Goldene und eiserne Ketten. Erzählung auS schweren Tagen von C. Lübeck. (Fortsetzung.) „Ich hatte erwartet," sagte Berner endlich,„Sie würden mir einige Fragen über die Dinge und Menschen in Nabenberg vor- zulegen haben." „Sie haben mir nahe gelegen," antwortete Blumenthal.„Als ich heute früh aus dem Fenster meines Zimmers blickte, da fielen meine Augen auf Schloß Rabcnberg, in dem ich einst so schöne Stunden verlebt. Aber— wo ist die Poesie geblieben, worin Menschen und Dinge dort sich kleideten? Ich sah im Geiste Sidonie wieder, aber jener Hauch fehlte, der mich so blendete und fesselte und in lichtvolle Hallen daö alte, düstere Gemäuer verwandelte." „Und wenn ich Ihnen nun sage, daß man Ihrer auf Raben- berg noch sehr oft gedacht, daß Niemand Ihr Gehen lebhafter beklagt, als Fräulein von Rabenberg?" „Das ist Täuschung, nichts als Täuschung," sagte Blumen- thal.„Wie ich Ihnen damals gesagt, ist Alles bei ihr Be- rechnung gewesen. So lange ich die Papiere der Weber in Händen hatte und Herr von Rabcnberg sich mit der Hoffnung trug, sie von mir erhalten zu können, da war ich der Löwe des Tages und Fräulein von Rabcnberg die Liebenswürdigkeit selbst. Mit einem Schlage aber war Alles verändert, als der Pfaffe in's Schloß kam und als ich entschieden jedes derartige Ansinnen zurückwies. Wo war da die Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit! Mir blieb nichts weiter übrig, als auf der Stelle zu gehen, und weshalb ich ging, das habe ich dem Herrn von Rabcnberg auch offen gesagt. Ich weiß es, daß ich ihm mit meiner Abreise eine große Freude bereitet habe.— Daß die Enttäuschung für mich eine recht bittere gewesen, das ist erklärlich— aber, Freund Berner, heute denke ich ruhig und bin zufrieden, daß es mir nicht ergangen wie Millionen Menschen!" „Welchen Millionen?" fragte Bern er. „Ich hab's jetzt erfahren," antwortete Blumenthal lächelnd. „Es gibt im Leben einen Augenblick—' nennen Sie ihn den Früh- ling—, in dem bei den Menschen das ruhige Denken und Handeln im Rausche der Liebe aufgeht und in dem der Mensch wieder ein ungeschminktes und ungekünsteltes Glied der Natur wird, sich an schönen Gestalten berauscht und weder nach ihrer Stellung noch Lebensauffassung fragt." Berner nickte mit dem Kopfe.„Je unfreier und unselbst- ständiger der Mensch, je beschränkter seine Auffassung vom Leben, um so bescheidener werden seine Ansprüche an den Gegenstand seiner Wahl sein," sagte er.„Es ist richtig, es werden Millionen Ehen im Rausche der Liebe geschlossen, unbekümmert um die Zu- kunft, die schwere Pflichten bringt, deren Erfüllung eine andere Liebe voraussetzt als die des ersten Liebesrauschcs. Und Pflichten lassen sich nur erfüllen und Lasten nur tragen, wenn die innigste Uebereinstimmung in der Denkweise vorhanden ist." „Die letztere Erfahrung ist mir glücklicherweise erspart ge blieben," sagte Blumenthal.„Ich habe rechtzeitig das Glas er- kannt, das wie eine kostbare Perle leuchtete." „Auch sie ist eine Perle," antwortete Berncr sinnend,„wie alle Menschen Perlen sind oder es werden können. Sprechen Sie nie von Glas und Perlen," fügte er lebhafter hinzu,„aus gleichem Stoffe sind alle Menschen gemacht, und es kommt Alles nur auf die Verhältnisse an, in denen sie leben, auf die Er- ziehung— wenn Sie es so nennen wollen. Ich bin überzeugt, daß der Augenblick kommt, in dem auch Sidonie von Rabenbcrg die Fesseln abstreift, in welche ihre Erziehung sie geschlagen.— Nun aber zu ihrer Rechtfertigung ein Wort!" „Ich bin begierig." „Sie war wohl eingeweiht in die Pläne ihres Vaters und sie glaubte mit gutem Gewissen die Komödie spielen zu können." „Ist das eine Rechtfertigung?" „Hören Sie mich weiter. Die Verhältnisse rissen sie mit fort und sie liebte Sie, wo sie nur scheinbar Sie lieben sollte." „Das ist nicht möglich." „lind doch ist es wahr. Sie hat mich natürlich nie in die Geheimnisse ihres Herzens eingeweiht, aber Sie wissen, ich bin ein aufmerksamer Beobachter, und als solcher habe ich in ihrem Gesichte, in ihren Augen mehr gelesen, als ihre Lippen mir vcr- rathen durften. Sie war es übrigens, die zuletzt den Plan des Pfarrers durchkreuzte. Aber die Heirath—" I. 17. 1876. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 194 „Die Verhältnisse sind eben mächtiger als die Menschen, Blumenthal. Der Adel macht krampfhafte Versuche, sich aufrecht zu erhalten und der Geldaristokratie zu widerstehen, von der er Uberfluthet wird. Wie schwärmte Herr von Rabenberg für eine Reform des Adels! Sie wissen ja selbst, wie leicht er der Verlockung zugänglich war, durch einen Schurkenstreich sein Besitz- thum zu vergrößern. Was Fräulein von Rabenberg verbrochen, indem sie das Verbrechen verhindert, das muß sie jetzt durch die Heirath büßen» und, wenn etwas, so wird die Leere, die sie in ihrem zukünftigen Leben findet, sie die Kaste verachten lehren, der sie entstiegen ist." „Das ist traurig, sehr traurig," sagte Blumenthal bewegt. „Die Verbindung mit einem solchen Menschen, wie Graf Hugo, kann nur Schreckliches bringen." Nach einigen Augenblicken fügte Blumenthal hinzu:„Der Bruch ist trotzdem zwischen uns vorhanden und die entstandene Kluft kann nicht wieder ausgefüllt werden. Ich bin mir ganz klar darüber geworden. Sidonic ist streng religiös erzogen, sie würde die Lasten der Liebe wohl bis zu einem gewissen Punkte tragen, dann aber müßte ein Zustand entstehen, den ich nach frommem Vorbilde eine Hölle nennen möchte. Nein, nein, Freund Berner, ein geheimes Grauen erfaßt mich immer, wenn ich an den Abgrund zurückdenke, dem ich mit lautem Jubel entgegen- steuerte. Sie würde auch nie die Schranken ihrer Kaste durch- brechen." „Sie haben Recht, zu einer Liebe, wie sie ein freisinnig denkender Mensch von seiner Lebensgefährtin heut zu Tage for- dern muß, wäre Sidonie kaum fähig; die fesselnden Farben der Jugend erblassen schnell und, sind keine weiteren Verschmelzungs- punkte gegeben, dann muß ein trostloser Zustund entstehen." „Aus den Nebeln der Vergangenheit," sagte Blumenthal sinnend,„blickt ein freundliches Gesicht zu mir herüber—" „Wen meinen Sie?" fragte Berner. „Marie Köhler! Ich glaubte, auch da hätte ich eine Perle verscherzt—" „Sie wird de» Pfarrer heirathen," sagte Berner achsclzuckend. „Die Roth ist groß, was bleibt ihr übrig, will sie die Mutter retten?" „So hegt sie keine Neigung für diesen Mann? Ihre Zu- stimmung ist keine freiwillige?" fragte Blumenthal lebhaft. Berner schüttelte den Kopf.„Daß sie für diesen Menschen keine Liebe empfinden kann, nicht einmal eine Spur von Achtung, dafür habe ich gesorgt," antwortete er. . Blumenthal schwieg nachdenklich.— Am Waldessaume schieden sie von einander. Blumenthal versprach, recht bald zum Besuch nach Schönenberg zu kommen. Mehrere Tage sind vergangen; haben sie auch keine anderen Verhältnisse gebracht, so hat sich uiitcr der ruhigen Oberfläche doch manche Aenderung vollzogen. Recht auffallend war das Benehmen, des Grafen gegen Blumenthal geworden. Sonst hatte er nur die stolze hocherhabene Erlaucht herausgekehrt, der man eigentlich nur kniefällig nahen durfte, jetzt war er eifrig bemüht, den höslichen Menschen heraus- zukehren. Er sprach viel mit Blumenthal über dessen Vermessungs- Arbeiten und führte ihn auck selbst in semem Besitzthum umher. Blumenthal mußte auch in seine Stallungen treten und den Reichthum seines Viehstandes und seines PferdesUlls bewundern, ihm auch Rath geben über die beste und sicherste Anlage bedcu- tender Kapitalien, angeblich weil der Banguier in. der Stadt zu hohe Provisionen für die Verwaltung des Gelees beanspruche und man doch nie recht sicher sei, ob solch ein Wäensch nicht eines schönen Tages mit dem ganzen Vermögen versch»u«de.— Was das zu bedeuten hatte, blieb Blumenthal ein Nathsel. Aber auch Blumenthal selbst war nicht meyr der Alte. Sonst blickte er heiter drein und war voller Humor: und Laune, jetzt suchte er oft träumend den Wald auf und koarnte darin stundenlang einsam verweilen. Was ihn auf seinen Spaziergängen be- schäftigte, das war die Unterredung, die er. mit Berner gehabt. Aber es war nicht Fräulein von Rabenberg, die ihn so außerordentlich in Anspruch nahm. Wohl lenkten seine Gedanken sich noch häufig nach Rabenberg zurück, aber es war doch kein warmes, lebendiges Interesse mehr, das die Menschen dort ihm einflößten. Er sah Fräulein von Rabenberg in ihrem Kampf mit den trau- rigen Verhältnissen und wünschte ihr darin von Herzen den Sieg; zu einem höheren Gefühlsaufschwunge aber gelangte er nicht mehr.— Dagegen trat Mariens Bild in den Vordergrund — deutlicher und freundlicher mit jedem Tage— und oft schon hatte er sich vorgenommen, sie aufzusuchen. Jedoch immer hatte ihn die Furcht davon zurückgehalten, daß sie sein Kommen miß- verstehen nnd Liebe bei ihm voraussetzen könnte, von der er sich gänzlich frei wußte. Hatte er ihr denn irgendwie Anlaß gegeben, Liebe bei ihm vorauszusetzen? Er erinnerte sich eines Spazierganges, den er bald nach ihrer Krankheit mit ihr in die Berge gemacht. Dort wo die Wege sich kreuzten, auf der Nasenbank, hatten sie neben einander gesessen und in's Land hinaus geblickt, das sich in reizenden Farben zu ihren Füßen ausbreitete. Wort für Wort wurde ihre damalige Unterhaltung in seiner Erinne- rung wieder lebendig. „Wie kleinlich erscheint mir doch die Götterlehre der Priester," hatte sie gesagt,„und wie unbegreiflich die Verblendung der Menschen, die ihnen gedankenlos vertrauen und gläubig hinnehmen, was sie ihnen vorerzählen." Von einem Buche sprach sie ihm, das ihr Berner gegeben, in dem die Wunder des Himmels be- schrieben wurden und sie erzählte, wie bei dem gewaltigen un- faßbaren Bilde, das sich vor ihren Augen entrollte, der persön- liche Gott, Himmel und Hölle entschwanden.„Suche sie!" hatte ihr Bcrner gesagt, als sie ihm den betäubenden Eindruck schilderte, den die Wahrheit auf sie gemacht.„Lächeln Sie nur, Ferdinand," sprach sie,„ich suchte wirklich, und verschwand auch der persön- liche Gott, so tauchte dafür doch ein um so gewaltigerer Geist vor mir auf. Ein Stäublein war ich, wie die ganze Menschheit, sammt der Erde, dieser gewaltigen Gottheit gegenüber, die meine Phantasie mir vorzauberte, und in meiner Winzigkeit fühlte ich mich tief elend, ich verzweifelte; was lohnte auch ein so staub- artiges, bedeutungsloses Leben? Aber gab es einen Gott, dann gab es wohl auch eine Fürsorge für seine Geschöpfe!„„Wer hat deinen Gott geschaffen?"" frug mich Berner wieder. Da wandte ich schwindelnd das Haupt— und doch, Ferdinand, bin ich wieder heiter geworden, wenn es mir auch nicht gelungen ist, das große Geheimniß der Welt zu ergründen, wenn auch mit dcni Tode für immer alles Leben seinen Abschluß findet. Trotz- dem juble und jauchze ich und freue mich des Daseins." Er hätte sie damals in seine Arme schließen mögen. Er preßte nur stumm ihre Hände und blickte sie an mit strahlendew Augen. Wußte er doch, daß er es war, der sie mit dem Dwseiii versöhnte, der ihr Herz mit jubelnder Freude erfüllte. Warum hatte er damals den Niuth nicht gefunden, die Hand der Liebe zu ergreifen, die sich ihm bot! Es wäre wohl Manches anders und besser geworden! Aber nun war es doch vorbei, und er ärgerte sich oft über die zudringlichen Gedanken, die ihm hart- näckig ein Glück vorspielten, worauf er nie recht Anspruch gemacht. Dies war der Grundton seiner Selbstgespräche— und meist triumphirte die warnende Stimme, die ihn beschwor, sich nicht leichtfertig in einen neuen Liebeshandel einzulassen. Dagegen kämpfte dann wieder die Erinnerung an, und nicht selten sehr erfolgreich. Wenn er dann keinen Ausweg mehr aus dem Labh- rinthe fand, in das er gerathen, dann nahm er sich vor, mit Benier zu sprechen und seinen Rath einzuholen. In der Zwischenzeit hatte er auch sorgfältige Erkundigungen nach dem Waldvertrage eingezogen, den er vor zwei Jahren ge- sehen; jeden Winkel im Egler'schen Hause hatte er durchsucht, aber nicht die geringste Spur entdecken können. Nur darin waren alle Personen, die er zu Rathc zog, übereinstimmend, daß Niemand anders als Jörg den Vertrag gestohlen haben könne, der ja auch den Wiesenvertrag bei Seite gebracht. Immer wies man zur Unterstützung dieser Behauptung auf die großen Vergünsti- gungen hin, deren sich Jörg, ohne jedes andere Verdienst, erfreute. Mußte nun Blumenthal den Leuten auch theilweis beipflichten, 195 so blieben ihm doch immer noch mancherlei Zweifel. Er hatte auch erfahren, daß der Pfarrer früher häufig bei Egler'S zu Besuch gewesen; er erkundigte sich bei Frau Egler nach dem Pfarrer und erfuhr nun, daß er dort gewesen, um ihnen in der Roth geistlichen Trost zu spenden, auch die alten Papiere in Händen gehabt und darin geblättert hätte. Blumenthal beschloß jetzt, Jörg aufzusuchen und mit ihm zu sprechen. Das war nun freilich leichter beschlossen als ausgeführt, denn so oft er an Jörg's Thür klopfte, fand er sie doch stets verschlossen und Jörg abwesend. So sehr ihn seine fruchtlosen �Bemühungen auch ver- stimmten, gab er seine Forschungen doch nicht auf. Unter allen Umständen sollte ihm Jörg Rede stehen.(Fortsetzung folgt.) Der Erfinder der Schnellpresse. Eine geschichtliche Skizze. (Schluß.) Selbst Napoleon I., ein gewiß weit klügerer Kopf als sein Schwiegervater und Gegner, lachte einem Fulton in's Gesicht, als sich dieser erbot, ihm Dampfschiffe zu bauen, auf welchen er über den Canal setzen und England erobern könnte. Ehe noch Napoleon dem amerikanischen Ingenieur Bescheid auf sein Projekt gab, holte er das Gutachten des„Institutes von Frankreich" ein. Und was sagten die„vierzig Unsterblichen"?—:„Phantasterei, grober Jrrthum, tolle Ideen, lächerliche Abgeschmackt- heit!"..... Wäre doch Napoleon nie den„vierzig Unsterblichen" gefolgt..... Als Fulton am 17. August 1807 in Amerika sein erstes Dampfschiff vom Stapel ließ, tauften es die Puritaner „das Teufelsboot"(deviTs-boat), und die Geistlichen predigten dagegen. Gelehrte hielten die Verwirklichung der Dampfschiff- Idee für unausführbar, Geistliche für gottlos und die Staatsbeamten für verrückt und toll. Der leibhaftige „Gottseibeiuns" wurde Fulton.... Als im Jahre 183ö der „Jud' der Könige" in einer Audienz bei Kaiser Ferdinand— dem Sohne Franz l.— um die Bewilligung zum Baue der Nordbahn ansuchte, sagte dieser:„Ha, lieber Rothschild, wer'n ma halt seg'n— i muß erst mit'n Metternich reden"— und als die Sache im Ministerrath zur Sprache kam und die Meinungen über die Bewilligung des Rothfchild'schen Ansuchens ge- theilt waren, entschied Kaiser Ferdinand:„Geb'n mer ihm'S, lang' kann sich so was eh' nit halten!" Und von dieser Regierung erhoffte König eine Unterstützung zur praktischen Ausführung seines Projektes!..... Nur Ru ß- land schien sich ein wenig für die Sache zu interessiren, man machte ihm von St. Petersburg auS das Anerbieten, er solle daselbst eine Regierungs-Drnckerei einrichten. Man versprach ihm 1000 Silber-Rubel Gehalt, und es wurde ihm eine bedeutende Summe behufs Ausführung seiner Erfindung in Aussicht gestellt. 1'eider blieben dies in Folge des auf's neue auSgebrochenen Krieges leere Versprechungen.... An beiden.genannten Orten verlor König nur unnütz Zeit, Mühe und sein Geld; um eine Hoffnung ärmer verließ er im November 1806 die Hauptstadt des Ezarenreichcs und schiffte sich nach England ein. Im December bessclben Jahres kam er in London an. Von allen Mitteln entblößt, mußte er nun in einer Druckerei als Gehilfe seinen Erwerb suchen. Als er dann später mit einem deutschen Verlagshändler, Namens Weiße, bekannt wurde und dieser ihn seinen Geschäftsfreunden empfahl, legte er seine Idee mehreren bedeu- lenden Buchdruckern der englischen Metropole vor; doch diese waren nicht geneigt, einiges Geld zu Versuchen zusammenzu- schießen, und fast wäre es ihm so ergangen, wie auf seinen Irrfahrten nach Süden und Norden. Es waren nämlich in England viele Persuche ähnlicher Art schon längst gemacht wor- den, aber alle waren mißlungen. Patente wurden genommen, viele Tausende Pfund venvendet, ohne nur ein annäherndes Resultat zu erhalten. Im Jahre 1814 schrieb König in den„TimcS" in einer „Ansprache an das Publikum" Folgendes:„Auf dem Fest- lande findet ein Unternehmen dieser Art keine Aufmunterung, keine Unterstützung. DaS Patentsystem, wie es in England besteht, 'si entweder unbekannt oder daselbst nicht eingeführt, und mithin findet ein einzelnes Unternehmen kein Anregen und die Forscher und Erfinder sehen sich genöthigt, ihre Entdeckungen irgend einer Regierung anzubieten und um Unterstützung nachzusuchen..... Wohl bekannt ist die Thatsache, daß fast jede Erfindung in Eng- land sozusagen ein Asyl sucht..... Das Festland hat von dem Jnselreiche noch nicht gelernt, wie mechanische Künste aufzumuntern und zu pflegen sind.... Auch ich lernte die Täuschungen kennen, welche die Projekteurs auf dem Festlande erfahren." In London machte er nach vielen fruchtlosen Versuchen, einen Buchdrucker für das Projekt zu gewinnen, endlich die Bekanntschaft des Thomas Bensley. Dieser Mann paßte insofern zu König, als er Einer von Jenen war, die sich nicht durch fehlgeschlagene Versuche so leicht entmuthigen lassen. Mit ihm schloß König unterm 31. März 1807 einen Vertrag zur sofortigen Ausführung seines Planes ab. Diese begann; die Versuche waren sehr kost- spielig, doch zum Glücke für König und seinen Genoffen fanden sich zwei neue Theilnehmer: George Woodfall und Richard Taylor, zwei der bedeutendsten Typographen Londons. Nach dreijähriger mühevoller Arbeit wurde die erste Schnellpresse vollendet. Am Z9. März 1810 wurde die Erfindung für England Paten- tirt, und im April 1811 wurde diese erste Druckmaschine praktisch angewendet. Der Bogen U vom„Annual Register" für das Jahr 1810, mit einer Auflage von 3000 Exemplaren, wurde damit gedruckt. Dieser Bogen ist also zweifellos der erste Theil eines Buches, der je mit einer Maschine gedruckt w urd e.�)er Druck wurde bei dieser Maschine durch einen flachen Tiegel bewerkstelligt und alle Verrichtungen auf eine rotirende Bewegung basirt. Bald jedoch gab der Gebrauch dieser Maschine neuen Ideen Raum, und durch wesentliche Verbesserungen wurde sie weniger complicirt, aber dafür wirksamer gemacht. Jetzt begannen die Versuche, mittels Anwendung eines Eylinders Abdrücke zu erhalten; das Experiment hatte jedoch nicht den ge- wünschten Erfolg. Nach einigen neuerdings angestellten und besser ausgefallenen Versuchen wurde der Plan für eine neue Maschine nach diesem Grundsatze gefaßt und, um dies durchzuführen, eine Werkstätte eingerichtet. „Seit dieser Zeit hatte ich das Glück, Herrn Bauer's�) Beistand benützen zu können, welcher durch sein Urtheil, seine Genauigkeit, womit er meine Pläne ausführte, sehr viel zum glücklichen Erfolge meiner Anstrengungen beitrug." So lautet eine Stelle in der vorhin angezogenen„Ansprache an das Publikum". Im December 1812 war die neue Maschine vollendet. Die Bogen 0 und X von„Clarkson's Life of Penn", Band I, sind die ersten, die mit einer ganz cylindrischen Presse gedruckt wurden. Im Februar und März wurden auch Ausgaben der „Protestant Union" darauf gedruckt. Diese Maschine, von zwei Menschenhänden in Bewegung gesetzt, hatte bereits eine LeistungS- fähigkeit von 800 Bogen die Stunde. t:rh Andreas Ftwbrtch Bauer, 1783 zu Stuttgart geboren, widmete 18 Jahre alt, nach London, wo er König ® law nr, ,,, i5m gründete dann König die Maschinenfabrik in n r r �rzburg. Als König gestorben, führte Bauer das Geschäft allein fort. Er starb am 27. Februar Idlll). abgeschafft sind, alle menschlichen Kräfte an Schnelligkeit und Wirksamkeit weit hinter sich läßt,,.. Aon dem Erfinder haben wir wenig zu sagen. Sir Christoph Wren's*) schönstes Denk- mal ist in dem Gebäude, welches er erbaute, zu finden, und so ist nun die schönste Lobpreisung, die man dem Erfinder König und Bauer, die nun vereint arbeitete», ruhten nicht und bald sollte ihr heißester Wunsch, eine Zeitung mit ihrem Werke zu drucken, in Erfüllung gehen. Und noch dazu sollte es die erste Zeitung der Welt sein, mit welcher diese Erfindung ihre eigentliche Weihe erhalten sollte. Ganz im Geheimen bauten sie für Herrn Walter, den Verleger der„Times", zwei Schnellpressen, um die gcnannteZeitung da- mit zu drucken. Zugleich wurdenVersuche gemacht, die bisher mit Fellen um- spannten Auftragewalzen durch solche aus einer Composition von Leim und Syrup erzeugte zu ersetzen, was auch gelang. Das Geheimniß uni den Bau dieser Aiaschinen wurde so strenge bewahrt, daß nur wenige Buch- drucker der„Times" da- von wußten, und die meisten dieser wenigen sprachen von Königs Idee als— chimärisch und unausführbar. Lucrcz, der römische Dichter, sagte in seinem Buche:„Do rerum natura": „Ein jtbeä Ting und war's sehr einfach auch und leicht, Im Ansang Vieles sich als sali unglaublich zeigt, Und wär'S auch iicch so groß und noch so wunderbar, Wird Heiner allgemach doch der Bewund'rer Schaar." Erst am Montag, dem 28. November 1814, erschien in den„Times" die erste öffentliche Be- kanutmachung von der Erfindung der Zeitungs- Druckmaschine. Dinstag, den 29. November 1814, brach- ten die„Times" an der Spitze des Blattes eine „Ansprache an daS Publikum", aus welcher wir folgende Sätze herausnehmen:„Unsere heutige Zeitung liefert daS praktische Resultat der größtenVerbesserung, die je die Buchdrucker- kunst seit ihrer Ersin- dung erfahren hat. Der Leser dieses Paragraphen hält jetzt einen von de» vielen tausend Abdrücken in der Hand, die vorige Nacht durch einen mechanischen Apparat gedruckt wnrden. Ein fast organisches Maschinensystem ist erfunden worden, wel- ches, während dadurch' die beschwerlichsten An- �+ strengungcn des Druckens der Druckmaschine bringen kann, in seiner Erfindung selbst vcr- zwischen welchen durch eine höchst sinnreiche Borrichtung der auf körpert". der einen Seite bedruckte Bogen zwischen Bändern auf den anderen Schon am 24. December 1814 erhielt König das Patent Cylinder übergeführt und ans der anderen Seite bedruckt wurde. auf eine Schön- und Widerdruckmaschine(Completmaschine). Die- Diese Completmaschine wurde im Februar 181ö in der Druckerei selbe hatte für jede Form besondere Farbwerke und zwei Cylinder, von Thomas Bcnsley und Sohn aufgestellt und die zweite Aus- gäbe der„Institntions of Physiology" darauf gedruckt. Sie lieferte 900 bis 1000 auf beiden Seiten bedruckte Bogen in der Stunde. Diese so glücklich in die Welt eingeführte Erfindung, welche so großen und reichlichen Gewinn versprach, rief bald den Neid englischer Mechaniker und Buch- drucker hervor; sie be- gannen damit, daß sie durch Abänderungen an völlig unwesentlichen Theilen der Maschine das Patent König's il- lusorisch zu machen und sich die Ehre einer be- deutenden Berbesserung anzueignen suchten. Auch Thomas Benslcy�), der nur König das Wieder- erblühen seines Geschäf- tes zn danken hatte, schlug sich auf die Seite seinerWidersacher. lieber- all warf man König Prügel zwischen die Füße, und wenig hätte gefehlt, so wäre er selbst um die geniale Frucht seines Geistes betrogen *) SirShristopherWren, geboren 20. October 1632, gest. 1723, ein berühmter englischer Mathematiker und Baumeister. Nach dem großen Brande von London wurde er zum Baumeister der StadtLon- don und zum königlichen General- Architekten von England ernannt. Tie Paulskirche in London, auf welches Bauwerk die „Times" anspielen, ist von ihm erbaut. **) Bensley, der durch seine elende Undankbarkeit gegen König sich der Ver- achtung der Nachwelt wür- dig machte, erreichte sehr bald das Berhängniß. Er ging mit seinem Geschäfte zu Grunde; die geret eleu Trümmer verlor er durch waghalsige Speculationen. Zum Aenßerstcn getrieben, steckte er sein Haus in Brand, um sich mit dem Ertrag der Assecuranz- Prämie zu rcgeneriren. Er wurde entdeckt und als Brandstifter zu langerHaft verurtheilt. Er starb auf einem Kehrichthaufen in Londons Straßen als Bettler! gewesen. Durch allerlei Chicanen wurde König und seinem ihm zum Freunde gewordenen Mitarbeiter Bauer der Aufenthalt in England unerträglich geinacht; sie überließen die Erfindung den beutegierigen Krämerseelen und kehrten 1817 nach Deutschland zurück, mit der Absicht, hier irgendwo eine Maschinenfabrik zu errichten. Zu diesem Zwecke kauften sie von Bayern das ehe- malige Prämonstratenser-Kloster Oberzell bei Würzburg �), welches sie für 35,000 fl. und unter sehr günstigen Bedingungen(zum Beispiel einen sechsjährigen Steuernachlaß) erhielten. Die Eisen- industrie, welche in Deutschland damals sehr im Argen lag, be- leitete dem Unternehmen anfänglich nicht unbedeutende Schwierig- keiten; Maschinenarbeiter waren damals in Deutschland etwas Unbekanntes, diese mußten sich König und Bauer erst aus Bauern- burschen und Landleuten herausbilden. Doch siegte über alle diese Hindernisse der starke Geist dieser beiden Männer. Schon Sonn- tag, den 1. November 1823, kündigte die„Haude- und Spener'- sche Berliner Zeitung" jubelnd an, daß sie von nun an auf zwei von König und Bauer gelieferten, durch Dampf betriebenen Schnell- pressen gedruckt werde. Gleichzeitig erhielt die Decker'sche geheime Oberhofbuchdruckerei in Berlin zwei Schnellpressen. Am 12. Juli 1824 wurde der Druck der„Augsburger Allgemeinen Zeitung" zum erstenmale durch eine Maschine hergestellt. Am 5. Juli 1825 wurde auch der„Hamburger Correspondpnt" mit einer von König und Bauer gelieferten Schnellpresse zum erstenmale gedruckt. In Oesterreich wurde die Schnellpresse sehr spät verwerthet. Im Jahre 1833 ward die erste Druckmaschine in Wien aufgeschlagen. In Frankreich wurde die Schnellpresse 1823 durch englische Maschmenbauer eingeführt. Bis zum Jahre 1829 hatten König und Bauer bereits 51 Schnellpressen fertig gestellt und beschäftigten in ihrer Fabrik die für jene Zeit sehr große Anzahl von 120 Arbeitern. Nach allen Länder Europa's gingen König und Bauer'sche Fabrikate, überall gerechtes Lob und Triumph erntend. 1826 führten die Beiden die bis dahin in Deutschland unbekannte Maschinen- papier-Fabrikation ein und errichteten in dem ehemaligen Kloster Schwarzach eine Papierfabrik. Im Jahre 1825, in seinem 50. Lebensjahre, vermählte sich König mit einer hochgebildeten Bürgerstochter, Nauieiis Fanny Jaeobs aus Koburg. Die Ehe war mit zwei Söhnen und einer Tochter gesegnet. Hier sei noch erwähnt, daß die„London Literary Gazette" einem Schriftsteller Namens Nicholson das Recht der Erfindung vindizireu wollte, der im Jahre 1790 ein Patent auf einige roh entworfene Berbesscrungen an der Buchdruckerpresse genommen hatte. Diese Bemerkung der„Literary Gazette" wurde von den *) Das von König im Vereine mit Bauer dort gegründete Geschäft feierte am 23. März 1865— nunmehr von König's Nachkommen ge- leitet— die Vollendung der tausendsten Schnellpresse, nachdem es am 29. November 1864 den fünfzigsten Jahrestag der Erfindung gefeiert hatte; die tausend und erste Schnellpresse war ein neuer Triumph der Mechanik, eine neue Errungenschaft für die Typographie: die Zweifarben-Maschine. Nin 6. September 1873 wurde bereits die zweitausendste Druckmaschine fertig gestellt.(Bei der Feier zum Andenken an den hundertjährigen Geburtstag König's im April d. I. wurden die beiden Söhne deS Erfinders vielfach ausgezeichnet.) „Times" in der Nummer vom 3. Dezember 1824 in ein paar energischen Sätzen abgethan und die Priorität der Erfindung Herrn König feierlichst gewahrt. Sie sagten unter Anderem: „Allerdings kommt es selten vor, daß ein Ausländer eine Erfin- dung nach England bringt, die oben schwimmt; eS gibt hier so viele Talente für mechanische Künste, daß man fremdem Verdienst, ohne dabei zu verlieren, Gerechtigkeit widerfahren lassen kann. So halten wir es auch für unsere Pflicht, in einem Falle, mit dessen Umständen wir völlig bekannt sind, diese Gerechtigkeit zu üben... Was Herrn Nicholson betrifft, so war derselbe noch am Leben, als diese Zeitung zum ersten Male mit der Maschine ge- druckt erschien; Herr König wurde öffentlich als Erfinder genannt, und doch gab Herr Nicholson selbst nicht den Laut eines Anspruchs zu erkennen.... Solche Leute, die sich gewaltsam in das Eigen- thum Anderer eindrängen, müssen sich unter den Schutz eines alten, längst vergessenen Patentes verbergen." Außer Bensley thaten eine Zeitlang noch Cowper, Applegarth, Rapier und Rutt, als hätten sie die Schnellpresse erst eigentlich erfunden, und dies veranlaßte König zu einer vom 12. Oktober 1826 aus Kloster Oberzell datirten Erklärung, worin er sich sein Recht wahrt. Die politischen Wetter am europäischen Horizonte zum Be- ginne der dreißiger Jahre drohten das ganze, mühsam aufgebaute Werk König's zu ruiniren. Auch die Druckergehülfen Deutsch- lands'*) und Frankreichs traten, von einer kaum zu begreifenden Verblendung getrieben, der Verbreitung der Druckmaschinen feind- lich entgegen. An vielen Orten zertrümmerten sie diese groß- artigen Werke menschlichen Geistes, weil sie in ihrer egoistischen Be- schränktheit sich einredeten, durch diese Maschinen würde ihr Brot- erwerb gestört, würden sie zu Bettlern werden. Später haben sie eingesehen, wie unbillig, wie unklug ihr Borgehen war; heute lacht man mitleidig über diese„Zcrtrümmercr", und doch gibt es noch Viele, welche ähnliche Erfindungen und Maschinen verdammen und glauben, daß dann für sie kein Platz mehr sei auf dieser Erde. Das ist unrichtig; je mehr Maschinen, desto größer der Erwerb, desto besser das körperliche Wohlbesinden, desto größer (vernünftige Gesellschafts- Einrichtungen natürlich vorausgesetzt) die Konsumtion. Man muß nur auf vergangene Zeiten zurück- blicken. Wie wäre je der riesige Handels- und Personenverkehr so in Schwung gekommen, wären nicht die Dampfschiffe und Eisenbahnen gekommen? Was wäre die Macht der Presse, ohne die bedeutende Produktion der Schnellpresse?.... König erlebte noch einige dieser traurigen Tage, aber der Tod hatte Erbarmen— er ließ ihn nicht alle erleben. Am 17. Januar 1833 schloß Friedrich König seine Augen für immer — ein Herzschlag hatte seinem thatenreichen Leben ein Ende ge- macht.... Auf dem Friedhofe in Oberzell, nicht weit entfernt von der Stätte seines Schaffens, ruht seine Leiche..... Ein treuer Freund hat ihm das Distichon auf's Grab geschrieben: „Vorwärts dränget der Geist und die Presse hat zehnfaches Tagewerk— Daß sie genüge dein Dienst, hast dn ihr Flügel geformt." -—----- Karl Höger. *j Als im Jahre 1836 bei Brockhaus die erste Maschine ausgestellt wurde, deinolirten die Druckergehülsen dieselbe. Die Paradiesvögel im Serlmer Mlogilchm Garten. Bon R. Schulz. (Schluß.) Bei dieser Behandlung schrumpft der Kopf, welcher in Wirk- lichkeit groß ist, fast auf nichts zusammen, der Körper wird sehr verändert und verkürzt und das wallende Gefieder kommt am meisten zur Geltung. Einige dieser von de» Eingeborenen ge- fertigten Bälge sind sehr rein und oft werden auch die Flügel und Füße daran gelassen, andere dagegen sind sehr stark vom Rauch beschmutzt; alle aber geben eine irrthümliche Vorstellung von der Gestalt des lebenden Vogels. Der Balg des kleinen Paradiesvogels wird sehr häufig als Damenhut-Schmuck bei uns verwandt und bildet daher einen wichtigen Handelsartikel im Osten. Doch sehen wir uns jetzt die beiden Vögel des zoologischen Gartens etwas genauer an. Beides sind Männchen, auf welche die Natur ausschließlich alle Farbenpracht verwandt hat. Am 199 schönsten ist der große Paradiesvogel, der mit seiner prachtvollen Gefiederentfaltnng unsere Bewunderung erweckt. Der Körper, die Flügel und der Schwanz sind dunkelbraun gefärbt, die Brust vertieft sich in ein schillerndes Purpurbraun. Der Kopf und backen zeigen das zarteste Goldgelb, das nach der Kehle zu in das glänzendste Grün übergeht, das sich auch in einem Bande quer über die Stirn erstreckt. Der Schnabel ist von blaugrauer Farbe und die kräftigen Füße sind grauröthlich. Am Schwänze befinden sich zwei lange Federstrahlen, die sich in phantastischen Formen nach außen winden. Der schönste Schmuck des Vogels sind jedoch die Federbüschel, die zu beiden Seiten des Körpers unter den Flügeln entspringen und fast einen halben Meter lang sind. Die Federn sind äußerst fein und zart und von glänzend goldgrüner Farbe. Richtet der Vogel diesen Federbusch auf, wo> bei der Schwanz schräge herabgebogen ist, so wird er fast voll- ständig von diesem prächtigen Gefieder eingehüllt nnd bietet dann wirklich einen„paradiesischen" Anblick. Er hält das Seitengesieder in beständiger, zitternder Bewegung, duckt den Körper, so daß der gelbe Kopf und die smaragdgrüne Kehle die Unterlage zu dem goldigen Glorienscheine geben, der darüber wallt. Nur ganz einfach erscheint neben dieser Farbenfülle das durchweg kaffeebraune Federkleid des Weibchens. Ihm fehlen die Schwanzstrahlen nnd auch die Federbüschel an der Seite, so daß der Nichtkenner zwei ganz verschiedene Vögel vor sich zn haben vermeint.„Die jungen Männchen", schreibt Wallace a. a. O-, „gleichen im ersten Jahre genau den Weibchen, so daß sie nur durch die Sektion von ihnen zu unterscheiden sind. Der Wechsel bringt die gelbe und grüne Farbe auf dem Kopfe und an der Kehle hervor, und zn gleicher Zeit wachsen die beiden mittleren Schwanzfedern einige Zoll weiter hinaus als die anderen, aber behalten an beiden Seiten ihre Fahuenbärte. In einer späteren Frist werden diese Federn durch lange, nackte Schäfte von der- selben Länge, wie sie der ausgewachsene Vogel hat, ersetzt, aber noch ist kein Zeichen des prächtigen, orangefarbenen Seitengefieders vorhanden, welches später den Schmuck des erwachsenen Männchens vervollständigt. Um diesen Wechsel hervorzurufen, müssen min- destens drei aufeinander folgende Mausern stattfinden, und da die Vögel wahrscheinlich nur einmal im Jahre mausern, so ist das volle Gefieder erst im Alter von vier Jahren vorhanden. Man glaubte lange Zeit, daß der schöne Federschmuck nur für eine kurze Frist während der Brutzeit erscheine, aber es ist erwiesen, daß das vollständige Gefieder während des ganzen Jahres behalten wird, mit Ausnahme einer kurzen Zeit der Mauser, wie bei den meisten anderen Vögeln." Ueber das Freileben des großen Paradiesvogels ist wenig bekannt. Hauptsächlich kommt er auf den Arninseln vor, wird aber nicht, wie oft angegeben, in Neu-Guinea gefunden, wenig- stens hat man ihn dort noch nicht beobachtet, obwohl es sehr leicht möglich wäre, daß er auch im südlichen Theile dieses Landes, von welchem Aru abgetrennt worden, vorkommt. Auf den Aru- inseln kommt er in größerer Anzahl vor und lebt in mehr oder minder zahlreichen Flügen zusammen. Die Stimme ist laut und schrill und klingt wie:„Wawk— wawk— wawk— wok— wok— wok!" Ueber die Art nnd Weise des Nestbaus hat man nichts Bestinimtes erfahren können, und ein Ei hat bis jetzt noch kein Eingeborener gesehen� Selbst die von einem holländischen Beamten ausgesetzte hohe Belohnung für ein Ei von diesem Vogel blieb ohne jeden Erfolg. Im Btai prangen die Vögel im schönsten Federschmuck. Alsdann versammeln sich die Männchen auf den Waldbäumen, um ihre Spiele anfzufiihren und die Farben ihres Kleides im Sonnenglanze spiegeln zu lassen. Bei diesen Spielen lassen sie sich sehr leicht beschleichen, so daß der Ein- geborene sie hier mit leichter Mühe erlegen kann. Er schießt mit seinem Bogen und dem in einen runden Kopf endenden Pfeile einen nach dem andern vom Baume, ohne daß die übrigen davonfliegen. Der kleine Paradiesvogel ist von geringerer Größe und unter- scheidet sich von dem ersten auch noch durch seine Färbung, ob- wohl diese kaum minder prächtig zu nennen ist. Der Grundton des Körpers ist etwas Heller, auch vermißt man den schwarz- violetten Brnstfleck. Der Oberkörper zeigt eine abweichende Zeich- nung, indem das Gelb sich weiter ausdehnt. Das Seitengesieder ist niatter, an den Spitzen fast ganz weiß. Er ist in ganz Neu- Guinea zu finden, außerdem noch auf den Inseln Misole, Sal- vatti, Jobiä, Biak und Sook. Sonst ist er seinem größer» Vetter nah verwandt, nur zeichnen sich die Weibchen vor denen des großen Paradiesvogels vortheilhaft durch die weiße Färbung au der untern Seite des Körpers aus. Die Paradiesvögel sind, wenn man den Ausdruck von diesen „ätherischen" Vögeln gebrauchen darf, Allesfresser. Sie nehmen sowohl mit Früchten als mit Insekten fürlieb. Namentlich lieben sie die kleinen Feigen, die sie förmlich ausschälen, verschmähen jedoch auch Weinbeeren, Birnen, Fliederbeeren und selbst die gelben Möhren nicht. Auch Heuschrecken, Schaben, ja selbst Raupen fressen sie gern. Außerdem werden sie in der Gefangenschaft mit Ameisenpuppen, Mehlwürmern, Eigelb, eingeweichter Semmel zc. gefuttert und scheinen sich hierbei vortrefflich wohl zu befinden.*) So wäre es denn der Wissenschaft gelungen, wieder ein Wunder der Natur aufzuklären, das Jahrhunderte hindurch die Welt mit Staunen erfüllt. Aus den fußlosen ätherischen Vögeln, die als Boten einer andern Welt im weiten Himmelsraume schweben und von Blüthenduft nnd Thau leben sollten, haben sich ganz gewöhnliche krähenartige„Allesfresser" entpuppt, die freilich durch ihr schönes wallendes Federkleid unsere Bewunderung erregen. Vielleicht gelingt es in nicht zu ferner Zeit, die Vögel bei uns als Stubenvögel heimisch zu machen, da sie, wie die bis jetzt gemachten Erfahrungen vermuthen lassen, ziemlich Widerstands- fähig sind und der frischen Luft und Bewegung mehr bedürfen als der Hitze. Und vielleicht gibt eine verständnißvolle Zucht eher über die noch unbekannten Lebeuspunkte Aufschluß, als es die Berichte der Reisenden vermögen. Nr il �er�''"Gliederte Welt" von Dr. K. Ruß, Jahrgang 1875, S a n t o II. Episode ans dem Jahre 1792. Frei nach dem Französischen von D... P... (Fortsetzung.) AlS der Gefangenwärter die Abendkost brachte, verlangte Friedrich einen Stuhl, eine Lampe und Schreibmaterial; aber der Wärter achtete nicht auf seine Worte und stellte schweigend rinen Krug mit Wasser und ein Stück Brot in einen Winkel des Kerkers. Friedrich erinnerte sich, daß er noch einige Goldstücke bei sich haben müsse und bot sie dem Manne an. Dieser aber nannte ihn einen aristokratischen Schurken, stieß die dargebotene Hand rauh Zurück und entfernte sich mit einem derben Fluch auf den Lippen. Der Gefangene blickte traurig zu seiner Blume empor, die er nicht Zu schützen vermochte; da erglänzte sie plötzlich im matten Schimmer des letzten Sonnenstrahles; aber rasch erstarb dieser und die Nacht brach herein. Friedrich warf sich ans das Strohlager und vcr- suchte zn schlafen. Aber ein banges Stöhnen erklang durch den Kerker, wie leise Klagen einer trostlosen Seele; ein dumpfes, regelmäßiges Rollen folgte und beides vereinigte sich zu einer düsteren Harmonie, vor welcher die Seele des Gefangenen in Entsetzen erstarrte. Er wußte nicht, wie er sich diese Töne er- klären sollte; er horchte aufmerksamer; das Rollen wurde stärker und bald erkannte er, daß es ein Gewitter sei, dessen Wüthen als eintöniges Klagen in seinem Kerker verhallte. 200 Er zitterte für seine Blume, versuchte nicht mehr zu schlafe» und erwartete, auf dem feuchten Stroh sitzend, mit unsäglicher Angst den ersten Tagesschein. Endlich drang ein schwacher Schimmer in den Kerker, und Friedrich stieg einen Freudenschrei aus. Seine Blume senkte zwar matt das Köpfchen, ihrem goldigen Kelche fehlten einige Blätter, aber sie war nicht geknickt und zu seinen Fügen fand er auch die Blättchen wieder, die der Sturm ihr entrisien hatte. Jetzt erschien auch der Schließer, begrüßte den Gesangenen mit dem Namen„Bürger" und brachte ihm Alles, was er am Abend vorher verlangt hatte. „Welche Zeit ist es?" fragte Friedrich. „Das fragen sie Alle," antwortete der Mann mit rauhem Ton.— „Es ist 10 Uhr." „Was giebt es ilteucS?" „Bor der Hand noch nichts— aber haben Sie nur Geduld." Diese Worte durchzuckten Friedrich'« Herz mit trüber Ahnung; unwillkürlich sah er nach seiner Blume, sie hatte sich völlig wieder aufgerichtet. „Sind neue Verhaftungen vorgenommen?" „O! man weiß nicht inehr, wo man die Menschen Alle unterbringen soll, aber nur Geduld!" Friedrich erbebte von Neuem. „Ohne Zweifel werden wir bald verhört werden," fragte er. „Ja, damit man Euch auch freispricht wie den Verräther Montmorin, nicht wahr? Die Richter sind von den Royalisten bestochen und die Aristokraten dort oben schreien ganz ungescheut, daß die Preußen kommen und sie befreien werden. Ja schreit nur!— bis dahin kann noch viel Wasier durch den Pont-ncuf fließen." „Oder auch Blut," dachte Friedrich. „Sie tanzen und jubeln dort oben— aber habt nur Geduld," sagte der Schließer nochmals, indem er die Thür öffnete, um sich zu entferne». Man gewährt dem zum Tode Verdammten Alles, was er begehrt, dachte Friedrich— wohlan, so will ich denn zum letzten Male zu Marien sprechen und dann an Danton schreiben: ich will gern sterben, da sie nicht mehr leben darf, aber Einer wenigstens soll wissen, daß-ich kein Vcrräthcr war.— Er schrieb seine beiden Briefe, und als der Schließer zur gewohnten Zeit kam, übergab er ihm dieselben zur Besorgung. „Die Bürgerin Marie ist nicht mehr da," sagte der Schließer, nachdem er die Aufschrift gelesen. „Wie? ist sie schon vcrurtheilt?" „Nicht, daß ich wüßte, Bürger Danton hat sie abführen laffen, weiter kann ich nichts sagen." „Ich muß Danton sprechen, lassen Sie nur den Brief." „Schon gut, wenn er kommt, soll eS ihm gesagt werden." „Aber ich muß ihn noch heute, gleich jetzt sprechen." „Was da, glauben Sie denn, daß Danton nichts weiter zu thun hat, als an Sie zu denken? Er ist in der Eomniune und wird schon kommen, haben Sie keine Angst.— Sehen Sie, es geht gar lebhast zu in Paris— denn die Preußen sind in Verdun— aber nur Geduld.. „Tie Preußen sind in Verdun?..." schrie Friedrich ans. „Und ich bin hier gefangen! O, dort, in Verdun wäre mein Platz." „In Verdun?..." sagte der Schließer, einen Schritt zurück- weichend.„Man hatte mir doch gesagt, daß Sie ein guter Sansculotte wären." „Wer hat Dir dies gesagt?" „Jemand, der sich nicht vor Ihnen fürchtet... nun, er kann sich auch täusche», wie ich sehe." „Nein, mein Freund," sprach Friedrich.„Er hat sich nicht getäuscht. Ja, ich möchte in Verdun sein, aber um für mein Vaterland zu kämpfen." „Das lasse ich gelten!" erwiderte der Schließer und drückte mit seiner schwieligen Hand die Rechte des jungen Mannes.— Topp, schlagen Sie ein, vielleicht marschiren wir zusammen."! „Wirst Du denn auch ausrücken?" „Das Vaterland ist in Gefahr," sprach der Alte langsam und feierlich, und in diesem Augenblicke erschieü der häßliche, griesgrämige Alte fast schön durch die Begeisterung, die auv seinen Augen strahlte; und als er seine Schlüssel gleich einer Waffe schwang, fühlte man, daß dieser Arm den Feinden des Vaterlandes noch furchtbar werden könnte. Friedrich wurde von seiner Begeisterung angesteckt.„Nein!" rief er,„die Feinde werden nicht in Paris einziehen und sollten wir Alle bis auf den letzten Mann fallen... aber was sage ich? Ich bin ja gefangen— und warum kann ich nicht mit Euch ziehen?" „Wir sind noch nicht fort," sagte der Schließer mit einem schlauen Lächeln.„Es giebt noch etwas in Paris zu thun, ehe i wir fort können". ./Nock etwas zu thun? Was wäre das?" frug Friedrich von banger Ahnung erfaßt.„Das darf ich noch nicht sagen; aber � nur Geduld," sagte der Alte, indem er die schwere Thür in's Schloß warf. Friedrich warf seine Briefe in einen Winkel und begrub den Kopf in seine Hände; ein ungeheurer Schmerz ergriff seine Seele! und verzweifelnd rief er ans:„O Marie, Marie! wo bist Du, was haben sie Dir gethan?" Sein Blick irrte wieder zu der kleinen Pflanze empor; neue. Knospen hatten sich erschlossen, und eine leise Hoffnung schlich! sich in sein Herz; aber die Nacht brach herein, und mit ihr kehrten all' seine trüben Ahnungen, seine schmerzlichen Gedanken zurück.! Er warf sich auf sein Lager, aber die Erregung, die Angst um � die Geliebte, die Schlaflosigkeit der letzten Nacht— Alles dies i vereinigte sich, ihn in einen fieberhaften Zustand zu versetzen,- durch welchen die zwei schmerzlichen Eindrücke, die er zuletzt empfangen, sich verschmolzen und verwirrten.„Marie, Marie! wo bist Du?" rief er unaufhörlich und warf sich verzweifelnd zu! Boden, um im nächsten Augenblicke mit den Worten:„Die Preußen sind in Verdun— zu den Waffen, zu den Waffen!" aufzuspringen und im Stnnnschritt seine enge Zelle zu durchlaufen! (Schluß folgt.) Wer seid aber Ihr? Ihr habt gedonnert hinaus in die Welt Im achtundvierziger Jahre Der Freiheit Sänge— sie sind zerschellt Lebendige Leichen zur Bahre! Wenn überall die Fahne weht Für Gleichheit, Bölkerbefreiung, Da braucht der lallende Poet Nicht erst der Musen Weihung. Sein schlechtster Vers wird zum Gesang- lind ras't und donnert in's Weite: Trinmphgeheul und holder Empfang Im Kittel, in Sammet und Seide. Der Rausch verrauscht— die Reaktion Erhebt die schwarzen Schwingen; Jetzt gilt's, du Dichter, du Musensohn, Der Freiheit Hymnen zu singen. Ihr schweigt. Tie.Gartenlaube" ruft, Ihr singt ihr sonder Gleichen, Ja, eure Lieder riechen wie Duft Reaktionärer Leichen. Kur« Moot. Die Proklamirung der Commune(s. d. Bild) erfolgte Freitag den 31. März 1871 auf dein Platz des Hotel de Ville(Stadthaus), nachdem am 23. März von 490,000 Wählern 277,000, also die große Mehrheit der Gesammtbcvölkernng von Paris, für die Commune ge- stimmt hatten. Unser Bild zeigt uns den Borüberinarsch der National- garde. Bor dem Stadthaus— auf der fahnengeschmückten Estrade! (Erhöhung)— befinden sich die 80 Erwählten des Volks; der Maniff mit erhobenem Arm vorn an der Brüstung ist Beslay, der Alters' Präsident der Commune, welcher zur Menge spricht.„Das Schau-! ! spiel war wahrhast großartig, und wohl geeignet, die� i tiefste Wirkung hervorzubringen," sagt ein nicht sozinüstischer! Augenzeuge— Mac Vernoll— in der Pariser„Monde Jlluströ" � !„Jllustrirten Welt"— vom 8. April 1871. Berantwortlichn Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig. — Druck und Verlag der GenossenschastSbuchdruckerci in Leipzig.