e cliti Glei chher Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. №o 2.] [ 1876 Erscheint wöchentlich. Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. - In Heften à 30 Pfennig. Die wahre Geschichte des Josua Davidsohn. 2. Kapitel. ( Fortsetzung.) Josua verließ das elterliche Haus nicht früh. Er arbeitete an seines Vaters Hobelbank und lebte in Frieden mit seinen Angehörigen. Wenn aber sein Leben auch einförmig, ereignißlos verfloß, so war sein Geist doch nicht todt. Er sammelte einige junge Leute seines Alters um sich), mit denen er Betversammlungen und Bibelstunden hielt, entweder in seines Vaters Hause oder, wenn die Hütte für die Schaar zu klein war, draußen auf freiem Felde. Man glaubte sich in die ersten Zeiten des Christenthums versetzt, wenn man an einem schönen Sommerabend, nahe dem Strand des ewig wogenden, athmenden Meeres, unter dem dämmernden Himmel saß: die Lerchen zu Häupten, schmetternd, die Seevögel und die Schwalben blitzschnell durch die Luft schießend, die geheimnißvolle Musik der an die Küste anschlagenden Wogenund dazu der junge Zimmermann, von Gott vorlesend und Jesum am die Kraft flehend, ihm gleich sein zu können im Leben und Sterben, mit einem Ernst, mit einer Aufrichtigkeit, ja mit wahrer ich gestehe, seitdem nichts Aehnliches, weder Leidenschaft betend- - so in der Kirche, noch in einer Kapelle*) gehört oder gesehen zu haben. Er war den andern Knaben so gar nicht gleich aufrichtig, so standhaft. Niemand hat jemals den Schatten einer Lüge von ihm gehört, nie hat er sein Wort zurückgenommen, nie Ausflüchte gemacht, nie sich hinter Vorwände versteckt. Er hatte eine so eigenthümliche Art, sich uns verständlich zu machen und uns zu„ paden". Es war, als habe er schon Alles gefühlt, was wir fühlten, und alle unsere Gedanken schon gedacht. So jung er war, war er doch unser Führer. Wir erwarteten große Dinge von ihm; ich würde ausgelacht werden, wollte ich erzählen, wie hoch sich unsere Erwartungen verstiegen. Die jungen Leute, die Josua um sich versammelte, waren durchweg gutmüthig, fleißig und unverdorben. Sie hielten sich von Rohheiten fern; nie waren sie in Schlägereien verwickelt, nie hörte man sie ein *) Blos die Bekenner der englischen Staatskirche haben Kirchen ( churches); die Dissenter( nicht zur Staatskirche gehörigen und nicht Fatholischen Christen) haben Kapellen( chapels). Schimpfwort gebrauchen, wie sehr sie auch gereizt wurden. Von den Geistlichen ihrer verschiedenen Kirchspiele wurden sie aber nicht mit freundlichen Augen angesehen, und mancherlei Schlimmes ward ihnen von dieser Seite her in die Schuhe geschoben. Sie nicht vertragen, die auch die Besten unter den Dissidenten für waren keine Kirchgänger, und das können unsere Landgeistlichen Bagabunden, oder nicht viel besser halten, und es theils als eine persönliche Beschimpfung, theils als eine moralische Sünde betrach Befriedigung findet, als bei ihnen. Freilich, die jungen Leute geten, wenn ein Pfarrkind für seine arme Seele irgendwo anders mehr hörten zu keiner Dissidentensekte; sie beteten viel und oft, aber weber in der Kirche, noch in der Kapelle, sondern in ihren Häufern oder auf freiem Felde. Ihr Bestreben war, Christus gleich zu leben. Den Lurus unter den gläubigen Christen hielten sie für Sünde und ver= schonten mit ihrer Anklage Steinen: weder Laien noch Geistliche; " Chriftus machte es auch so," war ihre Rechtfertigung. Sie wendeten sich gegen die Priesterschaft überhaupt und meinten, Christus, als Oberpriester, bedürfe keiner Diener und Vermittler, und unsere modernen Geistlichen unterschieden sich in nichts von den alten Pharisäern, die anzuklagen Chriftus nicht müde geworden sei. Sie waren auch gegen die Heilighaltung des Sabbaths, wie Christus selbst es gewesen, und hingen fest an der Lehre von der vollständigen Freiheit in Christus. In ihrer Einfalt glaubten sie jebes Wort des Evangeliums und hielten Welt gegeben, zu befolgen und ihm als Muster nachzuahmen. es für höchste Christenpflicht, das Beispiel, welches Christus der Josua's höchster Wunsch, seine größte Hoffnung, die er bei uns liebe zurückzuführen, wie sie sich in Christi Leben offenbart, und aussprach, war, die Welt zu der Einfachheit und wahren Menschenin seinem Glauben an die Heiligkeit dieses Lebens konnte er nicht begreifen, wie man es thatsächlich so ganz außer Acht gelaffen. der schon früher ihm und Herrn Grand Gemüthsbewegungen Der Mittelpunkt seiner Gedanken war immer noch derselbe, verursacht, nämlich, warum wir Chriftus, wenn er Gott war und uns zum Beispiel gegeben wurde, nicht buchstäblich und mit Gewissenhaftigkeit folgen, wie es das Evangelium vorschreibt? Und er glaubte, daß Gott ihm die Kraft verleihen würde, das Evangelium nicht allein in seiner Person zu verwirklichen, sondern auch die Gesellschaft auf den Standpunkt des Evangeliums zu erheben und zur Wahrheit zu führen. Er wartete auf ein himmlisches Zeichen und zweifelte nicht, daß es ihm werden würde. Man darf nicht vergessen, er war damals noch sehr jung: ein Schwärmer, mit wenigen oder gar keinen wissenschaftlichen Kenntnissen, aber mit der Logik des Fanatismus, unfähig, darüber zu entscheiden, was möglich und was unmöglich, und das direkte Eingreifen Gottes über die Naturgeseze stellend. Das Bibelwort, daß der Glaube Berge versetzen könne, nahm er im wörtlichen Sinn, und hielt die Verwirklichung nicht nur für möglich, sondern für sicher. Wenn der Glaube vorhanden war, mußte auch der Berg sich bewegen. - Eines Abends ging er hinunter in das„ Felsenthal", um die Probe zu machen, ob Gottes Versprechen sich bewahrheiten werde. Er glaubte fest. Er hatte den ganzen Tag gefastet und gebetet, und im Dämmerlicht, nachdem die Arbeit gethan war, stieg er hinab mit dreien seiner Gefährten mir und noch zwei Anderen, wir Alle überzeugt, daß die Wahrheit des Worts sich offenbaren, und Josua Berge versehen werde mit seinem Glauben. Er betete zu Gott, daß er diese Offenbarung uns gewähren und sein Versprechen einlösen möge. Er glaubte fest, nicht der Schatten eines Zweifels kam über ihn. Als er so dastand, in dem fanften Zwielicht, die Hände über den Kopf erhoben und das Auge dem Himmel zugewandt, glänzte sein Antlig, wie einst das des Moses. Er schien begeistert, emporgetragen über sich selbst und die Menschheit. Im Namen Gottes und weil Christus es versprochen, befahl er dem Felsen, sich zu bewegen. Wir knieten neben ihm nieder, zitternd vor Erregung, weil wir uns in Gottes Gegenwart fühlten und nicht zweifelten, daß er uns sein göttliches Wort halten würde. Aber der Felsen stand still, und ein Vögelchen, das geflogen kam, setzte sich darauf. Ein anderes Mal nahm er eine Natter in die Hand, indem er die Bibelstelle anführte:" Sie sollen Schlangen aufheben," aber das Thier biß ihn und er war einige Tage lang krank. So aß er auch eine Handvoll Tollkirschen, und wäre um ein Haar an deren Gifte gestorben. Er hatte die Natter angegriffen und die Beeren gegessen in demselben festen Glauben, der ihn getrieben hatte, dem Felsen zu befehlen, er solle sich fortbewegen. Als der Arzt gerufen wurde und Josua ihm kindlich Alles erzählt hatte, was, warum und in welchem Geiste er es gethan, schüttelte derselbe bedenklich den Kopf und sagte zu Josua's Mutter, ihr Sohn sei verrückt, er müsse besser beobachtet werden. ,, Nein, nein, mein Herr, ich bin nicht verrückt, weil ich an die Bibel glaube und entschlossen bin, ein Leben nach Christi Beispiel und Wort zu führen," sagte Josua. Bah! dummes Zeug!" erwiderte der Doktor. Was du zu thun hast, mein Junge, ist, dein Holz glatt zu hobeln und dauerhafte Arbeit zu liefern. All' diese religiösen Narretheien haben feinen Sinn. Ich sage dir, dein Gehirn wird verdreht. Du bist jetzt schon wahnsinnig und wirst noch wahnsinniger, unheilbar toll werden, wenn du nicht bei Zeiten den Kram einstellst." " So sagte Festus zu St. Paul, er war aber nicht wahnfinnig, ebensowenig wie ich." ,, Aber was willst du thun?" sagte der Doktor mit gutmüthiger Ungeduld. Was für eine Schraube ist in deinem armen thörichten Kopf los, daß du diese Dinge nicht leicht nehmen kannst?" ,, Ich will herausfinden," antwortete Josua ,,, was wahr ist: die Bibel, die bestimmte Lebenswege vorschreibt, oder die christliche Welt, die ihr nicht gehorcht. Wenn Christus Gott war, so gibt's nur einen Weg für uns Alle. Er konnte uns kein unvollkommnes Beispiel hinterlassen, das wir nach Gutdünken verbessern, hier etwas zusetzend, dort etwas wegnehmend, wie es uns für die Gesellschaft nüßlich und passend erscheint. Entweder ist Christus Gott oder er ist Mensch; der jetzigen Welt ist er weder Gott noch Mensch; wir haben weder einen Christus, noch Christen- und ich möchte die Wahrheit wissen." 10 Höre auf meinen Rath," sagte freundlich der Doktor ,,, schlage dir diese Gedanken so rasch wie möglich aus dem Kopfe. Suche dir Arbeit in einer andern Gegend, verliebe dich in ein hübsches Mädchen, heirathe sie, sobald du kannst und schaffe ihr ein anständiges Heim. Lasse für einige Zeit die Bibel Bibel sein, lies statt der Bibel erheiternde Geschichten, Reisebücher und dergleichen; iß keine giftigen Beeren mehr und nimm keine Nattern in die Hand. Das, glaube es mir! ist das geeignete Leben für Dich, und obgleich ich kein Theologe bin, getraue ich mir doch zu sagen, daß, wenn man in dem Stande, den Gott uns angewiesen hat, rechtschaffen arbeitet, fleißig in die Kirche geht, keine Wirthshäuser besucht und überhaupt so lebt, wie es ehrbaren Leuten geziemt, dies weit besser und vernünftiger ist, als all' die hochfliegenden religiösen Ideen, mit denen du dich abquälst. Verlasse dich darauf, unsere beste Religion ist unsere Pflicht zu thun und die Sorge für unser Seelenheil Denen zu überlassen, deren Amt es ist, sich darum zu bekümmern." es ,, Ich danke Ihnen, mein Herr," sagte Josua,„ Sie meinen gut, aber Gott hat mir andere Gedanken gegeben, denen ich gehorchen muß ,. will ich nicht gegen den heiligen Geist sündigen." Später äußerte der Doktor gegen Herrn Grand, daß er von der Sanftmuth und eigenthümlichen Gemüths- und Gedankenrichtung des jungen Menschen lebhaft gerührt gewesen sei und viel darum gegeben hätte, wenn er ihn Knall und Fall zur Kur in ein Irrenhaus hätte schicken können, wo er für einige Zeit verpflegt und allmählich wieder in Ordnung gebracht worden wäre. Das Fehlschlagen der Glaubensproben hatte uns Alle graufam enttäuscht, und Josua's Schmerz ist schwer zu beschreiben. Nicht viele Menschen haben wohl größere Seelenqualen erlitten, als Josua zu dieser Zeit. Es war ihm, wie wenn die Sonne sich plötzlich verfinstert hätte, und der Zweifel, in den er plötzlich geschleudert ward, brachte ihn dem Wahnsinn viel näher, als sein einfacher Glaube gethan; aber noch rechtzeitig erhob er sich wieder zum Licht. Er konnte nicht glauben, daß Gott sein Gebet von sich gestoßen habe. Gott, der sein Herz kannte, würde, dessen war er gewiß, fein Streben mit Erfolg gekrönt haben, wenn es mit dem göttlichen Weltplan im Einklang gewesen wäre. Es war der erste Kampf zwischen Glauben und Gesetz, zwischen Offenbarung und Natur, den jeder forschende Geist durchzumachen hat, und es war ein bitterer Kampf. Mehrere Wochen lang ließ er nichts von diesen Gedanken verlauten, die seine Brust stürmisch bewegten. Es war nicht in seiner Natur, rasch Schlüsse zu ziehen; er überlegte mit Aengstlichkeit, grübelte und ließ seine Gedanken reif werden, um mir diesen Ausdruck zu erlauben. Eines Abends, als wir nach der Arbeit zusammensaßen, sprach er sich endlich aus. ,, Freunde," sagte er, es scheint mir, und ich glaube, ihr Alle seht es auch ein, daß Gottes Wort nicht buchstäblich genommen und nicht in allen Einzelheiten gelebt werden kann. Die Naturgesetze sind über Alles erhaben und unantastbar, selbst der Glaube kann sie nicht ändern. Sollte es möglich sein," fuhr er feierlich fort,„ daß Vieles in der Bibel nur ein Gleichniß ist, daß Christus nur, wie er sagte, der Eckstein war, nicht aber das ganze Gebäude? Daß wir sein Werk wohl in seinem Geiste fortführen müssen, aber in unserer Weise, und daß es thöricht ist, seine Handlungen nachäffen zu wollen?" Auf eine solche Rede waren wir nicht vorbereitet. Wir blickten einander verlegen an, selbst dem wenigst Scharfsinnigen unter uns war es flar, wohin solche Grundsätze führen mußten; Jeder begriff, daß unser bisheriges Steuerruder damit zerbrochen, und daß wir, ehe ein anderes Steuerruder gefunden war, hülflos auf dem Meere des Lebens umhertreiben würden. Josua sagte indeß Nichts weiter. Er wünschte uns bald darauf gute Nacht und es dauerte lange, ehe er diesen Gegenstand wieder berührte. Wir Alle fühlten, daß wir auf einem gefährlichen Wege waren. Hatten wir es uns nicht zur Aufgabe gemacht, Christus in unserm Leben zu verwirklichen? Hatte uns dabei nicht die Ueberzeugung von der buchstäblichen, der absoluten Wahrheit jedes Wortes des Evangeliums geleitet? Einer Wahrheit, die nicht wegerklärt, durch keine weltliche Weisheit oder Erfahrung umgewandelt und abgeschwächt werden kann und die unentſtellt, nackt, vollständig, genau so, wie sie niedergelegt ist, angenommen werden muß. Eins oder das Andere. Entweder Christus oder die Gesellschaft; entweder die Bibel oder die Welt, Beides zugleich konnte es nicht sein. Aber einmal das Recht der Wahl, der Kritik zugelassen, wo war dann unser Prüfstein, unser Maßstab? Was konnten wir insbesondere mit den Bibelsprüchen vom Glauben anfangen, nach dem die von uns angestellte Probe so traurig mißlungen? Und wenn unsere Theorie der Unfehlbarkeit nur im kleinsten Punkt falsch war, war sie dann nicht ganz hinfällig? Wenn es aber mit der absoluten Unfehlbarkeit zu Ende war, wurde dann nicht Christus zum gewöhnlichen zeitlichen Lehrer, der blos örtlich und für kurze Tage gelehrt, nicht allgemein und für alle Menschen und für alle Zeiten; und wurde Gott nicht zu einen stümper11haften Stückfarbeiter? Und wenn dem so ist und selbst die Offenbarung des Evangeliums nicht ewige Wahrheit besitzt, wo bleibt dann die absolute Nothwendigkeit der Annahme des Evangeliums? Wenn wir aber zu diesem Schluß kamen- und die Aussicht erschreckte uns dann mußten wir auch jeglichen Ankergrund aufgeben; das alte Schiff war zerschellt, wir mußten uns ein neues zurechtzimmern und zufrieden sein, ließ sich ein Bruchstückchen des alten dabei verwenden. Damals waren wir aber noch weit von solchen Schlußfolgerungen entfernt. Christi Leben, das Evangelium und die Verpflichtung, des Herrn Schritten zu folgen: was er gelehrt, zu glauben; wie er gethan- waren immer noch die Hauptglaubenssätze für zu thun, Josua und das Ziel seines Strebens, und mit ihm auch des unsrigen. Fortsetzung folgt. Georg Büchner. ( Nachstehende Skizze hat zur wesentlichen Grundlage tie von Louis Büchner verfaßte Biographie, welche sich in den„ Nachgelassenen Schriften von Georg Büchner, Frankfurt a/ M. bei Sauerländer 1850", findet.) Georg Büchner, dessen Portrait wir in un erer ersten un'erer Nummer nach einer im Besitz der überlebenden Geschwister befindlichen Zeichnung brachten, wurde am 17. Oftober 1813, am Schlachttage von Leipzig, in einem Dorfe unweit Da mstadt, wo sein Vater Arzt war, als erstes Kind der Familie gesoren. Der Vater wurde bald in eine höhere Stellung nach Darmstadt berufen, und Büchner erhielt auf dem dortigen Gymnasium seine Schulbildung. Sein frühreifer Geist ließ ihn hier berei& unter den Besten erscheinen, und als er im Herbste des Jahres 1831, in einem Alter von 18 Jahren das Gymnasium verließ, hielt er auf dem in Darmstadt üblichen Redeactus eine Rede, welche die Vertheidigung des Selbstmords Cato's von Urika*) zum Gegenstande hatte. In einer körnigen Sprache abgefaßt, ist sie ein Beweis für seine damals schon von politischem Ethusiasmus beseelte Geistesrichtung und befindet sich unter einer Reihe von Jugendarbeiten, die noch vorliegen und meist lyrischen Inhalts sind. In späterem Alter machte er niemals mehr Verse. - Der Wunsch des Vaters und eigne Neigung best mmten ihn für das Studium der Medicin und der damit verwandten Naturwissenschaften. Als Studienort wurde, el enfalls auf den Wunsch des Vaters und als Ausnahme von der Regel, Straßburg gewählt, wohin sich Büchner im Herbst 1831 begab. Mit der französischen Sprache genau vertraut, besuchte er die in dieser Sprache vorgetragenen Vorlesungen über Chen: ie, Physik, Zoologie, Anatomie, Physiologie, materia medica 1. s.. w. Zugleich trieb er mit Vorliebe neuere Sprachstudien, namentlich Italienisch. An die Familie des Straßburger Pfarrers Jäglé, bei dem er Wohnung und Kost hatte, wurde er sehr bald durch seine Liebe zu dessen einziger Tochter Minna aufs Engste gefesselt. Theils dies, theils das rege Treiben der großen, lebendigen Stadt, verbunden mit häufigen Besuchen des Münster, theils die herzliche Aufnahme bei mehreren Straßiurger Verwandten, ließen ihm seinen Aufenthalt in Straßbur sehr angenehm erscheinen, und seine Briefe aus jener Zeit 6 kunden die - - *) Cato von Utica, der jüngere Cato( im Gege saß zu dem älteren Cato, oder Cato, dem Censor, dem unversöhnliche Feinde der Carthager, der seine Senatsreden mit dem berühmt geworden n caeterum censeo Carthaginem esse delendam übrigens bin ich der Ansicht, daß Carthago zerstört werden muß zu schließen pflegte, wurde im Jahre 95 vor der christlichen Zeitrechnung geboren, also z einer Zeit, wo der Auflösungsprozeß des römischen Reichs bereits in vllem Gange war. Ein glühender Anhänger der aristokratisch- republikani hen Staatsverfassung, ergriff er in den Bürgerkriegen zwischen Ponpejus und Cäsar die Partei des Ersteren, kämpfte mit Heldenmuth und zog, als im Jahre 47 v. Chr. der Triumph Cäsars entschieden wir, den Tod durch eigne Hand der Knechtschaft vor. Victrix causa:) iis placuit die siegende Sache gefiel den Göttern, die besiegte singt von ihm der römische Dichter. sed victa Catoni dem Cato - I. heiterste Stimmung. Zugleich spiegelt sich in denselben häufig das Bild der damals in Folge der Julirevolution noch tief aufgeregten Zeit. Die damalige Stimmung Büchner's malt sich in einem Briefe aus dem Dezember 1831. Er schreibt da: .... Es sieht verzweifelt kriegerisch aus; kommt es zum Kriege, dann gibt es in Deutschland vornehmlich eine babylonische Verwirrung, und der Himmel weiß, was das Ende vom Liede sein wird. Es kann Alles gewonnen und Alles verloren werden; wenn aber die Russen über die Oder gehen, dann nehme ich den Schießprügel, und sollte ich's in Frankreich thun. Gott mag den Schafsköpfen gnädig sein; auf der Erde werden sie hoffentlich keine Gnade mehr finden.... - Sein Glück zu Hause und eine gewisse Schen vor geräuschvollen Vergnügungen ließen Büchner nur selten Gesellschaften, Bälle und Dergleichen besuchen; dagegen machte er, den eine innige Liebe zur Natur beseelte, häufige Fußreisen in die naheliegenden Gebirge: Schwarzwald, Vogesen und weiter bis zum Jura. Unter seinen Straßburger Freunden nennen wir auth, den berühmten Professor der Anatomie, sowie Professor Reuß, den bekannten Orientalisten; mit ersterem machten ihn seine Studien, mit letzterem verwandtschaftliche Verhältnisse bekannt.- Nach einem kurzen Ferienaufenthalt zu Darmstadt im Herbst 1832 kehrte Büchner nach Straßburg zurück, um seine früheren Studien mit Eifer fortzusetzen. Bei einem Besuche des Münster, dessen Bauart einen Gegenstand seiner Lieblingsstudien bildete, und den er immer bis in die höchste Spitze, die sogenannte Kuppel, zu erklimmen pflegte, wäre er, indem er sich rasch nach einem ihm entfallenen Fernglase bückte, beinahe ein Opfer seiner Unvorsichtigkeit geworden.- Daß Büchner, wie mehrfach erzählt wurde, damals schon politisch handelnd aufgetreten und namentlich dem sog. Frankfurter Attentat( der versuchten Ueberrumpelung der Hauptwache in Frankfurt, dem Sitze des Bundestags, April 1833) nicht fremd gewesen sei, ist durchaus falsch; er erfuhr den Vorfall erst durch Mittheilungen von Hause, und spricht sich in einem Briefe vom 5. April 1833 darüber wie folgt aus: ,, Heute erhielt ich Euren Brief mit den Erzählungen aus Frankfurt. Meine Meinung ist die: Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt. Wir wissen, was wir von unseren Fürsten zu erwarten haben. Alles, was sie bewilligen, wurde ihnen durch die Nothwendigkeit abgezwungen. Und selbst das Bewilligte wurde uns hingeworfen, wie eine erbettelte Gnade und ein elendes Kinderspielzeug, um dem ewigen Maulaffen Volt seine zu eng geschnürte Wickelschnur Es ist eine blecherne Flinte und ein hölvergessen zu machen. zerner Säbel, womit nur ein Deutscher die Abgeschmacktheit be( Weiter auf Seite 14.) Berlin 18/2 R BRENDANGUR Kehr wieder! ( Nach dem Gemälde von Meyer von Bremen.) Kehr wieder, du liebster der Jugendgesellen, Den früh' schon mein Herze zum Gatten erfürt, Und den mir des Weltmeers neidische Wellen, Noch ehe du mein warst, von dannen geführt. Dich trieb über's Meer zu verwegenem Wagen Der Armuth Pein und der Knechtschaft Fluch- Du wolltest nicht betteln und wolltest nicht tragen Die Bierde des Söldners, das doppelte Tuch. Doch, wo in der Welt ist die Freiheit erstanden, Wo grünet der Freude, des Friedens Revier? Wo findest die Lieb' in den fremden Landen Du wieder so heiß und so innig als hier? O möchtest du, Liebster, zur Heimat doch eilen, Wenn müd' du vom Ringen um trüg'risches Glück! Will freudig dann Armuth und Noth mit dir theilen O fehre, Geliebter, kehr' bald mir zurück! 7321 B. G. vor. gehen konnte, Soldatchens zu spielen. Unsere Landstände sind eine Satyre auf die gesunde Vernunft, wir können noch ein Säculum damit herumziehen, und wenn wir die Resultate dann zusammennehmen, so hat das Volk die schönen Neden seiner Vertreter noch immer theurer bezahlt, als der römische Kaiser, der seinem Hofpoeten für zwei gebrochene Verse 20,000 Gulden geben ließ. Man wirft den jungen Leuten den Gebrauch der Gewalt Sind wir denn aber nicht in einem ewigen Gewaltzustand? Weil wir im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, daß wir im Loch steden mit angeschmiedeten Händen und Füßen und einem Knebel im Munde. Was nennt Ihr denn gesetzlichen Zustand? Ein Gesetz, das die große Masse der Staatsbürger zum frohnenden Vieh macht, um die unnatür lichen Bedürfnisse einer unbedeutenden und verdorbenen Minderzahl zu befriedigen? Und dies Gesetz, unterstützt durch eine rohe Militärgewalt und durch die dumme Pfiffigkeit seiner Agenten, dies Gesetz ist eine ewige, rohe Gewalt, angethan dem Recht und der gesunden Vernunft, und ich werde mit Mund und Hand dagegen fämpfen, wo ich kann. Wenn ich an dem, was geschehen, feinen Theil genommen und an dem, was vielleicht geschieht, keinen Theil nehmen werde, so geschieht es weder aus Mißbilligung, noch aus Furcht, sondern nur, weil ich im gegenwärtigen Zeitpunkt jede revolutionäre Bewegung als eine vergebliche Unternehmung betrachte und nicht die Verblen dung Derer theile, welche in den Deutschen ein zum Kampf für sein Recht bereites Volt sehen. Diese tolle Meinung führte die Frankfurter Vorfälle herbei, und der Irrthum büßte sich schwer. Irren ist übrigens keine Sünde, und die deutsche Indifferenz ist wirklich von der Art, daß sie alle Berechnung zu Schanden macht. Ich bedaure die Unglücklichen von Herzen. Sollte keiner von meinen Freunden in die Sache verwickelt sein?....." Ein andermal schreibt Georg Büchner: Wegen mir könnt 3hr ganz ruhig sein; ich werde nicht nach Freiburg gehen, und ebenso wenig wie im vorigen Jahre, an einer Versammlung Theil nehmen." Und ein andermal, indem er auf seinen bevorstehenden Gießener Aufenthalt hindeutet: ,, Ihr könnt voraussehen, daß ich mich in die Gießener Winkelpolitik und revolutionären Kinderstreiche nicht einlassen werde." Diese Voraussicht betrog ihn. Die Gesetze seiner Heimat riefen ihn, nach einem zweijährigen Aufenthalte in Straßbi rg, nach der Landesuniversität Gießen, wo er seine medicinischen Studien fortsette.- Gießen war damals der Mittelpunkt eines 14 - Theils der geheimen revolutionären Bestrebungen in den süddeutschen Staaten, die sich nach dem Mißlingen des Frankfurter Attentats mehr ein Wirken zur politischen Aufklärung der unteren Volksklassen zum Ziele gesetzt hatten. Die leitende Triebkraft in Oberhessen war der vier Stunden von Gießen entfernt wohnende Pfarrer Weidig in Butzbach, ein Mann von ebenso viel politischem Wissen, als energischer Thatkraft, dessen Lebensgeschichte und tragisches Ende wir unsern Lesern demnächst vorführen werden. Um Büchner in diese Bewegung hineinzuziehen, bedurfte es eigenthümlicher Anregungen. Die ihm beinahe unerträglich scheinende Trennung von seiner Braut erzeugte in ihm während der ganzen Dauer seines Gießener Aufenthalts eine trübe und zerrissene Gemüthsstimmung, die sich in seinen Briefen häufig ausspricht und den sonst lebensfrohen jungen Mann sagen läßt: „ Ich habe Anlage zur Schwermuth." Dazu das Unbefriedigende, Beengende des Aufenthalts in dem kleinen Gießen, das natürlic den Vergleich mit Straßburg nicht bestehen konnte. Diese Stimmung wurde genährt durch seine wissenschaftlichen Beschäftigungen. Je mehr sich Büchner's Studium dem eigentlich praktischen Felde der Medicin näherte, desto mehr fand sich sein mehr zur Spekulation, als zur Beobachtung neigender Geist davon zurückgestoßen. Er wandte sich mit Feuereifer zum Studium der Grundlagen des menschlichen Wissens, zur Geschichte und zur Philosophie, um die Lösung derjenigen Räthsel zu finden, welche in einem Alter von zwanzig Jahren jeden strebenden Geist beschäftigen und bei den am Tiefsten Eindringenden den heftigsten Seelenkampf zu erzeugen geeignet sind. Das Studium der neueren Geschichte ließ ihn die Schmach des Vaterlandes tief empfinden; dazu seine glühende Liebe zur Freiheit, sein Ekel vor der Verderbtheit der herrschenden Klasse,-die durch die Auflösung des hessischen Landund tags von 1833 noch gesteigerte Aufregung um ihn her man wird sein nunmehriges Auftreten erklärlich finden. Seine Aeußerung:„ die Leute gehen ins Feuer, wenn's von einer brennenden Punschbowle kommt"( in einem Briefe vom 1. November 1833) beweist, wie wenig Vertrauen er in die Kraft der Bewegung setzte, aber er stürzte sich in die Politik, wie in einen Ausweg aus geistigen Nöthen und Schmerzen. Wir bemerken nebenbei, daß die damalige hessische Kammer- Opposition Büchner's Beifall nicht besaß und oft der Gegenstand seiner Spöttereien wurde. Namentlich äußerte er oft seinen besonderen Widerwillen gegen deren damaligen Führer, den ,, Edelsten der Edeln", Heinrich von Gagern, diesen mit Phrasen gefüllten Luftballon, der 1848 in der Frankfurter Paulskirche so kläglich zerplatzte. - - - Das alte Peru. Von Joh. Most. Im Westen Südamerikas gibt es ein Gebiet, das in Bezug auf klimatische und demgemäß auch auf natürliche FruchtbarkeitsVerhältnisse große Aehnlichkeit hat mit den Ländereien des Himalaya im südlichen Asie 1. Da wie dort ragen Bergesriesen in die Luft, welche die europäischen Alpenkönige um viele tausend Fuß überragen; da wie dort gibt es aber auch in nicht al zu großer Ferne von den schneebedeckten, himmelanstrebenden Fel en terrassenförmig abfallende Tiefländer; da wie dort halten sich also die Tropen mit den Schneeregionen gleichsam brüderlich unsee schlungen und bewirken auf solche Weise die Entfaltung see ganzen Mannichfaltigkeit aller natürlichen Kräfte, welche auf inferm Planeten walten, innerhalb eines verhältnißmäßig flein en Flächenraums. Ist es daher ein Wunder, daß sich an die en beiden, soweit von einai der entfernten Orten menschliche Einrich tungen entwickelten, welche einander in vielen Stücken glichen? Es wird zwar vielfach genommen, daß einstens einzelne 3ndier über den großen Ocean nach Südamerika gekommen ind dort staatenbildend und' ultivirend vorgegangen seien gewöl n - - lich nimmt man im Hinblick auf die Inka- Sage der Peruaner das elfte Jahrhundert als denjenigen Zeitpunkt an, wo sich solches zugetragen habe, es liegt aber zu einer derartigen Annahme Freilich ist es durchaus keine zwingende Nothwendigkeit vor. noch nicht festgestellt, ob die amerikanischen Eingebornen eine selbstständige Entwickelung durchgemacht haben, d. h. ob sich dieselben, unabhängig von ähnlichen Vorgängen auf dem Boden der sogenannten„ alten Welt", von ihrem thierischen Dasein emancipirt haben, oder ob einstmals vielleicht zu verschiedenen Zeiten Menschen anderer Weltund von verschiedenen Seiten her theile eingewandert sind; es kann sogar der Fall sein, daß Beides fich zutrug, aber bestimmt läßt sich hierüber noch nichts sagen. Außerdem sprechen mancherlei Anzeichen dafür, daß die peruanische Civilisation, trotz aller Aehnlichkeit mit der altindischen, in verschiedenen wesentlichen Dingen originellen Charakters war, wie bei passender Gelegenheit noch angedeutet werden soll. Indeß will ich keineswegs mich auf langathmige Deduktionen über den Ursprung peruanischer Kultur einlassen, da ich lediglich beabsich- tige, einen Umriß derjenigen Zustände zu zeichnen, welche in Peru herrschten, ehe die spanischen Abenteurer dort erschienen und derart wirthschafteten, daß uns heute nur Ruinen von der einstigen Blüthe des Landes zu erzählen vermögen. Eine kurze Beschreibung jener Mordbrennerthaten, die man ,, Eroberung von Peru" nennt, gedenke ich später gelegentlich zu liefern. - Die Hochthäler der Cordilleren, welche das peruanische Gebiet durchziehen, waren nicht nur ihrer schon oben erwähnten Eigenschaft hinsichtlich der Verschmelzung mehrfacher Klimate, ihres natürlichen Reichthums an fruchtbarem Boden und vielverzweigtem Gewässer und ihrer daraus resultirenden, ebenso üppigen als mannichfaltigen Vegetation zur Veredelung und wie ich mich ausdrücken will natürlichen Civilisirung ihrer Bewohner außerordentlich geeignet, sondern auch aus dem Grunde, weil die sie umgebenden Gebirgszüge den anderweit Wohnenden den Zugang versperrten, Festungen bildeten und die Störung des Friedens mehr oder weniger unmöglich machten. Die noch vorhandenen Ueberreste von Bauten lehren auch, daß sich die Eingebornen ohne Zweifel lange Zeit ausschließlich im Gebirge aufhielten und daß sie erst, nachdem hierselbst jede weitere Ausbreitung schlechterdings unmöglich war, an die Meeresküste hinabstiegen. Zur Zeit der Entdeckung Perus, nämlich Anfangs des sechszehnten Jahrhunderts, herrschten über dieses Land absolute Despoten, Inkas. Dieselben nannten sich ,, Söhne der Sonne" und schrieben sich alle Kultur des Landes zu. Daraus schloß man hauptsächlich auf eine einstmalige Einwanderung indischer Pfaffen, die sich schlauer Weise zu Herrschern aufzuwerfen gewußt hätten. Aber der Despotismus ist ja tein spezifisch asiatisches Gewächs, wenn er auch unter dem Zusammenwirken vieler, hier nicht näher zu bezeichnender Umstände in Asien besonders gut gedich; es ist vielmehr eine unumstößliche Thatsache, daß diese Regierungsform bei einem gewissen Kulturgrade sozusagen von selbst entsteht, eine Zeitlang wohl auch ein unentbehrlicher Hebel der Civilisation sein kann, später aber zwecklos, kulturfeindlich und deshalb auf die eine oder die andere Weise beseitigt wird. Anders kann man es sich wenigstens nicht erklären, daß alle halbkultivirten Völker Despoten an ihrer Spitze haben und stets hatten. Und höherer Abstammung wollten die Despoten aller Zeiten und aller Länder sein; dies liegt im Despotismus selbst, in der auf die Spitze getriebenen persönlichen Autorität. Man sagt oft, von Haus aus sei jedes Volk nichtsnutzigen Charakters und müsse gewaltsam zur Arbeitsamkeit und Ordnung gewöhnt werden, während einzelne intelligente Personen, indem sie dies begriffen, ganz von selbst berufen würden, die Rolle von Zuchtmeistern zu spielen. So entstand aber in Wirklichkeit der Despotismus nicht, vielmehr verdankte derselbe gerade einem edleren Zuge der Menschen sein Dasein in erster Linie. Zum Unterschiede von den Theologen und Absolutisten, welche sagen, alle Menschen seien schlecht, ist im Gegentheil zu sagen: die Menschen haben von Hause aus den Fehler, zu gutmüthig zu sein. Die angeborene menschliche Gutmüthigkeit bringt es mit sich, daß die Menge Jedem, der- oft nur scheinbar etwas Hervorragendes oder Wohlthätiges leistet, große Dankbarkeit zollt und hohes Vertrauen schenkt, oder mit anderen Worten: daß sie geneigt ist, Personenkultus zu treiben. Dieser Kultus ist vielleicht die einzige Quelle des Despotismus; weshalb dies bei den Peruanern anders gewesen sein sollte, vermag ich nicht zu begreifen. Man wird im alten Beru eben auch, wie anderwärts, zunächst die Männer des allgemeinen Vertrauens an die Spitze des Gemeinwesens gestellt, sie zu Häuptlingen gemacht haben; im allzu großem Vertrauensdusel wird man allmählich die Erweiterung der Machtbefugnisse der Herrscher, zuerst für deren Personen und später wohl bis über das Grab hinaus zugelassen haben; und bei günstiger Gelegen heit wird sich irgend ein Herrschergeschlecht auf die Dauer an der bevorzugten Stelle, auf der Spitze der Staatspyramide feſtgesetzt haben. Die Inkas dürften also entstanden sein, wie alle ähnlichen Erdengötter fraft der souveränen Volksdummheit! Will man aber wissen, wie es möglich war, daß das Volk allgemein an deren göttlichen Ursprung glaubte, so muß man nur in Betracht ziehen, welche Bären sich heutzutage, im Zeitalter - - 15 de: Buchdruckmaschinen, der Eisenbahnen, des Telegraphen und de: allgemeinen Schulpflicht, die Völker noch aufbinden lassen! Genug: die Inkas waren ein Despotengeschlecht, man hielt fie für höhere Wesen und vergötterte sie. In gerader Linie vererbte sich der Thron, und die ganze Verwandtschaft der Herrscher handhabte den militärischen, pfäffischen und bureaukratischen Appara. Ohne mich nun den Bewunderern eines solchen Patriarchalismus anzuschließen, will ich nicht unterlassen, zu bemerken, daß ohne allen Zweifel die Bewohner Perue dabei besser fuhren als bei dem nachfolgenden spanischen Regiment. Dies beweist nicht nur der Umstand, daß heute noch, also nach 3 1/2 Jahrhunderten, die Indianer mit schwermüthiger Sehnsucht des vergangenen Zeitalters gedenken und mit Begeisterung von ihren Inkas erzählen, sondern auch manche Einrichtung damaliger Zeit selbst. Wir werden sehen, daß die Inkas in vielen Stücken unerhörte Vorzüge genossen, wir werden aber auch sehen, daß sie ihre Macht nicht bis zu dem Grade mißbrauchten, den Volksmassen das Leben zu verkümmern. Grund und Boden war im Inkareiche unveräußerliches Staatseigenthum; ein Theil war für die Inkas, also die regierende Klasse, reservirt, sonst erhielt jede Familie sofort nach der Verheirathung eine gleiche Parzelle zugewiesen, die später, je nach der Kinderzahl, vergrößert wurde, nach dem Absterben der Familie aber wieder an den Staat zurückfiel. Alle Steuern bestanden in persönlichen Leistungen, indem jeder arbeitsfähige Einwohner sich je nach Bedarf für einen Theil des Jahres dem Staate zur Verfügung zu stellen hatte. Vermittelst dieser Arbeitskräfte wurden die Landesvertheidigung, der Anbau der Inkaländereien, die Verfertigung der für die Inkas bestimmten Verbrauchsgegenstände, die öffentlichen Bauten von den Inkapalästen und Sonnentempeln bis zu den Landstraßen, die Wirthschaft der Arbeitsunfähigen, kurzum alles Dasjenige vollbracht, was außer der Familienwirthschaft das Gemeinwesen an Arbeit erheischte. War demnach jeder Peruaner ein Bauer, der neben dem Acker- und Gartenbau beides war schon sehr frühzeitig hoch entwickelt sein aus Ziegelsteinen errichtetes sauberes Wohnhäuschen in Stand zu halten, seine wollenen und baumwollenen Zeuge selbst zu spinnen, zu weben und zu Kleidungsstücken( Männer wie Frauen trugen eine Art von Tunika) zu verarbeiten hatte, und der sidy mancherlei Geräthschaften mit eigener Hand verfertigte, so war er obendrein noch der Allerweltskünstler des Staates. Wie weiter unten noch erwähnt werden wird, haben diese Bauern sich als Bildhauer, Goldarbeiter, Kunstgärtner, Bauhandwerker 2c. in einer wahrhaft staunenerregenden Weise bewährt und damit den Beweis geliefert, daß die Ausübung mannichfaltiger Berufe die Virtuosität in den einzelnen Fächern nicht ausschließt. " - In viel Heute noch bewundert der Reisende die zahllosen Terrassen, welche freilich gegenwärtig, dank den verrotteten Zuständen, wie sie namentlich durch die spanischen Pfaffen erzeugt worden sind, ihrem Zerfalle entgegen gehen, die aber Zeugniß dafür ablegen, wie sehr der altperuanische Bauer nicht allein jedes Fleckchen Land auszunuzen wußte, sondern auch seine Kunstanlagen in einer für das Auge wohlgefälligen Form ins Werk zu setzen verstand. Einzelne solcher terrassenförmig angelegten Werke sollen lebhaft an die hängenden Gärten" der Semiramis erinnern. höherem Grade als diese künstlichen Feld- und Gartenbauten erregen jedoch die monumentalen Riesengebäude aus der Inkazeit - jetzt flagen nur noch deren Ruinen über den Vandalismus, welchen das Erobererpack daran geübt!- das allgemeine Erstaunen. Machen es auch die Bruchstücke, welche sich noch davon vorfinden, nicht möglich, daß man sich die cyklopischen Schöpfungen menschlicher Arbeit in ihrer ganzen ehemaligen Pracht vergegenwärtigt, so sind die vorhandenen Trümmer in Verbindung mit den Beschreibungen, welche über diese Bauten Aufschluß geben, immerhin geeignet, ein wenn auch nur schwaches Bild zu liefern, das unsere Bewunderung herausfordert. Um aber die Kunst, welche sich in diesen Baudenkmälern verkörperte, ganz zu würdigen, muß man sich deren Gefüge etwas genauer ansehen. Da findet man, daß die Steine ohne Mörtel mit einander verbunden sind und gleichwohl so dicht aneinander schließen, daß man kaum -- die Zwischenlinien wahrzunehmen vermag. Granitblöcke und anbere sehr harte Steine von verschiedenster Größe und Form sind auf das Genaueste zusammengestoßen und ähnlich wie die Tischlerarbeiten verzinkt. Auf solche Weise wurden nicht blos die zahlreichen öffentlichen Prachtbauten hergestellt, sondern auch große Festungswerke, deren Anlage in der späteren Zeit, wo das Inkareich sich immer mehr ausdehnte und in Folge dessen häufigen Angriffen seitens fremder Völkerschaften ausgesetzt war, für noth" wendig erachtet wurde. Und dabei kannten die Peruaner kein Eisen. Ihre Werkzeuge waren aus Kupfer, welches sie zu härten verstanden!- Der Bergbau wurde stark betrieben, jedoch kannte man nur wenige Hülfsmittel. Außer dem für die Peruaner wichtigsten 16 | Metalle, dem Kupfer, förderte man Silber. Auch Edelsteine und Gold gewann man in Menge. Eigenthümlicher Weise kannte man aber kein Geld und verwandte die edlen Metalle nur zur Anfertigung von Schmuckgegenständen, Luxusgeschirren und allerlei Zierrathen, besonders für die Inkas oder die Tempel, wo Sonne und Mond verehrt wurden. Die Pracht der letzteren wird als fabelhaft geschildert; sogar die Thore sollen bei einigen davon mit getriebenem Goldblech überzogen gewesen sein. Alle Gegenstände aus Edelmetall waren meisterhaft gearbeitet; leider ist nur Weniges davon erhalten geblieben. Theils hat sie spanische Goldgier vernichtet, theils sind sie von den besorgten Peruanern an unentdeckbaren Orten verborgen worden. ( Schluß folgt.) Aus der alten und der neuen Welt. Der Auswanderer Abschied.( Dazu das Bild S. 12.) Jnmitten der Trümmer des einst so traulichen Heim sizt die Alte die mit Sohn und Schwiegertochter, mit Enfel und Enkelin das Vaterland verlassen und in einer unbekannten Welt eine neue Heimat suchen will. Unwillkürlich gedenken wir der schönen Strophen Freiligraths, in denen er die wehmuthsvolle Frage nach dem Warum? des Aufgebens langgewohnter Verhältnisse und einer troß alles Leids doch wohl liebgewordenen Umgebung mit einer kurzen, eindrucksvollen Hindeutung auf die Schönheit der heimischen Fluren verbindet. sprecht! Warum zieht ihr von dannen? Das Neckarthal hat Wein und Korn, Der Schwarzwald steht voll finstrer Tannen, Jm Spessart flingt des Aelplers Horn. Wie wird es in den fremden Wäldern Euch nach der Heimatberge Grün, Nach Deutschlands gelben Weizenfeldern, Nach seinen Rebenhügeln zieh'n! Wie wird das Bild der alten Tage Durch Eure Träume glänzend weh'n; Gleich einer stillen, frommen Sage, Wird es Euch vor der Seele steh'n. - Gewiß! Das Vaterland, die heimische Scholle wird immer wieder auftauchen vor den Blicken der Ausgewanderten vielleicht auch das Heimweh einziehen in ihre Herzen! Aber ist es denn nicht sicherlich auch ein Weh' und ein vielleicht nicht mehr länger zu ertragendes, welches die Armen in die weite Welt hinaustreibt? Verläßt Der auf Nimmerwiedersehen die Heimat, dem sie Glück und Zufriedenheit ge= gönnt hat? Und hat nicht jeder Mensch vollberechtigten Anspruch auf Glück und ist dabei nicht das Glücksbedürfniß grade des armen Volkes ein so überaus bescheidenes? Wie wenig genügt, um die Familie des Arbeiters in der Stadt, wie viel weniger noch, um die des besiglosen Landbewohners glücklich zu machen! Wer kann es denen, die trog härtester Arbeit und bitterster Plage es nicht dahin bringen konnten, einen Fuß breit Erde ihr Eigen zu nennen, deren Dasein von einem Tage zum andern nur ein immer neues Darben, ein ewig unerfülltes Hoffen blieb wer kann es ihnen verdenken, wenn sie ihre Arbeitskraft und den Rest ihres Lebensmuthes hinübertragen in die neue Welt, um nicht die Hoffnung auf das einzig wirkliche das Erdenglück- im Elend der alten Welt untergehen und an ihrer Stelle dumpfe, trostlose Verzweiflung erstehen zu lassen! Wohl dem, der das Bewußtsein hat, daß auch dem Vaterlande ein naher Freiheits- und Glücksmorgen winft - - Achtung und Anerkennug Jedem, der auf dem Boden seiner Kindheit den harten Kampf gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit auszufechten entschlossen ist jedoch Theilnahme und Mitleid Allen, die eine für sie ungewisse, aber doch nicht ganz hoffnungslose Zukunft dem gewissen Elend im Lande der Väter vorzuziehen sich gedrungen fühlen. Glück auf, Ihr Scheidenden Glück auf! * - * * B. G. Wer ist der Erfinder des elektrischen Telegraphen? Wheatstone oder Morse?„ Keiner von Beiden!" antwortet Mr. Samuel Carter von Kenilworth und weist aktenmäßig nach, daß ein Heir Francis Ronalds schon im Jahr 1816 einen elektrischen Telegraphen- Apparat konstruirt und denselben der Admiralität angeboten hatte. Von dieser ward aber die Erfindung abgelehnt, weil Telegraphen jezt( nach dem Krieg!) ganz unnüz seien, und die vorhandenen ( Windmühlflügel- Telegraphen) vollkommen ausreichten." Wie lange wird's dauern, bis irgend ein Forscher Herrn Ronalds zu Gunsten eines früheren„ Erfinders" entthront? Erfindungen werden eben nie von einzelnen Personen gemacht, sie sind das Werk gesellschaftlicher Collektivarbeit, und die großen Erfinder" sind darum, gleich anderen, großen" Männern durchgängig mehr oder weniger mythische Personen. Nachschrift. Herr Ronalds ist rascher entthront worden, als wir erwartet hatten. Aus einer Zuschrift an den Beehive" ersehen wir, daß Thomas Wedgewood, ein Vetter Josiah Wedgewood's, des Begründers der nach ihm benannten Steingut- Industrie, bereits im vorigen Jahrhundert das Prinzip des elektrischen Telegraphen entdeckt hatte. Ein Sohn des Thomas Wedgewood, Ralph Wedgewood, arbeitete die Idee seines Vaters aus, und es gelang ihm, einen vollständigen Apparat ,,, der mit dem heut im Gebrauch befindlichen wesentlich übereinstimmt", herzustellen. Der Apparat wurde 1814, also zwei Jahre vor dem Ronalds'schen, der englischen Admiralität angeboten, jedoch von ihr zurückgewiesen, ebenfalls mit dem Bemerken, daß jegt, da der Krieg zu Ende sei, das alte System genüge." All' diese Notizen sind der bekannten Biographie Josiah Wedgewood's von Lewellyn Jewett( Life and times of Josiah Wedgewood) entnommen. * * Ein achtzehnhundert Jahre alter Denkzettel für Höchstgeborene. Man möchte über den Stumpfsinn Derjenigen lachen, die, weil sie augenblicklich die Gewalt in Händen haben, nun auch glauben, das Gedächtniß der Nachwelt ausmerzen zu können. Aber im Gegentheil, bestraft nur die Geister, und es wächst ihre Geltung. Könige und Alle, welche Zwingherren gewesen, haben doch nichts anderes Dauerndes zu Stande gebracht, als ihre eigne Unehre und die Verherrlichung Jener. Tacitus( geb. im 79., geft. etwa im 120. Jahre unserer * Zeitrechnung). * Jns Stammbuch des Reichsgewaltigsten. Warum denn wäre Cäsar ein Tyrann? - Der arme Mann! Ich weiß, er wär' fein Wolf, Wenn er nicht säh', die Römer sind nur Schafe Er wär' kein Leu, wenn sie nicht Rehe wären. Shakespeare's Julius Cäsar". * * * Für ,, Staatsmänner" und Alle, die es werden wollen. Durch der Politiker schiefe Brille Ist Moralität ein Bossenspiel Und Gerechtigkeit nur eine Grille, Die in Philosophenschädel fiel. * Seume. Deutschlands ,, Culturkämpfern" gewidmet. Hörte von Vaterland, von Freiheit, hörte von Schlachten, Hörte von Tugend und Muth, welche die Mannen geziert. Aber ich sah doch blos ein Gezücht von englischen Doggen, Das zu des Brodherrn Lust wüthend einander zerriß. Adalbert v. Chamisso, 1806( in seinem Gedicht Völker und Staaten"). * " - An unsere Genossen die Proletarier. Die Ueberzeugung ist des Mannes Ehre Ein golden Vlies, das keines Fürsten Hand Und kein Kapitel um die Brust ihm hängt. Die Ueberzeugung ist des Kriegers Fahne, Mit der er fallend nie unrühmlich fällt. Der Aermste selbst, verloren in der Masse, Erwirbt durch Ueberzeugung sich den Adel, Ein Wappen, das er selbst zerbricht und schändet, Wenn er zum Lügner seiner Meinung wird. Carl Guzkow. Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.- Drud und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.