B Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. J\o 45.]---—--—[1870 Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Im Laune Berliner Sittenbilder.— Erzählung Erstes Kapitel. Man braucht nur um die nächste Ecke zu biegen, wenn man sehen will, wie die Kinder Reif schlagen, mit dem Ball, mit Kreiseln und mit kleinen Kugeln spielen. Dort ist ein groster, freier Platz; einiges Buschwerk beschattet die sandbestreuten Wege, und auf den grünen Bänken daneben sitzen die Kinderwärterinnen und wiegen die Kleinen auf dem Schoß. Ist das ein Singen und Springen, ein Jauchzen und Jubeln! Helle Freude malt sich auf allen Gesichtern,— jenes wundersame Etwas liegt in der Luft, welches uns sagt— nein, welches uns fühlen läßt,— selig fühlen: der Frühling kommt. Am Strauchwerk knospen die ersten kleinen Blätter, die Sonne lächelt wieder freundlich durch blauweißc Wölkchen herab, und in der warmen, weichen Luft wiegt sich das süße Tönen, mit welchem die von fernher gezogenen Vögel den Lenz begrüßen. Freilich, im Walde draußen mag es noch viel schöner sein, all' dieses Knospen, Wehen, Singen und Girren, als auf dem Promenadenplatze der Weltstadt, mitkbn zwischen dem Staub und Gewühl der belebten Straßen; aber doch rührt sie auch hier so wonnig an's Herz, die Kunde von, mujenbeu Tcrij,.tief empfinden wir, daß es noch etwas Schöneres, Höheres geben müsse, als das rastlose Drängen und Treiben der Menschen, welches uns täglich und stündlich umfluthet. Ob sie wohl auch an dieses„Schönere",„Höhere" denkt, das junge, schlanke Mädchen, welches in der weniger Verkehrs- reichen Straße, auS der wir nach jenem Platze gelangen konnten, auf der steinernen Schwelle eines Hauses steht und scheinbar gleichgiltig an den Thürpfosten lehnt? O, die Liebe ist still, aber sie ist tief, und sie versteht am besten die Kunde vom nahenden Lenz. Wie glücklich ist sie geworden, die schöne, achtzehnjährige Gertrud Margentheim! Mochten sie träumen, wovon sie wollten, die, mit denen sie einst an den Büffets der Neichen voll Glanz und Schimmer gestrahlt, mit denen sie die Nächte beim Ball durchschwärmt,— mochten sie träumen von ihren Villen, von Mammons. us der Gegenwart von einem„Ketzer". „Des Hasics bin ich stolz, des Hohns zufrieden!" Shelley. neuen Equipagen, von prächtigen Kleidern, von Diamanten und Perlen. Sie träumte schöner, süßer,— und doch nur von einem einzigen schlichten Menschen, über den die Kinder der Reichen verächtlich die Achseln gezuckt hätten. Ja, sie fühlte es tief, sie fühlte es mit aller unaussprechlichen Seligkeit: Es gibt ein „Schöneres",„Höheres", als das laute Gewühl, das hastige Drängen der den Gott Mammon uiiltanzendei,' Menschen, als aller berauschende Glanz und festliche Schimmer, als aller Prunk und alle Pracht,—„es gibt ein Glück, das ohne Neu'." Die Straße von Berlin, in welcher die Eltern Gertrud's einen kleinen Schnittwaarenladen gemiethct hatten, ist nicht so belebt, wie die veikehrsreichsten Straßen— Friedrichsstraße, Leipzigerstraße, Unter den Linden— es sind. Man hört hier nur aus der Ferne das Läuten von den Pferdecisenbahnen her; in bestimmten Zwischenräumen fährt ein Omnibus vorbei, um bald in eine andere Straße einzulenken; am meisten rollen noch Droschken vorüber. Sonst laufen wohl auch die Leute mit jener emsigen Geschäftigkeit hinauf und herunter, die man in großen Städten auf allen Gesichtern zu lesen meint, aber sie drängen und treiben sich doch nicht so wie anderswo. Eine Figur, die man sehr oft in dieser etwas entlegenen Straße sehen kann, ist ein �"scki.gut einer Militärmütze auf dem Kopfe, zwei Krücken unter den Armen ui� einem Leierkasten ans dem Rücken. Er spielt zum Ruhm unserer„ruhmr7�°.? Armee" in den Höfen umher, und auch die Armen reichen ihm so gu.� bescheidene Gabe, klingen sie doch immer schön für sie, die Töne kastens,— für sie, welche die königlichen Opern- und Scha»�i.:e Häuser mit bezahlen helfen, darin aber nur selten oder nie sich Herz und Sinn erquicken können. Und sehen sie doch in dem bleichen Invaliden einen Genossen ihres Elends, um mit ihm zu trauern und zu weinen,— zu zürnen und zu fluchen.— Auch sieht man dann und wann einen Blinden mit blassen Wangen vorüberschleichen, ebenfalls den Leierkasten schleppend, und einem zerlumpten hungrigen Kinde geführt. Man kann dabei von still die„Güte Gottes" überdenken.— Eben hält eine Droschke, welche die sinnende Gertrud kaum l.«. Nov. 1876, heraurollen hörte, vor dem Haufe, an das sie lehnte,— eine Droschke erster Klasse sogar! Wer heraussteigen mag?— Gertrud fragt sich nicht; sie weist ja, dast der Vater jeden 'Nachmittag, wenn er die Stunden im Schlendrian vollbracht, in einen, solchen Wagen zurückkehrt. Es ist in den letzten Tagen des Marz und grade fünf Uhr: die rechte Zeit also, um noch das Abendessen einzunehmen und dann pünktlich zu Anfang der Vorstellung in ein Theater zu kommen,— nein, um auck noch ein halbes Stündchen im Foyer oder im Restaurant verbringen zu können. Herr Reinhold Margentheim, ehemals Besitzer eines bekannten Bankgeschäftes, jetzt Miether eines kleinen Schnittwaarenladens in einer Strasse der Vorstadt, hat sich von seiner Tochter de» Wagenschlag öffnen lassen und tritt jetzt im volle» Gefühl seiner einstigen Grösse in das Haus. Dann schreitet er im Flur seiner sich an den Laden schliessenden, nach dem Hofe hin gelegenen Wohnung zu. Einfach ist's, aber recht traulich im Wohnzimmer drinnen. Und wie sauber und nett alles aussieht! Von dem mit einer weissen Spitzendecke überworfenen Sopha bis zu dem kleinen Fuß- schemel, darunter Gertrud's niedliche, perlengestickte Hausschuhe stehen!— Herr Margentheim ist sichtlich befriedigt, wie er einen prüfen- den Blick durch das behagliche Zimmer wirft: das also hatte er „aus dem Grabe seiner Habe" gerettet! Grade noch genug, um den„feinen Mann" zu spielen,— um zu faullenzen und zu prassen von dem, waS seiner Frau und seiner Tochter Hände mühsam erworben. Den grauen, ganz modernen Cylinderhut hatte er schon ab- gelegt und auch den mit Elfenbeinknopf und-Spitze versehenen Stock beiseite gestellt. Nun zieht er die hellgrauen Glacöhand- schuhe aus,— nun setzt er sich an den Tisch, welcher schon vorher eine weisse Decke trug,— o, man weiß ja immer, wann es dem „feinen Mann", Herrn Banguier Reinhold Btargentheim, nach Hause zu kommen beliebt!— Gertrud hat schnell die dampfende Abendmahlzeit servirt: Herr Banquier Reinhold Margentheim pflegte stetS warm zu Abend zu speisen. Freilich, er aß eigentlich jetzt nicht„zu Abend", sondern nahm, wie es seither seine Gewohnheit gewesen, erst das„Diner" ein. Denn Mittags um zwölf Uhr, wenn die armen Leute, die während des Nachmittags wieder vollauf beschäftigt sind, zu essen pflegen, war er noch nicht daheim, und Gertrud und ihre Mutter blieben bei Tisch allein.„Zu Abend" aber speiste Herr Margentheim erst später,— gewöhnlich im Theaterrestaurant oder in irgend einem Hotel. „Gertrud, bring' mir noch etwas von diesem Braten!" befahl jetzt der„feine Manu". »Ja, Vater!" und Gertrud trug einen neuen Teller herbei. „Gertrud, noch etwas von diesem Kompot!" „Ja, Vater!" und Gertrud stellte ein neues Schüsselchen hin. „Gertrud, ich möchte das Dessert!" „Ja, Vater!"— und Gertrud brachte es. „Gertrud, von dem alten Bordeaux! Hörst du?— vom Bordeaux!" „Ja, Vater! ja, Vater!".' Jetzt hat der„feine Man.?,"-' seine Mahl beendet. Nun legt er die Serviette bej/�ire,— er streift den einen Handschuh an die Lin'� und will eben gehen, Hut und Stock wegzu- nchmkcj�— „Guten Ab—." In diesem Augenblicke erhebt sich die bleiche Frau Margen- theim, welche bisher still an einem Fenstertischchen gesessen und nur dann und wann, leise kopfschüttelnd, zu ihrem Manne hin- übergesehen hatte. Sie war eben mit der blauen Garnitur eines weissen Kindcrhäubchens fertig geworden. Jetzt schreitet sie auf den sich's".-abschiedenden zu. „Aber Reinhold, willst du wirklich wieder ausgehen?" spricht sie sanft, indenl sie scheu und schüchtern ihre kleine Hand auf die Schulter des Gatten legt. „Woher kommt dir diese Frage?— Ich will hoffen, daß> ich mein eigener Herr bin!" entgegnet Herr Margentheim ziemlich barsch und schickt sich an, die Thür zu öffnen. „Aber, Reinhold, du siehst doch,— du weißt doch— Reinhold, es kann nicht mehr so gehen!" „Aber ich bin gewohnt, zu gehen!",— und ein finsterer Blick trifft das bleiche, zitternde Weib. Doch sie faßt sich ein Herz:„Reinhold,— die geringen Einnahmen unsers Ladens reichen kaum hin, nur den Miethzins zu decken, und Gertrud und ich, wir vermögen nur zu erschwingen, was zur Führung unseres bescheidenen Haushalts»öthig ist,— aber mehr nicht,— mehr nicht!— Reinhold! Ich muß eS dir endlich sagen: du bist nicht mehr Inhaber der Firma Margentheim und Kompagnie!— Reinhold, ich beschwöre dich, bedenke endlich, daß du nicht mehr Banguier Margentheim bist!" „Weib! Ich nicht mehr Banquier Reinhold Margentheim? Achtet mich nicht als solchen die Welt? Ziehen nicht Die den Hut vor mir, die durch meine Hülfe zu etwas geworden?"— und die Stirn des„feinen Mannes" legt sich in immer tiefere Falten. „Reiuhold!"— und das arme, bebende Weib erhebt flehend die mattschimmernden Augen,—„Reinhold, traue ihnen nicht den Heuchlern, die dich umschmeicheln und hinter deinem Rücken dich belächeln,— traue ihnen nicht!" „Weib! Bist du von Sinnen?— Weißt du, daß der Banquier Reinhold Margentheim jemals kurzsichtig gewesen? Hat er nicht durch seine Klugheit, durch seinen Scharfsinn Millionen erworben?" Seine Augen schießen drohende Blicke, ein Ungewitter schwebt auf seiner Stirn, und ohne eine Antwort abzuwarten, eilt er hastigen Schrittes zur Thür hinaus. O ja, erworben hatte er viel; aber der Reichthum hatte ihn thöricht gemacht, und sein Scharfsinn sagte ihm nicht, daß er schwindelhaften„Gründungen" sein Geld geliehen. Freilich, konnte cr's wissen? Durfte sie es ihm nachrufen, die bleiche Frau, was sie ihm nachrufen wollte? Durfte sie ihm einen Vorwurf daraus machen, daß er da blind gewesen war, wo auch die schärfsten Augen nichts gesehen haben würden, und wo noch dazu die heißeste Habsucht seine Pläne drängte? Da stand sie, das arme Weib, und zerdrückte unter den Wimpern die Thränen, welche hervorzubrechen begannen und be- mühte sich, die Tochter die Seufzer nicht hören zu lassen, welche alle dem einen, schmerzvollen Gedanken entstammten: ES kann nicht mehr so gehen!— Gertrud aber stand still beiseite, und sah, ein Bild reinster, schönster Kindlichkeit, die Mutter mitleidig an: „Komm, Mutter!" sagte sie dann lröstend, indem sie die Lampe in die Mitte des großen Tisches setzte und den hellgrünen Schirm darüber stülpte.„Komm, Mutter!" So spricht ein Kind, welches noch Muth genug hat, um sich sagen zu können: Es kann ja alles, alles noch recht gut werden! Und bald saßen die beiden Frauen bei emsiger Arbeit. Der„feine Mann" aber amüsirte sich bei einer frivolen Pvffc i im Friedrich-Wilhelmstädtischeu Theater:— Tvlt, wenn er seine • ff.'.y.du.'cu Amüsements" hätte entbehren sollen! Er war doch gar zu süß, sein sorgloser Schlendrian!— Morgens zehn Uhr, nachdem er sich angekleidet, ein Spaziergang nach der Weinstube, um mit einigen Freunden daS Frühstück einzunehmen; mittags eine Promenade unter den Linden oder im Thiergarten vor dem Brandenburger Thor, wo Equipage an Equipage vorüberrollt, ein Spaziergänger den andern drängt,- wo die„fashionable Welt" sich in allem Reichthum ihrer Toiletten zeigt; dann später, etwa um vier Uhr, nach dem„Wiener Cafv" in die von Menschen wimmelnde Kaiser-Galerie, um an einem der weißen Marmortischchen vor dem Restaurant den Kaffee ein- zunehmen und die ab- und zugehende Menge zu beobachten; dann nach Hause, zu„diuiren", und dann in die Theater, am liebsten in diese, wo man Possen und lustige Sachen zur Dar- stellung bringt; dann das„Souper" in Gesellschaft von Freunden oder zuweilen auch mit einer Dame der Demi-monde, und endlich süße Stunden in deren Boudoir, um alle Liebenswürdigkeit und — die letzten Thalcr aufzubieten, oder auch nach einem Keller, um wieder in der Runde der Freunde sich dem Spiele hinzu- geben,— so Tag für Tag, vom Morgen bis in die Nacht: war noch ein schöneres, ein amüsanteres„Berliner Leben" möglich? Und das bleiche Weib, und die schöne Gertrud, sie konnten zu Hause sitzen und sorgen und sich mühen,— pah! Wozu waren sie denn bestimmt, als zum Spielzeug seiner Launen? Es ist das Vorrecht des„höheren" Standes, die anderen zu quäle», sie mit Füßen zu treten und ihnen hohnlachend zuzu- rufen: Wir haben das Recht zum Leben, wir allein!— Wenn wir prassen, könnt ihr darben! Ihr dürft nur leben, soweit ihr uns leben helft! Und habt ihr niemals gehört, daß Kaiser und Könige mit den Menschen spielten, wie die Kinder mit ihren Bleisoldaten, oder wie man auf einem Schachbrett mit Figuren spielt, daß sie den Purpur färbten mit dem Blut der geschlachteten Söhne deS Volks? Die Menschen meinen, daß man nicht so reden dürfe, und manche sagen auch wohl, daß dies mit dem Schlendrian deS Herrn Reinhold Margentheim nichts zu thun habe; aber ich weiß doch, daß daS ganze Wesen dieses Mannes jener menschen- unwürdige Egoismus war, welcher jetzt wieder aus seinen Augen blitzte, als er nach Schluß des Theaters in einer Weinstube der Eharlottenst aße den Pfropfen einer Champagncrflasche knallen ließ.— Pah! wir wollen leben,— wir nur allein!— Mag jetzt die bleiche Frau Margentheim mit müden Augen an einem neuen Kindcrhäubchen zu nähen beginnen, mag die schöne Gertrud ihre weißen, zarten Hände abmühen, um einen duftigen Schleier zu säumen,— ihr könnt darben!— Und es war ein langer, feiner Schleier, an dem Gertrud nähte, und ihr hättet sehen sollen, wie jetzt ihre Augen flammten und ihre Wangen sich höher färbten, wie sich ihr Busen selig hob.— Denn der Schleier wurde immer durchsichtiger und duftiger, und Gertrud sah, wie er sich um eine schöne, schlanke Mädchen- gestalt legte und um die glühenden Wangen wallte. Und sie sah Jemand neben sich knien, und feierlichen Orgelklang hörte sie rauschen, und sie vernahm, wie eine Stimme sie fragte.— „Ja!" antwortete sie leise. Aber in ihrem Herzen klang es tausendmal lauter, dieses„Ja!" und dazu jauchzte und jubelte es selig: Mein Geliebter, mein Geliebter!— Zweites Kapitel. Der Wallensee ist nächst dem Urner-, einem Arme des Vier. walvstädterseeS, der an großartigen, wilden Scenerien reichste Gebirgssee der Schweiz. Nach Ost und West sanft auslaufend, wird er an seinem nördlichen Ufer von der steil auö dem grünen Wasser empor- steigenden, röthlich schimmernden Churfirstcnkette begrenzt, während am südlichen Gestade mählich sich aufwärtsziehende, graö- und getreidebewachsene Hügel und grüner Wald den Uebergang zu den hohen, gletschergekrönten St. Galler und Glarncr Bergen vermitteln. Auf dem nördlichen Ufer gestalten die steilen Felsen kaum, daß ein schmaler Fußweg die vereinzelt da drüben stehenden und im Verhältniß zu den gewaltigen Bergriesen wie kleine Hunde- Hütten aussehenden Häuser verbindet; an der südlichen Seite aber spiegeln sich wunderbar malerisch gelegene Dörfchen in den Wellen des gefährlichen SeeS. In einem dieser kleinen Dörfer standen an einem prächtigen Julitage, der seinem Ende entgegenging, mehrere Leute, zu einer Gruppe vereinigt, bei einander: einige Männer mit gebräunten Gesichtern, die Hemdsärmel hinaufgestreift,— ein paar schlicht gekleidete Frauen, welche rothwangige Kinder auf den Arme» trugen und von größeren Knaben und Mädchen lärmend um- hüpft wurden. „Ich glaub's nicht!" sagte jetzt ein alter Mann in silber- weißem Haar,„ich glaub's nicht, daß der Heinrich so weit fort will! Er ist doch auch nickt mehr jung,— und die weite Reise!— Ich glaub's nicht!" „Aber ich sag's euch!" entgegnete ein junger, kräftiger Bursch mit schwarzen Locken und funkelnden Augen.„Der Hans hat geschrieben, er hätte ein gutes Auskommen und seine Eltern sollten zu ihm nach Berlin ziehen, sie würden da gut leben können!" „Und's ist auch wahr," sagte jetzt etwas leiser eine der zwischen die Sprechenden hereinblickenden Frauen,„man verdient zu wenig bei dem jungen Herrn. Und ist's ein Wunder? Er reitet und fährt spazieren und macht mit dem reichen Klaus in Wallenstadt große Reisen, und da wird gespielt und gut gelebt, wir Wissens schon! Um seine Sägemühle kümmert er sich nicht mehr, und der Verwalter grad' bei uns bezahlt, wie er Lust hat!" „Ja, da ist doch aus dem Hans etwas ganz anderes ge- worden!" meinte nun der Alte wieder.„Den haben sie nach Berlin gerufen, weil er so schöne Zeichnungen machen kann,— und Häuser baut er, es sollen die reinen Paläste sein!— Freilich, auf der Schule, da hat er auch seine Zeit gut benutzt und nicht blos getrunken und gespielt und Allotria getrieben, wie der junge Herr!" Im Augenblick trat aus der Eingangsthür einer der Säge- mühlen, deren, wie sie überhaupt am Wallensee zahlreich sind, es in diesem Dörfchen mehrere gibt, ein kräftiger Mann im Alter von etwa fünfundfünfzig Jahren. Einer der plaudernd Dastehenden hatte es bemerkt, und nun rief die ganze Gruppe durcheinander: „Da ist der Heinrich, da ist der Heinrich!" „Guten Abend, ihr Leute!" begrüßte dieser, Heinrich SollmanS, ein Arbeiter jener Sägemühle, die Versammelten, und alsbald wußte er sich der von allen Seiten auf ihn einstürmenden Fragen kaum noch zu erwehren. „Ja, es ist so!" rief er jetzt, nicht ohne eine gewisse Genug- thuung erkennen zu lassen.„Mein Hans hat mir geschrieben; ich gehe nach Berlin, und eine gute Stellung werde ich dort haben! In acht Tagen geht's fort. Und seht nur,"— bei diesen Worten öffnete Sollmans ein Tuch, welches er unter dem Arme trug,—„das hat mir der junge Herr als Geschenk ge- geben!" „Der junge Herr, der junge Herr?" schallte es mit dem Ausdruck der Verwunderung durcheinander, als man der schönen Kleidungsstücke ansichtig wurde, welche in jenes Tuch eingehüllt waren. „Ein Staatsanzug, ein Staatsanzug!" „Ja, vom jungen Herrn, und den Hans soll ich grüßen, den Hans!" rief Sollmans im Ton höchster Freude. „O, mein Hans, das ist ein Herzensjunge!" „Ein braver Bursch!" meinte der silberhaarigc Alte.„Ein braver Bursch!" Und alles stimmte ihm kopfnickend bei:„Ein braver Bursch!" „Ein Herzensjunge, ein Herzensjunge!" sagte der alte Soll- mans ohne Aushören vor sich hin, als er seinem nahegelegenen Häuschen zuschritt. Sein Gesicht glänzte vor lauter Freude, und er schritt heute viel fester, fast stolz, der alte, glückliche SollmanS: „Ein Herzensjunge!" „Hab' ich's euch nicht gesagt?" rief jener schmucke, junge Btann noch einmal, als die Leute, nur noch einzeln zusammen plaudernd, langsam auseinandergingen.„Hab' ich's euch nicht gesagt?" Ja wohl! er hatte ganz recht gesagt. Denn der Baumeister Johannes Sollmans in Berlin hielt schon nach wenigen Tagen einen Brief in den Händen und wiederholte sich in einemfort: „Sie kommen, sie kommen!" Wie er sich auf den Vater freute! Und auf die Mutter erst! Dummes Zeug!— Er wußte selbst nicht, wessen Anblick er mehr oder weniger ersehnte. Er hatte nun bereits seit sechs Jahren die Heimath ver- lassen, gleich darauf, als er den Kursus am Polytechnikum zu Zürich beendet. Damals war er ein armer, junger Mann ge- wesen, der alles, was er bis dahin geworden, nur der Gunst des reichen, jetzt verstorbenen Sägenmühlenbesitzers Renkau zu danken hatte,— nun war es anders. Er hatte sich selbst ein Loos geschmiedet: durch seine Kenntnisse und seinen Fleiß. Er nannte sogar schon einiges Vermögen sein eigen, welches er sich erworben, und glaubte, bald um die Hand eines von ihm an- gebeteten Mädchens werben zu dürfen: um die Hand Gertrud Margentheim's. Wie sich die Mutter freuen würde, das blühende Mädchen, sein AlleS, in ihre Arme zu schließen, und welch' ein glückliches Leben es werden sollte, wenn seine Eltern bei ihm wohnten! Er durfte Berlin jetzt nicht verlassen; denn es war ein goldner Boden für seinen Beruf; aber er wollte seinen Vater, der bei einem befreundeten, oft abwesenden Grundstücksbesitzer die mühe- lose Stellung eines Hausmeisters übernehmen sollte, sowie seine Mutter bei sich haben, um ihnen ruhige Tage, ein glückliches Alter zu bereiten. „Sie kommen, sie kommen!" wiederholte sich Johannes immer und immer wieder, indem er sich an das Zeichenpult stellte und an einer schon begonnenen Arbeit fortfuhr. Und dazu schwebte das süße Bild Gertrnd's in seiner Seele empor: wie daS liebe Mädchen der Mutter warten, wie sie mit ihr überlegen und be- rathen werde,— und dann gedachte er wieder jener zauberseligen Die Eisenbahnbrücke von Haut Portage auf Stunde, in der er Gertrud, deren Familie er vor zwei Jahren, als er bei dem reichen Banquier einen Bau leitete, kennen gelernt hatte, seine Liebe gestanden,— jener zauberseligen Stunde, in der ihm Gertrud leise gesagt, daß sie seine Liebe erwidere.— Just an einem Sonntag, abends, auf dem Heimwege auS dem zoologischen Garten war's— und jetzt tönte cS drunten, vom Klang eines Leierkastens:„Ach, wie fromm, ach, wie traut, hat mein Auge sie erschaut!"— O, wie schön war alles,— und wie viel schöner konnte es noch werden!— ** * Was er nur hatte, der alte Margentheim— Pardon! der „feine Mann", Herr Banguier Reinhold Margentheim? Er war heute auch in der Droschke erster Klasse zurück- gekehrt, war aber dann nicht wie gewöhnlich nach kalter Be- grüßung an den Tisch getteten; nein, er hatte seine Frau heiter angeblickt, hatte den Ann auf seiner Tochter Schulter gelegt und der Newyork-Buffalo-Eisenbahn.(S. 440.) ihr sogar gesagt:„Gertrud, mein HerzenStäubchcn! mein Herzens täubchen!" Er sah auch nicht theilnahmlos hin, als ihn das bleiche Weib auf einen neuen Stoß unbezahlter Rechnungen und drohen- der Mahnbriefe aufmerksam machte, welche sie vor sich auf dem Fenstertischchen liegen hatte und mit thränenfeuchtcm Blick durch- musterte. „Lappalien!" rief er auS und strich über die Papiere hin- weg, daß einige davon zu Boden fielen. Das bleiche Weib hob sie seufzend aus und blickte halb vorwurfsvoll fragend ihren Gatten an:„Aber Reinhold..." „Lappalien! sag' ich noch einmal!" Und dabei legte sich der „feine Mann", der sich inzwischen zu Tisch gesetzt, mit einer graziösen Bewegung die Serviette über das Knie und begann seine Mahlzeit. „Lappalien!" sagte er noch hin und wieder, bald lauter, bald 434 leiser, bald voll stolzen Selbstgefühls rufend, bald unbewußt murmelnd:„Lappalien!" Und dann plötzlich einmal:„Ha, ha! — Banquier Reinhold Margentheim hat noch eine Tochter!" „Gertrud, mein Herzenstäubchen! Noch etwas vom Hammel- braten!" „Ja, Vater!" Und Gertrud trug das Gewünschte wie ge- wohnlich herbei und warf nur ganz schüchtem einen Blick auf das erregt aussehende Antlitz deS Vaters. Dann ging sie wieder still vom großen, in der Mitte des Zimmers stehenden runden Tisch hinweg,— an jenes kleine Tischchen neben dem Fenster, auf dessen grüne Decke durch das leicht darüberhin gebreitete Spitzen- gewebe schon manche Thräne niedergesunken.(Fortsetzung folgt.) Wilhelm W-lfs. Bon Friedrich Engels. X. Statt zu handeln, beschloß das Parlament, als ob es nicht schon viel zu viel geredet, noch einmal zu reden, und zwar in einer„Proklamation an das deutsche Volk". Eine Kommission wurde niedergesetzt, und diese brachte zwei Entwürfe ein, wovon der der Majorität von Uhland redigirt war. Beide waren matt, fast- und kraftlos, und drückten nur die eigne Rath- und Muth- losigkeit und das böse Gewissen der Versammlung selbst aus. Am 26. Mai zur Debatte gestellt, gaben sie unserm Wolff den Anlaß, den Herren Parlamentlern ein- für allemal seine Meinung zu sagen. Der stenographische Bericht über diese Rede lautet: „Wolff von Breslau:„Meine Herren, ich habe mich gegen die Proklamation an das Volk einschreiben lassen, die von der Majorität verfaßt und hier verlesen worden ist, weil ich sie für durchaus unangemessen den jetzigen Zuständen halte, weil ich sie viel zu schwach finde— geeignet, blos als Journalartikel in denjenigen Tagesblättenr zu erscheineu, welche die Partei vertreten, von der diese Proklamation ausgegangen ist) aber nicht für eine Proklamation an das deutsche Volk. Da nun jetzt noch eine zweite verlesen ist, so will ich nur so beiläufig bemerken, daß ich mich gegen diese noch viel mehr erklären würde, aus Gründen, die ich nicht anzuführen brauche.(Stimme im Centrum: Warum nicht?) Ich spreche nur von der Majoritätsproklamation; sie ist allerdings so mäßig gehalten, daß selbst Herr Büß nicht viel dagegen sagen könnte, und das ist doch gewiß die schlimmste Empfehlung für eine Proklamation. Nein, meine Herren, wenn Sie irgend und überhaupt»och einen Einfluß auf das Volk haben wollen, müssen Sie nicht zum Volke sprechen in der Weise, wie in der Proklamation geschieht; Sie dürfen da nicht von Gesetz- lichkeit, von gesetzlichem Boden und dergleichen sprechen, sondern von Ungesetzlichkeit in derselben Weise wie die Regierungen, wie die Russen, und ich verstehe unter Russen die Preußen, die Oesterreicher, Bayern, Hannoveraner.(Unruhe und Gelächter.) Diese sind alle unter dem gemeinsamen Namen Russen zusammen- gefaßt.(Große Heiterkeit.) Ja, meine Herren, auch in dieser Versammlung sind die Russen vertreten. Sie müssen ihnen sagen: So, wie ihr euch auf den gesetzlichen Standpunkt stellt, so stellen wir uns auch darauf. Es ist der Standpunkt der Gewalt, und erklären Sie in Parenthese die Gesetzlichkeit dahin, daß Sie den Kanonen der Russen die Gewalt entgegenstellen, wohlorgani- sirtc Stnrmkolonnen. Wenn überhaupt eine Proklamation zu erlassen ist, so erlassen Sie eine, in welcher Sie von vornherein den ersten VolkSverräther, den Reichsverweser, für vogelfrei erklären.(Zur Ordnung! Lebhafter Beifall von den Galerien.) Ebenso alle Minister!(Erneuerte Unruhe.) Oh, ich lasse mich nicht stören. Er ist der erste Volksverräther. „Präsident Reh: Ich glaube, daß Herr Wolfs jede Rücksicht überschritten. Er kann den Erzherzog Reichsverweser nicht vor diesem Hause einen Volksverräther nennen, und ich muß ihn deshalb zur Ordnung rufen.... „Wolff: Ich für nieinen Theil nehme den Ordnungsruf an und erkläre, daß ich die Ordnung habe überschreiten wollen, paß er und seine Minister Verräthcr sind.(Von allen Seiten des Hauses: Zur Ordnung, das ist pöbelhaft!) „Präsident: Ich muß Ihnen das Wort entziehen. „Wolfs: Gut, ich protestire; ich habe im Namen des Volks hier sprechen wollen, und sagen wollen, wie man im Volke denkt. Ich protestire gegen jede Proklamation, die in diesem Sinne abgefaßt ist." Wie ein Donnerschlag sielen diese wenigen Worte in die er- schrockene Versammlung. Zum ersten Mal war die wirkliche Sachlage den Herren klar und unverhohlen ausgesprochen worden. Der Verrath des Reichsverwesers und seiner Minister war ein öffentliches Geheimniß; Jeder der Anwesenden sah ihn sich vor seine» Augen vollziehen; aber keiner wagte das, was er sah, auszusprechen. Und nun kommt dieser rücksichtslose, kleine Schle- sier und wirft ihnen ihr ganzes konventionelles Kartenhaus mit einem Mal über den Haufen! Sogar die„entschiedene Linke" konnte nicht umhin, gegen diese durch einfache Konstatirung der Wahrheit begangene nnverzeihliche Verletzung alles parlamenta- rischeu Anstände sich energisch zu verwahren durch den Mund ihres würdigen Vertreters, des Herrn Karl Vogt(Vogt— man hat ihm im August 1859 Frcs. 40,000 Übermacht, sagen die 1870 veröffentlichten Listen der von Louis Napoleon an seine Agenten gezahlten Summen). Herr Vogt bereicherte die Debatte mit folgendem, ebenso lumpig verlegneu wie infam verlognen Protest: „Meine Herren, ich habe mich zum Worte gemeldet, um de» kcystallyellen Strom, der auS einer Dichterscele in diese Prokla- mation geflossen ist, zu vertheidigen gegen den unwürdigen Schmutz, welcher in denselben geworfen oder(!) gegen denselben(!) geschleu- dert worden ist, um diese Worte zu vertheidigen gegen den Koth, der aufgehäuft worden ist in dieser letzten Bewegung und dort alles zu überfluthen und zu beschmutzen droht. Ja, meine Herren! Das ist ein Koth und ein Schmutz, den man auf diese(!) Weise an alles, was nur Reines gedacht werden kann, heramvirft, und ich spreche meine tiefste Entrüstung darüber aus, daß so etwas(!) geschehen konnte." Da Wolff von Uhland's Redaktion der Proklamation gar nicht gesprochen, sondern nur ihren Inhalt zu schwach befunden, so begreift man gar nicht, woher Herr Bogt seine Entrüstung und seinen„Schmutz" und„Koth" eigentlich bezieht. Aber einerseits war es die Erinnerung an die rücksichtslose Weise, mit der die„Neue Rheinische Zeitung" die falschen Brüder von der Sorte Vogt's stets behandelt, andererseits Wuth über die grade Sprache Wolff's, die diesen selben falschen Brüdern das bisherige achsel- trügerische Spiel fernerhin unmöglicb machte. Zwischen der wirk- lichen Revolution und der Reaktion zur Wahl genöthigt, erklärt sich Herr Vogt für die letztere und den Reichsverweser und seine Minister— für„Alles, was Reines gedacht werden kann". Leiter wollte die Reaktion von Herrn Vogt nichts wissen. Noch denselben Tag ließ Wolff Herrn Bogt durch den Ab- geordneten Würlh von Sigmaringen auf Pistolen fordern, und als Herr Vogt es ablehnte, sich zu schießen, ihm körperliche Züchtigung androhen. Herr Vogt, obwohl körperlich ein Riese gegenüber Wolff, flüchtete sich nun unter den Schutz seiner Schwester, ohne deren Begleitung er sich nirgends mehr sehe» ließ. Wolff ließ den Maulhelden lausen. Jedermann weiß, wie, wenige Tage nach der Scene, die Versammlung selbst die Richligkeit von Wolff'S Aeußcrunge» anerkannte, indem sie sich vor ihrem eignen Reichsverweser und seiner Regierung durch die Flucht nach Stuttgart rettete. 435 Goldene und Erzählung aus schweren „Sie hatten mir ja gestern noch Anfirag geschickt, jedes Hin- dernijz hinwegzuräumen, das unserem Vorhaben entgegenstand," erinnerte er ihn.„Ich besitze Ihren Brief, den Sie mir nach- sandten." „Zum Morde aber nicht!" wehrte der Graf heftig ab.„Habe nichts damit zu thun." „Darüber wird der Richter entscheiden," sagte Heilmann ruhig, „und ich hoffe, daß, wenn eö schlimm kommt, wir gemeinsam sterben werden." Ter Graf trat todtenbleich dicht an ihn heran.„Sind Sie wahnsinnig, Heilmann!" rief er mit zitternder Stimme.„Habe ich an ein solch' gcuieincS Verbrecken denken können?" Da lachte Heilmann veräibUich auf und rief:„Als Sie den Anschlag gegen den Förster machte», da besaßen Sie keine Ent- rüstung und hätten die Früchte Ihrer Arbeit ruhig eingeheimst. Und Ihre Reinheit zugegeben, was besteht zwischen uns für ei» Unterschied?" Weiter ließ ihn der Graf nicht kommen— er fühlte sich vernichtet und bat und beschwor ihn, zu fliehen, er wolle ihm Gold und Kostbarkeiten geben, so viel er begehre, nur fort solle er. 3n diesem Augenblicke durchblitzte ihn aber auch wieder der Gedanke, Heilmann preiszugeben, auf seine Kosten sich selbst zu retten. Aber Heilmann war nicht der Mensch, der sich in dieser großen Gefahr in eine so plumpe Falle locken ließ und er er- klärte dem Grafen ganz bestimmt, daß er zum Bleiben entschlos- sen sei, möge auch kommen, waö da wolle. In voller Verzweiflung flehte ihn der Graf nun an, ihm beizustehen, ihm einen Rettungsweg zu zeigen, ihm zu sagen, was er thun solle. „Mir folgen!" rief Heilnianu fest.„In einigen Wochen ist bie Heirath zu Stande gebracht— ich verspreche es Ihnen. Herr von Nabenberg wird selbst zu 3hnen kommen." „Er wird sich nicht an ein sinkendes Schiff ketten," sagte der Graf verzagt. „Silberberg wird warten. Wozu haben Sie Freunde, die ihn beruhigen können, und darauf allein kommt es an. Silber- berg wird uns Geld geben, Sie werden Herrn von Rabenberg gefällig sein. Tie Heirath wird abgeschlosicn. Er theilt Ihne» seinen Verdacht mit, Sie versprechen nachzuforschen, entdecken das Testament und das Geschäft ist zu Ende. Haben Sie Muth, folgen Sie mir und Alles wird gut." „Wer bürgt für das Gelingen?" fragte der Graf durch Heilinann'S festen und zuversichtlichen Ton ermuthigt. „Bkein eigenes Interesse! Ich erhalte, wie verabredet, ll),kK)0 Thaler gegen Aushändigung des Testaments. Es wird weine Sache sei», Sie sobald als möglich in die Lage zu ver- setzen, von mir daS Testament zu fordern." Kurze Zeit noch widerstrebte der Graf, aber zuletzt wurden sie mit einander einig, und während der Graf es übernahm, Heilmann zu schützen, versprach dieser ihm, ihn aus»allen Verlegenheiten zu befreien und die Heirath doch zu Stande zu bringen. Kaum hatte die Unterredung ihr Ende gefunden, so wurde �lumcnthal gemeldet. Bei diesem Ramen fand der Graf seine Festigkeit wieder; er hatte es mit dem Vertreter der Bauern zu thun— wie ein Bauer sollte er behandelt werren! Nur kurze Zeit weilte Blumenthal in dem Zimmer des Grasen. Mit Hohngelächter wurde er begrüßt, aber schnell ver- siummte dasselbe, als er sich in alle die Geheimnisse eingeweiht i�igte, die der Graf noch aller Welt verborgen wähnte. Festen Schritts verließ Blumenthal das Gemach; einer Ohnmacht nahe fand der Kammerdiener seinen Herrn auf dem Sopha. Alles gab der Graf jetzt verloren. Hatte Blumenthal mit nlerne Ketten. Tagen von C. Lübeck. tzung.) Herrn von Rabenberg gesprochen, und er mußte es gethan haben, dann war an daS Zustandekommen der Heirath nicht mehr zu denken, und von selbst brach das künstliche Gebäude zusammen, das er und Heilmann errichtet. Wo jetzt Rettung finden? Er verzweifelte daran, und Heilmann selbst war betroffen; doch sprach er dem Grafen Muth zu und bat denselben, ihm nur zu vertrauen. Auch den Polizei-Agenten Hieber hatte er kommen lassen, um in wenigen Stunden schon Blumenthal hinter Schloß und Riegel zu setzen. Rur ein paar Worte wollte er mit ihm wechseln, dann wollte er gegen ihn vorgehen. Aber was half das jetzt, wo es auf Minuten ankam?— Schweiß bedeckte die Stirn des Grafen, als er seine furcht- bare Lage überdachte. Ein rettender Gedanke durchzuckte ihn plötzlich: einen Mann gab es, der helfen konnte, das war der Förster. Er mußte mit ihm Frieden schließen, der Förster sollte den Wald haben, und er wollte es ihm schriftlich geben, nie wieder darauf Eigenthums-Ansprüche zu erheben. Seine Kugel verfehlt nie ihr Ziel,— nur eine Kugel konnte retten. Wenn der Graf in diesem Augenblicke die Thür des Forst- Hauses geöffnet hätte, wie wäre er erstaunt gewesen! Vor der alten Frau, die Blumenthal auf der Straße getroffen, lag der starke starre Mann wie ein Kind auf den Knieen und Thränen rollten in großen Tropfen über sein Gesicht. Die alte Frau war sein liebes Mütterchen, nnd ihr bloßes Erscheinen hatte hin- gereicht, all' das Eis, das sich um sein Herz gethürmt, in einer Sekunde zu schmelzen und den Gemüthsguell, den er so lange gewaltsam niedergehalten, übermächtig hervorsprudeln zu lassen. Besänftigend, lcbenerweckend, ruht ihre Hand auf seinem Haupte, und ein Strahl des reinsten Glückes durchbricht seine von Thränen verschleierten Augen. Noch nie hatte daS Forsthaus eine so glückliche Stunde gesehen. Ter Graf hatte seine Reitpeitsche ergriffen und war in den Hof getreten, um zum Förster zu gehen. An den Ställen stand Heilmann und sein Sohn; sie sprachen angelegentlich mit ein- ander und Heilmann deutete auf Blumenthal, der zum Thore ging. Haß und Nachsucht leuchtete aus den Augen des jungen Grafen. Blumenthal bemerkte es wohl, doch ging er vorüber, ohne den Beiden irgendwelche Beachtung zu schenken. Vor dem Thore trat ihm der Polizei-Agent entgegen und stellte sich ihn« in üblicher Weise vor, versuchte es auch, mit ihm ein Gespräch anzuknüpfen. Aber Blumenthal blieb kalt und ablehnend und durchaus vorsichtig. Doch der Maler Schmidt war wie eine Klette; immer neue Fragen wußte er zu stellen, verblüfft aber blieb er endlich zurück, als Blumenthal auf seine Frage über die heutigen sozialen Verhältnisse antwortete:„Wollen Sic sie richtig beurtheilen, dann rathe ich Ihnen, de» Maßstab Goethe's zu nehmen. Der meinte, die Bauern würden wohl ein behaglich Auskommen haben, wenn sie nur für sich schwitzten. Und kennen Sie die Geschichte von den Blattläusen und Ameisen? Goethe sagte: ,Wenn die Blattläuse auf den Rosenzweigen sitzen und sich hübsch dick und grün gesogen haben, dann kommen die Ameisen und saugen ihnen den filtrirten Saft aus dem Leibe, und so geht'S weiter, und wir haben's so weit gebracht, daß oben immer an einem Tage mehr verzehrt wird, als unten in einem ein- gebracht wird? Man will wissen, daß er mit den Ameisen die herrschenden Klassen gemeint, das muß aber wohl unrichtig sein, und Sie als Freund des Landraths werden das wohl am beste» beurtheilen können." „Er soll an die Blattläuse und Ameisen denken!" murmelte Hieber giftig. „Er soll meiner Kugel nicht entgehen!" dachte Graf Hugo. ** Wie glücklich war Marie, als sie den Geliebten wiederhatte, und wie erstaunte sie, als er sie in all' die Geheimnisse ein- weihte, die er in den wenigen Stunden erfahren. Er bat sie, mit ihm zu Eglcr's zu gehen, da er auch dort noch einen Theil von seinen Geheimnissen abzugeben hätte. Einen Augeblick schien Martha die Nachricht gar nicht zu fassen, sie hatte krampfhaft die Lehne deS Stuhls ergriffen und starrte mit weitgeöffneten Augen Blumenthal an. Dann stürmte sie mit tausend Fragen auf Blumenthal ein, umarmte dazwischen die Mutter und Marie und schüttelte dankbar Blumcnthal's Hände. Frau Egler lag halb aufgerichtet im Bette, die Hände gefaltet und die Augen verklärt auf ihr Kind gerichtet, dem nun endlich auch ein Morgen angebrochen. Sie sprach kein Wort, die Thränen aber, die groß und schwer auS ihren Augen perlten, das Zittern und Zucken ihrer Lippen, Alles ließ erkennen, wie gewaltig die Bewegung war, welche sie erfaßt hatte.— Und dann folgte der Freude die schmerzvollste Klage, doch gelang es Blumenthal bald, Martha einigermaßen zu beruhigen, und als er mit Marie aus der Hütte trat, da ließ er zwei hoffende, glückliche Menschen zurück. In halbknieender Stellung beugte sich Martha über das Bett der Mutter. Als ob ein Frühlingshauch ihre Wangen geküßt, so rosig sah sie aus, und in einem andern als dem gewöhnlichen Sinne war Frau Eglcr's Lager in dieser Stunde ein Schmerzenslager. Das Glück belebte sie, und von unwider- stehlichem Drange fühlte sie sich beseelt, um thätig mit eingreifen, die letzten Steine zum Bau> ihres kleinen Heiligthums heran- tragen zu helfen. Eine überraschende Nachricht wurde Blumenthal, als er die Straße betrat. Neumann kam mit etwaö bestürztem Gesicht zu ihm und erzählte, daß Jörg in der Nacht heimlich sein Lager verlassen hätte und, ohne das eigene Haus betreten zu haben, verschwunden wäre. Am Abend hatte Neumann lange mit Jörg gesprochen und ihm Alles, was sich zugetragen, erzählt. Jörg war sehr aufmerksam gewesen und hatte zuletzt hoch und theuer versichert, die Papiere nicht gestohlen zu haben. Dann war er aufgefahren und hatte gesagt, das Dorf solle Alles wieder- bekommen, dafür würde er sorgen. Auch von Blumenthal hatte er gesprochen und gesagt, er würde über ihn wachen, sein Leben sei in Gefahr. Dies Alles ließ hoffe», daß Jörg bald wieder ein Lebenszeichen von sich geben würde, und damit beruhigte sich Blumenthal auch, so unangenehm ihn Jörg'S Flucht im ersten Augenblick auch berührt hatte. Neumaun'S Bitten, doch ja auf seiner Hut zu sein, beantwortete er durch die Erzählung seiner Erlebnisse, die sich nun wie ein Lauffeuer über das ganze Dorf verbreiteten. Herr von Rabenberg war in den ersten Vormittagsstunden von einer kurzen Reise zurückgekehrt. Wie wogten die Menschen nun durch den Rabensberger Park zum Schlosse! Welch' Ge- dränge an der Stätte deS Mordes, dem sogenannten Gartenhause, einem in den Park hineinspringenden Anbau des Schlosses. Welches Geflüster, welches Gesumme, und wie verstört die Ge- sichter, wie finster die Augen und Stirnen, welche durch die Thür in's kleine Zimmer Konrad's blickten, das ein Bild deS Grauens gewährte. Es lag im zweiten Stocke des Gebäudes, unten hatte Thomas mit seiner Gärtnerei Obdach gefunden. Ein trautes, freundliches und friedliches Asyl war es noch gestern gewesen; durch die dicht umrankten Fenster fielen heiter grüßend die Sonnen- strahlen auf den Lehnstuhl und spielten mit den weißen Haaren des alten Freundes, der ihnen alle Morgen ein freundliches Lächeln entgegentrug. Heute war der Lehnstuhl in die Ecke ge- schoben, und an Stelle der wohlthuenden Ordnung, die sonst im Zimmer herrschte, zeigte sich unbeschreibliche Verwirrung. Noch befand sich das Zimmer in dem Zustande, in dem eS ThomaS angetroffen, nur die Fenster waren weit geöffnet; von dem einen, durch welches der Mörder seinen Weg genommen, war die Wein- umrankung fortgerissen, und grell fiel das Licht der Morgensonne auf das Lager Konrad's, das mit einem weißen Leintuche ver- hüllt war. Die Unterhaltung der Menge bewegte sich um das Opfer. Ueberall hatte man ihn lieb gehabt, den alten Konrad, der in aller Stille sein Scherflein in die Hütten der Armen trug und für einen Jeden ein freundliches Wort, einen guten Rath hatte. Man verwünschte den Mörder, dessen Fährte man gefunden zu haben glaubte. Am Abend hatte der Ermordete noch mit Thomas auf der Bank vor dem Hause gesessen und über allerlei Dinge mit ihm geplaudert, ihm auch leise Andeutungen über die Pläne gemacht, die ihn so lebhaft beschäftigten. Er wollte nach der Pleßburg reisen, um dort Material gegen Heilmann zu sammeln. Das war aber sein Geheimniß, und nicht einmal Herrn von Rabenberg hatte er davon unterrichtet. Auch Thomas weihte er nicht ein. Den Namen Heilmann aber hatte er ihm genannt, und in einer so drohenden Weise, daß Thomas aufmerksam wurde. Auf seine Fragen warnte ihn Konrad nur,-sich mit dem Erz- schelm, wie er ihn nannte, einzulassen. Bald würde die Stunde kommen, in der sich der Wicht vor dem Richter zu verantworten hätte. Auch vor dem Pfarrer hatte er ihn gewarnt, der mit Heilmann unter einer Decke stecke und ein falsches Spiel gegen Herrn vvn Rabenberg spiele.— Das war genug, um einen Verdacht zn begründen, und im Munde der Leute wuchs er schnell zur Gewißheit heran, als man im Gebüsch ein blutiges Messer fand, welches das Wappen der Pleßburg trug. Zudem wollte man spät Abends noch Heilmann gesehen haben. Einer hatte bemerkt, wie er katzenartig dahinschlich, ein Anderer, wie er ein Messer in der Hand trug, und noch Andere, wie er in einer Vermummung erschienen. Berner befand sich grade auf dem Wege nach dem Park, als Egler eintraf, der ihm die Warnung des Doktors überbrachte, und nun von ihm wissen wollte, was an dem Gerede der Leute über die Aufsindung des Vertrages, über Jörg und den Schmuggel des Grafen Wahres sei, wovon ihm Bekannte unterwegs erzählt. Berner berichtete ihm Alles und bat ihn, nun anch heiter zu sein und sich des Glückes zu freuen, das ihm geworden. Egler hatte ihm finster zugehört. „Ist das ein Glück, wenn man sein Recht erhält?— Freilich, freilich," fügte er hinzu,„bei unseren heutigen Zuständen muß man es ja als ein glückliches Ereigniß betrachten, wenn dem Armen sein Recht wird." „Nehmen wir die Dinge, wie sie nun einmal sind, Egler," sagte Berner besänftigend,„freuen wir uns über den Sieg der guten Sache..." „Den wir einem Zufall verdanken!" unterbrach ihn Egler erregt.„Können wir kämpfen? Zufall ist jede glückliche Wen-! dung in unserm Leben, und würde er uns nicht zu Hülfe ge- kommen sein, dann hätten wir noch die Aussicht, Hungers sterben zn müssen.— Man möchte mit Keulen drein schlagen!" Berner winkte zustimmend mit dem Kopfe.„Es ist nur zu wahr," sagte er,„und ich begreife es wohl, wenn Ihr Zorn emporlodert; aber beruhigen Sie sich, Egler— die Drohne, welche Waldau'S Arbeit verschlang..." „Sammt seinen Menschen— ihrer Gegenwart und Zu- z kunftl" fiel ihm Egler in's Wort. „Sie wird uns nicht mehr lange belästigen," fuhr Berner fort. „Wenn Sie ihr den Kopf zertreten können, sonst nicht," sagte Egler wieder.„Mit Worten und Vorstellungen wird da nichts ausgerichtet!" Umsonst bemühte sich Berner, ihn ruhiger zu stimmen. In der gleichen düsteren Stimmung trennte sich Egler von ihm, schickte den Wagen zurück und schlug den Weg nach Waldau ein. Berner aber ging zum Schlosse, wo kurz vor ihm der Pfarrer eingetroffen war. „In Gottes Reich wird unser geliebter Freund einziehen, aber den Mörder wird Gottes Fluch treffen!" so sprach der Pfarrer, als Berner eintrat, dann faltete er zum Gebet die Hände und wortlos bewegten sich seine Lippen.„O Geliebte!" sagte er wieder laut,„das ist die Frucht jener höllischen Saat, welche die Gottlosigkeit erzeugt, der falschen Mauler, die da reden wider den Gerechten. Ihre Zunge trachtet nacy Schaden und schneidet mit Lügen wie ein scharfes Scheermesser. Sic reden gern alles, was zum Verderben dienet, mit falscher Zunge. Gott aber wird sie zerschlagen und zerstören und aus dem Lande der Lebendigen ausrotten, die Gerechten aber werden bleiben wie ein grüner Oelbaum im Hause Gottes. Zu Dieben und Mördern werden die Gottlosen— die aber Gott im Herzen tragen, die haben seinen Engel zur Seite." Empört wollte Berner den Heuchler zurechtweisen, Herr von Rabenberg aber, der mit seiner Tochter anwesend war, warf ihm einen bittenden Blick zu, und er schwieg. Erregt trat jetzt auch der Gärtner Thomas heran, der nur auf eine Gelegenheit wartete, dem Pfarrer die Larve vom Gesichte zu reißen. Eine große Be- wegung aber, die plötzlich an der Thür entstand, und der Ruf: „Sie bringen ihn! Sie bringen ihn!" hinderte ihn, seinen Ent- schluß auszuführen. Waffen klirrten, scheu machte man überall Platz, drei Gensdarnien traten ein, sie führten— Jörg, dessen Hände gebunden waren, in ihrer Mitte. Der Pfarrer war einen Schritt zurückgetreten, als er das bleiche, verzerrte Gesicht Jörg's mit den durchbohrenden Augen erblickte, die ihn allein zu suchen schienen. „Der Jörg, der Jörg!" ertönte es murmelnd von allen Seiten. „Der Mann ist kein Mörder," sagte Herr von Rabenberg, als der Führer der Patrouille ihm meldete, daß man ihn in der Nähe, im Gebüsch schldichend, bemerkt habe, daß er verwundet sei und jede Auskunft über seine Person verweigere. „Es ist der Landstreicher Jörg," sagte der Pfarrer, seine ganze Kraft zusanimennehmend;„es wäre doch gut, wenn man ihn fest- hielte," fügte er schnell hinzu.„Er soll einen Mordanfall auf den Förster gemacht haben und bei der Gelegenheit verwundet worden sein." „Das lügt er!" rief Thomas jetzt.„Das ist nicht wahr!" sagte auch Berner, der nicht wenig überrascht war, Jörg hier zu sehen. Wie zum Sprunge, so hatte sich bei den Worten des Pfarrers Jörg's Oberkörper nach vorn geneigt. Weit hatte er den Hals vorgestreckt, seine Fäuste waren geballt, und ein wildes Feuer leuchtete aus seinen Augen.„Ja, er lügt!" keuchte er jetzt heiser. „Er hat immer gelogen. Der Jörg soll der Dieb gewesen sein! Der Jörg soll die Papiere gestohlen haben— aber er— er ist es gewesen, der schwarze Heuchler! Der Jörg hat gute Kugeln gehabt. Nun haben sie ihm die Hände gebunden, aber sie werden wieder frei werden— und dann— und. bann!" Er war bei den letzten, fast schreienden Worten dicht an den Pfarrer getreten, der erschreckt zurückwich und ängstlich die Gensdarmen bat, den Tollen festzuhalten, was diese auch thaten. „Lassen Sie den Mann in Frieden seines Weges ziehen," sagte Herr von Rabenberg zu dem Führer,„an dem Morde ist er unschuldig." „Er kann aber vielleicht Aufschluß darüber geben," Herr von Rabenberg," wandte der Pfarrer ein.„Was ich gesagt, das halte ich aufrecht." Herr von Rabenberg that, als hätte er die Worte nicht ge- hört und wiederholte seinen Wunsch. Ein Wagen war herangerollt; der Landrath erschien. Er begrüßte Herrn von Rabenberg und dessen Tochter und schüttelte dann dem Pfarrer die Hand, und wechselte einige leise Worte mit ihm. Die GenSdarmen berichteten ihm über ihren Fang. „Fort mit ihm!" sagte der Landrath, auf Jörg deutend. „Dem Kerl sieht man den Verbrecher auf zehn Schritt an." Herr von Rabenberg protestirte. „Es geschieht aller Voraussetzung nach nur auf kurze Zeit, der Aufklärung wegen," sagte der Landrath beschwichtigend.„Ge- nügen wir dem Gesetze; ist der Mann unschuldig, dann können ihn die nächsten Stunden schon befreien. Auch Ihren Lehrer muß ich Ihnen fortnehmen— wegen Gotteslästerung und Be- leidigung eines Beamten. Zwei Mann," wandte er sich an die Gensdarmen,„haben die Verhaftung sogleich zu besorgen." Fräulein von Rabenberg erfaßte ängstlich den Arm ihres Vaters.„Das kann ich nicht zugeben!" sagte Herr von Rabenberg bestimmt.„Herr Berner ist ein Ehrenmann. Ich bürge für ihn. Wenn der Richter seiner bedarf, wird er sich stellen." „Ich bin auf diese Verhaftung vorbereitet," sagte Berner ruhig.„Die Gerechtigkeit triumphirt, für meine Verwundung erhalte ich den Lohn und der Herr Pfarrer für alle seine Be- mühungen um das edle Geschlecht der Falkenburgs eine neue Abschlagszahlung." „Ein Mord! Ein Mord!" erscholl es von draußen. Von Waldau her erklang hohl und dumpf die Sturmglocke. Die Leute stürzten hinaus, der Landrath wechselte mit dem Pfarrer einen ängstlichen Blick, Fräulein von Rabenberg war bleich ge- worden, sie zitterte und umfaßte fester den Arm ihres Vaters, welcher, der Bewegung folgend, zur Thür schritt. Berner stand wie vom Blitz getroffen, so starr und regungslos; er wußte es, was der Bote melden würde, den man soeben unter unbeschreib- licher Aufregung m�s Zimmer führte. Blumenthal war ermordet. Kaum war der Name genannt, da brach Fräulein von Rabenberg mit einem lauten Aufschrei leblos zusammen. Einen dumpfen Weheruf stieß Berner hervor. „Das edelste Leben haben sie vernichtet!" rief er aus.„Den einen Zeugen sind sie los," fügt« er drohend hinzu,„aber andere Zeugen sind geblieben! Ich bin Berner, Herr Landrath. Ich wünsche, vor den Richter geführt zu werden, um die Namen der Mörder nennen zu können." Der Landrath sprach mit dem Pfarrer einige Worte, sie sahen Beide zufrieden aus. Daun gab der Landrath den Gensdarmen ein Zeichen, sie ergriffen Berner und führten ihn, während Herr von Nabenberg mit seiner Tochter beschäftigt war, hinaus. „Den Schwarzen— den Schwarzen— den nehmt!" rief Jörg ihnen zu. Der ist der Hauptmörder, der hat mit dem jungen Grafen Alles verabredet...." Der Faustschlag eines Gensdarmen schloß ihm den Mund. Mit Flüchen und Ver- wünschungen umdrängte jetzt die Menge die Gensdarmen, den Landrath und den Pfarrer, und Berner mußte seine Freunde be- schwichtigen. Doch wollte sich die Aufregung gar nicht legen, und Steine flogen hinter dem Landrathe her, als er nach— Waldau fuhr. * ** Nachdem der Landrath seine Polizei gefunden, handelte er schnell. Neben Berner und Jörg nahm das Gefängniß auch Doktor Wieser und Kinsky auf, und am Abend wurde Egler eingebracht. Der Polizei-Agent Hieber aber nahm im Landraths- amte Wohnung, um den Plan zum Hochverrath zu entwerfen, dessen sich die Gefangenen schuldig gemacht haben sollten. Es ist Winter geworden, und über Wald und Flur und Berge hat die Natur das weiße Leichentuch gebreitet. Wie ver- schneite Friedhöfe sehen die Dörfer von den Höhen aus, und wie Gräber heben die Hütten von dem weißen Grunde sich ab. Ein Zug des Erwachens geht in diesen Tagen durch das arbeitende Volk Europa's, aller Orten regen sich die Unterdrückten, jeder Tag bringt Nachrichten von Strikes oder Arbeiterunruhen. Bald sind es Eisenbahuarbeiter, die gewaltsam eine Verbesserung ihres Lohnes erzwingen; bald sind es Fabrikarbeiter, die in blu- tigen Kämpfen ein menschenwürdigeres Dasein zu erringen suchen; bald sind es auch Bauern, die mit den Waffen in der Hand sich der entsetzlichen Bedrückung erwehren, der sie preisgegeben sind. Eine unendliche Menge von Zündstoff ist überall aufgehäuft, und nur des Funkens scheint es zu bedürfen, um einen allgemeinen Brand zu entflammen. Auch Waldau liegt im Schnee, kein Mensch zeigt sich auf der Dorfstraße, nur hier und da verkündet ein schwacher Rauch, der den Dächern entsteigt, daß noch Leben in diesen Hütten ist. Aber was für ein schreckliches Leben ist es, das jetzt unter den beschneiten Dächern wohnt! Alle Hoffnung ist erstorben, die Ehrfurcht vor Gott und König erstorben, die Bande der Freund- schast und Familie zerrissen, der Hunger beherrscht Alle« und in wilde reißende Thiere scheint er die Menschen verwandelt zu haben. Während sie früher noch Rücksichten auf ihre Blößen trugen, die «5. 1876. nur mangelhaft von den Lumpen verhüllt wurden und nur des Abends ihre Nahrung suchten, kreisen sie jetzt am hellen Tage in der Umgegend umher, um Nahrung zu suchen. Nach Viehkartoffeln, Schalen und stinkender Stärke suchen sie, und die ekelhaftesten Dinge lesen sie auf, um sie als Nahrungsmittel zu verwerthen. Wie Thiere stürzen sie sich darüber her, keine Venvandschaft, keine Freundschaft kennt man mehr, der schreckliche Kampf um'S Dasein hat Menschen geschaffen, die einander um den Besitz einer Schürze voll Schalen oder Viehkartoffeln oder einer Metze Schwarzmehl tödten könnten. An die Drohnen auf der Höhe aber denken sie noch nicht, das fremde Eigenthum gilt ihnen noch als heilig—- aber wie lange noch wird der Wall der Religion die Genießenden schützen? Wo Reichthum ist, da ist auch Macht; das haben die Waldauer erfahren müssen, ihr Waldprozeß ist über den Anfang nicht hinausgekommen. Sie waren ihren Gegnern nicht gewachsen, und jetzt wird im Walde Holz für Silberberg geschlagen, dem ein Theil desselben für die neuen„Gefälligkeiten" geschenkt worden ist, die er dem Grafen enviesen. Es geht wieder hoch her auf der Falkenburg, große Feste werden gefeiert, und im alten Glänze zeigt sich das Haus wieder, ganz so, wie es Graf Falkenburg erträumt. Graf Hugo ist trotz Wechselfälschung Landrath ge-- worden, und im Frühjahr soll nun endlich die Hochzeit sein. AlleS ist nach Heilmann's Plänen gegangen, der Ehevertrag ist unterzeichnet und seine Fassung die alte geblieben. Herr von Rabenberg hat das Testament erhalten, das ihn zum Haupterben macht, und Heilmann wohnt jetzt in einem schönen Hause in der Stadt und lebt von den Früchten seiner Anstrengungen. Der Pfarrer ist für die Würde eines Konsistorialraths in Vorschlag gebracht, und so hat auch die Frömmigkeit ihren Lohn gefunden. Berner aber sitzt wegen Gotteslästerung im Gefängniß, man hat ihm keinen Hochverrath nachweisen können. Egler hat sein Recht bekommen, d. h. man hat ihn wegen Beleidigung des Grafen Falkenburz auf viele Monate in's Gefängniß gesetzt, und Doktor Wieser, der retten wollte, befindet sich wegen hochverrätherischer Gesinnung noch immer in Untersuchungshaft; er wäre, wohl schon in Freiheit gesetzt worden, wenn der Polizei-Azent Hieber nicht noch immer die Hoffnung hegte, einer großen Verschwörung auf die Spur zu kommen.- Kinsky ist als russischer Uuterthan den russischen Behörden ausgeliefert worden. Es lebt viel Bitterkeit in Waldau und Schönenberz; in den Herzen gährt und kocht es, und die Elemente des Sturms be- ginnen sich zu sammeln, welchen die gewissenlose Wirthschaft gesäet. Und wie der Sturmvogel einer kommenden Revolution taucht ab und zu Jörg auf. Mit Hohn und Spott stachelt er die Stumpfsinnigen auf und lenkt die Blicke der Hungrigen nach der Höhe, wo man im Ueberfluß lebt und für die Stimme des Elends taub ist, die auS der Tiefe sich winselnd erhebt. Es ist Abend geworden, hier und da schimmert durch die kleinen gefrornen Scheiben das flackernde Licht dcS Kiehnspahns. Am Hause Ehrenfried Neumann's bleibt ab und zu eine jener schattenhaften Gestalten, die nach Nahrung ausziehen oder heimkehren, stehen und wirft einen Blick durch's Fenster, huscht aber schnell weiter, vom Hunger getrieben. Nur schwer läßt die un- stäte Flamme die Gegenstände im Zimmer erkennen. Bald spiegelt sie sich in den mit einer Eiskruste überzogenen Wänden, bald wirft sie ihren Schein auf den alten, verlassenen Webstuhl am Fenster. Dann hüpft sie wieder über das Garn, das unordentlich umher liegt, und umspielt die Männer mit den tief ernsten, schweigsamen Gesichtern, die im Zimmer stehen und trauernd und zürnend auf ein Strohlager starren, worauf ein blutiger Körper gebettet ist. Grell fällt daS Licht der Flamme auf den Mann, der starr und kalt auf dem Lager ruht— die Augen für immer geschlossen. Ehrenfried Neumann selbst ist der stille, bleiche Mann. Bei der Frohnarbeit im Walde, zu der ihn der Hunger getrieben, hat ihn ein fallender Baum erschlagen.— Tagein, tagaus, bis tief in die Nacht hinein, ein halbes Jahrhundert hindurch, hatte er am Webstuhl gesessen und rastlos gearbeitet, von bitterer Sorge umdrängt, von tausend Qualen gefoltert, ein Schmerzenskind der grauenvollen Zeit. Weib und Kind hat er vor seinen Augen unter dem Elende zusammenbrechen sehen, und alles, was ihm einst im Leben theuer gewesen, das ist ihm vorausgegangen. Immer hatte er gehofft und geglaubt, Recht müsse doch Recht bleiben; mit einem Fluche aber ist er aus dem Leben geschieden. Der Mond durchbricht das Gewölk, und sein fahles Licht erleuchtete die Höhen. Dort, wo einst die Rasenbank sich befand, tritt jetzt ein schwarzes, verwittertes Kreuz hervor, von niedrigem Nadelholz im Halbkreise umrahmt, weiter im Hintergrunde schaut der Hochwald herüber. Am Fuße des Kreuzes erhebt sich hier und da aus dem Schnee ein verdorrter Strauch. Das Kreuz selbst schmückt ein welker Kranz. Ein seltsamer Zauber ist über das Bild gegossen; tief schwermüthig blickt eS in's Dorf, ein flammendes Mene Tekel. Was war das für ein herrlicher, hoffnungsreicher Tag ge- wesen, an dem sich hier die beiden Liebenden zum letzten male zusammenfanden. Es war, als ob die Vögel einander in den Büschen der Rasenbank ein Stelldichein gegeben, so zwitscherte und jubelte es damals in den Zweigen, durch welche flüsternd und kosend ein erfrischender Luftzug strich. Als ob die Natur etwas von dem Glücke vernommen, daS über Waldau gekommen, so frisch und festlich sah das Kleid aus, welches das Thal an jenem Morgen angethan. Wie hochbeglückt schlugen die beiden Herzen, welche Farbenpracht zeigte ihr Himmel, wie süß und traut war das kleine Heim, das ihre Gedanken in dieser seligen Stunde schufen!— Und da war der mörderische Schuß gefallen. In alle Winde zerstoben die Vögel, und jäh erblaßten die schillernden Farben bei dem Schrei der Verzweiflung, den Marie ausstieß, bei ihren Thränen, ihrem herzzerreißenden Jammer. Ein dumpfer Wehe- ruf, der das Dorf durchhallte, war das Echo, das ihre Klage erweckte. Mit Donnerstimme forderte Egler zur Rache auf, aber Niemand gesellte sich zu ihm, und als er allein zum Schlosse emporstieg, da wurde er von den Gensdarmen festgenommen, die nach Schmugglern spürten, und nach der Stadt gebracht, wo seiner bereits ein Verhaftsbefehl wegen Beleidigung des Grafen Falkenburg harrte. Wer der Mörder gewesen, das wußte Niemand zu sagen; der Förster war fort, er hatte das Forsthaus im Stiche gelassen und kein Stück von den Sachen darin angerührt. Man hatte ihn fortgehen sehen mit einem alten Mütterchen an der Hand, das ein gar freundliches Gesicht besaß und lebhaft mit ihm sprach. Wer ihn so gehen sah, der vermochte �hn kaum wieder zu er- kennen, kein Zug der alten Härte lag mehr in seinem Gesichte, feucht waren seine Augen, ein Schimmer des Friedens und der Versöhnung leuchtete aus ihnen hervor.— Ob er der Mörder gewesen? Die Leute vom Schlosse behaupteten eS; die Unter- suchung hat nichts an den Tag gebracht, sie ist niedergeschlagen worden, wie die über chen Mord Konrad's. Im Dorfe aber nennt man laut als den Mörder den Grafen Hugo, und Jörg bestätigt es. Oft kann man Jörg am Kreuze erblicken. Da starrt er es in seiner eigenthümlichen Weise lange an und wendet dann drohend das Haupt zum Schlosse, wo er den Mörder weiß.— Auch an diesem Abend befindet er sich auf der Höhe, doch steht er am Rande des Höhenzuges und blickt in eine kleine Schlucht. Sein Anzug ist abgerissener, sein Gesicht verwilderter noch, als wir es zuletzt gesehen; er stützt sich auf seine Büchse, ein bitteres, verächtliches Lachen spielt um seine Lippen. Krähen schweben kreischend über der Schlucht, im Grunde sind mehrere Menschen um einen dunklen Gegenstand beschäftigt. Ein todtes, halb verwestes Pferd liegt dort im Schnee, und gierig sättigen sich daran die Unglücklichen, die es entdeckt habem Grauenhaft ist das Bild, daS diese Hungrigen bei ihrer Mahlzeit gewähren. „Sie haben Augen und sehen nicht," murmelte Jörg,„und haben Ohren und hören nicht. Finden sie nichts mehr, dann morden sie sich selbst und ftessen sich auf. Wo Nahrung im Ueberfluß ist, daS sehen sie nicht, und wenn sie es seden, dann ist ihnen fremdes Eigenthum heilig, und um so heiliger ist es ihnen, je höher die Spitzbuben wohnen, die es gestohlen."(Schluß folgt.) 439 Psiilgsten im Har). Wandererinnerungen von Robert Schweichel. III. Als wir aus Wernigerode hinausgerollt waren, sahen wir zur Rechten den Regenstein, der in der Geschichte der Grafen von Stolberg-Wernigerode eine so verhängnißvolle Rolle spielt. Aber auch die Reinsteiner Grafen waren nicht besser als sie sein sollten, und auf dem Rathhause zu Quedlinburg zeigt man noch heute den eisernen Käsig, in welchem Graf Reinstein wie ein ächter Raubvogel lange Zeit von den erbitterten Bürgern gc- fangen gehalten wurde. Die Sage erzählt, daß er seine Be- freiung den Bitten einer schönen Rathsherrntochter verdankte, die in Liebe zu ihm entbrannt war. Aber es ist ein altes Sprich- wort: Wer hängen soll, ersäuft nicht! Der Graf war kaum aus seinem Käfig geschlüpft, als er Halberstadt übersiel und mit Feuer und Schwert verwüstete. DaS geschah am Weihnachts- feste. Der Bischof von.Halberstadt sammelte eiligst seine Fähn- lein und eilte dem mit reicher Beute abziehenden Grafen nach. Bei Dannstedt kam es zum Kampf, in dem Graf Albrecht selbst erstochen wurde. Da kein Baum in der Nähe war, so wurde der Graf an einem in die Erde gesteckten Spieß gehenkt. Das Faustrecht und Raubritterwesen hat es im Harz so arg getrieben, wie nur sonst irgendwo in dem heiligen römischen Reiche deut- scher Nation und es ist wahrlich kein kleines Kunststück der Ro- wantiker, daß sie es fertig gebracht, uns das wüste Mittelalter als ein Ideal aufzustellen. Der Regenstein ist wie Quedlinburg ein einzelner Sandstein- felsen, der mitten aus der Ebene aufragt. Es sind die vorge- schobenstcn Posten des Harz, detachirte Forts, welche die Teufels- mauer decken, die bei Blankenburg beginnt und sich mit Unter- brechungen um den östlichen Harz bis Ballenstedt fortsetzt, wo sie in den beiden Gezensteinen zuletzt zu Tage tritt. Wir be- kamen ein Stück dieser wunderlich geformten Felsklumpen deut- lich zu Gesicht, als wir am zweiten Feiertage mit dem Bahn- zuge nach Thale hineinfuhren. Ter Volksglaube schreibt das seltsame Gebilde dieser Mauer dem Teufel zu. Als der liebe Gott mit dem Teufel wegen Deutschland im Streite lag, einigten sich beide schließlich dahin, daß der liebe Gott die Ebene, der Teufel aber das Gebirge behielt. Satanas machte sich nun gleich daran, sein Eigcnthum mir jener Mauer einzufassen. An anderen Orten, wo die Natur ähnliche Formationen geschaffen hat, tritt ein Riese als Bau- meister auf. Hier ist die umbildende Phantasie deS Volkes dem mythologischen Ursprung der Sage getreuer geblieben. Die jüngere Edda erzählt nämlich, als die Götter Midzard erschaffen und Walhall gebaut hatten, da sei ein Baumeister zu ihnen gekommen und habe sich erboten, eine Burg zu bauen in drei Halbjahren, die den Göttern zum Schutz wäre wider alle Riese», wenn sie gleich über Midgard eindrängen. Die Riesen faßt die germa- nische Mythologie den Göttern gegenüber als die Vertreter der bösen Mächte auf. Zum Lohn bedingte sich der Baumeister die Göttin Freya und dazu Sonne und Mond auS. Die Götter gingen den Handel unter der Bedingung ein, daß der Baumeister die Burg in einem Winter fertig bringen müßte, sei er aber bis zum ersten Sommertage nicht damit zu Stande gekommen, so erhalte er nichts; auch dürfte ihm Niemand bei seinem Werke helfen. Er verlangte nur, daß ihm erlaubt sein sollte, sich der Hülfe seines Pferdes Swadilfari zu bedienen, und Lokr(das Feuer, der Böse unter den Göttern) rieth dazu, daß ihm dies zugesagt wurde. Da griff er am ersten Wintertage zur Arbeit und führte in der Nacht gewaltige Felsen als Bausteine mit dem Pferde herbei, und ging der Bau so rasch von statten, daß die Burg zu Ende des Winters schon hoch und stark genug war, um jeden Angriff abzuhalten. Den Göttern wurde bange, wenn sie an den Preis dachten, sie hatten aber den Kauf mit vielen Zeugen und starken Liden bekräftigt, den» ohne einen solchen Frieden hätte sich der Riese bei den Göttern nicht sicher geglaubt, wenn Thor heimkäme, der damals nach Osten gezogen war. Und als noch drei Tage blieben bis zum ersten Sommertage, war das Werk schon bis zum Burgthor fertig. Da bedrohten die Götter den bösen Rathgeber Loki mit einem üblen Tode, wenn er keine Auskunft fände, den Baumeister um seinen Lohn zu bringen. Der geängstigte Loki versprach mit einem Eide, nach dem Willen der Götter zu handeln. Und denselben Abend, als der Baumeister noch Steine anfuhr mit seinem Hengste Swadilfari, da lief ihm aus dem Walde eine Stute entgegen. Swadilfari ward wild, zerriß die Stricke und lief der Mähre nach und die Mähre voran zum Walde und der Baumeister seinem Pferde nach, es zu fangen. Und diese Rosse liefen die ganze Nacht umher, und ward diese Nacht und den Tag darauf die Arbeit versäumt. Als der Meister sah, daß das Werk nicht zu Ende kommen möge, da gerieth er in einen Riesenzorn. Die Götter aber, die nun für gewiß erkannten, daß es ein Jöte, ein Berg- riefe, war, der zu ihnen gekommen, achteten ihrer Eide nicht mehr und riefen zu Thor, und im Augenblick kam er und hob auch gleich seinen Hammer Miölnir und bezahlte mit ihm den Bau- lohn, nicht mit Sonne und Mond, vielmehr verwehrte er ihm das Bauen auch in Jötunheim(der Heimath der Riesen), denn mit dem ersten Streiche zerschmetterte er ihm den Hirnschädel in kleine Stücke und sandte ihn hinab gen Niflhel(die Unterwelt). Der Sinn dieser Mythe läßt in dem Baumeister, dem Riesen, den Winter selbst erkennen. Der Name seines Pferdes Swadilfari bedeutet Eisführer. Fassen wir ihn als Nordwind auf, so mag das Hin- und Herlaufen der Pferde im Walde das Wechseln der Winde anzeigen, welches dem Ende des Winters vorausgeht. Wäre das Werk des Winterriesen fertig geworden, so hätten Schnee und Eis für immer die frühlingsgrüne Erde, die Göttin Freya, bedeckt und eine ewige, lichtlose Nacht zum Verderben der Götter und Menschen auf Erden geherrscht. Aber der Donner- gott Thor erscheint und seine Gewitter zermalmen den Winter. Derselbe Mythus liegt den unzähligen Sagen von Brücken-, Schloß- und Kirchenbauten zu Grunde, die der Teufel in einer Nacht bis zum ersten Hahnenschrei herzustellen sich verpflichtet, aber nie zu Stande bringt und dann sein Werk wieder zu zer- stören sucht. Am reinsten klingt der Mythus in der norwegischen Sage vom König Olaf nach, welche uns auch den Namen des Niesen nennt, den die Edda vergessen hat. Hier soll der Riese eine ungeheure Kirche bauen und zum Lohn Sonne und Mond oder Olaf selbst erhalten. Als der Bau bis auf Dach und Spitze fertig dasteht, wandelt Olaf bekümmert durch Berg und Thal. Da hört er, wie ein Riesenweib ihr weinendes Kind mit den Worten zu stillen sucht:„Ziß, ziß! morgen kommt dein Vater Wind und Wetter und bringt Sonne und Mond oder den hei- ligcn Olaf mit." Erfreut über diese Entdeckung kehrt Olaf zurück und ruft dem Baumeister, der eben die Spitze aufgesetzt hat, zu:„Wind und Wetter, du hast die Spitze schief gesetzt." Nach einer andern Erzählungsart, in welcher der Riese Bläster(Bläser) heißt, ruft Olaf:„Bläster, setze die Spitze nach Westen!" Mit einem schrecklichen Krach fiel darauf der Riese von dem Kirchen- dach herab und zerbarst in viele Stücke, denn mit dem Namen des bösen Geistes vernichtet man seine Macht. Die Lüge ist nicht mehr, sobald sie erkannt ist. Hätten sich Diejengen, welche das Christenthum in Deutsch- land verbreiteten, Mühe gegeben, in den Kern der heidnischen Götterlehrc einzudringen, statt sie mit schwerem Bann zu belegen, wie viel Blut und Elend wäre der Menschheit erspart worden! Aus diesem Unverstände schlug die entsetzliche Lohe der Scheiter- Haufen empor, auf welchen man Jahrhunderte hindurch Hexen und Zauberer verbrannte. Das war die Rache der verkannten Götter. Inzwischen hat der Zug, der auf den Zwischenstationen von Halberstadt her zu einer wahren Riesenschlange angewachsen ist, Thale oder Blechhütte erreicht. Wie ein aufgestauter Strom, dessen Schleusen plötzlich geöffnet werden, ergießen sich die iL W 440 Menschenwogen nach dem Bodethale. Und jeder folgende Bahn- zug bringt Hunderte und aber Hunderte von neuen Gästen. Dazu roller auf allen Landstraßen mit Maien geschmückte Erntewagen heran, die festlich geputzte Bevölkerung der Umgegend demselben Ziele zuführend. Auf allen Pfaden des Bodethales, von Blechhütte hinauf zur Roßtrappe und die im Zickzack sich schlängelnde Schurre hinab wogt hin und her ein ununterbrochener Menschenstrom wie eine Prozession. Aber die Stimmung hat mit der frommer Wall- fahrer nichts gemein. Es sind keine Kirchenlieder, die oft genug erschallen, und leider fehlt es nirgends an Künstlern auf der Ziehharmonika. Dazwischen knallten auf der Roßtrappe die Pistolen und weckten den donnerartigen Widerhall zwischen den jähen Felsen, und von dem Hexentanzplatz her schmetterten Piston- und Klapptrompeten lustige Weisen. Die Birken und Eschen auf dem Hexentanzplatz, welcher die Roßtrappe um 250 Fuß überragt, mögen wohl hexenhaft genug aussehen, wenn sie der Wind in mondheller Nacht hin und her wiegt. Nachdem wir uns in Blechhütte ein Nachtlager gesichert hatten, stiegen wir zur Roßtrappe hinauf. Die- Fülle durstiger Kehlen, welche wir bei dem„Wirthshaus zur Noßtrappe" um die unter einer Bretterbude aufgestellten Bierfässer versammelt fanden, weis- sagte uns grade keinen angenehmen Aufenthalt aus dem schmalen Riffe der Trappe selbst. Aber nicht weniger unangenehm als die Menschenmenge, die sich dort hin- und herschob, war die allzu- große Heiterkeit der Meisten. Man sagt, daß ein eigener Gott über die Betrunkenen wache; ein größeres Wunder war es, daß die Hin- und Herstolpernden keinen Nüchternen in die gähnende Tiefe hinabstürzten. Schmal, an der äußersten Spitze, der Dreskanzel, nur 6 Fuß breit, drängt sich das Felsenriff der Rcßtrappe dem gegenüber drohenden Gestein entgegen und versperrt der Bode den Ausweg in's Thal. So bildet sich ein Kessel, dessen steile Granitwände, Die Eisenbahnbrücke von Haut Portagc auf der Ncwhork- Buffalo-Eiscnbahn.(Seite 432.) Amerika, das Land der gewaltigen Ströme, mir hohen, felsigen Ufern, ist auch das Land, welches die groß- artigsten Brückenbauten, und besonders für die Zwecke der Eisenbahnen, aufzuweisen vermag. Die Eisenbahnbrücken Amerikas zeichnen sich namentlich dadurch aus, daß sie, obwohl oft in riesigen Dimensionen aufgeführt, doch meist Holzbauten von einer überraschenden Leichtigkeit und hoher Formengefälligkeit sind. Wo europäische Baumeister mit dem Aufwand von Millionen gewaltige Stein- und Eisen- Konstruktionen schaffen würden, da zaubert ein Amerikaner mit nur Tausenden von Dollars Holzkonstruktioncn hervor, deren Dauerhaftigkeit und Festigkeit nicht viel geringer ist. Das vorstehende Bild zeigt die Eisenbahnbrücke von Haut Portage, einen Bau, der 240 Meter lang und 57 Meter hoch und in dreizehn Monaten für 722,500 Reichsmark hergestellt worden ist. Sechzehn Dachstühle tragen eine Doppelgallerie, auf welcher die Brücken- bahn ruht; auf dieser liegen die Schienen. Maucrpfeiler, welche 9 Meter über die Wasserfläche hervorragen, bilden den Ouerbau der Dachstllhle. Das gigantische Bauwerk ist eines der interessantesten Meisterwerke der Zimmererknnst. Ein Sommcrnachtstraum.(Siehe S. 433.) Ein Freund des Künstlers— Herbert König's— bezeichnet die Skizze als„phan- tastijch-poetisch"j Und in der That, sie ist ebenso phantastisch wie poelisch: das träumende Kind in der„mondbeglänzten Zaubernacht" des Mit- sommers, die riesigen Nachtschmetterlinge, die durch das geöffnete Fenster hereingeschwärmt sind— der Baum, welcher seine Zweige nach dem Kinde ausstreckt--- aus dem Holzboden des Zimmers erheben sich Büsche, die Büsche verwandeln sich in schäumende Wogen, und das ein- fache Bettchen wird zur Feengondel, die durch die Brandung schifft.— Möge der kleine Schläser unversehrt an das Ziel kommen. Möge der böse Todtenkopf, der über dem goldlockigen Haupt schwebt und seinen Saugrüssel nach ihm ausstreckt, keine böse Vorbedeutung sein! nur selten mit spärlichem Grün bekleidet, sich 000 Fuß hoch erheben. Zu diesen Kessel sieht man die Wasser aus den so- genannten engen Wegen mächtig hereinrauschen, einen Augenblick in einem erweiterten Becken still stehen und dann gegen die Roß- trappe heranstürzen. Aber noch trotzt, wie seit Jahrtausenden, der Granit unüberwunden, und nöthigt die Wasser, sich im Bogen um den Fuß des Riffs herumzudrängen. Vyn da an brausen sie mit minder starkem Gefälle der Ebene zu, wo sie sofort in das Joch der Industrie gespannt werden. Aber heute haben auch sie einen freien Tag. Die Räder, welche sie sonst in Blechhütte treiben müssen, stehen still. Eine magische Gewalt zieht den Blick immer wieder in den von jähen Klippen umstarrten Kessel und fesselt ihn an die schwarze, unbewegt erscheinende Wasserfläche des Beckens, über welches sich früher ein schmaler, schwankender Steg, jetzt eine solide Brücke spannt. Das ist die Teufelsbrücke über dcni Bode- kessel. In diesen Kessel siel die Krone Brunhildens und liegt noch darin begraben, und ein schwarzer Hund, tags ein Felsen, bewacht nächtens den Schatz. Bodo, ein wilder Böhmenkönig, verfolgte einst die königliche Jungfrau, die auf schnellem Rosse vor dem Werber floh. So gelangte sie auf den Hexentanzplatz, vor ihr gähnte die breite Thalkluft. Schon glaubte Bodo seiner schönen Beute gewiß zu sein, aber Brunhilde empfahl ihre Seele der heiligen Jungfrau und trieb das Roß zu dem entsetzlichen Sprunge an. Und der Sprung, bei dem ihr die funkelnde Krone vom Haupte fiel, gelang. Ihr Roß erreichte glücklich die Klippe, welche seitdem die Roßtrappe heißt, und noch heute die Hufspur ihres Pferdes weist, die sich tief in den Felsen eingeprägt hat. Ein Mönch, welcher zufällig Zeuge des verzweifelten Sprunges war, versteinerte vor Staunen. So steht er noch heute der Roß- trappe gegenüber. Bodo war nicht so glücklich, wie die schöne Brunhilde. Auch er wagte den Sprung, erreichte aber die Klippe nicht, sondern stürzte mit seinem Rosse in die Tiefe.(Schluß folgt.) Sprüche aus dem Munde der Völker. Gesammelt von Z. 3. (Englisch.) Ho may ill run that cannot go. Wie trefflich laufen wird der Mann, Ter gar nicht einmal gehen kann. Tho greatest talkers are te least doers. Das Sagen und das Thun Geht in verschiednen Schuh'n. A poor dog that is not worth the whistling. Das ist der ärmste Hund, der je gebellt, Den man des Pfeifens nicht für würdig hält. Hove comes in at the window, and gocs out at the door. Durckss Fenster laff' die Lieb herein, Durch's Thor wird bald hinaus sie sein. Every man can rule a shrcw, savc he that has her. Ein Keifweib zähmen? Jeder kann's; Mit einz'ger Ausnahm' ihres Manns. Hot love, soon cold. Lieb', die allzu heiß, Frieret schnell zu Eis. Hove me little, love me long. Mit wenig Liebe an mir hang, Mit dieser aber lleb' mich lang. Um die Zahl unserer Wochennummern mit der Wochenzahl des Jahres in Einklang zu bringen und auf 52 zu beschränken, wird die folgende Nummer(46) statt am 1l. November am 18, November erscheinen, und fällt sohin die Nummer für den 11. November aus. Ohne den Ausfall einer Nummer würoe die Zahl 53 betragen. Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig. Druck und Verlag der Genoffenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.