Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämler. Die wahre Geschichte des Zosua Davidsoha. (Forlsetzung.) 10. Kapitel. l'abl) i". kam bald in das Zimmer, in dem Josna mit vord X. sich befand. Sie war eine schlanke, schöne, schmachtende Frau, gutmiithig aber selbstsüchtig, unbefriedigt von dem Leben, welches sie führte, aber unfähig, es sich besser zu gestalten. Für Nichts hatte sie tiefes Interesse, war ohne Kinder und augenscheinlich nicht mit überniäßiger Liebe ihrem Manne zugethan— eine Frau, deren Geist und körperliche Natur im Streit lagen, denn jener war ruhelos, diese gleichgiltig, phlegmatisch. Zuweilen nahm sie sich der„Schützlinge" ihres Mannes an, theils ans Gefälligkeit für ihn, theils ans dem Bedürfniß nach Abwechslung oder auch aus ihrer angebornen Gutmllthigkeit, weil sie gern Ändern Ver- gniigen machte. Sie wurde jedoch stets bald müde und ließ die Gegenstände ihrer Zärtlichkeit wieder fallen. Sie war eine Frau von großer Neugierde und keiner Beständigkeit, erfüllt von einer milden, sinnlichen Art Leidenschaft, die sie ebensowohl aus Lange- weile, wie aus Laster in Gefahr brachte; sie liebte aus Lange- weile und arbeitete aus Langeweile. Es war für sie eine Roth- wendigkeit, sich für Alles zu interessiren— gleichviel, ob es die Mode des Tags betraf oder das Glück einer menschlichen Seele. Der Geist der Selbstaufopferung aber fehlte ihr, und sie würde es als eine Unverschämtheit betrachtet haben, wenn Jemand ein Haarbreit mehr von ihr verlangt hätte, als wozu sie ihr eigner freier Wille oder richtiger ihre Laune trieb. Wäre sie arm ge- boren worden, sie hätte ein musterhaftes Weib werden können, so wie sie war, war sie eben nur eine„feine Dame", deren edlere Natur unter der Wucht der Unthätigkeit und des Luxus erstickt wurde. Josna gefiel ihr und sie war gegen ihn sehr freundlich. Sie gab ihm bei dieser ersten Zusammenkunft eine wirklich namhafte Summe für seine armen Freunde; versprach Kleider und Suppenkarten, Bücher für die Schule, Spielsachen für die Kinder und gute Nahrung für die Kranken. Der einfache und doch so erhabene Ernst des Mannes interessirte sie, und sie fühlte lnstinktmäßig, daß sie es mit einem überlegenen Geiste zu thun hatte, der Achtung, ja Bewunderung verdiente. Sie hatte an seinem ersten Besuch nicht genug; Iosua sollte sie bald wieder besuchen; und nachdeni er zweimal ihrem Wunsche entsprochen, bat sie ihn um die Erlaubnis;, einmal in unsere Wohnung über dein kleinen Spiel- und Sllßwaaren-Laden, den Mary Prinsep hielt, konimen zu dürfen. Iosua hatte nichts dagegen einzuwenden. Konnte man sich einen größeren Kontrast denken? Die Straße, in der wir wohnten, war für ihre Karosse zu schmal, sie mußte deshalb am Eingang der Straße aussteigen. Ich werde diesen Anblick nie vergessen. Ihre zierlichen Füße waren in Atlas- Stiefelchen gehüllt, mit Schnallen, die wie Diamanten blitzten; sie trug ein Schleppcnkleid von apfelblüthfarbiger Seide, ihr Hut schien grade eine Feder und ein Schleier zu sein, um sich herum trug sie ein leichtes Ding von Spitzen, das mehr einer Wolke, denn menschlicher Arbeit glich, und ihre Arme und ihr Hals waren mit goldenen Kette», Medaillons und Spangen be- deckt. Sie glich einer Feen-Königin unter den Gnomen und Kobolden eines Bergwerks im Schöße der Erde, oder einem duftenden Rosenbusch in der Mitte von Schmutzhaufen, als sie unerschrocken, aber mit übertriebener Zierlichkeit durch die kothige Gasse dahertrippelte, gefolgt von ihrem in Blau und Silber gekleideten Diener; der Pöbel ans der Straße glotzte sie an, und war über die wunderbare Erscheinung zn sehr erstaunt, um zu spotten. Als sie in den kleinen Laden eintrat und nach Iosua fragte, stand ich in der Hausflur(es war an einem Sonntag) zwischen dem Laden und Mary's Zimmer, und zum ersten Mal sah ich Mary in einem häßlichen Lichte. Sie wurde ganz weiß, und statt der Dame zu antworten, sah sie nach mir mit einem un- bcschreiblichen Ausdnick von Seelenangst. „Ja, Madame," sagte ich, grüßend;„er wohnt hier, im ersten Stock." „Wünschen Sie ihn zu spreche», Madame?" fragte darauf Mary, noch immer denselben qualvollen Ausdruck in ihren großen, starrblickenden Augen; und auch die Lady, welche sie aufmerksam musterte— denn Mary war, wie ich schon sagte, jung und sehr hübsch— schien nicht ganz guter Laune. Jedenfalls sah sie sehr hochmüthig auS." „Ja," antwortete sie, aber sie wendete sich zu mir und sprach auch zu mir, nicht zu Mary.„Haben Sie die Güte, ihm zu sagen, daß Lady S. ihn zu sprechen wünscht." Ich lief die Treppe hinauf und sagte es ihm, und Josua, ohne sein Gesicht im Geringsten zu verändern,— gerade als wenn Lords und Ladies in prächtigem Aufputz bei uns alltäg- liche Besucher wären,— kam herunter und empfing die Lady, wie er die Frau des Bäckers oder Schuhmachers empfangen haben würde,— weder mehr noch weniger achtungsvoll; ich will damit sagen, daß er Jedermann achtungsvoll begegnete. Lady X. ging einen Schritt vor, als er in den Laden trat; sie erröthete leicht und reichte ihm ihre Hand. „Nun müsien Sie mich sehen lassen, wo Sie wohnen und wie Sie es fertig bringen, solche Wunder zu wirken," sagte sie mit einem unbeschreiblichen, aber nicht mißzuverstehenden Schmeichelton in ihrer Stimme. Josua antwortete ruhig:„Sind Sie nicht zu fein, um her- auf zu kommen, Lady Z.? Wir thun unser Möglichstes, die Stufen rein zu halten; nicht wahr, Mary? Allein sie sind solche Füße nicht gewöhnt;" und er bot ihr lächelnd die Hand. „Sie werden meine gewöhnt werden, hoffe ich, und recht bald," sagte Lady ik. herzlich.„Herr Davidsohn, Sie wissen, ich interessire mich sehr für Ihre Arbeiten, und bin bereit, Ihnen zu helfen, wo ich kann." „Wenn Sie mir folgen, Mylady, so will ich Ihnen Alles zeigen, was ich im Augenblick zur Hand habe," sagte Josua, nach der Treppe zugehend. Und abermals erröthete die Lady, und ihr langes seidenes Kleid rauschte hinter ihr her und wir hörten ihre leichten Stiefel- absätze tap, tap, tap, die Treppe hinaufklappen, und die goldenen Ketten und Anhängsel klingeln. Dann drehte sich Mary nach mir um und sagte mit einem wilden Blick:„John, John! Sie ist für nichts Gutes hier! Sie wird mehr Unheil als Nutzen stiften. Was hat sie hier zu suchen? Wer braucht sie? Sie wird uns Allen nur Schlimmes bringen!" Hierauf wandte sie ihr Gesicht nach dem Fenster und brach in Thränen aus. „Marl), was fehlt dir?" fragte ich, unfähig mir ihr Be- nehmen zu erklären. Ich fühlte etwas, dem ich aber keinen Namen geben konnte— einen stechenden Schmerz, einen mibe- stimmten Zweifel, aber es war ein wirres Durcheinander in mir, und Alles, was ich wußte, war, daß ich betrübt war.„Du weißt," sagte ich, indem ich sie zu beruhigen versuchte,„daß Josua, wenn Geld und weltlicher Einfluß ihm zur Verfügung stehen, Alles hat, was er braucht. Seine Hände sind jetzt schwach, weil er beides entbehren muß. Warum sollen wir bedauern, daß ihm die Gelegenheit geboten wird, beides zu erlangen?" „Ihr Besuch bringt nichts Gutes," war Alles, was Mary sagen konnte, und ich wunderte mich umsomehr über diesen Gefühls- ausbruch, weil ich bei ihr Aehnliches vorher noch nicht gesehen. Lady X. blieb lange Zeit oben, und des Mädchens Angst ließ nicht nach, so lange der Besuch dauerte. Endlich kam sie mit rosigem Antlitz und strahlend herunter. Ihre Augen waren sanfter und dunkler, sie sah jünger und liebevoller aus; sie blickte sogar freundlich nach mir, als sie an mir vorüber ging, indem sie zu Josua mit einer Stimme, hell wie ein Silberglöckchen, sagte: „Und dies ist John, von dem Sie mir erzählt haben?— er sieht brav aus!— und das ist Mary?" aber sie war nicht ganz so freundlich gegen Mary und fügte in einem etwas unzufriedenen Tone hinzu:„Mädchen, Sie scheinen noch recht jung, um für sich selbst hauszuhalten und junge Männer inS Logis zu nehmen." „Ah, meine Dame, Sie vergessen, daß auf Mädchen unseres Standes nicht soviel Sorge verwendet wird, wie das in Ihrem Stande der Fall ist," sagte Josua.„Sobald ein Mädchen von uns sich ihren Lebensunterhalt verdienen kann, thut sie es." „Nun, ich hoffe, daß Marl; ein gutes Mädchen sein wird, das Ihnen Ehre macht," sagte die Dame kalt. Sie gab Josua die Hand und, ihre Hand noch in der seinen, wandte sie sich zu ihm mit dem süßesten Lächeln, das ich jemals in einem Frauen- antlitz gesehen, und sagte in wunderbar einschmeichelnder Weise: „Ich muß Sie bitten, so freundlich zu sein und mich zu meinem Wagen zu begleiten, Herr Davidsohn. Ich denke, mein Diener ist weggegangen, um dem Kutscher Gesellschaft zu leisten, und ich möchte nicht gern allein durch die Straße gehen." „Gewiß nicht," sagte Josua, und führte sie, ihre Hand noch haltend, auö dem Laden auf die Straße, bis dahin, wo ihr Wagen sie erwartete. „Besorge den Laden für mich, John," sagte Man;, und unter heftigem Schluchzen lief sie hinweg und schloß sich in ihr Zimmer ein. Ich weiß, sie würde sich vor Josua geschämt haben, zu weinen, und obendrein für Nichts,— blos weil eine feine Dame, die nach Wohlgenichen duftete und ein kostbares seidenes Kleid trug, durch den Laden gegangen war. Was Josua betrifft, so kam er zurück ohne die leiseste Spur von Erregung in seinem heiteren, sanften Gesichte. Keine Auf- wallung befriedigter Eitelkeit, nichts als jener tiefernste, denkende Blick, jener Blick des inneren Friedens und der Liebe, der ihn oft fönulich verklärten. Als er durch den Laden schritt, sah er sich nach Man; um; ich sagte ihm, daß sie Kopfweh habe; dies veranlaßte ihn, sie in ihrem Zimmer aufzusuchen, was Marl) in große Verlegenheit setzte, denn sie war außer Stand, ihre Thränen zu verbergen. Ich glaube jedoch nicht, daß Josua erfuhr, warum sie weinte. Viele Tage nachher kam die Karosse der Dame wieder an den Eingang unserer elenden Straße, und die Dame selbst, gleich einer glänzenden Erscheinung, tänzelte zwischen den Schmutzabfällen und dem menschlichen Auswurf hindurch zu dem Spiel- und Süßwaaren-Lädchen, wo Groschenpfeifen und Pfennig-„Malz- Plätzchen" an kleine Kinder verkauft wurden von einem Mädchen, das einst auf der Straße sich seinen Lebensunterhalt verdient, und wo die Zimmer eine Treppe hoch von zwei Zimmergesellen bewohnt wurden. Es war ein unnatürliches Verhältniß, das nicht dauern konnte; aber grade das Unnatürliche, der grelle Gegensatz war es, was dem Verhältniß in ihren Augen Reiz gab, und so lange die Neuheit dauerte, war es ihr wie eine Scene in einem Schauspiel, dessen Heldin sie war. So wenig- stens beurtheilte ich sie, und je mehr ich über die ganze Geschichte nachdenke, um so fester bin ich überzeugt, daß ich Recht habe. Josua's männliche Schönheit, die Würde in seinem Blick und seinen Manieren müssen indeß auch mit in Betracht gezogen werden. Lady X. war gewiß Josua gut und behülflich, so lange diese Grille dauerte, denn daß es nur eine Grille war, ohne Bestän- digkcit und festen Grund, bewies die Folge. Sie brachte ihm Kleider und Geld und schien bereit, Alles, was sie nur konnte, für ihn zu thun. Er brauchte ihr blos zu sagen, worin er ihrer Hülfe bedurste, und sie gab ihm mit vollen Händen, wie eine Prinzessin. Was zwischen ihnen vorfiel, kann weder ich noch sonst Jemand sagen. Josua öffnete nie die Lippen, und seit jenem Tage durfte, nach stillschweigendem Uebereinkommen, der Name des Lords und der Lady X. nicht mehr von uns ausgesprochen werden. Alles, was ich weiß, ist, daß sie eines Tages nach einem ihrer nun häusig gewordenen Besuche zu uns, plötzlich aufgeregt, hochmüthig, aber auch zitternd, überhaupt völlig ver- ändert, mit einem trüben, verwirrten Ausdruck, anstatt ihres gc- wöhnlichen, halbgleichgiltigen sanften Lächelns die Treppe herunter- kam— diesmal nicht Josua's Hand haltend, der ihr bleich und verstört folgte; daß sie, ohne nach mir oder Mary zu blicken, ungeduldig und rasch durch unsem Laden ging; und daß sie, au der Thüre sich umwendend, mit scharfer Stimme sagte:„Herr Davidsohn, Sie brauchen sich nicht zu bemühen, mit mir zu kommen— ich kann meinen Weg allein finden;" und daß Josua mit mehr Zärtlichkeit und Demuth in Ton und Benehmen, als ich jemals an ihm bemerkt hatte, ihr antwortete:„Meine Dame, ich muß Ihnen ungehorsam sein, ich kann Sie nicht allein durch die Straße gehen lassen;" und daß er ihr folgte, barhäuptig, in einer kleinen Entfernung hinter, nicht neben ihr. Es war dies das letztemal, daß wir sie sahen; auch hörte jede Verbindung zwischen Lord X. und unserm Freunde mit jenem 103 Tage auf. Ganz zufällig hörte ich später, er habe kurz nachher gesagt, daß er diesen Herrn Davidsohn unmöglich noch„patroni- siren" könne, derselbe sei in seinen Ansichten strafbar radikal und überhaupt ein frecher Geselle. Aber Andeutungen drangen zu uns Beiden, daß Lady Z. die ganze Vorgeschichte Marlis ausgekundschaftet und ihre Entrüstung darüber ausgesprochen habe, daß Josua ihr die Schmach angethan, sie in ein Haus gehen zu lassen, dem ein solches„Geschöpf" vorstehe. So scheiterte der erste und letzte Versuch aristokratischer Mit- Wirkung, und die christliche Gesellschaft verweigerte es hartnäckig, einen Mann anzuerkennen, der sich vorgenommen hatte, zu leben, wie Christus gelebt hatte. Wenn Josua den Verlust, welchen er so geheimnißvoll er- litten, bedauerte,— die arme Mary that es nicht. So lauge die Besuche der Lady gedauert, hatte sie sich abgehärmt und war niedergeschlagen, so daß ich schon fürchtete, sie sei ernstlich erkrankt und ihr Zustand drohe hoffnungslos zu werden. Ach, das war eine bittere, traurige Zeit für mich, denn ich liebte sie wie niich selbst, und liebte Josua, seine Thätigkeit und sein Leben mehr denn mein eignes Leben, und war verwirrt, durch die Gefühle verschiedenster Art gewissermaßen zerrissen. Allein Mary erholte sich wieder nach dcni Tage, an welchem Lady ik. mit traurigem, stolzem, verstörtem Gesichte durch den Laden gegangen und Josua von ihrer Begleitung znrückgekommen war gleich einem Mann, der einen heftigen Schlag erhalten und davon noch betäubt ist. Von da an sorgte sie noch emsiger und aufmerksamer für ihn, als je zu- vor. Sie hatte nur ein Streben: ihm gefällig zu sein. Unsere Wohnung war ein Muster von Sauberkeit. Selbst der Palast der Lady-E. konnte nicht reiner und gesunder sein. Den Schmutz der äußeni Schale, um mich so auszudrücken, und die Aermlich- keit des Innern suchte sie durch die außerordentliche Sauberkeit und Fettigkeit, die überall herrschte, zu verbergen und vergessen Zu machen. Und als nach einiger Zeit in Josua's Gesicht der frühere Ausdruck von sanfter Heiterkeit zurückkehrte, wurde auch Mary ruhig, und die Wolke, die ihren Schatten auf sie geworfen, verschwand. „Es geht nicht, John," sagte er eines Tages zu mir,„es ist cig Jrrthum, zu glauben, daß die Aristokratie zu uns Armen heruntersteigen werde. Es sind doch Menschen anderer Art als wir, mit andern Gesetzen von Ehre und Moral, als wir haben. Der Abgrund ist zu weit, um durch einzelne Wenige überbrückt zu werde», die wie die alten israelitischen Spione unter uns kommen, um die Kahlheit und Nacktheit des Landes zu sehen. Sie thun ein Bischen Gutes für den Augenblick, aber das Gute bringt keinen Segen und ist nicht von Dauer. Wir müssen uns selbst, durch unsere eigene Kraft empor arbeiten und", fügte er hinzu, als sei ihm ein Gedanke»och nachher gekommen,„wir dürfen kein Iota von unfern Prinzipien aufgeben. Daß die Reichen so sind, entspringt nur dem Müssiggang, und wenn die vornehmen Leute zwingende Pflichten hätten und die eiserne Roth- wcndigkeit der Arbeit, würden wir von weniger Ehebruch-Skan- dalcn, weniger Rcnnwctt*)- Katastrophen u. dgl. hören, als jetzt. *) Das Wetten anläßlich der Wettrennen wird in England wie Doch das kümmert uns nicht. Wir sind hier, nur um für uns zu arbeiten und nicht um über Andere zu urtheilcn." „Es ist ein altes, aber wahres Sprichwort, Josua,„„die Extreme berühren sich"", sagte ich;„die Armen haben keinen Sinn für verfeinertes Vergnügen, und nicht die Fähigkeit, es sich zu verschaffen, und die Reichen, übersättigt von Allem, was ihre Stellung ihnen bietet, erfinden neue Aufregungen gemeinster Art." „Du hast Recht," antwortete Josua.„Jedenfalls aber dürfen die Reichen nicht in den Sumpf der Armuth gerissen werden. Was noth thut, ist, die Massen zu erheben und den höheren Klassen bestimmte Pflichten aufzuerlegen; das ist der einzige Weg, den Unterschied zwischen hoch und niedrig zu vermindern— bis wir in der Lage sind, ihn vollständig zu beseitigen. Und wenn dies geschehen kann ohne Revolution und Blutvergießen, wäre es ein erhabenes Werk und die herrlichste Lösung der größten Schwierig- keit, welche die Welt jemals gekannt hat. Es läßt sich nicht rechtfertigen, daß einige Menschen sich stumpfsinnig zu arbeiten haben, um Leib und Seele zusammenzuhalten, während Andere im Müssiggang so schwelgen, daß ihre Geisteskraft verträumt, versimpelt oder zum Schaden ihrer Mitmenschen mißbraucht wird, weil es an nützlicher Venvendung fehlt. Wie auch die Welt sich entwickeln mag, die gleiche Vertheilung der Güter dieses Lebens muß kommen. Ich meine damit nicht, daß die Herzogin ihr Sammetkissen mit der Näherin theilen soll, aber entweder durch Erziehung oder durch verbesserte Maschinerie, oder beides zusammen, muß ein Zustand herbeigeführt werden, welcher den ungeheuren und ungeheuerlichen Unterschied, der jetzt zwischen der Herzogin und der Näherin besteht, verschwinden läßt. Wir haben neulich viel Wesens von unserer Sympathie für die amerikani- schen Nordstaaten gemacht- und unsere Begeisterung für die Sklaven-Emanzipation an die große Glocke gehängt, aber die „Gesellschaft" in unserem„freien" England behandelt ihre Sklaven ebenso grausam und willkürlich, wie es nur jemals die südlichen Pflanzer gethan haben. Ich werde nie mehr ein brüderliches Verhältnis; mit einem Aristokraten oder Bourgeois anzuknüpfen suchen. Wenn die Arbeiter ihre politischen und gesellschaftlichen Rechte erkämpft haben, wenn vollständige Gleichheit herrscht, dann, und erst dann, können die Menschen ächt menschlich als Brüder mit einander verkehren. Wie wir jetzt leben, sind wir für die Vornehmen entweder Versuchsgegenstände oder Spielzeuge, in allen Fällen untergeordnete Wesen; und wir stützen uns auf einen Strohhalni, hängen unsere Hoffnungen an ein Spinnengewebe, wenn wir ernstliche Hülfe von ihnen erwarten." «Ich wußte, daß Josua ihr bald hinter die Schliche kommen würde," bemerkte Mary.„Ich durchschaute sie gleich das erste Mal und sah, daß sie nichts Gutes im Schild führte." ein Hazardspiel betrieben und richtet jährlich Unzählige zu Grunde. Unsere.gebildeten Klassen" geben sich große Mühe, diese Schandwirth- schaft in Deutschland einzuführen. "y Gelegentlich des Krieges gegen die rebellischen Sklavenhalter- Staaten des Südens. Beiläufig waren nur die englischen Arbeiter aufrichtig für die Nordstaaten, die besitzenden Klassen schwärmten mehr oder weniger offen für die Sklavenhalter. (Forssetzung folgt.) So)ialdemokratie und Ärdeiterleben in der Thierwelt. Bon I)r. Ludwig Büchner. (Verfasser von„Kraft und Stoff.") (Fortsetzung.) Moggridgc sah oft gräßliche Kämpfe, welche von Kolonie Zu Kolonie behufs gegenseitiger Plünderung der angelegten Vorrathskammern geführt wurde». Also Raubsucht und Plünderungs- wuth schon in der kleinen Ameiscn-Seele! Ja, es gibt eine Ameisenart, welche— so unglaublich dieses klingen mag— nicht blos Körner einsammelt, sondern auch solche unpflauzt. Es ist die Mta malefaciens oder ackerbautreibende Ameise in Texas, eine große, braune Ameise, welche in, wie man es nennen könnte, gepflasterten Städten lebt und eine vollständige Landwirthschaft betreibt, wobei sie, ähnlich einem umsichtigen Landwirth, Passbnde und zeitgemäße Anordnungen für die verschiedenen Jahreszeiten trifft. Dr. Lincecum in Texas und seine Tochter haben außer andern Beobachtern das merk- würdige Thier zehn Jahre lang in der Umgebung ihrer Wohnung beobachtet; und die Londoner Zeitschrift der Linnö-Gesellschaft vom Jahre 1862 enthält einen Aufsatz von Charles Darwin, 104 worin dieser ausgezeichnete und gewissenhafte Forscher die bc- Viehzucht und Milcherei, wird von den Ameisen in einer treffenden Mittheilungen macht. Weise ausgeübt, welche ihrem Geschmack eben so viel Ehre Rings um ihre mit einem kreisförmizeu Wall umgebenen: macht, wie ihrem Scharfsinn. Als ihre Melk-Kühe haben Ameise den �Grund von allen Hinter- sie sich, wenn auch nicht allein, doch vor allen andern Thieren Ansiedlungen reinigt die nissen, ebnet und glättet denselben bis zu einer Entfernung von 3 bis 4 Fusi von dem Thor der Stadt und pflanzt alsdann in regelmäßiger Weise eine Art Gras, welches üppig empor- wächst und eine reiche Ernte kleiner, weißer, kieselharter Samcnkör- ner, welche gewöhnlichem Reis sehr ähnlich sind, hervorbringt. Wenn dieser sog. Ameisen- Reis reif ist, wird er sorgfältig eingeerntet und in die Vorraths- oder Korn-Kammer ze- bracht, wo man ihn von der Spreu befreit. Letztere wird heraus- und weggeschafft. Räch nasser Witterung bringt man die Körner an einem schönen Tage heraus und trocknet sie an der Sonne, die be- schädigten oder verdorbenen werden wegge- worfen. Lincccum'S Tochter sah auf diese Weise die Ameisen oft mehr als einen halben Scheffel Gctreide-Vor- rath heraus tragen. Während des Wachs- thums des Grases wer- den alle anderen Gräser und Kräuter sorgfältig aus dem Ackerfeld weg- gejätet. Nach der Ernte wird die trockene Stop- pel abgeschnitten und fortgeschafft und der gepflasterte Hof unbe- helligt gelaffen bis zum folgenden Herbst, wo sich derselbe Vorgang wiederholt und so Jahr für Iabr fortsetzt. Also hat dieses kleine Thier, seinen Lebens- Umständen entsprechend, bereits eine Stufe der Cultur erreicht, auf welche sich der Mensch bekanntlich erst nach dem Ucberschreitcn zweier langer Vorstufen, des Jäger- und Hirten- Lebens, zu erheben pflegt. Aber nicht ge- nug damit— auch die gewöhnliche Begleiterin dcS Ackerbaues, die Normt - 105- die zahlreichen und leicht erreichbaren Aphiden oder Blatt- von Gournianderie. Auch Fliegen, Wespen, Bienen u. s. w. lause ausgesucht, welche aus ihrem Hinterleibe einen, von den lieben jenen Sast und suchen sich desselben zu bemächtigen. Ameisen offenbar sehr geliebten süßen Saft tropfenweise aus- Namentlich hat man im Herbst Gelegenheit, Weidenbäume ganz schwipen- Zwar huldigen die Ameisen nicht allein dieser Art bedeckt mit Blattläusen und mit den sie aufsuchenden Ameisen und sonstigen Insekten zu sehen. Jedoch weiß keines dieser Thiere die Blattlaus bester zu be- handeln, wie die Ameise, welche mit ihren An- tennen� oder Fühlern den Hinterleib der Laus so lange bestreicht, bis sie einen Tropfen ihres süßen Saftes von sich gibt. Dieses muß wohl auf eine besonders zarte und schmeichlerische Weise geschehen; denn Darwin versuchte ver- geblich, es den Ameisen hierin nachzuthun und den Blattläusen durch Bestreichen ihres Leibes mit seinen Haaren ihren Saft zu entlocken. Die Ameisen bringen die Blattläuse sogar in ihre Wohnungen und ernähren sie daselbst, um sie als ständiges Melkvieh gebrauchen zu können. Sie sollen dieselben so- gar im Innern der Wohnungen aus iin Herbste gesammelten Eiern erziehen. Ihre Liebe zu diesen Haus- Thieren hält sie übri- geiis nicht davon ab, dieselben im Winter, wenn Nahrungsmangel eintritt, mit Haut und Haar zu verspeisen. Die Blattläuse sind übrigens nicht die einzigen Melk Kühe der Ameisen. Lespös fand in ihren Nestern mehrere blinde Insekten, welche demselben Zwecke die- nen. So unter andern eine Art blinden Ma- rienkäfers, den Clavi- ger oder Keulen-. träger, der einen den Ameisen offenbar äußerst wohlschmeckenden Saft aus seinem Hinterleibc von sich gibt. Einige dieser Insekten bleibe» stets im Neste, andere fliegen aus, kommen aber, so oft sie Nah- rung bedürfen, zurück. So beobachtete LeSpes z. B. eine sehende Sta- phyline oder große Käfer- 'lszug. art, welche sich in der Regel draußen herumtreibt, 1- 106 dagegen aber, sobald sie in das Nest zurückkehrt, mit Hülfe ihrer Fühler oder Antennen von den Ameisen Nahrung fordert. Diese wird ihr gereicht, und nachdem sie dieselbe verzehrt hat, gibt sie aus ihrem Hinterleib einen eigne» Saft her, der von den Ameisen begierig aufgeschleckt wird. Diese Käferart beträgt sich also genau nach Art böser Buben, welche stets außerhalb des Hauses herum- schwärmen und nur nach Hause zurückkehren, wenn die Stunde des Essens da ist. In Mexiko kennt man eine Ameisenart, wo besondere gcschlechts- lose Ameisen-Individuen selbst die Stelle der Blattläuse ver- treten. Sie werden von den anderen Ameisen auf besondere Weise ernährt, aldann gemolken, und verlassen nie das Nest. Sic sind also im wahren Sinne des Wortes Stall-Kühe. Dieses Alles ist gewiß sehr interessant und merkwürdig. Aber weit interessanter noch ist die Erfahrung, daß die Ameisen im Besitz einer politisch-gesellschaftlichen Institution oder Einrichtung sind, welche in der menschlichen Völker- und Kulturgeschichte eine der hervorragendsten Rollen gespielt hat und noch bis auf den heutigen Tag spielt. Zwar scheint diese Institution ans den ersten Anblick mit den sonstigen sozialdemokratischen Tendenzen der Ameisen-Repnblik in schlechtem Einklang zu stehen. Aber wenn wir bedenken, daß die Sklaverei auch in den mensch- lichcn Republiken des Alterthums eingeführt war und sich dort mit den sonstigen Staatseinrichtungen nicht nur wohl vertrug, sondern sogar eine Stütze derselben war, so werden wir der Amcisen-Republik ihrer Sklavenmacherei wegen den demokratischen Charakter nicht absprechen dürfen(?). Und zwar umsoweniger, als die Ameisen-Sklaverei in einer ebenso milden, wenn nicht mil- deren Weise gehandhabt wird, als dieses in Griechenland und Rom der Fall war, wo bekanntlich freigelassene Sklaven oft zu den höchsten Staats- und Ehrenämtern emporstiegen. Ja, die Sklaverei der Ameisen übertrifft an Humanität insofern weit die menschliche, als die Ameisen sich niemals erlauben, erwachsene und ihres vollen Ameisen-Bewußtseins genießende Angehörige ihres Geschlechts zu Sklaven zu machen, während die menschlichen Sklavenmacher an einem solchen Verfahren bekanntlich niemals den geringsten Anstoß genommen haben. Denn die Ameisen- Räuber rauben nur Larven und Puppen, aus denen sie dann im Innern ihrer eigene» Wohnung wirkliche Sklaven erziehe», so daß diese letzteren niemals den Zustand und die Süßigkeit der Freiheit gekannt oder gekostet haben. Daher sie denn auch den Verlust oder vielmehr die Abwesenheit derselben kaum oder gar nicht zu empfinden scheinen und in der Regel gemeinschaftlich mit ihren Herren alle für Erhaltung der Kolonie nöthigen Ar- beiten, wie Bau der Wohnung, Aufsuchen der Blattläuse, Be- sorgung und Fütterung der Larven u. s. w., gern und unge- zwungen verrichten. Auch denken sie nicht daran, sich dem Zustand der Sklaverei durch Flucht zu entziehen. Wenigstens gilt dieses für die von Hub er in der Schweiz beobachteten Arten, während man im südlichen England Kolonien beobachtet hat, in denen die Sklaven das Nest nie verlassen dürfen, also im wahren Sinne des Wortes„Haussklaven" genannt zu werden verdienen.(Forts, f.) Ein delohuter Dienst. Von E. K. Das Posthaus des Grenzstädtchen P— lag an einem freien Platze der Kirche gegenüber. Es war mit einer sogen. Durchfahrt versehen, durch welche der Sturm am 34. Decembcr 18.. gegen Abend mit unwiderstehlicher Gewalt brauste und den in großen Massen fallenden Schnee trieb. Von der Hansthür führte ein kleines, kaum 10 Zoll im Quadrat fassendes Fenster in das Postcomptoir, das zur Annahme der Briefe:c. diente. An diesem saß ein kleiner rothblonder Secretair, den Kopf in die Hand gestützt, mit mürrischer, schläfriger Miene. Weiter im Hintergrunde arbeitete der Postmeister, ein alter Junggeselle von etwa fünfzig Jahren. Sein chenials schwarzes Haar zeigte be- reits die zweifelhafte Färbung von Pfeffer und Salz. Betrachtete man seine nachdenkliche Miene, so hätte man glauben sollen, das Wohl und Wehe des Staates hänge von jedem Buchstaben ab, den er in ein vor ihm liegendes gednicktes, mit weißem Papier durchschossenes Buch schrieb, und doch hatte er kein wicht!- geres Geschäft vor, als die Witterung des Tages nach Stunde und Miliutc in den Kalender einzutragen. Er war zugleich Posthalter und wünschte wahrscheinlich seinen lachenden Erben, oder vielmehr den Erben der Erben seiner lachenden Erben, einen richtigen hundertjährigen Kalender zu hinterlassen, welcher diesen von Jahr zu Jahr ein zuverlässiger Prophet sein könnte, ob Mißwachs oder reiche Erndte zu erwarten, um danach beim Futter- einkauf zn speculiren. Er trieb diese Beschäftigung schon seit manchem Jahre, obgleich sein hundertjähriger Kalender ihn regelmäßig getäuscht hatte. Unser Postmeister hatte eben nur zwei Liebhabereien, seine Pferde und seinen Kalender, und nur eine entschiedene Abneigung, das war gegen Kinder und zwar gegen schreiende Kinder, und deshalb hatte er sich nicht entschließen können, zu heirathen, ob- gleich er gegen hübsche Mädchen nicht nur keinen Widerwillen, sondern sogar eine reckst erhebliche Vorliebe fühlte. Wenigstens wollte dies letztere die böse Welt behaupten, der man freilich nicht Alles so aufs Wort glauben darf. Hätte man ihr aber in diesem Falle trauen wollen, so wäre ei» junges Mädchen von beiläufig 18 Jahren, welches miter dem Titel einer Nichte in seinem Hanse erzogen und von ihm kürzlich adoptirt worden war, als die Frucht eines früheren zärtlichen Verhältnisses des hcirathsscheuen Junggesellen zu betrachten gewesen. Das arme Mädchen wurde von allen schmähsüchtigcn Ein- wohnern von P____ nicht anders genannt, als„unsere Nichte", wobei ein spöttisches Lächeln nie versäumte, den Unglauben an diese Nichtenschaft zu verrathen. Doch dem mochte nun sein, wie ihm wolle— der glückliche; Adoptivvater hatte Geld, gab dem Mädchen ein Heirathsgut von JiO.OOO Thalern mit, und das zog bald einen jungen Baron an, der mit deni Gelde auch das Mädchen nahm, wodurch denn die Lästerzungen zum Schweigen gebracht wurden. Jetzt lebte der Postmeister wieder allein mit einer Wirth- � schafteri», die schon mit ihren ersten Jungfrauenjahren die Führung seines Hauswesens übernommen hatte und in der Zeit, von der wir sprechen, einige Jahre über dreißig zählen konnte. Der Postmeister hatte sein schwieriges Tagesgcschäft eben bis zur letzten Minute des Tages beendet, als auch der Secre- tair am Fenster sein müdes Haupt auö der stützenden Hand emporrichtete, einen Blick durch das Fenster in das stürmische Schneewctter draußen warf und dann mit zufriedener Miene folgende Unterhaltung eröffnete: „Heute werde» wir wohl wieder vergebens auf die Post aus H— warten und die Nacht ruhig ausschlafen können. Erinnern Sie sich noch, wie im vorigen Jahre während dreier Tage keine Posten ankamen? Auf der einen Seite blieben sie in den tiefen Hohlwegen vor K— und W____ stecken und verschneiten, auf der anderen konnten sie die Bcrgabhäuge bei B______ nicht passiren. Es waren einmal drei ruhige, schöne Tage— schade, daß nicht auch die Straßen in der Stadt so verschneit waren, man wäre dann auch nicht vom Publikum gestört wor- den; lachen muß ich übrigens heute noch, wenn ich an die nieder- geschlagenen Gesichter denke, die sich zeigten, als die ersehnten Weihnachtsgeschenke mit den Posten zugleich ausblieben. Dieses Jahr ist man vorsichtiger gewesen, es ist schon Alles mit der letzten Post eingegangen." „Ich glaube auck, nicht, daß die Post vor morgen früh eintreffen wird" entgegnete der Postmeister,„und wie die Sachen einmal stehen, ist es mir recht lieb; denn, wissen Sie, von allen Pferden, welche seit heute Nacht mit Extraposten nach B... ab- gegangen sind, ist noch keines zurückgekehrt. Meine Stätte sind leer und in der ganzen Stadt ist kein Pferd mehr aufzutreiben. Was jetzt ankäme, Post oder Extrapost, würde wahrscheinlich lange warten inüsien." „Nun, der Gastwirth P— hat ja noch vier schöne starke Pferde im Stalle, die Puppen möchte ich wohl einmal vor der Post sehen." „Das Vergnügen werden Sie schwerlich erleben und zwar aus zwei gewichtigen Gründen." „Nun, ich wüßte doch keine Gründe, die im Wege sein könnten, wenn die Pferde amtlich rcguirirt würden?" „Das will ich Ihnen gleich sagen. Erstens, weil ich den P— nicht bitten niag, und zweitens, weil eine Reguisition wieder deshalb nichts helfen würde, weil der P.... mit dem Bürgermeister auf besserem Fuße steht als ich." „Freundschaft kann doch nicht entscheiden, wo das Gesetz fordert? Ich wollte dem Bürgermeister schon einheizen, daß er seine Schuldigkeit thun müßte." „Sie kennen das noch nicht! Diese letzten vier Pferde »liissen zum Spritzendienst reservirt werden." „Ja, so!— Aber warum wollen Sie denn die Pferde nicht auf freundlichem Wege für die Post disponibel machen?" „Weil ich seit dem letzten Mastenball im vorigen Jahre mit dem brutalen Menschen nicht mehr sprechen, viel weniger ihn um etwas bitten mag!" „Ah, jetzt erinnere ich mich und muß noch lachen. Erst kam er als Schneider zu Ihnen und nahm Ihnen vom Zeh bis Juni Kopfe Maß, ließ aber wieder ab, weil er meinte: das Maß ist zu kurz, Du trägst die Nase zu hoch!— Später kam er wieder als Schirrmeifter und drängte sich mit den Worten zwischen Sie und Ihren Nachbai: Rücke zu, Postmeister, und mache Dich nicht so breit!— Aber Sie müssen so einen un- schuldigen Scherz vergessen, die Leute denken sonst, Sie hätten sich getroffen gefühlt." „Ich kann und mag es nicht veraessen und werde es nie vergessen!"— Der Postmeister war dabei von seinem Platze aufgestanden und an das nach der Straße führende Fenster getreten, um eine eben voriiberfahrende Extrapost zu mustern. Es war ein großer dichtverschlossener Reisewagen. Niemand im Innern desselben fand sich versucht, bei diesem Wetter eines der Fenster zu öffnen, selbst der Diener blieb, fest in seinen Mantel gehüllt, auf seinem am Hintertheile des Wagens angebrachten Sitze unbeweglich, die Ankunft des Wagenmeisters erwartend, um diesem Anweisung zur Fortsetzung der Reise zu ertheilen. Endlich erschien der Wagenmeister. (Fortsetzung folgt.) Roman von Robert Hamerl Die periklcische Zeit— welcher Sturm erhebender und weh- niüthiger Gefühle regt sich bei diesen Worten in der Seele Jedes, der die Geschichte kennt. Wir sind gewohnt, uns die Bewegung der geistigen Kapitale unseres Geschlechts als ein lang- sanies, aber stetiges Wachsen zu denken— eine Erinnerung, wie die genannte, mahnt uns daran, daß diese Vorstellung eine irrige ist. Höhepunkte werden erreicht und überschritten, es sieht zu- weilen aus, als ob der arme Erdensohn sich in schaurige Laby- rinthe verirrte, wo er unrettbar den lauernden Drachen der Nacht zur Beute werden müßte, vergessen ist dann, was er einst erkannt, erkämpft, genossen hatte, Geist und Körper scheinen zu degeneriren— bis nach Jahrhunderten ein neuer Aufschwung eintritt, eine neue Höhe geahnt, ersehnt, erstrebt— vielleicht nur theilweise gewonnen, aber jedenfalls nicht dauernd behauptet wird; denn die Finsterniß fordert immer wieder ihr Recht, wenn sie auch noch so sehr in ihre Höhlen zurückgedrängt schien. Ein entmuthigendes Schauspiel! möchte man ausrufen. Und Man hätte Grund zum Verzagen, wenn die Betrachtung der Wirklichkeit sich in der Wahrnehmung dieses allerdings nicht weg- Zuleugnenden Turnus von Vorschritt und Rückgang erschöpfte. Aber dem ist nicht so. Jeder Rückgang ist wenigstens immer �Möglicht, vielleicht immer herbeigeführt durch eine Einseitigkeit, kine krankhafte Unzulänglichkeit des vorher erreichten Glücks- Zustandes. Durch und in dem Rückgange erlangt derjenige Trieb menschlichen Natur, welcher vorher unbefriedigt geblieben und '"ehr oder minder erstickt war, Gelegenheit sich geltend zu machen. Zunächst thut er das in rächender zerstörender Weise gleich der �'ava eines Kraters, die beim gewaltsamen Hervorbruch Aecker und Weiden in Einöden verwandelt. Aber wenn dieses zornige, �irwüstende Befreierthum sein Amt gethan hat, dann erzeugt der nun zur Herrschaft gekommene Trieb aus seiner Natur die neue �nlturblüthe, welche keine Wiederholung der alten ist, sondern °Me Ergänzung zu der alten, wie auf dein erkalteten Lavastrom Z�ar nicht das Brot und die Milch gedeihen, wie auf den ver- schütteten Auen der Vorzeit, wohl aber die edlen Feuerweine, U'elche jene Wiesen und Getreidefluren nie hervorgebracht hätten. Nur so kann sich die Vielseitigkeit der Natur, auch der mensch- uchen Natur, in ihrer ganzen Herrlichkeit offenbaren. asi». ing, angezeigt von Silvanns. Sollten uns diese Erwägungen neu und fremd sein? Wer von uns erwartete nicht einen weltgeschichtlichen Ausbruch, der die Gärten öde machte, in denen der, freilich auch sehr mensch- liche Trieb der gewaltübendcn Willkür König ist, und jene freien Haine hervorzauberte, in denen der Trieb des Gerechtseins heimisch sein wird? Doch wenn die Geschichte uns nichts weiter zeigte, als diesen spielenden Tanz buntfarbigster Kulturphäsen, so möchte immer noch Grund zum Verzagen und zum Verstimmtsein gefunden werden— denn nach welchem Ziele treibt uns Kinder der Gegen- wart der tiefste, unbesieglichste Herzenswunsch? Nach der Ver- wirklichung der vollen, ganzen, unverstünimelten Menschlichkeit. Es genügt uns ganz und gar nicht, Reaktion zu machen gegen die ökonomische, politische, religiöse, wissenschaftliche, ästhetische:c. Lebensform der letzten Jahrhunderte, wir wollen den dunkeln Grund unsers eignen Innern hell beleuchten und all die keimhast schlummernden Möglichkeiten eines neuen revolutionären Natur- Protestes gegen das von uns erstrebte Kulturziel klar erkennen, um ihnen die drohende Feindseligkeit gründlichst zu benehmen, nicht dadurch, daß wir sie im zarten Zustande todtbrennen und also einen Mustermenschen nach unserm Geschmack zurcchtschneidern, der dann nichts weiter zu thun hat, als sein holdes Ebenbild in möglichst vielen lebendigen Kopieen auf diesem Planeten herum- wandeln zu lassen, so lange Mutter Tellus dies Geschlecht über- Haupt noch auf breitem Rücken zu tragen belieben wird— sondern dadurch, daß wir bei der Einrichtung des„neuen Reichs"— worunter wir natürlich nicht einen Zuwachs der bestehenden Staatcngruppe meinen— für jeden dieser Keime die Stelle zum Gedeihen und Ausleben schaffen, so daß die Ergänzung, welche jetzt sich als ein Nacheinander in der Geschichte darstellt, zum Nebeneinander in der Gesellschaft wird. Wohl wird sich eine solche „Einrichtung" nicht bis zu irgend welchem denkbaren Termine endgiltig erledigen lassen— aus dem einfachen Grunde nicht, weil nie ein Mensch wird behaupten können, daß er die ganze Natur seines Geschlechts überschaue(wer sich überzeugen will, zu welchen Albernheiten solche Schematisirungen der Menschennatur führen, bekümmere sich um die Träumereien Fourier's, von denen z. B. der Bracke'sche Volkskalender für 1875 einen hübschen 108 Abriß gab), wohl aber läßt sich eine schmiegsame, gleichsam organische Gesellschaftsform denken(während wir bisher nur mit krhstallinischen Gesellschaftsformen zu thun hatten— wenn man ein etwas trübes Gleichniß in den Kauf nehmen will), eine Ge-! sellschaftsform, die sich mit eigenen Kräften stets so umgestalten kann, wie es jedes neu auftauchende Bedürfniß fordert, die also die Revolution für alle Zukunft menschlichen Erlebens„in Per- manenz erklärt" und dabei in ihren Erscheinungsformen stets milder und schonender werden läßt. Ist erst der Kampf um eine solche soziale Neugestaltung zum Sieze ausgeführt, dann hat jener historische Wechsel von Fluth und Ebbe der Kulturbestrebungen seine Schrecken verloren und sinkt mehr und mehr zu einem neckenden Spiele kleiner Wellen herab, deren jeder Beschauer eine ganze Reihe kommen und gehen sieht, wenn er sich eine Weile ruhig am Strande aufhält. Dann haben wir in immer stei- gender Vollkommenheit die Verwirklichung des reinen Menschen- thums— eine absolute Vollkommenheit liegt freilich außerhalb der Schranke unserer Strebungen. Ob es so kommen wird? Wahrsagen kann nur ein Narr; das aber darf als sicher gelten, daß der spezifische Kulturtrieb unserer Zeit mit ganzer Kraft auf eine solche Gestaltung hin- drängt. Wer ein ächter Sohn des neunzehnten Jahrhunderts ist, dem genügt es eben ganz und gar nicht, ein Sohn des neun- zehnten Jahrhunderts zu sein, der will sich heimisch fühlen in allen Denkbarkeiten menschlichen Lebens rückwärts und vorwärts — er will gerecht sein, das heißt ein Bürger unseres Zukunft- reiches. Die entsetzliche Sthllosigkeit modernen Lebens ist nur die natürliche Karrikatur dieser eigensten Werthart unseres heutigen Daseins. Daß die Karrikatur sich vordrängt, da die wahre Gc- stalt noch nicht auftreten kann— wen wollte es wundern? Und das Mittel, sein eigenes Sein so zum Sein der Mensch- heit zu erweitern? Die kritische Wissenschaft, sowohl die auf- bauende wie die zerstörende, die Anthropologie, Menschenkunde und Menschheitskunde im weitesten Umfang, ebensowohl die natur- wissenschaftliche als die historische Disziplin dieses Namens— eine Spaltung, die nicht bis ins Wesen der Sache einschneidet. Und das Versuchsfeld dieser Wissenschast nach ihrer einen Seite hin, das sind eben die Denkmäler des Vergangenen. Glaube doch Niemand, sein Streben nach reiner, schöner Menschlichkeit habe einige Aussicht auf Erfolg, wenn er die Fünde auf diesem Felde ignorirt. Alles, was Menschen je gewollt, gedacht, ge- schwännt haben, ist dunim und verkehrt stets nur in seinen in- dividuellen Momenten; der bewegende, völkerbelebende Grund- ström ist stets ein Gutes, Wahres und Schönes, und berühre es uns auch in seiner überlieferten Form wie ein Mischmasch von Unsinn und Abscheulichkeit. Grade wo wir geneigt sind, vornehm klug zu lächeln oder stolz entrüstet das Haupt zu schütteln, spielen wir stets selbst die Ehinesenrolle, die dem oben angedeuteten Wesen des würdigen Sohnes dieser Zeit denkbarst scharf ent- gegengesetzt ist. Liebe und Ehrfurcht fordert jede erkennbare Regung warmen Lebens, die aus einem Stein oder einer Buch- rolle der Vorzeit zu uns redet, und mögen ihre Urheber so' „spanische" Namen führen wie Kurigalpu und Ptochhotcp. Wird das verweigert, so rächt sich die verkannte Menschennatnr durch theilweises geistiges Erblinden des Verkenners. Haben somit grade wir Vertreter der„neuen Welt" das stärkste Interesse, die Kulturhöhen der Vergangenheit zu verstehen, — denn uns gehören ihre Schätze, an denen der bloße Fach- gelehrte herumklaubt, wie der Sklave am Diamanten, den er für seinen Herrn aus dem Flußkies hervorwühlt,— so dürften grade wir mit großer Freude ein Buch begrüßen, in dem Robert Hamerling, der Dichter des„Königs von Sion", es unter- nimmt, den schönsten und größten Lichtmoment in der ganzen Vergangenheit unseres Geschlechts, das Athen der vollendeten, noch nicht ausgearteten Demokratie uns lebendig nahe zu bringen. Um so größer muß diese Freude werden, wenn wir sehen, daß Hamerling grade die Betrachtungsweise, von der wir oben ans- gehen mußten, um die Bedeutung historischer Erkenntnis; für uns speziell zu verstehen, bei der Disposition seines Stoffes geübt hat. Er sucht das eigenartig Herrliche jener Zeit zu würdigen und zu preisen, aber zugleich seine Einseitigkeit aufzuspüren und uns verständlich zu machen, wie jener Glanzmoment in Folge dieser Einseitigkeit so schnell vorübergehen mußte. Die Handlung des Romans soll eine anschauliche Exemplisizirung dieses Vor- gangs sein und zwar an zwei so hervorragenden Persönlichkeiten, daß der Selbstvollzug dieser inneren Nemesis an ihnen auf die Hervorbringung des gleichen Vorgangs im Allgemeinen bestim- mend, fördernd wirkt. Sehr richtig ist dabei die Aufgabe des kulturgeschichtlichen Romans aufgefaßt. Der Autor sagt treffend! in der Vorrede:„Immer hat sderj Parallelismus von Einzel- und Völkergeschick, von individuellem und allgemeinem Leben mir' als das Kunstgeheimniß der epischen Dichtung, als ihr oberstes Prinzip, als ihr eigenstes Schema vorgeschwebt. Nicht so jedoch, i daß das Detail des erzählten Einzellebens und das des allge- meinen eben nur neben einander herlaufen, eines gleichsam die Episode des andern, sondern daß beide so viel als möglich a» einem und demselben Detail sich abspinnen, daß sie soviel alS möglich einem organischen Gebilde gleich, lebendig ineinander verwoben nnd verschlungen sind." (Schluß folgt.) E,n norwegischer Hochzeitszug. Unser Bild zeigt einen von der Kirche heimkehrenden Hochzeitszug norwegischer Bauern, der, wie üblich, bei einem der am Wege gelegenen Bauernhöfe angehalten, dainit das junge Ehepaar für die ihnen zu Ehren von den Hofbewoh- nern abgegebenen Begrüßungsschüsse danken kann. Die Hofbesitzer, Mann und Frau, bringen den Ankommenden als Willkommengruß Bier und Schnaps entgegen. Ist Bescheid gethan, so geht der Zug weiter, um bei jedem der am Wege liegenden GeHöste aus demselben Grunde einzukehren und in gleicher Weise begrüßt zu werden. Bon den Neu- vermählten zeichnet sich die junge Frau durch die Norwegen eigenthüm- liche, in einigen Gegenden des Lands überaus kleidsame Brauttracht aus. Der Kopfschmuck ist überall in Norivegen eine, mitunter ziemlich hohe, silberne und vergoldete Brautkrone, der sich eine Menge silber- vergoldeter Gehänge auf der Brust würdig anreihen. In einigen Land- strichen Norwegens, namentlich im Gebirgslande des Hardangerfjeld, gehört auch noch zur besonderen Ausschmückung der Braut ein purpur- sarbenes Gewand, mit Gold gestickt oder mit goldenen Tressen besetzt. Der norwegische Dichter A. Münch beschreibt in einem hübschen Ge- dichte einen Hochzeitszug in Hardanger, der sich von dem aus unserm Bilde dargestellten nur dadurch unterscheidet, daß er sich über die Ge- wässer des Hardangcrfjord(Hardangermcerbusens) nach dem Hochzeits- hause zurückbewegt. Wir lassen das Gedicht in der möglichst getreuen llebertragung eines uns unbekannten Uebersetzers hier folgen. Es wehet die herrliche Sommerlust Ueber die Wasser des Hardangcrfjord, Wo hoch gen Himmel im bläulichen Duft Die mächtigen Berge treten hervor. Der Gletscher glänzt, es grünt Berg und Flur, Im Fcstgewand erscheint die Natur— Denn sieh! über hellgrüne Wogen Kommt heimwärts ein Brautzug gezogen. Gleich einer Königstochter, hoch und hehr, Mit Goldkrone und Scharlach angethan, Zieht im Steven die prächtige Braut einher Durch die vom Sonnenglanz erhellte Bahn. Glückselig schwingt der Gatte den Hut— Jetzt führt er heim das theu'rste Gut, Und in den milden Augen er sieht, Wie sein Leben sonnig vorüberzieht. Schon erschallt der lockenden Töne Fall Bon Tanz und Gesang über die Wogen; Bon Fels zu Fels rollet der Büchsen Knall, Und Freudenruf kommt vom Wald gezogen. Mit den Brautjungfern man Scherze treibt. Und der Küchenmeister, wohlbeleibt, Füllt stets aufs neue die Becher, Zu des Brautpaars Ehr', für die Zecher. So ziehen sie hin mit heiterem Spiel, Hinüber zu den erneuten Festen, Bis Boot auf Boot erreicht das nahe Ziel Mit frohen hochzeitlichen Gästen. Der Gletscher glänzt, es dunkelt die Kluft, Es duftet balsamisch die Abendluft— Am andern Ufer die Kirche steht, Der Segen vom Thurme herüber weht. X-!. Berantworlllcher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.— Druck und Verlag der Genoffenschastsbuchdruckerei in Leipzig.