Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig Zu bezichen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Goldene inid eiserne Letten. Erzählung aus schweren Tagen von C. Lübeck. (Fortsetzung.) Aber es war Verner nicht entgangen, daß Beide matter und kränklicher als gewöhnlich aussahen. Kam daS von der ver- doppelten Thätigkeit, wie Marie sagte? Waren»och andere Ursachen mit ihm Spiele? Warum war Marie hinausgegangen, als er von seiner Begegnung mit Blumenthal sprach, und zeigten ihre Augen nicht Spuren von Thränen, als sie wieder in's Zimmer trat? Sollte Blumenthal denn immer noch in ihrem Herzen leben?— So mancherlei Gedanken waren ihm bei diesen Fragen, die sich ihm aufdrängten, durch den Kopf geschosien. Vielleicht gab es doch noch ein glückliches Ende,— vielleicht! Noch hatte Blumenthal nichts gethan, um eS herbeizuführen, und wenn er nichts that, wenn die Dinge in bisheriger Weise ihre furchtbare Entwicklung nahmen, was konnte anders herauskommen als die Wiederkehr des Pfarrers!— Das sollte nimmer ge- schehen, so hatte er es sich im Stillen gelobt,— aber wie helfen?— Soviel er früher von seinem Hungerlohn noch entwehren konnte, hatte er Frau Köhler gegeben, allein jetzt war er selbst abgebrannt wie eine Kirchenmaus, und die Ueberzeugung, wcht helfen zu können, wo Hülfe mehr denn je nothwendig erschien, verstimmte ihn und trübte heute seine Mußestunde. hatte gleich nach seinem Besuche im Köhler'schen Hause Blumenthal aufgesucht, diesen aber nur flüchtig sprechen können, da er stark beschäftigt war. Bluinenthal hatte ihm beiläufig seinen Bemühungen erzählt, um den alten Waldvcrtrag wieber aufzufinden, und dann war er mit dem Versprechen fort- geeilt, noch vor Schluß der Woche nach Schönenberg zu kommen. Blumenthal's Hülfe für die Köhler'sche Familie anzurufen, das verbot ihm wieder ein gewisses Zartgefühl— aber Noth kennt 'ein Gebot, er wollte doch mit ihm sprechen. Auf alle Fälle nahm sich Bern er vor, dem Landrath einen Besuch zu machen und ihm die furchtbare Nothlage, in der sich die Gemeinde be- fand, zu schildern. Vielleicht ließ sich die Regierung doch zu wgendeiner Hülfe herbei. Sehr ermuthigt fühlte er sich von wsem Entschlüsse nicht, doch wollte er der Sache wegen den Weg U'cht scheuen, wenn ihm auch selbst der Erfolg mehr als Zweifel- �ft erschien. Jetzt kamen mehrere Weber und Spinner aus der Stadt zurück. Sie hatten am Morgen Arbeit auf den Markt gebracht. Stumm näherten sie sich, die Köpfe gesenkt, die alten Schatten der Sorge in den abgehärmten Gesichtern. „Wie sie heranschleichen, die Armen," murmelte Berner seuf- zend.„Was werden sie anders heimbringen als neue Ent- täuschungen?" Die Männer hielten vor seiner Thür und er trat zu ihnen. „Nichts Gutes, wie immer?!" sagte er, ihnen die Hände schüttelnd. „Nichts Gutes!" antworteten sie Alle. „Kostet jetzt das Pfund Flachs 2 Silbcrgrofchen 6 Pfennige," sagte ein Spinner.„Gibt zwei Strähn davon— wenn's nicht zu stark gesponnen ist, und der Strähn kommt sonst auf 2 Silber- groschen li Pfennige, Arbeitslohn also 1 Silbergroschen 3 Pfennige. Ist das nicht eine Schande, wenn man Einem von diesem Ver- dienste auch noch etwas abzwacken will! Fünf Strähn werden in der Woche fertig— macht 7 Silbergroschen ß Pfennige! Davon die Kinder ernähren und die Steuern zahlen— man möchte in's Wasser gehen, wenn man nur an daS Elend denkt." „Die Axt sollte man nehmen und so einem Schurken den Schädel einschlagen!" rief ein Weber.„Hatte das Garn zu meiner Webe vom selben Kaufmann genommen, dem ich sie zum Kauf brachte. Fährt mich der Buchhalter an:„„Was ist das wieder für Arbeit! Da hat man natürlich das schlechteste Garn genommen, das aufzutreiben war. Da sehen Sie her: starkes und schwächeres Garn— es sind ungleiche Garne zusammen- geweift!""— O diese Betrüger! Wenn man sie kauft, haben die Strähne nicht die gehörige Anzahl Fäden und die Fäden nicht die gehörige Länge, und später wird man noch einmal betrogen, dann ist das Garn schlecht und ungleich, das man als gut gekauft hat. Erdrosseln hätte ich diesen Menschen können." „Mir hat er zwei Pfennige von jedem Strähn abgezogen," sagte der Spinner finster. „Mir haben sie auch etwas abgezogen," sagte ein Anderer. „Mir auch!— Mir auch!" erscholl es von allen Seiten. 17' 3 Ulli la?#, „Ich wollte Flachs kaufen," erzählte jetzt ein anderer Spinner, „und verlangte, daß man die Kloben wiegen sollte; neulich stimnite das Gewicht nicht. Aber da kam ich schön an, da schnaubte er mich an:„„Wissen Sie nicht, was im Gesetze steht? Der Flachs soll nicht nach Gewicht, sonder» nach Kloben verkauft werden!"" Die Gauner! Von den Bauern kaufen sie nach Gewicht und wir sollen ihre betrügerische Waare auf Treu und Glauben hin- nehmen/ Und so fest gebunden, sagte ich wieder, sind die Kloben, daß man nicht nachsehen kann, was im Innern ist, das soll doch nicht sein. Dann solle ich mich zum Teufel scheeren, schrie er mich an. Ich bin gegangen, habe aber zuletzt doch Schund nehmen müssen; der beste Flachs geht in die Spinnfabriken und wir bekommen Schund, den wir bezahlen müssen wie früher die beste Waare." „Es ist die alte Geschichte," sagte Berner,„die schon Micha erzählt. Sie schinden dem Volke die Haut ab und das Fleisch von den Beinen und fressen es. Die Beine zerbrechen sie und stecken sie in den Topf und das Fleisch in den Kessel." „Und Gott schweigt wie früher," rief ein alter Weber voll Bitterkeit. „Es wird nicht besser, Freunde, wenn wir auf Gottes Hülse hoffen," antwortete Berner.„Nur wenn die Menschen selbst sich Hülfe schasse»— kann's besser werden. Nie hat ein Gott den Menschen geholfen— lest nur die Bibel, lest sie nur! Blutige Thränen der Armen sind fast auf jedes Blatt der biblischen Ge- schichte gefallen, nirgends aber zeigt sich ein göttliches Straf- gericht." „Man spricht davon, der König werde kommen," sagte ein Weber.„Wenn er nur käme, er soll ja ein guter Herr sein. Gewiß wird er bei unsrer Roth, wenn er sie sieht, sich unsrer erbarmen." „Sie rühmen alle seine Weisheit und Güte," bemerkte ein Anderer. „Was hat er bisher gethan?" wandte Berner achselzuckend ein.„Was weiß der von unsrer Roth!" „Aber wenn er das Elend sehen wird, dann muß es besser werden; das kann ja einen Stein erweichen!" hieß es von allen Seiten. Jetzt kamen einige Frauen aus dem Dorfe ihren Männern entgegen. Ein ergreifendes Wiedersehen. Fragende Blicke und seufzendes Schweigen als Antwort! Dann zogen sie weiter in's Dorf, um das alte Joch von neuem auf den müden, schmerzenden Nacken zu nehmen. Mit einem Händedrucke hatten sie von Berner Abschied ge- nommen, und einem Jeden hatte er noch ein Wort des Trostes zugerufen. „Wie lange wird mein Trost noch ausreichen," murmelte er, als sie fort waren.„Die Stunde kommt, in der ein Nazarencr selbst vergeblich trösten würde. Sie kommt, sie kommt,— und bann wird Zion wie ein Feld gepflügt nud Jerusalem zum Stein- Haufen werden."— Den Park verließ jetzt ein junges Mädchen, eine schön ge- wachsene schlanke Gestalt in reichem Anzüge von dunkler Färbung. Sie trug den Kopf, welchen lange Locken umwallten, entblößt, ein Sammetband, das ihn umschlang und eine goldene Nadel trug, hielt die Haare von der Stirn zurück. „Fräulein von Rabenberg," murmelte Berner aufstehend,„sie kommt zu mir." Er ging an die Gartcnthür und öffnete sie; im nächsten Augenblick stand das Mädchen vor ihm und grüßte ihn mit freundlichem Kopfnicken.— Alles ist zart und weich in diesem Gesichte und ein seltsam schwermüthiger Hauch ist darüber gebreitet, der selbst die Rosen der Jugend, welche ihre Wangen schmücke», berührt hat. Unter der sanft sich wölbenden Stirn blicken träumerisch dunkelblaue Augen hervor, die von langen Wimpern beschattet werde» und ihren eigenthümlichen Ausdruck noch schärfer hervortreten lassen. Man fühlt sich seltsam von diesen Augen angezogen; ein schmerz- liches Geheimniß liest man darin und wird ganz unwillkürlich von einer gewissen Zuneigung zu diesem Mädchen erfaßt, noch ehe man es näher kennen gelernt. So war es einst auch Blumenthal ergangen, als sie ihm zum erstenmal entgegentrat. All' sein Denken und Handeln, sein ganzes Leben gipfelte nur noch in der leidenschaftlichen Verehrung dieses Mädchens, das bald kindlich heiter zu plaudern wußte, bald wieder tiefe Schwermuth athmete und ihn anzuflehen schien, ihr Ritter, ihr Retter zu sein. Acht- zehn Jahre zählte sie damals, heute steht sie auf der Schwelle der Zwanzig, aber mehr in schwermüthiger, als in heiterer Rich- tung hat sich seitdem ihr Wesen verändert. „Nur ein paar Worte, Herr Berner," sagte sie mit wohl- klingender Stimme;„ich darf wohl in die Laube treten? Der schnelle Gang hat mich etwas erschöpft." Ohne seine Antwort abzuwarten, trat sie in den Garten und ging in die Laube; Berner folgte ihr. „Sie sehen sehr angegriffen aus, Fräulein von Rabenbcrg," sagte Berner,„fast scheint es, als hätte der Schlummer Ihr Lager geflohen." „Eine traurige Nacht liegt hinter mir," antwortete sie seuf- zend,—„aber nun ist der Kampf vorUber und muthig werde ich den Kelch lehren, den mir die Vorsehung reicht." „Und doch ist der Klang Ihrer Stimme zitternd, Fräulein von Rabenberg!" „Es ist der Nachklang meines Ringens, Herr Berner. Wir Menschen können uns ja so schwer in ein Schicksal finden, das uns hart erscheint." „Ist es etwa gerecht, zeigt sich darin göttliche Liebe?" ant- wortete Berner.„Was hart und unnatürlich ist, das muß man nie als leicht und natürlich bezeichnen. Seien wir nicht kirch- licher als die Kirche, die von schweren Prüfungen spricht, welche der Mensch erdulden muß, um geläutert und gereinigt in Gottes Reich seineu Einzug zu halten, wenn sie ein Unrecht, eine Ungeheuerlichkeit bemänteln will." „Rauben Sie mir die einzige Stütze nicht, die mir in der Roth noch bleibt," sagte sie schmerzlich.„Könnte ich denn die Last, welche Gott auf meine Schultern gehäuft, ertragen, könnte ich ohne die Stütze der Religion, ohne das Pflichtbewußtsein mich aufrecht erhalten? Und Millionen Menschen fühlen sich glücklich im Besitze dieser Stütze! Ich glaube, sie müßten, wie ich, verzweifeln, wenn sie sie nicht besäßen." „Kein Gott hat die Pflicht, von der Sie sprechen, auf Ihre Schultern gelegt," antwortete Berner.„Die Verhältnisse haben es gethan, und wenn der Pfarrer noch tausendmal Ihnen sagt, daß es Gottes Wille sei, den Wünschen des Vaters sich zu fügen, so erkläre ich das wiederholt als eine Unwahrheit." „Aber, Herr Berner..." „Vergeben Sie mir, Fräulein von Rabenberg," lenkte er ein, „ich bin es nun einmal gewöhnt, rücksichtslos die Wahrheit zu sagen, und Sie haben sie ja stets von mir gefordert. Geben Sie auf die religiöse Stütze nichts, ohne sie trägt man nur so viel, als die Kraft vermag, mit ihr aber schleppt man auch noch alle die Lasten mit sich fort, die Andere zu tragen hätten, und nun ganz gemächlich gepäckfrei neben uns hertraben." „Sie thun meinem Bater Unrecht, Herr Berner," sagte Fräu- lein von Rabenberg. „Ich hatte nicht speziell ihn im Auge, doch gehört er mit in die große Klasse, die ich soeben gezeichnet. Er verlangt von Ihnen ein Opfer und bleibt unempfindlich gegen Ihre Schmerzen. Er srägt nicht darnach, ob Sie unglücklich werden,— und, Fräulein von Rabenberg, hat nicht ein Vater die gleichen, wenn nicht noch größere Pflichten gegen sein Kind zu erfüllen?" Sie verhüllte einen Augenblick das Gesicht mit den Händen, dann sagte sie hastig:„Lassen wir Alles ruhen, Herr Berner. Einen Abgrund erschließen Ihre Worte vor meinen Augen. Helfen Sie mir, helfen Sie mir, das Unvermeidliche leichter zu tragen." „Vom Rande dieses Abgrunds wollte ich Sie zurückziehen, Fräulein von Rabenberg," entgegnete er mit Wärme.„Werfen Sie die religiöse Stütze fort, mit der Sie direkt in den Abgrund gerathen, und envägen Sie wohl, ob das Opfer, daS man von Ihnen verlangt, nothwendig gebracht werden muß. Ueberlegen 223 Sie es nach allen Richtunzen hin und dann handeln Sie. Der Weg, den die ruhige Erkcuntniß weist, kann nur der des Glückes sein." „Es ist zu spät! Es ist zu spät!" murmelte sie, sich erhebend. „Ich habe den Kelch auf mich genommen, Herr Berner," sagte sie laut,„erschweren Sie es mir nicht, ihn zu leeren. Ich weiß wohl, Sie meinen es von Herzen gut mit mir— doch vergesse» Sie das Eine nicht, es gibt für mich jetzt kein lleberlegen, kein Schwanken mehr, ich habe meinem Vater versprochen, den Ehe- vertrag zu unterzeichnen, und damit ist die Brücke abgebrochen." Berner seufzte.„Ich hätte Sic gern glücklich gesehen, Fräulein von Rabenberg," erwiderte er. „Und nun, Herr Berner, zum eigentlichen Zweck meines Kom- mens," sagte sie mit gesenkten Blicken, ohne ihm zu antworten; „Herrn Blumenthal droht Gefahr— heimlich stahl ich mich fort und eilte zu Ihnen..." „Was gibt es wieder?" fragte Berner aufhorchend. „Graf Hugo war Vormittags bei uns. Er brachte das Ge- spräch auf ihn und sagte: einige Tage nur noch, dann würde man von dem zudringlichen Bettler befreit sei», und ließe er sich so nicht entfernen, dann wüßte man schon Mittel, ihn unschädlich zu machen." „Vielleicht den Meuchelmord," sagte Berner finster. „O warnen Sie ihn, warnen Sie ihn, Herr Berner!" bat sie. „Ich werde es thun, Fräulein von Rabenberg. Blumenthal wird Ihnen Dank wissen." „Er darf es nie erfahren, daß ich es bin, von der diese War- nung ausgeht. Die alten Erinnerungen dürfen nie wieder wach- gerufen werden. Und nun lassen Sie mich scheiden. Ich werde wachsam sein und Ihnen Alles mittheileu, was ich irgend erfahre." Sie reichte ihm die Hand und eiligen Schritts verließ sie die Laube. Bald hatte der Park sie wieder aufgenommen.— Berner blickte ihr nach, bis sie verschwunden war. „Sie will wachsam sein!" murmelteer.„Wie die Natur trotz aller religiösen Dämme doch ihren Weg zum Herzen findet! Und Millionen Menschen, sagte sie. werden glücklich bei dieser reli- giösen Stütze. O dieser Pfasfentrug! Systematisch ersticken sie die natiirliche Widerstandskraft der Menschen und ersetzen sie durch künstliche Uncmpsindlichkeit. Wie sie dahinkeuchen, diese Glücklichen— die Gesichter verzerrt— den Todcsschweiß auf der kalten Stirn! � Und wenn die Natur zuletzt bei den un- natürlich Belasteten und Gedrückten doch ihr Recht erobert— dann schlage» sie die Menschen in Keilen und drücken auf ihre Stirn das Brandmal des Gottes- und Gesellschaftsfrevels. Aber die Zeit kommt, ihr Staatsweisen, in der das Brandmal zum Ehrenzeichen wird, und in der nicht die Rebellen, sondern die Unterdrücker in die Kerker wandern!" (Fortsetzung folgt.) Land und Leute in der Union. Für die„Neue Welt" von A. Douai. (Fortsetzung.) Die Franzosen in Kanada, soweit sie nicht durch Blntmischung mit Indianern die rohesten aller Wilden geworden sind, haben nie eine Spur geistigen Lebens verrathen, selbst ihre reichen Grund- besitzcr(Seigneurs) nicht. Daß die Dänen in Grönland es nicht konnte», leuchtet ein, aber auch in Westindien haben sie nichts geleistet. Von de» als Sklaven hierher verpflanzten Negern läßt sich Besseres sagen; allein diese kamen aus einem sehr kultur- feindlichen Klima in ein besseres. Die Holländer haben es in Nord-, Mittel- und Südamerika versucht und sind, obwohl sie aus den, damals höchstgebildeten Lande Europa's kamen, hier verbauert und verschollen, oder aber entnationalisirt worden, und dasselbe gilt von den Schweden. Daß die Russen, zumal in Alaska, es zu nichts bringen konnten, ist selbstverständlich. Das keltische Element, vertreten in den zahlreichen Jrländern und selbst de» viel höher stehenden Welschen und Hochschotten, kommt wegen seines raschen Verschwindcns im Angelsachsenthum nicht in Bc- tracht. Es bleiben also nur die Deutschen und die Angelsachsen Zur Betrachtung übrig, welche ohnehin verhältnißmäßig die zahl- reichste Bevölkerung bilden. Von der älteren deutschen Einwanderung nach Pennsylvanien und Newyork(die nach Georgien ist spurlos verschwunden) sind fünf bis sechs Millionen vorhanden, von denen aber blos etwa anderthalb Millionen dicht im östlichen Pennsylvanien beisammen Wohnende die mitgebrachte pfälzische Mundart, wie sie vor etwa Iahren war, mehr oder weniger mit Englisch gespickt, reden. Diese haben allzeit das Lob fleißiger und tüchtiger Bauern ge- habt, aber nie ein geistiges Lebenszeichen gegeben. Diejenigen, Welche nur noch Englisch reden, haben manche tüchtige Menschen hervorgebracht, zählen hier aber nicht mit. Die neuere Ein- Wanderung seit 1834 besteht sammt ihren Nachkommen aus nahezu fünf Millionen, von denen aber wohl eine Halste das Deutsche u»r»och dürftig versteht, nicht mehr spricht, und Alle, außer r jedesmal eingewanderten Generation, es im nächsten Glccde sianz gegen das Englische vertauscht haben werden. Daß grade j Deutschen mit„affenartiger Geschwindigkeit" ihre schöne Mutter- fprache verlernen, ist nichts Neues; sie haben es in der Fremde f�ck Jahrtausenden immer so gemacht, weil ihre Sprache schwerer auszusprechen und schwerer richtig zu handhaben ist als andere, und weil sie, mit der kurzen Ausnahme der Hoheustaufenzeit, nie eine Nation gewesen sind. Zwanzig Jahre laug hat eine kleine Anzahl vernünftiger Deutscher hier daS Uebel des Untergangs ihrer Sprache mit großem Kraftaufwande bekämpft, und der Verfasser mit ihnen; und seit dem Beginn der„neuen Acra" und der bismarck-dcutschen Nation hofften sie wirklich auf Erfolg trotz allen Spottes der Pessimisten. Allein die deutsche Nation muß »och nicht die rechte sein; denn die Entdeutschung bleibt sich gleich. So schlimm aber und für den deutsch Denkenden schmerzlich dies ist, so ist eS noch nicht das Schlimmste, das man von den hiesigen Deutschen sagen kann. Schlimmer ist, daß ihre zweite Generation, und vollends die dritte, nicht mehr an der Kultur- bewegung selbstthätig theilnimmt, wenigstens keine Beweise davon gibt, welche für sich selbst sprächen. Wieviele Kinder und Kindes- kinder hochgebildeter, verdienstvoller deutscher Einwanderer kennen wir, welche ihren Bätern yicht entfernt gleichen, sondern in die flachste Alltäglichkeit versunken sind! Ausgenommen hiervon sind die Wenigen, welche den besten Theil ihrer Erziehung in Deutsch- land erhalten haben. Die Uebrigen sind fast alle Schablonen- Menschen, was um so niederschlagender wirkt, weil die ecste Generation wirklich große Erfolge in allen Lebensgebieten, auch auf dem für Deutsche so fremden politischen, aufzuweisen hat. Unter diesen eingebornen Deutschen herrscht z. B. für die Arbeiter- bewegung nicht die geringste Theilnahme, natürlich immer mit ganz vereinzelten Ausnahmen; wohl aber viel Rückschritt in das Pfaffenthum, die politische„Drahtzieherei" und die wüste Roheit. Die Angelsachsen allein sind die Nation; aber sie sind grade in den besten Zügen sehr vom Engländerthume abgewichen, wäh- rend die schlimmeren desselben uillfoniehr hervorstechen. Erkennen wir zuvörderst an, daß sie eine größere, weil weiter verbreitete Durchschnittsbildung aufweisen, als jede andre Nation, und daß es auch an höchst tüchtigen Fachleuten unter ihnen nirgends fehlt; daß sie, in durchaus freiwilliger Weise, mehr für Schulen und Erziehung thun, als ganz Europa zusammen, und daß sie hin- sichtlich Erfindungen, Entdeckungen und einzelner Forschungszweige mit an der Spitze des Fortschritts stehen.(Schluß folgt.) 224 „Je suis enyoye par les nötres!" (Schluß.) Wir begaben uns in eine andere Straße, wenn ich nicht irre, in die Rue de l'Echiquier. An dein einen Ende derselben war eine ziemlich niedrige Barrikade zu sehen; ein Gauiin�) von zwölf Jahren sprang auf ihrem Kamme herum, riß alle möglichen Possen und fuchtelte mit seinem türkischen Säbel in der Luft herum. Ein dickleibiger Nationalgardist, furchtbar blaß, lief vor- bei, jeden Augenblick stolpernd und laut stöhnend— aus dem Aermel seines Militärrockes träufelte dunkelrothes Blut. Die Tragödie hatte begonnen— an ihrem Ernste war nicht mehr zu zweifeln, obschon kaum Jemand noch ahnte, welche Dimcn- sionen sie annehmen würde.— Ich hatte mich weder diesseits noch jenseits der Barrikaden zu schlagen und ging nach Hause. Hungrige Spatzen. Nach dem Bilde von Gustav Süs. Der ganze Tag verstrich in fürchterlicher Aufregung. Die Hitze war unerträglich, dabei eine Schwüle— ganz der Lage entsprechend. Ich verließ nicht den Boulevard des Italiens, auf dem sich cin buntes Menschengewühl drängte. Die unmöglichsten Gerüchte wurden verbreitet und immer auf's neue durch andere, womöglich noch phantastischere, verdrängt. Gegen Abend war Eines aber ganz sicher: fast die Hälfte von Paris befand sich in den Händen der Insurgenten. *) Sprich Gamäng, Gassenjunge; besonders Pariser Gassenjunge. Barrikaden tauchten überall auf, besonders am andern Ufer der Seine; die Truppen nahmen strategische Positionen ein: ein Kampf auf Leben und Tod war in Borbereitung. Am folgenden Tage war schon vom frühen Morgen das Aussehen der Boule- vards— überhaupt das Aeußere derjenigen Thcile von Paris, � die nicht von Insurgenten besetzt waren, wie durch Zauberei ver- ändert. Ein Befehl des kommandirenden Generals der Pariser Truppen, Cavaiznac's, untersagte allen Privatverkehr auf den Straßen; Nationalgardistcn, Pariser, sowie aus der Provinz, bc- I wachten, ans den Trottoirs aufgestellt, die noch bewohnten Häuser. Libcrtv(die Freiheit), Brunnenbüste von Gustave Courbet. in Nichts zerstieben würde; aber die£tual eines zu unwillkürlichem ��sstggang verurthcilten Ausländers war, wenn nicht noch schreck- » licher, so doch gewiß ermüdender als ihr Aerger und-ckhre Verzweiflung. Eine drückende Hitze— jedes Ausgehen unmöglich— durch » geöffneten Fenster ergießt sich ungehindert eine brennende Eluthwelle, die Sonne blendet, an eine Beschäftigung, an Lesen ■°der Schreiben ist nicht zu denken. Fünfmal, zehnmal in der Minute ertönen Kanonenschüsse, zuweilen eine Gewchrsalve, ein dumpfes Kampfgetöse.— Auf der Straße herrscht Todesstille; die glühenden Pflastersteine werden gelb, die Luft kocht in den Sonnenstrahlen— die Trottoirs entlang verstörte Gesichter der unbeweglich dastehenden Nationalgardisten— und keinen einzigen gewöhnten Lebenslant! Rund um inich herum ein weiter leerer Raum— und doch hat man das Gefühl von etwas Drückendem, wie in einem Gefängniß oder einem Grabe. Die regulären Truppen und die Mobilgarde waren im Kampfe. Ausländer, Frauen, Kinder, Alte und Kranke saßen zu Hause, wo alle Fenster, zur Verhütung eines Hinterhaltes, offen bleiben mußten; die Straßen waren wie ausgestorben. Nur selten eilte ein Postomnibus, oder die Kutsche eines Arztes vorbei, welche aber fortwährend von den Posten aufgehalten, und nur nach Vorzeigung von Passirscheinen durchgelassen wurden, oder mit schwerem Getöse rasselte ein Geschütz zum Kampfplatz, eine Abtheilung Soldaten durchzog die Straße, oder ein Adjutant, ein Courier sprengte vorüber. Es trat eine peinliche, qualvolle Zeit ein; wer eine solche nicht erlebte, der kann keine richtige Vorstellung davon haben. Den Franzosen war es begreiflicher- weist bange zu Muthe: sie konnten glauben, daß ihre Hauptstadt, daß ihr Vaterland, daß die ganze Gesellschaft nun zerstört und 226 Seit zwölf Uhr ein neues Schauspiel: Tragbahren mit Ver- mundeten und Todten erscheinen. Hier trägt man einen Mann mit ergrautem Haar und einem Gesicht, so weiß, wie daö Kissen, aus dem er liegt, das ist der tödtlich verwundete Deputirte Charbonnel— die Häupter werden stumm vor ihm entblößt,— allein er sieht dies Zeichen mitleidsvoller Verehrung nicht, seine Augen sind geschlossen.— Da geht ein Häuflein Gefangener, sie werden von Mobilgardisten geführt, diese sind noch ganz junge Burschen, fast Knaben; sie flößten zuerst wenig Vertrauen ein, aber sie schlugen sich wie die Löwen. Einige tragen auf den Bajonetten die blutigen Czakos ihrer gefallenen Kameraden— oder die Blumen, die ihnen aus den Fenstern von den Frauen zugeworfen wurden. „Vivo la republi i- ique!" rufen auf beiden Seiten des Boulevard die Nationalgarden, indem sie die letzte Silbe eigen- thümlich und traurig ausziehen.„Vivo in mobi— i- ile!"— Die Gefangenen gehen aneinandergedräugt wie die Schafe, ein ordnungs- loser Haufe, finstere Gesichter, viele in Lumpen, ohne Kopfbedeckung, einige mit gebundenen Händen. Die Kanonade, das schwere, eintönige Dröhnen, hörte indessen nicht auf. Gegen Abend ist von meinem Zimmer aus etwas Neues zu hören; zu dem Dröhnen gesellen sich schneidige, viel nähere und kurz andauernde Salven.„Das ist", sagt man mir, „das Erschießen der gefangenen Insurgenten in den Mairies(Bürgermeistereien)." Und so eine Stunde nach der andern, Stunde auf Stunde. Auch Nachts ist es nicht zum Schlafen. Versuche ich auf den Boulevard zu gehen oder bis zur nächsten Straße, um entweder etwas'zu erfahren oder mich ein wenig zu erfrischen,— so werde ich augehalten und befragt: wer und was ich bin, wo meine Wohnung ist und warum ich nicht im Dienstrock stecke? Hatte man nun erfahren, daß ich Ausländer war, so wurde ich arg- wöhnisch angesehen und barsch nach Hause geschickt. Einmal sogar wollte mich ein Nationalgardist aus der Provinz— das waren die allereifrizsten— durchaus verhaften, weil ich ein Morgenjaquet anhatte.„Sie haben den Rock angezogen, um sick bequemer mit den Insurgenten verständigen zu können(paotiser)!" schrie er mich, wie besessen, au.—„Wer weiß, Sie sind viel- leicht ein russischer Agent, und in ihren Taschen ist Geld, bestimmt, unsere Zwietracht anzufachen(pour fomenter nos troubles)!"— Ich bat ihn, meine Taschen zu durchsuchen... aber das ärgerte ihn noch mehr. Russisches Gold, russische Agenten haben damals, mit vielem anderem Unsinnigem*) und Ungeheuerlichem, das in den aufgeregten Geistern Platz gefunden, in allen Köpfen gespukt. Ich wiederhole: es war eine peinliche, qualvolle Zeit! Unter solchen Umständen vergingen volle drei Tage, der vierte (26. Juni) rückte heran. Die �Neuigkeiten vom Kampfplatz ge- langten ziemlich schnell zu uns, indem sie die Trottoirs entlang von Mund zu Mund liefen. So wußten wir z.. B. schon, daß das Pantheon genommen, daß das ganze linke Ufer der Seine in den Händen der Truppen war, daß General Brea von den Insurgenten**) erschossen worden, daß der Erzbischof Äffte ver- wundet und daß nur noch das Faubourg St. Autoine von Auf- ständischen besetzt sei.— Ich erinnere mich, wie wir die Pro- klamation von Cavaignac lasen, der zum letzten Mal an das patriotische Gefühl appellirte, das auch aus dem verstocktesten Herzen nicht verschwinde. Ein Courier, Husarenoffizier, sprang plötzlich quer über den Boulevard heran und schrie, indem er mit den Fingern seiner Rechten einen Kreis, groß wie ein Apfel, bildete:„Mit solchen Kugeln schießen sie auf uns!" In dem Hause, wo ich wohnte, auch in derselben Etage, lebte der deutsche Dichter G., mit dem ich bekannt war; ich be- suchte ihn oft, um doch einige Beruhigung zu finden, das eigne *) Trotzdem steht es fest, daß russische sowohl wie bonapartistische Agenten während der Junischlacht thätig waren. Red. d. N. W- »♦) Brea wurde notorisch von bonapartistischen Agenten getödtet; die Prozeßverhandliingen haben dies festgestellt; die»kugel, welche den Erzbischof Äffte traf, kam erwiesenermaßen nicht von Seite» der Jnsur- genten. Red. d. R. W. Ich ein wenig zu vergessen, die drückende Qual des Nichtsthuns und der Einsamkeit zu betäuben. Und so saß ich auch am Morgen des 26. Juni bei ihm. Er hatte soeben geftühstückt, als der Gar�on plötzlich und mit aufgeregtem Gesicht hereintrat. „Was gibt's?" „Monsieur G., ein Blusenmann fragt nach Ihnen!" „Ein Blusenmann? Was für ein Blusenmann?!" „Ein Mann in einer Bluse, ein Arbeiter, ein Graukopf fragt; nach dem Bürger G. Befehlen, ihn hereinzulassen?" G. und ich sahen uns verwundert an.„Lassen Sie ihn herein," meinte er endlich. Der Garzau ging, vor sich hinbrummend:„Ein Mann in einer Bluse...!" Er war ganz erschreckt. Ach, und vor wenigen Monaten erst, im Rausch der Februarrevolution, hatte die Bluse als das niodernste, anständigste und sicherste Kostüm gegolten! Wie lange war es her, daß ich selber, in einer Gratisvorstellnug, die im Theatre Fran�ais für das Volk gegeben wurde, mit eigenen Augen eine Menge der ausgesuchtesten Modcmenschen, der sogenann- ten Beau-monde(schönen, vornehmen Welt) sah, die in weißen und blauen Blusen steckte», aus denen so eigcnthümlich ihre ge- stärkten Kragen und Jabots hervorragten? Aber mit den Zeiten wechseln auch die Sitten; zur Zeit der Iunischlacht wurde die Bluse zu einem Kainszeichen, erregte sie die Gefühle des Schreckens und der Wuth. Der Gar�on kam zurück, und mit einem stummen Schaudern ließ er einen Maurer, einen Mann, der wirklich eine Bluse an- hatte, eine zerfetzte und schmutzige Bluse, vortreten. Die Hosen, die Schuhe des Mannes waren ebenfalls schmutzig und geflickt; den Hals umschlang ein rother Fetzen und der Kopf war mit einem Wald von schwarzgrauen, verworrenen, bis auf die Augenbrauen herabhängenden Haaren bedeckt, unter denen sich eine lauge, höckrige Nase erhob und ein Paar kleine, vor Alter ent- zündete, fahle Augen hervorblickten. Eingefallene Wangen, Run- zeln, tief wie Narben, am ganzen Gesicht; ein breiter, zuckender Mund, der Bart struppig, rothe, schmutzige Hände und jene eigen- thümlichc Rückgratskrümmung, die den Druck langdauernder lieber- arbeituug verräth.... Kein Zweifel— wir hatten vor uns einen jener zahlreichen, hungernden und unheimlichen Arbeiter, die so häufig sind in den niedrigen Schichten„civilisirter" Gesellschaften. „Wer von Ihnen ist Bürger G.?" fragte er mit heiserer Stimme. „Ich bin G.," antwortete der deutsche Poet, nicht ohne einige Verlegenheit. „Erwarten Sie Ihren Sohn mit seiner Bonne auS Berlin?" „Jawohl,— woher wissen Sie das? Er sollte vor einigen Tagen herfahren, aber ich glaubte..." „Ihr Knabe ist gestern angekommen, aber da die Eisenbahn- station von St. Denis in den Händen der Unsrigen ist"— bei diesem Worte wäre der Gar�on fast vor Schreck umgefallen „und es unmöglich war, ihn hierher zu schicken, so hat man ihn zu einer unserer Frauen gebracht— hier auf dem Papier- streifen finden Sie seine Adresse. Mir haben aber die Unsrigen gesagt, ich möchte zu Ihnen gehen, damit Sie nicht unruhig seien. Auch seine Bonne ist mit ihm, er hat eine ganz gute Wohnung, daS Essen wird Beiden gegeben. Es ist auch keine Gefahr vorhanden. Wenn Alles zu Ende sein wird, können Sie ihn abholen. Hier, nehmen Sie den Papicrstreifen. Adieu, Bürger!" Der Alte begab sich zur Thür. „Halt, halt!" rief jetzt G. ängstlich.„Gehen Sie doch nicht fort!" Der Alte blieb stehen, wendete sein Gesicht aber nicht zu uns. „Also Sie sind blos deshalb hierhergekommen," fuhr G. fort, „um mich, einen Ihnen ganz unbekannten Menschen, wegen meines Sohnes zu beruhigen?" Der Alte erhob sein gebeugtes Haupt: „Ja! cke suis envoye par les uötres!"(Ich bin von den Unsrigen geschickt.) „Blos um desscntwillen?" „Ja!" r _ 2: G. war ganz erregt.„Aber ich bitte Sie... ich... ich ... ich weiß wirklich nicht, was ich denken soll. Es wundert mich, wie Sie unversehrt hierhergelangen konnten, man hat Sie dock) gewiß an jeder Ecke angehalten�" „Ja!" „Man fragte Sie auch, wohin Sie gehen wollten und was Sie zu thun hätten?" „Ja. Man hat mir immer die Hände angesehen, ob Pulver- spuren da wären. Ein Offizier drohte, mich erschießen zu lassen." G. wurde stumm vor Schreck und Verwunderung; auch der Gar�on glotzte ihn mit großen Augen au.„C'est trop fort!" (das ist zu staA) lispelten seine erblaßten Lippen. „Adieu, Bürger!" sagte der Alte und wendete sich nach der Thüre. G. eilte auf ihn zu und faßte ihn bei der Hand. „Warten Sie... bleiben Sic... erlauben Sie mir, Ihnen meinen Dank auszudrücken." Er fing an, in seinen Taschen herumzusuchcn. Der Alte machte eine ablehnende Bewegung mit seiner breiten, schwieligen Hand:„Bemühen Sie sich nicht, Bürger; ich nehme kein Geld an." „So erlauben Sie doch wenigstens, daß ich Ihnen ein kleines Frühstück anbiete oder ein Glas Wein... kurz, irgend etwas." „Ja, das werde ich Ihnen nicht versagen," meinte nach einigem Zögern der Mann.„Ich glaube, es ist schon der zweite Tag, daß ich nichts gegessen habe." G. schickte gleich den Gar�on nach einem Frühstück und bat seinen Gast, einstweilen Platz zu nehmen. Jener ließ sich auf dem angebotenen Stuhle nieder, legte seine Handflächen auf die Knicc und versank in düsteres Nachdenken. G. fing an, ihn zu befragen, aber der Alte antwortete, wie cs schien, nur ungern und in mattem Ton; man sah, daß er sehr ermüdet sein mußte, daß er jedoch weder aufgeregt war noch Furcht verspürte, und sich zu Allem ganz gleichgiltig ver- hielt. Uebrigens mochte daS Gespräch mit dem„Bourgebis" nicht nach seinem Geschmack sein. Beim Frühstück wurde er, nachdem er mit großem Behagen gegessen und getrunken hatte, etwas lebhafter und gesprächiger. „Im Februar", so erzählte er,„versprachen wir der provi- sorischen Regierung, drei Monate zu warten; nun sind sie vor- über, aber die Roth ist noch dieselbe, ja, sie ist noch größer geworden. Die provisorische Regierung hat uns betrogen, ver- sprach viel— hielt aber nichts. Sie that nichts, gar nichts für die Arbeiter. Unsere Mittel sind nun verzehrt, Arbeit gibt es keine, die Geschäfte stocken. Eine schöne Republik das! Nun etitschlossen wir uns,— verloren sind wir so wie so!" „Erlauben Sie," versuchte G. einzuwenden,„welchen Nutzen konnten Sie von einem solch unsinnigen Aufstande erwarten?" Fingerzeige zum Von 2. Unsere Wohnungen. (Fortlchchig.) Die zur Ventilation und zur Erhellung eines Wohnraumes genügende Fensterfläche muß— im Lichten gemessen— min- bestens ein Sechzehntel der ganzen Wandfläche des Zimmers be- U'agen und darf niemals kleiner als zwei Quadratmeter sein. Natürlich können dem angeführten Zweck nur solche Fenster ent- sprechen, die geöffnet werden können und wirklich direkt in s Freie gehen.— Für eine sichere Lufterneuerung bürgt indcß das Vor- handcnsein genügend großer Fenster auch noch nicht. Die Wichtig- lest der Lufterneuerung für unser Wohlbesinden ist eben allgemein �ch so wenig bekannt, daß es nicht zum Verwundern ist, wenn viele Menschen Fenster und Thüren wenig zur Lüftung benutzen. während im Sommer bei dem geringen Temperaturunterschiede Innen- und Außen tust der Austausch derselben nur sehr langsam stattfindet, und daher das nur zeitweilige Oeffnen des „Verloren sind wir so wie so," wiederholte der Alte, wischte sich den Mund recht sauber, legte die Serviette nieder, dankte und erhob sich. „Gehen Sie schon?" fragte G. „Ja, ich muß zu den llnsrigen. Was soll ich denn hier bleiben?" „Aber man wird Sie auf dem Rückweg ganz gewiß anhalten und vielleicht noch wirklich erschießen!" „Ist möglich. Vielleicht. Aber was hat das zu bedeuten? Lebt man, so muß man für seine Familie Brot erwerben, aber wie und wo? Wenn man uns aber todtschlägt, so werden die Leute schon für unsere Waisen sorgen. Adieu, Bürger!" „So sagen Sie mir doch wenigstens Ihren Namen! Ick möchte wissen, wie der Mann heißt, der so viel für mich gethan." „Es ist nicht nöthig, daß Sie meinen Namen wissen; in Wahrheit, was ich that, das that ich nicht für Sie, sondern weil die llnsrigen es befahlen. Adieu!" Und der Alte ging, vom Gar�on begleitet, hinaus. ** Noch an demselben Tage wurde der Aufstand unterdrückt. Sobald der Verkehr frei wurde, holte G. sein Söhnchen, nach der ihm übergebenen Adresse, bei der Frau, die es beherbergte. Der Mann und der Sohn dieser Frau waren gefangen, ein zweiter Sohn, sowie ein Neffe auf der Barrikade gefallen. Auch sie wollte kein Geld annehmen, aber, indem sie auf zwei im Zimmer hcrumspringendc Mädchen— Töchterchen ihres gefallenen Sohnes— hinwies, sagte sie:„Wenn ich einmal für diese zu bitten genöthigt sein werde, so möge Ihr Sohn sich ihrer er- innern!" Das Schicksal des Alten, der G. aufsuchte, blieb unbekannt. Es war unmöglich, diese seine That nicht zu bewundern, jene unbewußte, fast heroische Einfachheit, mit der er die That voll- brachte. Es kam ihm augenscheinlich nicht im mindesten in den Sinn, daß er etwas Ungewöhnliches gethan, daß er sich geopfert. Aber man kann auch jene Männer nicht genug bewundern, die in dem Getümmel eines furchtbaren Kampfes sich der Angst eines ihnen unbekannten„Bourgeois" erinnerten und darauf bedacht waren, denselben zu beruhigen. Freilich haben Leute vom selben Schlage zweiundzwanzig Jahre später„Paris angezündet" und die Geiseln erschossen,�) aber Derjenige, der nur ein wenig das Menschenherz kennt, wird diesen Widerspruch zu lösen wissen. *) Paris, das ist jetzt erwiesen, ist nicht von den Pariser Ar- beitern„angezündet"; und die Geiseln, das ist ebenfalls erwiesen, sind nicht von den Pariser Arbeitern erschossen worden. Die volle und ganze Schuld der damaligen Greuel ruht auf der sogenannten„Ordnungs- Partei". Red. d. N. W. gchmdm Leben. >. B. Fensters dann ganz unzureichend zur genügenden Lüftung ist, läßt die Roth und die Furcht vor zu großem Verbrauch von Heizmaterial im Winter die meisten Menschen nur auf möglichste Verminderung des mit Heftigkeit durch jede Spalte stattfindenden Luftwechsels bedacht sein. Frische Luft und Sonnenlicht, die unentgeltlichen, aber auch unentbehrlichen Gaben der Natur, werden so für viele fleißige Menschen zu unerschwinglichen Luxusartikeln. Zwar könnten zweckmäßige Ventilationsvorrichtungen hier wenig- stens ein gänzliches Darniederliegen des Luftwechsels hindern; doch ist deren allgemeine Einführung erst dann zu erwarten, wenn dieselbe durch Gesetz obligatorisch ist. Außer durch ungenügende Lüftung werden viele Wohnungen durch llebersüllung mit Menschen ungesund. Wie schon erwähnt, verlangt die Kommission des logemcnts insalnbres in Paris, daß keine Wohnung mehr Personen beherberge, als eine auf 14 Kubikmeter, wobei Küche.und Korridor nicht mit 228 einzurechnen sind. Die Roth zwingt freilich die Menschen viel- fach, sich mit einem geringer» Raum zu begnügen. Bei der im Jahre 18K7 in Deutschland vorgenommenen Volkszählung mußten in den großen Städten 10,2 von Itlt) Wohnungen als übervölkert bezeichnet werden. Und hier war kein so hohes Maß als in Paris angenommen. In Berlin allein war in demselben Jahre die Zahl der Wohnungen ohne besondere Küche schon auf 12,281 gestiegen. Die hohen Miethprcise schieben die Menschen immer mehr zusammen und zwingen sie, mit einem immer engeren Raum vorlieb zu nehmen. Es nisten sich dann solche schlechte Gewohnheiten ein, wie mehrschläfrige Betten, das Uebereinander- stellen der Bettstellen, das Schlafen auf den Dielen zc. Die fleißigsten, rechtschaffensten Menschen müssen sich oft mit einem kleineren Raum begnügen, als er den Insassen der überfülltesten und daher auch keineswegs gesunden Gefängnisse gewährt wird. Während auf diese doch mindestens ein Luftraum von 8 Knbik- Nietern gerechnet werden muß, findet man oft Arbeiterfamilien von drei Erwachsenen und vier Kindern in einer dunkeln, feuchten Schlafkammer eingepfercht, welche Jedem nur 3— 4 Kubikmeter Raum gibt; oder sie schlafen in der dunstigen Stube, in welcher den Tag über an einem schadhasten Ofen gekocht, gewaschen und getrocknet wird, und deren Fenster im Winter nie geöffnet werden. Und den Tag über müssen sie die durch Staub und Ausdünstungen verunreinigte Fabrikluft athmen. Ja Fälle, wie I)r. Schwabe in seinem statistischen Jahrbuch anführte, daß z. B. eine sich noch zum Mittelstande rechnende Familie in ihrer aus Stube, Kammer und Küche bestehenden Wohnung an nicht weniger als zwölf Personen männlichen und weiblichen Geschlechts Schlafstellen ver- miethet hat— sind gar keine Seltenheit. Diese Menschen sind dann so zusammengedrängt, wie die Auswanderer auf dem Zwischen- deck mancher Auswandererschiffe. Aber während die Behörde hier wenigstens auf die Jnnehaltung einer gewissen Grenze hält, findet sie keine Veranlassung, sich um den Wohnraum der in der Hei- math Gebliebenen zu kümmern. Ebenso schlimm wie dieses zusammengewürfelte Schlafstellenleben ist die Benutzung einer Wohnung von mehreren Familien zugleich. Die Reinhaltung einer solchen Wohnung stößt auf unüberwindliche Schwierigkeiten, die Sittlichkeit kämpft ohnmächtig gegen diese Entwürdigung, und die Gesundheit--? Zwar hat die Gewohnheit bereits das Schreckliche der außerordentlichen Sterblichkeit— namentlich der kleinen Kinder— verwischt, da dieser„Massenmord" etwas Alltägliches geworden ist. Aber zuweilen regt sich doch das Menschenbcwnßtscin in uns, daß es der Natur der Dinge nach anders, besser sein müßte.(Fortsetzung folgt.) Aus der atten und der neuen Wert. Auf Ruinen. Heisa lustig! Denn das Bersten, Rieseln, Säuseln hört ihr nicht, Höret nicht das leise Knistern, Das doch so vernehmlich spricht. Wenn auch morsch die alten Säulen, Faul der Boden, trüb' das Licht, Wenn auch der Parfüm der Fäulniß Prickelnd in die Rase sticht. Heisa lustig!— Auf Ruinen Lacht und tanzt ihr hochgeschürzt— Ei, was thut es, wenn der Plunder Auch sammt euch zusammenstürzt! Ada lfhristc». Hungrige Spalte»(s. Seite 224).»Haare lassen" heißt es im Leben gar oft, wenn man nach Brot geht, und das„Risiko der Arbeil" ist ja manchem unserer Leser ein nur allznbekanntes Ding. Auch an dem kleinen grauen„Proletarier unter den deutschen Vögeln", dem Spatz auf unserm Bilde, hat sich dies„Haare lassen" in lcbensgefähr- lichster Weise bewahrheitet. Der Schnee bedeckt Feld und Bäume und der Brotsuchende geht mit seinem Kameraden vor die Häuser und an die Heerstraße. Er ist zwar ein kluger, gewitzigter Gesell, aber sein diplo- matisches Talent ist doch nicht so ausgebildet, daß er hinter jeder Brot- krume herzlose Spekulation wittert. Er hat Hunger. Verlangend und neugierig piept und hüpft er vor dem verhängnißvollcn Fangeisen herum, das freilich für eine andere Haut berechnet ist. Seine kommunistische Weltanschauung verleitet ihn zu dem Glauben, daß eine gütige Menschen- Hand dem armen Wandersmann hier eine Mahlzeit bereitet habe. Sein Gefährte jedoch, ein mißtrauischer Agitator, hat die Maschine vorsichtig betrachtet und ihn gewarnt, daß er nicht um jeden Bissen hineinspringe in eine so gehcimmjjvolle Wohlthätigkeitsanstalt. Umsonst. Mit dem Muthe des Hungers hüpft er heran und kehrt mit dem Schwänzchen den Schnee hinweg, um den Bissen besser erlangen zu können.— Klapp!— Die Maschine schließt ihren Rachen und entsetzt huscht der arme Bursche fort, dicht vor dem Tode dahin.— Freilich muß er sein Bestes, sein Steuer, als Opfer lassen und die Strafpredigt seines Be- glciiers mit in den Kauf nehmen.„Siehst du," ruft dieser erschreckt und ärgerlich aus,„Hab' ich dir's nicht immer gesagt, daß es Thorheit ist, um jeden Hungerbissen sein Leben dranzusetzen?!"—„Das ist das Risiko der Arbeit," antwortet philosophisch der hungrige Gerettete— und seit- her hört man's alle Spatzen von den Dächern pfeifen:„Wer nach Brot gehen muß, muß Haare lassen." p. ♦* Die Büste der FreiheitSgöltin(s. Seite 225), modellirt von Gustave Courbet, der sie zu Vevey in Bronze gießen und voriges Jahr auf einem öffentlichen Brunnen in La tonr de Peilz bei Vevey aus- stellen ließ, mit der Widmung: Hommage:> l'Hospitalite— in dankbarer Anerkennung der von dein Communeflüchtling genossenen Gast- freundschaft, hat eine Höhe von vier Fuß, und das trefflich gelungene Kunstwerk beweist, daß der Bildner Courbet sich vor dem Maler Courbet nicht zu schämen braucht. Mit nächster Nummer beschließt die„Neue Welt" das zweite Quartal, lind»vir können unfern Lesern die Mittheilung machen, daß d?r Bestand des Unternehmens gesichert ist. Mehr als 17,(XX) Abonnenteil hat sich das Blatt währeild eines halben Jahres erobert, ein Erfolg, der unsere Erwartungen— zumal in der jetzigen geschäftslosen Zeit weit llbertroffen hat und den schlagendsten Beweis liefert, das; ein Blatt wie die„Neue Welt" wirkliches Bedürfniß ist. Wohl wissen wir, das; zu diesem Erfolge die Freunde unsrer Sache ein Wesentliches beigetragen haben; wir rechnen nach wie vor ans deren kräftigste Unterstützung. Wir selbst werden nach Kräften dahin wirkeil, daß unser Blatt die Aufgabe, welche es sich gesteckt hat: ein Bahnbrecher zu sein für das Wahre, Gute und Schöne, immer besser erfülle. Sicherlich wird es so dem vereinten Streben gelingen, im Laufe der Zeit aus dem bescheidenen Anfang wahrhaft Großes zu schaffen. Sorge also Jeder, daß wir noch im Laufe dieses Jahres ein gut Stück vorwärts kommen! Hunderttausend Leser für die„Neue Welt"!— das muß unser Aller Ziel sein.— Also an's Werk! Die geehrten Post-Abonnenten ersuchen wir um rechtzeitige Bestellung, welche mindestens zwei Tage vor Ablauf des Quartals zu erfolgen hat; in diesem Falle liefert die Post das Blatt zum gewöhnlichen Preise von 1 M. 20 Pf.— Verspätete Bestellung liegt vor, ivenn bereits Nummern des Quartals erschienen sind, und erhebt die Post in diesem Falle 1» Pf. Ätachbestellgebühr(den sog. Slraf- Groschen), hat dann aber alle Nummern vollständig zu liefern.— Aeltere Nummern oder Quartale besorgt die Post gegen Zahlung des Preises. Die Berlagshandlung ist im Stande, alle bis jetzt erschienenen Nummern wie ganze Quartale nachzuliefern.— Der Abonnent hat das Recht, jede Nummer vollständig und rechtzeitig zu verlangen. Ist eine Nummer von der Post nicht geliefert, vom Abonnenten aber rechtzeitig reklamirt lvordeu, so muß die betr. Postanstalt sie ihm nachliefern. Dieselbe hat kein Recht zu Ausreden irgendwelcher Art, wie z. B.: die Nummer sei nicht eingegangen zc., und wolle man sich vorkommenden Falls durchaus nicht von der Reklamation abhalten lassen, da die Leipziger Postamts-Zeitungsexpedition jede berechtigte Reklamation erfüllt. Die Verlagshandlung, deren Verpflichtung mit einmaliger Ablieferung an die Post erfüllt ist, kann den Postabonnenten einzelne Nummern nur gegen Einsendung von 25 Pf.(incl. Frankirungsporto) liefern. Redaktion und Berlagshandlung. Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.— Druck und Verlag der Gcnossenschaftsbiichdruckerei in Leipzig.