Zllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. il« 51.]-—--[1876 Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Im Sanne Mammons. Neuntes Kapitel. Du magst ein Lump sein durch und durch: aber du kannst dir wohl Villen und Paläste erbauen— und gehörst zu den „angesehensten" Persönlichkeiten der Stadt. Die Menschen sind ja noch dumm und niederträchtig genug, um die einem Menschen zu zollende Achtung sehr oft nach dessen äußerem Besitz zu bemessen. Von dem Dienste der Wahrheit aber allein kannst du nicht leben; die Wahrheit bezahlt schlecht. Mit dem Bewußtsein allein, ihr zu dienen, mußt du dich begnügen, und tiefe Qualen in dem Innersten des Herzens gibt sie dir noch dazu. Bei den Menschen wird dir, falls du der Wahrheit Jünger bist, in den meisten Fällen Verachtung, Armuth und— Kerker. Auch Sigismund Hagen, der brave, junge Mann, erreichte mit seiner selbstlosen Liebe zur Wahrheit nicht viel. Von Ent- täuschung gelangte er zu Enttäuschung; alle seine Versuche, sich Bahn zu brechen und seiner Stimme Geltung zu verschaffen, mißglückten. Unsere Zeit liebt blos wankelmüthige Querköpfe, nicht selbstständige Charaktere; sie begreift blos die Mittelmäßig- keit, aber nicht den eigenartigen Geist, blos die Schmiegsamkeit, aber nicht den Charakter. O, einst, wie hatte Sigismund geschwärmt und gehofft!— Wie viele leuchtende Luftschlösser hatte er sich erbaut!— Wenn er damals sah, wie in seinem Vaterstädtchen die un- bedeutendsten Menschen vermöge einer in den Augen der Philister hervorragenden Stellung sich spreizten und hochmüthig geberdeten, während er, mit der heiligen Flamme des Genius in der Seele, unbeachtet an ihnen vorüberging— denn er war ja nur eines Maurers Sohn!—, so Hütte er sarkastisch gelächelt, und in seiner Seele hatte es gejubelt und gejauchzt: O, ihr Armseligen! Wenn euer Gebein lange vermodert und von den Würmern zerftessen, lebt noch, was mein Geist geschaffen, den Menschen eine Leuchte!— Wie ganz anders war das gewesen, als er bald nach dem Besuche, den er mit Johannes Sollmans bei seinen Eltern aus- geführt, wieder heimkam, mit krankem Körper und gebrochener Seele!— Er besaß gewiß eine gesunde und kräftige Natur; aber wenn er sehen mußte, wie man der Wahrheit täglich, stündlich, Hohn- 1- 2S.«**, 1876. lachend in's Gesicht schlägt, während er sich all' diesem Greuel� gegenüber ohnmächtig fand, so darf es nicht befremden, daß seine Seele in eine Aufregung, ja, in einen wahren Aufruhr gerieth, der auf seine Nerven die schädlichste Wirkung ausübe» mußte.— Es gab nur noch eine einzige Rettung für ihn, nur eine einzige Stätte, wo seine Stimme nicht ungehört verhallen würde: unter den Fahnen der Sozialdemokratie. Denn hier allein ist in dieser unseligen Zeit noch eine Zuflucht für die Streiter, welche rücksichtslose Wahrheit auf ihr Panier geschrieben. Lange hatte Sigismund mit sich gekämpft. Er dachte dabei weniger an sich als an die Seinen. Für ihn war ja nach seiner Meinung ein Stück Brot genug bei dem Bewußtsein, für die Wahrheit zu kämpfen und nöthigenfalls zu sterben. Aber die Eltern hatten ihm ihr ganzes, kleines Vermögen zum Opfer gebracht; er wußte nun nicht, ob er sie je wieder werde dafür entschädigen können. Denn wer sich vor der Welt offen einer Partei anschließt, die der herrschenden Weltordnung Krieg kündet und den Humbug in jeder Gestalt bekämpft, der hat— und wenn er es auch noch so ehrlich meint— heutzutage wenig Aussicht auf materiellen Erfolg.— Nun war es entschieden: Sigismund wollte nach seiner Ge- nesung in die Reihen der Sozialdemokratie treten. Ein ehren- werther Platz im Kampf um Gerechtigkeit und Freiheit, dachte er, muß doch am Ende noch mehr werth sein, als äußere Gaben, die man den Seinen spendet. Viele Menschen lachen über eine so„unpraktische" Maxime; aber wenn es bei Nacht und Tag in flammender Riesenschrift am Himmel zu lesen wäre, was des Menschen wahrer Werth und des Lebens höchster Zweck: diese Sorte von Menschen würde immer noch lachen.— Uebrigens fand Sigismund bei den Seinen, besonders bei seinem Vater, durchaus nicht einen Standpunkt, der von dem, welchen er im innersten Herzen schon längst eingenommen, sonder- lich verschieden gewesen wäre. Die Wirkung des allgemeinen Schwindels hatte sich auch bis in die kleine Vaterstadt Sigismund'? erstreckt, und die alten Leute daselbst sagten unaufhörlich:„Weiß Gott, was aus der Welt noch werden mag!"— Der Vater Sigismund's, welcher schon wiederholt und bereits friiher Geldverluste erlitten hatte, war infolge dieses Umstandes wieder um einen beträchtlichen Theil seines Vermögens gebracht worden, und hatte mehrere Pro- zesse angestrengt, um wieder zu seinem Eigenthum zu gelangen. Daß das Recht auf der Seite des Maurers sich befand, war ersichtlich. Aber jene Prozesse zogen sich, weil der Civilweg vor dem Kriminalweg betreten werden mußte, bedeutend in die Länge, und verursachten dem ehrlichen Aianne vor der Entscheidung viele Kosten. Die Verhandlungen gingen in gewohnter Langwierigkeit ihren Gang. Ein Kostenanschlag nach dem andern lief ein, und das Herz der ohnehin schon nicht mehr gesunden Mutter Sigismund's wurde dadurch auf das tiefste erbittert und empört. Der Vater vermochte, die Angelegenheit noch mit mehr Ruhe ihren Lauf nehmen zu lassen. Die Juristen pochen auf das Gesetzbuch und wägen mit kalter Ruhe alle Punkte ab. Man darf bei dem sogenannten gewöhn- lichen Manne nicht dieselbe Ruhe, denselben Gleichmuth voraus- setzen. Bei diesem spricht der praktische Verstand und das ehrliche Herz, und alle Klauseln und Floskeln der Assessoren, Advokaten, wenn sie an sich auch noch so begründet wären, vermögen diese nicht zu beschwichtigen. Sigismund war klug genug, um zu wissen, daß sich an dem nun einmal bestehenden Gesetzesbuchstaben nichts ändern lasse; aber er gerieth in zornige Aufregung, wenn er den Gerichtsboten mit einem neuen Kostenzettel in das Zimmer treten sah und wahrnahm, wie sehr die Gesundheit der Mutter dadurch litt. „Zum Teufel",— sagte er dann manchmal zu sich selbst, von der Gluth seines Herzens übermannt und schon so durch seine Nervenkrankheit äußerst reizbar,—„zum Teufel mit all' eurer Klugheit, mit eurer.Gerechtigkeit', mit eurem langweiligen Civilprozeß vor dem Kriminalprozeß,— zum Teufel damit, wenn sie das Herz meiner Mutter brechen! Ihr könnt mir sie wahr- lich nicht wieder aus der Erde graben, wenn es ihr das Leben gekostet!"— Man kann darüber verwundert den Kopf schütteln; aber wer einmal in einer ähnlichen Lage gewesen, wird dies verstehen. Es ist auch ganz begreiflich, daß unter solchen Umständen die sozialdemokratischen Ideen Sigismund's bei den Eltern bedeutende Sympathie fanden. Nur war es eine andere Frage, ob die letzteren auch billigten, daß Sigismund seine Prinzipien und Meinungen öffentlich bekannte, daß er sich vor aller Welt einer Sache anschloß, welche Dummheit und Niedertracht täglich mehr mit Schmutz zu bewerfen sich mühen, ohne in den meisten Fällen zu wissen, was sich hinter der Devise des Sozialismus in Wirklich- keit verbirgt. Sigismund's Vater war ja, wenn auch in seinen Anschauungen ungleich freier als der größte Theil seiner Mit- Philister, doch ebenfalls ein Bürger von Hinterkrähwinkeln, und als solcher wollte er doch noch nicht das rechte Interesse die wahre Begeisterung für daS allgemeine Wohl empfinden. Er war ein„praktischer", erfahrener Mann, und nach seiner Meinung sollte Sigismund zuerst bemüht sein,„sein Schäfchen in's Trockene zu bringen".— Das Bewußtsein, er werde seine Eltern betrüben, wenn er ganz und ohne jede Nebenrücksicht nur seinen Ueberzeugungen lebe, mochte immer noch nicht schlafen, und dieses beunruhigende Be- wußtsein wirkte nicht wenig dazu, daß sich sein leidender Zustand immer mehr verschlimmerte. Mit trauriger Miene saß er daheim, sich meist, soweit es seine Gesundheit gestattete, mit nationalökonomischen und volks- wirthschaftlicheu Arbeiten beschäftigend, und nur des Nachmittags, wenn schon der Abend nahte, konnte man ihn täglich die engen Straßen des Städtchens in'S Freie wandeln sehen. Die Klatschereien der redseligen Spießbürger kümmerten ihn wenig. „Weißt du, Jeremias, der kleine Hagen ist wieder da!" „Jawohl, Christlieb, ich sah ihn gestern über die Straße gehen!" „Er kann wohl keine Stellung bekommen,— denke dir, Jeremias, so viel Geld wie er kostet,— und er findet keine Stellung!" „Nun, wie soll eS anders gehen, Christlieb!— Er hat eben andere Sachen getrieben, als die, welche er treiben sollte,— lieber Verse gemacht als studirt,—— und dann: seine ver- kehrten Ansichten!" „Ja, die!— Da hat nun der Alte so viel Geld an ihn gewendet—" „Verschwendet! mußt du sagen, Christlieb!" „Hätte er den anderen Kindern davon gegeben!— Es geschieht ihm ganz recht!"— So redeten diese Krähwinkler in ihrer erstaunlichen Beschränkt- heit und Kurzsichtigkeit,— diese, nur das Alltägliche denkenden Leute, welche nichtsdestoweniger meinen, allen Verstand der Welt in ihren hohlen Köpfen zu beherbergen. Setzt man sie zur Rede, so pochen sie auf ihre reiche„Erfahrung"; daS bekannte„Durchmachen, was ich durchgemacht habe," wiederholt sich immer und ewig, und sie nehmen sich voll Selbstbefriedigung eine Prise,— und damit ist— etwas bewiesen.— Was konnten jene Klatsche reien Sigismund am Ende kümmern?— Es war nun die Zeit, wo schon zuweilen die Lüfte milder wehen und es drinnen im Walde schon leise zu sprießen und zu sprossen beginnt, und die voreiligen Sperlinge, die sich in die Bauten der heimkehrenden Staare geflüchtet, flogen gar schon hinaus in's Freie, zu den Bäumen und Feldern. O, du selige Zeit, wo das Herz fühlt, daß der Frühling kommt!— Da stieg in Sigismund's Seele ein leises, süßes Ahnen auf von nahenden, sonnigen Tagen, und er bekam neuen Lebensmuth und konnte für Augenblicke all' sein Leid vergessen. Und wenn er das blühende Mädchen, das nicht weit von dem Vaterhause wohnte, und so klug zu reden verstand,— wenn er sie mit den treuherzigen Augen lächeln sah, war es ihm vollends, als müsse cS bald, recht bald Frühling werden. Sigismund liebte dieses Mädchen vielleicht noch nicht; aber es ist so süß, wenn die Seele von wilden Stürmen aufgerüttelt wird, holden Träumen sich hinzugeben,— zu träumen, daß sie mählich wieder zur Ruhe kommt, und daß über die glatte Fläche der leichte Kahn gleitet, welcher hinführt zu einer sonnigen Zu- kunft, zu Glück und Seligkeit.— Die Liebe zu diesem Mädchen konnte der Stern seines HeileS werden, und wenn es ganz still war um ihn, so ganz still, tief in der Nacht, da war eS Sigismund zuweilen, als liebe er wirklich Margarethen. Aber lieber— Gott! Er durfte sie ja nicht lieben,— kein„stilles Leben führen, wo ihr Odem weht", und wenn es manchmal süß, so recht süß in seiner Seele lispelte von den fernen Gärten, in denen die Palmen rauschen und die Lotos- blumen blühen, und die Rosen sich heimlich duftige Märchen erzählen,— wenn die Schwärmereien seiner frühen Jugend wiederkehrten: dann zuckte Sigismund zusammen, und eS war ihm, als ob er Trommeln wirbeln hörte und die Flinten knattem und die Säbeln rasseln: Auf, auf zum Kampf!— Nicht für Königsthrone,— zum heiligen Kampfe für das Wohl der Mensch- heit, für der Wahrheit ewigen Sieg!— Ja, handeln mußte er, handeln!— Wenn er es nur ver- mocht hätte!— Aus einer sich stets gleichbleibenden Abspannung erwuchs eine ernste Krankheit, welche Sigismund schon seit drei Wochen an das Bett fesselte.— Die Besorgniß des Vaters und die Angst der Mutter lassen sich nicht beschreiben. Die Mutter, eine fromme Seele, flehte unablässig und in- brünstig zum Himmel; aber, ach! was geht es den Himmel an, wenn ein Mensch auf Erden stirbt, wenn der Tod schmerzerfüllten Eltern ihr Alles raubt?— Ihr wißt doch: wenn der„liebe Gott" sich um AlleS auf der Erde bekümmern wollte, so müßte es hier um Vieles anders aussehen.— Am Abend des letzten März— grade an einem Freitag— verbreitete sich die Nachricht von dem Tode Sigismund Hagen's durch das Städtchen, und diesmal war eS nicht bloS eine Klatscherei der Nachbarn und Gevattern: ein plötzlich eingetretener Herz- und Gehirnschlag hatte das junge Leben beendet. Die Stirn des Todten umwand ein Lorbeerkranz,— der einzige Lorbeer, der dem einst so kühn Träumenden zugefallen. Das schöne Mädchen mit den treuherzigen Augen hatte ihn ge- spendet. Der mit Blumen überhäufte Sarg ward zur Friedhofs- thür hineingetragen,— und Sigismund Hagen war für die Welt nicht mehr vorhanden. Laßt mich nicht bei dieser Erinnerung verweilen, denn sie übermannt meine Seele: die Edlen mögen siebern und sterben, die Lumpen mögen prassen und leben!— O, wie elend ist doch die Welt!— Ich glaubte, der Schmerz um den theuren Geschiedenen müsse der Mutter das Herz vollends brechen,— es geschah nicht.— Ihr Leid war unaussprechlich; immer und immer wieder hatte sie das bleiche Antlitz mit ihren Küssen bedeckt, und sie wäre am liebsten selbst mit in das Grab gesunken, als man den Leichnam des Sohnes hinuntergleiten ließ. Doch, es ist seltsam, daß manche Leute grade bei so schweren Schicksalsschlägen den Glauben an ein einstiges Wiedersehen festzuhalten vermögen; die Mutter Sigismund's gehörte zu diesen Leuten. Den geliebten Sohn einst wieder zu schauen, war ihr einziger Trost, an den sie sich mit ganzer Seele klammerte. Und wenn sie sich damit trösten konnte: nun— eS fei ihr gegönnt. Der Vater dachte anders, er hielt den Glauben an'S Jenseits für Thorheit; aber so verschieden die Ansichten der beiden Gatten in dieser Beziehung, der Schmerz um den gestorbenen Sohn war gleich tief bei ihnen. Es war unsäglich traurig anzusehen, wenn Sigismund's Bater, dessen Haar in wenigen Tagen ergraut, dem Friedhof zu- schlich, um am Grabe des Sohnes, mit dem all' seine Hoffnung geschwunden, zu knieen und heiße Thränen in den Bart rinnen zu lassen,— noch trauriger, wenn die Mutter sich leichenblaß über den Hügel warf und ein Blumentöpfchen nach dem andem in die Erde stellte; ein schönes Bild aber war es, wenn man sah, wie beim Frühlingshauch eine weiße, feine Mädchenhand einen aus Veilchen und Mprthe gewundenen Kranz auf das Grab des Theueren legte, auf das Grab dessen, zu dem dieses Mädchen, als zu dem Edelsten, den sie je gesehen, eine tiefe Neigung ge- faßt. Ihr kennt das Mädchen.— Hätte der arme Sigismund ihre Liebe gekannt!— „Siehst du, Jeremias, da haben wir's!— Was nützt nun das Geld, welches Hagen an seinen Sohn gewendet?" „Ja, Christlieb, mit dem einen ist alles begraben worden, und die anderen fünf Kinder mögen sehen, woher sie EtwaS bekommen!" „Ganz recht hast dn, Jeremias, ganz recht!— Und weißt du auch, daß Hagen seinen letzten Prozeß verloren hat, daß wieder neunhundert Mark in den Wind sind?" „Ist doch nicht möglich, Christlieb, nicht möglich!— Das Recht lag doch klar da!" „Ja, das Recht!— Aber der Mann, der ihn um diese Summe betrogen, hat einfach nichts besessen, und wo nichts ist, hat der Teufel bekanntlich sein Recht verloren!" „Oder jener Mann hat nichts besitzen wollen, Christlieb!— O, die Advokaten, die Advokaten!" Und Jeremias hatte nicht unrecht. Denn die großen Spitz- buben wissen ihre Sache klüger zu führen, als es der gesunde Menschenverstand des gewöhnlichen ehrlichen Mannes vermag. Was fragt noch Jemand darnach, welch' ein Elend, welcher Kummer nun auf der Familie des Maurers lastete?— Er hat ganz einfach seinen Prozeß„von Rechtswegen" verloren, und damit Punktum. Der Bescheid war in glatter Form abgefaßt,— in jener Form, welche ein gekränktes Herz nur noch tiefer verwundet. Genug, die zwei alten Leute waren nun des letzten Restes ihres kleinen Vermögens beraubt und in Schulden verstrickt. Die Mutter ist vier Wochen nach dem Tode des Sohnes diesem in das Grab gefolgt.— Zehntes Kapitel. Herr Margentheim war natürlich nicht wenig erstaunt, als seine Tochter ihre Enthüllungen begann. Sie hatte ihr Herz lange genug gefangen gehalten, die arme Gertrud; jetzt ließ sie rückhaltslos der Rede Strom fließen, um dem Vater alles, alles zu entdecken. Der alte Margentheim hörte aber sehr gleichgiltig an, was Gertrud ihm von dem Be- suche des alten Grafen von FelderSberg bei seinem Sohne er- zählte, was sie ihm von dem Verhältniß des Grafen zu Ludmilla enthüllte,— dagegen konnte er nicht Worte genug finden, um sein Erstaunen über die Flucht Gertrud's auszudrücken. Und nun kamen ihm wieder gewohnte Redensarten früherer Tage, und er sagte mit emstem Pathos: „Aber Gertrud! Der gute Ruf unseres Hauses,— dein eigener Ruf,— der des Grafen!" Seiner Rede zufolge hatte Gertrud gar keine Veranlassung, von dem Grafen zu scheiden: sie mußte von vornherein wissen, was in einem„großen Hause" alles geschieht, was dort alles für erlaubt gilt;— du lieber Gott! wie mancher Graf hat seine Maitresie, und die Gräfin bleibt doch die erlauchte Frau Gräfin. „Gertrud, du hast vergessen, was zum guten Ton gehört!"— Der Himmel weiß, was Herr Margentheim unter„gutem Tone" verstand; aber er nannte es„guten Ton". Und Gertrud wollte diesen„guten Ton" durchaus nicht lernen. Selbst wenn Herr Margentheim, seine Moralpredigten erfolglos sehend, zuweilen heftig ward, hielt sie an ihrem Entschlüsse fest. Im Grunde entschuldigte auch Herr Margentheim mit diesem „guten Tone" nicht soviel, als es der Fall zu sein schien. Denn, obgleich bei ihm von Ehrgefühl und Charakterselbstständigkeit nicht viel mehr die Rede war, regte sich doch in der Tiefe seiner Seele ein gewisser Unwille, als Gertrud den Vorwurf des alten Grafen gegen seinen Sohn, daß dieser eine„Bürgerliche, die Tochter eines heruntergekommenen Banquiers", geheirathet, erwähnte:— war nicht die Gemahlin des Grafen trotzdem die einzige Tochter des Banquiers Reinhold Margentheim, stammte sie nicht aus einem Hause, dessen früherer Glanz und Schimmer dem eines gräflichen wahrlich nichts nachgab?— Und dann besaß der„feine Mann" doch noch Herz genug, um wenigstens.in diesem Falle einigen Antheil an dem Geschick seiner Tochter zu nehmen. Der geheime Unwille, welcher so in der Seele Margentheim's platzgriff, ließ auch daö Verdammungsurtheil über Gertrud nicht allzu hart und schroff werden. Aber er mußte doch seine Tochter zur Rückkehr zu bewegen suchen; denn das Geld des Grafen ermöglichte ja dem Banquier Margentheim, wieder kleine Geschäfte an der„Vorbörse" zu machen, die bis jetzt wenigstens insoweit geglückt waren, als sie zur Fortsetzung seines immer noch ver- schwenderischen Lebens etwaS mithalfen. Ein kalter Schauer durchrieselte alle Glieder der armen Gertrud, wenn sie daran dachte, wieder in das Haus des Grafen zurückkehren zu müssen,— ja selbst, wenn sie überlegte, gezwungen zu sein, wieder innerhalb jenes glänz- und prunkvollen Treibens zu weilen, aus dem sie, wie von Dämonen gepeitscht, eben ge- flohen;— das unverdorbene Wesen Gertrud's siegte wieder nach einer langen Nacht des Rausches und des Taumels. Nur ein Gedanke erfüllte ihr ganzes Sein: sie mußte wissen, was mit Johannes geschehen,— ob er ihr zürne,— ob er sie verachte,— um Verzeihung mußte sie ihn bitten, tausendmal, und ihm alles sagen, was bisher nimmer aus der Tiefe ihres Herzens entflohen. Dann mochte er sie von sich stoßen oder versöhnt wieder zu sich emporziehen: gleichviel, er wußte dann, daß sie nicht ganz schuldig war, und daß sie ihn nie vergessen konnte. Wie aber sollte sie eine Annäherung herbeiführen?— Darüber brütete sie ohne Aufhören. Sollte sie ihm schreiben? — Aber, war es möglich, in todte Worte zu kleiden, was sie empfand, was ihre ganze Seele beschäftigte?— Würden die Worte nicht viel zu wenig beredt sein?— Konnten sie ihn nicht kalt lassen, die todten Buchstaben,— ihn, den so schwer Be- leidigten?—— 504 Zttrdinand Areitigralh. Mir die„Rkur Welt" gezeichnet und geschnitten.(Seite SIS.) Manchmal hatte sie daran gedacht, kühnen Muthes sich selbst zu Johannes zu begeben, und oft war es ihr schon gewesen, als ob der Boden unter ihren Füßen brenne,— als ob eS sie fort- dränge, zu ihm treibe, damit sie vor ihm auf die Kniee falle und Verzeihung erflehe.— Aber das war in den Augenblicken höchster Aufregung,— eine heimliche Scheu ließ sie immer wieder vor diesem Schritte zurückschrecken. Es gab also nur ein Mittel. Mochte es verfangen oder nicht: versuchen mußte eS Gertrud. So schrieb sie denn mit zitternder'Hand t „Johannes, meine ganze Seele gehört Dir!— Man hat mich verhandelt, verkauft. Kluge ü eil i;.i; mich in ihre Netze gelockt. Johannes, verzeihe mir, ver eine mir!— Nie habe ich Dein vergesien, so sehr auch der Schein gegen mich spricht. Und oh! was habe ich Deinetwegen erduldet!— „Ich bin nicht mehr die Frau des Grasen,— und, ich werde nie wieder seine Frau sein! Meine ganze Seele drängt zu Dir, zu Dir!--" Ich kann auch nicht sagen, welch' ein Gefühl Gertrud durch- bebte, als sie diesen Brief zur Post trug: Reue, Scham und Angst hatten ihr tiefstes Herz erfüllt. WaS wird er thun, wenn er diese Zeilen gelesen?— Das war nun der einzige Gedanke Gertrud's, und der Vater mochte jetzt Reden halten, so lang er wollte; jetzt konnte er nur sie, nicht ihre Mutter mehr belästigen,— und sie hörte es fast nicht mehr.— 506 Eine Modewanrenhandlung, mit welcher sie bereits früher in Verbindung gestanden, hatte ihr Arbeit verschafft,— und die erlauchte Frau Gräfin Gertrud von FelderSberg säumte jetzt wieder Schleier und nähte Kinderhäubchen. Wie sie hoffte, bangte, harrte!-- Er schien recht lange Zeit zu brauchen, um die wenigen Zeilen zu lesen: seit acht Tagen bereits war der Brief ab- gesandt.— Oder sollte Johannes Berlin verlassen haben,— sollte er vielleicht noch gar nicht wieder von seiner Reise zurück- gekehrt sein,— war am Ende seine Adresse eine andere ge- worden?— Daran hatte sie in ihrer Aufregung bisher gar nicht gedacht.— Aber richtig: Da stand es im Adreßbuch, welches auf dem langen Ladentisch jener Modewaarenhandlung lag, ganz deutlich stand es da zu lesen:„Baumeister Johannes SollmanS, �"�straße Rr. 16, 2. Etage."— Gertrud verging fast vor ängstlicher Erwartung. Denn wenn sie auch gezweifelt, daß ihre Worte auf Johannes den gewünschten Eindruck hervorbringen würden, so hatte es in ihrem Innern doch wieder gerufen: Er kann dich nicht verwerfen, wenn nur noch ein Funken von seiner aufrichtigen, großen Liebe in seiner Seele glimmt,— er kann dich nicht verwerfen!— Diese Erwartung versetzte ihre Seele in eine furchtbare Spannung. Aber, wenn er sie wirklich vergessen hätte, wenn er sie wirklich verschmähte!— Und sie hatte ihm doch nun gesagt, waS in ihrer tiefsten Seele lebte!— Das Gefühl tiefster Scham stei- gerte sich immer mehr, und dieses, verbunden mit stets wachsender Angst, brachte ihr Wesen in eine unsagbare Auftegung, in welcher sie zu allem fähig gewesen wäre. Wissen inußte sie, waS Johannes dachte,— um jeden Preis mußte sie das wissen, und wenn sie zu seinen Füßen sterben sollte!-- Als Johannes die Nachricht von der in stetem Steigen be- griffenen Krankheit seines Freundes Sigismund Hagen erhalten, war er sofort nach dem Heimatsort desselben geeilt: es war ja sein bester Freund, der in Gefahr schwebte. Die Umstände, die gemeinsamen Erfahrungen hatten sie, die einander anfangs ferner Stehenden, eng zusammengekettet. Nur sechs Tage war es Johannes vergönnt gewesen, an dem Lager des Kranken zu wachen,— sechs schwere, schmerzvolle Tage; denn aus den Fieberphantasien Sigismund'S hatte all' der Gram, der feine Seele zerfraß, in ergreifender Weise gesprochen. Und dann,— welch' schwere Arbeit war es gewesen, die armen, hoffnungslosen Eltern zu trösten, so lange, als er noch bis zum Begräbniß des Freundes in dem Städtchen geweilt. Heute, an einem Apriltage, kehrte Johannes vom Grabe Sigismund'S nach der Hauptstadt zurück. Er kam eben vom Bahnhofe. Dort schritt er im schwarzen Traueranzuge; auf seinem Antlitz war der bitterste Schmerz zu lesen. So hatte also auch er sterben müssen, der Brave, der Edle; die Lumpen können leben,— die Ehrlichen mögen sterben.— Mit Sigismund war der Einzige geschieden, dem er sein Herz noch rückhaltslos vertrauen konnte, ein Gefühl grenzenlosen Verlassenseins überkam �seine Seele. Dieselbe Stadt mit ihrem Schmutz und Koth, die ihm sein Theuerstes geraubt, sie hatte ihm nun auch den liebsten Freund hinweggenommen. Denn hätte Sigismund nicht in der Residenz gelebt, wo Glanz und Elend so hart aneinander streifen, wo Humbug und Hallunkenthum sich so aufdringlich darstellen,— wer weiß, ob der Freund schon zu den Tobten gehören würde. DaS nagende Gefühl, bei all' seiner reichen Kraft sich der Verworfenheit und der gleißnerischen Lügnerei ohnmächtig gegenüber zu finden, hätte ihn vielleicht weniger gewaltsam gepackt, wenn er sich eben nicht in dem Brenn- Punkt des politischen und sozialen Lebens befunden.— Tiefster Abscheu und finsterster Unwille erfüllten Johannes, als er jetzt wieder an den verschwenderisch ausgestatteten Schau- fenstern vorüberschritt und all' das lärmende, bunte Leben der Residenz sich auf's neue vor seinen Augen entfaltete. Wie die Leute rennen und jagen,— alle nur nach kleinlichen Interessen! Da läuft Einer nach einem Logenbillet in das Opernhaus,— dort schleicht das Weib eines Armen nach dem Krämerladen. Wer weiß, worüber Jene in den Equipagen dort wieder brüten,— welchen neuen Frevel ihr Sinn überdenkt,— o, die Reichen, die Reichen!— Darum war auch Gertrud so falsch und so schlecht, denn auch sie hat zu den Reichen gehört, die Falsche, die Treu- lose!—— Was fesselte ihn noch an Berlin? Was hielt ihn noch ab, hinzutreten zu den Seinen, die schon lange von dem unwiderstehlichen Heimweh der Schweizer befallen worden waren, und zu sagen:„Wir wollen ziehen!"?— Jetzt geht er an einem großen, prächtigen Schaufenster in der Friedrichsstraße vorbei. Er hat nicht bemerkt, daß hinter ihm eben ein schönes, schlankes Weib aus der Thür der Mode- waarenhandlung getreten,— ein schönes, schlankes Weib, dem er einst so nahe gestanden, und dessen ohnehin blasse Wangen im Augenblick todtenbleich geworden. Gertrud hatte wieder einige von ihr gefertigte Arbeiten in jenen Verkaufsladen getragen. Als sie heraustrat, ging gerade Johannes vorbei; sie konnte nur flüchtig das Profil seines Ant- litzeS sehen; aber sie hatte ihn sofort erkannt, und ein jäher Schreck fuhr ihr durch's Herz. Johannes schritt schnell dahin; Niemand der hastig an ihm Vorübereilenden bemerkte sein trübes Antlitz. Gertrud folgte ihm auf dem Fuße nach, es zog sie unwiderstehlich mit ihm fort. Was er wohl jetzt denken mochte,— ob er ihrer gedachte, ob er ihr zürnte?— Am liebsten wäre sie auf ihn zugeeilt, und hätte ihn am Arme gefaßt und ihn flehend angesehen und-- Sich! jetzt biegt er um die Ecke,— man kann sein Gesicht deutlich sehen. O, die Spuren des Grames, die sich in seine Züge gegraben!— Gertrud glaubt zu bemerken, daß auch sein Antlitz bleicher geworden, und von einem ächt weiblichen Gefühl erfaßt, lispelt sie, ohne es zu wollen: „Armer Johannes, armer Johannes!"—— Und dieses Gefühl wächst nnd wächst.— Wo ist alle weib- liche Zurückhaltung, wo ist alle Aengstlichkeit?— Nur grenzenloses Mitleid beflügelt ihren Fuß. Ja, sie muß ihm sagen: Johannes, ich habe dich nicht vergessen,— sich auf!— Ich habe dich immer geliebt!— Grade denselben Weg wie Johannes mußte Gertrud gehen, um zu ihrer Wohnung zu gelangen, und ich glaube, wenn dies auch nicht der Fall gewesen wäre, ihre Schritte würden doch keine andere Richtung genommen haben. Unwiderstehlich trieb es sie hinter ihm her. Er hat sie wohl noch nicht bemerkt; denn er schreitet, ohne nach rechts oder links zu blicken, gesenkten Hauptes vorwärts,— wenn er sich jetzt umsehen würde?-- Gertrud's Herz pocht noch lauter bei diesem Gedanken.— Da ist ihre Wohnung,— hier müßte sie eintreten... Gott! er wirft nicht einmal einen Blick nach der Thür, an welcher sie so oft nach ihm ausgespäht! „Johannes, Johannes! ich habe das nicht verdient!" möchte sie ihm zurufen. Am Arm wollte sie ihn fassen und sagen: „Komm hier herein, Johannes, komm herein,— ich will dir alles sagen!"— Aber die Angst, die Angst: sie schnürt ihr jetzt auf einmal wieder die Brust zusammen. Ihr Athem flieht, und der Puls hämmert mächtig an ihrer Stirn, ihr Herz pocht hörbar:— ob er es nicht vernimmt?-- Es scheint, nicht; denn er geht gleichgiltig weiter... Und sind eS denn unsichtbare Zaubersäden, die sich zwischen sie undihn ge- spannt,— es zieht sie wieder mit fort,— immer ruhloS fort. Wenn er jetzt das Haupt wenden und sie ansehen würde!— Aber jetzt denkt Gertrud nicht mehr daran. Willenlos treibt es sie weiter... Nun geht eS in ein hohes, großes HauS hinein, gerade rechts am Wege. An der Thür will sie ihn fassen,— siehst du: schon streckt sie die kleinen, weißen Händchen aus,—— aber, wenn sie ihn nur fassen könnte!-- So nahe ist er ihr,— kaum fünf Schritte davon, und doch vermag sie ihn nicht zu erreichen... Aber sie will es, oder— sie will es nicht—— Was rede ich jetzt noch von Willen?— Es war nicht Gertrud Margentheim mehr, auch nicht die erlauchte Gräsin von Feldersberg, die hinter dem Baumeister Johannes Sollmans herschritt,— ein Frauenherz allein mit all' jener Feuerempfindung, deren es fähig ist, fliegt hinter dem Geliebten her. Schon ist sie auf der Treppe— kaum einige Stufen höher. Aber seltsam! er hört nicht, wie der leichte Fuß leise, dem seinen folgend, hinanfschwebt; auch er ist nicht bei sich selbst, er ist vom Schmerz übermannt,— er vernimmt nichts, als das trübe Lied bald leise weinenden, bald verzweifelt grollenden Schmerzes, das seine ganze Seele durchströmt... Zwei Treppen ist er jetzt hinaufgestiegen,— schon hat er die Thür geöffnet, er weiß selbst kaum, wie: mechanisch ist eS geschehen. Er hat die Thür nach sich gezogen— sie wird wohl zu gewesen sein... denn daß in demselben Augenblicke, wo er das innere Schloß erfaßte, draußen eine feine Hand die äußere Klinke ergriff— davon hatte er nichts bemerkt. Er schritt wie im Traum. An den Tisch ist er getreten, der in der Mitte des Zimmers steht,— leer und todt scheint ihm alles um ihn her. Jetzt wendet er sich zur Seite,— erschöpft will er auf das Sopha sinken. Ein jähes Zusammenzucken,— eine Beklemmung und Be- wegung des Herzens, wie wenn uns ein Bild des Traumes bannt: — es ist ja nicht möglich,— es kann ja nicht Wirklichkeit sein,— dieses Wesen, welches dort, wie angeschmiedet, an der Thüre lehnt... Mit aufgerissenen Augen starrt Johannes hin.— Horch! das war sein Name,— leise, ganz leise, als fürchte man ihn zu nennen. „Gertrud!"— ein lautes Aufbrausen, das in sich selber er- stirbt.— Und jetzt,— und jetzt:„Johannes!"— mit lauter, bebender Stimme gesprochen;— ein Weib, dem alle Gluthen ihres Herzens in die Wangen gestiegen, liegt zu seinen Füßen... Das war keine Täuschung.— Der Baumeister richtet sich stolz auf und äußerlich kalt, wenn auch bis ins Innerste bewegt, und sprach: „Frau Gräfin von Feldersberg, ich brauche keine Buhle!" „Vergieb, Johannes, vergieb!" „Frau Gräsin von Feldersberg, ich liebe nicht daS Komödien- spielen!" Gertrud schaudert zusammen, und als ob das Blut still stünde in ihren Adern liegt sie da, die Hände im Schooß, daS Auge starr zu Boden gerichtet, wie ein steinernes Bild... Mit jener entsetzlichen Schärfe, welche eine aufgeregte Seele allen Sinnen verleiht und in dem ganzen Gefühl gekränkten Stolzes, daß in diesem Augenblicke alle anderen Empfindungen niederhielt, sah Johannes die Situation in klarster Ausprägung vor sich. Ja, er liebte nicht daS Komödicnspielen. Einen stechenden Blick auf daß zu seinen Füßen liegende Weib gerichtet, kam ihm fast ein Gefühl innerster Verachtung, denn das Wesen, welches hier ohnmächtig vor ihm kniete, war ja daS Mädchen, um dessen Gunst er sich einst liebeglühcnd beworben, und dessen Gegenneigung ihm einst als das Höchste auf Erden erschienen... Einen Augenblick nur streifte sein Auge zur Seite. Auch dieses Auge war durch die Höhe der Situation geschärft; noch einmal so deutlich lagen die Bücher und Papiere auf dem Tische vor ihm. Da, ganz auf der Kante, ein noch unerbrochener Brief. Er war während seiner Abwesenheit angekommen; die Wirthin hatte ihn hereingelegt. Und die Schriftzüge auf dem Kouvert,— Johannes erkannte sie sofort;— diese Handschrift, er hatte sie früher gesehen,— auf zierlichen, kleinen BilletS, die eine liebe Hand ihm zugeschickt. Mit einer heftigen Bewegung griff Johannes nach diesem Briefe,— eilig erbrach er ihn; das geschah alles in der Zeit von höchstens zwei Sekunden. Der Ä VIII. (Schluß.) Da begegnen uns zunächst die Gabelthiere— jetzt im Aussterben begriffen— dieselben haben noch keine Milchdrüsen-Zitze», vielmehr sondern sie die Milch für ihre Jungen durch siebartig durch- „Johannes, meine ganze Seele gehört Dir!— Man hat mich verhandelt,— verkauft. Kluge Bosheit hat mich in ihre Netze gelockt. Johannes, verzeihe mir, verzeihe mir! Nie habe ich Dein vergessen,— so sehr auch der Schein gegen mich spricht! Und, o! was habe ich Deinetwegen erduldet!— „Ich bin nicht mehr die Frau des Grafen,— und werde nie wieder seine Frau sein! Meine ganze Seele drängt zu Dir, zu Dir!--" Wie vom Blitz gettoffen, stand Johannes da,— er konnte sich ja dies alles noch nicht erklären. Er wandte den Blick wieder auf Gertrud, die noch immer in unveränderter Stellung zu seinen Füßen lag;— jetzt zog unnennbares Mitleid durch seine Seele, und zitternd, als ob er eine Antwort gar nicht schnell genug erhalten könne, sagte er: „Erklären Sie mir, erklären Sie mir!" Er wollte sie hören, er wollte wissen, was alles geschehen,— jetzt mußte sie reden. Es war vielleicht die letzte Anspannung aller ihrer Kräfte,— im nächsten Augenblicke konnte sie der ungeheueren Aufregung erliegen,— jetzt war es Zeit, jetzt mußte sie alles sagen. „Man hat mir deine Briefe vorenthalten, Johannes,"— Gertrud sprach nicht wie die Frau Gräfin von Feldersberg zu dem Baumeister Sollmans, nur das liebende Frauenherz sprach aus ihr,— sie konnte in diesem Augenblick nicht anders reden,— „man hat mir das Haupt wirr gemacht,— sie haben mich ge- zwungen,— o, mein Vater, mein Vater!—" Vor Schluchzen vermochte Gertrud nicht weiter zu sprechen, während sich schon in matten Umrissen ein Bild des wirklichen Sachverhalts in Johannes' Seele zu gestalten begann. „Reden Sie, reden Sie!" Er schien nicht zu wissen, daß er einst anders zu Gertrud gesprochen, als mit diesem kalten Worte „Sie",— eine tiefe Kluft lag noch zwischen ihm und ihr. „Und der Graf— und Ludmilla!— O, der Graf ist ein böser Mensch!"— Weiter ließen hervorbrechende Thränen die Arme nicht kommen. Wie hart Johannes war,— ja, das Mißtrauen deS Schweizers!„Ich habe dem Grafen von Feldersberg nichts vorzu- schreiben!" sagte er mit scheinbarer Kälte, wenn auch die Kruste von seinem Herzen zu schmelzen begann. „O Johannes, ich beschwöre dich!"— Und das arme Weib fuhr von dem Stuhle empor, welchen ihr Johannes hingesetzt hatte.—„Ich beschwöre dich! Sei nicht grausam, und rette mich vor den Schändlichen, rette mich!" „Rette mich vor den Schändlichen!"— Das war daS rechte Wort gewesen, und alleS, was bis jetzt noch von dem Gedanken, Gertrud sei treulos gewesen, in seiner Seele gelebt, war mit einem Male erloschen. Hier flehte ein Wesen zu ihm, das man in's Verderben reißen wollte, wie man so viele schon in's Ver- derben gerissen; die hülflose Unschuld stand dem betrügerischen, gewaltreichen Egoismus gegenüber; ja, es mußte so sein, dieser schändliche Egoismus hatte auch dieses edle Wesen als Opfer erheischt, auch sie war in den Klauen des Tigers— im Banne Mammons.— Und sie mußte diesen Klauen entrissen, die Fesseln mußten zersprengt werden:„Ja, Gertrud, ich rette dich! Bei meiner Ehre, ich rette dich!"— Ein seliger Schauer durchfluthete das so lange gequälte Herz des schönen Weibes, ihre Blicke flammten, und ein Strom von Thränen der Freude brach auS ihren Augen, als er seine Arme öffnete und die ihm Entgegenstürzende darin auffing.— Sie hatten sich wiedergefunden, die Beiden; Brust an Brust ruhten sie, und selig und lange— lange.--(Schluß folgt.) lenlch. löcherte Hautstellen ab; in Bezug auf ihren Skelettbau haben sie einige Aehnlichkeit mit den Vögeln; und die Mündungen der Harn- organe und GeschlechtStheile befinden sich, wie bei allen niedrigeren Wirbelthierklassen, innerhalb des letzten Abschnitts des Darmkanals, während bei allen anderen Säugethieren dies nicht der Fall ist. fr Eine Stufe höher stehen die Beutelthiere, so genannt wegen der beutelförmigen Tasche, welche sich an der Bauchseite der Weibchen befindet, und die zur Aufbewahrung und völligen Entwickelung der äußerst unentwickelt zur Welt kommenden Jungen dient. Jetzt existiren auch von diesen Thieren nur noch wenige, wie z. B. das Känguruh. Sehr beachtenswerth ist der Umstand, daß die vielen ausgestorbenen Beutelthierordnungen den ver- schiedensten Ordnungen der heute lebenden höher entwickelten Säugethierarten ähnelten; so die Hufbeutler, die an Größe und Gestalt den Flußpferden nahekommen, so die ehemaligen R aub- beutler, die Handbeutler mit affenartiger Handbildung,-c. Alle übrigen Säugethiere werden der Unterklasse der Pla- centner zugezählt, indem daö charakteristische Merkmal, durch welches sie sich von den Gabel- und Beutelthieren unterscheiden, die Placenta oder der Mutterkuchen ist(ein schwammiger, rother aus einem Geflecht von Adern und Blutgefäßen bestehender Körper, den man auch„Nachgeburt" nennt, und der für die Frucht den Stoffwechsel vermittelt), welcher bei jenen fehlt. Außerdem besitzen die Placentner entwickeltere Geschlechtsorgane und Gehirne, als die beiden anderen Unterklassen und sonstige unwesentlichere Eigcnthümlichkeitcn. ES wird von den modernen Forschern an- genommen, daß entweder bei einer oder bei mehreren Beutelthier- Ordnungen seiner Zeit eine Entwickelung der Placenta stattfand, daß also Thiere entstanden, die vollkommener waren, als ihre Vorgänger— sie nennen dieselben Urplacentner— und daß endlich hieraus die verschiedenen Placentner-Ordnungcn,-Gruppen und-Arten entstanden. Der nachstehende Häckel'sche Stamm- bäum mag die von diesem Gelehrten eingehend erörterte Reihen- folge der Entwickelung anschaulich machen. Elephanten Menschen Klippdasse I Raubthiere Schmalnasen ' Scheinhufer' Plat.nasen Flederthiere Walfische Nagethiere Assen Insektenfresser Fingerthiere Lemuren Walthiere !'' Hufthiere Zahnarme ,J___- Halbaffen Placentalthicre Pflanzenfressende Beutler Fleischfressende Beutler Beutelthiere Schnabelthiere Stammsäuger Kloakenthiere To wären wir denn beim Gipfel des Thierrcichs, beim Menschen angelangt. Da ich aber insbesondere nur mit diesem mich zu befassen habe, muß ich dessen Hervorsprießen aus dem Säugethierstamme etwas näher zu erklären suchen; eS wird dies im folgenden Artikel geschehen, mit dem meine Abhandlung ihren Schluß finden soll. Im Allgemeinen möchte ich hier nur noch darauf aufnierksam machen, daß die Verschiedcnartigkeit der Körper- formen, wie sie namentlich zwischen einzelnen Säugethiergruppen mit besonderer Schroffheit hervortritt, kein Grund zu einer Ab- Weisung der Entwickelungstheorie sein kann. Denn eS ist notorisch, daß eine ungeheure Anzahl von Zwischenarten ausgestorben ist, die sammt und sonders mit in Betracht gezogen werden müßten, wenn man begreifen will, wie die Uebergänge verniittelt wurden. Ferner muß man niemals vergessen, daß die Konseguenzen des Kampfes ums Dasein am allerehcsten die Zwischenarten aufreiben. Und endlich muß man sich vor Augen halten, daß sogar Mon- strositäten oder„Mißgeburten" unter Umständen neue Artenbil- düngen im Gefolge haben können. Alles in Allem gilt es eben wie bei jeder neuen Lehre, die Macht der Borurtheile zu be- kämpfen und mit möglichster Unbefangenheit an den Gegenstand heranzutreten. IX. „Die Asfenähnlichkcit des Menschen konzcntrirt sich keineswegs bei einem oder dem anderen Volke, sondern vertheilt sich derart auf die einzelnen Körperabschnitte bei den verschiedenen Völkern, daß jedes mit irgendeinem Erbstücke dieser Verwandtschaft... bedacht ist..." Weisbach. Es wird gut sein, wenn ich nun die bisherigen Erörterungen rekapitulire, damit die einzelnen Schlüsse, welche sich auö den verschiedenen Spezialbetrachtungen sozusagen von selbst ziehen, zu einem Ganzen angehäuft und so für den Endzweck dieser Aufsätze nrit einem Male ins Treffen geführt werden können. Wir gingen aus vom Kulturmenschen und besahen uns dessen Brüder, die sogenannten„Wilden", ein wenig. Aus dem Munde gewichtiger Autoritäten und durchaus glaubwürdiger Zeugen ver- nahmen wir da Dinge, welche wohl unseren Dünkel, als sei der Mensch gewissermaßen ein Mittelding zwischen den Thieren und den „Göttern", um ein Beträchtliches herabgestimmt haben dürften. Wir lernten da im Vorbeigehen Menschen kennen, deren Stupidität und Rohheit allein schon hinreichend sein sollten, die natürliche Herkunft des Menschen vom allgemeinen Thierstamme unbezweifelbar zu beweisen; andererseits zeigte uns der Vergleich der jetzt lebenden niedrigsten Menschen mit den höchststehenden Affenarten, daß die dazwischen bestehende nähere oder entfemtere Verwandtschaft beim besten Willen nicht verleugnet werden kann. Fernerhin sahen wir, daß es in der Vorzeit überhaupt keine Kulturmenschen, sondern lediglich„Wilde" gab, und daß die- selben noch viel tiefer standen, als die unkultivirtesten Völker der Gegenwart; damit war uns abermals ein Wink gegeben, der nirgends hinzeigen konnte, als auf unseren thierischen Ursprung. Sodann erkundigten wir uns nach den Ergebnissen der ver- gleichenden Anatomie und Embryologie und bekamen ganz er- staunliche Dinge zu hören. Die berühmtesten Gelehrten dieser Fachwissenschaften bewiesen uns z. B., daß beim Menschen im Wesentlichen die nämliche Gruppirung der verschiedenen Organe vorkommt) wie bei den übrigen Wirbelthieren. Ja, sie bewiesen uns sogar, daß der Beginn des individuellen Lebens des Menschen selbst der Form nach mit dem gleichen Vorgange bei fast sämmt- lichen Thieren übereinstimmt, und sie bewiesen nicht minder, daß die Entwickelung der Frucht(deS Embryo) in der ersteren Zeit bei allen Wirbelthieren— den Menschen eingeschlossen— gleichartig von Statten geht, daß speziell der werdende Mensch An- fangö den unvollkommensten Gattungen und Klassen dieser Gruppe ähnelt, nach und nach durch die Formen der vollkommeneren Thiere hindurchgeht und erst zuletzt seine spezifisch menschliche Gestalt annimmt. Außerdem erfuhren wir, daß das Gesetz, wonach bei höher entwickelten Thieren diese oder jene verkümmerten Organe vor- kommen und so Zeugniß ablegen für die Abstammung derselben von solchen Thieren, bei denen sie ausgebildet zu Tage treten, auch für den Menschen gilt, wie auch das Gesetz der Rückfalls- erscheinungen. Hierauf setzten wir uns hinsichtlich der menschlichen Sprache ins Klare und ließen uns von berühmten Forschern die Natur des Gehirns als Werkzeug des Denkens und„Sitz der Seele" erläutern, wobei sich wiederum herausstellte, daß der Mensch in der organischen Natur keine Ausnahmsstellung einnimmt, vielmehr lediglich auf einer höheren Stufe der Entwickelung steht, als die übrigen Thiere. Darnach vernahmen wir, was man unter„Darwinismus" versteht, d. h. wie sich die Entwickelung der Arten lediglich durch die Folgen der natürlichen Zuchtwahl, des Kampfes ums Dasein und durch die Vererbungs- und AnpassungS-Gesetze erklären läßt. Daran reihte sich eine kurze Darlegung der materialistischen Welt- anschauung und die hierauf und auf mannichfaltige, insbesondere in der Beschaffenheit der Erdschichten wurzelnde Anzeichen be- gründete Nothwendigkeit einer Urzeugung, von welcher aus an der Hand derHäckel'schen Stammbaum-Zeichnunzen der organische EntwickelungSgang verfolgt wurde, bis wir schließlich beim Menschen anlangten und denselben als Affen-Sprößling erkannten. Die Abneigung, welche gewöhnlich gegen den letzteren Punkt und gerade seinethalben auch gegen die ganze EntwickelungS- Theorie geltend gemacht wird, hat meist in der totalsten Unkennt- niß oder im völligen Mißverstehen derselben ihren Grund. Für den logischen und unbefangenen Denker aber ist die Entwickelungs- Theorie sammt ihren äußersten Konsequenzen geradezu unabweisbar. Es gibt ohne dieselbe nur die übernatürliche„Schöpfung", die jedoch bei unserer heutigen Kenntniß von der Beschaffenheit der Pflanzen und Thiere, wie überhaupt der Erdoberfläche während einer unvordenklichen Vergangenheit und deren verschiedenen Pe-- rioden nimmermehr haltbar ist. Der böswillige Schwätzer, namentlich der um sein Handwerk besorgte Bonze, sammt der gedankenlosen Menge, welche solchen Leithammeln folgt, schreit und tobt und schimpft und lacht über die Zumuthung, daß der Mensch den Gorilla, Orang-Utang oder einen anderen unserer bekannten Affen als Urahnen anerkennen solle, ohne daß irgend Jemand eine solche Behauptung je aufgestellt hat! Ausgehend von diesem Protest gegen eine S?ehre, die nie gepredigt worden ist, werden ganze Bücher ge- schrieben; es ist haarsträubend. Wie oft kann man nicht hören, daß ja unsere Affen auch heute noch in Menschen sich verwandeln müßten, wenn die„Affentheorie" richtig wäre und Aehnliches mehr— lauter Faseleien, die eklatant beweisen, daß die Be- treffenden über Dinge reden, von denen sie gar keinen Begriff haben. Es muß daher der wahre Sachverhalt, obgleich er sich, wie gesagt, eigentlich aus dem Ganzen der vorliegenden Aufsätze von selbst ergibt, festgestellt werden, damit wenigstens hinterher nicht der nächste beste spiegelsechtende Volksvcrdummer den kaum gesäeten Weizen ausrotten und ekles Unkraut dafür einsetzen kann. Kein einziger der jetzt lebenden Affen kann als Stammvater des Menschen angesehen werden, wohl aber hat ein Theil derselben, die Schmalnasen(Gorilla, Orang- Utang, Schimpanse w.),— mit Verlaub!— gemeinsam mit dem Menschen einen Stamm zu beanspruchen, während alle Platt- nasen ebenfalls auf eine einzige Plattnasenart zurückzuführen sind. Und, weiter zurückgehend, sind natürlich auch diese beiden Gruppenstämme aus eine gemeinsame Wurzel, die Asien im wei- testen Sinne des Wortes oder die Uraffen, zu basiren. Diese, wie auch das Schmal- und Plattnasenahnen sind längst aus- gestorben, und der gemeinsame Vorfahre der menschenähnlichen schwanzlosen) Affen und der Menschen gleichfalls. Das Aus- gestorbcnsein dieser wichtigen Glieder in der Stufenreihe der thierischen Welt wird förmlich selbstverständlich, wenn man die Gesetze des Kampfes ums Dasein im Auge behält, und wenn man obendrein bedenkt, daß bei den Zweihändern die natürliche Zuchtwahl im Verein mit jenem Kampfe die Vervollkommnung weit entschiedener zum Durchbruche brachte, als bei den übrigen Thieren. Bei solchen Verhältnissen mußten die ursprünglichen Formen verschwinden und die Differirenden erhalten bleiben. Und wenn der Mensch, als der vollkommenste Abkömmling der Uraffen, nicht ausschließlich am Leben blieb und seine in einer weniger günstigen Richtung sich entwickelnden Brüder nicht völlig aus- gerottet hat, so dürfte dies wohl mit Zufälligkeiten zusammen- hängen, die außerhalb unserer Berechnung liegen. Nicht wenig hat vielleicht zur Erhaltung der Menschen-Affen der Umstand beigetragen, daß die Menschen unter sich ohne Zweifel alsbald die heftigsten Daseinskämpfe führten— die rohesten Menschen- stämme und alle Urmenschen sind und waren Menschenfresser, während die Affen sich einander nicht fressen!— und demgemäß den weniger gefährlichen Rivalen Zeit ließen, sich in die Büsche zu schlagen. Uebrigens ist es eine unbestreitbare und unbestrittene Thatsache, daß die Affen ihrem Aussterben um so näher rücken, je mehr sich die Menschen ausbreiten, wie ja auch die sogenannten „Wilden" vor den Kulturmenschen im ganzen Umkreise der Erde wehr und mehr zurück weichen und schwerlich vor dem allmählichen sintergange bewahrt bleiben werden. Gegen die Annahme eines schmalnasigen Assen als Vorgänger der Menschen und Menschenaffen wendet man ein, daß von dem- selben keinerlei Ueberreste aufgewiesen werden könnten, und daß demnach diese Voraussetzung' in der Lust hänge. Darauf ist zu erwidern, daß man es allerdings in dieser Beziehung nur mit wner Hypothese zu thun habe, jedoch mit einer solchen, die sich im Hinblick auf eine ganze Menge anderweiter Thatsachen förmlich aufdrängt. Noch hat man ja nicht die ganze Erdober- fläche durchforscht, vielmehr sind die Forschungen hauptsächlich in solchen Ländern vorgenommen worden, wo zweifellos die Wiege der Menschheit nicht gestanden hat, wo vielmehr nur auf dem Wege der Einwanderung die Bevölkerung sich verbreitet haben kann. Noch bleibt der größte Theil von Asien und Amerika und fast ganz Afrika und Australien zu durchforschen. Ueberdies deuten vielfache Momente darauf hin, daß die zahllosen Inseln der Südsee größtentheils als Ueberreste eines großen, einstens ver- sunkenen Kontinents angesehen werden müssen. Kann nicht mög- licherweise gerade hier jenes Affengeschlecht gehaust haben, von dem sich einerseits die Menschen- Asien und andererseits die Menschen abzweigten? Uebrigens wird es sicherlich seine Schmie- rigkeiten haben, die Knochen des schmalnasigen Stammaffen und die des Urmenschen von einander zu unterscheiden, zumal ja selbst- verständlich nicht die Entstehung eines ersten Menschenpaares, sondern innerhalb einer ganzen Anzahl von Individuen ein all- mählicher, auf natürlicher Zuchtwahl beruhender Vervollkommnungs- Prozeß gedacht werden kann. Der Streit mancher Gelehrten, ob die Menschwerdung nur an einem Orte und ein einziges Mal stattgefunden habe, oder ob sich von der mehrerwähnten Asienschaft räumlich und zeitlich getrennt wiederholt Menschen- arten abzweigten, ist von untergeordneter Bedeutung; erwähnt sei indeß, daß von den bedeutenderen Anhängern der Entwickelungs- lehre nur Bogt für eine mehrfache Entstehung des Menschen eintritt, während z. B. Darwin und Häckel dem einmaligen Vorkommen dieses Aktes das Wort reden. Dahingegen herrscht so ziemlich Einstimmigkeit hinsichtlich der Entstehung des spre- ch enden Menschen, die man sich, gestützt auf die Ergebnisse der Sprachforschung, nur nach Raum und Zeit getrennt und von einander unabhängig mehrfach vorstellen kann, weil alle Sprachen zwar auf wenige Stammsprachen, nicht aber auf eine einzige Wurzel zurückgeführt werden können. Äian kann sich natürlich unmöglich vorstellen, daß der Ur- niensch schon eine artikulirte, zu Wort- und Satzbildungen ge- eignete Sprache mit auf die Welt gebracht habe, im Gegentheil ist man gezwungen, bei ihm nur eine unartikulirte, auch anderen Thieren eigene Sprache vorauszusetzen. Um sich über diesen Punkt völlig ins Klare zu setzen, hat man einfach die Sprache der tiefstehenden„Wilden" in's Auge zu fassen und von dieser aus etliche Jahrtausende zurückzuschließen. Die Entwickelung der Sprache muß einen Ungeheuern Zeitraum in Anspruch genommen haben; sie wird ihren Ausgang genommen haben von etlichen Kehllauten, die aus Freude, Schreck u. s. w. ausgestoßen wurden, und setzt die allmähliche Ausbildung sowohl des Kehlkopfs als des Gehirns voraus. Namentlich muß die Vervollkommnung des letzteren Organs hiebei, wie überhaupt bezüglich des„geistigen" Lebens des Menschen, als ausschlaggebend angesehen werden, aber auch als etwas äußerst Langwieriges, im Laufe vieler Jahrtausende sich Abspielendes. Noch ganz nahe seinem Affenstamme, fand der damals noch stumme Urmensch wahrscheinlich schon in der Bereinigung Meh- rerer diejenige Waffe, welche die Besiegung körperlich mächtigerer Feinde ermöglichte. Hierdurch war schon der Grund zu einer wechselseitigen Verständigung gegeben, die, wenn sie auch zunächst nur durch Geberden bewerkstelligt ward, die Gehirnthätigkeit stark in Anspruch nahm und so das Gehirn zur Fortbildung hin- drängte. Dann trat der Kampf um's Dasein innerhalb der Menschheit ein, bei welchem selbstverständlich nicht nur körperliche Kraft, fondern auch das berechnete Handeln zum Siege ver- half. Die Schwächeren und Stupideren gingen zugrunde, und die Kräftigen und Schlauen vermochten sich zu erhalten und fort- zupflanzen. Solchermaßen muß der Mensch von Generation zu Generation wohlgestalteter und intelligenter geworden sein. Kamen dann in einzelnen Gegenden noch besonders günstige Einflüsie des Klimas, guter und reichlicher Nahrungsquellen hinzu, so mußte die Vervollkommnung endlich einen Grad erreichen, der seinen höchsten Ausdruck in der artikulirten Sprache und im Handhaben von Werkzeugen fand. War die Elftere auch noch von der ein- 510 fachsten Art und bestanden die Letzteren auch nur aus abgebrochenen Baumzweigen oder aufgelesenen Kieselsteinen, so muß man darin gleichwohl jene gewaltigen Bahnbrecher erblicken, die im Lause von.weiteren Jahrtausenden für die Kultur die Wege ebneten. Der Umstand, daß man gegenwärtig in denjenigen Ländern, wo die Natur ihre Schätze in üppigster Fülle ausbreitet, ge- wohnlich eine verhältnismäßig niedrige Kultur antrifft, spricht nicht gegen die oben gekennzeichnete Annahme. Buckle erklärt diese Annahme sehr richtig damit, daß der Mensch von Hause aus nur soweit Lust zur Arbeit hat, als zur Befriedigung seiner Bedürfnisse absolut nothwendig ist, und daß demnach in weniger reich bestellten Gegenden, wo die Fristung der Existenz des Menschen mühsamer bewerkstelligt werden kann, die Grundlage zur Entfal- tung einer regeren Thätigkeit gegeben sei. Somit hat der fetteste Boden der Erde den Menschenverstand nur gezeitigt, während er seine höhere Entwicklung da erlangte, wo die mäßig ausgestreuten Lebensmittel nicht ohne Scharfsinn erworben werden konnten. Doch diese Verhältnisse sind schon kulturhistorischer'Natur, und brauchen daher hier nicht weiter erörtert zu werden. Es galt ja nur, die Entstehung des Menschen anzudeuten; dies glauben wir nun in hinlänglicher Weise gethan zu haben. Zum Schlüsse noch einen Blick in die Zukunft! Wenn in fernen Jahrtausenden einmal der ganze Erdball von der Civili- sation beherrscht sein wird, kann es sicherlich keinen Raum mehr geben für Raub- und sonstige schädliche oder unnütze Thiere; dagegen wird der Mensch auf dem Wege der künstlichen Zucht- wähl Thierarten geschaffen haben, die er lediglich für seine Zwecke oerwenden kann; er selbst aber wird sich auch bedeutend verändert haben, und vom heutigen Zeitalter wird man ungefähr in der Weise reden, wie wir jetzt vom Zeitalter der Seedrachen sprechen! Wird man dann auch noch daran zweifeln, daß die Arten der Organismen nicht aus der Hand des„Schöpfers" hervorgingen, sondern Produkte eines allgemeinen llmgestaltungs- und Ent- Wicklungsprozesses sind? Das ist wahrlich nicht zu befürchten; denn schon ist die jüngere Äelehrtenwelt damit beschäftigt, die alte eingerostete Glaubensmaschinerie in Scherben zu schlagen und der Erkenntniß zum Durchbruche zu verhelfen; und das Uebrigc besorgt der Sozialismus!— Die MnograMe und ihre Bedeutung. Von E. Trachbrodt. Unter allen den großartigen und tief in das Verkehrsleben eingreifenden Erfindungen der Neuzeit zieht in erster Reihe die deutsche Stenographie die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Wenn schon dieselbe seit längerer Zeit als„Dienerin der Oessent- lichkeit" in Parlamenten, in Volksversammlungen, wissenschaftlichen Körperschaften u. s. w. in glänzender Weise die Nützlichkeit ihres Wirkens gezeigt hat und gradezu unentbehrlich geworden ist, so ist es doch jetzt speziell das größere Publikum selbst, welches mehr als je ein regeS Interesse an der Stenographie bekundet und immer mehr zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Ein- führung einer Kurzschrift an Stelle der langsamen und geist- tödtenden Kurrentschrift zur Nothwendigkeit geworden ist. Wie würde es wohl um unsere so rasch und großartig entwickelte Journalistik stehen, wenn Zeitungsschreiber und Berichterstatter nur kurze Protokolle über Reichs- und Landtagsverhandlungen:c. aufnehmen und ihren Lesern nicht die wortgetreue Wiedergabe der Verhandlungen, welche allein nur die Stenographie ermöglicht, unterbreiten könnten? Wie würde es mit dem regen politischen Interesse, welches jetzt in allen Schichten und Kreisen des deutschen Volkes wahrzunehmen ist, beschaffen sein, folgte nicht der Steno- graph mit seinem Griffel den bedeutungsvollen Reden der Staats- männer und Staatsvertreter, wodurch allein die Möglichkeit gegeben ist, daß schon nach Verlauf einiger Stunden die Zei- tungen in ganz Deutschland dem Publikum die genaue Wieder- gäbe der Verhandlungen mittheilen können? Wie alle Neuerungen auf geistigem Gebiete lange und er- bitterte Kämpfe gegen das bestehende Alte führen mußten, selbst auch dann, wenn der Nutzen einer neuen Schöpfung klar und deutlich vor Jedermanns Augen lag, so sind auch der deutschen Stenographie harte Kämpfe gegen althergebrachte Vorurtheile und Bedenken aller Art nicht erspart worden, und noch immer werden der Verbreitung der Stenographie Hindernisse und Schwie- rigkeiten in den Weg gelegt, die den Zeitpunkt der Erfüllung des Wunsches ihres Schöpfers,„die Stenographie möge Gemein- gut aller Gebildeten werden," noch in die Ferne rücken. Doch die Verwirklichung dieser Idee ist nur noch eine Frage der Zeit, da für die Anerkennung derselben ein Faktor mitwirkt, dessen Macht allein im Stande ist, alle Hindernisse zu beseitigen— das Bedürfniß aller gebildeten Nationen, eine Schrift zu besitzen, welche, frei von allem geisttödtenden Mechanismus und zeit- raubender Schwerfälligkeit, im Stande ist, dem Fluge des Ge- dankens zu folgen. Hierfür bürgt der Geist der Zeit und dafür zeugt auch die Verbreitung, welche die Stenographie bereits ge- funden hat. Was nun die Stenographie im Allgemeinen anbelangt, so ist dieselbe durchaus keine neue Erfindung zu nennen. Bereits bei den alten Aegyptern und Juden will man die Spuren einer zweiten, kürzeren und flüchtigeren Schriftart neben der gewöhn- lichen gefunden haben, und aus der Blüthezeit der Griechen ist uns bekannt, daß ibenophon mittels geschwindschristlicher Zeichen die Vorträge seines Lehrers Sokrates aufnahm und zur öffent- lichen Kenntniß brachte. Eine auf die Eigenthümlichkeit der Sprachformen gebaute und von wissenschaftlichem Geiste durch- wehte Stenographie finden wir erst bei dem denkwürdigsten Volke der Erde, den Römern, und Tausende von uns bedienen sich noch heute, unbewußt mancher ihrer geschwindschriftlichen Noten in deren Ursprache oder in Nachahmung derselben, bei Abkürzung von Vornamen, Titeln und Aufschriften, bei Bezeichnung von blr. und&, sowie in der Pharmazie bei den Rezepten zc. Das Alter dieser Kunst bei den Römern ist zwar nicht bekannt, wohl aber erwiesen, daß ein Freigelassener des Cicero— Marcus Tullius Tiro, geboren 103 v. Chr.— dieselbe in hohem Maße ausbildete und mittels Gehülfen zur Aufnahme von Reden im Senat verwendete. Die römischen Stenographen, Notare genannt, bedienten sich zu ihren Niederschriften mit Wachs überzogener Holztafeln und eines spitzen metallenen oder beinernen Griffels, und wurden die Tafeln nach ausgeführter Uebertragung der steno- graphirten Rede wieder geglättet. Man würde sich aber täuschen, wollte man dem Gedanken Raum geben, die römische Stenographie oder die„tironischen Noten" hätten nur in einer Summe planloser und willkürlicher Bezeichnungen der einzelnen Worte bestanden, welche Zeichen der Stenographie sich alle hätten dem Gedächtnisse einprägen müssen; sie bestanden vielmehr in einer ausgiebigen Kürzung der Buch- staben, sowie in Abkürzung von Worten und Redensarten— nach Gründen der Logik und Sprache— und in solcher Regel- Mäßigkeit, daß das Wiederlesen jederzeit möglich war. Außer Tiro haben noch verschiedene andere Männer sich um Vervoll- kommnung der römischen Noten große Verdienste erworben, und beläuft sich die Zahl der zur Zeit bekannten römischen Noten auf etwa 13,000. Welche Würdigung damals der Stenographie seitens des Staats zuthcil wurde, geht allein schon daraus hervor, daß Kaiser Augustus dieselbe in den Rang der nützlichen Künste erhob und unter seiner Regierung sich in seinem Reiche drei- hundert Schulen für Stenographie bildeten. Auch die damaligen Dichter spendeten der Stenographie großes Lob. So heißt es in einem Epigramm des Ausonius: „Kein Laut entschlüpfet deinem Ohr Und nie versagt es dir den Dienst, Doch nimmer füllet sich dein Blatt. Sanft gleitend drückt die Rechte nur Leicht auf des Wachses Fläche fort. Und sprach ich viel aus aller Kraft, Umschweifend steis nach Redner Brauch, Hast du das kaum gesproch'ne Wort Schon schnell in's weiche Wachs gedrückt." Mit dem Verfall der römischen Kultur ging auch die Kunst der tironischeu Noten allmählich verloren, und unter Kaiser Justinian wurde die Verwendung der Stenographie bei staat- lichen Angelegenheiten ganz verboten. Der Grund hierzu war, daß dieselbe durch die eingerissene Sittenverderbniß zu vielen unedlen Zwecken benutzt wurde, welche Vergehen jedoch sehr streng, unter anderem mit Abschneiden der Finger des betreffenden Steno- graphen bestraft wurden. Es tauchten nur von Zeit zu Zeit einzelne Versuche von Stenographieen auf, deren jedoch keine in Bezug auf Vollkommenheit dem Shstem Tiro's im entferntesten gleichkommt. Der erste Versuch bei den neueren Völkern, ein System der Stenographie zu begründen, wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in England durch den Mönch John of Tibury gemacht. Doch hat dieses System, wie so verschiedene andere, eine weitere Ausbildung und Vervollkommnung nicht erfahren, und erst im Jahre 1786 publizirte Professor Samuel Taylor in Oyford ein System der Geschwindschreibekunst, welches nicht nur jetzt noch in England von der Mehrzahl der Stenographen praktisch benutzt wird, sondern auch in Uebertragungen auf die ver- schiedensten Sprachen zu sehr ausgedehnter Verwendung gelangte. Große Erfolge erzielte ferner der Volksfchtillehrer Isaak Pitmann mit seinem im Jahre 1837 veröffentlichten stenogra- phischen Systeme, welches ursprünglich nur eine Verbesserung des Taylor'schcn Systems sein sollte, jedoch zu einer vollständig selbst- ständigen Erfindung führte. In Deutschland verschwand im 10. Jahrhundert bei der hereinbrechenden Unwissenheit des Mittelalters mit der Kenntniß der Schreibetunst im allgemeinen auch die der Kurzschrift. Das Schreiben war lediglich eine Beschäftigung der Mönche, und erst nach dem Wiederaufleben der Wissenschaften, der Erfindung der Vuchdruckerkunst und der allgemeineren Verbreitung der Volks- Ruine Partenstein(im Spessart). Da oben auf dem Berge Stand einst ein stolzes Schloß, Wo eben nach der Lerche Der Edelfalke schoß. Das Mühlchcn, im Thale gekauert, Geht noch seit grauer Zeit; Das Gute überdauert In alle Ewigkeit. uurt Mook. Ferdinand Freiligrath(Seite S04), einer der bedeutendsten und einflußreichsten Dichter der jüngsten Vergangenheit, wurde zu Detmold am 17. Juni 1810 geboren. Bis zum IS. Lebensjahre besuchte er das Gymnasium feiner Vaterstadt und widmete sich alsdann mit Rücksicht auf die Beerbung eines in England lebenden wohlhabenden Oheims, dem Kaufmannsstande. Zuerst als Lehrling in Soest, später in einem Wechselgefchäft in Amsterdam, schließlich, von 1837-39, in Barmen in Stellung, beschäftigte er sich in seinen spärlich bemessenen Mußestunden mit Erd- und Naturkunde— mit besonderer Vorliebe das Morgenland bevorzugend,— und mit dem Studium der französischen und englischen Literatur. Im Jabre 1839 trat er zum erstenmale vor die Oeffentlich- keit mit einer So ug von Gedichten, deren mit den reichen Farben des Orients ge° ckte Vhantasie sich so ra�ch V- s>»rzen eines weiten Leserkreises er'.ie, daß c stch entschloß, aick r kaufmännische Karriere zu verzichten Seiner vr? geudlicher Nnbekanntschaft mit den sozial- politischen'.rhältnissen g' zenen Ueberzeugung folgend, nach welcher der Dicht, auf höherer Warle stünde,„ciis ans der Zinne der Partei", gerieth er mit der geha>. Tischten«'.isse rw-ah's in onsl.ki, die mit flammenden Gedicht, die potittsche Ruhe Dt! schland- zu uören begann. 1842 ward ih.. da' r Luhn in einem Jahrgey i!t des Preußischen Königs, das c>. o glich mal.», Zt. Goar-. schönen bildung, sowie durch das verbesserte Schulwesen, erwachte, als sich schon aus der steifen, eckigen gothischen Schrift deS Mittelalters die neuere Kursivschrift gebildet hatte, das Bedürfniß einer Kurzschrift von neuem. Die erste nachweisbare Verwendung einer solchen fand bei der Aufzeichnung der von Dr. M. Luther gehaltenen Predigten und Tischreden statt, wobei sich ein Freund desselben, Dr. Crutziger, durch außerordentliche praktische Fertig- keit auszeichnete. Im Jahre 1796 entschloß sich, nachdem bereits eine große Anzahl stenographischer Systeme geschaffen worden war, der Kon- sistorialrath Friedrich Mosengeil dazu, das Taylor'sche Werk auf die deutsche Sprache zu übertragen. Aber alle diese vielfältigen Versuche ruhen nun meist im Staube der Bibliotheken oder, wenn sie auch hier und da noch einzelne zerstreute Anhänger haben, so ist deren Zahl doch gewiß sehr mäßig, sodaß diese Schriftarten kaum mehr einen größeren Werth als irgend eine Geheimschrift haben können, die auf eiue bedeutungsvolle Zukunft Anspruch zu machen nicht gedenkt. Da publizirte im Jahre 1834 der Ministerial-Sekretär Franz ikaver Gabelsberger in München eine„Anleitung zur deutschen Redezeichenkunst oder Stenographie"— die Frucht seines siebzehn- jährigen rastlosen Forschens—, welches Werk denn auch als das vorzüglichste und beste aller stenographischen Systeme anerkannt werden muß. Als der Sohn armer Eltern wurde Gabelsberger nach dem frühzeitig eintretenden Tode seines Vaters von dem Lehrer und Chorregenten Plinkhart zu Haag in Oberbayern er- zogen, und später sorgten für seine weitere Erziehung die Kloster- geistlichen zu Attel. Nach dem Besuch der Schule des Beneviktiner- stiftes zu Ottobeuern, dann des Knabenseminars und endlich des Gymnasiums zu München wurde Gabelsberger von einer schweren Krankheit befalleu, die ihn hinderte, an einigen Schulprüfungen theilzunehmcn. Kurze Zeit darauf versiegten auch die dürftigen Hülfsquellen zur Fortsetzung seiner Studien, sodaß er sich zu seinem größten Leidwesen gezwungen sah, von einem weiteren Studium abzusehen und für seine Subststenz Sorge zu tragen. Nachdem er kurze Zeit eine untergeordnete Privatstelle bekleidet hatte, ward er im Jahre 1823 zum Sekretär im Staatsmini- sterinm befördert und einige Zeit später in das statistische Bureau des Finanzministeriums versetzt. (Schluß folgt.) Rheinstrome mit dem durch gleiche Gunst heimgesuchten Geibel ein heiteres, nur der Poesie gewidmetes Zusammenleben zu führen. Doch ertrug Freiligrath's Mannesstolz die Fesseln, in die ihn die königliche Gnade geschlagen, nicht lange; in seinem„Glaubensbekenntnisse" trat er unter das Banner entschiedener Freisinnigkeit und leistete 1844 auf die preußische Pension rückhaltslos Verzicht. Schon 184S trieben ihn Verfolgungen in die Schweiz, und da diese ihm auch dort nicht er- spart blieben, siedelte er 1846 nach London über, wo der deutsche Dichter als Korrespondent in einem Handelshause ein Unterkommen suchen mußte und fand. Der 1348er Bewegung warf er sich mit den Gedichten„Die Revolution" und„Februarklänge" begeistert in die Arme— es litt ihn nicht mehr in London, er kehrte in das Vater- land zurück. In seinem den Berliner Märzgefallenen geweihten Ge- dichte„Die Tobten an die Lebenden" fand ein Staatsanwalt Staats- verbrechen; er ward verhaftet, aber am 3. Oktober 1343 von dem Geschworenengerichte freigesprochen. Einer abermaligen Verhaftung wegen des 18S1 erschienenen zweiten Heftes seiner politischen und sozialen Gedichte entzog er sich durch die'Rückkehr nach London. Von da an lebte er wiederum in kaufmännischer Stellung in London, um 1868 von neuem nach Deutschland, und zwar nach Stuttgart, zurück- zukehren. Die Dichtungen der unpolitischen Epoche seines Lebens sind größtentheils ganz eigenartige Bilder aus dem Menschen- und Thier- leben der heißen Zone, in denen geniales Schilderungstalent mit ge- ivaltiger Phantasie und höchster Formvollendung um den Preis ringen. Auch seine zahlreichen politischen Poesien tragen den unverkennbaren Stempel der Meisterschaft und haben noch heute ihre intensive Wirkung aus die politisch empfänglichen Gemüther der Volksmassen Nicht ver loren. Das neue deutsche Reich fand nur noch den Dichter, nicht mehr den politisch urtheilsfähigen und überzeugungstreuen Kämpfer Freiligrath unter den Lebenden; derselbe hatte sich, gleich so vielen Anderen, in einen Anbeter des brutalen Erfolges verwandelt. Am 17. März 1876 starb auch der Mensch Freiligrath.— Freiligrath— der Poet der Revolution— wird leben, so lange es freiheitbegeisterte Menschen gibt.' Xz. 512 Knecht Ruprecht.(Seite 505.) Nicht blos in die Kinderstube unserer Generation, sondern bis in die Kindheitsepoche ganzer Völker führen uns die Gedanken beim Betrachten unseres Bildes zurück.— Früh gewannen die theils segensreichen, theils feindlichen Naturmächte in der Phantasie der Menschen Gestalt und wurden zu abgeschlossenen Persönlichkeiten, zu Göttern. Im Laufe der Zeit steigerte sich die sitt- liche Vorstellung von denselben, und unter anderen Eigenschaften schrieb man ihnen auch Gerechtigkeit zu. Bei allen Völkern finden wir nun Jagen des Inhalts, daß die Götter von ihrem Himmel herabgestiegen und unerkannt zu den Menschen gekommen seien, um durch Belohnung des Guten und Bestrafung fdes Bösen ihrer Gerechtigkeit Genüge zu leisten. Solche Sagen lebten auch in unserem deutschen Volke. Wodan sowohl wie seine Gattin Freya ziehen auf Erden nmher, um den feld- bebauenden Landmann und die spinnenden Mägde zu belohnen oder zu bestrafen. Und dieser Glaube in seiner poesiereichen Gestalt lebt noch heute in dem reichen Schatz unserer Volkssagen und Märchen fort. Aus den Göttern unserer deutschen Altvordern wurden unter dem Ein- fluß des Christenthums theils Teufel, theils Engel oder Heilige aller Art. An einen dieser Heiligen, in einigen Gegenden an den heiligen Nikolas, in anderen an den heiligen Martin oder Ruprecht(auch Marten, Pelzmartdn, Knecht Ruprecht genannt), hat sich diese Handhabung der Gerechtigkeit aus Erden angeknüpft, und sie wird den Kindern noch heute in der Gestalt vermittelt, welche uns unser Bild zeigt. Der nach der Ueberlieferung in einen Pelz oder Mantel eingehüllte Nachkömmling des alten Winter- und Himmelsgottes Wodan tritt in die Kinderstube, um durch Liebesgaben zum Guten anzueifern, durch Androhung von Strafe von Unarten abzuschrecken. Weit entfernt davon, dieser An- lockungs- und Abschreckungstheorie unbedingt zu huldigen, weit entfernt davon, den abergläubischen Zusätzen unbedingt das Wort zu reden, sehen wir in dieser Sitte eben ein Stück Kulturgeschichte, eine Aeußerung. der poetisch gestaltenden Phantasie unseres Volkes, und haben unsere wahre Freude daran. Da das Kind die Einsicht, warum es so und nicht anders handeln soll, noch nicht haben kann, da es noch nicht, gestehen wir es nur, den Unterschied zwischen Gut und Böse kennt, werden ihm diese. Begriffe eben durch handgreifliche Folgen vermittelt, eben durch Ge- schenke und Liebkosungen, durch Schelten und Strafe oder Straf- androhung.— Bald wird auch für die Kleinen auf unserem Bilde die Zeit kommen, wo ihnen die Pflichten des Menschen auf mehr verstandesmäßigem Wege gelehrt werden, wo die phantastische Ge- stalt des Knechts Ruprecht, deren Ursprung im Gewissen des jugend- lichen Volkes zu suchen ist, ihre Geltung als selbstständiges Wesen verliert und dem verständiger, reifer Gewordenen als das erscheint, was sie ist: ein poetischer Ausdruck der Gerechtigkeit und des Ge- Wissens. wt. Ankündigungen. Serliner freie presse." Größtes sozialdemokratisches Organ, erscheint täglich in Berlin, Sonntags mit der prachtvoll illustrirten Gratisbeilage ,.Die neue Ivelt." Abonncmentspreis pro Quartal 4 Mark. Bestellungen für außerhalb nehmen alle Post- anstalten entgegen, auch für die Monate No- vembcr und Dezember. Tie„Berliner freie Presse" ist eingetragen in der Zeitungspreisliste pro 1876, l. Nachtrag, Nr. 544 a. Für Berlin nehmen alle Zeitungs-Spediteure Bestellungen entgegen. Tie Expedition. Berlin 80., Kaiser-Franz-Grenadierplatz 8a. Im Selbstverlage des Verfassers(Berlin 80., Neanderstraße 8) ist erschienen und gegen Ein- sendung von 1 Mark zu beziehen: Zum Zclbftuntcrncht! Uollftäniiger Leitfaden � einer einfachen, in wenigen Stunden er- � lernbaren � f Stenographie(SystemRoller) J $ für den Schul-, Korrespondenz- und par- 2. „a lamentarischen Gebrauch, aufgestellt von � �.Heinrich Roller, prall. Stenographen,« s Lehrer der Stenographie zc. Mit 8 litho- Z" stenogr. Lehrtafeln. Zweite verbessertes 5; Auflage.— Auch durch die Expedition des 2 „Vorwärts", durch Bracke in Braun- schweig und Levit's Buchhandlung in Berlin zu beziehen. Die sonalt Devolution im Thierreiche. Von F. Essenther. 1876. Eleg. geh. Preis l M. Leipzig. C. Ä. Koch's Verlagshandlung. Geschäfts-Eröffitilng. Bon meiner HUNitskUclieN-Fabrik habe ich ein VerkanfSlokal Pctcrssteinweg.Ecke am Köiiigsplaü, eröffnet und verkaufe zu Engros- Preisen. Martin's Honigkuchcn-Fabrik, Leipzig, Schrötergäßchen 6. Geschäfts-Anzeige. 'Wir zeigen unseren Freunden, Gesinnungs- genossen und überhaupt dem geehrten lesenden Publikum crgebenst an, daß wir unsern Buch- Handel mit dem l. Oktober d. I. bedeutend erweitert haben. 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Dem stamme entsprechender: shueiden, shnidd, abshnidd, gclidden, fersodden... Ausfürliches hirüber sagt die broshüre „Neue deutshe rechtshreibung" fon P. Derfler in Linz a. d. Donau. Preis 40 pfenige. Achtung! August Eckert, Bilchbl! Barmen, Kleinwehrt und Breddersttaßev: Empfiehlt. sich in allen vorkommeuvc:,-( binderarbeiten; prompte und reelle Bedien g wird zugesichert. Den Abonnenten der„Neuen i:lt" Nachricht, daß sie den ersten Jahre i se auch die„Sozialpolitischen Blätter" zu billigsten Preisen dauerhaft und solid ein gebunden bekommen. „Es werde Licht! U Poesieen von Leopold Jacoby. Zweite Auflage. Ladenpreis M. 1,50; in der Expedition des „Vorwärts" pr. Exemplar M. 0,50. Mit der nächsten Nummer beschließt die„Neue Welt" ihren ersten Jahreslauf, während dessen sich ihr ein großer und treuer Leserkreis erschlossen hat. Die„Neue Welt" wird auf der betretenen Bahn fortschreiten— Freund und Lehrer der arbeitenden und darbenden Mehrheit, Feind und Kämpfer gegenüber der herrschenden und schwelgenden Minderheit des Volkes. Die geehrten Abonnenten wollen ihre Bestellungen stir das 1. Quartal 1877 sofort bewirken. Die Verlagshandluitg. Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig.— Druck und Verlag der Genoffenschastsbuchdruckerei in Leipzig.