Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk� Sie wahre Geschichte des Iosua Davidsohn. (Fortsetzung.) 6. Kapitel. Marl) Prinsep war, was die Welt„verloren" nennt— ein „schlechtes Mädchen"— eine Ausgestoßene, sie hätte aber eine Heilige sein können mit der ihr angeborenen Güte. Ich habe Grund, von ihr Gutes zu sagen, denn ihr danken wir Josna's Leben. Bald nachdem wir sie kennen gelernt, wurde Iosua in der elenden Kammer, die wir bewohnten, krank. Weder er noch ich wünschten, daß er ins Hospital gehe. Wir Beide hatten eine große Abneigung dagegen, die Barmherzigkeit der Gesellschaft in Anspruch zu nehme», und so sagte ich ihm, er solle nicht ins HoSpital gehen, ich würde doppelt angestrengt für uns Beide arbeiten. Aber meine vermehrte Arbeit— ich arbeitete Ueber- stunden— zwang mich, ihn täglich zwölf Stunden und mehr allein zu lasten, und Man) Prinsep, deren„Freundin" sich grade von ihr getrennt chatte, um in ein Kleidergeschäft im Westend einzutreten, kam herüber und pflegte ihn und rettete sein Leben. Sie machte das Feuer an, kochte ihm Suppen und andere Speisen, gab ihm die Arznei, wusch seine Kleider und pflegte ihn in jeder Weise. Wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, fand ich sie da, und Alleö war so hübsch hergerichtet, wie nur ein Weib es vermag." Josna's Bett gemacht und für die Nacht in Ordnung, mein Abendbrot'bereit und warnies Master, damit ich mich reinigen könnte— wir hatten nämlich zusammen nur eine Stube—, und dann konnte ich keinen tugendhaften Abscheu vor ihr empfin- den, sie war unsere Schwester— unsere Schwester in Kummer, Armuth und Elend. Mit Freuden würde Iosua sie ihrem Leben entzogen und in eine�reinere Atmosphäre gebracht haben. Er war aber selbst so arm und gab von einem Wenigen so viel weg, daß er mit dem Rest sich nur aufs Knappste durchschlagen konnte, und waS das Heirathen anbelangt, so war das ganz außer Frage. Unter diesen Umständen. vennochte er ihr weder eine unabhängige Stellung, "°ch ein Heim zu verschaffen, das die Welt nicht mißdeutet hätte. Jndeß thaten wir, was wir konnten. Ich sage absichtlich wir, weil dies Denjenigen unser Berhältniß klar machen wird, die unverdorben genug sind, es nicht absichtlich falsch aufzufassen. Wir halfen ihr und sie half uns, wie und wo wir konnten. Wir arbeiteten für ihren Unterhalt, und sie verrichtete unsere häuS- lichen Arbeiten. So enthoben wir sie der Nothwendigkeit, ihr trauriges Gewerbe fortzusetzen. ES gab dies aber die Vera«- lassung zu allerlei Gerede; man zieh uns des Umgangs mit schlechte» Frauenzimmern, man sagte uns sogar nach, wir lebten theil- weise von Mary'S Prostitution, und selbst unsere Arbeitsgenossen sahen uns über die Achsel an. Iosua war jedoch fest entschlossen, zu thun, was er für Recht hielt; und was die Leute von ihm sagten, welche die Thatsachen und Beweggründe nicht kannten, das machte so wenig Eindruck auf ihn, wie Hunde, die einen Schatten anbelle». Die Sache war ihm Alles, der Schein gleich- gültig; was die Leute urtheilten, beirrte ihn nicht. Mary Prinsep war ihm nur eine Gelegenheit, seine Grundsätze zu bethätigen. Eines Tages wurde er in meiner Gesellschaft auf der Straße sehr derb mit„seiner Person" aufgezogen; er antwortete den Spöttern mit Ruhe:„Kameraden! Ihr nennt euch Christen— wohlan! sagt, nahm Christus die Maria Magdalena und alle Sünder zu sich oder that er es nicht? Wenn er es that,— und daß er es that, werdet ihr nicht leugnen— bin ich dann zu gut, ihnen zu helfen?" Man verspottete ihn noch ärger,„rempelte" ihn, bewarf ihn mit Schmutz. Das brachte ihn aber nicht aus dem Gleichmuth; indem er den Schmutz von seinem Rock ab- wischte, sagte er zu mir:„Du fürchtest dich doch nicht, John? Du wirst doch fortfahren, den rechten Weg zu gehen, was auch kommen möge?" Nicht ein Wort auch nur der Ungeduld gegen Diejenigen, die uns mißhandelten, uns Heuchler, Scheinheilige, Lumpen und Schlimmeres nannten, kam über seine Lippen. Ich beruhigte ihn. Nein, ich fürchtete mich nicht; ich würde Schulter an Schulter mit ihm Allem die Stirn bieten; wohin er mich führte, würde ich folgen, und wenn wir bis zum Hals in den Sumpf der Verleumdung einsänken. Und davon waren wir wahrhaftig nicht weit entfernt. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften;i;30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 54 Unter den übrigen zweifelhaften Charakteren, die unsere Gasse beherbergte, war ein gewisser Joe Traill, der wegen kleiner Dieb- stähle und dergleichen oft im Gefängniß gewesen, das letzte Mal aber des nächtlichen Einbruchs überführt worden war. Man hatte ihn auf eine Freikarte�) entlassen; dieselbe schwebte jedoch in großer Gefahr, denn Joe hatte bereits wieder Verschiedenes auf der Kreide, das ihn von llteuem dem Znchthause bedenklich nahe brachte. Die Ehrbarkeit der„ehrbaren" Leute und die Polizei thaten ihr Möglichstes, den armen Tropf in den Schlamm zurück- zustoßen, der leider nur zu sehr sein natürliches Element war. Von frühester Jugend wälzte er sich im Schmutz: ein Rinnstein- kind, in dessen Adern schon von der Geburt, durch Vererbung, giftiges, verderbtes Blut rann, ein Dieb, der Sohn von Dieben, der Enkel von Dieben, ein Ding von Koth vom Scheitel bis zur Sohle, inwendig und auswendig; schmutzig, liederlich, vaga- bundirend, und mit nicht mehr Begriffen von Sittlichkeit, als er von Erziehung hatte. Seine einzige Moral war seine Geschicklich- keit, die Gesetze zu brechen, ohne erwischt zu werden; und, wenn das Glück ihm den Rücken kehrte, dann war er geneigt, sehr niedrig von sich zu denken. Er war einer jener Unglücklichen, die der tugendhaften, ge- bildeten Gesellschaft ein Greuel sind, weil sie ihr zum Ekel und zur Schande gereichen. Und die tugendhafte, gebildete Gesell- schalt, die mit ihm, wie er nun einmal war, nichts anfangen konnte, suchte sich ihn ans den Augen zu schassen und sperrte ihn hinter Schloß und Riegel. Auf unsrer großen Erde war kein Platz für Joe. Es gab keine regelmäßige Arbeit für ihn, weil er keine gelernt hatte, und wenn er durch Zufall Beschäftigung fand, verlor er sie wieder nach einem oder zwei Tagen auf geheimniß- volle Weise; er»lochte noch so schlau sei», die Spürhunde der Polizei witterten ihn aus. Eines Abends sagte er uns in seiner halb scherzhaften Art— der arme Joe! er hatte nicht Kraft genug, um selbst sein Mißgeschick ernst zu nehmen—, es bleibe ihm nichts übrig, als ans den alten Weg zurückzukehren, und im Kampf mit der Gesellschaft sein Glück zu versuchen, heut oben, morgen unten, wie das Kriegsglück es mit sich bringe. „Wir wollen sehen, ob sich nichts Besseres findet," erwiderte Josna.„Das Einbrechen ist ein schlechtes Geschäft, Joe." „Aber grade das Geschäft, welches ich verstehe, Herr Moral Prediger," lachte der Dieb,„und Hungers sterben ist ein schlechterer Spaß atö in Rumero Sicher zu brummen." „Gut, bis du etwas Besseres gelernt hast, theile mit uns, was wir haben!" sagte Josna.„Haben wir auch nicht das Sel krüglein der Wittwe..." „Der Teufet soll mich holen, wenn ich weiß, was das ist!" siel Joe ein. „... So haben wir doch etwas ebenso Gutes," fuhr Josna fort,„und es ist besser, vier Personen leben knapp zusammen, als daß Einer im Zuchthaus seine Ration zugemessen bekommt." So war unser kleiner Kreis um eine Person vermehrt worden, wir hatten einer Prostituirten einen Räuber hinzugefügt. „Das ist, was Christus gethan haben würde," sagte Josna, wenn man ihm Vorstellungen machte,„er lebte unter den Aus- sätzigen, die Niemand berühren wollte und deren Gegenwart Ansteckung war. Aber er heilte Einige unter ihnen und das will ich mit diesen thun." Aber die Polizei war anderer Ansicht. Sie versteht kein praktisches Christenthum, es müßte denn von einem reichen Lord oder einer reichen Lady geübt werden. Und selbst dann lacht sie sich ins Käustchen über die„grünen" Phantasten. Wenn aber ein Zimmergesell einen„Gefängnißvogel" beherbergte und täglich mit schlechten Charakteren verkehrte, konnte die Polizei nur zu dem einen Schluß kommen, daß der Zimniergeselle nicht besser sei als sein Umgang. Sie behielt das natürlich nicht bei sich, und eines *) Ticket of leave(sprich ticket of lihf), die Freikarte, welche Verbrechet vor Ablauf ihrer Haftzeit erhallen, und aus Grund deren sie , inier der Bedingung, daß sie sich gm ausführen, entlassen meiden. Teilt ein Rücksatl ein, so wird die Freikarte widerrufen und der Rest der Strafe muß abgesessen werden. Morgens wurden Josna und ich, nachdem wir lange mit schiefe» Blicken von unseren Kameraden waren angesehen worden, hinauf zu unserem„Meister" gerufen und bekamen unsere Entlassung aus dem Geschäft.„Seine anderen Leute wollten nichts mit uuS zu thun haben, und nach Allem, was er über uns gehört, wundere er sich darüber nicht." Nach einigen gut gemeinten Warnungen vor„schlechtem Umgang" gab er uns unser» Wochenlohn und wir fanden uns erwerbslos in der großen Menschenwüste von London. Josna war indeß unbesorgt. Am Abend erzählte er Joe und Matt), daß wir aufs Pflaster geworfen seien, daß er sie aber nicht verlassen würde, komme, was da wolle. Wir würden nach wie vor Freud und Leid theilen, sie sollte» nur guten Muths sein nnd sich tapfer halten, wir würden uns dann schon durch- schlagen. Wie, das war freilich ein Räthsel. Doch dies ist, was er sagte nnd versprach. Matt) sah ihm ins Gesicht mit einem Blick, der sie einem i Engel ähnlich machte— denn in der That, sie war ein hübsches Mädchen— und sagte:„Wenn ich auch verhungern muß, Josna, ich werde nie wieder auf die Straße gehen!" Und der arme Joe lachte erst, dann schluchzte er gleich einem Weibe und sagte: „Dn würdest besser gethan haben, mich meinem Schicksal zu überlassen. Ich habe dir kein Glück gebracht, ich bin eben ein Tauge- nichts, und es verlohnt sich nicht der Mühe, mir aufhelfen zn wollen." „Dummes Zeug, Joe," ettviderte Josna,„es verlohnt sich allerdings der Mühe, euch Beide zu retten, und ich will es." Ich konnte nicht umhin, zu denken, daß dieses„Ich will", mit solch männlicher Zuversicht, solch tiefem Ernst ausgesprochen, eine schwerere Glaubcnsprobe war als die knabenhafte Schwärmerei in dem Felsenthal, und daß die Aufgabe, ein Mädchen von der Straße zu rette», das sonst nichts zn thun verstand, was von der Welt verlangt wird, nnd eine» armen, tiefgesunkenen Herumstreicher, wie Joe, aus dem Schlamme zu heben, eine größere That war, als einen Felsblock im Naiiien Gottes von der Stelle zu bewegen. Wir Alle, seine alten Cornische» Freunde, die ihm nach London gefolgt waren, und einige neue Freunde, die er sich in London ettvorbe», schworen, ihn nie zu verlassen und bis zum letzten Augenblicke bei ihm zn stehen. Denn wir erwarteten, daß er einst Großes thun würde, Etwas, das die Welt vorwärts brächte und zur Lösung der großen Fragen, welche die Gesellschaft bewegen, beitragen würde. Es ist wghr, wir waren arm, mittel- los— lauter Arbeiter, ohne eigentliche wissenschaftliche Bildung, ohne' politische Macht, ohne Stellung in der Gesellschaft— eine Handvoll Enthusiasten, mit dem Vorsatz, das Menschenideal zu verwirklichen, früher durch den Glauben, jetzt durch die Arbeit. Aber wir hatten eine Seele— einen Führer, au den wir glaubten, nnd wir vertrauten auf uns selbst. Es war eine schwere Zeit; nach nnd nach wanderte Alles, was wir besaßen, in das Pfand- haus, selbst unser Werkzeug. Als dieses ging, schien es uns, alle Hoffnung wäre gegangen. Aus Mangel an'Nahrung singen wir an, uns schwach»nd elend zu fühlen. Da erhielt Josna „von einem Freunde" einen Brief mit einer Fünspsunduvte. Wir erfuhren nie, woher er gekommen nnd hatten auch nicht die geringste Spur, es errathen zu können. Ganz gewiß aber ist, daß weder Man) es in der alten Weise erworben, noch Joe es ge stöhlen hatte. Wer es geschickt hat, blieb uns stets ein Geheimniß. Ich hatte immer verinuthet, und vcrmuthe heute noch, daß Matt) ihre Hand dabei im Spiele hatte. Ich glaube, sie lieh daö Geld von einem Künstler, dem sie als Modell saß, woraus sie kein Geheimniß machte, nnd gab es zurück, als wir wieder Verdienst genug hatten. Wie dem aber auch sein mag, das Geld kam grade zur rechten Zeit; gleich nachher bekamen Josua und ich eine Srelle angeboten, die wir nicht hätten annehmen können, wären wir nicht im Besitz einer genügenden Summe gewesen, um unser Werkzeug aus dem Pfandhaus zu holen. Es war eine Zeit bitterer Roth für uns gewesen— nun, sie ging vorüber, ohne ernstlichen Schade» für Einen von uns. Joe nnd Mary hatten treu ausgeharrt.(Forssetzung folgt.) 55 Georq Gnchner. V. Cm Straßbnrg wandte sich Büchner wieder ganz seine» ernsten Ttndien zu: beinahe aus sich allein angewiesen, suchte er sich mit aller Kraft eine Stellung zu erringen. Sein t5'rfvlg auf dem Felde der dramatischen Poesie war weit entfernt, ihn seinem Ursprung- lichen Studienplane zu entfremden. Wenn er auch die praktische Medicin entschieden aufgab, so setzte er doch die naturwissen- schaft lichen Studien um so eifriger fort. Nachrichte» aus Zürich über die schlechte Besetzung einiger naturwissenschaftlichen Fächer ließen ihn den Gedanken fasse», sich für einen l'ehrcursus über vergleichende Anatomie, die in Zürich noch nicht vorgetragen worden war, vorzubereiten. Der berühmte Lanth und Düver- noy, Professor der Zoologie, leisteten ihm für diese Studien allen Borschub, und machten ihm de» Gebrauch der Stadt- bibliothck sowohl, als einiger bedeutenden Privatbibliothcken möglich. Einige leichte literarische Arbeiten, die ihn zwischendurch beschäftigten, betrachtete er mehr als Erholung. Auf Sauer- länder's Anstehen übersetzte er in der Serie von Victor Hügo's übertragenen Werken die„Tudor" und„Borgia" mit echt dichterischer Verwandtschaft zum Origiiul. Alfred de Müsset zog ihn, wie Gutzkow erzählt, an, während er nicht wußte,„wie er sich durch Victor Hugo durchnagen solle", Hugo gäbe nur„aufspannende Situationen", Alfred de Müsset aber doch„Charaktere, wenn auch ausgeschnitzte".— In Gntzkvw's Literaturblatt sollte Büchner auf dessen Wunsch Kritiken der neu erscheinenden französischen Literatur liefern.— Zugleich mit den Naturwissenschaft- liche» Studien betrieb Büchner in Straßburg philosophische, und zwar namentlich als Grundlage„Geschichte der Philosophie". Unter den neueren Philosophen waren es Eartesius und Spinoza, mit deren Shsteme» er sich hauptsächlich beschäftigte und aufs Innigste vertraut machte. Daneben fand sein rastloser Eifer»och Zeit, das Englische zu erlernen. Er studirte meist anhaltend von Morgens früh bis nn> Mitternacht.— Seine vergleichend anatomischen Studien führten ihn zur Entdeckung einer früher nicht gekannten Verbindung unter den Kopfnerven des Fisches, welches ihm die Idee gab, eine Abhandlung über diesen Gegenstand zu schreiben. Er ging sogleich an die Arbeit, und dieselbe bcschäfligte ihn fast ausschließlich in dem Winter von 1835 ans 1836. Im Oktober 1835 erhielt Büchner durch besondere Vcr günstigung eine französische Sicherheitskartc, die ihn aller Chikancn überhob, welche damals gegen die Flüchtlinge in Folge auswärtiger Noten im Schwange waren. Die deutschen Regierungen träumte» nämlich fortwährend von Einfallen über den Rhein, welche von den paar Mann— in Straßburg mochten etwa zehn leben— ausgeführt werden sollten.— Büchner besaß einen kleinen, aber bedeutenden Kreis von Freunden, worunter Professor Baum, der um jene Zeit mit einer Abhandlung über die Methv disten einen französischen Preis von 3600 Franken gewonnen hatte, ferner die beiden Dichter Stöber(Adolph und August), Follenius und Andere.— Im September 1s35 wurde bekanntlich als Organ des „Iungen Deutschland" die„deutsche Revue" durch Gutzkow und Wienbarg gegründet, und sollte mit Anfang des Iahrcs 1836 erscheinen. Büchner würde zum Mitarbeiter eingeladen. Er sagte zu, wenn auch nicht zu regelmäßigen Beiträgen, und sein Name wurde unter den Mitarbeitern in der Ankündigung auf- geführt. Für diese deutsche Revue hatte Büchner seine Novelle „Lenz" bestimmt. Er hatte in Straßburg interessante und bis da unbekannte Notizen über Lenz, den unglücklichen Dichter ans der Sturm- und Drangperiode, den Jugendfreund Goethe's, er- halten. Lenz, nachdem er sich längere Zeit mit Goethe zugleich in Straßburg aufgehalten, verliebte sich in die bekannte Goethe'schc Friederike und wurde zuletzt verrückt. Die Novelle ist, da die deutsche Revue»och vor ihrem Erscheinen unterdrückt wurde, leider Fragment geblieben und behandelt in dieser Form jenen Moment in Lenzen's Leben, wo derselbe, nachdem er in Weimar nicht bleiben konnte, zum zweiten Mal in das Elsaß und, in einem halbwahnsinnige» Znstand, zu dem durch seine pietistische Frömmigkeit bekannten Pfarrer Oberlin in Waldbach kam. Büchner hat seine Erkundigungen über diesen Ausenthalt Lenzen's an Ort und Stelle eingezogen. Das Fragment bildet das dritte Stück in der Sammlung und ist zuerst in Gntzkow's„Telegraph" im Iahre 1839, als der Verfasser schon zwei Jahre todt war, ab- gedruckt worden. Wir setzen die Bemerkung her, mit der Gutzkow damals den Abdruck begleitete: „Diese Probe von Büchncr's Genie wird aufs"Neue beweisen, wäs wir mit seinem Tode an ihm verloren haben. Welche Naturschildcruugcn, welche Seelenmalerei! Wie weiß der Dichter die feinsten Nervenzustände eines, im Poetischen wenigstens, ihm verwandten Gemüthes zu belauschen! Da ist Alles mit- empfunden, aller Seelcnschmerz mitdurchgedrungen; wir müssen er staunen Uber eine solche Anatomie der Lebens- und Gemüths- störung. G. Büchner offenbart in dieser Reliquie eine rcproduk tivc Phantasie, wie uns eine solche selbst bei Iean Paul nicht so rein, durchsichtig und wahr entgegentritt." °Mit dem Verbot der„Deutschen Revue" war die literarische Verbindung und Richtung, die man das„Junge Deutschland" nannte, so ziemlich zu Ende, und seine Konzphäen verfolgten von nun an jeder seinen eigenen Weg. Büchner'S Verhältnis} zum Jungen Deutschland und seine Meinung über dasselbe ist in einem Brief vom I. Januar 1836 sehr deutlich ausgesprochen. Er sagt da:„llebrigens gehöre ich für meine Person keineswegs zu dem sogenannten Jungen Deutschland, der literarischen Partei Gutzkow's und Heine's. Nur ein völliges Mißkennen unserer gc- scllschaftlichcn Verhältnisse konnte die Leute glauben machen, daß durch die Tageslitcratnr eine völlige Um- gestaltnng unserer religiösen und gesellschaftlichen Ideen möglich sei." Da Büchner die Absicht hatte, schon im Frühling des Jahres 1836 nach Zürich als Privatdocent zu gehen, so beeilte er sich mit seiner Abhandlung sehr. Im März 183«, war sie fertig, und nachdem er in der Straßburger„Gelehrten Gesellschaft für Naturwissenschaften" mit sehr großem Beifall drei Vorträge Uber den Gegenstand gehalten hatte, beschloß die Gesellschaft auf Antrag der Professoren Lanth und Düvernoh, die Abhandlung in ihre Annale» aufzunehmen und dieselbe zum Druck auf ihre Kosten zuzulassen. Zugleich ernannte sie Büchner zum correspon- dircndcn Mitglied. Die Schrift erhielt den Titel: binr lo systi»»» uevveux«In barhean(über das Nervensystem der Barben jFischej), und wurde von den ausgezeichnetsten Kennern der Naturwissen schaftcn für eine meisterhafte Arbeit erklärt, die zu den höchsten Erwartungen berechtige. TheilS die Verzögerung des Druckes der Schrift, theils politische Maßregeln, die damals gegen die Flücht linge in der Schweiz ergriffen wurden, bewogen Büchner, seine llebcrsiedclung nach Zürich»och bis zum Herbste zu verschieben. Die ihm dadurch freigewordcnc Zeit benutzte er, um sowohl seinen anatomischen Cnrsns bis zu Ende vorzubereiten, als auch nameut- lich zur Vervollständigung seiner philosophische» Studie». Er präparirtc, um mit zwei Fächern ausgerüstet»ach Zürich zu kommen, einen vollständigen Lehrcurs über„die Philosoph!- schcn Shsteme der Deutschen seit Eartesius und Spinoza." In dem Nachlasse befindet sich sowohl eine mit großer Gründlich keit geschriebene Geschichte und Darstellung der Systeme von Eartesius und Spinoza, als auch eine ganz ausgearbeitete Ge- schichte der älteren griechische» Philosophie. Da Büchner in dem- selben Sommer auch dramatische Poesien vollendete, von denen wir noch reden werden, so beweisen diese Arbeiten einen enormen Fleiß. Seine Mutter und Schwester, die ihn diesen Sommer in seinem Exil besuchten, fanden ihn zwar gesund, aber doch in einer großen nervösen Aufgeregtheit und ermattet von den anhaltenden geistigen Anstrengungen. Er äußerte damals oft:„Ich werde nicht alt werden." Dennoch ließen sein angeborner Lebensmuth I und hic Aussicht in eiuc ruhmreiche Zukiiiift ihn oft sehr heiter sein. Er schreibt um diese Zeit an Gutzkow: „Lieber Freund! „War ich lange genug stumm? Was soll ich Ihnen sagen? Ich saß auch im Gefänguiß und im langweiligsten unter der Sonne, ich habe eine Abhandlung geschrieben in die Länge, Breite und Tiefe. Tag und Nacht über der ekelhaften Geschichte, ich begreife nicht, wo ich die Geduld hergenommen. Ich habe nämlich die fixe Idee, im nächsten Semester zu Zürich einen Curs über die Entwicklung der deutschen Philosophie seit Eartesius zu lesen; dazu muß ich mein Diplom haben, und die Leute scheinen gar nicht geneigt, meinem lieben Sohne Danton den Doktorhut aufzusetzen. „Was war da zu machen? „Sie sind in Frankfurt und unangefochten! „Es ist mir leid und doch wieder lieb, daß Sie noch nicht im Rebstöckel(Straßburger Gasthaus) angeklopft haben. Ueber den Stand der modernen Literatur in Deutschland weiß ich so gut als nichts; nur einige versprengte Broschüren, die, ich weiß nicht wie, über den Rhein gekommen, fielen mir in die Hände. „Es zeigt sich in dem Kampfe gegen Sie eine gründliche Niederträchtigkeit, eine recht gesunde Niederträchtigkeit, ich begreife gar nicht, wie wir noch so natürlich sein können! Und Mcnzel's*) Hohn über die politischen Narren in den deutschen Festungen— und das von Leuten! mein Gott, ich könnte Ihnen übrigens er- bauliche Geschichten erzählen. *)„Menzel, der Franzosenfresser", den Börne so gründlich ab- gethan. Er ist vor nicht langer Zeit gestorben, nachdem er in seinen alten Tagen»och Bismärcker geworden. „Es hat mich im Tiefsten empört; meine armen Freunde! Glauben Sic nicht, daß Metizel nächstens eine Professur in München erhält? „Uebrigens, um aufrichtig zu sei», Sie und Ihre Freunde scheinen mir nicht grade den klügsten Weg gegangen zu sein. Die Gesellschaft mittelst der Idee, von der ge- bildeten Klasse aus reformircu? Unmöglich! Unsere Zeit ist rein materiell; wären Sie je direkter politisch zu Werke gegangen, so wären Sie bald auf den Punkt gekommen, wo die Reform von selbst aufgehört hätte. Sie werden nie über den Riß zwischen der gebildeten und ungebildeten Gesellschaft hinauskommen. „Ich habe mich überzeugt, die gebildete und wohlhabende Minorität, so viel Conzessionen sie auch von der Gewalt für sich begehrt, wird nie ihr spitzes Berhältniß zur großen Mafic aufgeben wollen. Und die große Masse selbst? Für die gibt es nur zwei Hebel, materielles Elend und religiöser Fanatismus. Jede Partei, welche diese Hebel anzusetzen ver steht, wird siegen. Unsere Zeit braucht Eisen und Brodas — und dann ein Kreuz oder sonst so was. Ich glaube, man muß in sozialen Dingen von einem absoluten Rechtsgrundsatz ausgehen, die Bildung eincö neuen geistigen Lebens im Volke suchen, und die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel gehen lassen. Zu waS soll ein Ding, wie diese, zwischen Himmel und Erde herumlaufen? Das ganze Leben der- selben besteht nur in Versuchen, sich die entsetzlichste Langeweile zu vertreiben. Sie mag aussterben, das ist das einzig Neue, was sie noch erleben kann. *")„Blut und Eisen", sagte Bismarck. Mirabcan. Originalzeichnung.(Siehe Seite NO) „Sie erhalten hierbei ein Bändcfyeii Gedichte von meinem ; Freunde Stöber. Die Sagen sind schön, aber ich bin kein Verehrer der Manier a la Schwab und Uhland und der Partei, die immer rückwärts ins Mittelalter greift, weil sie in der Gegenwart keinen Platz ausfüllen kann. Doch ist mir das Büchlein lieb; sollten Sie nichts Günstiges darüber zu sagen wissen, so bitte ich Sie, lieber zu schweigen. Ich habe i»ich ganz hier in daS Land hineingelebt; die Bogesen sind ein Ge- birg, das ia/ liebe, wie eine Mutter, ich kenne jede Bergspitzc und jedes Thal, und die alten Sagen sind so originell und heimlich, und die beiden Stöber sind alte Freunde, mit denen ich zum ersten Mal das Gebirg durchstrich. Adolph hat unstreitig Talent, auch wird Ihnen sein Name durch den Musenalmanach bekannt sein. August steht ihm nach, doch ist er gewandt in der Sprache. „Die Sache ist nicht ohne Bedeutung für das Elsaß, sie ist• einer von den seltenen Versuchen, die noch manche Elsässer machen, um die deutsche Nationalität Frankreich gegenüber zu wahren, und wenigstens das geistige Band zwischen ihnen und dem Bater: lande nicht reißen zu lassen. Es wäre traurig, wenn das Münster � einmal ganz auf fremdem Boden stände. Die Absicht, welche zum Theil das Büchlein erstehen ließ, würde sehr gefördert werden, wenn däs Unternehmen in Deutschland Anerkennung fände, und Z von der Seite empfehle ich es Ihnen besonders. „Ich werde ganz dumm in dem Studium der Philo- j fophie; ich lerne die Armseligkeit des menschlichen Geistes wieder 1 von einer neuen Seite kennen. Meinetwegen! Wenn man sich Z nur einbilden könnte, die Löcher in unseren Hosen seien Palast i fenster, so könnte man schon wie ein König leben! so aberfriert| man erbärmlich."— Der Mensch. Von I. Most. II. „Ter Boden, aus welchem der erste Mensch entstänv. war ein Tfiier. seine erste Mutter war ein Thier und die erste Nahrung seines Mundes die Milch eines Thieres. Reicheubach. Will man das Wesen des Menschen und seinen Znsammen- hang mit der organischen Welt begreifen lernen, so muß man sich vor Allem die Mühe nehmen, ihn in seiner jetzigen Gestalt genauer zu betrachten und sodann die mit ihn« am nächsten ver- wandten Thierarten daneben zu halten. Es versteht sich von selbst, daß man sich nicht damit begnügen darf, die Menschen unserer direktesten Nachbarschaft allein ins Auge zu fassen, ob- wohl auch hier schon ungemein viel Thierischcs sich darbietet; vielmehr hat man nachzusehen, wie der Mensch in seinen vcr- schiedenen, namentlich in den niedrigeren Abstufungen be- schassen ist. Man gelangt da— wenn man beim schönsten Kankasier oder weißhäutigen Menschen anfängt und bis zum Australier abwärts schreitet— von Stufe zu Stufe zu nnschönercn Gestalten,� so daß man am Ende bei einer Menschensorte anlangt, die von den vornehmsten Affen nur in ganz geringem Maße sich unterscheidet. Im folgenden Artikel(III.) wird nun aber gezeigt werde», daß es Zeiten gegeben hat, wo solche niedrig organisirte, ja noch viel niedriger organisirte Menschen als die einzigen Repräsentanten ihres Geschlechts die Erde bewohnten, während von solchen Wesen, wie man sie gegenwärtig in dein kultivirten Theile der Welt antrifft, noch nirgends eine Spur zu sehen war. Man kann daher füglich die civilisirte Menschheit vorläufig aus dem Spiele lassen und sich zunächst damit begnügen, die Ueberbleibsel unserer unmittelbaren Vorfahren einer Betrachtung zu unterziehen. „Es gibt," sagt Büchner.„Menschen und Menschenrassen, welche kaum mehr Verstand besitzen als gewisse Thierc... Die niedrigst stehenden Stämme unter den sog. Ozeanicrn und Afri- kanern entbehren aller allgemeinen Ideen oder abstrakten Gedanken. Vergangenheit und Zukunft bekümmern sie nicht, sie leben nur in der Gegenwart. Der Australier hat keine Worte für die Be- griffe Gott, Religion, Gerechtigkeit, Sünde:c.; er kennt fast keine andere Empfindung als die des NahrungsbedUrfnisses, dem er auf jede Weise zu genüge» trachtet, und gibt dieses durch rohe Grimassen oder Geberden kund." Nach den übereinstimmenden Berichten vieler Reisenden sind die Ureinwohner Australiens völlig uncivilisirbar. Ohne alle Kleidung laufen sie umher und schlafen, wo sie gerade die Nacht ereilt; höchstens bauen sie sich eine Art Hundehütte aus Baum- rinde. Nach den Bildern, die der englische Bischof Nixon von verschiedenen Exemplaren dieser Menschen aufnahm, ist ihre Aehn- lichkeit mit den Affen ganz unverkennbar. Als'Nahrungsmittel dient ihnen Alles, was ihnen von Pflanzen oder kleineren Thieren unter die Finger kommt; sie verzehren Beeren und Wurzeln nickt mehr zubereitet, als Insekten, Würmer, Schlangen:c. Irgend- welche„allgemeine Grundsätze" sind ihnen absolut nicht beizu- bringen, und die Missionäre haben längst die Hoffnung aus- gegeben, sie für die„Seligkeit" zu gewinnen. Selbst Familie und Ehe sind durchaus unbekannt; die Mutter kümmert sich um ihr Kind nur in der ersten Zeit, wie sich auch die Thiere eine Zeitlang um ihre Inngen kümmern. Die„Sprache" dieser Menschen besteht aus einigen Hunderten von„Wörtern", d. h. aus allerlei O.uicklautcn, womit sie die nächstliegenden Gegen stände bezeichnen. In jene» Theilen Afrika's, die man bis jetzt durchforscht hat — und in den tiefer im Innern gelegenen Gegenden dürfte es allen Anzeichen nach kaum besser stehen—, traf man gleichfalls Menschenarten mit affenmäßiger Lebensweise. Burton sagt von den Negern Ostafrika's, sie seien„Wesen ohne jeden Moralbegrisf, sowie ohne jedes, über de» nächsten Kreis des sinnlich Wahrnehmbaren hinausreichendcs Denken". Die Khtsch-Neger nennt Baker„die reinsten Affen, die sich in ihrer Nahrung lediglich auf das verlassen, was ihnen die Natur bietet". Die Sudan Neger werden von dem Missionär Moorlang als„unter dem Bieh stehend" bezeichnet. Und einer Menge anderer afrikanischer Stämme stellen zahlreiche Reisende, wie Anderssohn, Living- stone, Leighton, Krays u. s.w. die nämlichen schlechten Zeug nisse aus; manche werden sogar als fast völlig behaart beschrieben. Die Ureinwohner der philippinischen Insel», gleichfalls Neger, stehen den oben erwähnten Afrikanern an Wildheit nicht nach. „Dieser Neger," sagt Hügel,„lebt wie ein wildes Thier in Bergen und Wäldern; er ist von unansehnlicher Gestalt, zwerg haftein Wüchse, ausgezehrten Annen und Beinen, magcrem Körper mit schwarzen und rothen Haaren bedeckt---- In Manila werden diese Neger um nichts besser als eine Art Affen angesehen____" Sie wohnen in Erdlöchern oder auf Bäumen, wobei ihnen sehr zu statten konimt, daß ihre Zehen weit auseinander stehen und sehr beweglich sind, so daß sie sich damit in den Zweigen fest- halten können. Andere Inseln des indischen Archipels, wie Borneo, Sumatra u. s. w. bergen in ihren Wäldern fast durchgängig derartige Meiischen. Ihre Sprachen werden als„thierisches Ge- schnatter" bezeichnet. G i b s o n hat mehrere solcher Stämme kennen gelernt und beschrieben. Er sagt, daß man diese Menschen nicht i civilisiren könne, auch seien sie zu keinerlei Arbeit verwendbar, i dagegen besäßen sie die größte Aehnlichkeit mit den Affen., Selbst Indien mit seiner uralten Kultur hat noch ganz un- civilisirte Menschen aufzuweisen. Es sind dies vermuthlich die eigentlichen Ureinwohner, welche seinerzeit von den Hindus ver- drängt wurden und jetzt nur noch in nnzugänglichsten Wildnissen hausen. Die unter dem Namen Paria bekannten und allgemein als äußerst tiefstehend bezeichneten Menschen scheinen noch die civilisirtesten zu sein, wahrscheinlich, weil sie mit anderen Leuten 59 wenigstens einigermaßen in Berührung kommen; dagegen sollen die eigentlichen Dickicht-Bewohiwr noch vollständig in der Thier heit stecken. Büchner bemerkt auf Grund mehrfacher Beschrei' bnngen, der Beobachter dieser traurigen Wesen sei ini erste» Augenblick im Zweifel, ob er Bkenschen oder menschenähnliche Assen vor sich habe. Endlich besitzt auch Amerika eine Anzahl völlig thierischer Volksstämme(wenn man bei Menschen, die wie das Vieh durch- einander leben, überhaupt von„Volk" reden kann), so z. B. die Eahibes in Südamerika, die Botoknden, die Bewohner des Feuer landes zc. Was von anderen lirwilden gesagt wurde, gilt auch für diese. RiiialdowsKii. Eine moderne Räubergeschichte von A. Ltto- Walstcr. Keine schlimmere Sklaverei gibt's auf Erden mehr, als die, welche die Herrschaft des Geldes tagtäglich neu begründet. So ein Geldtyran» hält mich an unsichtbaren Banden fest; er vcr letzt meine» Stolz— und ich schweige; er greift meine Ehre an — ich zucke zusammen und schweige; er dringt in das Hciligthnm meiner Familie— und ich wage den Frechen nicht zu züchtigen; er lebt von mir, von meiner Hände, meines Geistes Früchten, und dennoch ist er mein Herr, denn er kann mich noch schlimmer schädigen, er kann mir das letzte Möbel aus der Wohnung holen lassen, mich und meine Familie ans den Strohsack legen, mich erwerbsunfähig machen, mich dem müssigcii Geschwätz schaden- froher'Rachbarn preisgeben, meinen Ruf untergraben, und schimpf- lich ist es schon, in Rinaldowsky's Händen gewesen zu sein, seine Hülfe gebraucht zu haben. Er aber schaukelt sich behäbig und sicher auf dem Polster- sesiel, den die Bourgcois-Gesetzgebung dem Geldsackc und seinen Besitzern geschaffen. Vor ihm besteht keine menschliche Große, wenn sie nicht zu einem achtungswerthen Besitz addirt ist. Hohe Staatsbeamte verlieren ihm gegenüber ihre bnreankratische Steif- heit, der Richter seine Amtsmiene, der Geistliche seine Salbung, der Sohn des Mars fürchtet ihn mehr als eine feindliche Com- pagnie, Künstlergröße muß sich vor ihm beugen— der Geldsack, oder wer ihn besitzt, regiert diese schöne Welt. War es zu verwundern, daß auch der chrenwerthe Beamte sein graues Haupt vor einem Menschen neigte, der ihn in ewiger Contribntion und sonst in beängstigenden Sorgen halten konnte wegen einer Schuld, die nach vernünftige» Verhältnissen schon längst getilgt war? Rinaldowsky's graue stechende Augen haben gleich an dem Gesichtsausdruck und an der Haltung des Reueingetretene» erkannt, daß auch dieser Vasall noch nicht sobald aus seiner Ab- hängigkeit entschlüpfen wird, und er beruft sich um so zuversichtlicher auf dessen Zeugniß. Der ehrliche Handwerker ist im ersten Augenblicke halb er- starrt ob dieser frechen Anschuldigung, da er aber die ehrwürdige Erscheinung des Angerufenen erblickt und ihn erkennt, wendet er sich treuherzig an ihn und meint: „Sie können nicht gehört und gesehen haben, Herr Geheim sckretär, wessen ich hier beschuldigt werde." „Gewiß nicht, gewiß nicht," cnviderte dieser,„cS miißtc so �lwas vor meinem Eintritt geschehen sein." „Und das war nicht der Fall, ich erwehrte mich nur ungerechter Anschuldigungen." „So kann und wird Ihnen nichts geschehen; folgen Sie nun aber lieber der jetzt wenigstens indirekt ausgesprochenen Aufforderung." „Ja wohl, das will ich thun, und will mit leichterem Herzen gehen, als ich gekommen. Mag es nun kommen, wie es will, in diese Höhle setze ich meine» Fuß nie wieder." Damit ging der ehrsame Handwerker fort und war gefaßt, trotzdem er wußte, daß er der Rache dieses Vampnrs sicher sein konnte. Rinaldowsky wurde für gewöhnlich nur dann aufgeregt, wenn er einen Geldverlust hatte, aber er ergrimmte auch, wen» Jemand sich gegen die Majestät seines Geldsacks auflehnte. Aeußcrlich gab er davon so leicht nichts zu erkennen, und auch jetzt deutete er mit einer gewissen Vornehmheit auf einen leeren Gessel und meinte: „Nehmen Sie Platz, Herr Geheimsekretär. Ich meine, Sie müssen es gehört haben, wie ich jenen frechen Eindringling zum Verlassen meiner Wohnung aufforderte." „Nicht das Mindeste habe ich davon vernommen. Das muß unbedingt vor meinem Eintritt geschehen sein, wenn eS geschehen ist." „Wenn es geschehe» ist> Herr Geheimsekretär! Ich hoffe doch, Sie bezweifeln die Wahrheit meiner Behauptung nicht?" „Ich setzte nur den Fall.... Ich komme...." „Ach ja, Sie bringen mir mein Geld. Dreihundert Thaler Kapital und die vierteljährlichen Zinsen hierzu mit neunzig Tha- lern. Sie waren meine letzte Hoffnung, denn ich habe diesmal an gewissenlosen Schuldnern, wie Sie eben einen hier sahen, vielen Schaden erfahren." „Wenn ich auch diesmal noch nicht Alles bringe..." „Nicht? Nicht Alles? Sie sind doch sonst ein ordnungsliebender Mensch, es wundert mich förmlich, denn Sie haben sich doch wcchselmäßig verpflichtet." „Weil Sie es wünschten— nur der Form wegen, wie Sie sagten, und ich thuc, wie versprochen, was ich kann." „Und Sie haben nicht gehört, wie ich diesen Mann vergeblich aufforderte, meine Wohnung sofort zu verlassen?" „Nein, ich sah Sie zwar in Aufregung...." „Nicht wahr, in einer Aufregung, die Ihnen sagen mußte, daß man mich in meiner Wohnung beschimpfte nnb bedrohte?" „Soweit geht meine Phantasie nicht; ich kann nur sagen, was ich gesehen und gehört." „Ja, ja, etwas Anderes können Sic nicht. Also wie steht's mit der fälligen Schuld?" „Sie bekommen an Kapital und Zinsen»och 3!>0 Thaler, ich bin glücklicher Weise in der l'age, Ihnen heute 250 Thaler überbringe» zu können, mit dem Rest werden Sie sich gegen Ge- Währung der bis jetzt ausgemachten Zinsen wohl gen, gedulden." „Schon wieder gedulde»? I» einer Zeit, da der Thaler so-' viel Werth ist wie ein Dukaten?" „Tie werde» die kleine Summe nicht vermissen." „Das denke» Sic, das denken alle Leute, dse zu bezahle» haben. Leute, denen das Geld zukommt, wissen den Werth des Geldes in heutiger Zeit besser zu bemessen, weil sie glänzende Geschäfte zu machen verstehen. Aber das begreifen Sic nicht, Sie begreifen nicht einmal, wie weh es Jemandem thun muß, sich beleidigt zu sehen und gekränkt und bedroht in seiner Woh- ! nung von Leuten, an denen er Barmherzigkeit geübt." „Aber darum handelt es sich doch jetzt gar nicht." „Darum handelt's sich jetzt gar nicht, das ist richtig, aber es handelt sich um mein Geld, das Sie mir auch heut noch nicht richtig zurückerstatten wollen, nachdem ich so lange Nachsicht geübt." „Zurückerstatten— Ihr Geld? Herr Rinaldowsky, sagen Sie das nicht. Ihr Geld haben Sie, haben Sie auf Heller und Pfennig. Nur von den Wucherzinsen bin ich heute noch in der traurigen Lage, Ihnen einen Theil schuldig bleiben zu müssen." Einen stechenden, giftgetränkten Blick warf Rinaldowsky bei dieser Bemerkung auf seinen Schuldner, und trocknen Tons erwiderte er: „Ich sehe, daß unsere Prinzipien nicht zusammenstimmen; unter solchen Umständen kann's auch keine weiteren Geschäftsbeziehungen unter uns geben." Der Beamte ahnte, was diese Worte zu bedeuten statten; � fl daö bleiche, flehende Antlitz seines Sohnes trat ihm vor die Augen. Er rang nach ergebungsvoller Fassung, er schluckte die Regung des Ehrgefühls vor dem höhnenden Schurken hinunter, seine zeitweilig hochanfgerichtete Gestalt sank zusammen und fast demüthig erklang seine Stimme, als er vorstellte: „Ich wollte mich nur entschuldigen, Herr Rinaldowsch; im Uebrigen weiß ich ja, daß Sie Ihr Geld so hoch wie nur möglich zu verwcrthen das Recht haben. Aber Sie werden doch zugeben, daß Sie bei mir noch nichts eingebüßt, und überzeugt sein, daß Sie bei mir nichts einbüßen können." „So, meinen Sie? Wisien Sie so genau, daß ich inzwischen mein Geld nicht viel besser verwerthen konnte?" „Besser als zu 120 Prozent!" „Das Risiko nicht zu rechnen." „Welches Risiko konnten Sie haben?" „Sie konnten sterben." „Dann war noch meine Familie da." „In deren Belieben es dann stand." „Stand das nicht auch in meinem Belieben?" „Doch nicht so ganz. Einem Staatsbeamten kann es durch- ans nicht gleichgiltig sein, wenn sein Sohn als ehrlos den Offizierscharakter verliert und davongejagt wird." „Herr Rinaldowsky!" „'Run, was ist? Was wollen Sie mit diesem Tone?" „Unterstehen Sie sich nicht noch einmal..." „Was? Richt unterstehen in meinem eigenen Zimmer! Sie sind mir schuldig und sprechen von unterstehen? Zahlen Sie mir mein Geld und dann unterstehen Sie sich nicht noch einmal, über meine Schwelle zu kommen." Der Beamte kämpfte einen furchtbaren Kampf in seinem Innern, aber die Besonnenheit gewann die Oberhand: „Hier sind 2S0 Thalcr abschlägig. Ich werde Ihnen dieser Tage das klebrige, 140 Thaler schassen. Geben Sie mir jetzt meine Quittung." „Wozu eine Quittung? Sie bekommen den Wechsel zurück, wenn Sie mir 300 Thalcr zahlen, andernfalls erhebe ich morgen Klage gegen Ihren Sohn." „So wenig Rücksicht wollten Sic beweisen, nachdem Sie soviel au uns verdient haben? „WaS geht es Sie an, was ich an Ihnen verdient habe? Habe ich Sie etwa gebeten, mich das an Ihnen verdienen zu lassen? Hätte ich das Geld nicht an einem Andern ebenso gut verdienen können? Ich habe Rücksichten genommen, aus Mitleid..." „Sie sprechen von Mitleid, während wir Ihnen den letzten Blutstropfen hingeben mußten?" „Letzten Blutstropfen? Ha, ha, das ist wirklich zum Todt- lachen. Der Herr Sohn geht in der Lientenantsunisonn herum und hat Zutritt zum Hosball, Fräulein Tochter geht in Federhut und Schleier, der jüngere Herr Sohn muß anstandshalber studiren, und bei solchem Bettelstolz..." Mirabcau(s. das Portrait S. 56), mit seinem vollen Namen Honoro Gabriel Riquetti, Graf Mirabcau, wurde am 0. März 1740 zu Bignon bei Nemours in Frankreich geboren. Sein Vater, Victor Riquelti, Marquis von Mirabcau, einer im 13. Jahrhundert aus' Florenz eingewanderten italienischen Familie entstammt, war ein talenwoller, � herrschsüchtiger, ehrgeiziger Mann, der sich in zahlreichen Schriften als „Menschenfreund" h4mi des hornrnes) aufspielte, seine Familie aber auf das Empörendste tyrannisirte. Er verstieß seine Frau und lebte mit seinen Söhne», gegen die er im Ganzen nicht weniger als 54 I,ettres de eaeller(Hastbriefe) erließ, in beständigem Krieg. Der junge Honorr, von athlelischem Körperbau, leidenschaftlich, energisch, geistig hochbegabt wurde, 15 Jahre alt, in ein Militärpensionat geschickt nnd trat zwei Jahre später als Lieutenant in das Cavallerieregiment Berry; vom Bater im Stich gelassen, verließ er den Dienst, heirathete ein adeliges Fräulein, von dem er sich jedoch bald trennte, um mit einer verhei- ratheten Frau, Sophie von Monnier, ein Liebesverhältniß anzuknüpfen. Er flüchtete mit ihr nach Holland, und suchte sich durch Schriflstellerei zu ernähren. Wegen Entführung zum Tod(!) verurtheilt, wurde er 1777 zu Amsterdam mit seiner Geliebten verhaftet und nach Frankreich ausgeliefert. Man„begnadigte" ihn zu Gefängniß und sperrte ihn 42 Monate lang im Donjon von Vineennes ein, während Sophie in ein Kloster gesteckt ward. Nachdem er schon früher eine Abhandlung „über den Despotismus" verfaßt hatte, schrieb er in Vineennes sein Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.— „Herr Ninaldowskh!" rief der Beamte, sich hochaufrichtend. „Run, was beliebt?" fragte der Andere mit höhnischem Grinsen. „Sie sollen morgen Ihr gesammtes Guthaben empfangen." „Soll mir sehr lieb sein, Herr Geheimsekretär, sehr angenehm soll es mir sein, aber halten Sie besser Wort als bisher. Ich gehöre noch so zur alten Schule, wissen Sie, Herr Geheimsekretär, wo es hieß: ein Wort, ein Mann." Der Andere antwortete nicht mehr, denn er fühlte, daß er den Höhnenden zerreißen könnte. Halb besinnungslos eilte er ans dem Zimmer ins Vorzimmer und von da die Treppe hin- unter und hinaus an die frische freie Luft. Wer weiß, wie weit der so im Innersten seines Herzens Verletzte dahingestürmt wäre, wenn er nicht unten auf der Straße den Sohn erblickt hätte, der ihm, nachdem er vergeblich zu Hause angefragt, hierher gefolgt war und, Schlimmes ahnend beim An- blick der verstörten Mienen, den Vater mit der Frage begrüßte: „Um Gott, mein lieber Vater, was ist dir? Hat man etwa gar gewagt, dich zu beleidigen?" „Ja, jener Elende hat's gewagt, er, der von unserem Lebens- marke zehrt, hält sich auch berechtigt, an unserer Ehre zu nagen." „Er soll es büßen, verlaß' dich darauf, Vater." „Aber zuvor muß er bezahlt sein." „Ja, er muß bezahlt sei», und das soll er auch noch heute. Hast du ihm die Summe gezahlt?" „Er»ahm sie nicht, er will das Ganze." „Er soll das Ganze habe», und zwar noch heute; ich habe das Uebrige hier in meiner Tasche." „Franz, du hast gespielt," rief der Bater vorwurfsvoll. „Nicht, nicht; mit was hätte ich spielen sollen? Aber sie, sie, die mich so vieler Sorgen Last mit freudigem Rinthe so lange tragen ließ, sie hat es geahnt, daß ich am Wendepunkte meines Lebenszlückes stand nnd sie fühlte sich gedrungen, mir aufzu- nöthigen, was ihr als Kostbarstes an Schmuck gehörte." „Glückliches Kind, du wirst wahrhaft geliebt. Aber demüthigte dich diese Hülfsleistnng nicht?" „Sie ließ mir keine Wahl, sie schnitt jedes Wort der Wei- gerung ab, und der Ort ließ eine Auseinandersetzung nicht zu. Es handelt sich auch nur um ein paar Tage, denn ich erwarte den Preis für eine Preisschrift, deren Erfolg mir heute Morgen bereits mitgetheilt wurde." „Das ist ein warmer Sonnenstrahl ani kalte» Neujahrs- morgen, der wunderbare Wärme in unserer Wohnung und lang- entbehrtes Licht verbreiten wird. Aber ich möchte nicht wieder zu dem Manne gehen, dessen Haus ich soeben mit tiefgebeugter Seele verlassen." „Das sollst du auch nicht, Vater, versehen mit den Mitteln um unser unfreiwilliges Verhältniß für immer zu lösen nnd meinen Ehrenschein zurückzukaufen, kann ich ihm entgegentreten, wie sich's gebührt."(Fortsetzung folgt.) berühmtes Buch„über die Haftbriefe und die Staatsgefängnisse", und — eine Anzahl sehr frivoler Romane. Die Briefe, welche er aus seinem Kerker an die Gelieble richtele, und die 1702 veröffentlicht wurden, bilden die sentimentale Ergänzung dieser Romane. Nach seiner Frei- lassung im Jahre 17L0 abenleuerte er in Frankreich, England, Preußen herum, und verkaufte seine Feder erst den Holländern, dann der sran- zösischen Regierung, die ihn in geheimer Mission nach Berlin schickte. Dabei wußte er aber stets sich in den Mantel des Volkstribuns zu hüllen. Schon vor der Revolution befolgte er die Taktik, Diejenigen, welche ihn bezahlten, anzugreifen, um besser bezahlt zu werden. Mit seiner Thätigkeit in der Revolution werden wir uns später eingehend beschäftigen. Jetzt nur so viel: bereits vor dem Bastillensturm bot er sich dem Hof Ludwigs des Sechszehnten an; in grenzenloser Selbst- Überschätzung glaubte er die Revolution beherrschen und dem König verkaufen zu können. Ludwig XVI. war, trotz seiner Beschränktheil, klug genug, hieran zu zweifeln; dies, und der Stolz der Marie Antoinette, die mit einem so anrüchigen„Demagogen" nichts zu thun haben wollte, verzögerten den Kaufkontrakt, der formell erst im Mai 1700 abgeschlossen wurde. Obgleich der Kaufpreis ein hoher war, so genügte er doch nicht den extravaganten Bedürfnissen Mirabeau's, der wiederholt in die Demagogenrolle zurückfiel, um Zuschüsse zu erpressen. Natürlich ging die Revolution ihren eigenen Gang und Mirabcau starb am 2. April 1701, ohne die Monarchie gerettet zu haben. und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei in Leipzig.