JVs 18.] Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Goldene und eiserne Letten. Erzählung aus schweren Tagen von C. Lübeck. „Na, was soll das Schreien und Drängen!" rief er.„Man steht hier nicht vor der Schenke. Solch Lärmen ist man hier nicht gewöhnt!" „Den Umgang mit Menschen auch nicht, wie es scheint!" antwortete Egler. „Ei, seht doch den Hungerleider!" schrie Heilmann wieder. „Wie das noch trotzig ist! Wartet nur, man wird euch den Stolz aus dem Bauernkittel schon auszuklopfen wissen!" „Wir sind keine Bediente," antwortete Egler wieder.„Nur für Bediente ist der Stock gewachsen." Heilmann'S Gesicht war ganz dunkelroth vor Zorn geworden. Eben wollte er mit einer Venvunschung antworten, als hinter ihm eine Gestalt erschien, bei deren Anblick die meisten Weber erschrocken zusammenfuhren und rasch die Mützen von den Köpfen rissen.„Der junge Graf!" flog es murmelnd durch den Kreis. Heilmann machte ihm ehrerbietig Platz, und dieser, ein Mensch mit abgelebtem nichtssagenden Gesichte, trat, mit dem Kneifer auf der Nase, in die Thür. Er trug die Uniform des Regiments, bei dem er Lieutenant war. Mit geringschätzigem Lächeln über- stogen seine Blicke die Schaar der Weber. „WaS will das?" frug er Heilmann in jenem näselnden Teckenton, dessen sich die aristokratische Jugend als des besten llnterscheidungsmittels des Adels von anderen Menschen zu be- dienen pflegt. „Erlaucht haben die Leute bestellt," antwortete Heilmann, die Achsel zuckend.„Es soll Holz zur Küche herangeschafft und gleich- Zeitig ein neuer Weg durch den Wald gebrochen werden." Graf Hugo unterbrach ihn durch ein schallendes Gelächter. Den Kreis der Weber durchlief ein erschrecktes Murmeln. „Die Vogelscheuchen?" rief Graf Hugo, immer noch lachend. »Spaßhafter Einfall— bei Gott— spaßhafter Einfall! Kostbare Laune vom Herrn Bater— spaßhaft, bei Gott spaßhaft!" Neumann trat einen Schritt aus dem Kreise. Eine finstere Wolke war jetzt auch auf seine Stirn getreten. „Wir sind keine Vogelscheuchen, Herr Graf!" sagte er.„Un (Forlsetzung.) glückliche Menschen stehen vor Ihnen, die Spott und Schimpf nicht verdienen." „Wa— was?" fragte Graf Hugo und nahm den Kneifer von der Nase. Er wischte ihn mit seinem seidenen Taschentuche von beiden Seiten ab, als ob das Wesen, welches zu antworten gewagt, nur mit einem sorgfältig gereinigten Glase zu erkennen sei. lieber Heilmann'S Gesicht flog ein schadenfrohes Grinsen. Die Weber schauten wieder verdrossen drein. Ehe der Graf noch mit seiner Arbeit fertig war, rief Egler: „Wir sind nicht zur Parade, sondern zur Arbeit hierher bestellt worden. Wir wollen wissen, was wir zu thun haben." „Das Maul gehalten, du Lümmel!" antwortete Graf Hugo, den Kneifer wieder auf die Nase setzend.„Die Mäuler halten, merkt euch das Alle. Wer da muckst, den lasse ich in den Thurm setzen oder durch die Hunde wieder in's Dorf jagen." HanS Egler wollte sich auf den Grafen stürzen, Neumann aber hielt ihn zurück. „Besudle dich nicht," sagte er.„Ein Bube beleidigt nur, wo er sich sicher weiß." „DaS sollst du büßen, verdammter Bauer!" schrie Graf Hugo, nach der Seite greifend, wo sein Degen zu stecken pflegte. „Ich werde ihn festnehmen lassen," sagte Heilmann,„im Hnngerloch wird seine Hitze sich schnell abkühlen." Der Graf war in's Schloß geeilt, um seinen Degen zu holen. „Er wird es seinem Vater sagen," höhnte Egler ihm nach. „Der Hase hätte auch Muth, wenn er die Flinte und der Jäger nur seine Beine besäße!" „Man wird euch die Mäuler schon stopfen, ihr Tagediebe!" schrie Heilmann, in den Hof zurücktretend. „Wollen es abwarten," sagte Egler ruhig.„Die Tagediebe wohnen drinnen." In diesem Augenblick wurde das Thor heftig aufgerissen und der alte Graf, ein rüstiger Fünfziger, mit starkgeröthetem Gesicht, trat, die Reitpeitsche in der Hand, heraus; die grauen, beweg- lichen Augen sprühten vor Zorn. „Wer ist der steche Bursche?" schrie er. F- „Der Egler, wie immer," sagte Heilmann eifrig.„Auch der Neumann hatte ein vorlautes Maul!" „Ihr Hunde, ihr Kanaillen!" schrie der Graf und die Peitsche sauste durch die Luft. Sie sollte Neumann treffen, der ihm am nächsten stand. Egler aber sprang dazwischen. Die Peitsche traf klatschend sein Gesicht, aber ehe der Graf sie zurückziehen konnte, hatte Egler, der stark im Gesicht blutete, sie ihm entrissen. Heilniann sprang vor, um seinen Herrn zu schützen. Es war die höchste Zeit gewesen, denn er kam grade recht, um einen furcht- baren Peitschenhieb Egler's für seinen Herrn aufzufangen. Er schrie laut auf vor Schmerz und flüchtete, so schnell er konnte, dem Grafen nach in den Schloßhof. Die Thür siel krachend in's Schloß und im Hofe ertönte die Sturmglocke. „Ich glaube, er hat mir das Auge ausgeschlagen," sagte Egler zu den ihn umdrängenden Genossen.„Warum war die Peitsche keine Keule in meiner Hand!" fügte er in leidenschaft- lichcr Auflvallung hinzu. Das linke Auge war ganz mit Blut bedeckt. Bon allen Seiten wurden Verwünschungen laut. „Wer hätte das gedacht!" sagte Nenmann, Egler's Auge, so gut er es vermochte, verbindend.„Du hast mir selbst das Leben gerettet. Hätte mich die Peitsche getroffen, dann wäre ich zu- samuicngebrochen. Die Hülfe vergesse ich dir nimmer, Egler!" „Mach' keine Worte? Neumann. Das war ja selbstverständ- lich! Aber Freunde," wandte er sich an die Weber,„laßt uns in's Dorf zurückkehren. Hört nur, sie läuten Sturm, als ob ein feindliches Heer vor den Thoren stünde. Es wäre Thorheit, wollten wir bleiben. Wir haben keine Waffen, nicht einmal einen Knüttel, und sie werden gegen uns ausrücken mit Flinten und Säbeln. Vielleicht führt das feige Gesindel auch noch die Böller � gegen uns auf. Führt mich, ich kann fast gar nichts sehen." Eben schickten die Weber sich an, zu gehen, als das Thor von neuem sich öffnete. Ein junger Mann mit frischem, von der Sonne gebräuntem Gesichte, trat raschen Schrittes heraus. Lockiges Haar umwallt die freie Stirn, zwei dunkle Augen beleben das Gesicht und geben ihm das Gepräge scharfen Denkens. „Fort, fort!" sagte er zu den Webern.„Sie führen drin nichts Gutes im Schilde." „Der Herr Feldmesser!" rief Neumann stehen bleibend. Im Thurm öffnete sich jetzt das kleine Fenster; Graf Hugo steckte als vorsichtiger Feldherr den Kopf heraus, um sich von der Stärke und den Absichten des Feindes zu unterrichten. „Der feige Bursche!" sagte Neumann, hinaufblickend.„Aus dem Hinterhalte Menschen zu erschießen, dazu wäre er tapfer genug." „Kein unnützes Wort verloren!" sagte Blumenthal.„Wenn ihr der Stimme eines ehrlichen Freundes vertrauen wollt, dann fort. Sie werden kein Leben schonen." „Die elenden Buben!" rief Egler, die Fäuste ballend. „Ich weiß, welch' schweres Unrecht euch geschehen ist, aber unterdrückt jetzt allen Zorn, fort nur, so schnell ihr vermögt. Egler wollte noch antworten, aber schon hatten ihn die Ge- Nossen erfaßt und fortgezogen. Gras Hugo schoß ihnen seine Pistolen nach, ohne jedoch irgend Jemanden zu verletzen. Noch waren die Weber nicht ganz auS dem Bereiche des Schlosses, als das Thor sich abermals öffnete und der alte Graf an der Spitze eines großen Haufens seiner Diener und Knechte erschien, die mit Waffen aller Art ausgerüstet waren. Er selbst trug eine Büchse in der Hand. Gleich darauf folgte Graf Hugo. „Sie haben sich aus dem Staube gemacht, die Hunde!" schrie er.„Ihnen nach!" „Herr Graf," wandte sich Blumenthal an den Grafen;„es kann nicht in Ihrer Absicht liegen, die unglücklichen Menschen noch unglücklicher zu machen." „Was!" schrie der Graf,„unglücklich! Tolle Hunde sind es, und die müssen erschossen oder ersäuft werden!" „Auf Ehre! Wäre gut, Rebellendorf den, Erdboden gleich- zumachen, Nest zu zerstören von Grund aus!" rief Graf Hugo und schoß den Webern wieder ein Pistol nach. „Menschen sind keine Spatzen, Herr Graf!" antwortete ihm Blumenthal, während er ihm einen verächtlichen Blick zuwarf. „Im Uebrigen ist die Mordbrennerei von Strafrechtswegeu sehr gefährlich, und wie Sie sich auch entschließen mögen, als Zeuge des Vorgangs werde ich vor Gericht für diese Leute eintreten, und soweit meine Kraft reicht, mich jedem Verbrechen widersetzen." „Ha, ha!" lachte Graf Hugo höhnisch und betrachtete Blumenthal durch den Kneifer.„Lachhaft— auf Ehre! Lieber Mann, habe so etwaS noch nie gehört!" Blumenthal fuhr zornig auf; nur mühsam gelang eS ihm, seine Ruhe zu bewahren.„Lieber Mann," rief er zurück,„wo sollten Sie auch jemals etwas Aehnliches gehört haben!" Graf Hugo nahm seineu Kneifer ab und begann ihn wieder auszuwischen. „Wa— was?" rief er. „Die Hunde sollen es büßen!" schrie der alte Graf wieder. „Was steht ihr Maulassen denn noch!" harschte er seine Umgebung an, die wenig Lust zu einer Verfolgung zeigte.„Ihnen nach, ihr Hundeköpfe!" „Ich mache Jeden darauf aufmerksam," rief Blumenthal,„daß er vor Gericht seine Handlungen zu verantworten haben wird!" „Herr!" wandte sich jetzt Graf Falkenburg mit vor Wuth bebender Stimme gegen Blumenthal.„Hier bin ich Polizei und Herr meiner Thaten. Ich dulde es nicht, daß sich Jemand zum Richter meiner Handlungen auswirft!" „Thun Sie, was Ihnen beliebt, auch ich werde zu handeln wissen!" antwortete Blumenthal mit großer Ruhe. „Können ihm Mistforke leihen," höhnte Graf Hugo ermuthigt, „kann seiner Freundschaft Beistand leisten." „Ihnen gegenüber würde er auch dieser Waffe entbehren können," antwortete Blumenthal, ihm den Rücken kehrend. Eben wollte Graf Falkenburg wieder mit heftiger Ertviderung sich gegen Blumenthal wenden, als auf der Straße der Pfarrer auftauchte und ziemlich rasch dem Schlosse sich näherte. „Pardon für die Aufrührer, Erlaucht!" rief er schon von Weitem.„Lassen es Erlaucht mit dem Denkzettel bewenden, obgleich exemplarische Züchtigung sehr angebracht wäre." „Wo ein Priester des Allmächtigen Fürbitte einlegt," ant- wortete Graf Falkenburg,„da muß ich mich wohl fügen." Mit finsteren Blicken betrachtete der Pfarrer Blumenthal, mit verächtlichen dieser den Pfarrer. Blumenthal wandte sich jetzt ab und schritt, ohne den Pfarrer zu grüßen, in'S Feld. „Ein Plebejer, wie er im Buche steht!" sagte Graf Falken- bürg, ihm zornig nachsehend. „Sagen wir Kommunist, Erlaucht!" verbesserte der Pfarrer. „Elender Jakobiner, Einbrecher!" „Rindvieh, Rindvieh!" sagte Graf Hugo, Blumenthal durch den Kneifer nachblickend. Dieser vernahm nichts mehr von den Liebenswürdigkeiten, die man ihm nachsandte. Bald war er hinter einem Hügel verschwunden. „Freue mich, Pfarrer, daß Sic gekommen, freue mich sehr!" sagte jetzt Graf Falkenburg, dem Pfarrer die Hand reichend. „Habe Besondres mit Ihnen zu sprechen." „Hinein in den Hof, Maulassen!" schrie er sodann seine Umgebung an.„WaS gafft ihr Hundcköpfe denn noch? Wird's bald oder soll ich euch Beine machen!" Er knallte mit der Peitsche, die Egler fortgcworfen hatte. Der ganze Schwann stob in den Hof. Nur Heilmann blieb zurück.„Wir sprechen uns später, Heilmann," sagte der Graf zu ihm.„Und nun, Pfarrer," wandte er sich an diesen,„koiiiinen Sie in's Schloß. DaS Frühstück wird fertig sein." Sie gingen in's Schloß und saßen bald in einem kleinen, behaglich möblirten Salon am wohlbesetzten Frllhstllckstisch, und der Pfarrer ließ es sich wohlschmecken, wenn es auch vieler Nöthigung bedurfte, um ihn zum EinHauen zu ermuthigen. Und als das Frühstück vorbei war, mußte der Pfarrer dem Grafen und seinem Sohne in das Arbeitszimmer folgen, wo ihm ein gepolsterter Lehnstuhl zum Sitzen angewiesen wurde. Während Graf Hugo gleichgiltig zum Fenster hinausblickte, begann der 159 Graf von den treuen Diensten zu erzählen, welche der Pfarrer ihm bereits geleistet, was dieser wieder durch zahlreiche Verben- gungcn und die Betheucrung beantwortete, daß seine kleinen Dienste viel zu hoch veranschlagt würden und daß er sich glücklich schätzen würde, seine Treue durch neue Dienste bethätigen zu können. „Kann Rath werde», Pfarrer. Deshalb ließ ich Sie rufen. Sagen Sie, Lieber, gibt es über die Wiesen noch irgend ein Papier außer dem, das ich von Ihnen erhalten?" Des Pfarrers Gesicht veränderte sich plötzlich; das Lächeln erstarb darin und machte dem Schrecken Platz. Er blickte den Grafen einige Augenblicke sprachlos an, dann stotterte en „Es ist doch nicht— Erlaucht besitzen doch noch...." „Gewiß, gewiß, Pfarrer," antwortete der Graf ungeduldig. „Frägt sich nur, ob noch ein zweites da ist." „Soviel ich weiß, gibt es nur das Eine, das sich in Ihren Händen befindet, Erlaucht." „Soll aber doch noch Eins geben, Pfarrer. Müssen überall umherforschen— begreifen, es liegt mir viel daran." „Mit ganzem Eifer will ich an's Werk gehen, der Herr wird meine Schritte segnen— aber..." „Habe da den Blumenthal ans dem Halse, arroganter Mensch — bürgerliche Kreatur..." „Und der hat—" unterbrach ihn der Pfarrer. „Dreistigkeit, mir zu sagen, wenn auch Hauptexeniplar von Vertrag verloren— wäre doch noch Äkebeuausfertigung da— hätte sie vor zwei Iahren noch gesehen." Der Pfarrer athmete sichtbar erleichtert auf.„Glauben Erlaucht ihm nicht," sagte er,„der Mensch will sich nur ein Ansehen gebe», es gibt kein zweites Exemplar. Er ist ein Sohn der Lüge, der höllischen, von ihm kann nichts Anderes als Lüge kommen. Ein loser Mensch, ein schädlicher Mann, gehet mit verkehrtem Munde, winket mit Augen, deutet mit Füßen, zeiget mit Fingern und trachtet allezeit Böses und Verkehrtes in seinem Herzen und richtet Hader an." „Erdreistet sich, weiter zu behaupten, Wald, in dem schon Urväter der Falkenburgs gejagt, gehöre Bauern oder Familie Egler— Kerl, der Peitsche geschmeckt." „Das wolle Gott verhüten, Erlaucht!" rief der Pfarrer, mehr überrascht als bestürzt aus.„Doch," fügte er nach kurzem Sinnen hinzu,„wer ist jemals zu Schanden geworden, der auf ihn ge- hoffet hat? Wer ist jemals verlassen, der in der Furcht Gottes geblieben ist? Oder wer ist jemals verschmähet, der ihn angc- rufen hat?" „Hilft alles Bitten und Anrufen nichts, Pfarrer," sagte der Graf etwas ungeduldig.„Müssen Umschau halten, ob alter Vcr- trag noch da ist." Der Pfarrer»ahm eine Prise, was er sonst in so vornehmer Gesellschaft nie zu ihn» pflegte. „Will vor einigen Jahren Bertrag bei Egler selbst gesehen haben," fuhr der Graf fort.„Soll Schwarz auf Weiß drin stehen, was Mensch behauptet." (Fortsetzung folgt.) Die Schwalbe. Bon R. Schulz. (Schluß.) ,,2Bci Zchwalben flattern, brüten und verweilen, Ist lind und lieblich stets die Lust." Shakespeare. In laugen Linien streichen die Eltern über den Bode». Unsicher sind zwar noch die Nachübungen der Jungen, werden aber immer schneller und schneller. Da bricht die Mutter plötzlich zur Seite ab und durchschneidet die Luft in Biegungen, Schwenkun- gen und Kurven. Anfangs stutze» die Jungen, versuchen aber zu folgen und schon uack, einigen Abenden sind sie die geschickten Beherrscher der Luft, als die wir sie alle kennen. Aber auch jetzt noch nehmen sich die Eltern sorgfältig ihrer Kinder an. All- abendlich kehren die Jungen zu dem Ncstc zurück, um in dem engen Räume neben- und übereinander zu ruhen. Bei Tage tragen ihnen die Eltern noch unermüdlich Futter zu, das sie ihnen in der Luft im Fliege» übermitteln. Schwächere Thierc setzen sich auch wohl auf die Dächer der Gebäude und lassen sich die Nahrung zutragen. Ist die erste Brut selbstständig geworden, so schreiten die Schwalben noch einmal zum Brüten, wobei es vor- kommt, daß sie zu spät dazu Anstalten treffen und dann vom rauhen Herbst überfallen werden. Zu Anfang September sammeln sich die Schwalben des Dorfes, um gemeinsame Flugübungen anzustellen. Dort sitzen sie zwitschernd in langen Reihen ans dem Kirchcndach und putzen ihr schwarzblaues glänzendes Gefieder. Plötzlich erhebt sich der Schwärm und kreist in weitem Bogen und in unzähligen Zickzack- linien dahin, kehrt aber bald wieder zurück, um von neuem diese Ausflüge zu unternehmen. Immer rauher weht der Wind, die Blätter und Bäume färben sich roth und gelb und fallen schon üb— und immer weiter entfernen sich die Schwalben, um aber »ach einiger Zeil wieder zurückzukehren. Wird ihnen der Abschied so schwer? Plötzlich bleiben sie fort, sie haben die Reise nach dem Süden angetreten. Wo die Schwalben ihr Wintcrguartier aufschlagen, ist noch unbekannt. Jedenfalls ist es tief in der heißen Zone und wahrscheinlich noch weit über den Aequator hinaus zu suchen. Zwar überwintern alljährlich in Ostindien viele Schwalben, aber dieselben sind jedenfalls nicht von uns dahin gekommen. Früher war allgemein die Ansicht verbreitet, daß die Schwalben garnicht fortzögeu, sondern im Schlamme der Teiche und Erdhöhlen einen Winterschlaf hielten. Es läßt sich zwar nicht leugnen, daß man zuweilen in Erdlöchern an Ufern und unter Thurmdächern in England, Frankreich und den ver- schiedensten Theilen von Deutschland einzelne Exemplare erstarrt gefunden hat. So berichten auch die Gebrüder Müller i» ihren bei Spanier in Leipzig erschienenen„Wohnungen zc." von einer Schwalbe, die sie in ihrer Knabenzeit im Winter erstarrt in dem Waudloche eines gemauerten Ziehbrunnens gefunden und die durch die Wärme wieder soweit in's Leben gekommen, daß sie, auf die ausgebreiteten Flügel sich stützend, aufrecht sitzen konnte, aber doch sehr bald starb. Aehnliches berichtet auch die„All- gemeine Jagd- und Forstzeitung" im Aprilhest in dem Astloch einer hohlen Eiche hielten drei dieser Thierc ihre Winter- ruhe und trotz aller Mühe verblieben dieselben in einem Zustande zwischen Leben und Tod. Ja Bronn weiß sogar von einer Bcrghöhle im Thale von Mauriennc, auf der Straße von Frankreich nach Italien, zu erzählen, woselbst regelmäßig alle Jahre viele Schwalben wie Bienenschwärme an der Decke auf- gehängt im Winterschlafe zu finden sind; aber immer sind diese Fälle nur Ausnahmen, die sich meist durch lokale und individuelle Eigeuthümlichkeiten erklären lassen werden. Der Hausschwalbc nahe verwandt ist die Rauchschwalbe, die ganz in il�rem Wesen der erftern gleichkommt, sich aber durch den rothen Brustfleck und die nackten Zehen und Läufe auf den ersten Blick von ihr unterscheidet. Sie legt ihr Nest stets inner- halb der Gebäude(am liebsten in Schornsteinen und auf Balken in Scheuern) an, kommt auch früher zu uns und zieht später fort, ist überhaupt nicht so weichlich als die Hausschwalbe. Die aschgraue Uferschwalbe ist beiden eng vcnvandt. Sie legt ihr Nest an Ufcrabhängcn und Steinbrüchen an und gräbt es mit ihrem Schnabel oft fast 1 Bieter tief in den Boden. Gleichfalls gehört die fast fußlosc Mauer- oder Thurmschwalbc mit braunschwarzem Gefieder und weißer Kehle zu dieser Familie, und auch die Salangane des südlichen Asiens, von der die eßbaren indischen Vogelnester(Tunkinncster) herstammen. 161 Unwillkürlich drängt sich uns die Frage auf, wodurch die Schwalbe zu dem Ansehen gekommen ist, in dem sie bei dem Belke steht. Es ist nicht ihr Nutzen, der sie dazu gebracht, ob- wohl dieser nicht gering anzuschlagen ist, indem sie ja in fort- währendem Herumfliegen auf Beute auögcht. Hunderte von Mücken, Fliegen und allerlei Insekten wandern täglich in ihren Magen, die sie selbst oft während des Fluges von Blumen, Gräsern und Bäumen abliest. Oken hat sehr Recht, wenn er in dieser Hinsicht die Schwalbe den ersten Raubvogel nennt. Vor jedem Regen streicht sie lautlos dicht über dem Erdboden hin, weil die meisten der Insekten sich dann in der Nähe der Erde aufhalten. Hierdurch wird sie dem Landmann auch zum Wetterpropheten und kündet ihm den kommenden Regen an. Dies Alles hat sie jedoch nicht zu dem Liebling des Volkes gemacht, das sehr oft diesen Nutzen gar nicht anerkennt. Nur ihre An- hänglichkeit an das Haus des Menschen, ihr zutrauliches und doch gewissermaßen geheimnißvolles Wesen haben ihr diese Stelle im Volkshcrzcn er- obert.„Das Hans gehört ihr für ewige Zeiten," sagt I. Mi- chelet,„wo die Mut- ter genistet hat, nistet Tochter und Enkelin wieder. Sie kommen alljährlich zurück und ihre Geschlechter fol- gen regelmäßiger im Besitze als die unsri- gen. Die menschliche Familie stirbt aus, zerstreut sich, das Haus geht in andere Hände über: die Schwalbe kehrt immer zurück und behauptet sich in ihrem Bcsitzrecht. Sie ist auf diese Weise das Sinnbild der Bestän- digkeit, des festen Wohnsitzes geworden; sie hängt so sehr an demselben, daß, wenn das Haus ausgebessert oder theilweise nieder- gerissen wird, trotz aller Störungen der Maurer die treue Schwalbe sich wieder anbaut, als könne sie von den alten Erin- nerungen nicht lassen. Sie vertraut sich und ihre Brut in unsere Hände und treibt ohne Furcht vor unseren Augen ihr häuslich stilles Wesen. Und wie unterscheidet sich das Familienleben der Schwalbe von dem der meisten anderen Vögel! Ihrer unvollkommenen Fußbildung wegen müssen die Jungen länger als alle anderen im Neste verweilen, wodurch ein innigeres, zärtlicheres Verhältniß zwischen Eltem und Kindern hervorgerufen wird. Das Nest ist bei ihnen nicht blos ein Brautbett, ein Flitterwochen-Aufenthalt, sondern eine stille Häuslich- keit, der Schauplatz einer schwierigen Erziehung und gegenseitiger Opfer. Da waltet eine zärtliche Mutter, eine treue Gattin; die jungen Schwestern bemühen sich, der Mutter beizustehen, während sie selbst schon Mütter sind." Mit ihren Stammvenvandten leben sie in geselligen Kolonien vereint und sind gern zu gegenseitiger Hülfe bereit. Ist eine Schwalbe in Gefahr, so schreien sie alle und geben auf jede Weise ihr Mitgefühl zu erkennen. Hat die Katze einmal ein noch unvorsichtiges Schwälblein erwischt, so schießt der ganze Haufen unter lautem Klagegeschrei dicht über dem Kopfe der Feindin hin, als wollten sie ihr das Opk-' ent- reiße». Der so berühmt gewordene Naturforscher Cuvieo soll durch die gegenseitige Brüderlichkeit der Schwalben zuerst auf das Studium der Naturwisienschaft geführt worden sein. Er war Hauslehrer bei den Kindern des Grafen von Herch und bewyhnte mit seinen Zöglingen ein altes Schloß zu Figuainville. Hier sah er, wie viele Schwalben eine gefangene Schwester aus der Schlinge befreiten, indem sie so lange an derselben pickten, bis diese zerriß und der befreite Vogel jubelnd mit seinen Gefährten davonflog. Werden die Eltern eines Schwalbennestes getödtct, so vereinigen sich die umwohnenden Schwalbenfauiilien und nehmen sich der verlassenen Waisen an. Selbst anderen Thieren offen- baren sie Theilnahme, wenn jenen Gefahr droht. So versteht Freund Spatz und das ganze Hofgeflügel sehr wohl den Warnungs- ruf, den die Schwalbe beim Nahen eines Raubvogels ausstößt, und flüchtet schnell an den sichern Ort. Und dazu kommt ihr geheimnißvollcr Flug, der nur ihre Flügel uns schauen läßt.„Ist das ein Vogel oder ist es ein Geist?" fragt ein sin- niger Naturbeschauer. Und wahrlich, wer sie so unermüdlich in dem- selben Räume die an- muthigen Kurven bc- schreiben sieht, die ab- wechseln, aber sich nicht entfernen, der muß ge- stehen, selten etwaö Schöneres gesehen zu haben. Wenn der Schwalbenflug in gra- der Richtung auch nicht dem Flug des blitz- schnellen Falken gleich- kommt, so ist er dafür viel freier, macht hundert Kreise und zierliche Wendungen, die selbst ein geübtes Auge nicht immer verfolgen kann. Der Pterolog(Kenner der geflügelten Thierc) Silberschlag stand nicht an, Demjenigen den Preis in der Mechanik zuzuerkennen, der den wunderbaren Flug der Schwalbe zu erklären vermöchte. „Jetzt im jauchzenden Zickzack durch die Wol- ken," wie Mas ins sagt,„jetzt im Kernschuß über den See, jetzt wie Buben im krause» Gewühl einander verfolgend, blitzschnell sich hinabwerfend, wieder hinaufschwingend, oder beim Nahen des Gewitters in langen hastigen Liiiien lautlos über den Boden streichend und die Mücke, die Wasserspinne im Tanz, im Lauf erhaschend: immer ist es ein Bild voll wechselnder Reize, ein lustiges Labyrinth, dessen Gänge sich tausendfach verwirren." Ja, sie ist gewißlich„des Luflreichs Postmeister", wie Hans Sachs sie nennt. An Ausdauer übertrifft sie jeden andern Beherrscher der Luft. Sie erschöpft und ermüdet ihren Verfolger, ohne sich selbst anzustrengen. Raben, Krähen und andere freche Räuber verfolgt deshalb auch das Schwalbenheer mit lautem Gezwitscher, stürzt aber beim Anblick des Lerchenfalken wie betäubt aus der Luft. Betrachtet man die Schwalbe, so sieht man ihr auf den ersten Blick an, daß sie der wahre„Segler der Lüfte" ist. Die langen Flügel gleichen Sensen, die Augen sind hervortretend, der fast mangelnde Hals verdreifacht die Kraft; der Fuß ist fast unent- 162 wickelt, ja bei der Mauerschwalbe nur stumpfartig,— alle Gaben hat die Natur in die Flllgel gelegt. Zehn Meilen soll die Schwalbe auch in der Stunde zurücklegen können, ja Michelet gibt sogar die Schnelligkeit der Mauerschwalbe auf 40 Meilen in der Stunde an. Dies Alles hat die Schwalbe nicht nur zur Beherrscherin unserS Hauses, sonder» auch zur Freundin unsers Herzens ge- macht. Zwar sucht man sie neuerdings aus dieser Gunst zu verdrängen, indem man sie des Bienenraubes anklagt, aber sobald wird es nicht gelingen, diesen Freund in den Augen des Volks herabzusetzen. Man wird der Schwalbe gern die Ecke im Fenster überlassen und sie auch gegen ihre Feinde zu schützen suchen. Bezeugt sie doch Durch ihr geliebtes Mauerwerk, Daß hier des Himmels Hauch erfreuend weht." (Shakespeare.) Danton. Episode aus dem Jahre 1792. Frei nach dem Französischen von D... P... (Fortsetzung.) „Hören Sie, lieber Vater?" sagte Marie mit sanfter Stimme. „Nun wohlan," sprach der alte Herr,„wenn es so steht, will ich bleiben. Aber morgen werde ich mich in die Tuilerien be- geben, damit, wenn die Gefahr sich erneuert, sie mich an der Seite meines Königs trifft; wie glücklich wäre ich, wenn ich für ihn sterben dürfte." Friedrich schwieg und der Vtarquis fuhr nach einer Weile fort: „Aber ich will dich nicht allein zurücklassen, meine Tochter, ich will dir eine Stütze geben.— Friedrich! Dein Vater war mein bester Freund und ein treuer Unterthan seines Königs..." „Immer nur der König und nichts weiter als der König!" murmelte der junge Mann bitter. „Friedrich!" flüsterte Marie bittend und vorwurfsvoll. „Ich hoffe, Friedrich," sprach der Marquis weiter,„daß die Philosophen dir den Kopf noch nicht verdreht haben; ich weiß, du liebst meine Tochter— hier hast du ihre Hand." Für einen Augenblick vergaß Friedrich alles Andere; er be- deckte die zitternde Hand der Geliebten mit Küsten und dankte dem Marquis aus vollem Herzen. „Morgen"— nahm dieser wieder das Wort,„morgen wirst du mich in die Tuilerien begleiten; ich werde Marien Seiner Majestät als deine Braut vorstellen, und an dem Tage, an dem der König seine Feinde besiegt haben wird, werdet ihr eure Ver- mählung feiern." Friedrich, den diese Worte aus seinem Liebesrausche zur trüben Wirklichkeit erweckt hatten, schwieg betreten, und Marie, deren Blicke ängstlich auf ihm ruhten, begriff zum ersten Male mit dem Instinkt des liebenden Weibes, daß es auch im Salou ihres Vaters zwei feindliche Parteien gab. Der Marquis hatte sich in einen Lehnsessel niedergelassen, und Friedrich stand unschlüssig, was er thun, was er sagen solle; er hielt Mariens Hand krampfhaft in der seinen fest und hatte den Blick finster zu Boden gesenkt. Plötzlich wurde die Thüre des Salons heftig aufgerissen und ein junger Mann trat rasch ein. „Mein Sohn!"—„Mein Bruder!" riefen der Marquis und Marie, ihm entgegen eilend. Die zwei jungen Männer aber maßen sich mit einem Blick so tödtlichen Hasses, daß Marie sich instinktiv zwischen sie warf. „Was habt ihr? was soll das heißen?" frug der Marquis erstaunt. „Mein Vater!" rief Paul von Carville erbittert, statt aller Antwort;„weisen Sie diesem Verräther die Thüre!" „Aber so erkläre mir doch, mein Sohn..." „Wissen Sie denn von Nichts? Die Tuilerien sind umzingelt, der König hat nur wenige Vertheidiger, die wohl für ihn sterben können, aber nicht genügend sind, ihn zu retten. Und dieser Ab- trünnige da steht auf der Seite unserer Feinde." „Sie haben mich also soeben betrogen, mein Herr?" rief der Marquis, zu Friedrich gewandt, und zog seinen Degen. Marie warf sich abwehrend zwischen ihren Vater und den Verlobten, dieser aber schob sie sanft von sich, kreuzte die Arme und sprach ruhig: „Mein Herr! Soeben unterließ ich nur, Ihnen zu'sagen, daß eS etwas Höheres gibt, als den König, ein Etwas, das man Frankreich nennt!" „Geben Sie Raum!" schrie der Marquis wüthcnd.„Fort, Verräther, mein Platz ist neben dem König!" „Gehen Sie," wiederholte Paul,„oder ich zwinge Sie dazu." „Hüten Sie sich, ich bin bewaffnet!" sagte Friedrich, indem er ein Pistol aus dem Gürtel zog.„Verräther nennt Ihr mich? Wahnsinnige! Die wahren Verräther sind im Lager von Koblenz. Ja," fuhr er zu Paul gewendet fort,„ihr seid es, die das Leben des Königs bedrohen, ihr seid es, die ihr eure Väter, eure Schwestern morden werdet, die ihr dem Volke als Geiseln zurück ließet— keiner von euch Beiden wird über diese Schwelle gehen — es gibt Opfer genug ohne euch— und ohne sie," fügte er leiser, mit einem Bbickc innigster Liebe auf Marien hinzu, die laut schluchzend in die Knie gesunken war. „Und ich werde dennoch gehen," rief der Marquis,„oder du mußt niit mir die Reihe deiner Mordthaten beginnen!" „Nein, nicht mit Ihnen, aber mit ibm, wenn es sein muß!" sagte Friedrich kalt und richtete sein Pistol auf Paul.„Sie werden das Haus nicht verlassen und sollte ich diese Thüre hüten bis..." Er verstummte plötzlich; seine Zunge schien an den Gaumen gefesselt;— ein dumpfer Ton, gleich dem Rollen eines fernen Gewitters, war an sein Ohr gedrungen. Er stürzte zum Fenster, riß es auf, horchte in die Nacht hinaus und schrie auf:„Es ist die Sturmglocke!— die Sturmglocke!"— und wie ein Echo erklangen die Worte Danton's in seinem Herzen:„Willst du, daß man die Bitten Derjenigen erhört, die du liebst, so sei diese Nacht nicht taub für den Ruf der Sturmglocke!" Die Stutzuhr auf dem Kamin schlug Mitternacht und der zehnte August erschien auf dem Zisferblatte. „Dieser Tag wird in der Geschichte gcbrandmarkt werden!" rief der Marquis, aus seiner Erstarrung erwachend, Friedrich zu. „Der Monat August wird durch ein großes Verbrechen berüchtigt werden!" „Das ist er schon längst durch die Bartholomäusnacht!" schleuderte ihm Friedrich zurück, und einen letzten Blick voll Schmerz und Liebe auf die weinende Marie werfend, stürzte er aus dem Zimmer, die Treppe hinab, öffnete sich selbst die schweren Thore des Palastes und vereinigte sich mit den Truppen der Sektionen, die von allen Seiten herbeieilten und sich unter den Klängen der Marseillaise, dieser wahren Stunnglocke der Revo- lutiou, zu Bataillonen ordneten. Mit Tagesgrauen war ganz Paris in Bewegung und von allen Seiten drangen bewaffnete Schaare» auf die Tuilerien ein. Noch am Abend zuvor hatte die Monarchie gehofft, vielleicht Zeit zu haben, von dem verbündeten Europa eine schmachvolle Befreiung zu envarten; sie hatte die Säle des Schlosses mit Schweizergarden angefüllt; sie hatte alle„Dolchritter"■*) zusammen- ♦) Los Chevaliers du I'oiguard— so nannte das Volk die Aristokraten, welche sich zur Bertheidigung der Tuilerien verpflichtet 1(53 berufen und alle Diejenigen um sich versammelt, für welche die Tuilerien Frankreick) repräsentirten; kurz, sie hatte ihre Verthei- digung organisirt, während das Volk seinen Angriff vorbereitete, und war hoffnungsvoll eingeschlafen; aber das Morgenroth stieg blutig herauf und weckte sie zu einem bitteren Erwachem Auf dem Caronsselplatz, auf dem Pont Royal, in den Zm- gängen der Tuilerien, überall drängte sich das Volk, das Volk, das nur noch einen Glauben hatte, den an die Freiheit, nur einen Gedanken, den, zu siegen oder zu sterben; das Volk, welches den Kanonen des Absolutismus Kanonen und Pflastersteine, den Bajonetten der Schergen Bajonette und Piken entgegenstellte; das Volk, das soeben auf der Rüstkammer des Hotel de Ville die Peitsche gefunden hatte, die Ludwig der Vierzehnte in der Hand hielt, als er das Parlament auflöste. Die Borstädte strömten ihre Volkswogen aus; die Föderirten, die Marseiller, mit nackten Armen und erbarmungslosen Herzen, hatten,»von denen jedoch, als es galt, nur sehr wenige am Platze waren. Der Name rührt davon her, daß einige der betreffenden„Ritter"(die meisten waren sogenannte„Ludwigsritter") bei einem früheren Krawall mit Dolchen, die sie versteckt trugen, abgefaßt worden waren. waren erschienen,— die Nation, von der schweren Last der Steuern und Abgaben befreit, richtete sich auf und rüstete sich, wie ein blutlechzender Tiger, zum Sprunge. Die Energie Danton's hatte sich blitzschnell und gewaltig, wie der elektrische Funke, der Menge mitgetheilt; das Volk hatte nur eine Fahne, und auf diese Fahne schrieb es: Tod oder Freiheit! Wehe dir, wehe dir, alte Monarchie! Dir bleibt nichts übrig, als zu sterben. Die Fremden sind noch fern und deine Geschütze werden vor der allmächtigen Begeisterung des Volkes verstummen müssen. Als Ludwig der Sechzehnte diese empörten Volksmassen, in Waffen starrend, seinen Palast nnidrängen sah, überkam ihn die Furcht, denn er las seine Verurtheilung in den erzürnten Mienen. Er suchte einen Zufluchtsort in der gesetzgebenden Versammlung, die nach seinem Falle unter dem rollenden Rade der Revolution zermalmt werden sollte, und kaum hatten die Thüren sich hinter ihm geschlossen, als eine furchtbare Gewehrsalve ihm sagte, daß der Sturm losgebrochen sei, der in ganz Frankreich wiederhallen seilte.(Fortsetzung folgt.) Abgerissene Bilder aus meinem Leben. Von Joh. PH. Becker. Der Demagogcnwolf, Verhaftnngs-, Gefängniß-Scenen und ein Fremdwort, das Tod oder lebenslängliches Zuchthaus bedeutet. (Forffetzung.) Hier bin ich an einer Stelle meiner Erzählung angelangt, an der es mich, ehe ich fortfahre, innig drängt, meinen Freunden und Lesern ein offenes Geständniß Uber meine dem Feinde gegen- über nicht wenig verschmitzte Handlungsweise abzulegen: Als ich nämlich zum ersten Male von Gensdarnien den häus- lichen Verhältnissen entrissen wurde, um dem oftgenannten Unter- suchungsrichter vorgeführt zu werden, kam nur die ans der Progymnasialschulzeit her bekannte Rolle des römischen Revolu- tionsmannes Brutus, die Rolle des Dummen zu spielen, in den Sinn. Und so dachte ich, daß wohl das, was der weltberühmte Mann zur Erreichung seines Zweckes ohne sittliche Bedenken gc- wollt und durchgeführt, sicher aus denselben Gründen zu wollen und zu vollbringen auch mir erlaubt wäre. Indessen brauchte ich mir ob solcher Rolle umsoweniger Gewisscnsskrupel zu machen, als der außerordentliche Untersnchnngsrichter schon außerhalb des Gesetzes stand, indem er mich meinem ordentlichen Richter entzogen, weil die reaktionäre Regierung diesem nicht traute, oder vielniehr nicht zutraute, er werde zu Gunsten der Staatsgewalt die Gesetze umgehen. Und so begab es sich, daß ich vor meinem „Außerordentlichen" so dunim und unwissend erschien, daß er mir trotz seiner angestrengtesten Bemühungen keine seiner Frage» recht begreiflich zu machen vermochte und ich demgemäß auch nie eine richtig zu beantworten verstand. Doch mein Herr Mollitor, der damals als der schlanköpfigste und fangsüchtigste Fußsteller und Fallenleger politisch Verdächtiger im ganzen Reiche gegolten, so daß er dem in solchen Dingen nachher berühmt gewordenen Herrn Stieber wohl als erhabenes Vorbild gedient haben mochte, hatte sicherlich mein Verhalten im Hinblick ans meine damalige Beschäftigung als Bürstenbinder für ganz natürlich erachtet. Galt es doch in jener Zeit für unerhört, wenn sich ein Handwerker wehr mit politischen Dingen, die ja das Privilegium studirter Leute waren, als mit dem Wein- und Bierglase befaßte. Ich gestand zwar ein, auf dem Hambacherfest wie viele andere Leute laut gesprochen zu haben, was mir gerade in den Kopf gekommen, aber doch nicht ganz so wie es in der Festbeschreibung gedruckt stünde, was auch insofern wahrheitsgemäß war, als der Verfasser berselben, Dr. G. A. Wirth, vorsichtigerwcise die gravirendsten stellen weggelassen. So recht naiv sing ich da an, eine Art Rede z» halten und, ihm keck in's Gesicht schauend, das kon- fuseste Zeug herzuschwätzen, so daß er mich anfänglich ganz ver- wundert ansah und sich schließlich sammt seinem Schreiber des Lachens kaum enthalten konnte. Dabei dünkte es mich, daß ich bei dem gestrengen Herrn eine Miene des Mitleids über- sein sonst so regungsloses Gesicht gleiten gesehen. Sagte er doch unmittelbar darauf, sich gegen seinen Schreiber wendend, mit sehr gedämpfter Stimme, aber für meine gerade sehr gespitzten Ohren noch laut genug:„Der Dr. Wirth hätte wohl den dummen Teufel aus dem Spiele lassen können, statt die Behörde mit dessen Blechköpfigkeit so arg zu foppen." Ganz plötzlich überfiel mich aber auf diese Worte hin ein so peinliches Gefühl der Demüthigung, daß ich nicht blos gleich aus der Haut hätte fahren mögen, sondern auch nahe daran war, völlig aus der Rolle zu fallen und ans dem Punkte stand, den„dummen Teufel" dem von mir so arglistig übettölpelten Hochverrathsschnüffler stolzen Selbstgefühls an den„Blechkopf" zu werfen. O. wie tief empfand ich in diesem Angcnblick, welch' enorme Selbstverleugnung und Selbstüberwindung zu solch' berechneter Dumm- hcitsrolle erforderlich sind! Doch faßte ich mich rasch wieder und dachte: er hat mir ja eigentlich nur mit seinen Worten meinen Sieg über ihn verkündet, er selbst hat mir ja unbewußt zuge- standen, daß er der Blechkopf gewesen, daß ich mehr Berechtigung habe ihn, als er mich, zu bemitleiden und daß wir in moralischer Beziehung mindestens quitt sind. Und als er mir denn gar in« Gegensatz zu seinem anfänglichen schnurrigen Auftreten ganz ge- lassen und fast sanftmüthig sagte:„Sie sind entlassen und können nach Hause gehen," da fühlte ich mich durch meinen Triumph für alle Schmerzensmomente meiner Dummheitsrolle tausendfach entschädigt.. Um nun nach dieser Abschweifung den Faden meiner Er- Zählung wieder aufzunehmen, muß ich in Envähnung bringen, daß eben diese ganze Verhörgeschichte mir zur Verlängerung meiner Schlaflosigkeit glühend heiß im Kopf herum ging. Immer und immer wieder stellte ich mir die Frage: ob ich, wen» mich Herr Mollitor in die Hände bekäme, abermals die Dumm kopfsrollc spielen solle und spielen können würde, und ob der nun wohl gewitzigte Verhörrichter sich von mir nochmals zum Narren halten lassen werde? Aber auch immer und immer blieb ich mir eine bestimmte Antwort schuldig; ich konnte zu keinem festen Entschlüsse kommeil. Aber ich tröstete mich schließlich mit der allerdings schwankenden Hoffnung, daß die Anwesenheit des „Demagogenwolfs" vielleicht doch nicht mir gelte, womit ich es endlich zn kurzem Schlafe gebracht, denn kaum hatte die Sonne ihre morgenröthlichen Strahlen auf die Dachgiebel der benach- barten Hänser geworfen, so war ich auch schon wieder aufgewacht. In meinem Herzen aber sah es noch düster ans und in meinem Kopfe wollte mir noch kein rechtes Licht ausgehen über die Dinge, die an diesem Tage an mich herantreten sollten. Gesenkten Haupts ging ich in die Werkstätte und setzte mich stumm zwischen meine Arbeiter, die sonst gewohnt waren, gleich nach dem Morgen- grüß etwas Neues von mir zu erfahren und in den Prinzipien der Freiheit und Gleichheit, sowie in den praktisch-revolutionären Bestrebungen möglichst unterrichtet zn werden. Ob meine« stummen Dahinbrütens verhielten sich Alle ebenfalls nachsinnend und schweig- sam. Doch wurde ich inzwischen viel gefaßter, mich fest ent- Aus der atten m\ ttfnan und St. Helena. (Tiefes Gedicht flammt aus dem Ende des Jahres 1841,— es fällt in die Zeit des Becker'fchen Rheinlied-(„Sie fallen ihn nicht haben, den freien(!) deutschen Rhein") Dusels f dieses schwachen Vorläufers der Schneckenburger'fchen„Wacht am Rhein"-Dreh- krankheitj, und knüpft an die nationale Komödie an, welche in jenen Tagen von dem pfiffigen Louis Philippe mit der Asche Napolcon's gespielt worden war. jUm sich die Sympathien der chauvinistischen Esel zn erwerben, hatte der auf alle gemeinen Instinkte sich wohl verstehende„Bürgerkönig" die Leiche des„Märtyrers von St. Helena" nach Paris schaffen und unter theatralischem Schaugepränge im Jnvalidendom beisetzen lassen. I Man muß dies wissen, um das Gedicht ganz zu verstehen.— Die Insel Ufnan ss. das Bild S. illOj, auf der Hutten begraben ward, liegt nicht weit von Zürich, im Zürichersee.) I. Laut mit dem Schwall der Wogen ringend, Durchzieht den See der stolze Dämpfer, Und braust, das Schweizerbauner schwingend, Dahin, ein zornentbrannter Kämpfer. „Wenn wir an Ulrich Hutten's Grabe, Dort bei des Seces größter Breitung, Dann rufe mich, mein Schifferknabe!" Und weiter träumt' ich in der Zeitung. Die Zeit, wie sich gebührt, in Ehren, Kann mich die Zeiiung nie erfreuen; Doch mag der Teufel sie entbehren, Der Mensch will nun einmal vom Neuen! Frankreich! Ha— was wird dort verhandelt? Gift? Dolch? Emeuten? Carbonaris? Die Scene wiederum verwandelt? Das Siück heißt Helena und Paris! Sw haben ihren Unvergeßnen Geraubt den« Schoß krystallucr Wogen, Den Helden aus dem Unermcßuen In ihres Babels Koth gezogen. Sie kamen über ihn im Schlafe, Wie Simson über die Philister; Es triumphirt der große Sklave Und pfiffig lächelt sein Minister. Was Albion heilig, wird man lesen, Das hat der Franken Volk vernichtet: England ließ ruhig ihn verwesen, Wo ihn der Weltgeist hingedichtel; Wo ihn des Meeres Flut umschäumte. Wo mit dem All er im Vereine Wohl oft von jenem Gothen träumte, Deß Grab doch sichrer, als das seine. O Spott! es schleppt in ihre Mauern Ein Hänfling dieses Adlers Leiche; Nicht Jubelschall, nur banges Trauern Sollt' herrschen in der Franken Reiche. Das eigne Volk saß zu Gerichte, Des Kaisers Zauber ist geschieden; Es schläft die fränkische Geschichte Mit ihm im Dom der Invaliden! Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.— schließend, mich auch ferner auf striktes Leugnen zu verlegen, da ich ja fest überzeugt war, daß es bei der damaligen Volks- stimmung der Staatsbehörde nicht gelingen werde, selbst gegen Bestechung, Belastungszeugen aufzutreiben. Jeder fürchtete sich vor der Volksrache. So befand ich mich im Geiste schon wieder an der Seite des Herrn Mollitor, als eS, etwa um 7 Uhr, derb an die Thüre pochte und sogleich ein Gensdarmerie- Brigadier mit einem Vcrhaftsbefehl in der Hand hereintrat.„Es gilt also doch wieder dem Jean Philipp," dacht' ich. Ich nahm alsdann daS Papier ganz gelassen zur Hand, halte am ersten Worte schon genug gelesen und sagte:„Ich werde mitkommen." Hierauf gab ich meinen Arbeitern einige Geschäftsweisungcn, wobei mich einer derselben(ein Schlesier und Freiwilliger von 1813) leise fragte: „Sollen wir den Kerl dort mit seinem großen Schleppsäbel ab- mucken?" (Forlsetzung folgt.) der neuen Welt. ii. Usnau! Hier modert unser Heiland, Für's deutsche Volk an's Kreuz geschlagen; Ein deutsches Mekka wär' dies Eiland, Hätl' ihn kein deutsches Weib getragen. Der Hutten ist's und ihn erkür' ich Zu meines Herzens erstem Helden; Mein Weltmeer sei dein See, o Zürich! Von seinen Mären laß mich melden. Der Hutten ist's, ob den Despoten Verachtet ihr des Volkes Besten; Ihr buhlet täglich mit den Tobten, Ach! und vergesset Eure Besten. Ihr weintet jener Hieroglyphe Im Ozean manch verlorne Thräne, Und ahntet nicht die Wundertiefe Der reinen deutschen Hippokrene. Der Hutten ist's, ihr Männer tretet Heran zum Hügel des Verbannten! Der Hutten ist's, ihr Männer betet, Und lernt ihn kenne», den Verkannten! Die Freiheit schwanket zwischen Klippen Uniher auf steuerlosem Boote, Schon nah'n sich ihr mit ekeln Lippen Zum Kusse die Jschariote. Wir brauchen einen großen Schatte», Deß Geist um unsre Waffen schwebe, Der, wenn im Kämpfe wir ermatte», Uns Blut von seinem Blute gebe. O glaubet nicht, daß ihr ihn fändet Auf jenem Fels im fernen Meere; Hier ist ein Grab, noch ungeschändct, Hier ist der Stein der deutschen Ehre! Wie zitterte manch stolzer Giebel, Als donnernd einst in böser Stunde, Gleich Schwerterklang zu Luther's Bibel, Das Wort erscholl aus Hutten's Munde! Das Wort, das, als die Welt geknechtet, Als finstrer Wahn sie unterjochte, So kühn für alle Welt gerechtet, So einsam an den Himmel pochte. Ließ er sich von den Kutten meucheln, Und hat er darum sterben müssen, Daß nun die Enkel sonder Heucheln Den Mantel von Marcngo küssen? Wie lang mit Lorbeer» überschütten Wollt ihr die korsische Standarte? Wann hängt einmal in deutschen Hütten Der Hutten statt des Bonaparte? Herwcglj. ru t und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.