Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Goldene und eiserne Ketten. Erzählung aus schweren Tagen von C. Lübeck. (Fortsetzung.) Bis spät in den Abend hinein saß Marie wieder an der Arbeit. Der Exekutor Jordan war dagewesen und hatte an die rückständigen Grundzinsen gemahnt. Alle Kraft mußte aufgeboten werden, um wenigstens einen Theil der Schuld abtragen zu können. Wer diese Mahnung veranlaßt, das wußte Marie sehr gut; der Pfarrer hatte dabei zweifellos die Hand im Spiele; er wollte sie zwingen, sich seinem Willen zu fügen. So arbeitete sie mit dem Aufgebot aller Kraft— sie wollte nicht müde werden, und an nichts Anderes als an ihre Arbeit denken. Frei werden wollte sie auch von der Vergangenheit und ihren Erinnerungen und Träumen— aber vergeblich kämpfte sie dagegen an; blieb die Vergangenheit auch am Tage gebannt, so schlich sie doch Nachts an ihr Lager in süßen einschmeichelnden Farben und Bildern. „Wie das Leben doch seinen Spott mit dem Unglück treibt!" hatte sie noch am Morgen zu ihrer Mutter gesagt. Auf einer Höhe stand sie im Traume an Blumenthal's Seite und hinab blickte sie, wo tief zu ihren Füßen, öd' und kahl, das Land der Menschen lag, während Blüthenpracht die Höhe schmückte. Was er zu ihr gesprochen, das wußte sie nicht mehr, sein Blick nur war in ihrer Erinnerung haften geblieben, und tief in's Herz war er ihr gedrungen. Aber durfte sie denn auch im Ernste zu diesem Manne den Blick erheben? War sie nicht arm, besaß sie denn irgend etwas von jener höheren Bildung, welche die Kinder der Reichen bevorzugt?„Wie das Leben doch seinen Spott mit dem Unglück treibt," seufzte sie immer wieder. Sie sah recht angegriffen aus, dunkle Ränder umrahmten ihre Augen und ein Zug tiefer Abspannung lag in ihrem Gesichte. Doch müde werden durfte sie ja nicht; so arbeitete sie rastlos weiter. Frau Köhler kauerte wieder vor dem Ofen und starrte in die schwarze Oesfnung. Thränen rollten dabei über ihre Wangen. „Wenn es nur kein Strohhalm ist, an dem sie arbeitet," so seufzte sie tief und lang. Sie dachte nicht an sich.„Ich kann ja zur Grube fahren— was liegt daran. Aber sie! Was soll aus ihr werden, wenn ich nicht mehr da bin?" Von einem Händler in der Stadt hatte Marie vor mehreren Wochen Garn auf Kredit erhalten; es sollte ihr dafür der billigste Preis berechnet werden. Da bot sich Aussicht, daß sie etwas verdiente— aber wurde mit dem Verdienste ein Augenblick Ruhe erkauft? Mußten sie nicht hungern und darben, wenn sie den Verdienst zur Bezahlung des Zinses verwendeten? Martha Egler kam auf einen Augenblick herein. Sie sah heiterer aus als gewöhnlich. Einen Arm legte sie um Mariens Schultern und sagte lächelnd:„Es wird Licht, Marie— blicke nicht mehr so traurig drein— Alles wird gut werden." Dann küßte sie sie und eilte, ehe noch Marie sie weiter fragen konnte, davon.— Was das wohl bedeuten mochte?— Am nächsten Vonnittage war Marie mit ihrer Webe in der Kreisstadt und ging zu verschiedenen Kaufleuten, die ihr von früherher bekannt waren; doch wohin sie auch kam, fand sie überall die Geschäfte geschlossen. Endlich entdeckte sie ein offenes Geschäft; der Eingang desselben war bereits von zahlreichen Webern umlagert, die laut ihrem Unwillen über die Schändlichkeit der Händler und Kaufleute Ausdruck gaben. „O die Spitzbuben," sagte ein junger Weber grimmig.„Sie haben ein Uebereinkommen mit einander getroffen, daß an Markt- tagen abwechselnd nur immer einige von ihnen die Geschäfte offen haben. So drücken sie die Preise noch mehr herunter, denn die Wenigen, die da kaufen, können jeden Preis stellen. WaS sollen wir aber machen? Wir müssen doch Geld mit heimbringen— müssen nehmen, was sie geben." „Ist ja immer so gewesen," sagte ein älterer Mann.„Aber sei nur still, sonst sperren sie dich noch ein. Der Polizeidiener horcht überall herum." „Man sollte ihnen die Buden anstecken!" rief ein Dritter. „Den Galgen würden sie besser als die Mörder zieren." Aus dem Knäuel löste sich jetzt ein alter Mann mit weißem Haar. Er hatte, sein Pack Leinwand unter dem Arm, wortlos kehrte er dem Hause den Rücken. Seine Augen standen voller Thränen. „Es ist ein ordentlicher Mann," sagte einer der ihm Nach- blickenden.„Er will die Leinwand nicht für das Lumpengeld weg- geben— was bleibt ihm aber übrig? Er wird wohl wiederkommen." l. 15. JuH 1876. 258 „Er hatte gezeichnete Leinwand gehabt," sagte ein Anderer. „O die Spitzbuben," rief der junge Weber wieder.„So arbeitet Einer dem Andern in die Hände. Der Eine sieht sich die Leinwand an, macht sein Zeichen darauf und kauft nicht, und der Andere zieht bei dem Zeichen ein ellenlanges Gesicht, als ob es bedeute, daß die Waare geschludert wäre, und zahlt weniger. Die Kerle müßten alle baumeln!" An der Kasie war Lärm entstanden. „Was gibt's da? Was gibt's da?" fragte man neugierig. „Was wird's geben?" gab man zur Antwort,„irgendeine Betrügerei." Es war an der Kasse ein Streit wegen der Zahlung aus- gebrochen. Meist wird in Gold gezahlt, der Dukaten mit 3 Thaler 7'/2 Silbergroschen und die Friedrichsd'or und Louisd'or jeder 5 Silbergroschen höher als der Kurs steht. Der Kaufmann hatte kein Gold und zahlte in Courant, zog das Ueber-Azio des Goldkurses aber ab, so daß die Weber bei jeder Webe abermals 10 bis 15 Sgr. einbüßten. De» Leuten blieb jedoch nichts weiter übrig, als das Geld zu nehmen. Vturrend und fluchend zogen sie ab. Marie ging weiter, der Andrang war ihr zu groß. Ver- geblich aber suchte sie einen menschlicheren Händler zu finden; jeder neue Weg, den sie machte, ließ ihre Hoffnung sinken. Ueberall begegnete sie nur gleicher Rücksichtslosigkeit und Hartherzigkeit. Jetzt stand sie vor dem Hause des Händlers, von dem sie das Garn erhalten. ES war eins der stattlichsten in der Stadt. Sie ging in's Comptoir, wo ein reges Leben herrschte. Das Comptoir zerfiel in mehrere Abtheilungen, nach den verschiedenen Zweigen der Leinenindustrie geordnet; da war eine Abtheilung für Spinner, eine für Weber, eine, dritte für Bleicher, eine vierte für das Flachsgeschäft und auch eine für Stricker. In jeder Abtheilung befanden sich mehrere Bureauarbeiter, welche die Menge abfertigten. Was war das für ein Gedränge, für ein Handeln und Feil- scheu! Hier weinte, dort fluchte man über die schamlosen Blut- sauger, und kaum Einen gab es, der ohne Fluch den Geschäfts- räum verließ. Es kostete Marie Mühe, bis sie zur Weberabtheilung ge- langte, und es währte lange, ehe an sie die Reihe kann— Der Buchhalter schlug in den Büchern nach und notirte den Garn- preis zur Zeit der Garuliefcrung. „Liebes Kind," sagte er, sich zu ihr wendend.„Eigentlich deckt der Preis der Webe grade den frühern Garnpreis. Wir wollen aber ein Uebriges thun und Ihnen acht gute Groschen zuzahlen." Er schob ihr ein Zehnsilbergroschcn- Stück hin und wandte sich dann den anderen Besuchern zu. Marie war erschreckt und empört.„Ist denn das möglich?" rief sie endlich aus.„Man hatte mir doch gesagt, es würde mir der niedrigste Garnpreis berechnet werden?" „Ist auch geschehen," entgegnete eifrig der Buchhalter;„können nichts dafür, wenn in der Zwischenzeit die Weben so stark im Preise gesunken. Die kommen ja jetzt wie Mist zu Markte." „Dann geben Sie mir die Webe wieder," sagte Marie mit vor Erregung zitternder Stimme,„ich werde versuchen, sie in der Stadt zu verkaufen." „Wie Sie wollen." Der Buchhalter warf ihr die Webe auf den Tisch, und grollend wie die anderen Besucher verließ sie das Comptoir. Immer neue Gäste flutheten heran; alle Zweige der Leinen- industrie waren vertreten— vom Weber bis zum Facken- oder Putzelspinner, der höchstens 4 bis 5 Silbergroschen die Woche verdiente! Auch Strumpfstricker stellten sich hier ein, um ihren erbärmlichen Lohn zu empfangen. Für zwei Paar Sttümpfe, an denen ein fleißiger Arbeiter gut zwei Tage zu thun hatte, er- hielten sie 4 bis 5 Silbergroschen, wovon in der Regel noch ein Abzug für irgendeinen Fehler gemacht wurde. Was war daS für ein Elend, das sich hier widerspiegelte, und wie unbeschreiblich die Gewiflenlosigkeit der Händler, welche von dem Hungerverdienste noch ihren Zoll erhoben! Doch war das Bild, das sich hier bot, kaum ein vollständiges. In Tausenden von unglücklichen Familien betrug der Erwerb, an dem Mann, Frau und Kind � rastlos arbeiteten, meist nicht mehr als 9 Pfennige bis 1 Silber- groschen 3 Pfennige täglich, und davon mußte der Unterhalt von häusig mehr als sechs Köpfen bestritten werden! Marie hatte kein Auge für das Gewühl, sie suchte neue Ge- schäfte auf, in denen sie noch nicht gewesen, sie fand nur noch eins offen, und hier wurde ihr ein Preis geboten, der noch unter der Garnforderung stand. Sie schwankte in's Comptoir zurück und ließ dem Buchhalter die Webe da, die zehn Silbergroschen, welche er ihr wieder hingelegt hatte, blieben auf dem Tische liegen. Sie hörte nicht, wie ihr der Buchhalter zurief, das Geld zu nehmen; auch nicht, daß Worte des Bedauerns laut wurden und Flüche. Es drehte sich Alles im Kreise vor ihren Augen. Hinaus in's Freie drängte eS sie, um frische Luft zu schöpfen. Endlich stand sie draußen. „So ist Alles verloren," murmelte sie und preßte die Hände vor die glühendheiße Stirn. Dann eilte sie fort— so schnell ihre Füße sie trugen. Warum sie es that, das wußte sie nicht, vielleicht nahm sie es nicht einmal wahr, daß sie eilte. Auf einer Brücke außerhalb der Stadt rastete sie. Unter ihren Füßen rauschte und schäumte dgs Wasser. Sie blickte über � das Geländer hinunter in den brausenden Strom.„Ein Sprung : in die Tiefe und vorüber ist Alles," so rief es ihr zu;„erlöst bist du von aller Roth, von aller Pein!" Ihre Brust wogte heftig und ihre Augen erweiterten sich, die Hände erfaßten das Geländer.„Hinab, hinab!" so drängte es. Was hatte sie im Leben auch noch zu suchen!„DaS Leben ist nicht für uns Arme," murmelte sie.„Hinab, hinab!" Da tauchte vor ihren Augen das Bild ihrer Mutter auf, wie sie vor dem Ofen kauerte und schwere Thränen über ihre � Wangen perlten. Sie sah sie die dürren knochigen Hände ver- zweifelt ringen und hörte sie ihren Namen rufen. Durfte sie denn sterben? Die treue Gefährtin im Leid allein lassen? „"Nein, nein, ich darf nicht sterben!" rief sie,„ich muß ja leben, muß weiter ringen und arbeiten." Ein tiefer Seufzer ent- rang sich ihrer Brust, dann schwankte sie weiter. Schönenberg lag vor ihr. Von weitem schon sah sie daS Pfarrhaus und der Pfarrer erschien ihr, ein höhnisches Lächeln l auf den Lippen. „Nein," rief sie, finster den Kopf schüttelnd,„er soll nicht triumphiren!" Dann aber erinnerte sie sich wieder ihres Mißerfolges und der Gedanke drückte sie nieder, daß all' ihr Mühen und Ringen doch vergeblich sei. Mit Berner wollte sie sprechen und dessen Rath einholen. Dieser Entschluß stimmte sie etwas ruhiger; ein Ausweg mußte sich doch bieten, und wenn Einer, so wußte Berner gewiß Rath. Aber seine Thür war verschlossen, und keiner der Nachbarn konnte ihr Auskunft geben, wohin er gegangen. Trübselig setzte sie ihren Weg fort, einmal war es ihr, als folge ihr in einiger Entfer- nung ein Mann, doch achtele sie nicht weiter darauf, sondern wanderte gedankenvoll, die Augen zur Erde gerichtet, dahin. Sie merkte es kaum, wenn Nachbarn ihr begegneten, und wurde häufig erst durch deren Grüße aus ihrem Sinnen emporgeschreckt. Jetzt erblickte sie Waldau, und je mehr sie sich ihm näherte, um so langsamer wurde ihr Gang. Ihre Gedanken aber eilten ihr voraus zu der armen Mutter, die sie mit Sehnsucht ihrer harren sah. Wie sollte sie ihr begegnen, wie ihr sagen, daß sie mit leeren Händen wiederkomme, daß alle Mühe vergeblich ge- wesen? Wie ihr Muth einsprechen und wie selbst wieder neue Kraft zu einer Arbeit gewinnen, die fruchtlos blieb, wie die des Sisyphus? Wirr durchfluthetcn die verschiedensten Gedanken und Pläne ihren Kopf, aber nirgends bot sich ihr ein Weg, dem Elende zu entsteigen, und wenn sie empört gegen die schreckliche Last ankämpfte und sie von ihren Schultern zu schütteln ver- suchte, dann blickte das freundliche, flehende Antlitz der Mutter sie wieder an und ihre finsteren Mienen glätteten sich.„Ich will weiter arbeiten, ja, ich will es!" sagte sie. Im nächsten Augenblick aber starrte sie wieder brütend zu Boden. Welch' ein Sturm der Freude inzwischen im Hause der Mutter!(Forssetzung folgt.) 259- Mgerissene ßtlbcr ans meinein Leben. Von Joh. PH. Becker. (Schluß des ersten Bildes.) Nachdem sich seine Aufregung etwas gelegt hatte, sagte ich zu ihm:„Aber, lieber Freund, wenn du deiner Unschuld gewiß bist, so darfst du auch der guten Hoffnung sein, freigesprochen zu werden und kannst du keinen Grund haben, schon im Voraus an aller Gerechtigkeit zu verzweifeln; denn es gibt noch Männer genug, die deine Unschuld mit ganzer Kraft vertheidigen werden; noch heute werde ich, wenn du willst, einen Rechtsanwalt hierher kommen lassen, der deine Vertheidigung mit Freuden und unent- geltlich übernehmen wird."„Ach, Gott," wimmerte er mir ent- gegen,„das nützt ja Alles nichts, denn der Untersuchungsrichter hat ein Wort gesagt und das bedeutet gewiß Tod oder ewig, ja Tod oder ewig; o Lisbeth, Lisbeth, du gute Lisbeth!" Nach- dem ich aus dieser Mittheilung ersehen, daß hier aller Seelen schmerz einem sicherlich mißverstandenen Worte geschuldet war, beeilte ich mich, ihm die Amtsbefugnisse des Verhörrichters aus- einander zu setzen und möglichst klar zu machen, daß derselbe durch- aus kein Entscheidungsrecht chesitze, und ich ihm jetzt schon sicher versprechen könne, ihn von seiner Höllenpein zu erlösen, wenn er mir frei und offen den Hergang des ihm zur Last gelegten Ver- brcchens erzählen würde. Meine zuversichtliche, für ihn merkbar wohlwollende Sprache hatte ihn momentan auch derart beruhigt, daß er mir in ziemlich klarem Zusammenhang sein Schicksal wie folgt mitzutheilen begann:„Ich bin Hufschmied und Bauer in Lambsheim und erst seit sechs Wochen mit meiner Lisbeth ver- heirathet, Hab' von der Gemeinde gutes Zeugniß als friedlicher, fleißiger Mann. Dagegen Hab' ich einen Nachbar, der in ganz Lambsheim als lüderlich und streitsüchtig bekannt ist und der mir auch schon öfters Stroh gestohlen hat. So bin ich am letzten Dienstag aus der Schmiede zu meiner Frau heimgekommen, und da hat sie mir gesagt, sie Hab' gesehen, wie uns der Nachbar wieder Stroh gestohlen hätt', und das könnt' nicht so fortgehen. Drum bin ich auch gleich zu ihm'gangen und Hab' ihm zum ersten Mal Vorwürf' gemacht und ihm mit einer Anklag' ge- droht. Da hat er aber mich angefahren, als hätt' ich ihm ge- stöhlen, und hat mir in seiner Grobheit und Bosheit sogar Prügel angeboten. Drauf bin ich verdrießlich in den Stall ge- gangen, seh' aber über einmal den Strohdieb mit einer Hacke in der Hand auf mich zuspringen, und da wollte ich schnell mit der Mistgabel ihm die Stallthür vor der Nas' zustoßen und fest zuhalten. Aber ach, die Mistgabel ist mir an der Thür abge- rutscht und ihm in den Hals gegangen, daß er hernach bald todt war. Ach, da bin ich arg erschrocken und er hat mich recht ge- dauert; aber die Gensdarmen haben mich doch geholt, als wenn ich's gern gethan hätt'l"„Aber, lieber, guter Manu," sagte ich ihm,„wenn das Alles ist und sich's in Wahrheit so zugetragen hat, so brauchst du dir ja keinen Kummer zu machen, da will ich dir doch meinen Kopf zum Pfand setzen, daß du bald wieder Zu deiner Lisbeth gehen kannst. Drum guten Muths, frisch auf- geschaut!"„O ja, das ist sicher, daß, wenn Keiner von uns 'nauskommt, so kommt doch gewiß der Lambsheimer'naus!" rief unter lauter Zustimmung vieler der Leidensbrüder unser Hammel- peter, während der alte Schnapslump hohnlachend dazwischen schrie:„Ihr seid lauter verrückte Käuze; ihr seid froh, wenn ihr naus dürft, und ich bin froh, wenn ich drin bleiben darf. Indessen entgegnete der an seiner Unschuld verzweifelnde Huf- schmied:„Das wär' Alles gut, wenn nur der UntersuchungS- richter das böse Wort nicht gesagt hätt'; o, ich hab� allemal, er es hergesagt hat, ihm und seinem Schreiber am Gesicht �»gesehen, daß es Tod oder ewiges Gefängniß bedeutet; ach, �od, och Lisbeth!" Dabei wiederholte er die letzten Worte so oft und heftig wie ein wirklich Wahnsinniger, bis ihm völlig der Äthem ausgegangen war und er, am ganzen Leibe zitternd, in �hränen gleichsam zerfloß. Beim Anblicke solchen Seelcnjammers wurde es mir immer schwüler zu Muthe, ja es kam mir von Sekunde zu Sekunde der Zustand des Mannes bedenklicher vor. Ich sah ganz deutlich ein, daß dieser arme Teufel blos ob einer falschen Vorstellung dicht an der Schwelle der Verrücktheit und des Todes angekommen war, und mußte ich so befürchten, daß das„böse Wort" am Ende wirklich Tod oder ewig, d. h. lebens- längliches Irrenhaus, bedeuten könnte. Ich setzte mich sodann neben ihn auf die„Fegfeuerbank"(wie sie einer der Verhafteten zum Unterschiede von der„Höllcubank" im Zuchthaus genannt hatte), schlang ihm ganz brüderlich den rechten Arm um den Hals und explizirte ihm nochmals in treu pfälzischer Bauern- mundart, wie der Untersuchungsrichter durchaus nichts in Straf- fachen zu entscheiden habe, weder ein gutes, noch ein böses Wort einlegen könne, sondern nur treu und unparteiisch den Hergang eines anklagbaren Vorfalls aufzuzeichnen, zum Amtsberuf habe. Dabei bat ich ihn inständig, sich doch zu besinnen und mir zu sagen, wie das freickbe Wort geheißen, um es ihm verdeutschen und ihn überzeugen zu können, daß es nicht, möge eS heißen, wie eS wolle, von irgendeinem Einfluß auf das alleingiltige Ur- theil des Geschwornengerichts sei, und daß eben sein Uriheil nicht königliche, sondern bürgerliche Richter zu fällen hätten. Mit viel Verwunderung und Befriedigung nahm ich inzwischen auch die große Aufmerksamkeit und Stille wahr, mit der die sonst so arg lärmenden Zellenbrüder meinen Auslassungen gefolgt waren. Doch rief jetzt der Leineweber:„Es ist ein wahres Glück, daß uns die Kostbeutel das Geschwornengericht nicht haben nehmen dürfen, weil's uns der Feldmarschall Blücher in seiner Proklamation .versprochen hat, als er über den Rhein'rüber kommen ist." „Ja, die Altbayern, die sind mir schöne Kerle, die können ja nicht anders fluchen als, Jesus, Maria, Josef!'; die möchten Alles verbieten und einsacken, so haben sie auch die schwarz- roth-goldnen Farben verboten und weggenommen, aber ich Hab' heut noch eine Kokarde daheim in meiner Schublad', und die erwischen sie nicht!" fügte wildblickend und heftig gestikulirend der Küferbursche hinzu. Unser Hufschmied nun, der mittlerweile nachdenkend dasaß, sagte dann endlich mit stotternder Stimme: „Ich besinn' mich und besinn' mich, und ich mag mich besinnen, wie ich will, ich bring's eben nicht heraus; das Wort hat mich immer so arg erschreckt, daß mir's immer gleich wieder aus dem Kopf gefahren ist." Er seufzte nun einige Male tief, erholte sich aber bald wieder und fuhr fort:„Ich weiß nicht, wie ich's sagen soll, ich glaub' fest, daß es Kaboleon oder Wawoleon, oder sonst so was drum herum heißen thut; aber, ach Gott, ach Gott! es bedeutet gewiß ein Unglück für mich." Nur durch freundliches Zureden, wobei ich ihn wiederholt mit der Hand über Stirne und Haupthaar streichelte, vermochte ich es zu verhüten, daß er nicht wieder völlig in die alte Misere gefallen. Auch versicherte ich ihm, daß, obwohl das Wort nicht fo heißen könne, es mich doch auf die rechte Spur bringen werde, denn ich vermuthete jetzt, daß der Untersuchungsrichter einiges Privatgespräch mit seinem Sekretär geführt und Bezug auf irgendeinen Artikel des bei uns geltenden Gesetzbuches genommen habe und fragte deshalb:„Hat er vielleicht gesagt Code Napoleon?"„O nein!" antwortete er mir jetzt unerwartet rasch,„nicht Napoleon, das weiß ich schon, unter dem hat ja mein Vater und mein Schwäher die Schlacht bei Jena mitgemacht, und sie sagen, es wär' ein guter Kaiser gewest, und so kann er doch nichts Böses bedeuten; aber das andere, das Teufelswort, das ist gewiß mein Tod." Als er dann gleich wieder zu jammern und zu wehklagen anfing, rief ich ihm ganz heiter zu:„Nur ruhig im Gemüth und ein wenig Geduld, Bruder Lambsheimer, wir werden das Vexirwort schon noch herausbringen, und dann wirst du gleich einsehen, wie du deine Todesangst umsonst ausgestanden hast; erzähle mir doch einmal möglichst genau, was der Untersuchungsdichter seinem Sekretär zum Nieder- schreiben vorgesagt, wenn er das fatale Wort gebraucht hat, damit ich untersuchen kann, in welchem Bezug es zu deinen Aussagen gestanden haben mag. Du mußt deiue grundlose Folterpein loS werden!" Er war aber so entsetzlich abgemartert, daß ich mich lange gedulden mußte, bis er sein Restchen Kraft zusammen- gerafft und mir folgende Antwort gab:„Ach, ich darf gar nicht recht dran denken, wie mir's immer war, wenn der Herr Richter den Andern hat von dem was aufschreiben laffen, was ich ihm auf seine Fragen geantwortet Hab', und wie mich hernach, wenn der Herr das Fluchwort gesagt hat, alle Beide immer mit stechenden Augen angeguckt haben, daß ich gemeint Hab', ich müßt' vom Stuhl'runter fallen." Ich selbst suchte mir inzwischen meine eigne Verhörzeit mit allen Nebenunistandcn zu vergegenwärtigen, namentlich die Verfahrungsart des Untersuchungsrichters beim Diktiren vor Augen zu führen. Wie ein Blitz fuhr mir dann die Entdeckung des ganz unschuldigen und doch so unheilschwangeren Wortes durch den Kopf und ganz siegesbewußt fragte ich hastig: „Nicht wahr, das Wort heißt Semikolon?"„Ach, Semikolon, ach Semikolon!" schrie er gleich, mir wie besessen um den Hals fallend.„Ach guter Herr, ach lieber Herr, Semikolon, Semn kolon! Was ist's, was bedeut's? Heißt's Tod oder ewig? O, guter Gott, Semikolon!"„Jetzt nur lustig aufgejauchzt," antwortete ich, selbst entzückt über die Folgen meiner endlichen Entdeckung;„Semikolon bedeutet sonst gar nichts als ein Schrift- zeichen, Pas auf deutsch Strichpunkt heißt; für dich bedeutet's Der kleine Anatom. Ori jetzt aber Erlösung von Todesängsten, Hoffnung auf baldige Freilassung und fröhliches Wiedersehen mit deiner Lisbeth. Also nur lustig wie am Hochzeitstag!" Die ganze Gefängnißbrüder- schaft war hierauf in Freudenrufe ausgebrochen und von der bis- herigen Stille in solch' lärmende Unterhaltung übergegangen, als wenn da Jeder eben eine Flasche Deidesheimer getrunken hätte. Dabei konnte ich mich nur schwer des Lobs erwehren, womit mich nun meine generösen Schicksalsbrüder überschütteten, was aller- dings in solch' urpfälzischer Manier geschah, daß es wohl jeder feine Berliner oder edle Sachse für Beschimpfung und Vcrhöh- nung gehalten haben würde. Da hieß es:„Der junge Kauz da mit seinem schwarzblauen Rock ist ja ein wahrer Himmel- nalzeichnung.(S. Seite 268.) herrgottsakerment, der hat das Ding los und weiß, wo der Has' im Pfeffer liegt und der Barthel den Most holt."„Ja, ja, der Kerl hat die Biillionenkränk im Leib und den lebendigen Teufel in seinem Hirnkasten."„O, da thät' mir der Kopf zerspringen, wenn ich all' dem seine Grütz' drin haben müßt'; ich glaub' der hat auch die Rechtsverdrehcrei(jura) studirt, oder ist Ferkel- stecher(Spottname für Winkeladvokaten, weil sie sich mit mageren Prozessen begnügen, während die eigentlichen Advokaten bei fetten Prozessen Mastschweine in ihre Haushaltung schlachten. Ganz analog nennt der Volkswitz in der Schweiz jene die Gitzlifresser fGeißleinfresserj, da man annimmt, daß diese nur großes Rindvieh verspeisen), sonst hätt' er das Wort von dem Richter gewiß nicht| 261 so schnell'rausgebracht."„Da lass' ich mir den Hals abschnei- den, wenn's nicht wahr ist, daß der da mit seinem dicken Schädel unter der Frankenthaler Bande ist, die alle Fürsten zum Teufel jagen und alle Menschen gleichmachen will; wenn's ihm aber nur nicht geht, wie dem Sand, den sie selbigmal, ich hab's zu- g'sehen, in Mannheim um einen Kopf kürzer gemacht haben." Solche und dergleichen Aeußerungen mehr mußte ich mir zu Gemüth führen lassen. Jetzt ergriff aber auch der Schmerzerlöste, der sich inzwischen beseligenden Verzückungen überlassen, zu fol- genden Herzensergießungeu das Wort:„O,'s ist mir jetzt, meiner Seel', so leicht um's Herz, als wenn ich fliegen könnt', ja,'s ist mir grad', als wenn ich auf der Kirchweih ein paar Schoppen getrunken hält' und mein Lisbeth schon wieder bei mir war'. Drum kommt mir's aber auch so vor, als wenn Sie der liebe Herrgott zu mir geschickt Hütt', weil er ja gewußt hat, daß ich unschuldig bin und doch so Angst gehabt Hab'; ich war' ja heut noch gestorben an dem dummen Wort; jetzt bin ich aber froh, jetzt kann ich wieder schnau- fen und will auch dem lieben Herrgott und Ihnen danken." Ehe ich mich's dann versah, war er mir nochmals um den Hals gefallen, mir mit einer Hastigkeit vornehmlich Nase und Ohren küssend, daß es mir ganz schwül und bange wurde.„Laß doch das sein," rief ich ihm halb ver- drießlich zu,„ich brauch' keinen Dank, und nicht dein lieber Herr- gott hat niich in diese Schmutz- höhle gesandt, sondern die könig- liche Gerechtigkeitsverwalterschaft, und da Hab' ich blos zufällig Gelegenheit gefunden, dich von deinem Jrrthum zu erlösen. Sorge nur, daß einst deine Kin- der mehr lerne», wie du, dann werden sie auch nicht wegen eines Semikolons in Todesangst ge- rathen." Aber schon ehe ich ganz ausgesprochen hatte, grunzte der Kupfernäsige in gewohnter cyni- scher Weise dazwischen:„Der dumme Bauer weiß noch nicht einmal, daß wir hier Alle gleich und lauter Brüder sind; der sagt ja immer zu dem neuen Schlaskamerad, der an dem Esel den Narren geffessen hat, ,Sie' und niemals ,du'. Der kann mir den Buckel'naufsteigen." Der grübelnde Leineweber aber sagte, indem er auf mich hin- deutete:„Der da hat's, glaub' ich, grad' wie ich, der glaubt auch an keinen Gott, denn wenn's einen Herrgott gäb', so könnten ja nicht so unvernünftige und boshafte Menschen auf der Welt herumlaufen, thäten die fleißigen Leute nicht im Elend, die Faullenzer im Fett sitzen und hätten die vornehmen Schurken nicht das Heft in der Hand, um die armen Teufel bis auf's Blut abzuschinden. Die Franzosen haben damals ganz Recht gehabt, daß sie den Herrgott abgeschafft haben; drum haben sie aber auch gleich, wie sie ihn wieder eingesetzt haben, einen Kaiser zum Tyrannen bekommen, und der hat sie gehörig ge- zwiebelt und an Jesus Christus glauben lernen." Mit weniger philssophirendem Geist ließ sich dann der immer frohmüthig thuende Küferbursche vernehmen:„Horch, du Huf- schmied, wenn ich wieder drauS bin, da besuch' ich dich einmal in Lambsheim, und da mußt du mir deine Lisbeth weisen und hernacher saufen wir uns toll und voll vor Freud', singen das Freiheitslied, wo ich heut schon ein Stück hergesagt Hab', ganz aus, wo es drin heißt: Jaroslas Dombrowski, der Feldherr der Pariser Commune, gebore» den 13. Oktober 1837 zu Zytomir in Volhymen: gestorben den 33. Mai 1871 an Wunden, empfangen im Kamps für die Befreiung der Menschheit. (Originalzeichnung.) „„Der Freiheit Hauch zieht mächtig durch die Welt, Ein freies, frohes Leben uns wohlgefällt."" Und wenn uns dann die Gensdarmen in den Weg kommen, da hauen wir auf sie los, daß ihnen die Schwärt' kracht." Der Bruder Lambsheimer hatte jedoch, wie es schien, die lustige Be- suchsankündigung gar nicht vernommen, denn er war wieder ganz in sich gekehrt und ließ abermals so ziemlich den Kopf hängen. Niemehr hatte ich es, wie hier, so gründlich erfahren, wie schweres ist, gegen falschen Wahn anzukämpfen. Meine frischen Be- sorgnisse um den Schlotterherzigen sollten sich auch keineswegs als grundlos erweisen, denn er begann, mich in gar weinerlich- flehentlichem Tone zu fragen:-„Ist's aber auch ganz gewiß so mit dem Semikolon, wie Sie gesagt haben? Ach, ich Hab' jetzund gar zu große Angst, Sie könnten sich vielleicht auch einmal geirrt haben." Aber ehe ich noch antworten konnte, riefen gleichzeitig mehrere Stimmen:„Ja, freilich hat eS so seine Nichtigkeit!" Und der Ladendiener sagte:„Das kann dir ja jetzt jed' Schulkind sagen, was ein Semikolon ist." „Das will ich wissen," fügte der Hausirerfritz bei,„daß es so richtig ist mit dem Buchzeichen; o, wie Hab' ich immer soviel da- von gesehen, wenn ich die Ge- schicht' von der heiligen Geno- veva oder vom Schinderhannes gelesen Hab'." Aber auch der Leinenweber wollte noch sein De- putatchen zur Beleuchtung der Frage beitragen, und, indem er die Hände nach beiden Seiten ausstreckte, sprach er ernsten Tones: „Alles in der Welt geht ganz natürlich zu; die Semikolon kann man hundertweis' sehen in jedem Wochenblatt, ohne daß Einer Angst davor zu haben braucht. Nur die Leute, die so dumm sind, daß sie sich wie die Häm- mel von den Pfaffen in die Kirche treiben lassen, und dort an die Fabel vom Herrgott glauben lernen, haben Angst vor jeder Fledermaus und Furcht vor jedem Irrwisch." Um endlich auch die letzte Spur noch etwa Vorhände- nen Zweifels im Herzen des schon so maßlos gepeinigten Mannes zu zerstören, nahm ich mir vor, ihm das unschuldige Wesen des Semikolon augenscheinlich zu machen. Als ich sodann zu diesem Bchufe nach irgendeinem Buch oder Schreibzeug verlangte, erfuhr ich zu meinem Erstaunen und Leidwesen, daß solche Sachen in diesen„heiligen Hallen" zu den strengst verbotenen gehörten. Kein Bleistift und Fetzchen Papier war da zu finden. Um nun doch einige Sätze bei Anbringung mehrerer Semikolon an die weiße Gefängnißwand schreiben zu können, suchte ich nach irgendeinem spitzigen Instrument, das sich dann endlich auch in Gestalt eines Zahnstochers bei unserm Wechselisaak vorgefunden. So zeigte ich denn der so lange entsetzlich geängstigten Hufschmiedsseele deutlich und handgreiflich Form und Verwendungsart des Semikolon, so daß er wohl nie und nimmermehr vor solchem Hirngespinst erzittert sein wird, und dann drängte es ihn, mit sichtbar innerer Befriedi- gung laut auszurufen:„Jetzt Hab' ich's los und weiß ich's ganz; so Dinger Hab' ich ja schon oft in der Bibel gesehen, und bei Gottes Wort können sie doch nichts Böses bedeuten. Juhäh, wie bin ich jetzt aber so froh! Nur wollt' ich, daß dies Alles jetzt auch meine Lisbeth wüßt'." Der gute Mann wurde bald freigesprochen, und ich erlebte einige Jahre später an ihm eine urkomische Geschichte, die ich 262 in Verbindung mit anderen sie berührenden Vorgängen später einmal erzählen werde. „Eben rasselt der Beschließer mit seinem Schlüsselbund durch den Hausgang; vielleicht kommt er zu uns und bringt was Neues," riefen gleichzeitig mehrere Mitgefangene. Richtig; der- selbe öffnete unsere Thüre und rief:„Herr Becker, kommen Sic einmal her." Erregt sagte ich hastig:„Aha, es geht zum Unter- suchungsrichter."„Nein," antwortete er mir leise,„ich soll Ihnen nur ankündigen, daß Ihre Frau wegen der großen Aufregung von heute Morgen ein unglückliches Kindbett mit einem tobten Knäblein gehabt hat." Und damit hatte auch ich mein Semikolon! Fingerzeige mn gesunden Leben. Von H. V. 2. Unsere Wohnungen. (Schluß.) Am meisten fallen, wie schon erwähnt, die unschuldigen Kinder solchen schlechten Zuständen zum Opfer. Mehr als die Hälfte aller Todesfälle betreffen Kinder unter zehn Jahren. Im Jahre 1872 waren es noch 57,7 pCt., 1873 waren es schon 58,9 pCt. Namentlich die Zahl der Brechdurchfälle hat in den letzten Jahren entsetzlich zugenommen. Dr. Baginsky(Mittheilungen d. städt. statist. Bureaus) fand, daß, wenn man die Zahl der in den Jahren 1854— 68 in Berlin an Durchfallkrankheiten gestorbenen Kinder gleich lOO setzt, sie im Jahre 1872 189, 1873 358 und 1874 420 betrug. Sie war also in dieser Zeit um mehr als das Vierfache gestiegen. Vom 1. Januar bis 1. Oktober 1875 starben nach dem Bericht desselben Arztes in ganz Berlin 24,388 Menschen, davon unter einem Jahr 11,700, also 48pCt. Davon an Durchfallkrankheiten 3892 und von diesen allein in den Monaten Juni 1383, Juli 1766, August 1088; von 1 bis 4 Jahren 3897, davon an Durchfallkrankheitcn 375. Man muß es selbst mit angesehen haben, wie die armen unschuldigen Kleinen von dem heimtückischen Städtegift hingerafft werden. Im Frühjahr sind sie oft ganz wohl, mit rosigen Backen hüpfen sie jubelnd in den Tag hinein. Je mehr aber der Sommer vorschreitet, desto mehr verliert sich das Roth der Wangen; sie werden stiller, der Appetit nimmt ab und der Gestank auf dem Hofe immer mehr zu. Je näher die'heißen Monate Juli und August heranrücken, desto schwächer und blässer wird der Liebling der Mutter; er hängt das früher so bewegliche Köpfchen, er will immer weniger essen und sein Stuhlgang wird immer dünner, grün und blutig. Freilich herrscht auch an vielen Stellen der Stadt eine Luft wie ein Pesthauch. Die wohlhabenden Leute sind, um ihr zu entrinnen, meist mit ihren Familien auf's Land gezogen. Tic Armen aber können nicht in's Bad, sie müssen zurückbleiben. Der brodelnde Kanal, der große Giftblasen auf- wirft, wetteifert mit dem Abflußrohr der Wasserleitung in der Entwickelung mephitischer Dünste. Verzweifelt ringen Mutter und Vater die Hände ob des jammervollen Znstandes des Kleinen. Von dumpfer Ahnung ergriffen läuft wohl auch der Vater nach dem Polizeibureau und klagt über die Unsauberkcit und den Gestank auf dem Hofe. Es kommt wohl auch ein Schutzmann nachzusehen; aber wenn er etwas nach Theer ricchenves graues Pulver vor den Abtritt gestreut sieht, geht er ruhig wieder fort und fühlt keine Veranlassung, sich um Weiteres zu kümmern. Der holde Liebling fällt von Tag zu Tag mehr ab: schon kann er sich kaum noch aufrichten, wimmernd liegt er auf seinem Lager, nur zuweilen fährt er mit schrecklichem Angstschrei auf, streckt krampfhaft die kleinen Aermchen der Mutter entgegen, von ihr Hülfe und Rettung erflehend aus den Armen des grausigen Todes. Wohl geht der Hülfeschrei des Kleinen der Mutter durch Mark und Bein und bricht ihr das Herz. Vergebens läuft der Vater nach dem Doktor und der Apotheke; sie können nicht helfen; nie wird er seinen Liebling wieder auf den Knien schaukeln. Still liegt er bald dM und hat ausgelitten, und dann wird er hinausgetragen auf die Brietzer Chaussee in die lange, lange Reihe, wo jeden Tag neue Schicksalsgefährten sich einfinden, denn der beschriebene Vorfall wiederholt sich in der Hauptstadt des Deutschen Reiches mehrere Tausend Mal im Jahr. Da liegen sie in der frischen, freien Luft, die sie jetzt fteilich nicht mehr erquickt, jedoch früher sie sicher dem Leben erhalten hätte. Später kehren dann die wohl- habenden Familien nach Spreeathen zurück, und wenn sie auch anfangs etwas die Nase einziehen ob des üblen Geruchs in den Straßen, so ist er doch schon bedeutend schwächer und erträglich und die„Polizei der Natur" nicht mehr zu fürchten. Aber Berlin besitzt auch den traurigen Ruhm, daß es von allen großen Städten der Erde bei Weitem die größte Kindersterblichkeit hat. Wohl lernt jedes Kind dort in der Schule die märchenhafte Geschichte von dem Kindermord zu Bethlehem. Aber wenn auch in Berlin jedes Jahr hundertmal mehr Säuglinge an Durchfall- krankheiten sterben, als in Bethlehem nach höchstmöglicher Schätzung ermordet wurden, so müssen doch die Berliner Schul- kinder laut Gott danken, daß sie in Berlin und nicht unter Herodes in Bethlehem leben.— Alan hat verschiedene Ursachen für die große Kindersterblichkeit in Berlin angegeben. Zuerst sollte das Grundwasser schuld sein; doch mußte diese Ansicht bald als irrig aufgegeben werden. Hernach verfiel man auf die schlechte Milch, und gewiß trägt sie zu der entsetzlichen Sterblichkeit bei; aber in London und Paris ist die Milch durchschnittlich nicht besser und dennoch ist dort die Kinder- sterblichkeit lange nicht so groß. Aber freilich, solche Keller- und Hofwohnungen wie in Berlin findet man in London und Paris nicht. Dr. Herm. Wasserfuhr auS Stettin äußert sich in feinem Bericht, den er der Section für öffentliche Gesundheitspflege der 13. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerztc in Innsbruck über diesen Gegenstand erstattet, folgendermaßen:„Aber thun wir einen Schritt weiter zurück in der Erforschung der excessiven Sterblichkeit der Säuglinge und fragen wir, woher rührt denn die schlechte Ernährung, die ihre Berdauungsorgane krank macht, die schlechte Luft, die ihre Konstitution verdirbt, die Häufigkeit und Verbreitung der ansteckenden Krankheiten, welche ihr Blut vergiften und die Gefahr, welche rauhe Temperatur einem Theil der Säuglinge bringt?— so lehrt die Statistik, daß durch- schnittlich alle diese so oft tödtlich wirkenden Schädlichkeiten ihren Grund haben in der Unwissenheit, die nicht selten mit Unsittlichkeit gepaart ist, in schlechter öffentlicher Gesund- heitspflege und im Elend." Was thun aber Staat und Gemeinde solchen mörderischen Zuständen gegenüber? Die auf der Schlächter-Wiese vor dem Cotlbuser Thor, vor dem Landsberger Thor und am Friedrichshain von obdachlosen Proletariern errichteten Baracken wurden(am 27. August 1872)„als gesundheitsgefährlich" von der Feuerwehr abgebrochen, und jede Neucrrichtung später sofort verhindert. Von einem Abbruch der nach dem offiziellen Bericht der Armenverwaltung pestbringenden Häuser des Herrn Bergmann hat man jedoch nie etwas gehört. Zur Errichtung öffentlicher, warmer Volksbadeanstalten hatten die Berliner Magistratsmitglieder auch kein Geld. Sie sind entbehrlich, denn der Staat impft schon den Kindern die Kuhpockenjauche ein. Einige ganz Kluge unter ihnen sagen wohl auch, wenn sie von ihrer Sommerwohnung zurückkommen, es sei ganz gut, daß nicht alte Kinder am Leben blieben, denn sonst würde sehr bald eine Uebervölkerung eintreten. Diese Pfiffikusse fertigt Dr. Chalybaeus in einer Arbeit über medizinische Statistik mit folgenden beherzigenswerthen Worten ab:„Dieses ewige Produziren und schnelle Wiederwegsterben der Kinder ist eine der größten Kalamitäten der Bevölkerung, denn 263 es ist ein Verlust des wichtigsten.wie größten Kapitals, welches ein Land besitzt. Alle diese so früh verstorbenen Kinder sind gleichsam eben so viele Gäste, die nur consumiren und an den Früchten der Arbeit der übrigen Gesellschaft Theil nehmen, ohne die enormen Summen, die für sie ausgegeben werden, durch ihre Arbeit ja wieder zu ersetzen. Denn der Mensch lebt während seiner ersten Lebensjahre auf Kosten der Gesellschaft, er kontrahirt eine Schuld, die er in späteren Zeiten zahlen soll, und stirbt er ftüher, so war sein Dasein eher eine Last als ein Gewinn für seine Mitbürger." Arbeitenden„Mitbürger" möchte ich ergänzen. Die Thatsachen, auf die ich in den vorstehenden Zeilen die Aufmerksamkeit des Lesers hingelenkt habe, sind zum größten Theil bereits an anderen Orten und von anderer Seite zur Sprache gebracht worden. Ich habe bereits erwähnt, daß der Reichstag des norddeutschen Bundes seiner Zeit deni Reichskanzler eine Petition zur Berücksichtigung überwiesen hat, welche das Ungenügende der bestehenden Baupolizeiverordnnngen nachweist und eine Reform derselben erbittet; ferner, daß der Vorsteher der Berliner Stadt- verordneten Herr Dr. Straßmann in seinem bereits erwähnten Vor- .trage schon vor mehreren Jahren auf dieselben aufmerksam gemacht hat; ebenso daß der verstorbene Director des Berliner statistischen Bureaus, Dr. Schwabe, dieselben bereits vor längerer Zeit sehr ausführlich dargelegt hat. Auch die städtische Armenverwaltung hat sich eingehend mit denselben beschäftigt. Doch was weiter?— Die englischen Arbeiter haben ein hartes aber bezeichnendes Wort, wenn sie gewisse Vorkommnisse bezeichnen wollen; sie sprechen dann von„sozialem Mord." Was bedeutet dies Wort? Mord nennt man im gewöhnlichen Sprachgebrauch die mit Vor- bedacht ausgeführte Zufügung eines so schweren körperlichen Schadens, daß dadurch der Tod der Beschädigten herbeigeführt wird. Es ist hierbei gleichgültig, ob die That von einem Ein- zelnen oder.von Mehreren gemeinschaftlich ausgeführt wird, ob sie durch Handgreiflichkeit oder durch Anwendung indirekter Mittel stattfindet. Hiernach ist es nur streng folgerichtig, daß cS auch Mord genannt wird, wenn eine ganze Gesellschaftsklasse zu ihrem Sondervortheil Einrichtungen und Maßregeln trifft, von welchen Denen, die sie veranlaßt haben und geschehen lassen, bekannt ist, daß dadurch ein vorzeitiger und unnatürlicher Tod von Menschen herbeigeführt wird. Und es ist dies ebensogut Mord, wie der mit der Flinte oder dem Dolche ausgeführte, und auch dann noch, wenn diese Einrichtungen und Maßregeln durch die be- !. stehenden Gesetze nicht untersagt sind. Nur, sagen die englischen Albeiter, ist es dann kein Mord von bestimmten Individuen an bestimmten Personen verübt, sondern„sozialer Mord,"— j Mord, begangen von der machthabenden Gesellschaft an bestimmten, dem gegenüber wehrlosen Klassen. Dieser Mord ist sogar weit schlimmer und verhänznißvoller, sagen sie, als der offenkundige Mord durch das Schwert; denn er kann lange Zeit hindurch begangen werden, ohne daß er bekannt wird, ohne daß also die Bedrohten sich vor demselben retten oder wehren könnten. Er scheint kein Mord, man sieht keinen Mörder, man schiebt vielleicht die That desselben lange Zeit ganz anderen Ursachen zu, weil der Tod des Schlachtopfers so natürlich aussieht und weil er durch keine direkte einzelne Handlung veranlaßt ist. Die englischen Arbeiter behaupten nun, daß die moderne Gesellschaft diesen sozialen Mord Jahr aus Jahr ein in ausgedehntester Weise begeht, daß sie bestimmte Klassen in Verhältnisse bringt und in ihnen hält, in denen sie der nöthigcn Lebensbedingungen entbehren und öfter erkranken und früher sterben müssen, als andere Klassen. Dabei, so behaupten sie weiter, kann nicht die Entschuldigung angebracht werden, daß den machthabenden Klaff eck diese Folgen ihrer Einrichtungen unbekannt seien, und daß die- selben nicht mit einigem guten Willen beseitigt werden könnten; denn erstens sind diese Folgen durch mehr als ein offizielles Dokument bekannt und zweitens sind schon bei kleinen Versuchen die glänzendsten Resultate in der Besserung erzielt worden.-- Ob wohl der von den englischen Arbeitern gebrauchte Ausdruck richtig ist, und ob man ihn noch lange wird gebrauchen müssen? Major Dave!. Eine biographische Skizze aus der Schweizergeschichte des vorigen Jahrhunderts. Von Robert Schwcichel. (Fortsetzung.) Unter dem VoNvande einer frühzeitigen Revue berief Davel die Mannschaft dreier Kompagnien seines Militärbezirks voll- ständig bewaffnet und eguipirt auf den 31. März, Mittwoch uach Ostern, nach Cully. Da aber die Milizen nicht verpflichtet waren, ihre jährlichen Waffcnübungen außerhalb ihres heimath- lichen Kirchspiels vorzunehmen, so erregte dieser Befehl bei Haupt- leuten und Kirchspielvorstehern Bedenken. Rur der Hauptmann Elavel, Bannerherr von Cullh, dessen Kompagnie nebst der Davel's und des Hauptmanns von Crousaz das Elitencorps der Revo- lutionsarmee bilden sollten, versprach ohne Weiteres, sich ein- Zustellen. Er sah in der Anordnung Davel's nur eine Gelegen- heit, mit den Herren Offizieren zu zechen. Gegen die Bedenk- lichen bemerkte Davel leichthin, diese allgemeine Musterung sei uöthig, damit er in Bern, wohin er sich begebe, Bericht erstatten und die zu den Revuen erforderlichen Gelder in Edipfang nehmen könne; dann sprach er davon, daß man wegen der Pest einen �renzkordon zu ziehen beabsichtige— auch sei die Rede von Be- �gungen und gegen diese hätte Bern auf sein Ansuchen hin beschlossen, drei Kompagnien an die waadtländische Grenze zu beordern. Weitem Anfragen begegnete er in wohlwollend scherz- hafter Weise. Da er außerdem das Mitbringen von Munition nicht forderte, so beruhigte man sich schnell und am Morgen des 'öl. März standen die geforderten drei Kompagnien nebst zwölf Dragonern auf dem Exerzierplatz zu Cully. Davel unterwirft bie Truppen einer sorgfältigen Musterung; schickt die Leute, deren «leidung und Waffen nicht in kriegsbrauchbarem Zustande sind, nach Hause, läßt die Munition aus den Patrontaschen entfernen und die geladenen Gewehre abfeuern. Run eröffnet er den Haupt- leuten, daß nach den, geheimen Befehl ihrer Excellenzen von Bern die Revue in Lausanne stattfinden und bis zum 2. April dauern ivürde, daß ihnen für den Tag eine außerordentliche Besoldung von 40 Batzen, eine verhältnißmäßige den Offizieren und fünf Batzen den Gemeinen ausgesetzt wäre. Diese unerwartete Er- öffnung erregte neue Bedenken; die Hauptleute ziehen Davel in den Kreis der Offiziere und Milizen und fordern ungestüm, den geheimen Befehl zu sehen. Davel entgegnet ihnen kurz:„Wissen Sie nicht, daß ich Major Ihres Bezirks bin, daß mir in dieser Eigenschaft erlaubt ist, was ich thue, und auf welchem Fuße ich in Bern stehe? Zu Pferde, meine Herren!" Und er selbst schwingt sich auf das seinige, befiehlt den Spielleuten anzuschlagen und unter Trommel- und Pfeifenklang setzt sich der Zug in Bewegung. „Sie übernehmen die Verantwortlichkeit für Alles!" rufen die beiden Hauptleute und folgen dem Beispiele ihres Borgesetzten. Etwa gegen 3 Uhr Nachmittags hielt Davel durch die Vor- stadt Etraz seinen Einzug in Lausanne, daß durch die plötzliche Ankunft so zahlreicher Truppen in Bestürzung und Aufregung versetzt�wurde. In der Rue de Bourg ward er von dem(�on� troleur) von Crousaz, dem als Major des Lausanner Bezirks �- mj®ftr �"kroleur, ein Beamter der Regierung, hatte die Sitzungen des Maglftrats zu überwachen. Gegen die Beschlüsse desselben stand ihm cm absolutes Veto zu. alle Militärangelarasilus(Demos auf die Schulter klopfend). Brav, mein Junge, So gefällst du mir! Nur immer hübsch Mit den Verhältnissen gerechnet und All' den unausführbaren Utopien Entsaget. Damit du jedoch in deinen So löblichen und guten Vorsätzen Durch ihrer bösen Künste Macht nicht etwa Wiedernni wankend wirst, verlast' den Ort Hier jetzt, wo du ihr leicht begegnen könntest, Und geh' nach Haus zur Arbeit. Die treibt dir Am sichersten die müssigen Gedanken aus. Ohn'hin sind alle deine Leistungen In letzter Zeit so schlecht geworden, daß, Wenn's so noch lange weiter geht, ich bald An dir zum armen Manne werd'. Ich will hier Jndeß für dich der Müh' mich unterzieh'n, es Den stolzen Weibern kund zu thun, daß du Von ihnen ferner nichts mehr wissen magst, Weil ihre höll'schen Umsturzpläne du Durchschauet hast. Hoho, was die da wohl Für Augen machen werden! Ihr erst' Wort, Ich weiß, wird sein: Der Rath, der könnt' ihm nur Von Parasitus kommen. So genau Ist ihnen es bekannt, wie sehr ich um Dein Heil besorgt bin! Aber gehe jetzt, Mein Junge, geh' zur Arbeit, gehe! (Drängt Demos, ihm die Wangen streichelnd, hinaus.) Demos(in die Lektüre der Zeitungen und Bücher, mit denen er bepackt ist, vertieft, im Abgehen, kopfschüttelnd) Schwarz Auf weiß gedruckt!(Ab.) Zweite Scene. Parasitus allein. parasitus. (Zurückkommend, wischt sich den Schweiß von der Stirn. Im Laufe dieser Scene holt er eine Pastete oder dergleichen hervor und ißt mit großem Eiser daran, so daß er stets mit vollem Munde spricht.) Uff, uff, war das ein saures Stück Arbeit! Ja, beim Teufel, gar schwer wird Es Einem heutzutag, daS Pack im Zaum Zu halten! Murrend nur und knurrend beugt sich's Dem Joch, das unsre Ueberlegenheit Ihm auferlegt, und unaufhörlich gilt's, Jenen verdammten Höllengeist bekämpfen, Der doch nicht auszurotten ist, ja immer Verwegener und immer drohn'der nur Das Haupt erhebt. Ich glaub', sie nennen ihn: Gesunder Menschenwitz. Der Henker hol' Das Ding!— Am besten gängl' ich jetzt den Tölpel Mit dem gedruckten Zeug, das mir die Schmierer Zusammenstoppeln. Sie erpressen mir Ein schweres Geld, die Schufte, das ist wahr, Doch komm' ich dabei reichlich auf die Kosten. Was in den Blättern und den Büchern er Gedruckt sieht, daran glaubt er auch, als stünd'S Im heil'gen Evangelium.(Betheuernd.) Es ist Auch wirklich ganz so wahr, auf Ehre!— He! Die Liebelei da mit der Dirne drüben,(Weist nach dem Hause.) Die macht mir höchlich bang. Bekommen sich Die Beiden, dann bin ich verloren. Biutter Und Tochter öffnen ihm die blöden Augen So gründlich dann, daß er schnurstraks mich drauf Zum Teufel jaget. Und— wo nehm' ich meinen Entbehrungslohn dann her, he? (Streicht sich mit ängstlicher Miene den Bauch und drückt die Flasche liebkosend an die Brust.) Oder er Behandelt mich vollends nach den Verdiensten Die ich um ihn mir Hab' erworben und— (Macht die Geste des Kopfabhackens.) Brr! Oder gar— das Schrecklichste von Allem— Er zwingt am End' mich— selbst zu arbeiten! Haarsträubender Gedanke das! Drum sei Dem nun für immer vorgebeugt! Mein muß Das süße Püppchen werden, Tropf, nicht dein! Dergleichen ist für dich wahrhaftig viel Zu gut und wir verstehen uns weit besser Darauf. Doch frisch an's Werk nun! (Geht, die deutsche National- Hymne:„Hirsch in der Tanzstunde" vor sich hinträllernd und dazu lustig kankanirend, nach dem Hinter- grund und klopft an der Thür des Hauses der Scientia an.) Seid Ihr wohl Zu sprechen, Frau Scientia?(Horcht.) Dritte Scene. Parasttus. Scientia.(Eine ernste Erscheinung in antikem Gewand von weißer Farbe. Tritt nach einer Pause aus der Thüre.) Lcientia. Wer ruft Nach mir? Parasttus. Ich bin'S, der reiche Parasttus. Ihr habet doch ein Biertelstündchen für Mich übrig, wie? (Beide gehen während dieser Worte nach dem Vordergrunde.) Es soll auch Euer Schaden Nicht sein, da— nehmt, (holt aus der Westentasche ein Goldstück hervor und reicht es ihr herablassend) ich weiß, Ihr könnt es brauchen, Und ich protezire gerne die Berühmten Leute. Nun, ich hab's ja, Gott Sei Dank, ich Hab' es ja! (Schüttelt mit Goldstücken in den Taschen.) Kcienlia.(Mit verächtlichem Blick.) Behalte nur Dein Geld! parasttus.(Sieht sie groß an.) So? Auch gut! (Steckt das Goldstück rasch wieder ein.)' Nun, wie geht's Euch sonst Denn, he? -Scientia. Wie anders kann'S Scientia Ergeh'n, als schlecht, wo du gebietest! parasttus. Also Noch immer denn die alte Feindschaft! Wodurch Ich sie um Euch verdient— bei meiner Bildung Sei es geschworen!— mir ist's nicht bewußt. Schrei' ich nicht immerfort nach Bildung, nach Mehr Bildung? Stehe ich nicht immerfort Äm Kampf für die Kultur? Ja, sende ich Nicht jetzt gar eigens wohlbezahlte Boten Aus, die üb'rall hin Euern Ruhm verkünden? Sagt, was verlangt Ihr mehr noch? -Scientia. Du vergissest, So scheint's, zu wem du sprichst. Die Welt magst du Mit deinen hohlen, lügnerischen Phrasen, Bei welchen ich nur Eins bewundere: Die eh'rne Stirn, mit welcher du sie immer �lnd immer wieder vorzubringen weißt— Wohl jetzt noch täuschen—(mißt ihn verächtlich) aber mich?— Wohl führst Bu ewig„Bildung" und„Kultur" im Munde, Wohl schickst du deine Bildungsprediger Hinaus— doch was du unter jenen Worten Verstehst, und was in deinen Schulen und Durch deine Sendlinge du ehren lässest, Weit mehr ist's danach angethan, dem Sinn Der Menschen mich nur vollends zu entfremden, Als Ehr' und Anseh'n mir bei ihnen zu Verleihen. Denn kein ander Ziel verfolgst du Bei deinem gar so menschenfreundlichen Gebühren, als die Geister alle nur Nach deinem Sinn zu drillen, daß gleich Jeder Bon Kindesbeinen an hübsch einseh'n lerne, Wie er auf dieser Welt im Grunde ja Nur einen Zweck hat: dich zu nähren! (Parasttus ißt grade mit vollem Munde.) Ja Wahrhaftig, weit, weit höher schätz' ich mir den Natürlichen, geraden Mutterwitz, Wie ihn ein Jeder auf die Welt mitbringt, Und der die Dinge so zeigt, wie sie sind, Als deine„Bildung", die gewaltsam jenen Nur unterdrückt und jegliches gesunde Urtheil vernichtet. Jene Wenigen Jedoch, die dir zum Trotz die goldne Saat Der Wahrheit auszusäen streben, die Von dir sich nicht erkaufen lassen, treu Unwandelbar zu meinem Banner steh'n— Für die hast du Verfolgung nur, Verbannung,- Elend und Kerker und— wenn's gut kommt— Kugeln! parasttus. Ab, Ihr meinet jene Schreier, jene Wühler, Und jene höchst gefährlichen Subjekte, Die gern das Oberste zu unterst kehren möchten! Verführer sind es, Unruhstifter und Aufwiegler, die man gar nicht streng genug Behandeln kann. Schon neulich wollte ich Meine Ukase gegen sie verschärfen, Doch ließ ich es auö ganz besondrer Gnade— Oder vielmehr,(vertraulich) es bleibt doch unter uns, Weil es zu kurze Zeit nur noch bis zu Den allgemeinen Wahlen war, zu welchen Ich mich dem Pöbel gerne liberal Zu zeigen pflege— vorläufig noch bei Den alten— ach, so milden!— Paragraphen. Doch laßt das nur vorbei sein! Fertig Hab' Ich's schon, das neue, passend're Gesetz. Es ist zwar nur ganz kurz und klinget auch Sehr einfach— aber— wirken wird es und Die Wühler still machen für alle Zeit Und Ewigkeit. Doch hört nur selbst. (Holt aus der Tasche eine Rolle hervor.) Nein, das Ist das Gesetz über Kontraktbruch, das Kommt auch noch dran.(Holt eine andre Rolle hervor.) Dies hier ist das über Den Kauf der Eisenbahnen. Ein gar fein Geschäftchen wird das werden, ei! (Schmunzelt vergnügt. Dann holt er wieder eine andre Rolle hervor.) Das ist Das letzte Militärgesetz. Ho, lauter Gar prächt'ge Sächelchen!(Wieder eine andere.) Und das? Das ist Die nächste Kriegserklärung. (Den Finger auf den Mund legend, zu Scientia.) Pst! Sie dürfen Jetzt noch nichts merken! Es ist leider noch Nicht ganz so weit. Doch steht das liebe Kriegchen Jeden Moment„in Sicht". Es läuft ja ohn'hil Jetzt so viel übersiüss'ges, hungriges Gesindel in der Welt herum, daß es Zeit wird,'mal wieder gründlich aufzuräumen. Auch wird, so lange wir nicht Krieg gehabt, Mit den Geschäften es nicht besser; die 268 Ganze ehrbare Krämerzunft sagt's jetzt schon! (Holt wieder eine andre Rolle hervor.) Doch halt— hier Hab' ich's endlich! Paßt nun wohl auf: (Entfaltet die Rolle und liest mit erhobener Stimme.) Wir, Parasit von Dummheits Gnaden und So weiter. Einziger Artikel:„Wer Das Maul aufmacht, wird aufgehängt." (Mit stolzer Miene zu Scientia.) Nun, nun? Was sagt Ihr dazu, he? Bekommt Ihr nicht Respekt vor meiner Staatsweisheit? Es ist Aber auch sehr von Nöthen, daß man gegen Die Kerle seinen ganzen Witz zusammennimmt. Denn grauenvoll, haarsträubend, scheußlich sind All' ihre Absichten. Vor nichts, vor gar Nichts schrecken sie zurück.(An den Fingern herzählend.) Das Eigenthum, Familie, Ehe, Vaterland und Glauben Und Sittlichkeit— der ganze heil'ge Kram Ist ihnen Wurst und soll verrunjeniret Werden. Kurz, diese ganze herrliche Welt, An der ich meinerseits wahrhaftig gar Nichts auszusetzen find'— (Trinkt verstohlen und drückt dann die Flasche an's Herz.) Die wollen sie In Trümmer schlagen und an ihrer Statt Das wilde Chaos setzen. Fürchterlich!(Pathetisch.) Doch, Gott sei Dank, noch, noch bin ich da! Ich Bertheid'ge die Moral!(Wirft sich mächtig in die Brust.) Kcuntia. Bortrefflich, du Vertheidigst die Moral! Du, der zahllose Maitreffen unterhält, die alle dich Für baare Zahlung lieben müffen— du, Der seinen eklen Lüsten zu genügen, Verlaff'ne, unglückliche junge Wesen In aller Welt aufkaufen'läßt— aufkaufen, So wie man Waaren kaufet— du, in dessen Eigenen Kreisen man's in der Moral So herrlich weit gebracht hat, daß bei euch Die reine Liebe zweier Menschen, daß Die Treue in der Ehe, wirkliches, Auf gegenseit'ger Achtung ruhendes Familienleben Dinge sind, die kaum Man noch antrifft und die ihr höchstens nur Belachet— du vertheidigst die Moral! Du braver, braver Mann! ~3\irafttus. (Hat diese Worte mit steigendem Mißbehagen angehört und durch be- ständiges Räuspern, Husten, Schreien, Singen zu übertönen versuch:, und nimmt jetzt eine salbungsvolle, sittlich entrüstete Miene an, dabei die Augen verschämt zu Boden schlagend.) Oh pfui! Oh pfui! Wie unsittlich seid Ihr! Ich fühl', wie ich Bor zücht'ger Scham erröth'. Wer wird denn über Dergleichen Dinge sprechen! Und dazu noch So coram populo*), vor diesen neid'scken Und rohen Massen,(auf das Publikum weisend) die sich gar noch fteu'n Wenn man uns Bessersituirte und Gebildete herabwürdigt. Oh! Ah! Wie unanständig! Wie gesellschaftsfeindlich! Ah! Oh! Kcientia. Ja, ja, wenn man das auszusprechen Sich unterfängt, was du begehst, wenn man Dein saub'res Bild-dir vor die Augen stellt, Dann weißt du immer Zeter gleich zu schreien Ueber Unsittlichkeit und Anfeindung. O über diese unsittlichen Leute! �aralilus(rasch abbrechend). Doch ich vergess' ja ganz, weshalb zu Euch Ich eigentlich gekommen. Demos— Kcienlia(lebhast). Was Ist es mit ihm? "Js'aralitus. Er bat mich, Euch zu sagen—(zögernd.) Kcicntia. Nun, nun— O�arasilus. Er sei zu der Erkenntniß jetzt Gekommen, daß— er Eure Tochter doch Nicht lieben könne und deshalb für immer Ihr nun entsage. Kckntia. Ah! So hätt'st du glücklich Es denn so weit gebracht! So hätt'st du glücklich So lang gelogen und verleumdet und Mit Schmutz beworfen, bis du den nur allzu Leichtgläubigen uns ganz entfremdet— uns, Den Einzigen, die's treu und redlich mit Ihm meinen und die eben deshalb dir Verhaßt sind. O, so fteu' dich deines Siegs! *) Lareinisch: in Gegenwart des Volks, vor den Leuten. (Schluß folgt.) Der kleine Anatom.(S. Seite SLO.) Ein Friedensoild in des Wortes erhebendster Bedeutung ist es, das uns hier vor Augen geführt wird.— Die Lithographengenossenschaft in Zürich, welche die Eiaen- thümerin des Oelbildes ist, das der Maler Reinhardt aus Winter- thur in Rom gemalt und ihr zum Zwecke der Vervielfältiquna im Oelfarbendruck verkauft hat, räumte uns das Recht ein. das Bildchen im Holzschnitt unseren Abonnenten vorzulegen, und wir sind gewiß daß wir damit Jung und Alt eine freundliche Gabe bringen.»" Ueberzeugt, daß der kleine Mann in seiner ernsten Betrachtung viel beredter zu der Seele des Beschauers spricht, als wir es-u thun ver- möchten, nennen wir das Kind den verkörperten Forschunqs- drang. Es ist nicht der Kindern dieses Alters angeblich innewohnende „Zerstorungssinn", der uns hier entgegentritt. Die anheimelnde Ruhe des kleinen Körpers, Hessen Linke allein den Puppenbalg krampfhaft fest- hält, welchem der Arm ausgerissen und dessen Inneres dieser Anatom" zu ergrimden im Begriff ist, sie läßt uns schließen, daß hinter der i breiten Stirn keine zornige Ungeduld, sondern der natürliche Drang des Wissens das Fingerchen leitet. Und er kratzt und grübelt und sinnt, der Kleine, und wir müffen beim Anschauen dieses Sinnbildes gesundesten Lebens und Wesens unsrer heutigen Gesellschaft zürnen, daß sie die Kleinen des Volkes, mit der Lymphe ihres krankhasten Geistes um ihr herrlichstes Erbtheil an Leib und Seele bringt.„Erziehung und Kulturarbeit" nennen es hochtönend die Finsterlinge und geistigen Zwingherren, die mit den ersten Gebeten und Sprüchlein von überirdischen Wesen in den Herzen und Geistern der Kleinen den Kampf entfesseln und sie in Zweifel stürzen. Aber— sie dienen der gefürchleten Revolution der Geister, indem sie den Kampf zwischen Wissen und Glauben nähren, welcher der kleinen Welt wie der großen die Blüthe des Lebens, ihren Frieden- und endlich das wahre Leben selber kostet. Wie sehr auch mitunter ein Blick in das reine und unschuldsvolle Leben der Kinder die düsteren Schalten unsrer Zeit zu mildern geeignet ist, wir vermögen es nicht, die an den Kleinen begangenen Frevel zu vergessen, und. wenn wir kämpfen, für ihre Freiheit, für ihre Rechte als gute Menschen kämpfen wir mit Ausdauer und Begeisterung. Der hohle Puppenbalg der heutigen Scheinkultur liegt analomisirt zu unfern Füßen, wenn uns, gegenüber den kranken und leidenden Ge- stalten des Lebens, solch' ein Bild entgegentritt, und wir athmen auf und wir fühlen, daß es keine Täuschung ist, was uns die Natur verkündet und wie es stark und klar vor unsrer Seele geschrieben steht:„Friede auf Erden und den Menschen ein Wohl- gefallen!" p. Von jetzt ab werden wir jeder zweiten Nummer einen halben Bogen beifügen, und hoffen, daß diese abermalige Vergrößerung dazu beitragen wird, unsenn Blatte neue Abonnenten und Freunde zuzuführen. Die Lcrlagshandlung. Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.— Druck und Verlag der Gcnossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.