Goldene und eiserne Letten. Erzählung auS schweren Tagen von C. Lübeck. (Fortsetzung.) Der Kutscher deS Doktors, Zimmerhof, ein stark gebauter, ältlicher Mann mit einem bärtigen, frischen, rothen Gesichte, aus dem die Gesundheit strotzte, hatte, während der Doktor noch mit dem Kreissekretär sprach, den Besuch eines Kameraden erhalten, über dessen Anblick er wenig erfteut zu sein schien. Friedel, der Kutscher des Konsistorialraths, war so im Vorbeigehen„'ran- gekommen", um doch einmal zu sehen, wie es ihm gehe. Zimmerhof kannte ihn schon viele Jahre, hatte sich aber von ihm zurück- gezogen, da derselbe„fromm" und ein Heuchler geworden war. Das sorgfältig rasirte Gesicht Friedel's sah etwas aufgedunsen aus und ließ auf starken Branntweingenuß schließen. Seine Augen waren nichtssagend und schläfrig, die ganze Erscheinung schlottrig, und der Anzug in hohem Grade unordentlich. Zimmerhof war das Gegentheil von seinem Kameraden, eine stramme Gestalt, die Ordnung und Sauberkeit selbst, und in seinem Gesicht lag ein gutmllthiger freundlicher Zug, der leicht Vertrauen erweckte. Mürrisch hatte er den Gruß Friedel's erwidert, der sich durch das wenig freundliche Wesen Zimmerhof's in keiner Weise beirren ließ, sondern auf der Bank im Stalle Platz nahm, die Beine übereinanderschlug, aus der Tasche eine große silberne Schnupf- tabaksdose zog und eine Prise nahm. Er behielt die Dose spielend in der Hand, wie es schien, in der Absicht, sie Zimmerhof recht oft zu zeigen..... „Armseliger Stall doch!" sagte Friedel, einen geringschätzigen Blick auf die Stalleinrichtung werfend.„Da sollst du mal in meinen Stall kommen. Donnerwetter, das ist ein Schloß gegen diese Bude!" Er schlug dabei bekräftigend aus seine Dose und blickte selbstbewußt auf Zimmerhof. „Wenn dein Stall dir ähnlich ist," entgegnete dieser,„dann mag ich nicht tauschen." Er wandte sich ab, den Pferden zu. Friedel's Gesicht veränderte sich, seine Lippen kniffen sich zu- sammcn, und ein Blitz des Hasses schoß aus seinen Augen. Zm nächsten Augenblick aber zeigte eS wieder den früheren Gleichmuth. „Und ein Gehalt gibt es,"— er schlug wieder auf die Dose—„paß sich davon leben läßt. Du solltest doch auch mal un dein Aller denken und dich nach einer bessern Stelle umsehen. Hier hielte ich es keine vierundzwanzig Stunden aus. Da fällt mir ein, bei dem Grafen Scharfenstein ist grad' eine Prachtstelle frei. Kerl, die müßtest du kriegen, das wäre was für dich. Eine brillante Stellung, sage ich dir— da kann man leben wie Gott in Frankreich." „Ich befinde mich hier ganz wohl," antwortete Zimmerhof, „und sehne mich gar nicht heraus." „Wie kann man nur so dumm sein!" rief Friedel entrüstet. „Das Geld liegt auf der Straße, du brauchst dich nur zu bücken und es aufzuheben. Sei kein Narr, greif' zu, ich will dir be- hülflich sein." „Last' mich ungeschoren mit deiner guten Stellung, ich bleibe, wo ich bin!" rief Zimmerhof ungeduldig.„Ich habe jetzt, auch keine Zeit, mit dir lange zu sprechen." „Ja, ist denn die Doktorei einträglich? Die kann doch nichts Rechtes abwerfen. Freilich, jetzt kommt schon die Kundschaft weither. Gestern war ja der Herr Blumenthal hier— was fehlt denn dem?" „Was kümmert's mich! Soviel ich weiß, fehlt ihm gar nichts. Er ist ein Freund vom Doktor." „Na, wer das glaubt! So lange macht man doch keine Besuche, wie er es gestern gethan." „Ob du es glaubst oder nicht, das ist mir gleich. Er ist ein Freund vom Doktor, ein guter Freund, und dabei bleibt eS. Nun thue mir aber den Gefallen und gehe, ich habe keine Zeit mehr." „Ich will dir etwas vertrauen," sagte Friedel, verschmitzt die Augen zusammenkneifend, ohne aus Zimmerhof's Worte zu achten. „Man erfährt ja in solchem Hause Mancherlei. Du wirst schon gesehen haben, daß der Herr Blumenthal immer mit Papieren zum Doktor kommt— er hat eine Erfindung gemacht— ich sage dir, das wird noch'mal ein berühmter Mann. Du hast doch die Papiere gesehen?" „Ich habe mich darum nicht gekümmert," sagte Zimmerhof ungeduldig. „Aber du mußt doch die Papiere gesehen haben. So wie l. m ort th?« Zllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Flugschriften sehen sie auch auch Listen waren dabei und darauf stehen viele??amen, ich könnte sie dir alle nennen. Nicht wahr, die Papiere hast dn doch gesehen und weisit auch, was drin stand? Du willst es nur nicht merken lassen, Papiere hat er ihm sogar gestSLii noch gebracht." „Was weiß ich, was darin steht! Wenn dir so viel daran liegt, es zu erfahren, dann wende dich doch direkt an den Doktor, er wird dir die Antwort schon geben. Nun lasi' mich aber in Ruh." , Friedet erhob sich.„Nur nicht so unwirrsch, lieber Junge," sagte er.„Ueberlege dir mal die Geschichte'mit der Stelle, und willst du sie haben, dann komme des Abends in die Kneipe in der Thorgasse. Da findest du mich." Friede! ging. Auf der Straße flog ein tückisches Lächeln über sein Gesicht. „Sein Freund— sein guter Freund— und Papiere hat er auch gebracht." murmelte er.„Die Nachricht wird man mit Gold aufwiegen." Zimmerhof, der wußte, daß der Doktor Friedet nicht gern sah, verschwieg ihm den Besuch desielben, als er in den Stall kam. Eine Biertelstunde später war angespannt, und langsam fuhr der Wagen mit Egler durch die Stadt. «* Der Doktor stand grade im Begriff auszugehen, um dem Landrath einen Besuch abzustatten, als eö klopfte und der hohe Bczirkschef selbst erschien. In seiner ganzen Amtswürde marschirte er jetzt auf, mit vollen Backen, aufgebläht wie ein Frosch, und kaum schien er den Doktor zu sehen, so hoch hielt er den Kopf mit der funkelnden Nase. Einen Augenblick war er unschlüssig, ob er den Doktor eines Grußes würdigen sollte, dann that er es in näselndem Ton, klagte auch über die furchtbare Hitze und geruhte dabei, einen verlangenden Blick nach dem Sopha zu werfen. Der Doktor hatte seinen Gruß frostig erwidert, ihm aber keinen Sitz angeboten.„Sie überheben mich der Mühe eines Ganges," sagte er,„ich wollte Sie eben aufsuchen, um Ihnen eine wichtige Nachricht zu bringen." „Scheinen mit Berichten wahrhaft gesegnet zu sein," entgegnete der Landrath, den Kopf ein wenig neigend und auf den Doktor einen etwaS scheuen Blick werfend. „Der Tokayer wird rar werden," sagte der Doktor,„da dem Schmuggel, welcher auf so dreiste Weise vom Falkenburger Walde aus betrieben wird, ein Ende bereitet werden soll." Mit großer Schnelligkeit entströmte dem Munde des Land- raths die darin aufgespeicherte Luft, und mit dem Ausdrucke des größten Schreckens starrte der Landrath den Doktor an, dem die Wirkung seiner Worte nicht entging. „Zuchthauswasier schmeckt nicht so gut wie Tokayer," fuhr der Doktor fort.„Alan hat Material, viel Material, Herr Land- rath, die Anklage wird dick werden." „Aber, aber— bedenken Sie doch— können Sie denn glauben—" stotterte der Landrath, sich ernstlich nach einem Stuhle umsehend. „... Daß so vornehme Gesellschaft so gemeinen Erwerbes sähig ist, wollen Sie sagen," kam ihm der Doktor zu Hülfe. „Ich glaube das nicht bloS, ich weiß es sogar, und wenn ich es Ihnen sage, dann können Sie sich darauf verlassen, daß es wahr ist. Die Weinfuhren werden nun auch ausbleiben." Der Doktor war in Eifer gerathen und hatte so laut ge- sprechen, daß der Landrath seine würdevolle Haltung ganz auf- gab und ihn bat, doch nicht so laut zu schreien, man könne ja in Frieden die Sache besprechen und ausgleichen. „Da ist gar nichts zu besprechen und auszugleichen!" rief der Doktor wieder.„Ich stehe auf dem Sprunge, auszugehen, kann mich deshalb nicht in lange Unterredungen einlassen. Damit Sie aber wissen, daß ich über die ehrenwerthe Gesellschaft auf der Falkenburg gut unterrichtet bin, will ich Ihnen noch sagen, daß der Werth des Schlosses und GutcS nicht ausreicht, die Wechselschulden von Vater und Sohn bei Silberberg zu decken. Daß der Wald nicht zum Schlosse gehört, das werden Sie wohl wissen; ich kann Ihnen zu allem Ueberfluß noch sagen, daß der Vertrag gefunden ist, und daß er in den nächsten Tagen mit einer Klage in's Gerickt geht." Der Doktor hatte seinen Hut ergriffen und bedeutete damit dem Landrath, daß ihre Unterredung zu Ende sei. Der Landrath aber stand wie versteinert da und stierte den Doktor an, der sich ungeduldig hin und her bewegte und den Hut mit dem Aermel glättete, obgleich er ganz glatt war. „Aber— aber— bedenken Sie doch— was soll denn daraus werden— man würde das sehr übel aufnehmen. Hören Sie, Herr Doktor, es darf keine Anzeige gemacht werden, denken Sie an den schlechten Eindruck, den so etwas auf die Bevölkerung machen würde." „Ich sehe da keinen schlechten Eindruck voraus, im Gegen- theil, einen guten," entgegnete der Doktor.„Wenn ein armer Teufel, vom Hunger gelrieben, Holz oder Feldfrttchte stiehlt, dann wird er exemplarisch bestraft; wenn aber ein großer Spitzbube ertappt wird, dann soll man bedenken, soll Rücksicht nehmen. Zum Teufel— Nein! Das aber sei Ihnen gesagt, wenn die Verhaftung Berner's und der Polizei- Schurkenstreich gegen Blumenthal ausgeführt wird, dann sollen Sie mich kennen lernen, und nun sind wir fertig." Er hatte die Thür aufgerissen, und wie ein Trunkener schwankte der Landrath hinaus. «•* * Wahrhaft betäubt hatte der Landrath das Haus des Doktors verlassen. Unsicheren Schrittes, seufzend, pustend und stöhnend und unzählige Male den Schweiß von der Stirn trocknend, schwankte er seinem Bureau zu, ein Bild des Staunens für die Menge, die noch nie zuvor das Oberhaupt des Kreises in einem solchen Zustande gesehen hatte und ihm nun verwundert mit ihren Blicken folgte. Hier und da blieb man auch stehen und steckte die Köpfe zusammen, sprach und lachte über ihn. Das Gaffen der Menge entging ihm nicht, er stieß grimmige Ver- wünschungen gegen die„dreiste Kanaille" aus und schoß immer schneller weiter. Jetzt tauchte, ein rettender Hafen, das alter- thümliche Haus mit der großen Steinlreppe vor ihm auf, in dem sich das Landrathsamt befand. Er sah Bauern auf der Treppe sitzen, und ein Fluch über die unverschämten Bettler flog über seine Lippen. Der Anblick der Bauern hatte einen Augenblick seinen raschen Gang unterbrochen; wie dem Stier, der das rothe Tuch erbtickt, so schoß ihm das Blut und aller Zorn in den Kopf.„Mit der Peitsche müßte man unter dieses unverschämte Gesindel fahren," murmelte er zwischen den Zähnen.„Hundert- mal habe ich es der Bande verboten, mir die Treppe vollzu- trampeln!" In diesem Augenblicke pflanzte sich vor ihm eine Gestalt auf und der mitleidige Ruf:„Nein, wie der Herr Land- rath doch aussehen!" schlug an sein Ohr. Er verschmähte es, zu dem dreisten Menschen niederzublicken, der eS wagte, ihm auf offener Straße entgegenzutreten. Er warf den Köpf in den Nacken, richtete die Augen zum Himmel und schnaubte wüthend: „Man kümmere sich um sein eigenes Aussehen!" „Ja, du lieber Gott, da soll man nicht schlecht aussehen— mache mal Einer solche Spitzbubengeschichte durch!" „Man scheere sich zum Teufel!" schrie der Landrath. „Aber ich bin ja Silberberg," sagte sein Gegenüber jetzt, entrüstet einen Schritt zurücktretend. „Mai: scheere sich zum Teufel!" schrie der Landrath wieder, ohne Silberberg eines Blickes zu würdigen.„Weiß man nicht, wo das Bureau ist?" „Da bin ich ja schon gewesen, Herr Landrath," sagte Silberberg. „Wegen der Betrügereien wollte ich nur ein paar Worte mit dem Herrn Landrath reden," fügte er bekümmert hinzu.„Ich dachte..." „Was kümmern mich die verfluchten Spitzbubengeschichten?" rief der Landrath.„Auf der Straße sollen mir Spitzbuben und was mit Spitzbuben zu thun hat— zehn Schritte vom Leibe bleiben!" Lautes Lachen ertönte; er neigte ein wenig den Kopf und sah nun, daß sich eine Menschengruppe um sie gebildet hatte, die mit 419 sichtlichem Vergnügen der Unterhaltung folgte. Er holte tief Athcm, um die Frechen durch eine Fluth von Flüchen zu ver- jagen. Da rief aber Silberberg, den die Worte des Landraths schwer gekränkt hatten: „Ist doch der Herr Landrath mit den Spitzbuben gut Freund, so daß ich dachte: ehe du den Falkenburger Grafen und seinen Sohn vor den Staatsanwalt bringst, wirst du erst mit ihrem Freund, dem Herrn Landrath sprechen. Aber wenn in Zukunft wieder Einer kommt, der Geld haben will, dann werde ich mir erst ein Attest über seine Ehrlichkeit vorlegen lassen." „Ist Er denn wahnsinnig?" brüllte der Landrath jetzt.„Was will Er denn eigentlich?" Seine Frage blieb unbeantwortet. Silberberg hatte sich ent- fernt, und nur ganz fremde Gesichter starrten voller Hohn und Spott den Landrath an, der mit lauten Flüchen davonstürzte. Wie ein Raubvogel auf ein Hühnervolk, so schoß der Land- rath jetzt auf die Bauern loS, die auf der Treppe des Landraths- amtes saßen, die Köpfe mit den tiefliegenden stieren Augen in die Hände gestützt, zerlumpte und abgezehrte Hungergestalten. Schon von weitem schrie er sie an, und scheu erhoben sie sich bei seinem Schimpfen und Toben, ängstlich machte man ihm Platz. War man doch eine solche Behandlung seit undenklichen Zeiten ge- wohnt. Er keuchte die Stufen der Treppe hinauf, ein Bote mit einem Eirkular in blaner Mappe trat ihm in der Thür entgegen:„Ob der Herr Landrath vielleicht an dem Banket theilnehmen wollen?" sagte der Bote, ihm das Eirkular hinreichend. „Was für ein Banket?" fragte er, einen flüchtigen Blick in den entfalteten Bogen werfend. „Die gestrige geheime Stavtverordneten-Versammlung hat in Anerkennung seiner großen Verdienste dem Herrn Doktor Wieser das Ehrenbürgerrecht verliehen!" Der Landrath hatte den Boten bei dieser Meldung sprachlos angestarrt, dann war er mit einem wilden Fluche an ihm vor- übergestürzt. Dröhnend warf er die Thür seines Bureaus in'S Schloß und blieb in der Mitte des geräumigen Zimmers stehen. Die bleichen Schreiber am großen Tische beugten sich ängstlich tiefer auf ihre Arbeit, und rascher flogen die Federn dahin. Der Bote Festling, ein freundlicher Graukopf mit klugen, gutmüthigen Augen, der an einem kleinen Tische mit dem Siegeln von Briefen -beschäftigt war, drehte sich militärisch um und harrte ernsten Gesichts der Befehle seines Herrn. Kinsky, der an einem eigenen Pulte arbeitete, las, als ob er von der Anwesenheit des Ehefs keine Ahnung hätte, in einem Aktenstücke. „Rufe Er den Gensvarmen-Wachtmeister!" befahl der Land- rath dem Boten. „Der Geusdarmen- Wachtmeister ist vor einer Stunde aus- geritten," antwortete Festling in dienstlichem Tone. „Wer hat ihm Austrag dazu gegeben?" schrie der Landrath. „Ich," sagte Kinskp, von seiner Arbeit aufblickend.„Früh morgens lief eine Denunziation ein, daß im Kreise ein unerhörter Schmuggel gelrieben würde. Der Name eines erlauchten Hauses wurde darin genannt. Ich machte Anzeige bei der Steuerbehörde und sandte zugleich den Gensdarmen-Wachtmeister an Ort und Stelle ab." Der Landrath, welcher sich von Festling abgewendet und Kinsky mit entrüsteten Blicken gemessen hatte, schien bei seinen Worten die Sprache verloren zu haben.„Welcher— welcher Teufel hat Sie dazu beauftragt?" brachte er endlich mühsam hervor. „Es war doch wohl Pflicht," sagte Kinsky,„sofort..." „Schweigen Sie!" unterbrach ihn, außer sich vor Zorn, der Landrath.„Um Ausreden sind Sie ja nie verlegen.— Wir haben viel mit einander abzurechnen, mein Herr Kreissekretär," fügte er fast zischend hinzu.„Das ist schändlich, das ist nichts- würdig!— Ein anderer Gensdarm soll kommen!" befahl er Festling. „Es ist kein anderer da, Herr Landrath," antwortete Festling. „Alles fort? Das ist ja herrlich. Wer hat denn hier eigentlich zu befehlen, Sie oder ich?" schrie der Landrath wieder, mit kirschbraunem Gesicht und geballten Fäusten dicht vor Kinsky tretend. „Sie sprachen von Abrechnung," sagte Kinsky.„Es wäre mir lieb, wenn Sie sie auf der Stelle vornehmen würden. Im Uebrigen war hier die Nachricht eingetroffen, da� auf Rabenberg ein Mord verübt worden. Den alten Kammerdiener Konrad hat man in der Nacht ermordet in seinem Bette gefunden, und da sandte ich nach Rabenberg die letzte Polizei, nachdem ich vergeblich in Ihre Wohnung sowie in die Weinstube geschickt." Der Landrath war bei dieser Antwort verstummt und blickte Kinsky halb zweifelnd, halb erschreckt an.„Ermordet?" murmelte er nach einer Weile. „Gestern erkundigte sich Konrad noch bei dem Herrn Land- rath nach dem Spitzbuben Heilmann von der Falkenburg," sagte Festling mit harmlosem Gesicht;„und der Herr Laudrath schrieben ja auch deshalb an den Herrn Grafen von Falkenburg." Der Landrath belohnte Festling's Freimllthigkeit mit einem wüthenden Blick.„Wer fragt ihn?" herrschte er ihn an.„Packe Er sich! Sage Er dem Kutscher, daß angespannt werde.— Mit Ihnen aber," wandte er sich an Kinsky mit drohendem Ge- sichte,„spreche ich, wenn ich zurückkomme. Sie haben auf die niederträchtigste Weise die Geheimniffe des Bureaus verkauft." „Was ich gethan, daö werde ich zu verantworten wissen," sagte Kinsky kalt.„Einen Mißbrauch mit meinem Amte habe ich noch nie getrieben, und noch nie hat man mich auf einer Ehrlosigkeit oder einer Schurkerei ertappt." Die letzten Worte hatte er mit großem Nachdruck gesprochen. „Herr—!" schrie der Landrath, wieder auffahrend, doch ver- schluckte er den Rest von dem, waS er sagen wollte.„Gehen Sie!" sagte er,„wir sind fertig." Die Thür öffnete sich, und mit einer Papierrolle in der Hand trat der alte Weber Neumann in'S Zimmer. Er machte dem Landrath eine etwas steife Verbeugung, entrollte sein Papier und sagte:„Die Gemeinde Waldau hat mich hierher geschickt. Ich soll dem Herrn Landrath dies Papier übergeben. Der Ver- trag über den Falkenburger Wald, den man so lange gesucht hat, ist jetzt aufgefunden worden. Die Gemeinde hat bereits den Prozeß gegen den Herrn Grafen angestrengt." „Wer hat Ihm die Erlaubniß gegeben," fuhr ihn der Land- ratb an,„hier auf so unverschämte Weise einzudringen? Packe Er sich auf der Stelle!" „Das Papier soll ich hier lassen," sagte Neumann, dessen Stirn sich verfinstert hatte. Mit bebender Hand legte er das Schriftstück auf den Tisch.„Daö will ich dem Herrn Landrath aber doch sagen," rief er in grollendem Tone,„daß wir unser Recht wollen, sollte es uns auch das letzte Hemd kosten." „Er unverschämter Kerl," brüllte der Landrath, ergriff den Bogen und zerriß ihn in Fetzen.„Da— da hat er seinen verfluchte» Wisch. Nehme Er ihn nur wieder mit." Neumann, welcher schon nach der Thür gegangen war, wandte sich um, sein bleiches Gesicht hatte sich geröthet, und in seinen sonst so friedlichen Augen flammte es zornig und verächtlich zugleich. „Ich werde sie mitnehmen," sagte er erregt, bückte sich und hob die Papierfetzen auf. Er zitterte am ganzen Leibe, al» er sich aufrichtete, und verblüfft trat der Landrath einen Schritt zurück, als er Rcumann'S Augen drohend auf sich gerichtet sah. Dann brach er in ein Hohngelächter auS und schritt seinem Privatzimmer zu. Dort ging er in höchster Erregung auf und ab.„Mir die Polizei fortzuschicken, und zu diesen Zwecken— das ist schändlich,' das ist nichtswürdig!" rief er.„Nur einen Mann sollte ich haben, dann würde ich diesem Doktor schon den Mund stopfen, dann wäre die Rettung leicht— aber so— aber so— es ist zum rasend werden!—— Mein würdiger Sekretär hat spionirt und Alles diesem Doktor hinterbracht, wie die Geschichte mit dem Büttner. Aber wir werden abrechnen, ja. wir werden abrechnen, mein Herr Sekretär! Wir wollen doch einmal sehen, wer von uns der Stärkere ist!" Seine Blicke fielen auf einen Brief, der auf dem Tische lag. Er nahm ihn und erbrach rhu hastig.„Vom Konsistorial- rath!" murmelte er. Mit dem Ausdruck der Enttäuschung legte 420 er ihn wieder nieder.„Ein Kutscher-Attest," sagte er verächtlich, „damit machen wir uns nur lächerlich. Das ist ja der baarste Unsinn!" Er schwieg einen Augenblick nachdenklich.„Der Polizei- Agent Hieber macht daraus einen Anschlag auf das Leben Seiner Majestät," murmelte er wieder.„Und besitzt nicht ein preußischer Landrath noch soviel Macht, daß er eine unbequeme bürgerliche Kanaille in den Schatten setzen darf?—— Wenn ich nur Polizei hätte!" jammerte er von neuem;„wenn ich nur Polizei hätte!— Aber frisch auf den Kriegsschauplatz, ehe uns die Verhältnisse über den Kopf wachsen!" Eine Viertelstunde später rollte der Wagen des Landraths auf der Straße nach Schönenberg dahin. ** » Am Fenster seines Arbeitszimmers steht Graf Falkenburg, das erregte Gesicht mit der heißen Stirn gegen die Scheibe ge» drückt, die Lippen zusammengekniffen, die Blicke in düstrer Starr- heit auf die Landschaft gerichtet. Er nimmt nichts davon wahr, die nagende Sorge verschleiert das Bild und scheucht die Blicke in den finstern Kreis zurück, in dem sein ganzes Denken sich be- wegt. Ein Wendepunkt ist in seinem Leben eingetreten, das fühlt Friedrich Fröbel. Für die„Neue W er.— Eine Hiobspost nach der andern war eingetroffen und Alles schien sich verbunden zu haben, ihn von der stolzen Höhe zu stürzen, die das Geschlecht der Falkenburge Jahrhunderte hin- durch ruhmvoll behauptet. Das aber sollte nimmer geschehen! Wie ein Rasender war er bei den ersten Nachrichten durchs Schloß gestürmt, und laut durchhallte die weiten Räume sein wildes Geschimpf und Geschrei, an den Dienern ließ er seine Wuth aus, mit allen hatte er Händel und jeden Widerspruch ahndete er durch Mißhandlungen. Man sollte ihn nicht aus dem Hause seiner Bäter vertreiben, und lieber wollte er sterben, als zu dem Bettlervolke hinabsteigen, mit ihm um das tägliche Brot ringen und kämpfen. So rief er sich trotzig zu. Dock während er sich aufs heftigste dagegen sträubte, zu den gezeichnet und geschnitten,(s. 428.) übrigen Menschenkindern hinabzusteigen, hatte ihn bereits der Kampf ums Dasein allen Standesflitters entkleidet und ihn zu dem Volke geworfen, das er verabscheute. Ob hoch oder niedrig geboren, ob Fürst oder Bettler— sind alle Menschen dem gleichen unerbittlichen Gesetze untenvorfen. Der Wall, gegen die Armuth und ihre Wünsche gethürmt, die gesellschaftliche Moral verschwindet und das nackte Faustrecht tritt an ihre Stelle. Der Hochgeborne, von der Roth erfaßt, muß das Moralgesetz leugnen, ein Verbrecher daran werden wie der Arme, dem es als Maulkorb umgeschnallt ist. Graf Falkenburg fand in seinem Handeln nichts Unmora- lisches. Das einzige Ideal seines Lebens war die Erhaltung seines Hauses, er wußte nichts vom Volke und seinem Ringen, und unbekannt war ihm alles Schöne und Edle geblieben, was sonst die Menschheit durchglüht. Seinem Ziele gegenüber hielt er jedes Mittel für erlaubt. Er fühlte sich ganz makellos und erwartete von jedem seiner Standeözenossen gleiches Handeln. Welch wirrer Morgen war für ihn angebrochen! Die Nacht über hatte er gerechnet; mit den Bauern hoffte er leicht fertig werden zu können, Silberberg war durch seine Freunde zu be- schwichtigen, die Gläubiger des Herrn v. Rabenberg hatten mit ihren Angriffen begonnen, die Heirath konnte doch noch zum Ab- schluß gelangen. Wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel traf ihn die Nachricht vom Morde Konrad's. Wer konnte die That anders verübt haben als Heilmann? Welche verhängnißvollen Folgen konnte sie nach sich ziehen! Er hatte Heilmann kommen lasten, ihn mit Vorwürfen überhäuft und sich mit Entrüstung über das Verbrechen ausgesprochen, aber höhnisch war ihm Heil- mann entgegengetreten, als ob nicht der Graf, sondern er hier zu gebieten hätte.(Fortsetzung folgt.) 5 lkgesilbnung. Nacht liegt ringspm noch in den Thalen, Des frischen Waldes Helles Leben ruht, Und schwarze, mächt'ge Föhren malen Ihr düstres Bildniß in die graue Fluth. Nur auf den fernen Bsrgesspitzen Glänzt es in goldig Hellem Flammenschein, Der neuen Sonne Strahlen blitzen Ein Tagesahnen in die Nacht hinein. Bald wird es grünen rings und klingen, Wo schwarze Nacht und düstres Schweigen lag, Und Blumen duften, Vögel singen Ein schmetternd Jubellied dem neuen Tag. Wann wird die Nacht des Geistes schwinden, Die schlummernd uns in starrer Fessel hält? Wann uns der Sonne Strahl verkünden Den neuen Tag?— die neue Welt?— R— r. Der Hintersee bei Berchtesgaden in Baqrisch-Tirol. 422- Wilhelm Wolfs. Bon Friedrich Engels. IX. Wir haben absichtlich die„schlesische Milliarde" in größeren AuszUgen mitgetheilt, nicht nur weil darin der Charakter Wolff's am deutlichsten sich zeigt, sondern auch weil sie ein treues Bild der Zustände gibt, die bis 1848 auf dem Lande in ganz Preu- ßen, mit Ausnahme der Rheinprovinz, in Mecklenburg, Hannover und einigen anderen Kleinstaaten, sodann in ganz Oesterreich herrschten. Wo Ablösungen stattgefunden hatten, war der Bauer übervortheilt worden; aber für die Hälfte bis ZweimUel der Bauerubevölkerung— je nach der Lokalität— bestanden die Fcudaldienste und Abgaben an den Gutsherrn noch fort, mit wenig Aussicht auf ein beschleunigteres Tempo der Ablösung, bis das Donnerwetter von 1848 und die ihm folgende Periode industrieller Entwicklung auch mit diesen Resten des Mittelalters so ziemlich aufräumte. Wir sagen so ziemlich, denn in Mecklen- bürg besteht der Feudalismus noch in ungeschwächtcr Kraft fvit, und auch in anderen zurückgebliebenen Theilen von Rorddeutsch- land dürften sich hie und da noch Gegenden finden, wo die Ab- lösung noch nicht erledigt ist. 1849 wurden in Preußen das Schutzgeld und einige andere weniger bedeutende Feudalabgaben unentgeltlich aufgehoben, die andern Lasten wurden rascher als vorher abgelöst, da der Adel jetzt nach den Ersahrungen von 1848 und bei der anhaltenden Schwierigkeit, aus den wider- spenstigeu Bauern eine prositliche Arbeit herauszuschlagen, jetzt selbst auf Ablösung drang. Endlich, mit der Kreisordnung, siel auch die Patrimonialgerichtsbarkeit der Gutsherren, und, wenig- stens der Form nach, ist damit der Feudalismus in Preußen beseitigt. Aber auch nur der Form nach. Ucberall, wo großer Grund- besitz vorherrscht, erhält sich eine halbfeudale Herrschaftsstellung der großen Grundeigenthümer, auch unter sonst modern-bürger- liche» Bewirthschaftungsverhältnissen. Nur die Formen dieser herrschenden Stellung ändern sich. Sie sind andere in Irland, wo der Boden von kleinen Pächtern bewirlhschaftet wird, andere in England und Schottland, wo kapitalbesitzende Pächter mit Lohnarbeitern große Pachtungen bebauen. An diese letztere Form schließt sich die in Norddentschlaiid, besonders im Osten, vorwie- gende Adelsherrschaft au. Die großen Güter werden meist für Rechnung des Besitzers, seltener für Rechnung von Großpächtern bewirthschaflet, mit Hülse von Hofgesinde und Tagelöhnern. Das Hofgesinde steht unter der Gesindeordnuug, die in Preußen von 1810 datirt, und so sehr für feudale Verhältnisse eingerich- tet ist, daß sie„geringe Thätlichkeiten" der Herrschast gegen das Gesinde ausdrücklich erlaubt, dem Gesinde aber thätlichc Widersetzlichkeit gegen Mißhandluug der Herrschast außer in Lebens- oder Gesundheitsgefahr bei Kriminalstrafe ausdrücklich verbietet!(Allg. Gesinde-Ordnunz tzZ 77, 79.) Die Tage- löhner sind theils durch Kontrakte, theils aber durch die vorwiegende Ablvhnung in Naturalien— wozu auch die Wohnung gehört— in eine faktische Abhängigkeit vom Gutsherrn gebracht, die der des Gesindes nichts nachgiebt, und so florirt auch heute nocb östlich der Elbe jene patriarchalische Behandlung der Land- arbeiter und des Hausgesindes mit Maulschellen, Stock- und Kantschuhieben, die uns Wolfs in Schlesien geschildert. Leider wird iudeß das gemeine. Volk immer rebellischer und will sich diese väterlichen Besserungsmaßregeln hier und da schon nicht mehr gefallen lassen. Da nun Deutschland immer noch ein vorwiegend Ackerbau treibendes Land ist, und daher die Masse der Bevölkerung sich vom Ackerbau ernährt und auf dem Lande lebt, bleibt es die hauptsächlichste, aber auch schwierigste Aufgabe der Arbeiterpartei, die Laudarbeiter über ihre Interessen und ihre Lage anszuklären. Der erste Schritt hierzu ist, daß man diese Interessen und diese Lage der Landarbeiter selbst kennen lernt. Die Parteigenossen, denen die Umstände dies erlauben, würden der Sache einen großen Dienst thun, wenn sie die Darstellungen Wolss's mit den jetzigen Zuständen vergleichen, die eingetretenen Veränderungen zusammenstellen, die jetzige Lage der Landarbeiter schildern woll- ten. Neben dem eigentlichen Tagelöhner wäre der kleine Bauer ebenfalls nicht aus dem Auge zu lassen. Wie verhält es sich mit den Ablösungen seit 1848? Ist dabei der Bauer ebenso über's Ohr gehauen worden, wie vorher? Solche und andere Fragen ergeben sich von selbst aus der Durchlesung der„schlesi- schen Milliarde", und wenn deren Beantwortung ernsthaft in die Hand genommen, und das gewonnene Material im Parteiorgan veröffentlicht würde, so geschähe damit der Arbeitersache ein größerer Dienst, als mit noch so vielen Artikeln über die Organisation der zukünftigen Gesellschaft im Einzelnen. Noch einen andern Punkt regt der Schluß der Wolff'schen Artikel an. Oberschlesien ist seit 1849 zu einem der wichtigsten Mittelpunkte der deutschen Industrie geworden. Diese Industrie wird, wie überhaupt in Schlesien, vorwiegend auf dem Lande,] in großen Dörfern oder neu entstehenden Städten, fern von groß- i städtischen Eentren, betrieben. Wenn es sich darum handelt, die; Sozialdemokratie aus dem Lande zu verbreiten, so bietet also � Schlesien, und namentlich Oberschlesien, den geeignetsten Ort, um den Hebel anzusetzen. Trotzdem scheint wenigstens Oberschlesien bis jetzt für die sozialistische Propaganda noch jungfräulicher Boden zu sein. Die Sprache kann kein Hinderniß abgeben; einerseits hat mit der Industrie der Gebrauch des Deutschen dort sehr zugenommen, andrerseits gibt es doch gewiß genug Sozialisten, die polnisch sprechen. Doch zurück zu unserm Wolfs. Am 19. Mai wurde die „Neue Rheinische Zeitung" unterdrückt, nachdem die letzte, roth- gedruckte Nummer erschienen war. Die preußische Polizei hatte, außer 23 noch schwebenden Preßprozessen, soviel andere Angriffs- vorwände gegen jeden einzelnen Redakreur, daß sie alle Köln und Preußen sofort verließen. Die meisten von uns gingen nach Frankfurt, wo die Entscheidung sich vorzubereiten schien. Die Siege der Ungarn riefen den Einmarsch der Russen hervor; der Konflikt zwischen den Regierungen und dem Frankfurter Parlament wegen der Reichsverfassung hatte verschiedene Aufstände erzeugt, von denen die in Dresden, Iserlohn und Elberfeld niedergeschlagen, die in der Pfalz und Baden aber noch im Fortschreiten waren. Wolfs hatte ein altes Breslauer Mandat als Stellvertreter dcS GeschichtSverdrehers Stenzel in der Tasche; man hatte den Heuler Stenzel nur dadurch durchgebracht, daß man den Wühler Wolff als Stellvertreter mitnahm. Stenzel war natürlich, wie alle guten Preußen, dem Befehl der preußischen Regierung auf Ab-. berufung von Frankfurt gefolgt. Wolfs trat nun an seine Stelle. Das Frankfurter Parlament, durch eigne Trägheit und Dumm- heit von der Stellung der mächtigsten Velsammlung, die je in Deutschland zusammentrat, hinabgesunken zu der äußersten, allen Regierungen, sogar der von ihm selbst eingesetzten Reichsregierung und ihm, dem Parlamente selbst, jetzt offenkundigen Ohnmacht, stand rathlos da zwischen den, ihre Streitkräfte sammelnden Re- gierungen und dem, für die Reichsverfassung aufgestandenen Volk. Noch war Alles zu gewinnen, wenn das Parlament und dir Führer der süddeutschen Bewegung nur Muth und Entschlossenheit hatten. Ein Parlamentsbeschluß, der die badische und Pfälzer Armee zum Schutz der Versammlung nach Frankfurt rief, hätte genügt. Die Versammlung eroberte sich dadurch mit einem Schlag wieder das Vertrauen des Volks. Der Abfall der Hessen-darin- städtischen Truppen, der Anschluß Würtembergs und Bayerns an die Bewegung konnte dann mit Sicherheit erwartet werden; die mitteldeutschen Kleinstaaten wurden ebenfalls hineingerissen; Preußen bekam genug bei sich zu thun, und gegenüber einer so gewaltigen Bewegung in Deutschland war Rußland geuöthigt, einen Theil der seitdem in Ungarn erfolgreich verwandten Truppen in Polen zurückzubehalten. Ungarn konnte also in Frankfurt ge- 423— rettet weide», und andrerseits ist alle Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß, angesichts einer siegreich fortschreitenden Revolution in Deuljch- land der in Paris täglich zu erwartende Ausbruch nicht auf die kampflose Riederlage der radikalen Spießbürger hinausgelaufen wäre, die am 13. Juni 1849 sich zutrug. Die Chancen waren so günstig, wie sie nur sein konnten. Der Rath zum Herbeirufen des badisch-pfälzischen Schutzes wmde in Frankfurt, der zum Marsch auf Frankfurt auch ohne Ruf in Mann- heim gegeben. Aber weder die badischen Führer noch die Frank- furter Parlamentler hatten Muth, Energie, Verstand od« Initiative. Ein Reformator der Arbeit. Bon Max Neifser. II. Der Dampfkessel. „Wir stehen nun," fuhr unser freundlicher Lehrer in seinem Vortrage fort,— indem er auf den Mauerkörper vor uns zeigte, �—„vor dem Entwickelungs-Apparate des Dampfes, dem Dampf- kessel. Wenn wir denselben von dem ihn vor der Abkühlung schützenden und ihn gleichsam als Ofen umgebenden Mauerwerke befreien könnten, so würden Sie einen langen Chlinder von ungefähr 15 Fuß Länge und etwa 4 Fuß Durchmesser sehen, welcher ans Eisenblech von höchstens' 2 Zoll Stärke hergestellt ist. Die untere Hälfte des Kessels durchzieht ein Rohr von demselben Bleche, das etwa 10 Zoll lichte Weite") hat und nach beiden Seiten offen ist,— das Rauchrohr. Auf der oberen Wandhälfte des Kessels befindet sich ein durch einen Deckel und einen Gummikranz luftdicht zu verschließendes Loch— das Mannloch— durch welches ein Mann in den Kessel zu gelangen ver- wag, damit zeitweise eine Entfernung des Kesselsteines,— des Absatzes der im Wasser enthaltenen mineralischen Bestandtheile, der Kalksalze:c., erfolgen kann. „Der Kessel ist gewöhnlich so eingemauert, daß die im Heiz- räume unter seinem vorderen Theile erhitzte Luft zunächst an der Bodenfläche hinzieht, dann durch das erwähnte in seinem Innern liegende Rauchrohr ihn selbst durchstreicht und dann in Zwei Kanäle tritt, welche an den Seiten des Kessels sich befin den, und von da durch einen Kanal in den Schornstein gelangt, so daß das im Kessel befindliche Wasser vou allen Seiten »wärmt wird." „Welche Bedeutung hat"— unterbrach ich den Ingenieur, „das Gewicht an jener Seite, welches über zwei Rollen hin- weg ersichtlich»ach dem Rauchkanale führt?" -„Es ist," antwortete er,„das Gewicht, welches dem„Schie- bei" daS Gleichgewicht hält, einem Eisenblech, daS durch Heben und Senken den Kanal öffnen und schließen, und mit dessen Hilfe man den Luftzug im Feuerraume vermehren oder vermindern, das Feuer.reguliren' kann. „Es gibt"— fuhr er dann fort—„noch verschiedene andere Arten und Formen von Dampfkesseln, allein die Beschreibung des unseren genügt, Ihnen die Art der Dampferzeugung für den Maschinenbetrieb zu erklären. „Ist nun der Kessel etwa zu 4 r> seines Inhaltes im An- fange durch eine Handpumpe mit Wasser gefüllt, so beginnt man »anzuheizen" und Dampf zu entwickeln. Ist dann später die Waschine in Thätigkeit, so pumpt sie selbst das Wasser, welches uöthig ist, um das in Dampfform abgehende zu ersetzen, und den bestimmten Wasserstand zu erhalten. Die Höhe der Wasser- fberfläche im Kessel sehen wir an dem Stande des Wassers in lenem Glasrohre an der Stirnwand der Kesselummauerung, nach dessen Zweck Sie vorhin frugen, und welches oben und unten wit dem Kesselinnern in Verbindung steht.— Würde es nur an seinem unteren Theile dem Kesselinneren verbunden sein, so würde der Druck des Dampfes im Kessel über der Oberfläche des Wassers dieses in dem Röhrchen viel weiter in die Höhe drücken. Um dies zu verhüten, führt man von oben her auch den Dampf ein und stellt so das Gleichgewicht mit dem Druck Kessel her. Die Beobachtung des Wasserstandes ist von sechster Wichtigkeit. Läßt man nämlich einen Wassennangel ein- �eten, so steht zu befürchten, daß die Kesselwände oder das Siede- *) Der größte Durchmesser des innern Querschnitts. rohr rothglühend werden, eine zu plötzliche Dampfentwickelnng eintritt und dadurch eine Kesselexplosion herbeigeführt wird, welche von den schrecklichsten Folgen begleitet sein kann." „Wenn nun aber"— siel Einer aus unserer Gesellschaft ein —„das Röhrchen einmal springt oder verstopft wird, und eine Hebung der Störung nicht sogleich möglich ist,— sind Sie dann noch im Stande, den so wichtigen Wasserstand zu er- kennen?" „Ei gewiß!"— belehrte unser Führer—„dann bleiben uns die ,Probirhähne°, jene Metallhähne, welche Sie da neben dem Wasserstandsglase sahen, und welche in verschiedenen Höben durch Rohre in den Kessel reichen. Je nachdem bei der Oefsnung von einem von ihnen Wasser oder Dampf ausströmt, befindet sich in seiner Höhe im Kessel Wasser oder Dampf." Wir bekundeten unser Verständniß und lauschten der weiteren Erklärung. „Unter der Wirkung der das Wasser im Kessel allseitig um- strömenden Wärme"— so lautete sie—„bildet sich nun der Dampf. Hat derselbe die Spannung einer Atmosphäre erreicht, ohne daß die Hähne geöffnet werden, um ihm den Abzug zu ge- währen, so muß eine Erhitzung des Wassers, wie ich Ihnen vorhin auseinandergesetzt habe, über 100 Grad hinaus eintreten, um eine weitere Dampfentwickelnng zu ermöglichen, und umsomehr, je höher die Dämpfe gespannt werden. Wir haben jetzt Dampf von mehreren Atmosphären Spannung." „Können Sie"— nahm nun wieder ein Neugieriger aus unserer Mitte voreilig das Wort—„die Dampfspannung beliebig steigern?" „Wir könnten wohl, aber wir dürfen nicht, weil uns die Festigkeit unserer Kessel eine Grenze setzt, welche wir nicht über- schreiten dürfen, wenn wir nicht die Gefahr einer Kesselexplosion herbeiführen wollen. Ein jeder Kessel vermag nur einem bestimmten Drucke Widerstand zu leisten, ein höherer Druck droht, den Kessel zu zersprengen." „Aber woran erkennen Sie die Höhe des Druckes im Kessel?" — fiel ich ihm in daS Wort.—„Sollte etwa jene Ntetallllapsel mit dem Zifferblatt dort über den Probirhähnen diesem Zwecke dienen?" „Sie haben es errathen,"— lautete die Bestätigung meiner Vermuthung,—„jene Metallkapsel ist das.Manometer'— der Druckmesser. Sie enthält ein gebogenes Metallröhrchen von elliptischem Querschnitte, das an dem einen Ende mit dem Dampfkessel in Verbindung gebracht und befestigt, an dem andern geschlossen und frei beweglich und mit einem Zeiger verbunden ist, der auf der mit Zahlen versehenen Zisferscheibe hin und her rücken kann. Strömt Dampf in das Röhrchen, so dehnt es sein Druck aus, und umsomehr, je höher der Druck, d. h. je höher die Spannung ist; das Röhrchen verlängert sich und setzt da- durch den Zeiger in Bewegung, welcher um so weiter rückt, je größere Spannung der Dampf besitzt." „Und jener rothe Strich, welcher an der Zahl 5 sich befin- det?" warf ich dazwischen. „Bezeichnet den höchsten Atmosphärendruck, den wir unserem Kessel zumuthen dürfen." „Wie wird aber dieses Maximum von Druck festgestellt"? fuhr einer meiner Freunde zu fragen fort. „Bei unS in Deutschland gewöhnlich durch Anwendung des sogenannten kalten Druckes, durch den hydrostatischen Versuch." 424 „Ja," hok� ich verivundert an,„vermag man denn auch kalten Dampf zu spannen?" „Das nicht," belehrte der geduldige Techniker seine Unwillen- den Schüler,„man wendet eben keinen Dampf, sondern kaltes Wasser bei dieser Druckprobe an. Man füllt den Kessel voll- kommen mit Wasser und drückt durch die Pumpe nun noch mehr Wasser in ihn hinein; dadurch wird das Wasser stärker zusam- mengepreßt und drückt nun natürlich mit eben so viel größerer Kraft ans die Kesselwand. So lange das Wasser noch nicht in Tropfen an den Fugen herausgepreßt wird, gilt der Kessel als widerstandsfähig." „Somit bezeichnet der rothe Strich also die äußerste Grenze seiner Widerstandsfähigkeit?" begehrte ich zu wissen und erhielt eine verneinende Antwort. „Die Vorsicht gebietet," so lautete dieselbe,„nicht bis an die äußerste Grenze zu gehen, weil ja die Verschiedenheit der Erzeugung dieses Druckes von der durch Dampf bewirkten und die die Festigkeit vermindernde Abnutzung des Kessels durch den Gebrauch in Betracht zu ziehen sind. In der Regel hält man also das anzuwendende Spannungsmaximum einige Atmosphären unter, ja oft auf der Hälfte der äußersten Widerstandsfähigkeit der Kessel, und die durch den bunten Strich bezeichnete Zahl nennt nur die Spannung, welcher der Kessel nach der Annahme des Staatsbeamten, der ihn untersucht hat, sicher noch Wider- stand leistet, und welche zu überschreiten nicht die angestellte Probe, sondern eine milde Vorsicht verbietet." „Ist es denn aber nicht denkbar, daß das Manometer ein- mal seinen Dienst versage, und wie erkunden Sie dann, wenn dieser Fall eintritt, die Dampfspannung?" frug ich den Ingenieur. „Dann," erwiderte dieser,„verlassen wir uns auf daö Sicher- heitsventil. Oben auf dem Kessel befindet sich nämlich ein eisernes Rohr, welches durch eine sorgfältig eingeschliffene Messing- platte luftdicht verschlossen ist. Auf diese drückt ein Zapfen, der sich an einem Hebel befindet, welcher um eine dicht daneben befestigte Axe drehbar ist. An das andere Ende der Hebelstange ist eine schwere eiserne Kugel aufgeschoben, die in demselben Ber- Hältnisse schwerer ans die Platte drückt, als ihre Entfernung von dem Unterstützungspunkte des Hebels,— der Axe— größer ist als der Abstand des auf daS Ventil drückenden Zapfens von demselben Punkte. Je weiter an das Ende des Hebels die Kugel gerückt wird, eine um so größere Spannung ist nothwen- dig. um die Platte zu heben, das Ventil zu öffnen. Die Kugel ist nun so gestellt, daß die Kraft des Dampfes hinreicht, das Ventil emporzndrücken und dem Dampf einen Weg zum Ausströmen zu öffnen, wenn seine Spannung die erlaubte Atmosphärenzahl erreicht hat. Das Ventil bläst dann so lange aus, bis der Dampfdruck wieder zur normalen Höhe herabgesunken ist; dann drückt die Kraft der Kugel die Platte wieder herab und schließt das.Ventil. Auf diese Weise regulirt sich die Spannung selbst- thätig und verkündet vernehmbar ein gefahrbringendes Uebermaß. Natürlich muß mit größter Strenge darüber gewacht werden, daß die Kugel nicht verrückt werde, denn die kleinste Veränderung ihrer Stellung vermehrt oder vermindert erheblich die Belastung des Ventils." „Nun haben wir also die Dampfspannung," fuhr der Inge- nieur fort,„welche wir zum Betriebe unserer Maschine brauchen, erreicht, und wir können diese in Bewegung setzen." „Erlauben Sie mir noch eine Frage?" unterbrach ich Jenen, welcher eben auf ein Rohr wies, das ersichtlich den Dampf aus dem Kessel nach der Maschine im Nachbarraum zu leiten be- stimmt war. „Welche ist es?" frug er. „Sie sagten vorhin," begann ich nun,„daß die Kessel zeit- weise von dem sich im Innern ansetzenden Kesselsteine durch einen hineinkriechenden Mann gereinigt werden müssen; ich darf also wohl annehmen, daß sie für diese Operation durch Ablassen deS in ihnen enthaltenen WasserS vorbereitet werden, sehe aber keine Vorrichtung, durch welche dieses bewirkt werden könnte." „O doch," berichtigte jener,„Sie sehen dort oben über den Kessel ein eisernes Rohr mit einem Hahn heranöragen, welches durch eine Oeffnung der Wand ins Freie läuft; dieses Rohr ist unsere Entleerungsvorrichtung." „Aber," gab ich etwas zweifelnd zu bedenken,„daS Wasser kann doch nicht in die Höhe fließen." „Nein," erwiderte er lächelnd,„darum drücken wir es in die Höhe oder, wie wir es nennen, wir blasen den Kessel ab. Jenes Rohr reicht bis an die tiefste Stelle des Kessels; öffnet man nun den es verschließenden Hahn, so drückt der im Kessel besind- liche Dampf— natürlich muß noch solcher vorhanden sein das Wasser in die Höhe und treibt es hinaus. Auch dies," fügte er hinzu,„ist eine Manipulation, deren ungeschickte oder unkundige Ausführung die Gefahr einer Explosion herbeiführen kann. Wenn nämlich Wasser plötzlich aus dem Kessel entfernt wird, so vermehrt sich der freie Raum; die Dampfspannung vermindert sich, während das Wasser noch eine Temperatur be- sitzt, welche genügt, Dampf unter höherem als dem augenblicklich herrschenden Drucke zu erzeugen. Die Folge davon ist, daß sich nur um so heftiger Dampf entwickelt, und der Druck so rasch steigt, daß, wenn man vor dem Abblasen ihn nicht genügend hat fallen lassen, leicht ein Sprengen des Kessels stattfinden kann.— Man muß deshalb bei einem möglichst niedrigen Drucke.abblasen'- Nun aber," so schloß er,„habe ich Ihnen hier nichts mehr z» zeigen, und ich bitte Sie deshalb, mir in den Maschinenraum zu folgen." Robert Owen. (Schluß.) Die Männer, welche diese schmachvolle Szene aufführten, waren die hervoiragendsten Vertreter der modernen Gesellschaft in demjenigen Staat, wo die moderne Gesellschaft zur höchsteu Vollendung gelangt ist: es war die Elite der Bourgeoisie, des Adels, der Geistlichkeit. Wir nehmen Akt von dem Vorgang. Und läßt sich je ein Wortführer der privilegirten Klassen vor Arbeitern beigehn, von der Eulturmission des heutigen Staats und der heutigen Gesellschaft, und von der Culturfeindlichkeit des Sozialismus zu deklamiren, dann widerlege und beschäme man ihn durch den einfachen Hinweis auf den 24. Juni 1857. Hier, der Vorkämpfer des Sozialismus, bemüht, die Vertreter des heutigen Staats und der heutigen Gesellschaft, von der Roth- wendigkeit einer durchgreifenden Geist, Charakter und Körper ent- wickelnden Erziehung für das gesammte Volk zu überzeugen; dort die Vertreter des heutigen Staats und der heutigen Gesellschaft, unter Beiseitcsetzung der gewöhnlichsten Regeln von Sitte und Anstand, den Vertreter des Sozialismus, welcher Bildung für das Volk fordert, verhöhnend und vor ihm fliehend wie vor dem höllischen Feuerl-- Und ja, die wahre Volksbildung, � nicht die giftige Verfälschung, welche die Herren Philanthropen der besitzenden Klasse dem Volk statt der richtigen Waare an- bieten, sie ist in der That auch höllisches Feuer für den heutigen Staat und die heutige Gesellschaft, die beide nicht eine Stunde fortexistiren würden, gelänge es dem Volk durch ein allerdings sehr unbiblisches, sogar antibiblisches Wunder den Goldbecher wahrer Bildung mit einem Zuge zu leeren! Wir empfehlen das Sujet einem„Maler der Zukunft". ArbueS, die Ketzer ver- brennend, drückt bei Weitem nicht so erschöpfend den Geist und den„Kulturkampf" des Mittelalters aus, wie Robert Owen, durch die Zauberformel: Bildung für das Volk! die Elite deS Adels, der Kirche und der Bourgeoisie in wilde Flucht treibend, den Geist und Kulturkampf der Gegenwart ausdrückt— das Ringen um Recht' 425 Licht und Wahlhcit auf der einen Seite, � Verweigerung des Rechts, Umnachtung der Geister, systematische Verdumninng des Bolls auf der anderen!— Zum letzten Mal trat Owen öffentlich auf im Oktober 1858. Die„Assoziation der Sozialwissenschast"(8ooial Science �!-8Ociation), gegründet, um die wahre Gesellschastwissenschast zu verfälschen oder durch eine nachgemachte zu verdrängen, hielt in Liverpool ihren zweiten Jahres-Congrcß. Der nun 87'/2' jährige Greis litt gerade unter der unfreundlichen Herbslwitte- rung; allein es zog ihn mit unwiderstehlicher Gewalt zu dem Congreß, dessen wirkliche Bedeutung sein argloser Geist nicht ahnte. Umsonst riethen die Freunde ihm ab— er unternahm die weite Reise von London nach Liverpool. Ganz erschöpft kam er dort an und mußte sofort zu Bett gebracht weiden; den fol- gcnden Tag jedoch raffte er sich auf; beim Ankleiden, das zwei Stunden dauerte, da er fremde Hülfe zurückwies, fiel er mehrere Male in Ohnmacht, aber er mußte in die Versammlung. In einer Sänfte wurde er hingetragen; sein fast ebenso alter Jugendfreund Brougham, der aber der Sache des Volkes nicht treu geblieben war, richtiger: ihr nie treu gewesen, empfing ihn im Saale und geleitete ihn auf die Plattform, wo ein begeistertes Cheering(Zuruf des Beifalls) der verwunderten, wider Willen bewundernden Versammlung den Propheten der„lrctter time, tlrat is cornirig", der kommenden besseren Zeit, empfing, den Propheten, der mehr als zwei Menschenalter hindurch den tauben Ohren der Mächtigen das Evangelium vom„Reich Gottes auf Erden" gepredigt hatte. Owen ergriff das Wort; unter laut- loser Stille begann er: es habe ihn gedrängt, vor dem Congreß zu verkünden, was zu verkünden seine Lebensaufgabe gewesen; daß, um das Elend der Welt auszurotten, die äußere Lage der Menschen von Grund aus reformirt, und durch die zweck- mäßig veränderten Umstände und eine vernünftige Erziehung der Charakter der Menschen nienschlich gebildet werden müsse-- — Allein, noch che er den Satz vollendet, versagten ihm die Kräfte, seine Stimme stockte.— Brougham, dem eS unzweifel- Haft sehr lieb war, daß die Worte der Wahrheit, die so schlecht in diese Heuchlergesellschaft paßten, nicht zu Ende gesprochen würden, schloß den Satz in seiner weltklugen Weise mit einem Kompliment auf die„Assoziation der Sozialwissenschaften" und ließ den fast Bewußtlosen von dessen Begleiter, dem treuen Rigby, in's Hotel bringen, wo Owen abgestiegen war. Ueber eine Stunde lag Owen in tiefer Ohnmacht; dann erwachte er, fragte, was er auf dem Congreß gesagt, und als man ihm den Inhalt der Worte wiedergegeben, murmelte er:„Gut, das wollte ich sagen!" und fiel wieder in Ohnmacht. Vierzehn Tage war er an's Lager gefesselt. Eines Morgens— es war Anfangs No- veniber— überraschte er Rigby durch den Befehl, unver- züglich zu packen:„Wir müssen fort!"—„Wohin? Nach London zurück?"—„Nach Newport!" Und kein Abreden half. Er wollte in die Heimath, zur Stätte seiner Geburt, die er seit 50 Iahren nicht gesehen. Er wollte in der Heimath sterben. Wie er dort einige Tage umherirrte, die Erinnerungen der Jugend wachrufend; wie er in den Wohnungen alter Bekannten vorsprach, und von den verblüfften Hausinhabern die Antwort erhielt: Todt seit Lg, seit 30, seit 40 Jahren! wie er im Gespräch mit Besuchern,"welche die Wundererscheinung, den Nevenant*) aus *) Rcvciiant(französisch) der Zurückkommende, das Gespenst. längst vergangener Zeit, ehrfurchtsvoll anstarrten, gebeugten Haupts, aber leuchtenden Auges den nahen Triumph der neuen Welt über die alte voraussagte; wie er, vom Tod schon um- klammert, mit den städtischen Beamten von Newport noch eine Berathnng hielt über die gesundheitliche Verbesserung und Ab- schafsung des Pauperismus in der Gemeinde— das können wir nur ssüchtig andeuten. Der Tag kam, da er sich nicht mehr von seinem Lager erheben konnte; der herbeigerufene Arzt gab keine Hoffnung. Owen's ältester Sohn, das einzige seiner Kinder, welches gerade in England war, eilte von London an das Sterbebett des Vaters, der ihn heiter und ungetrübten Geistes empfing. Der Rektor des Kirchspiels, der sich den Ruhm, einen so„verhärteten Ungläubigen" zu bekehren, nicht entgehen lassen wollte, ließ sich anmelden, um dem Sterbenden aus der Bibel vorzulesen und geistlichen Zuspruch zu ertheilen. „Nein! Nein!" rief Owen, sich rasch umdrehend, mit gebietendem Ton. Ein anderer Geistlicher wußte sich einzudrängen. Er hatte die Stirn, den Werkthätigsten der Menschenfreunde zu fragen: „Bereuen Sie nicht, Ihr Leben in fruchtlosen Anstrengungen und unausführbaren Entwürfen verschwendet zu haben?"—„Nein, mein Herr! Ich habe mein Leben nicht fruchtlos verschwendet. Ich habe der Welt wichtige Wahrheiten verkündet, und hat die Welt sie nicht angenommen, so ist es, weil sie dieselben nicht begriffen hat. Ich tadle die Welt darum nicht. Ich war meiner Zeit voraus." Der Geistliche, sich vor so viel Ueberzeugungsgeist beugend, gestand,„es sei ihm nie konseguentere Philosophie vor- gekommen". Er hätte sagen können, daß die christliche Kirche aller Konfessionen keinen Bekenner aufzuweisen hat, welcher ein Recht hätte, mit gleicher Befriedigung auf sein Leben zurückzublicken, wie dieser„verhärtete Ungläubige." Am 17. November 1858 um 3/* auf 7 Uhr Morgens starb Owen.„Seine letzten Worte", schreibt der Sohn,„ungefähr 20 Minutem vor dem Tode deutlich gesprochen, waren: Die Er- lösung ist gekommen(relick Iias come)." „Die Erlösung ist gekommen!" In religiösem Sinn kann der prinzipielle, unerschütterliche Gegner der Religion diese Worte nicht gebraucht haben; kein Zweifel, der Gedanke, der ihn im Leben beherrscht hatte, beherrschte ihn auch im Tod und ließ ihn prophetisch die Zeit schauen, wo die verrottete, unnatürliche, un- moralische Welt der Klassenherrschaft und Massenverdummung in Trümmer fällt, und die befreite Menschheit jauchzend in den Jubelruf ausbricht:„Die Erlösung ist gekommen!" Am 20. November 1858— es war ein Sonntag— wurde aus dem Wuthshaus, in dem Owen gestorben, ein Sarg in das HauS getragen, in dem Owen geboren worden, ein einfacher Holz- sarg mit schwarzen! Tuch beschlagen und darauf die Inschrift: liobcrt Owen of New Länark, liorn May 14, 1771, Died November" 17, 1858. (Robert Owen von Neu Lanark, Geboren den 14. Mai 1771, Gestorben den 17. November 1858.) Den folgenden Tag fand das Begräbniß statt, ohne Ge- pränge, wie Owen es gewünscht, in Gegenwart des ältesten Sohne S und zahlreicher Freunde und Anhänger, die sich auö allen Theilen Englands versammelt hatten. Ein Uroletarierkind. Novelle von M. KautSky. (Fortsetzung.) Es war ein Uhr geworden. Fanny wartete abermals seit einer Stunde. Sie war, obwohl sie seit Morgens keinen Bissen genossen, satt vor Aerger. Sie nahm sich vor, keinen Blick der Zärtlichkeit und keinen Braten mit Sauce mehr an den Undank- baren zu verschwenden. Kühl wollte sie sein, kühl bis an'S Herz �inan, wenn er jetzt hereinträte; und sie war soweit gekommen, daß sie sich ernstlich fragte, ob sie den gestrigen, sorglich auf- gehobenen Kuchen nicht lieber ganz für sich behalten wollte; er war seiner unwürdig geworden. Trotzdem blieb sie in der Nähe der offenen Küchenthllre und, mit dem einen Ohre bei ihren brodelnden Töpfen, horchte sie mit dem andern auf jedes Gc- räusch, das von der Stiege her zu ihr drang. Plötzlich fuhr sie 44. 1H76. zusammen, sie vernahm Säbelgerasscl. Das war etwas zu Un- erhörtes iu diesem stilleu Hause. Die heftigste Neugierde trieb sie sogleich auf den Flur. „Jesus, Maria, Josef!" rief sie entsetzt, als sie Denk's sammt seiner Eskorte ansichtig ward.„Den hat die GcnSdarmerie beim Kragen. Das ist mir ein schöner Freund und Spezi!" Denk trat sammt seiner wehrhaften Begleitung bei ihr ein. „Liebe Frau," begann er, er schien ganz Fanny's Jungfräulich- keit vergessen zu haben, waS ihm einen weiteren, sehr unzufrie- denen Blick eintrug;„ich muß Ihnen eilends Dank und Avieu sagen!" „Also werden Sie richtig festgehalten und eingesperrt? Das ist eine schöne Geschichte!" „Im Gegentheil, diese ehrenwerthen Männer sind beauftragt, für mein rasches, sicheres Fortkonimen zu sorgen, und sie werden mich nicht eher verlassen, bis ich, zwanzig Meilen weiter, wieder den geliebten vaterländischen Boden unter meinen Füßen haben werde; aber auch dort ist meines Bleibens nicht, ich gehe wieder nach London. Ich bitte Sie jetzt, mir meinen Reisekosfer zu geben." „Hier ist er; aber angestellt müssen Sie doch was haben. Jesus, was wird der Hilpert dazu sagen— und Ihre gute Freun- diu, die Mietz!" Die letzten Worte klangen sehr boshaft. Denk war roth geworden und ernst- „Ich mag Marie jetzt nicht wiedersehen," sagte er mit be- wegter Stimme;„aber sagen Sie ihr, daß— nein, keine Versprechungen," fügte er, wie zu sich selbst sprechend, hinzu.„Bringen Sie ihr meinen Gruß, und Hilpert soll ihr den wahren Sach- verhalt mittheilen, und— und— ich hätte eine große Bitte au Sie, liebe Fanny." Fanny's Gesicht erhellte sich, sie biß kokett die Lippen zu- samme». „Sagen Sie's rund heraus, Herr Denk, Sie haben zwar viel bei mir verscherzt, aber ich habe ein weiches Herz." „Ich bin davon überzeugt, Fanny, und deshalb bitte ich Sie, bleiben Sie Mietz eine mütterliche Freundin, und geben Sie mir hie und da Nachricht von ihr; ich möchte über Alles unterrichtet sein, was sie betrifft; Sic versprechen mir das, nicht wahr?— Und nun komnien Sie, meine Henm" Die Gensd armen stellten sich in Positur, Denk nahm seinen Koffer und reichte Fanny zum Abschiede die Hand. Kein Druck erwiderte den seineu, der Blick, den sie ihm nachsandte, sprach nur von gekränkter Eitelkeit und zorniger Eifersucht. „Nichts will ich bestellen, du Lasse, und dir zu schreiben, fällt mir gar nicht ein. Aber daß sie dich polizeilich abgeschoben, nach Hause abgeschoben haben, das will ich der Kleineu doch nicht vorenthalten; es ist gar zu interessant." Als Denk vor Märiens Thür war, hielt er an. Einen Augenblick hob er die Hand, um den Drücker zu berühren, aber er ließ sie wieder sinken. „Es wäre ein weiteres Unrecht gegen dich, armes Kind," murmelte er. Eine Minute später saß Denk mit den Gensdarmen im Wagen, und sie brachten ihn auf die Bahn und mit dem nächsten Zug glücklich über die Grenze. Ein Jahr und acht Monate waren seitdem vergangen. Denk verlebte sie in London. Ec arbeitete fleißig und hatte sich etwas erspart. Seine Kameraden hatten ihn gern und unterordneten sich ihm willig.„The handsome German"(der hübsche Deutsche), wie man ihn nannte, hatte auch vor manchem Mädchenauge Gnade gefunden; den Eltern schien er zu passen, und seine Kameraden, die mit heirathsfähigen Schwestern gesegnet waren, hatten schon manches psiffige Manöver ausgeführt, um ihn als Schwager zu kapein. Denk blieb unberührt. All' die Aufmerksamkeiten hatten keinen andern Erfolg, als daß sie seine Liebenswürdigkeit, seine gute Laune erhöhten; aber es gab Tage, wo sie selbst das nicht vermochten, wo nichts mit ihm anzufangen war. Dann litt er au Heimweh, dann quälten ihn Ungeduld und Sorge. Warum schrieb man ihm nichts über Mietz? Warum hatte Hilpert nicht einmal seine Briefe und wiederholten Anfragen beantwortet? Er hatte gute Lust, abermals einen AnSflug nach Deutschland zu wagen, und sei es auch nur auf'24 Stunden, als ein freudiges Eceigniß, das Herrscherhaus daselbst betreffend, seinen Wünschen in der unerwartetsten Weise entgegenkam. Die Vermählung der ältesten Prinzessin ward zu Anfang des Jahres mit großem Auf- wände gefeiert. DaS Volk— das ihn bezahlen mußte— sollte in den lauten Hochzeitsjubel mit einstimmen. Der Enthusiasmus der Massen macht sich bei solchen Gelegenheiten gar so gut. Vor allem mußte die Schaulust beftiedigt werde». Es wurden daher Illuminationen und Frcitheater befohlen. Die Behörden übernahmen das Ausspejsen der Armen, und der Hof selbst sorgte gnädigst dafür, durch eine kostümirte Schlittenfahrt die Augen der Menge zu blenden und ihre Herzen zu erfreuen. Die bei dieser Gelegenheit von reichen Bürgern kreirten Armen- stiftungen würden huldvollst aufgenommen und sogar erlaubt, ihnen den Namen der hohen Braut zu geben; und um die Fest- stimmunz vollständig zu machen, wurde im letzten Augenblicke eine Amnestie erlassen. Den aus politischen Gründen Landesverwiesencn ward die Rückkehr in den betreffenden Staat bis auf weiteres gnädigst bewilligt. Auch Denk war darunter. Er erfuhr es durch die Zeiiung. Nun war seines Bleibens nicht länger. Eine unbeschreibliche Sehnsucht hatte ihn ergriffe», die er nicht länger bemeistern konnte. Er konnte den Tag seines Dienst- auStritteö kaum erwarten, und sobald er frei war, reiste er uu- verzüglich ab, der Stadt zu, die er als seine zweite Heimath betrachten konnte. Dort angekommen, nahm er Logis in einem Hotel, und obwohl es spät geworden, richtete er noch denselben Abend seine Schritte in da« Haus, wo Hilpert und Marie wohnten. Es mochte ihm wohl die Sceue von damals lebhaft im Gedächtniß sein, und er mochte wünschen, daß alles so sich schicken möchte wie damals; seine Gedanken waren fröhliche, hoffnungs- volle; er lächelte glückselig vor sich hin. Wie groß, wie schön mußte Mietz geworden sein! Wie wird sie überrascht sein! Er malte sich ihr Erröthen, ihr heimliches Entzücken. Er hatte den dritten Stock erstiegen und stand vor ihrer Thüre; das Herz ktopfte ihm hörbar. Er hatte von der Straße aus in ihrem Zimmer Licht gesehen. Er klingelte, lange rührte sich nichts, endlich nahten schlürfende Schritte. DaS war nicht Mietz. „Wohnt Herr Eber mit seiner Tochter nicht mehr hier?" fragte er, als die Thüre sich öffnete. „Das hat man davon, daß man aufsteht von seinem warmen Sitz, um Auskunft zu geben. Ausgezogen sind sie! Möchte nur wissen, zu wag ein Hausmeister da ist!" So keifte und schalt eine sehr unsympathische weibliche Stimme. „Das Unglück ist einmal geschehen," meinte Denk, sehr nieder- gedrückt durch den Gegensatz zwischen seinen Träumen und der Wirklichkeit;„aber auf die Gefahr hin, daß Ihr warmer Sitz »och etwas mehr auskühlt, könnten Sie mir sagen, ob der Schlosser Hilpert noch Ihr Nachbar ist?" „Nummer achtunddrcißig!" belferte es, und die Thür wurde ihm vor der Nase zugeschlagen. Biel langsameren Schrittes nahte er der Thür seines Freundes. Diese wurde in demselben Augenblicke geöffnet, und Hilpert, den Hut auf dem Kopfe, trat so jählings heraus, daß er an Denk anrannte. Fragen und Antworten, Wiedererkennen und Umarmen folgten rasch aufeinander. Dann zog ihn Hilpert in die Stube, und jetzt kam die Reihe des Erstaunens an Fräulein Fanny; das Erstaunen war mit etwas Verlegenheit gemischt, sie mochte kein ganz reines Gewissen haben. Denk mußte vor allem die Neugierde der Geschwister über das Wie und Warum seiner unverhofften Rückkehr beftiedigen, dann erst wagte er die Frage, die ihm am Herzen brannte:„Wo ist Marie Eber?" Fanny begann sich zu räuspern und zu hüsteln, aber Hilpert antwortete: „Sie ist noch immer bei ihrem Vater, aber sie sind aus- gezogen." „Das heißt," berichtigte Fanny,„sie mußten ausziehen, sie konnten den Zins nicht zahlen, da hat ihnen der Hausherr die Wohnung aufgekündigt, und da sie dann auch noch nicht zahlten, hat man ihnen das bischen gute Zeug, das sie hatten, gepfändet." „Das ist entsetzlich!" rief Denk.„Wodurch kamen sie so herunter?" Fanny zuckte die Achseln.„Aicin Gott, schlechte Wirthschaft." „Sag' lieber: Unglück," erwiderte Hilpert vorwurfsvoll.„Der Alte leivet seit sieben Monaten an Gelenkentzündungen und Rheumatismus, und kann nicht niehr in die Arbeit gehen. Denk rückte ungeduldig mit seinem Stuhle.„Warum habt ihr mir das nicht geschrieben? Fanny, ich bat Sie doch, ehe ich ging, mir in jedem Falle über Marie Nachricht zu geben, und nun ist ein solches Unglück über das arme Kind hereingebrochen, und ich weiß nichts, ich erfahre nichts davon! Sie wußten, daß ich geholfen hätte,— warum haben Sie mir nichts geschrieben?" „Wir dachten immer, Sie kriegten den Brief doch nicht." „Lächerlich! Ihr habt doch die mehligen erhalten?" ,„Nichts, nichts haben wir erhalten!" bethcuerte Hilpert. Fanny sah scheu zu Boden— sie hatte die Briefe unter- schlagen. „Und hat sich Niemand von Euch ihrer angenommen? Nie- mand sie unterstützt? Von was leben sie denn?" „Fanny zuckte wieder mit der Achsel. „Sie strickt und näht vielleicht die Nächte hindurch, nur um das tägliche Brot zu verdienen!" rief Denk. Ein helles, höhnisches Lachen unterbrach ihn.„Die stricken und nähen— hahaha! Daß Gott erbarm'! Die hat ja nichts gelernt, nie, niemals nichts. Jetzt freilich, wo ihr das Wasier an den Hals gegangen, jetzt hätte sie's gerne gekonnt; sie hat , es auch versucht, und wie das Ding fertig war, ist sie damit zu meiner Arbeitgeberin, der Frau Büxner, der Strickwaaren- Verkäuferin gelaufen, die Schlaue, sie hat mir wollen Konkurrenz machen und hat ihr Machwerk um den halben Preis angeboten; aber die Vüxner hat es ihr tüchtig gesagt..Meine Liebe,' hat sie ihr gesagt, ,das ist mir viel zu schlampig, und wenn auch die Fanny Hilpert das Doppelte verlangt, so gebe ich ihr lieber das Doppelte. Sie, meine Liebe, Sie werden sie nicht verdrängen.' Ja, das hat sie ihr gesagt, und sie hat mir'S wieder gesagt." Denk biß wie in hefligem Schmerz die Zähne aufeinander. „Armes Kind!" stieß er mühsam hervor. „Mir ist nicht bange um sie," tröstete Hilpert,„die läßt sich nicht so leicht abschrecken, die bringt sich schon durch; ich bin ihr ja neulich begegnet, war sie da nicht frisch und blühend wie eine Rose, und voll und rund? O, sie ist schön geworden, die Mietz! Wäre die Fanny nicht, wer weiß..." „Schön ist sie geworden, so? Und blühend und voll und rund? Ei, ei! Doch nicht von emsiger'Nachtarbeit, doch nicht von Kummer und Sorge? Und hat Jemand vielleicht ihre Arbeit gesehen, oder hat sie vielleicht jemals nur von ihrer Arbeit er- zählt, oder angedeutet, womit sie sich und ihren Alten füttert? O nein, sie thut ganz heimlich damit, und die Leute sagen— hier machte Fanny eine kleine Pause und sah Denk schadenfroh lächelnd in das bleiche, erregte Antlitz,—„sie sagen, sie thue wohl daran." Denk fuhr in die Höhe, wie von einer Natter gestochen. „Lüge!" schrie er,„elende Verleumdung! Und Sie schämen sich nicht, die Verleumdung zu wiederholen, das arme, schutzlose Mädchen anzuklagen?! O, es wäre kein Wunder, wenn sie, nur im Schlamme lebend, darin versänke. Aber es ist nicht so, es ist nicht wahr!— Hilpert, du gehst jetzt mit mir, du zeigst mir Mariens Wohnung. Ich werde sie sehen, und wenn Sie gelogen haben, Fanny, so werden Sie sie knieend um Verzeihung bitten!" Er kannte sich nicht mehr vor Zorn und Aufregung. Er nahm seinen Hut und verließ mit Hilpert das Zimmer, ohne zu grüßen. Erst auf der Straße, als der kalte Wind ihm entgegen- blies, fühlte er sich freier und beruhigter. Er machte sich Vor- würfe, an der Mietz zu zweifeln, die ihm trotz ihrer Jugend so fest im Guten, so muthig in ihrer Schutzlosigkeit erschienen war, und vor allem, so unschulvig. Wer hätte eS gewagt, der Erste, den Keim des Lasters in diese reine Kinderseele zu legen? Weil sie stolz war, weil sie ihr Unglück allein trug, ohne zu jammern, ohne zu betteln, Selbsthülfe suchte und fand, eben deshalb hatte die Gemeinheit sie zu besudeln gewagt. Schweigend schritten die Freunde neben einander her. Der Wind begann heftiger zu werden, einzelne Schneeflocken fielen; die Gasstammen flackerten unruhig hin und her, in ihrem un- sicheren Lichte kaum einige Schritte weit leuchtend. Sie waren vielleicht zehn Minuten gegangen, als Hilpert vor einem dreistöckigen Hause Halt machte. „Da oben, siehst du, das letzte beleuchtete Fenster, da wohnt sie." Denk sah hinauf; das Fenster war dicht verhängt, aber in dem Augenblicke schien es ihm, als ob ein leichter Schatten vor- über huschte. „Ich muß hinauf!" rief er. „Heute noch?" fragte Hilpert,„es ist neun Uhr, der Alte schläft gewiß schon, warte bis morgen." Denk blieb stehen, unentschlosien starrte er das erleuchtete Fenster an. Seine Ungeduld, sein Verlangen, sie wiederzusehen, waren heftiger als je; es war ihm, als könne er nicht schnell genug zu ihrem Schutz, vielleicht zu ihrer Rettung herbeieilen; es war ihm, als gälte es, durch ein schnelles Dazwischentreten ein Unglück zu verhüten. „'Nur auf einen Augenblick, nur eine Sekunde lang, will ich sie sehen; sie soll nur wissen, daß ich da bin, daß sie nicht länger verlassen ist; ich will nur..." Er stockte; das Licht, nach dem er sehnsüchtig ausgeschaut, ward ausgelöscht; es war und blieb finster da oben. „Komm," sagte Denk nach einer kleinen Weile,„sie ist zu Bette gegangen." Seine Stimme klang eigenthümlich gepreßt. Hilpert mochte es wohl merken.„Ist dir denn auf einmal gar so viel daran gelegen, die Kleine wiederzusehen? Hast's doch fast zwei Jahre lang ohne sie aushallen können." „Ich dachte sie mir zufrieden und geborgen; mir schwebte immer der fröhliche Mädchenkopf vor Augen; seitdem ich weiß, daß die harte Hand des Elends sie berührt, und sie ungewarut und unbeschützt an einem Abgrund steht,"— er schauerte zusammen—„seitdem werde ich keine Ruhe haben, bis ich sie wiedergesehen." „Aber Speise und Trank wirst du dir doch bis dahin nicht versagen, was? Du, ich habe entsetzlichen Durst; komm', ich führe dich zu einem guten Glas Bier."-- Gegen Ii Uhr kam Denk, auf's äußerste ermüdet, in sein Gasthaus; dennoch konnte er nicht einschlafen, zu viele Gedanken gingen ihm im Kopfe herum; erst gegen Morgen forderte die Natur ihre Rechte, und er entschlief tief und fest. Er träumte von einem dunkeläugigen Mädchen, das reich mit Blumen ge- schmückt war, und diese Blumen waren die Rosen und Beilchen, die er der Mietz vor zwei Jahren geschenkt hatte, und die seitdem in unvergänglicher Frische fortgeblüht und fortgeduftet. Dies süße Träumen und seine große Ermüdung, dann auch die Dunkel- heit im Zimmer— das Stubenmädchen hatte die Rouleaux herabgelassen—, hielten ihn lange im Bette; als trotzdem die -UgesHelle ihm bemerkbar ward, sprang er ganz erschrocken auf und sah nach der Uhr. Es war halb Zehn. Hui, nun ging's rasch! Er nahm sich nicht mehr die Zeit, zu frühstücken, und rannte fort. Eine halbe Stunde hatte er so, hin und hersuchend, den Theil der Vorstadt durchlaufen, wo er wußte, daß Marie wohnte; er konnte das Haus nicht finden. Hilpert hatte ihm auch weder Straße noch Hausnummer gesagt; er hatte ihn vor das Haus selbst geführt, und Denk wußte genau, daß eS drei Stockwerke hatte, sieben Fenster in der Fronte, und daß das mittelste erkerartig herausgebaut war— Merkmale genug, die das Wiedererkennen erleichterten, aber er konnte ein solches Haus nicht finden. Was sollte er thun? Die Zeit verstrich, es war immerhin möglich, daß er sich in der Richtung geirrt; es war 428 Nacht gewesen, als ihn Hilpert führte, und er hatte, aufgeregt und mit seinen Gedanken beschäftigt, auf den Weg kaum geachtet. Sollte er zu Fanny gehen? Nein. Das Weib war ihm verhaßt. Er beschloß, den Freund in seiner Fabrik aufzusuchen und ihn um die genaue Adresse zu bitten. Gedacht, gethan. Als er hinkam, erfuhr er, daß Hilpert auswärts beschäftigt sei, vor Mittag aber noch zurückkommen werde. Er mußte also warten, mit Ungestüm und Ungeduld im Herzen; es ward ihm peinlich, er mußte sich beschäftigen, seinen Gedanken eine andere Richtung geben. „Ist der Herr Chef zu sprechen?" fragte er. „Ja, immer zwischen elf und zwölf, das ist die Sprechstunde," war die Antwort. „Ich versuche es," dachte Denk,„ich werde mich ihm vor- stellen, vielleicht bekomme ich gleich Arbeit; wenn ich etwas Sicheres habe, so..." Er wollte den Satz nicht ausdenken, aber er ließ sich bei dem Fabrikhcrrn melden und wurde vorgelassen. Dieser, ein kleiner, äußerst modisch herausgeputzter Mann, saß in der Nähe des Kamins in einem bequemen Lehnstuhl und rauchte eine Cigarre. Er nickte dem Eintretenden leicht zu. „Was bringen Sie mir?" fragte er mit einem vornehmen Lächeln. „Mich selbst, Herr Abeles." „Was soll ich mit Ihnen anfangen?" „Herr Abeles, ich bin Maschinenschlosser, ein guter Arbeiter und seit einem Jahre als Werkführer beschäftigt gewesen; ich er- laube mir die Anfrage, ob Sie gegenwärtig in Ihrer Fabrik einen Werkfllhrer brauchen können?" „Wie heißt: brauchen, bei diesen Zeitumständen? Wie kommen Sie mir vor? Und noch dazu einen Werkführer, eine so kostspielige Persönlichkeit;— danke schön." Denk machte eine Verbeugung und eine leichte Schwenkung j gegen die Thür.(Fortsetzung folgt.) Ter Dichter unserer Zeit. Zerreißt ihr zarten Liedersaiten! Verwehe, weichlich süßer Sang! Zu furchtbar ernst sind unsre Zeiten, Gewöhnt an lauten Donnergang. Das Volk bedarf der ernsten Sänger, Die treu zu seinem Banner stehn, Verbrechen wär' es, würd' ich länger In Tändeleien mich ergeh'n. Es mag in tiefem, nächt'gem Frieden Der Himmel wohl in S ernen blüh'n; Wenn Welter schwer dem Tag beschieden, Aus Donnerwolken Blitze sprüh'n, Die wetterglcich gethürmten Sünden Durchschmettre dann der Blitzesstrahl— Er mag das weite Land entzünden, Zertrümmern zürnend jeden Baal. Warum den Hohn auf euren Lippen, Auf euren Zügen, blöd' geschlemmt? O glaubt, es wird von diesen Klippen Die Woge nicht im Lauf gehemmt. Dem Zelter gleich, der über Hecken Hinwegsetzt, springt sie an euch auf: Ihr stürzt— sie wird euch stolz bedecken; Und brausend weiter geht ihr Lauf. Hinweg mit euren Warnungsreden, Sie dünken mir so schal, so klein. Ich will den Trug der Welt befehden, Wie könnt' ich euch Gehör verleih'n? Ich darf nur eine Stimme hören, Sie mahnet mich an edle That; Nur einem Banner darf ich schwören— Ich übe nimmermehr Verrath. Zerreißt, ihr zarten Liedersaiten! Verwehe, weichlich süßer Sang! Zu furchtbar ernst sind unsre Zeiten, Gewöhnt an lauten Donnergang. Es darf sich Niemand selbst belügen, Wenn rings Entscheidungskämpfe dräu'n— Der Sänger soll der Zeit genügen— Und unsre Zeit bedarf des Leu'n! Eugen Legden. Friedrich Frvbcl(siehe Seite 420) wurde am 2l. April 1782 zu Oberweißbach im Schwarzburgischen geboren; er widmete sich der Kindererziehung. Lehrer von Fach und Beruf, überzeugte er sich bald einestheils von den Mängeln des heutigen Schulsystems, anderntheils von der Nothwendigkeit, Anstalten zu errichten, in welchen die Kinder schon vor dem schulpflichtigen Alter körperliche und geistige Pflege finden. Anknüpfend an die wohlgelungenen Versuche Robert Owen's in New Lanark(siehe die Biographie Owen's in den letzten Nummern der „Neuen Welt"), gründete er die Kindergärten, die seinen Namen Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.— unsterblich gemacht haben. Eine treffliche Arbeit üher die Kindergärten und deren Bedeutung ist die im Verlag der Leipziger Genossenschafts- buchdruckerei erschienene Schrift von Dr. Touai: Kindergarten und Volksschule(Preis 25 Pfennige), auf die wir hiermit verweisen.— Fröbel starb am 21. Juni 1852 zu Marienthal bei Liebenstein in Thüringen. Demnächst bringen wir eine ausführliche biographische Skizze aus der Feder unseres braven Mitstreiters Dr. Specht in Gotha, der selbst bei Fröbel in die Schule gegangen, und dem wir auch die Photographie— die beste vorhandene—, nach welcher das heute von uns veröffentlichte Portrait geschnitten ist, verdanken. „Pariser Maisons de Rctraite." Mit Bezug auf den Artikel Dr. Gustav Rasch's in Nr. 88 der„Neuen Welt" schreibt uns ein Korrespondent:„In dem Artikel wird behauptet, daß Deutschland der- gleichen Jnstilute nicht besitze. Diese Behauptung trifft nicht zu. In Hamburg allein giht es 4 bis 5 solcher Institute, welche genau so organisirt sind, wie Rasch es beschrieben hat, und in welchem alte Leute unter denselben, ja vielleicht noch humaneren Bedingungen Unterkommen finden, wie in den von Rasch beschriebenen Instituten zu Paris.— Ich nenne z. B. 1) ,Schröder's Stift', gegründet mit einer Million Ntark Courant Grundkapital außer den Baukosten, für verarmte Wittwen des Kaufmann- und Beamtenstandes u. s. w., also ein ähnliches Institut wie die Maison de Retraite in Autcuil. 2) Das, Heiligegeist- Kloster' für ärmere Leute. Man erhält darin gegen Erlegung von 150 bis 2t!<) Mark Crt. vollständige Verpflegung und Wohnung bis zum Tode; es ist auch für Eheleute eingerichtet. 3) Das.Laißstift', gegründet vom Buchhändler Laiß dortselbst, u. s. w.— Das unter 1) genannte Institut wurde vom Kaufmann Schröder, das zweite, wenn ich nicht irre, von der Hamburger Patriotischen Gesellschaft gegründet.—• Ich bitte, diese Mittheilungen nach Gutdünken zu verwenden; dieselben beruhen auf eigner Erfahrung und Kenntniß der Hamburger Zustände, da ich dort fast ununterbrochen bis zu meinem dreißigsten Lebensjahre ansäßig war. Die genannten Institute sind reine Privatinstitute, und haben mit keiner Behörde irgendetwas zu thun,— auch in dieser Be- ziehung sind sie den Pariser Instituten ähnlich. H. R." Sprüche von Kurt Mook. Die Gründer. Wir haben Heuer nur eine Million erworben, Durch Konkurrenz wird jedes Geschäft verdorben. Die Tochter de's Fabrikanten. Wenn der Pöbel nicht mehr arbeiten will, Dann stehen des Vaters Maschinen still, Und ich kann wahrlich nicht für sie laufen— Vater muß mir ein neues Reitpferd kaufen. Der Deutsche ist geistig schlecht bemittelt, Ter die Deutschen als Volk der Denker betitelt. *.* Sobald das Kriechen eine Schmach, Erscheint der Kriege letzter Tag. Frommheit ist zwar kein Verbrechen, Aber immer ein Gebrechen. Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckere in Leipzig.