Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Goldeitt und eiserne Ketten. Erzählung aus schweren Tagen von E. Lübeck. Es ist der Sommer 1843. Glühend heiß brennt die Sonne, dern, die sich hinter den trüben Scheiben abspielen, Niemand die und unter ihren sengenden Strahlen bleicht das frische Griin der Thränen zn zählen, die auf die Weben fallen, und die Seufzer, Wiesen und verdorrt die kräftige Vegetation, welche die Höhen- Klagen und Flüche gegen Gott und Menschen, die mit hinein- Züge des Riesengebirges bedeckt. Welk und matt blickt Alles in gewebt sind in die Leinwand, welche allmonatlich die Dörfer ver- der Natur, nur die Menschen in den armen Dörfern des Ge- läßt und in die Städte wandert, wo von ihrem Verkaufe zahl- birgeö klagen über Kälte, obgleich auch auf ihre Dächer die reiche Händler ihr Auskommen finden. Sonne fast senkrecht fällt und in den Zimmern der Ofen, der Die Kriege der europäischen Dynasten gegen das freigewordene als Herd dient, keinen Tag ohne Feuerung bleibt. Seit vielen Volk in Frankreich versetzten der Leinenindustrie Schlesiens den Jahrzehnten schon herrscht in den schlesischen Weberbezirken ein ersten gewaltigen Stoß. Bei der ersten Erschütterung schon zeigte trostloser, granenhastcr Winter, und kein Sommer in der Natur es sich, daß die Industrie auf ungesunder Grundlage ruhte.■ vermag ihn zu mildern. Die„Perle in der Krone Preußens" Paläste hatten die Händler von der Arbeit der Weber erbaut, hat ihren Glanz verloren und schreckliches Sicchthum die arbeit- diese aber waren arm und elend geblieben wie die zahlreichen same Bevölkerung ergriffen, deren Fleiß Schlesien einst einen Hülfsarbeiter, die ihnen zur Seite standen. Bei aller Arbeit ruhmvollen Namen in allen Wclttheilen ettvarb. hatten sie nicht mehr als ihr dürftiges Auskommen gefunden; Einer der armen Weberbezirke des Riesengebirges liegt vor doch war es noch Brauch gewesen, daß die Kaufleute„die Weber uns. Verfallene Dörfer erheben sich aus den Thälern. Da ist leben ließen". Das hörte nun auf, und die hervorbrechende Roth kein Stall, kein Zaun, keine Hundehütte mehr, nicht einmal ein führte zn Regungen wilder Verzweiflung, die sich gegen die reich Tchornstei» auf den Dächern— Alles verwittert und verfallen, gewordenen Händler richteten. Mit den Bajonetten, den unfehl- das Gebälk verfault wie das Stroh, das seit einem halben baren Beruhigungsmitteln der Könige, wurden die Ausschreitungen Jahrhundert auf den Dächern liegt, ohne je erneuert worden zu erstickt, der Noth selbst wurde nicht gesteuert. Mit Riesenschritten sein. Zerlumpte, hohläugige Gestalten beleben die Straßen, matt eilte von da ab die Industrie ihrem Verfall entgegen; die Kon- und kraftlos wanken sie dahin, und doch wird in diesen Dörfern tinentalsperrc, die englische Maschinen-Konkurrenz und die her- rastlos gearbeitet, tagein, tagaus, vom frühen Morgen bis tief nietische Abschließung Rußlands durch den Schirmvogt der heiligen >n die Nacht hinein. Jung und Alt fitzt hier bei der Arbeit, Allianz, den Kaiser Alexander, vollendeten das Werk der Zer- vom zarten Kinde bis zum Greise hinauf, keine Hand läßt der nörnng.� Hunger, der schreckliche Gast in den Pesthöhlen, ruhen, keinen Tief drückten die Händler die Löhne und Preise herab, um Augenblick die fruchtlose Arbeit unterbrechen. Immer wieder setzt der englischen Konkurrenz zu begegnen und die alten reichen Ein- er die ermattenden Arme in Bewegung und belebt die erblinden- künfte aus dem Fleiße der Arbeiter sich noch weiter zu sichern. ben Augen. Hungrig steht man des Morgens auf und hungrig Lawinenartig schwoll die Noth an, von Jahr zu Jahr schrecklichere sinkt man des Abends wieder auf das Lager nieder, und so geht � Formen annehmend. Höher und höher thünnten die Wogen sich, e« fort, Tag um Tag, jahrein, jahraus. Ein verlockendes Taufende gingen darin zu Grunde, lange aber währte es,-he Wüstenbild ist die Arbeit und ihr Lohn. Weiter und weiter der Staat seiner Pflicht sich erinnerte und zu helfen versuchte. ward die Last des Lebens geschleppt, Strauchelnde und Fallende Unter dem Staatskanzler Hardenberg machte er einen Anfang, die raffen sich wieder auf, um weiter zu taumeln, und am Ziele der Leinenindustrie staatlich zn organisiren; er eröffnete Fabriken und Wanderung die ewige, trostlose und höhnische Venvandlung!— beschäftigte viele brotlose Arbeiter. War auch dieser Versuch des an Stelle der Rettung die bleiche Gestalt des Hungers! Staates vom glänzendsten Erfolge gekrönt, so wurde doch Schlesien Keine Feder vermag die Kämpfe der Verzweiflung zu schil- � bald wieder seinem schrecklichen Schicksale preisgegeben, höhere Staatsinterefse», Demagogenriecherei n»d andere hochwichtige Arbeiten traten in den Vordergrund. Das zur Unterstützung der Hungernden im Auftrage des Staats angekaufte Mehl verbrauchte das Militär, in Breslau erstanden prächtige Kasernen, und die Industriebevvlkernng hungerte und darbte wieder wie vorher. Ans den Thron Preußens ist Friedrich Wilhelm IV. gestiegen; er träumte den Herrfchaftstranm jedes neuen Monarchen. Was in der Tiefe des Volks vorgeht, das sieht er nicht und begreift er nicht. Für das Winseln der Verzweifelnden, das nur abgr schwächt an sein Ohr tritt, hat er nach Vätermeise nur Almosen, Tropfen, die ans einen glühendheißen Stein fallen und spurlos verschwinden. Zu schrecklicher Höhe ist das Elend entwickelt; gewerbthätige Dörfer sterben ans, und ein Geschlecht von Kriippeln wächst heran. Grauenhaftes nur kann die Zukunft bringen. Ans einem der Abhänge des Gebirges thront das Schloß Falkenberg, ein düsterer mittelalterlicher Bau mit hohen Mauern und stolzen Thürmen, die weit hinaus ins stand blicken. Dunkle Nadelholzwälder steigen aus den Thälern zn seinen Füßen fast bis zu den Mauern empor und heben daS Schloß scharf ab von dem im Hintergründe emporstrebenden kahlen Hanptgebirgc. Es ist kein freundlicher Eindruck, den das Schloß auf den Wanderer macht. Der finstere Charakter, den der alte Bau trägt, läßt ihn mit harten, selbstsüchtigen Menschen bevölkern und un- willkürlich tritt die alte Zeit des Raubritterthnms mit ihren Schrecken und ihrer Barbarei in die Erinnerung. Schreiend ist der Gegensatz, den es zu dem grauenhaften Verfall und der Armuth bildet, die es umgeben. Ein greller Mißton in einem tief ergreifenden Bilde ist es, und wie eine Verhöhnung des bittern Elends erscheint es, das in den armseligen Dörfern wohnt. Derartiger Herrensitze gibt es gar viele im stände, und ihren stolzen Bewohnern ist das Landvolk fast ausnahmslos zins- und dienstpflichtig, ihnen muß die Armuth für die papiernc Freiheit, deren sie sich erfreut, einen schrecklichen Zoll entrichten. Etwa eine halbe Stunde von Schloß Falkenberg entfernt, liegt, ans einem Tfyale aufsteigend, das Dorf Waldan. Es zieht sich über eine Viertelstunde lang an einem Bache hin, der im Augenblicke versiegt ist. Im Thale liegen die Häuser dichter zusammen, im oberen Thcile sind sie dünner gesät, sie lehnen sich an die Berge oder kleben Schwalbcnnestern gleich an den Gipfeln. Es ist arm und elend, wie die anderen Dörfer im stände, doch ist die Roth auf den Höhen größer als im Thale, wo sich noch hie und da die Spuren von Ackerbau zeigen. Im Osten steigt der junge Tag empor und erleuchtet die Spitzen der Berge. Ueberall beginnt das Leben zn erwachen und auch im Dorfe regt es sich plötzlich geschäftig. Einzelne Thiiren öffnen sich und Männer verlassen die Häuser, meist zer- lumpte Gestalten mit abgezehrten, hohläugigen Gesichtern, fast- und kraftlos; nur wenige fallen durch einen kräftigeren Körperbau auf. Auf dem Platze in der Mitte des Dorfes sammeln sie sich. Man begrüßt einander, als hätte man sich monate- oder jähre- lang nicht gesehen, und erkundigt sich theilnehmend nach allen Borgängen in den Familien, nach der Arbeit und den Lebens- Mitteln, ganz so, als ob man mit Menschen aus einem andern Dorfe zusammenkäme. Und überall finden die Fragen die gleiche Antwort, stummes Achselzucken, Seufzer und Klagen, hie und da auch feuchte Augen oder Flüche. Vom Schlosse trägt der Morgen- wind den Schall der Uhr herüber; es schlägt vier, und die Blicke der Weber richten sich finster nach dem stolzen Gel'ände, dessen Fenster vom Morgenlichte vergoldet werden, und keinen unter ihnen gibt es, der in diesem Augenblick nicht Vergleiche anstellt zwischen dem Glück in der Höhe und dem Elende hier unten im Thale. Am voraufgegangenen Abende war ein Wirthschaftsbeamter des Grafen ini Dorfe erschienen und hatte die arbeitspflichtigen Weber für den nächsten Morgen um fünf ins Schloß befchiedcn; wohl murrten sie über den Auftrag, denn die Frohnarbeit im Schlosse führte zur Verkürzung der Hnngerarbeit in den Hütten; doch waren die Pflichtigen zahlreich auf dem Sammelplätze erschienen, zn schwerer, ungewohnter Arbeit bereit. Jede Arbeitsverweigerung wurde vom Grafen mit dem Verkaufe des Grundstücks bestraft, auf dem die Zins- und Arbeitspflicht eingetragen war. Ein alter Mann mit granein Haar und Bart und einem freundlichen und friedlichen Gesicht löst sich aus dem Haufen. ES ist der Weber Ehrenfried Neumann, der Aelteste von ihnen, den jedes Kind im Dorfe kennt und der seit langer Zeit schon den Webern als Führer gilt. Prüfend gleiten seine Blicke über die Genossen, deren Unterhaltung verstummt. „Sind wir Alle beisammen, Freunde?" frng er. Mit einem„Ja!" antworteten die Meisten.„Hans Egler fehlt noch!" riefen Einige;„auch Jörg ist nicht da!" sagten Andere. Nenmann schaute kopfnickend ins Dorf zurück; an einer düster» Hütte, etwas weiter unterhalb, blieben seine Blicke haften.„Ein Kind ist dem Egler wieder gestorben," sagte er;„da wird er noch zn thun haben, es soll jetzt beerdigt werden; ein anderes hängt zwischen Leben und Sterben— ist ein Unglück mit ihm!" „Hat sich immer rechtschaffen gemüht," sagte ein alter Weber. „Hilft heutzutage Alles nichts," rief ein Anderer,„es wird immer ärger mit uns." „Und die arme Frau!" sagte Neumann wieder.„Was hat die Alles aushalten müssen. Daß die Warthe bei allem Leid noch auftecht ist, das hat mich schon manches Mal gewundert." „Was ist denn eigentlich aus dem Konrad Büttner gewor- den?" fragte ein Weber.„Er soll ja nach Rußland gegangen sein." „Er ist verschollen, Niemand weiß etwas von ihm," antwortete Nenmann.„Die Marthe hat auch schon alle Hoffnung anft gegeben, daß er wiederkommt.— Aber, wollen wir gehen, oder noch ein wenig auf Egler warten?" „Wir wollen warten!" rief man von verschiedenen Seiten. „So warten wir noch!" sagte Nenmann. Während die Weber draußen harrten, welch erschütternder Abschied, den sie in der Hütte von dem todten Kinde nehmen! Da liegt auf dem Martcrbette, auf faulem Stroh und Lumpen, Frau Egler, eine gramvolle Unglücksgestalt, die Augen voller Thränen, die dürren knochigen Hände verzweifelt ringend. Auf dem Tische in der Mitte des Zimmers steht der schwarze, nn- heimliche Sarg, der eins der Kleinode hinausführen soll, das die düsteren Wände bargen, das dem Herzen der Mutter viel bittere Thränen des Kummers erpreßte und doch wie goldener Sonnen- schein in die schwarze Nacht des Grams siel, und das sie erfreute und der unruhig flackernden Flamme des Lebens immer wieder neue Nahrung zuführte. Wie die Hammerschläge sie erschüttern, welche für immer den Sarg verschließen, wie sie bei jedem Schlage erbebt und matt aufs Lager zurücksinkt, als die dröhnenden Schläge verstummen! Neben dem Sarge steht Hans Egler, die Augen klagend und grollend auf den Sarg gerichtet, die Lippen fest aufeinander- gepreßt, eine finstere Wolke auf der breiten, tief gefurchten Stirn. An seiner Seite befindet sich seine Tochter Martha, eine zarte Mädchengestalt mit großen ausdrucksvollen Augen unter einer sanft gewölbten schönen Stirn, welche ein reicher Schmuck von blondem Haar umrahmt. Einer Blume des Frühlings gleicht sie, die der Herbst geküßt, noch che der Sommer sie begrüßt. Wie lange noch, dann ist der Frühlingshauch, der ihre Wangen schmückt, erloschen und die Rose der Armuth, die ohne sticht und Luft dem harten Boden des Elends entstiegen, entblättert und gestorben! So spricht es aus diesem Gesichte mit den blassen Lippen und den weinenden Augen, die wie die des Vaters auf den Sarg gerichtet sind, der den Liebling aufgenommen, den sie mit treuer Hand, mit zärtlicher Liebe gepflegt. Einen Kranz hat sie auf den Deckel des Sarges gelegt und das Licht des neuen Morgens blickt durch das trübe Fenster und fällt auf den Sarg und umspielt den Kranz, den letzten Abschiedsgruß, den das todte Kind mit hinabnimmt in die stille Gruft. Er fällt auf Frau Egler's Bett und küßt das lockige Haupt des Knaben, der halb- nackt auf ihrem Bette sitzt, die Angen halb geschlossen, ein Lächeln 139 auf den Lippen. Obgleich zehn Sonmier an diesem Kinde vor- übergezogen, hat sein Geist doch nie an ihrem lebencnveckcnden Licht sich erfreut. Die blödsinnigen Kinder zählen nach Hun- derten in den armen Dörfern, und früh schon hat das Leben den lockigen Knaben eingereiht in das große geistlose Gefolge des Hungers. Lebensmüd neigt er das Haupt und sein Lächeln be- grüßt den ernsten Fährmann, der auch an sein Lager getreten, um ihn hinüber zu schiffen ins Reich der Ruhe. Und nun ist Alles vollendet, und die Nachbarn, welche den Sarg zum Friedhofe bringen wollen, verrichten ein letztes Gebet und von neuem fährt Frau Egler empor und ringt die Hände und weint und schluchzt, und auch Egler preßt krampfhaft seine Hände zusammen und gewaltsam kämpft er gegen die Thränen an, die in seine Augen sich drängen. Martha aber ist am Bette der Mutter niedergesunken und birgt dort die thränenden Augen. Welch ergreifendes Bild, diese Menschen in dem schrecklichen Räume, in den man kein Thier sperren möchte! Die dunklen feuchten Wände, die zusammenbrechende Decke— dazu der schwarze Sarg! Einer Grabkammer gleicht die Wohnung, und was sind sie auch viel mehr die Gestalten, die sie bevölkern, als Todte, wenn auch, das Leben in ihrem Innern sich regt und gaukelnde Bilder der Hoffnung die trüben Augen beleben, oder die Liebe ihnen bittere Thränen cntpreßt. Jetzt schlingen sie noch Stricke um den Sarg, um ihn besser tragen zu können; wie ihr rauhes Rasseln sie Alle erschreckt und zusammenfahren läßt! Am Fenster huscht ein Schatten vorbei, ein leichter Schritt ertönt im Flur, die Thür öffnet sich und ein junges Mädchen mit einem Kranze in der Hand tritt ein. Stumm legt sie ihn auf den Sarg, dann tritt sie auf Martha zu und beide Mädchen nmarmeu sich. Die Eingetretene ist Marie Köhler, die Tochter einer in der Nachbarschaft wohnenden Wittwe, eine Jugeudgefährtin Martha's, in gleichem Alter mit ihr, doch ungleich frischer als sie. Linn gehen die Männer mit dem Sarge hinaus und Martha begleitet sie mit ihrer Freundin bis zur Straße. Soweit sie vermögen, geben sie ihnen mit ihren Blicken das Geleite. Hans Egler aber war im Zimmer zurückgeblieben und starrte immer noch auf die Stelle, wo der Sarg gestanden; dann fuhr er plötzlich zusammen und trat an das Lager seiner Frau. Er neigte sich über den Knaben und preßte einen Kuß auf seine mannor- bleiche Stirn; dabei blickte er ihn au mit tiefem Schmerz. Seine Hand fuhr über das lockige Haar und das Kind lächelte dabei, als ob es die Hand kenne, die liebkosend es berührte. Wieder neigte Egler sich nieder und küßte es, darauf trat er zu seiner Frau und streckte ihr beide Hände entgegen. Kein Wort kam dabei über seine Lippen, aber seine Augen, der Druck seiner Hände gaben ihr mehr als Worte Kunde von den Gefühlen, die ihn bewegten und dem Mitgefühl, das er für ihr eigenes un- sägliches Leid empfand. Dann wandte er sich ab, ergriff seinen Hut und ging hastig hinaus. Als er Martha erblickte, blieb er stehen. „Sorge für sie, Martha," sagte er mit zitternder Stimme, auf das Zimmer deutend, das er' soeben verlassen. Martha nickte nur mit dem Kopfe. Er preßte sie au sich und eilte dann mit stummem Gruß an Marie Köhler vorüber die Straße hinauf, wo die Weber seiner harrten. „Da kommt Egler!" riefen mehrere von ihnen, und Neumann kam ihm, die herzlichste Theiluahmc im Gesichte, entgegen. Sie schüttelten einander die Hände. „Ist wieder ein Zweig vom Baum gefallen!" sagte Egler, schmerzlich den Kopf neigend.„Auch der Fritz will nun zur Ruhe gehen." „Gönnen wir sie ihm, Egler," antwortete Neumann.„Lohnt sich denn dieses Leben?" „Es ist wahr, nur zu wahr. Mau sollte nicht murren, mau sollte nicht klage»— aber wer kann gleichgiltig bleiben, wenn Einem das Letzte entrissen wird, woran noch Herz und Auge eine Freude hatte!" „Ich begreise es, Egler,— aber nur wieder Mnth gefaßt! Bleibt dir nicht noch Martha? Ist sie dir nicht ein wahrer Schatz?" „Gewiß, gewiß, Neumann," antwortete Egler seufzend,„aber wie lange wird's dauern! Daß Büttner nicht wiederkehrt, das nagt wie ein Wurm an ihrem Leben, und die Arbeit, die Arbeit!" Sic standen bei den Webern, die Egler umdrängten und ihm die Hände schüttelten. Es gab eine Zeit, in der seine Thatkraft Allen als leuchtendes Beispiel gedient; so kannte ihn auch Jeder und in eines Jeden Brust lebte für ihn noch warme Theilnahmc. „Laßt uns aufbrechen, Freunde!" rief Neumann jetzt, und im nächsten Augenblick setzte der Zug sich in Bewegung. Neumann hatte sich zu Egler gesellt. „Der Gang fällt mir recht schwer," sagte Egler mit leiser Stimme.„Das Blut steigt mir immer zu Kopf, wenn ich an die Schurken denke, die da schwelgerisch in de» Tag hinein leben..." „Still, still, Egler," unterbrach ihn Neumann.„Und wenn wir oben sind, dann beherrsche dich! Denke au die Genossen; es könnte leicht Unglück geben." „Daß wir immer still sind, das ist unser Unglück!" antwortete Egler, während eS in seinen Augen zornig aufleuchtete.„Weil sie es oben gewöhnt sind, daß wir Alles stumm hinunterschlucken, glaub«, sie, uns auch den letzten Lumpen nehmen und den letzten Blutstropfen auspressen zu können." „Denke an die Genossen!" bat Neumann wieder. „Uns drückt der gleiche Schuh," entgegnete Egler.„Ich ereifere mich nicht meinethalben allein! Aber ich werde mich mäßigen," fügte er hinzu,„seid unbesorgt!" Das letzte Haus im Dorfe hebt sich von den andern etwas durch sein weniger verfallenes Aeußerc ab. Hier und da treten Reparaturen hervor, und die kleinen Fenster sind mit Läden versehen. Das Haus gehört dem Weber Jörg, dessen Fehlen bereits in der Dorfstraße bemerkt wurde. Beim Auftauchen des Hauses erinnerte man sich wieder seiner; doch ohne Verzug, mit einer gewissen Scheu in den Gesichtern, ging es vorüber, und nicht eine Stimme fand sich, die zum Abholen Jörg's gemahnt hätte. Erst als man das Haus im Rücken hatte, sprach man von ihm. „Laßt ihn, laßt ihn," drängte Neumann,„der Faulleuzcr ist die Worte nicht wcrth, die wir über ihn verlieren." „Wovon er nur leben mag?" fragt ein neben Neumann Gehender,„die Wilddieberei allein kann ihn doch nicht ernähren." „Warum nicht, wenn ihm so viel durch die Finger gesehen wird?" antwortete Neumann.„Um einen vom Winde abgebrochenen Ast halten sie im Dorfe Haussuchungen, zum Jörg aber, von dem man weiß, daß er alle Nächte im Walde liegt, kommt Niemand, und ohne daß sich Jemand darum kümmert, kann er das Wild in der Stadt verkaufen." „Die Nachsicht hat er sich reichlich verdient," rief Egler finster aus;„Niemand als er hat uns um die Papiere gebracht. Das Blut steigt mir immer zum Kopf, wenn ich von dem Menschen sprechen höre oder ihn gar erblicke. Wie ich ihm nur so blindlings vertrauen konnte!" Sie hatten die Höhe des Berges erreicht. Oben theilt sich der Weg. Die Hauptstraße läuft eine Strecke weit auf dem Kamm des Höhenzuges hin und wendet sich dann, bald steigend, bald fallend, der österreichischen Grenze zu. Ein Zweig führte in das waldige Thal, welches die Bergkette vom Schlvßbcrgc trennt, ein anderer wendet sich nordwärts nach dem Dorfe Schönen berg und dem oberhalb desselben liegenden Schlosse Rabenberg. Der muldcnartige Wald greift zum Theil auch über den Rand des Berges hinweg, ans dem der Weg sich kreuzt. Auf seinem Gipfel steht noch eine Gruppe hohen Nadelholzes, daran schließt sich niedrige Schonung und umrahmt im Halbkreise eine hart an der Wcgscheidc liegende Rasenbank. Bon dieser Stelle ans gc- nicßt mau einen weiten Blick in die Ebene, die in malerischer Färbung am Fuße der Bergkette sich ausdehnt. (Fortsetzung folgt.) 140 Mmldemokratie und �rdeiterleben in der Thierwelt. Bon Dr. Ludwig Büchner. (Verfasser von„Äraft und Stoff".) (Fortsetzung.) Das äußere oder auswärtige Departement umfaßt das bekannte Geschäft des Honigeinsammelns, wobei der Honig oder Blumensaft im Kropf oder in einer Erweiterung der Speiseröhre untergebracht, das aus zusammengeknetetem Blumenstaub bestehende sog. Biencnbrot dagegen in den Schaufel» der Hinterbeine aufgehäuft und in der Form klumpiger Ballen als sog. Höschen hereingebracht wird. Im Inner» des Stocks angekommen, werfen die fleißigen Arbeiter ihre innere und äußere Last alsbald ab, um augenblicklich wieder zu dem Geschäft des Einsammelns zurück- zukehren, während, wie schon erzählt, die eingebrachten Vorräthe von den Kameraden im Innern zweckmäßig vertheilt und weiter verarbeitet werden. Wunderbarer Weise entsteht während des Laffalle's Grabmal zu Breslau.(Ongiiialzcichnung.) Aus- und Einfliegens trotz der großen Menge von Arbeitern niemals das geringste Gedränge oder die geringste Unordnung, waS man entweder daraus erklären kann, daß jede Schaar von besonderen, die Ordnung aufrechterhaltenden Führern oder An- führen« geleitet»vird, oder daraus, daß die am Eingange des Stockes«vachehaltenden Bienen, welche jeden unbefugten Eindring- linz abzulvehren haben, auch Ordnung in die ein- und aus- fliegenden Schaaren bringen. Soviel ist gewiß, daß diese Wächter oder Aufseher ein sehr»vichtiges Amt und zugleich die Aufgabe haben, alle von außen kommenden Nachrichten in das Innere des Stockes weiter zu befördern. Sie besitzen dafür verschiedene Ton- biegungen in ihrer durch die Luftlöcher der Brust und des Hinter- leibs erzeugten Stimme, von denen jede eine besondere Bedeutung hat. Sobald eine Biene mit einer wichtigen Neuigkeit ankommt, wird sie sofort umringt, stößt zwei oder drei schrille Töne aus und berührt eine Genossin mit den langen, biegsamen und sehr empfindlichen Tasten oder Fühlern,«oelche aus nicht weniger als ztvölf Gelenken bestehen. Die Genossin gibt die Nachricht sofort auf dieselbe Art«reitcr und im Nu ist die Neuigkeit durch den ganzen Stock verbreitet. Natürlich empfängt das Oberhaupt des Staates oder die Königin vor Allen die Nachricht. Ist diese angenehm oder betrifft sie z. B. die Entdeckung eines Zucker- 141 vorr>ithes, eines blühenden Feldes oder dergleichen, so bleibt die Königin ganz ruhig. Dagegen geräth sie in große Aufregung, wenn die Nachricht einer drohenden Gefahr einläuft oder wenn z. B. ein fremdes Thier in den Stock eingedrungen ist, wie dieses nicht selten durch Mause, Schnecke», große Schmetterlinge u. s. w., aber auch durch Ameisen geschieht. Höchst interessant ist das Benehmen der sog. Lüfterinnen, welche dafür zu sorgen haben, daß die Luft im Innern des Stockes erneuert, und die bisweilen auf einen sehr hohen Grad steigende Temperatur oder Wärme in demselben abgekühlt wird. Die Biene», welche dieses Geschäft zu besorgen haben, vertheilen sich reihenweise und etagenfönnig in bestimmter Ordnung durch den ganzem Korb und werfen sich nun durch rasches Bewegen ihrer Flügel kleine Luftschichten derart einander zu, daß ein kräf- tiger Luftstrom oder Luftwechsel durch alle Räume der Wohnung hindurch erzielt wird. Dieses, sowie das stete Reinhalten des Innern ist eine Hauptbcdingung des Gedeihens einer Kolonie, weil durch die verdorbene Luft und schlechte Aus- dünstungen rasch rühr- artige Krankheiten cnt- stehen, welche oft die ganze Gesellschaft in kürzester Frist dahinraffen. Na- mentlich leicht geschieht dieses im Winter, wenn einzelne schöne Tage die Bienen zum vorzeitigen Verlassen des Stockes ver- anlassen, und die darauf folgende schlechte Witte- rung sie wieder für längere Zeit in den Stock zurück- treibt. Wunderbar schön schil- dert der große Dichter- Shakespeare dieses so wohl geordnete Leben und Treiben des Bieneustaates, indem er in seinem Drama „Heinrich der Fünfte" den Erzbischof von Canter- bury, allerdings vom Standpunkte des abso- lutistisch gesinnten Kirchen- fürsten auS, Folgendes sagen läßt: — Sehr wahr! Deswegen thcilet auch der Himmel Den Menschen zn verschiedenen Berus, Und schreibt der Arbeit vor beständ'gen Gang, Deß Ziel und letzter Zweck Gehorsam heißt.— Denn gleicherweise thun die Honigbienen— Geschöpfe, die durch ein Naturgesetz Uns lehren, wie ei» großes Königreich In Zucht und Ordnung seine Bürger hält. Sie haben eine Kön'gin und Beamte; Die Einen halten Ordnung in dem Haus, Wie Obrigkeit der Menschen; doch die Andern Betreiben Handel auswärts, gleich geschickten Kaufleutcn; wieder Andre, die bewehrt Mit scharfem Stachel, plündern, gleich Soldaten, Des Sommers sammetweichen Blumenslor Und bringen, fröhlich summend, ihre Beute Nach Hause zu dem Zelt der Herrscherin! Doch diese wacht in stolzer Majestät Ob ihrem Volk. Die Einen bauen singend Ihr goldne Dächer, während Andre ihr, Gleich stillen Bürgern, Brot und Honig kneten. Tic arinen Tagelöhner dränge» sich Mit schwerer Last zum engen Thor herein, Jndeß gestrenge Richter, mürrisch summend, Die gähnende und faule Drohne liefern In bleicher Henker Hand!— Daraus nun schließ' ich, Daß viele Dinge, die dasselbe Ziel Bersolgen, doch verschieden wirken können, Gleich Pfeilen, die, verschiedne Wege kommend, Nach einem Ziele fliegen."-- ♦) Mau hat den Bienenstaat oft als das Ideal oder Muster eines sog. konstitutionell- monarchischen Regierungsshstems hingestellt, also desjenigen Systems, welches gegenwärtig in den meisten europäischen Staaten herrschend ist und von den Einen als höchstes politisches Ideal, von den Andern aber als eine große politische Lüge angesehen wird. Auch hat schon im An- fang des vorigen Jahrhunderts der Franzose Mandeville in seiner berühmten oder berüchtigten„Bienen-Fabel" die Staats- Verfassung der Bienen als Vorbild für menschliche Staats-Ein- richtunge» aufzustellen ver- sucht, wenn auch in sehr übertriebener Weise. In der That besteht insofern eine nicht geringe Aehnlichkeit zwischen der Biencnverfassung und dem konstitutionell monarchi- schein System, als die Bienen, wie es scheint, auf die Person ihrer Kö- nigin so gut wie gar kein Gewicht legen und voll- ständig zufrieden sind, wenn sie nur überhaupt eine solche besitzen. Sie wechseln daher die Herr- schaft rasch und leicht und huldige» ganz und gar dem bekannten Wahlspruch des konstitutionellen Kö- nigthumS:!.>' roi»st mort— vivo lo roi! (Der König ist todt— eS lebe der König!) Auch huldigt ein weiselloser oder seiner Königin beraubter Stock alsbald einer neuen, ihm zugeführten Königin ebenso, wie ihrer Bor- gängerin, während ein Stock, der längere Zeit weiscllos bleibt, der Faul- heit und Lüderlichkeit ver- fällt und früher oder später Königin, da sich Alles um sie dreht, den eigentlichen Mittelpunkt und Halt des Staats, aber ohne in den Gang und die Geschicke desselben irgendwie persönlich einzugreifen, und sie erscheint in Wirklichkeit und ganz entsprechend dem konstitutionellen Gedanken als Dasjenige, waS bekanntlich Napoleon der Erste nicht sein zu wollen erklärte, als ihm Sieyes seinen berühmten Berfassungs- Entwurf vorlegte, nämlich„das Mastschwein der Nation". Auch bildet die Königin in der Einfachheit und Einförmigkeit ihrer Beschäftigung und durch die Art von halber Gefangenschaft, in der sie gehalten wird, einen offenbaren Gegensatz zu ihren geistig und körperlich so überaus geweckten und beweglichen Unterthanen, so daß man hier, wie dieses ja auch so oft bei den Menschen der Fall ist, sage» kann, daß die Dummheit über den Verstand herrsche. (Schluß folgt.) *) Nach eigener ltcbcrsetzmig. Darwin.(Siehe Seite 144.) zu Grunde geht. So bildet zwar die W DHT 142 Ein belohnter Dienst. Bon E. K. (Schluß.) Es war jetzt drei Uhr Morgens am ersten Weihnachtsfeiertage. Der niit sich selbst zufriedene Wagenmeister ging vergnügt in sein Wohnstiibchen. Hier angekommen, nahm er eine Rolle Gold aus der Tasche und verschloß dieselbe in ein kleines Spind, vor sich himnurmelnd: „Doch ein Nothpfennig, wenn ich den Dienst verlieren sollte; ich kann nun den Kindern auch eine kleine WeihnachtSfreude machen. Ich mochte gestern gar nicht nach Hause gehen, um die betrübten Gesichter nur nicht sehen zu müssen. Alles freut sich an diesem Abend, nur der Arme fühlt seine Armuth doppelt— zehn Kinder und zweihundert Thaler das Jahr!— Ein Rechen exempel, das wahrhaftig kein Geheimer Rath löst!" Jetzt warf er sich auf ein Bett und war bald entschlafen, ruhig den Ereignissen entgegensehend, welche der Morgen bringen mußte. Der Reisende war— wie der Leser schon weiß— in der That der Minister von Stein, der, als der König von Preußen von den Feinden vertrieben wurde, diesem auf seinen ausdrück- lichen Wunsch nicht gefolgt war, um durch seine Anwesenheit und sein Ansehen vielleicht manches Unglück vom Lande ablenken, manchen Druck erleichtern zu können. Er hatte Alles aufgeboten, um diesen Zweck zu erfüllen und zugleich den Muth und die Hossnnng des Volkes auf eine bessere Zukunft aufrecht zu er- halten. Viel Segen ruhte auf seinen Handlungen. Jedoch erregte sein umfassender, kräftiger Geist bald das Mißtrauen Napoleon's, und er war schon lange von Spähern umgeben und seine Verhaftung beim ersten Anlaß beschlossene Sache. Die Veranlassung hatte sich geboten, als der Minister mehrere Tage hindurch einen Flüchtling in seinem Hause verborgen gehalten und dann demselben die Mittel zur weiteren Flucht beschafft hatte. Durch einen Zufall war er zeitig genug in Keuntniß gesetzt worden, um noch am Abend, ehe er verhaftet werden sollte, mit einem ans fremden Namen ausgestellten Passe, in der Verkleidung eines Dieners, die Hauptstadt verlassen zu können. So sehen wir ihn als Flüchtling in P... durch den biederen Wagenmeister seinen Verfolgen! entrissen, und nach wenigen Wochen war es Vielen freudige Gewißheit, daß er glücklich entkommen und ein sicheres Asyl erreicht habe.-- In der Zeit, während welcher sich das Alles in P... ereig- nete und sich jetzt Jeder dem stärkenden Schlummer überließ, saßen in dem Hohlwege bei K... vier Gensdannen in einem Wagen ohne Pferde. Der Postillon war nach P... geritten, und die zurückgelassenen Pferde hatte ein Bauer nach seinem Gehöft geführt, wo sie der Postillon später abholte. Beide über- ließen die nicht beliebten Reisenden ihrem Schicksal. Als der Wagen nicht mehr fortkonnte, würde es den Gens- darmen noch möglich gewesen sein, ihn zu verlassen und P... zu Fuße, natürlich mit einiger Anstrengung, zu erreichen; sie würden auch die Verfolgten noch gefunden haben. Jetzt war ihnen dies nicht mehr möglich; denn wie der Postillon vorher- gesagt, war der Wagen nach Verlauf einer Viertelstunde vollständig vom Schneesturm verweht, so daß nicht nur keine Spur vom Wagen zu sehen, sondern auch der Hohlweg so vollständig ausgefüllt war, daß das ganze Terrain einer Ebene glich. So hatte sich die Bequemlichkeit der Herren doppelt hart gestraft: der Flüchtling war ihnen entronnen, und sie saßen nicht nur in einer höchst bedenklichen Klemme, sondern hatten obendrein, wenn sie endlich erlöst waren, eine beschwerliche Verfolgung fortzusetzen. Unser Wagenmeister hatte Wort gehalten. Er schlief ruhig bis sechs Uhr, und nun erst begab er sich zum Postmeister und zeigte ihm an, daß soeben der Postillon Heinrich gemeldet habe, es liege ein Reisewagen im Hohlwege bei K...; der Postillon sei gleich wieder zurückgeritten, um die nahen Dorfschaften auf- zubieten. „Ich habe heute so unruhig geschlafen— wahrscheinlich in Folge des Thees, den mir meine Wirthschafterin noch spät bc reitete— und Sie hätten mich wohl noch eine Stund: ruhen lassen können. Doch, was ist nun zu machen?— Sind die Fremden schon fort?" „Ja, um 3 Uhr.— Niklas kam um l2 Uhr zurück, hat dann gefüttert und ist abgefahren. Jetzt ist es zwischen sechs und sieben." „Sind jetzt noch mehr Pferde zurückgekommen und vielleicht welche abgefüttert?" „Alle Ställe sind fast voll! Aber kein Postillon> will am spannen, um den Wagen zu holen. Der am längsten zu Hause ist, verlangt mindestens noch zwei Stunden Ruhe für seine Pferde." „Ordentliche Leute das! Gehen Sie jetzt zum Bürgermeister, daß er Leute mit Schaufeln:c. requirirt und hinausschickt; und wenn der Wagen und der Weg frei sind, soll man einen Boten hereinschicken nach Pferden. Haben Sie mich verstanden?" „Genau!" sagte der Wagenmeister und ging zum Bürgermeister, um die Bestellung wörtlich auszurichten. Dem Bürgermeister kam aber die Sache ungelegen, dem Amtsdiener auch, der noch müde war vom Abend vorher, während dessen er die ganze Stadt vergebens nach Pferden durchsucht hatte, und so wurde die Sache von allen Seiten so lässig be- trieben, daß es elf Uhr schlug, als die Gensdarmen endlich in P... ankamen. Jetzt brach das Ungewitter herein, das sich über Post und Magistrat zusammengezogen hatte. Das erste Wort war eine Frage nach den letzten Reisenden, und als die Gensdarmen hörten, daß dieselben schon um 3 Uhr Morgens expedirt seien, brach ein Sturm von Flüchen los. Während nun frische Pferde vorgelegt wurden, wobei der Wagen- meister zur größten Eile antrieb, war auch der Bürgermeister herbeigeholt worden, und es begann eine kurze summarische Unter- suchung durch den Offizier des Kommandos. Niemand zitterte mehr als der kleine Secretair. Bei jeder Bewegung eines Gens darmen fuhr er bald nach dieser, bald nach jener Seite, als ob er irgendwelchen nach ihm geführten Streichen hätte ausweichen wollen. Indessen grade durch seine Furchtsamkeit lenkte er die Gc fahr ab. So erbittert die Gensdarmen auch waren, machte sie doch die Gelenkigkeit des Kleinen lachen, und es entstand ein allgemeines Gelächter, als einer derselben den Säbel zog und eine drohende Geberdc gegen ihn annahm. Diese Heiterkeit trug viel dazu bei, der ganzen Scene für den Äugenblick ein Ende zu machen, umsomehr, als sich für jetzt weiter nichts feststellen ließ, weil alle Schuld auf den abwesenden Postillon Heinrich geschoben wurde, und der Einzige, der das Räthsel zu lösen im Stande gewesen wäre, viel Ursache hatte, cö nicht nur nicht zu lösen, sondern die Sache nach Möglichkeit zu verwickeln. Die Gensdarmen gaben daher vorläufig jede Maßregel auf und bestiegen unter Drohungen den Wagen, um die Verfolgung fortzusetzen, von der sie sich immer noch ein günstiges Resultat versprachen, da sie Reklamationen für das benachbarte Ausland mit sich führten, welche die Verhaftung und Auslieferung des Ministers, wenn er nur erst erreicht war, außer Zweifel setzten. Wir dürfen daher nicht erst darauf aufmerksam machen, wie wichtig eS unter diesen Umständen war, daß derselbe eine andere Straße eingeschlagen hatte. Der vorsichtige Wagenmeister hatte seine Dispositionen gut getroffen; denn ungeachtet des bedeutenden Vorsprungs von über acht Stunden, den die flüchtigen Reisenden jetzt hatten, würden sie auf der Straße nach B... wahrscheinlich dennoch schon an den Bergabhängcn hinter B... erreicht worden sein, die grade um diese Zeit während dreier Tage unpassirbar waren. Die Gensdarmen wurden allerdings schon auf der nächsten Station innc, daß sie in P... auf eine falsche Spur geleitet T 143 worden seien; doch ist es nicht bekannt, ob und auf welche Weise sie die Verfolgung fortsetzten; so viel ist nur gewiß, daß es vir- gcbens war, wenn sie es thaten. In P... schwebte man lange— namentlich wegen des Wagenmeisters— in Besorgnis; über die Folgen dieses Tages; doch beruhigte man sich endlich; denn auffallenderweise wurden nie mehr Nachforschungen über den Zusammenhang der Sache von den oberen Behörden angestellt, und die unzweifelhaft nach- weisbare Saumseligkeit der Bürger-, Post- und Wagenmeister blieb ungeahndet. Bielleicht wollte man der gegen den beliebten Minister gerichteten Maßregel keine zu große Ocffentlichkeit geben, um die Gemüther des Volks nicht noch mehr zu reizen. Zwanzig Jahre nach den oben erzählten Vorfällen konnte man in dem Dorfe A— zwei schöne massiv gebaute Pachthöfe sehen. Bei beiden zeugte Alles von Wohlhabenheit, Fleiß und Ordnung. Die Gebäude waren weiß getiincht und die rothcn Ziegeldächer glänzten schon von weitem. Vor jedem Wohngebäude war ein freundlicher Blumengarten, in welchem zwei große sorg- sam gepflegte und beschnittene Lauben standen. Zwischen beiden Pachthöfen, doch etwas zurück, lag daS herrschaftliche Schloß, ein altes, wohlerhaltenes Gebäude; alle drei bildeten einen Halbkreis. Wer die durch das Dorf am Schlosse voriiberführcnde Land- straße passirte und jene drei Gebäude betrachtete, konnte keinen Augenblick zweifeln, daß die Bewohner derselben in angenehmer, freundlicher Verbindung mit einander standen. Und so war es. Dach Schloß bewohnte der ehemalige Flüchtling, Minister von Stein, wenn er im Sommer einige Monate seines arbeits vollen Lebens der Erholung widmete. Er hatte die Freude ge habt, fein Baterland von der Herrschaft des Korsen befreit zu sehen. Er genoß mehr als je das Vertrauen des ganzen Volks. In dem einen der Pachthöfe wohnte der frühere Wagen- meister von P. das Luftschloß, das er vor der Thür des Gast- wirths P. an jenem stürmischen Winterabende baute, ist jetzt zur Wirklichkeit geworden, doch durch ein besseres Mittel, als das war, welches er damals in Gedanken anwandte. Er hatte daS Gütchen gegen einen mäßigen Zins in Erbpacht. Seine zehn Kinder lebten alle: der älteste Sohn sollte das Gut übernehmen, vier waren als tüchtige Handwerker versorgt und fünf Töchter verheirathet. Eine, die älteste, hatte der Nachbar im zweiten Pachthof zur Frau. Dieser Nachbar war aber Niemand anders, als der Postillon Niklas, welcher den Minister in jener Nacht nach W---- gefahren. Er saß gleichfalls in Erbpacht. Wenn man an schönen Sommerabeuden an den Pachthöfen vorüberging, sah man immer beide Familien vor dem einen oder dem andern Wohnhause in der Laube versammelt, und oft war der Kreis zu einer gewissen Zeit im Jahre durch eine dritte Familie vermehrt— die des Ministers, welche sich gern unter jenen bewegte. Der traulichen Unterhaltung eines solchen Abends verdanken wir unsere Erzählung. Sie Schwalbe. Von R. Schulz. ,.Wo Zchwalbe» slattcr». brüten und verweilen, Hst lind und lieblich stets die Lust." Shakeipearc. Mit dem Osterfeste ist auch die Natur von ihrer Winter- ruhe erwacht. Mild wehen die Frühlingswindc über das Land, der vom Schnee gebleichte Na- sen färbt sich grüner, Knospen schwellen an Baum und Strauch, lauter plätschern die Bächlein, an deren Ufer die schon zurückgekehrten Staare sich lustig umhertummeln, und jubelnd klettert die Lerche an ihren hellen.Frühlingsliedern ül die klare, azurblaue Lnft. Der Lenz scheint aller Orten seineu Einzug gehalten zu haben, aber noch traut der Laudmann nicht dem heitern Himmel, denn der wahre Frühlingsbote, die Schwalbe, hat sich ja noch nicht eingestellt. Endlich kehrt sie von ihrer langen Winterrcise zurück ins heimische Dorf, ins alte Liest. Wie jubelt Groß und Klein bei ihrem Anblick! Von Mund zu Mund tönt die frohe Kunde, und Aller Herzen schlagen höher, denn nun scheint es besiegelt zu sein, daß des Winters Macht gebrochen. Zwar kennt Jeder das Sprüchwort des Aristoteles, wonach eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, aber der rinen folgen andere und mit ihnen kehrt auch die schöne Jahres- Zeit mit ihrer Lust und Freude wieder. Deshalb ging in frühern .Zeiten der westfälische Bauer mit seinem ganzen Hause der ersten schwalbe entgegen, ja in Hessen war es gebräuchlich, daß die 'lnkuuft derselben von der Ortsbchörde öffentlich bekannt gemacht wurde, eine Ehre, die keinem andern Vogel zutheil geworden. Und selbst bei den gebildeten Völkern des Alterthums fiuden wir diese Sitte. Nicht blos ihre Dichter besingen die Schwalbe '�ls„Lenzesverkiindigcrin", sondern auch das Volk feiert ihre Zukunft. In dem klüftereichen Thracieu, wo sie besonders heimisch gewesen zu sein scheint, ging ihr die Jugend entgegen und be- gAißte sie mit lautem Liederschall, eine Sitte, die sich noch bis auf unsere Zeit in Griechenland erhalten hat, indem die Kinder am 1. März mit einer aus Holz geschnitzten Schwalbe bettelnd von Haus zu Haus ziehen und reichliche Gaben einheimsen. Auch auf der Insel Rhodus herrschte ein ähnlicher Gebrauch, den der weise Kleobul bei einer ausbrechenden Hungersnoth eingeführt haben soll. Selbst der nachdenkliche, ernste Schw'ede gibt sich der Freude hin, wenn er die erste Schwalbe erschaut. Und in wie hohen Ehren steht die Schwalbe im deutschen Volksglauben! Sie ist der heilbringende, gefeite Vogel. Wo sie ihr Nest aufschlägt, zieht gewiß Heil und Glück in's Haus, denn sie ist ja das„Herrgottsvögelein" und schützt vor Feuer und Blitz. Niemand darf sie tödten und ihr kleines Haus zerstören, weil ihm sonst das Unglück auf den Fersen folgt. Der Himmels- strahl zündet sein Haus an oder die anderen Schwalben speien auch Feuer auf dasselbe. Gönnt man ihnen jedoch die Eckchen in der Fensternische und läßt sie sechs Jahre lang ungestört brüten, so lassen sie im Neste den Schwalbenstein zurück, der ein gepriesenes Heilmittel für allerlei Krankheiten ist und besonders wohlthuend bei Augeuübeln wirkt. Es würde zu weit führen, wollten wir aller Züge der Verehrung im Volksglauben gedenken, denn es gibt kaum ein Thier, das derselbe über die Schwalbe zu stellen wüßte. Sie ist die wahre„Nebenbuhlerin der Nachti- gall", wie sie von dem gemüthvollen britischen Naturforscher Hnmphrey Davp genannt wird. Dem Araber ist sie sogar eine Botin des Paradieses, die einst den aus demselben verstoßenen ersten Menschen im Elend folgte. Auch der griechische Mythus umgibt die Schwalbe mit einer gewissen Ehrfurcht, denn hiernach ist der ruhelose Vogel die zuugenlose Prokne, die unwissend ihren i eigenen Sohn getödtet. Jammernd fliegt sie jetzt mit dem Blut- mal auf der Brust unstät und ohne Rast umher, in langgezogenen Klagetönen ihren Schmerz offenbarend. Auch der Name, mit dem man in Peru dieses Thier bezeichnet(palomitas de santa Rosa, Täubchen der heiligen Rosa), deutet darauf hin, daß man � die Schwalbe für ein überirdisches Wesen hält. Selbst in der Geschichte hat die Schwalbe schon einmal eine -- Rolle gespielt. Plinius berichtet von einer römischen Besatzung, welche von den Ligustinern eingeschlossen und von jedem Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten war. Da mußte eine von ihren Jungen genommene Schwalbe Botendienste verrichten, wie man bei uns heute sich der Brieftauben bedient. Man sandte dem Fabius Pictor durch einen Ueberläufer eine Schwalbe mit der Weisung, er solle ihr an die Fuße einen dünnen Faden knüpfen und durch Knoten angeben, an dem wievielten Tage er zum Ent� satz erscheinen werde, damit die Eingeschlosseneu zu gleicher Zeit einen Aussall macheu und so den Sieg erleichtern helfen könnten. Es geschah und die Ligustiner wurden abgeschlagen.�) Doch kehren wir wieder zurück zu unseren eben ins Dorf gezogenen Sommergästen. Wie sicher wissen sie den Ort zu finden, der ihnen im letzten Jahr Brutplatz oder Wiege war! Ohne sich zu besinnen, fliegen sie zu dem bewußten Ort und begrüßen mit sichtbarer Freude und lautem Zwitschern das alte liebe Nest. Finden sie es noch unverletzt, so dauert es nicht lange und sie setzen das Häuschen wieder in wohnlichen Zustand. Der alte Koth wird daraus entfernt, etwa schadhaft gewordene Stellen werden ausgebessert und ein neues Polster wird für die junge Brut vorsorglich hergestellt. Junge Pärchen und diejenigen, deren Nest nicht mehr in brauchbarem Zustande sich befindet, schreiten zur Herrichtung einer neuen Heimstätte. Am liebsten suchen sie sich an den Wänden der Häuser solche Stellen aus, die einen Vorsprung haben und durch eine rauhere Fläche einen besseren Halt für ihren Bau bieten. Und wie geschickt wissen sie jeden Vortheil zu benutzen. Schon Shakespeare hebt dies hervor, wenn er Banguo im„Macbeth" sprechen läßt: „Kein Damm, kein Fries, kein Strebepfeiler ragt, Und keine Ecke bietet Vortheik dar, Ten dieser Bogel nicht benutzt, zu bilden Sein hangend Lager, seiner Jungen Wiege." Jedermann, der nur irgend ein offenes Auge für das Leben und Weben der Natur hat, wird wohl schon einmal Gelegenheit ge- funden haben, die lieben Thicrchen bei ihrem Nestbau zu be- *) Masius, Naturstudien. Ich hab's gewagt! Wiewohl mein' fromme Mutter weint, Da ich die Sach' hält' g'sangen an: Gott will sie trösten, es muß gahn, Und sollt' es brechen auch vor'm End', Will's Gott, so mag's nit werden g'wendt, Drum will ich brauchen Fuß' und Hand'. Ich hab's gewagt! U. Hutten. ** * Charles Robert Darwiu, bahnbrechender Naturforscher der Gegenwart, Enkel des englischen Arztes und Naturforschers Erasmus Darwin(1731— 1802). Chs. Darwin wurde am 12. Februar 1809 zu Shrewsbury geboren, bezog schon im Alter von 16 Jahren die Universität Edinburgh und 1827 Christ's College zu Cambridge, wo er, 22 Jahre alt, den ersten akademischen Grad erhielt. Am 27. Dezember desselben Jahres(1831) schloß er sich der Expedition des„Beagle" (Dachshund) unter Kapitän Fitzrog als Naturforscher an und lernte mit derselben Südamerika und den großen Ozean kennen. Am 2. Oktober 1836 kehrte er nach England zurück. 1839 veröffentlichte er die wissen- schastlichen Ergebnisse seiner Reiseforschungcn im„.lourmil of researches in natural history and geology"(Tagebuch von Forschung»» in Natur- geschichte und Geologie), welches 1845 vervollständigt unter dem Titel: „Voyagv of a Naturalist round the world"(Reise eines Naturforschers nm die Welt) erschien. 1842 zog er sid> auf einen Landsitz, Down bei Bromleu in der Grafschaft Kent, zurück, wo er hauptsächlich seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten lebte und nebenbei die Stellung eines Grasschastsmagistrats bekleidete. Anfangs schrieb er außer seinem wissen- schaftlichen Reisetagebuch geologische Werke, unter andern, über den Bau und die Verbreitung der Korallenriffe; doch bewies er sich bald auch auf geologischem Gebiete als geschickter Untersuche,- und glücklicher Experimentator durch seine Forsdiungen über die der Ordnung der Weichthierkrcbse angehörige Crustaceenfamilie der Cirripedien, einer Art köpf-, äugen- und fühlerloser, festsitzender Mecrthiere. Dieser Arbeit folgten Untersuchungen über die Bewegungen der Schlingpflanzen, über den Dimorphismus und Trimorphismus(Zwei- und Dreigestaltung) Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.— obachten. Sobald die junge Morgensonne die letzten Schalten der Nacht vollständig vertrieben, sind beide Elter» mit Herbei- schaffung des Materials beschäftigt. Die Pfütze dort liefert ihnen feuchte Erde genug, die sie in ihrem Schnabel zu einem bohneu- großen Klümpchen formen und zum Zwecke größerer Haltbarkeit m't Ttrohhälmchen und dem Speichel ihres Mundes vermischen. Sie kleben nun diese Masse an der Mauer fest, indem sie sich mit den Füßen an diese anklammen, und den Schwanz als Stütze gebrauchen. In 12— 14 Tagen sind sie mit dem Bau fertig, der etwa die Gestalt einer Halbkugel hat; doch wird die Form durch den Nistort sehr bedingt, indem die Schwalben alle ihnen gebotenen Vortheile gern wahrnehmen. Auf künstlerischen Aus- schmuck des Aeußern legen sie kein großes Gewicht, aber recht wohnlich und behaglich statten sie das Innere aus. Federn, Wolle, Gras und Stroh tragen sie hinein, auf welche Unterlage Frau Schwalbe dann 4—6 milchweiße Eier legt, die sie ohne Hülfe des Männchens in circa 13 Tagen ausbrütet. Unterdeß ist das Männchen fleißig mit Herbeischaffung der Nahrung be- schäftigt, was namentlich an trüben Tagen ihm viele Mühe ver- ursacht, so daß dann oft das Weibchen ans kurze Zeit das Nest verlassen muß, nm sich selbst Nahrung zu suchen. Doch endlich ist die treue Elternliebe belohnt und fünf junge Schwälblcin sperren unter lautem Zirpen die hungrigen Schnäbel auf. Unermüdlich sind jetzt beide Eltern vom frühsten Morgen bis zum späten Abend mit Herbeischaffnng der Nahrung beschäf- tigt, denn gar bittend tönen ihnen die zarten Stimmchen aus dem Neste entgegen. Bald wachsen die jungen Schwalben heran und sehnsüchtig schauen sie den davonfliegenden Eltern nach. Eins nach dem andern wagt sich auf den Rand des Nestes, flattert auch wohl auf die zunächstgelegene Ecke. Die liebende Mutter umkreist die Jungen und ermuntert sie zu einem Versuch. Und sieh, schon wagt sich das stärkste hinaus und folgt der Mutter, die in schnurgrader Linie dahinschießt und mit lautem Freudengeschrei diesen ersten Ausflug begrüßt. Die andern folgen zaghaft, fühlen aber die Kraft der Schwingen wachsen und� bald treibt die ganze Familie vor unfern Augen ihr aumuthiges Spiel.(Schluß folgt.) von Linum(Flachs), Lythrum(Weiderich) und Primula(Schlüssel- blume) und über die Beftuchtung der Orchideen durch Insekten. Alle diese als Spezialforschungen wichtige Arbeiten waren indeß nur die Vorstudien zu Darwin's epochemachendem Werke„0u tlio origii, of species by meaus of natural selection, or, tbe preservation of favoured races in the struggle of life"(1859)(Von dem Ursprung der Arten durch Zuchtwahl oder die Erhaltung begünstigter Rassen in dem Kampfe ums Dasein), den, 1867 noch das Buch„lieber das Va- riiren der Pflanzen und Thiere", 1871 die„Abstammung des Menschen", und in neuester Zeit„lieber die insektenfressenden Pflanzen" folgten. Indem sich Darwin den Formen der belebten Welt in derselben kriti- schen Wissenschaftlichkeit gegenüberstellte, wie allen anderen natürlichen Erscheinungen, gelang es ihm zuerst, die Entstehung der Arten bei den Lebewesen streng naturwisscuschaftlich zu erklären und damit die Mensch- heit als die für unsern leiblichen und geistigen Gesichtskreis höchste Entwicklungsstufe der Thierheit nackizuweisen. Wie Darwin zu diesem unabsehbar wichtigen Resultate gelangen konnte, und was er, soweit das jetzt bestimmt werden kann, damit ge- leistet hat, darüber wird die„Neue Welt" bei Gelegenheit in besonderer Abhandlung Rechenschaft zu geben suchen. Xa. Sprüche aus dem Munde der Völker. Gesammelt von?. 3. (Italienisch.) < Iii lia cervello di vetro, non vada a battaglia di sassi'. Hast du von Glase ein Gehirn, So biet' dem Steinkampf nicht die Stirn. Chi vuol ehe i cavalli non sudino, tcngagli raagri. Dein Pferd vor'm bösen Schwitzen zu bewahren, Halt's nur fein mager, so bei Haut und Haaren. C'on la guen-a, non sempre cessa 1' odio. Zum Frieden zwinget wohl ein letzter Sieg, Doch Haß hat längres Leben als der Krieg. Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.