Goldene und eiserne Retten. Erzählung aus schweren Tagen von C. Lübeck. �Forlsehung.) Wie es seine Gewohnheit war, hatte Blumenthal am Abend � noch einen Spaziergang durch den Wald gemacht. In seiner düsteren sinstern Färbung lag das Forsthaus da, und nichts ver- rieth, daß sein Bewohner zu Haus war. Unwillkürlich hemmte Blumenthal seine Schritte, und forschend glitten seine Blicke über den geheimnißvollen Bau, der für ihn ein so großes Interesse besaß. Plötzlich sah er einen Lichtschein durch die Spalten eines Fensterladens dringen und hörte laute Stimmen. Jetzt vernahm sein geübtes Ohr das Nahen eines Schrittes, und lautlos trat er in das Dickicht zurück. Vom Schlosse her näherte sich eilig dem Forsthause eine hohe, in einen Mantel gehüllte Gestalt, einen breiten Filzhut tief in die Stirn gedrückt. Vor dem Forsthause blieb der Mann einen Augenblick stehen, warf rechts und links vorsichtige Blicke und zog dann dreimal kurz die Hofglocke. Im Augenblick verstummte im Hause die laute Unterhaltung, eine Thür knarrte und der Förster kam und öffnete. »Was machen Menschen noch da?" fragte der Fremde. »Sie haben Lohn empfangen und von mir noch ein Glas Wein erhalten," antwortete der Förster. Der Andere antwortete nicht, sondern trat in den Hof, ge- räuschlos schloß sich hinter ihm die Thür; bald aber öffnete sie fich wieder und drei Männer in den gewöhnlichen Anzügen der Bergbewohner verließen die Försterei. Blumenthal vermochte ihre Gesichter nicht zu erkennen. »Der Verdienst wäre gar nicht so übel," hörte Blumenthal einen von ihnen sagen. »Pah, Lumperei," antwortete ein anderer murrend,„was will vas sagen gegen den Verdienst, den die haben! Wir müssen uns die Schwindsucht an den Hals schleppen, während die verdienen, vhne daß sie die Nase aus der Thür zu strecken brauchen." '.Die machen sich den Pelz nicht naß," rief der Dritte mit hohnischem Lachen.„Wir aber müssen beständig unsere Haut zu Markte tragen." Blumenthal verstand nichts mehr.„Wer mag der Mann ge- M-n sein, der in's Haus getreten?" fragte er sich.„Es war n Graf," murmelte er,„kein Anderer! Seine Gestalt, sein Gang, seine Stimme— es ist keine Täuschung möglich. In welchen Be- Ziehungen aber mag er zu diesen verdächtigen Leuten stehen?" Er verharrte noch einige Minuten in seinem Bersteck, als im Forsthause aber Alles still blieb und selbst das Licht erlosch, das er bisher gesehen, setzte er seinen Weg zum Schlosse fort. Förster Schlegel hatte seinen Besuch in ein kleines Zimmer des hinteren Theils des Forsthauses geführt, das äußerst behaglich ausgestattet war. Nachdem Licht angezündet war, ließ der Fremde den Mantel fallen und warf den Hut ab. Es war in der That Graf Falkenburg. Nachlässig nahm er auf einem Sopha Platz und schlug die Beine übereinander. Der Förster aber rückte einen in der Mitte des Zimmers stehenden runden Tisch an's Sopha, entkorkte eine Flasche, die er aus einem Wandschrank nahm und füllte zwei Gläser. Dann nahm er dem Grafen gegenüber auf einem Stuhle Platz. Beide stießen mit einander an. „Hatte in Abendstunden Boten von Stadt erwartet," sagte der Graf einen tüchtigen Schluck nehmend.„Bin ungeduldig." „Er ist hier gewesen," antwortete der Förster.„Es ist Alles in Ordnung, und in den nächsten Tagen wird der neue Trans- port uns angekündigt werden." „So, so," sagte der Graf mit zufriedenem Gesichte.„Hatte Sorge, daß Grenzbeamte Wind bekommen. Wäre doch Teufels- geschichte!" „Nur für mich," antwortete der Förster.„Erlaucht kämen höchstens um die gute Einnahme, ich aber um ein paar Jahre Freiheit und— mein Eigenthum." „Eigenthum?" wiederholte der Graf mit großem Erstaunen. In den Augen des Försters leuchtete eS unheimlich auf und ein finsterer Blick traf seinen Gast. „Erlaucht scheinen wirklich vergessen zu haben," sagte er scharf, „daß dieser Wald mein Eigenthnm ist." „Ja so, ja so," erwiderte der Graf verlegen,„alte Geschichte, ja wohl; aber erst muß er doch mir gehören, ehe ich ihn ver- schenken kann." Diese Worte schienen das Gegenthcil von dem bewirkt zu haben, was der Graf beabsichtigt hatte. Der Förster sprang M. Juni 1878. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Btark 20 Pfennig.— In Heften st 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 230 erregt auf und betrachtete ihn mit funkelnden Blicken.„Ja wohl!" rief er,„alte Geschichte, so alt. daß man sie am liebsten vergessen möchte. Gewiß muß man ihn erst haben, ehe man ihn ver- schenken kann. Aber Erlaucht schwuren einst, daß dieser Wald mein Eigenthum sein solle, und nichts wußte ich davon, daß Erlaucht mit einem Walde lohnten, der Ihnen gar nicht gehörte. Für diesen Wald verkaufte ich meine Ehre, ließ ich ein Brand mal auf meine Stirn drücken, das mich um Alles brachte, was mir einst auf der Welt lieb und theuer gewesen, und diesen Wald werde ich jetzt zu vertheidigeu wissen." Es lag etwas Majestätisches in der Erscheinung des Försters. Seine Gestalt hatte sich in ihrer ganzen Größe aufgerichtet und mit Verachtung blickte er auf den Grafen, der, eine Jammer- gestalt dieser gewaltigen Erscheinung gegenüber, vergeblich bemüht war, den Erregten zu unterbrechen und zu beschwichtigen. „Mit der Flinte werde ich mein Recht zu vertheidigeu wissen!" rief der Förster drohend aus. „Aber wer macht es denn streitig?" rief der Graf endlich mit scheinbarer Ungeduld ans.„Was ich versprochen, werde ich halten." „Wehe dem, der mich aus diesem Besitze zu vertreiben sucht," grollte der Förster noch immer. „Wollte grade wegen alte Geschichte sprechen," sagte der Graf. „Feldmesser Blumenthal behauptet, existire noch Waldvertrag, auch Exemplar über Wiese. Wäre immerhin möglich." Der Förster schwieg. Er hatte sich wieder gesetzt und starrte in sein Glas. „Habe schon mit Pfarrer gesprochen," begann der Graf wieder, „will'mit GotteS Hülfe' Alles versuchen, um Spur zu finden. Kapitalkerl!" „Kapitalspitzbube!" knurrte der Förster. Der Graf lachte laut auf, als hätte sein Gegenüber einen Witz gemacht.„Kapitalspitzbube! Prachtvoll!" Dann sagte er ruhiger:„Um auf Geschäft zurückzukommen— Jörg scheint mir �schr gefährlich. Fürchte Verrath. Kerl kommt mir immer vor wie Schlange. Schleicht so lange, bis sie stechen kann." Der Förster blickte auf. Er schien auch ruhiger geworden zu sein.„Er ist gegen alle Menschen so," sagte er.„Aber keinen zuverlässigeren Führer gibt es im ganzen Gebirge— und für seine Treue stehe ich ein." Das Aufthauen des Försters schien dem Grafen die gute Laune wiederzugeben. Behaglich schmiegte er sich in die Ecke des SophaS und zündete die Eigarre an.— Mächtige Dampfwolken stiegen empor. „Scheint Prügel schon ganz vergessen zu haben," sagte er. „Aber so sind Kerls! reine Hunde. Möchten beißen, wenn Peitsche bekommen— nachher lecken sie Hände." Des Försters Stirn zog sich zusammen, und eine bittere Ent- gegnung schien sich auf seine Lippen zu drängen. Der Graf mochte es wahrnehmen, denn er lenkte von dem Gegenstande ab und sagte lachend:„Gibt in nächster Zeit Hoch- zeit, könnt auf alte Tage noch tanzen, Schlegel. Ist Heirath besiegelt, dann Wald Kleinigkeit." „Was die Heirath nützen soll, das verstehe ich nicht," ent- gegnete der Förster geringschätzig.„Fräulein von Rabenberg ist arm, das pfeifen die Spatzen von den Dächern. Wär's noch die Erbin von Hohenthal, das Stammgut ist, aber Rabenberg— einfaches Lehnsgut." Der Graf verzog schlau daS Gesicht.„Großes Vermögen, Schlegel, großes Vermögen!" schnitt er seine weiteren Folge- rungen ab. „Das wahrscheinlich nur in der Phantasie des PfarrerS lebt." „Alles Schwarz auf Weiß, Schlegel, Million mindestens zu bekommen, dazu noch in liegenden Gründen. Fräulein von Rabenberg entschieden vorzuziehen." Der Förster schüttelte ungläubig den Kopf.„Die Rabenbcrgs bilden nur eine Seitenlinie, haben keinen Anspruch auf irgendein großes Vermögen." „Sprechen später darüber, Schlegel," sagte der Graf ver- schwitzt lachend,„Stammbäume haben oft wunderbare Verzweigung!—— Aber jetzt Acht gegeben, Schlegel, wo Vertrag steckt," brach er ab.„Darf nicht in unrechte Hände fallen. Wä:c jetzt sehr unangenehm, könnte Heirath zum Scheitern bringen. Muß also beschafft werde»." „Dafür will ich schon sorgen," entgegnete der Förster mit Bestimmtheit. Der Graf warf ihm einen fragenden Blick zu, doch unter- drückte er, sichtlich froh, zu einem friedlichen Ende gelangt zu sein, eine Frage. Dann erzählte er von dem Besuche des Land- rarhs und von dem Orden, den dieser für Schlegel beantragt. Der Förster lachte geringschätzig auf.„Ich arbeite für mich," antwortete er,„und gebe nichts auf oberschnlmeisterliche Alteste bürgerlicher Tüchtigkeit." „Hättet Anlage zu Revolutionär, Schlegel," sagte der Graf, ihn mit einem nachdenklichen Blicke betrachtend.„Gut, daß euch angekündigter Polizei-Spion nicht hört, bekämet Anklage auf Hochverrath." Er begleitete diese Worte wieder mit einem lauten Lachen, es hatte aber einen so eigenthümlichen Klang, daß der Förster aufsah. „Ein Polizei-Spion?" fragte er, als der Graf endlich auf- hörte. „Soll Blumenthal aus dem Wege schaffen— wird nur geliehen,— geht dann wieder. Geriebener Kerl, Schlegel,— kommt, um nach Verschwörern zu suchen." „Wo die wohl zu finden wären!" entgegnete der Förster. „Sag' ich auch, sag' ich auch," rief der Graf;„aber gutes Geschäft, Schlegel. Tüchtiger Spion kann's weit bringen, kann Polizeirath oder Chef von ganzer Polizei werden. Reichthümer und Orden liegen für ihn auf Straße." „Wenn er eine Verschwörung entdeckt," wandte der Förster ein. „Findet er keine, macht er eine, altes Kunststück— bedarf blos Schlauheit und Gewissenlosigkeit!" „Und die Opfer?" fragte der Förster. „Pah! Kümmert den Teufel, ob Unschuldige dabei zu Grunde gehen." Der Förster schwieg und starrte wieder sinnend in sein Glas. Die Unterhaltung stockte einige Augenblicke. Der Graf füllte die Pause dadurch aus, daß er Rauchkreise in die Luft steigen ließ. „Kartellkonvention mit Rußland scheint nicht mehr erneuert zu werden," sagte er plötzlich.„Kommt wahrscheinlich Bengel wieder, Büttner— wird uns wieder viel zu schaffen machen." Der Förster fuhr auf.„Es wäre doch eine Kleinigkeit für den Landrath," erwiderte er hastig,„ihn noch weiter festzuhalten." „Rieth es Landrath auch," sagte der Graf,„versprach auch, sein Möglichstes zu thun. Wird schreiben." Die Unterhaltung stockte wieder; bei den eigenthümlichen Beziehungen zwischen den beiden Männern und vem mißtrauisch- finstern Wesen des Försters war es ganz unmöglich, sie lange in Fluß zu erhalten. Der Graf versuchte noch einige Male, den Förster in ein Gespräch zu ziehen, sie kamen aber über einige Sätze nie hinaus, und endlich erhob sich der erstere, nahm Hut und Mantel und verließ vaö Forsthaus. Der Förster hatte ihm das Geleit gegeben, dann war er in dasselbe Zimmer zurückgekehrt und hatte auf seinem Stuhl Platz genommc». Er stützte den Kopf jetzt in die Rechte und blickte finster vor sich nieder. „Wie Erlaucht doch vergeßlich sind," murmelte er mit bitterem Lachen.„Aber mag er nur nach dem Vertrage suchen. Der liegt in guten Händen, Erlaucht! Erst müßte der Förster Schlegel in's Gras beißen, che Sie Herr des Waldes werden." Er hatte die letzten Worte laut gesprochen und dröhnend siel dabei seine Hand vom Kopfe auf den Tisch, daß. die Gläser klirrten. In seinen Augen leuchtete es dabei wieder leidenschaft- lich auf.„Der Büttner kommt," murmelte er,„ich werde die Heirath beschleunigen müssen— Erlaucht werden Augen machen." Im Hof ertönte die Glocke und unterbrach sein Selbstgespräch. Er erhob sich, schritt hinaus und öffnete. Es war der Brief- träger Steiner, der Einlaß begehrte, ein alter Bekannter von Schlegel's Eltern, bei denen er einst als Soldat im Quartier gelegen. Schlegel führte ihn in sein gewöhnliches Wohnzimmer, das durch die übergroße Einfachheit in der Ausstattung sich — 231 auffallend von dem Zimmer unterschied, das er soeben verlassen. Der Briefträger war ein alter Soldat, der trotz der Jahre seine grade Haltung behauptet hatte. Sein frisches rothes Gesicht wurde durch zwei freundliche blane Augeu belebt. „Bin schon lange nicht dagewesen," sagte er sich setzend und seine Brieftasche abnehmend.„Ging neulich freilich vorbei, brachte Briefe in's Schloß— der Silberberg hat ja jetzt viel zu schreiben. Müßte heute auch noch nach oben, denke aber, Ihr könntet mir wohl den Weg ersparen und den Brief morgen früh in's Schloß bringen." Bei dem Namen Silberberg war der Förster zusammen- gefahren, doch sagte er nichts, sondern stellte, nachdem er dem Briefträger einen Stuhl geboten, eine Flasche und zwei Brannt- Weingläser auf den Tisch. >,Jst Wachholder," sagte er, indem er einschenkte und sich ihm gegenüber setzte;„denke, es wird euch gut thun, Steiner— beste Sorte, eigenes Produkt." „Kenne ihn, der hält Leib und Seele zusammen," sagte der Briefträger schmunzelnd und goß ein Gläschen des kräftigen Branntweins hinunter. Er verzog dabei das Gesicht und kniff die Augen zusammen.„Ein guter Schnaps," sagte er dann und setzte das Glas nieder.„Der treibt Einem ja das Wasser in die Augen. Na und hier ist der Brief für's Schloß vom Silberberg— kenne seine Briefe schon von Weitem. Ja, was erzählt man sich nicht Alles in der Stadt! Der Spitzbube will ja wohl das Schloß und die ganze Besitzung kaufen— der Graf soll bei ihm hoch im Buche stehen; na, dann wird der Wald bald kahl werden." „Da habe ich doch auck noch ein Wörtchen mitzusprechen," rief der Förster laut und schleuderte den Brief auf den Tisch. Der Briefträger hatte den Kopf über seine Tasche geneigt und suchte darin.„Ja, ja," sagte er zustimmend,„man wird Ab- sindung zahlen müssen." Der Förster wollte dies in leidenschaftlicher Weise zurück- weisen, doch bezwang er sich und schwieg. Jetzt reichte ihm auch der Briefträger einen zweiten Brief.„Da, Förster," sagte er, „da ist auch was für euch. Scheint von der Mutter zu sein, hat schon lange nichts mehr von sich hören lassen, aber das kommt so, wenn man alt wird; da will es mit der Feder gar nicht recht vorwärts," meine Hand fängt auch schon an zu zittern. Na, eS ist aber doch schön, daß die Alte sich noch ihres Sohnes erinnert! Wie alt wird sie denn sein? Sie muß doch schon in den Sech- zigern stehen. Ja, ja, so ist es; als ich im Hause im Quartier lag, da war sie wohl dreißig alt, sah damals noch frisch und schnmck aus wie ein junges Mädchen— hatte einen pausbäckigen Burschen auf dem Schoß mit einem Paar Augen, so blau wie der Himmel und einem Gesicht, so heiter und frisck wie ein Maitag. Das war't Ihr, Förster. Da hättet Ihr'mal eure Mutter sehen sollen, wie die mit ihrem Jungen sich hatte. Den ganzen Tag hätte sie euch küssen können, und wenn Ihr auf ihrem Schöße saßet, dann konnte sie das Essen und Trinken dabei vergessen. Na und der Alte, der stand dann schmunzelnd hinter ihrem Stuhle, und das war ein Bild, daß Einem das Herz im Leibe lachte. Aber was ist euch denn, Förster?" rief er, seine Erinnerungen plötzlich unterbrechend.„Habt doch keine schlimme Nachricht bekommen? Die Alte lebt doch noch?"— Er blickte erstaunt auf den Förster, der mit seltsam veränderten Zügen in den kleinen Brief blickte, dessen unbeholfenes Siegel er erbrochen hatte. (Fortsetzung folgt.) Friedrich Ulbert Fange. Nicht viele Professoren hat Deutschland anfzuweisen, welche, ans dem Banne der Fachwissenschaft heraustretend, als ächte Nitter vom Geiste mit eingreifen in alle die Kämpfe, in welchen die freie Forschung mit der traditionellen Beschränktheit, der .Drang nach Verallgemeinerung der wissenschaftlichen Errungen- schaften mit der Abschließungssucht einer dünkelhaften Gelehrten- zunft, die Idee der Menschenperbrüderung mit dem Egoismus und der Nationalitätsthorheit um den Sieg und die Mcnschheits- Zukunft ringen. Von den wenigen Geisteshelden dieser Art war der geist- vollsten, kenntnißreichsten, edelsten einer der am 21. November vorigen Jahres dahingeschiedene Professor der Philosophie an der Universität Marburg— Friedrich Albert Lange.— Am 28. September 1828 wurde Lange zu Wald bei Solingen ge- boren; nachdem er von 1847— 51 zu Bonn und Zürich Philo- sophie, Philologie und Nationalökonomie studirt hatte, wurde er l852 Gymnasiallehrer zu Köln. In solch' beschränktem Wirkungs- kreise vermochte er aber nicht zu verweilen, darum habilitirte er sich 1855 in Bonn als Dozent für Philosophie. Doch schon 1856 sah er sich genöthigt, zum Gymnasium zurückzukehren; er ging als Oberlehrer nach Duisburg. Bon hier trieb ihn 1866 seine Theilnahme an der Arbeiterbewegung in die Schweiz, und Zwar nach Winterthur, wo er sich eine neue Existenz als Re- dakteur und Buchhändler gründete. Neben den Geschäften seines engeren Berufs und der Verwaltung mehrerer Ehrenämter wid- wete der Unermüdliche sich einer umfassenden schriftstellerischen �-hätigkeit, deren Produkte die zürcherische Regierung veranlaßte, ihn im, Jahre 1870 als Professor der Philosophie an die Uni- versität Zürich zu berufen. 1872 folgte er, bereits schwer lei- dend, aber in voller Geistesfrische und ungebrochener Arbeitskraft, bem Rufe nach Marburg, wo er seiner unheilbaren Krankheit nach vieljährigem hartem Kampfe endlich erlag. An dem zweitausendjährigen Streite zwischen der materialisti- schen und idealistischen Weltanschauung nahm Lange im Jahre 1866 mit seiner„Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart" hervorragenden Antheil. Dieses s�n Hauptwerk gibt neben der geschichtlichen Darlegung der Schicksale, welche die materialistische Richtung der Philosophie gehabt, und in diese verflochten, eine kritische Geschichte der Philo- sophie überhaupt; dabei weist es in wohlthuendem Gegensatz zu den übrigen Werken derselben Art den Vertretern des materialistischen Denkens im Alterthum, den Demokrit, Epikur, Lukrez sowohl, als denen in der neueren Zeit, den Gassendi, Hobbes, Lamettrie ic. den ihrer Verdienste um die denkende Menschheit würdigen Platz an und dient vor allem der Absicht, die Ueberzeugung wissen- schaftlich zu begründen, daß es für den Menschen keine andere als menschliche Erkenntniß und irdische Befriedigung gibt und daß ein vollkommenes Genügen nur durch die allseitige Entwick- lang der menschlichen Fähigkeiten und die harmonische Befrie- digung des Bedürfnisses nach dem Wahren, Guten, Schönen gewährt werden kann. Durchleuchtet von einem ungewöhnlich scharfen kritischen Ver- stände, ausgestattet mit reichem naturwissenschaftlichem Material und geschrieben in ebenso eleganter als populärer Form, war und ist die „Geschichte des Materialismus" nicht allein von hohem Interesse für den Philosophen, den Naturforscher und den Kulturhistoriker, sondern bietet auch für die weiteren Kreise der Gebildeten überhaupt lebhafte Anregung zum Studium, mannichfachste Gelegenheit zur Aufklärung und Belehrung— ja sie ist sogar ganz dazu geeignet, durch die Vermittlung derjenigen unter den Gebildeten, welche ihrer Pflicht der Volkserziehung mehr eingedenk oder mehr ge- wachsen sind, als die Volksschulen und ihre Lenker, zum geistigen Eigenthum aller nach Wissen und Erkenntniß Strebenden zu werden. So raschen Eingang in's Publikum, als diesem zu wünschen gewesen wäre, fand die„Geschichte des Materialismus", zum guten Theil wegen ihrer hohen Bedeutung, nicht; sie mußte sich ihr Terrain erst mühsam erobern. Wo sie aber auf An- erkennung traf, da warb sie auch warme Anhänger und unver- drossene Wegbereiter für den in ihr enthaltenen Gedankenschatz. Nicht viel leichter wurde es einer andern bedeutsamen Arbeit Lange's, augenfälligen Erfolg zu erzielen. Seiner im Jahre 1875 in dritter Auflage erschienenen„Arbeiterfrage" sah er sich ge- nöthigt, die Erklärung vorauszusenden, er wende sich nicht mehr 232 „speziell an die Adresse der Arbeiter, sondern an alle Diejenigen, welche vorurtheilsfrei und interesselos genug sind, um die Arbeiter- frage als eine Frage der Zukunft unserer gesammten Kultur im Lichte einer populär-wisscnschaftlichen Behandlung ernst und ruhig betrachten zu können.— Zu dieser Wendung hat zunächst die totale Nichtbeachtung der ersten Auflage in den Kreisen der Arbeitervereine und ihrer Stimmführer Veranlassung gegeben." Lange hatte hiermit zwar nicht ganz recht: total unbeachtet hatten die Mitglieder der Arbeitervereine, oder besser ausgedrückt: die Angehörigen der eben erst in der Gestaltung Gegriffenen sozialistischen Parteigruppen, seine„Arbeiterfrage" nicht gelassen. Aber wenn auch mancher sozialistische Sprecher, hoch angeregt durch die Einführung darwinistischer Gedanken in die Betrachtung der wirthschaftlichen Verhältnisse, seine geistigen Kampfmittel aus dem Waffenarsenale des Lange'schen Werkes ergänzte, so war die sozialistische Bewegung doch noch viel zu jung, die Bedrängniß durch die Feinde viel zu intensiv, das Augenmerk der weitaus meisten politisch lebendig gewordenen Proletarier nothwendiger- weise noch viel zu sehr auf das Nächstliegende gerichtet, als daß die immerhin auf anhaltendes Nachdenken Anspruch machende, 400 Seiten umfassende„Arbeiterfrage" überall hätte offene Häuser und Herzen finden können. Wäre dem tapferen Geisteskämpfer noch ein Jahrzehnt zu leben vergönnt gewesen— wahrlich! er würde sich überzeugt haben, daß zu den Grundsteinen des sozia- Friedrich Albert Lange.(Originalzeichnung.) listischen Parteigebäudes in Deutschland auch die„Arbeitersrage" hinzugefügt worden ist. AuS allen Schriften Lauge's, gleichviel, ob sie vorzugsweise das philosophische oder das natioualökonomische Gebiet angehen, leuchtet das angestrengte Bemühen hervor, durch objektiv-ruhige, kritische Beleuchtung der streitigen Punkte die Erbitterung der kämpfenden Parteien zn mäßigen. Er suchte dahin zu wirken, daß die Soldaten der Kultur, zu deren Heerführern er sich zu zählen ein Recht hatte, niemals genöthigt würden, die Waffen der brutalen Gewalt zu ergreifen. Und gewiß nicht mit Unrecht meinte Lange am Schluß des zweiten Bandes seiner„Geschichte deS Materialismus":„Wohl würde es die bevorstehenden Kämpfe mildern, wenn die Einsicht in die Natur menschlicher Entwicklung und geschichtlicher Prozesse sich der leitenden Geister allgemeiner bemächtigte, und die Hoffnung ist nicht aufzugeben, daß in ferner Zukunft die größten Wandlungen sich vollziehen werden, ohne daß die Menschheit mit Brand und Blut befleckt werde. Wohl wäre es der schönste Lohn abmattender Geistesarbeit, wenn sie auch jetzt dazu beitragen könnte, dem Unabwendbaren unter Vermeidung furchtbarer Opfer eine leichte Bahn zu bereiten und die Schätze der Kultur unversehrt in die neue Epoche hinüberzuretten...." An uns, den um ihre Erkenntniß, um Menschenwürde, um ihre Menschenexistcnz kämpfenden Proletariern, soll es nicht fehlen, daß dein schönster Gedanke in Erfüllung gehe!— so rufen wir auS vollem Herzen dem todten Geistesfürsten in die Gruft nach.«. Geis-r. 234 Der Mensch. Von I. Most. V. „Die Intelligenz des Thiercs äußert sich ganz in derselben Weise, wie die des Menschen.... ES ist kein wesentlicher, sondern nur ein gra dueller Unterschied zwischen Instinkt und Vernunft nachwe-Sdar." Kr a h in e r. Der Haupttrumpf, welchen die Widersacher der Monogenisten (Anhänger der Lehre von der Entwicklung der Einzelheiten aus dem einheitlichen Ganzen der Natur) ausspielen, besteht in der Behauptung, daß der Mensch durch die Sprache vor allen an- deren lebenden Wesen ausgezeichnet sei; aber dieser Trumpf ist weiter nichts, als ein trauriges Armuthszeugniß, durch welches die betreffenden Hochmuthsträger ihre krasse Ignoranz in natur- wiffenschaftlichen Dingen bescheinigen. Wer sagt diesen Leuten denn, daß der Mensch immer eine Sprache besessen, die nach den heutigen Begriffen diese Bezeichnung verdiente? Und woher wissen sie, daß die Thierc sprachlos sind? Schon in einem frühern Abschnitt wurde darauf hingewiesen, wie kläglich heute noch die Sprache mancher Völkerschaften be- schaffen ist, und wie wenig sich dieselbe von dem Geschnatter anderer Thiere unterscheidet. Und da die Ueberreste des Ur- menschen, wie sie an den verschiedensten Stellen der Erde auf- gefunden wurden, bis zur Evidenz beweisen, daß unsere Borfahren den rohesten Menschenstämmen der Jetztzeit noch bedeutend nach- standen, so kann man sich doch wahrhaftig an den fünf Fingern abzählen, daß bei ihnen von einer Sprache im modernen Sinne nicht die Rede sein konnte. Der Urmensch kann, wie sich Westropp ausdrückt, nichts weiter gewesen sein, als ein stummes oder sprach- loses Wesen, das sich erst im Verlaufe langer Zeit, ähnlich wie jetzt die kleinen Kinder, die Fähigkeit aneignete, seinen Bedürf- nissen und Gefühlen Ausdruck zu geben, während er sich bis dahin mit Geberden und unartikulirten Lauten behelfen mußte, wie jedes andere Thier. Und was die heutige Menschensprache anlangt, so beweist schon ihre Vielheit, daß sie nicht auf ein erstes Menschenpaar zurückgeführt werden kann, dem sie der„Schöpfer" eingetrichtert hatte. Moses glaubte sich zwar über diesen anffallenden Um- stand durch die naive Ausstucht, beim Thurmbau zu Babel sei eine Sprachverwirrung entstanden, hinweghelfen zu können; seinen Juden gegenüber mag auch eine solche Erklärung durchgeschlagen haben, allein der aufgeklärte Mensch läßt sich mit solchen Er- Zählungen nicht abspeisen, sondern will eine natürliche Auskunft haben.„Der Naturkundige," sagt Birchow sehr richtig,„kennt »ur Körper und Eigenschaften von Körpern; was darüber ist, nennt er transcendent(übernatürlich), und die Transcendcnz be- trachtet er als eine Verirrung des menschlichen Geistes." Bei vielen Stämmen blieb auch die Sprache noch Jahr- tausende lang, wo andere Stämme schon wohlausgebildete Sprachen besaßen, auf ganz primitiver Stufe stehen, wie— es kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden— unsere„Wilden" beweisen. Die Sprachen der kultivirten Menschheit kann man wohl auf wenige gemeinsame Wurzeln zurückführen, nicht aber auf eine einzige, so daß die Gewißheit besteht, daß an mehreren Punkten der Erde von einander unabhängige Sprachentwicklungen statt- fanden. Manche Naturforscher behaupten ja sogar, die Mensch- werdnng selbst sei zeitlich und örtlich getrennt von Statten gegangen. Von der Sprache des Menschen wird auf seine Vernunft geschlossen, als ob die übrigen Thiere keine Vernunft besäßen! Es hieße wohl Wasser in's Meer schöpfen, wenn ich auch noch Beispiele anführen wollte, aus denen erhellt, daß kein Thier unvernünftig ist. Wer trotz Allem, was darüber schon geschrieben wurde, hinsichtlich dieses Punktes noch im Unklaren tappen sollte, dem kann ich nur dringend empfehlen, daß er das Thun und Treiben der Thierwelt beobachten möge; wer nicht mit Blindheit geschlagen ist, der muß bei solcher Gelegenheit in's Klare kommen. Selbst die Theologen und theologisirenden Naturforscher wissen in dieser Beziehung Bescheid, sonst hätten sie durch die Erfindung des„Instinkts" der Anerkennung thierischer Vernünftigkeit keinen Stein in den Weg zu legen gesucht. Freilich, die Grade der Vernunft, welche die verschiedenen Thiere besitzen, sind sehr verschieden, sowohl hinsichtlich der Arten, als auch hinsichtlich der Individuen. Ein Hund ist klüger als ein Schaf; und mancher Hund besitzt viel, mancher wenig Ge- lehrigkeit. Und unter den Menschen selbst existirt sicherlich die allergrößte Mannichfaltigkeit bezüglich der Vernunft. Ein Neu- Holländer ist viel dümmer, als der ungebildetste Engländer; und auf den armen und darum(!) wenig gebildeten Mann einer be- liebigen Jntelligenzstadt blickt der Gelehrte— recht ungebildeterweise, wie ich nebenbei bemerken will— nur sehr verächtlich herab. -Der Grad der Vernünftigkeit eines lebenden Wesens hängt von der Quantität und Qualität seines Gehirns ab. Die- jcnigen Thiere, bei welchen gar kein eigentliches Gehirn vorhanden ist, und bei denen statt desselben nur Nervenknoten vorkommen, wie z. B. bei den Insekten, sind gewöhnlich in geringerem Grade vernünftig, als solche, welche damit ausgestattet sind, obwohl auch hier einzelne Gattungen viel Verstand an den Tag legen, wie die Ameisen, Bienen:c. beweisen. Alle Wirbelthicre besitzen Gehirne, und zwar läßt sich nicht verkennen, daß auch dieses Organ sammt dem damit verknüpften Nervensysteme, ähnlich wie das Knochengerüste, die Verdauungs- organe u. s. w., nach einem einheitlichen Plane angelegt ist. Alle Gehirne, von denen der niedrigsten Fische bis zu denen der civilisirtesten Menschen, bilden eine S.tufenleiter, die ganz all- mählich und wohlvermittelt emporsteigt. Im Allgemeinen steht fest, daß hinsichtlich der Thierarten die relative Durchschnitts- größe des Gehirns über den Grad ihrer Vernünftizkeit entscheidet, im Einzelnen, also gegenüber den Individuen aber kommt daneben noch die Qualität in Betracht, und zwar so, daß nicht selten z. B. ein Mensch mit kleinerem Gehirne weit klüger sein kann, als einer mit quantitativ größerem Denkorgane. Dies beruht nicht etwa nur auf bloßen Folgerungen, sondern ist handgreiflich bewiesen worden. Die Qualität des Gehirns ist nämlich sehr auffallend äußerlich wahrnehmbar. Schon die Form des Schä- delö, die sich der Gehirnform entsprechend entwickelt, läßt den Kenner selten auf falsche Fährten gerathen, sondern offenbart ihm in der Regel, wenigstens annähernd, die betreffende Gehirnqualität. Es ist dies nicht allein bestätigt worden durch die Messungen von Schädeln gebildeter und ungebildeter Leute und civilisirter und wilder Menschen, sondern äuch durch die Messungen von Schädeln der lebenden und längst verstorbenen Geschlechter. Ein Hauptmerkmal ist in dieser Hinsicht die Abflachung der hin- tercn und Auswölbung der vorderen Schädelpartien bei qualifi- zirten Gehirnen, während ein umgekehrtes Verhältniß durchschnittlich eine geringe Gehirnqualität anzeigt. Eine gewisse relative Größe ist iiideß unerläßlich, und Gehirne von besonderer Kleinheit können nicht qualisizirt sein, vermuthlich weil sie von den gewöhnlichsten Denkfunktionen schon so sehr in Anspruch genommen sind, daß zu ihrer qualitativen Entwicklung keine Gelegenheit gegeben ist. Idioten lassen stets schon in der Schädelbildunz ein sehr kleines Gehirn erkennen; und die Dummheit der„Flachköpfe" ist längst sprüchwörtlich geworden. Wird nun aber ein Schädel geöffnet, so daß das Gehini bloßliegt, dann kann dessen Qualität vielfach erkannt werden. Da sind zunächst die Windungen und Furchen der Gehirn- oberfläche zu beachtende Erscheinungen. Zahllose Untersuchungen haben ergeben, daß die Mannichfaltigkeit der Gehirngliederung, wenn man vom Menschen abwärts schreitet, immer weniger her- vortritt, und daß eine Thierart desto verständiger ist, je tiefer die Furchen, je zahlreicher die Windungen sind und je regelloser die Gehirnoberflächc beschaffen ist. Die Gehirnmasse großer Denker wurde tief durchfurcht gefunden, deren Windungen waren viel zahlreicher, als bei Menschen von durchschnittlicher geistiger Be- fähigung. Oberflächlich betrachtet erscheint das Gehirn als eine breiige Masse; allein in Wirklichkeit gibt es kein Organ, welches eine so komplizirte Konstruktion hat, wie das Gehirn. Millionen ganz feiner Fäserchen oder Röhrchen, die sich hundertfältig durchkreuzen und verschlingen, sind da vorhanden, die alle bestimmte Funktionen zu verrichten haben, wie man wohl annehmen muß; noch ist es jedoch nicht gelungen, in diese Einzelheiten einzudringen, und die — sehr wünschcnswerthe— Erfindung von geeigneten Ver- größerungs- Apparaten und dergleichen würde ohne Zweifel zu vielfachen Entdeckungen innerhalb der Werkstätte führen, wo die Kräfte des Stoffes so Großartiges leisten, daß die daraus ent- springenden Resultate als Produkte des„Geistes" angesehen werden, des Geistes, welchen nian sich unabhängig vom Stoff und übernatürlich vorstellt. Wer weiß, ob es der Wissenschaft nicht noch gelingt, diesen„Geist" ganz direkt bei der Arbeit zu Major Eine biographische Skizze aus der Schw Von Robcr Auf halbem Wege von Vevay nach Lausanne liegt an einer Bucht des Genfersees das Städtchen Cully. Die steilen, durch ihren Wein berühmten Abhänge des Mont-Jorat drängen hier so nahe an den See, daß die Bewohner des Orts zum Theil genöthigt waren, mit ihren Häusern die Höhe hinanzuflüchtcn. Ein schmaler länglicher Platz befindet sich zwischen der Stadt und den blauen Flutheu des Leman. Er dient den Milizen zu ihren Waffenübungen, während die Allee alter Bäume, die ihn von der Wasserseite umschließt, eine angenehme Promenade bietet. Auf diesem Platze erhebt sich gerade da, wo der Reisende den Fuß an's Land setzt, eine Spitzsäule von Marmor mit der Inschrift: Seinem unterjochten Vaterlande die Freiheit bietend, Starb er, wie ein Held des Alterthums, allein für dieselbe; Und, ein frommer Vorläufer unserer nenen Zeit, Erwartete er ihren Tag in der Unsterblichkeit. Auf der andern, der Stadt zugekehrten Seite liest man: „1841 Dem Major Davel, gestorben für die Unabhängigkeit seines Vaterlandes den 24. April 1123." Wer war Davel?—„Ein Märtyrer der Freiheit seines Vaterlandes!" entgegnet der Waadtländer lebhaft: denn das Ge- dächtniß desselben lebt noch warm in Aller Herzen. Die neue Zeit hat die Tafeln der Geschichte mit unzähligen Namen Derer angefüllt, um deren Stirn die Erinnerung den Märtyrerkranz geflochten hat, und der Fremde verfolgt ohne weitere Frage seinen Weg. Allein seine Kälte reizt und entflammt den Angesprochenen— es gilt die Ehre Dessen, den die in dieser Beziehung so karge Schweiz eines Marmors werth fand, und er beginnt das Leben seines Helden mit kurzen Zügen zu beschreiben. Die Aufmerksamkeit des Fremden ist gefesselt und nach Analogien in der Geschichte suchend, um sich den Charakter Davel's zu erklären, findet er nur eine— die Erscheinung der Jungfrau von Drleans. Wie sie, so stützte auch Davel sich auf eine besondere göttliche Mission; auch ihm geschahen Zeichen und Wunder. Aber nuch ihn wird man ebenso wenig des Betrugs zeihen dürfen wie bas Mädchen von Domremy. Davel stammte aus einer Familie von Weinbauern; sein Vater hatte indessen den geistlichen Stand erwählt. Er war Pfarrer in Cully, und hier wurde Johann Daniel Abraham Davel "n Jahre 1667 geboren. Der Knabe war nicht ohne tüchtige geistige Anlagen und schon früh überraschte er durch die scharfe Auffassung der Predigten seines Vaters wie durch die Klarheit und Richtigkeit seiner Reflexionen. Dennoch erhielt er statt einer geehrten eine auf das Praktische gerichtete Erziehung, die seinen �brperlichen und geistigen Fähigkeiten eine um so selbstständigere Entwickelung gestattete. ertappen— viele seiner Mysterien hat sie ohnehin schon enthüllt. So hat z. B. die Chemie bereits einen tiefen Blick in die innere Sphäre der Gedankenfabrik gethan. Es fanden sich im Gehirn Stoffe, die bei keinem andern organischen Körper vorkommen, so das Cerebrin und das Lecithin. Ferner wurde konstatirt, daß die Gehirnmasse nicht durchgängig gleichmäßig stofflich zu- sammengesetzt ist, sondern daß in den einzelnen Theilen derselben beträchtliche diesbezügliche Abweichungen bestehen. Endlich ist man durch zahlreiche Vergleichungen zur Ueberzeugung gelangt, daß der Phosphor, welcher sich im Gehirnfett befindet, der eigentliche Vermittler der sogenannten Geistesthätigkeit sein müsse, indem derselbe in desto größerer Menge vorgefunden wurde, je intelligenter ein lebendes Wesen war.„Ohne Phosphor kein Gedanke!" sagt Moleschott. (Schluß folgt.) Dave!. eizergeschichte des vorigen Jahrhunderts. Schw eichet. Man betrachtete damals den Kriegsdienst allgemein als das beste Mittel, die Welt kenneu zu lernen und Geld und Ehre zu erwerben. Selbst Geistliche«heilten diese Anschauung. Auch Davel wurde für diese Laufbahn bestimmt, und er begann sie, nachdem er 20 Jahr zurückgelegr hatte. Ob ihn eigene Neigung oder der Wunsch der Eltern dazu bestimmte, kann nicht entschieden werden. Vielleicht bewog ihn ein geheimnißvolles Ereigniß dazu, auf das ich später zurückkommen werde. Davel diente und focht unter dem Prinzen Eugen, dem Herzog von Marlborough und Ludwig XIV. mit Auszeichnung. Seine Dienstzeit ging eben zu Ende, als der politisch-religiöse Bürgerkrieg 1712 ausbrach, der die kleinen katholischen Cantone der Schweiz dem protestantischen mächtigen Zürich und Bern gegenüberstellte. Die Unterthanen- Pflicht— denn schon seit 1536 stand das Waadtland unter der Herrschaft Berns— rief Davel zu den Waffen, ehe er noch die Heimat begrüßen konnte. Die Waadtländer galten damals für die tapfersten Truppen der Schweiz. Bern hatte ihnen, wie seiner ganzen Herrschaft, eine vorzügliche militärische Organisation gegeben; sie selbst ver- banden den feurigen Muth der Franzosen mit der zähen AuS- dauer des Bergvolks. Davel galt für einen der besten Ofsiiziere dieser Armee. Zwanzig Kriegsjahre, die er als Adjutant unter- feinem Landsmann, dem General Sacconay, gedient, hatten seine Geistesgegenwart, seine Klugheit und kaltblütige Unerschrockenheit erprobt. Die Schlachtfelder von Hochstetten und Ramillies waren Zeugen seiner Tapferkeit gewesen; der Sieg bei Bremgarten, der Ueberfall bei Seiß und der furchtbar blutige Tag von Villmergen, dessen Preis waadtländischer Heldenmuth errang, flochten ihm jetzt neue Lorbeeren. Abraham Viard, ein Sergeant aus Vevay, schildert Davel während dieser Schlacht, deren Entscheidung lange schwankte, mit folgenden Worten:„Schissley, Secretär der Generalität, sagte zu Davel:„„Wir sind verloren, wir weichen!"" aber Davel, ruhig wie bei einer Musterung, auf die Division Manuel zählend und auf die Ankunft der Brigade von Mullinen, welche die Luzerner im Rücken angreifen sollte, erwiderte:„Das ist nichts— warten Sie— bleiben wir fest und Sie werden gleich sehen, daß die Schlacht gewonnen ist."" Außer seinen Heldenthaten schreibt Davel selbst sich noch eine besondere Rolle während dieses Kriegs zu, und die halben Geständnisse seiner Zeitgenossen, die sich ebensowenig wie er auf Einzelheiten einlassen, bezeugen, daß er einen bedeutenden Einfluß auf die Ereignisse, eine Art geheimer Leitung derselben, eine besondere vertrauensvolle Stellung, die höher als sein Rang, gehabt habe. �Seine Freunde sprechen von bedeutenden Diensten, die er dem Staate geleistet, von delicaten und wichtigen Um- ständen, in denen er sich rühmlich anSgezeichncr habe, während 236 seine Gegner einfach bemerken, man habe gegen das Ende des Feldzugs seine Talente anerkannt. Welcher Natur diese besondere Rolle auch gewesen sein mag, unehrenhaft war sie gewiß nicht, denn sonst hätte Bern diesen Umstand später sicher benutzt, den Charakter Davel's in den Augen seiner Landsleute herabzusetzen. Sein Entwurf zur Befreiung des Waadtlandes rechtfertigte aber das anerkennende Urtheil seiner Feinde in politischer wie militä- rischer Beziehung. Mochte nun diese confidentielle Stellung dem Major Davel zur Schärfung seines politischen Blicks gedient haben, so gewährt ein anderes Ereigniß des villmerger Kriegs eine Einsicht in seinen Charakter und sein Gefühl, die für die Begründung seines spätem Entschlusses wichtig ist. Die verbündete Armee der Berner und Züricher war nach der Schlacht bei Bremgarten vor Baden an der Limmat, die gewöhn- liche Residenz des östreichischen Gesandten Trautmannsdorf, gerückt. Am 29. Mai 1712 begann ein furchtbares Bombardement auf den rings eingeschlossenen Ort, welches von den Katholischen kräftig erwidert wurde. Diese erklärten, sich lieber unter den Trümmern der Festung begraben zu lassen als sich zu ergeben. Zwei Tage dauerte schon die Beschießung, da schickte der Graf von Trautmannsdorf, der nicht aus der Stadt gewichen war, einen Parlamentär an Sacconay, den General en oüok des Berner Heers, mit der Bitte, den Kampf für einige Stunden einzustellen, damit die Gesandtschaft den Platz ungefährdet verlassen könne. Davel, für seinen Heldenmuth bei Brenigarten zum Unterstabs- major ernannt, erhielt den Auftrag, den Abzug des Grafen zu bewerkstelligen und zugleich sich mit dem Zustande Badens bekannt zu machen. Während die Gesandtschaft sich zur Abreise rüstete, ward Davel von dem Magistrate in ehrenvoller Weise begrüßt. Er benutzte die Gelegenheit, der Behörde die UnHaltbarkeit des Platzes begreiflich zu machen; er forderte sie auf, mit ihm in das Lager zu kommen, um sich von der Wahrheit seiner Behauptung zu überzeugen, indem er hinzufügte:„Wir sind keine unversöhnlichen Feinde. Nur mit Schmerz befolgen wir einen Befehl, der die Stadt in einen Aschenhaufen verwandeln muß." Davel's Vorschlag wurde angenommen, und Sacconay be- willigte den Abgeordneten eine Verlängerung des Waffenstillstandes, um ihre Kollegen für die Kapitulation zu gewinnen. Allein der Kommandant des Züricher Armeekorps erklärte ihnen, daß er 1 sich in keine Unterhandlungen einlassen könne und die Beschießung wieder aufnehmen würde, wenn Baden sich bis 1t) Uhr Abends nicht auf Gnade und Ungnade ergeben hätte. Diese Eröffnung verbreitete einen panischen Schrecken in der Festung. Die Besatzung wollte die Vertheidigung fortsetzen; allein die Bürger bemächtigten sich eines Stadtthors und ließen die Züricher ein. Baden mußte den Verbündeten den Huldi- gungseid leisten, 100 Louisdor für die Kirchenglocken der Stadt bezahlen, die nach Kriegsrecht der Artillerie der Belagerer gehörten, das Geschütz und sämmtliche Kriegsmunition ausliefern. Ihre Privilegien und ihr Glaube wurden den Einwohnen, gegen die Verpflichtung gelassen, außerhalb der Vorstädte eine protestantische Kapelle zu errichten. Endlich wurden trotz des heftigen Wider- spruchs Sacconay's und aller seiner strategischen Einwendungen die Festungswerke geschleift. Selbst das alte Schloß wurde niedergerissen und nur die Kapelle desselben blieb verschont, in welcher der Landtag des alten Bundes seine Sitzungen gehalten hatte. Davel konnte sich nicht verhehlen, daß seine Zureden zumeist das unglückliche Schicksal Badens verschuldet hatten. Denn bei dem guten Zustand der Festung unterlag es wohl keinem Zweifel, daß eine fortgesetzte Vertheidigung wenigstens zu einer günstigen Kapitulation geführt haben würde. In einem Briefe, den er hierüber an den General von Sinner, einen Bcrner Senator und seinen ehemaligen Waffengenossen richtet, erinnert er mit einer schmerzlichen Resignation an die Versprechungen, die er den Baden- fern gemacht, verwendet sich für sie und beklagt die verlorene Unabhängigkeit des Volkes. Zugleich warnt er den Patricier vor den Gefahren, welche der Hochmuth der Gewalt herauf- beschwören müsse. Er sagt:„Baden ist sehr hart behandelt worden. Dennoch würden die Interessen des Souveräns nur um so besser sich befinden, wenn man die Stadt menschlicher behandelt hätte. Die mehr als 100 Mann starke Besatzung hat sich nur auf meine Empfehlung hin ergeben, als ich Verordneter in der Stadt war. Ich hatte den Badensen, eine sanftere Behandlung versprochen, wenn sie sich ergeben wollten.— Ich fürchte, das Glück unserer Waffen verleitet uns zu einem Uebermuthe, der in seinen Folgen gefährlich werden kann. Aber ich darf mir keine Betrachtungen gestatten, die meine Stellung überschreiten." (Forlsetzung folgt.) Land und Leute in der Union. Für die„Neue Welt" von A. Douai. (Schluß.) Allein umsomehr sollte man von ihnen selbstständiges Denken, feste Ueberzeugnngstreue, uneigennützige Hingabe an edelmenschliche Zwecke und gründliche Durchbildung erwarten. Und grade daran fehlt es ausnehmend, während es den Engländern daran nicht gebricht. Daß sie»och kein einziges größeres Kunstwerk hervor- gebracht haben, Nachahmungen und Werke Eingewanderter aus- genommen, und daß auch bei ihren größten Männern der Wissen- schaft die neuen Gesichtspunkte und fruchtbaren Gedanken, die Ursprünglichkeit und Vielseitigkeit der Auffassung fehlen, ist höchst bezeichnend. Vielleicht noch bezeichnender aber ist ihr unbegrenztes Verbeugen vor Autoritäten, ihr Mangel an sittlichem Much, ihr Liebäugeln nach allen Seiten, welches sich unter dem Vorwand der Duldsamkeit(Toleranz), wie sie unter einer freien Ver- fassung nöthig sei, verbirgt, ihr Mitmachen aller Modethorheiten und ihre Scheu vor allen mißliebigen Ansichten und deren Be- kennern. In der Geschichte dieser Nation gibt es zahlreiche be- wundernswerthe Züge von Willenskraft und Selbstvertrauen, wes- halb auch die„selbstgemachten Männer"(Autodidakten) höchst häufig sind. Allein es nimmt nicht nur mit jeder neuen Generation die Willenskraft ab, sondern weitaus die meiste Energie hat sich im„Geldmachen" erschöpft oder an unmöglichen Leistungen zu- grundegerichtet, wie die Zehntausende patentirter Erfindungen beweisen, welche mehr gekostet als eingetragen haben und nie versucht worden wären, wenn die Erfinder von Haus aus mehr wirkliche Kenntnisse und Lerneifer besessen hätten. Um nur einige Beispiele anzuführen: es gab bis vor kurzem nicht einen ein- gebornen Modelleur oder Zeichner für Kunstsachen; es gibt noch heute unter den Hunderttausenden fähiger Redner höchst wenige, welche richtig betonen könnten; ohne Kulissenreißerei gefiel kein Schauspieler; es gibt keinen durchgebildeten Lehrer, der Anfängern ein sicherer Wegweiser sein könnte, wie man unterrichten muß; die Menge der Perpetuum mobile, welche patentirt sein wollen, übersteigt allen Glauben, und im Laufe der letzten Monate sind schon wieder zwei neue Naturkräfte entdeckt worden, deren wunder- bare Leistungen vielen Glauben finden. Kurz, die Oberflächlich- keit und der Hang zur Einseitigkeit rächt sich an den Amerikanern durch eine ganz unbeschreibliche Kraft- und Güterverwüstung, und die Anlage der Nation ist sichtlich im Abnehmen, wozu die ganz allgemeine Verweichlichung und Willenlosigkeit der Eltern bei der Kindererziehung ebenso sehr Ursache, als sie selbst eine Wir- kung der eignen Charakterlosigkeit ist. Wir könnten darüber ein dickes Buch voll Beweisen schreiben; aber erklären wir lieber aus der Natur der Sache, warum es gab nicht anders sein kann. Boden und Klima aller großen Festländer sind kulturfeindlich, außer wo stark und mannichfach vom Meere ausgebuchtete Küsten mit vielen vorliegenden Inseln vorhanden sind; und auch da sind 237 sie nur auf mäßige Entfernung iu's Innere hinein und außer- halb des Polarkreises kulturfreundlich. In der Jugend der Menschheit, wenn die Schifffahrt noch unbeholfen ist, dient auch die durch weite Meere abgeschiedene Lage als Kullurhinderniß. Deswegen sind das Sudpol-Land, Nenyolland und der größte Theil von Afrika und Asien sehr, fast ganz Amerika ziemlich kulturfeindlich, und nur Europa, mit Ausnahme des Nordostens, kann als eigentlich kulturfreundlich bezeichnet werden, d. h. fähig, eine stets fortschrittliche Menschheit zu entivickelu. In allen au- deren Ländern konnten Menschen entweder gar nicht entstehen, oder, wo sie entstanden und wo sie einwanderten, mußten sie auf einer der niedrigen Entwicklungsstufen stehen bleiben, von welcher aus ein freiwilliger Fortschritt nicht möglich ist. Völker, welche aus einem besieien Kulrurlande in ein schlechteres umsiedeln, schreiten ohne Ausnahme zurück, und zwar um so mehr, je größer der Unterschied zwischen beiden ist. Nur Völker der höchsten Kulturstufe trotzen der Ungunst des Bodens und Klimas lange, vermögen vielleicht auch sich auf ihrer Höhe zu. erhalten, wenn sie eine ganz planmäßig darauf berechnete Lebensweise einhalten; aber daß sie dies können und sogar ihre Natur verbessern, ist noch durch keine einzige geschichtliche Erfahrung belegt. Wenn im Verlaufe der Jahrhunderte der Boden eines Landes aus- gesogen oder durch Kriege entwaldet und das Klima dadurch verschlechtert wird, sinkt auch die Kultur des Volkes, und sie steigt mit der Verbesserung des Klimas. Kurz, in der Kindheit und Jugend der Menschheit sind Boden und Klima die einzigen Ursachen der Entwicklung; sie erzeugen die Verschiedenheit der Rassen und Völker. Die Abstammung tritt erst später in die Verkettung entwickelnder Ursachen ein und wird nie eine so be- deutende Macht auf die Geschichte der Aienschen ausüben, daß sie nicht durch Boden und Klima geschwächt werden könnte. Diese und eine Menge weiterer daraus folgender Satze können auf das genügendste bewiesen werden; wie alle naturwissenschaftlichen Gesetze keine Ausnahme gestatten, so gibt es auch kein Volk, welches ausnahmsweise seines Klimas Herr geworden wäre, so wenig als je die sogenannte menschliche Willensfreiheit ein Natur- gesetz hat verkehren können. Nachdem also auf dem Boden Amerikas alle Menschenrassen, ja selbst fast alle ihre Unterarten, nach ihrer Einwanderung ent- weder sofort zurückgeschritten sind oder doch nur eine kurze fort- schrittliche Blüthe entwickelt haben, um dann ihren unaufhalt- sameu Verfall zu beginnen; und nachdem selbst bei den hierher versetzten kräftigsten Fortschrittsoölkern Europas der Verfall sichtlich begonnen hat, so behaupten wir zwar nicht, daß es kein Mittel gebe, diesen Verfall aufzuhalten oder sogar die Entwicklung in gleichbleibender Höhe zu erhalten. Was wir aber beweisen können, ist, daß die planmäßige Anwendung passender Mittel noch nicht erfunden, geschweige denn vereinbart wäre, und daß im allerbesten Falle die Menschheit hier Europa nicht überflügeln, an Kultur- fortschritt nicht übertreffen, nicht die Lehrerin, sondern immer nur die bereitwilligste Schülerin Europas werden könne. Wir wissen, daß alle Vervollkommnung der menschheitlicheu Anlage nur auf dem Boden des westlichen Europa eizielt werden kann, um von hier aus durch'Nachahmung über die Erde verbreitet zu werden. Und von diesem Gesichtspunkte aus gewinnt die europäische Massenauswanderung nach Amerika die Bedeutung einer Ver- Wüstung werthvollster Kraft, welche Europa zu Rathe halten sollte. Die Folgen des amerikanischen KlimaS sind zwiefach, je nach- dem die Lebensweise der Einwohner geregelt ist. Entweder man gibt sich einer lebhaften geistigen Thätigkeit hin, wie es die Mehr- zahl der Angelsachsen thun und gethan haben; dann schwächten der arge und so häusig schroffe Wechsel zwischen dem Uebermaße der Hitze und Kälte, Trockenheit und Feuchtigkeit, elektrischen Spannung und Abspannung der Luft und die dadurch veranlaßten Unvorsichtigkeiten in der Lebensweife, zuerst das Nervenleben durch vielen Wechsel übermäßiger An- und Abspannung, dann die Er- nährung, dann die Muskelthätigkeit und Zeugnugskraft, und Schritt für Schritt auch das Gehirnleben. Und dies Alles ist von den besten hiesigen Aerzten und Naturforschern längst an- erkannt. Oder man bethätigt sich geistig so wenig wie die zweite und die folgenden Generationen der Deutschen es thun, dann wird eine dem Klima besser angepaßte Diät das Leibesleben zwar länger, aber doch nicht ganz vor Verfall bewahre», jedoch ein gei- stiges Leben nicht in fortschrittlichem Maße aufkommen lassen, wahrend eine unangemessene körperliche Lebensweise obendrein die Gesundheit weit rascher und völliger zugrunde richtet, als mau es in Europa erleben kann. Es kann aber keinem europäischen Auswanderer, der dies weiß, gleichgiltig sein, ob er seine Nachkommenschaft einem leib- lichen und geistigen Verfalle von Stufe zu Slufe preisgeben muß, zumal deren massenhafte Rückwanderung nach Europa kaum möglich ist. Geht auch der Verfall bei vernünftiger Lebensweise ziemlich langsam, so kann doch schon jeder Einwanderer, welcher Großvater oder Urgroßvater geworden ist nnd ein Auge für der- gleichen hat, die stufenweise Abnahme der Begabung von Glied zu Glied unter den Seinigen recht wohl feststellen. Es ist kein i Wunder, daß unter den alten Familien, welche eine amerikanische Erfahrung von zweihundert und mehr Jahren aufgespeichert haben, der Pessimismus sehr verbreitet ist. Fingerzeige)mn gesunden Leben. Von H. 2J. 2. Unsere Wohnungen. (Zortlegung.) Die Hälfte der geborenen Kinder fällt dieser verpesteten Atmosphäre zum Opfer, und auch die Heranwachsenden bleiben weit unter dem durchschnittlichen Lebensalter der in besseren Wohnungen Lebenden. Was nützt es den Aermsten, Kranken- lassen zu organistrcn, wenn die Hauptursache chrer schlechten Gesundheit, die schlechten Wohnungen, bestehen bleiben? Ist es ein Wunder, wenn sich die Seele so Vieler verfinstert in der düstern, höhlenartigen Behausung? Wenn sie es müde werde», fort und fort ohnmächtig gegen diese Verpestung anzukämpfen, und lieber in Schmutz und Uurath verkomme», dem Neide nach- hängen und auf Verbrechen sinnen? Es gehört mehr mora- lische Kraft dazu, als mancher Sittenprediger selbst besitzen mag, um in solchen Wohnstätten sich körperlich und geistig rein zu halten, mehr Entsagung, um dort ei» Familienleben zu führen, Mehr Selbstübenviudung, um dort noch Liebe für Mitmenschen und Gesellschaft, noch Sinn für Bürgerpflicht zu hege», als die Mehrzahl der Philanthropen sich träumen läßt. Deshalb ist es auch ein vergebliches Bemühen, durch Lehren und Predigen, durch Mahnen an christliche Entsagung, durch Hinweisen auf ein freu- digcS Dasein im Jeuseils die Armen heben und bessern zu wollen. Solche Worte können von ihnen nur als Berhöhnnng ihrer traurige» Lage ausgefaßt werden. Hier hilft auch keine Privat- wohlthätigkeit, hier kann nur durch energisches Eingreifen der Gesetzgebung, der Kommunal- und Staatsverwaltung eine Aen- derung bewirkt werden. Ehe wir jedoch die Stellung der Gesetzgebung unseren Woh- nungen gegenüber in'« Auge fassen, muß noch eins erwähnt werden: nämlich die Einwirkungen, denen die Wohnungen von außen her anSgesetzl sind. WaS nützt mir das zweckmäßigst gebaute und eingerichtete Wohnhaus, wenn der große oder kleine Rinn- stein, der vor der Thür vorbeiführt, oder die Äbtrittgrube unter meinem Fenster die Luft verpestet und ungesund macht, oder wenn nebenan eine Leimsiederei, Talgschmelzerei und dergleichen steht, durch deren Ausdünstungen die Luft ebenfalls in einer Weise ver- dorben wird, daß mau krank werden muß? Hier ist meine per- sönliche Bemühung um Fernhaltung dieser Schädlichkeiten ganz «r. ungenügend. Ich kann den Rinnstein vor dem Hause, in dem ich wohne, reinigen; aber wenn dies nicht allgemein geschieht, wird der Gestank deswegen doch nicht verschwinden. Ich kann hohe, helle Fenster und eine gute Ventilation in meinem Hause haben; meine Wohnung wird deshalb doch düster und feucht sein, wenn gegenüberstehende Häuser das meine einklemmen, von der Sonne absperren und ihm Luft und Licht abschneiden. Hier kann ebenfalls nur durch allgemein giltige gesetzliche Bestimmungen einem gefahrvollen wüsten Durcheinander vorgebeugt werden. Gesetzliche Bestimmungen sind hier nicht nur im Interesse der öffentlichen Wohlfahrt, sondern auch im Interesse der öffentlichen Sicherheit, des öffentlichen Verkehrs und des öffentlichen Anstandes noihwendig, und zwar in um so höherem Grade, je größer der betreffende Ort ist. Es stellte sich daher schon früh die Roth- wendigkeit heraus, durch Aufstellung von allgemein giltigen Bau- regeln der planlosen Errichtung von Gebäuden vorzubeugen. Der ursprüngliche Zweck aller so entstandenen Bauordnungen war demnach, zu verhindern, daß zum Rachtheile der öffentlichen Wohl- fahrt, der öffentlichen Sicherheit und des öffentlichen Verkehrs und Anstandes gebaut werde. Bis zu einem gewissen Grade tritt dieser Zweck auch bei allen Bauordnungen zu Tage; doch wäh- rend eine wirklich gemeinnützige Bauordnung das Interesse der öffentlichen Wohlfahrt obenan stellen würde, ohne deshalb die Aiifoideruugen der öffentlichen Sicherheit, des Verkehrs und ves Anstandes zu vernachlässigen, haben viele Bauordnungen auf die öffentliche Wohlfahrt nur sehr wenig Rücksicht genommen, dagegen ihr Hauptaugenmerk, je nach den Sonderinteressen der äugen- blicklich maßgebenden Persönlichkeiten, auf andere Dinge, sei es auf die äußere Form, sei es besonders auf die Vorkehrungen gegen Einsturz und gegen Feuersbrunst, oder auf die Errichtung von möglichst zahlreiche» und großen Gebäuden auf dem möglichst kleinen Räume gmchtet. Obwohl die nach dergleichen Grund- sätzen errichtelcn Wohnungen für die Besitzer den Vortheil haben, daß sie eine höhere Rente abwerfen, so verschlechtert sich doch dabei der Gesundheitszustand der betreffenden Miethsbevölkerung in so erschreckender Weise, daß einsichtige Behörden sich trotzdem entschlossen haben, der vernachlässigten öffentlichen Wohlfahrt eine größere Aufmerksamkeit in den Bauordnungen zu widmen, auch wenn damit eine Verminderung des Gewinnes der Grundbesitzer verknüpft ist In der That, wenn die Staatsbehörde sich erst einmal von der Rothwendigkcit überzeugt und sich entschlossen hat, gegen den Ve»kauf verfälschter und verdorbener Rahrnngsmiltel einzuschreiten, den Verkauf von mit Arsenfarben gefärbten Tapeten und Kleidern zu verbieten, so darf sie auch nicht zugeben, daß das tausendmal mörderischere schleichende Gift einer finster», feuchten, engen und mit verdorbener Luft erfüllten Wohnung Jahr um Jahr seine Opfer dahinraffe. ES waren englische Behörden, welche zuerst entschiedene Maßregeln in dieser Beziehung ergriffen; ihrem Beispiel folgte bald Frankreich nach, während wir bei uns in Deutschland kaum von Anfängen sprechen können. Die Verheerungen, welche durch Cholera und Typhus in den großen englischen Städten in den Jahren 1832— 37 angerichtet wurden, veranlaßten die Em- setzung eines Untcrsuchungg-Ausschusses des Unterhauses, und in- folge der Belichte dieses Ausschusses kam die Act for promoting tlie Public Health(Gesetz zur Beförderung' der öffentlichen Gesundheit) am 31 August 1848, und die Act kor thc more speedy Itemoval of ccrtain nuisances and the Prevention of contagious aiul epidemic diseases(Gesetz für die schnelle Wegschaffung gewisser Schädlichkeiten und die Vorbeugung an- steckender und epidemischer Krankheiten) am 4. September 1848 zu Stande, in denen das Geneial Board ot Health(allgemeine Gesundheitsamt) errichtet wuide. Hierauf folgten bald andere Gesetze, so 1853 das betreffend die Cominon lodging houses (gemeinsamen Logirhäuser), 1858 die Hocal Government Act (Gesetz über die Ortsverwaltung), 1863 die Artisaus' dwellings Act(Gesetz über Haudweikerwohnungen) und besonders für die Hauptstadt die Metropolitan Buildings Act kor London(Hauptstädtisches Gebäudegesetz für London) und die Act kor thc better Local Management of the Metropolis(Gesetz für bessere Lokal- Verwaltung der Hauptstadt), durch welche die früheren Verord- nungen erweitert und verbessert wurden. Diese Gesetze bezogen sich zunächst nur auf die Städte mit über 10,000 Einwohnern; sie ordnen für dieselben nicht nur die sanitäre Beaufsichtigung der Neubauten, sie sorgen auch für die Durchführung der Gesundheitsregeln in schon bestehenden Wohn- Häusern, setzen die Maximalzahl der Bewohner für die Wohnungen fest u. s. w. Sie ermächtigen die Gemeinden, behufs Ausführung dieser Bestimmungen hohe Geldstrafen auf das Vermiethen von für ungesund erklärten Wohnungen zu setzen, nöthigenfalls deren Ab- sperrung, ja die exekutive Abänderung der Uebelstände, den Ver- kauf zum Abbruch, den Umbau oder Neubau zu verfügen. Von diesen Rechten machten die betreffenden Behörden einen umfassenden Gebrauch. Frankreich zögerte nicht, dem von England gegebenen Bei- spiel zu folgen� Am 20. Nov. 1848 wurde die Ordonnance concernant la salubrite des habitants(Verordnung, betreffend die Gesundheit der Einwohner) erlassen, und am 13. April 1850 die Loi relative ä rassainissement des logemcnts insalubres (Gesetz, betreffend die Gesunvmachung ungesunder Wohnungen). Durch die Verordnungen vom 15. Dezember 1851 und 23. No- vember 1853 wurde die Errichtung von Gonseils d'hygiene et de salubrite(Gesundheitsräthe) in allen großen Städten ver- fügt, denen sich für die Departements Generalräthe und in Paris ein Central-Gesundheitsrath(Gonseil central de salubrite) anschlössen. Außerdem wurde für Paris noch eine besondere Gom- Mission des logemeuts insalubres(Kommission für ungesunde Wohnungen) errichlet, der namentlich die Aufgabe zufiel, die un- gesunden Wohnungen herauszusuchen und die Mängel derselben den Besitzern und dem Gonseil municipal mitzutheileu. Die heilsamen Wirkungen aller dieser gesetzlichen Bestim- münzen zeigten sich bald. Die Gommission des logemcnts insalubres in Paris fand z. B. allein in den Jahren 1857— 59 1645 ungesunde Wohnungen. Von diesen wurden auf den bloßen Rath und die Mahnung der Kommission 1097 Wohnungen oder 66,6 pCt. freiwillig verbessert und in gesunden Zustand versetzt, 247 Sachen wurden vom Gonseil municipal entschieden und nur 41 gingen bis zum Gonseil de prekecture und 45 vor das Tribunal. Diese 1645 beanstandeten Wohnungen beher- bergten mehr als 70,000 Menschen, worunter viele Greise und Kinder, für welche die Wohnungsschädlichkeiten besonders nach- theilig sein mußten und deren Loos auf diese Weise wesentlich gebessert wurde. Diese Ergebnisse spornten den Eifer der Be- Hörden zu noch größerer Thätigkeit an. In den Jahren 1860 61 wurden 1571 und in den Jahren 1862-65 noch 13,950 Woh- nungen von der Gommission des logemcnts insalubres als ungesund bezeichnet. Von diesen 13,950 beanstandeten Wohnungen wurden 12,253 oder 87,8 pCt. freiwillig in gesundhecksbienlichen Zustand versetzt und nur 1617 mußten durch Anordnungen des Munizipalraths und 80 durch Befehl der Präfektur entsprechend hergestellt werden. So nimmt auch der Widerstand der Bevöl- kerung gegen neue Maßregeln der Behörden bald ab, wenn dieselben nur wirklich gemeinnützig sind. In England war die wohlthätige Wirkung der erwähnten Gesetze nicht weniger großartig. Wie Dr. Chalibaeus in Dresden mittheilt, kamen im Jahre 1850 in London in einem einzigen Public lodging bonsc(öffentliches Logirhaus, Hotel garni) allein 20 Todesfälle an Typhus und verwandten epidemischen Krank- heiten vor. Im Jahre 1853, nachdem diese Logirhäuser de» sanitären Bestimmungen entsprechend hatten umgestaltet werden müssen, kamen unter den 30,000 Personen, die in denselben be- herbergt wurden, im Ganzen nur 10 Todesfälle durch typhöse Krankheiten vor. Während ferner im Jahre 1854 in ganz London auf 10.000 Bewohner 44, in den schlechtesten Stadt- vierteln sogat 259 Todesfälle kamen, war sie grade in den Logir- Häusern, obgleich deren Bewohner sich hauptsächlich aus den schlech' testen Stadtvierteln rekrutiren, 8 auf 10,000.(Fortsetzung folgt.) 239 Abgerissene Silber ans meinem Leben. Von Joh. Ph. Becker. (Forssetzung.) mäßig verstopften Ohren, beständig aus seinem rothumflossenen linken Auge helle Thränen fließen ließ und, indem es sich an meinen Rockknöpfen festhielt, mir geiferspritzend und mit widerlich heiserer Stimme in's Ohr sagte:„Wir sind hier unter gefähr- lichen Leut'!" Ohne aber das Enve der ekligen Ohrenhüftelei abzuwarten, rief ich, mich barsch losschüttelnd, laut ihm zu:„Run, so erzählen Sie auch einmal etwas von Ihrer Unschuld, vielleicht trägt Ihr gutes Beispiel etwas zur Besserung dieser gefährlichen Leute bei." Nach einigem Besinnen begann denn auch das Angst- meierchen:„Großer Gott, was soll ich sagen von meiner Un- slbuld? Es muß doch Jeder sein unschuldig, wen» er nicht kann sein schuldig. Ich soll haben geschrieben eincn falschen Wechsel; wie kann ich aber schreiben einen falschen Wechsel, wenn ich Nicht kann schreiben einen Buchstaben? Es ist grad', als wenn Einer hält' keine Händ' und man thät sagen, er hätt' gestohlen einem Andern das Geld aus dem Sack. Behüt' mich Gott vor falsche Wechsel! Aber die Richter werden mir auch helfen heraus, denn wie mancher ist darunter, dem ich Hab' gepumpt blankes Geld und schöne Kleider, als er noch war armer Student"„Potz Himmelsakrament! Da hört einmal das arme Schmulchen, das immer mit dem einen Auge weinen und mit dem andern gleich- zeitig lachen kann, und das sich stets die Ohren verstopft, damit es nichts hört, wenn ihm Einer, den es betrogen hat, zuruft: „„Hepp, hepp, Spitzbubenjud'!"" rief ihm ein bisher stumm ge- bliebener, äuße st bL.sser und hagerer Stubengenosse entgegen und fügte bei:„Wenn du auch einmal einem von den Richtern Geld gepumpt hast, so hast du ihm gewiß ckus lauter Freundschaft solche Wucherzinsen abgeschunden, daß ihm die Augen übergegangen sind und er dich nun aus purer Erkenntlichkeit, Wurst wider Wurst, gehörig verknurren helfen wird."„Allmächtiger Gott, ich und Wucheizinsen! Du weißt, wie oft ich keine Zinsen und kein Kapital mehr Hab' gesehen und wie ich immer gethan Guts den armen Leut'!" entgegnete weinerlich der auch sonst noch sichtbar beklemmte UnschuldSbetheuerer. Rasch warf ihm jedoch der Hagere folgenden Hieb in's Gesicht:„O, du von aller Welt verfluchter Prozentenkrämer! Lass' doch einmal den Herrgott aus deiner schwarzen Wasch', der kümmert sich nicht so viel um dich, als du dich um deinen gespickten Geldsack. Du hast nie etwas ge- schafft, hast Zinsen sam.nt Kapital verloren, hast den Armen Gul's gethan, bist vom armen Betreliud' ein reicher Geldjud' geworden; wie hast du's denn gemacht, wenn nicht gestohlen? Dagegen Hab' ich zwanzig Jahr' lang Tag und Nacht geschafft, den Webstuhl getreten und das Schiffchen gestoßen und bin immer ein armer Leineweber geblieben." Wahrend nun auf diese derbe Lektion der ehrliche Isaak seine linksäugigen Thränen abwischte, sprach der vielgereiste Suppengerstenhändler recht melancholischen Tones:„Ja, ja, das ist überall, wo man hinkommt, dw gleiche Geschicht': der beutelschneiderijche Faullenzer wird ein reicher Kautz und der fleißige Arberter bleibt ein armer Teufel. Drum Hab' ich auch, ats ich noch Mrhlknecht war, gedacht, wie ist doch das Iprüchwort so wahr, daß, wenn Einer vom Arbeiten reich werden thät', so wär' bald der Mnhleset reicher als der Müller. Und Hierauf fing nun die Kupfernase so heftig und halSraspelnd, wie sonst noch nie, zu kreischen an:„Ei, ei, wie der verfluchte Gaudieb auf einmal so fromm thut, als wenn er der Pfarrer von Epstein wär', und als wenn man nicht wüßte, daß dieser Slrauchmörder schon früher zwei Jahr' im Zuchthaus von Kaisers- lautern am Spinnrad gebrummt hält'. Ja, wenn so ein General- strolch freigesprochen werden thät', so bekämen wir andern brave Leut' über unsere Freisprechung hinaus noch ein gutes Trinkgeld und ein Ehrenkreuz heraus."„O ja, dir wünsch' ich ein gutes Trinkgeld, daß du dich todt schnapse» könnt'st und bald ganz die Kränk am Leib hälfst, du miserabeles Buchsmasergesicht," er- widerte, ergrimmt thuend, der Gaudieb, unter allgemeinem Hohn- gelächter. Zischen und Pfeifen der Andern, wie bei einem Theater- Fiasko.„Nun, da soll doch ein Krcuzheiligdonnerwetter so eine lumpige Boutik' zusammenschmeißen, wo da jeder Spitzbub' un- schuldig sein will," schrie jetzt ein vierschrötiger Küferbursche, mit mächtiger Faust durch die Luft hauend, in den Heidenlärm hinein. „Ja," fuhr er fort,„ihr seid lauter Heuchler und Großmäuler; ich sag's frei heraus, ich bin nicht unschuldig, ich will auch nicht unschuldig sein, ich bin froh, daß ich schuldig bin. Da Hab' ich vor unserm Haus auf der Gass' einem großen Faß die Reif' angetrieben und dabei das Freiheitslied gepfiffen. „„Der Hauptmann, der lebe, der geht uns kühn voran, Wir folgen ihm muthig auf blui'ger Siegcsbahn,"" als grad' zwei Gensdarmen vorbeimaschirt sind, die mir gesagt haben, ich sollt's Maul halten, das wär' ein verbotenes Lied, das ich pfeife» thät'. Drauf Hab' ich gesagt: Nun, wenn man nimmer pfeifen darf, so will ich auch Ems singen, und Hab' auch gleich angefangen: „„Fürsten zum Land hinaus, Jetzt kommt der Völkerschmaus; Arislokralen werden gebraten, Fürsten und Pfaffen, die werden gehängt."" Da wollten sie mich gleich packen; ich aber war nicht faul, und Hab' ihnen mit meinem Küserhammer auch die Reif' angetrieben, daß sie ihr Lebtag an mich denken werden. Gestern Mvrgen sind sie aber, wo ich schon gar nicht mehr an den Spaß gedenkt Hab', ihrer sechs gekommen, haben mich aus dem Bett geholt und da in diesen Brummkasten gesteckt. Wenn ich aber wieder draus bin, und es kommen mir noch einmal so ein Paar bayrische Pappjäck' in den Weg, so hau' ich sie lcderweich, und wenn mich's auch das Leben kost't; ich will ein freier Mann fein und immer für die Freiheit kämpfen."„Ja, der hat Recht!"„Da bin ich auch dabei!" und„Ja, so muß es kommen!" riefen nach einander verschiedene Stimmen. Doch ein mir eben näher getretener Ge- nosse sagte mir halblaut:„Der Küfer gehört gewiß zu der Schreckensmännerbande, die schon seit Jahr und Tag um Franken- thal herumhaust und wo einer Nainens Schanfilp(Jean Philipp) der Hauptmann davon ist."„Das ist wahr." begann jetzt mein linksseitiger Mebenmann mit noch leiserer Stimme, aber um so wichtigerer Miene, den Schanfilp Hab' ich schon gesehen(er log natürlich), das ist ein wahrer Herrzottsakcrment, ein Kerl wie ein der Eincn packt, so wirft er ihn über sechs � va soll man auch noch an einen Herrgott glauben? O, ich wollte, V'N einmal em ro/Wr Tmift Hin' inih thSt' 9iief', und wenn.......... r- Tisch' hinaus Ja, der hat die Tausendtränk im Leib und i>l noch ärger als der Hesselt(ein Räuberhauptmann), dem sie in Mainz den Kopf'runtergeschlagen haben." Hiermit erfuhr ich über einmal, daß ich schon eine ganz rührende Legende hinter mir hatte, was mich bei meiner damaligen Eitelkeit auf meine Leibes- starke nicht wenig entzückte, obwohl ich dabei die Vergleichuug wit einem so greulich berüchtigten Räuberhauptmann mit in den �auf nehmen mußte. Doch sollte ich jetzt nicht lange solch süßer Verzückung überlassen bleiben, denn eben trat ein kleines, jedoch Ziemlich wohlbeleibtes und feingekleideteS Männchen, nicht wenig Zudringlich, dicht an mich heran, das, bei mit Baumwolle über- daß einmal ein rechter Teufel käm' und thät' Alles zusammen- schmeißen."„Es wird eben nicht besser zzehen, wenn nicht wieder die Franzosen kommen," setzte mit Prophetengeberde der lange Hausiiersritz hinzu.„Was Franzosen! immer warten auf die Franzosen! Wenn wir nicht bald selbst dreinschlagen, so hilft Alles nichts. Der Herrgott mag den Gensdarmen gnädig sein, wenn ich wieder'raus komm'!" schrie zornerglüht der Küferbursche dazwischen, über dessen Worte sich nun ein ebenso verwirrtes alS heftiges Wortgezänk entspann, bis nach Ermüdung der erhitzten Schreihälse endlich allgemeine Stille eingetreten war. (Forlsetzung folgt.) 240 Der Wächter steht auf Jssy's Walle Und schaut zur Weltstadt ernst hinab, Die in des Morgennebels Balle L'egt stumm und schweigend, wie ein Grab. Doch keine Ruhe deckt das Schivelgen, Gcschäflig schmückt zum Hochzeilsreigen Sich dort Paris, die Todesbraut. Es findet sie im Waffenglauze, Gerüstet zu dem legten Tanze, Der Morgen, der im Osten graut. Und horch, wie eine Donnerwolke Entrollt das rolhe Banner sich. Es fliegt voran, voran dem Volke, Noch Keiner von dem Banner wich. Stets eilten sie, mit festem Willen Bereit, die Breschen auszufüllen, Die schon der Feinde Eisen brach. Die Menschenletber statt der Steine— Fest sind die Mauern, sinket eine, So rückt die andre ruhig nach. Und nirgends Weinen, nirgends Klagen, Und nirgends Todesfurcht und Grau'n, So munter wie in Friedeustagen Des Proletariers Blicke schau'n. Nur Wasfenglanz an allen Enden, Die Flinte selbst in zarten Händen, Die Schwerler blinkend hell und frei, Und, singend die Marseiller Weise, Der Knabe wettend mit dem Greise, Errichtet Barrikaden neu. Es ist Paris, es ist das alte, Das einst den starren Bann zerriß, Wo Bourbons Todesjchrei verhallte, 's ist das rebellische Paris. Ha, Marat's Geist schwebt um die Fahnen, Die Trommeln wecken Danton's Manen, Es kocht die Fluth der Rebellion; Die alten Helden sind es wieder, Die freien gleichen Waffenbrüder; So war es Dreiundneunzig schon. Und rings herum in weiten Kreisen Die Feinde all', bereit zur That; Viel Tausend Feuerschlünde weisen Hin nach Paris dem Tod den Pfad. Es lauern rings herum die Geier Schon auf die blut'ge Leichenfeier, Es rüstet Alles sich zum Mord. Die Orleans und die Bourbonen— Horcht, horcht! Schon grüßen die Kanonen— Tie Bonaparte lauern dort. Ter Untergang der Commune. Mit Macht beginnt die Kanonade— Wer hört darauf?'s ist Alltagsspiel. Es schnieltert zündend die Granate— Man achtet darauf heut nicht viel. Doch was ist das? Wo sind die Wachen? Wer liefert uns in Feindesrachen? Seht da die Porte von Saint Cloud! Das sind die Krieger von Versailles— „Ans Kameraden, zur Balaille! Verrath, Verrath!" ruft man sich zu. Der Feind! Der Feind ist eingedrungen, Der Feind ist endlich in der Stadt. Nun ist das Henkerbeil geschwungen, Die legte schwere Stunde naht. Wie die Lawine, die im Rollen Wächst riesenhaft im Lauf, im tollen, Bis sie verschüttet Torf und Thal, So füllen Plätze sich und Gassen Urvlötzlich hier mit Svldnermassen, Im Handgemenge zuckt der Stahl. Tie letzte Sitzung der Commune Tagt noch im Stadthaus, als ein Schuß Von außen trifft die Rednerbühne. Verlangend der Debatten Schluß. Und man versteht die rauhen Grüße, Es spricht der edle Delescluzet „Jetzt, Bolkslribunen, zeiget Math. Es stirbt der Freiheit Metropole, Roth ist die Fahn', Tod die Parole— Jetzt ströme unser rothes Blut." Und iu's Gewühl des wilden Kampfes Stürzt die Regierung sich hinein. Der Nebelhauch des Pulverdampfes Hüllt schon die Barrikade ein. Doch weht das Banner noch, das rothe, Bis Delescluze, erfaßt vom Tode, Als Leiche zu den andern rollt. Daun schreitet weiter die Brigade, Bis zu der nächsten Barrikade, Wo sich das Ringen wiederholt. Der Bendomeplatz wird noch' gehalten, Wo sonst des Korsen Schandpfahl stand, Da sieht man jetzt des Volkes Walten, Doch ringsum loht der rothe Brand. Nur eine einzige Kanone, Zwölf Mann und eine Amazone, Die andern liegen bleich und starr. So wie einst an den Thermopylen Der Sparter beste Helden stelen, So sinket hier der Proletar. Auf Pere Lachaise, dem Todtenhaine, Auch dorten lobt die grause Schlacht, Es wi.> aus jedem Leichensteine Ein Bollwerk für den Kampf gemacht. Die Erde bebt von Pulverjchlägen, Die todlen.Jnnikämpfer regen Sich unten in der Gräber Schoß. Sie fragen:„Immer noch das Morden? Ist oben noch nicht Tag geworden? O Volk, wie bitter ist dein Loos!" Hart kämpft man um die Tuilerien, Man stürmt sie viele Stunden lang, Bis endlich draus die Funken sprühen, Bis endlich drauf die Fahne sank. Nun weht, erweckt vom Bombenregcn, Anstalt der Fahne, wildverwegen Die Flamme, die zum Himmel schlägt. Sie prasselt in dem Fürstennestc, Hat rasch die letzten Ueberreste Des Kaiserdunsts hinweggefegt. Die Soldateska unterdessen, Sie jauchzt vor Mordlnst, haut und sticht, Rast durch die Häuser, wie besessen, Schont lodeswunde Feinde nicht. Sagt doch, wer sind die rohen Horden, Die Weiber selbst und Kinder morden? Nicht die Loire-Armee ist dies? � O nein, es sind Bazaine's Schaaren, Tie drüben lang' gefangen waren. Man warf-die Panther auf Paris. Ir■. Und weiter rast der Mord und weiter, Heiß in den Straßen dampft das Blut. Selbst manchen der Kommunestreiter Erfaßt jetzt thierisch wilde Wuth. Es tritt das Blut ihr auf die Stirne, Der Rebellion, der zorn'gen Dirne: „Wo sind die Geiseln?" ruft sie wild. „Ihr habt gemordet und verralhen, Ihr leyet euch au Füsiladen,— Jetzt schaut auch unsrer Rache Bild." Vernunft wird übertäubt.„Was Schonung? Seht diese Leichen, sehet her! Das ist der Menschlichkeit Belohnung! Die Menschlichkeit— sie ist nicht mehr!" Der tolle Haufe stellt die Schützen. Halt ein!— Zu spät.— Die Schüsse blitze», Die ersten Geiseln fallen schon. Die Flintenläufe blinken wieder, Es stürzt der stolze Bischof nieder, Ter Günstling des Napoleon. Die Schützen seh'n ihr Opfer bluten, Und in dem nächsten Augenblick, Umschlungen von des Kampfes Fluthen, Trifft sie das nämliche Geschick. Ein unermüdlich Menschenschlachten,— Das Leben ist für nichts zu achten.— So hält acht Tage lang es an. Was dann gefolgt— die Repressalien, Der Sieger blut'ge Bacchanalien, O glaubt, das Volk gedenket dran. Und ist es diesmal auch erlegen, Und triumphirt die Reaktion, Trotz bietet all' den wucht'gen Schlägen Die Macht der Revolution. Man kann ermorden ihre Streiter, Sie aber schreitet ruhig weiter, Sie ist das ehr'ne Muß! der Zeit. Wer wollte dieser widerstehen? Einst wird ihr Banner siegreich wehen, Einst wird durch sie das Volk befreit. Max Kegel. Der Aufstand in der Herzegowina: Herzegowinische Auswanderer auf österreichischem Boden isiehe das Bild Seite 2:sZ). Zu Tausenden haben sich die Bewohner der Herzegowina während der Dauer der noch fortbrennenden Insurrektion über die österreichische Grenze gcfliichiet. Sie konnten nichts Besseres, vielleicyt sogar überhaupt nichts Anderes thun, wenn sie keine Lust hatten oder nicht im Stande waren, au dem Ausslande thüligcn Antheil zu nehmen, um wenigstens ihr nacktes Leben aus den Gefahren des von beiden Seiten der Kämpfenden mit roher Grausamkeit geführten Krieges zu retten. Hülflos sind sie der Gnade der österreichischen Behörden anheimgegeben, die ihnen nur widerwillig Schutz, Unterkunst und nothdürfligste Existenzmittel getvähren und mehr als einmal Miene gemacht haben, sie dem Hunger oder gar den Türken zu überlassen. Die österreichische Regierung hat freilich kein besonderes Interesse an den unglücklichen Herzegowinern, die ihr nur Verlegenheiten und Kosten verursachen können; sie kann sie aber auch aus staatsmännischen Gründen nicht grade sammt und sonders verhungern lassen. Selbstlose Antheilnahme an dem Schicksale Be- drängter wird man von einer modernen und mit der Kultur ihres Landet renommirenden Regierung ebensowenig verlangen, als von den Machthaber» der Türkei oder den Barbaren, die irgend ein Staats- wesen des Mittelalters in Europa, Asien oder sonstwo geleitet haben— das Interesse des„Staats", d. h. also im Grunde nichts weiter als der Vortheil der Handvoll Leute, die den Staat regieren, gibt die Nicht- schnür ab für die Politik; mit Moral— das haben hohe und höchste Herren oft und laut genug gestanden— und mit Menschlichkeit hat die Politik nichts zu thun. Für die Herzegowiner, welche die Wahl haben, entweder sich von den kämpfenden Türken niedermachen zu lassen oder sich auf gut Glück der friedlichen österreichischen Grenz- behörde zu überliefern, war die Gnade der Oesterreicher das kleinere Uebel. Verantwortlicher Redakteur: W.Liebknecht in Leipzig.— Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerek in Leipzig.