Im Sanne Berliner Sittenbilder.— Erzählung Neben der Mutter saß Gertrud und blickte traumverloren in den schönen, bunten Blumenstrauß, welcher in einer geschmackvollen Porzellanvase vor ihr stand: Johannes hatte ihn gestern mit- gebracht.— Die Tage währten jetzt viel länger. Es war Mitte Juli geworden. Man zündete um fünf Uhr noch kein Licht an, wenn der„feine Mann" sich einstellte, nm zu diniren; die Sonne sandte ihre Strahlen noch voll hernieder in den Hof draußen, der mit einigen Oleanderbäumen geschmückt war, um das zn heißen, was man in Berlin einen—„Garten" nennt. Aber sie hatten doch grüne Blätter, die Oleanderbäume, und man konnte bei ihrem Anblick träumen von Feld und Wald, von Flur und Hain:— ein Haus baute jetzt Johannes draußen vor dem Thor, worin er selbst wohnen wollte mit seinem Lieb,— ein schönes Haus, mitten zwischen Fluren und Feldern,— und ein Gärtchen daran!— O, es ist so wonnig, im Staub der Straßen, beim lauten Gewühl der Vlenge an den grünen Wald zu denken, an Wiese, Feld und Hain,— ich glaube, der Wan- derer ist nicht seliger, wenn er im brennenden Wüstensand eine frische Oase erschaut. Wie süß die Blumen dufteten! Welch' schöne Blumen wollte Gertrud dann in ihrem Gärtchen hegen und pflegen! Dann sollte es anders werden! Dann wollte sie Johannes einen duf- tigen Strauß nach dem andern bringen. „Gertrud, mein Herzenstäubchen! Bitte, noch etwas von diesem Salat!" Ja, er sagte heute sogar:„Bitte!" der„feine Mann", und die Blumen sahen ihr noch viel freundlicher aus, der schönen Gertrud, weil der Vater sie vergnügt angelächelt, als sie munter Zu ihm getreten:„Gertrud, mein Herzenstäubchen!" Dann schüttelte sie leise das Haupt, und ein reizvolles lächeln umschwebte ihre feinen, frischen Lippen und spielte auf den zarten, rosig angehauchten' Wangen, als sie sich umsah und bemerkte, wie der alte Margentheim— Pardon! der Herr Banquier Reinhold Margentheim!— sich bald im Vollgefühl seiner Würde im Stuhle zurücklehnte, bald gewandt mit Gabel Mammons. aus der Gegenwart von einem„Ketzer". und Messer den Braten behandelte. Er mußte wohl heute außer- gewöhnlich tief in's Glas gesehen haben. Aber doch seltsam! Sonst ist er dann wohl noch mürrischer und befehlshaberischer, aber heute ist er so ganz heiter, fast ausgelassen.— Und Gertrud schüttelt wieder leise das Haupt. Endlich hatte er den alten Bordeaux noch verlangt:„Hörst du, den Bordeaux, Gertrud, mein Herzenstäubchen?" Dann hatte er sich auf dem rechten Fuße umgedreht, den einen Handschuh an die Linke gezogen, den Stock genommen und den Hut auf's Haupt gesetzt; er soll an diesem Abend etwas schief gestanden haben. Diesmal wagte die bleiche Frau nicht, ihm entgegenzutreten und ihn aufzuhalten zu suchen wie damals: er hatte sie seinen „gekränkten Stolz" nur allzusehr fühlen lassen, der Banquier Reinhold Margentheim. Und etwas Besonderes mußte er heute haben,— etwas ganz Besonderes! Wer in's Wasser gefallen, greift nach dem Strohhalm, um sich zu retten; wer sich im Unglück befindet, dem ist der leiseste Hauch trügerischer Hoffnung willkommen, und so suchte sich die gute Frau fast zu trösten mit den Worten:„ES muß heute etwas geben! Und was anders, als etwas Erfreuliches? Warum wäre er sonst so außergewöhnlich heiter, ja zärtlich fast?—— Äa, er muß etwas Besonderes haben, etwas ganz Besonderes...." Sehr richtig: etwas ganz Besonderes! In der folgenden Nacht noch hat sie es erfahren, die arme, bleiche Frau.-- Man hatte tüchtig gezecht; diesmal war es in einer Wein- stube unter den Linden gewesen. Und es war doch der Mühe werth! Der Oberlieutenant Fritz von Feldersberg, ein„angenehmer", junger Mann, im Alter von zweiunddrcißig Jahren, Sohn deS Grafen Friedrich von Feldersberg, hatte Herrn Banquier Rein- hold Margentheim erklärt, wie er dessen Tochter seit jener Zeit, da er noch oft zu den Soireen im Hause Margentheim und Kompagnie geladen gewesen, nicht habe vergessen können, wie er sie verehre, sie als sein theuerstes Kleinod im Herzen trage, wie er sie„anbete". Illnstrirtes Unterhaltungsblatt sur das Volk. $ 46.]----------------—[187 b Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. l. r». Nov. m«. 442 Und Herr Margentheim hatte geschmunzelt, schalkhaft den, welcher so sprach, angeblickt, ihm leise auf die Schulter geklopft, und„Böser Schäker!" hatte er in dem vertraulichen Tone, welchen er dem Grafen gegenüber anschlagen durfte, gesagt. „Herr Banquier Margentheim," war darauf die Gegenrede des Oberlieutenants gewesen,„was glauben Sie von mir, was halten Sie von der Ehre meines Standes, Herr Banquier Margentheim? Wenn ich Ihnen sage— was wir sagen, ist gesagt,— das ist giltig ein- für allemal!" Und Herr Margentheim halte noch vergnügter geschmunzelt, — nur einmal noch hatte er mißtrauisch emporgeblickt. Dann war sein ganzes Antlitz nur ein frohes Lächeln gewesen; er hatte voll Genugthuung über seinen feisten Leib gestrichen, endlich die Hand auf von Feldersberg's Schulter gelegt und diesem„ganz im Vertrauen" gesagt, wie er sich„eigentlich stets so einen Schwiegersohn, so einen Mann von Welt", so ein Muster jeg- licher Galanterie und feiner Bildung gewünscht, wie es Herr von Felderöberg ohne Zweifel war. Und als dieser dann in aller Form bei dem Vater um die Hand Gertrud's angehalten, da hatte der alte Margentheim— Pardon! der Herr Banquier Reinhold Margentheim!— energisch eingeschlagen:„Welchem Besseren könnte ich das Lebensglück meiner Tochter anvertrauen? Mein Ehrenwort: Sie erhalten Gertrud's Hand!" Der Vater hatte„Ja!" gesagt, das war die Hauptsache. Man ist das in den„vornehmen Kreisen" der Gesellschaft so ge- wöhnt. Gertrud mußte schließlich einwilligen. Erst wir, dann ihr! Ihr habt nur ein Recht zum Leben, solange und soweit ihr uns leben helft,— solange ihr uns das Leben angenehm mackt! Es ist derselbe herzlose Egoismus, dieselbe maßlose Selbst- sucht: Wenn wir leben, könnt ihr darben, könnt ihr sterben,— und Kaiser und Könige spielen mit den Menschen, wie die Kinder mit ihren Bleisoldaten.„Bieine Herren, es gehört zur Sache!" Wie nun heute erst die Stöpsel knallten und der Cham- pagncr schäumte und— das Lob Gertrud's aus aller Munde erscholl!— Aber Gertrud war ja in der That ein sehr schönes Mädchen, das wußte Graf Friedrich von Feldersberg recht gut: „ein Prachtmädchen". „Fritz, du hast einen famosen Fang gemacht!" flüsterten mehrere Bekannte des Grafen diesem in's Ohr. Und dann hatte man von den glänzenden Soiree» gesprochen, welche einst im Hause des Banquier Reinhold Margentheim statt- gefunden; wie dabei der Wein in Strömen geflossen, und wie die pikantesten Delikatessen der Saison stets im Ueberfluß vorhanden gewesen, lind— erzählte man weiter— welch' prächtige Equipagen Herr Banquier Margentheim immer besessen,— und die schönsten Pferde der Kaiserstadt habe er sein eigen ge- nannt; kurz, das Haus Margentheim und Kompagnie habe alle anderen an Glanz und Pracht überstrahlt. „Hoch lebe das Haus Margentheim und Kompagnie!" rief es aus allen Kehlen, und die Gläser klirrten zusammen. Wie das den alten Margentheim— Herrn Banquier Reinhold Margentheim— entzückt hat! Ich glaube, er hat sich seine weiße Weste an diesem Abend schmutzig gestrichen, so oft glitt seine Hand über den wohlgenährten Leib, und wenn er das Gold von den Ringen seiner rechten Hand nicht abgezogen, weil er fort und fort selbstgefällig an denselben spielte, so mußte es ganz besonders fest das Messing überkleiden. Wenn er ans seinem Schnurrbart, den er an beiden Enden immerwährend kräuselte, nicht die Hälfte der Haare herausgerissen, so mußten sie sehr feste Wurzeln haben, und die Vorderschleife ver Halsbinde war sicher nach hinten gerutscht während der stürmischen Umarmungen, mit denen man von Herr Margentheim Abschied nahm. Als er dann zu Hause angekommen, da hatte er geplaudert von allem Möglichen, aber immer war es derselbe Reftain ge- wesen, der seine arme Frau nicht schlafen ließ.— Ja, es war etwas„ganz Besonderes". „Denke dir, Mathilde, Herr Oberlieutenant Graf Fritz von Felderöberg, eii Mann von Adel, ein Mann, dessen Besitz Millionen beträgt, hat um Gertrud's Hand angehalten! Denke dir, Mathilde, denke dir!— Seine Erlaucht, Graf Fritz von Feldersberg!— Millionen,— Millionen!"— Und wie dann die Wände schwankten, wie das ganze Zimmer in seligem Taumel um Herrn Margentheim's Haupt wogte, und er selbst mitten drinnen im seligen Taumel, mitten drinnen, als ob er tanze! Und wie hat er erst geträumt in dieser Nacht, Herr Margentheim, der Schwiegervater des Herrn Oberlieutenant Graf Fritz von Feldersberg auf Fürstenau! Er war wieder auf dem Opernhausball, und feine Tochter strahlte als die Reichste und Schönste von allen; er war beim Banket in seinen Salons und führte die jungen Damen an das Büffet, um sie mit graziösen Bewegungen einzuladen, dies oder jenes zu nehmen. Er zog Tausendthalerscheine aus der Tasche und schloß mit der gleichgiltigsten Miene von der Welt mit seinen Gästen an einem Ecktischchen ein Geschäft ab, und von drüben, aus dem Damastsaal, wo die tanzenden Paare wogte», klang rauschende Musik herüber, die Stöpsel sprangen und die Gläser klirrten, und durch den parfümgetränkten Duft der Säle klang es:„Hoch lebe das Haus Margentheim und Kompagnie!" Herr Oberlieutenant Graf Fritz von Feldersberg, Gräsin Gertrud von Feldersberg,— Herr Banquier Margentheim, Schwiegervater des erlauchten—— Millionen, Millionen!— Auf den Glanz—— hoch leben—— Margentheim und Kompagnie-- Millionen— Millionen--- Herr Margentheim schnarchte. Drittes Kapitel. Sie waren angekommen, die Eltern des Baumeisters Sollmans. Die schlichten Leute, welche nie weit über ihr einsames Dörfchen hinausgegangen, gericthen schier in Verwunderung durch das wo- gende Gewühl, den immerwährenden Lärm, das ununterbrochene Geräusch, welches sie in der Kaiserstadt umgab. Es war seltsam, wahrzunehmen, wenn die einfache Schweizerin Arm in Arm mit ihrem Gatten— er hatte in der That die ihm von seinem Sohne in Aussicht gestellte Hausmeisterstelle er- halten— die belebten Straßen entlang wandelte und, an einem Uebergang angekommen, ihren Mann vor den vorübereilenden Pferde-Eisenbahnwagen, Omnibussen, Equipagen und Wagen aller Art zurückzuhalten suchte, und immer wartete und wartete, bis endlich einmal der Weg leer werden würde,— ach, er wurde nie leer, und die gute Frau mußte sich entschließen, voll Todes- angst, sorglich nach allen Seiten spähend und den Gatten hastig mit sich ziehend, durch das Drängen und Rennen über die Straßen zu eilen. Und ihr hättet sie sehen sollen, wenn sie an einer Afsichen- säule mit all' den bunten Zetteln— Vergnügungs- und anderen Anzeigen— stand und den Kopf schüttelte, sich mühend, die vielen ftemden Namen herauszustudiren: Colosseum, Villa nova, Orpheum, Villa Colonna, Theatre Variste, und wie sie alle heißen. In den urwüchsigsten Worten ihreö kernigen Heimathdialektes machte sie dann ihrer Verwunderung Luft, und wenn sie die Personenverzcichnisse der zahlreichen Theater las, von den könig- lichen Bühnen an bis zu den Schauspielhäusern der Vorstädte herab, so sagte sie stets kopfschüttelnd: „Aber es ist doch großartig, wie viele Komödienspieler es in Berlin gibt!" Einst führte Johannes, der mit den Eltern auch zuweilen, besonders des Sonntags, die Theater oder Conccrte besuchte, seine Mutter ahnungslos in eins der besuchtesten Lokale, wo das florirte, was man„Tingel-Tangel" zu nennen gewöhnt worden ist. Johannes war schon zu sehr ein Bürger der Weltstadt ge- worden, als daß er an dergleichen Aufführungen noch Anstoß genommen hätte; zudem war ihm der Ort, wohin sie heute ge- gangen, als einer der nobelsten seiner Art bekannt. Aber, du lieber Gott! Als die gute Frau das ftivole Ge- bahren der leicht und unzüchtig gekleideten Sängerinnen sah und - 443 ihre unsittlichen Lieder hörte, hielt sie beide Hände vor das Ge- ficht und drängte Johannes, der, wie gesagt, ganz ahnungslos in das durchaus nicht als besonders anrüchig bekannte Lokal ge- treten war, zum Fortgehen. Die Umstehenven und-Sitzenden aber lachten und spotteten in jener Weise, welche man„Berliner VolkSwitz" zu nennen über- eingekommen ist. In großen Städten ist das Laster schon zur Gewohnheit geworden, und man versteht nicht das gesunde Sitt- lichkeitsgefühl einer einfachen Frau vom Lande. Auch der Vater des Baumeisters gab seiner Venvunderung über Manches oft beredten Ausdruck. So zum Beispiel stieg oft der Stolz des freien Schweizervolks in ihm auf, wenn er sah, wie sich in vielen Fällen die Soldaten von gar nicht selten viel weniger gebildeten Vorgesetzten mißhandeln lasten müssen, oder wie man eine Schaar Rekruten gleich armen Schlachtthieren in die Kasernen schleppt, um sie lange Monate hindurch zu drillen, und ihnen den„richtigen militärischen Geist" beizubringen. „O," sagte er dann,„wie glücklich sind wir in der freien Schweiz! Alle unsere Söhne sind Soldaten; aber man dressirt sie nicht, bis sie wie die Pappelbäume dastehn, oder wie Zaun- pfähle. Und doch, wenn man uns angreift, wir gedenken recht wacker zuschlagen zu können!" Auch von der Presse bekam der schlichte Mann bald sonder- bare Meinungen. Es war die Zeit, als nach den Bacchanalien der letzten bei- spiellosen Schwindelperiodc der unvermeidliche Katzenjammer her- einbrach. Heinrich Sollmans las in den Restaurants die daselbst ausliegenden Zeitungen, und er wußte nicht, wie ihm geschah, wenn er z. B. in der„Staatsbürgerzeitung", die damals eine Neih� geharnischter Artikel gegen das Gründerthum losließ, die schärfsten Verurtheilungen deS Gründerschwindels las, um gleich darauf in der„Ätationalzeitung" einen Artikel zu finden, welcher die Gründer und Schwindler energisch in Schutz nahm. Er begriff aber nach und nach, warum viele Blätter scheinbar entrüstet gegen die teuflischen Betrügereien auftraten und doch fort und fort be- tonten, alles Predigen gegen die vermaledeite Sippschaft sei nicht von Nutzen. O, es war dem alten Sollmans schon lange be- kannt, daß der Fuchs, welcher schier bereits die meisten Gänse gestohlen, seinen Genossen ihr unedles Handwerk vorwirft, aber doch sagt: ein Fuchs bleibe nun einmal ein Fuchs, alle Vor würfe und Verfolgungen würden nichts nützen. Er weiß das nämlich in Bezug auf sich selbst und holt sich um so ungestörter und ungestraft in heimlicher Nacht die reichste und beste Beute. Der Herbst hatte eben begonnen, als der Baumeister SollmanS, der bisher ein zufriedenes Dasein geführt hatte, mit einem mal nierkte, daß auch er in die Krallen solcher Füchse gerathen. Er hatte sich, wie schon gesagt, ein kleines Vermögen erworben, welches er möglichst sicher und nutzbringend anlegen wollte. Wie zu jener Zeit alle Welt dadurch Rcichthümer zu erwerben hoffte, daß man sich an einem Eisenbahn- oder sonstigen Bauunternehmen bethei- ligte, so glaubte Johannes vor drei Jahren auch, das Ersparte auf diese Weise am besten verwerthen zu können. Er nahm Aktien bei einem großen Berliner Bauverein, eine der berühm- testen Zeitungen hatte sie ihm empfohlen, eine hauptstädtische Zeitung, deren Redaktion er zu diesem Zwecke persönlich befragt. ES wäre das solideste und einträglichste Unternehmen von der Welt, hatte man ihm gesagt. Aber siehe! Schon damals, als die Zeit gekommen war, Otto Die Vorkämpfer für die Freiheit der Menschen sind nicht nur die politischen Redner und Parteiführer, welche in den Par- lamenten und auf den Tribünen der Versammlungen für eine gerechte Gesetzesgestaltung wirken, sondern neben ihnen auch die- jenigen Männer, welche die Grundsätze der Wissenschaften in's Volk tragen. wo den Aktionären die fettesten Dividenden zufallen sollten, ent- sprach daö Ergebniß den Erwartungen nicht, und im Lauf!' der Monate wurden die gewährten Prozente immer spärlicher. Un- günstige Witterung, Mangel an guten Arbeitskräften, und alles Mögliche schob man vor, um daS auffallend schnelle Defektwerden der Häuser und den dadurch begründeten geringen Gewinn zu erklären. Dummes Zeug! Baumeister Sollmans wußte ganz gut, daß die unter seiner Leitung entstandenen Bauten auch Sturm und Regen, Frost und Schnee Trotz geboten hatten!— Die ersten Zeichner der Aktien, die Vorsitzenden des Vereins hatten Hunderttausende in die Taschen gesteckt und sich mit leicht- fertigen, gewissenlosen Architekten in Verbindung gesetzt, damit diese die betreffenden Gebäude möglichst schnell und möglichst „billig und schlecht" herstellten. Mochten dann die Häuser und das Unternehmen zusammenstürzen,— sie hatten Gewinn genug envorben: das war die Wahrheit gewesen! Die Ernüchterung trat ein, viele Augen öffneten sich; Mancher, der vorher eine Bel-Etage bewohnte, mußte sich mit dem ent- legensten Winkel begnügen. Viele Wohnungen standen leer, und die ersichtlich schlecht gebauten, ja, gesundheitsschädlichen und lebenS- gefährlichen Häuser blieben vollends unbewohnt. Fortwährende Reparaturen erforderten kolossale Summen, und so konnte es fast nicht anders geschehen, als daß Johannes eines Tages die Nach richt erhielt, der Bauverein, welchem er angehörte, vermöge keine Dividenden mehr zu zahlen, und der fernere Unterhalt der be- treffenden Baulichkeiten erfordere so viel, daß er mit dem noch vorhandenen Kapital nicht zu bestreiten sei. Es dauerte auch nicht lange, bis der Konkurs erklärt wurde,— und Johannes hat von diesem Theil seines ersparten Vermögens auch nicht einen Pfennig wieder zu sehen bekommen. Der Ahnungslose!— Es hatten allgemein geachtete Persön- lichkeiten, Parlamentsmitglieder, Rechtsanwälte, Gerichtsräthc, Rittergutsbesitzer, Grafen, Kommissions- und wer weiß, was für geheime Räthe noch auf dem Prospekt gestanden und als Vor- sitzende fungirt; er glaubte somit, sein Geld ganz sicher anzn- legen,— der Ahnungslose! Johannes Sollmans war aber nicht der Mann, der sich nun, da er fast sein ganzes Vermögen verloren, eine Kugel durch den Kopf schoß oder zum Strang griff. Es ließ sich nun einmal nichts ändern an dem Geschehenen. Er hatte eine neue Ersah- rung gemacht, er war vorsichtig, ja, mißtrauisch geworden, und nach seiner Meinung galt es einzig, durch neue, womöglich noch angestrengtere Arbeit das Verlorene wieder einzubringen. Und hast du nicht deine Eltern in unmittelbarster Nähe, darfst du sie nicht auch ferner noch erfreuen? dachte der wackere Mann bei sich selbst. Und wird nicht Gertrud, die schöne, her- zige Gertrud, dein holdes Weib? Bist du nicht immer noch glücklich,— noch sehr glücklich? Mit welch' beredten Worten hatte das liebe Mädchen ihm schon den ersten Gram über seine Enttäuschung von der Stirn zu scheuchen gewußt, und, ach, der Rest von Kummer, der sich vielleicht noch in der heimlichsten Tiefe seiner Seele verbarg, er mußte ja fliehen, wen» ihrer Augen Licht ihm das Herz durch- fluthete, wenn sie sein war,— nur ihm gehörte, ihm ganz allein!— Zu Weihnachten sollte die Hochzeit sein. (Fortsetzung folgt.) Ule. Alle politischen FreiheitSbestrebungcn entbehren so lange des festen, sicheren Bodens, als sie nicht auch die geistige Freiheit erzielen, als sie nicht das allgemeine Urtheil von persönlichen Einflüssen unabhängig machen, indem sie eS auf die allgemeine Denkthätigkeit und diese auf die allgemeine Verbreitung wissen- schaftlicher Kenntnisse gründen. So lange toch Unklarheit über Erscheinungen im Leben deS Menschen und in der Natur waltet, herrscht auch politischer und religiöser Aberglaube, leiten politische und religiöse Koterien das Urtheil der Menge in selbstischem, oft genug kulturfeindlichem Interesse. Klarheit über die Natur und das Wesen der uns begegnenden Ereignisse, die Fähigkeit, sie mit einander logisch zu verbinden, ist der Grenzwall, der den Kulturfeind— den Autoritätsglauben— am sichersten von dem Gebiete der menschlichen Fortenwicklungsbestrebungen zurückhält und unter dessen Schutze sich auch die wirthschaftliche und poli- tische Freiheit allein entwickeln kann. Unter den Namen der politischen Freiheitshelden wird die Geschichte der Freiheit auch die Namen derjenigen Gelehrten zu verzeichnen haben, welche die Wissenschaften dem Volke zugänglich machten und seine Urtheilsfähigkeit erzogen, und unter diesen wird der Name Otto Ule genannt werden. In der Umgegend von Frankfurt a/O. liegt amRande eines herrlichen Eichenwaldes, an den Gehängen des Oder- thales, das Oertchen Lossow, in welchem Otto Eduard Vincenz Ule als das fünfte von den sie- ben Kindern des dorti- gen Predigers, des nach- maligen Konsistorialraths Ule geboren wurde. Die erziehlichen Einflüsse und die Schönheit der ihn umgebenden waldesdufti- gen, lebensfrischen Natur erregten in des Knaben empfänglichem Herzen schon frühzeitig jene schwärmerische Liebe für die Natur, die das spätere wissenschaftliche Wirken deS Mannes erfüllt, die Gemüthstiefe, welche dessen idealistische An- schauungswcise der Natur und des Lebens erzeugte. Die Waldesluft von Lossow mag auch den dichterischen Hauch in die Schriften Ule's ge- weht haben, welcher diesen ihre eigenthümliche Frische und Lebendigkeit verleiht.— Trotz dieser mehr gemüthlichen Bildung zeichnete den jungen Ule doch auch schon auf dem Frankfurter Gymnasium eine hohe Verstandes- begabung aus; die Mathematik beherrschte er so vollkommen, daß seine Lehrer schließlich für ihn nichts mehr zu lehren hatten. Diese Verschiedenheit der Anlagen, diese auseinandergehenden Strebensrichtungen erzeugten eine Vielseitigkeit der Wissenschaft- lichen Leistungen, die nur zu sehr eine schöpferische Vertiefung in eine bestimmte Wissenschaft verhinderte, welche von großem Er- folge hätte begleitet sein müssen, befähigte aber Ule auch hervor- ragend für die Aufgabe, die Kenntniß der wissenschaftlichen That- fachen und Gesetze in allgemein verständlicher Weise im Volke zu verbreiten. Ursprünglich für das Studium der Theologie bestimmt, be- zog Ule 1840 die Universität Halle, wo der Kampf zwischen Rationalismus und Orthodoxie damals am lebhaftesten geführt wurde. Es war kein Wunder, daß der verständige Mathematiker an den orthodoxen Lehren eines Tholuck und Julius Müller kein sonderliches Gefallen fand, und daß er sich den sogenannten „Lichtfreunden" König, Uhlich und Andern anschloß, die Theologie ganz aufgab und sich in der philosophischen Fakultät einschreiben ließ. Er studirte nun Mathematik und Naturwissenschaft.— Burmeister, der treffliche Lehrer war es, der durch seine Vorträge über die„Schöpfungsgeschichte" in Ule die Gedanken zu seinem Erstlingswerke„Das Weltall" erweckte. Der Verkehr mit ihm mochte auch die Ueberzeugung von der sittlichen Bedeutung der Naturwissenschaften in Ule geschaffen haben, der er in allen spä- teren Schriften und Reden Ausdruck gab. Von Halle siedelte Ule dann nach Berlin über, wo der Einfluß Dove's ihn dem Studium der Chemie und der Physik gewann. Im Jahre 1845 beendete er dann seine akademischen Stu- dien, indem er in Halle das Oberlehrer- Examen ablegte und zum Doktor der Philosophie promovirt wurde. In jene Zeit fällt das Erscheinen von Hum- boldt's„Kosmos", der mit überraschender Ge- schwindigkeit sich in den Kreisen der sogenannten Gebildeten verbreitete. Ule kennzeichnet die Ur- fache dieses in Deutsch- land unerhörten Erfolges eines wissenschaftlichen Werkes, und die allge- meine Unfähigkeit, es zu verstehen, in der Vorrede zu seinem„Weltall" tref- send:„Jeder fühlte," sagte er darin,„daß nur die Mode ihn zwang, in dieBewunderung undBe- zeisterung für die Schön- heit dieses Meisterwerkes einzustimmen, während ihm die geistige Tiefe jenes Gemäldes selbst verschlossen blieb." Er beklagte nicht lauge die naturwissenschaftliche Un- bildung verdeutschen Ge- bildeten, sondern legte Hand an, sie zu besei- tizen. Vor einem zabl- reichen Kreise von Frauen und Männern Frankfurts, wo er nun als Lehrer wirkte, hielt er im Jahre 1847 Vorträge, welche dem Verständniß für Humboldt's Meisterwerk die Bahn ebnen sollten. Das Jahr 1848 entriß ihn diesem Wirken. Der naturwissenschaftliche Ethiker konnte den Freiheits- träumen jener Zeit sein Ohr und Herz nicht verschließen, zumal ihn die Uebernahme einer Lehrerstelle an der landwirthschaftlichen Schule des Pastor Hildenhagen zu Quetz bei Halle mit diesem liberalen Abgeordneten und mit dem nachmaligen ökonomischen Quacksalber, dem damaligen Kreisrichter Schultze, in Verkehr brachte. Der rednerisch begabte Ule ward bald einer der eifrigsten Führer der liberalen Partei im Kreise Bitterfeld-Delitzsch. Eine Aeußerung, welche das Ministerium Brandenburg- Manteuffel der politischen Giftmischerei beschuldigt haben sollte, brachte ihn dann auf die Anklagebank und trug ihm eine mehr- monatliche Haft ein. Hier in Quetz war es auch, wo er zuerst mit Karl Müller aus Halle in Beziehung trat, der ebenfalls, wie Ule, die Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse und einer auf diese gegründeten Weltanschauung im Volke sich zum Strebensziele gesetzt hatte. Beide strebten sie damals nach einer akademischen Laufbahn, die ihnen unter dem damaligen Regime ihrer politischen Gesinnung wegen verschlosien bleiben mußte; die gleiche Lage schloß sie enger aneinander, und als Ule Ouctz ver- ließ, und nach Halle übersiedelte, weil Hildenhagen's Schule geschlossen wurde, befestigte sich ein Freundschaftsbündniß, das einem literarischen Unternehmen den Ursprung gab, dessen Bedeu- tung für die Entwicklung einer freien Weltanschauung in den nicht wissenschaftlichen Kreisen nicht zu unterschätzen ist. Mit Roßmäßler gemeinsam, der damals eben sein Buch:„Der Mensch im Spiegel der Natur" herausgegeben hatte, gründeten sie die im Verlage des Dr. Schwetschke in Halle erscheinende„Zeitung zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntniß und Natur- anschauung für Leser aller Stände"— die„Natur". lieber die Aufnahme, welche die„Natur" anfangs gefunden hat, schreibt Karl Müller:„Zunächst erschien sie den Wissen- schaftern als eine Profanirung des wissenschaftlichen Heilig- thumS.... Den Trägern orthodoxer Ideen war sie aus nahe- liegenden Gründen ein Dorn im Auge, sie verfehlten von Stunde an nicht, die neue literarische Erscheinung als eine Art.Teufels- blatt' zu brandmarken.... Nur das große Publikum, d. h. die Gebildeten von ganz Deutschland, später auch Nordamerika's, trat uns in unerwarteter Art freundlich gegenüber, am meisten in den katholischen Ländern, in Süddeutschland und Oesterreich. Ueberall hatte man die Politik satt; die Belletristik lag darnieder und fristete ihr Dasein unter den Greueln allgemeinster Reaktion nur kümmerlich; man sehnte sich nach einem neutralen Boden, auf dem man sich wieder zu Idealen erheben konnte. Einem solchen Bedürfniß kam die„Natur" umsomehr entgegen, als die beiden Herausgeber sich bemühten, in künstlerisch vollendeter Form Geist und Gemüth gleichzeitig zu befriedigen." Der Erfolg des Blattes, das auch unter den ersten den Holzschnitt in die Journalistik einführte, rief eine ganze populär naturwissenschaftliche Journalliteratur ins Leben.—„Die ganze populärnaturwissenschaftliche Epoche unserer Zeit wurde so durch die„Natur" eingeleitet."� Eine Schnepfe»-Familie.(Seite 452.) Roßmäßler, dem die Haltung des Blattes eine zu wenig populäre war, trat schon nach Jahresfrist auö der Redaktion auS und gründete ein eigenes Konkurrenzblatt:„In der Heimath". Neben seiner Thätigkeit für„die Natur" beschäftigte Ule auch ein reges politisches Wirken; er gründete im Saalkreis eine selbstständige Fortschrittspartei, die im Jahre 1863 ihn und Mommsen als Abgeordnete des Kreises nach Berlin sandte. Dabei agitirte er auf das lebhafteste in ganz Deutschland in Porträgen für die Absendung einer afrikanischen Expedition zur Aufsuchung Vogel'S, die denn auch unter Heuglin's Führung wirklich zu Stande kam. Diese Wirksamkeit entfremdete ihn einigermaßen seinen früheren Arbeitskreisen, sie führte ihn der Geographie zu, die zu fördern er einen„Verein für Erdkunde" gründete. Wo irgend ein öffent- liches Interesse sich geltend machte, da fand es den unermüdlichen Ule zur eifrigsten Unterstützung bereit. Vereine der verschiedensten Tendenzen fanden in ihm einen willigen Förderer, einen fleißigen Redner und Lehrer. Für den Humboldt-Verein reiste er zwei Winter hindurch in Deutschland umher, als„Reiseprediger" össentlich über naturwissenschaftliche Dinge Borträge zu halten. Wohnungsvereine, Gartenbauvercine, Handwerkervereine, Konsum- genossenschaften u. s. w. nahmen in buntem Durcheinander seine Thätigkeit in Anspruch. Verhängnißvoll sollte für ihn seine Theilnahme an dem Feuerwehrvereine seines Aufenthaltsortes Halle werden, dessen Kommandant er wurde. Am 6. August dieses Jahres(1876) er- öffnete er als Festredner die Gartenbau-Ausstellung in Halle. Am Abend ertönte plötzlich Feuerlärm. Ule war sofort auf der Unglücksstätte; in der Eile hatte er versäumt, den schützenden Helm aufzusetzen. Unversehens bricht der Schornstein des bren- nenden Hauses zusammen, und Ule sinkt— der einzige Getroffene— mit zerschmettertem Schädel zu Boden. Ein tückisches Schicksal hatte grade ihn, der die meisten Verdienste uni die neuere Fcuerlöschwehr sich erworben hat, zum Opfer erkoren. Ganz Halle folgte dem Sarge seines treuen Bürgers. Was Ule dem Volke und der Wissenschaft gewesen ist, das zeigt die reiche Sammlung der von seiner Feder erschienenen Schriften, von denen wir nur einen Theil verzeichnen wollen. „Die neuesten Entdeckungen in Afrika, Australien und der arktischen Polarwelt."„Die Wunder der Sternenwelt."(Leipzig 1860.)— Die meisterhafte Schilderung des Lebens und Wirkens von A. von Humboldt in seinem 446- Buche:„Alexander von Humboldt, Biographie für alle Völker der Erde."(4. Aufl. Berlin 1869.)— Die„Untersuchung über den Raum und die Raumtheorien des Aristoteles und Kant."— Seine physikalischen Untersuchungen über die Kräfte— in der Schrift:„Die Natur."(Halle 1850.) —„Die physikalischen Bilder."— Die„Populäre Naturlchre".— Sein eigenthümliches physikalisches Werk: „Warum und Weil";— und endlich seine große Arbeit: „Die Erde und die Erscheinungen ihrer Oberfläche in ihrer Beziehung zur Geschichte derselben und zum Leben ihrer Bewohner. Eine physikalische Erdbeschreibung nach E. Reclus"(Leipzig 1873— 76). Das sind die Denksteine, die er seinem Wirken für ewig gesetzt hat, und die seinen Namen unvergeßlich machen. Nr. Goldene und eiserne Retten. Erzählung aus schweren Tagen von C. Lübeck. (Schluß.) ÜNit dem Ausdrucke tödtlichen Hasies wandte Jörg sein Ge- ficht dem Schlosse zu.„Sie kommen nicht heraus aus ihrer Höhle. Der Jörg ist aus dem ArbeitShause gekommen— das wissen sie, und sie wissen auch, daß er gute Kugeln hat. Aber der Jörg kann warten, er hat ja Zeit zum Warten!" Er nahm seine Büchse auf. Axthiebe ertönten aus dem Walde zu ihm herüber; seine Stirn zog sich wie grollend zusammen.„So fressen sie sich Alle selbst auf," sagte er;„der Graf die Bauern, den Grafen der Wucherer, und den Wucherer—?" Er blickte nach- deutlich vor sich hin.„Ob ihnen nicht endlich die Augen aus- gehen werden?" rief er zornig.„Wenn sie klug wären, dann verschlängen sie Beide, den Grafen und den Wucherer— und würden Alle satt davon!" Er zog sich in's Innere des Waldes zurück. Später wird er wieder im Dorfe sichtbar. Vor dem Hause Neumann's steht er und starrt durch die Scheiben; auch zum Hause der Frau Köhler geht er und bleibt lauschend unter ihreni Fenster stehen. Sucht er seinen Haß gegen die Unter- drücker aufzufrischen? Er könnte es hier. Die Zahl der leben- digen Tobten hat das schreckliche Ereignis; um eine Nummer vcr- mehrt. Frau Köhler ist schwachsinnig geworden. Vom Glücke ihres KindcS spricht sie, von der neuen, schönen Heimath, der sie entgegen ziehen. Mit Blumenthal spricht sie, als ob er noch bei ihnen wäre; in ruhigen Augenblicken aber, wenn sie sich wieder- findet an der Stätte des Elends, unter den geistig Tobten, dann erfaßt sie unbeschreiblicher Jammer, verzweifelnd ringt sie die Hände und fleht zum Tode, sich ihrer zu erbarmen und sie auf- zunehmen in das Reich der ewigen Ruhe. Marie ist nicht da, der Webstuhl, vor dem sie sonst mit stieren Blicken sitzt, ist verlassen— bei Martha weilt sie, in der Hütte Egler'S. Wieder tropft und rieselt das Wasser dort von den Wänden, und die Höhlung im kalten, schwarzen und schlüpfrigen Boden nimmt es auf. Es ist so eisig kalt in diesem Räume, und doch perlt der Schweiß von Frau Egler's Stirn. An ihrer Seite liegt, so bleich wie der Schnee, der die Hütte deckt, nun auch das letzte ihrer Kinder, die arme Martha. Die bleiche Rose der Armuth hat ausgeblüht, und der Tod streckt die dürre, knochige Hand aus, die unruhig flackernde Flamme des Lebens zu ver- löschen.— Marie Köhler kniet am Bette und hat das Gesicht schluchzend in die Decke gepreßt. Diese Stunde hat sie aus ihrem dumpfen Dahinleben emporgeschreckt. Warum lebt sie eigentlich noch, so fragt sie sich, warum kann sie nicht mit der Freundin sterben, was hat sie unter den Lebenden noch zu suchen? Rosige Bilder müssen es sein, die in der Scheidestunde an Martha's Blicken vorübergleiten. Ein freundliches Lächeln ver- klärt ihre Züge, und leise bewegen sich ihre Lippen, unverständ- liche Worte murmelnd. Tritt das Leben in goldenem Sonnen- schein, eine letzte Fata morgana der LebenSwüste, vor ihre Augen? Küßt ein Frühlinzsstrahl die Knospe nun, da sie sterbend das Haupt neigt?— In einen Kerker ist sie getreten, und mit einem Freudenschrei schnellt eine blasse Gestalt von ihrem Lager empor, hoch richtet der Mann sich auf, als hätte er nie das Joch der Knechtschaft getragen. Mit frischem Roth färbten seine Wangen sich, und wie Sterne leuchteten seine Augen.— Wie seine Arme sie umfingen, und wie es so süß an seinem Herzen sich ruhte! Wie seine Lippen so warm auf die ihrigen sich preßten!-- Weit steht die Kerkerthür offen, freundlicher Sonnenschein fällt durch das vergitterte Fenster, und der schmetternde Gesang der Vögel schlägt an ihr Ohr.„Last' uns fort von hier— weit in die Welt hinaus!" ruft er aus.„Sieh, wie schön sie ist, diese Welt!" Und hoch oben schwebten sie plötzlich in einer rosigen Wolke über Wiesen und Wälder und wogende Felder dahin, Städte und Dörfer lagen zu ihren Füßen, und überall umfluthetc sie das wogende Meer eines überschwänglicben Frühlings mit seinem Lichte, seinen Liedern und seinen Blüthendüften.— Langsam senkte die Wolke sich hernieder, ein Häuschen sah sie dem Boden entsteigen, ein Gärtchen umrahmte es. Wie jauchzte sie auf,— die süßen Träume ihres Liebesfrühlinzs verwirklichten sich: ein Häuschen, ein Gärtchen, ganz, wie sie es geträumt.— Wo waren doch ihre Eltern? Sie sollten an ihreni Glücke Theil nehmen, keine Sorge sollte mehr an sie herantreten, freundlich und heiter der Abend ihres Lebens sein. Wo war doch Martha? — Sie bewegt die Anne und halb erschließen sich ihre Augen. „Mutter!" flüsterte sie,—„Marie!— mein Vater!" Angstvoll lauschte Frau Eglcr den schweren Athemzügen ihres Kindes. Bald droht das Blut ihr in den Adern zu stocken, bald wieder überläuft es sie siedend heiß, und in großen Tropfen perlt der Schweiß von ihrer Stirn. Nicht helfen, nicht retten zu können, welche gräßliche Qual für eine Mutter! Angstvoll erhebt auch Marie das Haupt. Und jetzt breitet der Tod den Schleier ewiger Nacht über die trunkenen Augen. Schwarze Schatten fallen auf das liebliche Bild, und ausgelöscht ist mit einem Male Alles, Traum und Leben. Weiter wandert der Tod, taub gegen der Mutter Flehen, die mit ihrer Martha sterben möchte.„Warum können wir nicht mit ihr hinabsteigen in's Grab, wo doch Alles aufhört!" ruft Marie schluchzend. Aber ungehört verhallt das Flehen; eine furchtbare Ernte hält der bleiche Schnitter, die Hungerpest ist seine Sichel und zahllose Garben fallen unter ihren gewaltigen Schlägen.-- Auf der Höhe feiert man lustige Feste, und die Behörden preisen Gottes Weisheit, der die Armen von ihren Leiden erlöst und die erdrückende Arbeitslast der Beamten vermindert. ** * Einen verlassenen Kerker trafen Martha's letzte Grüße. Der blasse Mann, der ihn bewohnt hatte, war gestorben, den schreck- lichen Qualen, die er erduldet, erlegen; am Friedhofszaun hatte man ihn eingescharrt. Dem betrügerischen Chef der Fabrik hatte Büttner einen Faustschlag versetzt, und dafür mußte er büßen und doppelt leiden, seitdem der Landrath seine ewige Gefangen- schaft als kvllegialischen Wunsch dem russischen Satrapen geäußert. Unaufhörlich hatte er Martha's gedacht, rastlos an seiner Befreiung gearbeitet, bis die Kraft ihm ausging und er zusammen brach. Mit heißen Wünschen für seine Martha� war er aus deni Leben geschieden. •■. Der Winter ist gewichen, sein weißes Leichentuch ist auf- gerollt, und der Frühling in seinem grünen, duftigen Gewände in's Land gekommen. Mit frischen Farben hat die Erde sich geschmückt, und auch die Berge tragen den Hauch des Frühlings. Nur in den Hütten ist es Winter geblieben, hier will der Früh- i! ling kein neues Hoffen, kein neues Leben erwecken. Tod und Verwesung umschließt aller Orten dies düstere Gemäuer. Aber seltsame Gestalten zeigen sich jetzt in den Straßen. Ein wildes Feuer leuchtet aus den tiefliegenden Augen. Sind denn das die Weber noch, die wir vordem gesehen? Wo sind die gekrümmten Rücken geblieben, die todesmatten Gestalten? Welch' seltsamer Geist belebt diese Menschen! Erschreckt bergen sich bei ihrem Anblick die Genießenden. Etwas Unheimliches blickt aus diesen ! Augen, von denen der Hunger den Schleier der Gesetzesfurcht ge- riffen. Man schreit entsetzt nach Polizei und Gensdarmen, aber die drobenden, begehrenden Augen schließen sich nicht, die Polizei kann die Menge nicht satt machen, und ein dumpfes, wildes Rauschen geht durch die Bevölkerung wie das grollende Erwachen des OrkanS. Und der Soinmer kommt,— und immer vernehmlicher, immer drohender wird das Aussehen der Menge. Die Gefängniffe füllen sich, jene Anstalten, welche die Genießenden geschaffen, um die Hungrigen zu züchtigen, welche sich erdreisten, nach den Früchten zu greifen, die nur für die Herrschenden gewachsen. Ein roher Bau ist das Gefängniß der Stadt, abschreckend nach außen, auf körperlichen und geistigen Ruin berechnet sein Inneres. An seinen hohen Mauern prallt das Geräusch, der Lärm der Außenwelt ab, wie an dem Stein, der auf ein Grab gewälzt ist. Aber ein Hauch jenes gewaltigen Geistes, der die Maffe des Volkes belebt, hat auch das Gefängniß berührt. Man weiß nicht, wie er Eingang gefunden, ob ihn die Gefangenen aus den ängstlichen Gesichtern der Aufseher, auS der Verdoppe- lung der Posten herausgelesen, oder ob neue„Verbrecher" die Kunde vom Erwachen des Löwen gebracht. Ein warmer, freundlicher Iunitag ist es, harmonisch sieht draußen Alles aus, aber nicht das Naturbild fesselt die Blicke der Gefangenen, welche die vergitterten Fenster umdrängen und mit starren Blicken athemlos lauschen. Es sind Schüsse gefallen, wildes Geschrei schallt zum Gefängniß herüber, erschreckte Ge- sichter zeigen die Beamten, die Wachen werden verdoppelt, alle Thore sorgfältig geschlossen.— Ist der Löwe endlich erwacht? Ein zündender Funke ist in die mit Zündstoffen übersättigte Luft gefahren. Silberberg hat den Lohn der Baumwollenarbeiter herabgesetzt, und wie ein Mann haben seine Leute die Arbeit eingestellt. Vor seinen Fabriken haben sich die Hungernden, alle Diejenigen zusammengerottet, denen er und seine Genossen das Herzblut ausgepreßt. Vor der Rache des Volkes ist er entflohen, und die Schüsse verkünden, daß die Menge seine Fabriken an- gegriffen, zu deren Schutz Militär herbeigezogen ist. Das Gitterwerk eines kleineu Fensters im oberen Stock um- klammern jetzt ein Paar muskulöse Hände, ein bleiches Gesicht mit verwildertem Barte wird sichtbar, und lange starren zwei große Augen nach der Stadt. Es ist Egler, der hier sichtbar wird. Wie dem gefangenen Vogel ist ihm zu Muthe, der beim Heulen und Brausen des Sturms nur übermächtig den Freiheits- drang sich regen fühlt. Zwei Wärter haben sich im Flur über die Aufregung in der Stadt unterhalten, er hat es mit angehört, nnd nun rüttelt er wieder an den eisernen Stäben, wie er schon so oft in ohnmächtigem Zorn gethan. Wenn er nur draußen sein könnte! Zum Führer fühlt er sich berufen, zum Kampf, zum Siege will er die Hungrigen führen. In seinen Augen leuchtet es auf.„Hinaus, hinaus!" ruft er, und wieder rüttelt er an den Gittern, dann läßt er sie fahren nnd stürmt gegen die Thür. Bei seinem furchtbaren Anprall gibt sie nach, er ist im Gange, und laut durchhallt ihn sein Ruf:„Hinaus, hinaus!" Nicht weit von seiner Zelle ist ein größerer finsterer Raum, der viele Gefangene beherbergt. Die Fenster sind hoch und klein und für den einzelnen Mann nicht erreichbar, die Gefangenen stützen einander, sie steigen auf die Schultern der Genossen, und wer genug gesehen, erweist dem andern den gleichen Liebesdienst. Gegen die Mauer gelehnt, steht ein alter Mann; er allein kann nicht zum Fenster klettern, aber mit fieberhafter Ungeduld folgt er den Bewegungen der Genossen und bestürmt sie mit unzähligen Fragen. Wer kann der Mann mit dem edlen Gesichte, mit den glänzenden Augen anders sein als Berner, den sie in diesen Ab- grund gestoßen, damit er Gott erkennen lerne und den Gehorsam gegen die Obrigkeit wiederfinde, den er verloren? Ein Berner konnte hier nicht untergehen; Menschen fand er, Unglückliche— ein Freund, ein Vater wurde er den Ausgestoßcne». Und nun erschallt Egler's Donnerruf. Von den Fenstern springen die Gefangenen. Einen Augenblick sprachloses Anstarren, dann ein unbeschreiblicher Taumel, ein wildes Aufjauchzen und: „Hinaus, hinaus!" antwortet das Echo dieses Saales. Als ob sie Alle mit übermenschlicher Kraft ausgerüstet wären, so schnell ist die Thür zerschmctrert, bald sind die Gefangenen in den Gängen; überall öffnen sich unter ihren Schlägen die Thüren; von allen Seiten strömen ihnen Befreite zu. Ein kurzer 5kainpf mit den Beamten und Wachen entsteht, der mit deren Ueber- wältigung und Flucht endet. Alle Kerker werden jetzt geöffnet, und von allen Seiten entsteigen die Unglücklichen ihren Zellen, Erregung und freudiges Staunen im Gesicht. Hier drückt man einander stumm die Hände, dort lacht man, an anderer Stelle erfolgen schreckliche Wuthausbrüche, Fenster und Thüren brechen klirrend und krachend zusammen. Den Ausgängen drängt Alles zu.— Jetzt verläßt auch Berner seinen Kerker. Es ist lange her, daß er nicht mehr gegangen, daS Gehen fällt ihm schwer, und zwei seiner arme» Freunde führen ihn. Der Menschenstrom stockt bei seiner Annäherung, Alles wendet dem greisen Manne mit den Prophetenaugen die Blicke zu. Aus dem Hintergrunde löst sich eine größere Gruppe. Man führt einen Mann, der den Gebrauch der Glieder fast ganz verlernt zu haben scheint. Mit den Händen schützt er die Augen, sein Gesicht ist erdfahl, seine Haltung gebeugt. Aus einem dunkeln Kerker muß er kommen, daß das Dämmerlicht des Ganges ihn blenden kann. Rufe der Entrüstung werden laut.„Doktor Wieser!" erschallt es dumpf von zahllosen Lippen. Wer kennt ihn nicht, den Freund der Armen! Rückwärts wälzt sich der Strom; man vergißt des eignen Leids, man bricht in Klagen und Verwünschungen beim Anblick des so schwer mißhandelten Mannes aus. Mit einem Schreckensrufe war Berner stehen geblieben, dann eilte er, so schnell er es vermochte, auf den Kommenden los.„Doktor Wieser! Doktor Wieser!" rief er schmerzlich,„was hat man Ihnen ge- than?" Beim Klange der Stimme erhob der Doktor das Haupt, ein mattes Lächeln flog über sein blasses Gesicht, und seine Hand legte sich in die des alten Freundes. „Nichts jetzt über das Werk des Polizeischuftes, nichts dar- über, waS wir erduldet!" sagte er.„Der Frühlingsruf hat unsere Kerker gesprengt, dem Frühlinge gehören wir an, mit ihm leben,— mit ihm sterben wir!" schloß er ernster. „Die Stunde ist gekommen," entgegnete Berner kopfuickend, „in der kein Jesus von Nazareth den brausenden Wogen zu ge- bieten vermag. Sie soll uns an unserem Platze finden!" „Jetzt ist es in unsere Hand gegeben, unser Glück zu er- kämpfen!" rief hinter ihnen Egler mit strahlenden Augen.„Kein Zufall kann uns mehr narren. Die Waffe ist der Hammer, mit dem der Arme allein sein Glück zu schmieden vermag." Gemeinsam verließen sie den sinstern Bau. Ein heißer Kampf ist um die Fabrik entbrannt; mit Zähig- keit vertheidigt sie das in der Straße aufgestellte Militär. In brutaler Weise säuberte es mit dem Bajonnet die benachbarten Straßen, aber immer mächtiger schwoll die Menge an, immer drohender wurde ihre Haltung, bis es endlich zum blutigen Zu- sammenstoß kam. Mehrmals schon war die Menge unter schweren Opfern an Todten und Verwundeten zurückgeworfen worden, aber immer kehrte sie wieder, immer leidenschaftlicher, immer erregter, nnd jeder neue Ansturm führte sie weiter vorwärts und drängte die Soldaten gegen die Mauer zurück. Ein wüthendeö Hand- gemenge entsteht, mit Aexten, Spaten, Säbeln und Stangen ist das Volk bewaffnet, kühn wirft es sich dem Bajonnet-Angriff der gedrillten Soldaten entgegen, die verzweifelte Anstrengungen machen, sich eine Gasse zu bahnen. Aber die Bajonnette werden gepackt, und mit eiserner Kraft entreißen die fleischlosen Hände de» Soldaten die Gewehre. Ein furchtbares Gemetzel erfolgt, und unter dem Triumphgeschrei deS Volkes muß das Blilitar fliehen; in den Fabriken, die durch eine Miau er geschützt werden, sucht es Rettung. Ein gewaltiges Thor bildet den Eingang, da hinein stürzt Alles, waS sich gerettet, es kann nicht mehr ge- schloffen werden, und von neuem entbrennt ein furchtbarer Kampf. Die Soldaten erkennen, daß mit dem Verlust des Thorcs Alleö verloren ist, und mit Verzweiflung vertheidigen sie es. Aber sie müssen erliegen, dem gewaltigen Ansturm des Volks können sie nicht lange Widerstand leisten. Jetzt naht ein Zug, ein großes goldneS Kreuz wird vorangetragen, die Geistlichkeit kommt; voran marschirt der Konsistorialrath, der frühere Pfarrer Lehnert. Es stockt der Angriff beim Anblick des Kreuzes, zu dem man so lange gläubig und hoffend aufgeblickt. Nur einen Augenblick zögert die Menge; sie begreift, daß das Kreuz sie zum Gehorsam zurück- führen soll, aber sie will nicht mehr gehorchen, nicht mehr genarrt werden. Mit einem Wuthgeschrei begrüßt man die falschen Priester, das Kreuz wird seinem Träger entrissen und auf deni Pflaster zerschmettert, ein furchtbares Getümmel umringt die Geistlichen; man schlägt auf sie ein, man reißt ihnen die schwarzen Gewänder vom Leibe; einige— mit ihnen der Konsistorialrath— fliehen, andere brechen unter den Mißhandlungen des empörten Volkes zusammen.— Die Soldaten benutzten die Verwirrung zu einem verzweifelten Vorstoß, und er wäre geglückt und hätte vielleicht zu einer Niederlage des Volkes geführt, wenn nicht ein Mann, eine hohe Gestalt mit edlem Gesicht und feurigen Augen, dem Militär mit Riesenkraft sich entgegengeworfen hätte; schon bei den ersten Kämpfen hatte er immer in vorderster Reihe gestanden. „Mir nach!" erschallt sein lautes Kommando. Er ist mit einer Büchse bewaffnet, und unter seinen wuchtigen Schlägen weichen die Soldaten zurück, jubelnd folgt das Volk. Der Eingang wird erzwungen, die Vcrtheider suchen sich in die Gebäude zu retten. Da kracht aus nächster Nähe noch ein Schuß, die hohe Gestalt fährt zusammen, die Hand greift nach der Brust, ein Blutstrom quillt hervor. Er wankt, man springt ihm bei und stützt ihn. „Vorwärts, ihr Männer!" so ruft er noch einmal mit Donner- stimme, dann bricht er zusammen. Bestürzt blickt das Volk auf seinen heldenmüthigen Führer, der mit der Hand noch winkt, das Werk zu vollenden, und von neuem stürzt man sich auf den Feind.— Jetzt betraten die drei Freunde den Hof; auf dem Wege hatte man sie von allem, was geschehen war, unterrichtet, mit eigenen Augen hatten sie die Heldenthaten des unbekannten Mannes wahr- genommen, und nun standen sie vor ihm, er lag am Boden, bleich und regungslos. „Der Förster Schlegel!" rief Berner bewegt.„Ich hatte mich nicht getäuscht." „Er ist todt," sagte der Doktor, der sich über ihn gebeugt und ihn untersucht hatte. Egler betrachtete erschüttert die vom Sturm gefällte Eiche. „Was er an uns gesündigt, das hat er hier gesühnt," sagte er. „So ist es recht," rief Berner.„Er ruhe in Frieden!" „Nun frisch an die Arbeit!" mahnte der Doktor.„Ein Jeder sehe zu, wo er nützen kann. Wir Beide, lieber Berner, müssen uns mit Geduld wieder in unser unabänderliches Schicksal finden, Wunden zu verbinden, und Sie, Egler?" „Meine Stelle ist dort, wo sie geschlagen werden!" entgegnete Egler und folgte den Männern, die dem Kampfplatze zuströmten. In den Fabriken flammt es auf,— man hat die Gebäude, nachdem man ihr Inneres total zerstört, in Brand gesteckt. Auch vom Gefängnisse steigt eine Rauch- und Feuerwolke empor. ** * Das arbeitende Volk hat einen glänzenden Sieg erkämpft. In eiliger Flucht hat der Rest des Militärs die Stadt und Gegend geräumt. Freude strahlt nun aus allen Gesichtern, und mit Genugthuung blickt man auf den denkwürdigen Tag zurück. Man hofft auf eine allgemeine Erhebung. Boten tragen die Siegesnachricht in die Nachbarschaft, und Freudcnfeuer, die deS Abends von den Bergen aufflammen, verkünden es in weitere Kreise. Welche mächtige Feuersäule aber erhebt sich plötzlich am dunklen Horizont, dort, wo Waldau und die Falkenburg liegt? Feuerroth färbt sich der Himmel, es ist ein mächtiger Brand, und Boten bringen die Nachricht, daß die Waldauer Weber unter Jörg'S Führung die Falkenburg überfallen und dort ein schreckliches Gericht gehalten hätten. An diesem Abende sollte auf der Falken- bürg die Verlobung gefeiert werden, in vier Wochen sollte ihr die Hochzeit folgen und dann Graf Hugo in der Stadt sein Amt antreten. Von nah und fern waren die alten Geschlechter erschienen, in reichster Kterr�ng, in Sammet und Seide die Damen, behängt mit dem Schmucke vieler Jahrhunderte. Wie glänzend, wie überschwänglich prachtvoll dieses Fest! Doch, welch' eisiger, alle Freude ertödtender Zug durchwehte es. Die Hauptpersonen des Festes fehlten, Fräulein von Rabenberg und ihr Vater fehlten noch, und sie kamen nicht. Alle Entschuldi- gungen waren erschöpft, und wenn der Graf so unbändig lachte, so geschah es nur, um vor den Gästen seine verzweifelte Angst zu verbergen. Aber Niemanden konnte er täuschen, und peinlicher und unbehaglicher gestaltete sich von Augenblick zu Augenblick das Fest. Da sprengte ein Reiter in den Hof, der Graf stürzte, seiner Ungeduld nicht mehr länger Herr, hinaus. Er kehrte nicht in den Saal zurück-- Fräulein von Rabenberg war wahn- sinnig geworden. Die religiöse Stütze vermochte sie, eine Strecke weit die unnatürliche Last zu tragen, dann war sie mit zerrüttetem Geiste zusammengebrochen. Grenzenlose Bestürzung und Ver- wirrung erweckte das Ereigniß, Alles rüstete zum Aufbruch,— doch jetzt brach die Sintfluth herein.— Schüsse krachten, ein Feuerschein stieg auf. Man eilte zum Ausgange, mit zerschmet- tertem Kopfe fand man auf der Schwelle den alten Grafen. Wildes Geschrei erhob sich von allen Seiten, glühende Augen zeigten sich, und mit rasender Wuth stürzten sich die Hungrigen auf die versteinerten Gäste. Nur wenigen von ihnen gelang es, zu entkommen, die meisten fanden ihren Tod von den Händen der Weber oder wurden beim Brande des Schlosses von seinen Trümmern erschlagen. ** * Mehrere Tage sind vergangen. Eine Militärdivision rückte von Schweidnitz mit schwerem Geschütz heran, von Breslau kamen auf der Bahn Schützen, Musketiere und schwere Kavallerie. Von Ohlau haben sich die Husaren auf den Weg gemacht, nach Neisse, Glogau und Glatz sind Staffetten abgegangen, um noch mehr Militär herbeizuholen. Zweitausend Mann nur sind die Hungrigen stark, aber man hat die Kraft der Verzweiflung kennen gelernt; diese Menschen können nicht im ehrlichen Kampfe besiegt werden, nur die kolossalste Uebermacht vermag sie zu bewältigen. Auch in der Nachbarstadt ist es zum Aufstande gekommen, die Ausbeuter hat man verjagt und die Fabriken zerstört, aber weiter will die Bewegung nicht dringen, nur amtliche Berichte werden veröffentlicht, in denen man die Aufständischen als Diebe und Räuber brandmarkt; jeder Brief wird geöffnet und unter- schlagen, sobald er eine wahre Nachricht enthält. So erstickt man systematisch die Sympathien, die aller Orten für die Sache der Unterdrückten vorhanden sind.— Immer enger wird der Militärkreis, der sich um den Herd des AufstandeS zusammen- zieht; immer näher rückt die Stunde, welche die Schlußkatastrophe bringen soll. Waldau ist von der Erde verschwunden; es mußte schrecklich die Hand der Gerechtigkeit fühlen. Was der Hunger am Leben gelassen, damit räumte das Militär jetzt auf. Die Flammen verzehrten das Dorf sammt seinen Bewohnern, und waS auS dem Feuer sich retten wollte, das ist unter den Kugeln der Ordnungs- männer gefallen, die kein Leben im Dorfe verschonten.— Alle Straßen sind besetzt, alle Ausgänge gesperrt, und nur eine Wahl ist den Aufständischen gelassen, entweder sich auf Gnade oder Ungnahe zu ergeben oder zu sterben. Sie haben den Parla- mentär, den man ihnen geschickt, zurückgesandt; sie wollen kämpfen, —:—--------■---- T und die Trommel ruft zum Sammeln, zum Todeszang, denn kein Sieg kann ihnen aus diesem Kampfe erblühen. Sie sind mit Säbeln und Gewehren bewaffnet, die man den Soldaten abgenommen. Der Doktor ist heiter, Berner nachdenklich, in Egler's Augen leuchtet der alte Trotz. Vor den Feinden war er in Waldau gewesen, sein Haus hatte er verödet gefunden, sein Weib ist seiner Martha gefolgt. Ein dumpfer Schmerz hatte ihn gepackt, jetzt aber ist er wieder ruhiger. Auf Erden hat er nichts mehr zu suchen; er will sterben, aber nicht unfruchtbar, nicht allein sterben. „Jetzt werden Sie sehen, lieber Berner, wie man die Liebe übt," sagte der Doktor.„Danken den Göttern, wenn wir nicht lebend in die Hände unserer Feinde fallen." Berner nickte mit dem Kopfe, dann erwiderte er lächelnd: „Scheltet den Unverbesserlichen, aber Haß lasse ich nur gelten, so lange wir unterdrückt sind. Als Sieger wollen wir Menschen sein, und nicht die Kinder für die Sultden der Väter büßen lassen." „Wenn wir nicht wollen, daß unsere Kinder für unsere Sünden büßen sollen," rief Egler,„dann müssen wir hassen, so lange noch einer von diesen Schuften am Leben ist!" Die Kanonen donnerten, die Feinde setzten sich in Bewegung. „Ich schlage vor, vermittelte der Doktor,„die Entscheivung über diese Streitfrage einem andern Geschlechte zu überlassen. Wir haben keine Zeit dazu. Und nun, Abschied genomminen, Freunde! Wer den Henkern entrinnt, der trage das Evangelium des Hasses unter die Völker und belehre und bekehre die Un- gläubigen und Heiden!" Sie schüttelten einander bewegt die Hände. „Und wenn Keiner von uns übrig bleibt," sagte Berner, „dann mag unser Blut dazu beitragen, die Saat der Zukunft frischer und schneller grünen und blühen zu lassen." „Das sei das Schlußgebet— der Geist der Menschheit wird es erhören!" rief der Doktor. Der Kamps war entbrannt, auf und nieder wogte er und lange blieb er unentschieden. Mit Heldenmuth vertheidigten die Armen ihre junge Freiheit, ihr Leben; den ersten Ansturm schlugen sie siegreich zurück, aber immer neue Bataillone rückten heran, bis das Häuflein der Helden von der furchtbaren Uebermacht erdrückt war. -t- Psingsteit Wandererinnerungen v III. (Schluß.) Dieselbe Sage wird auch von dem Mägdesprung im Selke- thal erzählt. Dort ist der Be, folger ein Jäger, Namens Helwig, Wohl aus Helweg(Weg zur Hel, der Göttin der Unterwelt) ver- dorbcn, und statt deS Roßhufes zeigt der Stein den Abdruck eines riesigen Fußes. Der wilde Jäger, der noch heute mit großem Getöse im Harz jagt, und zwar nicht nur Wild, sondern auch schöne Frauen, ist längst, als Wodan erkannt worden. Das Wüthen ist schon in seinem Namen(Wodan, Wuotan) angezeigt, und bereits an diner früheren Stelle haben wir erzählt, daß seiner Vermählung mit der Frühlingsgöttin Freya ein stürmisches Werben voraus- ging. Es lag nun nahe, dieses Werben in die Verfolgung schöner Frauen zu verwandeln. Wenn sich in der Sage des Mägde- sprungs die Gestalt Wodan's als wilder Jäger deutlicher erhalten, so tritt in der Sage des Bodethals in Brunhildens Walküren- namen die schöne Götterbraut erkenntlicher hervor. Da wir dieser letzteren auf unserer diesmaligen Harzwanderung wohl nicht mehr begegnen werden, so mag gleich hinzugefügt werden, daß nicht nur unser deutsches Zeitwort freien, sondern auch das Wort 'fr. 40. 187«. Die Stille des Friedhofes ist den erregten Tagen gefolgt, in ihr Hungerjoch sind die Armen von neuem geschmiedet, und mit unerbittlicher Strenge waltet die Gerechtigkeit der Genießen- den. Festung, Zuchthaus, Peitschenhiebe ahnden den Friedens- bruch der Hungernden, ihren Verzweiflungsschrei nach Brot. Ein reiches Arbeitsfeld fand der Polizei-Agent Hieber; eine inter- nationale Verschwörung wollte er aus der natürlichen Regung der Armen machen; überall spionirte er, Briefe fing der Hallunke auf, und jedes deutungsfähige Wort darin wurde zur hochverrätherischen Gesinnung. Die Post war ihm ganz er- geben, wie alle Polizei- und richterlichen Behörden des Landes. Die internationale Verschwörung aber wollte trotz aller Anstren- gungen nicht herauskommen. Wohl ging damals ein revolu- tionärer Zug durch Europa, und kaum einen Jndustrieort in Deutschland gab es, wo nicht die Zündstoffe, die Ausbeutung und Unterdrückung gehäuft, explodirt wären. Aber die Zuckungen des Hungers waren zusammenhanglos, und grade, weil der Be- wegung die Organisation fehlte, wurden die einzelnen Regungen von den Gewalthabern blutig unterdrückt. Goldene und eiserne Ketten harrten der Ueberlebenden. Sollen wir die Orden und Ehrenzeichen aufzählen, die es auf die ge- treuen Diener deS Staates in jenen Tagen regnete?— Es wurde Keiner übergangen und selbst Heilmann erhielt einen Orden. Am vorzüglichsten wurde Konsistorialrath Lehnert ausgezeichnet, der so unerschrocken für Staat und Christenthum eingetreten war. Die Falkenburg und Silberberg's Fabriken wurden auf Staats- kosten wieder aufgebaut, und Graf Hugo's Schulden bezahlte der dankbare Monarch. So glättete sich Alles wieder, und neues Leben blühte aus den Ruinen. Auch dem unermüdlichen Polizei- Agenten, der hier seine Sporen verdiente, erschloß sich eine reiche Zukunft/ er wurde die Vorsehung der Dynastie, und als im Lande große Staatsmänner an's Ruder kamen, die für ihre politischen Zwecke so elender Kreaturen bedurften, wie der würdige Polizei- Agent einer war, wurde er Chef aller Polizei. Und unsere Freunde?—— Nur Egler hatte das Glück gehabt, im Kampfe zu fallen,.Doktor Wieser und Berner aber beschlossen ihr Leben im Zuchthause; Jörg allein war ent- kommen. Die Gerechtigkeit der Genießenden hatte einen glänzenden Triumph gefeiert, trauernd aber verhüllte der Menschheitsgeist sein Haupt.— im Har). n Robert Schweichcl. Frau von dem Namen der Göttin Freya abgeleitet ist. Unsere Frauen tragen also einen Titel, der aus dem Himmel stammt. Dem Wodan wurden Pferde geopfert. Mit diesen Opfern in Beziehung steht es, warum man dem Teufel einen Pferdefuß zuschreibt, während die Bocksgestalt des Teufels nicht auf Wodan, sondern auf den Donnergott Thor deutet. Thor fuhr in einem Wagen, vor den zwei Ziegen gespannt waren. Ob die Hufspur der Roßtrappe von heidnischen Priestern eingemeißelt wurde, nm die Klippe als eine Wodan geheiligte Stätte, einen Opferaltar zu bezeichnen, oder ob sie aus einer späteren Zeit stammt, etwa von Bergleuten, wird wohl nie ausgemacht werden. Bemerkens- werth ist indessen der Aberglaube, daß bei Hexenmahlzeiten aus Roßhufen getrunken wird. Vielleicht liegt noch eine Aufklärung über die Roßtrappe in der Dreskanzel verborgen, dem von einem Gitter eingeschlossenen äußersten Borsprung der Klippe. DaS Wort kehrt wieder in Trcseklippe und Treseburg. WaS heißt DreS, oder Trese? Die Bedeutung dieses Wortes ist noch nicht erklärt. Vielleicht ist es aus Thürs(Riese) verdorben. Es wird übrigens nicht mehr allzulange dauern, so sind die Spuren von Brunhildens Roß verschwunden. Die tausend und aber tausend Menschenfüße, welche in jedem Jahre darüberhin schreiten, löschen sie allmählich aus.— Die allzu zahlreichen und zu heiteren Pilgerschaaren lassen uns nicht lange auf der Roß- trappe weilen und das Auge an den zerklüfteten Granitkolossen ringsum weiden. Eine solchs großartige, wilde Ratur, wie die des Bodethals, kann nicht in dem Lärmen und Schwärmen der Menge genossen werden. So stiegen wir denn den Bcrgabhang, die sogenannte Schurre, auf bequemem Pfade nach der Teufels- brücke und dem Bodekessel hinab. Die Schurre ist ganz mit kleinen Scherben und Trümmern von Granit und Grauwacke bedeckt, den Resten zweier Felsen- gipfel, die einst der Blitz zerschmettert haben soll. Ueber diese Scherben, die ganz lose neben- und aufeinandergeschichtet daliegen, und deren Lage sich fortwährend änderte, indem untere Geröll- schichten nachgaben und obere herabstürzten, führte früher der Steig, so daß man wohl Acht zu geben hatte, um den Fuß keinem verrätherischen Steine anzuvertrauen. Gegenwärtig hat es damit keine Gefahr mehr, und ein schöner Fußweg läuft neben der Bode nach der starken Teufelsbrücke und durch die engen Wege bis zu dem anderthalb Stunden entfernten Treseburg. Dank der Eisenbahngesellschaft, welche diesen Weg hat brechen lassen! Vielleicht der schönste Theil des Bodethals ist dadurch dem Besuch geöffnet worden. Der an den Bergwänden auf- und ablaufende Pfad, welcher den unzähligen Windungen der Bode folgt, bildet einen köstlichen Spaziergang. Je weiter man zwischen den Bergen vordringt, je ruhiger und breiter fließt die Bode, bald tief unter dem Wanderer, bald neben seinem Pfade, bald dem Blicke frei, bald unter Laubpartien verschwindend. Steile Klippen und nackte Felsenwände wechseln mit belaubten Höhen. Der Charakter des Thalcs ist durchaus ernst; erst in der Nähe von Treseburg, wo sich das Thal erweitert, mildert sich seine Strenge. Die meisten Besucher des Bodethales am zweiten Pfingst- tage waren wohl keine sonderlichen Fußgänger, oder zogen es vor, auf der Chaussee nach Treseburg zu fahren. Wenigstens wurde der Pfad mit der Entfernung vom Bodekessel immer menschen- leerer. Um so belebter war es wieder in Treseburg, das sich schon aus der Ferne durch ein Chaos von Musik ankündigte. Vor allen Wirthshäusern wurde trompetet, klarinettirt und ge- fiedelt. Tanzlustige Paare hatten die breite Brücke, welche die vom Thale kommende Fahrstraße mit der nach der Viktorshöhe führenden verbindet, zum Tanzplan auserlesen. Sonst überall ein Klappern von Tellern und Gläsern. Gruppen von Land- leuten im Sonntagsstaat lagerten an der schattigen Berglehne und verzehrten die mitgebrachten Speisen, welche der von Hand zu Hand wandernde Bierkrug netzte und würzte. Auf dem Tische, an dem wir Platz nahmen, lag zufällig ein Speisezettel. Ich nahm ihn mechanisch zur Hand, und mein Blick siel auf„Wildschweinbraten". Das Gericht beschwor ein kleines Männchen mit kahlem Haupte vor mir herauf. Er war einer von den drei Reisegesellen aus Schleswig gewesen, die ich auf meiner ersten Wanderschaft durch den Harz in Blankenburg getroffen hatte. Wir hatten bei einander auSgehalten in Sonnen- schein und Regen, in Scherz und Ernst, und so hatten wir denn in der Frühe eines Sonntags mitsammen auf der Roßtrappe gestanden, ganz allein. In wolkenloser Bläue wölbte sich der Himmel über uns; von Blechhütte und Thale tönte das Geläut der Kircheuglocken herauf, vermischt mit dem Brausen der Bode.— Doch davon wollte ich nicht erzählen. Das kleine Männchen war ein Professor der Mathematik und sonst ein gewaltiger Botaniker vor dem Herrn, wie seine beiden Landsleute; der hatte noch in seinem Leben keinen Wildschweinebraten gegessen, und gleich dem Wandsbecker Boten, als er schon lange sein vortreff- liches Rheinweinlied gedichtet, noch keinen Tropfen Rheinwein getrunken. Beide Genüsse sollte ihm der Harz gewähren. Aber überall, wohin wir auf unserer Wanderung kamen, gab es keinen Wildschweinebraten. Ja, wenn wir Tags zuvor gekommen wären! versicherten die Kellner aller Orten. An Rheinwein fehlte es nirgends. Aber der kleine Professor wollte die zwei unbekannten Genüsse nicht von einander trennen. Und so waren wir gezogen von Ort zu Ort bis nach Alexisbad, wo sich am folgenden Tage unsere Wege— wohl für dieses Leben— scheiden sollten. Alexisbrunnen war die letzte Hoffnung unseres Professors. Aber auch der Küchenzettel des dortigen Kurhauses sollte seine Hoff- nung täuschen. Das letzte Stück Wildschwcinebraten war aber- mals Tags zuvor vertilgt worden. Grausames Schicksal!— Mitfühlend mit dem Annen, in dessen Ohr schon das Posthorn erklang, das ihn am folgenden Morgen in die Heimath zurück- rufen sollte, saßen wir in dem öden Kursaale. Ja, es war da- mals schaurig öde in Alexisbad, denn mit der Spielbank, welche die Revolution des Jahres 1848 vernichtet hatte, waren auch die Badegäste verschwunden. „Und Rheinwein haben Sie auch keinen?" fragte der Pro- fessor kleinlaut. „Alle Sorten, die es gibt!" versetzte der dienende Geist mit einem strahlenden Antlitz. Der Kleine kämpfte mit sich selber. „Es ist der letzte Abend, den wir mit einander verbringen," bemerkte der eine von seinen Freunden, der die Schlachten des schleswig-holsteinischen Krieges mit geschlagen hatte.„Bringen Sie RüdeSheimcr." Mit schmerzlicher Resignation führte unser kleiner Freund den ersten Römer golden funkelnden Rebensaftes an die Lippen. O, mit welcher Spannung kostete er, mit welchem Behagen dann schlürfte er den unbekannten Feuertrank. Welche lächelnde Ent- zückung begann um seine Lippen zu spielen, welch' ein Glanz leuchtete in seinen Augen auf, die matt geworden an dem dürren Einerlei der Zahlen! Der Gott der Reben schüttelte seine am- brosischen Locken über ihm, und die Nebel der Abstraktion zer- rannen. Lachend lag die Welt vor ihm, und er war wieder ein Jüngling wie damals auf seiner ersten Studenten-Ferienreise. Aus der Ferne herüber klangen leise die Becken der Thyrsus- schwinger, vergessene Töne wurden lebendig in seiner Brust, das Auge suchte glänzend den Himmel, er hob das Glas, und wie es mit den unseren zusammenklang, da ging zitternd über seine Lippen das alte schöne Lied: „Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher!" Und näher klangen die Becken und jauchzender schwoll der Chor der Bacchanten, und wir fielen ein: Evoe Bacclie! Und wir saßen wie Füchse bei deni ersten Kommers, und es zog glänzend vorüber die �fröhliche, selige Studentenzeit mit ihren klassischen Reminiscenzen, ihrer Romantik und Tollheit. Alle thörichten Jugendstreiche tauchten aus dem goldenen Naß lebendig auf und schüttelten die Schellen ihrer Narrenkappen. Der kleine Professor vergaß, daß er ein Buch über den philosophischen Begriff der Zahlen geschrieben hatte. Er renommirte, wie er es sicher nie auf Universitäten gethan, und als der letzte Tropfen aus der zweiten Flasche aufgesogen war von den durstigen Lippen, da hatte sich der Herr Professor einen stattlichen Haarzopf getrunken. Er fühlte Flügel an seinen dünnen Aermchen, und auf dem Heim- weg versicherte er, wenn wir ihn nicht festhielten, so würde er über die Berge springen und dem schnarchenden Brocken einen Nasenstüber geben, daß ganz Deutschland davon aufwachen und seine Nachtmütze für alle Zeiten in den Winkel werfen sollte. Und er selbst warf seine Kappe zum sternfunkelnden Himmel empor. Evos Bacchel Evoe Bacclie! Tags darauf wanderte ich allein von Alexisbad über die Viktorshöhe und von Friedrichsbrunnen weiter auf pfadlosen Wegen nach Treseburg, dessen wenige Häuser theilö hart an der Bode liegen, nur Raum für die Straße lassend, theils auf den Terrassen des Felsens, von kleinen Gärten umgeben und halb unter Obstbäumen versteckt. Das Wirthshaus nahm die höchste Stelle ein. Die freundliche Frau Wirthin stellte mir unter das breite Schattendach eines Apfelbaums ein sauber gedecktes Tischchen, auf dem die Kaffeekanne von Zinn wie Silber glänzte. Es war alles gar sauber und appetitlich: die geblümte Tasse, das schnee- weiße Brot, die würzige Butter, der fette Rahm. Der Wind spielte leise in der Blätterkrone über meinem Haupte, und um mich her summten die ewig geschäftigen Bienen. Zu' meinen Füßen funkelte daö Thal im goldenen Sonnenlicht, erhoben sich gegenüber die waldigen Höhen, und blitzte der„weiße Hirsch", ein Grünsteinkegel, der an 600 Fuß aus der Bode aufsteigt, gleich einem Metallspiegel. Im Thale klangen Hammer, Axt und Säge und knarrten die Räder der Karren, die Steine und Holz zum Bau eines Hauses grade unter mir herbeiführten. Dieses Haus war der künftige Gasthof meiner Wirthin. Es ist derselbe, vor dem wir gegenwärtig unseren Kaffee trinken. Das bescheidene Wirthshaus aus der Höhe aber ist spurlos ver- schwunden, gleich den Träumen, die mich damals im Schatten des Apfelbaums umspielten. Der Rückweg längs der Bode ist noch schöner als der Gang dem Fluß entgegen. Der Eindruck ist großartiger. Das Thal verengt sich allmählich, die schroffen Berge rücken fast mit jeder Biegung des Pfades näher zusammen, sie streifen ihre Laub- gewandung ab, und wie man zur Teufelsbrücke hinabsteigt, ist man plötzlich in einem riesigen Trichter von nackten Granitwänden völlig eingeschlossen. Die Roßtrappe tritt so weit vor, daß sie mit den gegenüberliegenden Klippen eine Wand zu bilden scheint. Ein wolkenbedeckter Himmel erhöhte das Gefühl der Beklemmung, von dem das plötzliche Eintreten in dieses scheinbar geschlossene Rund urweltlichen Gesteins begleitet ist. Man sagt, daß die Natur nivellire. Die Trümmer der Schurre sprechen dafür, und als wir um die Roßtrappe herum dem Ausgang des Thales zuwanderten, gewahrten wir unter den vielen Riffen und Klippen, welche diesem Theil deS Bodethales einen wild imposanten Charakter verleihen, so manche, die in ihrem verwitterten und zerbröckelten Zustande mit einem nahen Einstürze drohen. Die Befürchtung vor dem Herabstürzen dieser gleich den Zähnen eines Ungeheuers aus geöffnetem Racben emporragenden Granitklippen— und einem solchen zähnefletschenden Ungeheuer gleicht in der That daS Bodethal, wenn man von dem Hexen- tanzplatz auf dasselbe hinunterschaut— hat das.Verbot des Schießens in das sogenannte Schallloch veranlaßt. Dieses Schall- loch ist eine runde Oeffnung in dem Felsen auf dem linken Bode-Ufer, dem Gasthaus„zum Waldkater" schräge gegenüber. Bei meinem ersten Besuche des Harz wurde hier noch durch Pistolenschüsse der gefährliche unterirdische Donner erzeugt. Als ich es dem alten Manne erzählte, der sich nach der Schlachten- arbeit seiner Jünglingsjahre an dem Schallloche zur Ruhe gesetzt hatte, pflichtete er mir wehmüthiz bei, und ich erschien ihm als ein alter, werther Bekannter, weil ich die nun für immer ver- stummten Donner noch gehört hatte. In der Rührung seines alten Herzens bot er uns von dem Wasser an, das neben dem Loche aus dem Stein sprudelt, und das jetzt seine einzige Ein- nahmeguelle während der Reisezeit bildet. Aber der Abend war zu kalt für Quellwasser, und der Alte bekehrte sich zu unserer Ansicht, nachdem er einen Schluck aus unseren Feldflaschen ge- than hatte. Als wir ihm dann den Rest aus denselben zu einem Frühstückstrunk für morgen in sein Wasserglas gössen, da holte er in freudig zitternder Auftegung aus einem Versteck präch- tige Rosen und Nelken hervor und reichte sie unserer Reise- gefährtin. So entließ uns der Harz mit Rosen, wie er uns begrüßt hatte.- In der Frühe des folgenden Morgens besuchten wir das Bodethal noch einmal, bevor uns der Schnellzug in die Heimath zurückführte. Die Tausende von Menschen, welche gestern daS Thal erfüllt hatten, waren verschwunden, fortgeschleppt von der Lokomotive, die bis tief in die Nacht hinein rastlos gekeucht hatte. Jetzt war es still zwischen den Bergen, nur die Bode brauste und rauschte, und die Sonne, die Tags zuvor kaum auf Augenblicke ihren schweren Wolkenschleier zurückgeschlagen hatte, schien hell und warm auf Fels und Busch. Langsam gingen wir weiter, offenen Auges noch einmal diese großartigste Natur des Harzes anschauend, ihr Bild der Seele tief einprägend. Und so standen wir noch einmal an dem Bodekessel. Die Gipfel der Felsen glühten goldig unter dem blauen Himmel und spiegelten sich in dem schwarzen Wasser des Bodekessels. In diesem Bodekessel ruht also die funkelnde Krone Brunhildens, und nur ein Sonn- tagskind vermag sie zu heben. Ruht sie wirklich noch dort? Ich dachte an' Einen, der war einst auch diese Pfade gewandert, das war ein Sonntagskind. Mancher, der nach ihm kam, hat wohl noch eine verlorene Perle aufgefischt aus der dunkeln Tiefe; er aber hat die Krone selbst gehoben, die Krone der Poesie, und ihr Glanz hat von seinem Haupte leuchtend die Welt erfüllt, erfüllt sie noch heute. Dieses Sonntagskind war— Goethe. Ein Proletarierkind. Novelle von M. Kantsky. (Fortsetzung.) Der Fabrikant ließ sich zu einer kleinen zurückrufenden Be- wegung hinreißen. „Warten Sie!" Er streifte nachlässig die Asche seiner Cigarre in einen silbernen Becher.„Was brauchen Sie schon Ihr Kom- pliment zu machen? Hab' ich Sie schon fortgeschickt? Habe ich mit Ihnen schon mein letztes Wort gesprochen? Nein. Wenn Sie billig zu haben wären, wenn Sie gute Zeugnisse aufzuweisen hätten..." „O, die habe ich." „Will ich sagen, wenn Sie sehr billig zu haben wären, wenn Sie sehr gute Zeugnisse aufzuweisen hätten— „Sehen Sie selbst, mein Herr!" Und Denk überreichte ihm das gewünschte Dokument. „Englisch— so! Sie waren in London? Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Vier Jahre hindurch in der re- nommirten Fabrik des Mr. Bruce." Er las nun mit lauter Stimme und einem sehr wohlgefälligen Lächeln das Zeugniß herunter.„TNorouKhl/— also tüchtig— accomplished technologist and engineer,— also technisch gebildet! � Nun, auf diese Rekommandation hin wäre ich fast gesonnen, Sie Zu acceptiren. Ich gebe Ihnen zwanzig Gulden die Woche." „DaS ist mir zu wenig, Herr Abeles." „Herr Abeles!— Was brauchen Sie mir immer zu sagen .Herr Abeles', ich sage zu Ihnen: ,Herr Denk', Sie werden Mir doch hoffentlich etwas mehr geben." „Mein Herr, ich stelle an Sie dieselbe Bitte." „Nun meinetwegen, Sie sollen haben fünfundzwanzig Gulden die Woche; es ist horrend, ich komme mir selber vor wie ein Narr; Ihr gutes Zeugniß hat mir's angethan, und Sie sollen mir einige Einrichtungen nach englischem Muster vornehmen. Sagen Sie, können Sie das?" „Wenn es den technischen Theil betrifft, gewiß Herr—" «Von Abeles! Merken Sie sich das." „Ganz wohl, Herr von AbeleS." „Sehr gut! Sie können sich als aufgenommen betrachten. Morgen um diese Stunde werde ich Sie dem Herrn Direktor, und dieser Sie dem Personale vorstellen. Adieu!" „Ich habe die Ehre, Herr von Abeles!" Denk machte seine Verbeugung und verließ das Zimmer. Er verhehlte sich'S nicht, daß er diesen vortheilyaften raschen Abschluß nur seinem Aufenthalte in London und seiner ausländischen Praxis verdankte. Als Einheimischer hätte er, auch wenn er ebenso tüchtig gewesen wäre, wahrscheinlich nichts erreicht. Jetzt hatte er eine Stelle, ein sicheres, hinreichendes Aus- kommen, er fühlte sich sehr glücklich darüber. Jetzt konnte er eine Familie ernähren, er konnte Heirathen. Und hatte er nicht auch einige Ersparnisse? Sie reichten für die erste Einrichtung; o, er durfte schon daran denken, eine Frau zu nehmen, wenn diese auch gar nichts mitbrachte, wenn sie auch ganz arm war; und er dachte nur an eine solche. Als er über die Treppe herab- stieg, sumnite er in seiner Herzensfreudigkeit ein Liedchen, es war das alte:„Du, du liegst mir im Herzen." Auf der Hausflur begegnete er Hilpert. „Endlich finde ich dich, mein Alter," rief er.„Kannst du dir einbilden, was ich für ein hirnloser Kerl bin? Führst du mich gestern vor Mariens Haus, und heute kann ich's nimmer finden, keine Möglichkeit." „Teufel noch einmal, gestern diese Ungeduld, und jetzt ist's Mittag, und du warst noch nicht bei ihr? Haha! Das ist nicht schlecht." „Wenigstens habe ich meine Zeit nicht verloren, ich habe indeß für mein künftiges Glück vorgearbeitet, ich habe mir Arbeit verschafft. Achtung, Bursche, und etwas mehr Respekt künftighin!" Und Denk lachte bei diesen Worten ganz übermüthig.„Ich bin Werkführer, technischer Dirigent in der berühmten, ausschließlich privilegirten Maschinenfabrik deö Herrn von Abeles und Kompagnie. „Wetter, ist das möglich? Denk, du Glückskerl, ich gratulire." „Liebster Freund, jetzt nur die Adresse. Marie wohnt?" „Mühlgasse Nummer achtundzwanzig. Aber erzähle mir doch..." „Ich danke dir, Bruderherz! Adieu!" Er war fort, ehe sich's Hilpert versah, der mit offenem Munde dastand und ganz verblüfft dreinschaute. Die Fabrikglocke schlug Zwölf. Auch von den nahen Kirch- thürnien tönte Mittagsgeläute, ein energischer Mahnruf an Denk's Magen, für den es eigentlich schon lange Mittagszeit gewesen. Der arme Bursche hatte gestern Abend wenig, heute noch gar nichts zu sich genommen, der Hunger wühlte in ihm.„Es „Oculi— da kommen sie!"(Seite 444.) Wenn der Schnee von den Bergen thaut, die Wald- und Wiesenbäche anschwellen und brausend in das Thal sich ergießen, der Haselstrauch seine Bliithen entfaltet und die Kätzchen der Sahlweiden schüchtern aus der braunen Winterhülle hervorschauen, dann regt es sich in der gesammten Natur, überall weht uns frisches, fröhliches Leben entgegen. Die Frösche im Weiher steigen aus ihrem schlammigen Winterbett, gucken neugierig aus dem Wasser heraus und begrüßen mit schüchternem Quaken den begin- nenden Frühling. Der Staar kehrt von seiner Winterreise zurück, am Ufer des Wiesenbaches führt die Bachstelze ihre graziösen Tänze aus, hüpft auf den Steinen am Uferrande umher und sucht mit schnellem Sprunge ein lustiges Mücklein zu erhaschen. Alles ist lebendig. Der Reiher fliegt mit rauschendem Flügelschlage über's Schilfrohr dahin, die Lerche versucht ihre ersten Trillerübungen, und von der First des Scheunen- daches läßt das Rothschwänzchen sein wehmüthiges Lied erschallen. Diese Zeit ist es, die jeden rechten Waidmann mit besonderer Freude erfüllt. Bei Tag und Nacht läßt es ihm nicht Ruhe, mit dämo- nischer Gewalt zieht es ihn hinaus in's Freie. Und verdenken können wir ihm seine Unruhe nicht, denn die heißersehnte Zeit des Schnepfen- zuges ist herangekommen. Allabendlich, so lang der Zug dauert, eilt der Jagdfreund hinaus, um auf dem Anstände das leckere Wild zu er- legen. Selbst der treue Hühnerhund scheint die Zeit kaum erwarten zu können, bis der Abend dämmert und es hinausgeht in den würzig duftenden Wald. Vor einem Fichtendickicht macht der Jäger unter einer alten Tanne Halt. Schon ziehen die Sterne allmählich am Frühlings- Himmel herauf, die Vögel des Waldes lassen hier und da, wie im Traum verloren, noch ihre Stimme erschallen, dann breitet sich stille Ruhe und süßer Friede über Wald und Au! Die hehtf» Schönheit der Natur kommt in diesem Augenblick am meisten zur Gellung, aber der eifrige Jäger hat kaum Zeit, derselben seine Aufmerksamkeil zu schenken. Gespannt achtet er auf jedes Geräusch, nicht der leiseste Ton entgeht seinem lauschenden Ohr. Mit leisem Flügelschlage zieht Plötzlich die Schnepfe heran, das Männchen dicht hinter dem Weibchen. Schnell erhebt der Jäger das tödtliche Rohr � und donnernd hallt der Schuß durch die stille Einsamkeit. Mit glückseligem Gesicht sieht der Jäger das Weibchen fallen, während das Männchen diesmal noch dem tödten- den Blei entgeht. Die Zeit des Schnepfenstrichs ist nur eine kurze. Im Frühjahr besuchen sie uns auf einige Zeit, um nach dem Norden zu ziehen und dort den Sommer über zu bleiben. Ein zeitiger Frühling führt sie oft schon im Februar in unsere Gegenden, meist treffen sie jedoch erst im März ein, sodaß der alte Jägerspruch: „Remiiri8cere— nach Schnepfen suchen geh! Oculi— da kommen sie! Lnctare— das ist das Wahre! .Tmlica— sind sie auch noch da! Palmarum— gehen sie trallarnm! Quasiraodoffeniti— halt, Jäger, halt!— jetzt brüten sie!" Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.— ist eigenthümlich, und es macht mich ungeduldig," sagte er zu sich, daß ich jetzt, wo ich endlich erreichen soll, was ich so heiß verlangt und ersehnt, noch vorher essen gehen muß. Es nützt nichts, der Mensch muß seine Maschine in Gang erhalten, ob freudig, ob schmerzlich erregt, der Tyrann.Hunger' fragt nichts darnach." Er trat in eine Restauration und aß mit gutem Appetit. Die düsteren Ahnungen von gestern Abend waren gewichen und hatten einer heiteren, zuversichtlichen Stimmung Platz gemacht. DaS Glück war ihm heute schon günstig gewesen, er fühlte jetzt doppelte Kräfte, doppelte Fähigkeit, Vater und Tochter von Armuth und Elend zu befreien, und sich und Marie glücklich zu machen.— Es war Ein Uhr, als er den dritten Stock des Hauses Nummer achtundzwanzig in der Mühlgasse erstiegen hatte. Er klopfte an die ihm bezeichnete Thüre. „Es ist offen, nur herein!" hörte er rufen. Er öffnete und trat rasch ein.— Ed er bewohnte mit seiner Tochter ein einziges kleines Zimmerchen, das von einer größeren Wohnung abgetrennt war. Denk fand den Alten im Bette, Marie nicht anwesend; er bemerkte zugleich die außerordentliche Dürftig- keit daselbst: zwei Betten, ein Tisch, zwei Sessel und eine alte Truhe, ein wurmstichiges, längst ausgedientes Möbel, das viel- leicht lange Jahre hindurch auf dem Dachboden gestanden hatte, und nun wieder zu der Ehre gekommen war, die geringen, aber sämmtlichen Habseligkeiten eines hübschen Mädchen zu bergen; daS war Alles, was sich seinen Blicken darbot, die alte Schwarz- Wälder Uhr nicht zu vergessen, die auch noch an der Wand hing und sehr melancholisch tickte.(Fortsetzung folgt.) sich fast immer bewahrheitet. Im Herbst berührt die Schnepfe gewöhn- lich im September unsere Heimaih, doch dauert der Zug oft den Oktober durch und sogar bis in den November hinein. Mit keinem andern europäischen Vogel ist die Waldschnepfe zu ver- wechseln. Ihr über drei Zoll langer, an der Spitze abgestumpfter Schnabel, der kleine, fast eckige Kopf und die nahe beisammen liegenden Augen machen sie vor allen andern kenntlich. Der Oberrücken ist mit einem rothbraunen Federkleide geziert, durch das sich schwarze Quer- binden ziehen. Hier und da sieht man auch weißliche und schwarze Flecken, sodaß die Bekleidung eine wirklich schöne zu nennen ist. Der Schwanz und der linterrücken ist rostfarben und mit einzelnen schwärz- lichen Querbinden durchwirkt. Die Brust, die Kehle und der Bauch sind etwas heller gefärbt. Ihr Aufenthalt sind schattige Wälder und buschige, feuchte Wald- ränder, doch ist sie niemals an nassen Orten anzutreffen, außer im Frühling, wo man sie hier ihrer Nahrung nachgehen sieht. Letztere besteht aus Würmern, Maden, Insekten u. s. f., die sie im modernden Laube, selbst im Unrathe der Rinder und Pferde aufsucht. Sehr inter- essant ist es, sie bei der„Aesung" zu belauschen. Ihren langen Schnabel versenkt sie in die Erde und dreht sich dann im Kreise um denselben herum, wobei sie ein schnurrendes Geräusch hervorbringt, durch welches die Würmer aus ihrer Ruhe aufgestört werden. Erblickt sie einen fetten Bissen, so verschwindet er augenblicklich in ihrem stets freßlustigen Magen. Längere Regenwürmer zerstückelt sie erst, ehe sie dieselben verzehrt. Wie schon bemerkt, nistet die Schnepfe in nördlichen Gegenden, doch trifft man sie auch in den größeren Gebirgswaldungen des Harzes und Erzgebirges. Im Grase versteckt, scharrt das Weibchen eine kleine Vertiefung, häuft einige Reiser und Halme um dieselbe und legt vier bis fünf blaßgelbe, braunrolh gefleckte Eier hinein. Das Weibchen brütet allein, und meist schlüpfen die Jungen am 16. Tage aus den Eiern. Sie sind sogleich fähig, der Mutier überallhin nachzufolgen. Auch der Vater widmet jetzt seiner Familie die größte Aufmerksamkeit. Unsere Illustration führt uns das Familienleben der Waldschnepfe in anmulhigster Weise vor. Die Sorge für das Wohlergehen der jungen Brut ist auch keine geringe, denn der Erzschelm Fuchs, der lüsterne Marder und der mordgierige Iltis stellen ihr sehr nach. Die flüggen jungen Schnepfen finden sich später zusammen, um gemeinsame Flug- Übungen anzustellen. Man sieht sie dann oft in größerer Anzahl bei- sammen. Der Mensch sieht in der Schnepfe einen leckeren Bissen und stellt ihr deshalb mit Schlingen, Garnen und Dohnen nach. Die angenehmste Jagdari ist aber der Anstand, von dem wir unsern Lesern im Eingänge einige Andeutungen gemacht haben. Im Herbst sind die Schnepfen am fettsten, namentlich die Nachzügler, die aus diesem Grunde sehr ge- mächlich weiterziehen. Hugo Sturm. Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.