Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Goldene und eiserne Ketten. Erzählung aus schweren Tagen von C. Lübeck. (Fortsetzung.) Der Pfarrer kam und grüßte wie immer mit einem Bibel- spruch. Herr von Rabenberg dankte kopfnickend und deutete auf einen Stuhl.„Schon so früh beim Werke der christlichen Liebe?" sagte er, als der Pfarrer schwerfällig, als hatte er einen weiten Weg gemacht, in den Stuhl sank und mit einem Tuche den Schweiß von der Stirn trocknete. „Der Armen, die nach dem Worte GotteS dürsten, sind gar viele," sagte der Pfarrer salbungsvoll.„Gottes Wort läßt alles Leid des Erdenlebens vergessen, und ohne Unterlaß müssen die Sendboten des Herrn den Werken der Barmherzigkeit obliegen." Konrad war aufgestanden, und ein vorwurfsvoller, fast ver- ächtlicher Blick traf den Pfarrer.„Wenn nur die Armen satt dabei würden," sagte er.„Wenn die Geistlichen den himmlischen Trost sich thener bezahlen lassen und den armen Teufeln die letzten Lumpen nehmen, dann ist das doch nur eine Hülfe— zum Untergang. Eine Geburt ist heutzutage schon ein Unglück, kommt dazu die Taufsteucr, dann ist es schon besser, ohne Gottes Barmherzigkeit in's Leben zu treten. Und stirbt ein Mensch, dann kommt zuerst die Kirche mit der Steuer, der Todte muß aber auch anständig begraben werden, den besten Rock in's Grab mitbekommen, der noch im Hause ist. Als ob Gott irgendetwas daran läge, daß die Menschen anständig vor seinen Richterstuhl kommen. Lazarus ist auch nackt in den Himmel gekommen und hat seiner Kirche keine Stenern bezahlt! So wird der Tod zum doppelten und dreifachen Unglück für eine arme Familie, und das nennt man Bannherzigkeit Gottes. Denken Sie an den alten Konrad, Herr Pfarrer, wenn der Hunger einmal die Dämme durchbricht und wenn in der Fluth Gottes Wort und Gottes Boten ertrinken." Herr von Rabenberg hatte Konrad unterbrechen wollen, doch dieser hatte, ohne Rücksicht auf seine Winke zu nehmen, weiter gesprochen. Er war— obgleich im Grunde ein frommer Mann dein Pfarrer, dessen zweideutiges Austreten von Anfang an sei» Mißtrauen erweckt hatte, nicht sonderlich gewogen. Der Pfarrer hatte bei den Worten Konrad's geringschätzig das Gesicht verzogen, um seinen Aerger zu verbergen. „Man nehme den Menschen die Ehrfurcht vor den Todten," entgegnete er,„und es tritt völlige Verwilderung ein." „Man gebe ihnen zu essen und zu trinken und kläre sie auf," sagte Konrad eifrig.„Man zeige ihnen, was zu einem recht- schaffenen, christlichen Leben gehört, gehe ihnen überall mit gutem Beispiele voran, Herr Pfarrer, und sie werden nicht verwildern." Er hatte die letzten Worte mit starker Betonung gesprochen und dann das Zimmer verlassen. „Sein weißes Haar legt mir Schweigen auf," sagte der Pfarrer zornig.„Das ist aber die Saat des Berner, die überall aufgeht— in diesem ehrwürdigen Hause leider auch in nur zu beklagenswerther Weise." „Herr Pfarrer!" sagte Herr von Rabenberg in verweisendem Tone. „Wer einen Weinberg hat, dess' soll er hüten," rief der Pfarrer, ohne hierauf zu achten.„Heute in frühester Morgenstunde schlich der freche Eindringling, der Blumenthal, auS dem Park. Ich glaube nicht, daß er in so früher Morgenstunde schon Ihne» einen Besuch abgestattet hat." „Herr Pfarrer, die Dienste, welche Sie mir erweisen, berech- tigen Sie nicht, beleidigend zu werden," entgegnete Herr von Rabenberg aufgebracht. „Verzeihen Sie, gnädiger Herr," sagte der Pfarrer, etwas einlenkend.„Die Entrüstung über die Dreistigkeit dieses Mannes ließ mich die schuldigen Rücksichten vergessen. Ich glaubte auch ein Recht zu haben, über derartige Besuche Beschwerde führen zu dürfen. Was soll ich nun Erlaucht sagen, wenn ihm die An- Wesenheit Blumcnthal's berichtet wird? Und sie wird ihm Zweifel- loS berichtet, das weiß ich, ich war nicht der einzige Zeuge. Zufällig kam grade ein vertrauter Diener von Erlaucht, der ihm sehr nahe steht, da er ihm einst das Leben gerettet, der Schloß- Wärter Heilmann, vorübergefahren. Er machte ein sehr erstauntes Gesicht, und wird zweifellos seinen Herrn von dem, was geschehen, unterrichten." „Ein eigcnthümlicher Zufall, Herr Pfarrer, daß dieser viel- gereiste Mann in einem solchen Augenblicke so ganz zufällig l.»«.«Hg. 1878. 322 voriibersährt," unterbrach ihn Herr von Itabenberg scharf.„Es scheint so," sugte er hinzu,„als hatte Graf Falkenburg ein noch größeres Interesse am Zustandekommen dieser Verbindung als ich." Herr von Rabenberg, der sonst die Liebenswürdigkeit und Sanftmuth selbst zu sein pflegte, war init einem Male ein ganz Anderer geworden; seine Haltung war stolz und gebietend der Ausdruck seines Gesichts. Der Pfarrer aber hatte alle Fassung verloren und suchte in großer Verlegenheit nach einer Antwort. „Ich weiß nicht," stammelte er,„welches Geschäft den Schloß- Wärter vorübergeführt— ich beklage lebhaft, daß ich sein Miß- trauen nicht durch einige Worte heben konnte..." „In der ganzen langen Zeit," siel ihm Herr von Nabenberg in's Wort,„in der Sie mit ihm sprachen, wäre Ihnen das doch wohl niöglich gewesen— da er auf Sie wartet, könnten Sie es übrigens immer noch thun!" Mit der Entrüstung des Pfarrers war es vorüber; er wagte es nicht, die Thatsache zu bestreiten, und sann nur, einen Weg zu finden, um aus der Verschlingung zu kommen, in die er sich hineingeredet hatte.„Der Herr Graf wünschte die schleunige Unterzeichnung der Vrrträge, deshalb ist Heilmann gekommen," sagte er sehr kleinlaut mit niedergeschlagenen Augen.„Ich mochte diesen Wunsch nicht durch Heilmann vortragen lassen, deshalb ließ ich ihn warten und verheimlichte Ihnen seine Anwesenheit." „Sie würden mir einen Dienst leisten, Herr Pfarrer," sagte Herr von Rabenberg, diese Entschuldigung überhörend,„wenn Sie ihn mir zuführen wollten, ich habe mit ihm zu sprechen— über allerlei Sachen. Wegen der Verträge, die unannehmbare Bestimmungen enthalten, wie ich finde, werde ich morgen oder übermorgen auf der Falkenburg selbst einen Besuch abstatten und die Angelegenheit zum Abschlüsse bringen. Im llebrigen muß Graf Falkenburg mit meiner Ehrenhaftigkeit vorlieb nehmen. Sie bürgt ihm dafür, daß in meinem Hause nichts Unerlaubtes geschieht und daß meine Tochter Besuche nur mit meiner Zu- stimmung empfängt." „Unannehmbare Bestimmungen!" rief der Pfarrer erstaunt und erschreckt aus.„Und Erlaucht sagten mir doch, daß der Inhalt nur aus wenigen Reihen bestehe und durchaus harmlos sei. Darf ich wohl wissen, welches diese Bestimmungen sind?" „Lassen wir das für heute ruhen. Ich bin dringend be- schäftigt. Besteht der Inhalt auch nur aus wenigen Reihen, so gefällt er mir doch nicht." „Erlaucht wird nimmer in eine Abänderung willigen!" rief der Pfarrer.„Er verlangt unveränderte Annahme des Vertrages." „Wissen Sie das so genau?" rief Herr von Rabcnberg, dessen Mißtrauen mit jedem Worte wuchs.„Vielleicht wissen Sie dann auch, ob Heilmann bei der Entwerfnng der Verträge mitgewirkt? Es scheint mir, Herr Pfarrer, als sei Gottes Hand in der ganzen Angelegenheit nicht die leitende gewesen." Der Pfarrer wußte nicht, was er antworten sollte. Soviel war ihm klar, daß Herr von Rabenberg Mißtrauen geschöpft, und daß vielleicht das ganze Spiel, das er hier gespielt, verloren sei. Noch einmal nahm er einen Anlauf, um seine bisherige Stellung im Hause wiederzugewinnen. „Meine weiteren Dienste scheinen hier überflüssig zu sein," begann er. „So lange wenigstens, Herr Pfarrer, bis Sie sich daran ge- wöhnt, in einem andern Ton, als Sie ihn heute hier angeschlagen haben, zu sprechen." Herr von Rabenberg hatte die Blumen genommen und wollte das Zimmer verlassen. „Stets nur sind Liebe und Dankbarkeit zn Ihrem Hause die Triebfedern meines Handelns gewesen," sagte der Pfarrer in demüthigem Tone,„und nun beschwöre ich Sie, wie früher so auch in dieser Stunde dem Rathe eines ehrlichen Freundes Ge- hör zu schenken. Bei der großen Enipsindtichteil von Erlaucht, die mich allein zwang, die grade Straße zu verlassen, würde jeder Einwand, den Sie gegen den Inhalt der Verträge erheben, das so mühsam zu Stande gekommene Werk e'njtüch gefährden. Allcö steht auf dem Spiele, gnädiger Herr." „Graf Falkenburg wird meine Bedenken zu würdigen wissen, Herr Pfarrer," entgegnete Herr von Rabcnberg zwar ruhiger, aber doch in entschiedenem Tone.„Ich will nichts versäumen, was zur Aufrechtcrhaltung der Verbindung dienen kann, und ich bin überzeugt, daß Graf Falkenburg auf das bereitwilligste meinen Wünschen entgegenkommen wird— es ist im Grunde auch nur eine Kleinigkeit, um die es sich handelt." „O gnädiger Herr, wenn es nur eine Kleinigkeit ist— dann bitte ich Sie, sich darüber hinwegzusetzen. AlleS steht auf dem Spiele, ich weiß es..." „Es bleibt bei dem, was ich gesagt, Herr Pfarrer," sagte Herr von Irrbenberg bestimmt.„Aber nun vergessen Sie nicht, mir Heil- mann zuzuführen. Es kommt mir sehr darauf an, ihn zu sprechen." Seufzend ging der Pfarrer zn Heilmann zurück. Er traf ihn noch auf der Bank in derselben Stellung, in der er ihn verlassen. Bei seiner Annäherung erhob Heilmann den Oberkörper ein wenig und sagte gähnend: „Wo haben Sie die Verträge?" „Ich komme mit leeren Händen," antwortete der Pfarrer er- regt.„Der Teufel weiß, wer uns den Streich gespielt! Alles scheint verloren zu sein." „Was ist denn geschehen?" rief Heilmann aus und starrte ihn mit weit geöffneten Augen an. „Man hat uns zusammengesehen, wahrscheinlich der Konrad— genug, ich fand den gnädigen Herrn in höchst ungnädiger Stim- mung. Er ist aufgebracht gegen mich, der ich nichts Böses ahnte, er hat auch Bedenken gegen den Inhalt...." Heilmann stieß einen wilden Fluch aus.„Kein Wort darf daran geändert werden!" rief er.„Kein Wort!— Alles ist genau abgemessen und abgewogen. Sagen Sie ihm das nur.— Er muß es unterschreiben, Pfarrer, er muß es, es hängt unendlich viel davon ab." „Er will Sie selbst sprechen..." „Das geht auf keinen Fall, das würde mehr verschlimmern als nützen. Nein, nein, das geht nicht." „Er schien sehr aufgebracht gegen Sie zu sein; überhaupt waren Sie der Stein des Anstoßes." „Der Konrad hat Unkraut unter den Weizen gesäet.— Teufel! Teufel! Das könnte schlimm werden. Hatten Sie ihm gesagt, was ich Ihnen aufgetragen?" „Wie ich es versprochen, aber beschwichtigt hat es ihn nicht. Im Gegentheil nahm er es mit einem gewissen Hohn auf." „Das ist eine verfluchte Geschichte," sagte Heilmann, sich den Kopf kratzend;„aber was thun?" fügte er überlegend hinzu. „Man wird nun Alles auf eine Karte setzen müssen. Sie müssen jedenfalls des Abends auf's Schloß. Wir müssen überlegen, wir müssen KriegSrath halten. Sie sind doch da?" „Wenn der Teufel nicht seine Hand im Spiele hat und der Förster mich am Leben läßt. Nachmittags will ich in der Stadt sein, habe da eine kleine Unterredung mit dem Konsistorialrath." „Ach, wegen Berner's, Sie sagten es mir schon." „Ihn haben wir am meisten zu fiirchten; er ist der böse Geist, der hier waltet, und unter allen Umständen muß er fort. Schwer wird das nicht fallen, denn er hat ketzerische oder sogenannte naturwissenschaftliche- Bücher. Bei der Revision der Schule finden sie sich, und damit ist seine Entfernung von selbst herbeigeführt." „Was kümmert das uns, lieber Herr Pfarrer, jetzt haben wir an Wichtigeres als an den Schulmeister zu denken." „Entscheiden Sie sich nur zuerst, ob Sie mitkommen wollen oder nicht?" „Fällt mir nicht ein; das hieße Oel in's Feuer gießen. Bieten S:e Ihren Scharfsinn auf, mich zu entschuldigen, und im Uebrigen spielen Sie nieinethalben den Beleidigten oder was Sie sonst wollen. Kommen wird er schon. Noch gibt es ein Mittel, ihn mürbe zn machen," schloß er nachdenklich,„wollen sehen, ob es sich anwenden läßt. Jetzt will ich aber gehen.... Teufel! Teufel! Wer hätte das gedacht!— Also ans Wiedersehen heute Abend!" E, setzte den Hut etwas fester auf den Kopf und trat dann eilig den Heimweg an.(Fortsetzung folgt.) Plaudereien über das deutsche Am Abend kamen Wilhelm und ich wieder zusammen. Er warf ein halb Dutzend erbrochener Briefe auf den Tisch. Ich überzeugte mich, daß es durchweg sehr schmeichelhafte.Schreiben von Theatcrdircktoren waren, die meinen Freund ersuchten, ihnen das Aufführungsrecht seiner Posten gegen ein mehr oder minder hohes Honorar zu überlasten. Ich erstaunte. Die Briefe waren voll von Höflichkeiten. „Höflichkeit gegen seine Kollegen ist eine der ersten Tugenden deS Geschäftsmannes!" rief Wilhelm aus.„Ich fabrizire die die Waare zu Engros-Preisen, sie verschachern sie en llvtail. Voilü tout. Gott Apoll hat mit meinen Musenkindern nichts zu schassen, ihr natürlicher Vater ist Merkur." „Wenn deine Lustspiele nun legitime Apollokinder wären, wie hoch würde sich dann ihr Preis belaufen?" fragte ich. „Gewöhnlicher Preis gleich MinuS! Ich halte mich für keinen großen Dichter, aber doch für einen solchen, der in be- günstigteu Momenten Besuche einer wirklichen Muse erhalten hat. Alle jene Poesien, die ich unter ihrer Anleitung mit meinem Herzblut niedergeschrieben habe, in welche ich das Edelste, was ich besitze, die Gefühle und Gedanken meines besseren Ichs hineingelegt habe, haben weder die geringste Anerkennung, noch den kleinsten Heller Belohnung eingetragen. Das ist eine bittere Erfahrung, die wohl schon mancher Dichter gemacht hat, ehe er sich— grade so wie ich— entschloß, dein Publikum die alte gewohnte Speise in traditioneller Form unter einer neuen Etikette zu bieten. Ach, uns Dichtern, die nicht über eine eminente Be- gabung oder über Protektion zu gebieten haben, geht es mit dem großen Publikum, ebenso wie den Predigern mit ihren treuen Gemeindemitgliedern. Letztere finden nur die Predigt schön und vortrefflich, welche ihnen nichts ilteues bringt, sondern in schwung- voller Weise Altbekanntes sagt. Nur dieses können die denkfaulen , geliebten' Zuhörer begreifen und kontroliren. Und in dem Kon- troliren gipfeln sich die höchste Andacht und die süßeste Erbau- ung. Doch, wo gerathe ich hin? Ich wollte dir ja erzählen, wie die Abwesenheit eines tiefauSgeschnittenen blauseidene» Kleides das Fiasko eines Theaterstücks zur Folge haben kann! „Wenn ich in dem genannten Falle darauf bestehen würde, daß die Tochter unbemittelter Eltern sich dem Publikum nicht in so eleganter Kleidung präscntire, so würde die Soubrette viel- leicht vor Aerger krank werden und dadurch die Aufführung des Stückes hintertreiben. Das wäre vielleicht noch das Beste, was geschehen könnte— für sie, für mich und für das Stück. Ordnet sich die junge Dame jedoch aus besonderer Liebenswürdigkeit meinem Willen unter, dann könnte ich mindestens auf eine sehr laue Aufnahme des Stückes rechnen. Die meisten.Repertoir- und Zugstücke', werther Freund, welche über die deutsche Bühne gehen— zu diesen rechne ich auch die meinigen— haben fast gar keinen ethischen und poetischen Werth, durch welchen sie direkt auf das Publikum wirken könnten. Sie werden allein genießbar durch die vielen Zuthaten der Musikanten, der Dekorationsmaler und der Schauspieler selbst. Schauspieler können durch stereo- type Geberden und Redensarten, welche sie,»nbciirt durch dm Inhalt der Rolle, einflicken, die Heiterkeit deS Publikums ecrcgen; Schauspielerinnen wirken hauptsächlich durch ih.e äußere Erschci- nung, die in der That nur eine äußere ist, zusammengesetzt aus deni modischen Faltenwurf eines hübschen Kleides, Schminke, ausgestopftem Schnürleibe, zierlichen Stiefelchen, thurmhoher Frisur, angemalten Augenbrauen:c:c. Es versteht sich von selbst, vorzüglich bei Soubretten, daß die Erscheinung eine hübsche sein muß. Hübsch ist aber in de» Augen des Publikums keui mit ästhetischem Maßstabe meßbarer Begriff, sondcm rednzirl sich hinsichtlich der Kleidung und der Frisur auf den Begriff.modisch', binsichtlich der Tournüre und des Gesichts auf den Begriff, pikant'. Theater und was dahin gehört. Soll ich erklären, was pikant ist, was eine pikante Soubrette ist? Ich kann nur durch Aufzählung einiger Einzelheiten diesen Begriff ungefähr illustriren. Eine Bühnendame, die ihr holdes Antlitz, gleichviel, ob es niedlich, schön, unregelmäßig, bleich, klug, dumm oder sonstwie erscheint, dem Publikum so, wie es ihr von der Natur geschenkt worden ist, präsentirt, entbehrt jeglicher Pikan- terie, wenigstens in den allermeisten Fällen. Diejenigen aber, welche eine Maske von Schminke vorbinden, eine Maske, welche wir an den Wachsköpfen in Friseurladen bewundem können, die- jenigen werden mit dem Epitheton.pikant' belegt. Dieses Wort bedeutet in der deutschen Uebersetzung soviel wie.reizend',.stechend' (in die Augen stechend),.interessant'. Man sollte denken, alle diese Ausdrücke paßten am besten auf ein Frauenantlitz, das sich durch eigenthümliche Gesichtsbildunz auszeichnet und durch dieselbe sich von anderen Gesichtern unterscheidet. Es findet aber grade der umgekehrte Fall statt. Wer häufig verschiedene Theater besucht, findet ja bald heraus, daß die pikanten Masken sich auf ein Haar ähneln. Abgesehen von den Charakter- und Karrikaturmasken, welche von Damen selten benutzt werden, gibt es nur drei Arten .pikanter Masken' resp. Frisuren, das sind die heroische, die senti- mentale und die naive. Ach, und grade die letztere, welche der Natur am nächsten kommen sollte, sie ist diejenige, welche von derselben am weitesten abweicht und auf allen Bühnen, fast bei allen Soubretten denselben stereotypen Ausdruck eines übertünchten Pariser LorettenantlitzeS trägt. Die modische Frisur, die feucht- glänzenden Augen, welche zauberisch auS dem gemalten Dunkel hervorblicken, die langgezogenen Augenbrauen, die schlanke Nase mit dem weißen Kreidefleck auf der Spitze, die aufgeworfenen rothen Lippen und die falschen weißen Zähne, dazu die koketten einstudirten Kopfnickereien, ein gewisses Zappeln in Händen und Füßen, desgleichen im Ausdruck und Ton der Sprache, fiugirlc .kindliche' Heiterkeit— dies Alles zusammengenommen kennzeichnet sowohl die Dime des Quartier Breda, wenn es gilt, einen neuen Liebhaber zu erobern, als auch die deutsche Soubrette(in ihrer Mehrzahl), welche auf der modemen Bühne, es koste, was eS toste(nämlich Naturwahrheit und Anständigkeit des Benehmens), sich die Gunst des Publikums erringen will. Also diese stereo- typen Bewegungen, Masken und Frisuren nennt man pikant, ganz besonders dann, wenn sie auch elegant sind. Pikanteric ohne wirkliche oder Goldpapiereleganz findet man jetzt selten, nicht nur, weil die Eitelkeit der Schauspielerinnen den Luxus nicht entbehren zu können glaubt, sondern auch weil das Publikum selbst diese Augenweide peremtorisch verlangt. Ja, Gott sei's geklagt, das Publikum verlangt auf der Bühne Puppen und keine wahren, natürlich sich bewegenden und sprechenden Menschen. Nur wenigen hervorragenden Talenten an einzelnen Theatern, die sich ein distinguirtes Publikum erzogen haben, gelingt es heutzutage noch, durch freies und charakteristisches Spiel die Zuhörer zu erwärmen. Ueberall sonst Schablone! Schablonenhaft sind die Rollen in einige wenige Kategorien eingctheilt, und schablonenhaft spielt die heroische, ernste, sentitzientale oder naive Liebhaberin eine Rolle wie die andere, mit denselben Mätzchen, denselben widernatürlichen .Mancen':c., mit derselben Frisur und Maske und denselben stets widerkehrenden Variationen in Ton und Sprache. Und wenn in dieser Weise der Charakter einer Rolle in lauter Aeußer- lichkciten verflüchtigt ist, da kann man unmöglich verlangen, daß die Kleidung einigermaßen charakteristisch ist. Das tiefausgcschnittene blauseidene Kleid gehört zwar nicht in die von mir geschriebene Rolle, aber es gehört zu der Schauspielerin, die eine seltsame Figur ohne dasselbe fem würde. Sie würde sich ohne dies Kleiv mißfallen, würde Laune und Lust verlieren, und das Publikum bliebe kalt." „Du sprichst ein sehr hartes Urtheil über die modernen deutschen Schauspieler und Zuhörer aus!" fiel ich Wilhelm in die Rede.(Schluß folgt.) 324- Die Aröeit.- Munter. cresc. hfiJ.Ui � b T i) 1 � � v J � i— . j X. Wo- hin, o Mensch, dein Au- ge sieht, so weit auf reich be-bau-te Flu-ren der gold-ne Strahl der Son- ne glüht, schaust r cresc. decresc. i.j S'*:%"'' ,C>.J.;~=.�,z�--!>> du der Ar-bcit Se. geus-spu-ren. Sie sä't das Korn, sie pflegt die Saat und mäht die Frucht der gold-nen Nehren, Pk.,'*'f.-..'I'-1'�./ �./K---! � � � � Ii~ a i, �__ s_ �_ i/ r> � j � p � rp& �_s_n•<,räf"3' s j> sie baut der Müh- le wnch- tig Rad und lie- fert Brot uns zu er- näh- rein Drum laßt uns ihr Pa- � � JV-tn-fS-j'— /j /. pa-~_JL6_b-h____ J-jL../ -1- K- �! �—-I——'■— i—J— i~»T-— � gT- T_ �//-�| f?:.. f.\ 5'.'Z; TT f 7- nier ent- fal- ten! stets hö- her, frei- er soll es Wehn! im Kampf mit feind- li- chen Ge wal- ten die Ar- beit � � l'-.q fiT1:; i il' hoch! die Ar- beil hoch! sie wird be- stehn. Die Ar- beit hoch! sie wird be- stehn. � � � I � I � � h J ,_*—"t- t-- J—-- j U_ d____#- r->- J--- �— i--—- �-- T—,--. r---- 9— � v------*~r----- 2. Sie schürft das Erz im tiefen Schacht, Und bringt's der üpp'geu Welt zu Tage. Sie baut Paläste voller Pracht Und zimmert Todten Sarkophage. Der Eisenwege fest Gclcis, Der Segelschiffe starke Planken: Der Arbeit nur gebührt der Preis; Nur ihrer Hand sind sie zu danken. Drum laßt uns ihr Panier entfallen! Stets höher, freier soll es Wehn! Im Kampf mit feindlichen Gewalten Die Arbeit hoch! sie wird bestchn. » Diese Eonwositio» ist von unserem geehrten Mitarbeiter vr. A. Douai in New-Aorl; in den nächsten Nummern der„91. SB." werden wir drei weitere Com, pofitioncn vierstimmiger Männerchiire von Douai mittheilen. R. d. N. SB. I 3. Sie zeugt und schafft und hält nicht Rast, Indem so Viel' bequem sich strecken; Sie wirket Seide und Damast, Hat Linnen kaum, sich zu bedecken. sie wölbt den weichen Pfühl der Lust Und ruht so sanft auf hartem Bette; Der cig'nen Kraft sich unbewußt, Trägt sie des Goldes schwere Kette. Doch schon bricht an des Morgens Schimmer! Seht ihr das Nachtgewölk verwebn? Die Kette reißt und fällt in Trümmer! Die Arbeit hoch! sie wird bcstehn. 325 Kamps in der Natur. Bon Hugo Sturm. Der heiße Emtewg neigt sich seinem Ende zu. Viel Schweiß ist an ihm geflossen von der Stirne der rüstigen Schnitter, die ohne Ruhe und Rast mit fleißiger Hand die Sense und den Rechen führten. Aber ihr Fleiß ist auch belohnt worden. Ehe noch die Sonne im Westen versinkt, ist das am Morgen noch so fnsch wogende Weizenfeld verschwunden, und die sorgsam gebundenen Garben reihen sich zu den luftig zusammengestellten„Mandeln" aneinander. Ein Jubelruf entrang sich der Brust der treuen Ar- beiter, als die letzte Garbe aufgerichtet war, und mit Sang und Klang zogen sie dem nahen Dorfe zu, um nach des Tages Last und Mühe der wohlverdienten Ruhe sich zu erfreuen. Und so schnell eilten sie von dannen, daß Niemand des großen Wasier- kruges achtete, der dort im Schatten eines Haufens steht. Er wurde vergessen, obwohl die Frau Bäuerin ihn am Morgen /Peziell der Obhut des Hütebuben' Fritz anvertraute. Nun wird es still auf dem Felde, auf dem kurz vorher noch steißige Hände sich so eifrig regten. Eine feierliche Ruhe breitet sich über den Acker, und so friedlich liegt Feld und Flur und spiegelt sich im feurigen Glänze der sinkenden Sonne, als könnte nie ein Mißton diese Harmonie stören. Geräuschlos huschen einige Abendfalter hin und her, neckend umspielen sie in weiten Kreisen die Blumen des RaineS, um immer wieder zu ihnen zurückzukehren. Die dickköpfigen Feldgrillenmännchen lassen ihr einförmiges Zirpen vernehmen, durch das sie ihre stummen Weibchen herbeizulocken sich bemühen. Auch die Grashüpfer und Heuschrecken reiben ihre langen Springbeine vor innerem Ver- gnügcn an den Flügeldecken und suchen so das singende Gesumme der spielenden Mückenschwärme zu begleiten. Vorsichtig lugt das Mäuschen aus dem sichern Versteck hervor. Immer weiter steckt es den spitzen Kopf heraus und schaut mit seinen klugen Augen vorsichtig nach allen Seiten. Doch da ist nichts, das ihm Ge- fahr bringen könnte, und behend schlüpft es heraus, um noch ein wenig zwischen den dürren Stoppeln umherzuspazieren und sich an den mehlreichen Weizenkömem zu erquicken. Äa, immer ist � nicht so reichlich gedeckt, und namentlich im strengen war Schmalhans oft sein Küchenmeister.'�) Jetzt aber �aut es sorglos in die Zukunft und denkt gar nicht daran, daß die schönen Tage auch einst ein Ende nehmen. Rein zum Ver- gnügen sucht es hier und da eine kleine Fliege zu erhaschen, selbst auf einen Abendfalter erstreckt sich seine Jagd, doch entgeht er diesmal noch der geschickten kleinen Räuberin. Die Maus gibt deshalb diese nicht sehr einträgliche Jagd auf und wendet sich zu der Getreidemandel, um au den vollen Aehren das Werk der Zerstörung zu beginnen. Wir haben hier Gelegenheit, uns von der Schädlichkeit des kleinen Nagethiers zu überzeugen, denn weit über seinen Bedarf zerstört es muthwillig die segenschwcren Aehren, wie ja auch schon das Volkssprüchwort sagt:„Wenn die Maus satt ist, fängt sie an zu schroten." Doch nicht blos an dem reifen Getreide beweist die Maus ihre Schädlichkeit, sie nagt an allen Theilen der Gewächse, vernichtet schon zur Zeit der Aussaat viele Samenkörnchen und Keime und wird den jungen Pflanzen durch das Abnagen der innersten und zartesten Sprossen ebenfalls höchst verderblich. Später verschont sie die feinen Wurzelfasern und auch die grünen Halme nicht und ist somit wohl mit Recht zu den allerschädlichsten Thieren zu zählen. Doch schon naht ein Feind des kleinen Säugethicrs. Fast geräuschlos fliegt die schöne Blaurake oder Mandelkrähe vom nahen Waldrande herbei. Ihr scharfes Auge hat daS Mäuschen entdeckt, und pfeilschnell schießt sie hernieder, um dem muth- willigen Zerstörer den wohlverdienten Lohn zu geben. Doch noch früh genug hat diesmal der kleine Räuber den Feind bemerkt, � um blitzschnell in das schützende Innere der Mandel flüchten zu können. Verdrießlich fliegt die Rake noch ein Stückchen über dem Boden hin, um in einem kurzen Bogen zurückzukehren und auf der Spitze der Mandel sich niederzulasse». Aufmerksam blickt sie zur Erde, ob nicht die geflüchtete Feldmaus sich hervorwagen werde; daneben vergißt sie jedoch auch nicht, eine Heuschrecke oder !■ ein anderes großes Insekt wegzuschnappen. Der thörichte Land- ' mann meint zwar, sie setze sich auf seine Getreidehaufen, um dort die reifen Aehren ihres Segens entladen zu helfen, und ver- scheucht sie deshalb wohl von seinem Acker, aber er beweist hier- durch so recht, wie wenig er das Leben der ihn umgebenden j Thierwelt kennt, denn sonst würde er wissen, daß die Mandel- krähe sich nicht oder doch nur ausnahmsweise, im Falle der Roth, von Pflanzenstoffen ernährt, sondern lediglich von thierischer Kost lebt. Allerlei Insekten, wie Maikäfer, Johannis- oder Brachkäfer, Raupen, Schmetterlinge, Heuschrecken:c. sind ihre Hauptnahrung. Die Getreidemandeln besucht sie also nicht der reifen Körner wegen, sondern sie wählt diese allein zu dem Zwecke, um von hier auö die höchst schädlichen Heuschrecken wegzufangen. Gleich- zeitig ist sie auch ein eifriger Mäusejäger und deshalb des größten Schutzes würdig. Vielfach wird die Rake von Unkundigen mit der allerdings nicht zn schützenden Raben- und Nebelkrähe verwechselt und deshalb verfolgt, doch ist sie von diesen bei einiger Aufmerksam- keit leicht zu unterscheiden. Während das Fedcrkleid der ersteren durchweg schwarz, das der Nebelfrähe aber zur Hälfte grau und zur Hälfte schwarz aussieht, macht sich die Rake schon von weitem durch ihre Veilchen- oder grünlichblaue Färbung kenntlich. Der Rücken ist hellbraun gezeichnet und erhöht hierdurch die schöne Zeichnung deS Vogels. Am häufigsten trifft man die Mandel- krähe an Waldrändern und in lichten Vorhölzern an, auch liebt sie die hohen Bäume am Feldwege und in der Nähe der Vieh- weiden. Ihr Nest legt sie in Baumhöhlen an und unterscheidet sich hierdurch am auffälligsten von den eigentlichen Krähenvögeln, zu denen man sie gewöhnlich, obwohl nicht mit Recht, zählt. Einige Zoologen stellen sie in die Gruppe der Eisvögel. Sie ist ein Zugvogel und langt meist im April in unseren Gegenden an, um schon in den letzten Tagen des August mit den ersten *) Verfasser sah im strengen Winter 1871—72 ein Mäuschen auf einem Feldwege im Schnee einherlaufen, das, vom nagenden Hunger getrieben, alle Furcht vergaß und immer wieder sich ihm nahcte und seine gefetteten Stiefeln anzunagen versuchte. Wanderern uns zu verlassen und die Reise nach Afrika anzu- treten.— Unterdeß ist die Sonne schon tief herabgesunken; in den feurigsten Goldtinten erglänzt der westliche Himmel und verkündet das Nahen des milden Sommerabends. Ein erfrischender Hauch weht vom nahen Walde, und mit innigem Behagen athmet unsrc Brust die würzige, kühle Luft. In solchen Augenblicken sind wir am empfänglichsten für die wunderbare Schönheit der Natur, und aufmerksam achtet unser Auge auf jeden Vorgang im stillen Natur- leben. Da regt es sich in der Nähe des großen Steinhaufens am Rain— langsam kriecht eine giftige Kreuzotter daher. Behaglich hat sie den Tag über in der Nähe ihrer Wohnung zusammengeringelt im Sonnenschein gelegen und still und lauschend auf Raub gelauert. Jetzt schleicht sie noch ein wenig zwischen den Stoppeln umher, um eine Maus oder auch ein Vöglein, das schon zur Ruhe sich auf die Erde niedergelassen, zu überraschen. Die Kreuzotter ist Deutschlands einzige Giftschlange und am sichersten an einer vom tiefsten Schwarz bis zum dunkeln Braun- grau gefärbten, sich immer in dunklen Tinten von der umgebenden Grnndfarbe abhebenden Zickzackbinde auf dem Rücken erkennbar. Der übrige Theil des Oberkörpers ist sehr verschieden gefärbt. Bei den männlichen Thieren ist die Grundfarbe weißlich, mehr oder weniger in's Silberfarbene und Hellbraune schillernd. Die Weibchen ändern mit dem verschiedenen Alter vielfach ab, immer aber sind sie dunkler gefärbt. Alte Weibchen sind zuweilen fast ganz schwarz. Sie erreichen nicht selten 75 Cm. Länge, während das Männchen selten über 70 Cm. lang wird. In ganz Deutsch- land findet man diese Giftschlange, vorzüglich liebt sie aber feuchte und waldige Orte, doch verschmäht sie auch das Feld nicht, wenn sie hier nur Buschwerk oder hohes Gras, alte Baum- stämme oder Steinhaufen findet, die ihr ein sicheres Versteck bieten. Von hier aus unternimmt sie in der Dämmerung kleine Raubzüge, aus denen ihr Mause, Maulwürfe, Frösche und Eidechsen als gute Beute zufallen. Im Frühling beraubt sie auch manches Lerchenncst und verzehrt mit größter Ruhe die nackten Jungen, trotzdem das Elternpaar ängstlich und laut schreiend sie um- flattert. Erblickt sie ihren Raub und ist sie ihm nahe genug, so zieht sie den Hals ein, um blitzschnell den Kopf vorzuschnellen und ihre scharfen, etwas nach hinten gebogenen Giftzähne dem Thier in das Fleisch zu bohre». Sofort strömt durch den hohlen Zahn aus der auf jeder Seite deS Kopfes hinter dem Auge sich befindenden Giftdrüse ein Tropfen Gift in die Wunde, und schon nach wenigen Augenblicken ist daS Thier seiner Verletzung erlegen. Selbst dem Menschen wird die Kreuzotter sehr gefährlich, und in weniger denn einer Stunde nach dem Biß ist ihr schon oftmals der stärkste Mann zum Opfer gefallen, wenn nicht rechtzeitig die zweckmäßigen Gegeninittel zur Anwendung gebracht worden waren. Als ein solches wird in erster Reihe das Aussaugen der Wunde empfohlen, und man braucht dabei keineswegs ängstlich zn sein, wenn man nur nicht etwa im Munde selbst eine kleine Wunde hat; denn das Schlangengift ist nur schädlich, wenn eS unmittelbar in das Blut gelangt. Doch darf man keinen Augenblick säumen, denn jede Sekunde Verzug bringt Gefahr mit sich. Hat man ein scharfes Messer zur Hand, so mache man oberhalb und unterhalb der Verletzung kleine Einschnitte und suche sie recht lange blutend zu erhalten. Dabei unterlasse man nicht, einen recht scharfen Druck mit dem Finger auf die Wunde auszuüben, um das Blut und mit ihm das Gift herauszutreiben. Auch Auswaschen der Wunde— am besten mit Chlorwasser— ist zu empfehlen, ebenso die möglichst schnelle Anbringung von Schröpf- köpfen. Nie versäume man es aber, baldmöglichst einen geschickten Arzt herbeizuholen, dem es durch Schwitz- und andere geeignete Mittel oftmals gelingt, die Folgen des Bisses zu verhüten. Wird nicht sofort ein geeignetes Gegenmittel zur Anwendung gebracht, so findet nach dem verletzten Theil sogleich ein gewaltiger Blut- andrang statt, wodurch die Stelle stark anschwillt und roth und blan unterläuft. Sofort tritt auch eine Zersetzung des gesammten Blutes ein, das in wenigen Minuten eine schwärzliche Färbung annimmt.(Schluß folgt.) - 327 Ein Sriesdied. Eine wahre Erzählung von Emil König. (Forlsetzung.) Vor Gericht ging Kalab in seinen Geständnissen keinen�Schritt war, schloß er sich regelmäßig weiter, als ihn die Gewalt der Thatsachen zwang. Er blieb dabei, daß er nicht mehr als 300 Gulden in den von ihm unter- schlagenen Briefen gefunden und aus der Verwendung der abge- lösten Marken einen Gewinn von nur 000 Gulden gezogen habe. „Ich bin nicht so glücklich gewesen/' sagte er,„wie Andere. Oft habe ich in hundert Briefen nicht einen einzigen Gulden gefunden, selten 5 Gulden und nur ein einziges Mal 20 Gulden. Ich lebte in großer Roth und dachte, die Menge müßte es bringen; deshalb habe ich täglich Briefe mit nach Hause genommen, bis in meiner Wohnung kein Platz mehr vorhanden war, sie unter- zubringen." Außer den bei ihm noch vorhandenen Briefen wollte er nur etwa 5000 Stück entwendet haben. Diese Zahlenangabe beruhte freilich nur auf einer Wahrscheinlichkeits-Berechnnng, die der An- geklagte aus die Länge und Breite seiner angeblich zweimal ge- leerten Kommodenkasten zu basiren versuchte. Anfangs behauptete Kalab, er habe sich zum ersten Ntal vor etwa drei Monaten an Briefen vergriffen. Durch die Data der Briefe und Korrespondenzblätter der Unwahrheit überführt, räumte er ein, sein verbrecherisches Treiben schon ein bis zwei Jahre fortgesetzt zu haben; endlich erklärte er, daß er mit Uebernahme des Schlüssels zu der verhängnißvollen Lade, im Herbst 1858, zuerst auf den Gedanken gekommen sei, Briefe zu stehlen. Auch diese Angabe war eine Lüge; denn unter den in seiner Wohnung gefundenen Billets war eins vom 4. September 1857. Es gelang, die Absender desselben zu ermitteln, und diese be- kräftigten eidlich, daß sie das Billet einer Verwandten zum Namenstage gesendet hätten und daß es nicht angekommen sei. Desgleichen wurde ein Stammbuchblatt, welches im Jahre 1858 der Post übergeben worden war, in Kalab'S Besitz nachgewiesen. ES ist sogar wahrscheinlich, daß er bereits im Jahre 1856 Briefe unterschlagen hat; denn schon damals verbesserte sich seine sinan- zielle Lage in auffallender Weise. Die Manipulationen Kalab's beim' Entwenden der Briefe haben wir früher schon angegeben. Da Niemand Verdacht auf ihn hatte, war es leicht, die Briefpackete, welche er vorläufig in die Lade und den Schreibtisch verschloß, in seine Wohnung zu schaffen. Er bediente sich dazu einer Handtasche, mit welcher er vom Jahre 1856 an täglich in daö Bureau kam. Derartige Handtaschen sind heute noch vielfach in Wien in Gebrauch und werden häusig mit nach den Bureaux und ComptoirS genommen zum Transport von Kleinigkeiten; im Mitbringen der Tasche seitens des Kalab fand schon deshalb Niemand etwas Auffälliges. Zum Ueberstuß hatte er noch feinen Kollegen gesagt, daß er Flaschen mit Sauerbrunnen, der ihm vom Arzt zu trinken ver- ordnet sei, in der Tasche habe. In den letzten beiden Jahren brachte er noch außerdem eine geräumige Reisetasche mit und trug in derselben des Abends eine Flasche voll Wasser aus dem Brunnen des Postgebäudes, welcher sehr gutes Trinkwasser liefert, nach Hause. Anßerdem war die Reisetasche mit Briefschaften vollgestopft. Kalab lebte nach wie vor äußerst einfach. Er gab fast nie Geld für Vergnügungen aus. Mitte« in der heiteren Kaiser- stadt an der Donau, mitten unter den lebenslustigen, leichtlebigen Wienern gönnte er sich nicht einmal die unschuldigsten Genüsse. Er ging nicht spazieren, besuchte kein Wirthshaus, wendete nichts an seine Garderobe, besaß keinen Freund. Sein einziger Luxus bestand in einer goldenen Uhr nebst Kette und zwei Siegelringen; endlich besaß er noch zwei Bramaschlösser vor seiner Kommode, die er sich machen ließ, weil er, wie er seinen Kollegen erzählte, ein Freund von Erfindungen sei. Am liebsten saß er daheim in seinem engen Laboratorium. Dort gestattete er außer seiner Mutter, die zweimal wöchentlich sein Zimmer reinigte, Niemandem Zutritt. Wenn er daheim ein, ließ den Fenstervorhang herab und brannte bis tief in die Nacht hinein Licht. Den Hausleuten, die oft noch nach Mitternacht das Rascheln von Papier hörten, sagte er, daß er fremde Sprachen studire. Sommer und Winter heizte er, augeblich, weil er gegen die rauhe Luft äußerst cmpsindlich sei. Die Asche der verbrannten Briefe füllte er in große Papiersäcke und warf sie, wenn er ans- ging, in die Wien, in die Kanäle oder in die Donau. Der Verbrennungsprozeß hätte ihn übrigens beinahe schon früher verrathen. Die Bewohner des Nebenzimmers rochen nämlich bald ver- branntes Papier, bald Kölnisches Wasser, ihr Herd war mitunter von verkohlten Papierstückchen ganz übersät. Sie sprachen über diese Wahrnehmungen und unterhielten sich dabei so laut, daß Kalab eS im anstoßenden Zimmer vernahm. Sofort ließ er am Ofenrohr eine Klappe anbringen und verhinderte dadurch, daß noch ferner verkohltes Papier in die Küche des Nachbars fliegen konnte. Kalab beraubte die Briefe ihrer Wertheinschlüsse. Billets, Photogramme, Broschüren und Vignetten behielt er zu seinem Vergnügen, und was ihm des Aufhebens nicht Werth erschien, das verbrannte er. Den kleineren Gewinn aus den Briefmarken verschmähte er übrigens auch nicht. Erst feuchtete er die Kehr- seite der Kouvcrts an und löste die Marke ab, dann bestrich er sie mit Gummi, trocknete, preßte und glättete sie von neuem. Um die Marken in Geld umzusetzen, ging er folgendermaßen zu Werke: Briefe, welche nach dem Ausland bestimmt waren, wurden meist baar am Postschalterfenster bezahlt; der Beamte, welcher den sogenannten Frankodienst besorgte, übernahm sie, notirte die Baarbeträge auf den Briefen, rechnete nach Schluß der Brief- aufgäbe die von ihm eingenommenen Portobeträge zusammen und führte dieselben mittels eines Handbuches an das Speditionsamt ab. Kalab hatte den Frankodienst nur ausnahmsweise zu ver- richten. Er trug sich aber häufig dazu an; überdies wußte er es— namentlich im Jahre 1860— oft zu erwirken, daß er unter dem Bonvande, daß er VorniittagS Bäder gebrauchen müsse, unter Anderem sechs Wochen lang ausschließlich zum Nachmittags- Fraukodienst verwendet wurde. Er lieferte die erhobenen Portobeträge nicht wie die anderen Beamten baar ab, sondern mittels Aufkleben? der nöthigen Marken auf die Briefe. Zur Rechtfertigung dieses Verfahrens hob er hervor, daß es bequemer sei, ihn jener Geldmanipnlation enthebe und den Dienst vereinfache. Seine Vorgesetzten waren damit einverstanden und empfahlen den übrigen Beamten, es ebenso zu machen. Während der Aufgabezeit war Kalab vollauf beschäftigt. Er verschob daher das Ausfkleben der Marken gewöhnlich bis nach Postschluß, dann konnte er ungestört und unbeobachtet seine prä- parirten Marken verwerthen. Ein anderes Manöver bestand darin, daß er Personen, die am Schalter einzelne Marken zu kaufen wünschten, um Briefe damit zu frankiren, die Marken nicht hinausgab, sondern sich dienstfertig erbot, dieselben gleich selbst aufzukleben. Er benutzte dazu die ans seiner Behausung mitgebrachten Marken und erwarb sich noch nebenbei den Ruf eines gefälligen Beamten. Wie eifrig Kalab diesen Erwerbszweig kultivirte und welch' eine kolossale Anzahl von Marken er auf diese Weise umsetzte, geht daraus hervor, daß fünf bis sechs Diener, welche abwechselnd seit drei Jahren beim Central-Briefaufgabeamte beschäftigt waren, wöchentlich ein- bis zweimal von Kalab in die Apotheke geschickt wurden, um für 10 Kreuzer feinpulverisirtes Gummi zu holen. Er gab vor, es zum Malen und zur Anfertigung von papiernen Bilderrahmen, die er inS Ausland verkaufe, zu brauchen. In seiner Wohnung fand man 800 Stück abgelöste Marken, je nach ihrem Werthe in verschiedenen Schachteln sortirt; 204 Stück waren behufs der Wiederverwendung bereits präparirt. Die Gesammtzahl der Kalab'schen Marken konnte natürlich nicht ermittelt werden; er selbst wollte zwar nicht mehr als 6(10 Gulden durch das Ablösen und Wiederaufkleben der Marken verdient haben; allein diese Ziffer ist bei weitem zu niedrig, denn an einem einzigen Nachmittag wurden um jene Zeit im Durchschnitt 40— 70 Gulden, und an Sonntagen, wenn die sogenannte türkische Post fiel, circa 200 Gulden an Portogebühren eingenommen. Major Eine biographische Skizze aus der Schtr Von Robert Dave! bestieg das Blutgerüst. Mit ruhigem Blick schaute er auf die unzähligen Köpfe hin, die ihn umringten. Nach dem Berichte eines Augenzeugen trug er eine reiche rothe Uniform. Er hatte um Erlaubnis gebeten, noch eine letzte Ansprache an das Volk halten zu dürfen; sie war ihm unter der Bedingung geworden, gegen seine Souveräne nichts Aufregendes zu sagen. Davel hatte es versprochen. Die Tambours waren zu schlagen angewiesen, sobald er sein Versprechen bräche. An den Rand der Blntbühne vortretend, ermahnte er nun das Volk, von seinen Lastern und Sünden, seinem Trinken, Fluchen und Prozessiren abzulassen. Der Tod machte seine sonst so schwere Zunge beredt, und mit einfachen aber eindringenden Worten zeichnete er seinen Landsleuten noch einmal die Betrüge- � rcien der Advokaten,„das Elend der Bauern, denen man das Getreide aus den Scheuern oder schon vom Halm nehme, und manchmal selbst ihre Kleider und Betttücher." Dann schilderte er den Luxus und die schwelgerischen Mahle der Reichen und Mächtigen, die schreckliche Unwissenheit des Volks und selbst vieler Geistlichen, die mehr Zeit auf Ausschweifungen, als auf den Unterricht jenes wie ihrer selbst verwendeten. Ebenso tadelte er den anstößigen und ungeregelten Lebenswandel der Studenten. Schließlich ging er auf sich selbst über, pries sich glücklich, zur Ehre Gottes sterben zu dürfen und bat dann seinen Schöpfer, daß sein Tod zur Abschaffung der gerügten Mißbräuche bei- tragen möge. Die zahllose Menge hörte ihn in feierlicher Stille, die nur von Weinen und Schluchzen unterbrochen wurde, an. Sobald er geendet, fragte ihn der Prediger von Saussure, ob er gegen die Herren von Lausanne irgendwelchen Groll hege. Davel antwortete:„Ich erkläre im Angesichte des Himmels und der Erde, daß ich gegen Niemand übel gesonnen bin und durch- aus keinen Groll gegen die Herren von �Lausanne hege; denn Gott allein hat Alles so geleitet, wie es mich getroffen hat, in unzähligen gefährlichen Ereignissen mich erhaltend, um sich meiner zum Tröste seines Volkes zu bedienen. Ich schulde ihm unzählige Gnadenakte, und da ich ihn während meines Lebens dafür nicht genug rühmen konnte, so will er, daß ich sie durch meinen Tod verherrliche." Von Saussure's Ermahnungen an das Volk, die gewöhnlich der Hinrichtung vorausgingen, waren eine Lobrede auf Davel. Er pries seine christlichen und militärischen Tugenden, wie die edle Gesinnung, welche ihn zu dem Beffeiungsversuche seines Vaterlandes veranlaßt hätte. DaS Gebet, mit dem er schloß, hörte Davel knieend an. Dann nahm er von den Geistlichen, die in Thränen zer- flössen, Abschied. Ruhig und kaltblütig begann er sich zu ent- kleiden. Nach einigen freundlichen Worten an den Henker setzte er sich auf den Stuhl, gegen dessen Lehne er sich fest anstemmte, während man ihm die Augen verband. Eine Sekunde und sein Kopf fiel. Dem Urtheil zu genügen, nagelte der Henker den Kopf an den Galgen und verscharrte den Körper am Fuße desselben. Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.— Nach einer von der Postbehörde aufgestellten Schadenrechnung hat Kalab an den Wochentagen, an denen er den Frankodienst verrichtete, im Ganzen jährlich für 2080 Gulden von ihm prä- parirter Marken absetzen und an den 78 Sonntagen, an denen er fungirte, mehr als 10,000 Gulden für seine Marken ein- nehmen können. (Forssetzung folgt.) Davel. eizergeschichte des vorigen Jahrhunderts. Schweichcl. Am folgenden Morgen war der Kopf verschwunden; statt dessen fand man dort einige Verse angeheftet, deren Spott, mochte er auch gegen Bern gerichtet sein, schlecht genug, mit dem tragi- scheu Ereignisse übereinstimmte.„Hier", heißt es darin,„starb der edle und muthige Davel durch die Tatze unsers Bären, weil er ihn etwas zu stark gekitzelt hatte." Die sorgfältigen Forschungen Berns nach dem Diebe blieben erfolglos. Erst ein Jahr später entdeckte man den Kopf durch Zufall. Ein Apotheker von Lausanne ward wegen Falschmünzerei verhaftet, und bei der Haussuchung fand man den Kopf in seinem Laden in einer Büchse. Auf Befehl Berns ward derselbe dann am Galgen durch den Henker verbrannt. Und hatte Davel's Tod die Folgen, die der Märtyrer von ihm so zuversichtlich hoffte? Bern ließ auf das Ereigniß eine goldene Medaille präge», die Stadt Lausanne darstellend, die unter einem Baume schläft, den sie umschlungen hält, mit der Inschrift:„Umbrara guietac tenaci et coronam." Dieser Baum sollte Bern sein. Seine goldenen Früchte entschädigten die Stadt für die Unkosten des Prozesses. Der Kontrolcur von Crousaz erhielt für seinen Theil 8000 Livres und Davel's Pension zur Belohnung. Wie schlagend Davel die Fehler der Berner Regierung in seinem Manifeste gezeichnet hatte, erhellt daraus, daß Bern das selbe nach Beendigung des Prozesses aus den Akten herausreißen ließ und in seinen Archiven verbarg, wo es erst in diesem Jahr- hundert wieder aufgefunden wurde. Einige Reformen in der Verwaltung, die Abschaffung einiger Mißbräuche, so die gänzliche Aufhebung des Konsensus und des damit verbundenen Eides war Alles, waS dem Ereignisse folgte. Der Rath von Lausanne fuhr fort, jährlich einige Säcke Getreide an die Armen zu vertheilen, seine kleinen inneren An- gelcgenheiten zu schlichten und seine Märkte zu regieren, während das übrige Land seinen gewöhnlichen Gang ging. Wie war es auch anders von einem Volke zu erwarten, das eine fast 200jäh- rige Fremdherrschaft seiner Rechte und Freiheiten beraubt und moralisch in den Koth getreten hatte? Für den Patriotismus gibt es sicher kein demüthigenderes Geständniß als:„Wir konnten frei sein, aber wir selber wollten nicht!" Die waadtländer Histo- riker sprechen es nicht aus, allein es liegt in der Bitterkeit, mit der sie die unmittelbare Erfolglosigkeit der That Davel's hervor- heben, es liegt in den Worten Olivier's:„Und das friedliche und treue Lausanne beharrte in seiner Ruhe im Schatten." Dennoch ist kein Zweifel, daß Davel's Unternehmen und tragisches Ende in der Stille Manchen zum Nachdenken veranlaßt und somit beigetragen hat, jenen Geist zu zeitigen, durch den die Berner Herrschaft glücklich gestürzt ward. Sein Andenken lebte im Volke aber ungeschwächt fort, bis ihm, etwa 30 Jahre nach seinem Tode, durch Gibbon die vorderste Stelle in den Jahr- büchern der Geschichte angewiesen wurde. Das freie Waadtland entrichtete dann dem Märtyrer eine Schuld, die von den Zeit- genossen anerkannt worden war, indem es ihni in der Kathedrale von Lausanne eine Gcdächtnißtafel errichtete. Druck und Verlag der Geiiossenjchastsbuchdruckerei in Leipzig.