Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk� Goldene und eiserne Ketten. Erzählung aus schweren Tagen von C. Lübeck. (Fortsetzung.) „Ich werde doch nachgrade sehr begierig, zu hören, was hier eigentlich geheirathet wird." „Werden Sie Alles später erfahren, Herr Pfarrer. Ich darf Ihnen kein Sterbenswörtchen davon verrathen.— Beiläufig, wie ich hierher ging, sah ich den Förster; er sah fuchswild aus, und ick; rathe Ihnen nicht, ihm sobald in's Gehege zu kommen. Er wäre im Stande, Sie über den Haufen zu schießen." Der Pfarrer schüttelte sich frostig.„Es ist ein Unglück," sagte er,„daß das Unternehmen einen so ungünstigen Berlauf hatte. Feiner konnte der Plan gar nicht angelegt sein. Die Kugel hätte uns übrigens ebenso gut treffen können, wie den Jörg," fügte er, wieder fröstelnd, hinzu und blickte sich dabei scheu Um, als fürchte er den Förster in seiner Nähe postirt. Heilmann lachte.„Sie scheinen kein großes Verlangen nach der himmlischen Seligkeit zu tragen!" rief er.„Uebrigens wäre es besser gewesen, heimlich in die Wohnung des Försters zu dringen und dort nachzusuchen." „Das wollte ich auch, aber der Graf brachte mich davon zurück. Er sagte, das Dokument sei jedenfalls so gut verwahrt, daß einmaliges Suchen nichts helfe. Jeder unerlaubte Besuch im Forsthause aber würde nur dazu führen, das Dokument noch ficherer, als es bisher geschehen, zu verstecken.— So blieb nichts als die Lösung durch ein Radikalmittel übrig, das leider— leider nicht zum Ziele führte." „Es wird nun schleunigst Friede geschlossen werden müssen," sagte Heilmann.„Hätte man mich eingeweiht, dann würde daS Ding doch wohl eine andere Wendung bekommen haben. Aber geschehene Dinge lassen sich nun mal nicht ändern. Jetzt aber rasch zum Abschluß unseres Geschäfts." Der Pfarrer stand auf.„Was ich machen kann, soll sicher geschehen," sagte er. „Ich warte auf Sie hier, oder wenn mir die Zeit zu lang wird, gehe ich in Ihre Wohnung und erheitere mich durck einige Kapitel aus Ihren frommen Büchern. Geben Sie mir doch für alle Fälle den Schlüssel." Der Pfarrer blickte Heilmann ängstlich an und schien wenig Neigung zu haben, seinen Wunsch zu erfüllen.„Sie haben doch nicht etwa ein vcrirrtes Schäflein in Ihrem Stalle?" rief Heilmann lachend.„Fürchten Sie nichts. Ich bin ein Mensch, der christ- liche Geheimnisse zu achten weiß." „Ich glaube— ich glaube," stotterte der Pfarrer, sehr ver- legen in seinen Taschen suchend,„ich habe den Schlüssel in der Thür stecken lassen.— Aber ich komme ja spätestens in einer Viertelstunde wieder." „Nun, dann lassen Sie nur das Suchen," sagte Heilmann, immer noch lachend,„ich werde ja noch Gelegenheit finden, Ihr Allerheiligstes kennen zu lernen. Ich erwarte Sie also hier." Der Pfarrer wandte sich rasch und ging,, sichtlich zufrieden den Schlüssel behalten zu dürfen, dem Schlosse zu. „Mir kommt da noch etwas in Erinnerung," sagte er, noch einmal umkehrend.„Es könnte sich in diesen Tagen Manches ereignen, was die Einsperrung der Wittwe Köhler und ihrer leichtfertigen Tochter nothwendig machte. Kann ich dabei auf Sie zählen? Sie haben den Thurm unter sich..." „Haben Sie schon wieder etwas im Anschlage?— Teufel! Des Herrn Wege scheinen mir wirklich sehr verschlungen zu sein. — Wenn die junge Erlaucht nun aber in der Raserei ein ähn- liches Mißgeschick trifft, wie Sie gestern Abend?" „Kann ich auf Sie bauen?" fragte der Pfarrer wieder, ohne auf die Frage Heilmann's zu antworten.„Ich werde für einen kleinen Freundschaftsdienst nicht undankbar sein." „Wir wollen später in Ruhe darüber sprechen." Der Pfarrer nahm seinen Weg wieder aus, während Heilmann die Beine übereinander schlug und sich eine neue Cigarre an- zündete und dann schläfrig den Kopf an einen Baumstamm lehnte, der im Rücken der Bank stand. ** Fräulein von Rabenberg war erregt in's Schloß getreten. Im Gartensalon auf der großen Parkterrasse warf sie sich auf ein Sopha und preßte ein Tuch vor die Augen. „Diese Begegnung, dieses Wiedersehen in diesem Augenblicke!" murmelte sie unter Thränen. l. 1».«Hg. 187«. Sie starrte vor sich hin.„Daß er hierher kam, welche andere Deutung gibt es dafür, als die Absicht, mich wiederzufinden? So hat mir Berner doch die Wahrheit gesagt— er denkt nicht mehr schlecht von mir, er verzeiht mir die Vergangenheit, und so ist es Lüge, was der Pfarrer mir vorspiegelte, daß er ein anderes Mädchen gefunden, welches er liebe. Sagte mir Berner nicht auch, daß ich, wie in vergangenen Tagen, umflossen vom Lichläther der Poesie, wieder in seiner Erinnerung lebe?—— Wie das Herz mir schlug und wie stünmsch das Blut in meinen Adern rollte, als ich ihn wiedersah.— O Gott der Gnade, der du lieb hast, die gläubig, vertrauend und hoffend zu dir aufblicken— muß ich diesen Kelch trinken? Nimm ihn von mir, o Herr, er- höre mein Flehen!" Sie war bei den letzten Worten in die Knie gesunken und barg das Gesicht in die Hände.„Wie eine Magd wollte ich arbeiten, auf all' das Glück des Reichthums verzichten— aber cS darf ja nicht sein," fügte sie traurig hinzu. „An meinen Vater muß ich denken, sagte der Pfarrer— an eine Zufluchtsstätte für ihn. Kann ich ihm das Brot der Arbeit und der Armuth bieten—?" Sie schüttelte den Kopf.„Muß ich denn nicht den Kelch leeren, den herben, bittern—? Und er meint es so gut, er denkt nur an mich— weg ihr Thränen!— Gott wird helfen--." Die Thränen versiegten aber nicht und die Gedanken kehrten immer wieder zu Blumenthal zurück.— Eine Seitenthür des Salons öffnete sich jetzt und eine etwas gebeugte Gestalt mit silberweißem Haare trat in's Zimmer; schnell erhob sie sich. Ein freundliches Kopfnicken begrüßte sie, und ein heller Schein leuchtete dabei in ihrem Gesichte auf. „Mein Vat�," sagte sie in herzlichem Tone und ergriff seine Hände. Forschend blickte sie ihm in die Augen, die bekümmert auf sie gerichtet waren.„Du siehst so ernst aus, Vater!" Ein Schatten flog über fein zwar edles, aber doch sehr weiches Gesicht.„Und Thränen in deinen Augen, mein Kind!" gab er als Antwort zurück. Schweigend ließ sie das Haupt sinken und ein Seufzer ent- rang sich ihrer Brust. „Du wolltest stark sein, Sidonie," sagte er mit bittender Stimme.„Wenn auch unsrc ganze Natur sich dagegen empört, müssen wir doch den eisernen Geboten des Schicksals gehorchen, dessen willenlose Sklaven wir sind."— „Nur ein Aufflammen alter Erinnerunzen war es, was mich bewegte," antwortete sie, sich zu einem Lächeln zwingend.„Nun bin ich wieder ruhig, wie zuvor." „Durch Nacht zum Licht, mein Kind," sagte er heiterer;„ver- traue dem allweisen Meister der Welt, der Alles so wunderbar fügt; mit wahrem Glücke wird er aus seinem Gnadenfüllhorn dich reich beschenken." „Ich will ihm vertrauen, mein Vater," erwiderte sie leise. „So ist eS recht, mein Kind," sagte er lebhaft.„Besitzen wir-das Vertrauen zu ihm, dann kann es unS nimmer fehlen. Unverkennbar ist auch das Walten seiner Hand.— Wie lange noch währt es, dann ist unser kleines Vermögen aufgezehrt, und bin ich zu den Vätern heimgegangen, dann bleiben dir unsere Schulden, deren ich mich jetzt nur mühsam erwehre, und du hast keine Stelle mehr, wohin du dein Haupt legen kannst. Wie mein Bruder, dein Onkel, gewissenlos genug war, mich um das Erbe zu betrügen, das ich ja gern mit ihm gelheilt hätte, so wird er auch kein Bedenken tragen, dich aus diesem Asyl zu vertreiben und in die Welt hinauszustoßen,— dann bist du eine Bettlerin." „Sei nicht hart, mein Vater—." „Ich bin es nicht,— ich will auch nicht Richter sein, son- dern dem Höchsten die Strafe überlassen. Aber sich dabei, Kind, Gottes Hand, die uns nicht in den Abgrund sinken und im Elend verkommen läßt! Oder wäre eS etwa nicht göttliche Fügung, daß ein Sproß aus so altem Hause, dem die reichsten und ältesten Familien offen stehen, grade um deine Hand sich be- werben und dich lieben muß?" Sie schwieg und unterdrückte gewaltsam all' die Proteste, die bei diesen Worten in ihrem Herzen sich stüruüsch regten. „Banne die alten Erinnerungen, Kind," begann er wieder. „Sie kommen wie der Dieb in der Nacht und umstricken uns und stehlen aus unserm Herzen Glauben und Gottvertrauen. Wie warst du selbst im Anfange gegen diese Verbindung ein- genommen, wie eifertest du gegen den Pfarrer und wolltest nicht glauben, daß Liebe der Werbung zu Grunde liege.'Nie würdest du Liebe und Achtung für den Grafen empfinden können, so sagtest du vor wenigen Tagen noch. Und heute? Was Gott zusammengefügt, das weiß er auch dauerhaft und unzerbrechlich zu machen. Ohne daß du es merktest, hat er den Balsam des Friedens und der Ruhe in dein Inneres geträufelt und alle Stürme darin zum Schweigen gebracht. Und hat die Kirche erst euern Bund gesegnet, dann wirst du leicht die Liebe und Achtung finden, welche zu einer glücklichen Ehe nothwendig sind." Sie preßte die Hand fest auf's Herz. Wie wenig kannte ihr Vater doch ihr Inneres, das von so schweren Stürmen durch- tobt wurde. Es klopfte, und Konrad, ein alter Diener des Hauses, trat, leicht an dem schwarzen Sammetkappchen auf dem schneeweißen Haare ziehend, ein. Herr von Rabenberg küßte seine Tochter auf die«tiru.„Geh' jetzt, mein Kind," sagte er;„ist die frohe Botschaft, welche Konrad uns bringt, auch mit für dich bestimmt, so will ich dich doch mit deni Geschäfte nicht langweilen." Bei dem Worte„Geschäft" zuckte sie zusammen, dann verließ sie, Konrad freundlich grüßend, das Zimmer. „Und nun zu Ihnen, lieber Konrad," sagte Herr von Rabenberg. „Gewiß wollen Sie mir vom Ausfall Ihrer Sendung nach der Falkenburg Nachricht geben? Ohne Zweifel haben Sie Alles glücklich zum Abschluß gebracht?" Konrad neigte zustimmend das ehrwürdige Haupt.„Es ist Alles zu Ende geführt, gnädiger Herr. Das schwere Werk ist vollbracht," antwortete er mit zitternder Stimme. „Das schwere Werk, lieber Konrad?" Konrad, der schon unter dem Vater des Herrn von Rabenberg der Faniilie gedient hatte und mit deren Schicksalen innig verwachsen war, bekleidete im Schlosse die Stellung eines alten Freundes und Rathgebers und durfte mit seinen Ansichten nicht zurück- halten. „Die Hand hatte Mühe, die Feder zu führen, gnädiger Herr," antwortete er, während seine Augen, um den feuchten Glanz darin zu verbergen, den Boden suchten.„Ich wünschte, ich hätte eine dem Hause Rabenberg mehr zum Glück und Wohle gereichende Mission gehabt. Ein Golgathaweg war mir der nach Falkenburg." „Still, still, lieber Freund," sagte Herr von Rabenberg be- wegt.„Ich kenne Ihre Abneigung gegen die Verbindung, aber hadern wir nicht mit Dem, der Alles so gefügt und sicher auch Alles einem guten Ende entgegenführen wird." „Das kann nicht GotteS Fügung sein, gnädiger Herr," wandte Konrad ein.„Was hat das gnädige Fräulein verbrochen, daß ihr— doch"— er fuhr mit einem Tuche nach den Augen— „hier sind die Eheverträge, gnädiger Herr." Er überreichte Herrn von Rabenberg zwei zusammengefaltete Bogen.„Mögen meine trüben Befürchtunzen sich nicht erfüllen...." „Wir werven Freude erleben, lieber Konrad," entgegnete Herr von Rabenberg, während er die Papiere auseinander schlug und die Blicke über den Inhalt gleiten ließ.„All' mein unbeweg- liches Eigenthum an Gütern, Schlössern und Häusern, Wäldern, Aeckern und Wiesen soll Eigenthum des jungen Paares werden," sagte er mit einem Lächeln—„spanische Schlösser— lieber Konrad, haben Sie nicht eine bescheidene Verwahrung gegen diese über- schwänglrche Registrirung meines Vermögens eingelegt? Außer dem düsteren Gemäuer von Rabenberg gehört mir ja nichts." „Ich that es, doch waren meine Vorstellungen umsonst. ,Was nicht ist, kann ja noch werden, sagte der Graf, es geschieht nur aller Fälle wegen.'" „Wie vorsorglich, wie vorsorglich!" sagte Herr von Rabenberg lächelnd.„Zhir immerhin. Die Bestimmung soll mich nicht von der Unterzeichnung zurückhalten." Er stand auf, um nach seinem Arbeitszimmer zu gehen. „Das Lebensgtück Ihres Kindes, gnädiger Herr, hängt von einem Federzuge ab," wandte Konrad ernst ein.„Ich bitte Sie, die verhängnchvolle Unterschrift noch ein paar Tage auszusetzen." 311 „Wozu das, lieber Konrad? Ich bin es gewöhnt, rasch zu handeln." „Auch da, wo das Theuerste auf dem Spiele steht, gnädiger Herr?" „Aber was soll das Zögern nützen, lieber Konrad, verbessert es die Lage? Es kann im Gegentheil nur zur Verschlimmerung beitragen und das mübsam zu Stande gebrachte Werk zerstören." „Ist diese Ehe ein Werk Gottes, dann wird sie auch bei einigem Aufschub zu Stande kommen," sagte Konrad etwas scharf. „Doch ich habe Ihnen noch etwas mitzutheilen, gnädiger Hm, das Sie vielleicht ineinen Wunsch erfüllen lägt." „Sie machen mich neugierig," sagte Herr von Rabenberg, von dem eigenthümlichen Ton betroffen, in dem Kvnrad sprach. „Aber setzen Sie sich zu mir." Er machte ihm auf dem Sopha Platz, doch Konrad.nahm einen Stuhl und setzte sich ihm gegenüber. „Sie erinnern sich wohl noch der meisten Diener, die auf Schloß Pleßburg angestellt waren, auf dem Ihr Herr Vater zu wohnen pflegte?" fragt? Konrad. „Zum großen Theil wenigstens. Sie wissen ja, daß meine Reisen in's Ausland mich jahrelang von der Pleßburg fern- hielten, und daß ich seit meiner Verheirathung, die nicht ganz nach Wunsch meines Vaters ausfiel, eigentlich nur ein seltner Gast auf der Pleßburg war." „Ja, ja, dem gnädigen Herrn gefiel es nicht, daß dero Frau Gemahlin katholisch war," sagte Konrad, den Erinnerungen des Schloßherni folgend.„Er war noch ein strenger Protestant aus der alten Zeit, und das war ja auch die Ursache jener Unglück- lichen Aufwallung..." „Die mich um die Güter brachte," ergänzte Herr von Raben- berg, während sein Gesicht sich verfinsterte.„Aber Sie wollten mir etwas erzählen, lieber Konrad." „Es handelt sich um die Diener, gnädiger Herr, die damals dort waren. Unter den Dienern, welche der Person Ihres Herrn Vaters in seinen letzten Lebenstagen sehr nahe standen, war auch Einer, der Heilmann hieß." „Ich erinnere mich seiner nickt mehr genau," sagte Herr von Rabenberg nachdenklich,„und doch ist es mir, als hätte ich diesen Namen schon öfter nennen gehört. Aber was ist es mit ihm?" „Der Tagedieb wurde von Ihnen, gnädiger Herr, gleich nach dem Tode Ihres Herrn VaterS entlasten, weil er sich unverschämt betrug und ein Faullenzer erster Klaste war." „Ah, jetzt erinnere ich mich— er war ein dreister Bursche," rief Herr von Rabenberg lebhaft. „Und ein Heuchler und Schleicher war er auch von jeher," sagte Konrad.„Bis auf den heutigen Tag ist es mir unbegreiflich geblieben, wie Ihr Herr Vater, gnädiger Herr, diesem Schleicher ein so großes Vertrauen schenken konnte, er, der doch wie kein Anderer den Btenschen bis auf den Grund zu sehe» pflegte." „Mein Vater war in der Wahl seiner Diener sehr sorgfältig; der Heilmann muß wirklich eine große Verstellungskunst besessen haben, daß er sich so lange in der Gunst meines Vaters behaupten konnte." „Nun komme ich zur Hauptsache. Dieser Heilmann wußte, wo der Nachtrag zum Testamente aufbewahrt war, und dieser selbe Heilmann kehrte mit Ihrem Herrn Bruder, gnädiger Herr, nach der Pleßburg zurück."— Hm von Rabenberg begann sehr aufmerksam zu werden.„Er war, wie Jedermann wußte, die rechte Hand Ihres Herrn Bruders. Eines schönen Tages aber verschwand er, unter Mitnahme einer bedeutenden Summe Geldes. Es geschah nicht das Geringste, ihn zu verfolgen." „Eine neue Spur, auf die Sie mich bringen," sagte Herr von Rabenberg.„Doch vollenden Sie." „Wenn Einer, so dachte ich immer, hat der Heilmann den Nachtrag gestohlen," fuhr Konrad fort.„Wer wäre denn auch außer ihm einer solchen Schandthat fähig gewesen?" „Und weiter," drängte Herr von Rabenberg.„Ich bin be- gierig auf das, was Sie mir noch zu sagen haben." „Als sich mir gestern das Thor der Falkenburg öffnete, stand dieser Heilmann vor mir." „Nicht möglich!" rief Herr von Rabenberg, von seinem Sitze aufspringend. „So dachte ich auch im ersten Augenblicke, aber es war keine Täuschung möglich, und wie ich ihn erkannte, so erkannte auch er mich auf den ersten Blick.— Er wurde roth und blaß und stotterte einige Worte, die wie eine Begrüßung oder Entschul- digung sich anhörten. Ich selbst war so überrascht, daß ich ans seiner Bestürzung keinen Nutzen ziehen konnte. Später erfuhr ich denn, daß er vor einem Jahre von dem Herrn Grafen eine lebenslängliche Anstellung als Schloßwärter erhalten habe. Das fällt aber mit der Zeit der ersten Werbung des Herrn Grafen um die Hand des gnädigen Fräuleins für seinen Sohn zusammen." „Ihr altes Mißtrauen gegen den Grafen führt Sie zu weit," wehrte Herr von Rabenberg ab.„Mein Bruder wird Heilmann nicht umsonst eine bevorrechtigte Stellung im Schlosse eingeräumt haben." „Der Herr Graf von Falkenburg auch nicht," sagte Konrad. „Es mag sein— aber folgern wir ruhig, dann kommen wir doch zu dem Resultate, daß Heilmann seine Stellung auf der Pleßburg mit der Auslieferung des Nachtrags erkauft hat. Und damit ist jeder weitere Verdacht abgeschnitten, leider auch jede Aufklärung in der Hauptsache." „Und die Bestimmung im Ehevertrage über die Güter und Schlösser, gnädiger Herr?— Das ist doch zu auffallend." „Sie muß aus eine Sonderbarkeit des Grafen zurückgefübrt werden. Nein, mein lieber Konrad, Ihre Liebe zu uns läßt Sie zu weit gehen." „Ich bitte Sie, gnädiger Herr, die Unterzeichnung des Ehe- Vertrages noch einige Tage hinauszuschieben," bat Konrad. Wie einen Wink von oben betrachte ich meine Entdeckung. Wer kann denn auch sagen, dies oder jenes sei Gottes Fügung? Handeln wir, wie das Herz es uns eingibt, und Gott wird mit uns sein. Vielleicht, gnädiger Herr, läßt sich doch das Unrecht aufdecken, das Ihnen zugefügt worden, und schweres Unheil von Ihrem Hause abwenden. Heilmann ist ein charakterloser Wicht, und für Geld wäre wohl Alles von ihm zu erfahren. Gelingt es mir, eine Aufklärung zu erzielen, dann soll wieder Freude und Froh- sinn auf Rabenberg herrschen. Aus der Unterzeichnung dieser Verträge darf dann nichts werden. Ich habe die besten Hoff- nungen, gnädiger Herr. Da bitte ich Sie denn recht sehr, schieben Sic die Unterzeichnung hinaus. Bei Allem, was Ihnen theuer ist, bitte ich Sie darum." Konrad hatte mit großer Wärme gesprochen, und mit leuchtenden Augen blickte er Herrn von Rabenberg bittend an. Dieser reichte ihm die Hand.„Wir sollten Gott walten lassen," sagte er.„Aber die Bitte sei gewährt, wenn auch nur, um Sie zu überzeugen, lieber Konrad." „Der Himmel wird meine Bemühungen mit seinem Segen begleiten!" rief Konrad mit zufriedenem Gesichte. In diesem Augenblicke trat der Schloßgärtner mit einem Blumenstrauß ein.„Ich hoffte, das gnädige Fräulein hier zu finden," sagte er. „Lassen Sie die Blumen hier, lieber Thomas, ich bringe sie meiner Tochter. Haben Sie sonst noch etwas zu bestellen?" fragte Herr von Rabenberg, als der Gärtner stehen blieb. Thomas drehte etwas verlegen seine Mütze in der Hand herum.„Der Herr Pfarrer kommt, gnädiger Herr," sagte er, „und dann ist noch Einer da, mit dem er sprach. Das ist der Heitmann von der Falkenburg, der schon bei dem seligen Herrn Vater gewesen. Er sitzt auf der Bank am großen Wege." Konrad warf Herrn von Rabenberg einen bedeutungsvollen Blick zu.„Es ist gut, lieber Thomas," sagte dieser.„Ich er- warte den Herrn Pfarrer." „Ein Wink von oben, gnädiger Herr," rief Konrad, als der Gärtner hinausgegangen war.„Gott läßt es Licht werden und führt Alles zu einem guten Ende." Herr von Rabenberg schwieg. Sollte Konrad Recht haben, und sollte die Vergangenheit sammt dieser Heirath nur eine Prüfung �gewesen sein?(Fortsetzung folgt.) - 312-— Die Rose. Von Hugo Sturm. (Schluß.) Doch es liegt uns zu fern, der Rosenkultur im grauen Alter- durch die Kreuzzügler die Damascener- oder Monatsrose thum weiter nachzuspilren. Im Mittelalter waren es, wie wir nach Deutschland gebracht und bald als die beliebteste Topf- schon oben zu bemerken Gelegenheit hatten, vorzüglich die Mönche blume allgemein anerkannt. Das niedrige Fenster des Hand- und Nonnen, die in ihrem stillen Klostergärtchen der Rosenzucht werkers und kleinen Bürgers zeigte bald diesen Schmuck, der huldigten und sich in der Erzielung neuer Spielarten zu über- auch vor dem hohen Bogenfenster der Kaufleute in den Städten, treffe» suchten. Aus dem Orient(Syrien) wurde um 1100 sowie in der steilen Felsenburg der Ritter nicht fehlte. Aber Gerhard Rohlfs.(Seite 320.) doch war die Rosenkultur nur vereinzelte Liebhaberei, sie war nicht in das ganze Volk übergegangen, und wohlgepflegte Rosen- gärten gehörten in dieser Zeit noch immer zu den Seltenheiten. Die Rose der Sage und des Volksliedes ist die einfache Hage- rose, das„Röslein auf der Haiden", das ohne gärtnerische Pflege am stillen Raine des Feldes und Waldes blüht und im Morgen- thau dem einsamen Wanderer seinen Gruß zunickt.— In England machte sich seit 1322 eine regere Kultur bemerkbar, die sich namentlich auf die um diese Zeit aus Italien erhaltene Ccnti- folie erstreckte; doch konnte es keineswegs mit Frankreich kon- kurriren, das grade im 14. Jahrhundert einen großen Rosenluxus trieb und die römischen Sitten und Gebräuche aufzufrischen sich bestrebte. Seitdem hat Frankreich auch den ersten Rang unter allen Rosenkulturländern behauptet. Im vorigen Jahrhundert war die Umgegend von Montpellier der Rosengarten Frankreichs, und in neuerer Zeit ist es Paris mit seinen Vororten, das in der Rosenzucht den ersten Preis beansprucht. Auch in Brie-Compte- i Robert betreibt man vie Rosenzucht so großartig, wie kaum weiter in Europa. Die Rosenkultur ist für Frankreich ein höchst wich- tiger Handelszweig, indem für bedeutende Summen Rosenstöcke nach Deutschland, England, Rußland, ja selbst nach Nordamerika alljährlich ausgeführt werden. Wenigstens 100,000 Rosenstöcke � werden— wie Leunis in seiner„Synopsis" annimmt— alljährlich auf dem Pariser Blumenmarkte verkauft, nicht gepfropfte 150,000 und gepfropfte zur Ausfuhr durchschnittlich 800,000. „Man nimmt an, daß jährlich auf dem Pariser Blumenmarkte 313 für 4 Millionen Franken Blumen ausgestellt werden, außer denen, welche zu öffentlichen und Privatfesten verwendet werden. Im Winter und in den Frühlingsmonaten werden jährlich für etwa 150,000 Franken abgeschnittene Blumen von getriebenen Rosen verkauft."— Auch in Deutschland widmet man gegenwärtig der Rosenzucht die größte Aufmerksamkeit. Wer Gelegenheit hatte, eine große Blumen-Ausstellung in Augenschein zu nehmen, der staunt gewiß, wenn er zum ersten Male die mannichfaltigsten Varietäten erblickt, welche durch die gärtnerische Expcrimentirkunst hervorgebracht worden sind. Linn 6 kannte 17 Arten, welche Kurt Sprengel auf 115 steigerte, während Trattinick sogar 240 beschrieb, die jedoch von Wallroth auf den zehnten Äjeil reduzirt wurden. Schon aus diesen Angaben ist zu ersehen, wie schwer es ist, eine einigennaßen berechtigte botanische Eintheilung Wir gratuliren.(Seite 320.) zu treffen, aber ganz unmöglich ist es, die in den Rosenkatalogen größerer Handelsgärtnereien aufgezählten Arten und Spielarten in das System einordnen zu wollen. Die Rosenzüchter haben bis jetzt über 6000 Arten, Spielarten und Bastarde zu züchten vermocht, die sie unter den verschiedensten Namen in den Handel bringen und die durch Kreuzungen noch täglich vermehrt werden. Schon 1857 zog ein einzelner Züchter(Ernst Herger in Köstritz) auf 15 Morgen Landes 2000 Spielarten. Ganz unmöglich ist es, sich unter den unzähligen Namen nur einigermaßen orientiren zu wollen.„Hier sind", nach Leunis,„berühmte und ganz un- bekannte Personen vertreten, von den Regenten, von Kaisern bis zu Fürsten und deren Frauen und Töchtern, vom höchsten Adel bis zu den unbekanntesten Bürgerfrauen herab, Feldherren, Schau� spieler, Tänzerinnen, Reisende und Gelehrte, Gärtner und deren Frauen und Kinder sind zu Benennungen benutzt, so daß kaum irgend ein Stand in der menschlichen Gesellschaft vergessen sein dürfte. Manche dieser Namen sind ebenso vergänglich wie die Rosen selbst, viele bezweckten nur Geldspeknlation. Die Namen mancher Spielarten werden sogar, wenn sie einige Jahre bei den Blumenfteunden bekannt waren, von den Rosenzüchtern absichtlich in neue Namen umgeändert, um alte Sorten unter neuem Namen auf's neue den Liebhabern anpreisen zu können, worüber denn die Rosenzüchter zuweilen selbst mit einander in Streit gerathen, wie es in den Zeitschriften über Blumenzucht oft zu lesen ist. Es läßt sich schwer sagen, welches wohl die beliebtesten Rosen sind, da jeder Züchter für eine bestimmte Spielart eine besondere Vorliebe besitzt. Zu den reizendsten und edelsten aller Rosen möchte ich aber die zierlichen Moosrosen rechnen, die der Sage nach aus einem Blutstropfen entstanden sind, der in das Moos unter dem Kreuz auf Golgatha siel. Auch die am Ende des 17. Jahrhunderts aus Ostindien zu uns gebrachte Indische Rose, die sich durch starken Duft und die lange Zeit ihres Blühens auszeichnet, gehört zu den allbeliebten Rosenarten. Ebenso die Bourbon-Rose, die namentlich als Topfgewächs sich größerer Verbreitung zu erfreuen hat. Die Noisette-Rose, die ihren Namen von dem Rosenzüchter Noisette erhalten, der sie 1814 von seinem Bruder Philipp zu Charlestown in Nordamerika er- hielt, ist die kleinste aller Rosen und deshalb bei den Rosen- liebhabern ziemlich bekannt. Die Theerose kam im Jahre 1825 von China zuerst nach England, und wird mit weißen, gelblichen und rothen Blüthen in über 270 Spielarten als Topfpflanze kultivirt. Die unter dem Namen Bengalische Rose vom Juni bis in den Herbst immerfort blühende Monatsrose wurde 1780 durch einen gewissen Ker auS Eaton zuerst in die königlichen Gärten von Kew bei London gebracht, fand aber erst im Anfang unsers Jahrhunderts allgemeine Anerkennung, und wird jetzt in über 200 Varietäten gezüchtet. Die aus Südfrankreich zu uns gekommene Provinz- oder Provencer-Rose gehört zu den dauerhaftesten aller Gartenrosen und erfteut sich aus diesem Grunde allgemeiner Verbreitung. In neuester Zeit hat die grüne Rose viel von sich reden gemacht, bei der statt der schönfarbigen Blumenblätter gewöhnliche Laubblätter dem Kelche entsprießen. Von besonderer Schönheit ist freilich bei ihr nicht zu reden, aber schon um ihrer Seltenheit willen wird der Rosenliebhaber ihr gern ein Plätzchen in seinem Garten gönnen. Die in alten Gartenbüchern hin und wieder genannte schwarze Rose, die sich aus jedem beliebigen Rosenauge, das auf einen Eichstamm gesetzt wird, soll erzielen lassen, gehört in's Gebiet der Fabel, denn trotz aller Experimentirkunst ist es unfern Gärtnern noch nicht gelungen, sie zu erzielen. Ueberhaupt gibt es im ganzen Pflanzenreiche keine wirklich schwarze Farbe, jene Vorschrift ist also nichts weiter, als der Traum eines mittelalterlichen Gärtners, der gern dies Wunder aller Wunder hervorgebracht hätte. Auch eine Himmel- blaue Rose gehört bis jetzt noch nicht in's Reich der Wirklich- keit, und der darauf gesetzte Preis ist noch immer zu verdienen. Von der Rose von Jericho, die als Kuriosum von den Reisenden aus dem Orient mitgebracht, und mit welcher dort sogar ein nicht unbedeutender Handel getrieben wird, hat gewiß schon ein Jeder gehört. Fromme Pilger brachten sie als„Auf- erstehungsblume" mit und wußten allerlei fromme Legenden an sie anzuknüpfen. Als eine besondere Eigenthümlichkeit wurde von ihr erzählt, daß sie immer wieder von neuem aufblühe, wenn man sie mit geweihtem Wasser besprenge. Aber die Wissenschaft hat sie schon längst ihres mystischen Schleiers entkleidet und sie als gar keine Rose, sondern als eine einjährige Pflanze aus der Familie der Krcuzblümler(�na8tatieu hierochontica) entdeckt. Zur Zeit der Fruchtreife rollt sich die Pflanze durch Eintrocknen zu einem kugelförmigen Körper zusammen, wird dann leicht aus dem sandigen Boden gerissen und von dem leisen Hauch des Windes hin und her getrieben. Vogelnestartig sind ihre ent- blätterten Zweige zusammengekrümmt, so daß eine lebhafte Phan- tasie in ihr wohl eine aufkeimende Rose erblicken kann. Doch jede Feuchtigkeit übt auf die Pflanze einen scheinbar belebenden Einfluß aus: die Zweige breiten sich auseinander und kehren allmählich in die Lage zurück, in der sie sich befanden, als die Pflanze nock lebte und Blätter trug. Wir können nicht umhin, hierbei auf die bewunderuswerthe Vorsicht der Natur hinzuweisen, welche die Samen an den für ihre Keimung passenden Ort hin- führt und auf diese Weise das Aussterben der Pflanze zu ver- hüten sucht. Der Schein des erneuten Lebens bezieht sich nänilich nicht auf die ganze Pflanze, sondern hat nur auf die einge- schlossenen Früchte derselben Einfluß. Im trockenen Zustande sind die sie umhüllenden Schoten geschlossen und öffnen sich erst durch die auf sie einwirkende Feuchtigkeit, um die Samen zu entlassen. Hierdurch wird also verhütet, daß der Same auf einen Boden fällt, in dem er nicht zu keimen vermöchte. Erst an einer feuchten Stelle kommt er mit der Erde in Berührung und kann eine neue Pflanze aus sich erwachsen lassen.— Doch nicht blos ihrer Pracht und Schönheit wegen nimmt die Rose eine so bedeutende Stelle in der Reihe der Blumen ein, auch mannichfachen Nutzen weiß der Mensch aus ihr zu ziehen. Schon seit den ältesten- Zeiten hat er es versucht, sie in seinen Dienst zu stellen. Die duftenden Blätter wurden zur Bereitung der Speisen und Getränke verwandt, getrocknete Rosen- blätter zu Pulver gerieben und nach dem Bade auf die Haut gestreut. Der alte Plinius weiß von dem Rosenwein zu erzählen, den man erhielt, wenn man Rosenblätter 30 Tage lang in Wein legte und dann etwas gut abgeschäumten Honig hinzu- setzte. Auch Rosenwasser und Rosenöl war den Griechen und Römern schon bekannt, doch darf dieses nicht mit dem kost- baren türkischen Rosenöl verwechselt werden. Man gewann das- selbe, indem man Rosenblätter so lange in Oel legte, bis dieses letztere den süßen Rosenduft eingesogen hatte. Jzn Orient dienen auch die Rosen zur Bereitung des Rosenzuckers und des Rosenessigs. Ersterer wird jedem werthen Besuch angeboten und löffelweise mit Wasser genossen, während letzterer als Zusatz zum Salat und auch als Arzneimittel reichliche Verwendung findet. Das Rosenwasser wurde von den Anhängern deS Islam zum Auswaschen der Kirchen verwandt, sobald diese von Christen be- treten worden waren. So sandte Sa lad in auf 500 Kameelen Rosenwasser, um die Moschee des Omar wieder rein zu waschen, welche von den Kreuzfahrern in eine Kirche umgewandelt worden war. In den Gärten des Kaisers von China werden soviel Rosen angebaut, daß die Essenz dieser Blumen jährlich gegen 120,000 Frcs. einträgt. Doch dürfen nur die Mitglieder der Kaiserfamilie und die höchsten Würdenträger des Reichs sich dieses Parfüms bedienen, während den übrigen Chinesen der Gebrauch streng untersagt ist. Sollte sich aber doch Jemand verleite» lassen, ein Fläschchen dieser kostbaren Essenz in's Haus zu nehmen, so würden ihn 50 Hiebe mit dem Bambusrohr, die ihm auf väterliche Anordnung des„allergnädigsten" Mandarinen verabfolgt werden würden, an die Strenge des Gesetzes erinnern. Das beste ätherische Rosenöl wird in Gemeinschaft mit dem Rosen- wasser in der Türkei gewonnen und von den Türken und Persern Attar oder Giul Jugh, d. h. Aether, genannt. Vorzüglich in der Ebene südlich vom Balkan, namentlich in Kisanlik(Kezanlyk) und an mehr denn hundert anderen Orten daselbst, sowie in Persien und Kaschmir, aber auch in Ostindien, Aegypten und Siidfrankreich wird dieses feine und kostbare Parfüm gewonnen. Berühmt sind die Produkte aus der Umgebung von Tunis, aus Persien und Ghazepore in Indien. Zur Bereitung deS OeleS werden die sich bis Morgens öffnenden Blüthen der Centifolic und deren Spielarten benutzt, nach Anderen vorzüglich die Bisamrose. Sie werden sogleich mit Wasser Übergossen und bleiben einige Tage in der Sonne stehen, bis sich das Oel auf der Oberfläche zeigt und mit Baumwolle oder einem Löffel ab- genommen wird. Das zurückbleibende Wasser wird dann wieder zu neuer Destillation gebraucht. Doch hat nian auch besondere Destillirapparate, die gegen 120 Quart fassen und mit 60 Pfund Rosenblättern und 15 Pfund Wasser gefüllt werden. Sobald die Hälfte deS Wassers in große Flaschen überdestillirt ist, benutzt man das zurückbleibende sofort zum Ansetzen neuer Blätter. Auf dem Rosenwasser bildet sich danach das geschätzte Oel. Die Ausbeute an Oel ist nur eine sehr geringe. Erst 6000 Pfund Blätter geben ungefähr ein Pfund Oel, aber dennoch liefern die Bezirke südlich vom Balkan in guten Jahren an 3000 Pfund Oel, in schlechten fteilich nur 1000— 2000 Pfund; woraus schon die ungeheure Ausdehnung der Rosenkultur zu ersehen ist. Das Rosenöl kommt in den Gegenden, wo man es bereitet, in großen, flachen, kupfernen und zinnernen Flaschen, die mit dickem, 315 weißem Filze bedeckt sind und Kalikoschilder mit türkischen Buch- staben haben, in den Handel. Erst in Konstantinopel wird es in die geschliffenen und vergoldeten Gläschen gefüllt, in denen wir es auf unserm Btarkt antreffen, wo es von maskirten Türken oder Griechen feilgeboten wird. Trotz der auf Verfälschung des Rosenöls gesetzten Strafen(ehedem war sogar Todesstrafe darauf gesetzt) unterliegt dasselbe doch den mannichfachsten Verfälschungen, so daß wir nie reines Rosenwaffer für unser Geld erhalten. Schon der ungeheure Preis dieser kostbaren Essenz läßt eS nicht glaublich erscheinen, daß wir es unverfälscht erhalten, zumal es bei uns noch bedeutend billiger verkauft wird, als es selbst an Ort und Stelle seiner Gewinnung ist. Nach Leunis kosten in der Türkei schon 180 Gran gegen 70 Thaler, während bei uns das Pfund durchschnittlich auf 100— 150 Thaler zu stehen kommt. Das stark verfälschte„Rosenöl", das wir beim Apotheker oder beim Droguisten erhalten, enthält oft kaum 1 pCt. des ächten Oels. Bereits beim Destilliren wird von den Fabrikanten ein viel wohlfeileres Oel zugesetzt, und in Konstantinopel unterwirft man dasselbe erst recht einer nicht unbedeutenden Vermischung. Mit unglaublicher Schlauheit werden durch Zusätze der verschic- densten Art Flüssigkeiten zu erzielen gesucht, welche dem ächten Oele in den heivorstechendsten Eigenschaften möglichst gleichen, so daß es des größten Scharfsinns bei der Untersuchung bedarf, um die Verfälschung und die dazu verwendeten Zuthaten zu ent- decken. Meist ist es mit Spermacet(Wallrath aus den Schädel- Zellen des Pottwal) und mit türkischer Geranium-Essenz(aus Mehreren Grasarten der Gattung Andropogon, nicht zu ver- wechseln mit der ächten Geranium-Essenz) versetzt. Sehr viel Rosenöl kommt durch Schleichhandel der nach dem heiligen Lande Ziehenden Pilger zu uns, wobei die kleinen Krystallfläschchen mit dem Oel meistens in Seifenstückchen eingeschlossen sind.— In Südfrankreich wird ebenfalls Rosenöl gewonnen, doch ist dasselbe uicht zu vergleichen mit jenem kostbaren Produkt, daS aus Kaschmir Zu uns kommt. Bedeutungsvoller dagegen ist die Erzeugung des Rosenwassers, welches als Nebenerzeugniß bei der Destillation des Oels gewonnen wird und daher vollkommen mit demselben gesättigt ist. Das französische Rosenwaffer besitzt den feinsten und zugleich stärksten Geruch und ist deshalb zum Gebrauch vor- züglich zu empfehlen. Verhältnißmäßig das meiste Rosenwasser liefert Aegypten, welches jährlich an 4000 Pfund aus etwa 40g Centnern Rvsenblättern produzirt. In der Heilkunde ver- wendet man das Rosenwasser vorzüglich als Augenheilmittel, als welches es auch schon im Alterthum von Bedeutung war. Selbst der Thautropfen auf der Rose wurde in früherer'Zeit als »Augenwasser" gebraucht— wie man sagt, mit sicherem Erfolge. Doch in unserer Zeit ist mit so vielen anderen Heilsäften auch die wunderbare Wirkung des Rosenthautropfens verloren gegangen. Nicht blos von den meisten Menschen wird die Rose geliebt, auch die Thierwelt scheint mit besonderer Aufmerksamkeit die Blumen königin zu betrachten. Nicht weniger als 12 Käfcrarten, 55 Raupen, 33 Hautflügler:c. sollen nach Leunis an und auf Rosensträuchern leben. Diese Freundschaft ist aber nicht ohne Schaden für die Rose, da unter diesen Gästen zwei als sehr schädliche und achtzehn als merklich schädliche bezeichnet sind, während auch unter den übrigen noch eine ganze Anzahl als ver- dächlig betrachtet wird. Weniger hat die Rose von Pflanzen- schmarotzern zu leiden, von denen nur vier nennenswerthe Wir- klingen hervorbringen. Am interessantesten dürfte wohl die Rosengallwespe sein, welche an den wilden Rosenstämmchen die niedlichen, mit MooS überwachsenen Knoten hervorbringt, die der Volksmund als „Rosenkönig" bezeichnet. In früheren Zeiten waren diese Gallen in der Arzneikunde gebräuchlich, jetzt benutzt sie wohl nur noch hier und da eine thörichte Mutter als„Schlafapfel" und legt sie ihrem unruhigen Kinde unter das Kopfkiffen, hoffend, daß es nun um so eher entschlummern werde. Auch die Studenten älterer Zeit steckten dies moosartige Gebilde an ihre Kappen, wenn sie nach lustigem Kneipabend ihrer engen„Bude" zu- wankten. Welche Stärke die Rosenstöcke erreichen können, zeigt eine immergrüne Banksia-Rose im Garten der Marine zu Toulon. Sie wurde 1313 von Bonpland dorthin gesandt und hat über dem Boden einen Stammumfang von über 80 Centimeter und breitet sich an einer 25 Meter hohen und 4-6 Meter breiten Mauer aus. Die 4— 5 Meter hohen jährlichen Triebe müssen stets theilweise abgeschnitten werden, weil die Mauer sonst den Baum nicht zu fassen vermag. Von der letzten Hälfte des April bis spät in den Mai hinein steht der Strauch in schönster Pracht und Ueppigkeil da und ist oft mit über 50,000 Blumen zu gleicher Zeit bedeckt. Weniger durch seine Stärke als durch sein unübertroffenes Alter ist der Rosenstrauch am Dome in Hildes- heim berühmt.„Er bedeckt in einer Höhe und Breite von 6— 8 Metern eine halbmondförmige Mauer und ist über der Erde nur 5 Centimeter dick. Schon Bischof Hezilo(1054 bis 1079) ließ ihn als ein merkwürdiges Denkmal der Vergangen- heit besonders pflegen und denselben, als der abgebrannte Dom 1061 wieder aufgebauet war, an der Mauer der Gruft oder Grabkapelle, welche vom Feuer verschont geblieben war, hinauf- leiten. Die gewöhnliche Legende, welche sich an diesen Rosenstock knüpft, sagt, daß Ludwig der Fromme, der 814 das Bisthum Hildesheim stiftete, sich von seinem Hoskaplan im Walde auf der Jagd zur Spätherbstzeit, als er zu Elze grade Hoflager hielt, habe Niesse lesen lassen, nach deren Beendigung der Kaplan in der Eile das mit dem Heiligthum gefüllte Gefäß vergessen habe. Als er nun folgenden Tags zurückeilte, fand er das Reliquar an einem grünenden Rosenstocke, und als der nun ebenfalls mit ' seinem Gefolge zurückkommende Kaiser dies Wunderbare sah, ließ er daselbst eine Kapelle bauen und den Altar neben den Rosen- stock setzen, der noch bis heute grünt und blühet. Auf solche Weise wurde dieser Rosenstock die erste Veranlassung zur Gründung des später berühmten BiSthums Hildesheim." Auch in den Gärten des Schahs von Persien zu Teheran findet sich ein vier Nieter hoher Rosenbaum, der schon ein Alter von 300 Jahren erreicht hat. Doch dies Alles hat die Rose nicht auf die Höhe zu heben vermocht, auf der wir sie bei den verschiedensten Völkern gesehen haben. Am höchsten steht sie da als Rose, als Blume. Der für das Schöne und Vollkommene so zart besaitete, als Dichter und Naturforscher gleich hoch geachtete Goethe nennt sie das Vollkommenste, was unsre deutsche Natur als Blume gewähren kann, und Viele, wohl die Meisten, theilen mit ihm diese Meinung, wenngleich die Systematiker aus wissenschaftlichen Gründen die Rose nicht als Jdealpftanze ansehen wollen. Des- halb ist ihr auch zu allen Zeiten und in allen Sprachen Lob gesungen worden, und darum hielt ich mich auch für berechtigt, ihrer hier ausführlicher zu gedenken. Ein Lriesdieti. Eine wahre Erzählung von Emil König. (Fortsetzung.) In den unteren Kommodcnkasien lagen 92 Broschüren und man es mit Einseblülien von eine Bücher deö verschiedensten Inhalts und in allen Sprachen. Ferner fanden sich zwischen und unter den Rrosckllren 7qq�ev' d»»k> R-sl-»o« Bri-sm»i>-n»»d j-ch« ölsn-» Brief,, 1x55 ,m, pärswch, M-daia, v«n Krerizbcndfchlcifen 1849, ,w.i fw-r». AU.ßpf.nmg- Reichsschatzschein über 50 Gulden.— Die Ergebnisse der Haus- suchung sollten indessen noch vollständiger werden. Die Kommission nahm außer den bereits erwähnten Gegen- ständen noch etliche Sachen in Beschlag, die offenbar sozusagen das Handwerkszeug Kalab's bildeten: eine alte Scheere— die eine Spitze war abgebrochen, der Griff mit einem Lappen um- wunden, sie trug die Spuren des täglichen starken Gebrauchs an sich—; ein Glas mit aufgelöstem arabischem Gummi; endlich eine Broschüre,„Der Raubmörder Schmidt," die, wie der Augen- schein lehrte, als Unterlage beim Auftragen von Gummi auf abgelöste Briefmarken gedient hatte. Der in der Mitte des Zimmers befindliche eiserne Ofen war mit Asche von verbranntem Papier angefüllt; auch zwei große Papierdüten enthielten dergleichen Asche. Unter der Bettstelle lag eine Quantität kleingespaltenes Holz, nach Angabe der Zimmerfrau Watzula noch ebenso viel/ als Kalab im Herbst zuvor sich für den ganzen Winter hatte auf- schichten lassen. Man konnte schon hieraus auf die Menge der Briefe schließen, die von Kalab vertilgt sein mußten; denn Briefe, nichts anderes als Briefe, waren sein Heizungsmaterial gewesen! Endlich fand mau bei einer nochmaligen genauen Durchsuchung der von Kalab im Postgebäude benutzten verschloffeneu Kästen seines Schreibtisches eine große Reisetasche mit 44 Briespacketen und unter alten Reklamationsprotokollen mehrere Päckchen ab- gelöster und mit Gummi von neuem bestrichener Briefmarken. Sie waren zu 20 und 30 Stück unter jene Protokolle cinge- zwängt, um glatt gepreßt zu werden. Nach diesen Haussuchungsresultaten kann man sich ein deut- liches und zweifellos richtiges Bild von Kalab's Thätigkeit ent- werfen: Beladen mit seiner Beute, eilt er Abends nach 8 Uhr in seine Wohnung, sein Laboratorium, öffnet dort beim Scheine der Kerzen ein Packet Briefe nach dem andern, beraubt die Briefe sodann ihres Inhalts, löst die Marken ab und heizt schließlich mit den ihm in riesiger Menge zu Gebote stehenden Papier- massen. Darauf ordnet er die in den Briefen gefundenen Geld- beträge nach ihrem Werthe in verschiedene Schachteln, rückt das Gummiglas zurecht und präparirt die Marken zu nochmaliger Verwendung. Zwischendurch liest er vielleicht einzelne der Billets, die er gefunden, sieht sich Photogramme an und räuchert mit Eau de Eologne, wenn ihm der Geruch des verbrannten Papiers lästig wird. Ob er wohl jemals daran gedacht haben mag, welche Wunden er dem öffentlichen Vertrauen, dem Geschäfts- verkehr, dem Familienleben täglich schlug, wie viele Verhältnisse er löste, wie häufig er über Menschen aus allen Klassen der Gesellschaft Sorge und Kummer brachte, wenn er an seine Kommode gelehnt, die von ihm ge- raubten und geplünderten Briefe zu Tausenden in den Ofen warf? Die Postbehörde übergab Alles, was vorgefunden, dem k. k. Landgericht, welches gegen Kalab sofort die Kriminaluntersuchung einleitete. Zunächst aber entstand die überaus wichtige Frage, ob man die massenhaft in Beschlag genommenen Briefe zurückbehalten und durchsehen sollte, um festzustellen, welche Werthbeträge darin ent- halten und zu welchem Zeitpunkte sie unterschlagen worden waren, oder ob man es nicht den Betheiligten schuldig sei, die Briefe so schleunig als möglich an ihre Adresse zu befördern. Die Rücksicht auf die Heiligkeit des Briefgeheimnisses und die Erwägung, daß die Zeit, wann Kalab den Briefdiebstahl begonnen, und die Größe seines Gewinns auch auf anderm Wege annähernd ermittelt werden könnte, bestimmte das Gericht, die Briefe schon am nächsten Tage dem Hauptpostamte zur Versen- dung zurückzugeben. Zwanzig Postbeamte waren zwei volle Tage hindurch be- schäftigt, die Briefe zu zählen, den Markenwerth zu erheben und Zettel mit den Worten:„Unterschlagen gewesen und zu Stande gebracht" darauf zu kleben. Die 1659 Pallete enthielten 66,284 uneröffnete Briese, deren Markenwerth 7943 Gulven 90 Kr. betrug. Von den Briefen gingen 950 in's Ausland, d. h. nach den dem deutsch-österreichi- schen Postvereinsgebict nicht angehörigen Staaten, 24 Stück in außereuropäische Länder, 43,000 Briefe trugen 45-Kreuzer-, 400 Stück 10-Kreuzer-Marken. Nach Paris waren 600, nach Graz 3000, nach Linz 1000 Stück Briefe bestimmt. Die Verlegenheit und der Arbeitszuwachs, den die gleichzeitige Ankunft so vieler Briefe den Postanstalten und insbesondere den Briefträgern verursachte, waren nicht gering. Das tägliche Kontingent von Briefen von Wien nach Paris war zu jener.Zeit z. B. 300, nach Graz 600, nach Linz etwa 200, und nun kamen Mitte April etwa zwei Tage hintereinander in Paris 600, in Graz 3000, in Linz 1000 Stück Briefe aus Wien allein mehr an. Es leuchtet ein, daß dies in Graz, Linz und ähnlichen Orten großes Aufsehen erregen und viele Mehrarbeit beim Austragen der Briefe verursachen mußte. Eine noch schwierigere Aufgabe war es, die bereits von Kalab eröffneten Briefe zu versenden. Wir haben bereits erwähnt, daß man 799 solcher Briefe und 1655 leere Briefumschläge bei ihm fand. Die letzteren reprä- sentirten einen Markenwerth von über 200 Gulden, so daß sich mit ihrer Hinzurechnung die Gesammtzahl der von Kalab unter- schlagenen und bei ihm noch entdeckten Briefe auf mindestens 58,000 Stück in einem Gesammtmarkenwcrthc von 8200 Gulden erhöhte. Die Postbeamten waren eifrigst beflissen, die zu den Briefen gehörigen Kouverts zu suchen. Es gelang dies auch bei 555 Stück, obwohl wir die Garantie nicht übernehmen möchten, daß nicht doch mitunter ein Brief in ein unrichtiges Kouvert geschoben worden und so an eine unrichtige Adresse gelangt ist. Es blieben nur noch 244 Briefe, zu denen die Kouverts fehlten, und 1100 Kouverts, zu denen keine Briefe mehr vor- Händen waren, übrig. Diese Briefe, fast in allen bekannten Sprachen geschrieben, wurden durchgesehen; in dreißig derselben war eine Einlage von etlichen Gulven erwähnt, und es ergab sich daraus, daß Kalab sein niederträchtiges Gewerbe schon seit Jahren betrieben hatte. Bon den vorgefundenen Photogrammen stellten etliche dreißig bekanntere, mit einem öffentlichen Charakter bekleidete Personen dar, bezüglich der übrigen konnte man durch Vernehmung der Photographen wenigstens den größten Theil der Absender ermitteln. Mit Hülfe der Buchhändler und Autoren wurden 78 Stück Broschüren und Bücher alS Kreuzbandsendungen erkannt und den Eigenlhümern wieder zugestellt. Kalab hatte die Kreuzbandein- schlüsse ohne Auswahl entwendet. Es waren darunter Gesang- bücher, zwei Kochbücher, zwei armenische Kalender, ein Militär- dienstreglement, juristische, medizinische, militärische Bücher, von einzelnen nur etliche neue Lieferungen, Gedichte, dramatische Werke, mehrere Manuskripte, welche die Dichter entwever selbst oder durch Agenten an Bühnendirektoren zur Prüfung eingesendet hatten. Bei 14 Kreuzbandsendungen blieben die Absender unbekannt. Am schwierigsten war es, Diejenigen ausfindig zu machen, welche die bei Kalab gefundenen 500 Billets geschrieben hatten. Nur 12 davon wurden von der Behörde erforscht, 488 Billets mußten, weil man nicht in Erfahrung bringen konnte, von wem sie her- rührten, in gerichtlichem Gewahrsam behalten werden. Daß Kalab für alle abhanden gekommenen Briefe allein verantwortlich zu machen war und sein dunkles Nietier ohne jede Konkurrenz betrieben hatte, ergab sich sofort daraus, daß von mehr als 50 bei der Post reklamirten Briefen die Hälfte als von Kalab unterschlagen nachgewiesen und ein Drittthcil noch vorgefunden wurde. Von großer Wichtigkeit für die Ermittelung des Umfangs der Unterschlagungen Kalab's waren die um die Packele gewickelten Umschläge. Kalab hatte hierzu meist Korrespondenzblätter(Brief- karten, wie man sie in Deutschland nennt) benutzt, mittels welcher, wie schon erwähnt, die Landbriefe(respektive die von den Post- anstalten aus der Umgebung Wiens) unter Angabe des Tages der Expedition an das Cenlralpostamt abgeführt wurden. Gegen 14 solcher mit dem Datum versehener Korrespondenz- blätter waren vorhanden, deren Zusammenstellung das klarste Bild von dem riesenhaften Maßstabe der Briefvernichtung bot. Die 317 1 Blätter datirten vom 8. November 1859 bis 7. April 1862; sie waren vorhanden in fast ununterbrochener Reihe, vom No- vember 1859 waren 22, vom Dezember desielben Jahres waren sogar 56 vorhanden. Es folgt daraus, daß Kalab jeden Tag mindestens eins, oft sogar mehrere Korrespondenzblätter als Um- schläge für die von ihm entwendeten Briefe gebraucht hatte. Da sich in jedem Packete durchschnittlich 34 Briefe befunden hatten, so muß sich die Zahl der bereits im Dezember 1859 unterschlagenen Briefe auf 1904 Stück, mithin auf täglich zwischen 60 und 70 belaufen haben. Aber mit der Uebung war auch die Dreistigkeit Kalab's gestiegen. Die Anzahl der Packete mehrte sich von Monat zu Monat. Vom Jahre 1860 fanden sich 355, von 1861 723 und von den drei ersten Monaten des Jahres 1862 222 der erwähnten Korrespondenzblätter vor. Vom Monat Juli 1861 waren 75, vom Oktober 155 und vom November 117 Korrespondenzblätter, und zwar 7, 8 und 9 Stück mit einem und demselben Datum vorräthig, so daß auf den Monat Oktober die ungeheure Summe von 5270 gestohlenen Briefen kommt. Kalab hatte sich damals mindestens fünfmal täglich an den Briefen vergriffen und jeden Tag.zwischen 240 und 300 Stück entwendet.\ Wenn man bedenkt, daß diese Berechnung sich nur auf die bei Kalab gefundenen Packete unerösfneter Briefe stützt und die offenen Briefe und leeren Kouverts außer Betracht läßt; wenn man weiter berücksichtigt, daß Kalab vermnthlich seit 1857 sein schändliches Gewerbe getrieben und täglich gewiß mehr als 100 Briefe unterschlagen hat, so erhalten wir die ungeheure Anzahl von 200,000 Briefen, die von diesem Menschen ver- untreut worden sind. Und selbst diese Ziffer stellt sich als viel zu niedrig gegriffen heraus, wenn wir uns erinnern, daß der an eine warme Stube gewöhnte Verbrecher mindestens einen ganzen Winter hindurch von Abends 8 Uhr bis spät in die Nacht hinein fast einzig mit Papier gehißt hat. Stach dem Urtheile Sachverständiger dürfte hierzu kaum eine Million Briefe ausreichen. (Fortsetzung folgt.) Major Dnvel. Eine biographische Skizze aus der Schweizergeschichte des vorigen Jahrhunderts. Bon Robert Schwcichel. (Fortsetzung.) Gegen die Mitte des angegebenen Jahrhunderts hatte eine „wahre Epidemie der Hexerei" die französische Schweiz und be- sonders das Waadtland mit seinen Schrecken und Greueln heim- gesucht. Nun hatte dieselbe zwar nachgelassen, allein der Glaube an Hexen und Zauberer währte fort. Selbst die höheren Klassen waren von ihm nicht frei und verschmähten es nicht, mit den dämonischen Wesen in Berkehr zu treten. Daß bei den Frommen dieser Aberglaube nach der andern Seite überschlug, ist leicht begreiflich. Die höllischen Visionen hatten die himmlischen zur Folge, und Zauberer und Propheten waren gleichberechtigt. Davel war von dem Aberglauben seiner Zeit sicher nicht frei. Ja, seine dürftige Erziehung wie sein inniger Verkehr mit dem Volke, den Landleuten und Weinbauern, rechtfertigt die Annahme, daß er in ihm wohl tief genug gesteckt haben mag, nur neigte sich der scinige auf die retigiöse Seite. So mochte auf den jungen Mann, von dessen lebhafter Einbildungskraft der Greis zeugt, die Erscheinung einer gottbegeisteiten Prophetin*) großen Eindruck gemacht haben. Gewiß darf man als letzten Grund aller solchen Erscheinungen, so auch der Davel's, einen krankhaften körperlichen Zustand an- nehmen,„wäre es auch nur", wie Schleiden**) sagt,„eine Stö- rung in dem Gleichgewichte der Nervenkraft in den einzelnen Theilen des Nervenshstems, welche leicht durch einseitige Uebung bestimmter Gruppen von Nervenfasern hervorgebracht wird, der dann die Thätigkeit der Gehirnfasern en-fpricht." Dieser krank- haften Disposition, die sich bei Davel in lebhafter Hinneigung zum Mystizismus ausspricht, traten aber der nüchterne Mechanis- Mus des Dienstes, die Gefahren, welche die Bahn des Kriegers umdrohen, hemmend entgegen. Sie entwickelten statt dessen den Verstand, den schon der Knabe in hohem Grade verrieth, den Muth und die scharfe Auffassung der Verhältnisse, so daß in Davel, als er aus dem Heere scheidet, Verstand und Schwärmerei, kaltblütige Unerschrvckenhcit und lebendiges Gefühl gleichgewogen, jedes in nicht ungewöhnlichem Maße erscheinen. Doch die Muße des Privatlebens, die nun folgt, stört dieses wohlthätige Gleich- gewicht; seine religiösen Neigungen gewinnen einen weiteren Spielraum und erhalten in der KonsensuS-Angelegenheit noch einen Sporn, der ihn zum stillschweigenden Anschluß an die Sekte der *) Nach Davel's Schwester gab sich eine solche Schwärmerin, die kurz vor ihres Bruders Rückkehr aus Jnterlaken in die Dienste ihrer Mutter trat und wahrscheinlich eben diese Unbekannte ist, für Moses aus. **) Studien. Populäre Borträge von M. I. Schleiden:„Sweden- borg und der Aberglaube." Pietisten treibt. Mit dem Scheitern seines Befreiungsplans reißt der Zaum vollends, der bisher die schwärmerische Einbildungö- kraft zügelte. Der Politiker, der Krieger, mit Einem Worte der praktische Mensch hat seine Rolle ausgespielt und die Kräfte, die bei dem Entwürfe und der Ausführung des Plans thätig waren, spannen sich allmählich ab. Er hat nur noch zu sterben! Der Tod schreckt ihn nicht, hat er ihm doch unzähligemale unbewegten Herzens in's Auge geschaut! Allein an den Gedanken des Todes knüpft sich der, seinem Schöpfer Rechenschaft über seine That ab- legen zu müssen, und die Frage nach den Motiven derselben wirft sich lebhaft auf. Da erwachen entschlafene Ahnungen wieder, unbeachtete, halbvergessene Ereignisse treten wieder auS dem Dunkel der Vergangenheit hervor und werden von der Phantasie zu der That, die der Brennpunkt seines Lebens ist, in innige Beziehung gesetzt. Die Erinnerung an die Einzelheiten der Fakten hat die Zeit geschwächt, wie es nicht anders möglich war; so hat die Einbildungskraft doppelt leichtes Spiel, die Züge so zu ändern oder auszumalen, daß sie zum Zwecke stimmen. Auf diesen Pro- zeß, der sich übrigens der Wahrnehmung, dem Bewußtsein des � Individuums entzieht, gründen sich ja alle die Geschichten von erfüllten Träumen. Das Gedächtniß des Menschen vermag es nicht, einen Gedanken, eine Vorstellung, einen Eindruck auf das Gemüth oder die Phantasie nach 35 Jahren mit ungetrübter Genauigkeit, und vollends wenn ein so ereignißreiches Leben, wie das Davel's, diese Zeit ausfüllt, wiederzugeben. So gestaltete sich vermittelst jenes Prozesses die Prophezeiung der Unbekannten zu dem, was Davel zu Protokoll gab, und sah er eine Vorhersagung erfüllt, deren Grundzüge nichts Anderes bieten, als was heute jedes alte Weib einem angehenden Sol- daten aus den Karten, dem Kaffeesatze oder gegossenem Zinn deuten würde: Beförderung im Dienste, Ruhm und heile Haut. Je wohlgebildeter der Frager, jemehr Glück verheißt ihm der Mund der Sibylle und natürlich umsomehr, wenn diese Sibylle selbst noch jung ist. Aber diese an ihn ergangene Mahnung der Unbekannten, sich auf den Tod zu bereiten, ihre ganze erfüllte Wahrsagung, wie manches andere Ereigniß seines Lebens, die ihm jetzt in einem überraschenden Zusammenhange mit seiner That erscheinen, erhalten für Davel noch eine andere, höhere Bedeutung. Daher der Accent, den er in seiner Aussage darauf legt. Schon in dem Verhör vom Sonnabend begegnen wir der Aeußerung:„Ich fühle keine Reue, gedachten Plan entworfen zu haben, für welchen ich von Gott erleuchtet worden zu sein glaube." Als die Idee zu seiner That in ihm entsteht, ulendet er sich um Rath an Gott; so lange er für die Ausführung seines Plans handelt, fleht er zu Gott, daß er seinen Vorsatz gelingen lisien i.iöge. Nun der Plan mißglückt ist und seine Gedanken sich folgerichtig den intellektuellen Ursachen seines Unternehmens zu- wenden, ist es für die ihres Gleichgewichts verlustigen Seelen- kräfte des Frommen, der ja stets den Ausgangspunkt alles Ge- sckehenen in Gott setzt, nur ein Schritt bis zur Annahme, daß der Plan selbst eine Emanation seines Schöpfers sei. In dieser Annahme bestärken ihn nicht nur jene Prophezeiungen u. s. w., sondern diese selbst erscheinen ihm nun als Winke und Mah- nungen, durch die Gott ihn allmählich auf seinen letzten Zweck hinweist und vorbereitet. Sie beweisen ihm, daß er von jeher ein auserlesenes Werkzeug Gottes war.„Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind!" Seine Auslassungen vom Montag sollen eben diese Ueberzeugung ausdrücken, für die er eine weitere Bestätigung jetzt selbst in den Fehlern seines Plans findet. Wenn er aus sick selbst gehandelt, meint er, so hätte er solche BÜß- griffe nimmer gcthan, und deshalb ruft er noch an demselben Tage Denen, die an seiner Mission zweifeln, zu:„Ja, meine Herren, um Sie zu überzeugen, nehme ich nur den Plan selbst, den ich befolgt habe. Er ist gegen alle Regeln der Kriegskunst. Ich habe durchaus keine große Zahl von Soldaten gesucht; ich habe im Gegentheil mehrere verabschiedet. Ich habe meinen Leuten verboten, irgendwelche Munition mit sich zu führen. Ich habe den Herren von Lausanne erklärt, daß kein Tropfen Blut vergossen, kein Schuß gethan werden sollte. Ich habe mich ihnen gänzlich anvertraut und ihnen die Sorge, meine Truppen einzu- quartieren, überlassen. Statt dessen würde ich mich, wenn es mein Plan gewesen wäre, anders benommen haben. Ich würde so viel Leute, als ich nur hätte bekommen können, mit mir ge- bracht haben. Ich würde ihnen Munition zu nehmen befohlen haben. Ich würde mich des Schlosses bemächtigt haben, wo ich Geld gefunden haben würde, nebst anderen Dingen, um meine Soldaten zu ermuthigen. Ich würde an verschiedenen Orten der Stadt, nachdem ich mich der Thore bemächtigt hätte, Posten auf- gestellt und das Gros meiner Truppen an einem Orte zusammen- gehalten haben. Mit Einem Worte, ich würde die Regeln der Kriegskunst befolgt haben. Aber an einem Plane, den Gott selbst mir eingegeben hatte, wagte ich nichts zu ändern. Seine Vorsicht, die Finsterniß in Licht zu verwandeln vermag, wird auch diesen Plan zum vorbeftimmten Ende führen. Ich habe in dem Unternehmen nur große Vortheile und eine herrliche Frucht ge- sehen, die daraus sowohl für ihre Excellenzen als ihre Unter- thanen erwachsen muß." Fortan bildete seine Berufung einen Hauptgegenstand seiner Unterhaltungen mit den Geistlichen von Bionnens und Bergier*), während er mit anderen Personen, denen man den Besuch im Kerker gestattet hatte, ruhigere, selbst heitere Gespräche führte. Ee war unerschöpflich, neue Beweise für seine Behauptung zu finden und die Einwendungen seiner Freunde zu widerlegen. Selbst in der Abnahme seiner Ketten und der bessern Behand- lung, die mit dem Schlüsse seines Prozesses erfolgte, sah er eine neue Bestätigung seiner Mission.„Seht," rief er,„mit welcher Rücksicht man mich behandelt, obgleich ich ein Staatsverbrecher bin. Man macht zu viel Umstände mit mir und verwendet zu viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt auf Alles, was ich wünsche. Seht meine Hände, sie tragen keine Kennzeichen mehr von den Eisen, die sie gedrückt haben. Seht meine Glieder, ich bin ini vollkommenen Besitz ihres Gebrauches, obgleich sie, wie ihr wißt, manche Folterqualen ausgestanden haben." *) Herr von Bionnens war ein noch junger pietistischer Geistlicher, der fiel) zur selben Zeit mit der Erklärung der Apokalypse und des Pro- phetcn Daniel beschäftigte, worüber er später ein Aufsehen erregendes Werk veröffentlichte. Bergier war bei Davel's Regiment in Holland Feldprediger gewesen. Die Einwendungen, welche diese beiden° Geist- lichen gelegentlich gegen Davel's Behauptungen und Visionen erhoben, hatten rnr dm Zweck, Davel seinen Mystizismus gewissermaßen in ein System zusammenfassen zu lassen. Den Richtern war indessen mit Davel's visionären Erklärungen wenig gedient. Der Versuch einer Staatsumwälzung ohne alle Mitschuldige war ihnen, zumal bei der allgemeinen Mißstimmung der Schweiz wie Frankreichs und Oesterreichs gegen Bern, un- denkbar. Von Watteville befahl daher, Davel noch an demselben Nachmittage der peinlichen Frage zu unterwerfen; doch hatte weder er noch der Vogt Willading das Herz, dem Vollzuge dieses Be- fehls beizuwohnen. Die Finger Davel's wurden zwischen zwei Metallplatten ge- legt und so stark gepreßt, daß die Nägel absprangen. Dennoch entfuhr dem Gefangenen kein Laut des Schmerzes.„Leiden Sie?" fragte ihn einer der Untersuchungsrichter.„Ja, und zwar sehr." Aber seine geistige Besonnenheit ward dadurch nicht erschüttert. Mit der größten Kaltblütigkeit beantwortete er alle an ihn ge- richteten Fragen, bei seiner Behauptung verharrend, daß er keine Mitschuldigen habe. Von Mitleid bewegt, befahlen endlich die Richter, mit der Tortur nicht weiter fortzufahren. Die Versuche während der folgenden Tage, Davel durch geist- lichen Zuspruch zur Reue und zu einem umfassenden Geständnisse zu bringen, hatten keinen bessern Erfolg. Ebenso wirkungslos blieben Watteville's Versprechungen einer milden Strafe im Falle eines offenen Geständnisses, wie seine Drohungen einer zweitägigen Folter andererseits. Am Freitag, den 9. April, schritt man denn auf Befehl ihrer Excellenzen von Bern zur Erfüllung dieser Drohung. Man befestigte an den beiden Handgelenken des Ge- fangenen ein Seil und zog ihn an demselben in die Höhe, bis seine Füße etwa zwei Fuß über dem Boden sich befanden. In dieser Schwebe forderte man ihn abermals ans, seine Mitschul- digen zu nennen. Er wiederholte seine früheren Aussagen und reinigte zugleich seine beiden Hauptleute, den Major Tacheron, wie zwei andere Angeklagte�), von dem Verdacht der Mit- Wissenschaft. Dieser„gewöhnlichen Frage", wie man den ersten Grad dieser Folter nannte, folgte am Tage darauf die„außergewöhnliche". Sie bestand darin, daß man an die Fuße des in die Höhe Ge- zogenen ein Gewicht von 25 Pfund hing. Aber auch in dieser schmerzlichen Lage, in die man Davel zweimal versetzte, blieben seine Antworten dieselben.„Ich bestätige alle meine Aussagen," rief er,„ich habe keine Mitschuldigen. Ich schätze mich glücklich, Gott zu preisen, indem ich die Wahrheit sage." Einem der Richter, der ihn fragte, ob er leide, antwortete er:„Gewiß ist daS schmerzhaft; aber ich bin überzeugt, daß Sic ebenso viel wie ich leiden!" Als man nach der Beendigung der Tortur Davel einige Erfrischungen bot, schlug er sie aus. Statt den Leiden zu erliegen, sog der Märtyrer nur neue Begeisterung aus ihnen. So rief er auch jetzt:„Glücklicher, herrlicher Tag; ich bin auf Alles bereitet. Zur Ehre Gottes, zum Wohle meines Vaterlandes bin ich in Banden!" Die Frage, ob die Tortur noch weiter gegen Davel angewendet werden solle, ward von den Zweihundert Berns mit Überwiegender Stimmenmehrheit verneint. Somit war der Prozeß beendet. Ein Kompetenzstreit über die Zuständigkeit der Gerichtsbarkeit zwischen Bern und Lausanne ward zu Gunsten letzterer Stadt entschieden und deren Edle und die Bürger der Rue de Bourg, denen allein ein Privilegium die Ausübung der Kriminaljustiz erlaubte, auf Sonnabend, den 17. April 1723, zum Urteilsspruche zusammengerufen. Die Anklage lautete auf Majestätsverbrechen, Empörung und Anreizung zum Aufruhr. Das Verbrechen lag klar zutage; aber seltsam! Das Berner Gesetzbuch kannte weder ein solches Verbrechen, noch bestimmte es irgendeine Strafe für dasselbe. Dieser Umstand beschwerte in- dessen keinen Augenblick das juridische Gewissen des Anklägers oder der Richter. Davel hatte seine Absicht eingestanden,„die sanfteste Herrschaft von der Welt", wie sich die Anklage aus- *) Der Oberlieutenant Gerbex und der Burgvogt Bourgeois von Ollon, einem reichen Dorfe im Bezirke Aigle. Letzterer sollte auf einer Geschäftsreise, die er von Bern nach seiner Heimat zurückgelegt hatte, in Cnlly bei einem Notar Davel eingekehrt sein und dort mit diesem und dem Major Davel bei verschlossenen Dhüren gegessen, getrunken und komplottirt habe». Der Major erklärte, einen solchen Schloßvogt nicht einmal dem Namen nach zu kennen. — ,1 drückte, zu stürzen; er hatte zu dem Zwecke Truppen ausgehoben und war mit den Waffen in der Hand ergriffen worden. Nach den Rechtsbegriffen der ganzen Welt war dies Hochverrath und Aufruhr, ein Verbrechen, das noch durch die„schwarze Sünde des Undanks gegen seine Wohlthäter" vermehrt wurde. Genügten allgemeine Rechtsbegriffe, das Verbrechen zu konstatiren, so ließ sich ja wohl auch eine Strafe dafür nach Analogien finden. Die Anklage betrat auch wirklich diesen Weg, indem sie den Mangel einer Strafe für diesen Fall mit der schönen Phrase umschrieb: „Die Gesetzgeber konnten sich ohne Zweifel nicht denken, daß unter einem Volke, welches unter einer wahrhaft väterlichen Re- gierung lebte, Unglückliche und Feinde ihres eigenen Wohls sich finden würden, diese abzuschütteln und eine die Anarchie erstrebende einzuführen..... Die Gesetzgeber folgten dem Beispiele jenes Alten, der keine Gesetze gegen den Batermord erlassen wollte, weil er keinen Menschen desselben fähig glaubte." Leider war diese Phrase ebenso unwahr wie wohllautend. Es hatte in den vorhergehenden Jahrhunderten nicht an Versuchen gefehlt, die Herrschaft Berns abzuschütteln, und Bern hatte die Thcilnehmer derselben mit �Güterkonfiskation und dem Tode be- straft.�) Doch wozu das eigene Kriminalrecht mit Beil, Galgen und Rad verunstalten, wenn es in der Geschichte einen Ravaillac:c. gab? In Basel hatte man den Urheber einer Verschwörung ge- köpft, in England gehängt und geviertheilt. Auf diese Beispiele gestützt, lautete denn der Strafantrag des Prokurators dahin: daß Davel den Händen der hohen Justiz überantwortet werden sollte,„um an den Ort der Todesstrafe geführt zu werden und dort, nachdem er Gott wegen seiner Sünden und seinen Sou- verän wegen des frevelhaften Attentats gegen denselben um Ber- zeihung gebeten habe, aufgehenkt und erwürgt, sein Körper ge- viertheilt, und an den Orten, die ihre Excellenzen geeignet finden würden, ausgestellt zu werden; sein Vermögen zu Gunsten des Gesetzes zu konsisziren." Davel hatte der ganzen Verhandlung mit Seelenruhe und würdevollem Anstände beigewohnt. Jetzt erhob er sich, grüßte die Richter achtungsvoll und kehrte in seinen Kerker zurück. Er machte keinen Versuch, das Mitleid des Gerichtshofs anzuflehen. Auf sein Schicksal gefaßt, verzichtete er auf da« Recht der Ver- theidigung. Der Spruch der Richter lautete mit Einer Stimme gegen alle:„Abhackung der Hand durch den Henker, Enthauptung, wegen Revolution und Rebellion, versucht gegen die gerechte Herrschaft ihrer Excellenzen, und Konfiskation des Vermögens." In der Begründung des Urtheils führt der Gerichtshof gleichfalls an, daß zwar kein Gesetz die verhängte Strafe ausspreche; allein er glaube, gegen einen Verbrecher, der 1) den Eid der Treue gegen seinen Hern: gebrochen, 2) das in ihn gesetzte Vertrauen als Chef seines Militärdistrikts gcmißbraucht, 3) die vielgetreue Stadt Lausanne zum Abfall zu verleiten gesucht, 4) durch seine Schild- «Hebung und sein Manifest des schwärzesten Undanks sich schuldig gemacht, 5) den Staat und sein Vaterland den verderblichsten Unordnungen ausgesetzt habe— gegen einen solchen Verbrecher glaubte er, nach dem Beispiele anderer Länder, nicht gelinder ver- fahren zu dürfen. Der Rath der Zweihundert in Bern bestätigte dieses Urtheil jedoch nicht. Willkürlich wie die Anklage in ihrem Strafantrage und die Richter in ihrem Spruche, beschloß in der Sitzung vom 21. April: „Der Schultheiß u. s. w. In Erwägung, daß T. D. A. Davel weder im Lande noch außerhalb desselben Mitschuldige habe, soll ihm der Kopf durch das Schwert vom Rumpf getrennt, sein Kopf als Excmpel an den Galgen genagelt und sein Körper am Fuße besselben begraben werden. Was die Hauptleute von Crousaz und von Clavel, den Oberlieutenant Gerbex, den Major Tachcron und den Burgvogt Bourgeois von Ollon anlangt, gegen den mau einigen Verdacht des Einverständnisses mit dem Rebellen *) So 1588, als der Bürgermeister von Lausanne und dessen Sohn eine Verschwörung gestiftet hatten, um den Kanton wieder unter die Herrschaft Savoyens zu bringen. Davel gehegt hat, so entscheidet der souveräne Rath, da die Genannten dieser Rebellion gänzlich fremd sind, daß dieselben gleich nach der Hinrichtung des genannten Davel freizulassen sind und ihnen für die erlittene Haft eine Schadloshaltung gewährt werden soll." Die Vollstreckung des Urtheils ward auf Sonnabend, den 24. April, anbefohlen. Auffallend ist, daß Bern grade einen solchen Tag wählte; denn an den Sonnabenden finden die Wochen- Märkte in Lausanne statt, die stets von den Landleuten außer- ordentlich zahlreich besucht werden. Noch auffallender aber wird diese Wahl dadurch, daß man die gewöhnliche Richtstätte für die Exekution bestimmte. Es war dies ein sandiger und sumpfiger Platz, nicht weit von der Straße nach Genf ab, am Ufer des Sees, wo einst das alte Lausonium der Helvetier gestanden haben soll. Wünschte Bern, des erschreckenden Beispiels halber, das traurige Schauspiel vor einem möglichst zahlreichen Publikum aufzuführen? Vielleicht! Allein der Hochmuth, dessen sich die Berner Patrizierregierung nach dem Villmerger Kriege schuldig machte, unterstützt wohl die Geschichtsschreiber des Waadtlandes in der Behauptung, es sei weniger darauf, als auf eine De- müthigung Lausannes abgesehen gewesen. Einen Mann, der wegen seines moralischen Charakters und seiner Frömmigkeit der allgemeinen Achtung genoß, den seine Stellung den höheren Klassen der Gesellschaft anreihte, einen politischen Verbrecher, der von der Menge, nicht dem rohen Haufen allein, schon als Mär- tyrer betrachtet wurde— einen solchen Mann auf dem Richtplatz der gemeinen Verbrecher zu sterben verurtheilen, beweist entweder eine außerordentliche Kurzsichtigkeit oder einen Hochmuth, der aus Gleichgiltigkeit oder Absicht sich nicht scheut, Diejenigen, die eben für ihre Dienstwilligkeit einen Lohn verlangen, ihre Abhängigkeit fühlen zu lassen, ihre wie die Sympathien einer ganzen Nation zu verletzen, das Urtheil derselben gegen sich herauszufordern und mit allen seinen möglichen Folgen offenkundig zu verachten. Davel zweifelte keinen Augenblick, daß der Richterspruch auf Tod lauten würde. Nur hatte er gebeten, daß man ihm den- selben 24 Stunden vor der Exekution mittheilen möchte. Dem- gemäß erhielten zwei Geistliche den Auftrag, ihm die Todes- botschaft zu bringen. Wahrscheinlich hatte er dieselbe nicht sobald erwartet; denn der Geistliche, der ihm die Mittheilung machte, bemerkte eine flüchtige Ueberraschung. Davel hörte ihm aufmnk- sam zu und sagte dann:„Sie bringen mir eine gute und an- genehme Nachricht, Herr Prediger; ich unterwerfe mich freudig dem Willen des Herrn und betrachte es als eine außerordentliche Gnade Gottes, daß er mich gewürdigt, ihm mein Leben als Opfer darzubringen." Nach den näheren Bestimmungen des Urtheils erkundigte er sich nicht und die Prediger zögerten mit der Mittheilung derselben gegen eine halbe Stunde, um seine GeisteSstärke zu prüfen. Endlich sagte ihm der Eine, daß er nicht viel zn leiden, daß er einfach enthauptet werden würde. „Es ist wahr," antwortete Davel,„ich habe Grund, Gott dafür zu danken; aber selbst, wenn er mich zu einer schwereren Probe berufen hätte, würde er mir auch dazu die nöthige Kraft verliehen haben." Sie fragten ihn, ob er es wünsche, daß Geistliche abwechselnd die Nacht mit ihm zubrächten; allein er lehnte das Anerbieten ab.„Man würde mir wahrscheinlich Stellen aus der Heiligen Schrift anführen, die mich in eine andere Stimmung, als in der ich mich befinde, versetzen würden," sagte er;„Gott sei Dank, ich bedarf keines Trostes." Die Herren von Bionnens und Bergier bat er, ihn auf seinem letzten Gange zu begleiten. Das Lob, zu dem diese sein Heldenmuth hinriß, lehnte er bescheiden ab. Er verbrachte eine ruhige Nacht. Am folgende» Morgen empfing er den Besuch zweier Geistlichen und anderer Personen. Er unter- hielt sich mit ihnen„so unbefangen und froh, als ginge es zu einer Hochzeit, nicht zum Hochgerichte"; doch bat er sie bald, ihn zu verlassen. Einer von ihnen machte eine Bemerkung Uber das Schmachvolle seiner Todesstrafe.„Warum," antwortete er,„warum soll es mir peinlich sein, in Lausanne als Verbrecher gesehen zu werden, da unser Herr durch Jerusalem nach Golgatha zog, um dort neben zwei Verbrechern geopfert zu werden?" Nachdem er wie gewöhnlich und mit gutem Appetit zu Mittag gespeist hatte, ward er gegen 12 Uhr zum letztenmale vor die Richter geführt, um von ihnen dem Henker überantwortet zu werden. Sehr aufmerksam, doch ohne Zeichen irgendwelcher Ge- müthsbewegung, hörte er die feierliche Verlesung des Urtheils an. Darauf erhob er sich von dem ihm angewiesenen Schemel und erklärte:„Ich nehme das Urtheil, welches ihren Excellenzen über mich auszusprechen gefallen hat, mit Ehrfurcht entgegen. Ich unterwerfe mich demselben wie einem Befehle Gottes und bin bereit, zum Ruhme meines Schöpfers de» Tod zu erleiden." Darauf setzte sich der Zug von dem Schlosse aus nach der entfernten Richtstätte in Bewegung. Seine Freunde, die Prediger Bionnens und Bergier, beglei- teten Davel, der sich mit ihnen in heiterer Ruhe unterhielt. Eine Prosit mein Lieb! Nach Burns von I. D. Prosit mein Lieb, Adieu mein Schatz, Gute Nacht, leb' wohl und heiter. Von meinem Herz und seinem Schmerz Erzähl' ich dir nichts weiter. Und denk' nur nicht so zimperlich, Ich ließ mich von dir quälen. Ich geb' nichts drum, wie laug herum Du suchen gehst und wählen. Dein loser Mund thut keck mir kund, Ich soll kein' Heirath träumen; Nun hör' mein Kind von mir geschwind, Kein' Zeit Hab' ich, zu säumen: Ich weiß, die Deinen suchen dich Vom Eh'stand zu bekehren. Sie hoffen mehr und dünken sich, Die Zeit mag sie belehren. Sie seh'n mit Spott auf meinen Stand, Doch soll mich das nicht grämen. Ich Hab' nicht viel, ich brauch' nicht viel, Darf mich vor Niemand schämen. Gesundes Blut, mein bestes Gut, So lang' du mir wirst bleiben, Furcht' ich kein' Roth, find' ich mein Brot, Will ich mein Handwerk treiben. Von Vögeln fremd, mit Federn bunt, Sich schon ein Sprüchwort findet; Nur habe Acht, daß ihre Pracht Nicht mit der Maus'*) entschwindet. Ich komm' um Eins, bei Mondenschein, Dann sollst, mein Kind, du büßen; Denn wer den Schatz von Herzen liebt, Läßt sich kein' Gang verdrießen. *) Mause gleich Mauserzeit. Gerhard Rohlfs(s. Seite ll12), der„Asrikareisende", wurde am 14. April 1832 zu Vegesack geboren; er bezog 1849 die Universität, um Medizin zu studiren, entschloß sich jedoch sehr früh, die Medizin nicht als„Brotstudium" zu treiben, sondern als Mittel zum Zweck ver Erforschung Asrika's. Das große Räthsel zu lösen, das schon so vielen Helden der Wissenschaft den Tod gebracht, wurde sein Ideal an dessen Verwirklichung er seit einem Bierieljahrhundert ununterbrochen arbeitet. Im Jahre 1862 durchwanderte er in Muhamedanertracht die marokkanische Sahara, uachdem er sich vorher als Fremdenlegiouär in Algerien die nöthige praktische Kenntniß des muhamedanischen Lebens erworben und an Strapatzen jeglicher Art gewöhnt hatte. Dieser Reise folgten verschiedene andere, von denen er ebenso fesselnde wie lehrreiche Beschreibungen geliefert hat; 1868 begleitete er die englische Armee auf der abessinischen Expedition. Seine geistige Energie, seme ungeschwächle Körperkraft, sein wissenschaftlicher Geist, sein Wissensdurst lassen uns noch weitere bahnbrechende Leistungen erwarten. Ehre ihm! Und Ehre seinen Mitstreitern auf den Kampffeldern des menschlichen Fortschritts, die für die„Afrikareisenden" ja mit seltenen Ansnahmen Todesfelder sind!—., * Wir gratuliren! Das prächtige Bildchen(Seite 313) ist von C. Lasch in Düsseldorf, das kleine Mädchen mit dem großen Blumen- Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig. ungeheure Volksmenge umdrängte den Zug. Der Staub, den dieselbe außerhalb der Stadt aufregte, belästigte Davel und seine Begleiter.„Wir würden besser thun, uns ein wenig links zu wenden und auf dem Rasen zu marschiren," sagte er. Und als die Menge zuweilen die Bewegung des Zuges aufhielt, ermahnte er die Wachen, Niemand etwas zuleide zu thun. Am Fuße des Schaffots angekommen, forderte ihn der Vogt — Lieutenant von Loys— noch einmal auf und beschwor ihn bei Gott, seine Mitschuldigen anzugeben.„Vor Gott," versicherte er zum letztenmale,„ich habe keine, mein Gewissen ist in dieser Beziehung rein!" Worauf ihm der Beamte sein Mitgefühl mit seinem Schicksal ausdrückte.„Mein Loos ist ein sehr glückliches," entgegnete ihm Davel,„und ich genieße in meinem Innern eine große Genugthuung."(Schluß folgt.)' strauß, das uns so treuherzig anblickt, heißt Lisbeth und wohnt irgendwo in Ob er Hessen(den Ort dürfen wir nicht verrathen); mit seinem Bruder, dem Hannes, ist es gekommen, um der Nachbarstochter Grethe zur Hochzeit zu gratuliren. Unter den Hochzeitsgästen befindet sich auch der gestrenge Herr Schulmeister, und das weiß der Hannes. Darum drückt er sich so scheu hinter das Schwesterchen. Sonst ist der Bursche sehr keck, aber er hat kein ganz reines Gewissen, wie alle ordentlichen Jungen, wenn sie vor dem Schulmeister stehen. Nun— diesmal läuft die Sache sehr glücklich ab: es gibt Kuchen und Bretzeln und Kaffee die Hülle und Fülle. Möge Lisbeth zehn Jahre nach ihrer Hochzeit so heiteren Sinnes sein, wie heute, und Hannes sich nie Schlimmeres vorzuwerfen haben, als den Hanswurst, den er gestern an Schulmeisters Thür gemalt! Nach zwcitauscndjährigcni Todcsschlaf. lieber eine sehr inter- essante Wahrnehmung, die Professor Hendreich in Athen gemacht haben soll, wird Folgendes gemeldet: In den Silberminen von Laurium, die so lange die Diplomatie beschäftigten, verarbeitet man bekanntlich eigent- lich nur die von den alten Griechen übrig gelassenen Schlacken, um nach den vervollkommten Methoden den vernachlässigten Silbergehalt zu ge- Winnen. Unter diesen, erwiesenermaßen vielleicht zwei Jahrtausende alten Schlacken befand sich nun der Same einer Glauciumart, einer Papaveracee oder mohnartigen Pflanze, verstreut, der zwei Jahrtausende auf dieser unfruchtbaren Erzschlacke in der Nacht des Silberstollens ver- schlafen hatte; diese Schlacken wurden zu Tage gebracht, bei den Schmelz- öfen aufgeschüttet und allmählich verarbeitet. Auf der ganzen Boden- fläche, die sie bedeckt hatten, begann nun im fruchtbaren Boden, durch Wärme, Licht und Feuchtigkeit geweckt, eine Schaar von Glaucium- pflanzen zu sprossen, die mit schön gelber Blumenkrone blühten. Diese gelb blühende Glauciumart war bisher der modernen Botanik unbekannt, findet sich aber ganz genau im Plinius und Conidorias beschrieben als eine häufige Blume des alten Griechenlands, welche zwanzig Jahr- hunderte verschwunden blieb, um jetzt aus einem allen Silberschachte wieder aufzuerstehen. Sprüche aus dem Munde der Völker. Gesammelt von f. 3. (Französilch.) Ce n'est houueur en mauvais chemin aller devant. Vorwärts, vorwärts sei die Fahn', Aber nur auf rechter Bahn. Helles veuleot ätre priees; les laides prieiit. Gebeten will die Schöne sein; Die Garst'ge bittet selber fein. I.es femmes ne menteut jamais plus tiiienieut que lorsqu'elles disent la verite ä ceux qui ne les croient pas. Jeder Lüge Meisterin, Lüget stets die Frau, Wirft, wie Perlen, Lügen hin, Und bestrickt der Männer Sinn, Lügend schön und schlau. Lügt noch, wo sie Wahrheit spricht, Ist's nicht wunderbar? Denn sie weiß, man glaubt ihr nicht Selbst die Wahrheit klar und schlicht, Darum spricht sie wahr! k und Verlag der Genosscnschaftsbuchdruckerei in Leipzig.