Jllnstrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Goldeue und eiserne Ketten. irzählung aus schweren Tagen von C. Lübeck. (Fortsexung.) „Aber der Wald, Herr Blunienthal, der Wald. DaS intcr- efsirt mich doch sehr. Wenn Sie es mir sagen, dann ist es so gut, als wenn ich es im Hypothekenbuche lesen würde." „Soviel ich weiß, besitzt Graf Falkenburg keinen Wald. Der Wald am Schlosse, in den er widerrechtlich ein Forsthaus gesetzt, gehört ihm nicht, ist vielmehr Eigenthum der Gemeinde Waldau." Silberberg wurde ganz blaß.„Sie scherzen, Herr Blunienthal. Sie wollen mich armen Mann ängstigen!" rief er in heller Angst. „Ich scherze nicht, Herr Silberberg— in kurzer Zeit wird es zum Prozeß kommen. Ich habe vor wenigen Stunden noch eine Urkunde darüber gelesen." „Ich unglücklicher Mann!" rief Silberberg.„Und immer hatte der Graf mir gesagt, der Wald gehöre ihm! Wissen Sie, was ich ihm gegeben habe? O, Sie werden es gar nicht glauben— für das Geld, das sie nur abgeschwindelt, kann ich drei so.cher Schlösser kaufen wie die Falkenburg. Was bin ich doch für ein un- glücklicher Mann— ruinirt haben mich die Schwindler— ruinirt!" Blunienthal war aufmerksam geworden.„Ich verstehe Sie nicht ganz, Herr Silberberg," sagte er.„Wie man mir mit-. theilte, verwalteten Sie das ziemlich bedeutende Vermögen des Grafen und bezogen dafür große Provisionen." Silberberg lachte höhnisch auf.„Nicht ich war sein Ver- Walter!" schrie er so laut, daß Blunienthal ihn beschwichtigen wußte,„sondern er war mein Verwalter, d. h. er verwaltete mein Geld mit seinem Sohne so, daß ich heute um ruude 25,000 Thaler ärmer bin. O, ich Esel!" „Ich begreife Sie immer noch nicht," sagte Blumenthal, dem im Grunde doch schon ein Licht aufzugehen begann. „WaS ist da nicht zu begreifen? Verstehen Sie denn nicht, Herr Blumenthal? 6000 Thaler— baare 6000 Thaler hat mir der Lieutenant gegen Ehrenschein abgepumpt, 4000 Thaler habe ich von ihm übernehmen müsse», um ihn zu retten, macht W,000 Thalcr. Und die Erlaucht hat 10,000 Thaler von mir bekommen, baare 10,000 Thaler! Rechnen Sie dazu die Zinsen so kommen rund 25,000 Thaler heraus, um die ich jetzt ärmer bin. Aber die Schwindler sollen an mich denken!" Er stürzte fort, kehrte aber noch einmal zurück. „Sagen Sie, Herr Blumenthal," rief er,„hat der Herr von Rabenberg Geld? Ist er reich? Hat er etwas zu erben?" „So viel ich weiß," antwortete Blumenthal,„lebt Herr von Rabenberg in durchaus bescheidenen Verhältnissen und hofft sie durch die Verbindung mit dem Hause Falkenburg etwas zu ver- bessern. Von Erbschaften weiß ich nichts, eher noch von Schulden." Wieder lachte Silbcrberg höhnisch auf und eilte dann voller Wuth davon. � � «• Am entgegengesetzten Ende der' Stadt, mitten in einem schattigen Garten, wohnte I)r. Wieser, zu dem jetzt Blumenthal seine Schritte lenkte. Kein anderer Arzt erfteut sich eines so großen Zuspruchs als er, namentlich ist eS die ärmere Klasse der Bevölkerung, die ihn mit Vorliebe aufsucht. Kein Arzt in der Stadt ist aber auch so erfahren und in seinen Taxen so anspruchslos wie er, doch ist er in seinem Wesen knorrig und grob nach oben hin, was ihm in den„besseren Kreisen" der Stadt schon manchen Feind gemacht. Als Blunienthal zu ihm kam, fand er das geräumige und luftige Wartezimmer gedrängt voller Leute, bleiche, verkümmerte Gestalten, in zerlumpter Kleidung, mit allen möglichen Leiden behaftet. Stumm und gebückt saßen sie da und stierten glänz- losen Auges zu Boden, nur wenn der Doktor die Thür öffnete und sein rothbärtiges Gesicht mit den großen glänzenden Auge» in's Zimmer blickte, dann richteten sie sich aus und ihre Blicke belebten sich. „Geduld, Kinder!" rief er ihnen jedesmal zu,„kommt Alle dran, aber wer zuerst kommt, der mahlt zuerst." Als er Blumeuthal bemerkte, trat er auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand.„Kann Ihnen nicht helfen, müssen warten," sagte er.„Interessante Illustration zur heutigen StaatSweisheit," fügte er, auf die Kranken deutend, hinzu.„Würden unsere Staats- weisen mit ihrer Theorie, den Brunnen zuzudecken, wenn das Kind ertrunken, in diesen Spiegel blicken, es würde ihnen doch etwas beklommen zu Muthe werden." „Wer weiß," entgegnete Blumenthal achselzuckend,„das Er- rötheu hat man dort schon verlernt." Der Doktor wandle sich einem Kranken zu und wollte mit diesem in sein Zimmer gehen, als ein alter Mann eintrat, bei dessen Anblick er sich rasch umwandte. „Wie steht's, Hornig?" fragte der Dokior.„Es ist natürlich Alles umsonst gewesen?" „Es war umsonst, Herr Doktor," antwortete der alte Mann. „Wie Sie mir gerathcn, hatte ich mich mit der Bitte um Hülfe an die Regierung gewendet, die hat aber bis zur Stunde nichts von sich hören lassen." „Es ist um des Teufels zu werden," brauste der Doktor ans. „Das ist eine Hundewirthschaft— eine ganz verdammte! Wo- für haben wir denn Gesetze? Im Gesetz von 1835 sind spezielle sanitätspolizeiliche Vorschriften über jede einzelne ansteckende Krankheit und insbesondere auch über eine Typhus-Epidemie enthalten, und darin steht, daß die Sanitäts-Kommission oder die Behörden nach Kräften auf ein angemessenes diätetisches Verhalten hinzu- wirken— also bei einem durch Hunzersnoth hervorgerufenen Typhus für Brot zu sorgen haben! Das ist doch deutlich— wenn es auch gradezu hirnverbrannt ist, erst dann für Brot zu sorgen, wenn der Typhus schon da ist! Steckt darin auch nur ein Körnchen Vernunft? Für Brot zu sorgen, ehe der Typhus da ist, das geht über ihr Begrifssvermögcn— wo sollen sie denn auch so viel Verstand herbekommen?" Voller Zorn verschwand der Doktor wieder in seinem Zimmer. Ein Murmeln entstand unter den Besuchern— was der Doktor gesagt, daS hatte bei Allen ein zustimmendes Echo gefunden. Endlich waren alle Kranke abgefertigt, und nun ging Blumen- thal in's Zimmer des Doktors, der ihn mit freundlichem Lächeln empfing. „Dem Elend gebührt der Vorrang, Herr Blumenthal," sagte der Doktor.„Sie müssen mich entschuldigen; ich darf von meiner Geschäftsregel nicht einen Augenblick abweichen." „Wer könnte auch diesen Unglücklichen gegenüber einen Vor- zug beanspruchen," entgegnete Blumenthal.„Sie sprachen vorhin mit dem alten Mann vom Typhus. Ist denn der Typhus irgend- wo zum Ausbruch gekommen?" Das Gesicht des Arztes verfinsterte sich.„Ich möchte immer drein schlagen, wenn ich nur daran denke!" rief er.„Ueberall beginnt die Krankheit sich zu regen— wir werden Schreckliches erleben, Herr Blumenthal,— die Hungerpest wird bei uns eine entsetzliche Ernte halten. Wie die Fliegen, so müssen diese fast- und kraftlosen, ausgehungerten Menschen sterben— denken Sie an mich, wenn es eintrifft.. Jeder denkende Arzt— was rede ich— jeder Blinde fühlt es mit dem Krückstock— was uns droht. Aber, ist es möglich, bei unseren Behörden etwas zu erreichen und Rettung zu bringen, wo noch Rettung möglich ist? Ganze Bibliotheken haben sie voller Bücher und Journale über ihr Verhalten, wenn eine Seuche ausbricht— wie sie aber ver- hütet werden kann, davon schweigt die Geschichte, da hört die obrigkeitliche Weisheit auf, und was sie nicht schwarz auf weiß in ihren Verordnungen gedruckt finden, das thun sie nicht.— Da bekomme ich vor Jahr und Tag einen Brief, dessen Porto sechs Pfennige mehr betrug, als verwendet worden war. Vor acht Tagen wird mir nun ein viele Bogen starkes Aktenstück vor- gelegt, worin mit dem außerordentlichsten Scharfsinn der Defekt von sechs Pfennigen konstatirt und meine Haftpflicht dafür nach- gewiesen wird. Durch hundert Hände ist dieses Aktenstück ge- gangen und um die Rettung der sechs Pfennige eine unendliche Zeit vergeudet worden— um Hunderte oder Tausende von Menschenleben rührt sich aber keine Hand. Davon steht nichts in den Büchern— also braucht man um solche Lumpereien sich auch nicht zu kümmern. Nun sagen Sie selbst, kann man bei solcher Hundewirthschaft ruhig bleiben? Man müßte ja Fisch- blut im Leibe haben!" Er stampfte mit dem Fuße zornig auf den Boden. Bald aber glätteten sich seine Züge wieder.„Sie können sich denken," sagte er,„daß ich nach oben hin nicht fein bin und mit den Herren ein sehr verständliches Deutsch rede.— Sie wünschen mich hin, wo der Pfeffer wächst. Ich sollte hier Kreisphysikus werden, die Stadt hatte darum petiti nirt, aber die Kreis- Mcdizinalbehörde, d. h. unser Vollblut-Landrath, war dagegen, und da wurde denn der Bock zum Gärtner gemacht, d. h. ein lammfrommer Kollege, der weder Land noch Leute kennt und den Mund nicht aufthun kann, während bei uns ein Gesuch eigentlich nur dann gehörige Beachtung findet, wenn es mit einem Himmel- donnerwetter eingeleitet wird. Aber genug von dem verdrießlichen Zeuge— ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen, doch dürfen Sie Egler davon kein Sterbenswörtchen sagen; er könnte sonst einen Rückfall bekommen." „Sie machen mich sehr begierig, Herr Doktor." „Da bekomme ich vor einigen Wochen den Kreissekretär in die Kur. Der junge Manu ist ein Pole— in erster Reihe aber ein Mensch, der sich eingebildet, in einem preußischen Landraths- Bureau etwas Nützliches leisten zn können. Er trat mir näher, und ich erkannte den guten Kern, welcher sich in der Brust des Mannes barg. Ich schälte ihn heraus— doch genug davon! Der Krcissekcetär Kinsky erschien eines Tages bei mir und machte mir die Mittheilnng, daß Büttner noch am Leben." „Welche glückliche Nachricht!" rief Blumenthal freudig aus. „Geduld, Geduld, mein Lieber— hören Sie weiter. Er theilte mir unter der Versicherung, daß er selbst ganz unschulvig dabei, noch mit, daß sich Büttner in einem russischen Gefängnisse befinde, weil er seinen betrügerischen Fabrikoirektor turchgeprügelt." „Das ist schrecklich," sagte Blumenthal niedergeschlagen.„Aber vollenden Sie, Herr Doktor." „Eine Niederträchtigkeit erster Klasse ist dabei im Spiele!" rief der Doktor.„Dock hören Sie weiter. Der biedere Land- rath weiß von der Gefangenschaft, hat auch Briefe von Büttner bekommen, aber statt dem armen Kerl zu helfen, schreibt er an den russischen Polizei-Pascha, besagten Konrad Büttner, der ein sehr übelbeleumdetes Individuum sei, ruhig in Nummer Sicher zu halten.— Ist das nicht eine rafsinirte Teufelei?— Alles das erzählte mir mit aller möglichen Ausführlichkeit der Kreis- sekretär und deutete zugleich an, daß der Landrath dabei dritten Personen einen Freundschaftsdienst leiste. Da hört doch wirklich Alles auf! Daß es bei mir überschäumte, das können Sie sich denken, und gestern läuft mir nun der Landrath grade in den Weg. Daß ich ihn mir gehörig gekauft und ihm gründlich den Kopf gewaschen, mit Beschwerden und Veröffentlichungen gedroht, wenn er nicht sofort für die Freilassung des Büttner sorgen würde— das versteht sich von selbst. Im Anfange wollte er zwar den Stellvertreter GottcS und seine Freunde herauskehren, damit kam er bei mir aber schlecht an, und zuletzt wurde er denn auch ganz kleinlaut. Er kennt mich und weiß, daß ich keinen Spaß mache, da ist denn einige Hoffnung vorhanden, daß Büttner wiederkehrt. Aber so ganz ist dem Pascha doch nicht zu trauen, und es wäre gut, wenn Jemand nach Polen gehen und dem jenseitigen Amtsbruder den Daumen auf's Auge drücken würde." „Ich übernehme es gern," sagte Blumenthal kurz entschlossen. „Was wäre das doch für ein Glück, wenn es mir gelänge, mit Büttner heimzukehren!" „Ich hatte gleich an Sie gedacht. Wenn Sie reisen, muß die Geschichte selbstverständlich ein Geheimniß bleiben. Noch Eins— die Papiere Büttuer'S sind au den Landrath geschickt worden— der Landrath aber hat sie an Büttner's Polizeibehörde, die Erlaucht von Falkenburg, abgegeben. Sie wissen nun, woran Sie sind; nachher gebe ich Ihnen übrigens die Notizen, die ich mir gemacht habe." „Es war mir sofort klar, daß die Schurkerei nur von der Falkenburg ausgehen konnte," sagte Blumenthal.„Würde es noch irgendeiner Bestätigung dieses Verdachts bedürfen, dann wäre die kleine Geschichte, die ich Ihnen zu erzählen habe, das beste Mittel dazu." Er berichtete ihm nun alle seine Erlebnisse, die Auffindung des Urknudenbuchs und die Unterredung, die er vorhin mit Silberberg gehabt.(Fortsetzung folgt.) 343 Der Mens ch. Von I. Most. in VI. „Nicht unvermittelt kam der Mensch auf die Erde, sondern vermittelt durch dieselben natürlichen Kräfte und Ursachen, welche allem Leben und Tasein Ursprung gegeben haben." Büchner. Die ältere Naturforschung stellte sich die einzelnen Arten der Pflanzen und Thierwelt als speziell„geschaffen" vor, und selbst Vinn 6, dem man die mit ganz außerordentlichem Scharfsinn bewerkstelligte Klassifikation der organischen Naturprodukte zu ver- danken hat, stak tief in diesem Vorurtheil. Einzelne Stimmen protestirten zwar schon vor langer Zeit gegen solche durch nichts begründete und durch nichts zu beweisende Behauptungen, allein man hörte nicht darauf. � Selbst zu Anfang dieses Jahrhunderts noch, wo Goethe und Andere für eine natürliche Entstehung der Arten eintraten, zuckte» die größten Gelehrten die Achseln darüber. Und doch kannte man schon längst zahlreiche Erschei- nungen, welche gegen das Erschaffensein der Arten sprachen. Die Ausgrabungen sogenannter Versteinerungen längst vergangener Thier- und Pflanzengeschlechter, weit entfernt, sie als einen Wink für die einzuschlagende Richtung der Naturforschung anzusehen, suchte man in wahrhaft komischer Weise zu erkläre». Es gab eine Zeit, wo man so kindisch war, die fossilen Ge- bilde für Modelle zu halten, welche der Schöpfer probeweise angefertigt und dann fortgeworfen habe! Nach einer anderen Ansicht sollten es Spielereien der Natur sein. Einige bezeich- »eteu sie zwar als das, was sie sind, warfen aber die Originale unter der Rubrik„vorsintfluthlich" zusammen; Andere vindizirten dem„Schöpfer", daß er von Zeit zu Zeit allgemeine Erdrevo- lutionen herbeigeführt und mittels derselbe» die ganze organische Welt ausgerottet habe, nachträglich jedoch wieder zur Neuschöpfung geschritten sei, wobei er sich einer stetigen Verbesserung befleißigt habe. Und so weiter. Aber es gibt noch viel auffallendere Erscheinungen, die eine Extraschöpfung der Arten ausschließen. Was in dieser Beziehung die vergleichende Anatomie, namentlich die Embryologie, zu Tage förderte, wurde bereits angedeutet, und dies ist immer noch nicht das Handgreiflichste. Man weiß jetzt, daß einstens au den Polen ein tropisches Klima herrschte, und findet die in den Erdschichten eingeschloffencn Thier- und Pflanzenrefte dem entsprechend, wäh- rend man jetzt die dortige Fauna und Flora ganz und gar für ein kaltes Klima geeignet antrifft. Soll es da vielleicht dem „Schöpfer" z. B. eingefallen sein, nachträglich, als sich nach und nach die klimatischen Verhältnisse in so rauher Weise geäu- dert hatten, Eisbären und dergleichen zu schaffen? Oder liegt eS nicht vielmehr auf der Hand, daß sich im Hinblick auf die gedachte Umänderung einzelne Thiere eine entsprechende Lebens- weise angewöhnten und sich überhaupt ihrer Umgebung anpaßten, während sich andere in diese Verhältnisse nicht zu sckicken ver- mochten und daher zu Grunde gingen? In manchen Fällen vollzog sich die Entstehung neuer Arten förmlich unter den Augen des Beobachters. So brachte man z. B. mehrere hundert Exemplare des mexikanischen Kiemenmolchs Axolotl nach Paris; die meisten dieser Thiere bliebe« nach wie vor kienienathmig, einige krochen aber aus dem Teiche, in den man sie gesetzt hatte, an's Land-und wurden lungenathmig! Versetzt man Austern von der Nordsee nach dem Mittelländischen Meere, so erlangen sie eigenthümliche Stacheln. Die europäische Hauskatze hat sich in Südamerika, wo man sie verwildern ließ, zu einem bösartigen Raubthiere entwickelt. Und so könnten Hunderte von Fällen angeführt werden. Die klimatischen und sonstigen äußeren Einwirkungen spielen aber bei der Artenbildung nicht die Hauptrolle, sondern sind ge- wöhnlich nur mitwirkende Faktoren; in erster Linie fallen hierbei die Zuchtwahl und der Kampf uin'S Dasein in's Gewicht, wie dies namentlich Darwin, der übrigens keineswegs als Vater dieser Lehre, wohl aber als deren vornehmlichster Bahnbrecher betrachtet werden darf, in mehreren Werken wahrhaft durchschlagend entwickelt hat. Es ist eigentlich zum Erstaunen, daß solche Theorien nicht längst als selbstverständlich in Aufnahme kamen, indem ja Gärtner und Viehzüchter schon sehr frühzeitig die künstliche Zuchtwahl pflogen, die doch ein Bild für die natürliche Zuchtwahl abgibt. Man brauchte nur darüber nachzudenken, wodurch in der freien Natur die Dazwischenkunft des Menschen ersetzt und überboten werde. Die künstliche Zuchtwahl hat die schlagendsten Beweise ge- liefert, daß die Vererbung aller erdenklichen Eigenthümlichkeiten von Generation zu Generation bewerkstelligt werden kann, selbst wenn dieselben ursprünglich nur bei einem einzigen Exemplare sich vorfanden. Ein Bauer in Massachusetts(Nordamerika) be- nutzte einen mißgestalteten Widder mit langem Leibe und kurzen, krummen Beineu zur Züchtung, weil er dachte, daß derartig ge- bildete Schafe verhindert würden, über die landesüblichen Hecken zu springen, wie es die übrigen Schafe recht gerne thaten. Der Mann hatte ganz richtig gerechnet, denn es gelang ihm in der That, eine ganze Rasse solcher Schafe in's Leben zu rufen, wie er sich gewünscht hatte, so daß zuletzt im ganzen Lande derartige Thiere Verbreitung fanden, unter dem Namen Otterschafe bekannt und erst später, als man eine edlere Raffe eingeführt hatte, auf- gelassen wurden. In Paraguay(Südamerika) wurde im Jahre 1770 ein nngehörnter Stier geboren, der später lauter ungehörnte Rinder erzeugte. Die Bauern fanden dies praktisch, wählten mit Vor- liebe ungehörnte Zuchtstiere aus und brachten es auf diese Weise dahin, daß zahlreiche Heelden hornloser Rinder entstanden. Auch bei der sogenannten Kreuzung der Arten entstehen neue Arten. Esel und Pferd erzeugen— je nachdem das männ- liche und das weibliche Geschlecht durch die eine oder die andre Art vertreten sind— Maulthiere oder Maulesel. Diese wollen zwar Viele nicht als Arten gelten lassen, sondern nur als Bastarde, aber hierbei handelt es sich offenbar nur um Wortklaubereien, wie neuere Gelehrte zugeben. Man hat aus dem Umstände, daß Maulthiere und Maulesel nieistens impotent und unfruchtbar sind, schließen wollen, daß die Kreuzung zweier Arten überhaupt keine fortpflanzungsfähigen Thiere produzire; dies war jedoch ein Irr- thum, wie mehrfach praktisch bewiesen wurde, so z. B. durch daS Ziegenschaf, das Haseukaninchen ic. Bei der natürlichen Züchtung findet auch eine Auswahl statt, nur wird dieselbe nicht durch individuellen Willen, sondern nach einem großen Naturgesetze bestimnit, welches Darwin den Kampf um's Dasein nennt.„Jeder Organismus", sagt Häckcl(jetzt der bedeutendste Vertreter der Entwicklungstheorie) „kämpft von Anbeginn seiner Existenz an mit einer Anzahl von feindlichen Einflüssen; er kämpft mit Thieren, welche von diesem Organismus leben, denen er als natürliche Nahrung dient, mit Raubthiercn und mit Schmarotzerthieren; er kämpft mit an- organischen Einflüssen der verschiedensten Art, mit Teniperatur, Witterung und anderen Umständen; er kämpft aber(und das ist viel wichtiger!) vor Allem mit den ihm ähnlichsten, gleichartigen Organismen. Jedes Individuum einer jeden Thier- und Pflanzen- art ist im heftigsten Wettstreit mit den anderen Individuen der- selben Art begriffen, die mit ihm an demselben Orte leben. Die Mittel zum Lebensunterhalte sind in der Oekonomie der Natur nirgends in Fülle ausgestreut, vielmehr im Ganzen sehr beschränkt und nicht entfernt für die Masse von Individuen ausreichend, die sich aus den Keimen entwickeln könnte. Daher müssen bei den meisten Thier- und Pflanzenarten die jugendlichen Individuen es sich sehr sauer werden lassen, um zu den nöthigen Mitteln des Lebens- Unterhaltes zu gelangen; nothwendigerwcise entwickelt sich daraus ein Wettkampf zwischen denselben um die Erlangung dieser un- entbehrlichen Existenzbedingungen...." (Fortsetzung folgt.) 345 Der Fuchs. Von Hugo Stur ui. Wer kennt ihn nicht, den Salomo unter den Thieren, den weisen Meister Reineckc, den Helden jener urdeutschen Thierfabel, die der Dichterfürst Goethe durch seine Uebersetzung dem deutschen Volke wieder nahe gebracht?! Wem wäre die List und Ver- schlagenheit dieses Thierdiplomaten unbekannt, wer wüßte nicht stundenlang davon zu erzählen? Seine Klugheit und Verwegen- heit, seine körperliche und geistige Gewandtheit, die sich in alle Lebenslagen zu schicken und zu fügen weist und immer den best- möglichsten Ausweg auch aus den verwickeltstcn Situationen zu finden weist, sind ja sprüchwörtlich geworden und in Hunderten von Fabeln und Märchen angedeutet. Sogar die Mythologie der alten Griechen und Römer weist schon davon zu berichten. In dem böotischen Gebirge Teumcsus hielt sich ein äußerst schlauer und listiger Fuchs auf, der hinterrücks die arglosen Reisenden überfiel, sie in seine feste Höhle schleppte und dort verzehrte. Und seit der Zeit ist Reinecke's Muth und Schlauheit durch die Livingstone.(Siehe Seite 3l8.) vielen Verfolgungen und Nachstellungen noch gesteigert worden, so daß ihm unbedenklich die Krone unter den Dieben des Feldes und Waldes zugesprochen werden muß. Wenn auch Alle den Thierhelden von dieser Seite kennen, !o gibt es aber doch gewist nicht Wenige, denen eben nur der Fuchs der Fabel und nicht der des Feldes und Waldes bekannt ist. Sie haben wohl die herrlichen, unübertrefflich genialen Skizzen gesehen, mit denen Kaulbach's Künstlerhand das Thiermärchen Goethe's geziert, ohne jedoch schon einmal Gelegen- heit bekommen zu haben, den Allgefeierten und sein Treiben im duftenden Hain des wogenden Getreidefeldes belauschen zu können. Und wahrlich, es ist auch nicht etwas Leichtes damit, und erfor- dert nicht geringe Ausdauer und Geduld. Mancher Weg ist vergeblich und manche Stunde ohne Erfolg. Schon oft haben wir, hinter Büschen und Hecken versteckt, auf der Lauer gestanden und mit dem Fernrohr in der Hand die Ausgänge feines Baues unter Augen gehabt— aber immer vergeblich. Gehen wir noch einmal hinaus, das Glück ist blind und kommt oft, ehe wir's gedacht. Schon seit drei Tagen war der Himmel bewölkt und Regen hat die durstigen Fluren getränkt, Blumen und Kräuter erfrischt. Jetzt ist das Gewölk gebrochen, die Sonne bricht hervor, umsäumt die noch triefenden Wolken mit königlichem Purpur und spiegelt sich in den herrlichsten Negenbogenfarben am entgegengesetzten Hori- zont. Wie frisch erscheint jetzt die Natur! Würziger Hauch weht von der Haide zu uns, schmeichelnde Düfte entströmen den Blumen und Blüthen des Feldes und Raines, wie ein frommer Dank- psalm steigt das Blättergeräusch der Bäume zum Himmel empor. Und dazwischen jubelt die Lerche hoch oben in der reinen lauen Luft, das Bienchen fliegt summend zum nahen Kleefeld, um 346 Nektar aus den zarten Blumengefäßen zu schlürfen, buntfarbige Schmetterlinge schweben von Blüthe zu Blüthe und fangen das Gold der sich schon schräg neigenden Sonne auf. Jetzt treten wir ein in den Wald, in dem auch frisches, fröhliches Leben und Treiben sich allenthalben entfaltet. Doch nicht lange können wir diesen tausend Stimmchen lauschen, die aus den Wipfeln der ehrwürdigen Waldriescn uns begrüßen. Da schmettert der Fink, hier jubelt der Pirol, dort flüstert ein Mcisenpärchen, während aus dem fernen Gebüsch der Jubeltou des Kukukmännchens au unser Ohr dringt, von dem ausgelassenen Lachen des Weibchens beantwortet. Dort zwischen den mächtige» Wurzeln der uralten Eiche liegt die Burg unsers Helden, und wir wählen unfern Standpunkt so, daß wir dieselbe nach allen Seiten überschauen können. Der Wind steht unS günstig, und die durch die Zweige fallenden Strahlen der Sonne erleuchten die stille Waldeinsamkeit noch genugsam, um jede Bewegung deutlich unterscheiden zu können. Sieh, da streckt sich vorsichtig ein Kopf über einer Wurzel her- vor, ein Paar listige Augen schauen scharf nach allen Seiten um— auch unfern Staudort scheint ein Blick zu treffen, und fast fürchten wir, wieder um den Genuß der Beobachtung zu kommen— doch nein, mit einem Satz ist unser Held vor der Thür, Alles scheint ihm ruhig und sicher. Und schon drängen sich aus dem Bau zwei, nein drei— vier— fünf junge Füchs- leiu hervor, hüpfen vor Vergnügen im Sonnenschein und wälzen sich übermüthig in: Grase. Wie leuchten der alten Füchsin— denn sie ist es, die dort mit ihren Sprößlingen weilt, weil der in Vielehe lebende Herr Vater sich nicht um seine Kinder, die er meist nicht einmal kennt, bekümmert— die Augen vor Vergnügen. Sie legt sich behaglich nieder und weidet sich an dem drolligen Treiben ihrer hoffnungsvollen Nachkommenschaft. Dort zanken sich zwei Brüderchen um einen schon abgenagten Knochen, da kommt ei» drittes junges Füchslein hinzu und benutzt die „Gunst des Augenblicks", um ihn zu erhaschen unh damit hinter �den schützenden Rücken der Mutter zu hüpfen. Doch schon folgen ihni die beiden jetzt Versöhnten nach und suchen ihm den Knochen wieder zu entreißen Er ist aber bald vergessen, denn im possir lichsteu Spiele tummeln sich die drei. Dort kneipt eins dein andern in's Schwänzlein, zaust es am Ohr, und in linkischen Purzel- bäumen suchen sie sich gegenseitig zu übertreffen. Unterdessen schnäufeln die beiden andern überall umher. Hier inspiziren sie ein altes Mauseloch, dort zerren sie an einem Grasbüudel und hüpfen in schon ganz gewandten Sprüngen über den herab- hängenden Zweig eines Haselstrauches. Welch' wunderschönes Bild bietet nicht dies häusliche Leben des Fuchses! Fast könnten wir ihm Alles verzeihen, was wir je Uebles von ihm vernommen. Wir glauben die alte Füchsin ganz in dem Anschauen ihrer muthwilligeu Sprößlinge versunken, aber da irren wir uns ge- waltig. Dort trabt ohne Arg ein junges HäSlein herbei, ohne den gefährlichen Feind zu ahnen. Aber schon hat die Füchsin „Wind" bekommen und erscheint uns im Nu in einem andern Bilde. Eben lag sie noch scheinbar ohne jedes Interesse für die Außenwelt da, nur für ihre Kinder schien sie Aufmerksamkeit zu haben; jetzt ist ihre ganze Physiognomie und Gestalt umgewan- delt. Vom Kopf bis zur Zehe ist jede Sehne straff gespannt, sie ist die Aufmerksamkeit selber. Und auch die junge Fuchsbrut merkt die Veränderung und duckt sich mäuschenstill auf den Boden. Jetzt biegt das Häschen um den Haselstrauch— ein Sprung— ein kurzer Aufschrei— und Leben kommt in die bisher lautlose Kinderschaar. Doch nicht sogleich theilt die Füchsin den leckern Bissen aus, er soll ihr dazu dienen, die Jungen für das zu- künftige Diebs- und Gaunerlcben geschickt und tüchtig zu machen. Bald gibt sie den Raub hin, um ihn in der nächsten Sekunde ihnen neckisch wieder zu entreißen, bald wirft sie ihn in die Höhe und schaut mit sichtbarer Freude den Fangübungen der Kleinen zu. Doch endlich belohnt sie die Ausdauer und überläßt ihnen das saftige Wildpret, das in kürzester Zeit verschwunden ist. Untcrdeß ist die Sonne unter'm Horizont verschwunden, das goldigste Abcndrolh bezeichnet die Stelle, wo die Himmelskönigin in's unendliche Meer getaucht. Jetzt treibt die alte Füchsin ihre Nachkommenschaft in den unterirdischen Bau, damit ihr kein Unfall wiederfahre, während sie einen Streifzug durch Flur und Hain unternimmt. Folgen wir ihr, um ihr Leben und Treiben zu belauschen. (Schluß folgt.) Ein Sriefdied. Eine wahre Erzählung von Emil König. (Schluß.) Zum Schlüsse geben wir noch etliche Notizen darüber, wie tief Kalab's Briefdiebstähle in die Verhältnisse aller Stände ein- schnitten. Die Gattin eines Beamten sandte ihrem Gatte» nach Ungarn 100 Gulden und ließ den Brief mit der Bezeichnung„Beschwert mit 100 Gulden" in den nächsten Briefkasten werfen. Der Brief war spurlos verschwunden. Ein Bürger von Wien schickte seiner Frau 100 Gulden nach Karlsbad. Der Brief war verschwunden und die im Bade be- findlichc Frau wartete vergeblich auf das ihr nöthige Geld. Ei» anderer gleichzeitig aufgegebener Brief mit 10 Gulden Einlage war 1' 2 Jahre lang in Kalab's Lederkoffer liegen ge- blieben; dann erst war er, freilich in einer späteren Badesaison, in Karlsbad angelangt; natürlich von dort nach Wien als un- bestellbar zurückgeschickt und endlich dem mühsam ermittelten Ab- sender wieder zugestellt. Ein nach Paris bestimmter, mit 100 Gulden beschwerter Brief war auf allen Stationen von Wien bis nach Paris gesucht worden, nach zwei Jahren endlich traf er mit der Devise„Unter- schlagen gewesen und nun zu Stande gebracht" in der französischen Hauptstadt ei». Ein Pesther wohnte in Wien im Hotel„Zum weißen Roß" und schickte den Miethzins von 200 Gulden nach Pesth. Durch die Unachtsamkeit des Dienstpersonals wurde der Brief nicht re- kommandirt, sondern in den Briefkasten geworfen, und kam nicht an. Der Portier erhielt seine Entlassung, weil man ihm die Unterschlagung des Geldes beimaß. Nach etlichen Jahren traf der Brief niit der ominösen Devise in Pesth ein. Einem nach Regensburg adressirten Briefe war unter dem Siegel ein Dukaten beigefügt. Der Brief kam an, der Dukaten nicht; letzterer war, ohne das Siegel zu verletzen, mit großer Geschicklichkeit ausgeschnitten worden. Ein Steinmetz reklamirte einen Brief mit 100 Gulden; Brief und Geld waren verloren. Kalab hatte den Dienst ge- habt, als der Brief aufgegeben wurde. Die Redaktion der österreichischen„Zeitschrift für Pharmacie" gab gleichzeitig 18 Briefe mit Retourmarken und Inseraten zur Pränumerations-Einladung für Provinzialblätter auf; nur 5 davon kamen an, 13 wurden erst im April 1802 aus ihrer Gefangen- schaff bei Kalab erlöst. Auf den Jahrgang der Zeitschrist konnte natürlich nicht mehr abonnirt werden. Ein Eisenbahnbeamter in Wien war befördert worden und konnte nun seine Familie nach Wien komnien lassen. Er schrieb an seine Gattin, die sich längst darnach sehnte, mit ihrem Manne vereinigt zu werden, sie möge ihm entgegeneilen; er bezeichnet« Tag und Stunde und reiste ab voll ffoher Hoffnungen. Aber der Brief siel in Kalab's diebische Hände; Niemand war da, als der Beamte auf der bestimmten Station eintraf. Er mußte in den weit entfernten Wohnort seiner Frau reisen und fand dieselbe für die Uebersiedelung nach Wien selbstverständlich ganz unvorbereitet. Ein Wirthschastsbeamter aus der Provinz sandte weder Geld noch Nachricht über den Ertrag des Gutes an seinen Herrn. Schon war dieser im Begriff, den lässigen Diener seines Amtes zn entheben, als sich ergab, daß Kalab die Briefe gestohlen hatte. Eine in Kindcsnöthcn liegende Frau verlangte mittels Stadt- briefs eine Hebamme; der Brief war als„dringend" bezeichnet, erreichte aber erst nach zwei Jahren seine Adresse. Bestellungen der verschiedensten Art gingen nicht ab, längst erwartete Waaren trafen nicht ein, Einladungen, Entschuldigungen kamen nicht an, Geschäftsverbindungen lösten sich, Verwirrungen, Verdrießlichkeiten, Störungen aller Art, Feindschaften wurden durch Kalab's frevelhaftes Eingreifen erzeugt, und Sorgen und Thränen von Tausenden hat er verschuldet. Ja, wenn eine ziemlich verbürgte Nachricht nicht täuscht, so hat Kalab sogar einen Menschen zum Wahnsinn gebracht. Ein junger Mann re- klamirte einen Brief mit 40(1—-jllO Gulden, den er irrthümlich ohne Deklaration des Inhalts in den Briefkasten geworfen haben wollte. Alles Suchen war vergebens, der Brief blieb verloren und der Aufgeber selbst wurde verdächtigt, den Brief unterschlagen Zu haben. Nach einiger Zeit hieß es, die Mutter des jungen Menschen sei aus Gram darüber schwer erkrankt, der junge Mann selbst aber irrsinnig geworden.— ** Wir überlassen es der Phantasie unserer geehrten Leser, sich die Folgen von Kalab's Verbrechen selbst weiter auszumalen, und brauchen kaum anzudeuten, daß sein Vermögen einem Tropfen im Meere glich, wenn man die Größe der Verluste erwägt, vie er dem korrcspondirenden Publikum zugefügt hat. Er selbst scheint übrigens niemals Reue empfunden zu haben. Auf die Eröffnung, daß die Postbehörde zur Sicherstelluug von Entschädigungs- ansprüch.en seine Häuser mit Sequestur belegt habe, antwortete er:„Das also ist der Lohn für meine langjährige treue Dienst- leistung!" Und in der Vertheidigungsrede, die er schriftlich aufgesetzt hatte, dann aber nicht hielt, kommt die charakteristische Entschul- digung vor: Die Postaustalt habe jedenfalls von seinem Treiben Gewinn gezogen; denn Jeder, der einen Brief erwartet, aber nicht erhalten habe, werde vermuthlich deshalb bei seinem Korrespon- deuten angefragt haben, und nach der Ankunft der bei ihm gefundenen und dann versendeten Briefe hätte gewiß jeder Empfänger den Empfang des Briefes angezeigt, und somit habe die Post durch ihn an Porto mehr eingenommen als eingebüßt. Wir sehen, Kalab hatte nicht das mindeste Gefühl für die seinen Mitmenschen tausendfältig bereiteten Leiden. Sein ein ziges Bestreben war darauf gerichtet, sein Vermögen und die Häuser zu retten. Nur deshalb hatte er den unbekannten Krösus Minkow und sein Verhältniß zu ihm erfunden. Schmerzlicher fast als die Strafe war es ihm, daß durch das Erkenntniß sein ganzeö Vermögen als eine Frucht seiner Verbrechen bezeichnet wurde.— Pfingsten Wandererinnerungen v I. (Zortlctzung.) Die Häuser von Oker drängen sich wie ein Keil tief in die Mündung des Thales. Die rolhen Dächer unter den Obst- bäumen auf dem dunkelgrünen Hintergrunde der Thalwände ge- währen einen freundlichen Anblick, lleberall in den Wohnhäusern stehen die Fenster offen und die Vorhänge flattern im Winde heraus. Da wird gescheuert und gesäubert, weggelöscht die Spuren der Werktage; denn morgen ist Pfingsten. Mädchen mit großen Bretter n schreiten über die Straße. Sic tragen den Feiertags- kuchen zum Bäcker oder kommen von dort zurück. Wir möchten wohl auch ein Stück Psingflknchen zum Vorgeschmack des Festtages. Eine Fülle von Riesenkuchen duftet uns in der Stube bes Bäckers verlockend entgegen. Aber wir bieten umsonst das %io guter Worte zum Gelde: es ist alles bestellt. Wir sollten entschädigt werden. Wie wir die letzten Häuser be« Ortcs hinter uns haben, da blühen am Wege die wilden Miosen. Einen Rosenstrauß zum Willkommen, waS hätte der Harz Mir Schöneres bieten können beim Wiedersehen nach so langer Trennung? Und mir ist's, als riefen die Wellen der Oker, die Mir rasch und munter entgegenspringen:„Grüß Gott!" Ja, grüß Gotb, ihr lieben Berge! Ich athme tief auf. B�aldduft, Bergluft! Wie die Brust sich weitet, wie mit jedem Schritte die Seele freier wird von dem Staub der Städte, wie ber Geist abschüttelt die mühenden Gedanken des täglichen Lebens! 'a neues Leben strömt durch die Adern; waS dahinter liegt, ist �rgessen, und alles Empsinden ist ein Wohlgefühl. Auch daö 'Hut wohl, daß die Leute, denen wir begegnen, einen Gruß für uns haben. Es spricht sich darin auS, daß der Mensch auf den Mensche,, angewiesen ist. In den Städten, namentlich in den lWoßen Städten, ist dieses Bewußtsein zerstört. !- Das Okerthal ist ein schmales, etwas düsteres Thal. Die �aße hat den Felsen abgewonnen werden müssen, die steil uns dem Flußbette emporsteigen. Es sind überwiegend Föhren, welche die Thalwände bekleiden, und aus ihrem schwärzlichen �ü» ragt das nackte Gestein phantastisch gestalteter, zersplitterter "Uppen auf, Nadeln nennt man sie in der Schweiz. Der rasche im Hur). on Robert Schweichel. Wechsel eines lichthellen Himmels und dunkler Wolken überschüttet bald die Höhen mit einem goldenen Glänze, daß die Klippen in der rauschenden Brandung der Föhren aufleuchten, bald verdüstert er den Charakter des schmalen Thales noch mehr. Die Oker murrt in ihrem Steinbette, das ihr bei der langen Dürre zu weit geworden ist. Sie muß manchem Blocke aus dem Wege gehen, sich an ihm vorbeidrängen, über den sie sonst wohl im Ungestüm brausender Kraft hinwegzuspringen gewohnt ist. Auf anderen, gewaltigeren FelSblöcken, deren scharfen Kanten man es ansieht, daß nicht die Finthen sie hierher gewälzt haben, wiegen sich junge Tannen und Birken, einsam wie ans einer Insel. An ein paar Stellen strecken noch unvollendete Gehäuse von Fabriken ihre langen Rinnen wie Rüssel nach dem Flußbette, um daS zum Treiben der Räder nöthige Wasser herbeizuleiten. Die vielfachen, kurzen Krümmen des Thales gewähren der Wanderschaft immer neuen, wechselnden Reiz. Immer scheint sich daS Thal im Hintergrunde durch dunkelgrün vordringende Berg- rücken zu schließen, und immer wieder öffnet es sich zu einer neuen Ueberraschung, immer wieder starren Klippen von Granit und Grauwacke dem Blick entgegen. Jetzt wirft sich die Straße rechts herum und— es ist keine Täuschung— da stäubt und sprüht ein Gießbach hoch von den Felsen herab. Hoffentlich wird das Wasser zu demselben nicht kunstvoll aufgestaut, wie bei dem Staubbach in der Schweiz. Milchweiß und flockig schwebt daS Wasser wie eine Wolke um den Gipfel der nackten Fels- wand, dann sprüht es silbern auf und hinab und wallt dann durchsichtig wie ein Gazeschleier herab. Dieser prächtige Wasser- fall gibt dem Thale ganz den Charakter der Alpeunatnr, und um die Täuschung zu vollenden, als befänden wir uns plötzlich in der Schweiz, so steht dem Wasserfalle gegenüber am Wege ein Gasthaus im Styl der Schweizerhänser. Drei wahrhaftige Kultnrkellner, in Kulturschwarz mit dem unvermeidlichen weißen Tellertuche unter dem Arme, springen uns an. Aber wir gehören nicht zu jener Klasse von Reisenden, welche erst zum Genuß der Natur erwachen, wenn sie von einer solchen weißen Serviette dienstbeflissen umbllcklingt werden. Wir schreiten vorüber. Eine neue scharfe Biegung deS Thale« verbirgt die Stätte des Komforts. Der Staubback bleibt noch sichtbnr und jetzt trifft ihn ein Sonnenstrahl, daß die zerstäubenden Tropfen wie Diamanten funkeln. Einige Minuten später wölbt eine Brücke ihren grauen Stein- bogen über die Oker, die sich hier mit der Kalbe vereinigt. Die schöne breite Straße nach Klausthal bleibt der Oker getreu. Wir schreiten links über die Brücke am Rande einer Schonung bergan. Das Brausen der Oker verhallt hinter uns. Je höher wir steigen, und mancher Tropfen Schweiß tränkt dabei den Wald- pfad, je einsamer erscheint die Natur. Ju dem Okerthale war es den Vögeln zu geräuschvoll. Hier oben singen und zwitschern sie lustig und zu den feinen Diskantstimmchen gurgelt ein un- sichtbares Rinnsal in der jungen Pflanzung einen bescheidenen Baß. Wie wir nach einer Weile aufathniend zurückschauen, liegen die guerdurchbrochcnen Ränder des Okerthales unter uns. Andere, langgestreckte Bergrücken heben sich zum Himmel empor. Endlich winkt unter den dunklen Tannen ein roihes Dach. Es ist die Wildmeisterei Ahrensberg. Vor dem Hause ist ein schmales Gärtchen voll blühender, duftender Blumen, und Blumen blühen in Töpfen hinter allen glitzernden Fenstern. Auf dem Hofe ist man mit Zubereitungen zum Feste beschäftigt. Ein Kalb ist eben geschlachtet worden. Ein hübsches Mädchen mit dunklen freundlichen Augen führt uns in die Wohnstube und bald dampft ein Kaffee vor uns. Die köstlichste Zuthat zu demselben ist der fette Rahm. Sein Bergkräuter-Geschmack sagt uns, daß wir auf der Höhe sind. Es war gar traulich in der Stube des Wildmeisters. Auch ein Klavier war vorhanden. Und als wir uns umschauten in der traulichen Wohnung, in der es gar still war, und einen Blick hinauswarfen auf die Föhren ringsum, da regte sich der Wunsch in dem Herzen: in dieser Einsamkeit, stundenweit entfernt von den nächsten Wohnungen der Menschen, möchtest du wohl ein Jahr deines Lebens hinbringen in Träume», Denken, Dichten. Das Leben rollt uns mit athemloser Hast unter den Füßen fort, und wer nie den Wunsch gehegt, sich auf einige Zeit aus feinen Strudeln in das Alleinsein mit der Natur und seinen Gedanken zu flüchten, der hat nie gelebt, denn er hat sich selbst nie besesien „Aber den Einsamen hüll' In deine Goldwolken! Umgib mit Wintergrün, Bis die Rose wieder heranreift, Die feuchten Haare, O Liebe, deines Dichters!" Die Liebe wird auch in diese Waldeinsamkeit eines Tagcö ein reizendes Jdhll hineinweben. Zwei liebliche Rosen blühen im Forsthause. Ein Jäger führt uns auf Richtsteigcn von der Wildmeisterei nach dem Tvrfhause. Es ist eine kräftig elastische Gestalt mit blondem Bollbart und strahlenden blauen Augen. Bergab und bergauf geht die Wanderschaft durch der Tannen ewiges Grün, David Livingstone(sprich Liwingstohn), der berühmle englische Afrikareisende, dessen Porträt sich Seite 345 befindet, wurde im Jahre 1817 zu Glasgow geboren; früh von dem„Wandertrieb" erfaßt, ging er 1840 als Missionär nach Südafrika, in's Kapland, wo er sich mit außerordentlichem Fleiß und Erfolg die Sprachen der Eingebornen aneignete. Bald ward die Bekehrung der Heiden ihm Nebensache: das Jnnere Afrika's zu erforschen, die Quellen des Nil zu entdecken— das war das große Ziel, welches ihm vorschwebte, das all' seine Gedanken beherrschte. Im Jahre 1851 trat er seine erste große Reise an, und seitdem hat er, bis zum Tag seines Todes, unablässig, mit kurzen Unterbrechungen, an der Lösung seiner Aufgabe gearbeitet. Auf Monate, auf Jahre war mitunter seine Spur verloren, bis er plötzlich wieder an irgendeinem unerwarteten, unbekanntem Punkt auftauchte— zahl- losen Gefahren, wilden Thieren, wilderen Menschen, giftigen Sumpssiebern trotzte er, so daß er ein gefeiles Leben zu führen schien. Biel, unend- lich viel verdankt die Wissenschaft dem bescheidenen, heldischen Mann. Am 15. August des Jahres 1875 traf ihn endlich der Tod bei Lobisa in Südafrika— fern von der Heimath, fern von der Familie und von Freunden, in wilder Natur, umringt von Wilden, die den„weißen Fremdling" mit rührender Anhänglichkeit pflegten, starb er auf dem „Schlachtfelde der Wissenschaft", dem Feld der Ehre. Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.— die das Laubholz allmählich vom Harz verdrängen. Ueberall, i wo Laubholz gefällt wird, werden wegen ihrer leichteren Kultur! und größeren Nutzbarkeit für den Bergbau Tannen nachgepflanzt.' Es wird in späteren Tagen wie eine Sage klingen, daß einst in diesen Thälern, auf diesen Höhen die schwanke Birke gelispelt, die mächtige Buche gerauscht habe. Hin und wieder treffen wir auf frische Spuren von Hirschen. I Unser Begleiter erzählt von der Roth der armen Thiere während j des letzten Winters. Da waren die Thiere gar zahm und ließen den Jäger nahe an sich herankommen. Sie wußten, daß er als ihr Freund kam und ihnen Nahrung brachte, welche die harte Natur versagte. Das Futterstreuen war aber keine leichte, ge- fahrlvsc Arbeit, denn der Schnee lag nicht selten zehn bis zwölf Fuß hoch, und der Jäger selbst bedurfte des Beistandes und mußte zuweilen von seinen Begleitern ausgegraben werden. Nun hat die schöne Jahreszeit eine neue Roth gebracht. Die Hitze I und Dürre des Monats Mai hat das Gras auf den Halden und Weiden gelb gebrannt. Da sind auch die Kühe übel daran. I Die abgestimmten Glocken der weidenden Heerde» tönten sanft melodisch, fast klagend zu uns her. So erzählte der Waidgesclle, unfern Sprachschatz mit manchem Jägerausvruck gefällig bereichernd. Endlich that er die Pfeife aus dem Munde und begann zu jodeln. Das hallte prächtig durch den Wald.— Wir kommen höher und höher, der Rundblick erweitert sich. Nun haben wir die Chausiee erreicht, welche von Harzburg herauf, am Torfhause vorüber nach dem Brocken führt. Hinter uns verschwimmt die Ebene im bläulichen Duft, Bergrücken und Höhen, die weiter und weiter hinter einander zurücktreten, begrenzen den I Blick, der ringsum über ein Meer von grünen Wipfeln schweift, und jetzt zeigt sich zu unserer Linken ganz nah in völliger Klar- 1 heit der Brocken. Wir sehen die Fenster des Brockenhauses in der Sonne blinken. Eine Wolke schwebt hoch über dem weißen Brockenthurm. Der Förster im Torfhausc heißt uns in herzlich schlichler Weise willkommen. Seine Frau kommt dazu, um den Küchen- zettel für das Abendesien zu machen, das ist unsere erste Sorge, denn wir haben einen so rechtschaffenen Hunger, wie er nur i» der frischen Berglust nach tüchtigem Steigen gedeiht. Das Esien läßt glücklicherweise nicht lange auf sich warten, und die Frau Försterin wird uns das Zeugniß geben, daß wir ihrer Küche alle Ehre angethan haben. Sie sind ein hübsches, noch junges Paar, unsere Wirthe, schlank und hochgewachsen und markig wie die Harztannen. Ihr freundlicher Empfang, die gute Küche, das gute Bier lassen uns unseren anfänglichen Vorsatz aufgeben, aus dem Brocken zu übernachten. Hier ist gut Hütten bauen. Die Fenster des Familienzimniers, in dem wir tafeln, und dessen Wände mit unzähligen Hirschgeweihen, den Jagdlrophäen des Försters, geschmückt sind, lassen uns immer den Brocken im Auge behalten.(Schluß folgt.) Spruche uns dem Munde der Völker. Gesammelt von Z. 3. (Spanisch.) Mas qniero asno quo nie lleve, que cavallo quo nie derrueque. Mehr ist ein Esel, der mich trüget, werth, Als wenn es mich herunterwirft, ei» Pferd. Mucho pide el loco, rnas loco es el que lo da. Ein Narr, wer allzuviel begehrt; Ein größrer Narr, wer es gewährt. .(Wl Einhia al saldo a la ernbajada, y uo le digas nada. Schick' als Gesandten einen Weise», Und lass' ihn ohne Auftrag reisen. l.a niano cuerda no haze todo lo qus dice la lengua lora.( Hand des Weisen thuet nicht, Was des Thoren Zunge spricht. Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.