Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Atark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig Die wahre Geschichte des Zosna Davidsohn. (Fortsetzung.) 12. 5tnpitel. Es war spät am Abend und wir gingen langsam den Bonle- vard Montmartre entlang, als ich ein augenscheinlich anfs äußerste ermiidetes Weib mit wankenden Schritten auf uns zukommen sah. Ihre Kleider waren zerrisse», ihr bleiches Gesicht wandte sich jedem Vorübergehenden zu mit ängstlich forschendem Blick, weniger neugierig als sehnsuchtsvoll; ihr schönes, üppiges Haar hing im- geordnet über Gesicht und Nacken. Eine bange Ähnung erfaßte »lich, und als ich Josua auf die Wandrerin aufmerksam machen wollte, war mir die Kehle wie zugeschnürt. Ich brauchte auch nicht zu reden, sie sah uns fast im selbe» Moment, wo ich sie erkannt hatte; sie blieb, nach Athem ringend steh»,— wir eilten auf sie zu, und uns die Hände entgegenhaltend, sagte sie, während ein mattes Lächeln über ihr todtenblasses Antlitz flog: „Ich wußte, daß ich dich finden würde, Josua." Dann brach lie zu seinen Füßen zusammen, die Arme ausgestreckt und das schöne Haar inr Staube schleifend. Arme, liebende, treue Man;! Sie war die letzten Tage zu Fuß gewandert, und wenn wir Männer auf unserer Reise nach Paris gelitten hatten, so hatte sie zehnmal mehr gelitten. Wie sich herausstellte, hatte sie sich bald nach uns aufgemacht und u�r länger als drei Wochen unterwegs gewesen. Man muß �denken, daß sie ein ganz unwissendes Mädchen war, und von Geographie keinen Begriff hatte. Was thun? Sie war da, und das ließ sich nicht ändern; �ir nahmen sie in unsere Wohnung Rue Blanche; der Haus- wann(Portier) lachte bedeutsam, als wir eine Stube für sie ver- Engten. Statt so zu lachen und von der Seite zu schielen, wie er es that, hätte er ihr lieber den Einlaß ganz verweigern sollen. �as Blut schoß in Josua's bleiches Gesicht, aber nur für den ersten Augenblick. Josua war nicht der Mann, der das Rechte Ju thun unterließ, aus Furcht, daß das Rechte Unrecht scheinen wöchte. Er reichte Mary die Hand und führte sie ernst in unser Limmer. Sie machte sich Vorwürfe und war zerknirscht, als sie sich der falschen Stellung bewußt ward, in welche sie sich selbst und Josua gebracht; er wollte jedoch kein Wort hören.„Wenn du auch nicht klug gehandelt hast, mein Kind," sagte er,„so hast du doch treuen Herzens und in gutem Glanben gehandelt; wäge» wir eins gegen das andere ab— und es hebt sich auf." Unser Hausmann war ein Mensch, der mir vom ersten Moment an Abscheu und eine unbestimmte Furcht einflößte. Er war roth- haarig, grundhäßlich und trug den Stempel der niedersten Leiden- schaften auf der Stirn. Legros, so hieß er, spielte jetzt, zur Zeit der Commune, den cnragirten(wüthenden) Republikaner und Sozialisten, ich bezweifle aber nicht— und es wurde von mehreren Seiten erzählt—, daß er unter dem Kaiserreich bei Revuen und anderen derartigen Gelegenheiten mit am lautesten„Es lebe der Kaiser" gebrüllt hatte. Er kannte kein leitendes Lebensprinzip, ausgenommen die Selbstsucht— freche, cynische, jedes Feigen- blatt verschmähende Selbstsucht, eine Selbstsucht, die an Nichts glaubte, als an daö liebe Ich— ein Mann, dessen höchstes Ideal menschlichen Glücks und menschlicher Klugheit eS war, kleine, erbärmliche Summen Geld anzusammeln und in gemeinster Sinnlichkeit zu verbringen; ein Mann ohne Treue, Ehre, Gerech- tigkeit und Mitleid. Ich glaube nicht, i» meinem Urtheil über ihn zu hart zu sein, denn Legros war einer jener, zum Glück seltenen Menschen, welche die Fabel vom Teufel als Wahrheit erscheinen lassen könnten. Wenn ein Satz bei Legros feststand, so war es der, daß weibliche Tugend nur ein Ammenmärchen sei. Er verlachte die Möglichkeit einer reinen Freundschaft zwischen Männern und Frauen und hatte natürlich seine eignen Gedanken über Mary. Eines Tags drückte er dieselben zu deutlich aus. Es war irgendeine rohe Beleidigung— ich hörte niemals genau, was es war—, die er sich gegen daS arme Mädchen er- laubte. Wir beide waren ausgegangen und hatten Matt) zu Hause gelassen; bei unserer Rückkehr fanden wir sie in äußerster Aufregung und Empörung über Etwas, das während unserer Abwesenheit vorgefallen. Sie erzählte es Josna, aber nicht mir; daß Mary schändlich beschimpft worden, erfuhr ich erst, als Josua, der sofort hinausgeeilt war, wieder die Treppe heraufkam und mir sagte, er sei im Portierstübchen gewesen und habe LegroS so durchgeprügelt, daß derselbe kein Glied mehr regen könne. Dies war das erste und einzige Mal, daß er in einem Privat- streit seine Hand gegen Jemand erhoben, und ich wollte, er hätte mir das Geschäft überlassen; ich hätte es ebenso gut verrichtet und er sich die Hände rein erhalten. Wenige Tage nachher wurde Legros von einem Bombensplitter getroffen. Josua, der davon horte, empfand keinen Groll mehr und nahm sich des Schwerverwundeten so liebreich und sorgsam an, daß er ihm das ?eben rettete. Keiner arbeitete in dieser Zeit angestrengter, als Josua. Um im Dienste der Bienschhcit zu arbeiten, dazu war er ja nach Paris gekommen. Bon Piorgens früh bis Abends spät war er bei den Armen und Hungernden, den Verwundeten und Ent- muthigten, half Alle», die Hülfe brauchten, so gut er konnte,— sanft wie eine Frau, treu und fest wie ein Held. Was die Commune ihm sonst auftrug, das that er, sie hatte keinen zuverlässigeren Diener. Auch am Kampf betheiligte er sich, und seine Käme- raden sagten von ihm, im dichtesten Kugelregen habe er keine Miene verzogen. Niemals kam ihm ein selbstischer Gedanke, der ihn schwächte oder ablenkte. Ost ging er mehrere Nächte hinter- einander nicht zu Bett; er schien die Stärke von zehn Männern zu haben und durch eine beinahe übernatürliche Kraft aufrecht er- halten zu werden. Denn der Hunger, welcher die Stadt vcr- wüstete, berührte auch Josua mit nicht leichter Hand. Bon Tag zu Tag wurde er bleicher und magerer, seine strahlenden Augen, die immer nach Etwas blickten, das weiter entfernt war, als unsere Augen reichten, traten zurück in die Höhlen, seine Wangen wurden eingefallen und bleich, seine Lippen bläulich und trocken. Allein niemals klagte er, niemals dachte er an sich selbst, und wenn er zwölf oder vierundzwanzig Stunde» ohne'Nahrung gewesen, theilte er seine dürftige Ration noch mit dem ersten besten Borüber- gehenden, der hungrig aussah. Auch Mary litt durch den Mangel und die Entbehrungen, die uns Allen auferlegt waren. Wir thaten für sie, was wir konnten. Wenn mein Leben das seine oder das ihrige hätte erhalten können, ich würde es gern hin- gegeben haben, so gern wie meine harte Kruste Brot. Aber sie hielten sich tapfer, sie beide. Mary half gleichfalls bei der Pflege der Kranken und Benvuudeten. Sie wurde als„Schwester" in die englischen Ambulancen(Feldspitäler) aufgenommen und wenn nöthig, durch Dolmetscher unterstützt; selbst in der schlimmsten Zeit war ihr freundliches, sonniges Gesicht den Kranken und Sterbenden, wenn sie sich sanft über ihr Bett beugte, ein Trost, eine Erquickung. Und hier muß ich erwähnen, wie vollständig in den letzten Jahren alle Spuren ihres früheren Lebens ver- wischt waren, durch Liebe gereinigt, das ist der richtige Ausdruck. Es ist dies keine Einbildung von mir. Jeder, der Josua und Matt) Prinsep gekannt hat, wird es bezeugen. Der Tag der unvermeidlichen Katastrophe rückte näher und näher. Paris war deni Verderben geweiht, keine Rettung mehr zu erwarten. Die Versailler waren zu übermächtig, und die Hoffnung auf ein freies Europa war für dieses Mal vereitelt; nur für dieses Mal. Denn so gewiß auf die Nacht der Tag folgt, so gewiß wird das Gesetz der Menschenrechte auf die Tyrannei und Unterdrückung folgen, die bis jetzt in der Welt geherrscht haben, und die heilige Fahne des Menschenthums, roth gefärbt vom Blut der Commune, wird siegreich wehen auf den Trümmern der alten Gesellschaft. Aber vorläufig vae victis! Wehe den Besiegten! Wehe dieser armen, elenden, geknechteten Welt! Der General-Vicar(Stellvertreter des Erzbischofs) war nach Versailles gegangen, jedoch nicht zurückgekehrt, und das, wenn ich nicht irre, nun zum dritten Mal gemachte Anerbieten, den Erz- bischof Darboy und die übrigen Geiseln gegen den einen Blanqui auszuwechseln, war keiner Antwort gewürdigt worden. Wie oft muß die Wahrheit erzählt werden? Und werden Die- jenigen, deren einziges Streben es ist, ob mit Recht oder Unrecht, die Schmach der Blutschuld auf die Commune zu wälzen, jemals zugestehen, daß der wirkliche Mörder des Erzbischofs Darboy und der anderen Geiseln Herr Thiers war? Thiers wußte, was kommen würde, was kommen mußte, ebenso gut wie ein Mann weiß, was werden wird, wenn er ein bren- nendeS Zündholz auf ein Pulverfaß wirft. Er wußte, daß, wenn eS nicht zu einer Verständigung mit der Commune kam, die Geiseln unrettbar geopfert würden. Zur wildesten Leidenschaft entflammt, wie Paris war, umgeben von Feinden, die es. wie ein wildes Thier behandelten und zu seiner Vernichtung selbst dem gemein- samen Feinde die Hand reichten, seine edelsten Männer als un- menschliche Bestien ausgeschrien, die Stunde der Demüthigung und des blutigen Todeskampfs nahe,— da konnte von kalter Ueberlegung der Folgen, von ruhigem Hinnehmen der Niederlage nicht die Rede sein. Das Blut der Menschen war in sieber- hafter Wallung; die Wirkung wurde vorausgesehen, berechnet und ins Spiel gezogen. Es war ein hoher Einsatz, aber die Com- mune in den Koth reißen und ihr den unauslöschlichen Schand- steck der Blutschuld anhängen, das war selbst das Leben eines Erzbischofs und einiger sechzig Anderer Werth. Wir waren während der Zeit der Hinrichtung im Gefängniß. Es ist unmöglich, genau zu beschreiben, wie Alles kam. Niemand hat es bisher vermocht, Niemand wird es in Zukunft vermögen. Alles war Venvirrung. Niemand wußte bestimmt, was gethan werden sollte, und von wem; und Niemand besaß eine allgemein aner- kannte Autorität. Die Führer der Commune fochten einzeln auf den Barrikaden, und alle Oberleitung hatte ein Ende. Der Tumult und die Benvirrnng in dem Gefängniß spotteten jeder Beschreibung. Leute kamen und gingen, Befehle wurden gegeben und wieder zurückgenommen, Frauen schrieen, einige nach Blut, andere um Erbarmen, Gamms(Straßenjungen) johlten, und durch Alles hindurch, Alles übertönend, hörte man den Donner der Kanonen und das Pfeifen der Bomben, während der Rauch und die Flammen von Paris zum Himmel emporstiegen. Josua schwang sich auf einen Kanonenlauf und bat um das Leben der Unglücklichen.„Die Aufgabe der Commune", sagte er,„war, die Befreiung der arbeitenden Klassen zu erwirken, und der Welt die sittliche Kraft der Arbeiter und ihre Fähigkeit zur Selbstregierung zu zeigen. Das Hinschlachten unbewaffneter Menschen würde das Gegentheil beweisen. Es würde nur unfern Feinden eine Handhabe liefern, denn es wäre eine Niederträchtig- keit, der Arbeiter unwürdig— ein Akt, weder menschlich noch edel, weder gerecht noch großmüthig. Wie sehr auch immer die Versailler Regierung sich vergangen hat, Unschuldige dürfen darunter nicht leiden. Laßt die Commune sich in diesem Augen- blick der Prüfung erhaben zeigen durch Tugend, und haltet unsre heilige Sache rein von Blutschuld!" Während er sprach, zog Legros seinen Revolver ans dem Gürtel. „Tod dem englischen Berräther!" brüllte er.„Tod dem Werk- zeug der Pfaffen! Er glaubt an Jesus Christus!" „Christus— wir können keinen Christen hier brauchen! Tod dem Verräther!" schrie Einer, schrie ein Zweiter aus dem Haufen. In Todesangst um den Mann, den ich auf Erden am meisten liebte, und dessen Leben jetzt au einem dünnen Faden hing, sprang ich vor und deckte Josua's Leib mit meinem eignen, als ein hoch- gewachsener Mann— er war einer der Unseren, da er aber jetzt auf einem Bureau der Regierung beschäftigt ist, will ich ihn nicht nennen— ruhig den Revolver aus Legros' Hand schlug. „Spar' deine Kugeln für die Feinde auf!— Verbrauche sie nicht gegen die Freunde!" sagte er.„Dieser Mann ist keine Geisel." Dann flüsterte er eilig, sich seitwärts zu Josua wendend: „Fliehen Sie, so lange es noch geht, ich werde Ihnen zum Rückzug behülflich sein und die Aufmerksamkeit der Wüthenden ablenken." „Oh, hätte ich die Stimme eines Propheten, daß ich sie Weisheit lehren könnte!" rief Josua. „Dummes Zeug, Freund," sagte unser Beschützer niit ver- ächtlichcm Lächeln.„Die beste Weisheit besteht jetzt darin, daß Sie Ihr Leben retten und nicht den albernen Versuch machen, andere Leute zu belehren." „Hinaus mit euch, ihr Spione, Verräther, Pfassenknechte! Wir können keine Anhänger der Versailler Banditen hier dulden!" schrie ein aufgeregter, halb toll aussehender Mann ganz nahe bei uns.„Hinaus mit ihnen, Bürger!" Und bei diesen Worten legten ein halbes Dutzend schreiender und wild gestikulirender Männer nnd Weiber Hand an uns und warfen uns unsanft hinaus. Wir konnten von Glück sagen, daß wir mit unserm Leben davonkamen; die lawinenartig anschwellende Menge war nickt in der Stimmung, auf ein paar Menschenleben mehr oder weniger sonderliches Gewicht zu legen. Genug— wir wurden unter Schlägen und bitteren Schimpfworten, � aber sonst unbehelligt, an die Luft gesetzt; und im Moment, wo wir durch den Thorweg gedrängt wurden, hörten wir einen tosenden Wuth- ausbnich— eine Salve, und wir wußten, daß die Staats- mannskunst des Herrn Thiers triumphirt hatte. Einige Pariser— nicht die Commune— waren in die für sie bereitete Falle gegangen. Das Blut war vergossen, welches die Freiheit so lange mit Schamröthe bedecken wird, bis die Menschen die Wahrheit hören und verstehen können. Der letzte Tag kam. Die Kanonen auf unseren Forts waren verstummt, das Volk focht in den Straßen, verzweifelt, besiegt, aber nicht feige. Die Versailler strömten herein wie los- gelassene Wölfe, Paris schwamm in Blut und wogte in Flammen. Und dann erhob sich das Geschrei von den„Petroleusen", gleich dem rasenden Feuer, das zum Himmel aufloderte. Was lag daran, daß es eine Lüge war? Es gab der Ordnungspartei noch einen Grund mehr, wenn sie überhaupt eines Grundes be- dürft hätte, ihren Blutdurst zu beschönigen. Es waren ihre Saturnalien und sie leerte den Becher zur Neige. Die Waffen, die sie so schlecht gegen die Preußen gebraucht, dienten ihr nur zu gut gegen die Landslcute, und die kurze Stunde der Hofs- nung einer Nation fand ihr Ende in den blutigen Rachethaten von Brüdern, in Grausamkeiten, die Alles übertrafen, was nian von den Greueln einer siegreichen fremden Armee gehört oder gelesen hat. Ich war länger als vierundzwanzig Stunden von nieinen Freunden getrennt gewesen. Das HauS, in den« wir gewohnt, stand in Flammen, und als ich zu einem Pariser Freunde, De Lancy, ging, um Erkundigungen einzuziehen, fand ich an der Hausthür ihn selbst, seine Frau und ein kleines Töchterchen von noch nicht zwei Iahren, wie schlafend daliegen, nur daß ihr Blut ihr Bett war. Man hatte sie alle Drei zusammengebunden und erschossen. Nicht einer, sondern Hunderte, ja Tausende solcher Fälle sind in der Geschichte jener entsetzlichen Zeit verzeichnet, wo die siegreichen Versailler in Paris einzogen und die bürger- liche Gesellschaft sich an den Männern rächte, die gewagt hatten, das von ihr begangene Unrecht wieder gut machen zu wollen. Und inmitten der furchtbaren, haarsträubenden Scenen, die mir entgegenstarrten, inmitten der zahllosen Spuren brutalen, muth- willigen Mordens fürchtete ich jeden Moment, auf die Leichen Josua's und Mary's zu stoßen. Niemals war ich dem Wahn sinn so nah, wie an jenem Tage, da ich die blutigen Straßen von Paris duirchwanderte nnd meine Freunde suchte; Trauer um die verlonic Sache, Entsetze» über die Scene», die ich erblickte, und Angst um Die, welche ich liebte,— Alles vereinte sich, um mir für diese Stunden das Leben zur Qual zu machen. Endlich war ich so glücklich, Mary zu finden; sie schritt über die Straße, ein venvundetes Kind in ihren Armen, das sie ins Lazareth tragen wollte. Ich rief ihr zu und lief ihr nach, aber schwach, wie ich durch Aufregung und Mangel an Nahrung ge- worden, hatte meine Stimme nicht die Kraft, sie zu erreichen. Während ich hinter ihr herkeuchte, kam plötzlich Jacques Lcgros, die Mütze in der Hand, unter tiefen Bücklingen auS einem zerstörten Hause hervorgestürzt und redete den Hauptmann einer Abtheilung Soldaten an, welche grade vorbcimarschirte. Er deutete mit heftigen Gcberden auf Mary. „Sehen Sie, Herr Hauptmann," sagte er laut weinend und schluchzend, als wäre er dem wildesten Schmerz zum Raub, „dieses Frauenzimmer ist die Maitresse eines englischen Koni- *) Saturnalicn, ein altrömisches Volksfest zu Ehren des Gottes Saturn; ursprünglich ein Fest der Gleichheit(die Sklaven wurden von ihren Herren bedient); später jedoch ausgeartet, nur der Anlaß zu wüstester Rohheit und Ausschweifung. Daher im gewöhnlichen Sprach- gebrauch oft fast gleichbedeutend mit Orgien. Aus den Saturnalien ist unser Carncval entstanden, der seine Abstainmung nicht verleugnet. munisten, sie ist eine Petroleuse. Sie hat das Haus meiner Mutter iu die Luft gesprengt. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen." „Greift sie!" sagte der Hauptmann in eigcnthümlichem, halb bitterem, halb geschäftsmäßigem Tone, llnd Mary wurde von einigen Soldaten ergriffen und vor ihn gebracht. „Es ist eine hübsche Scheibe," fuhr er roh lachend fort. „Schade— ein so hübsches Mädchen! Aber man darf keine Petroleuse sein, mein Kind! Pfui!" „Ich habe nichts Böses gethan," sagte Mary, mit halb irren Blicken ihn vergebens um Mitleid anflehend.„Ich habe soviel Gutes gethan, als ich konnte." „Ist das„„Gutes gethan"", wenn man ehrlicher Leute Häuser in Brand steckt, Elende?" sagte der Hauptmann, indem er Plötz- lich seinen spöttischen Ton mit dem erbarmungslosen Grimmes vertauschte und in gebrochnem Englisch sprach.„Eine Petro- lense?— Du verdienst nicht zu leben!" „Sie ist keine Petroleuse," sagte ich, mich herandrängend. Ein Schlag streckte mich bewußtlos nieder, und als ich wieder zu mir kam, lag ich verwundet am Boden, Mary ausgestreckt neben mir— durchs Herz geschossen! Es war Abend; bald nachdem ich mich einigermaßen erholt hatte, und das Grauenhafte, welches geschehen, zu begreife» an- sing, kam Iosua mit dem Mann, der ihn, zur Zeit der Ermor- dung der Geiseln im Gefängniß das Leben gerettet hatte, uns suchend an den Ort, wo wir lagen.— Von dieser Episode habe ich nichts mehr zu erzählen. Unsere Mary wurde liebevoll, zärtlich beerdigt, und ich legte einen Theil nieines Lebens mit ihr ins Grab. Was Iosua empfand, habe ich niemals genau erfahren. Er sagte nicht viel, und obgleich ich ihn einmal, als er mich schlafend glaubte, den Kopf auf die Hände gestützt, bitterlich weinen sah, so machte er doch nicht die leiseste Andeutung, ob es Mary's Verlust oder das Fehlschlagen der Sache war, was ihm die heißen Thränen entlockte. Wahr- scheinlich beides zugleich. Was es auch war, der Gram zerfraß ihm das Herz, und trotz meiner bösen Wunde— das Schlüsselbein war mir zerschmettert— sah ich doch ein, daß er weit mehr litt als ich und mehr der Pflege und freundlichen Rücksicht bedurfte. Ein paar Tage lang fürchtete ich sogar, daß er sterben würde. Um mich selbst hatte ich keine Besorgniß, es war mir, als könnte ich nicht sterben, so lange Iosua lebte und mich brauchte. Er kämpfte den Seelenschmerz nieder, und ich genas ziemlich rasch. Sobald ich im Stand war, zu reisen, und eine günstige Gelegenheit sich bot, schaffte unser Freund, der uns die ganze Zeit sicher verborgen hatte, uns fort nach England, llnd wahr- lich, ich hätte jauchzen mögen, als wir uns mit heiler Haut wieder auf dem Boden der„Old Country", dc> alten Heimath, befanden. Auch Iosua war froh. Die Enttäuschungen, die Unthätigkeit, -die nagenden Gedanken der letzten Wochen hatten ihm- hart zu- gesetzt, fast härter als die gewaltsamen Aufregungen des Com- mune-Trauerspiels. Wieder in England, hoffte er Etwas für die Menschheit, die er liebte, und für die Wahrheit, der er sein! Leben geweiht, thun zu können. Nach unserer Rückkunft hatten wir schwere Zeiten. Da, wo wir bekannt waren, war es uns unmöglich, Arbeit zu bekommen. Wenn Iosua schon früher gemieden worden war, weil er mit „verdorbenen Subjekten" verkehrt, sich auf eigene Faust seiner Mitmenschen angenommen und die Fäulniß der Gesellschaft nach Kräften zu beseitigen versucht hatte, wie erst nun, nachdem er sich mit den„grauenhaften Irrlehren" der Commune von Frei- heit, Gleichheit und Brüderlichkeit besudelt hatte? Alltägliche Menschen mit ihren alltäglichen Gedanken schreckten in moralischem Abscheu vor ihm zurück. Er war ihnen die Verkörperung von Mord, Raub, Brandstiftung und Gewaltthat jeder Art, der Re- Präsentant des sozialen Umsturzes, der zügellosen Anarchie, der Barbarei. Er war ein Kommunist, und das bedeutet für die meisten Männer und Frauen unserer Tage, namentlich für die sich „gebildet" nennenden, soviel als fähig und bereit zu jedem Ver- � brechen.(Schluß folgt.) io, mein Kindchen, reg' die Hände, immer fleißig, ohne Rast, )aß du auch zum Sonntag, morgen, Zeine Strumpfchen fertig hast. Die erste Strickstunde. Denn zum Sonntag ohne Strümpfe, Ei, das schickt sich sicher nicht; Hör' nur, ivas die Großemutter Ihrem fleiß'gen Kind verspricht: Fein und schmuck wird dann ein Jeder Gern mein liebes Kindchen sehn, Aber träge Mädchen müssen All' zur Strafe barfuß zehn. O.-W. Robespicrre. Originalzeick ober ein höherer Stabsosfizier), um zu erkunden, was vorgeht. Alsdann(wahrscheinlich in Folge eines gegebenen Befehls oder j Zeichens) erscheinen mehrere Soldaten, denen bald eine ganze Armee folgt. Ohne Furcht und Zögern stürzen sie sich nun ans den Feind und beißen sich in die nackten Beine von Menschen derart ei», daß oft zollgroße Blutflecken in der Haut zurück- bleiben. Auch lassen sie sich eher in Stücke reißen, als daß sie loslassen. Nach einiger Zeit ziehen sich die Soldaten wieder zurück, und nun erscheinen Schaaren von Arbeitern, von denen jeder ein wenig Erde oder Mörtel im Maule trägt, um den geschehenen Schaden so rasch als möglich wieder auszubessern. Geht die nung.(Siehe Seite 128.) Arbeit nicht schnell genug, so klopft einer der wachehaltenden und die Arbeit beaufsichtigenden Soldaten mit seiner Zange auf das Gebäude, was einen eigenthllmlichen, dem Picken einer Taschen- uhr vergleichbaren Schall hervorbringt. Die Arbeiter antworten auf diese Aufmunterung mit einem eigenthümlichen Pfiff, und so- fort wird die allgemeine Thätigkeit wieder lebhafter.— Schlägt man nun zum zweitenmal ein Loch in das Gebäude, so wieder- holt sich sofort die ganze soeben beschriebene Scene. Am meisten Sorge trägt man um die KönigSwohnung und die in ihr ent- haltene Königin. Sie wird von Massen von Arbeitern und Soldaten umgeben und gedeckt, und zerstört man dieselbe, so ent- steht die größte Aufregung und Verwirrung in der Kolonie. Sozialdemokratie and �rkiterleka in der Thierwelt. Von Dr. Ludwig Büchner. (Verfasser von„Kraft und Stoff".) (Fortsetzung.) Der in de» Tropen oft wolkenbruchartig niederstürzende Regen wird durch zahlreiche Rinnen und Röhren mit Abzugskanälen von dem Eindringen in das Innere der Wohnung abgehalten. Das Großartigste aber leisten die Termiten im Brücken- und Wegebau, wobei sie, um gegen Gefahr und Entdeckung geschützt zu sein, entweder unterirdisch arbeiten oder die Wege mit aus Erde und Lehm angefertigten Galerien bedecken. Das übereinstimmende Urtheil der Termiten-Beobachter geht dahin, daß im Vergleich mit den Kunstleistungen der Termiten alle menschlichen Bauten im Veahältniß Lumperei sind. Die großen und schwere», mit dicken Köpfen»nd starken Zangen ausgerüsteten Soldaten arbeiten gar nicht, sondern lassen sich von den Arbeitern füttern und spazieren meist stolz umher, jeden Augenblick zn Kampf oder Vertheidigung bereit. Schlägt man mit einer Haue ein Loch in einen Termitenhaufen, so er- scheint in der Bresche zuerst ein Soldat(wahrscheinlich ein General Die Termiten sind eine der größten Landplagen in den Tropen und um so gefährlicher, als sie ihre großartigen Zerstörungen an allen hölzernen Gegenständen derart ausfuhren, daß sie Alles von innen heraus ausnagen und nur die äußeren Wände stehen lassen. Erst der plötzliche Zusammenbruch der zerstörten Gebäude, Balken, Schiffe, Möbel u. dgl. belehrt über das angerichtete Unglück. Es scheint darnach, sowie nach allem, daß die Termiten eine große Abneigung gegen die Helle des Tages haben und zu den entschiedenen Dunkelmännern gehören. Dieses zeigt sich auch einigermaßen in ihrer Staatsverfassung, welche zwar sonst ! große Aehnlichkeit mit der Ameiscn-Republik hat, aber durch den Besitz eines stehenden Heeres und dadurch, daß nur eine Königin vorhanden ist, sich mehr dem monarchischen Prinzip annähert. l Durch das stehende Heer ist der Termiten-Staat sogar noch mon- archischer als der berühmte Bienen- Staat, welcher zwar eben- falls, wenigstens in der Regel, nur eine Königin kennt, aber statt des stehenden Heeres das Prinzip der allgemeinen Volks- bewaffnung zum vollendetsten Ausdruck bringt. Ueberhaupt ist die Bienen-Monarchie eine Monarchie mit sehr demokratischen Institutionen. Man könnte sie gradezu eine kommunistische oder sozialdemokratische Monarchie nennen, also eine Art von politischer Staatsgestaltung, wie sie Napoleon III. eine Zeitlang, als er mit den Arbeitermassen kokettirtc, in Frankreich einzuführen die Absicht(?) gehabt zu haben scheint. Auch stützt sich die Königin ganz auf die Arbeiter oder geschlechtslosen Arbeiter-Bienen, deren sich 1