Goldene und eiserne Ketten. Erzählung aus schweren Tagen von C. Lübeck. (Fortsetzung.) Sie sprachen auch über die seltsame alte Frau, welche Blumenthal getroffen, und Berner sagte:„Da sehen Sie es wieder, wie die Verhaltnisse die menschlichen Charaktere gestalten. Was hätte aus diesem Förster nicht für ein nützliches Glied der Gesellschaft werden können, wenn er in gesunden Berhältnifsen geblieben wäre." Der Abend war hereingebrochen als Blumenthal sich auf den Heimweg machte. Schwarzes Gewölk trieb am Himmel dahin und Gewitterschwüle lastete auf der Gegend. „Das Schicksal spiegelt der Himmel wieder, das sich über Falkenburg zusammenzieht," sagte Berncr, der Blumenthal das Geleit gab.„Gewitterhaft must aber auch der Schlag diese hochgeborne Gesellschaft treffen." „Das soll er!" rief Blumenthal.„Unter dem Blitzregen soll sie gar nicht zu Athem kommen." „Für mich soll der heutige Tag ein besonders glücklicher sein," sagte Berner. „WeShalb?" fragte Blumenthal. „Bisher war meine Wirksamkeit eine beschränkte. Ich konnte nur rathen und trösten, und dabei wohl hin und wieder e n Samenkorn in die Herzen streuen, aber jetzt kann ich mit vollen Händen Sturm säen, unfern Freunden an einem naheliegenden Beispiele klar machen, wie morsch und faul unser Gesellschafts- bau ist. Sie sollen sehen, was für eine herrliche Frucht dieser Saat entsprießen wird." „Wenn ich doch mehr als meinen Glückwunsch zu Ihrem Werke beisteuern könnte!" rief Blumenthal.„Würden mich nicht Verträge binden, ich bliebe an Ihrer Seite und würde Ihr Kampfgenosse." „Am Ziele Ihrer Wanderung finden Sie ein, wenn auch nicht so düsteres, aber doch ebenso reiches Arbeitsfeld," sagte Berner. „Dort können Sie ebenso, vielleicht noch mehr als hier nützen." „Ich habe es mir gelobt," rief Vlumenthal.„Sie können überzeugt sein, daß ich, wo ich es nur irgend vermag, unserer guten Sache nützen werde. Und wenn mich in der Heimath die Freunde nach Schlesien fragen, dann werde ich ihnen sagen, daß es im allgemeinen eine Wüste ist, aber hier und da gebe es doch schon eine Oase darin. Will man nähere Auskunft von mir, dann nenne ich Waldau und Schönenberg, unsere armen Dörfer. Sind sie heut auch noch wüst und leer, so schwebt doch schon der Geist der Freiheit darüber, und in den Herzen der armen Bewohner geht jene Saat auf, von der Sie sprachen, die Saat der Erkenntniß, die Saat der Freiheit und Menschenliebe, die Saat des Sturms, welche ans jeder Wüste ein Paradies schaffen und aus Ruinen neues Leben erwecken kann. Und fragt man mich weiter, wem man dies Alles verdankt, dann will ich mit Stolz..." „Nichts da, lieber Freund, wenn ich nicht zürnen soll," unter- brach ihn Berner.„Wollen Sie anregend, ermuthigend wirken, dann weisen Sie meinethalben auf unsere Dörfer hin, die trotz Noth und Elend doch auf die Straße der Freiheit gelangt sind, aber Personen und Namen lassen Sie aus dem Spiele. Unsere Freunde müssen sich daran gewöhnen, das, was sie für die gute Sache thun, als eine einfache, selbstverständliche Pflichterfüllung. und nicht als eine rühmliche Tugend zu betrachten. Ich habe bisher nur gehandelt, wie Vernunft und Herz es mir eingaben und wie ich handeln mußte." „Wenn man einen Schatz besitzt, ein Kleinod, dann möchte mar. es gern denjenigen Augen zeigen, die daran Freude empfin- den," sagte Blumenthal;„den Freunden— den Freund, und das werde ich mir nicht nehmen lassen!" Sie sprachen noch von Blumenthal's Leben in der Ferne, und die Aussicht auf die nahe Trennung stimmte sie weich; tief bewegt schieden sie von einander, und fast zitternd erklang das herzliche„Gute Nacht", womit sie von einander Abschied nahmen. Gedankenvoll schritt Blumenthal dahin, dunklen Gestalten begegnete er auf seinem Wege; den Pfarrer glaubte er zu er- kennen, auch Heilmann, und im Walde sah er die hohe Gestalt deS Försters geisterhaft auftauchen— doch unbehelligt erreichte er das Schloß. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. In der Nacht hatte sich das Gewölk, welches am Abend den Himmel bedeckte und auf Sturm und Regen deutete, wieder ver- zogen, und aus klarer heiterer Höhe sandte am nächsten Morgen die Sonne ihre Strahlen hernieder. Ihr erster Morgengrust traf Doktor Wiescr bereits im Garten, wo er unter seinen Blumen und Sträuchern ordnend thätig war. An einem Beete, das Blumen trug, kauerte er und säuberte es vom Unkraut, das ihnen die Nahrung streitig machte. An seiner Seite stand Egler, gegen einen Obstbaum gelehnt, zu seinen Füßen eine Gießkanne mit Wasser, das er dem Doktor geholt. Sinnend sah er ihm zu.. „Als ob es unvertilgbar wäre, dieses Unkraut!" sagte der Doktor.„Das kann man wirklich alle Tage ausreißen, und immer wieder wuchert eS empor." „Ist eS nicht mit den Blumen wie mit den Menschen, Herr Doktor?" entgegnete Egler.„Den stolzen Blumen, die vor dem Unkraut nur den Vorzug der Schönheit besitzen, wendet man alle Lebenskraft des Bodens zu, und die niedrigen Pflanzen, die Nie- mand pflegt, die mühsam ihr Dasein erkämpfen müssen, die reißt man aus, grade so, wie eS Unsereinem geschieht." „Das stimmt nicht, lieber Egler," antwortete der Doktor, den Kopf schüttelnd.„Wie die Blumen hier im Beete, so sollte» die Menschen allesammt grünen und blühen. Dazu haben sie ein heiliges Recht, und wer ihnen die Mittel zu einem glücklichen Dasein verkümmert, wer sich voui Schweiß und Blut seiner Mit- menschen sättigt, der ist gleich dem Unkraute hier, das man ans- reißen muß." Des Doktors Gesicht hatte sich verfinstert, und etwas heftig schüttelte er aus den Wurzeln einer Nessel die Erde. „Da gibt es Manche, die wollen erziehen und bessern!" rief er. „Nun machen Sie einmal aus der Nessel etwas Vernünftiges, erziehen Sie einmal! Ich sage immer: Unkraut bleibt Unkraut sein Leben lang, da ist Erziehung Unsinn." „Aber sind wir denn heute nicht das Unkraut, Herr Doktor? Behandelt man uns nicht wie die Nesseln? Dürfen wir unsers Daseins froh werden, leben, wie es die.Blüthe des Volkes' kann?" In Egler's Augen leuchtete wieder jenes düstere Feuer auf, das wir bereits mehrfach an ihm bemerkt. Seine Hände hatten sich geballt und ein Zug mühsam zurückgehaltenen Zornes lag auf seiner Stirn. Der Doktor war von seiner Arbeit aufgesprungen und trat dicht an Egler heran. Mit erregter Stimme sagte er:„Ja wohl, ja wohl, das Unkraut! Wer aber sagt das? Ist nicht diese ,Blüthe der Nation', die sich selbst zur Blüthe gemacht, das wahre Unkraut? Aber die Stunde kommt, in der man diese sogenannten Blüthen abschütteln wird, die des Volkes Säfte auf- zehren! Dann wird man nicht mehr erziehen, dann wird man nur ausreißen— nur ausreißen!" Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Man sah es seinen hastigen Bewegungen an, wie aufgeregt er war. Egler hatte seine Worte kopfnickend aufgenommen. „Ich habe nun daö Buch gelesen, das Sie mir gaben, Herr Doktor," sagte er nach einer längeren Pause.„Es war doch eine schreckliche Zeit, die der französischen Revolution...." „Eine große, eine große, lieber Egler," verbesserte ihn der Doktor, ohne von seiner Arbeit aufzusehen. „Gewiß, eine große," sagte Egler,„aber doch auch eine schreckliche. In Strömen ist das Blut geflossen..." „Wie hier der Sand von den Wurzeln rieselt," siel ihm der Doktor in's Wort.„Will man Unkraut ausrotten, dann darf man sich nicht an Kleinigkeiten stoßen. Noch ärger wäre das Blut geflossen, wenn der Aderlaß von der, Blüthe der Nation' vorgenommen worden wäre." „DaS glaube ich auch," sagte Egler.„Bei uns in Preußen ist aber an eine solche Rache des Volkes nicht zu denken," fügte er hinzu. Der Doktor sprang wieder lebhast auf.„Glauben Sie das nicht," rief er.„Wenn unsere hohen Herrschaften auf weichen Kissen von des Tages Mühe sich erholen und von blutigen Träumen aus dem Schlafe geschreckt werden, dann lügen sie sich etwas vor von der Sanstmuth des Volkes, von seiner Geduld und guten Erziehung, und dann schlafen sie beruhigt weiter. Aber es ist Selbstbetnig, lieber Egler, reiner Selbstbetrug. Wenn der Hunger treibt, dann hört die Geduld auf, die Erziehung geht in die Brüche, die Gutmüthigkeit zum Teufel und der Haß bleibt übrig und die Rache!" „Wenn die Stunde des Erwachens kommt," fügte er sehr ernst hinzu,„dann wird man die Früchte seines Handels ernten. Absichtlich hat man die Masse bei unö roh gelassen, damit sie desto leichter von Polizei und Pfaffen gelenkt werden kann und nie die Beraubung empfindet, die sie alltäglich erdulden muß. Ich sage Ihnen, eine entsetzliche Vergeltung wird man erleben, ein Blutgericht, welches das des französischen Volks noch über- treffen wird." Wieder kehrte der Doktor zur Arbeit zurück. In diesem Augenblick näherte sich ein eiliger Schritt. Ein junger, etwas schmächtiger Mann, mit blassem, krankhaftem Gesicht, kam heran und begrüßte in vertraulicher Weise den Doktor und Egler. ES lag etwas EdleS in seinem Gesichte, die Stirn war hoch und breit, die Augen ausdrucksvoll. Die scharf geschnittene, etwas gebogene Nase und der kleine kecke Bart darunter ließen den Polen erkennen. Diese Annahme wurde durch die nicht ganz reine, im übrigen aber wohlklingende Sprache bestätigt. „Ei ei, Herr Kreissekretär KinSky!" rief der Doktor.„Für Sie wäre es doch besser gewesen,»och einige Stunden zu schlafen. Wenn Sie die Periode der Genesung so unvorsichtig einleiten..." „Keine Vorwürfe, Herr Doktor," bat der junge Mann, ihm die Hand reichend.„Ich hatte eine schlaflose Nacht und bin zufrieden, dem Bette entronnen zu sein." „Dunkle Ränder um die Augen? Ueberanstrengung? Was sind das für Geschichten, Herr KinSky!" sagte der Doktor, einen prüfenden Blick auf seinen Besuch werfend. „Sie werden bald keine Ursache mehr zur Klage haben. Ich erhalte einen Ersatz und kann nun auf meinen Lorbeeren aus- ruhe»." Es lag etwas Bitteres im Klange seiner Stimme. „Einen Ersatz?— Sie setzen mich in Erstaunen!" rief der Doktor.„Was bedeutet das?" „Und was für einen!" rief der Kreissekretär mit der gleichen Bitterkeit in der Stimme.„Einen hochgräflichen Ersatz! Ja, Sie werden erstaunen. Zu meinem Nachfolger ist der junge Gras von Falkenburg ausersehen." Egler fuhr bei diesem Namen zusammen, seine Stirn legte sich in Falten und seine Blicke verfinsterten sich. „Nicht möglich!" sagte der Doktor.„Dazu fehlt ihm ja Alles, er besitzt gar keine Bildung— ist ein bonurter Kerl, und dann ist er ja noch Offizier." „Er ist Offizier aus dem gleichen Grunde geworden, wie tausend Andere seines Standes," erwiderte der Kreissekretär.„Er dient nur so lange, bis die Militärbehörde sich von seiner voll- ständigen Unbrauchbarkeit überzeugt hat und ihm den freundschaft- lichen Rath gibt, sich pensioniren zu lassen. Dann steht er am Ziele seiner Wünsche. Für ein paar Jahre Schlaraffenleben erhält er vom Staate den Abschied mit Beförderung und eine anständige Pension. DaS passirt alltäglich." „Was sich natürlich mit dem so überaus zarten Ehrgefühl dieser adligen Herren wohl verträgt!" rief der Doktor voller Zorn. „Das nennt man Gerechtigkeit!" sagte Egler, höhnisch auflachend. „Aber ein Graf Falkenburg, ein so hochnäsiges Thier— Kreissekretär?!" sagte der Doktor. „Nehmen Sie es nicht so genau mit dem Titel. Die Er- lauchr, arbeitet sich ein', unser Landrath wird wahrscheinlich in Würdigung seiner außerordentlichen Thätigkeit für das Wohl der Provinz eine hohe Stellung in der Provinzialregierung bekommen und sein Gehülfe— wird sein Nachfolger!" „Außerordentliche Thätigkeit für das Wohl der Provinz! Das ist doch zum Todtlachen. Ein Rindvieh geht, ein Schaf kommt— so ist eS richtig. Ja, ja, lieber Egler, wem Gott gibt ein Amt, dem gibt er auch Verstand— wenn er nämlich zum Adel gehört!" rief der Doktor, mit einer Handbewegung sich zu Egler wendend.„Da kann ein Kerl so dumm wie ein Rind- vieh sein, er erhält trotzdem sein Amt und ein gutes Gehalt. Im übrigen hilft dann Gott weiter— aber adlig muß solch ein Geschöpf sein." „Ich soll natürlich bleiben," fuhr der Kreissekretär fort. „Aber ich habe gestern meine Stelle gekündigt. Sie wissen, sie war mir zuwider. Wenn ich irgend etwas hätte nützen können, dann würde mich das ausgesöhnt haben. Aber wenn ich etwas Gutes in Vorschlag gebracht, Geld für die Armen gefordert, dann habe ich stets tauben Ohren gepredigt, dann sind so unzählige Adelsgeschichten vorhanden, die doch nothwendigerweise den, Bette- leien' vorgehen, daß meine bescheidenen Wünsche stets schweigen mußten. Und welcher Wurm mir sonst am Herzen nagte," fuhr er seufzend fort,„das wissen Sie ja! Aber lassen Sie uns davon schweigen. Ich bin mit einer wichtigen Nachricht gekommen: Berner schwebt in großer Gefahr." „Teufel!" rief der Doktor,„waS gibt'S denn?" „Sein Untergang ist beschlossen. Heute findet eine Schul- Visitation statt und seine Verhaftung." „Sprechen Sie weiter!" sagte der Doktor,„was für ein Höllenplan wird da zum Vorschein kommen!" „Der Pfarrer und der Konsistorialrath waren spät Abends noch da..." „Die Lichtfreunde!" rief der Doktor, mit dem Fuße stampfend. „Sie forderten die Verhaftung Berner's, da er naturwissen- schaftliche Bücher der schlimmsten Art besitzen und nicht christlich lehren soll." „Natürlich ist Ihr Landrath darauf eingegangen! Das Abfangen eines vernünftigen Menschen trägt doch mindestens einen Orden ein." „Die Verhaftung Berner's war schon beschlossen, als die Schwarz- röcke kamen. Er hatte gestern einen Konflikt mit einem Gensdarm." „Mit einem Gensdarm? Nicht möglich!" rief der Doktor. „Er halte sich dem Transporte des Webers Frömmelt wider- setzt, und wohl mit Recht, denn auf dem Wege ist der alte Mann todt zusaniiiieugebroche». Nun hat der Gensdarm eine Denunziation gegen ihn eingereicht und seine Verurtheilung ist gewiß. Er soll mit einem Stocke den Gensdarm überfallen und mißhandelt haben." „Dabei soll man nun ruhig bleiben!" sagte der Doktor, während er wieder aus- und ablief.„Man möchte mit Keulen dreinschlagen. Aber dgs ist nicht wahr, seine Unschuld muß sich herausstellen." „Der Gensdarm hat die Geschichte auf seinen Diensteid gc- nommen, und damit ist der Beweis erbracht." „Läßt sich nichts zu Berner's Rettung thun?" fragte Egler, der bisher in finsterm Schweigen verharrt hatte. „Mir schwindelt der Kopf," rief der Doktor.„Man möchte aus der Haut fahren. Aber etwas muß geschehen. Lieber Herr Kinsky, Sie müssen mir einen Gefallen thun; ich brauche einen Paß, Name gleichgiltig, nach Frankreich, England, Amerika— wohin Sie wollen. Nur schnell muß ich ihn haben. Diese Schmach! Diese Schmach! Im Jahre 1843 muß die Wissen- schast sich verstecken. Aber es ist gut, es ist sehr gut, daß es so kommt, je ärger, desto besser— mögen sie nur immer rasen, sie bringen sich dabei selbst um. Nicht wahr, lieber Herr Kinskp, ich darf ans einen tadellosen Paß rechnen? Im Gefängniß stirbt uns der Berner; das darf nimmer geschehen, daß sie ihn einsperren." „Sie sollen zwei Pässe haben," antwortete der Kreissckretär. „Ich brauche nur einen," sagte der Doktor. „Der andere ist für Herrn Blumenthal, gegen den bis zur Stunde zwar noch nichts vorliegt, für den aber doch schon eine Zelle in Bereitschaft gesetzt wird." „Was, Blumenthal auch?" rief der Doktor.„Das wird ja immer schöner!" „Er hat auch einen Konflikt mit demselben Gensdarmen ze- habt, hat ihn gröblich beleidigt— aber das ist es nicht, was ihm Gefahr droht; er ist hochverrätherischer Unternehmungen verdächtig, ein geheimer Polizeiagent ist auf ihn losgelassen." „O, diese Teufelei!" sagte der Doktor.„Uud da reden die Menschen noch vom Erziehen. Mit Pulver in die Luft gesprengt, diese ganze vermoderte Gesellschaft. DaS ist die einzig richtige, die beste Erziehung! Lieber Herr Kinskp, verschaffen Sie mir Nummer Zwei, es ist auf alle Fälle gut. So leicht soll es der Bande natürlich nicht werden. Sie haben den Krieg gewollt, sie sollen ihn haben. Jetzt kommt es auf schnelles Handeln an. Lieber Herr Egler, Sie müssen mitwirken, sich auf den Weg zu Berner machen, ihm Alles erzählen, was Sie gehört, er soll sofort die Bücher beiseite schaffen, es ist schmählich, aber es bleibt nichts Anderes übrig. Er soll Blumenthal warnen, ihm verbieten, im Laufe des Tages zu irgend einem Menschen ein Sterbens wörtchen zu sprechen, er soll stumm sein wie ein Fisch." „Ich mache mich gleich auf den Weg, Herr Doktor," erklärte Egler.„Alles soll auf's beste ausgeführt werden." „Sie nehmen meinen Wagen, dann wird die Geschichte nicht auffallend, man meint, Sie fahren spazieren; schlagen Sie auch eine andere Richtung ein, dann aber so scharf wie möglich nach Schönenberg gefahren. Ich werde dem Kutscher übrigens noch Weisung geben.— Mit Ihnen, Herr Kinskh, habe ich noch Einiges zu sprechen; kommen Sie mit mir auf mein Zimmer, ich kann mich dabei ankleiden." Sie gingen Alle in's Haus. In seinem Zimmer erzählte der Doktor, während er die Kleidung wechselte, dem Kreissekretär, was er von Blumenthal erfahren.„Sie sehen, die Dinge stehen noch nicht so ungünstig. Ich suche mir den Landrath auf, setze ihm die Pistole auf die Brust, und das wirkt vielleicht. Es wäre leicht möglich, daß wir die Pässe gar nicht brauchten." „Vielleicht jetzt erst recht, da man nun ein Interesse daran hat, die gefährlichen Menschen unschädlich zu machen." „Aber ich weiß davon!" rief der Doktor. „Was hilft es, wenn Sie keine Zeugen mehr haben— und wie man jene unschädlich machen kann, so kann man auch Sie beseitigen." Der Doktor schwieg einen Augenblick betroffen, dann sagte er:„Das wollen wir doch abwarten. Greift die Meute mich an, dann soll sie einen Bären finden." „Vielleicht kann ich Ihnen noch vor meinem Abgänge Mate- rial liefern, das Ihre Zähne zu schärfen vermag." „Bleiben Sie nun dabei, nach Polen zu gehen?" fragte der Doktor.„Sie sollten doch noch reiflich überlegen." „Sie wissen, welche glühenden Wünsche für mein armes Vaterland mich beseelen," antwortete der Kreissekretär mit einem Anfluge von Begeisterung in seinen Augen.„Es ist bei mir Grundsatz geworden, den Bedrückten zu dienen, wo ich kann, gleichgiltig auch, welcher Nationalität sie angehören mögen," fügte er ernst hinzu.„So viel ich vermochte, habe ich hier gewirkt und mich immer mit der Hoffnung getröstet, es würde doch endlich einmal Vernunft in unsere Verwaltung kommen, aber ich stehe am Ende meiner Hoffnungen." Er seufzte tief auf.„Sie hatten vorhin recht, dem Rindvieh folgt ein Schaf. Tausende von Menschen sind bereits an der Unfähigkeit der Regierung, dem Egoismus der Aristokratie und dem Formenkram der Bureaukratie zugrunde gegangen, noch viele Tausende werden ihnen folgen, bis das ganze Geschlecht des Hungers ausgestorben ist, und unaufhaltsam ist bei unseren Zuständen die Weiterentwicklung des Verderbens." „Das habe ich immer gesagt!" rief der Doktor.„Bei unseren Zuständen ist an keine Rettung zu denken." „Wollte ich auch noch bleiben, ich könnte es nicht," fuhr der Kreissekretär fort;„man verlangt von mir, das, lumpige VolP mit seinem ewigen Hunger,— das für den Staat nur eine Last sei— links liegen und ruhig zugrunde gehen zu lassen, mich nicht um Dinge zu kümmern, deren Erinnerung in den höchsten Kreisen nur Unwillen erweckt. Nun sagen Sie selbst, Herr Doktor— kann ich unter solchen Umständen bleiben?" Der Doktor schüttelte den Kopf.„Eine Teufelswirthschast!" rief er.„Nur vom Steuer- und Militärstandpunkte aus wird der Werth des Volks bemessen, wie man eine Schafheerde nach Fleisch und Wolle taxirt. Dafür dürfe» wir uns auch Staats- bürger nennen," fügte er voller Hohn hinzu.„Wie das nun werden soll, wenn Sie fortgehen, das ist mir noch ein Räthsel. Waren Ihnen die Flügel auch beschnitten, so konnten Sic doch hier und da helfen." „Das würde ganz aufhören, wenn der neue Landrath da ist. Der weiß von den Armen noch weniger als der jetzige Landrath. Da ziehe ich es vor, nach Polen zu gehen. Drüben regt es sich wieder. Alan sagt, die Bauern planen eine Revolution, man spricht auch von Kommunisten. Da kann ich mich vielleicht nützlich Heinrich Wuttke.(Siehe Seite 416.) machen, mein armes Vaterland bedarf jedes Arms. In Ihren Augen ist freilich Vaterlandsliebe keine Tugend...." „Ihre Vaterlandsliebe ist zu ehren," unterbrach ihn der Doktor.„Wenn ich gegen die Patrioten eifere, dann geschieht es nur gegen das gedankenlose Volk oder kriechende Gesindel, das seinen Patriotismus allein im Feiern von.Königsgeburtstag', im Brüllen des.Heil dir im Siegerkranz', im Aufschneiden, im De- nunzircn und all' den anderen herrlichen Tugenden erblickt, die bei uns unter der schützenden Hand der Polizei wie Pilze aus der Erde schießen. Aber sich als den Angehörigen eines Unglück- lichen, um seine Freiheit ringenden Volks bekennen, das ist würdig, darin liegt wahrer Nationalstolz. Deshalb denn auch meinen Segen, d. h. meinen ehrlichen Glückwunsch, und verschlägt Sie der Sturm einmal wieder an unsere Küste, dann wissen Sie, wo Sie das HauS eines Freundes zu finden haben." „Die Erinnerung an Sie, Herr Doktor, wird mich nie ver- lassen," sagte der Kreissekretär mit Wärme.„Unendlich viel ver- danke ich dem Verkehr mit Ihnen, dem guten Beispiel und den guten Lehren...." „Still, still davon," sagte der Doktor, abwehrend die Hand erhebend.„Und nun lassen Sie uns aufbrechen, ein arbeitsvoller Tag liegt vor mir." „Vormittags noch sollen Sie die Pässe haben." Der Kreissekretär entfemte sich, der Doktor ging nach dem Stall, um seinem Kutscher die nöthigen Weisungen für die Aus- fahrt Egler's zu geben.(Forlsetzung folgt.) 409 pie Kröettsmanner. Solo Ten. I. A. Douai. m a: Wer schafft das Gold zu Ta- ge? Wer häm-mert Erz und Stein? Wer we. bet Tuch und Sei-de? Wer Brummstimmen. •» fee= -(2-- =m=+=«= -- ifc pz-— i- =!�=P=P � � � MWWM bau- et Korn und Wein? Wer gibt den Rei» chen Schweiß und Blut? und al- lc Schä- tze, Geld und Gut? M t.-- �=p5r=--- J- 8■- 8 1 �?'* WZ Solo Basso II. Brumm stimmen. v* Tulti. ö i�r J—-J, Das sind die Ar- beitS- man»»er, »•*-— 1_ Das sind die Ar- beitS-man-»er, das Pro- le- ta- ri- at. � � 1' I � ♦ das sind die -__ /'■'' 1_1 » 7 ZZÜ WS das sind die Ar- bcits-män- ner, h � I J ,__»■__«J__»___ 0 ']>) i.- � j �---" �! WMS -I- �77- 7- fff - j r? S Ar beits-män-ner, T �N=7 7�7 Ar das sind die Ar- beitS-män-ner, das Pro- le- ta- ri- at �.>!>> >-f- J. See I beits- man- ner, das sind die, das sind die Ar- beits-män-ner, das ist das Pro-lc- ta- ri- at 2. Wer plagt vom frühen Morgen Sich bis zur späten Nacht? Wer bietet And'ren Nahrung, Bequemlichkeit und Pracht? Wer bahnt der Weltgeschichte Lauf Und blickt doch stets„von Unten auf"? f: Das sind die Arbeitsmänner, das Proletariat:> 3. Wer war im Baterlande Von jeher ohne Recht, Und mußt' es doch beschützen Im blutigen Gefecht? O Volk, erkenn', daß Du es bist,______ Das siegend auch-geschlagen ist! � |: Wacht auf, Ihr Arbeits uiänner, aus Proletariat!:j 4. O schaaret Euch zusammen Und schwört zur Fahne roth! Erkämpft Euch Eure Freiheit, Zerbrecht das Joch der Roth! Zerstört der Menschenfeinde Bund, Schafft Frieden dann dem Erdenrund! \: Voran Ihr Arbeitsmänner; auf Proletariat! 5. Ihr habt die Macht in Händen, Wenn Ihr nur einig seid! D'rum haltet fest zusammen, Dann schwindet alles Leid! Eilt immer vorwärts, wie die Zeit, Und harret tapfer aus im Streit; j: Dann siegt Ihr Arbeilsinänner, das Proletariat!:j 3. SJloil. 4111 Wilheli! Lon Fried VIII. Zu der„Neuen Rheinischen Zeitung" vom 14. April kommt Wolfs uns das Jagdrecht zu sprechen, das 1848 unentgeltlich aufgehoben worden war, dessen Wiederherstellung oder Abkaufung durch eine„Entschädigung" die Herren Junker damals mit lauter Stimme verlangten. „Die Heiligsprechung des Wildes brachte es mit sich, daß man lieber eine Kanaille von Bauer erschoß als einen Hasen, ein Rebhuhn oder ähnliche eximirte Geschöpfe. Beim Jagen mit Treibern, aus den lieben Dorfunterthanen genommen, genirte man sich nicht sehr; wurde auch einer der Treiber angeschossen oder todt hingestteckt, so gab's höchstens eine Untersuchung, und damit basta. Außerdem sind uns aus jener dominialen Glanz- Periode mehrere Fälle bekannt, wo der noble Ritter dem oder jenem Treiber eine Ladung Schrot in die Beine oder in den Hintern schoß— zum reinen ritterlichen Privatvergnügen. Auch außerhalb der eigentlichen Jagd trieben die Herren Ritter solche Kurzweil mit Passion. Wir erinnern uns bei solcher Gelegen- heit stets des Herrn BaronS, der einem Weibe, das gegen sein Berbot auf dem abgcärnteten herrschaftlichen Acker Aehren las, eine Portion Schrot in die Schenkel jagte und dann beim Mit- tagsmahl in einer auserlesenen raubritterlichen Gesellschaft seine Heldenthat mit unverkennbarer Selbstbefriedigung erzählte.... Dagegen hatte» die geliebten Dorf-Unterthanen bei den groß- herrschaftlichen Treibjagden die Freude, als Treiber roboten (Dienst tbun) zu müssen. Jeder Wirth, d. h. jeder Ackerbesitzer und jeder Häusler wurde angewiesen,, morgen in aller Frühe' einen Treiber zur großen herrschaftlichen Jagd auf so und so viele Tage zu stellen. Es mußte freilich den Herren Rittern das Herz vor Wonne klopfen, wenn an kalten, nassen Oktober- und Novembertagen eine Hetze schlechtgekleideter, oft barfüßiger, hungernder Dvrfinsassen neben ihnen hertrabtcn. Die Karbatsche hing an der Jagdtasche zu Nutz und Fromme» für Hund und Treiber. Die beste Portion pflegte Letzterer davon zu tragen... Andere Ritter legten sich große Fasanerien an... wehe der Frau oder der Magd, die unvorsichtig oder aus Mangel au Spürkraft beim Grasen einem Fasaneunest zu nahe kam und die Henne störte... wir sind selbst in unserer Jugend Augenzeuge gewesen, wie eine Bauersfrau aus besagtem Grunde von einem jungen Raubritter auf's Barbarischste, auf's Viehischste mißhan- delt und zum Krüppel geschlagen wurde, ohne daß ein Hahn da- nach gekräht. Es waren arme Leute, und zum Klagen, d. h. zum Prozessiren, gehört Geld und dann auch einiges Vertrauen zur Justiz, Dinge, die bei der Mehrzahl des fchlesischen Land- volks theils spärlich, theils gar nicht anzutreffen. „Knirschend vor Wuth hat es der Landmann ansehen müssen, wie die ritterlichen Herren mit oder ohne ihre Jäger, oder wie diese allein über sein mit Mühe und Roth angebautes Feld zcr- tretend und verwüstend einherjagten, wie sie keine Feldfrucht schonten, ob hoch oder niedrig, ob dick oder dünn. Mitten durch oder drüber hinweg ging's mit Jägern und Hunden. Wagte der Bauer Einsprache, so war im mildesten Falle Hohnlachen die Antwort; den schlimmeren hat so Mancher an seinem mißhan- delten Körper erfahren. Den Kohl auf dem Felde des Bauern suchte sich der gottbegnadete eximirte Hase zu seiner Atzung aus, und seine Bäume pflanzte der Landmann, damit der Hase im Winter seinen Hunger stillen konnte... aber dieser Schaden steht noch in gar keinem Verhältniß zu dem, welchen ihm Roth- und Schwarzwild angerichtet, das... im größten Theile Schle- siens gehegt wurde. Wildschweine, Hirsche und Rehe durch- wühlten, fraßen, zertraten oft in einer Nacht, was dem Bauer oder dem„kleinen Mann" für's ganze Jahr zum linterhalt und zur Bezahlung der Steuern und Abgaben dienen sollte. Aller- dings stand eS dem Beschädigten frei, auf Ersatz zu klagen. Es� haben's auch Einzelne und ganze Gemeinden versucht. Da��. Wolfs. ich Engels. gebniß solcher Prozesse wird sich Jeder selbst sagen, der in seinem Leben von dem altpreußischen Beamtenwesen und Richterstande und dem Prozeßverfahren auch nur eine entfernte Idee erlangt hat... nach unendlichem Schreiben und Terminiren erlangte der Bauer, weun's Glück günstig war, in ein paar Jahren ein Ur- theil gegen den Gnädigen, und wenn er sich das bei Lichte be- sah und Alles nachrechnete, so stand er erst recht als der Ge- prellte da... Die Zahl der Dörfer aber, auf deren Rustikal äckern seit'60 Jahren, und von Jahr zu Jahr ärger, die gott- begnadeten Wildschweine, Hirsche und Rehe verwüstend gehaust, beträgt über 1000. Wir kennen mehrere derselben, die lange nicht zu den größten gehören, denen bloß das eximirte Hochwild ein Jahr um's andere jährlich 2—300 Thlr. Schaden vcrur- sacht hat." Und wenn nun der Adel eine Entschädigung fordert für Abschaffung dieses Jagdrecksts, so stellt Wolff dieser Forde rung die andere gegenüber:„Bolle Entschädigung für allen Wildschaden, für alle Verwüstungen, die seit 30 Jahren von gottbegnadeten Rehen, Hirschen, Wildschweinen, und von den Herren Rittern selbst auf unfern Fluren angerichtet worden, das heißt in runder Zahl: „Eine Entschädigung von mindestens 20 Millionen Thalern!" Den Schluß des Ganzen(„Neue Rheinische Zeitung" vom 25. April 1840) bildet ein Artikel Uber den polnischen Theil der Provinz, Oberschlesien, das im Herbst 1847 von einer Huugersnoth betroffen wurde, so schlimm, wie sie gleichzeitig Jr- land entvölkerte. Wie in Irland, brach der Hungertyphus auch in Oberschlesien aus und verbreitete sich pestartig. Im folgenden Winter brach er hier auf's Neue aus, und zwar ohne daß eine Mißernte, Ueberschwemmung oder sonstige Calamität eingetreten wäre. Wie erklärt sich dies? Wolff antwortet: »Zur größeren Hälfte ist der Grund und Boden in de» Händen großer Grundbesitzer, des FiSkuS(Staats) und der todten Hand. Nur'*/'■> der gesammten Ländereien sind in den Händen der Bauern und mit Frohndeu und Abgaben an die Gutsherren, wie mit Steuern an den Staat, an Kirche, Schule, Kreis und Gemeinde auf's Unglaublichste und Schamloseste überlastet, wäh- rend die gnädigen Herren im Verhältniß zp den Bauern höchstens eine wahre Lumperei an den Staat entrichten.... Wenn der Tag der Rente kommt, werden die Silberzinse mittelst der Knute vom Bauern eingetriebew, wenn er sie nicht freiwillig zahlen will. Und so zwangen Mangel an Kapital und Kredit, und Ueberfluß an Abgaben und Leistungen an die Raubritter wie an Staat und Kirche den Bauer, sich dem Juden in die Arme zu werfen und in den Schlingen des psiffigen Wucherers ohnmächtig zappelnd zu verenden. „In der langen Erniedrigung und Knechtschaft, worin das vberschlesische Landvolk durch die christlich-germanische Regierung und ihre Raubritterschaft darnieder gehalten worden, hat der Bauer seinen einzigen Trost wie seine Stärkung und halbe Nah- rung im Branntwein gefunden. Man muß es den gnädigen Herren lassen, daß sie den Bauern diesen Artikel aus ihre» Brennereien rcichsich zu immer billigerem Preise verschafften... Neben den Lehmhütten der wasserpolakischen Bauern, wo Hunger- Typhus und Vcrthierung ihre Stätten aufgeschlagen, nehmen sich die prachtvollen Schlösser, Burgen und übrigen Besitzthümer der oberschlesischen Magnaten nur desto romantischer aus... Auf der einen Seite unglaublich schnelle Anhäufung von Reich- thümern, kolossale Jahresrevenuen der„Gnädigen". Auf der an- dern Seite fortschreitende Massenverarmung. „Der Taglohn für ländliche Arbeiter ist äußerst niedrig; für den Mann 5— 6 Sgr., für die Frau 2— 3 Sgr. ist schon als ein hober zu betrachten. Viele arbeiten nothgedrungcn um /.Mu' Tagelohn' von resp/ und 2 Sgr. und sogar dar- 'unter. Die Nahrung besteht fast emM.und allem aus Kar- toffeln und Schnaps. Hätte der Arbeiter?.och d'.ese beiden Gegenstände in hinreichender Menge geh.rbt, so wäre wenigstens Hungertod und Typhus von Oberschlesien fern geblieben. Als ober in Folge der Kortoffelkrankheit das Hauptnahrungsmittel immer theurer und seltener wurde, der Tagelohn aber nicht bloß nicht stieg, sondern noch siel— da griffen die Menschen nach Kräutern, die sie auf Feldern und in de» Wälrern pflückten, nach Quecken und Wurzeln, und kochten sich Suppen aus ge stohlenem Heu und aßen krepirtes Vieh. Ihre Kräfte schwanden. Der Schnaps wurde theurer und— noch schlechter als zuvor. „Schenker" heißen die meistentheils jüdischen Personen, welche gegen einen enormen Pacht an den gnädigen Herrn den Schnaps an das Volk verkaufen. Der Schenker war schon früher ge wohnt, den Schnaps, den er durch gehörige Portionen Wassers verdünnte, durch allerlei Ingredienzen, wobei Vitriolöl eine Hauptrolle spielte, zu kräftigen. Diese Giftmischerei nahm von Jahr zu Jahr zu und wurde nach dem Auftreten der Kartoffel- krankheit auf die höchste Spitze getrieben. Der durch Heu- und Qneckensuppen und durch den Genuß roher Wurzeln geschwächte Magen des Landmannes konnte solche Medizin nicht mehr überwinden. Bedenkt man ferner die schlechte Kleidung, die schmutzigen, ungesunden Wohnungen, die Kälte im Winter, Mangel entweder an Arbeit oder an Kraft zur Arbeit, so wird man begreifen, wie aus den Hnngerznständen sich sehr bald nicht mehr und nicht minder als in Irland der Typhus entwickelte. ,Die Leute hatten nichts zum Zusetzen!' Damit ist Alles erklärt. Sie waren fortwährend vom Staat und von den Raubrittern so ausgesaugt und ausgepumpt worden, daß sie bei der geringsten Steigerung ihres Elends zu Grunde gehen mußten... Die Raub- ritter, die Beamtenkaste und die ganze gottbegnadete königlich Preußische Regierungsschaar machte Geschäfte, bezog Gehälter, vertheilte Gratifikationen, während da unten, in den gemeinen Schichten des Volks, die von Hunger und Typhus Gepeitschten hundertweise gleich dem Vieh zu krepiren anfingen und zu krepiren fortfuhren. „Nicht viel besser als mit den Tagelöhnern steht'S mit den Wirthen oder Denjenigen, die ein Haus und ein größeres oder kleineres Stück Land dazu besitzen. Auch ihre Hauptnahrung ist Kartoffeln und Schnaps. Was sie produziren, müssen sie verkaufen, um die Abgaben an den Gutsherrn, den Staat:c. auf- zubringen... Und noch Hofedienste(für den gnädigen Herrn) thun zu müssen, hier vom Gnädigen oder dessen Beamten mit dem Kantschu barbarisch malträtirt zu werden, arbeitend, hungernd und geprügelt den Luxus und den Uebermuth der Raub- ritter und einer anschnauzenden Bcamtenkaste mit ansehen und ertragen zu müssen— das war und daS ist das Loos eines großen Theils der wasserpolnischen Bevölkerung... „Welche Behandlung dem Hofgesinde, den Knechten und Mägden der Gnädigen zu Theil wird, läßt sich schon ans der- jenigcn ermessen, welche die arbcitspflichtigen Dorf Unterthanen und die sogenannten Lohnarbeiter zu erdulden haben. Der Kantschu ist auch hier das Alpha und das Omega des raub ritterlichen Evangeliums.... „Die Raubritterschaft schaltet und rettet nach Belieben. Aus ihren Reihen wurden die Landräthe genommen; sie übt die Do minial- und Distriktspolizei und die ganze Büreaukratie arbeitet in ihrem Interesse. Dazu kommt, daß dem wasserpolnischen Bauer nicht ein deutsches— das wäre vielleicht zu human — sondern ein altpreußisches Bcamtenthum mit seiner prenßi schen Sprache und seinem Landrccht gegenübersteht. Von allen Seiten ausgesaugt, malträtirt, verhöhnt, gekantschut und in Fes scln geschlagen, mußte das oberschlesifche Landvolk endlich auf dem Punkte ankommen, wo es angekommen ist. Hungertod und Pest mußten nothwendig als letzte Frucht auf diesem ächt christ lich-germanischen Boden heranreifen. Wer noch zum Stehlen die Fähigkeit hat, der stiehlt. Das ist die einzige Form, in welcher der verirländerte Oberschlesier gegen das christliche Ger- manen- und Raubritterthum thatsächlich Opposition macht. Auf der nächsten Stufe wird gebettelt; schaarenweise sieht man die verelendeten Gestalten von einem Ort zum anderen ziehen. In dritter Reihe erblicken wir die, welche weder zum Stehlen noch zum Betteln Kraft und Geschick haben. Auf ihren Lagern von vermodertem Stroh hält der epidemische Würzengel seine ergie- bigste Rundschau. Das sind die Früchte einer hundertjährigen gottbegnadeten monarchischen Regierung und der mit ihr ver- kündeten Raubritterschaft und Büreaukratie." Und wie vorher, fordert Wolfs nun, daß die Ritterschaft die Bauern entschädige, daß alle Frohnden und Geldzinsen unent geltlich abgefchasst und schließlich, daß die großen Güter der obcrschlesischen Magnaten zerschlagen werden. Das werde frei lich unter der Brandenburg-Mantenffel'schcn Regierung nicht ge- schehen, und somit würden„die Oberschlesier nach wie vor dem Hunger und dem Hungertyphus schaarenweise zum Opfer fallen", was sich buchstäblich bewährt hat, bis der enorme Aufschwung der oberschlesifche» Industrie in den fünfziger und sechsziger Iah- ren die ganzen Lebensverhältnisse der Gegend revolntionirte und an die Stelle der brntal-feudalen Ausbeulung mehr und mehr die civiliflrtere aber noch gründlichere, moderne bürgerliche Ans beutung setzte. Cm Reformator der Arbeit. Von Max Reisser. I. Der Dampf. Es ist ein erheblicher Mangel in dem Unterrichtsplane einer bestimmten Reihe„höherer BildungSanstalten", daß sie einen zu geringen Werth auf die Verbreitung der Kcnntniß der Naturkräfte und der Naturerscheinungen legen. Wenn auch die Fähigkeit, streng folgerichtig zu denken, einen Theil der Erfordernisse der allgemeinen Bildung ausmacht und durch Vertiefung in die Gedanken der Dichter und Denker der hauptsächlichsten Kulturvölker deS Alter- thums, durch das Studium der„streng logischen Formenbildung", ihrer Sprachen gewonnen werden kann, so ist doch die Klarheit über die Erscheinungen der Natur und des Lebens der kaum weniger wichtige andere. Die Menschheit besteht aus den In- dividuen und lebt auf unserer Erde, unter unserem gestirnten Himmel. Das Individuum ist in seiner ganzen Existenz ein Produkt der Natur, und die unbedeutendste Lkaturerschcinung übt infolge des ursächlichen Zusammenhanges der ganzen Natur einen nützlichen oder schädlichen Einfluß auf seine Lebensgrundlage. Die Bewegung der Gestirne, welche den Wechsel von Tag und Nacht, von Winter und Sommer hervorbringt, die Wärme- auSstrahlnng der Sonne, die leuchtende Form der Wärmebewegung — das Licht—, die unsere Luft von schädlichen Stoffen reini- genden und ihren Ozongehalt vermehrenden Ungewitter, der Regen, der Fall des Wassers, der unsere Mühlen treibt, und andere Naturereignisse mehr erhalten und vermehren over ver- mindern und vernichten die Existenzbedingungen der Individuen und der Völker, und wie die sie hervorbringenden Kräfte auch in den kleinsten Theilen der Materie wirken und sich äußern, so sind auch die weniger gewaltigen Erscheinungen dem Menschen nicht unwichtig. Die Unklarheit über die Ursachen der unser Leben erfüllenden Erscheinungen an unserem Körper und der übrigen Natur, die Unfähigkeit, den ursächlichen Zusammenhang aller zu begreifen, hat den Gottglauben, die Religionen, die Priester und die Knechtung des Menschengeistes erzeugt, und dies hatte die politische und wirthschaftliche Knechtschaft in der Gesell- schaft zur Folge. Die Klarheit, daß eS nur einen Gesetzgeber allüberall— die Natur—, nur ein feststehendes unabänderliches 412 Gesetz— das Naturgesetz— gibt, daß alle anderen nur die Folgen dieser sind—, die Kenntniß der Natur und die Fähigkeit, das Walten ihres Gesetzes auch in der Form der Gesellschaft zu erkennen, vermag allein unfern Geist und unfern Staat zu be- freien. Wie wir die Bewegungen einer Naturkraft leiten und ihre Erscheinungen zu unserm Nutzen erzeugen und verändern können, wenn wir ihre Wirkungsgesetze kennen, so vermögen wir auch die Form der Gesellschaft zu beeinflusien und zu beherrschen, wenn uns die Gesetze klar sind, welche ihre Atome— die Menschenindividuen— und diejenigen, welche die sie beeinflussende außermenschliche Natur bewegen. Ich fühlte den Mangel der naturwissenschaftlichen Kenntnisse nie mehr, als in einer Unterhaltung, welche eines Abends einen kleinen Kreis meiner Standes- und Bildungsgenossen belebte. Wir hatten die Kulturfortschritte der letzten Jahrhunderte besprochen, und ihre Hauptbedingungen in der Erfindung der Buchdruckerkunst, der Entdeckungen der neuen Welttheile und end- lich— last not least(letztes, aber nicht geringstes)— in der Entdeckung der Dampfmaschine und in ihrer Einführung in die Industrie gefunden. Da zeigte es sich aber, daß über das Wesen des letzten Ersindungsproduktes wir Alle fast vollkommen unwissend waren. Wir mußten die Lücke unserer Kenntnisse ausfüllen und be- schlössen, uns eine Dampfmaschine anzusehen und ihre Wirkungs- art uns erklären zu lassen. Schon am nächsten Tage führten wir unser Vorhaben aus. Wir traten in eine Fabrik, welche von einem uns befreundeten Ingenieur geleitet wurde. Rings um uns her war Alles in rastloser Bewegung. Da schnurrten und knarrten in sinnver- wirrendem Durcheinander die Arbeitsmaschinen, breite Riemen umkreisten in stetem Laufe Räder oder Riemenscheiben, wie der Techniker sie nennt, und theilten ihnen ihre eigene Bewegung mit, die sie selbst von anderen ebensolchen Scheiben empfangen haben. Alle diese letzteren sitzen auf einer gemeinsamen Welle, deren Ende uns verborgen blieb, da sie durch die Wand in einen Nachbarraum geführt ist. Neugierig, die Kraft kennen zu lernen, welche alles daS soeben Gesehene, Welle, Räder, Riemen und Maschinen in steter Bewegung, in steter Arbeit erhält, traten wir in diesen Raum ein und befanden uns vor einer Maschine, von deren Wirkungsart wir nur das Eine erkennen konnten, daß irgend eine Kraft eine in einem geschlossenen Chlinder laufende Stange bewegte, an deren Ende sich eine andere befand, welche der hori- zontalen Bewegung der ersten folgte, aber noch eine KreiStheil- bewegung um ihren Verbindungspunkt mit jener machte. Eine Kurbel schien die Bewegung der Stangen auf eine starke eiserne Welle zu übertragen, welche ein gewaltiges Rad mit sich herum- drehte. Mit dieser horizontalen Welle sahen wir eine zweite, vertikal aufsteigende, durch zwei ineinandergreifende Zahnräder in Verbindung gesetzt, welche in derselben Weise in der Höhe wie die aus den Arbeitsräumen kommende bewegte, welche wir dort als die Urheberin der sausenden Umdrehung aller Räder, des Kreisens der Riemen und der lärmenden Thätigkeit der vielen Maschinen erkannten. Wie wird nun aber jene erste Stange in Bewegung gesetzt, die wir in jenem geheimnißvollen Chlinder spielen sahen? Wir fragten den jetzt eben zu uns tretenden Ingenieur, und dieser er- klätte uns bereitwillig das Wesen der Hochdruck-Dampfmaschine. Er führte uns zunächst in einen andern Raum, in welchem er vor einem gewaltigen Mauerwerk stehen blieb, an dessen Stirn- wand sich eine große Feuerthür befindet, über welcher wir ein System von kupfernen und gläsernen Röhren, von Hähnen und eine Metallkapsel bemerken, in der sich unter Glasverschluß eine dem Zifferblatt einer Uhr ähnelnde Scheibe mit Zahlen befindet, deren eine durch einen rothen Strich bezeichnet ist. Auf der Höhe des Mauerwerkes sehen wir eine Reihe starker weiter Rohre mit Hähnen aus demselben heraustreten, und einen cylindrischen Stutzen, auS welchem ein eisernes Stäbchen hervorzuragen scheint, über das sich eine eiserne, an dem einen Ende in einer festen Axe sich drehende, an dem andern mit einer verschiebbaren, schweren eisernen Kugel versehene Eisenstange legt. Ein Arbeiter öffnet eben die Feuerthür und wirft einige Schaufeln Kohlen in den hinter ihr liegenden Raum. Wir sehen einen weiten großen Feuerherd, der über und über mit lebhaft glühenden Kohlen bedeckt ist. Neugierig fragen wir nach der Bedeutung aller dieser Einrichtungen, aber eine ab- wehrende Bewegung des Ingenieurs ermahnt uns zur Geduld; er verspricht, daß uns durch seine systematische Erläuterung bald Alles, was uns jetzt noch räthselhaft erscheint, klar werden wird. „Sie wissen, begann er seinen Vortrag, daß die Wärme alle Körper ausdehnt, und daß sich dieselben beim Abkühlen wieder zusammenziehen. Ein Beispiel, das ich Ihnen von der Kraft geben will, mit der ein durch Erhitzung ausgedehnter Körper wieder in seine alte Form drängt, wird Ihnen die Gewalt klar machen, welche dieser in der ausdehnenden Wärme entgegenwirken muß, wird Sie über die Kraft der Wärme verständigen. „Vor langen Jahren zeigte das Gewölbe deö Consmatoire des arts et des metiers*) in Paris, einer alten Kirche, einen klaffenden Sprung, welcher es in seiner ganzen Länge durchzog, und der sich von Jahr zu Jahr vergrößerte. Schon dachte man daran, das Gebäude niederzureißen, als ein Physiker einen Vor- schlag machte, dessen Ausführung den alten, interessanten Bau rettete und seine Wunde heilte. „Von einer Längswand zur andern wurden starke, eiserne Stangen gezogen, deren mit Schraubengewinden versehene Enden au der Außenseite der Mauern hervortraten. „Sämmtliche Stangen wurden nun mit Stroh umwickelt, das an allen Stangen zugleich in Brand gesetzt wurde. Die Wärme dehnte die Stangen aus, ihre Enden reichten jetzt weiter aus den Mauern hervor, und man vermochte, die auf sie aufgeschraubten starken Schraubenmuttern tiefer hinabzudrehen. „Als jetzt die Stanzen sich abzukühlen begannen, strebten sie in ihre alte Form zurück; allein jetzt saßen die Schrauben tiefer, fest an der Mauer an, und die Stangen konnten sich nur dann zusammenziehe», wenn entweder die Schrauben brachen oder die Wände nachgaben. Und siehe da! Der Riß wurde kleiner und kleiner, und als das Eisen der Stangen kalt war, war er ver- schwunden: die Gewalt des sich zusammenziehenden Eisens hatte die gewaltigen Steinwände wieder zusammengedrückt. Die Kraft nun, mit der das sich abkühlende Eisen das Weichen der Mauern bewirkte, war von der Wärme erzeugt worden. Sie werden es nun nicht mehr wunderbar finden, wenn Sie hören, daß einige Centner Kohle die Kraft erzeugen, welche alle Maschinen unserer Fabrik treibt. DaS Wasser hat schon bei jeder Temperatur die Fähigkeit, sich zu Wasserdampf, der luftförmigen Form des WasserS, auszudehnen. Sie sehen, daß selbst bei der Thautemperatur des Eises, also bei 0 Grad Wärme, das Wasser sich verflüchtigt; nur so können Sie das Trocknen der Straßen vom Schneewasser erklären. Der Druck der die Erde umgebenden Luftschicht, der Atmosphäre, allein verhindert, daß sich nicht alles Wasser auf einmal in Dunst und Dampf auflöst. Je geringer dieser Druck ist, um so größer ist das Verdampfungsbestreben des Wassers. Daher kommt es, daß auf hohen Bergen oder unter dem Re- zipieuten**) der Luftpumpe Wasser bei einer viel geringeren Tcm- peratur siedet, d. h. sich in Dampf verwandelt, als in der Ebene oder unter gewöhnlichen Verhältnissen. „Durch die Hülse der Wärme, die, wie wir eben gesehen haben, eine gewaltige, und ich füge hinzu, nach den Untersuchungen der bedeutendsten Physiker und Chemiker der Neuzeit wahrscheinlich die einzige Kraft in der Natur ist, kann dem Einflüsse des Luft- druckes entgegengewirkt werden. „Je mehr man das Wasser erhitzt, umsomehr gibt es Dampf ab, und bei einer Temperatur von Igt) Grad des hundertthei- ligen Thermometers des Celsius***) vermag es den Luftdruck zu *) Konservatorium der Künste und Handwerke. ♦♦) Das Gefäß, aus welchem die Luft ausgesaugt wird, und in dem man die Versuche mit dem luftleeren Räume macht. ***) Von den drei jetzt gebräuchlichsten Thcrmometersystemen ver- wenden zwei, die von Celsius und Röaumur, als Bestimmungspunkie der Skala, d. h. des mit Theilstrichen versehenen Thermometerröhrchens, den Stand des Quecksilbers, oder eines anderen Füllungsmalerials, im 413 Uberwinden, siedet es, verwandelt eS sich in Dampf, dessen auf- steigende Blasen jene wallende Bewegung verursachen, die wir mit dem Ausdruck des.Kochens' bezeichnen. „So wie nun eine Verminderung des Luftdrucks eine Ver- ringerung der Siedetemperatur zur Folge hat, so erheischt eine Vermehrung des Druckes die Anwendung einer größeren Wärme, um das Sieden des Wassers zu erzeugen, um Dampf zu ent- wickeln. Der Dampf zeigt dieselbe Temperatur als das ihn abgebende Wasser, daraus folgt, daß der Dampf, welcher durch eine höhere Siedehitze als die normale aufgetrieben wird, auch diesen höheren Wärmegrad besitzen wird. „Da Sie nun wissen, daß die Wärme die Körper ausdehnt, und umsomehr, je größer sie ist, so wird Ihnen klar sein, daß der heißere Dampf auch eine höhere Expansivkraft— Ausdehnungskraft— entwickeln muß.— So kann durch Anwendung größerer luftleeren Rohre bei der Gefriertemperatur des Wassers einerseits und dem bei seiner Siedehitze unter gewöhnlichem Luftdrucke andrerseits.— Celsius theilt den Raum zwischen diesen beiden Punkten in IVO, Reaumur in 80 Theile. Das dritte, das Fahrenheit'sche Thermometer, zeigt den Nullpunkt bei einer Temperatur, welche durch eine künstliche Kälte- Mischung hergestellt ist. Der Raum zwischen diesem Punkte und dem Stande des Füllungsmaterials bei der Wassersiedehitze ist an ihm in 212 Grade gelheilt, so daß der Gefrierpunkt des Wassers auf den 32., der Siedepunkt auf den 212. Theilstrich fällt, und 180 derselben 100 des Eelsius'schen Thermometers und 80 Röaumur'jchen Graden entsprechen. Hitze Wasierdampf von 2, 3, 4 und mehr Atmosphären'") Span- nung(Expansion, Ausdehnungskraft) entwickelt werden.— Dampf, welcher bei einer Temperatur von 100 Grad C. sich gebildet hat, drückt mit einer Kraft von 1 Atmosphäre, solcher von 120 Grad Wärme mit 2, von ca. 140 Grad mit 4, und bei einer Hitze von 200 Grad Uberwindet er 16 Atmosphären Widerstand. „Der Druck, den der Dampf auf eine Fläche übt, entspricht natürlich deren Größe, und man hat festgestellt, daß Dampf von 1 Atmosphäre auf jeden Quadratcentimeter seiner Umgebung mit einer Kraft von 1033 Gramm drückt. Daraus ist leicht ersichtlich, wie gewaltige Kraftmengen der eingepreßte Dampf von 2, 4 und mehr Atmosphären Spannung auf Maschinen übertragen kann, wenn man seine Wirkungsfläche vergrößert." *) Unter Atmosphäre versteht man den Druck, den unsere Luft- schicht auf die Erdoberfläche und aus alle auf dieser befindliche Körper ausübt. Dieser Druck ist gleich dem Gewichte der Luftsäule, welche zur Grundfläche die gedrückte Stelle und zur Höhe die Höhe der die Erde umgebenden Atmosphäre hat. Das Gewicht, mit dem die Luft auf jeder Stelle der Körperoberflächen in der Höhe des Meeresniveaus lastet, ist gleich dem einer Quecksilbersäule von derselben Grundfläche und 28 Zoll Höhe. Das Gewicht der Atmosphäre, welche auf eine Quadrat- meile drückt, beträgt, da jeder Quadralzoll mit 16 Pfund belastet ist, 6,733,400,000 Cenlner. Der Körper eines ausgewachsenen Menschen hat etwa 400 Centner Lust zu tragen. Er vermag diesem ungeheuren Drucke nur dadurch zu widerstehen, daß Luft auch sein Inneres erfüllt, welche mit der äußeren in Verbindung steht, und daß somit auch derselbe i Druck von innen nach außen wirkt. Robert Owen. (Fortsetzung.) An schönen Versprechungen ließen es die Fürsten und Großen dem Reformer von Lanark gegenüber freilich nicht fehlen. Der rnssische Kaiser Alexander besuchte ihn höchsteigenpersönlich und war des Lobes voll. Des Lobes voll war auch König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, der höchsteigenhändig an Owen schrieb, das Owen'sche Schulshstem solle,„so weit die Verhält- nisse es erlaubten", in Preußen eingeführt werden— was auch geschah, nur daß die„Verhältnisse" das Beste nicht„erlaubten". Was aber gut war in dem vormantcuffel'schen und Vorbismarck- schen preußischen Schulsystem, ist wesentlich Owen's Anregung und Owen's Beispiel zu verdanken. Im Jahre 1818 besuchte Owen den Aachener Congreß, um die Unterstützung der dort versammelten Fürsten zu erlangen. Man gab ihm honigsüße Worte, gethan ward aber nichts. Sein Plan war ein internationaler Congreß, zur Berathung und Lösung deS sozialen Problems. So weit der Plan den Fürsten genehm, wurde er auch verwirklicht— jedoch erst 64 Jahre später, in dem famosen Stieber-Congreß zu Berlin. Wem die heutige„unmoralische Welt" Vortheil bringt, ist nicht der Mann, sie abzuschaffen. Wer Nachtheil von ihr hat, wird und muß sie begraben. Jndeß verließ Owen sich nicht ausschließlich auf die Fürsten und sonstigen Spitzen der Gesellschaft. Er suchte auch die Ar- beiter für ihre Emanzipation zu begeistern und gründete Pro- duktiv-Assoziationen, die ersten in England und in der Welt. 1812 hielt er in Glasgow einen Vortrag über die Noth- wendigkeit einer Reduktion der Arbeitszeit(des Normalarbeits- tages) und entwarf 1815 die erste Zehnstundenbill, der er, durch Ueberrumpelung, die Fürsprache des älteren Peel� gewann, und die, 1819 in freilich verstümmelter Form vom Parlament angenommen, die Grundlage der englischen Fabrikgesetz- gebung bildet. Im Jahre 1817 entschloß sich Owen endlich, öffentlich mit der Religion zu brechen. Auf einem Meeting zu London(am 21. August 1817) erklärte er, daß die Religion die Wurzel aller Verderbniß und Unwissenheit, und daß für die Menschheit kein Heil sei, ehe sie sich von den Banden der Religion befreit. Die Würdenträger der Kirche, die Owen bis dahin herablassend auf die Schulter geklopft hatten, traten ihm von nun an mit gehässigster Feindseligkeit entgegen; zumal als er sich auch gegen das Institut der Ehe in ihrer heutigen Gestalt erklärte. Owen machte verschiedene Versuche, seine„neue moralische Welt" im Kleinen zu verwirklichen. Am berühmtesten ist der mit der Colonie„New Harmony" in den Vereinigten Staaten. Owen kaufte im Jahre 1825 von der Sekte der Rappiten ein in Indiana und Illinois gelegenes, 30,000 Acker umfassendes und zum Theil angebautes Stück Land, auf welchem eine Muster- Welt im Kleinen hergestellt und ein handgreiflicher Beweis für die Richtigkeit der Owen'scheu Lehren geliefert werden sollte. Das Unternehmen mißlang— mißlang vollständig, weil es mißlingen mußte. Die näheren Umstände gehören nicht in den Rahmen dieser Abhandlung— genug das Scheitern war un- vermeidlich— es war durch die Natur des Unternehmens selbst zur Nothwendigkeit gemacht. Den Hebepunkt, von welchem die heutige Gesellschaft aus den Angeln gehoben werden soll, in die heutige Gesellschaft verlegen, heißt von vornherein sich eine Auf- gäbe stellen, deren Nonsens jedem Schulkind durch den bekannten Ausspruch des Archimedes") klar sein muß,— eine Aufgabe, die ihrem Wesen nach so unlösbar ist, als das zum Mond Klettern Münchhausens am eigenen Zopf. Owen selbst leugnete sich daS Gesammt-Fiasko bis zuletzt, gab bloß das Mißlingen in einzelnen Punkten zu, und erklärte es hier aus allen mög- lichen Zufälligkeiten. Nun— waren es nicht diese Zufällig- keilen, so wären es andere gewesen. Die Form, in der sich Ereignisse, geschichtliche und gesellschaftliche Vorgänge vollziehen, ist immer mehr oder weniger„zufällig", der Inhalt, der sich je nach den Umständen die verschiedensten Formen wählen kann, ist darum nicht weniger nothwendig. Pascal hat einmal gesagt, wenn die Nase der Cleopatra ein paar Linien länger oder kürzer gewesen wäre, hätte die Weltgeschichte einen andern Verlauf gc- nommen. ES ist wahr, Antonius wäre dann nicht bei Aktium der Nase der Cleopatra nachgelaufen, den Sieg Oktavian über- lassend, aber auf den Fäulnißprozeß des Römischen Weltreichs wäre dies absolut ohne Einfluß gewesen. *)„Gebt mir den kleinsten Punkt außerhalb der Welt und ich hebe die Welt aus den Angeln." 91t 49, 1876, In einem kurzen curriculum vitac(Lebensabriß), welches Owen im Jahre 1841 einem„an die Tories, Whigs und Char- listen; an die Bekenner der Staatskirche, an die Katholiken, Dissenters und Ungläubigen; an alle Produzenten und NichtProduzenten in Großbritannien und Irland" gerichteten Aufruf zur Jnhandnahme der sozialen Reform beigab, lesen wir:„-- Er(Owen) behielt die Leitung der Anstalt(New Lanark) dreißig Jahre lang und führte während dieser Zeit das vielleicht wichtigste Experiment, menschliches Glück zu begründen, welches je gemacht worden ist, ununterbrochen und erfolgreich durch; er trennte sich von New Lanark erst nach seiner vierten Reise nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Er gab diese beneidenswerthe Stellung auf, um vollständige Freiheit für seine Agitation zu gewinnen und alle seine Kräfte der durchgreifenden Umgestaltung der Gesell- schaft zu widmen. In New Lanark vergewisserte er sich durch die, unter ungünstigen Bedingungen vorgenommene praktische An- Wendung von der Richtigkeit seiner Prinzipien— unter ungünstigen Bedingungen, die zum Theil aus der natürlichen Op- Position gegen ein Experiment entsprangen, das bei der allge- meinen Anerkennung, welche es fand, daö Vertrauen an die alte Gesellschaft und den Glauben an ihre schädlichen Prinzipien in den Augen der Menge erschüttern mußte. Seit der Lösung seines Verhältnisses zu New Lanark hat der Verfasser sich London, die große Mutterstadt der ganzen civilisirten Welt zu seinem gewöhn- lichen Wohnort erwählt. In diesem Mittelpunkt der Gesellschaft konnte er ihre Jrrthümer, die hier am schärfsten entwickelt zu Tage treten, auch am Wirksamsten bekämpfen. „Zwischen dem Herbst 1824 und dem Sommer 1829 war der Verfasser einmal in den Vereinigten Staaten, einmal in Westindien und einmal in Mexiko. Vor drei Jahren besuchte er auf einer Rundreise die Regierungen von Frankreich, Oester- reich, Preußen, Baiern und Sachsen, und wurde nur durch Zeit- Mangel daran gehindert, seine Reise nach Petersburg in den Haag und nach Belgien auszudehnen. Alle diese Reisen machte er, um den großen Zweck seines Lebens zu fördern: die dauernde Wohlfahrt des Menschengeschlechts." So Owen über Owen, und Owen hat nie gelogen. Erwähnen müssen wir hier eines glücklichen Versuchs ans diplomatischem Gebiet, den Owen im Jahr 1829 gemacht hat. Zwischen England und den Vereinigten Staaten waren Streitig- keilen entstanden, die bei der gegenseitigen Gereiztheit der Zunft- Politiker die Gefahr eines Krieges nahe legten. Owen, der bei dem damaligen Amerikanischen Präsidenten Jackson, so wie bei dessen Staatssekretär van Buren in hohem Ansehen stand, be- nutzte seine Anwesenheit in den Vereinigten Staaten dazu, die Differenzpunkte uiit beiden Männern in mehreren Unterredungen genau durchzusprechen. Das Resultat war, daß er der Engli- schen Regierung die Bereitwilligkeit der Amerikanischen Regierung zu einem gütlichen Arrangement anzeigen konnte, und daß binnen wenigen Wochen ein Zwist, den die Fach-Diplomatie glücklich bis an die Schwelle des Krieges gebracht hatte, ohne allo Schwierig- keit geschlichtet war,— eine sehr lehrreiche Reductio ad absurdum*) der kniffigen und pfiffigen Diplomatenkunst durch den ehrlichen, gesunden Menschenverstand. Im Jahre 1832 gründete Owen seine bekannte Tauschbank, die in Verbindung mit Consumvereinen und Produktiv- Associationen, durch gegenseitigen Credit die Arbeiter all- mälig emanzipiren sollte. Der Plan scheiterte, ebenso wie 17 Jahre später die famose Tauschbank des, auch in diesem Punkte von Owen antizipirten Proudhon, an dem harten Faktum, daß der Credit Derer, die nichts haben, auch nichts werth ist. 1836— 1838 veröffentlichte Owen sein Hauptwerk;„Tbe uew moral world"— die neue moralische Welt. 1844 begab er sich noch einmal nach Amerika— zum fünften Mal— und blieb mehrere Jahre dort. 1849 veröffentlichte er, wieder nach England zurückgekehrt, seine„Revolution im Geist und in der Praxis"; 1850 die„Briefe an das Menschen- *) Geistige und moralische Bankerotterklärung— Nachweis der Ab- geschmacktheit. geschlecht"; 1851„Robert Owens Journal"; 1853— 1856 „die rationalistische Bicrteljahrschrift";„Neues Daheim des Men- schen auf der Erde"; die Zeitung des tausendjährigen Reichs" (mülonmal Gazette); 1857 seine„ Autobiographie". Im Jahre 1857 berief Owen, 86 Jahr alt, aber noch rüstig und unverdrossen, einen„Congreß der vorgeschrittenen Geister der Welt" nach London. Am 12. Mai wurde auch wirklich der„Congreß" eröffnet, allein die,, vorgeschrittenen Geister der Welt" glänzten durch ihre Abwesenheit. Trotzdem ließ sich Owen nicht abhalten, 14 Tage lang bis zum 25. Mai, Tag für Tag, die anberaumten Versammlungen zu besuchen und die vorbereiteten„Adressen", welche das ganze Gebiet der sozialen Reformen umfaßten, vorzulesen und dem Publikum, daß sich großentheils nur aus Neugierde eingefunden hatte, zu erläutern. Bei den„Adressen" und gefaßten Beschlüssen verweilen wir nicht;— sie haben bloß insofern ein Interesse für uns, als sie zeigen, mit welcher Zähigkeit Owen an seinen Ideen festhielt und welche Geistesfrische, welches unerschütterliche Vertrauen in die von ihm verfochtene Sache er sich trotz seines Alters und trotz so vieler Enttäuschungen bewahrt hatte. Diese wunderbare Kraft, welche er aus seinen Ideen schöpfte, und die ebensowenig alterte wie diese Ideen, ist eine Charactereigenthümlichkeit Owens, die er nur mit Wenigen thcilt. Der Congreß sollte ein Nachspiel haben, welches die wahre und die falsche Philanthropie in schneidenden Gegensatz zu einander brachte. Einen Monat nach dem Congreß, vom 22. bis 24. Juni 1857, tagte in London in den fashionablen Willis' Rooms eine Conferenz über Erziehungswesen, speziell zur Berathung darüber, wie es zu verhindern sei,„daß die Kinder der ärmeren Klassen in so frühem Alter aus der Schule ge- nommen werden." Schon die Tagesordnung verräth das Be- streben der„Conferenz", den Kern der Frage zu vermeiden; nicht,„daß die Kinder der Armen in so frühem Alter aus der Schule genommen werden", ist das zu beseitigende Uebel, sondern daß die Kinder so gut wie keine Erziehung haben;— sehr viele kommen in England, wo noch heute kein Schulzwang besteht, überhaupt in gar keine Schule. An der„Conferenz", der Prinz Albert, Gemahl der Königin, in Person präsidirte, betheiligte sich die Blüthe des Englischen Adels und Klerus,„arbeiterfreundliche" Bourgeois, modische Schriftsteller— kurz Alles, was von der hohen gastronomischen Weisheit durchdrungen war, bei wohlgefülltem Magen sich das Elend des hungernden Volks vor die Augen zu führen und die „Philanthropie" als angenehmstes und wirksamstes Berdauungs- und Appetitschärfungs-Mittel zu benützen.— Niemand war von dieser„Conferenz" ausgeschlossen; das sich für die Volksbildung interessirende Publikum war ausdrücklich eingeladen. Owen folgte der Einladung. Wenn es in Eng- land, in der Welt einen Mann gab, der sein Interesse für den auf der Tagesordnung befindlichen Gegenstand bewiesen hatte, so war es Robert Owen; wenn es in England, in der Welt einen Menschen gab, der vor jedem Andern berufen war, über den auf der Tagesordnung befindlichen Gegenstand zu sprechen und Gehör für seine Worte zu verlangen, so war es Robert Owen. Robert Owen, in dessen Person sämmtliche Erziehunzsreform Bestrebungen des 19. Jahrhunderts verkörpert waren, der Gesetzgeber und Reformator von New Lanark, der Gründer der Klein- kinderschulen, der Vater der modernen Volksschule— Robert Owen, der 86jährige Greis, geheiligt durch seine Vergangenheit, geheiligt durch sein schneeiges Haar, tritt herein in die Versamm- lung der philanthropischen Würdenträger, Geldprotzen und schrift- stellerischen Hofnarren, welche gekommen waren, um in den Strahlen der prinzlichen Sonne ihrem Lebensgeschäft obzuliegen: sich von den Anstrengungen deS letzten Mahls zu erholen und für die des nächsten vorzubereiten. Es war am letzten Tag der„Conferenz". Der Prinz-Gemahl hatte sich noch nicht eingefunden. Für ihn präsidirte Lord Granville. Owen, der schon vor Beginn der Sitzung schriftlich die Absicht, über eine der vorgeschlagenen Re- solutionen zu reden angezeigt hatte, wird angestarrt, wie ein Gespenst. Von keiner Seite ein shmpatischer Blick. Lord Brougham, — 415 sein alter Freund, der hoffähig gewordene Plebejer, hat nur das verlegene Lächeln lakaienhafter Gesinnungslosigkeit.„Und", lassen wir Owen selbst erzählen, was nun folgte,„was war mein Er- staunen, als der Sekretär der Conferenz mir die Botschaft über- brachte, ich dürfe nicht über die vorzuschlagenden Resolutionen reden, wenn ich nicht ein Amendement einzubringen hätte. Gut, erwiderte ich, dann werde ich ein Amendement stellen. Als ich an der Reihe war, verweigerte man mir, gegen allen Gebrauch in öffentlichen Versammlungen(und die letzte Sitzung der Eon- ferenz war ausdrücklich als eine öffentliche angekündigt) das Wort, wenn ich nicht vorher mein Amendement schriftlich einreiche. Auch dazu verstand ich mich. Ich schrieb ein Amendement. Dennoch verweigerte man mir das Wort: das Amendement sei zu unbestimmt. Hätte man mir erlaubt, es zu begründen, so würde ich bewiesen haben, daß es keineswegs unbestimmt war. Ich formulirte aber ein ganz bestimmtes Amendement, dahin gehend, das von mir in New Lanark mit so anerkanntem Erfolg ein- und durchge- führte Elziehungssystem für die Kinder der Armen zu adoptiren. Jetzt hieß es, das sei kein Amendement, sondern eine selbstständige Ein Proletarierkind. Novelle von M. Kantsky. (Fortsetzung.) Denk halte geendet. Die Arbeiter hatten in atbemloscr Stille dem Vortrage zugehört, den Denk ruhig und schlicht begonnen, und der im Verlaufe fast den Charakter eines Aufrufes an- genommen, der, in seiner Unmittelbarkeit, von einem herrlichen Organ unterstützt, einen mächtigen Eindruck hervorbrachte. „Bravo, bravo!" schrien Alle.„Er hat Recht, er ist kein Schmeichler, grade heraus sagt er uns die Wahrheit! Bruder, deine Hand!" Und sie drängten sich an ihn; die Nächststehenden umarmten und küßten ihn. „Schade, daß wir dich wieder verlieren sollen; wir brauchen solche Männer; bleib' bei uns, Denk!" „Ja, bleib' bei uns, bleib' bei uns!" rief und schrie es nun von allen Seiten, und der Hände, die sich ihm entgegenstreckten, wurden immer mehr; Denk wollte antworten; man vernahm ihn nicht. „Ruhe!" schrie Hilpert mit seiner Stentorstimme.„Er will rede»; hört!" Es wurde verhältnißmäßig stille. „Brüder," sagte Denk,„auch mir ist dies Land, obwohl ich nicht darin geboren bin, zur Heimath geworden; es ist mir theuer, theurer als je zuvor; ich gehöre zu euch mit Leib und Seele, und ich will mich nicht mehr von euch trennen, ich bleibe hier!" Nun ging's erst recht los. Ein sinnverwirrendes Durch- einander war's von Lauten: Schreien, Händeklatschen und Fuß- stampfen, das zusammengenommen sehr gut die Herzensfröhlichkeit dieser ungeschminkten Naturen charakterisirte. Doch, was gibt's da unten an der Thüre? Da wird's stille, urplötzlich, da stockt's. Die Bcfremdung theilte sich bald der ganzen Versammlung mit. Oben an der Bühne, wo Denk steht, wird es nun ebenfalls ruhig, während es unten wieder zu wispern und zu murmeln beginnt; aber es sind unheimliche Töne, die mit den vorher- gehenden arg kontrastiren. Die Massen, welche die Thüre um- lagert hatten, theilten sich, ein Polizeikommissar, von zwei Gens- darmen gefolgt— Zwei andere hielten die Thüre besetzt— schritt durch den Saal, der Bühne zu. Bei Denk angekommen, blieb er stehen und, die Hand ihm auf die Schulter legend, rief er: „Franz Denk, ich arretire Sie im Namen des Gesetzes!" „Mich?" rief Denk, auf das höchste erstaunt. „Man arretirt Denk, unfern Kameraden!" erscholl es rund herum. „Darf ich Sie fragen, mit welchem Rechte?" sagte Denk ruhig. „Sie sind landesverwiesen und haben trotzdem den deutschen Boden wieder betreten." Resolution und demzufolge nicht zulässig. Ich sah nun, daß ein vor- hergefaßter Plan bestand, mich überhaupt nicht zum Wort kommen zu lassen, weil das Comite(welches die Conferenz veranstaltet hatte) sich seiner Schwäche bewußt war, und vor dem Publikum durch mich bloßgestellt zu werden fürchtete". So weit Owen's Bericht. Einer der Anwesenden, Mr. Laines, an das öffentliche Zeug- niß erinnert, welches sein eigener Vater einst zu Gunsten des Erziehungssystems in New Lanark abgegeben hatte, vertröstete Owen auf eine spätere Resolution, über die er reden könne.: Es war nur ein elendes Spiel, das man mit dem alten Mann' trieb. Die betreffende Resolution wird eingebracht und begründet, i Owen will sein Amendement beantragen, da läßt der Präsident ver- abredetermaßen abstimmen; erklärt die Resolution für angenommen, � und— die Sitzung für geschlossen. Es war nämlich die letzte j Resolution auf der Tagesordnung gewesen. Seelenvcrgnügt über den gelungenen Streich eilten die Herren-Conferenzler, so schnell ihre Beine sie tragen wollten, aus dem Saal, den größten Er- ziehungs-Reformator der Neuzeit vor leeren Bänken zurücklassend. (Schluß folgt.) „Ich weiß nichts von einer solchen Verweisung, und ebenso ist mir der Grund zu einer solchen Maßregel vollständig un- bekannt." „Sie haben sich an der Volksbewegung vor zwei Jahren in hervorragender Weise betheiligt. Sie gehörten mit zur Deputation, die bis zum Ministerpräsidenten drang und dort sich bis zu Drohungen verstieg. Aber folgen Sie mir, die Polizeibehörde wird Ihnen den damaligen Ausweisungsbefehl vorzeigen, und wenn Sie es wünschen, auch die Gesetzesparagraphen, gegen die Sie sich vergangen." „Und warum wurde dies nicht vor zwei Jahren in's Werk gesetzt?" „Als der Ausweisungsbefehl gegeben ward, befanden Sie sich bereits außer Landes, wir hatten nichts mehr zu thun als auf- zupasscn, wenn Sie wieder hereinkämen. Aber genug der Worte, — folgen Sie mir!" Ein Gemurmel der Entrüstung durchströmte den Saal, das immer drohender wurde. „Gensdarmen, nehmt ihn in die Mitte!" rief der Kommissar. „Einen Augenblick!" bat Denk.„Sagen Sie mir gefälligst, was weiter mit mir geschehen soll." „Wir werden Sie in sorgfältige Obhut nehmen und nicht eher aus den Augen lassen, bis wir Sie glücklich über die Grenze geleitet haben. Ich kann Ihnen versichern, Hcrr Denk, Sie werden mit der größten Aufmerksamkeit behandelt werden." Der Kommissar lachte. Dies Lachen schien die Entrüstung zu vermehre». Rufe der Mißbilligung erhoben sich; der Lärm nahm zu, und einen Augenblick schien es, als ob man fast an Wider- setzlichkeit dächte. Aber Denk gebot Ruhe.„Lernt euch und eure Leidenschaften beherrschen!" rief er.„Wir Alle müssen uns den Gesetzen fügen. Kommen Sie, meine Herren! Lebt wohl, Freunde, Brüder! Ich bleibe auch in der Ferne der Eure!" Die Gensdarmen schlössen sich eng an ihn, der Kommissar ging voran, und so entfernten sie sich aus dem Saale. Die Arbeiter ballten die Fäuste, ihre Lippen preßten sich fest auf- einander, aber sie fühlten es, sie mußten sich fügen. Nur einer rief dem Kommissar nach:„Die klugen Köpfe wollt ihr uns rauben, weil ihr sie fürchtet! Ihr Thoren, ihr nehmt unS auch damit die edlen Herzen, die zur Mäßigung rathen und nur nach Recht und Billigkeit verlangen; raubt uuS allen veredelnden Einfluß. Ihr werdet euch die Folgen selbst zuzuschreiben haben!"(Fortsetzung folgt.) 416 Pfingsten im Hnr). Wandererinnerungen von Robert Schweichel. II. (Schluß.) Auf dem Jlsenstein das Kreuz, welches die Befreiung Deutsch- lands verherrlicht, und hier ein Held jener Tage, der die Hand bettelnd dem Reisenden entgegenstreckt! Begeistert hatte er zu den Waffen gegriffen, und als die Unabhängigkeit des Vater- landes errungen, da war es gut. Er legte das Schwert nieder und kehrte zufrieden zu seinem Gewerbe zurück. Wahrhaft auf- opferungsfähig ist nur das Volk. Es trägt seine Knochen, seine Arbeitskraft begeistert zu Markte, wenn es einer großen Idee gilt, und denkt nicht an den Bettelstab, der seiner im Alter wartet. Als wir aus der Birkenwaldung am Fuße der steinerneu Renne in die freie Thalebene hinaustraten, sahen wir hoch über der Stadt Wernigerode das gräfliche Schloß in der Nachmittags- sonne glänzen. Der Weg zur Stadt führt durch die beiden gewerbreichen Dörfer Hafferode und Friedrichsthal, die ein un- unterbrochenes Ganzes und gleichsam die Vorstadt von Wernige- rode bilden. Man sieht den beiden Dörfern den Wohlstand an und trifft eine große Zahl geschmackvoller Villen, von schönen Gärten umgeben. Vor den meisten Hänsern standen blühende Rosenbäume, und aus den offenen Fenstern schauten die grünen Maien heraus, mit denen innen die Stuben geschmückt waren. Spaziergänger im Festtagsputz belebten die Chaussee, von den Wirthshäusern her erscholl das Rollen der Kegelkugeln, und Dienstmädchen und Köchinnen eilten am Arme ihres„Militärs" den Tanzplätzen zu. Während sich der Omnibus reisefertig machte, der uns nach Halberstadt bringen sollte, hatten wir Muße, die einzige Merk- Würdigkeit des Residenzstädtchens zu betrachten. Es ist dies das wunderliche und alterthümliche Rathhaus auf dem Markte, das wie aus Nürnberg hierher versetzt scheint und sich über die Verwun- derung, die es erregt, uiit dem Spruch über der Thüre tröstet:„Einer acht's, der Andere verlacht's, der Dritre betracht'S, was machts?" Die Grafen von Wernigerode waren ihrer Zeit so rauf- und raublustige Herren, wie nur je im Harnisch gesteckt haben. Zu Ende des vierzehnten Jahrhunderts aber lebte Einer, Na- mens Dietrich von Wernigerode, dem bekanien diese noblen Pas- sionen übel. Denn er wurde von seinen ebenbürtigen Nachbaren vermittels seines eigenen Reitzaums an eine Eiche gehängt, nach- dem ihn Hans von Bleicherode zuvor eigenhändig geköpft hatte. Die edlen Herren der Umgegend, darunter auch die Grafen von Reinstein oder Regenstein, hatten nämlich einen Vertrag geschloffen und beschworen, unter sich Frieden zu halten und einander weder zu' placken, noch zu berauben. Trotzdem überfiel Dietrich von Wernigerode hinterlistiger Weise den Regensteincr und plünderte ihn aus. Die Mitglieder des Bundes setzten sich in Folge dessen zu Gericht über den Räuber, der auch wohlgemuth erschien, ein- gedenk des Sprichwortes, daß eine Krähe der andern nicht die Äugen aushacke. Aber es kam anders, und es wurde die kon- traktlich festgestellte Strafe ohne Barmherzigkeit an dem Grafen vollzogen. Auch auf den eigenen Unterthane» mag das Regiment der Grafen von Wernigerode zu Zeiten gar schwer gelastet haben. Wenigstens läßt die Sage Einen von ihnen in der Hölle braten. Im Dienste dieses Grafen, so erzählt die Sage, stand ein alter Schäfer, der sich durch Fleiß und Sparsamkeit einen kleinen Nothpfennig erübrigt hatte. Diesen Sparpfennig borgte der Graf eines Tages dem alten Schäfer unter dem Versprechen auf Ehrenwort ab, das Geld an einem bestimmten Termin zurückzu zahlen. Als aber der Termin gekommen war, erhielt der Schäfer statt des Geldes einige gräfliche Fußtritte und statt der Zinsen die Drohung, daß man ihn hinstecken würde, wo weder Sonne noch Mond scheine, wenn er sich je wieder im Schlosse sehen ließe. Plötzlich war der Graf verschwunden, und der Schäfer glaubte wie alle Welt, daß sein Schuldner nach Jerusalem, dem damaligen Amerika aller Schwindler und Abenteurer, dürchge- brannt sei. Als er aber von dort aus gar nichts von sich hören ließ, so nahm man endlich an, daß er gestorben sei, und seine Erben traten in den Besitz. Auch an diese wandte sich der Schäfer mit seiner Forderung vergeblich. Wie er nun eines Tages tief betrübt über eine abermalige Abweisung vom Schlosse herunter kam, trat ihn ein humoristisches Waldteufelchen mit der Frage an, ob er Lust hätte, seinen Schuldner zu sehen? Der Schäfer sagte ja. Da führte ihn der Gnom die Holzemme hin aus, längs der steinernen Renne, an der Teufelsburg vorüber nach der Hölle. Auf einen Wink des Führers barst der Fels, und der Schäfer sah drinnen seinen Schuldner in fürchterlichen Flammen braten. Der Graf brüllte wie ein Stier vor Schmerz. AlS er den entsetzten Schäfer vor der Thür seines überheizten Schuldgefängnisses gewahrte, warf er ihm sein Taschentuch zu— wahrscheinlich war es aus Asbest gewoben— und bat ihn um Jesu willen, damit nach dem Schlosse zu laufen, die Seinigen würden ihn bezahlen, und er möchte für seine, des Grafen, Er lösung beten. Und also geschah es. Die Moral von der Geschichte isi aUr. Mensch, bezahle deine Schulden, Denn der Schuldthurm ist kein Wahn, Und du mußt noch manchmal borgen, Wie du es so oft getha». Parvenü*). Forschest du nach seinem Glauben: Ulimpcrt er mit den Dukaten, Fragst du ihn nach seinem Namen: Wird er nach dem deinen rathen. Stiefelknarrend, hüfiewiegend Zeigt die Säle er, die großen, Und, erregt von Zukunflspläneii, Schleppt er dich zu seinen Sprosse». Klein und schmutzig sind die Jungen, Grob und protzig gleich dem Alten, Um die großen, krummen Nasen Zieh'» sie pstsfig-dumme Fallen. Sprichst du auch von seinen Freunden Oder seinen Anverwandten, Zeigt er nach den Bilderschätze»,— Prahlt mit fürstlichen Bekannten. Suchst du mit poet'schen Worten Ihm die Seele zu bewegen: f tarrt aus seinen trocknen Zügen ir das goldne— Kalb entgegen. Ada Christen. *) Emporlonimliiig. Sprich: Parwemch. Heinrich Wuttke, dessen wohlgclungenes Portrait sich in der heutigen Nummer der„Neuen Welt" findet(siehe Seite 408), wurde am lü. Februar 1818 zu Brieg in Schlesien geboren; 23 Jahre alt, habilitirte er sich(1841) als Dozent der Geschichte in Leipzig, und wirkte auf dieser Universität ununterbrochen bis zum 14. Juni d. I., wo ihn ein Gehirnschlag plötzlich hinwegraffte. Mann der Wissenschaft in des Wortes höchster Bedeutung, war Wuttke zugleich Mann der That, Mann des politischen Handelns— viel gehaßt, viel verlästert, wie alle Streiter der oeclosiu rnilitaus(der kämpfenden Kirche) des ' Geistes. In Kurzem bringen wir aus berufenster Feder eine eingehende Charakteristik des unermüdlichen, rücksichtslosen Feindes der Unterdrücker, und Freundes der Unterdrückten. Sprüche von Kurt Mook. Wer hält den Unterthailen die Predigt, Wenn sich der Staat der Pfaffen entledigt? Der Weise will nur wenig sein, Am leichtsten ist es, König sein. Die Erzählung„Goldene und eiserne Ketten" kommt in den nächstfolgenden Nummern zu Ende, und es beginnt in Nr. 45 eine neue spannende Erzählung: Im Banne Mammons, Berliner Sittenbilder. Berantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.— Druck und Verlag der Genossenschaftsbilchbrnckerei in Leipzig.