten der Fall gewesen ist. Ist glaube, es liegt etwas mit daran, daß man zu vielerlei Kontrole und auch zu vielerlei Schreiberei hat. Das ist es, was ich heute im Allgemeinen sage» will. Ich bin hiernach der Meinung, daß die Lage der betreffenden Beamten eine gedrückte ist, daß sie gebessert werden muß und daß wir nach dem Wege zu dieser Besserung suchen müssen. Ich enthalte mich heute, in Beziehung auf die Beamten, die hier in Frage sind, und andere Beamte der Post bestimmte Anträge zu stellen. Ich weiß, daß eine Reihe von Petitionen an den Reichstag gekommen ist, und ich wünsche, daß wir den Inhalt dieser Petitionen hären, ehe wir zu einem Beschluß kommen. Ich habe den Herrn Präsi- deuten der Etatkommission privatim gefragt, wie es mit diesen Peti- tionen stehe, und der verehrte Herr Präsident hat die Güte gehabt, mir zu sagen, daß dafür Referenten aufgestellt seien, daß diese aber bei der gegenwärtigen Berathung darüber zu referiren noch außer Stande wären, weil die Petitionen zu kurze Zeit in ihren Händen seien; bei der nächsten Berathung werde aber dieser Bericht erfolgen. Bis dahin enthalte ich mich also, auf das Detail weiter einzugehen. Ich würde überhaupt gar nicht gesprochen haben, wenn, nachdem die Sache so angeregt worden, wie sie angeregt ist, es beim Schweigen nicht leicht den Anschein finden könnte, als ob man nicht ein genügen- des Jnterefle für diese Männer habe. Ich bin überzeugt, daß für die Verbesserung der unteren Beamten auch in der Post hier im Hause ein allgemeines Einverständniß bei allen Parteien ist. Präsident: Es ist der Schluß der Diskussion beantragt von dem Herrn Abgeordneten Valentin. Zch ersuche diejenigen Herren, aufzu- stehen, welche den Schlußantrag unterstützen wollen.(Geschieht.) Die Unterstützung reicht aus. Nunmehr ersuche ich diejenigen.Herten,, aufzustehen, welche die Diskussion schließen wollen.(Geschieht.) Es ist die Majorität; die Diskussion ist geschlossen. Also Tit. 9.— Widerspruch ist nicht erhoben; der Tit. 8 ist be- willigt. Sitzung vom 9. Dezember. Beginn der Sitzung II'/« Uhr. Vor Eintritt in die Tages- ordnung fragt Bamberger an, ob er seine neuliche Differenz (bei Gelegenheit der Eiscnzolldebatte) mit dem Abgeordneten Stumm— den er fordern, aber nicht todtschießen wird— zur Sprache bringen könne. Der Präsident antwortet für heut ver- neinend, will aber erst nach Durchlesung der betreffenden steno- graphischen Berichte eine definitive Entscheidung abgeben. Im Allgemeinen sei er gegen Erklärungen von Mitgliedern vor Ein- tritt in die Tagesordnung oder nach Erledigung derselben. Es ergreift nun das Wort der Abgeordnete Hofmann (Fortschrittspartei) zur Begründung seines Antrags, den ersten Absatz des Artikels 31 der Verfassung wie folgt abzuändern: „Ohne Genehmigung des Reichstags kann kein Mitglied desselben während der Sitzungsperiode verhaftet oder wegen einer mit Strafe bedrohten Haitdlung zur Unter- suchung gezogen werden. Ausgenommen ist allein die Ver- Haftung eines Mitgliedes, welches bei Ausübung der That oder im Laufe des nächstfolgenden Tages ergriffen wird." Jetzt lautet Artikel 31: „Ohne Genehmigung des' Reichstags kann kein Mit- glied desselben während der Sitzungsperiode wegen einer mit Strafe bedrohten Handlung zur Untersuchung gezogen oder verhaftet werden, außer wenn es bei Ausübung der That oder im Laufe des nächstfolgenden Tages ergriffen wird. „Gleiche Genehmigung ist bei einer Verhaftung wegen Schulden erforderlich. „Auf Verlangen des Reichstages wird jedes Strafver- fahren gegen ein Mitglied desselben und jede Untersuchungs- oder Civilhaft für die Dauer der Sitzungsperiode aufge- hoben." Die beiden letzten Absätze bleiben vom Antrag Hosmann unberührt. Die Verbesserung besteht darin, daß durch das Wort „verhaftet" jegliche Verhaftung eines Reichstagsmitgliedes wäh- rend der Session von einem Beschluß des Reichstags abhängig gemacht wird. Der Antrag Hofmann ist genau auf den bekannten Majunke- Fall zugeschnitten und das schwächliche Kind der schwächlichen Haverbeck- Resolution, durch welche vor einem Jahre die von ihrer famosen Erhitzung kurirte und katzenjämmerlich gewor- dene Reichstags-Majorität mit ihrem parlamentarischen Würden- Gefühl und Gewissen abzufinden versuchte. Der Fall von Abgeordneten, welche bei Zusammentritt des Reichstags bereits in Strafhaft sind, wird durch den An- trag nicht berührt. Seitens der Social-Demokraten wurde darum folgendes Amendement eingebracht: „Nach dem Worte„verhaftet" des Antrags Hofmann einzuschalten: „oder in Strafhaft gehalten". Durch diese Fassung wird dem Reichstag das unum- schränkte Recht über die Freiheit seiner Mitglieder während der Dauer der Session gegeben. Der zweite Absatz des Hofmann'schen Antrags wurde von Seiten der social-demokratischen Abgeordneten in nachstehender Fassung amendirt: „Ausgenommen ist allein die Verhaftung eines Mit- doch sit n> vichem H'alle zosorr oem �eenys-ucz.'-uimmp ju geben und seine Genehmigung einzuholen." Die Bedeutung des Amendements springt in die Augen. Erstens wird das Ergreifen auf der That zeitlich schärfer um- gränzt und zweitens wird den Behörden unmöglich gemacht, die Haft eines auf der That ergriffenen Abgeordneten dadurch in die Länge zu ziehen, daß die Mittheilung an den Reichstag verspä- tct wird. Wir lassen nun den Bericht der Debatte folgen.� Der Abgeordnete Hofmann greift zunächst auf die Entstehungs-Geschichte der Resolution Hoverbeck und seines eige- nen daraus hervorgegangenen Antrags zurück. Er führt aus, welche Sensation die Verhaftung Majunke's vor einem Jahr erregt, wie die That allgemein im Hause als ein Attentat auf die Würde des Reichstags empfunden worden sei und eine wie große Majorität für die Anträge Becker und Hoverbeck, welche beide eine Abänderung resp. Deklaration des Artikel 31 der Ver- fassung veranlassen wollten, sich ergeben habe. Der Bundesrath habe sich bei der Ablehrning darauf gestützt, es werde ein Pri- vilegium verlangt wie es sonst kein Staat besitze. Dies sei aber unrichtig. Redner führt den Beweis, wie in England, Amerika, Norwegen, Portugal die Abgeordneten des gesetzgebenden Körpers nur wegen gemeiner Verbrechen belangt werden können. Selbst in Deutschland hätten die meisten Staaten schon vor 1848, wo man doch so ängstlich gegen die Volksvertretung gewesen, ein derartiges Privilegium den Mitgliedern der Landesvertretung ge- währt. Abgeordneter Lucius(das Sprachrohr Bismarcks) bekämpft die Ausführungen Hofmann's; es sei durch den Abgeordileten Gneist festgestellt worden, daß ein solches Privilegium, wie das verlangte, in der ganzen Welt nicht existire und daß, wenn ein solches für den Reichstag angenommen würde, es ein Privi- legium-Kuriosum sein würde. Es sei überhaupt kein Bedürs- niß für einen derartigen Antrag vorhanden. Denn was die Abgeordneten Liebknecht und Hasselmann in der vorigen Session bei Begründung ihres Antrages gesagt, spreche gegen einen An- trag, wie den jetzt vorliegenden(?). Die Würde des Hauses erheische eher ein Vorgehen in entgegengesetzter Richtung; sie würde jedenfalls besser gewahrt, wenn der Reichstag Mit- glieder, welche sich und ihn kompromittirten, welche politische Verbrechen begangen, die vielleicht an Landesverrath anstreiften, aus dem Reichstag ausschließe. Sein Freund, der Abgeordnete v. Minnigerode, spricht hierauf für den Antrag Lucius, weil der Reichstag, wenn ihm derartige Sachen unterbreitet würden, voraussichtlich zu milde urtheilen ivcrde, man solle nur an die regelmäßige Ablehnung von Beleidigungsklagen und die ebenso regelmäßige Annahme von Anträgen zur Einstellung des Strafverfahrens gegen Mitglieder denken. Lieber möge man den Wahlspruch„zu viel" als„zu wenig" hier in Anwendung bringen. Abgeordneter Banks spricht darauf gegen den Antrag auf „Uebergang zur Tagesordnung"; er wirft den Abgeordneten Lucius und Miningerode vor, die Geschäftsordnung„umgangen" zu haben, indem sie beide für den Antrag zum Uebergang zur Tagesordnung gesprochen hätten, während die Geschäftsordnung nur einen Redner zulasse. Auf Antrag Windthorst's findet nun namentliche Abstimmung über den Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung statt, was vielen Reichsboten offenbar nicht angenehm ist. Für den Antrag stimmten 112, dagegen 168 Mitglieder. Die Be- rathung wird mithin fortgesetzt. (Die Liste dieser namentlichen Abstimmung werden wir, da dieselbe für die Ansichten der Mitglieder des Reichstages sehr bezeichnend ist, später veröffentlichen.) Nach Wiederaufnahme der Debatte für Verweisung des An- träges vor die Justizkommission, spricht zunächst der Abgeordnete Lasker und dann der Abgeordnete Bebel. Letzterer begründet die sozialistischerseits vorgeschlagene crwei- terte Fassung des Antrages Hofmann, wobei Redner scharfe Schlaglichter auf die politischen und Justiz-Zustänve fallen läßt. Redner weist auf mehrere Verfassungen— unter anderen auf die gegenwärtig in Frankreich in Kraft befindliche von 1848— hin, welche der Volksvertretung das in dem sozialistischen Amen- dement geforderte Recht einräumten. In Bezug auf die Ver- Haftung Majunke's greift er den Reichskanzler scharf an, was zu einem Ordnungsruf führt. Er bemerkt noch, daß ihm selbst und Liebknecht wegen Privat-Angelegenhei.ten Urlaub aus der Haft ertheilt worden sei. Dagegen sei eine Eingabe, die er gemacht, ihn während der Reich stagssession zu beurlauben, damit er sein Mandat erfüllen könne, abschläglich bcschieden wor- den, ein Beweis, daß man in den maßgebenden Kreisen Privat- geschäften mehr Werth und Geivicht beilege als den Reichstagsgeschäften.(Wir werden, wie immer, die Rede nach dem steno- graphischen Bericht bringen.) Abgeordneter Windthorst und Beseler, sowie ein Regie- rungskommissar sprachen hierauf noch unter allgemeiner Un- aufmerksamkeit des Hauses. Nach einer(bis auf einige mißglückte Redeblumen am Schluß) sehr guten Schlußrede des Abgeordneten Träger wurde zur Abstimmung geschritten. Für das sozia- listische Amendement stimmten die Sozialdemokrateil und einige Mitglieder der Fortschrittspartei, sowie die Elsässer und Polen. Der Antrag Hofmann wurde in namentlicher Abstimmung mit 142 gegen 127 Stimmen verworfen(17 enthielten sich der Abstimmung), und die Sitzung dann('/« nach 4 Uhr) bis'/z8 Uhr Abends vertagt, nachdem der Präsident mitgethcilt hatte, daß, wenn das Haus mit seinen Arbeiten vor Weihnachten fertig sein wolle, dies nur durch Abendsitzungen zu ermöglichen sei. Polittsche Uebersicht. Berlin, 11. Dezember. Wir haben wieder schöne Aussichten. In diesen Tagen ge- langte nämlich an den Reichstag eine Anzahl von Vorlagen, die dazu angethan sind, den deutschen Steuerzahler nicht ge- rade iil die beste Stimmiing zu versetzen. Die eine dieser Vor- lagen betrifft einen Neubau am Generalstabsgebäude, eine andere einen Artillerieschießplatz, andere wieder Kasernen und die Aus- rüstuna der Reserve und Landwehr, alles Dinge, für die sich schwerlich Viele erwärmen werden, selbst wenn sie noch so natio- nal-kriegswüthig wären; denn auch bei unseren Liberalen geht der Patriotismus blos bis zum � temonnaie. Aus Nummer 86 der Drucksachen der jetzigen Reichstags-Session ersehen wir nun das Nähere. Da heißt es nämlich im Z 1: „Die zur Erwerbung und Herrichtung eines Schießplatzes für die Artillerie-Prüfungskommissioii durch Artikel III. des Ge- setzes voiii 8. Juli 1872(Reichs-Gesetzbl. S. 289) zur Verfü- gung gestellte Summe von 1,375,000 Thalern wird auf 1,630,100 Thaler 4,890,300 M. erhöht und der Mehrbetrag von 765,300 M. dem Reichskanzler aus dem gemeinsamen Restbe- Be-avsQBKiiijuu MBuiuiiinvLiui i«i— ml' 1 1 liu iimiiiPi«an z.' maoat jiv«."--i- ,} � desselben diejenigen 35,501 M. mit verwendet werden, welche an den durch Artikel 1 des bezeichn-ten Gesetzes bewilligten Mittel» erspart worden sind." und in Z 2: „Die zur Erweiterung des Dienstgebäudes des Generalstabes der Armee in Berlin durch Artikel 1 unter 2 des Gesetzes vom 12. Juni 1873(Reichs-Gesetzbl. S. 127) bewilligte Summe von 475,000 Thalern wird auf 1,000,000 Thaler= 3,000,000 M. erhöht und der Mehrbetrag von 1,575,000 M. dem Reichskanzler für das Jahr 1876 aus dem Antheile des vormaligen Norddeut- schen Bundes, Württembergs, Badens und Südhessens an der sranzösischen Kriegskosten-Entschädigung zur Verfügung gestellt." Der Z 3 trägt folgende Fassung: „Die gemäß Artikel 1 des Gesetzes vom 2. Juli 1873 (Reichs-Gesetzblatt S. 185) zur Verfügung gestellten Beträge von 1,500,000 M. zum Neubau einer Kaserne für ein Infanterie- Regiment in Leipzig und von 750,000 M. zum Neubau einer Kaserne für zwei Jnfanterie-Bataillone in Bautzen werden auf 2,200,000 M. und beziv. 1,250,000 M. erhöht und der Mehr- betrag von 700,000 M. und 500,000 M., in Summe 1,200,000 M., dem Reichskanzler für das Jahr 1876 aus dem Antheil des vor- maligen Norddeutschen Bundes an der französischen Kriegskosten- Entschädigung zur Verfügung gestellt." Unsere liberalen Blätter jammern zwar ziemlich über das „Mehr", das gar kein Ende nehmen will, aber sobald die Lasker und Genossen vor die Alternative sich gestellt sehen, Entiveder— Oder zu sagen, nun dann beugen sie sich doch in Demuth vor den Kürassierstiefeln. In Nr. 82 der Drucksachen wird die Ausrüstung der Reserve und Landwehr dadurch motivirt: „In Folge der Veränderungen in den Bestimmungen über die künftigen Kriegsformationen und Kriegsstärken treten indeß jetzt noch neue, in den bisherigen Bedarfsanschlägen nicht vor- gesehene Ausgabebedürfnisse hervor, die sich auf 4,870,694 Mark berechnen und, wie folgt, begründen: 3,871,715 Mark zur Be- schasfuug des Mehrbedarfs an Bekleidungs- und Ausrüstungs- stücken für die nothwendig gewordenen Erweiterungen der Kriegs- sormationen, sowie für die künftig im Felde zu verwendenden, bisher zu Besatzungszwecken bestimmten Truppcntheile. „Die in den Friedensgarnituren der Truppen vorhandenen geeigneten Stücke, so wie die verfügbar zu machenden, für den Feldgebrauch verwendbaren Bestände derselben sind aus den Be- darf in Anrechnung gebracht. Außerdem soll auf die, nur für den Garnisondienst geeigneten Bekleidungs- und Ausrüstungsstücke der Truppen auch serner im Interesse der Besatzungstruppen zurückgegriffen werden, so daß die angemeldete Mehrbcschaffung sich nur als eine durchaus gebotene Ergänzung des Vorhandenen .darstellt. „Diese Ergänzung erst bei dem Eintritt einer Mobilmachung bewirken zu lassen, ist nicht angängig. Die Aufstellung be�ie- hungsweise Mobilmachung eines Theils der Truppen würde hier- durch Verzögerungen erleiden, welche sehr nachtheilig wexheg könnten. Die vorsorgliche Beschaffung ist daher nicht zu um- gehen.(?) „661,479 Mark zur Beschaffung und Aptirung der Aus- rüstungsstücke— Futterale, Patronenbüchsen und Kartuschen— für den, zur Bewaffnung der Kavallerie und der berittenen Trainmannschaften bestimmten neuen Karabiner. „Diese 4,533,194 Mark für Bekleidung und Ausrüstung wür- den der Uebersicht von den Retablissementskosten unter Kapitel I. als neue Position hinzuzusetzen sein. „337,500 Mark für die Vervollständigung der kriegsmäßigen Ausrüstung der Armee mit Sanitätsmattrial, durch Ausstattung der neuformirten Truppentheile und Sanitätsbranchen. „Eine Beschaffung der bezüglichen Ausrüstungsstücke, insbe- sondere der Truppen-Medizinkastcn, Krankentragen, Apparate für Eisenbahnwagen zur Vermehrung der Sanitätszüge u. s. w. sin- det bei dem Eintritt einer Mobilmachung große Schwierigkeiten; sie muß daher vorsorglich schon im Frieden geschehen. „Dieser Mehrbedarf würde der Retablissementskosten-Ueber- ficht als Erhöhung der Position I. im Kapitel III. yinzutreten. „Es wird beabsichtigt, mit diesen Beschaffungen sofort in der Art vorzugehen, daß die Kosten noch 1876 zur Verrechnung ge- langen. „Der Bedarf für das Retablisscment des Heeres erhöht sich hiernach auf 325,411,124 Mark." Ja, da reißt allerdings der Michel die Augen aus und schlägt sich vor die Stirn. Geschieht's ihm aber in einer Be- zichung doch auch recht, wenn er mal ein bischen tief in's Por- temonnaie greifen muß. Hätte er bei den letzten Wahlen sich nicht von den Herren Bürgermeistern, Landräthen, Kommerzien- räthen u. s. w. freundlich die Hand drücken lassen, um dann für sie und ihre Freunde seine Stimme abzugeben, er könnte jetzt ruhig ein Glas Bier mehr trinken und den Weihnachtstisch reicher ausschmücken; nun aber geht es nicht und Michel kann höchstens die Faust in der Tasche ballen und sich einen Esel nennen. Ein großes Schiffs-Unglück wird wiederum von de englischen Küste gemeldet. Der Dampfer„Deutschland", dem Norddeutschen Lloyd in Bremen zugehörig, ist ungefähr in demselben Breitengrade an der östlichen Küste Englands gestran- det, in welchem der Dampfer„Schiller" von der Hamburger Adlerlinie au der westlichen Küste vor einigen Monaten zu Grunde ging. Die Katastrophe, welcher 50— 70 Menschenleben zum Opfer fielen, erfolgte bei den Riffen von Longhand, in der Nähe von Harwich, dem Hafenplatz, von welchem die großen Dampfer der englischen Great Eastern Bahn den Verkehr nach Holland und dem Rhein vennitteln. Die Strandung erfolgte am Morgen des 6. Dezember. Die betreffenden Riffe führen den sveciellen Namen „Kentish Knock". Die geretteten Passagiere und Mannschaften sind am Dienstag um 3 Uhr in Harwich Zklüiidet. 70 Personen sind ertrunken. Der„Deutschland" ist verlassen, voll Wasser und' über den„Kentish Knock" weggesetzt, in 4'/, Faden Wasser an- scheinend mitten durchgebrochen. Von Harwich aus wurden so- fort Schritte gethan, um die Ladung zu retten. Augenblicklich sind nach den neuesten Depeschen vier Fischerböte bei dem„Deutsch- land" beschäftigt. Nach einem aus Sheerneß abgegangenen Telegramm ist daselbst ein Boot des„Deutschland" angekommen. Auf demselben befanden sich der zweite Steuermann, August Beck, und zwei Todte. Das Boot war 38 Stunden auf See. Nach Angabe Beck's betrug die Zahl der auf dem„Deutschland" be- findlichen Passagiere und Mannschaften 150, so daß ungefähr die Hälfte derselben ihren Tod in den Wellen gefunden haben dürf- ten. Wem die Schuld cur dem Unglücksfall beizumessen ist, bleibt abzuwarten. So viel steht aber wohl schon fest, daß, wenn nicht ganz besondere Umstände obgewaltet haben, irgendwo eine schwere Pstichtversäumniß vorliegen muß. Die Liste der Zwischen- deckpassagicre und der Mannschaft ist noch nicht zu ermitteln gewesen. Der große HochverrathS-Prozeß in Graz gegen Tau- schinski und Genossen hat, wie wir vermuthetSn, ein klägliches Ende genommen und die österreichische Regierung, die den Störenfried Tauschinski schon auf Jahre hinter den„eiserne» Gardinen" träumte, steht ganz verblüfft da. Die Geschworenen haben nämlich die auf Hychverrath, Ruhestörung und Bil- dung eines Geheimbundes, resp. Theilnahme an einem solchen lautenden Fragen verneint, nur die wegen Aufreizung ge- stellte Frage bejaht. Der Gerichtshof vcrurtheilte dem zufolge, die Angeklagten Tauschinski und Wanke zu dreimonatlichem, den Angeklagten Hochreiter zu zwcinionatlichem Arrest; die übrigen Angeklagten wurden freigespnochen. Fü's Erste wird demnach wohl der österreichischen Polizei die Lust an Hochverraths-Pro- zcssen vergehen. Aus Catalonien in Spattien kommen, wie wir der libe- ralen Presse entnehmen,„schlimme Nachrichten" für die Bta- drider Regierung. Verschiedene Privatbriefc bestätigen, daß man unterworfene Earlisten in dieser Provinz hart und selbst ungerecht behandelt hat. Alan machte ihnen allerlei Versprechun- gen, damit sie die Waffen niederlegten und warf sie schließlich in die Gefängnisse oder steckte sie in die für Euba bestimmten Re- ginientcr. Das hat mit der Zeit große Erbitterung unter den leicht entzündlichen Cataloniern hervorgerufen. Aus Furcht, nach Euba gesandt zu werden, halten sich die ehemaligen carlistischen Freiwilligen versteckt. In ihren Verstecken leiden sie jedoch durch Kälte und Mangel an Nahrung und so hat sich ihrer eine ver- zweifelte Stimmung bemächtigt. Es bedarf nur eines beredten Führers, um sie wieder für den Earlismus die Waffen erheben zu machen. Außerdem soll Tristany, der vor einigen Wochen zum Gouverneur von Catalonien ernannt wurde, in der Provinz angekommen sein und im Verein mit Priestern„sein Werk" be- gönnen haben. Nach dieser Angabe soll während des Winters wieder eine catalonische Armee heimlich formirt werden, mit der Tristany bei Beginn des Frühjahrs auftreten werde. Auch sollen sich die„Rothen" wieder regen. Was an diesen Sachen wie- der wahr ist,.können wir zur Stunde noch nicht beurtheilen. Erstens scheint es aber, daß diesen Nachrichten zufolge der Car- lismus in Spanien keineswegs unterlegen ist, und zweitens, daß auä) der Socialismus daselbst einen bedeutenderen Einfluß besitzt. Der liberale' Stern will auch in Spanien nicht recht hell leuchten. * Der bekannte volkswirthschaftliche Schriftsteller Rodbertus ist am 6. Dezember auf seinem Landgute Jagetz ow an einer Lungenentzündung gestorben. — Ebenso ist Professor Dr. Friedrich Albert Lange, der Verfasser der„Arbeiterfrage", am 21. November in Marburg gestorben. * Der Zrau TtrouÄberg ist von den früheren Socien ihres Gatten, den Herzögen von Ratibor und von Ujest und dem Grafen Lehndorff„für die Dauer der Abwesenheit des Dr. Strous- berg" eine Dotation von lOW Thalcr monatlich ausgesetzt wor- den.— Welche Höflichkeit unserer Bourgeois-Literaten nur von einer„Abwesenheit" Ttrousberg's zu sprechen! * Der„Reichsbote", das Organ der Berliner Jünglings- Vereinler und Pietisten, läßt sich aus Schleswig- Ho! stein folgendes klassische und drastische Hülfsinittel gegen den schnellen Stellenwechsel der Elementarlehrer, der bekanntlich nur auf deren klägliches Gehalt zurückzuführen ist, schreiben: „Man möge eine Bestimmung treffen, wonach der Lehrer, welcher eine Stelle, um die er sich beworben und die er aus freien Stücken angetreten hat, innerhalb der ersten zwei Jahre wieder verläßt, sämmtliche Kosten, die sein Amtsantritt der Ge- meinde verursacht hat, wieder zurückerstattet. Ein solcher Unfug von Stellcnjägerei schadet nämlich nicht blos der Schule, sondern auch den Lehrern, welche damit ein geringes Interesse für daS Gedeihen der Schule bekunden" zc. Nun, warum zahlt der Redakteur des„Reichsbotcn", der plötzlich seine mit 900 Thalern dotirte Pfarrstelle verließ, um Literat mit KZOO Thalern zu werden, sein bis zu diesem Schritt bezogenes Pfarrergehalt nicht zurück'� Oder ist dies kein„Unfug von Stellcnjägerei�" Um gefällige Antwort bittet die Redaktion des„Neuen Social-Dcmokrat". Innere Parteiangelegenheiten. Auf verschiedene Anfragen, besonders aus Schleswig-Holstein, ur Mittheilung, daß Herr�E. B. Richter in Wandßbeck vom Lorstande nicht zur Agitation verwendet wird, da derselbe durch sein Auftreten die Partei schädigte, und einer bestimmten Erklä- rung über seine Stellung zu derselben bis jetzt ausgewichen ist. Hamburg, 7. Dezember 1875. Mit social-demokratischem Gruß I. A.: C. Derossi. I. Auer. Vurschcid, 2. Dezbr.(Allgemeiner Bericht.) Sonntag, den 31. Oktober, hielten wir hier eine Volksversammlung ab mit der Ta- gesordnung:„Die heutige Geschäftskrise und die Vorschlage zu deren Beseitigung". Referent war Herr Luchtenberg aus Wald. Sonn- tag, den 28. Nov., hielten wir ebenfalls wieder eine Volksoersammlung ab, in der Herr Schumacher aus Köln referirte. Die Tagesordnung bildete:„Die politische Lage Deutschlands" und„die Biersteuer". Beide Versammlungen waren sehr zahlreich besucht und den Rednern wurde die größte Aufmerksamkeit geschenkt. Mit social-demokratischem Gruß I. A.: Kornelius Backhaus. Berlin, 10. Dez.(Pußerversammlung.) Gestern fand eine stark besuchte Versammlung Berliner Putzer statt. Freund Hein j ch hatte dieselbe einberufen und wurde auch von der Versammlung zum Vorsitzenden gewühlt. Herr Winnen hielt einen gediegenen Vortrag über die Nothwendigkeit einer gewerkschaftlichen Organisation. Der Vortrag fand allgemeinen Beifall und wurde sofort beschlossen, eine Kommission, aus elf Personen bestehend, zu erwählen, welche ein Sta- tut für einen Unterstützungs-Vercin der Berliner Putzer aus- arbeite» und einer demnächstigen Versammlung zur Begutachtung und Annahme vorlegen soll. In die Kommission wurden folgende Herren gewählt: Abraham, Born, Dietrich, Hahn, Hofftädt, Kästner, Miersch, Nagel, Kandt, Schöne, Siebke. Hamburg, 27. Novbr.(Allg. Reepschläger- und Seiler- Verein.) Da hierorts in einer Werkstelle die Arbeit durch Mastrege- lung des Vorsitzenden niedergelegt wurde, so ersuchen wir die auswar- tigen Kollegen, den Zuzug nach hier fern zu halten. NB. Alle Arbeiterblätter werden um Abdruck gebeten. C. Herwig. Bremen, 6. Dez.(Allgem. deutscher Schncidcr-Verein.) Da es in neuerer Zeit niehrfach vorgekommen ist, daß in Vercinsan- gelegenheiten nicht an die direkte Adresse des Vorstandes geschrieben wurde, worin sich auch noch sogar ein altes, augenblicklich von Bremen abwesendes Mitglied versündigte, sc G°ne hiermit zur Nachricht, daß auf Beschluß der hiesigen Mitgliedschaft, alle Zuschriften in Vereinsan- gelegenheiten, soweit dieselben nicht speziell auf die Kontrolkonnnission sich beziehen, direkt an den Bevollmächtigten W. Schneider, Calvin- strastc 16, I. Etage, zu adressiren sind. Den Parteigenossen empfehlen wir folgendes in spanischer Sprache in Mexiko erscheinende Arbeiterblatt: „Lemanario"(Wochenschrift.) Znr Beachtung. Die Adresse des Sekretariats der Socialistischen Arbeiterpartei Deutschlands ist jetzt Pserdemarkt 37 III. in Hamburg. I. Auer. C. Derossi. Briefkasten. Weidemann, Hamburg. Annonce für die Freitags-Nummer zu spät eingetroffen, heute nutzlos. Ibsen, Frankfurt a. M. Ihr Brief kam zu spät, um die gewünschte Berichtigung rechtzeitig, also nutzbringend, machen zu können. Parteigenossen Berlins! Sonntag, den 12. Dezember, Vormittags 10 Uhr, Sophienstraße 15, Große Volksversammlung. Vortrag fea Reichstagsabgeordneten Herrn W. Haseuelever. Erscheint pünktlich und zahlreich.''__ Berlin. Arbeiterversammlungen: Sonnabend, It. Dez., Ab. tzi Uhr, 1) Grntwcil's BicrhaUen, ob. Saat. Clsafscrstr. 57 bei Zoller. Montag, IS. Dez., Abends 8 Uhr, 1) Marlannenstr S l, Judustrichallen. Die Hausindustrie. Vortrag des Herrn Bernstein. Verschiedenes. L) Landwehrsir. II. bei Meister. Vortrag des Herrn Dr. Kuntz. Versch. Die Genossen dieses Bezirks müssen der Lokalsrage wegen vollzählig am Platze sein. Allgemeine Betheiligung ist nothwendig. (?. 20.) Ä. Hernsch.>3,6», Billets zum Sylvester- Fest in allen Versamml. Nur 2000 werden ausgegeben. Dienstag, 14. Dezember, Abends' 8 Uhr, bei Vogel, Alexanderstr. 31. Berlin. bei Vogel, Aleranderstr. 31. Oeffentl. Versammlung der Berliner Zimmerer. T.-O.: Der Kampf um's Dasei». Ref.: Johannes Klinkhardt. Zimmerleute, erscheint recht zahlreich. (F. 98.) Otto Kapell.[2,201 Berlin. Mittwoch, 15. Dezember, Abends 8 Uhr, bei Vogel, Alexanderstr. 31, Ausschnß-Sitzung der Maurergesellen- Kranken- Kasse. Sämmtliche Gewählte müssen erscheinen. Der Vorstand. sl,60j Montag, 13. Dezember, Abends 8 Uhr, in Gratweil's Bierhallen(oberer Saal), Oeffentl. Schuhmacherversammlnng. T.-O.: Bortrag des Herrn Klinkhardt über die Korporativbewegung in Deutsch- land und England. Szimmath. NB. Das Schuhmacherfest findet am ersten Weihnachtsfeiertage, Abends 6 Uhr, im Neuen Gesellschaftshause, Niederwall- straste 20, statt.[2,201 Berlin. Dienstag, den 14. Dez., Abends 3'/, Uhr, Sophienstr. 13, Große General- Versammlung siimmtl. Schmiedegesellen. (F._109,)___ I. Jacob.[1,80] Tischler Berlins! Wir fordern Euch auf, in der am 12. d. stattfindenden geschlossenen Mitglieder- Versammlung d. Tischler-(Schreiner-) Vereins sämmtlich zu erscheinen! (F. 100.) Kühne. Wieneckc.[1,40] Meinen geehrten Parteigenossen empfehle mein Nhrmacher-Ge- schüft. Reparaturen und neue Uhren unter mehrjähr. Garantie. zF 110.) D. Ellinghausen, Uhrmacher, Alexanderstr. 44. Winnhll Sonntag, 12. Dezbr., UnUlUHi« Vorm. 9'/, Uhr. (F. 98.) im Bellevue- Theater,[1,80] Oeffentliche Versammlung sämmtl. Zimmerleute Moabits und der Umhegend. T.-O.: Vortrag des.Herr O. Kapell. Hamburg."Ä � im Lokale des Herrn Ohl, Spitalerstr. 18, Mitglieder-Nersammlung der Zimmerer- Unterftiitzungskasse. T.-O.: Abrechnung. Statutenänderung. (F. 40.) L. Pfeiffer.[2,00] Artltlfllirrt Mittwoch, den 15. See., yWmlUUl}. Abends 7V» Uhr. iiy Salon zum Roland, 1. Jakobsstr. 19, Mitgliederversammlung der Bau-, Land-, Erd- und Fabrik- Arbeiter. T.-O.: Abrechnung vom letzten Ball.— Verschiedenes. Herr I. Hansen aus Altona ist hierzu eingeladen. (F. 1.)___ J�Krohn.[2,20] Mftnilll Dienstag, 14. Dez.. -mluml. Abends?>/, Uhr. in Heinsohn's Salon, Große Oeffentl. Versammlung der Bau-, Land-, Erd- und Fabrik-Arbeiter. T.-O.: Die Stellung oben genannter Arbeiter den übrigen Gesellschastsklassen gegenüber. Ref.: Herr Schreckenbach. Ich mache hiermit bekannt, daß der Verein der Maurer-Arbeitsleute und Erd- Arbeiter aufgelöst und sich obigein Verein angeschlossen hat. (F. 20.) H. Cordes.[3,40] Altona. Montag, 13. Dezember, Abends 8'/, Uhr, bei Ebler, Norderstraße, Geschl. Mitgliederversammlung des Allg. Tischler(Schreiner-) Vereins. Ouittungsbuch ist vorzuzeigen. (F. 20.)' Der Beüollm.[1,80] Barmbeck. Mittwoch, 15. Decbr., Abends 8 Uhr präc., im Lokale des Herrn Schultz in Barmbeck Anzeigen. Barmbeck, im Lokale des Herrn Schultz in Barmbeck am Markt, Geschlossene Mitglieder- Versammlung des Allg. Tischler-(Schreiner-) Vereins. T-O.: Vortrag. (F. 89.) Abrechnung. A. Hartlieb.[2,60] Bremen. Montag, den 13. Dez., Abends 3'/, Uhr, in Ever's Hotel(Hermannshalle), Oeffentliche Versammlung der Socialist. Arbeiterpartei. T.-O.: Ein Zeichen der Zeit Referent: W. Frick. Parteigenossen, sorget für gefülltes Lokal. (F. 67.)' Der Vorsitzende.[2,20] Bremen. Wie alljährlich, so auch in diesem Jahr, am ersten Wcihnachtsfcicrtage großartige Weihnachts- Feier, bestehend in Concert, Vorträgen, Ber- loosung und Kinderbelnsti- gung an den Weihnachts- bäumen. Loose ü 30 Pf. sind in allen Versamm- lungen zu haben.— Anfang 5 Uhr. Wir ersuchen Parteigenossen und Freunde, zu der Verloosung uns mit Geschenken zahlreich unterstützen zu wollen. Für Geschenke im Werthe von 75 Pf. wird ein Loos gratis verabfolgt. Es ladet ergebenst ein: (F. 67.) Das Fest-Comits[4,80] der Socialistischen Arbeiter-Partei. Sonnabend, 18. Dezember, Abends 8 Uhr, bei W. Egger's, Feldschmiede, Besprechung. sämmtlichcr Abonnenten dcS„Neuen Social-Demokrat",„Bolkostaat" u.„Hamburg-Altonacr Bolksblatt". (F. 81.) Die Zeitungskoinmission.[1,80] am Markt, Oeffentliche Arbeiterversammlung. Die Tagesordnung wird in der Ver- saun» lung bekannt gemacht. Zutritt frei. (F. 89.) C. Simon.[2,00] F. Cigarrenm.! Rohtab.-Berk. Mal. 6>/», Dom. 8 u. 8'/», Fl. Brasil 8'/» u. 9 Sgr. Java-Dcckbl.v.11Sgr. Barz, Barnimstr. 7. Frankfurt a. M. m im Lokale des Herr» Pfuhl, Zeil 47, Oeffentliche Versammlung des Frantzfurtcr Schrciner-Vercins. T.-O.: Was bringt uns die Groß- industrie? _ Balzer.[1,60] Meinen geehrten Parteigenossen empfehle mein Uhrcnlager. Re- paraturen unter Ijähr. Garantie. A. Grüger, Uhrmacher, Skalitzerstr. 120, Ecke Mariannen- straße, Berlin SO.[3,00] Brandenburg a. d. H. Dienstag, d. 14., Abends 8V, Uhr, im Lokale des Herrn Hildebrandt, Wolleniveberflr. 5, Volksversammlung. Der Reichstagsabgeordnete Reimer ist anwesend. (F. 62.) A. Altenkirch.[1.80] Magdeburg."SS-VÄ" im Geßncr'scheu Gesellschaftshause, früher„Villa Nova", Gr. Storchstr. 7, Volksversammlung. T.-O.: Die Gewerkvereine und die So- cial-Demokratie. Referent: A. Zwiebler aus Altenburg. Sämmtliche Parteigenossen müssen am Platze sei».«F. 100.) Der Agent.[2,201 Zur Beachtung! In Folge der bei uns er- folgten Bcschlagnahne des Ka- lenders pro 1�76: „Der arme Conrad", sind wir nicht im Stande, die uns zugeganssenen Bestellungen auszuführen und ersuchen unsere Freunde, sich bis aus Weiteres bei fernerem Bedarf direkt nach Leipzig an die Bcrlagshand- lung: Genossenschafts- Buch- drnckerci, Färberstraße 12, zn wenden,(f. 114.)[5,00] Tie Buchhandlung des„Neuen Soc.-Tcmokr." Ottensen. Die Destillation, Bis- marckstraße 17 empfiehlt en gros& en detail; fuselfreien Doppelkümmel a Flasche 38 Pf., Rum, Cognac, Punsch-Extrakt zc. Bedeckte Kegelbahnen für Klubs ic. pr. Stunde 75 Pf. Carambole-Billard pr. St. 15 Pf. Zimmer für Klubs und Comitö- Sitzungen. Ergebenst[5,50] (F. 63.) F. Erdmann. NB. Es liegt ein Arbeitsnachweisebuctz für Cigarrenarbeiter bei mir aus. D. O. Hamburg. 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Erschienen sind sechs Bände(Elegie— Frunkoraanie) und durch jede Buchhandlung zu beziehen. o o S «5 0�= o ja tS CU fi % u « 2 € G K '-4- S "ö vo .- V Ö tu S �£ rs �« 'rr su Sk> r* jz»>-> tU r-i sC PS � rso Druck und Perlag der Mg. deutschen Association»'Buchdruckerei zu Berlin, Eingetragene Genossenschaft, Kaiser-Franz-Grenadier-PIatz La. Veramwortlich für Ms R-d actum: H. Lange in Berlin.