Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften k 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Oie wahre Geschichte 13. Stnpitel. „Die Wahrheit muß den Menschen gesagt werden, John," sagte Josna eineS Tages zu mir;„ob sie sie annehmen wollen oder nicht, ist ihre Sache. Aber geschehen muß es, und ich will es thun, was auch die Folgen sein mögen." „Für dich wird nichts Gutes herauskommen, Josna," sagte ich. „Sei es, mein Sohn. Das Predigen des Evangeliums führte die meisten Apostel zu einem schlechten Ende— was man so Zu nennen pflegt; ich trete nur in ihre Fußtapfen. Ich habe die Pflicht, unser Evangelium zu predigen,— wenn wir es der Welt nur klar machen könnten!" Arbeit an der Hobelbank war nicht mehr zu finden und wohl auch kaum mehr nach Josua's Geschmack; so nahm er wieder sein dornenvolles Geschäft eines Agitators und„Vorlesers" (leeturor) für Arbeiter auf und reiste im Land umher, die kom- wunistischen Lehren erläuternd und deren ächt sittlichen, rein wenschlichen Charakter nachweisend. Er rechtfertigte nicht alle Handlungen aller Männer, die wäh- rend der kurzen Regierungszeit der Commune in Paris an der Spitze gestanden hatten, aber er vertheidigte warm ihre Haupt glaubenssätze als die logische Konsequenz dcS Christenthums auf politischem Gebiet. Die Abschaffung der priesterlichen Oberherr- schaft in dem gesellschaftlichen und täglichen Leben der Menschen; kw Rechte der Arbeit; die Würde der Menschheit, welche die Forderung der Gleichheit begründet; die Pflicht?es Starken, dem Schwächeren zu helfen; die Unvollkommenheit der gesellschaftlichen Einrichtungen und die Nothwendigkeit einer vollständigen Reform, welche die Zwingburgen der Tyrannei und der Ungerechtigkeit Zkrstört und allgemeines Wohlbefinden ermöglicht; und die Selbst- �ogicrung des Volks— das waren die Lehren, die er predigte, Zu deren Annahme er jedoch die Welt nicht zu bewegen»er- wochte. Man nannte ihn, wie er sich selbst nannte: einen Kom- »uinisten, und der Name erregte solchen Anstoß, daß das große Publikum keiner Art der Erklärung zugänglich war. „Ihr habt Paris in Brand gesteckt," sagte der Eine.„Ihr habt Unschuldige gemordet," sagte ein Anderer.„Ihr habt Gott Äosua Davidsohu. und die Religion beschimpft," sagte der Dritte. Ein Vierter: „Ihr habt die Moral mit Füßen getreten, in der abscheulichsten ZUgellosigkeit gelebt."„Ihr wollt uns unser schwer erworbenes Eigenthum nehmen und?llle gleichstellen, den Faulen und den Fleißigen, den Unwisienden und den Gebildeten," sagte der Fünfte. „Ihr wollt die Kapitalisten berauben und grade dadurch die Arbeit zerstören, für deren Rechte Ihr zu kämpfen vorgebt," sagte der Sechste. „Ihr mißversteht mich," antwortete er, falls man ihm über- Haupt zu antworten erlaubte;„ihr irrt euch, ich vertheidige nicht die Mißgriffe der Commune, nicht das Unrecht, dessen sich einige ihrer Mitglieder schuldig gemacht, muß aber dabei bemerken, daß sie nicht Alles gethan haben, was ihnen nachgesagt wird, ebenso wenig, wie die ersten Christen Kinder zum Abendmahl schlach- teten und bei ihren LiebeSmahlen die scheußlichsten Orgien feierten, wie die Juden von ihnen behaupteten; die Prinzipien der Commune aber halte ich aufrecht und vertrete ich. Laßt niich nur ausreden, ich werde euch überzeugen." „Wir wollen hier nichts von eurem französischen Atheismus wissen," sagten sie, wenn sie religiös gesinnt,—„nichts von eurer rothen Republik," wenn sie konservativ waren. Wo unsere Partei nur annähernd stark genug war, um ihm Gehör zu verschaffen, gab es gewöhnlich tumultuarische Scenen, und dann verwies ihn die Polizei aus dem Ort unter den be- leidigendsten Anschuldigungen. An vielen Orten verweigerte die Polizei ihm überhaupt die Erlaubniß, zu sprechen. Schon der bloße Name der Commune wirkt auf den spießbürgerlichen John Bull*) wie ein rother Lappen auf seinen vierbeinigen Namens vetter, und alle Vernunft hört auf, wenn cS sich darum handelt, die Wahrheit über Männer zu sagen, deren Ziel es war, die Arbeit und die Arbeiterklasse aus ihrer Erniedrigung eniporzu- *) John Bull(sprich Dschoun Bull), eigentlich Johann Ochs— Spitzname für die National-Engländer, wie„deutscher Michel" für die Deilischen, Jacques Bonhomme(sprich Schuck Bvnnominc— Jakob Gutmann) für die Franzosen, Bruder Jonathan für die Amerikaner. Daß der„rolhe Lappen" nicht blos auf John Bull die oben angc deutete Wirkung hervorbringt, wissen unsere Leser zur Genüge. heben. Zuletzt kamen wir an einen Ort Namens Lowbridge, wo ein Freund von uns wohnte, ein Mitglied der Internationale; und hier kündigte Josua durch Plakate an, daß er einen Vortrag I Uber die Commune im Rathhaussaal zu halten beabsichtige; er, Josua Davidsohn werde beweisen, daß Christus und die Apostel der Bibel zufolge Koininnnisten gewesen, und daß sie�— die Verschiedenheit der Methode natürlich zugestanden, welche in der Verschiedenheit der nahezu zweitausend Jahre auseinauderliegenden sozialen Einrichtungen von damals und jetzt begründet sei— wesentlich dieselben Lehren gepredigt hatten, für deren Verwirk- lichung die Commune gekämpft habe. Der Abend kam heran und Josua machte sich bereit, in die von ihm berufene Versammlung zu gehen, und ich mit ihm. Unser Freund hatte ihn gewarnt; einen freundlichen Empfang habe er nicht zu erwarten. Jndeß Josua war nicht der Mann, sich durch einige Zornesblicke und drohende Geberden einschüchtern zu lassen, und ich glaube, ich habe ihn von dem Geist dessen, was er zu lehren unternommen, nie so erfüllt gesehen, als an jenem Abend. Dennoch bemerkte ich an ihm einen schmerzlichen Zug, der mir aufsiel. Ernst war er immer, an diesem Abend war er ernst bis zur Traurigkeit, die feierliche Traurigkeit eines Märtyrers, der in den Tod geht, staudhaft, opferfroh Zeugniß ablegend für die gute Sache, aber— sich bewußt, daß er sterben muß. Er drückte mir, als wir in den Saal eingetreten waren, warm, fast zärtlich die Hand, indem er sagte:„Es ist doch schön, daß du mich nicht allein hast gehen lassen! Du warst mir stets ein treuer Freund!" Dann lächelte er mir zu— der Augenblick war gekommen— und er ging nach der Rednerbühne. In der ersten Reihe, ihm rechts gegenüber, war der frühere > Pfarrer von Trevalga, den wir als Knaben wegen seines Hoch- muths und seiner Vornehmheit nur„Herr Grand" zu nennen pflegten.�) Er hatte kurz vorher die reiche Pfründe von Lowbridge) erhalten, nebst anderen weltlichen Vortheilen, und stand befriedigt i am Ziel seiner Wünsche. Josua's Gesicht veränderte sich, als er des Geistlichen ansichtig wurde. Es nahm nicht den Ausdruck von Feigheit an, wohl aber den eines Mannes, der seinen Todfeind erblickt. Doch es war nur für einen Moment, dann hatte das Gesicht wieder seinen gewöhnlichen Ausdruck heiterer Ruhe. Klar um sich schauend, ergriff er das Wort. Aber kaum hatte er den Mund geöffnet, so brach ein solcher Lärm los, wie ich ihn niemals in einer öffentlichen Versammlung gehört habe, und ich bin doch in mancher stürmischen Versammlung gewesen. Das Schreien, Zischen, Pfeifen, Brüllen war unbes?ireiblich. Unmöglich für eine menschliche Stimme, durchzudringen. Ich glaube, das Brüllen eines Löwen wäre übertönt worden. Josua stand da, ruhig und würdevoll, der tobenden Menge ins Antlitz blickend und das Ende des Tumults abwartend. Vergebens. Der Tumult hörte erst auf, als Herr Grand sich erhob, auf den Stuhl stieg, auf welchem er gesessen, und mit einer Handbewegung zum Schweigen auf- forderte. „Freunde," sagte er,„ich freue mich, daß Sie in Ihrer ehr- liehen Liebe zu dem Gesetz und zu Gott kräftig und unzweideutig an den Tag gelegt haben, was Sie von dem Gift denken, das dieser Demagoge in Ihre Ohren zu träufeln beabsichtigte. Ich kenne diesen Mann wohl"— auf Josua zeigend—„ich kannte ihn schon als Knaben, und ich kann bezeugen, daß er stets ein schlecht gearteter, anmaßender, unverschämter Bursche war. Ich weiß, daß er ein abscheuliches Leben in London geführt hat, und, weil er ein schlechtes Haus hielt, von der Polizei eingesperrt werden mußte. Verlorne Weibsbilder, Diebe, Mörder,— aller Abschaum der Gesellschaft— waren seine erwählten Freunde, und um Allem die Krone aufzusetzen, ging er nach Paris wäh- rend der gräßlichen Zeit der Commune, wo, wenn es jemals der Fall, die Hölle auf Erden war, und schloß sich jener Baude von Niederträchtigen an, welche den Namen der Menschheit herabgewürdigt haben. Und nun hat er die Dreistigkeit, vor Sie, meine Herren, die ehrbaren und respektablen Bürger von Low- *) Siehe das 1. Kapitel. bridge zu treten, vor brave Bürger, welche die Königin*) und das Vaterland lieben, das Gesetz achten und Gott fürchten, wie ich hoffe, daß Sie Alle thun. Und wozu? Um dieses Pandämoniuni**) der Laster und Verbrechen, die Pariser Commune, zu verHerr- lichen und sie, diese Teufel in Menschengestalt, blasphemisch(gott- lästernd) mit nnserm Herrn und Meister Jesus Christus und den heiligen Aposteln zu vergleichen; nm Sie, geschätzte Mitbürger, zu einer ähnlichen blutigen Rebellion aufzureizen, und mehr noch: um Ihnen Ihr ehrlich erivorbenes Geld ans der Tasche zu locken, damit er, ein faullenzender Vagabund, der nicht arbeiten will, im Lande herumziehen und sein Gift überall ausstreuen kann, während er vom Fett des Landes lebt. Thun Sie ihm Ihre Meinung kund und belehren Sie ihn, daß Lowbridge zu gut ist für solch einen gottlosen Schurken, wie er— daß es nichts wissen will von elenden Atheisten und Kommunisten!" Dann stieg er herab und die Zuhörer schrieen ihm ebenso laut Beifall, als sie Josua ausgezischt und niedergebrüllt hatten. Ich will Herrn Grand die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu glauben, daß er durch seine Worte nicht die Wirkung hervor- rufen wollte, welche sie hatten. Vornehme Leute reizen nicht leicht zu Gewaltthätigkeiten, und ein Geistlicher ist sicherlich nicht gern der offene Veranlasser eines Mords. Aber zur Wuth gereizt durch ihre eigenen falschen Vorstellungen und noch mehr auf- gestachelt durch die Schmähungen und das Gehetze ihres„Seel- sorgers", ihres„Hirten", verlor die Menge den letzten Rest von Selbstbeherrschung. Ein Dutzend Männer sprangen auf die Er- höhung, wo die Rcdnerbühne stand, und im Nu sah ich Josua unter den Füßen der Rasenden. Umsonst rief nun Herr Grand „Ordnung"! Umsonst versuchten die zwei an der Thür postirten Z' Polizeidiener in den Menschenknäuel zu dringen, umsonst bot ich verzweiflungsvoll all meine Kräfte auf, dem unglücklichen Freund Hülfe zu leisten,— ich war in die dichte Masse so eingekeilt, daß ich nicht vorwärts konnte. Die Angreifer hatten fteie Hand — Niemand hinderte sie in ihrer mörderischen Arbeit. Sie waren nach ihrer Ansicht Vertreter des Gesetzes und der Ordnung, Streiter für Gott und Religion, und so betrachteten sie es als ihre heilige Pflicht, die Gesellschaft von diesem gottlosen Auf- wiegler, Umstürzler und Anarchisten zu befreien. Geschlagen, gestoßen, zurückgehalten vou den mich Umringenden, konnte ich ihm nicht beistehen. Erst prügelten sie mich, dann prügelten mich die Polizeidiener und bearbeiteten mich mit ihren „Stäben"***), weil ich mich um jeden Preis frei machen und zu Josua gelangen wollte. Er lag auf dem Boden, bleich und be- wußtlos, ein Blutstrom quoll langsam von seinen Lippen, wäh- rend die Männer auf ihm herumtrampelten und ihn mit Füßen traten. Einer trat ihm zweimal unter furchtbaren Flüchen mit dem Stiefelabsatz auf den Kopf. Plötzlich verbreitete sich ein Geflüster und Alle wichen erschreckt zurück. Einer von ihnen gab ein Zeichen, das Gas wurde abgeschraubt, und wie durch Zauberei war der Saal geräumt. Als das Licht wieder an- gezündet war und ich zu Josua ging, um ihn aufzuheben— war er todt. Mehr weiß ich nicht— nur das: der Mann, welcher so genau und gewissenhaft wie sonst kein menschliches Wesen, das mir bekannt ist, Christus nachgelebt und die Vorschriften des Christcnthums, soweit sie allgemein menschlich sind, befolgt hat; der sich der Menschheit geweiht und seine ganze Kraft der heiligen Sache gewidmet hatte; der gegen Jeden liebevoll, nachsichtig, *) England hat bekanntlich nicht das Glück, von einem König re giert zu werden, hat aber die angenehme Aussicht, dieses ehrenvolle Vergnügen nach dem Tode der jetzigen, schon ziemlich bejahrten Thron- inhaberin, im allcrallervollsten Maße U«ütll a vongeance", sagen die Engländer) genießen zu müssen. Der hoffnungsvolle Erbe(der de» landesüblichen Titel„Prinz von Wales" führt) hat nämlich genau die- jenigen Eigenschaften, welche am besten geeignet sind, den„naturgemäßen Prozeß des Herauswachsens der Republik aus der Monarchie" möglichst abzukürzen. **) Die Versammlung aller bösen Geister, die Teufelsküche, Hölle. ***) Der englische Polizeidicner(policeniau, Konstabler) trägt als Waffe einen kurzen, bleigefüllten Stab(stall, truor.dooo), eine Art „Todtschläger", ironisch„Lebenserhalter"(lifo presmer) genannt. 131 mitfühlend gewesen,— dieser Mann war von der christlichen Ordnungspartei getödtet und sein Andenken gebrandmarkt worden, einerseits als das eines blutdürstigen Revolutionärs von Hand- Werk, den nur die gerechte Strafe für seine Verbrechen ereilt habe, anderseits als das eines eingebildeten, unreifen, ketzerischen Schwärmers, der Gott beleidigt und den wahren Glauben ge- schändet. Nun— ganz dasselbe ist auch den ersten Christen, ist überhaupt allen Kommunisten und Reformern aller Zeiten von dem gebildeten und ungebildeten Pöbel nachgesagt worden. Die Welt hat stets ihre Besten verleugnet, wenn sie kamen, und jede Wahrheit ist noch in blutigen Boden gepflanzt und bei ihrer ersten Ausbreitung mit i?ügen überschüttet worden. So laßt sie denn ruhen, unsere Märtyrer, welche die Welt noch nicht kennt, ebenso wenig wie sie vor achtzehnhundert Jahren den gekreuzigten Komniunisten von Galiläa kannte,— ihn, der mit den Enterbten wohnte, die Ausgestoßenen zu seinen Freunden machte und gegen die Heuchelei, Fäulniß und Ungerechtigkeit der damaligen Gesellschaft predigte, oder, um in moderner Sprache zu reden, Haß und Verachtung gegen die herrschenden Klassen erregte und zum Umsturz des Bestehenden aufwiegelte. Der Tod meines Freundes hat mir eine Wunde geschlagen, die nie vernarben wird. Ich bin vereinsamt und von Zweifeln bedrängt. Nicht blos der Freund fehlt mir, auch der Rath- geber, an dessen sicheres Urtheil ich mich anlehnen konnte. Ich stehe wieder vor der alten, quälenden Frage: Hat die christliche Welt Unrecht, oder ist die Venvirklichung des Christenthums in Staat und Gesellschaft unmöglich? Ich sehe Menschen, die sich ernst und aufrichtig der Sache der Menschheit geweiht, und höre, daß sie von der Welt verdammt werden. Ich sehe Andere, die ernst und aufrichtig für die christliche Lehre sind, aber in Tob- sucht verfalle», wenn diese Lehren zur That werden. Diese eifrigen Christen denken nicht nur nicht daran, die Ursachen des Elends und Verbrechens durch Aenderungen in den sozialen Verhältnissen zu beseitigen, nein, sie bekämpfen und verfolgen Jeden, der Elend und Verbrechen aus der Welt zu schassen bemüht ist,— sie stempeln ihn zum Feinv der Ordnung, der Sittlichkeit, und brüllen das: Kreuzige! Kreuzige! mit derselben unduldsamen Wuth wie vor achtzehn Jahrhunderten die Vertreter der herrschen- de» Klasien in Jerusalem.— Sie rede» von der Gleichheit der Menschen vor Gott, nennen ihre Mitmenschen„Brüder in Christo", wer aber die Lehren der Gleichheit und allgemeinen Brüderschaft, für welche Christus und seine Apostel gelebt haben und gestorben sind, ins Leben einführen will, den erklären sie für einen An- archistcn, einen Hväwerräthcr, und denunziren ihn womöglich der Polizei oder dem Strafrichter. Was bedeutet dies Alles? Wie soll ich mich aus diesen Widersprüchen herausfinden? Wenn die Lehren der bürgerlichen Oekonomie wahr sind, wenn der unerbitt- liche, durch nichts gemilderte Kampf ums Dasein, der Krieg Aller gegen Alle, die Ausbeutung, Unterdrückung, Todtschlaguug des Schwachen durch den Starken, unabtrennbar zur menschlichen Gesellschaft gehört, gut, dann sei man wenigstens so ehrlich, zu gestehen, daß das Christenthum mit seinem Gebot der Unter- stützung des Armen und Schwachen, mit seiner Baruiherzigkeit und unterschiedslosen Menschenliebe eitel Narrethei war; und lasse den heuchlerischen Schein eines Glaubens fallen, der weder unsere staatlichen noch unsere gesellschaftliche» Einrichtungen im Geringsten beeinflußt und auch nach dem Willen der Herrschenden nicht beeinflussen soll. Wenn Christus Recht hatte, hat unser christlicher Staat und unsere christliche Gesellschaft Unrecht; wenn die herrschenden Staats- und Gesellschaftsgrundsätze Wissenschaft- liche Wahrheit sind, dann lehrte und wirkte Jesus von Nazareth nicht nur umsonst, sondern verging sich auch gegen unabänderliche Gesetze. Wohlan, was ich nicht kann, werden Andere zu Stande bringen. Die Zeit wird diese Widersprüche lösen. Die Er-' kenntniß bricht sich immer mehr Bahn, verbreitet sich in immer weiteren Kreisen. Ich schließe diese Erzählung mit den Worten, die Josua bei einer Gelegenheit kurz nach unserer Rückkehr von Paris zu mir sprach:„Meine Augen sind nicht scharf genug, den Weg deutlich zu sehen, aber klar und hell steht vor mir das hehre Ziel, dem Gerechtigkeit und lllothwendigkeit zudrängen: die Vermenschlichung des Staats und der Gesellschaft, die allgemeine Verwirklichung des Menschhcitsgedankens, der Kommunismus." ver Mensch. Von I. Most. IV. (Schluh.> Die Entwicklung des Eies geschieht zunächst dadurch, daß der Inhalt der Eizelle den merkwürdigen Prozeß der sogenannten Dotterfurchung oder Dotterklüftung durchmacht, wobei die vorher formlose Dottermasse durch fortwährende Theilung und Wieder- theilung unter Theilnahme des Kcrnbläschens und dessen Kerns in einen Haufen elementarer Bausteine oder sogenannter Em- bryonal-Zellen zerfällt, welche nun ihrerseits zu allen möglichen weiteren Umgestaltungen fähig sind, und aus denen sich der küuf- tige Organismus unter fortwährend zunehmender Bildung»euer Zellen aufbaut... Jeder Theil, jedes Organ wird im Anfang »ur roh, wie aus Stücken formlosen Thons herausgebildet und i» seinen Umrissen angelegt; alsdann wird es genauer ausgear- beitet u. s. w., bis ihm endlich und zuletzt der Stempel seiner bleibenden Bildung aufgedrückt wird. „Dieser Vorgang geschieht nun im Ansaug und bis in eine Ziemlich weitgehende Epoche des embryonalen Lebens hinein bei ben verschiedenen Thieren und Thiergattungen in einer so gleich- uiäßigeu Art und Weise, daß die Jungen aller nicht blos in der äußeren Fori», sondern auch in allen Wesentlichkciten der Bildung einander fast vollständig gleichen oder ähnlich sehen- sÜ verschieden auch die später aus ihnen hervorgehende bleibende Fori» des Thieres sein mag. Die Keimlinge verhalten sich asio hierin grade so, wie das Ei selbst, welches ja auch überall fall ganz mit gleicher Form und Größe auftritt. Von einer gewissen Periode des embryonalen Lebens ab treten allerdings die Ver- schiedenheiten der einzelnen Formen mehr und mehr und um so deutlicher hervor, je mehr sich das betreffende Wesen seiner bleibenden Bildung und dem Zeitpunkte seines Geborenwerdens nähert. Aber auch hiebei findet der sehr bemerkenswerthe Um- stand statt, daß, je mehr sich einzelne Thierc im ausgewachsenen Zustande einander gleichen, auch ihre Embryonen oder Keimlinge während des Fruchtlebens um so länger und inniger einander ähnlich sehen, während diese um so früher und deutlicher ein- ander unähnlich werden, je unähnlicher oder verschiedener die ihnen entstammenden Thicrformen während ihres späteren Lebens sind. So sehen sich z. B- die Embryonen einer Schlange und einer Eidechse als zweier einander verhältnißmäßig nahe stehen- der Thicrformen länger einander ähnlich, als die einer Schlange und eines Vogels, als zweier von einander sehr entfernt stehender Thiere. ...... Was zunächst das menschliche Ei betrifft, so ist dasselbe in allen wesentlichen Beziehungen denjenigen aller anderen Säugethiere gleich und höchstens durch seine Größe um ein Ge- ringes verschieden. Sei» Durchmesser beträgt den zehnten oder zwölften Theil einer Linie und ist daher so klein, daß man es mit bloßen Augen»ur als ein feines Pünktchen wahrnehmen kann." Daß indessen, trotzdem bei»och so vielfacher Bergrößcrung keine Unterscheiduiigsnicrkniale zwischen den Eiern verschiedener Säuge- und anderer Wirbelthierc wahrgenommen werden können, dennoch Unterschiede darin stecken müssen, die vielleicht, wenn die Chemie einmal weit genug vorgeschritten sein wird, konstatirt werden können, wird von den Naturforschern allgemein angc- nommen. So bemerkt z. B. Höckel: „Diese feinen individuellen Unterschiede aller Eier, welche auf der indirekten oder potentiellen Anpassung beruhen, sind zwar für die außerordentlich groben Erkenntnißmittel des Menschen nicht direkt sinnlich wahrnehmbar, aber durch indirekte Schlüsse als die ersten Ursachen des Unterschiedes aller Individuen erkennbar." Die Ausbildung des menschlichen Eis zum Embryo und weiter findet in der gleichen Weise statt, wie sie oben schon im Allgemeinen angedeutet wurde. In der ersten Epoche der Eni- Wicklung ist es nach Giebel„durchaus nicht möglich, die mensch- liche Individualität von der irgend eines Wirbelthiers, eines Säugcthiers, eines Bogels, einer Eidechse oder eines Karpfen zu unterscheiden". Die Gliedmaßen sind bekanntlich bei den verschiedenen Wirbel- thicren sehr verschieden; im Anfange des embryonalen Zustandes dagegen sind sie fast gar nicht zu unterscheiden; sie stellen ein- fache Knospen dar, denen nicht anzusehen ist, ob daraus ein Flügel, eine Pfote oder eine Hand:c. hervorgehen wird. Ebenso Jung gewohnt— alt getha»! wenig unterscheiden sich die vorderen und die Hinteren Gliedmaßen von einander. In einem weiteren Stadium der Entwicklung zeigt sich die sehr merkwürdige Erscheinung, daß fast bei allen Säuge- thieren fünf Finger oder Zehen aus den Extremitäten hervor- sprießen; sogar das Pferd erscheint zunächst mit fünf Zehen, die erst nach und nach wieder verschwinden, indem sie sich im Huf- dein mit einander verschmelzen, hie und da(bei sog.„Miß- geburten") sogar ihre Selbständigkeit bewahren. Andere Gliedmaßen, die für manche Wirbelthierc nothwendig, für andere überflüssig sind, erscheinen anfangs bei allen Thier- arten, nur bilden sie sich bei der einen aus, während sie bei der andern verkümmern. Der Mensch bringt z. B. keinen Schweif | mit zur Welt, allein am menschlichen Embryo erscheint in der ersten Zeit gleichwohl ein solcher und tritt erst in etwa sechs Wochen nach und nach zurück, nicht ohne in Gestalt von 3 bis � 5 verkümmerten Schwanzwirbeln sich unter der Haut festzusetzen, um für immer in dieser Lage den Menschen zu begleiten. Höckel nennt diesen Schwanzrest einen„unwiderleglichen Zeugen für die unleugbare Thatsache, daß der Mensch von geschwänzten Vor- eltern abstammt". Und was hat der Mensch sammt den übrigen Säugethieren mit Kiemen, also mit Organen von Wasscrthieren zu thun? Offenbar nichts! Aber dennoch bilden sich am Embryo Kiemen- bogen, nur gestalten sie sich später zu Hals- und Gesichtstheilen kann nichts Anderes sein, als ein Rückfall ins Affenthum. Manche Menschen sind im Stande, ihre Ohrmuscheln zu bewegen, besitzen also hiezu geeignete Muskeln, wohingegen nicht nur der Mensch im Allgemeinen, sondern sogar auch das menschenähnliche Asfengcschlecht solches nicht fertig bringt. Hier reicht also der Rückgriff bis über den Affen hinaus, bis zu den niedrigeren Säugethieren, welche fast durchgängig ihre Ohrmuscheln bewegen können. Der Geruchssinn ist bei einzelnen Kulturmenschen außer- gewöhnlich scharf ausgeprägt, bei wilden Völkern fast immer und bei sehr vielen Thieren ist dies die Regel. Hinsichtlich der Muskel- bildung treten ähnliche Erscheinungen hervor. Bei Lcichen- sektionen hat sich schon oft eine affenartige Muskelbildnng gezeigt; b>r. Dunkan hat nachgewiesen, daß die abnormen Verhältnisse in der Muskulatur mancher Menschen dem rcgelrichtigen Muskel- bau der Asien entspricht; und bei den Australiern und sonstige» tiefstchenden Menschen weicht daS Muskclsystein von dem der , Affen überhaupt nur wenig ab. Das sogenannte Milchgebiß der Menschen ist dem Affengebiß auffallend ähnlich, während das zweite Gebiß sich eigenartiger entwickelt. Und so gibt es noch viele derartige Momente, doch mag das Angeführte genügen. „Wir können", sagt Darwin, im Hinblick auf die Ergebnisse der vergleichenden Forschung,„hierdurch verstehen, woher es ge- kommen ist, daß der Mensch und alle übrigen Wirbelthiere nach demselben allgemeinen Plane gebaut sind, warum sie die gleichen Stufen höherer Entwicklung durchlaufen und warum sie gewisse Rudimente gemeinsam beibehalten haben." r--=~: um. Aehnlicher Erscheinungen, die gegen jede Verleugnung der Einheitlichkeit aller Wirbelthiere energisch protestiren, könnten noch mehr angeführt werden, doch mag es hiemit genug sein. Agassiz sagt sehr zutreffend:„Es ist eine Thatsache, welche ich jetzt als eine ganz allgemeine aussprechen kann, daß die Embryonen und die Jungen aller gegenwärtig existirenden Thiere, zu welcher Klaffe sie auch gehören mögen, das lebendige Miniaturbild der fossilen(urweltlichen) Repräsentanten derselben Familie sind." Endlich sind hier noch hervorzuheben die rudimentären (die Anfangszustände bezeichnenden) und Rückfalls- Erschei- nungen. Es kommt sehr häusig vor, daß Kinder Aehnlichkeit mit älteren Familiengliedern aufzeigen, obgleich die Eltern selbst vielleicht keine Spur davon an sich tragen. Dies kann man sich nur damit erklären, daß die entsprechenden Keimtheile in erster h'inie nicht zur Entwicklung gelangten, demungeachtet aber in der Frucht erhalten blieben, während in späterer Folge gleichsam eine Rückbildung eintrat. Es kämpfen eben auch hier Aktion und Reaktion mit einander; wäre dies nicht der Fall, dann müßte überhaupt der Entwicklungsprozeß im Allgemeinen einen viel rascheren Verlans nehmen, so daß z. B. die Menschen längst zu „Göttern" geworden wären. Die neuere Naturforschung hat sich eingehend mit der Untersuchung diesbezüglicher Erscheinungen be- schäftigt und ist dabei zu überraschenden Resultaten gelangt, zu Resultaten, die unter den Beweismitteln zu Gunsten der Ab- stammung des Menschen von niedrigeren organischen Wesen nicht den letzten Rang einnehmen. Im Allgemeinen ist der Mensch bekanntlich, wenige Körper- theile ausgenommen, unbehaart, allein es gibt Individuen genug, welche ziemlich dicht mit Haaren bedeckt sind; und etwa drei Monate vor der Geburt ist dies bei jedem der Fall. Dies 134 Ein bdoljntcr Dienst. Bo» E. K. (Fortse Der Wagenmeister nahm den Paft und trug ihn zun, Post- meister, der jetzt wieder gerade Kalender machte. „Hier ist der visirte Paß der Herrschaft; der Bediente war selbst beim Bürgermeister, und da dieser lange Mensch der ein- zige Mann der Gesellschaft ist, wollte er die anderen Passagiere nicht sehen." „Gut, Wagenmeister, so kann die Herrschaft fahren, wenn Pferde kommen. Besorgen Sie Alles mit den Pferden, ich möchte nicht gern gestört sein, wenn es nicht sein muß. Gute Zkacht!" „Gute Nacht, Herr Postmeister!" Der Wagenmeister trat wieder ab und wollte in sein Stiib- che» zurückkehren, indem er mit sich selbst sprach:„Das wäre abgemacht— ich traue dem Alten nicht, aus Furcht verriethe er den eigenen Bruder. Und dieser Bediente ist der Minister, ich lasse mich hängen.— Nu», über die Grenze soll er mit den ersten Pferden, und nachher kann nachpfeifen, wer Lust hat." Während der Wagenmeister so niit sich sprach, erschallte ein Posthorn und ein Postillon ritt auf einem vollständig angeschirrten Pferde vor das Haus. „Was bringst du?" redete ihn der Wagenmeister an. „Eine Extrapost aus C..... das heißt, sie steckt noch im letzten Hohlwege bei K— und wird hoffentlich nun ganz ein- geschneit sein; ich habe meinem Braunen wenigstens Zeit ge- lassen, sich abzukühlen und die anderen drei wird wohl der Bauer in seinen Schuppen geführt haben, nachdem ich fort war. Hätte ich meine Pferde gleich alle mitnehmen dürfen, ich wäre nicht hierher gekommen, sondern nach Hause geritten. Meinetwegen könnte das Pack bis zuni jüngsten Tage im Schnee stecken!" „Was sind denn das für Passagiere, auf die du so böse bist? — Zahlen sie schlecht?" „Bier Gensdarmen, die wieder wer weiß welchem braven Mann nachsetzen! Wenn so viel Fänger kommen, ist es immer sicher, daß sie Jemanden suchen, der besser ist als sie." „Ist das Alles, was du zu bestellen hast?" „Nun, was noch weiter! Die Kerls sitzen im Wagen, der Wagen liegt im Hohlwege und der Schnee wird jetzt beide zu- geweht haben; denn eine Stunde bin ich fort. Sie sollen nun Leute hinauSschickcn, die den Wagen herausgraben und einen Weg bahnen, auch vier frische Pferde, die den Wagen und die Kerls schneller hierher bringen, als meine müden Gäule." „Gut, Heinrich! Hier sind zwei Groschen zu Schnaps, und wenn du einigen von unseren Postillons begegnest, sage ihnen, sie sollen machen, daß sie nach Hause kommen; aber die Gens- darmen sollen sie nicht mitbringen. Verstehst du mich?" „Ja, und das werde ich keinem zweimal zu sagen brauchen, denn sie können die Kerls alle nicht leide». Uebrigens hat's auch keine llioth; zwanzig Mann bringen den Wagen in zwei Stunden noch nicht ans dem Schnee." „Und den Gensdarmen sage, daß bald»ach dir Mannschaften und Pferde von hier dort eintreffen würden. Sie sollen bis dahin ruhig im Wagen sitzen bleiben und sich die Füße nicht im Schnee erkälten." Der Postillon ritt jetzt zurück, hielt jedoch schon in der nächsten Straße vor einer Schankwirthschaft still und verschwand in der- selben, nachdem er zuvor die Halfter seines Pferdes an dem Hausklopfer befestigt hatte; das Zweigroschenstück dcS Wagen- meisterS brannte ihm in der Tasche und der Frost durchschüttelte seine sonst so kräftigen Glieder. Unterdessen stand der Wagenmeister noch immer vor der Thür des Posthauses, Wind und Wetter vergessend. Erst bei dem hellen Schein des Lichts in seinem Stübchen hatte er den Fremden genau betrachten können. Er war in seinem Leben schon zu viel mit der Dienerschaft reisender HMschaften umgegangen, um jetzt nicht herauszufinden, daß der ihm Gegenübersitzende mehr ans Befehlen, als ans Gehorchen gewöhnt sei, so sehr er sich auch tzung.) bemühte, den Diener zu spielen; und die scharfe Ordre des Gou- vernements, welche dem Wagenmeister wieder ins Gedächtniß kam, schärfte seine Sinne so, daß er in dem Bedienten wirklich den verfolgten Minister zu erkennen glaubte, den er vor längeren Jahren, allerdings nur flüchtig, auf der Durchreise durch P... schon einmal gesehen. Sein Entschluß war bald gefaßt: die Gensdannen durften ihn nicht erreichen; er wußte, daß der Minister nur wegen seiner aufopfernden Liebe zum Vaterlande verfolgt wurde, und der Wagenmeister war ein braver Mann.— Jetzt aber war er in Verlegenheit, wo er Pferde finden sollte; er wußte absolut keinen Rath. Da erschallte plötzlich ein zweites Posthorn und ein Postillon mit vier Pferden und leerem Wagen bog um die nächste Ecke. Während dies Alles draußen vorging, saß der Fremde un- ruhig sinnend im Stübchen des Wagenmeisters; er war über- zeugt, von diesem als der verfolgte Minister erkannt zu sein und unentschlossen, ob er sich ihm nun offen entdecken solle oder nicht. Nach langer Ueberlegung entschloß er sich, sein Jncognito zu bewahren, wenn er nicht weiter gedrängt würde, und dem Wagenmeister zu vertrauen, der bisher keine böse Absicht ge- zeigt hatte. In diesen Gedanken hatte er das Signal des ersten Postillons überhört; bei dem zweiten sprang er jedoch erschrocken und zwei- felnd auf, ob diese Töne ihm Freiheit oder Gefangenschaft bringen möchten. Schnell eilte er hinaus und stieß hier auf dcn�Wagen- meister, der schon mit dem Postillon sprach. „Zieh' mit den Pferden gleich in den Stall, doch ohne ab- zuschirren, in einer halben Stunde mußt du wieder bereit sein."- „Das ist unmöglich, Wagenmeister! Obgleich meine Pferde nur zwei Meilen gemacht haben, sind sie doch in dem tiefen Schnee hundsmüdc geworden." „Mache nur, wie ich dir sage; es wird dein Schaden nicht sein. Du bist ein tüchtiger Kerl und deine Pferde sind die kräf- tigsten. Sie liefen ohne Futter noch nach B... Aber bringe sie in den Stall, und dann geh' zu meiner Frau— sie ist noch wach, ich weiß es.— Lass' dir von ihr zwei große Brote geben." „Ich werde in einer halben Stunde anspannen." Mit diesen Worten zog jetzt der Postillon seine Pferde in den Stall und pfiff heiter die Melodie des alten LiedeS: „So leben wir, so leben wir alle Tage!" In demselben Augenblicke, als das Gespräch beendet war legte der Fremde— so wollen wir ihn immer noch nennen— seine Hand von hinten auf die Schulter des Wagenmeisters, der sich schnell umwandte, und sagte zu demselben, indem er ihn for schenden Blicks anschaute: „Jetzt wird es wohl Zeit sein, daß ich meine Herrschaft wecke? Denn ich hörte die Versicherung des Postillons, in einer halben Stunde könne er anspannen." „Wecken Sie getrost Ihre Herrschast; in einer halben Stunde fahren Sie. Aber ich habe noch einige andere Neuigkeiten, die Sie vielleicht noch zur Eile treiben möchten— wenn Sic daher bald wieder herunterkommen wollten!" „Gleich!" Hiermit verschwand der Fremde auf der Treppe, erschien jedoch schon nach wenigen Minuten wieder. Sein Gesicht war heiterer als vorher; er hatte die Damen durch den Schlaf gestärkt gefunden.—„Was gibt's denn noch, Wagenmeister?" fuhr er in dem vorhin abgebrochenen Zwiegespräch fort. „Vor ungefähr einer Viertelstunde kam ein Postillon der Station C---- und zeigte mir an, daß eine Extrapost mit vier Gensdarmen, die einen Flüchtling verfolgten, in dem eine halbe Stunde von hier entfernten Hohlwege im Schnee versunken sei! Ich soll nun schnell Leute und Pferde zu Hülfe schicken." Der Fremde erbleichte, während der Wagenmeister ruhig fort- fuhr:„Ich habe aber gedacht, sie werden die Nacht schon warm im Wagen sitzen, besonders da sie wohl wahrscheinlich schon eine Decke von Schnee haben werde». Um sechs Uhr— bis dahin können sie ausgeschlafen haben— werde ich znm Biirgermeister gehen und ihm Anzeige machen, damit er i'eute mit Hacken und Schaufeln zu ihrer Befreiung requirirt. Sind um jene Zeit wieder Pferde zu haben, so werde ich auch Pferde mitschicken,— wenn nicht, so muffen die Gendarmen sich entschließen, zu Fuße Zu gehen. Vor acht Uhr möchten sie hier schwerlich eintreffen." Der Fremde, welcher nun wußte, woran er war, drückte dem braven Manne herzlich die Hand; dieser fuhr ruhig fort, als plauderte er von ganz gleichgiltigen Dingen: „Uebrigens mag es für reisende Damen oft unangenehm sein, mit solchen Fängern zusammenzutreffen, sie haben nicht selten schlechte Manieren. Wenn ich rathen dürfte, so änderten die Damen die Reiseroute und führen anstatt über C... über W... und von da die große Straße von A... nach H... weiter. Da finden Sie überall gleich Pferde. Auffallend würde dieses Plötz- liche Abweichen von unserer Straße auch nicht sein, denn Sie thäten's am Ende doch nur, um die Bergabhänge bei B... zu vermeiden, die jetzt nicht zu Passiren sind. Den Gensdarmen brauchte ich davon grade nichts auf die Nase zu binden— ich trage Sie im Buche als nach C... abgefahren ein, und instrnire den Postillon heimlich anders. Es ist gut, daß der auch grade Fingerzeige zum Von 2, Unsere Wohnungen.(Schluß.) Wenn die durch die Thätigkeit der Nerven und Muskeln ab- genutzten Bestandtheile des Körpers nicht durch geniigende Zufuhr von Sauerstoff oxydirt und auf die oben angegebene Weise aus dem Körper geschafft werden können, so bleiben sie im Körper und erleiden da weitere krankhafte Zersetzungen. Es bilden sich z. B. Ablagerungen von Knötchen(Tuberkeln) im Lungengewebe, eine gewöhnlich als Lungenschwindsucht bezeichnete, sehr häufige Krankheitsform; oder dieselben belästigen den Verdauungskanal und verhindern die ordentliche Verdauung, wie dies namentlich bei Kindern als Brechdurchfall häusig vorkommt; oder die ab- gelebten Stoffe bleiben im Muskelgewebe und verursachen Gicht und Podagra; oder sie durchbrechen, besonders wenn auch die Hautreiniguug vernachlässigt ist, gewaltsam die Oberfläche des Körpers und scheiden sich auf derselben als Geschwüre, Ausschläge, Blattern zc. ab. Du siehst, lieber Leser, es gibt sehr verschiedene Krankheiten, die mehr oder weniger ausschließlich auf Luft- verhungerung zurückzuführen sind. Vielleicht leidest du selbst ebenfalls daran, obwohl du eigentlich keinen Lufthunger verspürst. Aber eS gibt auch Leute, die sich nie ganz satt essen können, die gleich Beschwerden bekommen, wenn ihr Magen sich etwas an- füllt; die deshalb zwar nie recht Hunger bekommen, aber doch eigentlich mit der Zeit verhungern. Aehnlich ist es mit der f-'uftnahrung, nur häufiger. Wie oft hört man nicht sagen, wenn Jemand in einem Zimmer mit dunstiger, verdorbener Luft sitzt und ein Fenster geöffnet wird, daß die frische atmosphärische Lust einströmt:„Ach, das vertrage ich nicht, da muß ich gleich husten, bekomme ich den Schnupfen, Reißen und wer weiß was."— Andrerseits kann man aber auch von Leuten, welche immer in der frischen Luft leben und an dieselbe gewöhnt sind, wenn sie sich eine Zeitlang in einem dunstigen Zimmer aufhalten, sagen hören: «Hier wird mir ganz beklommen, macht doch nur ein Fenster auf!"— Erstere sind, sozusagen, schon so vollgepfropft von Un- rath, der Organismus hat, da er sich des Unraths nicht ent- ledigen kann, für sich denselben wenigstens dadurch möglichst unschädlich zu machen gesucht, daß er ihn mit Schleim umhüllt und von den Geweben abgesondert hält. Wird nun auf einmal une größere Menge Sauerstoff zugeführt, so wird diese ganze 'ffe in Bewegung gesetzt; da gibt es gleich Husten, starke kommen mußte, auf ihn kann man sich verlassen, wie auf sich selbst! Merken die Gensdarmen endlich in B..., daß Sie einen bessere» Weg hätten einschlagen können, und kommen ans dieselben Gedanken, die ich jetzt habe, so haben Sie schlimmsten Falles einen Vorsprung von zehn Meilen." „�ie sind ein trefflicher Mann! Uebrigens brauchen die Damen von alledem nichts zu wiffen, sie würden sich unnütz be unruhigen. Ich nehme Alles ans mich!" „Mir schon recht!" schloß der Wagenmeister die Unterhaltung, und jeder ging, um das Seine zur Fortsetzung der Reise vor- zubereiten. Nach einer halben Stunde war Alles zur Abfahrt bereit. Der Postillon saß auf dem Bocke und erwartete nur, das; der anscheinende Bediente seinen Platz auf den, hinteren Bocke ein- nehmen würde. Dieser hatte eben eine leise Unterhaltung mit dem Wagenmeister beendet, drückte letzterem jetzt nochmals herzlich die Hand und schwang sich mit den Worten:„Wir sehen uns hoffentlich bald wieder!" ans seinen luftigen Sitz; der Postillon knallte mit der Peitsche und der Wagen rollte davon. Zuerst lenkte der Postillon in die Hauptstraße nach B... ein, nach einer halben Stunde ungefähr bog er jedoch auf einen Seitenweg und verschwand bald in einem Gehölz. (Schluß folgt.) gesunden Leben. .. B. Schleimauswürfe und auch Schmerzen verschiedener Art. Den kurzsichtigen Menschen ist dies bedenklich; schnell sperren sie die eben begonnene Zufuhr von frischer Luftnahrung ab und bringen den aufgerüttelten Organismus durch einschläfernde Mittel wieder j zum Schweigen. Aber die Fähigkeit jedes Körpers, solche abgenutzte Stoffe zu beherbergen, hat seine Grenze; ist diese erreicht, dann> geht es schnell mit ihm zu Ende— trotz aller Medizin und frommen Wünsche. Die atmosphärische Luft ist, wie schon erwähnt, ein Gemenge von Stickstoffgas und Sauerstoffgas, und zwar sind in hundert Gewichtstheilen Luft circa 23,10 Gewichtstheile Sauerstoff und 7ö,84 Gewichtstheile Stickstoff und außerdem noch 0,00 Gewichts- theilc Kohlensäure enthalte». Dies Verhältniß findet sich im Allgemeinen an allen Orten, auf dem Lande, wie über dem Meere, auf Höhen wie in Thälern. Bon diesen Bestandtheilen wird, wie schon envähnt, nur der Sauerstoff zum Athmen ver-> braucht, weshalb derselbe auch Lebensluft genannt wird. Er hat eine ziemlich energische Wirkung auf den Körper, dieselbe wird jedoch gemildert durch seine Verbindung mit dem indifferenten Stickstoff. Die Kohlensäure ist in ihrer Menge kein so gleich- müßig feststehender Bestandtheil der Luft wie Sauerstoff und ii Stickstoff, jedoch handelt es sich, wenn ihre Beimischung verän- dert ist, nur um höhere Bruchtheile des oben angegebenen Pro- centvcrhältnisses. Eine hierin um ganze Procente veränderte atmosphärische Luft übt schon einen schädlichen Einfluß aus den menschlichen Körper. Allerdings wird durch daS Athmen der Menschen iind Thiere und durch daS Verbrennen von Brennmaterial eine fortwährende Vermehrung des Kohlensäuregehaltes i und eine Verminderung des SauerstoffgehalteS der Luft bewirkt. Es würde dadurch, wenn die Luft einen abgeschlossenen Raum einnähme, und die von den thierischen-Organismen ausgehauchte und durch Verbrennungen erzeugte Kohlensäure ohne Veränderung bliebe, in einem bestimmten Zeitraum eine vollständige Mischungs- änderung der Atmosphäre eintreten müssen. Aber einmal führen die Winde und die Bewegung in der Luft, welche selbst bei Windstille noch eine Geschwindigkeit von zwei bis drei Meter pro Sekunde beträgt, immer neue Luftschichten über denselben Ort hin, andrerseits athmen die Pflanzen durch feine, auf der Rückseite ihrer Blätter befindliche Spaltöffnungen Kohlensäure ein, von welcher sie hauptsächlich nur des Kohlenstoffs zum Auf- bau ihrer Bestandtheile bedürfen, und folglich d�> Sauerstoff wieder ausathmen. Daher das wohlthuende Gefühl, das wir bei einem Aufenthalte im Walde empfinden und das nicht nur von dem Schatte� desselben herrührt. So findet im Haushalt der Natur eine solidarische Unterstützung der Pflanzen- und Thierwelt statt. Der Sauerstoff findet sich in der Natur in zwei verschiedenen Zuständen: in einen, ruhenden oder passiven und in einem auf- geregten oder aktiven Zustande. Der in letzterem Zustand besind- liche Sauerstoff, auch Ozon genannt, ist nun in bei weitem höherem Grade als der passive Sauerstoff fähig, auf andere Stoffe, also auch auf unfern Körper einzuwirken. Zwar kann der menschliche Organismus seine Funktionen auch eine Zeitlang fortsetzen, wenn die Luft nur passiven Sauerstoff enthält, jedoch nicht auf die Dauer, indem derselbe nicht ini Stande ist, die abgenutzten Stoffe so schnell zu oxydircn, daß sie aus dem Körper entfernt werden, ehe sie schädliche Veränderungen erleiden, wo dann die oben erwähnten krankhaften Erscheinungen massenhaft auftreten. In Ozon wird der Sauerstoff hauptsächlich durch elektrische Entladungen und durch Verdunstungen umgewandelt, auch von Pflanzen, besonders den Nadelbäumen, ausgeathmet. Daher ist die Luft an feuchten, kühlen Orten, nach Gewittern, in Wäldern, namentlich Nadelwäldern, reicher daran als an trocknen, heißen Orten und in den Städten, wo er zuweilen gänzlich fehlt, und zwar um so häufiger, je größer und enger gebaut dieselben sind. Doch wir kommen darauf zurück. Außer den genannten Hauptbcstandtheilen enthält die atmo- sphärische Luft noch eine wechselnde Menge anderer Stoffe, wie Staubtheile, mikroskopische Keime von Pflanzen und Thieren, ferner Ammoniakgase, Kohlenwasscrstoffgase, Schwefelwasserstoff, salpetrige Säure und seltener auch Dämpfe von Salzsäure und schwefliger Säure. Meist sind diese Bestandtheile nur in sehr geringer, nicht wägbarer Menge vorhanden. Treten sie in größeren, wägbaren Mengen auf, so muß die Luft als entschieden nnrein bezeichnet werden, und dann ist sie unter Umständen im Aus der atten un Ulrich, Nitter von Hutten, wurde Ende April 1488 auf dem Stammschloffe feiner Familie, der in der Nähe von Fulda gelegenen Burg Steckelberg, geboren. Als lljähriger»uabe ward er in das geistliche Stift zu Fulda aufgenommen, von wo ihn nach 5 Jahre» die feinem Freiheitssinn widerstrebende Älosterzucht vertrieb. Er ging nach Erfurt, das ihm im Verkehr mit Dichtern und Gelehrten reiche An- regung bot. 1508 siedelte er nach Köln über, um dem Studium der Scholastiker obzuliegen, doch bald trieb ihn deren Verworrenheit und Beschränktheit zu den geistig so unendlich viel freieren Schriftstellern des klassischen Alterthums zurück. Mit dem von der Pfaffenpartei der Jugeudverführung angeklagten Universitätslehrer Johann Rhagius begab er sich noch in demselben Jahre nach der neuerrichteten Universität zu Frankfurt an der Oder, die ihn 1509 zum Magister der freien Künste promovirte. 1508 führten ihn Reiselust und Wißbegierde durch das ganze nördliche Deutschland und, nach kurzem Verbleiben in Greifswald, zu einjährigem Aufenthalte nach Rostock. 1510 verweilte er in Witten- berg und 1511 trat er, vollkommen mittellos, eine Wanderung nach dem Süden an. 1512 ließ er sich in Pavia zum Studium der Rechts- Wissenschaft immatrikuliren! indessen war er bald genöthigt, um sein Leben zu fristen, im Heere des Kaisers Maximilian als Gemeiner Dienste zu nehme». Die Kunde von der Ermordung eines Verwandten durch den Herzog Ulrich von Würtemberg gewährte ihm den Antrieb zur Abfassung des„Tyrannengesprächs" und einer Menge anderer glän- zender Arbeiten gegen den fürstlichen Mörder. In erstem findet sich sein berühmt gewordener Wahlspruch:„Ich hab's gewagt!" zum ersten Male vor. In dem wahrscheinlich 1515 verfaßten Gedichte„Triamphus Capuiouis"(Triumph Reuchlin's) bekämpfte er mit schonungsloser Feder die Feinde des geistigen Fortschritts, und 1510 schrieb er einen Thcil der „Lpistoloo obscurorum viromm"(Briefe von Dunkelniännern), welche den damaligen Zustand der Wissenschasten mit geistreicher Satyre geißeln. In den nächsten Jahren verweilte er in Rom, Bologna, Ferrara und aus Burg Steckelberg. Auf einer Reise nach Paris und dann auf dem Reichstage zu Augsburg feuerte er die Gelehrten, welche zum Kampfe gegen die Dunkelmänner gebildet und muthig genug waren, zu ge- Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.— Stande, unsere Gesundheit auf daö emsteste zu gefährden. Auch der Wassergehalt der atmosphärischen Luft kommt in Betracht, der sehr häufig wechselt, nicht nur tageweise, sondern am Morgen meist ein anderer als am Mittag und dann wieder ein andrer als am Abend ist. Für unser Wohlbesinden ist die Größe der Luft- feuchtigkeit von hoher Bedeutung. Sie ist bestinimend nicht nur für unsere Gemüthsstimmung, sondern beeinflußt auch das Er- krankungs- und Sterblichkeitsverhältniß der Bevölkerung. Bei geringer Luftfeuchtigkeit ist die Sterblichkeit im Allgemeinen größer, was man besonders in einem recht trocknen Sommer be- obachten kann. Größere Feuchtigkeit schadet dagegen seltener, wenn nicht andere llebelstände damit verknüpft sind. Weiter ist die Bewegung der Luft von Einfluß auf den Mensche». Windstille ist ihm im Allgemeinen weniger zuträglich als mäßig be- wegte Luft. Auch die Richtung des Windes ist zu beachten. Nordostwinde disponiren viel zu Erkrankungen der Athmungs- organe, namentlich bei Kindem. Etwas abgehärtete Menschen brauchen dieselben indeß durchaus nicht zu fürchten. Der wechselnde Druck oder die Schwere der Luft, die meist mit dem Feuchtigkeits- gehalt derselben in Beziehung steht, beeinflußt namentlich die Maischen mit sehr reizbaren Nerven, doch kann sich einem ge- wissen Einfluß derselben überhaupt kein Mensch vollständig entziehen. liebt, wie aus deni Allen zu ersehen, die Luft in mannich- fachen Beziehungen ihren Einfluß auf unser Wohlbesinden aus, so thut sie dies doch in sehr verschiedenem Grade im Freien und in unseren Behausungen. Während der Mensch im Freien fast immer eine gute Athemlnft findet und dort nur von Hitze und Kälte, Regen und Schnee belästigt werden kann, kann er sich durch seine Wohnungen wohl vor diesen Unbilden der Witterung schützen, doch schafft er auch bei ungenügender Sorgfalt mit der Wohnung zahlreiche, die Luft verschlechternde Einflüsse. Durch welche Beschaffenheit der Wohnungen diese Gefahren am besten vermieden werden können, das wollen wir in dem folgenden Auf- satze sehen. der neuen Welt. meinsamem Wirken an. Nachdem er in verschiedenen Schriften auch gegen die Selbstsucht der Fürsten und die Nichtigkeit des Hoflebens energisch Front gemacht halle, belheiligte er sich an dem Kriege des schwäbischen Städtebundes gegen Herzog Ulrich von Würtemberg, nach dessen Beendigung er auf Steckelberg zurückkehrte. Hier schrieb er über die„Einheit der Kirche" und züchtigte im„Gespräch über das Fieber" die Laster der Päpste, Fürsten und Geistlichen. 1520 verband er sich mit Luther, dessen Reformationswerk er nöthigenfalls mit den Waffen durchzusetzen gedachte. Bei Franz von Sickingen auf Landstuhl und nachher auf der Ebernburg verfaßte er eine Reihe von Klagfchriften an Fürst und Volk, deren einige er durch Uebersetzung ins Deutsche auch dem ungelehrten Manne zugänglich machte. Die gegen Luther geschleu- derte Bannbulle beantwortete er mit der„ljullu I.eonis X contra errorv8 blartini Lutheri et sequaciuni"(Bulle Leo's X. gegen die Jrrthümer M. Luther's und seiner Anhänger) und der„In iueenckium I.utberaiium exclawatio"(Aufschrei gegen den lutherischen Brand). Einen ungeheuren Einfluß aus das Volk übte seine„Klage und Er- Mahnung gegen die übermäßige unchristliche Gewalt des Papstes zu Rom und der unchristlichen Geistlichkeit". Ein Jahrgehalt von 200 Gold- gülden, das Kaiser Karl ihm gab, verfehlte seinen Zweck, den Feuergeist zu bändigen, vollständig. Unablässig verfolgte er seinen Zweck, durch ein Bündniß des niederen Adels mit den Städten neben der kirchlichen Reformation auch eine politische zu erzielen. Nachdem er den lothringi- schen Feldzug mitgemacht, lebte er wieder bei Sickingen und nach dessen, am 7. Mai 1528 erfolgten Tode begab er sich nach der Schweiz, wo er am 29. August auf der Insel Ufnau, im Hause des Pfarrers Hans Schnegg, verschied. Ein unerschrockener, mit seltenen Fähigkeiten und Kenntnissen ausgestatteter Geist, eine Leuchte in düsterer Zeit, erlosch mit ihm viel zu früh für die Menschheit! Xz. » ♦ * Wer von der Gleichheit des Rechts etwas fürchtet, steht unter den Pleonekten(Habgierigen, menschlichen Raubthieren) und gehört schon mit zu den Krebsgeschwüren der Gesellschaft. Seume. Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.