Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das S5olf, Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Goldene und eiserne Letten. Erzählung aus schweren Tagen von C. Lübeck. (Fortsetzung.) Blumenthal blieb munter und sorgte unermüdlich für den verwundeten. Es fiel ihm nach dem, was er im Walde gehört, nicht schwer, den rothen Faden zu finden, der die Phantasien �vrg's durchzog, und von hoher Bedeutung erschien es ihm jetzt, der Zufall ihn zum Retter desselben gemacht. Der Mann nwjjte viel wissen, und daß er sprechen würde, das erwartete er Mit Zuversicht. Als der Morgen dämmerte, verließ er den Ver- mundeten, der in festen Schlummer gesunken war, und ging zum �ause Reumann's. Er fand es unverschlossen und trat ohne an- Zuklopsen ein. Neumann lag noch auf seinem Lumpenlager, und Mehrmals mußte er ihn rütteln, che er aus seinem Schlafe erwachte. �staunt rieb er die Augen, als er Blumenthal erkannte, und "hob sich nun rasch vom Bette. Blumenthal berichtete ihm kurz, 18 geschehen, und fragte ihn dann um Rath, was jetzt wegen et Verpflegung Jörg's geschehen könnte. «Das ist ja ein ganz außerordentliches Ereigniß," rief Neu- Mann.„Das kann die größten Folgen haben. Jetzt darf der ! Traf uns nicht mehr mit der Peitsche bedrohen, jetzt ist er m unsrer Hand und von unsrer Gnade abhängig. Er wird bald ändere Saiten aufziehen müssen. Ich bleibe dabei, das ist ein 'migniß von außerordentlicher Wichtigkeit." n hkaube ich auch," erwiderte Blumenthal.„Ich will nun ach Schönenberg gehen, um den dortigen Barbier zu holen, nmit er einen ordentlichen Verband macht." Neumann überlegte einige Augenblicke.„DaS geht nicht," bann kopfschüttelnd.„Zunächst muß die ganze Geschichte n Gehcimniß bleiben." «3)a8 wird schwer halten," meinte Blumenthal. .«Man wird alles Mögliche versuchen," sagte Neumann,„um � �örg's zu bemächtigen." «Das ist allerdings zu befürchten, aber..." „a"�r darf nicht in seinem Hause bteiben. Finden sie ihn im aide nicht, dann kommen sie in seine Wohnung und schleppen chn «Daran habe ich nicht gedacht," sagte Blumenthal unruhig. «Im Schlosse, von wo offenbar der Streich ausgegangen, vollendet man leicht, was im Walde nicht gelungen, dann wird der Wilddieb verbrannt und damit ist die Geschichte aus." „Was aber thun?" „Wir müssen ihn sofort in meine Wohnung bringen, in seinem Zimmer jede Spur seiner Anwesenheit verwischen und ihn dann zur Nachtzeit irgendwo andershin schassen— am besten wäre es, wenn man ihn in die Stadt brächte." „Der Plan ist gut," sagte Blumenthal nach kurzem Nach- denken.„Wir wolle» uns sofort an seine Ausführung machen. Noch ist Niemand im Dorfe wach, und leicht könnten wir die Uebersiedlung unbemerkt ausführen. Aber auch hier ist er nicht sicher----" „Einen Tag schon," entgegnete Neumann.„Die Nachbarn, die ihn zufällig sehen sollten, werden nicht plaudern. Sie müßten nun für Quartier in der Stadt sorgen. Gehen Sie zum Doktor Wieser, bei dem Egler eine so gute Aufnahme gefunden. Der Mann hat das Herz auf dem rechten Fleck und wird schon zu helfen wissen." „Ich hatte auch an ihn gedacht," sagte Blumenthal.„Er hat mich ohnehin um seinen Besuch gebeten, da paßt das sehr gut." „Da fällt mir ein, daß der Schloßgärtner von Rabenberg einige Male hier war und auch mit dem Jörg gesprochen hat. Nun, ich werde schon hinter den Streich kommen." Beide gingen jetzt in Jörg'S Wohnung, und es währte nicht lange, dann war der Verwundete, der immer noch schlief, in'S Haus Ncumann's gebracht. Im Jörg'schen Zimmer hatten sie schnell die alte Ordnung wieder hergestellt und überhaupt jede Spur verwischt, die auf Jörg's Anwesenheit in der Nacht schließen lassen konnte. Als Alles vollendet war, hatten sie die Thür ver- schlössen und den Schlüssel abgezogen. „Jetzt will ich mich auf den Weg nach der Stadt machen," sagte Blumenthal.„Wie steht'S aber mit dem Verbände?" „Das lassen Sie meine Sache sein," antwortete Neumann. „Wenn man so lange mit Menschen zusammenlebt, dann lernt man schließlich Alles." Sie schieden mit einem Händedrucke von einander. 1 la.«ug. 187». „Werden Sie Egler aufsuchen?" fragte Neuinann noch als Blumenthal ging. „Ich werde es thun, sobald mein Hauptgeschäft erledigt ist. — Und nun, Freund Neumann, grüßen Sie mir Marie und sagen Sie ihr, daß sie sich meines langen Ausbleibens wegen nicht ängstigen dürfe. Großes für uns alle stehe auf dem Spiele." „Soll besorgt werden," sagte Neumann, ihm die Hand reichend. *** Es war noch sehr früh, als Blumenthal auf der Höhe stand. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und halb träumend noch lag der Wald da. Tiefer Friede herrschte darin. Wie immer, so zwitscherten und sangen die Vögel ihre Morgenlieder und lachenden Auges erwachte ring« umher die Natur. Sonst hatte Blumenthal diesem Erwachen mit Vergnügen gelauscht, heute eilte er flüchtig daran vorüber und athmete ordentlich auf, als der Wald hinter ihm lag. Schönenberg tauchte vor ihm auf, und aus dem dunklen Grün seines Parkes erhob sich jetzt auch Schloß Nabenberg. Hier und da blickte eine Zinne, ein Thurm, ein Fenster herüber, und mit jedem Schritte vervollständigte sich das Bild, bis der ganze alter� thümliche Bau mit seinen hohen Mauern, Thürmen und Zinnen sich vor ihm ausbreitete. Er hatte Marie von seiner Absicht erzählt, in den nächsten Tagen nach Schönenberz zu gehen, um Berner zu besuchen. Da hatte sie warnend de» Finger erhoben und lächelnd gesagt, er möge sich nur vor dem Rabenberger Parke hüten, den eine so schöne, süße Zauberin bewohne, die den irrenden Rittern nach- stelle, welche in ihr Heiligthum drängen, und sie nimmer wieder freigebe. Mit einem Kusie halte er ihr den Mund geschlossen und ihr geantwortet, daß er mit einem Talisman ausgerüstet sich auf die Wanderung begebe, und dieser Talisman sei die Liebe, die alle Pfeile abprallen lasse. Und nun lag der Park vor ihm, und sein Weg führte mitten hindurch. Die Sonne hatte sich zwar bereits erhoben, doch das Schloß schien noch im Schlummer zu liegen. So lief er wohl keine Gefahr, mit der Zauberin des Wäldes zusammen zu treffen. Leichten Herzens näherte er sich dem Parke. Bald hatte er ihn erreicht und schritt nun unter den alten, ihm wohlbekannten Bäumen dahin. Wie ihn hier Alles anheimelte! Herrliche Stunden hatte er hier einst verlebt— und jeder Baum und jeder Strauch war in jenen Liebcstraum verwebt, dem er sich hier sorglos überlassen, bis die Wirklichkeit ihn jäh daraus empor- geschreckt. Und nun war jener Stern, zu dem er mit begeisterter Bewunderung aufgeblickt, erblaßt. Aber wie er so dahinschritt, kehrten die alten Erinnerungen wieder, in süßen, einschmeichelnden Farben, und es war ihm, als sei er wieder in die alte Zeit mit ihren Hofsnungen und Träumen zurückversetzt. Hier und da blieb er sinnend stehen und betrachtete einen Baum, den er selbst einst gepflanzt, oder eine Blume auf den Beeten am Wege, die er früher schon gesehen zu haben glaubte. Auch nach den Nestern auf den Bäumen blickte er, und lauschte den alten bekannten Stimmen seiner geflügelten Freunde, oder folgte dem Laufe der Eidechsen, die zu seinen Füßen raschelten.— So ging er weiter und weiter und merkte es nicht, daß er allmählich vom Wege abkam, und überrascht schaute er auf, als er den Schloßgärtner Thomas, einen alten freundlichen Man», mit herzlichem Gruße auf sich zukommen sah. „Nun, das ist mal schön, Herr Blumenthal, daß Sie wieder da sind," sagte er, ihm die Hand reichend.„Hätte Sie kaum wiedererkannt. Wie sich das gnädige Fräulein freuen wird, daß Sie endlich wieder bei uns eingekehrt sind. Und Ihre Blumen sollen Sie sehen, die hat sie gepflegt— viel mehr als die eignen. Letzthin ist eine Rose ausgegangen, dieselbe, die Sie einmal ans der Stadt für sie mitgebracht, ja, das ist eine Trauer gewesen, als sei das größte Unglück geschehen. Das gnädige Fräulein ist ganz untröstlich gewesen. Aber ich will Sie doch gleich hinführen, daß Sie mit eignen Augen sehen, wie ordentlich die Blumen aussehen." Ohne Blumenthal's Antwort abzuwarten, schritt er ihm voran, und dieser folgte ihm, von den widerstrebendsten Gefühlen durch- strömt. Und wie sie so durch die Aulagen dahinschritten, schimmerte plötzlich vor ihnen ein weißes Gewand durch die Büsche. „Das ist das gnädige Fräulein," rief der Gärtner ans und beschleunigte seine Schritte, jedoch nicht, � um Blumenthal nach dem Beete zu bringen, das er ihm zeigen wollte, sondern er ging direkt auf Fräulein von Rabenberg los, die mit einem Buche in der Hand sich ihnen näherte, plötzlich aber aufschaute und, schnell umkehrend, den Weg nach dem Schlosse einschlug. Der Gärtner blieb stehen und blickte fragend auf Blumenthal, als wolle er sich von ihm den Austrag erbitten, seiner Herrin folgen zu dürfen, um sie von der Ankunft des Besuches zu unterrichten. „Lassen Sie es, lassen Sie es," sagte Blumenthal, der ihr lange nachgeblickt.„Wollen Sie mir eine Freude bereiten, dann pflücken Sie mir eine Blume von meinem Beete. Ich komme wohl ein andermal wieder." Der Gärtner eilte fort. Blumenthal blickte den Weg zuw Schlosse hinauf, wo das Gewand Sidoniens ihm noch lange sichtbar blieb. Er fühlte sich sehr erregt, und einiger Augenblickes bedurfte er, um sich zu sammeln. „Es ist besser so, daß wir einander nicht mehr gesprochen,'1 murmelte er.„Vorüber für' immer ist die Vergangenheit, für immer vorüber— zu meinem, zu ihrem Glück!" Der Gärtner kehrte mit einer weißen Rose wieder.„Sie ist von Ihrem Lieblingsslrauch," sagte er, sie Blumenthal überreichend� Dieser nahm Abschied von ihm.„Ich lasse Fräulein Sidonst um Verzeihung bitten, daß ich sie einer so schönen Blume beraubt." i „Und wollen Sie das gnädige Fräulein gar nicht sprechen?" fragte der Gärtner verwundert. „Vielleicht ein andermal! Nicht wahr, Sie bestellen ihr meinen Gruß?" „Soll Alles besorgt werden," sagte der Gärtner kopfnickend Verwundert sah ihm der alte Mann nach, wie er raschen Schrittes dem Ausgange des Parkeö zueilte. Auf einer Banl am Wege saßen zwei Männer. Er stürmte, von seinen Gedanke» erfüllt, so hastig dahin, daß er sie nicht wahrnahm. Bei seineS Anblick sahen sie überrascht und erschreckt auf und rückten, als ot sie sich verbergen wollten, eng aneinander. Es hielt schwer, dem Einen von ihnen den Schloßwärter von Falkenburg, del griesgrämigen Heilmann, wiederzuerkennen. Er war mit einei» feinen städtischen Anzüge bekleidet und in seinem Gesichte trug � eine solche Würde und Wichtigkeit zur Schau, daß man ihn eh� für einen Junker als für einen Schloßdiener hätte halten könned Er rauchte eine Cigarre und blies, als Blumenthal vorüberkaÄ grade behaglich eine Rauchwolke in die Luft. Fast wäre ihm di» Cigarre aus dem Munde gefallen, so sehr hatte ihn Blumenthall Erscheinen erschreckt. Sein Nachbar, der Pfarrer Lehnert, ganz blaß geworden. „Gut, daß er uns nicht gesehen," sagte Heilmann aufathincn» als er vorüber war.„Das wäre ein verteufeltes Zusammest treffen geworden. Aber wo kommt er her? Sollte er gar t'' Nacht aus Rabenberg zugebracht haben? Das ist eine sellsa� Geschichte...." „Die für uns aber sehr wichtig werden kann," ergänzte � Pfarrer eifrig.„Zunächst haben Sie das Ereigniß dem jung� Grafen mitzutheileu und ihm die Zeit und daS eigeuthüml>� Aussehen Blumenthal's zu schildern, ihm auch zu erzählen, d»! er die ganze Nacht außerhalb des Schlosses zugebracht und wah� scheiulich anderswo ein warmes Lager gefunden." „Das wird ein prächtiges Zugpflaster, Herr Pfarrer, u»' mit Vergnügen lege ich eS auf," antwortete Heilmann grinse»' „Die junge Erlaucht wird rasend sein." „Schadet nichts— schadet nichts," sagte der Pfarrer, rasender, um so besser, den Menschen müssen wir loS werden � er ist uns Allen gefährlich." „Jetzt aber, Herr Pfarrer, das Eisen geschmiedet, so langt warm ist." „Aber wie, lieber Freund? Jedes Drängen würde den all' Herrn mißtrauisch machen und daS Gegentheil herbeiführen." = 303 „Fangen Sie eS an, wie Sie wollen, aber geschehen muß es auf alle Fälle! Mitten in der Nacht trommelt mich der Graf aus dem Bette, spät noch hatte er Briefe aus der Stadt von dem verdammten Wucherer Silberberg erhalten, und die müssen verteufelt ernst gewesen sein. Er gab mir in sehr erregtem Tone den Austrag, Sie in aller Frühe aufzusuchen. Er gebrauche, so sagte er, die Eheveriräge so schnell wie möglich, und nicht eher solle ich heimkommen, als bis ich sie erhalten." „Wo sind denn aber die Verträge? Sie haben sie mir ja noch gar nicht gegeben!" „Ich sagte Ihnen doch schon, daß gestern Nachmittag die Vogelscheuche Konrad, der Mensch, der früher auf der Pleßburz gewesen— aber Sie wissen das ja nicht— kurz, daß dieser Konrad, den sie bei allen feierlichen Gelegenheiten zum Gesandten herausputzen, im Schlosse war und im Auftrage seines Herrn »nt Erlaucht die Verträge vereinbarte." „Richtig, richtig! Der alte Konrad also— kann den Menschen nicht leiden, Alter macht kindisch, hat ein loses Mundwerk— Lästennaul wie Berner und Blumenthal. Unausstehlicher Kerl." „War immer ein Schulmeister," rief Heilmann geringschätzig. „Beiläufig. Herr Pfarrer, wenn sich Herr von Rabenberg nach mir erkundigen und fragen sollte, wie ich eigentlich zu dem guten Dienste auf der Falkenburg gelangt bin, dann sagen Sie ihm nur— na, erfinden Sie, was Sie wollen— eine Lebensrettung oder so etwas. Ich habe meine Gründe dafür und Erlaucht kennt und billigt sie." „Ei, ei!" sagte der Pfarrer, drohend den Finger erhebend. „Kleine Erinnerungen von der Pleßburg?— Fast beginnt mir in der Angelegenheit ein Licht aufzugehen. Doch ich werde Ihren Wunsch nicht vergessen. Wie es nun aber anstellen, um die Verträge sofort zu bekommen?" „Teufel, das ist doch sehr einfach!" rief Heitmann aus.„Wo steckt heut Ihr Feldherrntalent? Blumenthal ist gesehen worden, Heirath wird dadurch schwankend, retten kann nur der schleunigste Vertragsabschluß. Das ist doch ganz klar, und nicht einen Augen- blick zweifle ich daran, daß Sic in der Affaire neue Lorbeeren ernten werden." „Sehr gut!" sagte der Pfarrer zustimmend,„das könnte zum Ziele führen." „Noch Eins, Herr Pfarrer! An dem einfachen Inhalte der Verträge darf keine Silbe geändert werden. Es kommt darauf an, sie ganz unverkürzt unterzeichnet zu erhalten. Aber Ihr Mann wird nicht an Veränderungen denken." (Fortsetzung folgt.) Plaudereittt über das deutsche Theater und was dahin gehört. i. (Schluß.) Ach, ich bedachte zweierlei nicht: Erstens, daß die Gesinnungs- lostgkeit dem Glauben gleichkommt, der im buchstäblichen Sinne Berge versetzen kann; sie ist im Besitze des Zauberspruches: Tischlein deck' dich!— Zweitens, daß gesinnungstüchtige Ehren- Männer, auch dann, wenn sie über größere Fähigkeiten und Talente disponiren, als die gewöhnliche Durchschnittssorte, schwer und lange ringen müssen, um ein klein wenig Anerkennung zu erringen, welche übrigens Erwerbslosigkeit nicht ausschließt, und daß sie auch sehr oft zu Grabe getragen werden, ohne daß die Leid- tragenden selbst wissen, was für einen Schatz sie begraben haben. Wer hofft, verliert! Ich hoffte und verlor meinen guten Muth nicht, ich wollte meine Ueberzeugung nicht verstecken, ich wollte durch anscheinende Gleichgiltigkeit meine, holde Königin Freiheit nicht verleugnen, und dieser Wille—, Kinder mit dem Willen, kriegen was auf die Brillen', heißt ein altes Sprüch- wort— fraß mein ganzes Vermögen im Laufe einiger Jahre auf, sodaß ich die Zeit schnell nahen sah, in welcher ich vis-ä-vis de rien mich befinden würde. Es gibt gewiß Leute, welche an meiner Stelle nach Amerika gegangen und dort im fernen Westen Holz gefällt und ein Lied auf die verrotteten Zustände in der alten Welt gepfiffen hätten; es gibt auch solche, die mit spartanischer Strenge gegen sich ihr Leben elendiglich weiter gefristet hätten, allen Versuchungen zum Hohn; es gibt endlich auch solche— und es hat ohne Zweifel Millionen, ja Milliarden gegeben die in ähnlicher Lage kurzen Prozeß gemacht hätten, sich entweder physisch oder moralisch selbst getödtet hätten... ich hatte zu allen drei Projekten weder Lust noch— Kraft. Deshalb versank ich in Apathie und wäre wahn- stnnig geworden, wenn nicht eine meiner Liebhabereien mich vor diesem Schicksal bewahrt hätte. Bon jeher, von Kindheit an war ich ein großer Theaterfreund gewesen, nicht nur in dem Sinne, daß ich ein Bewunderer der lebendigen Darstellung unserer klassi- scheu Meisterwerke eines Goethe, Lessing und auch moderner Dichter war, sondern das Theaterwesen selbst, sowie Schauspieler und Publikum interessirten mich ungemein und gaben mir viel Stoff Zum Beobachten und Nachdenken. Außerdem kann ich nicht leugnen, daß mich die gütige Natur mit einer guten Dosis Humor begabt hat, der mich auch in denjenigen Momenten, wo man ,dem Welt- geist näher ist, als sonst', in den gewichtigsten, ernstesten Augen- blicken, nicht ganz verläßt. In jeuer Zeit nun, wo ich ganz apathisch war und niir der Hungertod entgegenglotzte, unterließ ich nicht, mir häufig die Schnurren auf, vor und hinter der Bühne anzusehen. Ich begann, nachzudenken, und eines Abends, als ich oben im.Himmelreich' eines.Nikotintheatcrö' in Berlin mich über die Brüstung lehne, überfällt mich meuchlings— ein Gedanke. Dieser war fruchtbringend und ihm verdanke ich es, daß ich heute mein gutes Auskommen habe, ohne daß ich meine .kommunistische' Gesinnung zu verleugnen brauche, daß ich ein Posseudichter geworden bin, ohne je von der Muse geküßt worden zu sein, ohne auch nur einen Funken Talent zu haben, von jener Sorte nämlich, deren sich Aristophanes, Moliüre und Beaumarchais bedienten." „Aber, mein lieber Wilhelm," wandte ich ein, du mußt doch Talent haben, sonst würden die Stücke dem Publikum nicht gefallen." „Nein, ich habe kein angebornes, nur ein künstlich gezüchtetes, und das Merkwürdige ist, jenes ist in jetziger Zeit ganz unnütz, dieses vielmehr— ein Bastardkind der Thalia— ist eine, milchgebende' Knh." „Nun," erwiderte ich,„vorläufig will ich nicht mit dir streiten, aber sage mir, welcher Gedanke überfiel dich so meuchlings?" „Davon später, jetzt muß ich dich verlassen, um zur Probe zu eilen. Ein neues Stück von mir wird einstudirt. Apropos, ich will dir doch noch eine kleine Frage vorlegen. Besagtes Stück spielt Vormittags; ein junges Mädchen, Tochter unbemittelter Eltern, spielt die Hauptrolle. Mademoiselle Angelika hat dieselbe übernommen, weigert sich aber, in einem einfachen, den Verhält- nissen entsprechenden Kostüm zu erscheinen; sie pocht auf ihr schönes, tiefausgeschnittenes blauseidenes Kleid. Soll ich ihr er- laubcn, dasselbe in dieser Rolle zu benutzen?" „Gewiß nicht, das würde die Illusion stören," erwiderte ich. „Du hast kein Talent, bester Freund. Selbstverständlich er- laube ich's, denn das abwesende blauseidene Kleid könnte mögliche» falls meinem Stück zu einem Fiasko verhelfen. „Unmöglich!" „Nicht nur möglich, sondern höchst wahrscheinlich. Die Gründe meiner Vermuthung werde ich dir heute Abend auseinandersetzen, jetzt würde es zu weit führen, da ich nothwendig zuvor mit dir über den Konnex zwischen Schauspieler und Publikum reden muß, um mich dir verständlich zu machen. Also auf Wiedersehen!" Uade. Die Hofe. Bon Hngo Sturm. (Fortsetzung.) Wie der Rose in der altdeutschen Volksanschauung die Gabe der Borhervelkündigung des Todes beigelegt wird, so findet man dies auch in der christlichen Legendengeschichte. Zu HildcSheim, Lübeck und Breslau kündigte eine weiße Rose jedesmal einige Zeit vorher den Tod eines Domherrn an. Auf dem Stuhlsitze oder unter dem Kissen dessen, dem der Tod bestimmt war, fand sich regelmäßig diese TodeSbotin. In Lübeck wurde es infolge defien Sitte, daß jeder Domherr, sobald er im Chore ankam, sein Kissen umwandte, um zu sehen, ob ihm vielleicht der Tod drohe. Nach der schwedischen Volkssage reicht die heilige Jung- frau den sterbenden Kindern eine Rose. Ob aber hiermit, was sehr wahrscheinlich ist, die?sogenannte„Rose von Jericho", die George Sand. Originalz auch Auferstehungsblume heißt, oder eine wirkliche Rose gemeint ist,.müssen wir dahingestellt lassen. Doch auch mit dem bösen Geiste hat man die Rose in Ber- bindung gesetzt. Müllenhoff erzählt in seinen Sagen aus Schleswig:„Als der Herr den Luzifer vom Himmel gestürzt hatte, wollte der Böse wieder hinaufkommen und schuf einen Strauch mit hohen graden Gerten, die voll Dornen waren. An denselben wollte er hinaufklettern, aber der Herr errieth seine Absicht und bog die Gerten abwärts. Da wurde der Böse sehr zornig und er bog auch die Dornen hernieder, so daß sie seit der Zeit herab- gekrümmt sind und alles festzuhalten suchen, waö in ihre Nähe kommt. Nach einer andern Bolkssage, soll sich Judas der Ber- räther an einem Hagedorn erhängt$5lben, seit welcher Zeit die hnung.(Siehe Seite 308.) Dornen nach unten gerichtet sind. Hierauf bezieht sich auch der Name„Judasbeere", wie man in Angeln die Hagebutten nennt. Doch nicht allein die christliche Legende hat sich der Rose bemächtigt, auch die Anhänger Muhamed's wissen viel von ihr zu berichten. Auch hier ist eine Aehnlichkeit mit den Sagen des klassischen Alterthums nicht zu verkennen. Wie ja überhaupt der Islam eine Zusammenwürfelung des Heiden-, Juden- und Christenthums ist, so haben auch die Sagen desselben von allen Völkern etwas entlehnt. Ueber den Ursprung der Rose berichtet Soyuti:„Als Muhamed zum Himmel emporstieg, fielen einige Schweißtropfen herab auf die Erde, daraus die weiße Rose auf- sproßte; aus denen aber, die Gabriel, sein Begleiter, vergoß, ward die rothe, und aus denen, welche sein Roß El Burak, auf dem er von Mekka nach Jerusalem vor seiner Himmelfahrt ge- ritten war, verlor, die gelbe." Der persische Poet Firdusi lägt sie aus einem Schweißtropfen hervorgehen: Bevor Muhamed vom Himmel zur Erde herabstieg, durchschritt er einst die Gärten des Paradieses und stand plötzlich vor dem Ewigen, der ihn mit seinem wetterleuchtenden Auge dergestalt fixirte, daß der Prophet vor Staunen und Schrecken in Schweiß gerieth, den er sich mit der Hand von der Stirn wischte. Zwei Tropfen dieses Schweißes fielen auf die Erde herab, und einer davon erzeugte den Reis, der andre die Rose. Ganz wie in der christlichen Mythe fanden auch Muhamed's Anhänger Inschriften auf den Blättern der Rose. Soyuti erzählt, er habe in Indien in einer Stadt eine großblätterige, süßriechende Rose gesehen, auf deren Blättern in weißer Schrift folgende Worte standen: Es ist kein andrer Gott als Allah, und Muhamed ist sein Apostel, Abu Bekr ist sehr wahrheitsliebend, Omar aber ein Verleumder. Er habe sich dann einige Knospen von diesem Stocke abgebrochen, und als er sie geöffnet, habe er dasselbe darin geschrieben gefunden, das Volk jener Stadt aber sei ungläubig gewesen, denn es habe den alleinwahren Gott nicht erkannt, sondern Steine angebetet. Ueberhaupt gibt eS wohl kein Volk auf Erden, daß der Rose in so überschwänglichem Maße huldigt, als der Orientale. Alle ihm zu Gebote stehenden Mittel scheinen ihm noch zu gering, ihre wunderbare Schönheit zu preisen. Alles Schöne, Erhabene und Reine hat er auf die Rose übertragen, ohne die er sich kein Bild wahrer Schönheit denken kann. Besonders der persische Dichter HafiS, der begeistertste Priester des göttlich-heitenr Genusses, wird nicht müde, sie zu preisen. Alle seine Gesänge und Lieder sind der Rose, der Nachtigall und dem Frühling, diesen so unzertrennlichen Bildern wahrer Schönheit geweiht. Ihr Duft ist ihm Gefühl— Sprache: „Hört das Geheimnijj der Rosen, Wie statt Worte durch Düfte sie kosen." Auf die Rose hat der Orientale mehr noch wie alle anderen Völker übertragen, was sein Herz von der Macht und Süße der Liebe wußte.„Die ausgezeichnete Schönheit, der Wohlgeruch, sowie überhaupt der Totaleindruck hat die Rose zum Sinnbilde der erheiternden und beglückenden Sphäre des Lebens gemacht." Will der Orientale die größte Schönheit bezeichnen, so bedient er sich des Vergleichs mit der Rose. So sagt der osmanische Dichter Ahmedbeg, daß die Rose sich nicht traue, ihr Angesicht zu zeigen, wenn man von der Geliebten Wangen singe, und Achnliches findet man bei Kjewseri, der die eben aus der Knospenhülle hervorbrechende Rose beim Anblick des schönen Mädchens verstummen läßt. Bodenstedt hat in seinen Liedern der Rose eine hervorragende Stellung eingeräumt und so die orientalische Anschauungsweise auch uns zu vermitteln gesucht. „Was ist der Rosen Blüthenkelch, dran Nachtigallen nippen, Wohl gegen deinen Rosenmund und deine Rosenlippen?' Die Lieder des Mirza-Schaffy werden von Rosenduft durch- weht, so daß er mit Recht singen kann: „Es hat die Rose sich beklagt, Daß gar zu schnell ihr Dufl vergehe, Den ihr der Lenz gegeben habe— Da Hab' ich ihr zum Trost gesagt, Daß er durch meine Lieder wehe Und dort ein ew'ges Leben habe. Die Rose ist vor allen Blumen mit Anmuth, Duft und Schön- heit begabt, und es ist deshalb ein nicht zu fern liegender Ge- danke, sie mit der Sangeskönigin Nachtigall in Verbindung zu setzen. Auch unseren Dichtern ist dies naheliegende poetische Bild nicht entgangen, aber nicht zu vergleichen ist ihre Auffasiung mit der der osmanischen Dichter. Die sinnige Mythe von der Liebe der Nachtigall, der melodischen Bülbül, zu der Blumenkönigin Rose hat dem Dichter Attar den Stoff zu. seinem Bülbülnameh gegeben, und diese Auffasiung findet man mehr oder weniger, in allen orientalischen Dichtungen. Ein anderer Dichter, Dschami, erzählt ein niedliches Märchen von jener alten Sitte eines König- | reich« im Morgenlande,»ach welcher ein Gesetz bestand, daß, wer einer Prinzessin eine Rose darbrachte, dann von ihr ver- !i langen konnte, was er wollte. Noch besier zeigt folgende Erzäh- lnng die Achtung, in welcher die Rose im Orient steht. Einst saß Rouh Jbn Hatim, der Statthalter der Provinz Nordafrika, mit einer seiner Kebsfranien in einem Zimmer seines prächtigen Palastes, als ein Eunuch ihm ein Gefäß voll weißer und rother Rosen, die ihm Jemand zum Geschenk überreichen ließ, brachte. Er befahl dem Sklaven, das Gefäß mit Silber anzufüllen und jenem sodann zurückzii geben; allein seine Geliebte sprach: Herr, du hast gegen den Mann nicht billig gehandelt, denn sein Ge- schenk hat zwei Farben, Roth und Weiß. Da antwortete der Emir: Du hast Recht, und gab Befehl, es mit Gold- und Silberstücken(Dirhams und Dinars) auf gleiche Weise gemischt, zu füllen.— In Persien feiert man auch heute noch Rosenfeste, die in dem Bewerfen mit Rosen bestehen und uns an ähnliche Erscheinungen bei anderen Völkern erinnern. Es fällt in den Herbst zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche und wird das„Abrizan- Fest" genannt. Bei den Fest- und Gastmälern werden statt der Stöpsel rothe Rosen in die Flaschen gesteckt. Mit Rosenwasser wird auch der in ein persisches Haus eintretende Fremde zum Zeichen des„Willkommens" besprengt. Aehnliches findet man zu St. Jago in Chili, wo jeder Fremde, der zum ersten Male als Gast in ein Haus eingeführt wird, zum Zeichen, daß sein Besuch ein angenehmer, von der Dame des Hauses eine Rose erhält. Doch nicht blos in der Sage, auch i» der Geschichte hat diese allverehrte Blume eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. Namentlich reich ist die Vergangenheit Englands an solchen Bei- spielen, obwohl wir sie auch in anderen Ländern nicht vergeblich suchen. So brauchte nach den alten Gewohnheiten in Frankreich ein Adliger seinen Töchtern keine andre Mitgift zu geben, als ein Rosenhütchen oder ein Rosenbaret. Auch der im vorigen Jahr- hundert in Paris entstandene Dichterverein, dessen Mitglieder sich Rosati und den Ort ihrer Versammlungen das RosenboSket nannten, verdient Erwähnung. Jeder, der in diesen Verein auf- genommen zu werden wünschte, mußte, wie ehedem Horaz, ein Lied zu Ehren der Rose singen.— In dem 1453 beginnenden fünfunddreißigjährigen Kriege zwischen Heinrich VI. aus dem Hause Lancaster und zwischen dem Herzog von Aork war die rothe und weiße Rose ein furchtbares Wahrzeichen. Erst mit der Schlacht von Bolworth endigte dieser Kampf, der England den Frieden wiedergab.— Für die Verpflichtung, alljährlich dem Könige eine rothe Rose zu liefern, wurde Sir Walter Scott von Jakob II. von Schottland zu einem Baron von Branksome er- hoben.— Auch auf Münzen und in Wappen ritterlicher Ge- schlechter finden wir die Rose als Symbol. König Eduard III. von England ließ diese Blume auf seine Goldmünzen(Rosenobles) prägen, und im Schilde derer von Aufseß prangte eine rothe Rose. Auch der Ritter von Eberstein führte eine rothe Rose im Schilde, wie Uhland in seinem Gedichte:„Der Ueberfall in Wildbad" berichtet.— Luther's Petschaft zeigte eine Rose, in welcher ein Herz rühr. Als besondere Rosenliebhaber aus älterer Zeit müssen der Chalif El Mutawekkil, ein Herr von MaleSherbes und die un- glückliche Königin Maria Antoinette genannt werden. Ersterer beschäftigte sich viel mit dem Bau der Rose und ihrer Vervidl- fältigung und pflegte zu sagen:„Ich bin der König der Sultane und die Rose ist die Königin der wohlriechenden Blumen, darum gebührt es sich, daß wir zwei immer Kameradschaft halten. Auch Herr von Malesherbes hatte ein ähnliches Sprüchlein im Munde: „Das Schönste auf Erden sind Frauen und— Rosen." Obwohl die Mehrzahl aller Menschen der Blumenkönigin huldigt, so gibt es aber auch einige, die sie weder sehen noch riechen mögen. Von den vielen Rosenfeinden, die der alte Balzac im zweiten Kapitel seiner„Entretiens" nennt, seien hier nur der Kardinal von Cardonne, Herzog Heinrich von Guise und Maria von MediciS genannt. Letztere, bekanntlich die zweite Gemahlin Heinrich'S IV. von Frankreich, war eine Freundin aller Blumen, siel aber in Ohnmacht, so oft sie eine Rose erblickte. So sehen wir die Rose in ihrer vielseitigen Bedeutung im Leben der Völker auftreten. Ueberall finden wir ihre Verehrung, 307 ihr?ol'. Sie ist ei» Symbol des Herrlichste», Beseligenden und Erhebenden im Leben. Doch wie dieses nicht rein und im- getrübt dem Sterblichen zutheil wird, so ist es auch mit der Rose, die den verwundenden Dorn unter ihrer Pracht und Schön- heit verbirgt. So soll uns auch die Rose ein Zeichen und Bild der Wechselfällc des Lebens sein, sie soll uns stets die warnende Mahnung nahe legen, selbst auch im Genüsse mäßig und weise zu sein, wie ein indischer Spruch dies so schön zum Ausdruck bringt:„Wenn du deinen Wunsch erreicht hast, so frohlocke noch nicht; siehst du nicht, wie der Dorn in dem Augenblicke, in welchem man die Rose bricht, den Finger verwundet?" Ist das nicht derselbe Grundgedanke,. der auch in nnserm urdeutschen Mahnrufe:„Keine Rose ohne Dornen!" uns entgegentritt? Aber dennoch dürfen wir uns an der Rose erfreuen, wie unsere Ur- Väter. Noch heute gilt das, was der große Ariosto einst von ihr sang: „Ihr huld'gcn Erd' und Fluth und Westgekosc, Ihr scheint das thau'ge Morgenroth zu glüh'n; Verliebte Mädchen wünschen, holde Änaben Zum Schmuck für Brust und Stirne sie zu haben." Es ist selbstverständlich, daß eine so allverehrte Pflanze und Blume auch eine bis in's tiefste Alterthum reichende Kultur haben muß. Schon in der indischen Mythologie werden„gefüllte" Rosen genannt. Wischn» findet seine Gemahlin Lakschmi in einer Rose von 108 großen und 1008 kleinen Blättern. Auch die griechische Mythe kennt in dem herrlichen Garten des Midas in Macedonien sechzigblättcrige Rosen von außerordentlichem Duft und lieblicher Farbenpracht. Die eigeutliche Liebhaberei ist aber von Aegypten aus nach Roni gekommen und von hier aus in alle den Römern tributpflichtigen Länder verbreitet worden. Plinius, der kurze Zeit vor Christi Geburt lebte, beschreibt schon vier Rosenarten, die heut noch in Griechenland und Italien zu finden sind. Es ist aus der Beschreibung nicht mehr ganz deutlich zu ersehen, welche unserer heutigen Arten„der Vater der Naturgeschichte" im Auge hatte, doch ist es sehr wahrscheinlich, daß er— wie Fraas in seiner„b'Iora classica" meint— unter dem Namen lioiäa cynosbatus die immergrünende oder Kletterrose(von Linne K. sernpervirens genannt) versteht, die unter den wilden Rosen in Griechenland und Süditalien hie verbreitetste ist. Wie Leunis bemerkt, ist es diese Rose, die namentlich von den Bewohnern von Megara zur Bereitung des von den Alten so geschätzten Rosenwassers benutzt wird, und von welcher die beliebte Bisamrose von Cyrene in Afrika eine Spielart ist. Ferner nennt Plinius unsere Heckenrose, die zwar in Griechenland selten, dagegen in ganz Italien sehr häufig zu finden ist. Auch die Bibcruellrose war den Alten bekannt, ebenso die Zuckerrose, welche nach FraaS von der Gartenrose(Centi- folie) nicht unterschieden wurde. Letztere war die Lieblingsrose der Alten, von der man auch schon zehn Spielarten kannte, alö deren älteste Sorte die weiße gilt. Außerdem hatte man jedoch schon eine schwefelgelbe, eine dunkelgelbe, eine hellrothe, eine solche mit brennendem Roth k. Als die am frühesten blühende Spiel- art nennt Plinius eine aus der reizenden italienischen Landschaft Kampanien, während die zuletzt blühende aus Präneste(dem heutigen Palestrina) kam. Ueber das eigentliche Vaterland dieser schönen Rosenart finden wir leider bei den Alten keine zuver- lässigen Nachrichten, und auch dem Forscherfleiß unsrer Zeit ist es noch nicht gelungen, dieses mit Bestimmtheit zu entdecken. Von einigen Forschern wird das östliche Gebiet des Kaukasus und Persien genannt, während Kurt Sprengel Schirwan für ihre ursprüngliche Heimath angibt, von wo sie nach Italien ge- kommen sein soll. Bon hier aus wurde sie durch die Kriegs- züge der siegreichen Römer in alle Länder gebracht und errang sich bald die Gunst aller Blumenfreunde. Wegen ihrer schönen Rosen war namentlich die Insel Rhodus im Alterthum hoch- berühmt.(Schluß folgt.) Ein Lriesdied. Eine wahre Erzählung von Emil König. (Fortsetzung.) Kalab benutzte indessen die Lade nicht lange in der ange- gebenen Weise; er zog es vor, die Ablieferungen von Fall zu Fall zu bewirken und die Packete nicht erst in die Lade zu schieben. Dadurch kam letztere außer Gebrauch und wurde von den Be- amten nicht weiter beachtet. Eine Reihe von Iahren war Kalab bereits in der angegebenen Weise thätig. Er hatte sich mit jedem Dienstzweige genau ver- lraut gemacht, zeigte sich stets eifrig im Amte, unterwürfig gegen Höherstehende und war jederzeit bereit, seine Kollegen zu ver- treten. Besonders häusig erbot er sich, an Sonn- und Feier- tagen des Nachmittags für Andere den Frankodienst am Schalter Zu verrichten. Die Liebe seiner Kollegen genoß Kalab nicht. Er benahm sich unfreundlich gegen sie, machte sich lustig über etwaige Ber- sihen und suchte sich durch öftere Denunziationen bei den Oberen einzuschmeicheln. Das gelang ihm in vollem Maße. Er stahl stch in das Vertrauen seiner Vorgesetzten und erwarb sich bei ihnen den Ruf eines sehr brauchbaren Beamten, den ein Vor- stand dem andern beim Wechsel als werthvolles Inventarienstllck öbergab und empfahl. � , Kalab lebte sparsam und kleidete sich ärmlich. Er wohnte zwar seit einigen Iahren nicht mehr bei seinen Eltern, aber in �iner Weise sah man ihn Aufwand machen. In seine �.reue setzte man nicht den geringsten Zweifel. Allerdings kam es viel °ster, als früher vor, daß Briefe vermißt wurden. Es liefen zahlreiche Klagen ein, und, um endlich der Sache auf den Grund su kommen, ersuchte die Behörde einzelne Privatpersonen, die Adressen ihrer Briefe, den Briefkasten und die Zeit der Aufgabe dem Vorstande vertraulich mitzutheilen. Der Vorstand des Brief- Ausgabeamtes war' aber so schlau, seinerseits Kalab— den Musterbeamten— vertraulich davon in Kenntniß zu setzen und ihn zu beauftragen, beim Sortiren nachzuforschen, ob die bezeich- neten Briefe vorhanden wären oder nicht. Natürlich gelang es unter solchen Verhältnissen Kalab jedesmal, die betreffenden Briefe zu finden. Als zu Anfang des Jahres 1862 einer der beiden Kontro- leure erkrankte, wurde Kalab an seine Stelle gesetzt, und auch während dieser Vertretung bewies er Eifer und Umsicht. Er setzte einige ältere Bureaudiener davon in Kenntniß, daß jetzt wieder so ungewöhnlich viele Briefe verloren gingen, und wies sie an, da er doch die Augen nicht überall haben könne, auf die beim Sortiren thätigen Beamten Acht zu geben, namentlich dann, wenn er selbst an seinem Schreibtische beschäftigt und sie zu kon- trolircn nicht im Stande sei. Je mehr Kalab seinerseits seinen Mitarbeitern gegenüber den Aufsichtsbeamten herauskehrte, desto unbeliebter wurde er bei denselben. Es traute ihm zwar keiner eine Unredlichkeit zu, aber man bemerkte seine Eigenheiten, gelegentlich auch seine Unwissen- heit, und machte sich darüber lustig. Beim Sortiren der Briefe stand Kalab mit anderen Beamten am Sortirtische. Mit der linken Hand nahm er gewöhnlich eine größere Anzahl Briefe, suchte sie aus und legte sie dann aus den Tisch. Es siel zwar auf, daß er häusiger als andere Beamte Briefe nicht auswarf, sondern in der Hand zurückbehielt; man glaubte indessen, daß er die Lage des Bestimmungsortes äugen- blicklich nicht wisse und erst in einem Lexikon nachschlagen wolle. 308 Oft drehte sich Kalab um und trat an seir. n Schreibtisch, um die Landbriefe zu übernehmen; dann kehrte er den sortirenden Beamten den Rücken zu, und diese halten viel zu viel zu thun, um sein Treiben eingehender zu beobachten. Im Frühjahr 1862 bemerkte der Briefträger Mermou, dajj Kalab beim Sortiren jeden Tag nnd bei jeder Expedition mehrere Briefe nicht auswarf. Er konnte nicht glauben, daß Kalab, der schon etwa acht Jahre im Dienste war, bei einer so großen Menge von Briefen die Lage des Bestimmungsortes nicht kennen sollte, und vermuthete daher, daß Kalab vielleicht absichtlich die schwieriger zn sortirenden Briefe zusannnensuche, um sie heimlich einem erst eingestellten jungen Beamten, mit welchem er sich nicht vertrug, zum Sortiren in die Hand spielen und diesem hierdurch Verlegenheiten zu bereiten. Bedenklicher wurde dem Briefträger Mermou die Sache, als er wahrnahm, daß Kalab, wenn er sich von dem Kontroleur beobachtet glaubte, keinen Brief zurückbehielt, sondern sie alle auslegte. Er sah von jetzt ab Kalab schärfer auf die Finger und überraschte ihn eines Tages dabei, als er auf dem Schreib- tisch ein Packet Briefe in einen Umschlag wickelte und dann in die durch eine Klappe verdeckte Oeffnung steckte, welche in die erwähnte Lade mündete. Gleich darauf nahm Kalab ein zweites Packet Briefe mit sich in daö anstoßende Kanzleizimmer, wo sein Arbeitstisch hinter einem Mauerpfeiler stand und er unbeachtet von den Uebrigen manipuliren konnte. Mermou theilte seine Entdeckung dem Kontroleur Kurzweil mit. Dieser überzeugte sich, daß in der verschließbaren Lade Briefschaften verborgen waren, die er indessen durch die ziemlich enge Oeffnung nur zu fühlen, nicht herauszunehmen vermochte. Der Kontroleur überwachte von nun an das Thun und Treiben Kalab's genauer. Er bemerkte, daß am Nachmittag des- selben Tages das erste Packet in der Lade nicht mehr zu greifen war; am Abend aber wurde wiederum ein Packet an derselben Stelle gefunden. Am andern Tage— es war der 8. April 1862— trat unter Zuziehung eines Polizei-Kommissars eine Kommission zu- sammen. Kalab wurde, sobald er im Postgebäude erschien, der Schlüssel zu der verhängnißvollen Lade abgefordert. Er erschrak sichtlich und gestand nach kurzem Besinnen, er habe ein Packet Briefe durch die Klappe geschoben. Als man die Lade öffnete, fand sich das Packet, aus 24 Briefen bestehend, die sämmtlich am Tage zuvor aufgegeben worden waren. In dem Arbeits- tische, den Kalab benutzte, wurden ebenfalls gleichzeitig 44 Brief- packete entdeckt. Kalab räumte solchen Thatsachen gegenüber ein, daß er allerdings seit den leyten drei Monaten beim Sortiren öfter Briefe entwendet, geöffnet nnd ihres Inhalts beraubt habe. Er wollte sich auf diese Weise 30(1 Gulden zugeeignet haben. Die einer sofortigen Revision unterzogene Hauptkaffe zum Klein- verschleiß von Marken war in Ordnung, der Markengroßverschleiß � dagegen wies einen Mehrbetrag von 117 Gulden nach, der den bestehenden Vorschriften gemäß für de» Poflfiskus eingezogen wurde. Kalab gab zwar zur Erklärung dieses Ueberschusses an, er habe seinen letzten Gehalt nebst Quartiergeld in diese Kasse ge- than; er wurde aber sofort der Lüge überführt, denn der Bureau- diener Scheinlein, von dem Kalab kurz zuvor 100 Gulden, au- geblich zur Ergänzung seiner Dienstkautiou, geliehen, hatte Gehalt und Quartiergeld erhoben und sich damit bezahlt gemacht, Kalab waren nur wenige Gulden übrig geblieben. Bon der Kommission aufgefordert, sie in seine Wohnung zu geleiten, wurde Kalab immer unruhiger. Er schickte sich zwar an, dem Befehle Folge zu leisten und führte die Beamten bis zum Bürgerhospital; dort aber brach er zusammen und bat den Polizeikommissar, ihn in das Postgebäude zurückzubringen; er wolle Alles gestchen. Die Kommission beharrte darauf, zunächst seine Wohnung zu durchsuchen, die ja, wie er selbst angegeben, im Bürgerhospital sein sollte. Jetzt ergab sich aber, daß er gar nicht im BürgerhoSpital, sondern in der Vorstadt„Neubau" wohnte. Er konnte nicht länger ausweichen, und bald war man an Ort und Stelle. Das von Kalab gemicthete Zimmer lag nach dem Hofe hinaus. Es war sehr eng, nur 2'/2'Klaftern lang und kaum 1 Klafter breit. Das Meublement bestand aus einer Kommode mit 4 Kästen, einem Trumeau nebst Schubfach, einem Stehkasten, einem eisernen Ofen, einer Bettstelle, einem Nachtkasten, einem Lederkosfer und mehreren Stühlen. Ein Tisch war nicht vorhanden. Kalab hatte letzteren entfernen lassen, um sich freier im Zimmer bewegen zu können. Er wurde nunmehr angewiesen, alle verschlossenen Behälter zu öffnen, und die Entdeckungen, die man nun machte, überstiegen auch die kühnsten Erwartungen. Stehkasteu, Koffer, das Schubfach im Spiegel waren vollgestopft mit Briefpacketen. Man zählte nicht weniger als 1659 Packete zusammengebundener Briefe! Gleichzeitig fanden sich gegen 500 Billcts, 100 Photo- gramme, viele Muster, ausgeschnittene Vignetten— Alles offenbar Einlagen von Briefen— vor. In der Stube standen Schachteln, in denen Silbergeld und eine große Menge von Briefen abgelöster Marken aufbewahrt wurden. Auf dem Stehkasteu erblickte man 28 Flaschen Eau de Cologne. Kleider und Wäsche besaß Kalab fast gar nicht; dagegen ent- hielten die oberen Kommodenkästen eine zieniliche Sammlung schön gebundener, größtentheils mit Goldschnitt versehener Bücher, meist belletristischen Inhalts; darunter die Werke von Goethe, Schiller, Shakespeare, Körner, Plate», Rückert, Lenau, Anastasius Grün:c., ferner Bilderwerke, z. B. ein Album für Deutschlands Töchter. (Fortsetzung folgt.) George«and(siehe Seite 304) ist der Schriftstellername der bei allen Kulturvölkern hochberühmt gewordenen französischen Schriftstellerin Aurore Amandine Lucile Dudevant, die am 5. Juni des Jahres 1804 als die Tochter des kaiserlichen Offiziers Dupin, eines Nachkom- mens des Marschalls Moritz von Sachsen, und einer Zigeunerin, zu Paris geboren ward. Kaum 20 Jahre alt, vermählte sie sich mit dem Baron Casimir Francis Dudevant, mit dein sie auf dem von ihrer Grojjuiutter geerbten Gute Nohant in Berr» in beständiger Disharmonie lebte. Schon im Jahre 1831 trieben sie die ihr immer lästiger werdenden Familienverhältnisse nach Paris, wo sie die Hälfte jedes der nächst- folgenden Jahre, von ihrem Gatten getrennt, ernsten Studien sowohl als von vornherein auch der Schriftstellerei oblag. Ihr erster Roman „Rose et Blanche" hatte geringen Erfolg, dagegen machten die 1832 veröffentlichten.Indiana" und..Valentine" durch die Originalität der darin zur Geltung gelangenden Ideen und die Kühnheit, mit der die- selben ausgesprochen wurden, bedeutendes Aussehen. Von dieser Zeit an entströmten der fruchtbaren Feder der Dicht.rin in rascher Folge eine lange Reihe von Romanen und Novellen, in denen sie in sehr radikaler Weise die Lösung sozialer Probleme versuchte und der Frauen-Eman- zipation geistsprühend das Wort redete. Im Jahre 1836 setzte sie die vollständige Trennung ihrer Ehe durch und lebte fortan abwechselnd in der Schweiz, in Nohant und Paris. Auch dem Drama widmete sie sich während mehrerer Jahre fast ausschließlich, aber mit weniger Glück. In ihren während der sechziger Jahre erschienenen Arbeiten begnügte sie sich damit, poetische Unterhaltung zu gewähren, aber die meister- hafte Komposition und die iprudelnde Lebendigkeit der Ausführung ließen auch hier das selten erreichte Genie der Verfasserin erkennen. Am 8. Juni d. I. 10 Uhr Morgens starb George Sand in Nohant. X-i. Eine hübsche Geschichte(siehe Seite 305), nach einem Gemälde von Leo Herrmann. Ein sprechendes Bild fürwahr, das jeden Erklärungsversuch beinahe zu einer Beleidigung für den Künstler macht. Ein sprechend es �Bild? Nein, eigentlich nicht, denn es zeigt ja die Wirkungen des Sprechens— das Sprechen ist schon vorüber. Ein lachendes Bild ist's; so recht französisch heiter lachend: Alles lacht auf dem Bilde; das Pfäfflein zur Linken, das die„hübsche Geschichte" erzählt hat, lacht selbstgefällig in sich hinein, seines„Erfolgs" sich freuend; das Pfäfflein zur Rechten lacht aus voller Brust heraus— wir hören ihn ordentlich wiehern. Sogar die im Kühler stehende Flasche mit der Karaffe lacht uns an. Und die„hübsche Geschichte"? Ob's wohl auch eine saubere Geschichte gewesen ist? Quieu sabe— wer weiß, sagen die Spanier. Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.— Druck und Verlag der Genossenschaslsbuchdruckerei in Leipzig.