Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volt Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Goldene und eiserne Ketten. Erzählung auS schweren Tagen von C. Lübeck. (Fortsetzung.) Seit langer Zeit war Berner kein Morgen so schön und herrlich erschienen, wie dieser Sonntagsmorgen. Mit Behagen athmete er, in der Thür seiner Laube stehend, die frische, duftige Morgenluft und mit Vergnügen schweiften seine Blicke über den Park, den das erste Licht des jungen Tages mit wunderbarem Glänze schmückte. „Es ist doch ein eigenthümlich Ding, ein Menschenhcrz," sagte er;„ein wenig Sonnenschein in seinem Innern— dann ist die ganze Welt ein Frühlingshain voller Sang und Klang." Und in sein Herz war nicht nur ein wenig, sondern eine Fülle belebenden Lichts gefallen. Da war zunächst die Nachricht gekommen— und Frau Köhler selbst war die Ueberbringerin gewesen— daß Blumenthal und Marie einander gefunden. Er hätte Frau Köhler beinahe umarmt, so sehr hatte die glückliche Botschaft ihn erfreut. „Da findet sich Alles zusammen, Frau Köhler," hatte er ihr gesagt, als sie ihm mit Zweifeln über die Dauer des Glückes kam, das sie noch immer nicht recht zu fassen wußte.„Sei sie nur ohne Sorge, wo Herz und Herz einander finden und der Berstand jubelnd Ja und Amen sagt, da ist nichts zu fürchten." Doch das war noch nicht Alles, was ihn in eine so freudige Stimmung versetzt hatte. Am voraufgegangenen Abend war er auf seinen Boden gestiegen und hatte Büttner's Bücher und Papiere, die er einst in Verwahrung genommen, heruntergeholt. Große amtliche Siegel blickten ihm entgegen, als er die Pergament- artigen, vergilbten Papiere entrollte, und manche Andeutung über ben Wiesen- und Waldvcrtrag fand er darin, seiner Ansicht nach aber doch nicht genug, um, darauf gestützt, einen Prozeß anfangen iu können. Die Bücher hatte er am Abend nicht mehr durch- gesehen, ein flüchtiger Blick hatte ihn belehrt, daß er es mit Werken ber deutschen Literatur zu thun hatte. Doch was galten in diesem Augenblicke alle wissenschaftlichen Schätze dem Schatze gegenüber, �u er suchte! Am Morgen aber hatte er sie, obgleich zum Lesen heilig aufgelegt, doch gleich zur Hand genommen und eine reiche Auswahl der besten Literatur- Erzeugnisse gefunden; lebhaft be- 'kagtc er es, sie nicht schon ftüher an's Tageslicht gefördert zu L Q iClowf tana haben. Alle waren durchblättert und nur ein Buch noch übrig geblieben, das sich in seinem Aeußern wesentlich von den andern unterschied und durch seinen einfachen schwarzen Papierband und sein Gesetzsammlungsformat eher auf eine Zierde eines Bureaus als einer Studirstube schließen ließ. Er schlug es auf, eS war ein Urkundenbuch des Kreises, das sich, nach den ersten Blättern zu schließen, auf die adligen Güter bezog. Da ein solches Buch für ihn nicht das geringste Interesse besaß, klappte er es wieder zu; doch nahm er es dann noch einmal in die Hand und blätterte zerstreut darin. Auf einmal belebte sich sein Blick; er war auf eine Urkunde gestoßen, welche die Niederlassung der Weber im Riesengebirge und die Erwerbung ihrer Grundstücke betraf. Da war er aufnierksam geworden und hatte weiter und weiter ge- blättert und plötzlich einen lauten Ruf der Ueberraschung aus- gestoßen. Im Wortlaute stand in dem alten Urkundenbuche der Vertrag abgedruckt, durch welchen der Großvater Hans Egler'S den Falkenburger Wald für sich und die Waldauer gekauft. Er rieb die Augen und glaubte ihnen nicht trauen zu dürfen, und laS wieder und wieder. Aber da war an keine Täuschung zu denken; schwarz auf weiß stand es da, und mit einem Iubelrufe war er aufgesprungen. Nun mußte sich Alles zum Besten wenden. Am liebsten wäre er spornstreichs nach Waldau geeilt, um dort- hin die ftohe Kunde zu tragen, aber Blumenthal hatte am Morgen kommen wollen, er mußte ihn erwarten, und als er ihn endlich aus dem Parke treten sah, eilte er ihm mit beflügelten Schritten entgegen. Schon von weitem rief er ihm seine Glück- wünsche zu. „Zwei Krhstalle hat daö Leben aneinander geschmiedet," rief er lebhaft,„die werden alle Stürme überdauern, von keinem ge- beugt werden,— wie freue ich mich, Freund Blumenthal, daß Alles eine so glückliche Wendung genommen.— Aber Sie sind ernst, das macht die Heiligkeit des Orts, durch den Sie ge- kommen,"— er deutete mit den Augen auf den Park.„Ja, ja, wo viel Licht, da ist auch Schatten," fügte er ernster hinzu, an Fräulein von Rabcnbcrg denkend.„Haben Sie sie gesehen?" Er deutete wieder auf den Park. „Aber nicht gesprochen. Wie ein aufgescheuchtes Reh entfloh sie, als sie nieiner ansichtig wurde. Ich weiß nicht, wie mir selbst zu Muthe war. In ruhiger Weise, so hatte ich gehofft, ihr begegnen zu können, aber alle Ruhe war mit einem Schlage dahin, als ich sie vor mir sah. Beklommen fühlte ich mich und weit fort hätte ich sein mögen." „Ein fremder Fuß betrat das Heiligthum," sagte Berner, „ein fremder Mensch athmete seine Lnft. Wundern Sie sich nicht über den Eindruck, den Sie empfingen, der Ort ist der gleiche geblieben, nur Sie sind ein anderer geworden." „ES ist wahr, ich bin ein Fremder geworden," sagte Blumenthal. „Rur nicht in den Augen derjenigen, der Sie ein Fremder sei» sollten. Wo bleibt der Panzer der Kaste, wo der der Re- ligion, wenn die Natur sich regt!— Doch da sind wir ja,"— sie hatten die Laube erreicht—„und nun setzen Sic sich und erzählen Sie mir bis in die kleinsten Einzelheiten wie es denn möglich gewesen, daß die Dinge diese Wendung nehmen konnten. Sodann sollen Sie auch von mir etwaö erfahren, was den Bücherwurm wieder zu Ehren bringen wird. Ja blicken Sie mich nur so erstaunt an, Sie werden noch größere Augen machen, wenn Sie mein Geheimniß erfahren haben werden. Es ist ein bedeutungsvoller, ein glücklicher Tag für uns, Freund Blumenthal," fügte er mit Wärme hinzu.„In einer Stimmung befinde ich mich, daß ich die ganze Welt an's Herz drücken könnte!" „Und da soll ich Ihnen meine Liebeögeschichte erzählen?" rief Blumenthal lachend.„Ich fürchte, alle Romantik, womit ich die schmucklose Geschichte etwa färben könnte, reicht nicht aus, Sie auch nur zehn Minuten zu fesseln. Ihr ganzes Aussehen läßt auch auf etwas so ungemein Wichtiges schließen, daß alles Andere dagegen erblassen muß. Im Uebrizen malen Sie sich selbst den kleinen Liebeshimmel ans, der sich über uns gewölbt hat, und nehmen Sie uns, wie wir sind, als einfache Menschenkinder, die die Stoffe zu einer innigen Verschmelzung in sich tragen und sich nun vereinigen, da ihre Zeit gekommen ist.— Da haben Sie die ganze Wendung— Sie sehen selbst, sie ist einfach und trocken...." „Aber doch durchweht von einer Fülle von Poesie," unterbrach ihn Berner, den Finger drohend erhebend.„Hat sie nicht selbst mich mit erfaßt, möchte ich nicht laut aufjauchzen vor Freude?! Alles Glück, das die Götter den Menschen verleihen, wünsche ich Ihnen, freilich Sic sind ja selbst Ihres Glückes Schmied— nun denn— starken Arm und freies Herz, und nie wird es Ihnen an der Zauberformel fehlen, die aufrührerischen Geister zu bannen, welche so gern zerstörend in unser Leben eingreifen." Blumenthal drückte ihm bewegt die Hand.„Ohne über- schwängliche Hoffnungen trete ich selbst in's Leben," sagte er, „und Marie ist ja im tiefsten Schatten herangewachsen— da braucht unser Himmel gar nicht so sonderlich rosig zu sein, um uns in glücklicher Stimmung zu sehen. Wir sind nicht verwöhnt, und so habe ich in der That die besten Hoffnungen.— Aber nun das Geheimniß des Bücherwurms— Sie haben meine Er- Wartung in hohem Maße gespannt. Gewiß ist ein längst ver- gessener Wissensschatz in Ihre Hände gefallen." „Ein Schatz wohl!" rief Berner, das Urkundenbuch vom Tische nehmend.„O, wenn Sie wüßten, was für ein Schatz!" Er betrachtete das Buch mit leuchtenden Augen.„Die Freude macht mich wirklich kindisch," sagte er.„Wollte ich Ihnen nun auch erzählen, was ich gefunden, ich könnte es gar nicht, dazu fehlen mir die Worte, obgleich die Angelegenheit mir Kopf und Herz zum Zerspringen gefüllt hat. Da haben Sie'S— sehen Sie selbst!" Er reichte Blumenthal das Buch, der venvundert den Titel las. „Ich muß Ihnen zu Hülfe kommen," sagte Bcrner lächelnd, „sonst geht's Ihnen wie mir und Sie finden vor lauter Schale den Kern der Frucht nicht." Er nahm ihm das Buch wieder ans der Hand und schlug de» Vertrag auf, dann reichte er es ihm mit triumphirenden Blicken wieder hin. „Ist denn das möglich?" rief Blumenthal aus und blickte fragend auf Berner, der sich an seiner Ueberraschung weidete. „Lesen Sie nur, lesen Sie nur," sagte dieser,„das ist das beste Mittel, um sich von seinem wachenden Zustande zu über- zeugen." Und Blumenthal laö, und als er zu Ende war, sagte er mit strahlenden Augen:„Sie hatten Recht, ein bedeutungsvoller, glücklicher Tag ist der heutige, und noch lange werden unsere armen Freunde seiner gedenken. Wie sie aufathmen und zu neuem Leben erwachen werden, wenn sie diese Nachricht erhalten. Säumen Sie nicht; noch heute muß Waldau wissen, daß seine Bewohner keine Bettler mehr sind und daß die hochgebornen Gebieter der Falkenburg in's Zuchthaus gehören." „Lassen Sie uns gemeinsam diese Sonntagsarbeit verrichten," bat Berner;„getheilte Freude, doppelte Freude!" „So gern ich es auch thäte— ich kann mir ja nichts Schöneres als glückliche Menschen denken— so ist es doch un- möglich," erwiderte Blumenthal.„Und nun Geheimniß um Ge- heimniß— erfahren Sie schnell noch das meinige." Ost von Ausrufen des höchsten Erstaunens unterbrochen, er- zählte Blumenthal die Erlebnisse der Nacht. „Das ist von außerordentlicher Wichtigkeit!" rief Berner, als Blumenthal geendigt.„Ueberall Sittenlosigkeit und Fäulniß, wo man den Schleier auch lüftet, den diese Menschen über ihr Treiben zu breiten verstehen. Boraussichtlich wird Jörg sprechen, und dann wird es leicht sein, den Wichten die Larve vollends vom Gesichte zu reißen. Welch' Glück, daß Sie Jörg gefunden. Sie hätten ihn vollends todt gemacht, dann einfach aus einen Holzstoß geworfen und als Wilddieb verbrannt; damit wäre die Geschichte aus gewesen und die Frau Gerechtigkeit hätte daS Nachsehen gehabt.— Wo aber wollen Sie ihn unterbringen." „Noch weiß ich es nicht, aber ich denke, unser Doktor Wieser, zu dem ich zunächst gehen will, der wird mir mit Rath und That an die Hand gehen." „Ein braver alter Herr, gewiß die geeignetste Persönlichkeit, an die Sie sich nur wenden können. Grüßen Sie ihn von mir und sagen Sie ihm, daß ich nach wie vor unverbesserlich sei. Im Grunde stimmen wir ja überein, aber wenn er eigen- sinnig ist, bleibe ich auch auf meinem Standpunkte." „Ah, der alte Streit!" rief Blumenthal lachend.„Hoffen wir, daß das Volk ihn in nnserm Sinne zum Austrag bringt." „Egler hat schwere Stunden durchmachen müssen," sagte Berner wieder.„Zum Augenleiden trat ein Nervensieber, nun geht es aber erfreulich besser." „Er wird aufleben bei der frohen Botschaft, die ich ihm bringe." „Daran läßt sich nicht zweifeln— vorausgesetzt, daß er schon kräftig genug ist, sie zu hören." „Nun, ich werde ja sehen." Blumenthal brach auf. Berner begleitete ihn noch ein Stück Weges. „Meine Gedanken und Wünsche werden Sie begleiten," sagte Berner, als sie von einander schieden.„Glück auf den Weg! Glück auf de» Weg!— Welchen Eindruck würde ein glückliches Resultat auf Rabenberg machen. Mit jähem Schlage stürzt da das ganze hohle Gebäude vom göttlichen Schicksale zusammen und Licht würde endlich in die düstern Hallen einkehren;— ja, Glück auf den Weg, lieber Blumenthal— Glück auf den Weg!" »» » Ein Mann im ArbeitSrocke eines Malers, von Schönenberg kommend, holte Berner kurz vor dem Dorfe ein und fragt: ihn nach dem Wege nach der Falkenburg. Berner empfand wenig Neigung zu einer Unterhaltung, der Kopf war ihm von allen Erlebnissen voll und er antwortete deshalb dem Fremden sehr kurz; dieser aber schien eine Unterhaltung zu suchen, denn er mäßigte seine Schritte und blieb an Benier's Seite. „Wie Sie sehen, bin ich Maler," sagte er mit einem Blick auf seinen Anzug.„Graf Falkenburg hat mich auf sein Schloß beschieden, dort soll in nächster Zeit eine große Hochzeit statt- finden, deshalb sollen die Gemächer neu gemalt werden." „Und das wollen Sie allein ausführen?" fragte Berner, den Mann zweifelnd betrachtend. Sein glattes verschmitztes Gesicht wollte ihm gar nicht recht gefallen. „Nicht allein, nicht allein!" entgegnete dieser,„morgen oder übermorgen kommen meine Leute nach. Ich will mir vorerst die Arbeit ein wenig ansehen— der Herr Graf hatte es sehr dringend.. „Sie haben noch viel Zeit, die Heirath wird wohl noch lange auf sich warten lassen," sagte Bcrncr. „So, so," sagte der Maler überrascht.„Ich glaubte, in einigen Wochen schon würde es losgehen. Aber hapert's denn wirklich?" „Man spricht so," antwortete Berner ausweichend. „Sie scheinen nicht zu den Freunden der adligen Herren zu gehören. Wer könnte das aber auch sein? Ein ehrlicher Mann nicht.— Was weiß man auch in den Schlösseui von der Armuth und dem Elende, das bei uns herrscht." Ein mißtrauischer Blick Benier's traf den Sprecher. Er hatte unter seinem Kittel sehr seine Wäsche und in seinem HalStuche eine kostbare Nadel bemerkt; auch besaß seine Sprache nichts Provinzielles. Berner antwortete nicht. „Man sagt, die Verwaltung sei doch von Grund auS vcr- loddert," begann der Maler wieder.„Wenn das wahr ist, sollte eö mich gar nicht wundern, wenn eS einmal ein gehöriges Donner- weiter geben würde. Diese Behörden verdienen aber auch nichts Besseres, als weggejagt zu werden. Meinen Sie nicht auch?" Er blickte Berner scharf an. „Ich bin ein einfacher Lehrer," antwortete Berner, dessen Mißtrauen wuchs.„In meiner Stellung darf man sich nicht mit solchen Dingen befassen." „Lehrer?" rief der Fremde und trat jetzt dicht an ihn heran. „Welche dankbare Aufgabe ruht in den Händen eines Lehrers, der die geachtetste Person im Dorfe ist! Wer wäre besser ge- eignet, politische Samenkörner auszustreuen, als ein Lehrer! Ihm vertraut die Gemeinde, und wenn er es verstünde," sagte er mit leiserer Stimme,„ihr die rechte Bahn zu zeigen, dann würde er sich ein unendlich großes Verdienst erwerben. Man ist in den höchsten Kreisen besorgt; kaum ein Tag vergeht, an dem nicht Arbeiterunruhen oder andere Krawalle gemeldet werden. Ich bleibe dabei, ein hohes Verdienst um den ganzen Staat könnte sich ein Lehrer erwerben, der das Herz auf dem rechten Fleck hat. Würden Sie denn nichts für den Staat thun können?" „Wie ich Ihnen schon gesagt, ich bin ein einfacher Lehrer, der es gelernt hat, seine Pflicht mit einiger Gewissenhaftigkeit zu erfüllen..." „Ist dies nicht Waldau?" unterbrach ihn der Maler, auf die Häuscrlinie deutend. Bcrner nickte mit dem Kopfe. Der Fremde schien mit sich zu Nathe zu gehen, er blieb einige Augenblicke schweigsam, dann sagte er vertraulich: „Das wird Sie interessiren. Ich habe da in der Stadt eine» Freund, der so Mancherlei erfährt, was anderen Menschenkindern ein Gehcimniß bleibt, und der erzählte mir, die Schule in Waldau würde in nächster Zeit schon sehr reich ausgestattet werden, so- bald man für die Stelle eine passende Kraft gefunden. Es komme dabei weniger auf große Kenntnisse, als auf Zuverlässig- keit an, man würde einem erprobten pflichttreuen Lehrer sicher den Vorzug geben,— so sagte mein Freund, und der hat großen Einfluß auf die Entscheidung." „Soviel ich weiß, ist die Stelle besetzt," sagte Berner lächelnd. „Aber wie! Sehen Sie, man kann ja immer dem Staate das Beste wünschen, ohne grade Wühler zu werden. Nachdem, was mir mein Freund sagte, soll der Berner ein Wühler erster Klasse sein." „Ja so," sagte Berner, den die Sache zu fesseln begann, „daran hatte ich nicht gedacht." „Was noch schlimmer ist, mit Demagogen soll er sich ab- geben..." „Mit dem Blumenthal." „Mit dem Blumenthal, ganz recht!" rief der Maler lebhaft. „Nun, wenn Sie den kennen, dann werden Sie sich nicht wun- deru, wenn die Behörde die Geduld verliert. Das soll ja ein ganz gefährlicher Mensch sein. Sie scheinen übrigens, wie ich merke, Land und Leute gut zu kennen, da werde ich in meinen Mußestunden mir die Freiheit nehmen, Sie aufzusuchen, um mich ein wenig zu unterrichten. Wo wohnen Sie doch gleich?— Mein Name ist Schmidt, ich bin Maler, wie Sie wisien, und Ihr werther Name ist—?" Sie befanden sich am Schulhause und Berner blieb stehen. „Sie sind doch nicht schon am Ziele?" fragte der Maler, einen mißtrauischen Blick auf die Schule werfend. „Wir stehen am Schulhause," antwortete Berner.„Den Weg nach der Falkenburg finden Sie jetzt leicht." „Es ist dies aber doch die Schule von Schönenberg!" rief der Vialer, dem Schlimmes zu ahnen begann. Berner nickte mit dem Kopse.„Es ist die meinige," sagte er so gleichmüthig als möglich. Es siel ihm schwer, ein spötti- schcs Lächeln zu unterdrücken. „Dann wären Sie wohl gar der Lehrer..." „Berner," sagte dieser und trat in die Thür des Hauses, ohne von seinem Begleiter Abschied zu nehmen. „Teufel!" murmelte der Maler, ihm mit langem Gesicht ver- blüsst nachsehend.„Das wäre ja eine Niederlage vor der Schlacht. Der Kerl scheint sehr gerieben zu sein." Langsam setzte er seinen Weg fort.— *« * „Herr Feldmesser Blumenthal! Herr Feldmesser Blumenthal!" hörte Blumenthal hinter sich rufen, als er die erste Straße von Schönenberg hinter sich hatte. Er wandte sich um und verzog etwas verdrießlich das Gesicht, als er Silberberg erkannte, der ihm nachgelaufen kam und niit Höflichkeitsbezeigungen überhäufte, als er ihn erreicht hatte. „Was ist das für ein seltener Zufall," sagte Silberberg, „daß man Sie auch wieder einmal zu sehen bekommt. Wäre ich nicht neulich auf der Falkenburg gewesen und hätte dort von Ihnen gehört, ich würde gewiß geglaubt haben, Sie wären schon lange todt und begraben. Schönes Gut, das vom Herrn Grafen— sagen Sie doch, Herr Blumenthal, was ist wohl der Wald Werth? Ich bin doch sehr neugierig, Ihr Urtheil zu er- fahren." „Die Wälder, die dem Grafen gehören, kenne ich nicht," ant- wortete Blumenthal kurz,„die müssen in Böhmen liegen oder in Spanien." „Sie sind noch böse auf mich, Herr Blumcnthal," sagte Silberberg,„Sie können es mir noch immer nicht vergessen, daß ich damals die Löhne der Spinner herabsetzte— als Sic bei mir zu thun hatten." „Heber diese Gewisienlosigkeit habe ich Ihnen ja schon meine Meinung gesagt," erwiderte Blumenthal, weitergehend. „Ich habe es immer behauptet, Herr Blumenthal, Sic seien ein braver, rechtschaffener Mensch, aber Sie passen nicht in unsre Zeit hinein. Ich bin doch nie Herr von meinem Geschäfte und muß mich immer nach den auswärtigen Preisen richten. Wäre ich nicht verrückt, wenn ich beim Sinken der Preise noch hohe Löhne bezahlen wollte?" „Die alten Löhne waren schon erbärmlich genug, und wenn Sie davon»och abzwackten, statt mit einem bescheideneren Gewinn sich zu begnügen, dann war das eben eine Gewissenlosigkeit." „Was sollen wir hier streiten," sagte Silberbcrg,„ich schlage Ihnen vor, wir trinken ei» Glas Wein mit einander und spülen den alten Zwist hinunter. Dann will ich Ihnen auch beweisen, daß ich ohne Gewinn gearbeitet und aus meiner Tasche hätte zuzahlen müssen, wenn ich die alten Löhne beibehalten." „ES bedarf der Auseinandersetzung nicht, Herr Silberbcrg, ich bin auch sehr beschäftigt." (Forlsetzung folgt.) 332 Gehende Bewegung� Lied der pennsytvanischen Bergleute. A. Dcuat. m •» 1. Der Am- bos klingt, die 2. Der Han-del eilt ron 3. Es steht ein Kind- lein 4. In- dest euch Soin-mers 6. Zu Hau- sc hun- gern r - se dampft, es schwirrt das Rad, der He- bel stampft. Wir schen-ken ihm das Land zu Land, schlingt um die Welt sein gol- den Band, in- deß in To- des am Ka- min, steckt" frie- rend sei- ne Hand-lein hin— und tief in den Ge Pracht er- götzt, wie wird hier schwer das Äth-men jetzt, wie drückt's auf al- le Kind und Weib, wir Müs- sen tag- lich nn- fern Leib für un- sre Her- ren J~i ? 1:- Le- ben. Wir sor- gen tief dar- men der Po- ren— um wa- gen. Die ±=± Z3»Z -zr J p| J 1;.r] �5 1. hämmern(et» se Schlag auf Schlag, das Gru-ben-licht ist un-ser Tag, von Grabesnacht um ge- ben, von Grabcsnacht um- 2. nn- ten in der Er- de Grund, das A»t- litz fahl, die Knie-e wund, wir ihm die Flu- gel bor- gen, wir ihm die Flü- gel 3. Er- de lie- fern wir der Macht der E- le- men- te Schlacht aufSchlacht, dasKindlein zu er- war- men, das Kind-lein zu er- 4. Got-tes wil-len! Acht auf's Licht! Seht ihr dies blau- e Leuchten nicht? Fort, fort! wir sind ver- lo- ren, fort, fort! wir sind ver- '-LfJ- 3= WWs? 1 •& I m t. ge- ben. 2. bor- gen. 3. war- men. � Wir ho« len die Koh- len im tie- fen SchachtauS 4. lo- ren e> wi-ger Nacht her- auf. Glückauf! Glückauf! 6. Kla- gen' Wir ho- len b:c Koh- teil im tie• se» Schacht aus l t i 1 I I i! ölüdouf! Glückauf! � Wir ho» Ich die Koh- le» im Schacht aus 7. Laßt Schlägel jetzt und ist das Loos. Zwei- tau-send Fuß im Ei- sen ruhn, laßt Al- les doch die Her-ren lhun, die un- scrnSchweiß ver- ach- ten, die 5. Hun-der- te be- gra- ben, die auch das Herz iu ih- rer Brust für Freud und Leid und Le- bens-lust von Gott em-psangen 7. un-sernSchweiß ver- ach- ten. Laßt sie mit lh- reu Hän-den zart hin- auf, hin- ab die rau- he Fahrt, und iu der Gru-be j!— l s r-Tf+'-f-f-yi Sie Wir ho- len nicht mehr die Koh- len im J j fen Schacht aus tie-fe» e-wi-ger Nacht her-auf. Glückaus! Glückauf! ho-len nickt mehr die Koh- len im>> I r-f- -rr Sie Wir ho-len nicht mehr die Koh J 334 Ein Sriesdied. Eine wahre Erzählung von Emil König. (Fortsetzung.) So bedeutend indessen die Früchte dieses verbrecherischen Treibens waren, so scheint doch die Beraubung der Briefe eine noch lukrativere gewesen zu sein, und es erleidet keinen Zweifel, daß Kalab, hätte man sein Treiben nicht endlich entdeckt, binnen kurzem zum reichen Manne geworden wäre. Ein Blick auf seine Vermögenslage wird dies beweisen. Kalab war, wie uns bereits bekannt, von Haus aus blutarm und bezog einen äußerst niedrigen Gehalt. Als er den Staats- dienercid ablegen sollte, besaß er nicht einmal einen nur einiger- maßen anständigen Rock; er mußte sich zu diesem Akte einen solchen leihen. Die vorgeschriebene Dienstkaution von 400 Gulden mußte er, da eS ihm an Geldmitteln gebrach, von einem Dritten für sich stellen lassen. Bald aber wurde es anders. Schon im Jahre 1856 kaufte er sich die schon erwähnte Uhr und Kette für 180 Gulden, 1857 die zwei Ringe für 90 Gulden, und gab für Möbel mehr als 100 Gulden aus. Gleichzeitig zahlte er, ohne darum gemahnt zu sein, die Kantion von 400 Gulden zurück und ergänzte dieselbe auf 600 Gulden. Im März 1858 legte er unter der Chiffre A. C. K. und unter dem Namen„Adalbert" in zwei Sparkassenbüchern 3300 Gulden, im Juni wieder 700 Gulden, im August 600 Gulden, im Oktober 300 Gulden, im Februar 1859 sogar 1155 Gulden in die Sparkasse ein. Vom Herbst 1859 an unterstützte er seine Eltern mit monat- lich 30 Gulden. Man rechnete ihm nach, daß er im Jahre 1860 4487 Gulden, 1861 5516 Gulden mehr ausgegeben als ein- genommen hatte. Aber noch mehr! Schon zu Anfang des JahrcS 1856 ertheilte er einem Agenten Auftrag zum Ankauf von Grundeigenthum im Werthe von 20,000 Gulden, und am 3. November 1859 kaufte er wirklich zwei Landhäuser im sogenannten Lumpazi- Dörfel in Hietzing. Man bedenke, daß Hietzing, die heutige Residenz des deposse- dirten Königs von Hannover, schon damals der Lieblingsaufenthalt der Wiener Aristokratie war. Dort, in der Nähe des kaiserlichen Lustschlosses Schönbrunn, hatte der Theaterdirektor Karl(Karl von Bernbrunn), der„Staberl", den München und Wien so wohl kannten, eine Reihe von größeren und kleineren Landhäusern erbaut und nach und nach an seine Schönen verschenkt. Eine Gruppe dieser Häuser wird noch heute vom Volkswitz daS „Lumpazi-Dörfel" genannt, weil die Gelder dazu aus den glän- zenden Einnahmen der Posse„Lumpazi-Vagabundus oder das liederliche Kleeblatt" geflossen sein sollen. Zwei dieser Häuser, beide in Gärten gelegen, erwarb Kalab käuflich von der pensio- nirten Hofschauspielcrin Flerx für die Summe von 16,90» Gulden; 10,000 Gulden bezahlte er sofort und den Rest in der Mitte des Jahres 1861. Für die innere Einrichtung und die Verzierung der Häuser verwendete er 6000 Gulden. Jni Winter räumte er seinen Eltern, die er, bezeichnend genug, bald für Hausmeistersleute, bald für arme Verwandte ausgab, die Wohnungen ein, welche er im Sommer zu guten Preisen vermiethen wollte. Da es nicht unbekannt bleiben konnte, daß Kalab Haus- besitzer geworden war, erfand er ein Märchen, welches ihn vor allen Nachforschungen sicherstellen sollte. An der einen Stelle sagte er, daß er die Häuser nicht für sich, sondern für eine reiche Tante in Vöslau gekauft; an der andern Stelle, insbesondere seinen Eltern gegenüber, machte er die Vorspiegelung, er habe die Häuser für einen Grafen Pallavicini acquirirt. Die„reiche Tante" spielte' überhaupt in Kalab's Leben eine bedeutende Rolle; er brachte öfter Wein und Ligueur von ihr mit, verehrte auch wohl seinen Vorgesetzten in ihrem Namen etliche Flaschen, und wußte von ihrer Krankheit, von ihrer Ab- ficht, ihn zum Erben einzusetzen, von einem Arzte, der die Erb schaft erschleichen wollte, von ihren Reisen in die Schweiz und in Bäder, von ihren Liebhabereien und Seltsamkeiten so Vieles mitzutheilen, daß seine Kollegen, als er bereits entlarvt war, noch immer die reiche Tante nicht für eine Fabel halten wollten. Häusig hatte er sich Urlaub zu Besuchen in Vöslau erbeten; aber niemals war er dort gewesen, er hatte vielmehr die freie Zeit dazu benutzt, seine Arbeitsleute in Hietzing zu beobachten, oder zu Hause, in seinem Laboratorium, bei seinem Briefschatze zu verweilen, Marken zu präpariren und Briefe zu berauben. Unter seinen Papieren befand sich sogar ein Brief mit Trauer- rand, in welchem ihn die Tante von Bregenz aus bat, daß er sich nach Böslau begeben und mit dem Grafen Pallavicini ge- wisse Geschäfte erledigen möchte. Den Brief hatte Kalab von einem Mädchen schreiben lassen, um daraufhin mehrere Tage bc- urlaubt zu werden. Wenn man bedenkt, daß Kalab niemals rckommandirte Briefe oder Fahrpostgegenftände unterschlagen hat(dazu war er zu klug, denn er wußte recht wohl, daß Poststücke mit dcklarirtem Werthe einer genauen Kontrole unterliegen), so muß man sich allerdings darüber wundern, daß er so ungeheure Summen erworben hat. Nur durch die Unvorsichtigkeit des Publikums einerseits und die kolossale Menge der veruntreuten Briefe andrerseits läßt sich dies erklären. Es ist konstatirt worden, daß Beträge bis zu 100 Gulden ohne Werthangabe in gewöhnliche Briefe eingelegt worden sind, namentlich kamen Briefe an Dienstboten und Soldaten selten ohne einen Einschluß von 1 oder 2 Gulden an. Der italienische Krieg im Jahre 1859 düifte eine ganz besonders reiche Beute geliefert haben; denn damals sandten Hunderte an die mit ihnen verwandten oder befreundeten Krieger Briefe, die je etliche Gulden enthielten. Kalab suchte auch in dieser Beziehung sein Heil in frechem Lügen. Den Ankauf der Häuser konnte er freilich nicht leugnen, und die„reiche Tante" vermochte ihn vor Gericht nicht zu retten. Dreist genug behauptete er jetzt, er habe in der Zahlenlotterie mehrere kleine Gewinne gemacht, dafür ein KreditlooS gekauft, wieder gewonnen, neue Loose genommen und nun Treffer von 3000, 5000 und 10,000 Gulden gezogen. Er berief sich ans Briefträger, welche die Gewinnste für ihn eingehoben haben sollten; aber diese Briefträger waren längst gestorben und die Ziehung der Kreditloose war zum ersten Male erfolgt, als er bereits mehrere Tausend Gulden in die Sparkasse gelegt hatte. Der Untersuchungsrichter hielt ihm das vor, und nun endlich sank ihm der Muth; er wurde sichtlich beklommen, bat, das Verhör abzubrechen und versprach ein reumüthiges Bekenntniß. Bald darauf reichte er ein Papier mit der Aufschrift:„Offenes und eigenhändig geschriebenes Geständniß und Beweggründe meines Verbrechens" ein. Kalab schreibt: „Schon bei meinem Eintritt in den Staatsdienst lag das Postwesen ganz darnieder. Reformen waren äußerst dringend, der Staat that aber nichts. Unzufriedenheit wegen geringen Gehalts, Arbeitsüberhäufung, Aussichtslosigkeit der Beamten ver- anlaßten mich, 1858 einen zehn Bogen starken Reorganisations- plan einzureichen, um das Postwesen auf jene Stufe der Blüthc zu bringen, wie es in England und Amerika besteht, und dem Staate einen Mehrgewinn von wenigstens zwei Millionen zu sichern. Doch wie es gewöhnlich im Staatslcben geht, daß niedere Beamte, wenn sie die Fähigkeit besitzen, Pläne zu entwerfen, sie unter einem Vorwande zurückbekommen, und nach einiger Zeit Höhere sie als ihr Eigenthum betrachten, erhielt ich nach einem Vierteljahr den Bescheid, bei dem Plane bliebe nichts zu wünschen übrig, aber das Ministerium thue nichts für die Post. Alle meine schönen Hoffnungen, daß das Postwescn aufblühen werde, schwanden; in meinem Herzen sammelten sich Keime der Rache, = Groll vereinigte sich mit düsterer Wehmuth. Da bekam ich den Schlüssel(zu der versperrten Lade); ich faßte nun den Gedanken, durch Unterschlagung von Briefen die Klagen dcS korrespondirenden Puplikums�)(!) hörbar zu machen und auf diese Weise, da alle anderen Versuche scheiterten, die vorgesetzte Behörde zu jenen Reformen zu bestimmen. Ich hielt die Briefe anfangs nur einige Tage zurück, spater brachte ich sie wegen Platzmangels nach Hause und unterschlug neue fort und fort; häufige Klagen wurden hör- bar, ich wollte aber früher nicht aufhören, bis mein Zweck er- reicht fei. Spoliirt habe ich nur wegen Mangel an Platz und nur in letzterer Zeit.— Mit welcher Aufmerksamkeit, mit welchem Diensteifer und welcher Genauigkeit die Kontrolore während dieser Zeit gearbeitet haben, davon liefert meine Manipulation hinläng- liche Beweise; ich stelle dies ganz der unpatteiischen Beurtheilung der Mitwelt anHeim, der Zustimmung meiner Treuen(?) bin ich gewiß. Nicht Armuth oder Dürftigkeit— die Anarchie im Post- Wesen bestimmte mich zu einer so massenhaften Unterschlagung von Briefen in der Absicht, durch eine Reorganisation das harte Loos der Beamten zu mildern und dem Staate und korrespondirenden Puplikum durch dieselbe nützlich zu fein. Die Ansicht der Ab- ficht auf Zueignung der Einschlüsse ist unrichtig. Angesichts dieser unumstößlich wahren Thatsachen wünsche ich, daß Gott, der ge- rechte, diese meine, wenn auch durch ein Verbrechen beschmutzten Absichten baldigst einer höheren Einsicht zuführen möge, und daß zur Verhütung ähnlicher Fälle seitens der hohen Staatsverwaltung die thunlichsten Maßregeln ergriffen werden, damit die Völker Oesterreichs allesammt dem Postwagen ihr Hab und Gut, all' ihr Thun und Lassen, welches sich in der Korrespondenz ausdrückt, anvertrauen können, damit die manipulirenden Personen, durch deren Hände oft die kostbarsten Güter der Völker gehen, nicht in Roth verkümmern und ein klägliches Beispiel einer aufopfernden Thäligkeit geben müssen, und damit der Postbeamte sich nicht durch ein vom Hunger verzehrtes Gesicht dem Puplikum zeigt und so schon von vornhinein den Verdacht auf sich ladet. Ich will standhaft mein Unglück tragen; denn es gibt noch einen Richter über uns allen, der mein Herz stärken und meine Leiden mildern wird. Aber wie glücklich wird sich jeder Postbeamte fühlen in dem Bewußtsein, daß man endlich Anstalten treffen müsse, die geeignet sind» ähnlichen Verbrechen Einhalt zu thun, und so dem Schwachen wie dem Starken ein Begehen derselben unmöglich zu machen, und wenn endlich Stein'"*) aufhören wird, die Kolonie verunglückter Postbeamten und der Schrecken von deren Familien zu sein." Das war also das offene Selbstbekenntniß! Kalab hatte wiederum in der handgreiflichsten Weise gelogen; er hatte von einem neuen Organisationsentwurf für die Post ge- fabelt, der natürlich niemals eingereicht worden war, dagegen seine Vermögensverhältnisse mit keinem Worte erwähnt. Ja, die letzte emphatische Stelle seines Bekenntnisses war nicht einmal sein geistiges Eigenthum; ein Mitgefangener hatte sie für ihn auf- gesetzt. Von neuem aufgefordert, endlich die Wahrheit zu gestehen, trat er mit einem neuen, ebenso albernen Märchen auf. Er habe, so erzählte er, in einem Wiener Kaffcchause vor Jahren einen Griechen, Namens Michael Minkow, kennen gelernt, einen weit- gereisten, sehr vermögenden Mann. Minkow und sein Freund Zoromboff seien mit ihm nach und vertraut geworden. Erfterer habe Geld bei ihm deponirt, und dieses Geld sei von ihm zu Spekulationen verwendet worden. Später verwandelte er den Griechen Minkow in einen walachischen Kaufmann, dann wieder in einen politisch kompromittirten Bojaren. Einmal behauptete er, Minkow habe ihn zu dem Häuser- kaufe beauftragt; ein zweites Mal wollte er alles Geld, einen großen Theil seiner Effekten, selbst den alten Lederkoffer, den man bei ihm fand, von Minkow erhalten haben. Natürlich hatte kein Mensch sonst den generösen, unbekannten Herrn gesehen, Niemand kannte seinen Aufenthalt, und Kalab's Vermuthung, daß er im Hotel de l'Europe in London wohne, ist nicht näher erörtert worden. *) Kalab schreibt Publikum konsequent Puplikum. **) Stein ist eine k. k. Strafanstalt in der Nähe von Wien. 15- Trotz der eindringlichsten Ermahnungen blieb der Angeschul- digte dabei, daß er seine Häuser mit Minkow's Geld rechtmäßig erworben. Er brachte sogar eine vom 1t). Februar 1862 datirte Abrechnung zwischen Minkow und sich selbst zum Vorschein, und versicherte auch dann noch die Aechtheit derselben, als ihm be- wiesen wurde, daß er das Papier dazu von einem Arrestgenossen im Gefängnisse erhalten habe! Kalab ward wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt und wegen Diebstahls angeklagt. Am 23. September 1862 wurde die bereits weltberühmt gewordene Sache vor dem k. k. Landgerichte in Wien unter der größten Theilnahme des zahlreich versammelten Publikums ver- handelt. Die äußere Erscheinung des im schwarzen Frack auftretenden Angeklagten war nichts weniger als gewinnend. Der kaum zweiunddreißigjährige junge Mann von mittlerer Größe und starkem Knochenbau machte den Eindruck eines in Stubenluft und hinter der Ofenbank verkommenen Menschen. Seine Haltung war schief, der Kopf steckte zwischen den Schultern, das fahle, längliche Gesicht, daS pechschwarze, stechende Auge, der gekrümmte Rücken, der abgemagerte Körper— das Alles siel unangenehm an der Person des Angeschuldigten auf. Schon in der Voruntersuchung war sein Benehmen äußerst devot gewesen. Er hatte die Miene des stillen Dulders an- genommen. Auch in der Schlußverhandlung spielte er diese Rolle nicht ohne Geschick. Er behauptete nach wie vor, daß er nicht mehr als 300 Gulden in den beraubten Briefen gefunden und nur 600 Gulden durch sein Markengeschäft verdient habe.„Ich war nicht so glücklich, wie Andere, die gleich 100 Gulden finden," sagte er wiederum, und zur Erklärung feiner That fügte er hinzu: „Ich habe, als ich bei der Expedition in Grammetneusiedl be- dienftet war, bei Gelegenheit eines Brandes die Postkasse gerettet, dafür aber keine entsprechende Belohnung bekommen und aus Aerger nun meine Defraudationen begonnen." Als der Präsident ihm eröffnete, es seien nunmehr seine Bermögensverhältnisse zu erörtern, erhob sich Kalab und richtete folgende, offenbar vorher einstudirte Rede an den Gerichtshof: „Hoher Gerichtshof! Im Jahre 1855 lernte ich auf der Post den Bojaren Michael Minkow kennen, der häufig große Geld- beträge nach Frankreich und England expedirte. Im Jahre 1859 ließ mir Minkow durch seinen Kompagnon, einen Griechen Zoromboff, den Austrag zukommen, eine große Sendung von Jndustriepapieren für ihn auf der Börse anzukaufen. Es war ein glücklicher Zufall, daß ich damals, als grade eine Panik auf der Börse eintrat, den Ankauf dieser Papiere unterließ und Minkow einen bedeutenden Verlust ersparte. Ich habe es, da man um diese Zeit einen Staatsbankerott befürchtete, für rathsam gefunden, das Geld in Häusern anzulegen. Ich stellte Minkow zu diesem Zwecke einen Schuldschein über 22,000 Gulden aus. Damals schenkte er mir von diesem Betrage 10,000 Gulden, und ich bin überzeugt, daß, wenn er meine jetzige Lage erfährt, er auch noch von seiner Restforderung ganz abstehen wird. Minkow reist in allen Theilen der Welt; er sagte zu mir vor seiner Ab- reise:, Kalab, wenn ich bis zum Jahre 1365 nicht zurückkehre, so find Sie der Erbe meines Vermögens. Ich habe nicht Weib noch Kind, also Niemand, dem ich mein Vermögen hinterlassen könnte.' Vorzüglich bereift Minkow Frankreich, England und die Schweiz. Ich lonnte dem Herrn Untersuchungsrichter nichts von ihm erzählen, weil ich glaube, daß Minkow in Oesterreich eine politisch kompromittirte Person ist." Wir brauchen über die Glaubwürdigkeit dieser Auslassung kein Wort zu verlieren und ebensowenig über die Aussagen der Zeugen genauer zu berichten; es dürfte genügen, wenn wir be- merken, daß die Anklage in allen Punkten bestätigt wurde. Unter dem allgemeinen Bravo der Zuhörer beantragte der Staatsanwalt, gegen Kalab daS Maximum der Strafe: zehn Jahre schweren, d. h. in Eise» zu verbüßenden Kerkers, zu erkennen. Der Vertheidiger suchte nachzuweisen, daß sein Klient nur ein Postcommis, kein mit Regierungsgewalt bekleideter Beamter ■T gewesen und deshalb nur des Diebstahls, nicht des Mißbrauchs der Amtsgewalt schuldig zu sprechen sei. Der Gerichtshof trat indcß dieser Meinung nicht bei, sondern vcrurtheilte den Angeklagten wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt; er ging davon aus, daß Kalab die Briefe und Kreuzbandsendungen nicht entwendet, nämlich nicht auS eines Andern Besitz entzogen, sondern sie kraft seiner Amtspflicht beim Sortiren an sich genommen, widerrechtlich geöffnet und dann behalten habe. Eine Amtsveruntreuung hielt das Landgericht nicht für er- wiesen, weil die Veruntreuung die Ucbergabe eines Gegenstandes voraussetze, und dem Kalab die Briefe nicht übergeben, sondern von ihm nur in Gegenwart anderer Beamten zum Zweck der Sortirung in die Hand genommen worden seien. Dem Antrage der Staatsanwaltschaft, dem Angeschuldigten das höchste Strafmaß zuzuerkennen, entsprach das Gericht,„denn," sagte es in den Gründen,„wenn ein Verbrecher schon strafbar ist, der die begrenzten Folgen seiner Handlungen übersieht, so müssen Handlungen, wie jene Kalab's, welcher deren Tragweite zu überblicken nicht im Stande war, ihm umsomehr als strafbar angerechnet werden, weil er die Gefahren, welche daraus für den öffentlichen Verkehr, für den Kredit einer öffentlichen Anstalt im In- und Auslande, für den guten Namen seiner Mitbürger und Amtsgenossen, für das Wohl einzelner Familien entstehen konnten und zum Theil wirklich entstanden sind, ganz unbeachtet gelassen hat." Ferner wurden die reifliche Ueberlegung und geflissentliche Vorbereitung der That, die zahllosen Angriffe Kalab's auf die Briefsendungen, die Höhe des Schadens, das öffentliche Aergerniß und die frechen Lügen des Verbrechers als Straferhöhungsgründe geltend gemacht. Plaudereien über das deutsche i ii. (Schluß.) „O, es kommt noch besser! Da ich einmal im Schelten bin, laß mich ausreden! Ich komme jetzt auf den Gedanken, der mich meuchlings befiel: den Gedanken, Possendichter zu werden. Ich sah damals von der Gallerte herab ein vielbeklatschtes, lustiges Stück. Obgleich es.eigentlich dumm' war, mußte ich doch lächeln. Ich begann über den Begriff des.eigentlich Dummen' näher nachzudenken. Die Posse, welche ich sah, zeichnete sich weder durch die Handlung, noch durch Situationen, Witze oder komische Cha- raktere vor den meisten anderen aus, und das war das.eigentlich Dumme', wie Jeder im Publikum wohl dunkel ahnte, das.eigent- lich Kluge' daran aber war die Geschicklichkeit des Autors, mit welcher er die einzelnen Rollen den altbekannten Kategorien zu- liebe skizzirt hatte, sodaß jeder Schauspieler und jede Schau- spielerin sich sehr wohl fühlten, denn sie, die Schablonenspieler, fanden in der Rolle ebenfalls nur eine Schablone. Die Sou- breite konnte die ihr eigenthümlichen Mätzchen und Kußhändchen anbringen, der Liebhaber seine pathetischen ,Ohs' und.Achs', die sentimentale Liebhaberin ihre schönen.Augenaufschläge', der Komiker seine eckigen Bewegungen und Fratzen, die schon so oft beklatscht worden waren; der weibliche Chor seine weißen Strümpfe und Höschen, und so hinab bis zum Souffleur, der das Stück nach einmaligem Lesen schon auswendig konnte, weil er dieselben Phrasen schon seit zehn Jahren in anderen Possen soufflirt hatte. Lieber Freund, fast alle gangbaren deutschen Lustspiele und Possen sind von der Art dieses Stückes und das Publikum beklatscht sie wie wahnsinnig. DaS Publikum hat an solchen Lustspielabenden keine Kritik, es geht in's Theater, um sich zu amüsiren, und fragt dann nicht viel, ob es dieselben Witze früher schon einmal beklatscht hat oder nicht. Ueberdies weiß es das nicht einmal, denn— so ist es mir und auch dir wohl häusig ergangen— ist die Posse zu Ende, so hat man auch den Inhalt derselben bald im geschäftigen, sorgenvollen Strudel des Lebens vergessen. Kann man diesen anspruchslosen Zuhörern zürnen? Vielleicht. Das Publikum wohnte den viertägigen Verhandlungen mit einer sich immer höher steigernden Spannung bei und machte seiner Erbitterung gegen den Verbrecher bei dessen Winkelzügen, Ausflüchten und Fabeln, sowie bei der Schutzrede des Verthei- digers durch Zischen und Hohngelächter häufig Luft. Während sonst die bekannte Gutmüthigkeit der Wiener leicht für jeden Angeklagten Partei nimmt, war in diesem Falle die öffentliche Meinung auf's höchste beleidigt, und mit dem Briefdiebe Kalab hatte Niemand Erbarmen. In Folge der Berufung des Staatsanwalts erklärte das Oberlandesgericht in Wien den Angeklagten für schuldig, nicht blos einen Mißbrauch der Amtsgewalt begangen, sondern auch Diebstahl verübt zu haben. Die Richter nahmen eine ideelle Konkurrenz beider Verbrechen an, weil die Briefe Kalab nur in seiner Eigenschaft als Postbeamten zugänglich gewesen seien und deren Entwendung und Beraubung demnach sowohl die Amts- Pflicht, alS die Sicherheit fremden Eigenthums verletzt habe. Der oberste Gerichtshof endlich fand in der Entwendung der Briefe an und für sich das Verbrechen des Amtsmißbrauchs, in der Wegnahme von Geld und Geldeswerth(Bücher, Photogramme und Billets) aus den Briefen aber das Verbrechen des Dieb- stahls begründet. Als Diebstahl und nicht als Veruntreuung wurde die That angesehen, weil die Wertheinschlüsse der Post- anstatt verschwiegen, oder bei Kreuzbandsendungen ihr nicht als solche übergeben, und deshalb weder der Post noch dem Kalab anvertraut waren. In dem Strafmaße stimmten alle drei Instanzen überein, und das gefürchtete„Stein" wurde somit wirklich auf zehn Jahre Kalab's Aufenthalt.(Schluß folgt.) Theater und was dahin gehört. Gewiß aber dann, wenn sie sich ernster gemeinten Schau- und Trauerspielen gegenüber ebenso kritiklos verhalten, wie bei den Possen. Leider ist das oft der Fall, doch davon will ich hier nicht sprechen. Diese Faktoren in Betracht ziehend, sah ich sehr schnell ein, daß ein dramatischer Schriftsteller, der für's Brot arbeiten muß, sehr bald Erfolg haben könne, wenn er Poesie und eigene In- tuition an den Nagel hänge. Berechnende Spekulation auf die leicht erregbaren Lachmuskeln der Hörer und Zuschauer ist alles, was man braucht, um ein beliebter Lustspieldichter zu werden, Was fragt das Publikum nach Befolgung ästhetischer Grundsätze. waS nach ethischen Prinzipien, die auch in einem guten Lustspiel nicht fehlen dürfen, wollen wir den Beifall der Kunstverständigen erhalten? Ich kann noch weiter gehen und behaupten, daß das liebe deutsche Publikum von wirklicher Poesie und Schönheit nur träumt, und nicht einmal das; denkfaul und autoritätsgläubig gibt es zu, daß Aesthetiker und Literarhistoriker geläuterte An- sichten und Urtheile haben, und verehrt die großen Männer, welche von der Minorität der Kunstverständigen aus den Sockel des Ruhmes erhoben werden, aber das ist auch alles. Von dem Bestreben, in das Verständniß der Poesie einzudringen und da- durch wirkliche Begeisterung und hohen Genuß sich zu verschaffen, ist wenig zu spüren..Wir wollen weniger gepriesen und desto mehr gelesen sein,' sagte einst Lessing in seinem und aller Dichter Namen. Es scheint, daß das Publikum sich fast zu allen Zeiten gleich geblieben ist in der Manie, seine großen Dichter mit ein- sachem Lob abzuspeisen, während es auf seine Afterdichter vom hohen moralischen Standpunkt herab schimpft, nichtsdestoweniger sie aber dadurch kräftig unterstützt, daß es deren schlechte Schriften liest und schlechte Schauspiele besucht." „Und ein solcher Afterdichter willst du werden?" fragte ich, boshaft die Strafpredigt Wilhelm's unterbrechend. Wilhelm fuhr auf; er hatte sich so sehr in die Rolle eine« erhabenen Kritikers hineingearbeitet, daß er schmerzlich durchzuckt wurde, als er sich plötzlich aus seinen eigenen Berus besann. 337 „Ja, du hast Recht!" rief er bitter aus.„Ich werde wohl so ein Subjekt mit der Zeit werden. Jetzt empfinde ich noch Scham, aber wie lange wird's noch dauern mit derselben? Wenn man bemerkt, wie leicht auf den Köder gebissen wird, dann empfindet man ein diabolisches Vergnügen, welches bald die Scham erstickt." „Ich bitte dich, schweife nicht ab vom Thema," warf ich da- zwischen;„du sagtest, daß man auch beliebte Possen ohne beson- dere Begabung verfertigen könne. Etwas mehr gehört doch wohl dazu?" „Run ja, etwas Mutterwitz, etwas Beobachtung seiner Mit- menschen und der Schauspieler, aber das lernt sich bald. Ich glaube, ein Jeder kann den dramatischen Beruf erwählen, so gut wie er zu einem Handwerk greift. Und das ist schlimm." „Aber Humor ist doch nöthig, um Posten schreiben zu können?" „Gewiß, aber es braucht nicht des Schriftstellers eigener zu sein; er kann ihn stehlen, so gut wie er alle andern Ingredienzen des Lustspiels aus andern zusammenstiehlt." „Ja. Und das thust du?" „Ja, und zum Beweise will ich dir erzählen, welche Vor- bereitungen und Beobachtungen ich machte, als ich mein erstes Stück, das überall guten Erfolg hat, schrieb. „Ein Lustspiel muß zuvörderst drastische Situationen haben; dieselben beruhen entweder auf Jrrthümern und Mißverständnisten der Personen im Stück oder auf Kontrasten. Natürlich sucht man sich nun in einer Posse recht grobe Fälle dieser Art aus. O, es gibt eine ganze Menge oft dagewesener, die aber immer wieder das Publikum zu lustigstem Applaudiren hinreißen. Wer, wie ich, als Schriftsteller keinen produktiven Humor hat, der neue Situationen erfindet, begnügt sich mit den erprobten alten. Ich ging viel in's Theater, achtete auf das Publikum und lernte unter vielem andern Folgendes: „Ein falsch angebrachter freundschaftlicher Händedruck(wenn Z. B. Jemand sich bei einem Andern für eine Wohlthat bedankt, von welcher dieser nichts weiß)— Gelächter im Publikum. „Eine falsch angebrachte Umarmung(wenn z. B. eine Braut irrthümlich einem Fremden statt ihrem Bräutigam in die Arme läuft)— anhaltendes Gelächter und Beifall im Publikum. „Verwechselung der Personen(wenn z. B. Jemand einen Pro- sestor für einen Schornsteinfeger hält und ihn bittet, den Kamin Zu kehren)— schallendes Lachen im Publikum. „Falsche Beurtheilungen(wenn z. B. Jemand einen Andern für verrückt hält, sich demgemäß beträgt, während dieser doch ein harmloser Spießbürger ist)— wüthender Beifall im Publikum. Verbeugungen der Schauspieler bei offener Scene. Schon das Wort, verrückt' wirkt Wunder, z. B. in der groben Frage: Sind Sie verrückt, mein Herr? „Noch effektvoller werden die Situationen, wenn Kontraste in den Eharakteren hinzukommen; z. B. ein grober Kerl hält einen schüchternen Schulmeister für einen Betrüger und kanzelt ihn ordentlich ab, je gröber, desto bester. Ein heimtückischer Geselle betrügt lächelnd einen harmlosen Naturburschen, ohne daß dieser etwas merkt. Eine alte Tante schwatzt einen feurigen Liebhaber, ber zu seiner Geliebten stürmen will, im Zimmer fest. „Noch lustiger werden die Situationen, wenn komische Eigen- lhumlichkeiten und Gebrechen einzelnen Personen anhaften; z. B. ow zerstreuter Professor, ein rheumatischer alter Bonvivant, ein trüber Invalide, ein mit Zahnschmerz geplagter Liebhaber wirken »»nier sehr gut und lasten das Publikum nicht aus dem Lachen �»inien. „Was nun den Dialog betrifft, so wirkt derjenige am besten, Welcher so wenig wie möglich gewählt ist. Nur wenige Schau- spiel« können einen Dialog in feingebildeter Redeweise gut sprechen, Meistens stolpert ihre Zunge darüber, und wenn das nicht ge- Ichieht, so wird er monoton und langweilig. Nein, der Dialog �ner Posse sei kurzlustig, mit recht vielen Interjektionen(Oh! �ch! ic.) und besonders bei Personen niederer Stände recht 'schnodderig'. Kalauer sind immer angebracht, einerlei, ob sie in Mund des Redenden passen oder nicht. Man braucht auch keine neuen zu erfinden, alte Meidinger thun's auch, wenn auch tausend ,Au's!' aus dem Publikum erschallen. Das erhöht die Heiterkeit noch, wenn die Zuhörer selbst mitspielen.(Siehe daö jetzt so beliebte Possenstück: ,Der geschundene Raubritter'!) „Alle diese und noch unzählige andere Zuthaten wirken immer, und mag die Handlung des Stückes noch so langweilig und dumm sein. Die Handlung, bei einem guten Stück die Haupt- fache, wie Kenner versichern, ist in modernen Lustspielen überhaupt Nebensache, am wichtigsten ist noch der Schluß. Für diesen hat Schiller uns ein gutes Rezept gegeben: ,Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch!' oder auch harmloser: Wenn sich der Jrrthum geklärt hat, wird das Liebespaar zu- sammengegeben und der Jntriguant wird ausgelacht. „Du hast gewiß einmal gehört, daß der berühmte Jean Paul seine gelegentlichen Einfälle auf kleine Streifen Papier schrieb, bis er eine große Anzahl derselben hatte, dann sortirte er die- selben und streute sie wie einen befruchtenden Regen ein in seine Werke. Aehnlich Hab' ich's gemacht. Kalauer, Witze, pikante Redensarten, allerlei Einfälle, Charakterskizzen, meist fremdes Eigenthum, gesammelt ans Zeitungen, Romanen und dem täg- lichen Umgang schrieb ich mir zu späterer Benutzung auf. Die Lustspiele von Kotzebue und Benedix las ich von Anfang bis zu Ende durch, studirte förmlich die Stellen, welche eine komische Wirkung hervorbringen, und als ich das gethan hatte, war ich — ein Possendichter comme il laut, wie so mancher Andere. Das bewies der Erfolg meiner drei ersten Stücke, welche in keiner Hinsicht originell sind, aber vollgefüllt mit allen jenen lachmuskel- reizenden Kleinigkeiten, die ich erwähnt habe. Hier sind die Beweise. Die Direktoren bewerben sich um meine Stücke, be- handeln mich wie ein Genie, wenn auch die Kritiker sämmtlich über den Nonsens meiner Stücke schimpfen. Alle aber räumen mir den Titel.dramatischer Dichter' ein und ich werde wohl- habend dabei." „Und du fühlst dich nicht glücklich?" „Nein, wie sollte ich auch! Während andere Dichter, welche die Bluse nicht zur melkenden Kuh zu erniedrigen brauchen, in vornehmer Ruhe und Muße aus sich selbst schöpfen— und das ist eine Ouelle, die, so klein sie sein mag, doch unerschöpflich ist und Selbstbefriedigung bringt—, so muß ich stets unterwegs sein auf der Jagd nach Einfällen k., muß stets beobachten, was das Publikum liebt, muß ausklügeln, was dasselbe wohl günstig stimmen würde, muß lernen, was Humor ist, weil ich es nicht aus mir selbst weiß, mit einem Wort: ich bin der Sklave des Publikums. Ja, du magst es glauben oder nicht, ein solcher Postenfabrikant gleicht einem armen elenden Harleguin. Wenn das Publikum über seine Fadheiten nicht mehr lacht, dann ist sein Ruhm aus und er kann»«hungern. So wird's auch mir ergehen. Ich lebe von dem momentanen Beifall der Gegenwart, läßt mich dieser im Stich, so liege ich wie ein Fisch auf trocknen? Sande." „Das ist allerdings eine fatale Lage. Aber weshalb erwählst du nicht einen andern Beruf?" „Das ist leichter gesagt, als gethan. Bin ich denn jetzt ein so ganz verwerflicher Mensch? Ich hoffe nicht. Ich, der Posten- fabrikant, welcher dem Publikum ein paar lustige Stunden be- reitet, bin doch immer noch nützlicher, als jene Tragödien- und Schauspielfabrikanten, welche in ähnlicher Weise wie ich.arbeiten', nur mit dem Unterschiede, daß sie meistens den blöden politischen, patriotischen und sozialen Ansichten der großen Menge der.guten Bürger' schmeicheln und dadurch unsägliches Unheil bringen? Aber es werden sich immer solche Schmeichler finden, solange nicht im sozialen Leben ein Umschwung stattgefunden hat." „Welchen Umschwung meinst dn?" „Die Frage kann ich dir heute nicht mehr beantworten, ich muß dich jetzt verlasten. Aber nimm die Versicherung hin, daß ich nicht ganz verzweifle an mir selbst, am Schauspiel und am Publikum. Nehmen erst unsere politischen und sozialen Verhält- niste einen edleren Ausschwung, dann wird auch die dramatische Kunst nicht leer ausgehen. Doch davon später."«»de. U76. Pfingsten Wandererinnerungen v I. Goslar, die alte Kaiserstadt, träumt noch, wie immer, und zwischen den spitzen Steinen der Biirgcrstiege sproßt das Gras; aber Lampe ist tobt. Lampe, der große Wunderdoktor, der mit seinen Kräutertränken der medizinischen Fakultät Göttingeus ein Schnippchen schlug, ist todt; aber von der Ecke der Kaiserworth blickt das Männlein, welches in hockender Stellung und Beschäf- tigung dem Marktplatz den Rücken zukehrt, noch immer spottend über die Schulter auf die Menschheit herab. Spotte du nur! Jede Zeit hat ihren Wahn, und der große Medizinmann, der mit seinen Kräutersäften die Menschheit zu verjüngen strebte, ward ebenso gläubig verehrt, wie die fromme Mutter Heinrich's IV., die sich in den frei aufragenden Steinblock vor dem alten Thor der Stadt eine Einsiedelei hatte hineinhauen lassen. Der Wahn wechselt wie Proteus nur die Gestalt, um eine andere Binde über die Augen der Menschheit zu legen. Als ich auf dem stillen Marktplatz stand und von der Kaiser- worth zu beiden Seiten des fetten Mönchleins, welches den acht- eckigen Thurm in der Mitte trägt, die altbekannten steinerne» Kaiserbilder herabschauen sah, vor mir das alte Rathhaus sich dehnte und ich das Wasser klingend in das metallene Brunnen- decken fallen hörte, da kam es seltsam über mich. Ich fühlte wieder an meinen Wangen den ersten Athem der Jugendliebe, der ich ein treues Gedächtniß bewahrt hatte, was auch Schönes und Großartiges seit unserer Trennung an meinen Augen vorüber- gegangen war. Die Höhen, welche die alterthümliche Stadt mit ihren plumpen Thllrmen einschließen, der Rammelsberg, der Sudmerberg, sind freilich kahl, allein ich wußte ja, daß hinter ihnen in unvergänglicher Jngcndschöne, rauschend und funkelnd, die Harzgöttin mir ihre Arme entgegenbreite. Niemand weiß,�woher das schöne erzene Becken auf dem Markt stammt, und es geht die Sage, daß man nur um Mitter- nacht an dasselbe zu schlagen brauche, um den Teufel zu citiren. Auch als Sturniglocke ist das Becken in alten Zeiten gebraucht worden, um die Bergknappen aus dem Rammelsberge herbei- zurufen, wenn die Stadt plötzlich angegriffen wurde. Die Berg- knappen, welche dann in ihrer schwarzen Tracht dem Feinde muthig entgegentraten, mögen diesem wohl oft genug als wahre Teufel erschienen sein. Soll ein Urtheil über den Brunnenaufsatz gewagt werden, so dürfte seine Entstehung in die Zeit des Aufschwunges der Erzgießcrkunst fallen, wie die silberne Bergkanne, welche im Rath- Hause hinter einer eisernen Thür verwahrt wird, der Blüthezeit der Goldschmiedekunst angehört. Diese Kanne ist eine äußerst zierliche und geschmackvolle Arbeit. Sie hat eine schlanke gothische Form. Den Deckel zieren Figuren von Gold und Email, ver- schiedene Verrichtungen des Bergbaues darstellend. Eine Reihe von Musikanten schlingt sich wie ein Gürtel um die Kanne. Auch die hübschen Figuren sind von massivem Golde. Liebhaber von Alterthümern finden in dem etwas dunklen Eckzimmer, dessen Wände und Decke mit wunderlichen Heiligen in Lebensgröße be- malt sind, ferner eine Sammlung von alten Lanzen, Bogen, Pfeilen, Ritter» und Richtschwertem; ein altes Bürgerverzeichniß auf Wachstafeln; einen Band in groß Quarts aus deni 14. Jahr- hundert, welcher die auf Pergament geschriebenen Goslar'schen Berggesetze enthält, und dergleichen Kuriositäten mehr. Dieses Rathhaus hätte übrigens Deutschland beinahe um seinen dreißigjährigen Krieg gebracht. Denn hier versammelten sich schon 1641 die Abgeordneten der verschiedenen Parteien zu Friedensverhandlungen. Die gegenseitige Erschöpfung war indessen noch nicht groß genug, um das Schwert zurück in die Scheide zu stoßen, und so wurde noch sieben weitere Jahre an der Ent- wurzelung der deutschen Reichseinheit gearbeitet, und zwar mit dem besten Erfolge. Seit dem westphälischen Frieden war die kaiserliche Gewalt nur noch eine Vogelscheuche. Der dreißig- im Hur). n Robert Schwcichel. jährige Krieg vollendete, was unter Kaiser Heinrich IV. begann, dessen Lieblingsresidenz Goslar war, bis die Empörung der Sachsen ausbrach und damit allen Herzögen und Grafen des Reiches das Zeichen gegeben wurde, sich aus Beamten und Vasallen des Kaisers in erbliche und möglichst unabhängige Fürsten zu ver- wandeln. Jetzt entsteht die Lieblingsresidenz der salischen Kaiser wieder aus ihrem Verfall, in dem sie einer Scheune glich. Weiter hinab den grünen Plan, diese Kapelle mit den gewundenen Säule» des Portikus, ist das letzte Ueberbleibsel des von Heinrich III. ge- gründeten Kaiserdomes. Nach dieser Kapelle zu schließen, die aber offenbar der Vorbau des Domes war, muß der letztere ein zwar plumpes, doch riesiges Gebäude gewesen sein. Der Dom wurde in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts unter dem Vorwande abgebrochen, daß seine Dotation kaum die Unter- haltungSkosten zu bestreiten vermöge. In dem Dome schwuren die Ritter des Sachsenlandes am 10. Juni 1073 bei sinkender Sonne Heinrich IV. an demselben Altare, an dem er die Taufe empfangen, Tod und Verderben. Dann schritten sie durch de» noch vorhandenen Vorbau hinaus, durch das Portal, über dem ein geflügelter Kopf von zwei Schlangen umwunden, den prophetischen Traum verewigt, der die kaiserliche Mutter vor der Geburt des vierten Heinrich geängstigt hatte. Ja, es war ein geflügelter Geist, dieser Heinrich, aber Adel und Papstthum umwanden und erdrückten ihn. Wen es wie mich in die Berge fortdrängt, der hüte sich, dem Gitter zu nahe zu kommen, welches den Vorbau verschließt. Kaum bleibst du stehen, um einen Blick auf das alte Portal, seine gewundenen Säulen, den Schlangenkopf, die Apostel im Giebelfelde zu werfen, so erhebt es sich schwarz im Innern der Kapelle, daö Gitter öffnet sich, und„drinnen gefangen ist einer". Kein Rattenzahn, nur ein tarifmäßiges Trinkgeld vermag ihn wieder zu befreien. In dem kapellenartigen Borbau werden die Knustschätze und Kuriositäten des ehemaligen Domes aufbewahrt, insoweit sie nicht in alle Winde zerstreut worden sind. So ist z. B. noch von dem damaligen Kaiserstuhl die Steineinfassung mit ihren allegori- schen Figuren vorhanden, während sich der Stuhl selbst in dem Besitz eines preußischen Prinzen befindet. Von wirklichem Kunst- werth ist nur der aus Holz geschnitzte Kopf eines Christus am Kreuze. Der Moment eines schmerzvollen Verscheidens ist mit ergreifender Wahrheit in dem Gesichte ausgeprägt. Vermuthlich hat dem Kopfe einst der Körper entsprochen. Der jetzige Körper ist aber eine stümperhafte Arbeit, und man erkennt deutlich die Stelle, wo der Kopf dem Leibe angefügt worden ist. In unmittelbarer Nachbarschaft des Gekreuzigten befindet sich der fabelhafte Altar des noch uuergründeten Heidengottes Krodo. Die Wissenschaft steht bis jetzt rathlos vor diesem Altar. Nur die Ileberzeugung mögen wir mit uns nehmen, daß er weder das ist, wofür er ausgegeben wird, noch daß deutsche Hände an der kunstvollen Metallarbeit schuld sind. Ebenso vergebens hat die Gelehrsamkeit bisher an dem Gotte Krodo herumgedeutclt, von dem eine Abbildung an der Wand hängt. Der fabelhafte Gott steht auf einem großen Fische, in der Rechten trägt er einen Korb mit Blumen und die emporgehobene Linke hält ein Rad. Faßt man das Rad als Symbol der Sonne auf, so könnte man wähnen, das Bild stelle den Gott der Erde und der Fluthen dar. Etwa Wodan als Frühlingsgott. Aber ich will die Fülle der Ver- muthungen, welche der würdige Cicerone in schwarzem Anzüge und weißer Halsbinde zum Besten zu geben vermag, nicht noch vermehren. Unser Jahrhundert sucht vor allen Dingen einen festen Boden unter den Füßen zu haben, und so führe ich nur an, was positiv ist. Fest steht nur, daß die Sachsenchronik von Bothe zum Jahre 780 erzählt, König Karl habe auf der Harz� bürg einen Abgott, der dem Saturn glich, von dem Volke aber Krodo genannt wurde, bei Besiegung der Ostsachsen niedergeworfen' 1 339 Das ist die älteste schriftliche Kunde von dem„Grote", woraus der Name Krodo nach Einigen entstanden sein soll. Es soll damit übrigens nicht behauptet werden, daß die Sage von Krodo sich erst zur Zeit des Bothe gebildet habe. Bothe hat sicherlich nur niedergeschrieben, was im Volke umging, und es ist ja bekannt, wie treu das Gedächtniß des Volkes durch Jahrhunderte hindurch sich bewährt. Zeugen sind die unzähligen Sagen und Märchen, die noch hente im Volke fortleben, noch heute den Harz geheimnißvoll durchschauern. Wie Johanniskäfer durch die Waldnacht leuchten, so blitzen sie durch die Nacht der Vergangenheit. Das Schnielzfcuer der wisienschaftlichen Forschung hat ihren eigentlichen Kern bloSgelezt, wie dort vor uns die Kommunion-Okerhütten das aus dem Sihoß des Rammelsberges zu Tag geförderte Gestein durch die Macht des Feuers zwingen, seinen Gehalt an Gold, Silber, Kupfer und Blei herauszugeben. Es sind die Götter einer überwundenen Welt, die aus der oft so seltsamen Verhüllung von Sage und Märchen hervortreten. Uebertmlndc», wohl! Aber der Ueberwinder war nicht daS Schwert Karl's des Großen, welches die Jrminsäule stürzte, noch das Kreuz, welches der Mönch in den heidnischen Boden pflanzte. Das Kreuz hätte nimmer Wurzel geschlagen, wie fleißig es auch mit Menschenblut begoßen wurde, wenn es nicht auch Männer unter der Tonsur gegeben, die mehr konnten als beten und pre- digen und den Bannstrahl schleudern gegen die trotzigen Götter. Das Wesen allen Hcidenthums besteht darin, daß der Mensch ein Sklave ist der Natur, deren unbegriffenc und darum vergöt- terte Kräfte er fürchtet. Was nützt es, daß ihn der Bote des neuen Glaubens für ftei erklärt, ihm zuruft:„Es gibt nur einen Gott, und Gott ist die Liebe." Er wird diesen Gott mit den Lippen bekennen, aber seine Seele liegt anbetend vor den Ge- walten im Staube, vor denen sie zittert. Aber lehre den Sklaven die Natur begreifen, leite ihn an, sie zu beherrschen, und er wird aufhören zu fürchten. Frei macht nur das Wissen. Nur die Verbreitung eines höheren Maßes von Kenntnisien, theoretischen wie praktischen, unter unseren heidnischen Vorfahren vermochte den Boden für das neue Evangelium zu bereiten. Nicht auf dem Glauben beruht der Fortschritt der Menschheit. Der Glaube ist immer nur die Frucht, welche die gesammte Bildung und Kultur gezeitigt hat. Und wie jedes Religionssystem das jeweilige Erzeugniß der Kultur einer Nation, so beruht der Glaube des Einzelnen innerhalb einer bestimmten Religion auf dem Maß seines Wisiens und Denkens, auf seiner Gesammt- bildung. Mit dem Fortschritt der Bildung läutert sich dann auch der Glaube. Nicht also vor dem Schwert und dem Kreuz, sondern vordem größeren Wissen und Können, welches die Sendboten des neuen Glaubens unseren Vorfahren mittheilten, wichen die alten Götter Schritt vor Schritt zurück. Schritt vor Schritt gewann ihnen die Kultur ihren Heimathbode» ab. Nun ist die Zeit zur Hand, daß sie auch aus ihrer letzten Zufluchtsstätte, den Ge- birgen, flüchten müssen. Auch in die schwer zugänglichen Gebirge dringt die Kultur mit ihren hell und heller blitzenden Waffen. Herrin aller Kräfte der Natur, vermag sie nichts mehr aufzu- halten. Auch im Harz verengt sich der Kreis der alten Götter mehr und mehr, verstummen allmählich die Märchen und Sagen, in denen sie noch leben, fallen die Menschen von ihrem Kultus ab, der in abergläubischen Gebräuchen sich wie ein rother Faden durch das Volksleben zieht und zog. Wir wandern neben dem Damm der Eisenbahn den von ewigen Schwefeldämpfen umhüllten Schmelzhütten von Oker zu. Vor dem grellen Pfiff der Lokomotive, die feuersprühend durch die Gebirgsthäler und über die Höhen schnauft, vor dem Funken, der den Gedanken des Menschen mit der Schnelligkeit des Wunsches durch die Welt blitzt, schwindet auch die letzte Macht der alten Götter. Sie sind errathen, und entseelt sinken sie dahin. Eine neue Zeit beginnt. Horch, wie das in Oker allerwärts hämmert und pocht, rattert und schnauft! Alle diese Maschinen und Fa- briken, die in dem schönen Thale mit den unterjochten Kräften der Natur arbeiten, sie zimmern an dem Sarge der sterbenden Götter. (Fortsetzung folgt.) Kampf in der Natur. Von Hugo Sturm. (Schluß.) Das Blutwasser scheidet sich von den Blutkörperchen, so daß der Umlauf desselben gehemmt wird und also der Tod eintreten muß. Die Fälle, daß Leute beim Beerenpflücken, Moossammeln k. von Kreuzottern gebissen werden, sind keineswegs selten und wiederholen sich fast alljährlich. Den Winter bringt die Kreuzotter zusammengerollt und halb erstarrt in Erdhöhlen und Klüften zu, wo sie jedoch nicht zu sehr vom Frost heimgesucht werden darf, dem sie sonst erliegen würde. Die ersten warmen Strahlen der Frühlingssonne er- wecken sie zu neuem Leben und verderbenbringendem Thun und Treiben. Im heißen Sommer(Mitte August bis Mitte Sep- tember) legt daS Weibchen 5 bis 14 dünnhäutige Eier, aus denen die schon völlig ausgebildeten Jungen sofort hervorkriechen. Sie gleichen vom ersten Augenblicke an in ihrem Benehmen ihren Eltern, zischen und beißen um sich, wenn sie geneckt werden, ja, sie besitzen sogar schon etwas Gift. Junge Eidechsen und ganz kleine Vögel sind ihre erste Nahrung, die sie mit großer Geschick- lichkeit sehr bald zu fangen verstehen. Bei der sehr starken Ver- Mehrung würden die Kreuzottern Menschen und Thieren den größten Schaden zufügen, wenn die Natur nicht auch ihnen Feinde entgegengestellt hätte. Der Bussard, der Storch, der Eichelhäher, der Iltis und vor allem der Igel sind ihre eifrigsten Verfolger, die sie namentlich bekämpfen, wenn sie noch schwach und klein sind.— Während wir so unseren naturgeschichtlichen Berrachtungen über die Kreuzotter nachgehangen haben, naht sich von dem nahen Dorfe der Murner Peter, der auch noch ein wenig daS Feld absucht, um einen fetten Bissen zum Abendbrot zu erhaschen. Vorsichtig und geräuschlos schleicht er einher, alle paar Augen- blicke stehen bleibend und einem aufgescheuchten Grashüpfer nach- schauend. Nichts entgeht seinem scharfen Auge, und das leiseste Geräusch fällt in sein gespitzte« Ohr. Er hört es rascheln und bleibt erwartungsvoll hinter der Kornmandel stehen. Lebhaft bewegt er den Schwan; hin und her, streckt den Körper und duckt sich nieder, um gleich zum Sprunge bereit zu sein. Ein unheimliches Feuer leuchtet aus seinen gelbgrünen funkelnden Augen— »Was er sinnt, ist Schrecken, und was er blickt, ist Wuth." Da erscheint die Kreuzotter— und enttäuscht erhebt sich dcr Kater. Wohl haßt er auch die Kreuzotter, aber er ist schlau genug, in ihr einen gefährlichen Feind zu erkennen, und zieht es deshalb lieber vor, ohne Kampf das Feld zu räumen. Seitwärts schleicht er langsam von dannen, seinen Feind fest im Auge be- haltend, bis er weit genug entfernt ist, um mit einigen Sätzen aus seiner Nähe zu eilen. Er sucht sich leichter zu bezwingende Beute. Ein Mäuschen oder ein schon zur Nachtruhe sich auf die Stoppeln niederlassender Vogel fällt ihm zum Opfer. Die durch Wald und Feld streifende Katze ist zweifellos zu den schädlichsten unter allen Thieren zu zählen. Zwar ist nicht zu verkennen, daß sie zur Erntezeit eine nicht geringe Menge von den verderblichen Feldmäusen vertilgt, aber dieser Nutzen ver- schwindet gegen den ungeheuren Schaden, den sie im Frühjahr bei ihren Streifereien in der Vogelwelt anrichtet. Kein'Nest ist vor der Katze sicher. Die Lerche im dichten Klee, die Nachtigall im Syringenbusch, der Mönch in der Weißdornhecke wird über- fallen und seiner Jungen beraubt; nicht selten wird sogar die Mutter auf dem Neste eine Beute der räuberischen Katze. Auch auf die hohen Bäume steigt sie und zerstört die Brüten der kleinen Sänger. Nur sehr selten gibt sich solche Katze noch der Mäusejagd hin, und Jeder, der dazu befugt ist, sollte es sich zur Pflicht machen, jede auf dem Felde sich umhertreibende Katze erbarmungslos zu erschießen. Im Hause können wir freilich die Katze kaum entbehren, aber auch nur hier darf sie geduldet werden. Man hat vorgeschlagen, der Katze die Ohren zu stutzen, weil dann der Thau in die Ohröfsnungen fallen und sie aus dem Felde fernhalten soll. Ob aber dieses Mittel auch bei der schon an Räubereien gewöhnten Katze von Erfolg ist, darüber fehlt mir jede Notiz. Während die Katze scheu der Kreuzotter ausweicht, naht sich von anderer Seite ein Feind derselben. Ganz geräuschlos kommt ein Igel dahergetrollt, und kaum bemerkt er die Giftschlange, so wirft er sich mit einer Behendigkeit, die wir ihm kaum zugetraut hätten, auf dieselbe. Doch nicht ohne Kampf soll er den Sieg erringen. Ein wüthender Biß der Kreuzotter in ein Bein des Igels läßt ihn zwar einen Augenblick zurücktreten, aber mit er- neuter Kraft beginnt er den verwegenen Angriff und sucht die Schlange bei dem Kopfe zu erhaschen. Wüthend richtet die so Bedrohte den Kopf in die Höhe und bohrt ihre Giftzähne in die Schnauze des Feindes, der jedoch diesmal tapferer Stand hält. Noch wenige Augenblicke des heftigsten Ringens, und ge- tödtet liegt die Kreuzotter am Boden. Ohne ein Zeichen von Schmerz zu verrathen, beginnt der Igel sogleich sein leckeres Mahl an der Kreuzotter, indem er den Kopf sammt den Gift- Zähnen zuerst verzehrt. Es ist merkwürdig, daß der Kreuzotternbiß dem Igel nicht den geringsten Schaden zufügt, während Eine» Stein erbarmt's. Wie doch das Unglück unter schwerem Druck Ten Berg empor sich müht zur nackten Klippe, Ihr Fuß das weite Meer, ihr Kronenschmück Ein morscher Baum, ein blätterlos Gerippe. Es hält nur mühsam noch ein Bildniß fest, Auf dem die Jungfrau mit dem Kind zu schauen. Die betend auf dem Stein sich niederläßt, Ist gramgebeugt, die ärmste aller Frauen. Der Gatte büßt in ew'ger Kerkerhaft, Bor einer Stunde ward ihr Kind begraben. Sic fleht empor in heißer Leidenschaft— Die Jungfrau lächelt unbewegt dem Knaben. „Mdria, gib mich meinem Kind zurück! Du birgst das deine ewig auf den Armen! O lass' mein Herz nicht brechen Stück für Stück!" Es möchte wahrlich einen Stein erbarmen. Es flößt Erbarmen nicht dem Bildniß ein, Die Jungfrau lächelt unbewegt dem Knaben. Der Fleh'nden Ringen doch bewegt den Stein, Er wankt, er stürzt,— das Meer hat sie begraben. Hieronymus vorm. Das Weib vom Pollet. Die elegante Welt, die sich alljährlich an den lieblichen Gestade» der französischen Küstenbäder von dem Müssiggang der Hauptstadt erholt, stößt während der Ebbe auf Schaareu armer, zerlumpter Leute jeden Alters und Geschlechts, die die bunten Meereskiesel sammeln, welche zu allerlei Luxusgegenständen verarbeitet werden. Ein Bild des Malers Ballon, das auf der letzten Pariser Ausstellung großes Aufsehen erregt hat, und das wir in nnserer heutigen Nummer(S. 333) wiedergeben, stellt ein junges Weib dar, das zu diesem elenden Gewerbe verurtheilt ist. Durch die Fetzen der mehr als kümmerlichen Kleidung hindurch treten die körperlichen Reize der„Frau aus dem Bolke" dreist und unvcrhüllt hervor. Diese Arbeiterin hat weder die Zeit noch die Mittel, sich zu bedecken; welcher Kontrast gegenüber den Frauen und Töchtern der Bourgeoisie, die am Strande halb- nackt zwischen den Herren herumwandeln und sich mit Operngläsern begucken lassen, weil— es so„Mode ist" und weil es ihnen Bergnügen macht! Hier Korruption, dort physisches Berkommen! Auf beiden Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.! . doch jedes andere warmblütige Geschöpf in kürzester Zeit diesem erliegt. Der Igel ist mit seinem Mahl fertig,''und da ihm grade eine Maus in die Nähe kommt, so erhascht er sie zum Nachtisch. Auch sie ist in kürzester Zeit verzehrt, und eben ist er im Be- griff, in der behaglichsten Laune weiter zu eilen, als sein scharfes Gehör nahende Schritte vernimmt. Im Nu schnellt er zu- sammen und liegt scheinbar athmungslos als Kugel da. Fritz, der Hütebube ist es, der den vergessenen Krug vom Felde holen will. Erschreckt bleibt er stehen, als er den zusammengerollten Igel erblickt, aber sobald er das Thier erkannt hat, hellt sich sein Gesicht merklich auf. Sofort kugelt er den Igel in die schnell ausgezogene Jacke, um ihn mit nach Hause zu nehmen. Schon malt er sich in Gedanken das Vergnügen auS, das Alle zu Hause empsinden werden, wenn der Igel durch Wasser zum Aufrollen bewogen wird. Wie wird er im Waschfaß umherschwimmen, und wie werden Alle jauchzen, wenn sie die Anstrengunzen deS armen JgelS mit ansehen! Freilich dauert das Vergnügen nicht lange, denn gar bald ist das arme Thier dem nassen Element erlegen, aber das schadet auch gar nichts, denn solcher„unnützer" Thiere gibt es ja noch mehr, so denkt Fritz wenigstens und mit ihm leider gar Viele, denen wahres Verständniß der Natur abgeht. Während der Igel eines der allerniitzlichstcn Thiere ist, stellt man ihm doch noch vielfach nach, quält ihn und beraubt ihn seiner Freiheit; doch geht er meist sehr bald in der Gefangen- schaft wegen unzureichender oder ungeeigneter Nahrung zugrunde. Und warum dies? Nun, man gibt sich nicht die Mühe, der einheimischen Thierwelt einige Aufmerksamkeit zu schenken und ihrer Nützlichkeit oder Schädlichkeit nachzuforschen. Nur der Ver- kehr mit der fteien Natur kann den Menschen da vor Mißgrisfen bewahren, und hierzu anzuregen, ist auch der Zweck dieser Zeilen. Seiten entsetzliche Bergeudung menschlichen Werths, geistigen Kapitals — eine Folge der ungleichen Vertheilung des materiellen Kapitals. Wenn die Sozialdemokratie ihr Ziel erreicht haben wird, so wird dieses Bild weiblichen Sklavenlebens, das unsre heutige„Kultur" und die Phrasen von der Frauenwürdc, die unsere Gegner gegen uns verthei- digen zu müssen vorgeben, Kessend illustrirt, ein Gemälde von hohem kulturgeschichtlichem Interesse sein.— Wir bemerken noch, daß der Maler Ballon ein Freund Courbet's und ein guter Sozialdemokrat ist. C. H. Sprüche aus dem Munde der Bölker. Gesammelt von Z. A. (Spanisch.) No ay mal siu dien, cata para quieuV Jedes Ueble hat sein Gutes; Doch für wen? Darin beruht es. Oo qniev pone los ojos en el suelo, no tios tu dfnero. Wer fromm zur Erde pflegt zu schauen, Dem sollst kein Geld du anvertraue». Kn cl mejor panno, ay major engauo. Im feinsten Tuch Der gröbste Betrug. AI postrcro muerde el perro. Immer vorwärts, soll es heiße.,, Ob es gut, ob schlimm sich treibt: Ihn allein, der hinten bleibt, Könne» nur die Hunde beißen. Asno sea quien a asuo bozea. Einlassen kann sich nur ein Esel Mit einem Esel in Disput: Der Dummheit widriges Genäset Macht selbst der Götter Witz bankrutl! Kl mozo perezoso, por uo dar un paso, da orbo. Um einen Schritt zu sparen, macht Der faule Bursche später acht. und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.