Die wahre Geschichte des Josua Davidsohn. (Fortsetzung.) Inzwischen hatte Josua's außergewöhnlicheiS Thun die Aufmerksamkeit einiger menschenfreundlichen Herren auf sich gezogen. Es war ihnen zu Ohren gekommen, daß er eine Abendschule er- richtet hatte, und den„verlorenen Kindern" der Gesellschaft anfzu- helfen suchte. Der berühmte Herr E. besuchte uns, er wollte einen Mann kennen lernen, der, ohne Vermögen zu besitzen, Werke der Barmherzigkeit übte, die ihm, dem Millionär, Tausende von Pfunden kosteten. Dieser Herr C. war, soweit sein Berständuiß reichte, ein seelens- guter Mann, es gab wohl keinen besseren; aber sein Verständniß war beschränkt, und er zog eine bestimmte Grenzlinie, die er nicht überschritt. Seine Grenzlinie war die„Ehrbarkeit". Er weigerte sich entschieden, Solchen zu helfe», die hoffnungslose Paupers waren, oder in schlechtem Ruf standen.„Anständige" Arme unter- stützte er gern und unterstützte sie auch wirksam, obgleich er dabei imnier fürchtete, zuviel zu thun und zum Verlaß ans fremde Hülfe zu ermuntern. Aber für die gänzlich versunkene, versnnipfte Armuth, die keine Hand mehr rührt, um sich selbst zu helfen, für diese war er ohne Mitleid, für sie hatte er keine Hülfe. Den Pauperismus zu ermuthigen oder das Laster zu be- günstigen, war, was er am meisten fürchtete—■ dem ehrbaren Armen hielt er stets freundlich die Hand entgegen und war ein eifriger Gönner von Besserungshäuseni, Zustnchtsstätten für gefallene Mädchen und ähnlichen Anstalten. Da Mary's Freund, der Künstler, um diese Zeit für einige Monate nach Italien reiste und sie in Folge dessen erwerbslos war, so erzählte Josua Herrn C. ihre und Joe Traill's Geschichte. Herr C. hörte aufmerksam zu. Er war sichtlich gerührt, bczwei- felte aber sehr, ob Josua klug gehandelt. Er sah nicht, wie zu helfen sei. Er schreckte davor zurück, sich zum Beschützer eines überführten Diebes zu machen, der kein Knabe mehr war und also nicht in eine Besserungsanstalt für jugendliche Verbrecher geschickt und dort zu einem brauchbaren Mitglied der Gesellschaft Zurechtgestutzt werden konnte. Es war ein Fall, auf welchen er Lue nicht vorbereitet war. Wäre Joe ein heruntergekommener, nüchterner, fleißiger und geschickter Handwerker gewesen, den Krank- heit oder irgend ein unverschuldetes Unglück in diese traurige Lage gebracht, er würde ihm bereitwillig aufgeholfen haben, aber ein Mensch, der die dunklen Wege des Verbrechens gewandelt, der nächtlicher Weile mit Brecheisen und Dietrich in Häuser cingc- drungen war— er schüttelte den Kopf und wollte nichts mit ihm zu thun haben. Es heiße eine Belohnung auf das Laster setzen, wolle man diesem Herumtreiber und Bummler eine Unter- kunft verschaffen, während Hunderte von ehrlichen Leuten, die nie Unrecht gethan, aus Mangel an Hülse zu Grunde gehen. „Was das anbelangt," sagte Josua,„so frage ich nicht, ob dieser Mensch oder seine Eltern gesündigt haben oder nicht. Er ist der Hülfe bedürftig, und nach meiner Ueberzeugung begründet die Roth, nicht die Ehrenhaftigkeit Anspruch ans Hülfe." Herr C. sah ihn zweifelhaft an und meinte:„Wir müssen eine Grenze ziehen." „Christus zog sie bei den Pharisäern," antwortete Josua einfach. „Keinen Unterschied zwischen Laster und Tugend zu machen, jenes so freundlich zu behandeln wie dieses, das hieße den Unter- schied zwischen Laster und Tugend bald auch in den Herzen und in der Praxis aufheben," bemerkte Herr C. „Und was sagen Sie denn", erwiderte Josua,„zu dem Gleich- niß von den Männern, die ungleich arbeiteten und doch am Ende denselben Lohn empfingen?" „Mein guter Junge," rief Herr C. etwas ungeduldig,„es ist ganz unmöglich, genau nach dem Ideal zu leben." �„Davon muß ich niich erst noch überzeugen," sagte Josua.— „Sie wollen mir also nicht helfen, den armen Joe zum Menschen zu machen?" „Sagen Sie nicht, daß ich nicht wolle,— ich kann nicht. Wie kann ich von meinen armen, ehrlichen Pfleglingen oder meinen anständigen Arbeitern verlangen, daß sie einen überführten Dieb in ihre Gesellschaft aufnehmen?" „Und: Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unser» Schuldigern!— gilt daö nur für persönliche, kleine Beleidigungen, oder gilt es für Vergehen gegen unsere Geduld, unsere Hoffnung, unser» Glauben, unsere Grundsätze? Bedeutet es nicht die Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. unvergängliche Liebe, ob wir sie nun Barmherzigkeit oder Biensch- lichkeit nennen, womit wir die Gefallenen aufheben und den Schwachen helfen?" „Wenn wir bei-diesem Thema sind," entgegnete Herr C-, „dann gibt es auch Bibelsprüche genug gegen den Berkehr mit den Bösen. Sie können kein Pech angreifen, Herr Davidsohn, ohne sich zu besudeln." „Christus wohnte in dem Hanse Simons, des Aussätzigen, Maria Magdalena liebte ihn und er sie. Ich brauche kein an- dcres Beispiel. Was Christus that, mögen seine Nachfolger und Schüler ihm nachthun!" „Sie sind ein Schwärmer," sagte Herr C., grade wie früher das Parlamentsmitglied gesagt hatte, und beide betrachteten die Schwärmerei als etwas Lächerliches;„und eines Tages werden Ihre Theoriecn gransam zu Falle kommen. Sie werden einen Hallnnken beherbergen, der sich gegen Sic wenden und Ihnen vielleicht zum Dank die Gurgel abschneiden wird. Ich sage Ihnen, ich kenne dieses Gesindel, es ist unverbesserlich." „Was wollen Sie denn aber mit diesen Menschen lhun, Herr C.?" „Man kann N.chts mit ihnen thun," antwortete er. „Man kann sie aber doch nicht verhungern lassen," sagte Josua ernst. „Ich sehe nicht ein, daß irgend Jemand die Pflicht hätte, sie zu ernähren, wenn sie sich nicht selbst ernähren wollen— außer durch Verbrechen und Laster," antwortete der Menschenfreund. „Ich verlange von den Verbrechern und Lasterhafte», männlichen wie weiblichen, erst greifbare Beweise von Reue und Besserung, ehe ich ihnen helfen oder irgend entgegenkommen kann. Glauben Sie mir, daß Ihre allgemeine, unterscheidnngslose Menschenliebe die unglücklichste Richtschnur ist, die Sic sich wählen können." „Dann hatte Christus Unrecht," sagte Josua,„und wir sind wieder auf dem Punkt, von dem wir ausgingen. Also Sie wollen mit Joe keinen Versuch machen?" „Nein; ich möchte lieber nichts mit ihm zu thun haben," sagte Herr C., der sich in die Hitze geredet hatte.„Es würde mir nicht wohl zu Muthe sein. Ich habe keine Vorliebe für Einbrecher, ich glaube nicht an ihre Besserung. Alle meine Schütz- linge sind ausgesuchte Leute, kein verlorener Charakter ist unter ihnen. Ich kann ihnen nicht zumuthen, einen notorischen Ver- brecher unter sich aufzunehmen, und wenn ich es thätc, so wäre es um meinen Einfluß auf sie geschehen. Grade, weil sie wissen, daß ich auch nicht die kleinste Pflichtvergessenheit dulde, beobachten sie solch gute Zucht; mit welchem Gesicht könnte ich ihnen einen so zweifelhaften Kameraden präsentiren? Es ist einfach unmöglich. Mit dem Frauenzimmer läßt sich vielleicht Etwas machen. Sie ist jung und kann folglich noch nicht ganz verhärtet sein; ich könnte sie in die— Besserungsanstalt aufnehmen lassen." „Nein," sagte Josua;„ich kann nicht meine Einwilligung dazu geben, daß sie in eine Besserungsanstalt kommt. Das ist eS nicht, was ihr noth thut. In einer Besserungsanstalt würde sie beständig an daö erinnert, was sie vergessen soll. Sie würde durch beständiges Denken an sich selbst in eine krankhafte Stim- mung versetzt. Man würde sie Bußpsalmen singen lassen, statt sie eine Beschäftigung zu lehren, die ihr in Zukunft von Nutzen sein könnte. Aus Selbstachtung soll sie tugendhaft bleiben und sie muß so gestellt werden, daß sie nicht mehr nöthig hat, zu ihrem früheren Leben zurückzukehren. Ich will nicht, daß sie durch selbstpeinigende Reue für die Vergangenheit geschwächt, und durch die Aussicht auf ewige Berdammniß für die Zukunft gequält werde. Sie soll gehoben werden, nicht gebrochen." „Sic achten doch hoffentlich die Reue nicht gering?" sagte Herr C. erregt.„Welch andere Bürgschaft haben wir, daß sie nicht wieder fehl gehen wird?" „Die beste Bürgschaft ist: Selbstachtung und die Möglichkeit, sich anständig zu ernähren." „Sic sind ja ein krasser Materialist, Herr Davidsohn. Ich kann es nicht ruhig anhören, daß Sie die Sünde einzig ans soziale Verhältnisse zurückführen. Gibt es keine Sünden in den höheren Ständen? Armuth und Unwissenheit sind nicht die allei- nigen Wurzeln menschlicher Verderbtheit." „Aber doch die stärksten," antwortete Josua. „Und die Sünden des schwelgenden ReichthumS..." „Sie schaffen Mary Prinsep und ihre Klasse," unterbrach ihn Josua.„Sehen Sie, was jetzt von Ihnen verlangt wird? Daß Sie im Kleinen, in eineni einzelnen Falle, die S" tff. unserer heutigen Gesellschaft wieder gut machen. In d' ,,. entlief stellen Sie die Gesellschaft vor und es wird von II�.langt, daß Sie ein Stück Ihrer eigenen schlechten Arbeil-,.u-ebcycrn." „Bah!" sagte Herr C.„Ich habe Mary nicht schlecht gemacht! Indeß— ich werde für sie thnn, was ich kann. Meine Frau braucht eine zweite Magd, ich will ihr den Fall vortragen; aber ich verlasse mich auf Sie," fügte er, von einigen Bedenken ergriffen, hinzu.„Ich verlasse mich ans Sie, daß ich eS mit einer reuigen und in gewissem Grad geläuterten Person zu thun habe, und daß sie die klebrigen nicht verderben wird. Denn es ist selbst im günstigsten Falle ein gefährliches Experiment." „Sie ist so gut, daß Jedermann ihr trauen und sie lieben kann," sagte Josua warm, und Herr C- sah ihm mit einem scharfen, fast mißtrauischen Blick ins Gesicht.„Ich danke Ihnen von Herzen," fuhr Josua fort, ohne die leiseste Ahnung zu haben, daß er Herrn C. Unbehagen verursacht.„Sie haben heute ein gutes Werk gethan, ein Werk ächter Menschenliebe." „Ich will nur wünschen, daß ich nicht Unrecht thue," sagte Herr C. zweifelhaft.„Ich kann mich des Gedankens nicht er- wehren, daß ich ein Mädchen dafür, daß es ein schlechtes Leben geführt, mit einer Stellung belohne, die Hunderte von tugend- haften Mädchen froh wären, ausfüllen zu können." „Wenn Ihr ökonomisches Gewissen Sie beunruhigt, mein Herr, so beschwichtigen Sic es mit der Antwort, die Christus selbst gab, als� er die Kanaaniterin fragte, ob es recht sei, das Brot der Kinder den Hunden vorzuwerfen?" „Trotz alledem kann ich es nicht für eine Pflicht erachten, das Laster zu belohnen," antwortete hartnäckig Herr C. Ich bitte Sie, ja festzuhalten, daß, was ich jetzt thue, auf Ihr besonderes Verlangen von mir gethan wird." „Das soll heißen, daß Sie die Verantwortung nicht über- nehmen?" „So ist's!" „Wohlan! Herr. Ich übernehme die Verantwortlichkeit." „Das wird mir wenig nutzen, wenn die Sache schief geht," sagte Herr C. mit etwas unsicherer Stimme. „O,— glauben Sie an die menschliche Natur!" sagte Josua ernst— so ernst, daß seine Stinimc mir in die tiefste Seele drang. „Weil ich die menschliche Natur kenne, deshalb glaube ich so wenig an sie. Jedermann bedarf eines festen moralischen Prin- zips, das ihn fähig macht, den Versuchungen, welche sich Jedem gewiß nahen, zu widerstehen. Diese gefallenen Brüder und Schwestern sind besten Falls nur lecke, schissbrüchige Fahrzeuge. Wenn die menschliche Natur wirklich etwas so Großes wäre, wozu war es dann nöthig, daß Christus kam? Sie sind doch ein Christ, Herr Davidsohn?" „Christus war ein Mensch und glaubte an die Mensch- heit," sagte Josua. „Mit Ihnen ist Nichts anzufangen, Herr Davidsohn; Sie sind so wenig zu überzeugen, wie ein Weib." Er gab ihm dann freundlich die Hand und verabschiedete sich. Einen oder zwei Tage darauf kam er wieder, verlegen, sehr verlegen, und theilte uns unter vielen Versichernngen des Be- daucrns, deren Aufrichtigkeit ich nicht bezweifle, mit, daß seine Frau gegen Mary ebenso viel einzuwenden habe, wie er selbst gegen Joe Traill, und daß sie sich weigere, dieselbe ins Haus aufzunehmen. Alan könne nicht wissen, ob Matt; nicht eine ge- schickte Heuchlerin sei, die Josua nasführe. Der Ruf des Hauses stehe auf dem Spiel. Das Beste sei doch, sie gehe in eine Besserungsanstalt für gefallene Mädchen, vielleicht finde sich Jemand, der ihr von da ans ein Unterkommen verschaffe. Die Dame war noch so gütig, eine Anzahl frommer Traktätchen zu Mary'S Belehrung und Erbauung mitzuschicken. Schade nur, daß Mary nicht lesen konnte, dank unserer herrlichen Gesellschafts- einrichtungen. 63 begann von neuem, nach einer Stelle für Mary zu auch schließlich eine gutmiithige, edelherzige, ES eine Enttünschung, allein Jofua war nicht der Mann, sich dur yen Schlag oder ein Dutzend»Schlage niederwerfen zu lasse i suchen, aber r!�rau, die das Madchen in Dienst nehmen wollte, jedoch�''?>» ausdrücklichen Bedingung, daß Niemand wissen dürfe, was'„..ach gewesen, und daß jede Verbindung zwischen ihr und uns oder sonst einem Bekannten aus den alten Kreisen ans höre. Iosua rieth Mary zu, und so ging sie unter vielen Thränen von uns, um eine Stelle als Küchenmädcheu bei einer in der Nahe von London wohnenden Familie anzutreten, wo sie, wie die Dame selbst sagte, nun Gelegenheit haben würde, sich ganz von ihrer Vergangenheit loszusagen, und ein neues Leben zu beginnen. „Wenn ich mich ordentlich betrage, werden Sie dann mit mir zufrieden sein, Iosua?" fragte Mary im Weggehen. „Mehr als das. Sie wissen, daß ich Ihnen vertraue und daß wir Beide Ihnen herzlich gut sind— John hier und ich." Mary's Gesicht war so weiß, wie ihre Halskrause.„Iosua," sagte sie, zu ihm emporblickend,„geben Sie mir einen Kuß; es wird mich aufrichten." Iosua beugte sich zu ihr herab und küßte sie zärtlich. „Lebe wohl, Schwester!" und seine Stimme zitterte ein wenig. „Lebe wohl! Ich werde dir keine Schande machen." Und sie eilte fort. (Fortsetzung folgt.) Georg Gnchner. VI. Ans dem Sommer I83ö stammt»och ein kleines Lustspiel „Leonce und Lena", und ein anderes Drama, das erst in neuerer Zeit unter dem Nachlaß wieder aufgefunden wurde. Unterdessen war die Abhandlung über das Nervensystem der Fische nach Zürich geschickt und auf Grund derselben das Doktor- diplom der philosophische» Fakultät sogleich an Büchner aus- gefertigt worden Zugleich wurde er eingeladen, eine Probevorlesung in Zürich zu halten, um, wenn diese gefiele, das Recht des DocirenS zu erhalte». Am 18. Oktober 1836 reiste Büchner nach Zürich, vor» bereitet auf zwei Lehrkurse, einen über vergleichende Anatomie, den andern über Philosophie. Da ein anderer Professor bereits philosophische Vorlesungen angekündigt hatte, so entschloß er sich, um Collisionen zu vermeiden, zur vergleichenden Anatomie. Schwer wird ihm die Wahl nicht gefallen sein. Hatte er doch am 2. September von Straßburg aus geschrieben:„Ich habe mich jetzt ganz ans das Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie gelegt und werde in Kurzem nach Zürich gehen, um in meiner Eigenschaft als überflüssiges Mitglied der Gesellschaft meinen Mitmenschen Borlesungen über etwas ebenfalls höchst Uebcrflüssiges, nämlich über die philosophischen Systeme der Deutschen seit Cartesius und Spinoza, zu halten." Büchner'S Probevorlesung wurde vor einem sehr zahlreichen Publikum gc- halten und erntete den allgemeinsten Beifall. Wir theilen nachstehend einige Auszüge aus derselben mit: ....... Es treten uns auf dem Gebiete der physiologischen und anatomischen Wissenschaften zwei sich gsgcnüberftchende Grund- ansichten entgegen, die sogar ein nationelles Gepräge tragen, in- dem die eine in England und Frankreich, die andere in Deutsch- land überwiegt. Die erste betrachtet alle Erscheinungen des organischen Lebens vom teleologischen Standpunkt aus; sie findet die Lösung des RäthselS in dem Zweck, der Wirkung, in dem Nutzen der Verrichtung eines Organs. Sie kennt daö In- dividuum nur als etwas, das einen Zweck außer sich erreichen soll, und nur in seiner Bestrebung, sich der Außenwelt gegenüber theils als Individuum, thcils als Art zu behaupten. Jeder Or- ganiSmus ist für sie eine verwickelte Maschine, mit den künstlichsten Mitteln versehen, sich bis auf einen gewissen Punkt zu erhalten. Das Enthüllen der schönsten und reinsten Formen im Menschen, die Vollkommenheit der edelsten Organe, in denen die Psycho (Seele) fast den Stoff zu durchbrechen und sich hinter den leichtesten Schleiern zu bewegen scheint, ist für sie nur das Maximum einer solchen Maschine. Sie macht den Schädel zu einem künst- lichcn Gewölbe mit Strebepfeilern, bestimmt, seinen Bewohner, baö Gehirn, zu schützen,— Wangen und Lippen zu einem Kau- und Rcspirationsapparat,-— das Auge zu einem komplizirten Glase,— die Augenlider und Wimpern zu dessen Vorhängen; — ja die Thräne ist nur der Wassertropfen, welcher es feucht orhält. Man sieht, es ist ein weiter Sprung von da bis zu dem Enthusiasmus, mit dem Lavater sich glücklich preist, daß er von so was Göttlichem, wie den Lippen, reden dürfe. „Die teleologische Methode bewegt sich in einem ewigen Zirkel, indem sie die Wirkungen der Organe als Zwecke vor- aussetzt. Sic sagt zum Beispiel: soll das Auge seine Funktion versehen, so muß die Hornhaut feucht erhalten werden, und so- mit ist eine Thräncndrüse nöthig. Diese ist also vorhanden, damit das Auge feucht erhalten werde, und somit ist das Auf- treten dieses Organs erklärt; es gibt nichts weiter zu fragen,— die entgegengesetzte Ansicht sagt dagegen: die Thräncndrüse ist nicht da, damit das Auge feucht werde, sondern das Auge wird feucht, weil eine Thräncndrüse da ist, oder, um ein anderes Beispiel zu geben, wir haben nicht Hände, damit wir greifen können, sondern wir greifen, weil wir Hände haben. Die größtmöglichste Zweckmäßigkeit ist das einzige Gesetz der teleologischen Methode; nun fragt man aber natürlich nach dem Zwecke dieses Zweckes, und so macht sie auch ebenso natürlich bei jeder Frage einen progrvstius in intinitum(Wciterschreitcn ins Unendliche). „Die Natur handelt nicht nach Zwecken, sie reibt sich nicht in einer unendlichen Reihe von Zwecken auf, von denen der eine den andern bedingt; sondern sie ist in allen ihren Aeußerungen sich unmittelbar selbst genug. Alles, was ist, ist um seiner selbst willen da. DaS Gesetz dieses Seins zu suchen, ist das Ziel der, der teleologischen gegenüberstehenden Ansicht, die ich die philosophische nennen will. Alles, was für jene Zweck ist, wird für diese Wirkung. Wo die teleologische Schule mit ihrer Antwort fertig ist, fängt die Frage für die philosophische an. Diese Frage, die uns auf allen Punkten anredet, kann ihre Antwort nur in einem Grundgesetze für die gesammte Organi- sation sinden, und so wird für die philosophische Methode das ganze körperliche Dasein des Individuums nicht zu seiner eigenen Erhaltung aufgebracht, sondern eS wird die Manifestation eines Urgcsetzes, eines Gesetzes der Schönheit, das nach den einfachsten Rissen und Linien die höchsten und reinsten Formen hervorbringt. Alles, Form und Stoff, ist für sie an dies Gesetz gebunden. Alle Funktionen sind Wirkungen desselben; sie werden durch keine äußeren Zwecke bestimmt, und ihr sogenanntes zweckmäßiges Auf- einander- und Zusammenwirken ist nichts weiter, als die noth- wendige Harmonie in den Aeußerungen eines und desselben Gesetzes, dessen Wirkungen sich natürlich nicht gegenseitig zerstören. „Die Frage nach einem solchen Gesetze führte von selbst zu den zwei Quellen der Erkenntniß, aus denen der Enthusiasmus des absoluten Wissens sich von je berauscht hat, der Anschauung des Mystikers und dem Dogmatismus des Vernunftphilosophen. Daß es bis jetzt gelungen sei, zwischen letzterem und dem Natur leben, das wir unmittelbar wahrnehmen, eine Brücke zu schlagen, muß die Kritik verneinen. Die Philosophie sitzt noch in einer trostlosen Wüste; sie hat einen weiten Weg zwischen sich und dem frischen grünen Leben, und es ist eine große Frage, ob sie ihn je zurücklegen wird. Bei den geistreichen Versuchen, die sie gemacht hat, weiter zu kommen, muß sie sich mit der Resignation begnügen, bei dem Streben handle es sich nicht um die Erreichung des Ziels, sondern um das Streben selbst. „War nun auch nichts absolut Befriedigendes erreicht, so genügte doch der Sinn dieser Bestrebungen, dem Naturstudium eine andere Gestalt zu geben; und hatte man auch die Quelle nicht gefunden, so hörte man doch an vielen Stellen den Strom in der Tiefe rauschen und an manchen Orten sprang das Wasser- frisch und hell auf." Alan sieht, Büchner war schon auf dem Weg zu dem moder- neu Materialismus— zum Materialismus selbst konnte er noch nicht gelangen. Sein Bruder arbeitete aus, was er nur skizzenhaft andeutet. Oken und Schön lein, die beide damals in Zürich lehrten, sprachen sich sehr lobend über die Vorlesung aus. Nachdem der Züricher Erziehungsrath Büchner zum Privatdozenten ernannt hatte, empfahl Oken dessen Borlesungen»voni Katheder herab und schickte seinen eigenen Sohn in dieselben. Dadurch wurde Büchner mit Oken und dessen Familie befreundet. Auch Schönlein lud ihn ein und stellte ihm seine- werthvollen Präparate zur Per- fügung. Ueberhaupt wurde der junge Gelehrte von allen Seiten auf das Zuvorkonimendste aufgenommen, und man hatte sogar im Züricher Erziehungsrathe die Absicht, sehr bald für ihn eine Professur der vergleichenden Anatomie zu kreiren. Seine Bor- lesung beschäftigte ihn vollauf, da es zu jener Zeit in Zürich beinahe völlig an vergleichend anatomischen Präparaten fehlte, und er dieselben fast alle selbst anfertigen mußte. Er schreibt an seinen Bruder:.„Ich sitze am Tage mit dem Skalpell und die Nacht mit den Büchern."— Von früheren politischen Leidensgenossen fand er in Zürich außer Schulz: Trapp, Geilfuß und Braubach. Mit Doktor Wilhelm Schulz und dessen Frau, die ihn mit der aufopferndsten Sorgfalt auf seinem Krankenlager gepflegt hat, war er namentlich aufs Innigste befreundet. Die Briefe aus der Zeit des Züricher Aufenthalts sind meist heiter und voll Zufriedenheit. Häusig fragt er in denselben nach den Darmstädter Gefangenen(Minnigerode, Kiichler, Gladbach und Anderen), deren Untersuchungen damals mit besonderer Strenge geführt wurden, und immer wirft die Erinnerung an seine un- glücklichen Freunde, die leiden müssen, während er frei ist, einen düsteren Schatten in seine sonst fröhliche Stimmung. Mit Anfang des Jahres 1837 scheint Büchner's Stimmung trüber geworden zu sein, wohl nur durch das Unangenehme der längeren Trennung von seiner Braut, da mit seinen sonstigen Angelegenheiten Alles nach Wunsch ging. Aus den in den letzten Wochen vor seinem Tode an seine Braut geschriebenen Briefen heben wir die folgenden Stelleu aus: Vom 13. Januar 1837:„Mein lieb Kind!.... Ich zähle die Wochen bis zu Ostern an den Fingern. Es wird immer öder. So im Anfange ging's: neue Umgebungen, Menschen, Verhältnisse, Beschäftigungen— aber jetzt, da ich an Alles ge- wöhnt bin. Alles mit Regelmäßigkeit vor sich geht�— man vergißt sich nicht mehr. DaS Beste ist, meine Phantasie ist thätig, und die mechanische Beschäftigung des Präparirens läßt ihr Raum. Ich sehe dich immer so halb durch zwischen Fischschwänzen, Frosch- zehen:c. Ist das nicht rührender als die Geschichte von Abälard, wie sich ihm Heloise immer zwischen die Lippen und das Gebet dränqt? O, ich werde jeden Tag poetischer, alle meine Gedanken schwimmen in Spiritn" Gott sei Dank, ich träume wieder viel Nachts, mein Schlaf ist nicht mehr so schwer." Pom SU. Januar:„Ich habe mich verkältet und im Bett gelegen. Aber jetzt ist'S besser. Wenn man so ein wenig un- wohl ist, hat man ein so groß Gelüsten nach Faulheit; aber das Mühlrad dreht sich fort ohne Rast und Ruh..... Heute und gestern gönne ich mir jedoch ein wenig Ruhe und lese nicht; morgen geht's wieder im alten Trab, du glaubst nicht, wie regel- mäßig und ordentlich. Ich gehe fast so richtig, wie eine Schwarz- Wälder Uhr. Doch ist's gut: auf all das aufgeregte, geistige Leben Ruhe, und dabei die Freude am Schaffen meiner poeti- schen Produkte. Der arme Shakspcare war Schreiber den Tag über und mußte Nachts dichten, und ich, der ich nicht Werth bin, ihm die Schuhriemen zu lösen, hab's weit besser.—... Lernst Du bis Ostern die Volkslieder singen, wenn'S Dich nicht angreift 7 Man hört hier keine Stimme; das Volk singt nicht, und Dm weißt, wie ich die Frauenzimmer lieb habe, die in einer Soiree oder einem Concerte einige Töne todtschreien oder winseln. Ich komme dem Volk und dem Mittelalter immer näher, jeden Tag wird mir's Heller— und gelt, Du singst die Lieder? Ich bekomme halb das Heimweh, wenn ich mir eine Melodie summe.... Jeden Abend sitz' ich eine oder zwei Stunden im Casino; Du kennst meine Borliebe für schöne Säle, Lichter und Menschen um mich."____ Vom 27. Januar:„Mein lieb Kind, Du bist voll zärtlicher Besorgniß und willst krank werden vor Angst; ich glaube gar, Du stirbst— aber ich habe keine Lust zum Sterben und bin gesund wie je. Ich glaube, die Furcht vor der Pflege hier hat mich gesund gemacht; in Straßburg wäre es ganz angenehm gewesen, und ich hätte mich mit dem größten Behagen ins Bett gelegt, vierzehn Tage lang, nie St. Gnillaume Nro. 66, links eine Treppe hoch, in einem etwas ttberzwergen Zimmer, mit grüner Tapete! Hätt' ich dort umsonst geklingelt? Es ist mir heut einigeriuaßen innerlich wohl, ich zehre noch von gestern, die Sonne war groß und warm im reinsten Himmel— und dazu Hab' ich meine Laterne gelöscht und einen edlen Menschen an die Brust gedrückt, nämlich einen kleineu Wirth, der aussieht, wie ein be- trunkenes Kaninchen, und mir in seinem prächtigen Hause vorder Stadt ein großes elegantes Zimmer vcrmiethet hat. Edler- Mensch! Das Haus steht nicht weit vom See, vor meinen Fenstern die Wasserfläche und von allen Seiten die Alpen, wie sonnenglänzendes Gewölk.— Du kommst bald? mit dem Jugend- muth ist's fort, ich bekomme sonst graue Haare, ich muß mich bald wieder an Deiner inneren Glückseligkeit stärken und Deiner göttlichen Unbefangenheit und Deinem lieben Leichtsinn und all Deinen bösen Eigenschaften, böses Mädchen. Adio piccolo raia!" Die neue Wohnung am See bei dem kleinen Wirth sollte Büchner nicht mehr beziehen. Am 2. Februar klagte er über das erste Unwohlsein, das sich rasch zu einer heftigen Krankheit ausbildete. Doktor Zehnder und Schönlein leiteten die ärztliche Behandlung. Seine Freunde Wilhelm Braubach und Schmid, sowie Frau Schulz, pflegten ihn mit aufopfernder Sorgfalt und mit der Liebe, die er bei allen ihm näher Stehenden für sich erweckt hatte. Schulz selbst erzählt die letzten Lebensaugenblicke des Dichters in seinem damals in der Züricher Zeitung erschienenen Nekrologe folgendermaßen: „Keiner von Büchner's Freunden hatte diesen Tag noch vor wenigen Wochen nahe geglaubt. Außer einigen leichten Unpäßlich- keiten war er während seines Aufenthalts in Zürich stets gesund geblieben. Sein Acußeres schien mit seinem Innern in Harmonie zu stehen, und die breit gewölbte Stirne schien noch lange seinem umfassenden Geiste eine sichre Stätte zu sein. Doch mochte er selbst ein Vorgefühl seines nahen Eudes haben. Wenigstens ver- gleicht er in einem hinterlassenen Tagebuche den Zustand seiner Seele mit einem Herbstabend und schließt mit den Worten:„Ich fühle keinen Ekel, keinen Ueberdruß; aber ich bin müde, sehr müde. Der Herr schenke mir Ruhe!" „Am 2. Februar mußte er sich zu Bette legen, daö er von jetzt an nur für wenige Augenblicke verließ. Trotz der Sorgfalt der Aerzte und der Pflege seiner Freunde machte die Krankheit unaufhaltbare Fortschritte und bildete sich bald zum heftigen Nervensiebcr aus. Am zwölften Tage singen die Delirien an. Der Gegenstand seiner Phantasieen waren seine Braut, seine Eltern und Geschwister, deren er mit der rührendsten Anhänglich- keit gedachte, und das Schicksal seiner politischen Jugendgenosscn, die seit Jahren in den Kerkern seiner Heimat schmachten. Wie vor seiner Krankheit, so sprach er auch jetzt in bitteren aber wahren Worten, die in dem Munde eines Sterbenden ein doppeltes Gewicht haben, Uber jene Schmach unserer Tage sich aus, über die verwerfliche Behandlung der politischen Schlachtopfer, die nach gesetzlichen Formen und mit dem Anscheine der Milde in jahrelanger Untersuchungshaft gehalten werden, bis ihr Geist zum Wahnsinne getrieben und ihr Körper zu Tode gequält ist.„In jener französischen Revolution," so rief er aus,„die wegen ihrer Grausamkeit so verrufen ist, war man milder als jetzt. Man schlug seinen Gegnern die Köpfe ab. Gut! Aber man ließ sie nicht Jahre lang hin- schmachten und hinsterben." Später jedoch, als ihm der Tod näher geruckt war, schien er sich bereits von allen irdischen Banden losgerissen zu haben, und mit gehobner Sprache, deren Worte die erhabensten Stellen der Bibel ins Gedächtniß riefen, ergoß sich seine Seele in religiöse Phantasien. „Auf die erste Nachricht von seiner Krankheit eilte seine Ver- lobte an das Krankenbett ihres Bräutigams. Die Nähe der Geliebten leuchtete freundlich in seine Träume hinein, und seine sichtbar freudige Bewegung weckte einen letzten Schimmer der Hoffnung bei denen, die ihm nahe standen. Aber es war nur ein kurzes Aufflackern des verglimmenden Lebens! Bon Lands- leuten und Freunden umgeben, starb er am 19. Februar, Nach- mittags gegen 4 Uhr, und seine treue Braut schloß ihm das gebrochene Auge. Sein Verscheiden war schmerzlos und sanft, denn der Segen der Liebe ruhte auf ihm!"— Es bricht die müde Brust in Staub! Und mit ihr wieder eine Freiheitsstütze; Aufs stille Herz füllt die gelahmte Hand, Daß sie im Tod noch vor der Welt es schütze! Und die so reich vor seinem Geiste stand, Er darf die Zukunft nicht zur Blüthe treiben Und seine Träume müssen Träume bleiben; Ein unvollendet Lied sinkt er ins Grab, Der Verse schönsten nimmt er mit hinab.— 3m Elend. Lose Blätter aus einem großen„Bilderbnchc". Von Max Boglcr. „Mein Weib! mein Kind!"— brach es noch in herzzer- reißendem Ton aus seiner Brust hervor und mechanisch streckte er die Arme aus. Aber schon sank das Haupt entkräftet zurück, und auf dem bleichen Antlitz, in welches die nagende Sorge ihre Furchen gezogen, lag der Hauch des Todes..... Das geschah in einer jener elenden Kellerwohnungen, worinnen in den Vorstädten Berlins so Manche ein ärmliches Dasein fristen müssen. Der Schmutz, den die Füße der Vorübergehenden empor- spritzten, haftete an den leicht verhangenen Fenstern, durch welche nur selten ein freundlicher Sonnenstrahl in das traurige Dunkel des Zimmers hereinlachte. Kärgliche Möbel standen umher; hier einige schlichte Holzstühle,— da ein alter, morscher Tisch, worauf sich thönernes, braunes Kochgeschirr befand. Auf dem seltsamen, von Lumpen überdeckten Ding dort, welches sich Sopha nennen möchte, liegt ein etwa einjähriges Kind,— weinend die kleinen Händchen in die Höhe streckend und nach der Brust der Mutter verlangend. Die Mutter aber — da kniet sie an dem harten Lager, auf welchem eben der Tod ihrem Gatten die Augen zugedrückt. Ihre Hand hält krampfhaft die des Verblichenen umschlossen, und in wildem Schmerz preßt das arme Weib ihre Stirn gegen den Rand des Kranken- lagers. Keine wohlthnende Thräne bricht ans ihren glanzlosen Augen,— diese Augen haben schon so viel geweint, daß sie kaum noch weinen können.... Furchtbare Gedanken durchziehen jetzt ihre Seele. Nicht blos der Schmerz um den verlorenen, geliebten Gatten ist's, der gualvoll in der innersten Tiefe des Herzens brennt und siedet,— diese Gedanke», welch heiße Glut jagen sie durch ihre Schläfe, und wie zehren sie an Mark und Bein!... Er hatte nun Alles überstanden, der gequälte Mann, den seit Wochen eine schwere Krankheit auf das Lager geworfen; — aber das kleine, unglückliche Geschöpf dort,— was wird nun auS diesem werden,— und sie selbst, wie soll sie sich nun durch das Dasein kämpfen? Die Menschen,— ach ja, sie weiß wohl, waS man von ihnen zu erwarten hat;— allein, verlassen weilt sie nun unter ihnen, und der kleine Wurm da— das ahnt sie schon jetzt,— er wird ihr viel, viel Kummer bereiten. Das Kind weint noch immer; draußen scheint keine Sonne mehr,— dunkel, ganz dunkel ist es in der kleinen, kalten Stube geworden. Jetzt beugt sich die Arme über den Tvdtcn und birgt das Haupt an seiner Brust.— Und rinnt da nicht etwas aus ihrem Auge,— sind das nicht Thränen? Ja, sie quellen und strömen, die; milden, besänftigenden,— 0 du Unglückliche, es wäre noch das Beste, wenn du immer so weinen könntest! Die Leiche des Gatten ist kaum zur Thür hinausgetragen worden,— da tritt auch schon ein Mann mit finsterem, strengen! Besicht herein.... Das arme Weib schaudert zusammen: sie weiß, waS Der will!— Er war also nicht wieder gesund geworden, der kranke „Denn ein Recht zum Leben, Lump, Haben nur, die etwas haben." H. Heine. Mann; es war keine Aussicht vorhanden, daß er durch seine Arbeit das Geld zusammenbringen würde, um den noch schuldigen Miethzins zu bezahlen.—— „Hier, schreiben Sie auf!" spricht der Grausame zu einem Andern mit blanken Knöpfen und schimmernder Kopfbedeckung, der hinter ihm über die Schwelle getreten.„Schreiben Sie auf! Ich muß meine Gläubiger auch befriedigen!" Und er würdigt dich kaum eines Blickes, er läßt dir alles nehmen, was noch deine letzte Habe ist, unglückliches Weib.... Nun magst du dein in Lumpen gehülltes Kind nehmen und das Haus verlassen, unv den„lieben Gott" um Hülfe bitten. Der hilft ja gar so gut.... Wenige Tage vor Weihnachten ist's. Die grünen Tannen- bäume duften in den Straßen der Residenz, die glänzend erhellten Schaufenster der Verkaufsläden strotzen von Kostbarkeiten; dann und wann rauscht eine Equipage heran, und heraus schlüpft eine elegant und warm gekleidete Gestalt nach der andern, um in dem Lichtermeer zu verschwinden, welches da drinnen in den weiten Räumen strahlt. Und auf den Trottoiren ist ein Rennen und Jagen, in welchem man für seinen Kopf besorgt sein muß: Alles rüstet, um das„Fest der Liebe" würdig zu begehen. Da biegt dort eine dunkle Gestalt in eine etwas weniger belebte Seitenstraße ab. Ein äußerst dürftig gekleidetes Weib ist's, und wenn man ihr näher kommt, bemerkt man, daß sie ein noch ganz kleines Kind im Arme trägt. Niemand achtet ihrer in der großen Stadt. Jetzt ist sie am Ende der Straße angekommen; nach allen Richtungen sieht sie hier die Wege auseinander laufen. Welchen soll sie einschlagen? Sie muß wohl Jemanden darum fragen.... Hier steht ein Mann mit blanken Knöpfen und—— Nein, an diesen wendet sie sich nicht; denn just so einer war's ja, der Alles„aufgeschrieben".... Wo die Bartclstraße sei,— richtet sie ihre Frage an einen Anderen. Da müsse sie noch weit gehen— immer die Straße links entlang und sich dann wieder erkundigen,— lautet die in ziem- lich mürrischem Tone gegebene Antwort. Und sie keucht weiter, das zitternde Kind in dem zerlumpten Tuche dichter an sich ziehend. Lange ist sie wieder zwischen den einförmigen Häuserreihen hingeschritten. Nun fragt sie wieder. Mißtranische Blicke gleiten auf die ärmliche Gestalt und auf daö blasse Kind, welches sie im Arme trägt. „Da müssen Sie immer diese Straße entlang gehen, und wenn Sie am Ende derselben angekommen sind, wieder fragen," — so berichtet sie der, an den sie sich jetzt gewendet, in gleicher Weise fast wie der Vorige.... Gvtt! wie lange sollte sie noch gehen, mit dem armen, frie- renden Kinde an dem kalten Winterabend! Und wenn sie weiter gegangen, wenn sie die müden Glieder ausgeruht, was sollte dann, was sollte morgen geschehen? „Kannst du denn so ruhig und mitleidlos vom Himmel her- niedcrblicken auf mich unglückliches Weib, du Bater da droben?" Er schien es zu können,— es geschah nichts. Nicht einmal einer von den Sternen, die hoch oben leise ihre Bahn wandelten, funkelte heller, daß es sie trösten könnte. Es geschah nichts.— Die Lichter blinkten in den Häusern zur Seite, Wagen sausten vorbei, die Menschen eilten rastlos an ihr vorüber.... Jetzt fühlt sie, wie ihr Kind die kleinen Händchen regt, und die unglückliche Mutter— weint. Da ist die Straße zu Ende. Sie fragt wieder und kann ihre Thränen nicht unterdrücken. „Da müssen Sie hier rechts abgehen, sich dann in die nächste Querstraße links wenden und dann wieder fragen!" Wieder fragen.... Diese Worte schnitten dem armen Weibe durch's tiefste Herz. Sie schluchzt lauter, und wie das geschieht, sammelt sich bald eine Anzahl Menschen um sie herum. Da steckt Einer neugierig den Kopf herein; da noch Einer, und da ! noch Einer.— Aber es ist ja nur eine arme, zerlumpte Frau—, solche kann man noch genug sehen,— und Alle eilen weiter. Die Unglückliche auch, und sie weint immer fort.... „Schluchzte eS nicht eben hier?" denkt ein junger Mann, der schon an dem Weibe hastigen Schrittes vorbeigeeilt war. Ja, da weint Jemand,— und ein Kind sieht er in dem Arme dieser Frau, nachdem er sich umgewendet und wieder zurück- gegangen. In ein bleiches, kummerverkündendes Gesicht schaut er und ein Paar thränenfeuchte Augen trifft sein Blick. „Wohin wollen Sie?" fragt er die Dahinkeuchende. „Ach, liebster, guter Herr! Wenn Sie mir den Weg zeigen könnten nach der Bartelstraße?" „Und was wollen Sie dort?" „Ich will in die Anstalt für obdachlose Frauen." „Aber, sind Sie denn fremd hier?" „Nein, ich wohne schon lange in Berlin, aber ich kenne mich nicht aus." „Und dieses Kind?— Habe» Sie denn keinen Mann?" Die letzten Worte begleitete der Fragende mit einem scharfen prüfenden Blick, und die Arme schauerte wieder zusammen. Sagte ihr doch dieser Blick, was die Menschen noch oft voll Mißtrauen ! von ihr denken würden! „Ach, mein Mann ist vor einigen Tagen gestorben,— und wo ich hinkomme mit meinem Kinde, da wollen sie nichts von mir wissen!" lautete ihre Antwort, und nun war ihm die ganze, schreckliche Lage der Unglücklichen klar,— ihm, den jäher Schmerz durchzuckte und der schweigend neben ihr weiter schritt.... Jetzt kamen sie an einem Friedhof vorbei,— die Fran weint und schluchzt noch immer. Den ganzen Tag habe sie noch nichts gegessen, habe sie ihrem Kinde noch keine Nahrung reichen können, — seufzt sie und:„Wenn wir nur beide sterben thätcn!" spricht ihr bleicher Mnnd. „O, Sie dürfen nicht so denken!" sucht ihr der neben ihr Wandelnde, sich selbst zwingend, Trost zuzusprechen.„Vertrauen Sie auf— wollte er eben noch hinzusetzen; aber er brachte die Worte nicht über die Lippen,— eine Sünde fast schienen sie ihm dieser Hülflosen gegenüber. Wilder Zorn glüht in seinem Herzen und hämmert an den Schläfen: „Hier!" ruft er einem trübsinnig an seinem Wagen lehnenden Droschkenkutscher zu, indem er ihm ein Geldstück in die Hand drückt;—„hier, fahren Sie diese Frmu nach der Bartclstraße, in das Asyl für obdachlose Frauen!" Und heller strahlte es in dem Blut der Armen. Sie wollte in höchster Rührung seine Hand ergreifen,— doch der junge Mann war schon davongeeilt. Ach, hätte er selbst nicht so sehr für sich zu sorgen gehabt, er hätte ihr gern seine Geldbörse in die Hand gedrückt.... «-* Bier Tage war es nun schon her, daß sie in dem Asyl für 1 obdachlose Frauen eingekehrt. Jeden Morgen hatte sie ihre Wan-| derung durch die Straßen der Hauptstadt angetreten, hatte hier| die Klingel gezogen und da, um eine Stellung zu finden, die' ihr Obdach und Nahrung brächten. Aber die vor der Thür stand! in dem zerlumpten Gewände, mit dem blassen Kinde im Arm,| die konnte ja nur ein lüderliches Frauenzimmer sein, eine Land-! streicherin,— eine Diebin vielleicht.— O, sie hatte nur zu sehr das Richtige geahnt: überall be- a gegnete sie denselben mißtrauischen Blicken,— überall schlug| man die Thür vor ihr zu. Und auch dort, in dem sogenannten Asyl, sah man sie mit seltsamen Mienen an, und mürrische Worte mußte sie hören. Vielleicht hätte man sie bereits über die Schwelle zurückgewiesen,! wenn nicht der kleine Knabe, der bei ihr war, einiges Mitleid erregt. Wie weh that es ihr, daß die Menschen ihr so entgegen- D kamen! Denn sie trug, auch wenn sie ein armes, Hülfloses Weib I war, ein stolzes Herz im Busen, und ein reineres, edleres, als j es Mancher in der Brust schlägt, die in Sammet und Seide 1 einhcrschreitet.... Heute war sie nun wieder den ganzen Tag gegangen, und j überall wieder hatte man sie kaum ein Wort reden lassen, bevor I die Thür in das Schloß zurückfiel. Die Gaslaternen brennen schon lange, und es mag bereits! recht spät sein. Wie weit mochte sie sich wieder von der Stätte! befinden, wo sie in den vergangenen Nächten ihr Haupt zum! Schlummer hingelegt!— Nein, nicht zum Schlummer: zum> Grübeln und Brüten, zum Sorgen und Weinen.... Und ein eiskalter Schauer durchrieselte ihre Glieder, wenn sie jetzt daran dachte, daß sie an diese Stätte zurückkehren müsse, wenn sie anders für sich und den Kleinen zur Nacht eine Her-. berge verlange. Mit welchen verachtungsvollen Blicken würde man sie wieder empfangen, die Lüderliche,— die Landstreicherin! 1 O, wie sehr es schmerzte, tief drinnen im Herzen! Da war sie auf einer Brücke angelangt. Dort stand ein dunkles, langgestrecktes Haus. Kaum einige Lichter schimnierten! durch die Fenster; recht still schien cS drinnen zu sein. Und auch> in der Straße daneben herrschte tiefe Ruhe; nur manchmal hallte| ein Schutt herüber. Hetzt lenkt Jemand der Brücke zu,— der Hut fliegt ihm vom Kopfe.... Hu! wie der Wind pfeift und den Schnee von: Boden empor- wirbelt! Der Kleine zittert wieder und schmiegt sich weinend dichter j an die Brust der Mutter. Diese lehnt am Geländer und hat! die Augen halb geschlossen; freilich, das Wandern durch die be-! lebten Straßen, wo man sich mühsam durch die Menge drängen � muß, es strengt an und macht müde. Und sie war todtmüde.... DaS Eis knarrt drunten im Strome und die übervoll mit Torf beladenen Kähne heben sich in dunklen Umrissen von der glatten, weißen Fläche ab. Da sieht man auch noch das Wasser blinken, — die Kähne haben hier die harte Decke durchbrochen. Der Schnee fliegt in dichten Flocken herab, und das dünne,! zerrissene Kopftuch ist schon ganz durchnäßt.... Wieder ein kalter,! schneidender Windzug, daß nuten einige Torfstücke mit Gepolter herabfallen. Sie zittert an allen Gliedern. Sie möchte wohl heimgehen,— der Kleine weint ja immer noch und friert auch.... Aber das Haus dort und die finsteren; Menschen, und ihre Blicke, und ihre Worte.-- Und morgen,, — morgen wieder.-- Armes, armes Kind,— hülle nur j deine Händchen ein!-- Wie man dort ruhig die Wasser> unter der Eiskruste hervorgleiten sieht!— Ist es nicht, als habe man da geöffnet, damit ein armes Weib sich hineinlegen könne, tief, tief hinein?—— Ja, er, der treue Mann, er mag wohl schon lange schlafen,— und süß, gar süß!— Sie beugt sich weiter hinüber,— einer ihrer Zöpfe hat sich � losgelöst und flattert um's Haupt;— das Geländer knarrt,— die Wasser blinken und blinken heller, und der Mond, welcher aus den grauen Wolken droben hervortritt, er wirft eben einen � TT" 69 Komm, mein Kind, silbernen, glänzenden Strahl hinein.— wir wollen schlafen gehen!—-- Das Eis bröckelt,— das Wasser spritzt empor,— nnd kein armes Weib, kein weinendes Kind sieht nfan mehr auf der Brücke.... Was ist nun weiter geschehen?— Als das Thauwetter eintrat, hat man eine„ärmlich gekleidete Frau" und an einer andern Stelle ein„noch sehr junges Kind" unter dem Eise hervor- gezogen,— was weiter?— So etwas inuß ja geschehen,— und die Welt bleibt darum immer schön.... Höre nur, welch einen herrlichen neuen Marsch die Militär- kapelle bei der Parade dort auf dem Zeughausplatze spielt!— i Wie die Helme blitzen, und wie stramm die kraftvollen Gestalten � der Offiziere einherstolziren!— Sieh nur, welch eine elegante Equipage sich Herr von Lumpenheim wieder angeschafft, die dort mit prächtigen Braunen bespannt, vorbeisaust! Und in welch „reizenden" Toiletten sie hier vorübenvandeln!— Ist das nicht alles schön?— Jawohl! schön, sehr schön!— Aber, ich kann's nicht hin- dern: seit jenem kalten Winterabende, kurz vor Weihnachten, schaut mich stets das Antlitz jenes armen, bleichen Weibes mit den thränenfeuchten Augen an, und ich sehe das blasse Kind in ihrem Ann,— und ich wende mich weg— tief ergriffen, und wandle mit trübem Sinn meiner einsamen Klause zu.... Der Mensch. Bon I. Most. ein- So findet man also noch an vielen Stellen der Erde zelne Reste jener niedrig entwickelten Menschen, die mehr und mehr dem Aussterben entgegengehen, die aber gleichwohl uns einen klaren Begriff davon beibringen, wie kläglich es um unsere Boreltern noch stand, als sie schon Menschen geworden waren, und die nur deshalb von der Rahir so lange konservirt worden zu sein scheinen, um uns den dünkelhaften Gedanken aus dem Kopfe zu treiben, wir seien als Wesen erhabener Art auf die Welt gesetzt worden. Stellen wir nun neben den Urmenschen die menschenähnlichsten Assen! Die älteren Naturforscher(Linne ausgenommen) glaubten zwischen den Menschen und Affen im Hinblick auf Hand- und Fuß- bildung einen wesentlichen Unterschied feststellen zu sollen und be- zeichneten die Ersteren als Zweihänder, die Letzteren als Bier- händer, weshalb es großes Aufsehen erregte, als H ux lest im Jahre l Söll diese Eintheilung für falsch und auch die Affen als Zweihänder erklärte. Der Anatomie gegenüber, erörterte dieser Forscher, seien keine diesbezüglichen Unterschiede vorhanden. Professor Häckel sagt, daß es sich auch mit den übrigen körperlichen Merlmalen, durch welche man versuchen wollte, den Mensche» vom Assen zu trennen, so verhalte. Hinsichtlich der relativen Länge der Glied- maßen, des Schädelbaues, des Gehirns u. s. w. seien die Unter- schiede zwischen dem Menschen und den höheren Asien geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen den höheren und den niedrigeren Assen. Begreiflicher Weise kann hier über die Affen im Allgemeinen nicht abgehandelt werden, vielmehr dürste es für unser» Zweck ausreichen, wenn von den menschenähnlichsten Arten die Rede ist. Es sind dies die Katarrhinen oder Schmalnasen, welche, zum Unterschiede von den Platyrrhinen oder Plattnasen, eine schmale Nasenscheidewand und nach abwärts gerichtete Nasen- löcher haben. Das Gebiß der Schmalnasen gleicht dem des Menschen völlig und besteht, wie dieses, aus 32 Zähnen. Bon dieser Gruppe stehen wieder die schwanzlosen Schmalnasen, auch Menscheuasieu oder menschenähnlichen Affen, Anthropoiden genannt, obenan. Man unterscheidet dabei vier Gattungen: Gorilla, Schimpanse, Orang-Utang und Gibbon oder Siamang. Büchner sagt:„Jedes dieser Thiere hat wieder besondere oder eigenthümliche Beziehungen, in denen es dem Menschen am nächsten kommt; so der Orang durch die Bildung des Gehirns und die Zahl der Windungen desselben; der Schiin- pause durch die Bildung seines Schädels und durch seinen Zahn- bau; der Gorilla durch die Bildung seiner Extremitäten oder Gliedmaßen, und der Gibbon endlich durch den Bau seines Brustkorbes." Im Allgemeinen ist der erst in der jüngeren Zeit genauer bekannt gewordene Gorilla, welcher seine Heimat in Afrika hat, in seinem Gliederbau der menschlichen Gestalt am ähnlichsten, obwohl er in mancher Hinsicht, wie z. B. bezüglich der Schädel- II. (Schluß.) und Gehirnbildung hinter anderen schmalnasigen Affen zurück- steht. Sein Ohr ist dem menschlichen sehr ähnlich, seine Arme sind kürzer als bei anderen Asien, die Hand mit einem förmlichen Daumen versehen, während der Fuß einen starken Ansatz der Ferse aufweist u. s. w. Seine Lebensweise konnte jedoch noch nicht genauer beobachtet werden, weil er sich nur in den ent- legenstcn Wildniffen aufhält; immerhin weiß man, dgß es ihm nicht schwer fällt, aufrecht zu gehen, woraus man schließen kann, daß ihm dies nichts Ungewohntes sein dürfte. Am meisten weicht — bei diesem, wie bei jedem Affen— die Gestalt der Fuß- zehen von der dem Menschen eigenen ab; die große Zehe ist stets weniger stark als beim Menschen und kann, dem Daumen gleich, nach einwärts gebogen werden. Uebrigcns benutzen auch die Menschen, insbesondere die barfüßig gehenden, die Zehen häusig und mit Geschick als Greiforgane; bei den Affen mag die besondere Gelenkigkeit der Zehen daher rühren, daß sie vornehm- lich auf Bäumen leben. Außer dem Gorilla hat Afrika noch den Schimpanse auf- zuweisen, welcher gleich jenem eine Höhe von 5 Fuß erreicht, mit mehreren seiner Gattung zusammen lebt, sich aus Baumzweigen eine Art Nest oder Bett bereitet und große Schlauheit an den Tag legt. Bor dem Menschen flieht er, während der Gorilla den Menschen stets angreift. Verfolgt, zeigt der Chimpanse ein sehr menschenähnliches Benehmen, ebenso wenn er verwundet ist. Die Eingebornen behaupten, diese Assen seien einst Glieder ihres eigenen Stammes gewesen, wegen ihres schlechten Betragens aber in die Wildniß gejagt woiden, wo sie allmählich verwilderten. Nach Büchner soll überhaupt der Affe von wilden Völkerschaften nicht so sehr als Bruder verleugnet werden, wie dies bei uns „Culturinenschen" der Fall ist.„Die Neger in Guinea und die Eingebornen von Java und Sumatra halten den Orang-Utang (das Wort bedeutet auch: wilder Mensch oder Waldmensch) und den Ehimpanse, wie Professor Bisch off mittheilt, für Menschen, welche auch sprechen könnten, aber sich nur aus Trägheit so stellten, als ob sie es nicht könnten.„„Der Affe ist ein Mensch,"" sagen die Siamesen,„„allerdings kein sehr schöner, aber nichtsdestoweniger ein Bruder."" Und in dem alten indischen Heldengedichte'Ramajana' heißen die wilden Stämme der Urbevölkerung des Dekan, gegen welche Rama kämpft, Affen oder Waldmenschen; die Insel Ceylon erscheint als Laaka und ihre Bewohner als Affen oder Abkömmlinge von Affen." Bekannter als Gorilla und Chimpanse sind Gibbon und Orang-Utang, deren Heimat Asien, insbesondere der indische Archipel ist. Die Gibbons sind unter den menschenähnlichen Assen die kleinsten und werden nur etwa drei Fuß hoch. Dagegen soll ihre Intelligenz eine sehr hochgradige sein. Sie lebm truppweise auf Bäumen, laufen aber auch, und zwar mit Vorliebe, aufrecht in der Ebene umher. Ihre Geschicklichkeit im Springen und 70 Klettern wird allseitig gerühmt, ihre Stimme als laut und durch- dringend bezeichnet. Wenn sie trinken wollen, tauchen sie die Finger ins Wasser und lecken dieselben ab. Duraucel be- hauptet, gesehen zu haben, wie die Mütter ihre Jungen ans Wasser trugen und ihnen die Gesichter wuschen. Der Orang-Utang wird über 5 Fuß hoch, so daß er den Menschen seiner Nachbarschaft an Größe wenig nachsteht. Aufs Bereiten von Nestern oder Betten verstehen sich die Orangs sehr gut, schlafen darin auf dem Rücken und decken sich bei kühler Witterung sogar mit Laubwerk zu. Ihr Klettern ist ein höchst vorsichtiges, indem sie jeden Ast erst prüfen, ob er stark genug sei, sie zu tragen. Alle diese Affenarten, welche man übrigens heutzutage in zoologischen Gärten bequem genug selbst beobachten kann, haben in der Gefangenschaft vielfache Beweise für ihre Schlauheit, Tücke und Verständigkeit abgelegt; einzelne Exemplare sind sogar zu einer Art Berühmtheit gelangt, und kann daher das Dies- bezügliche als bekannt vorausgesetzt und übergangen werden. Aber auch in der Wildniß hat man an ihnen Züge beobachtet, die ihre Verwandtschaft mit dem Menschen aufs Ueberraschendste bekundeten. So treten z. B. beim Sterben eines Affen Erschei- nungen zu Tage, welche durchaus menschlich genannt werden können, weshalb die Afsenjagd einen äußerst peinlichen Eindruck hervorbringt. Brehm bemerkt in dieser Beziehung:„Es ist eine ganz eigenthümliche Sache mit dem Assenjäger; auch der ab- gehärteste Jäger kann den Gedanken nicht los werden, daß er durch die Tödtung eines Assen einen Mord begangen habe. Der sterbende Asse geberdet sich so menschlich, daß es Einem eiskalt über den Rücken läuft, wenn man sich als Mörder desselben erkennen muß." Während also die niedrigst stehenden Nienschen eine grenzen- lose Stupidität an de» Tag legen, zeigt sich bei den höchst- entwickelten Affen eine erstaunliche Intelligenz. Die Unterschiede zwischen Mensch und Affe sind freilich gleichwohl unleugbar und sollen später noch beleuchtet werden. Jndeß will ich vorgreifend gleich bemerken, daß bis jetzt keiner der Gelehrten, die man ein- fältigerweise durch das Wort„Affenprofessoren" glaubte nieder- schmettern zu können, behauptet hat, der Mensch stamme von einer der gegenwartig lebenden Affenarten ab. Es ist vielmehr allge- mein, und zwar auf Grund des Gesetzes von der Entstehung der Arten, angenommen worden, daß die heutigen Affen und Men- schen gemeinsame Voreltern gehabt haben müßten, daß also ein Wesen, welches zwischen den heutigen Menschen und Affen die Mitte hielt, ein Affen-Mensch, die einheitliche Wurzel für das ganze Schmalnasen-Geschlecht gebildet haben müsse, aber längst ausgestorben sei. In ähnlicher Weise werden ja durch die neueren Zoologen alle Thiere gleicher Ordnung auf einheitliche Stammthiere zurückgeführt, während mehrere von diesen wiederum von gemeinsamem Ursprünge hergeleitet werden, bis schließlich durch systematisches Rückschließen die einfachsten organischen Ge- bilde oder, wie sich Lamarck ausdrückt, ein Urthier übrig bleibt, das man sich durch natürliche Urzeugung entstanden denken muß, wie solche auch heute noch, wenn auch nur Hinsicht- lich einiger Infusorien:c. erwiesenermaßen stattfindet, und wie sie im Hinblick auf eben jene Kräfte, welche vor dem Dasein der organischen Welt natürlicherweise in ihrer ganzen Fülle im Schöße der Natur eingeschlossen gewesen sein müssen, leicht be- griffen werden kann. Zudem schreiten unsere Kenntnisse durch die wunderbaren Resultate, welche auf allen Gebieten der Natur- Wissenschaft erzielt und von Jahr zu Jahr vermehrt werden, in solchem Maßstabe voran, daß die Zeit nicht allzu fern sein kann, wo wir die ganze und die volle Wahrheit über uns und unsere Herkunft zu ergründen vermögen. Rinaldowski,. Eine moderne Räubergeschichte von A. Otto- Walster. VI. Einige Stunden später erschien der Offizier bei Rinaldowsch, der eben unter den selbstgefälligsten Betrachtungen seinen Nach- mitiagskaffee schlürfte, nachdem er einige Anträge ans Justizamt wegen schleuniger Auspfändung einiger armen Familien vorbereitet. Als er den jungen Mann eintreten sah, bemerkte er herablassend: „Aha, der Herr Lieutenant. Wollen wohl wieder gut machen, was der Papa Brausekopf diesen Vormittag verfahren? Nun, Unsereins weiß ja zu verzeihen, wenn darum nachgesucht wird. Sie bringen mir hoffentlich außer den Entschuldigungen die 250 Thaler nebst neuem Wechsel?" „Ich bringe Ihnen den Betrag unserer Schuld, Herr Rinal- dowsch, und wenn von Entschuldigungen zu reden ist, so envarte ich sie von Ihnen." „Ho, ho, sitzen ja auf hohem Pferde, wie's bei den Herren vom Säbel immer mehr Mode wird. Na, wenn Sie nur gut zahlen, läßt man so etwas schon schleichen. Haben wahrscheinlich das Fräulein Braut angezapft? Sind ein praktischer Mann, der die zukünftige Frau Lieutenant bei Zeiten ans Nöthigsle gewöhnt, hi, hi? Bin ein gespaßiger Mann, nicht wahr? ein guter Kerl, der in die Welt paßt?" „Ich bringe Ihnen Ihr Geld, Herr Rinaldowsch und habe weiter nichts zu sagen, wogegen ich hoffe, daß Sie nach nichts weiter fragen. Meine Verhältnisse gehen Sie nun auch gar nichts an." „Gehen mich nun nichts an, sehr richtig. Entschuldigen Sie nur vielmals, Herr Lieutenant, Sie sind ganz in Ihrem Rechte. Da sie bezahlen wollen, so konnte ich mir gleich denken, daß ich statt demüthiger Bitten, wie bei Anlegung des Pumps, nun protzige Antworten bekommen würde." „Protzige Autworten? Herr Rinaldowsky, wahren Sie Ihre Zunge, damit zu den Beleidigungen, wegen deren Sie mein Vater bereits belangen wird, nicht noch weitere Unannehmlichkeiten kommen. Hier liegt Ihr Geld, nun geben Sie mir General- quittung und außerdem meinen Ehrenschein zurück." „Schöner Ehrenschein, das, der schon vor anderthalb Jahren fällig war und nun als Unehrenschein eingelöst wird." „Herr Rinaldowsky," schrie der Offizier, leichenblaß werdend, sprang auf und zog den Degen halb aus der Scheide. Der Wucherer sprang, wie von der Tarantel gestochen, auf riß an der Klingel und schob den Stuhl, wie zur Bertheidigung vor, worauf er, zumal das Dienstmädchen herbeieilte, mit hämi- schein Spott bemerkte: „Ha, ha, eine Säbelassaire vielleicht beliebt Ihnen, wie sie heutigen Tages Mode wird; aber auch bei Geldsachen? Das hätte ich nicht gedacht." Der junge Offizier wurde sich alsbald seiner augenblicklichen Lage bewußt und er erschrak darüber. 390 Thalcr lagen, von ihm hingelegt, offen auf dem Tische, andere Werthpapiere wahr- scheinlich auch. Und der Mann, dem er Alles zutraute, hatte eine Zeugin. Schnell stieß er den Degen in die Scheide zurück und warf sich in den Sessel, worauf er mit mühsam erzwungener Fassung bemerkte: „Dort liegt mein Geld, geben Sie mir Quittung und meinen Ehrenschein zurück." Aus Rinaldowsky's Augen schoß ein grimmiger Blick, gepaart mit Schadenfteude. „Ich werde Ihnen die Generalquittung schreiben," bemerkte er,„mit dem Ehrenschein müssen Sie sich aber einige Zeit ge- dulden, denn da ich in Folge mehrfach mit demselben gemachter Erfahrung seiner Einlösung nicht gewärtig war, habe ich ihn zu den schlechten Papieren gelegt." „Die Generalquittung wird einstweilen genügen; Sie werden mir ihn dieser Tage zustellen lassen, sonst hole ich mir ihn." „Bitte, Sie brauchen mich nicht mehr aufzusuchen, Ihre Nahe ist nicht die bequemste. Ich schreibe die Quittung." Der Offizier sah die Quittung sorgfältig durch, ob sie nicht den Kniffen des Agenten noch eine Hinterthür zu weiteren Schikanen liest und empfahl sich dann kurz. Rinaldowsch lauschte den Schritten des Davoneilenden, bis sie verklangen, dann verabschiedete er das Mädchen und meinte: „Geh' nur, du angeputzte Paradepuppe, die du dir einbildest, etwas Besseres zu sein, ohne besseres Geld zu haben. Geld ist die Losung; darauf kann man stolz sein, alles Andere ist Bettel- stolz. Jetzt denkst du, die Sache ist in Ordnung, wenn wir nicht noch ein Hühnchen zuguterletzt mit einander zu pflücken bekommen hätten, und wenn ich nicht hier diesen Ehrenschein noch in Händen hätte. Wir wollen doch einmal sehen, ob das Mini- sterium es auch in der Ordnung findet, wenn ein Ehrenschein berichtigt wird, nachdem er beinahe zwei Jahre schon verfallen war. Und Rinaldowsky, nachdem er sich ein Weilchen vergnügt die Hände gerieben, nahm einen Briefbogen und schrieb: Einem hohen Ministerio des Kriegs zu Z. gestattet sich der Unterzeichnete hierdurch die ergebenste Anzeige Fingerzeige MM Von 1. Die Schädlichkeit des Äohlendunstes. Es ist dir gewist schon bekannt, lieber Leser, dast durch Kohlendunst häufig Menschen ums Leben kommen. Wenn die Kälte im Winter empfindlich wird, ist Jeder bestrebt, die Wärme des Ofens möglichst lange zurückzuhalten; man beeilt sich des- halb mit dein Verschlust der Ofenklappe, wo solche vorhanden ist, damit die Wärme nicht durch den Schornstein entweiche. Geschah dies zu früh, dann finden am nächsten Morgen die Hausgenossen das Zimmer mit Kohlendunst erfüllt und die unglücklichen Be- wohner desselben leblos an der Erde oder auf den Betten lie- gend; und nur selten gelingt es, sie wieder ins Leben zurück- zurufen. In grosten Städten vergeht im Winter bei starkem Frost kaum ein Tag, an dem nicht ein oder mehrere solcher Unglücksfälle vorkommen. Auch unter andern Umständen, z. B. bei Neubauten, kommen nicht selten Menschen durch Kohlendunst ums Leben. Dies ist dir, lieber Leser, gewiß schon lange bekannt, ja es-ist gewist auch den meisten von Denen bekannt gewesen, die auf so jämmerliche Weise ums Leben gekommen sind. Viel weniger bekannt ist es aber wahrscheinlich, daß auch bei weitem die meisten übrigen Menschen in unsrcm Klima durch Einathmen von Kohlendunst mehr oder minder an ihrer Gesundheit geschä- digt worden sind und noch werden. Und doch ist dies nach dem jetzigen Stande des Wissens über diesen Gegenstand außer allem Zweifel. Ja, es kann als sicher angenommen werden, dast, so groß auch die Summe von Unglück ist, die der Kohlendunst all- jährlich durch plötzliche Vernichtung von Menschenleben verursacht, die Sunnne von Unheil noch weit größer ist, welche derselbe durch Verursachung von mehr oder minder tief eingreifendem Siechthum der Meisschheit zufügt. Diese Wirkungen des Kohlen- dunstes sind nur deshalb der allgemeinen Kenntnist bisher ver- borgen geblieben, weil sie sich nur langsam fühlbar machen, oft erst, nachdem das Gift wochen- und monatelang gewirkt hat, oft auch verschiedentlich modifizirt durch das gleichzeitige Vorhanden- sein anderer krankmachender Umstände. Daher war es auch zuerst bei plötzlichen Todesfällen, dast denkende Menschen den Kohlen- dunst als die Ursache derselben erkannten, jedoch nicht ohne auf heftigen Widerspruch von Seiten ihrer strenggläubigen Mit- menschen zu stoßen. Nur ein Vorfall möge hier als Beleg dafür angeführt werden. In der Neujahrsnacht 1715— 16 versuchten m einem Weinbergöhäuschen bei Jena drei junge Leute durch Beschwörung der Geister einen Schatz zu heben. Da es grade grimmig kalt war, machten sie Feilster und Thüren fest zu und ' ein Kohlenfeuer an. Bald fühlten sie sich aber so übel, dast ihr Anführer die Beschwörung zum dritten Male nicht vollenden zu machen, dast der hier in Garnison stehende Lieutenant M. beiliegenden Ehrenschein erst heute zu zahlen sich herbeiliest. Obwohl ich nunmehr befriedigt worden, glaube ich es doch heilsam, diese Anzeige zu machen, damit Andere, die dem Ehren- Worte dieses Offiziers trauen sollten und vielleicht nicht so lange warten können, wie ich, nicht in Schaden und Nachtheil gerathen. Wenn meine Anzeige erst jetzt zur Kenntnist des hohen Kriegsministeriums gelaugt, so geschah es aus der Rücksicht, dast eine frühere Anzeige die Entlassung des Offiziers früher herbeiführen konnte, wobei ich mein Eigenthum rettungslos verloren hätte. Hochachtungsvoll Rinaldowsky. Mit diesem sauberen Streiche schloß Rinaldowsky seine ge- schäftlichc Thätigkeit am Neujahrstage ab und eilte in der ver- gnügtesten Stimmung nach dem Wirthshause, wo er an der Stammtafel allein das Wort führte und der hochaufhorchenden Gesellschaft seine Heldenthaten, wie er da einen Advokaten über- listet, dort einem bösen Schuldner noch das Letzte abgestiebert und da dem Gerichtsrathe ein Schnippchen geschlagen, mit sel- tenem Cynismus erzählte.(Fortsetzung folgt.) gesunden Leben. c». B. konnte. Andern Tags fand man sie leblos an der Erde liegen, den Anführer zunächst der Thür, die beiden Andern unter dem Tisch und der Bank. Ersteren gelang es ins Leben zurückzu- rufen; allmählich wieder zu sich gekommen, theilte er den Sach- verhalt bei seiner amtlichen Vernehmung mit. Bei seinen Käme- raden blieben die Wiederbelebungsversuche ohne Erfolg. Man liest sie vorläufig an Ort und Stelle liegen und drei Wächter dabei. Diese zündeten in der folgenden Nacht wegen der Kälte auch ein Feuer in dem Häuschen an, und auch von ihnen fand man am folgenden Morgen zwei todt, während der dritte noch mit genauer Noth gerettet wurde. Niemand verfiel auf die Wir- kung der Kohle. Die geistlichen Herren aber erklärten mit Be- stimmtheit, der Teufel habe diese Leute umgebracht. Ihre Leichname wurden auch durch den Henker hinausgeschleppt und verscharrt. Nur ein Mann in Jena, der Professor Hoffmann, war anderer Meinung und gab seinen Bedenken in einer Broschüre Ausdruck, iu der er behauptete, dast der Holzkohlendunst die eigentliche Ursache dieser Todesfälle gewesen sei. Dies nahm ein anderer Jenenser Arzt, Andreae, übel; er ergriff die Partei des Teufels wider Hofsmann in einer Gegenschrift. Diesem ant- wortete ein gewisser Schulz. Nachdem noch mehrere Schriften in der Sache für und wider veröffentlicht waren, wurden sämmtliche Akten über den Vorfall an die Leipziger Universität geschickt, um deren Gutachten einzuholen. Nachdem sich dort die medizinische Fakultät für Hoffmann entschieden, folgten ihr auch die theo- logische und juristische. Wenn man nun sagen wollte: ja, das ist vor 1 til) Jahren geschehen, heut verfährt man doch vernünftiger! so mag das in Bezug auf den Teufelsglauben wohl richtig sein— obgleich auch in unsrer Zeit der Teufelsglaube»och in genug Menschenschädeln spukt—, was jedoch die Vockehr gegen derartige Unglücksfälle betrifft, so geschieht im Allgemeinen heut nicht mehr als in jener Zeit. Wohl sind einige Polizeiverordnungen erschienen, die vor zu frühem Verschluß der Ofenklappe warnen, daß aber, um die Befolgung dieser Vorschriften zu sichern, nur die geringste Vor- sorge oder Conirole seitens der Sanitäts- oder Baupolizei statt- fände, davon wirst du, lieber Leser, wohl ebenso wenig wie ich etwas gemerkt haben. Auch die große Mehrzahl der Oese» sind in Bezug auf Verhütung des Entweichens von Kohlendunst in den Zimmerraum heut nicht wesentlich anders gebaut, als vor 160 Jahren. Wohl hat die Wissenschaft und speziell die hier vor- nehmlich in Betracht kommende Chemie, seit jener Zeit Riesenfort- schritte gemacht; es bestehen in Bezug auf viele Dinge, die zu jener Zeit ganz räthselhaft waren, heut nicht mehr die geringsten Zweifel 72 im großen Publikum und noch weniger unter den Männern der Wisienschaft; in Bezug auf die Giftigkeit deS Kohlendunstes kann man dies jedoch nicht sagen. Beschäftigt haben sich zwar Chemiker und Aerzte sehr viel mit demselben; die zahlreichen, sich jede» Winter wiederholenden Unglücksfälle sorgten dafür, daß er nicht in Vergessenheit gerieth. Eine wissenschaftliche Gesellschaft, die„Harlemer holländische Gesellschaft der Wissenschaften" stellte im Jahre 1829 in Bezug hierauf folgende Preisfrage:„Da die schädliche Wirkung der an der atmosphärischen Luft erloscheneu Kohlen, wenn sie wieder angezündet werden und während sie noch gänzlich im Zu- stände der Verkohlung sind, weit gefährlicher ist, als diejenige der durchaus brennenden Kohlen, so zwar, daß die Menschen, welche sich dabei in nicht sehr geräumigen Zimmern befinden, in Ohnmacht fallen oder das Leben verlieren, und da diese Wirkung der geringen Menge des Kohlendunstes nicht zugeschrieben werden kann, der sich während des Brennens in so kurzer Zeit gebildet hat: so ist eS wünschenswerth, daß durch entscheidende Erfahrungen zu be- stimmen gesucht wird, worin die Ursache der tödtlichen Wirkung:c." Der bald darauf ausbrechende Krieg zwischen Holland und Bel- gien verhinderte aber eine vielseitige Bearbeitung dieser Preis- frage. Auch war störender Weise die Benutzung der deutschen Sprache für dieselbe ausgeschlossen. Die hauptsächlichsten Bestandtheile des Kohlendunstes sind zwar seitdem mit ziemlicher Sicherheit festgestellt worden. Leblanc fand i» hundert Raumtheilen desielben 75,92 Stickstoff, 19,'.)0 Sauerstoff, 4,94 Kohlensäure, 0,54 Kohlenoxyd und 0,04 Kohlenwasserstoff.(Die Untersuchungen anderer Chemiker ergaben kein wesentlich verschiedenes Resultat, nur Orfila fand mehr Kohlen- säure.) Als man die Wirkung der genannten Gasarten auf den thierischen(und menschlichen) Organismus prüfte, waren die meisten Chemiker überrascht von der außerordentlichen Giftigkeit, welche man bei dem Kohlenoxydgas entdeckte, und glaubten, daß dieses der eigentliche Träger der Giftigkeit des Kohlendunstes sei. Es wäre diese Ansicht wohl bald allgemein als feststehend angesehen worden, wenn nicht Berzelius anderer Meinung gewesen wäre. Dieser Chemiker, dessen Namen bis heut der keines zweiten Chemikers gleichgestellt werden kann, erklärte:„Dieser schädliche gasförmige Körper ist weder Kohlensäure noch Kohlenoxydgas, sondern ein brenzlicher Stoff von eigenthümlicher Zusammen- Der Pont du Montblanc(siehe Abbildung S. 94) ist eine der vornehmsten Sehenswürdigkeiten der größlen und reichsten Stadt der schönen Schweiz, des zu beiden Seiten der Rhone entzückend gelegenen Genf. In zwölf kühnen, ausschließlich aus Eisen und Stein kon- struirten Bogen überspannt sie den Strom, kurz vor der Stelle, wo er aus dem Genfersee heraustritt, und verbindet das auf dem linken User gelegene Aristvkratenquartier mit dem Quartier St. Gervais, in dem eine zahlreiche Arbeiterbevölkerung haust. Dem über sie Hinwandelnden bietet sich eine prachtvolle Aussicht dar; die hochliegende Allstadt über- ragen imposante Alpenhäupter, als deren mächtigstes der mit ewigem Schnee bedeckte Gipset des Montblanc sich präsentirt. Zur Seite liegt die auf unserem Bilde ebenfalls dargestellte Ronsseauinsel mit dem Mo- numente des philosophischen Menschenfreundes Jean Jacques Rousseau. Tie an den Stromusern sich entlangziehenden Quais sind Straßen, die an Großartigkeit und Eleganz mit den schönsten der modernen Welt- städte rivalisiren. Erbaut wurde die Brücke von den Ingenieuren Chantre und Blonitzki unter der Oberleitung des Genfer Baudireklors Platiaud. Das Totalgewicht der Eisenkonstrukrionen beträgt 900,000 Kilo- gramni oder 18,000 Ctr; das des zur Pflasterung verwandten Asphalts 180,000 Kilogramm oder 3900 Ctr. Xz. ♦* Aschenbrödel. Unser Bild(Seite 95) zeigt uns eine Scene aus dem allbeliebten deutschen Bolksmärcyen„Aschenbrödel". Das arme Kind, dem die hartherzige Stiefmutter und die bösen Stiefschwestern den Spottnamen Aschenbrödel gegeben, halte den Wunsch zu äußern gewagt, mit Mutter und Schwestern auf den Hofball gehen zu dürfen. „Da aber", erzählt das Märchen,„wurde die böse Stiefmutter voller Galle, nahm eine Schüssel voll Linsen, schüttete diese in die Asche und sagte:„„Nun, meinetwegen magst du mitgehen. Erst aber liesest du mir diese Linsen aus der Asche heraus. Bist du jedoch in zwei Stunden nicht fertig damit, so bleibst du zu Hause."" Bor dieser Arbeil erschrak das arme Mädchen keineswegs. Es öffnete die Hinterthür der Küche und rief alle seine getreuen Freunde herbei, damit sie ihm helfen sollten. Da kamen denn augenblicklich eine Menge Täubchen und allerlei andere Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.— setzung." Seitdem sind noch zahlreiche Untersuchungen über die Frage angestellt worden, ohne daß es möglich gewesen wäre, die- selbe zum Abschluß zu bringen. Noch im Jahre 1874 theilte Prof. Hünefeld aus Greifswald auf der Naturforscherversamm- lung in Breslau mit, daß seine Versuche ihn zu der Ueberzeu- gung gebracht hätten, daß das Kohlenoxydgas nicht der einzige giftige Bestandtheil des Kohlendunstes sein könne. Seine Untersuchungen hierüber sind noch nicht beendet, so wenig wie(nach brief- licher Mittheilung an mich) die des Medizinal- Assessors Pusch in Dessau, der durch seine bisherigen Untersuchungen(wie er auf der letzten Generalversammlung des Deutschen Apothekervereins im vorigen Jahre in Hamburg mittheilte) im Wesentlichen zu derselben Annahme kommt, als Professor Hünefeld. Aber wenn auch neben Kohlenoxid noch andere giftige Gase im Kohlendunst enthalten sind, wenn dieser überhaupt je nach dem Heizmaterial verschieden sein kann, so ist durch die angestellten Untersuchungen doch erwiesen, daß Kohlenopyd in den meisten Fällen vorhanden ist, daß diese Beimischung eine außerordentliche Giftigkeit besitzt, indem schon eine Beimischung vvn einem Raumtheil Kohlen- oxyd zu zweihundert atmosphärischer Luft beim Einathmen tödtlich wirkt(Dr. H. Friedberg und Eulenberg), daß also der durch Kohlendunst bewirkte Tod kein Erstickungs-, sondern ein wirklicher Pergiftnngstod ist; daß dieses gefährliche Gas an sich ganz geruchlos ist, daß man also irrt, wenn man glaubt, es sei keine Gefahr vorhanden, wenn man in einem Zimmer keinen Ranch oder»blcn Geruch bemerkt; daß es sich immer bei schlechtem Zug im Ofen bildet; daß es dann nicht nur durch die Löcher und Ritze des Ofens in das Zimmer strömt, sondern daß es auch durch dichte glühende guß- oder schmiedeeiserne Wände durchströmt(festgestellt durch Versuche von den französischen Chemikern St. Claire, Deville und Troost); daß es sich überhaupt bei den meisten heut gebräuchlichen Hcizvvrrichtungcn, wenn auch nur in kleinen Mengen, stets bilden und im Wohnraum verbreiten muß, und daß auch diese kleinen Mengen ans die Dauer die Gesundheit des menschlichen Organismus schädigen müssen (Dr. Dittmanu). Dies ist von der Wissenschaft positiv fest- gestellt. Die ganze Tragweite der chronischen Kohlendunstvergif- tuugen für die Kraukheitsverhälrnisse der menschlichen Gesellschaft ist jedoch noch gar nicht zu übersehen.(Schluß folgl.) Vögelein geflogen und boten ihre Dienste zum Linsenlesen an.„„Die guien"", sagte Aschenbrödel,„„kommen inS Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen."" Da ging es an ein Nicken und Picken, daß man kaum so schnell sehen konnte, und kaum war eine Stunde vergangen, so lagen die guten Linsen im Töpfchen und die schlechten im Kröpfchen. Das aber hatte die böse Stiefmutter nicht erwartet, sondern vielmehr ge- glaubt, Aschenbrödel werde mit dieser mühsamen Arbeit die ganze Nacht zubringen. Sie hielt deshalb auch ihr Wort nicht, sondern nahm jetzt zwei Schüsseln voll Linsen, schüttete sie in die Asche und sagte:„„Wirst du diese beiden Schüsseln voll Linsen noch binnen einer Stunde zu- sammenlesen, sollst du mitgehen."" So sehr Aschenbrödel über die neue, noch weit schwierigere Aufgabe erschrak, ließ sie doch den Mulh nicht sinken, sondern winkte aufs Neue ihren lieben Freundinnen. Und siehe da, die guten Täubchen kamen jetzt in doppelter Menge herbei- geflogen, machten sich über die Linsen her und lasen die guten ins Töpfchen und die schlechten ins Kröpfchen, Aschenbrödel aber saß dort, die Hände in den Schoß gelegt, und sah ihnen stillvergnügt zu. Noch che eine Stunde verging, war auch diese Arbeit vollbracht." Aschenbrödel ist eine Verkörperung leidender Unschuld und geduldiger Ohnmacht, und darum kann ihr im Märchen die schließliche Märchen- hafte Belohnung nicht fehlen. Die schlimme Stiefmutter nimmt sie zwar trotz der guten Vögel Beistand nicht mit auf den Ball, aber neue Wunder sorgen für die Erfüllung ihres Wunsches und verhelfen ihr im Verein mit ihrer Schönheit, zu unsäglichem Aerger für Stiefmutter und Slief- fchwestern, sogar zur Liebe des Königsohns, dessen Gattin sie wird. So werden die Guten belohnt und die Bösen bestraft— im Märchen! Im wirklichen Leben ist es freilich ein wenig anders! Hier siegt die leidende Unschuld nicht so ohne Weiteres, weil sie eben die Unschuld ist und leidet und geduldig hofft. Im Märchen wird geträumt, geharrt und geglaubt— das genügt; im Leben muß klug gedacht und kühn gehandelt werden— und so ist's recht; denn, wenn es im Leben wäre wie im Märchen, so wäre die Menschheit in den Kinderschuhen stecken geblieben, welche sie trug in einer Zeit, die uns auch das rührendste, schönste Märchen nicht mehr als die goldene einzubilden veimag. Xz. Druck und Verlag der Genoffenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.