Jllustrirtes Unterhaltungsblatt füt" das Volk. rscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Der Erbonkel. Novelle von ßrnst von Watdow. „Trudchen— Trudchen, komm geschwind— ich fürchte daß ich sehr krank bin— krank bis zum Tode!" so rief der Hofrath von Bartels, ein verschüchtertes, zaundürres Männchen, indem er sich, stoßweise und mühsam Athem schöpfend, in einen großen Lehnstuhl gleiten ließ. Die halbgeöffnete Thür, welche in das nebenan gelegene Wohn- zunmer führte, wurde in diesem Augenblick etwas unsanft völlig aufgestoßen, eine hochgewachsene Frau erschien auf der Schwelle, und eine stahlharte Stimme sagte: »Ich fürchte, mein lieber Sebaldus, daß du diesmal allen Ernstes den Berstaud verloren hast, du würdest wohl sonst nicht die Unschicklichkeit begangen haben, so snus latzon in einen Salon hereinzustürzen und deine Gemahlin mit einem so vulgären Namen Wenn die Dame erwartete, eine demüthige Abbitt. für solche, eben gerügte, unverantwortliche Kühnheit zu vernehmen, dann wurde sie sehr enttäuscht, denn ihr sonst so unterwürfiger Gatte, von dem sie selbst in besonders guter Laune zu behaupten pflegte: daß er gut gezogen sei— verdiente dieses Lob heut ganz und gar nicht. Ein tiefer Seufzer war die einzige Mitivort auf die kwme Strafpredigt der gefürchtcten Herrin des Hauses, dabei schüttelte Herr Sebastian von Bartels in des Wortes eigenster Bedeutung den Staub von seinen Stiefeln auf den hellgrauen Grund eines rosendurchwirkten Teppichs. „Sebaldus!" rief die stahlharte Stimme noch drohender— „was soll-denn das alles bedeuten, weißt du denn wirklich nicht mehr, wo du dich befindest und wie unpassend du dich benimmst?" „Ach Trudchen— das ist ja jetzt alles egal!" Die etwas hochblonde, noch recht gut conservirte Dame näherte sich nun schnell dem, immer noch wie geistesabwesend vor sich hmstarrenden Gatten. Ihre Vorwürfe waren verstummt, und sie ließ es sogar ohne Rüge geschehen, daß der kleine Herr Hoftath seinen rechten Fuß sammt dem immer noch bestaubten Stiefel gegen das geschnitzte Postament des Sophatisches stemmte— ihr war klar geworden, daß nur irgend ein furchtbares, unvorhergesehenes Ereigniß eine so gänzlich vernichtende Wirkung auf das sanfte Gemüth des lenksamen Mannes hatte hervorbringen können, deshalb ließ sie sich jetzt auch ohne weiteres auf dem hochgepolstcrten, rothen Sopha nieder und fragte in möglichst mildem Tone: „Willst du mir nicht sagen, warum du heut noch vor Ablauf deiner Bureaustunde zurückgekehrt bist— und warum nun doch alles egal ist?" Er seufzte wieder. „Ach der Herzog—" „Seine Durchlaucht der Herr Herzog"— fiel sie ihm streng in's Wort. „Nun ja, meinetwegen— also Seine Durchlaucht der Herr Herzog haben allergnädigst geruht, mich in Ruhestand zu ver- setzen."— „Unmöglich— es muß ein Jrrthum obwalten." „Leider nein, es ist nichts als eine höllische Jntrigue des neuen Ministers." „Und sagte dies der Herzog selbst?"— „Freilich, Seine Durchlaucht hatten die Gnade, mir für langjährige treue Dienste zu danken uud mich in Berücksichtigung meiner Kränklichkeit— ich habe mich nie wohler befunden!— in den wohlverdienten Ruhestand zu versetzen." Jetzt war das Fürchterliche geschehen, die schlimme Nachricht der in wortlosem Jammer die Hände ringenden Lebensgefährtin mitgetheilt.— Der kleine Hofrath athmete erleichterte auf; bald jedoch bebte er, einem erschrockenen Lanime gleich zusammen, denn Frau Edeltrud hatte die Sprache wieder erhalten und der Rede- ström fluthete wie das Wasser aus einer aufgezogenen Schleuse niit wilder Gewalt dahin. Er ließ alles geduldig über sich ergehen, und nur als die Erzürnte ihren Sermon mit den Worten schloß: „O, ich bcdauernswerthe Frau— das sind die Früchte dieser unseligen Heirath!"— da sprach er tonlos nach:„Dieser unseligen Heirath!" Sie blickte erstaunt nach ihm hin und sagte strafend: „ Nun du hast es wohl noch nicht zu bereuen gehabt, daß dir das Freifräulein Edeltrud v. Reckcnstein ihre Hand gereicht hat, eine Gunst, der bald von Seite des Herrn Herzogs eine zweite hinzugefügt ward in Gestalt der Adels-Verleihung." Der Hofrath seufzte:„Was nützt mich der Mantel, wenn er nicht gerollt ist," meinte er dann achselzuckend, erschrak aber, sobald diese vulgäre Redensart seinen Lippen entschlüpft war und senkte den Blick, in Erwartung einer neuen ernsten Rüge. Diese blieb indessen zu seiner Verwunderung aus. Die Dame erhob sich, glättete die lilaen Seidenschleifen an ihrem weißen Prignoir und sagte feierlich: „Ich überlasse dich jetzt dir selbst. Strebe darnach, durch ernstes Nachdenken einen Ausweg ans diesem Labyrinthe zu finden. Du bist das Haupt der Familie, dir liegt es ob, Rath und Hilfe zu schaffen, ich als schwaches und leidendes Weib kann vorläufig nichts thun, als meine unglücklichen Kinder, die unschnl- digcn Opfer des Verhängnisses, auf diese gänzliche Aendcrnng ihrer sozialen Stellung vorzubereiten." Damit entschwand das„leidende Weib" den Blicken des ihr betroffen nachschauenden Mannes. Dieser erhob sich langsam und die mageren Glieder streckend, als wolle er sich überzeugen, daß der so plötzlich über ihn hereingebrochene Schicksalsschlag ihn nicht völlig vernichtet habe, sprach er mit resignirtem Lächeln: „Ich bin also das Haupt der Familie, und mir liegt es ob, Rath und Hilfe zu schaffen— das ist eine nette Geschichte— meiner Treu!"— Als der Hofrath später in das Speisezimmer trat, erblickte er seine Gattin, umschlungen von den Armen ihrer Töchter; in Frau Edeltrud's großen grauen Augen glänzten Thränen, sie kam sich selbst vor wie Niobe— wenigstens sagte sie dies dem gebeugten Gatten, der darüber sehr gerührt schien, aber doch mit einem Seufzer der Befriedigung nach der Thür sah, die eben von Rikens kräftiger Hand geöffnet ward. Der sehnsüchtige Blick galt übrigens nicht den spärlichen Reizen der dicken Köchin, sondern der großen Suppenterrine. „Jetzt ist jede Diskussion suspendirt"— sagt? sich der gleich- falls suspendirte Beainte, und da er zugleich der Ansicht war, daß Speise und Trank die besten Heilmittel auch gegen Seelen- leid seien, griff er wacker zu. Die trefflich zubereiteten Speisen mundeten jedoch nur dem Papa Hofrath und seinem jüngsten Sprossen, einem hoffnungs- vollen Kadetten. Der kleine Adelhardt, obgleich der Stammhalter der Familie, dem die„erschütterte soziale Stellung" derselben den Appetit hätte billig ani meisten verderben sollen, hatte noch zu wenig Verständniß für die traurige Veränderung der Lage. Das- selbe ließ sich von dem neunjährigen Röschen behaupten, einem guten, sanften Kinde, dem heut nur deshalb die Augen voll Thränen standen, weil Mama und Schwester Adelgunde so herz- brechend geweint. Arme Adelgunde, sie hatte freilich Ursache, ihre schmachtenden Vergißmeinnichtäuglein roth zu weinen— nun war es ja noch viel zweifelhafter, daß Theobald, der heim- lich Geliebte, sich zu der längst erwarteten Verlobung entschließen werde! Leider war der liebende Jüngling noch minorenn und der„Papa Geheimrath" ein sehr praktischer Mann. Adelgunde, die sich dem verhängnißvollen Wendepunkte im Mädchenleben näherte, wo die Jungfrau zur alten Jungfer wird,� besaß schon so viel Menschenkcnntniß, um die Theilnahme, welche Freunde in der Roth zu erweisen pflegen, auf das richtige minimale Maß zu beschränken. Eine gestürzte Größe ist bei Hofe— und wenn dieser Hof auch nur ein Höfchen ist und die„Größe" eine beschei- dene Null war, eine nur zur Hälfte tragische, zur Hälfte lächer- liche, stets aber für die Kreise, in denen sich dieselbe zu ihrer Glanzzeit bewegte, eine unmögliche Figur. Dies fühlte sogar der Hofrath, wenn auch dunkel, und er wagte den Versuch, die-Gattin dieser Anschauung zugänglich zu machen. Das Ehepaar hatte sich nämlich nach der ziemlich ein- silbig eingenommenen Mahlzeit in das; Arbeitszimmer des Haus- Herrn zurückgezogen, um noch einmal reiflich die nächsten Schritte zu überlegen, welche in dieser schlimmen Lage zu thun wären, um, wie Frau Edeltrud betonte, die Familienehre zu wahren und sich nichts zu vergeben. „Wir werden einigen Aufwand machen, eine große Gesellschaft geben müssen, vielleicht sogar wirklich eine Badereise unternehmen, damit dein Austritt aus dem Staatsdienste auf natürliche Weise, durch deine Kränklichkeit, motivirt werde und jdie Lästerzungen gleich anfangs verstummen müssen." „Gesellschaften— eine Badereise— aber woher soll denn das Geld zu alledem kommen?" fragte das schüchterne Männchen. „Das Geld spielt stets nur eine untergeordnete Rolle, wenn' die Ehre mit dabei in Betracht kommt." Der Hofrath lächelte, er hatte seinen Shakespeare nicht um- sonst studirt und hoffte die ihm sonst so überlegene Gegnerin durch ein klassisches Citat zu schlagen, deshalb fragte er jetzt auch achselzuckend:„Was ist Ehre? Ein Wort. Was steckt in dem Wort Ehre? Was ist diese Ehre? Luft. Ehre ist nichts als ein gemalter Schild beim Leichenzuge." „Du hast wohl den Verstand verloren?" sagte gelassen die Hofräthin, als ihr Gatte endlich schwieg. „Verstand verloren— wie so?" „Weil ein Mensch, den die Gnade Sr. Durchlaucht der obskuren bürgerlichen Sphäre entrissen hat, im Besitze seiner fünf Sinne doch unmöglich so konfuses Zeug zusammenfascln kann." Um die Lippen des Kleinen zuckte es, aber er erwiderte mit immer gleicher Sanftmuth:„Ich sprach ja nur mit den Worten des großen Briten." „Ob der Brite groß oder klein war," entgegnete Dame Edel- trud verächtlich,„darauf kommt hier sehr wenig an, jedenfalls war er nicht von Adel und besaß in Folge dessen kein pennt d'honneur." „Es ist wahr— Shakespeare war nicht von Adel," murmelte der Hofrath. Sie achtete gar nicht ans seine Einrede, sondern fuhr strenge fort:„Laß uns zur Sache kommen. Triff die nöthigen Vor- bcreitungen, um unsere Ehre intakt zu erhalten. Wenn du übrigens auch einen Vorschlag zu machen hast, so rede frei, ich höre." Der Hofrath räusperte sich, zupfte an seinen Manschetten, fuhr sich durch das spärliche, grauschimmernde Haupthaar, räusperte sich noch einmal und lispelte dann:„Ich da� leicht das Beste wäre, Wolfsburg, sobald di zu verlassen und— und"— „Nun und— vollende doch!" „Es war nun so meine unmaßgebliche M> „Freilich, deine Meinung ist immer unmaßge ich denn endlich erfahren, wohin du, nachdem den Rücken gekehrt, deine arme Familie zu ver „Nach— nach Dohlenwinkel!" Er hatte das letzte Wort mit dem Aufgeb me seines ganzen MutHes laut herausgestoßen, erschrak aber jetzt nicht wenig, als die Gattin nach einer kleinen Pause sich gleichsam von der Er- starrung, die sie befallen, erholt hatte und nun in ein kurzes gellendes Lachen ausbrach. „Nach Dohlenwinkel— in dein heimathliches Nest, in den Kreis deiner plebejischen Verwandten— unglaublich! Willst du dein Weib und deine armen Kinder morden— Barbar!?" „Gott behüte mich davor— es war ja blos meine unmaß- gebliche"— „Schweig!" „Aber Trndchen, so höre mich doch an. Gerade weil ich an das traurige Loos der armen Kinder dachte, die ohne Ver- mögen, ohne Connexionen in der Welt stehen"— Die Hofräthin schluchzte.„Ja, ohne Vermögen, ohne Eon- nexionen," wiederholte sie,„verlassen von allen, sogar von dem eigenen Vater aufgeopfert und verrathen?" „Nicht doch— nennst du das aufgeopfert, wenn ich bemüht bin, meinen Kindern das Geld des Erbonkels zuzuwenden!" „Thörichter Wahn— dn wärst just der Mann dazu." Das„Haupt der Familie" ging stillschweigend über diese wenig schme-chelhafte Bemerkung hinweg und zur Sache über. „Warum sollte nicht ich oder meine Nachkommen dies Glück er- ringen._ Einer muß das Vermögen doch erben und der Onkel— oder besser gesagt mein Bruder— ist in voriger Woche llS Jahre alt geworden!" „Und du hast es natürlich nicht der Mühe Werth gehalten, ihm in deinem und deiner Familie Namen zu diesem Geburtstage zu gratuliren— ein guter Anfang, um die Gunst des alten Herrn zu erringen." das wäre der falsche Weg; er ist mißtrauisch und arg- wöhmsch im höchsten Grade und würde in jeder ihm enviesenen Aufmerksamkeit eine Spekulation erblicken." „Ich weiß, ich weiß, du erzähltest mir schon davon, nichts- destowemger bemühen sich aber alle deine Verwandten in Dohlen- Winkel um die Wette, den Erbonkel für sich zu gewinnen." „Gewiß, nachdem er einem jeden von uns das feierliche Versprechen gegeben: daß die Erbschaft weder zerstückelt werden, noch einem Fremden zufallen solle, ist ein fieberhafter Wettstreit unter den Familienmitgliedern entbrannt. Der Erbonkel soll im Sturme erobert werden. Früher hielten die Verwandten zusammen, um fremde Eindringlinge zurückzuscheuchen; jetzt erblickt jeder ,n dem andern den Erbschleicher, und ich glaube fast, nur Bruder Eusebius, der alte Student, das bemooste Haupt, ist sich gleich geblieben und sieht nach wie vor der Komödie ruhig zu, ohne Miene zu machen, eine Rolle darin zu spielen." „Zu letzterem scheinst du jetzt nicht übel Lust zu haben?" „Was thut man nicht der Kinder wegen!" „Nun, czottlob, zu diesem äußersten Mittel zu greifen, haben wir nöch nicht nöthig. Noch besitzen wir die 2000 Thaler, welche ich dir zugebracht und vielleicht entschädigt uns das Schicksal auf andere Weise. Wenn wir trotz deiner kleinen Pension unfern Hausstand auf großem Fuße fortführen, müssen ja die Leute denken, daß wir gut situirt sind. Der Geheimrath, dein Freund, wird gegen eine Verbindung Theobalds mit unserer Adelgunde nichts einzuwenden haben, und ist nur erst das eine unserer armen Kinder versorgt, wird sich für die andern auch etwas finden. Das Glück Adelgundens liegt mir zunächst am Herzen." „Das Glück Adelgnndens," wagte der Hofrath schüchtern ein- zuivenden—„bist du aber dessen auch gewiß, daß sie mit Theo- bald glücklich wird? Und wenn seine Familie es inne wird, daß sie kein Vermögen mitbekommt— kaum eine anständige Aussteuer— was wird dann geschehen, werden sie nicht argwöhnen, daß wir—" „Nun, und der Erbonkel?" fragte Fran Edeltrud scharf.„Hat Adelgunde nicht das gleiche Recht als Großnichte an dieser Erb- schaft wie die übrigen dohlenwinkeler Verwandten?" „Allerdings— aber—" „Sein Aber. Ich glaube, die Tochter des Freifräulein von Recken- stein und des Hofraths von Bartels hätte wohl ein größeres Anrecht auf Berücksichtigung wie die Söhne und Töchter eines— Tischlers; dies ist doch dein Bruder Johann unleugbar?!" „Unleugbar," stammelte das kleine Männchen verlegen. Damit war die„Diskussion" geschlossen und seufzend, wie stets, ergab sich der Hofrath in sein Schicksals d. h. in den Willen seiner Gattin. Hatte er es doch so gehalten in all' den Jahren seines reich- bewegten Braut- und Ehestandes. Warum auch hatte der kleine, schüchterne Kanzlei-Sekretär die Blicke zu der Tochter- seines da- maligen Chefs, des Kanzlei- Raths von Reckenstein erhoben? Vielleicht that er dies auch nur, weil es ja jedem Sterblichen gestattet ist, das Hohe, das Erhabene zu lieben, �u bewundern— heißt es doch im Liede schon: „Tie Sterne die begehrt man nicht,, Man freut sich ihrer Pracht.", �'—» Wenn nun Sebaldus die Wahrheit hätte bekennen müssön, so würde er es eingestanden haben, daß auch er im iGrunde seines Herzens keine so verwegenen Wünsck�'gchegt und eigentlich Edel- trnd von Reckenstein nicht zum ehrlichen Gwiahlk begehrt hatte. Auch ward ihm die Hand der blonden Raths- Tochter'l.brst spät und mehr als eine Belohnung seiner treuen, ausdauernden Liebe bewilligt. Ja wohl ausdauernd, denn gleich Vater Jakob, be- wunderte Sebaldus aus angemessener Entfernung 7 Jahre lang die Reize der Angebeteten. Ferner überdauerte seine Liebe die- jenige'all' der jungen Lieutenants und kleinen Kammerhrrrcn, die je und je in dein Herzen der bereits stark majorennen Edeltrud durch ein harmloses Wort, eine zarte Huldigung, Hoffnungen erweckt, die leider unerfüllt bleiben sollten. Das kleine scküchtcriie Männchen hätte eher eine Rüge oder einen Befehl aus dem Munde des strengen Chefs, als die Frage erwartet:„Sie lieben meine Tochter?" Sebaldus war so gänzlich njcdergeschmetterck, daß er nur einige unzusammenhängende Worte stainmelte�ivelchd der Kanzlei- rath durch die Mahnung unterbrach, unr ja die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen. Auf dieses an den Schluß der Eidesformel erinnernde Gebot, flüsterte denn der gänzlich zerknirschte Liebhaber etwas von„ehr- furchtsvoller Huldigung" und„bewundenider Anbetung". Das genügte dem besorgten Vater; ein Lächeln der Befriedigung um- spielte seinen Mund und voll Würde verkündete er dem bestürzten Untergebenen sein Glück. Dabei wäre es ihm beinahe begegnet, daß er statt„zur Belohnung für Ihre langjährige stille Liebe und Treue" gesagt hätte,„zur Belohnung für Ihre treuen, dem Staate geleisteten Dienste bewillige ich Ihnen die Hand meiner Tvcht«r!" Uebrigens hätte Sebaldus in seiner damaligen Stimmung sich auch darüber nicht gewundert; fühlte er es doch instinktiv, daß die Hand dieser Tochter schwer auf ihm liegen und im besten Falle ihn stets am Leitseil führen tverdc. Er kam sich der großen, stolzen Edeltrud gegenüber so völlig hilflos vor, daß er seinem künftigen Schwiegerpapa förmlich dankbar für seine in herab- lassender Weise gegebenen Bestimmungen und Rathschläge war. Der kleine Sebaldus nahm später seinen Braut- und Ehe- stand hin wie ein unabweisbares Schicksal, während Schön-Edel- trud sich nur grollend in das Unvermeidliche fügte und den ge- duldigen Lebensgefährten es schwer büßen ließ, daß er nur ein schlichtes Schreiberlein und kein sporentraaendes Ideal ihrer Mädchenträume war. Auch als aus dem Bartels ein Herr von Bartels und endlich sogar ein Hofrath von Bartels geworden, ja als das älteste Töchter- lein besagten Hofraths bereits majorenn war, stand der Papa immer noch unter Vormundschaft und zwar unter derjenigen Frau Edeltruds. Und so war es geblieben. Wie alle Unterdrückten— ob ganze Völker, ob einzelne Individuen— kämpfte auch Sebaldus mit den Waffen der List gegen die ihm überlegene Getvalt, und die kleinen Siege, welche er dann und wann errang, bildeten die Lichtpunkte in seinem oft recht trüben Dasein. So grübelte denn der kleine graue Mann auch jetzt, nachdem seine bessere Hälfte ihn verlassen, darüber nach: wie er„ungc- straft" ihre thörichten Pläne vereiteln und das Wenige— ein kleines Kapital— als Nothpfennig retten könne, statt ruhig zu- zusehen, wie es vergeudet werde im völlig nutzlosen Bemühen, der Wolfsburger Gesellschaft zu„imponircn". Der Zufall, oder richtiger gesagt, die Vorsicht eines besorgten Vaters, des Geheimraths Wegner, vereitelte zum großen Theil Frau Edeltruds Pläne.„Der Vater Theobalds", wie Wegner in der Familie des Hoftaths genannt ward, lehnte nämlich im letzten Augenblick, unter einem zieinlich nichtigen Vorwande, die Ein- ladnng zu der großen Gesellschaft bei Bartels ab, und da die trostlose Adelgunde an demselben Morgen auch alle, dem still Geliebten geliehenen Poesiebücher in Goldschnitt, nebst einem kurzen höflichen Schreiben zurückgesandt erhielt, war es nur zu klar, daß der schlaue Geheimrath, wie Frau Edeltrud seufzend sagte, seine Position gegenüber der gefallenen Größe bereits genommen habe. Die„gefallene Größe", diesmal klüger und weitsichtiger als dte-Iveftgewaudte Gemahlin, ertrug den Schlag verhältnißmäßig ruhig und vermochte ivenigstens den anlaiigcudcn Gästen ein un- befnngeu heiteres Gesicht zu zeigen, während Adelgunde's roth- geweinte Äugen, und die dräuende Zornesader auf Frau Edeltruds Stirn den Eingeweihten alles das erzählten, was die Gastgeber verschweigen und künstlich verhüllen wollten. Die einzigen Resultate dieser großen„Schlangenfütterung", wie der alte Kammerherr von Seiten achselzuckend meinte, lvar, daß Adclhardt, der die eingesottenen Pfirsiche, welche für die Bowle bestimmt waren, fast ganz vertilgt hatte, 3 Taae lang über vcr- dorbcnen Aiageii Klagte, daß Röschen in ihrem kurzen Mull- kleidck�n sich erkäuet, daß zwei Teller und eine Schale des guten Porzeflan-Scrvice auf„unerklärliche Weise" zerbrochen waren und Rtke, die treue Köchin, den Abschied erhielt, weit sie den Braten hatte Anbrennen lassen, und die Mehlspeise dafür noch„unaus- gebackcii" auf die Tafel gebracht. Dal waren stürmffche Tage vorher und nun erst nachher! In Küche und Speisekapimer rumorte und zeterte Frau Edeltrud, und Adelgunde ging mit hängenden Locken und thräucnfeuchten Augen, bleichen Antlitzes aus einem Zimmer in das andere,„wie - der Geist meines aestorllenen Glückes", sagte sie sich selbst, oder „wie Prinzessin Schleieraule in Kalif Storch", meinte der nase- weise kleine Adelhardt, �der bereits die Leiden, welche ihm die geraubten Pfirsiche bereitet, sowie die dafür erhaltene Züchtigung verschmerzt hatte; k Herzenswuiidcn heiWi eben langsamer, diese Bemerkung konnte mau an Ahelgünde machen, nachdem für sie auch die letzte Hoff- nung gescküvunden wai/ den geliebten Jüngling dem väterlichen Einflüsse Kl entziehen.' Theobald wich ihr aus, trotzdem sie eifrig eine Gelegenheit suchte, ihm zu zeigen, daß ihre Liebe groß genug sei, den kleinen Treubruch zu vergeben. Wahrscheinlich fürchtete dies der nicht allzu beherzte junge Mann und vermied deshalb mit bewundernswerther Geschicklichkeit ein Alleinsein. Als nun gar der Papa Geheimrath seinem„lieben Freunde Sebaldus" sub rosa mittheilte, daß des Majors 17 jähriges Lenchcn und sein Theobald vermuthlich ein Paar werden würden— da schloß die tiefverletzte Adelgunde eine Allianz mit dem Vater, zum Ziveck, die Hofräthin zu bewegen, Wolfsburg und die falschen, treulosen Freunde zu verlassen. Es waren harte Kämpfe, welche die beiden Verbündeten zu bestehen hatten, und es fehlte nicht an sogenannten großen Szenen, welche durch Wcinkrämpfe und Migräne würdig abgeschlossen wurden. Aber endlich fügte sich Frau Edeltrud und mit den Mienen und Geberden einer entthronten Königin, verkündete sie im ver- sammelten Familienrathe den opfermuthigen Entschluß: der Re- sidenz den Rücken zu kehren, um in Dohlcnwinkel sich zu„be- graben". Die zweifache Hoffnung, den verloren gegangenen Seelenfrieden der Tochter und die Erbschaft des Onkels zu er- ringen, begleitete die betrübte Familie in das gewählte Exil. (Fortsetzimg folgt.) Dr. Samuel Gridley Howe. Amerika hat keinen Menschen erzeugt, welcher größer und edler genannt werden dürfte, als der Obengenannte. Geboren in Boston am 1l). November(dem Todestage Schiller's und Rob. Blnm's) 1801, als der Sohn eines Paares, welches für die Sache der Bereinigten Staaten fast sein ganzes Vermögen gc- opfert hat, genoß er eine so gute Erziehung, als Neucngland sie damals gewähren konnte, durfte die lateinische Schule seiner Baterstadt und die Hochschule(Brown University) in Providence besuchen, auch sich zum Arzte ausbilden, wurde aber von der geistlichen Erziehungsweise daselbst mehr angewidert, als ent- wickelt, wie es mit allen großen Erziehungs- Reformatorcu in ihrer Jugend der Fall gewesen ist. Er hatte die Anlage zum bahnbrechenden Na- tnrforscher, besonders auf dem Gebiete der Menschennatur, und durchschaute dieHohl- heit seiner Lehrer, de- neu er manchen un- barmherzigen, aber stets harmlosen Scha- bernack spielte. Bei seiner öffentlichen Be- gräbnißfeicr berichte- tcn seine Schulkame- raden von ehedem, wie er einst das Reitpferd des Universi- tätspräsidenten in dessenAmtswohnung die Treppen hinauf bis unter das Dach gegängelt habe, ohne daß jemand außer den Eingeweihten ei- ne Spur davon merk- te; sowie, daß der- selbe Präsident, dem Howe als berühmter Mann ein Menschen- alter später einen Be- such machte, ihm zu- gerufen habe:„Rücken Sie mir nicht zu nahe mit Ihrem Stuhle; sonst fürchte ich, daß unter meinem Sitze ein Torpedo explo- dirt!" Er gab, von Lord Byron's Beispiele begeistert, seine ärzt- liche Stellung in Bo- ston auf(1824) und eilte den gegen die türkische Herrschaft ausgestandenen Grie- chcn zu Hilfe, kam aber zu spät, um Byron noch am Leben zu finden, der bei Missolunghi gefallen war. Er kam in der ver- 'weifeltsten Zeit dieses Freiheitskampfes an, hielt aber treu bei »en Kämpfern aus, doppelte Anstrengungen duldend, als Soldat und als Feldarzt, bis die griechische Sache siegreich war. Nur einmal auf kurze Zeit verließ er die Streiter, um nach den Neu- englandstaaten zurückzueilen, S0,(XX) Toll, für sie zu sammeln und diese in Gestalt von Lebensmitteln, Kleidungsstücken, Arzneien den Griechen zuzuführen, eine Unterstützung, welcher mehrere andere folgten, und durch welche viele Tausende der ganz verclendigten Griechen am Leben erhalten wurden. Nach dem Siege verweilte er gerade noch lange genug, um auf dem Isthmus von Korinth eine Ansicdlung der Witlven, Waisen, Hülfsbedürftigslen aller Art zu stiften und durch Beiträge aus Amerika auf gedeihlichen Weg zu bringen, welche ein 1328 von ihm geschriebenes Buch:„Ge- schichte der griechischen Revolution"— noch heute das beste Werk darüber— ihm zur Verfügung stellte. S. G. Howe. Für die„Neue Welt" gezeichnet und geschnitten. i bi Nach Amerika zurückgekehrt, wurde er von einem Freunde als geeignet erkannt, den Blindenunterricht, welcher in Frankreich und Deutschland mit Erfolg in's Leben gerufen worden war, nach den Bereinigten Staaten zu vcrpftanzen. Er kam zu dem Zwecke, diesen Unterricht zu studiren, nach Paris(1830), eben recht, um an dem Aufstande gegen Karl X. theilzunehmen. Lafayette, der ihn in den Reihen der Straßenkämpfer fand, sagte zu ihm:„Junger Mann, sparen Sie Sich für die Sache Ihres Vaterlandes auf— dies ist unsere Sache". Mit seinem gewohnten Waukclmuth aber forderte er ihn auf, den so eben für ihre Befreiung vom russischen Joche aufgcstandcncn Polen Geldsummen zu überbringen, deren Sendung von den amerikanischen Gebern Lafayette aufgetragen worden, aber ihm mehrfach mißglückt war, weil die prcu- ßischen Heere an der polnischen Grenze ei- ne dichte Postenreihe aufgestellt hatten.— Howe war ganz der Mann zu diesem schwierigen Unter- nehmen und führte es vollständig aus. Bon der polni- schen Grenze nach Berlin zurückgekehrt, wollte er die Gele- genhcit benutzen, das dortige Blinden-Jn- stitnt kennen zu ler- neu, wurde aber noch in der Nacht seiner Ankunft im Gasthofe• verhaftet. Durch List gewann crsovielZeit, um alle Papiere zu vernichten, welche an- dere Personen hätten in' Gefahr bringen können, sowie die übrigen in der Höh- lung einer Büste des Königs von Preußen zu verstecken, wo sie "auch später von einem seiner Freunde un- entdeckt vorgefunden und ihm zurückge- stellt wurden. Er selbst aber mußte in dicHausvogtci wan- dern und dort 56Tage lang unter Bcrbre- chern undandernUn- glücklichen zubringen, wenn er nicht von den Untersuchungsrichtern gcgnält wurde. Was die Hausvogtci da- mals war, kann man aus dem schließen, was sie noch ist. Hier reifte in ihm der Vorsatz, lebenslang für Gefängnißreform zu wirken. Wie lange mau ihn festgehalten haben würde, hätte nicht Albert Brisbane, der bekannte Sozialist, mit schwerer Mühe seinen Aufenthalt entdeckt und durch den amerikanischen Ge- sandten Rives seine Befteiung erwirkt— das ist schwer zu sagen. Man schaffte ihn, zwischen zwei Gensdarmcn sitzend, auf dem Schub über die französische Grenze, nachdem man dem Gesandten gegenüber mehrfach seine Gefangenschaft in Abrede gestellt hatte. Im Nachlaß des Verstorbenen befindet sich noch ein Handschreiben des Königs von Preußen, welches dieser viele Jahre nachher dem berühmt gewordenen Howe als Entschuldigung und Anerkennung gesendet hat. (Schluß folgt.) Ein Gedankenflug durch die Weltgeschichte. Buckle behauptet in seiner„Geschichte der Zivilisation", daß die Bienschcu in Bezug auf ihre sittlichen Gefühle zu allen Zeiten gleich gewesen sind. Die Beräiiderungeu, welche in der morali- scheu Welt vor sich gehen, seien nur abhängig von der Verände- rung in der theoretischen Erkenntniß. Ohne den kommenden Geschlechtern nahe treten zu wollen, die, auf unseren Schultern stehend, viel weiter wie wir sehen werden, lenken wir unsere Blicke in die Vergangenheit, um die gedankenlose Phrase von der „guten, alten" Zeit vom sozialdemokratischen Standpunkt szu be- leuchten. Bei der Menschheit der Urzeit, die zwar auch schon das oberste Glied der Wescnkette repräsentirte, aber wider deren Exi- stenz eine gewaltige leblose und belebte Natur feindlich anstürmte, können wir unmöglich das goldene Zeitalter vermuthen. Im günstigsten Falle erreichte ihr Intellekt das Niveau unserer Hünen- haften Patagonier, deren ganze Lebensthätigkeit lediglich ans Er- nährung und Fortpflanzung besteht, Es gibt zwar auch noch in der guten Gesellschaft von heute Patagonier, aber sie gehören doch zu den Ausnahmen. Wie im Sonnenglanz zuerst die höchsten Gipfel erglühen, so erscheint auch das erste Morgengrauen der Intelligenz um die höchste Bodenanschwellung unseres Planeten, den Himalaya. Dies- seits wie jenseits der granitnen Riesenwiege der menschlichen Kultur erzählen uns Mongolen und Arier zieinlich überein- stimmend oie Schöpfungslegende, den Sündenfall und die Flnth. Selbst die entfernt wohnende Völkerfamilie der Semiten(Hebräer, Aegypter, Assyrer) hat ans den indischen Bedas, dem Urquell aller Tradition, geschöpft, denn die Bibelfiguren Adani, Eva, Abraham und der Messias haben eine unleugbare Aehnlichkeit mit den sanskritischen Adima, Heva, Adgigarta und dem von der Jungfrau Devanaki 3500 Jahre vor unserer Aera geborenen Krishna. Die Mythen gleichen den Wvlkcngebilden, eine Gestalt geht in die andere über und bleibend ist nichts als die dichtende Volksphantasie und das wache Auge der Kritik. Was uns die Bibel, dieses internationale Mosaikepos, über die sozialen Ver- Hältnisse berichtet, klingt nicht sehr erbaulich. Damals, wie heute, vergaßen diejenigen, die im Genüsse der Früchte waren, die Hand, welche sie ihnen gebaut. Die ägyptische und assyrische Volksbedrückung mit ihrer herrsch- süchtigen Hierarchie hat unseren.Külturstaaten" zum Modell gedient. England ist ein Bürstenabzug der gewissenlosen Krämer- Politik von Tyrus und Sidon, die Türkei eine Copie der despo- tischen Eunuchenwirthschaft von Xerxes und Darius. Im günstig- sten Falle sehen wir glänzende Spitzen auf dunklem Untergrund von unglaublicher Roheit. Gehen wir weiter nach der Brutstätte der Gedankenkeime der Zukunft, dem sonnigen Hellas und dem heiteren Jonien. Plalo's Mnstcrstaat blieb auch hier, und glücklicherweise sagen wir, ein Utopien, denn Homers streitlustige Helden waren trotz ihrer olympischen Vormundschaft nichts weniger als nachahmungs- würdige Menschen. Hätte ihnen der blinde Dichter den Kranz der Unsterblichkeit nicht um die Schläfe gewunden— ihre Thatenspur tväre längst vom Zeitenstrom verwischt. Gleich wie die Blätter im Wald sind die Geschlechter der Menschen; Blätter verweht zur Erde der Wind, dann andere wieder Treibt der knospende Wald, wenn neu auslebet der Frühling. So der Menschen Geschlechter, dies tvächst und jenes verschwindet. Die veredelten Nachkommen der ungeschlachten Trojastürmer, die Zeitgenossen des Perikles, hätten beinahe das Recht, ihr Zeit- alter das„goldene" zu nennen, lvenn— also wieder ein„wenn". Es herrschte die befriedete Ruhe nach dem Streit, der gesicherte Bestand und die Zuversicht auf seine Dauer; ans allen Gebieten des menschlichen Wissens und Könnens entstanden unvergängliche, noch heute nicht erreichte Schöpfungen, und doch fällt in diese Glanzlvelt des Hellenenthums mit ihrem Ideal des„allsiegend Schönen" ein häßlicher Schatten von schwerbelasteten Karyatiden- schultern, welche den herrlichen Bau trugen— die Sklaverei. Der Schild des Gesetzes, der Trost der Künste, die Leuchte der Wissenschaft existirten nur für einen kleinen Bruchtheil des Volkes — ganz wie bei uns! Tie an Zahl zehnfach überlegene Menschenheerde der kräftigen und gelehrigen Sklaven wurde prinzipiell und systematisch in Un- wisscnhcit gehalten, denn sie waren schon im Mutterleib ihres Gebieters rechtloses Eigcnthuni. Betrachten wir einmal die Lage der Dinge in Rom. Wie in unseren Tagen Californien, das Eldorado aller Galgenvögel, hat sich Rom aus einem Buschklepperschlupfwinkel zu einem Ackerbaustaat mit streng moralischen Institutionen aus- gestaltet. Die Entehrung der Lukretia wühlte einen Sturm der Entriistung auf, der das Königthum aus dem Lande fegte. Mit dem Jahre 269 vor Christo(vollständige Niederwerfung Italiens und Einführung des Silbergeldcs) begann der Hochniuth und die Habgier die Grundvesten Roms zu erschüttern. Der Knecht, der bisher mit seinem Herrn ans einer Schüssel gegessen, wurde nach und nach zum Sklaven erniedrigt, und als sich der Herr nach den punischen Kriegen durch Belehnung mit dem ager publicns zum„Großgrundbesitzer" emporschwang, ließ er den Sklaven, der sich auf seine Menschenrechte berief, halbtodtgepeitscht an's Kreuz nageln. Die von importirten Sklaven bewirthschafteten Latifundien der Patrizier ruinirten den Plebejer, den kleinen Grundbesitzer, und zwangen ihn nach Rom zu ziehen, wo er, das Proletariat vermehrend, vom Verkauf seiner Wahlstimme lebte. Die Schwind- sucht der Republik begann. Die dadurch herbeigeführte Corrupfion der Comitien(höchste Instanz der Volksversammlung), wo nicht der Einzelne der Partei, sondern die Partei dem Einzelnen diente, veranlaßte die Reihe furchtbarer Revolutionen, welche mit der Vernichtung der Freiheit abschloß. Nur das Genie eines Julius Caesar konnte das Riesenreich, das sich über drei Welt- theile erstreckte, in der alten engen Form der römischen Republik zusammenhalten. Sein glücklicher Neffe Augustus hat die absolute Monarchie vorbereitet und dessen Erbe Tiberius sie eingeführt, aber jedes Volk hat diejenige Regierungsform, die es verdient, denn wo es keine Sklaven gibt, gibt es auch keine Tyrannen. Die Laster und Verbrechen der wahnwitzigen Gott-Thiere, der Pest- beulen des kranken Weltreiches, die der Fluch der Menschheit Caligula und Nero nennt, wurzeln in der fast göttcrgleichen Ge- Walt, die ihnen das verkommene römische Volk zugestanden hatte. Älls die freche Buhlerin am Tiber dem Wahnsinn auf dem Im- peratorenthrone am hellsten zujubelte, traten zwei Prätendenten auf, welche die Lotterwirthschaft noch bei Lebzeiten des Besitzers erben wollten, das Christenthum mit der ewigen Wahrheit der sittlichen Idee und das Germanenthum mit der sich stets ver- jüngenden Kraft seiner Waldvölker. Beide Faktoren, mit denen die Welt noch heute rechnen muß, waren vom Schicksal auser- schen, der geknebelten Menschheit Luft zu machen. Das Urchristen- thnni, ans Gütergemeinschaft basirt, ist die Quintessenz der Nächsten- liebe, aber mit dem Eindringen des hierarchischen Elementes, das mit seinem Wesen weder identisch noch verträglich ist, verfehlte es seine Mission. 'Alles muß wechseln und muß einst enden, Das Große erhebt sich und erliegt, Selbst ein Glaube muß so sich wenden, Er duldet, verfolgt— und unterliegt! Und die Germanen?— Voni Kaukasus zum atlantischen Meer wälzte sich ein allgemeines Getümmel siegender und fliehender Geschlechter, Reiche erstanden und verfielen wieder, halbnackte Wilde, Alarich mit den blonden Gothen, Attila mit den schwarzen Hunnen, lüstern nach Romas Gold und Schwelgereien— Mönche mit deni Kreuz in der Wildniß, die letzten Veteranen der römi- scheu Legionen, eintägige Kaiser zwischen Weibern und Verschnit- tcncn vor der rohen Größe barbarischer Helden zitternd! Um's Leben bettelnd ging Rom, zerrüttet von seinen Verbrechen, im Gedränge einer empörten Welt unter. Der stürzende Riesenbaum erschlug' die germanische Freiheit, denn die Sieger, die in ihren Wäldern keinen Rangunterschied kannten, wußten nichts Eiligeres zu thun, als den römischen Weltkaisergedanken zum Unheil der deutschen Entwicklung aufzugreifen. Die Spätfrucht der griechisch-römischen Kultur, die über- raschcnd schnell an den Ufern des Rheins und der Donau gedieh, hat die Flnth der Völkerwanderung derart überschwemmt, daß wir vom sechsten bis zum zehnten Jahrhundert neben Ulfila, dem gothischcn Bibelübersetzcr, kaum drei Männer kennen, die selbst- ständig zu denken wußten. Die Einwohnerzahl Roms sank von 3 Millionen wcltgebietender Bürger auf 15,000 Hirten und Strolche. Ans dem furchtsamen Küchlein Cbristn» pauper, dem Bischof von Rom, wurde in aller Stille ein streitbarer Hahn, dessen Führerrolle im vierten Jahrhundert so einträglich geworden war, daß 160 Menschen bei der Papstwahl zwischen Ursmus und Damasus fielen. Von dieser Zeit bis 1870, dem Gnadenjahr der Unfehlbarkeit, verursachte dieser Pfahl im Menschenfleisch einen ununterbrochenen Krankheitszustand. Ein dem deutschen Volke mißgünstiger Stern stand über der Stunde, in welcher der fromme Karl, von Größenwahn, wie vor ihm der makedonische Alexander und nach ihm der korsische Napoleon, besessen, die Tradition des fluchbeladenen römischen Imperiums dem Deutsch- thum aufpfropfte. Die spärlichen Bildungsmittel der schmachvollen Zeit, in welcher ein Canossa möglich war, befanden sich ausschließlich im Besitze der Kirche und wurden nur zur Verherrlichung des römi- schen Tiaraträgers verwendet, aber die Demokratin Natur sorgt immer dafür, daß die Bäuine nicht in den Himmel wachsen. Der Organisnius der Massen ist gerade so, wie der der einzelnen Menschen, Fieberanfällen ausgesetzt, die gebieterisch Luftvcrändc- rung erheischen. Ein solches Generalfieber veranlaßte die Kreuz- züge, welche die Kirche sofort als Pump-, Trieb- und Saugwerke zu ihrer Bereicherung benutzte, wobei sie aber trotz momentanem Nutzen doch schließlich zu Schaden kam. Taufende von Adels- geschlechtern wurden in das Morgenland getrieben, nachdem man sich wohl versichert hatte, daß die Güter der nimnier Wieder- kehrenden der Kirche zufielen. Eine traurige, maßlos traurige Posse begann auf der„christlichen" Weltbühne— der Reliquienschwindel. Was die„freiwillig armen" Vertreter der Kirche noch nicht in ihren Klauen hatten, das wurde den Lebenden für Werth- lose Knocyen aus Roms Katakomben abgejagt und den Sterben- den so lange der Höllenpfuhl mit den grellsten Farben vorgemalt, bis sie zu Gunsten der Pfaffen testirten, und thaten sie es nicht, so wurden die Testamente gefälscht, denn Lesen und Schreiben war das unangefochtene Monopol der Kirche. Doch plötzlich drohte der, Kirche" der Feind von Osten, wo sie ihn am aller- wenigsten vermuthcte. Die Wagefahrt nach Jerusalem drückte dem Laien nicht nur das Schwert, sondern auch die Leier in die Hand und erweiterte seinen geisfigen Horizont. Das öffentliche Leben erhielt durch die Kenntniß neuer Länder phantasicvolle Anregung, mit deren glanzvollen Bildern ein erfrischender Hauch bis� in die untersten Schichten des geknechteten Volkes drang, aus dessen Mitte die zwei größten Dichter der hohenstaufner Literatur- epoche, Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogel- weide, erstanden. Der Minnesang wurde zwar von vielen„Hoch- geborenen" geübt, aber das„niedriggeborene" Doppelgestirn ver- mochte keiner zu verdunkeln. Der städteverwüstende Kampf der Welsen und Waiblinger rief den dritten Stand in's Leben, indem er die Hansa und den schwäbischen Städtebund zwang, gegen die Kirche und den Adel Front zu machen. Auch der Wissenschaft wurde nachgerade die Klosterzelle zu dumpf, und das Morgenroth der Renaissance be- gann. Und das Volk? Je nun, es befand sich den Verhältnissen angemessen. Alle fünf Quadratmeilen sorgte für seine Wohlfahrt ein reichsunmittelbarer Landesvater, gesegnet mit legitimem und illegitimem Nachwuchs, umgeben von einem Troß im seine Farben gekleideter Faullenzcr; die Felsen beklebt mit den Wespcnnestern der wegelagernden Vorfahren unseres heutigen Adsls, die zwar nicht zu lesen und schreiben, aber desto mehr zu rauben und zu saufen verstanden. Gab es auf der Landstraße nichts zu holen, so schlugen sie sich gegenseifig zum Zeitvertreib die Schädel ein. Dieses Privatvergnügen nannte man das Faustrecht. Die lau- schigen, besonders schönen Plätzchen des Landes zierte überall ein Kloster, die Benediktiner immer hübsch am Hügel, die Cistcrzienser im Thal; die andern weißen, braunen und schwarzen Kutten- träger und Trägerinnen, wie es ihr Nutzen oder Geschmack er- heischte, aber alle weich gebettet und von gekrönten und ungc- krönten alten Weibern männlichen und weiblichen Geschlechtes mit fetten Bencfizien an Land und Leuten reich dotirt; und alle dieic geweihten und ungeweihten Bäuche füllte die schwielenharte Hand des leibeigenen Bauers, dem das„ckng primae noetis"*) auch noch die Bürde der Aufzichung von Kindern eines anderen Vaters auferlegte. Dazu von zehn zu zehn Jahren Pest und Hungcrsnoth— das reichbesetzte Mahl des Lebens war nur für die sreigeborensn Schlemmer aufgetragen, während die Hoffnung auf ein„besseres Jenseits" das jahrhundertlange Hungertuch der Hörigkeit webte. Doch das volle Maß macht oft ein Tropfen überfließen, und dieser Tropfen war die Thräne der schweizer *) Das Recht der ersten Nacht, wonach das Mädchen aus dem Leibeignenstandc vor ihrem Eintritt in den Ehestand zuvörderst dem , Herrn" gehörte. Hirten. Tie Grausamkeit ihrer Vögte riß den Geduldfadcn ent- zwei und die Feudalherrschaft in's Verderben. Ju Deutschland wurden zlvar ähnliche Versuche blutig im Keime unterdrückt, flackerten aber in den Bauern- und Hussiten- kriegen immer wieder auf. Damit es den aufblühenden Städten nicht au Zerstreuung fehle, rauften sich die Zünfte mit den Patriziern und der Rath mit den Bischöfen herum. So wären wir glücklich bei dem„goldenen" Zeitalter des Krieges aller gegen alle angekommen. Nur in einem Punkte waren alle Parteien einig, in der Plünderung der Juden. So sah es am Ausgange des Mittelalters aus; doch plötzlich leuchtete durch die blutigen Wolken der helle Schimmer eines Dreigestirns. Gutcnbcrg's Buchdruckerkunst beflügelte die Gedanken und entriß den Pricstcrhänden des Wissens Waffe, um sie zum Gemeingut des Volkes zu machen. Das Donnerpulver des Bert- hold Schwarz vertilgte des Faustrechts Schergen im eigenen Nest; aber beide übertrifft der neueren Geschichte idealste That, die in der Reformation zu Tage tretende Auflehnung gegen den päpst- lichen Stuhl. Luther's Bibelübersetzung reiht sich der Wirkung nach au Dante und Homer. Trotz aller Kurpfuschereien war sein ge- sundes Werk nicht zum Umbringen, die abtrünnigen Schäflein blieben für Rom verloren und kehrten trotz aller Lockung nie- mehr freiwillig in den„alleinseligmachenden" Pferch. Der schamlos hausirende Ablaßkram und die sittliche Versunkenheit der Klöster bestimmten selbst die Zaghaften zuni Ausharren. Auch die sozialen und geistigen Verhältnisse haben mittlerweile große Veränderungen erfahren. Das öffentliche Leben wurde durch das emporstrebende Bürgerthum mit reicherem Inhalt in gröberen Formen gefüllt, und die Handelsemporien Straßburg, Ulm, Augsburg, Nürnberg und Leipzig haben längst an Pracht und Reichthum die Pfalzen der Residenten überflügelt. Das sind die ersten Keime des vierten Standes. Als das Minnelied verstummte, ging die Kunst des Gesanges auf die Bürgerschaft über, aber diese drückte der lyrischen Dich- fimg einen trockenen, lehrhaften Charakter in verkünsteltcn Formen auf. Dafür fand das Volkslied wegen seiner Ursprünglichkeit und Frische bei den niederen Klassen der Bevölkerung liebevolle Pflege. Zwischen Blumen des Waldes hin rieselt der Brunnen des Volkslieds, Dort in's verjüngende Bad taucht sich die Muse bei Nacht. Die Entdeckung Amerika'» machte die staunende Welt auf den so lange unbenutzten Schatz der griechischen Naturkenntnisse auf- merksam und war so der Impuls ihrer erneuerten Pflege. Die Wissenschaft, auf freie Forschung gestützt, bahnte der Freiheit eine Gasse. Da senkte sich unverniuthet auf ihre Aussaat ein giftiger Mehlthau— die Jesuiten. Die lebcnsklugen Rekruten der Eeclesia militaus boten sich den Päpsten als Spione an, um bald Schlachtenlcnker zu werden. Sie wußten sich in alles, selbst in die Launen der Weiber, zu schicken und regierten durch die Schwächen der Männer die Welt. Indem sie jedermann den Abschied von der Wahrheit zu erleichtern wußten, hatten sie im Handumdrehen eine Gegen- reformation eingefädelt, und als diese zu stocken begann, hetzten sie Europa in den dreißigjährigen Krieg. Der westfälische Friede nöthigte dem deutschen Michel ein so enges Camisol auf, daß er schier zu ersticken drohte. Glückllcherwcise war Michel dauerhafter wie das Camisol, er reckte und streckte sich so lange, bis die Nähte platzten, und gedieh nach wie vor, während seine Nachbarn nach der blutigen Durchführung der„Glaubenscinheit" von den Folgen des„katholischen" Faulfiebers heimgesucht wurden. Mit dem„römisch-deutschen" Kaiserthum ging es immer noch bergab, nichts konnte seine matten Pulsschläge beschleunigen. Die ge- puderten und bezopften Quart-, Oktav- und Duodezfürsten hatten nur das Wohl und Wehe ihrer„speziellen Vaterländer" im Auge. Dadurch kam zwar Berlin, Dresden, München, Hannover, Weimar u. s. w. auf's hohe Roß, aber Frau Germania auf den Hund. Bevor Nudclfingen sein Kontingent, bestehend ans einem Sattel, und Schleißberg den dazu gehörigen Reiter stellte,„nahm" Frankreich das Elsaß und äscherte die Pfalz ein. Die deutschen Fürsten beeilten sich, die Maitresscnwirthschaft des�„großen" Ludwig zu kopiren, und um dieses kostbare Plaisir bestreiten zu können, ließen sie wacker die Steuerschraube arbeiten und ver- kauften noch nebenbei ihre lieben Landeskinder in die Fremde an die Meistbietende Schlachtbank. Da traten zwei„konfessionslose" Apostel auf, der preußische 8 Fritz und der österreichische Joseph, tirit unleugbar guten Absichten, aber ihr Evangelium hatte ein Loch. Geknebelt über- lieferten sie für einen Judaslohn, der ihnen schlechte Zinsen gc- tragen, die arme Polonia, die zwar stark nach Alkohol duftete, aber sonst eine gute Mutter war, mit ihren wehrlosen Kindern der russischen Knute. Wenn nur ihre Nachfolger dabei nicht bc- reuen müßten, das einzige Bollwerk gegen den Panslavismus niedergerissen zu haben. Das Schicksal schien den Fehler gut machen zu wollen, indem es auf der andern Seite des Planeten einen neuen Staat entstehen ließ, der sein Sternenbanner schützend über den Menschenrechten entfaltete. Es war hohe Zeit, eine Arche für die Menschenrechte zu bauen, denn die„Herren" Enropa's wirthschaftcten in sicherer Erwartung der Sintfluth: und sie kam, die blutige Woge, machte tabula rasa von den Pyrenäen bis zu den Ardennen und fegte sogar in Deutschland die„Grundherrlichkeit" weg. Das wuthentbrannte Volk klopfte die Perrücken aus, daß der Staub in ganz Europa herumflog und ließ den sechszehnten Ludwig für die andern fünfzehn büßen. Ein Sturm von Ideen, Befürchtungen und Hoffnungen raste über Europa hin. Die germanische Volksseele des achtzehnten Jahrhunderts be- fand sich noch im theoretischen Stadium der Politik. Ueberall scheint die gleiche Sonne, doch nirgends ist die gleiche Stunde. Dieselbe Glut, oie m Frankreich die Thatcn Robespierre's, Danton's und Marat's zeitigte, gebar in Deutschland den Genius des unsterblichen Wortes, in Lessing, Herder, Schiller und Goethe. Dem blntgedüngten Volksboden Frankreichs entsproß ein Genie, das die Herren„von Gottes Gnaden" zittern machte. Schade, daß Napoleon Bvnaparte als Brutus begann und als Dschingiskhan endete. Aber er hätte ein Gott ssein müssen, um nicht dem Größenwahn zu verfallen. Trotz seiner Säbelwirthschaft zieht sich ein demokratischer Faden durch sein Regierungsgewebe. Kaum war der„kleine Korporal" an den Fels von St. Helena geschmiedet, so brach, trotz der Monarchenversprechungen, die schwarze Nacht der Reaktion über Europa herein, von deren Schrecken uns erst die Morgenröche des Jahres 1843 befreite. Die italienischen Kämpfe, die schleswig-holsteinsche Campagne und der 1866er„Bruderzwist" haben gar nianche Hoffnungsblüthe des Völkerfrühlings niedergeknickt und die Klärung des Gährungs- Prozesses aufgehalten, aber ein Einlenken in die ausgefahrenen Geleise der Reaktion doch nicht ermöglicht.„Der Krieg ist der ärgste Feind der Freiheit," sagt Robespierre. Das bestimmte auch die Minorität des französischen„gesetzgebenden Körpers" im Jahre 1870 gegen den Krieg mit Deutschland zu stimmen, aber der „kleine Neffe" des„großen Onkels" brauchte dieses Arkannm, um sein ohnmächtig gewordenes Prestige in's Leben zurückzurufen. Seitdem Frau Germania mit deutscher Gründlichkeit die franzö- fische Garderobe ausgeklopft und den langverwaisten Kaiserthron mit einem Hohenzoller besetzt hat, haben wir die neueste Äera zu verzeichnen. Uni einem längst gefühlten Bedürfnisse abzuhelfen, stürzte der morsche Petristuhl in die Rumpelkammer. Alles menschliche Be- ginnen ist eitel Stückwerk, und so fehlt dem deutschen Imperium „ohne päpstliche Gnaden", trotz Bismarck, noch„einiges" zu einem Mustcrstaat, aber es ist vor der Hand der beste Mörtel, der die deutschen Bausteine zusammenhült; hat es aber die soziale Frage gelöst?— Nein! Und an dieser,� freilich im Kaiserthum unver- meidlichen Unterlassungssünde muß es untergehen gleich seinen VorgäNgerii! Max Frausil. „Was— ein Gedicht? m dieser Cisetneit? Geh heim Poet, und spare Deine Predigt! Uns ein Gedicht! Du bist nicht recht gescheidt!" Und damit meint ihr, sei„der Fall" erledigt? Ich aber meine, sehr sei es auch Roth, Auf das, was euch der Dichter sagt, zu hören— Mag er auch euch, besonders wenn er„roth", In der Verdauung höchst verdrießlich stören. Ihr habt noch stets als hellen Unverstand Verlacht die milde Weisheit des Poeten, Ihr schlugt Allarm zu trotz'gem Widerstand, Ist sie geharnischt ans euch zugetreten; Und dennoch hat aus losen Sand gebaut — Und hätt' er alle Wissenschaft gepachtet— Wem vor dem klaren Dichterauge graut, Das ernst und prüfend seinen Bau betrachtet. Und euer Bau— ob er gen Himmel strebt— Wie mögt ihr ihm euch zu vertrauen wagen? Und wenn ihr auch die Risse jetzt verklebt— In einer Sturm» acht wird er einst zerschlagen. Hört ihr es nicht,>vie im Gebälk es nagt Vo-n tausend kleinen ruhelosen Zahnen Und habt ihr nie beklommen euch gefragt, Ob fest der Mörtel auch von Blut und Thränen? Ihr zuckt die Achseln und ihr lächelt kühl: „Mein Gott, wie kurios ist so ein Dichter!" Wärt ihr bei Sinnen, würd' euch bang und schwül— Wir stellen einst für euren„Fall" die Richter, Wie wir zur Zeit den mahnend lauten Ruf Tiefernster Klage wider euch erheben, Mögt ihr ihn auch durch eurer Rosse Huf Und Rüderrollen zu ersticken streben. Wie seid ihr thöricht! Glaubt, ivir meinens gut, Sogar mit euch, die ihr uns stets verachtet— Der Dichter Gilde hat nach heißem Blut, Nach Lcichenhaufen nie und nie getrachtet. Wir sind die Lerchen hoch ine klaren Blau Und nicht der Wahlstatt Nimmersatte Raben— Man soll euch nicht ans.dem gcfallnen Bau Und seinem Schutt zerschellten Hauptes graben. Wärt ihr so klug als ihr verblendet seid, Ihr dächtet nicht ans Schießen und ans Hauen, Ihr kämt zu uns und schwür't den höchsten Eid, Euch unsrer Führung blindlings zu vertrauen; Wir sehn und hören mehr, als ihr nur ahnt— Für uns ist Rede was für euch ein Stammeln Und deutlich sehn ivir einen Weg gebahnt, Wo nackte Felsen euch den Paß verrammeln. Wo euer Ohr kein Flüstcrlaut erreicht, Da hören wir ein Klingen und ein Rauschen; Vertraut auf nnS— es ist für uns so leicht, Des Volkes Herzschlag nächtlich zu belauschen. Das Eiscnthor, vor dem ihr ab euch müht— Ein Wink von uns, es wird sich rasch entriegeln, Wir lesen täglich in des Volks Gemüth Das euch ein fremdes Buch mit sieben Siegeln! Und glaubt uns nur— was in dem Buche steht, Entspricht gar wenig euren Fieberträumen; Aus dieses Buches alten Blättern weht Ein süßes Duften wie von Lindcnbäumen; Wohl klagt und weint in ihm ein schwerer Gram Und wer's gelesen wird an Mitleid kranken, Doch stiege heiß euch ins Gesicht die Scham, Denn frei von Neid und Haß sind die Gedanken. Man hat euch bange vor dem Volk gemacht— Zu wilder Drohung ward euch drum scinTrauern, In seiner Seele soll, bedeckt von Nacht, Der Drache thicrischer Gelüste lauern, Und springt er auf, so schlägt der Schuppen- schweif Die Arbeit der Jahrhunderte zu Trümmern Und unter Mehlthan wird und nächt'gem Reif Die zarte Blüthe edler Knust verkümmern. Nicht wahr, ihr Herr'n, so redet man euch vor, So hat beharrlich man euch vorgelogen? Und immer war der Dichter euch ein Thor, Vor dessen Hauch der wüste Spuk zerflogen? Es hat in euch zum Dogma sich versteint Das harte Wort der Superklugen, Kalten: „Das Volk, mein Sohn, ist unser ew'gcr Feind Und mit Gewalt muß man es niederhalten!" Ich aber sage:„Laßt den düstern Wahn; Das Volk ist gut. Versucht gerecht zu werden— Mehr will es nicht— dann ebnet sich die Bahn Und Friede wird für alle Zeit auf Erden. Ihr müßt entscheiden, ob das Trauerspiel Auch ferner herrsche auf der Erde Bühne, Bis über euch der schwere Vorhang fiel— Und wählen müßt ihr zwischen Swrz und Sühne. In Eintracht kann die Wandlung wohl gcschchn, Und leicht und schön und ohncKrampf und Zucken; Auf alle Fälle wird sie vor sich geh»— Man wird sich ewig vor der Nacht nicht ducken. So oder so! Es bleibt nicht wie es ist, Ist auch nicht rathsam, auf die Macht zu pochen! Es hat so Mancher in verwandtem Zwist Den kindschen Wahn bezahlt mit Kopf n»d Knochen. Schlagt nicht dieWarnung spöttisch in den Wind! Treibt's nicht dazu, daß sich das Volk erhebe! Von seinen Armen streift das Riesenkind Die Eisensessel ab wie Spinngewebe. Es strafst die Muskeln und mit einem Schrei, Der auch des Nachts emporschreckt aus den Betten, Und klirrend springt wie sprödes Glas entzwei Die schwerste, bestgeschmiedcte der Ketten. Bedenkt es wohl— so rasch verrinnt der Sand! Verspottet nicht den Träumer, den Poeten! Das„Mene tckel!" ist an eure Wand In Flammenzügen deutlich schon getreten. Wenn nicht an euch, an eure Kinder denkt, An eure Enkel und an ihre Kleinen, Damit sie nicht dereinst in Leid versenkt, Der Aelterväter starren Trotz beweinen." Ob ihr's bedenkt? Zu hoffen wag' ich's nicht. Wohl hören wir das cw'gc Schicksal schreiten Und sehn das Kommende in klarem Licht, Doch unser Ruf verhallt in öden Weiten. Das Wahr und Falsch sind wunderlich vertauscht; Als blind verhöhnt den Sehenden der Blinde Und wie das Laub, das welk vom Baume rauscht, Verweht auch dieses arme Lied im Winde! Leonhard Helm. y Der Kim Aus den„Contes du Lundi" von Alphonse Daudet mii von Witdo Er hieß Stenne, der kleine Stenne. Als echtes Pariser Kind war er mager und blaß und konnte eben so gut zehn als fünfzehn Jahre alt sein— bei diesen kleinen, flinken, ruhelosen Knaben ist das Alter kaum abzuschätzen. Seine Mutter war todt; sein Vater, ein alter Mariuesoldat, war als Wächter eines Square im Quartier du Temple angestellt. Die kleinen Kinder, die Gouvernanten und Kindermädchen, die alten Damen in Rollstühlcn, die armen Mütter, die ihre Kinder selbst ausführen müssen— diese ganze Welt für sich, welche nur kleine Schrittchen macht und sich vor dem Rollen der Wagenräder und den Staubwolken in diese von Trottoirs eingefaßten tiefer ge- legenen Rasen- und Gebüsch-Oasen flüchtet, sie kannte den alten Papa Stenne und liebte ihn. Man wußte ja, daß sich unter diesem martialischen Schnurrbart, der den Hunden und den auf den Bänken sich sonnenden Bummlern einen so heillosen Schreck einjagte, ein freundliches, gerührtes, fast mütterliches Lächeln ver- barg, und daß man, nm dieses Lächeln zu Tage zu bringen, au den guten Alten nur die Frage zu richten brauchte: „Wie geht es denn Ihrem kleinen Knaben?" Er hatte seinen Knaben so sehr lieb, dieser alte Stenne! Er war so glücklich, wenn der Abend kam, die Schule geschlossen ward und der Kleine ihn abholte, um mit ihm die Runde durch die Alleen zu machen; sie blieben dann vor jeder Bank stehen, um die Stammgäste ihres Square zu begrüßen und auf ihre freundliche Ansprache zu antworten. Mit der Belagerung ward unglücklicher Weise alles anders. Der Square des alten Stenne ward geschlossen; man benutzte ihn als Lagerplatz für Petroleum, und der arme Mann, der zu unaufhörlicher sorgsamer Bewachung der gefährlichen Vorräthe gezwungen war, führte ein tranriges Leben. Allein durchstreifte er die verödeten Baum- und Buschgruppen, selbst auf die ihm zur zweiten Natur gewordene Pfeife nothgedrungen verzichtend, und ; einen Knaben bekam er erst spät Abends zu sehen, wenn er heimkam. Wie zuckte aber auch sein grauer Schnurrbart, wenn er von den Preußen sprach!... Der kleine Stenne freilich sah keinen Anlaß znr Klage über dieses neue Leben. Eine Belagerung! Kann es etwas Amüsanteres für die Straßenjugend geben? Keine Schule, kein wechselseitiges Unter- richten mehr! Ununterbrochen Ferien und die Straßen so bunt und belebt, wie cm; Jahrmarktsplatz!... Das Kind lief, bis zum Abend nach Willkür umher. Es be- gleitete die Bataillone des Quartiers, wenn sie nach den Wällen niarschirten und gab dabei denen den Porzug, die ein gutes Musikkorps aufzuweisen hatten; in diesem Punkte war der kleine Stenne merkwürdig unterrichtet. Er wußte sehr genau, daß die Musik der 96er nicht eben viel tauge, aber die 5öör, die hatten eine ganz vorzügliche. Daun wieder sah er den Uebungen der Mobilgarde zu, und es galt ja auch Queue zu stehen... Sein Körbchen unter dem Arme, nahm er seinen Platz in einer der langen Reihen, die sich im Dämmcrgrau des von keiner Gasflamme erhellten Wintermorgens vor den Läden der Fleischer und Bäcker bildeten. Man stand da oft bis an die Knöchel im Wasser, aber man machte Bekanntschaften, man politisirte und wurde als Sohn des alten Stenne von jedermann gefragt, wie '"an über die Sache denke. Das Alleramüsanteste jedoch war das Galoche-Spiel, welches die bretonischen Millzen während der Belagerung in die Mode gebracht hatten. Wenn der kleine stenne nicht auf dem Walle oder vor dem Bäckerladen war, so traf man ihn zuverlässig auf dem Platz des Chateau-d'Eau, wo er den Galochc-Parttcn zusah. Zusah, denn er spielte nicht etwa mit— dazu gehört Geld. Er begnügte sich also damit, jede Be- wegung der Spieler.mit den Augen zu verfolgen— und mit was für Augen! a s! a Einer namentlich, ein großer Bengel in blauer Bluse, der nur ganze Silberfranken setzte, erregte seine Bewunderung. Wenn der lief, so hörte man die Thaler in der Tasche seiner Bluse klingeln... Eines Tages raffte der Lange ein Silberstück auf, welches dem kleinen Stenne bis dicht vor die Füße gerollt war und raunte ihm hastig zu: e Spion. Einwilligung des Verfassers für die„Neue Welt" übersetzt f �avant. „Ja, schiele nur— ich kann dir's nicht verdenken!... Na, wenn du willst, so sage ich dir, wo man die Blanken hott!" Als die Partie zu Ende war, führte er ihn in einen abge- legenen öden Winkel des Platzes und schlug ihm vor, mit ihm zu gehen und mit ihm Journale an die Preußen zu verkaufen; jede solche kleine Reise bringe 30 Francs ein. Anfangs weigerte sich Stenne— er war aufrichtig enttüstct über den Vorschlag, und drei volle Tage fehlte er auf dem Platze und mied das ver- lockende Spiel und den gefährlichen Versucher. Aber das waren drei schreckliche Tage für ihn. Er aß nicht mehr, er schlief nicht mehr. Während der Nacht sah er am Fußende seines Bettes ganze Berge von Holzschuhen aufgeschichtet, und blanke blitzende Fraukstücke waren in Reihen vor ihm aufgezählt. Die Versuchung war zu stark für seine Widerstandskraft. Am vierten Tage kam er wieder nach dem Chateau-d'Eau, fand er dort den Langen, ließ er sich verführen... Sie rückten eines Morgens bei Schneegestöber aus; jeder hatte einen Leinwandsack über die Schulter geworfen und die Bluse mit Journalen ausgefüttert. Als sie an dem flandrischen Thore anlangten, graute kaum der Tag. Der Lange nahm Stenne bei der Hand, näherte sich dem Posten, einem braven Nattonal- gardisten mit gutmüthigem Gesicht und etwas rother Nase, und sagte mit kläglicher Stimme: „Lassen Sie uns durch, bester Herr! Unsere Mutter ist krank, Papa ist todt. Ich möchte mit meinem kleinen Bruder hinaus und versuchen, ob wir nicht noch ein paar Kartoffeln aus dem Felde finden." Er weinte. Stenne senkte in heißer Scham den Kopf. Die Schildwache bettachtete sie einen Augenblick und warf dann eine? Blick auf die öde, beschneite Straße. „Macht schnell!" sagte er, zur Seite tretend— und damit war ihnen der Weg nach Aubervilliers freigegeben. Wie lachte der Lange! Undeutlich und vertvorren, Ivie in einem Traume, sah der kleine Stenne Fabrikgebäude, die man in Kasernen vertvandelt hatte, verlassene Barrikaden, auf denen sich die durchnäßten Lappen zerfetzter Uniformstücke erkennen ließen, hohe, zerschossene Schornsteine, die das Qualmen längst verlernt zu haben schienen und die, den Nebelschleier durchlöchernd, trübielig gen Himmel ragten. Von Zeit zu Zeit ein Posten, dann wieder Offiziere, die die Mantelkapuze über den Kopf gezogen hatten und mit ihren Feldstechern aufmerksam Ausschau hielten, und kleine, von schmel- zendem Schnee durchweichte, triefende Zelte und vor ihnen er- löschende Feuer. Der Lange kannte jeden Weg und Steg und ging querfeldein, um den Posten auszuweichen. Trotzdem ließ es sich nicht umgehen, daß sie an einer Hauptwache der Franctireurs vorüberkamen. Die Franctireurs in ihren kurzen, dünnen Män- teilt lagen, die Eisenbahn nach Soissons entlang, geduckt in einem Graben, der ganz mit Wasser angefüllt war. Diesmal schien dem Langen das klägliche Herbeten seiner Fabel nichts nützen zu wollen— man erklärte ihnen, sie dürften nicht Passiren. Da trat, während er sich in heuchlerischen Klagen erschöpfte, aus dem Bahnwärterhäuschen ein alter eisgrauer Sergeant mit gefurchten! Gesicht, ganz ähnlich wie der alte Stenne. Er hatte die Stimme des Langen gehört und sagte:„Na, Jungens. hört auf zu weinen — wir wollen euch schon noch einmal hinauslassen zu euren Kartoffeln, aber kommt vorher herein und wärmt euch ein wenig — der Kleine da sieht ja ganz erfroren aus!" Ach ja, der kleine Stenne zitterte allerdings an allen Glie- dern, aber nicht vor Frost, sondern vor Furcht und vor Scham. Im Wächterhäuschen ttasen sie einige Soldaten an, die sich um ein kleines, dürftiges Feuer gekauert hatten und gefrorenes Brot an den Spitzen ihrer Bajonnette in die kümmerlich genährte Flamme hielten, um es aufzuthauen. Man rückte noch dichter zusammen, um den Kindern Platz zu machen. Man gab ihnen einen Tropfen Branntwein und etwas Kaffee. Während sie tranken, kam ein Offizier an die Thür, rief den Sergeanten hinaus, sprach ganz leise mit ihm und ging sehr rasch fort. „Kinder!" rief der Sergeant, als er sreudestrahlend wieder eintrat...„heute Nacht setzt es etwas! Wir haben das Losungs- 10 wort der Preußen aufgefangen. Ich denke doch, daß wir diesmal das verdammte Nest, dieses Bourget, wieder nehmen werden!" Eine wahre Explosion von Bravos und Gelächter war die Antwort. Man tanzte, man sang, man schliff die Haubajonnette und die Kinder machten sich diesen Tumult zu Stutze und ent- schlüpften unbemerkt. Als sie die Tranchse hinter sich hatten, lag vor ihnen eine Ebene und im Hintergrund derselben eine lange, weiße Mauer, die ganz von Schießscharten durchlöchert war. Nach dieser Mauer nahmen sie die Richtung, machten aber bei jedem Schritte Halt und bückten sich, als hätten sie Kartoffeln aufzuheben; sie mußten doch den Schein wahren. „Kehr' um... Nicht dorthin!" sagte der kleine Stenne un- aufhörlich. Der Andere zuckte die Achseln und näherte sich immer mehr der weißen Mauer. Plötzlich hörten sie das„Triktrak" eines Ge- wchrs, welches schußfertig gemacht wird. „Leg' dich!" flüsterte hastig der Lange und warf sich flach auf den Boden. Und als er lag, stieß er einen Pfiff aus. Ueber den Schnee her kam ein Pfiff als Antwort. Kriechend setzten sie ihren Weg fort... Vor der Mauer, mit dem Erdboden fast gleich, erschien ein flachsblonder Schnurrbart unter einer schmierigen blauen Tellermütze. Der Lauge sprang hinab in die Trauchee, neben den Preußen. „'s ist mein Bruder!" sagte er und wies auf seinen Gefährten. Er war so klein, dieser„Bruder" Stenne, daß der Preuße, als er seiner ansichtig ward, zu lachen begann; er sah sich auch genöthigt, ihn mit dem Arme zu umfassen, um ihn bis zur Ge- schützscharte emporzuheben. Jenseits der Mauer zeigten sich große Erdaufschiittungen, ge- fällte Bäume, schwarze Löcher im Schnee, und aus jedem Loche tauchte dieselbe schmierige Mütze, derselbe flachsblonde Schnurr- bart auf und lachend ließen die Soldaten die Kinder vorüber. In einer Ecke stand ein Gärtnerhaus, das durch Baumstämme in ein Bollwerk verwandelt war. Das Erdgeschoß war voller Soldaten, die Karte spielten und an einem großen hellen Feuer ihre Suppe kochten. Wie gut das nach Kohl und Speck roch! welcher Gegensatz zu dem Bivouac der Franctireurs! Oben waren die Offiziere. Alan hörte sie Piano spielen und Champagner- flaschen entkorken. Als die kleinen Pariser eintraten, bewill- kommncte sie ein freudiges„Hurrah!" Sie gaben ihre Zeitungen hin— dann schenkte mau ihnen zu trinken ein und suchte sie zum Plaudern zu bringen. Alle diese Offiziere sahen hochfahrend und barsch aus, aber der Lange belustigte sie durch seinen Fau- bourgwitz und seinen reichen Vorrath an Gassenausdrücken. Sie lachten, sprachen seine Worte nach und wälzten sich so recht mit Behagen in dem pariser Kothe, den ihnen ihr Spion zutrug. Der kleine Stenne hätte gern ebenfalls etwas gesagt, hätte gern den Beweis geliefert, daß er auch nicht auf den Kops ge- fallen sei— aber er konnte nicht. Etivas genirte ihn. Ihm gegenüber saß, etwas abseits von den andern, ein Preuße, der älter und ernsthafter war als' seine Kameraden und ruhig las oder sich vielmehr den Anschein gab, als lese er, denn seine Augen hafteten unverwandt auf dem kleinen Stenne. In diesem Blick lag etwas wie Zärtlichkeit, aber auch wie Vorwurf, als hätte dieser Kriegsmann daheim ein Kind im selben Alter wie Stenne und als hätte er zu sich selber gesagt: „Ich würde lieber sterben, als erleben, daß mein Sohn ein solches Handwerk treibt!" Von diesem Augenblick an hatte Stenne das Gefühl, als lege sich eine schwere Hand auf sein Herz und verhindre es am Weiter- schlagen. Um sich dieser Beängstigung zu entwinden, fing er an zu trinken. Bald drehte sich alles um ihn im Kreise. Er hörte nur noch undeutlich, wie sein Kamerad unter schallendem Gelächter seiner Zuhörer die Nattonalgarde und ihre Art zu exerzieren verspottete, wie er einen Gcneralmarsch im Marais, einen nächt- lichen� Alarm aus den Wällen ironisirend schilderte. Endlich dämpfte der Lange die Stimme, die Offiziere traten näher an in heran und ihre Gesichter wurden mit ememmale ernst. Der Elende war im Begriff, ihnen den bevorstehenden Angriff der Franctireurs zu verrathen... Da sprang Stenne, der mit einem Schlage nüchtern geworden war, wüthend auf und rief: „Nicht das Langer... Ich will nicht!" Aber der andre lachte nur und fuhr fort. Ehe er noch geendet hatte, waren alle Offiziere auf den Beinen. Einer zeigte den Kindern die Thür und herrschte ihnen zu: „Und nun— packt euch!" Und sie fingen an, sehr rasch und auf Deutsch unter einander zu sprechen. Der Große ging, stolz wie ein Doge, hinaus und ließ sein Geld klingeln. Stenne folgte ihm, mit gesenktem Kopf, und als er an dem Preußen vorüber kam, dessen Blick ihn so sehr genirt hatte, hörte er eine traurige Stimme die Worte sagen: „Nicht hübsch das... nicht hübsch!" Und die Thränen schössen ihm heiß in die Augen. Als sie erst wieder auf der Ebene waren, fingen die Knaben an zu laufen und waren rasch wieder im Bereich der französischen Linien. Ihre Säcke waren ganz gefüllt mit Kartoffeln, welche die Preußen ihnen gegeben hatten; so kamen sie ohne Hinderniß an der Tranchee der Franctireurs vorüber. Man bereitete dort alles auf den nächtlichen Angriff vor. Truppen kamen geräuschlos in ernstem Schweigen anmarschirt und stellten sich hinter den Mauern auf. Auch der alte Sergeant war da und wies mit glücklichem Gesicht seinen Leuten ihre Plätze an. Als die Kinder vorüber- kamen, erkannte er sie und lächelte ihnen freundlich zu. Ach! wie schneidend weh that dies gute Lächeln dem kleinen Stenne! einen Augenblick hatte er Lust, zu rufen: „Geht nicht da hinunter... mir haben euch verrathen." Aber der andre hatte ihm gesagt:„Wenn du ein Wort sagst, so werden wir erschossen!" und die Furcht verschloß ihm den Mund... In la Courueuve traten sie in ein verlassenes Haus, um das Geld zu theilen. Wir würden nicht streng wahrheitsgemäß er- zählen, wollten wir verschweigen, daß ehrlich gctheilt ward, und oaß der kleine Stenne, als er die schönen Thaler in seiner Blouse klingen hörte und als ihm der Gedanke an die seiner harrenden Galochepartien kam, anfing, sein Verbrechen als nicht gar so ab- schculich anzusehen. Als das Kind aber allein war, wie unglücklich begann es sich da zu fühlen! Als sie innerhalb der Thore waren, verließ ihn der Lange, und nun fingen seine Taschen au sehr schwer zu wer- den und die Hand, welche ihm das Herz zusammendrückte, preßte stärker als vorher. Paris kani ihm seltsam verändert vor. Die Vorübergehenden sahen ihn streng an, als wüßten sie, woher er komme. Durch das Rollen der Räder, durch die Wirbel der Trommler, welche den Kanal entlang übten, hörte er deutlich ein schreckliches, vorwurfsvolles Wort, das eine Wort„Spion!" Endlich kam et heim und mit einem lebhaften Gefühl des Glücks darüber, daß gern Vater noch nicht zu Hause war, stieg er rasch hinauf in ihre Kammer, um unter seinem Kopfkissen die Thaler zu verstecken, die ihm so merkwürdig, so unheimlich schwer zu >em schienen. »3!ic war der alte Stenne so freundlich, so vergnügt gewesen, als bei seiner Heimkehr an diesem Abend. Es waren gute Nach- richten aus der Provinz eingegangen: die Angelegenheiten des Landes standen günstiger. Während des Essens betrachtete der alte Soldat sein au der Mauer hängendes Gewehr und sagte mit seinem gutherzigen Lächeln zu seinem Knaben: „Hei, mein Junge, wie würdest du diesen Preußen zu Leibe gehen, wenn du groß wärst!" Gegen 8 Uhr vernahm man Kanonendonner. „Das ist Anbervilliers... man schlägt sich bei Bourget", sagte der Alte, der alle„seine" Forts genau kannte. Der kleine Stenne erbleichte und ging, große Müdigkeit vorschützend, zu Bett, aber er schlief nicht. Die Kanonen donnerten fort. Er stellte sich vor, wie die Francttreurs mitten in der Nacht sich auf die Preußen stürzten, in dem Wahne, sie zu überfallen, und wie sie selber in einen Hinterhalt fielen. Er erinnerte sich an den Sergeanten, der ihm zugelächelt hatte, er sah ihn da unten bei Bourget ausgestreckt im Schnee liegen und wie viele andere mit ihm!... Der Preis für all dies Blut war unter seinem Kopfkissen verborgen, und der das gethan, war er, der Sohn des alten Stenne, der Sohn eines Soldaten!... Die Thränen wollten ihn ersticken. Im an- stoßenden Zimmer hörte er seinen Vater aus und ab gehen und das Fenster öffnen. Unten auf dem Platze wirbelte der General marsch, ein Bataillon der Mobilgarde formirte sich zum Abmarsch. Es war kein Zweifel, man schlug eine wirkliche Schlacht. Der Unglückliche konnte sein Schluchzen nicht länger unterdrücken. „Was hast du denn?" sagte der Alte, ins Zimmer tretend. Das Kmd hielt nicht länger an sich, sprang aus dem Bett und warf sich seinem Vater zu Füßen. Infolge dieser heftigen 11 Bewegung fielen die Geldstücke herab und rollten auf dem Fuß- boden hin. „Was ist das? Hast du gestohlen?" fragte der Alte zitternd. Und nun erzählte der Kleine in einem Athcm, daß er bei den Preußen gewesen sei und was er dort gethan habe. Während er so sprach, fühlte er, wie das Herz ihm leichter ward, es war ihm eine Wohlthat, sich anzuklagen... Ter alte Stenne hörte zu— sein Gesicht trug einen schrecklichen Ausdruck. Als der Kleine geendet hatte, schlug sein Vater die Hände vor's Gesicht und weinte. „Vater, Vater!" wollte das Kind sagen. Der Alte stieß es ohne ein Wort zurück und raffte das Geld zusammen. „Ist das Alles?" fragte er. Ter kleine Stenne niachte ein Zeichen der Bejahung. Der Alte nahm sein Gewehr und seine Patrontasche vom Nagel, und indem er das Geld in die Tasche steckte, sagte er: „Gut also! ich werde es ihnen wieder zustellen." Und ohne ein Wort hinzuzufügen, ohne auch nur den Kops zu wenden, stieg er hinab, um sich unter die Mvbilgarden zu mischen, die hinaus in die Nacht marschirten. Man hat ihn nie wiedergesehen. Die Sanct- Peterskirche in Rom(Laa Pietro in Vaticauo, Seite 5).* Wer hätte nicht schon von jener bernhintesten aller Kirchen gehört, die in dem ewigen Rom in der Rione di Borgo, zwischen der Piazza di S. Ataria und dem Batican, gelegen ist. An dieser Stelle war es, wo Anfangs des 4. Jahrhunderts der römische Kaiser Kon- stanttn, der sogenannte„Große", über dem angeblichen Grabe des Apostel Petrus eine Basilika erbauen ließ, d. h. eine jener ersten christlichen Kirchen, die den zu Gerichts- und Handelszwecken dienenden griechisch- römischen Prachlgebüuden dieses Namens nachgebildet waren. Diese Basilika, in der Karl der„Große" von Papst Leo lll. gekrönt ward, gerieth indeß im Laufe der Jahrhunderte so in Verfall, daß sie Papst Nikolaus V. im 14. Jahrhundert abbrechen ließ. Beinahe zwei Jahr- hunderte blieb der Platz srei, bis am 18. April 1506 der Grundstein zu dem Dome von Stl Peter gelegt wurde, an dem nacheinander die berühmtesten Baumeister, ein Bramante, Rasael, Peruzzi und Michel Angela, gebaut haben. Nach den« Plan des letzeren wurde 1564 die gewalttge.Nuppel aufgesührt. Damit war aber der mächtige Bau noch lange nicht vollendet; später führte Maderno noch die 150 Fuß hohe, 372 Fuß breite Fazxade aus, die die Vorhalle und über dieser die Log- gia einschließt, in welcher jeder neuerwählte Papst angesichts des Volkes gekrönt wird, und von wo aus der Papst bei den hohen Kirchen- festen der aus offenem Platze in gläubiger Andacht knieenden Alenge seinen Segen ertheilt.. lind selbst 1784 wurde noch an der Peterskirche gebaut, indem unter Pius IV. die Sakristei errichtet ward. Die Kosten des ganzen Baues haben sich aus die ungeheuere Summe von über 46 Mil- lionen Scudi, d. h. ungefähr 185 Millionen Mark belausen. Tie durch solch enormen Kostenaufwand geschaffene architektonische Pracht, sammt dem Reichrhuin an Monumenten, Oel- und Freskogemälden, Mosaik- bildern und Zierrath aller Art übersteigt jede Beschreibung und wirkt aus befangene Gemüther vollkommen überwältigend. Alles trägt den Charakter des Großartigen, Gewaltige». Den länglich runden, 806 Fuß breiten und 550 Fuß langen Vorplatz umgeben Säulengänge, in deren Mitte sich ein ägyptischer Obelisk mit zwei Springbrunnen zur Seite erhebt. Von der Vorhalle rechts und links stehen die in kolossaler Größe ausgeführten Reitcrstatuen Konstantins und Karl des Großen. Tie größte Länge desJnncrcn beträgt 622 F., die Höhe des Mittelschiffs 150 F. und die der Klippel im Innern(s. unser Bild) 413 F. Diese letztere hat ein doppeltes Gewölbe und darüber einen offenen Oberbau, auf beiiP sich der 8 Fuß im Durchmesser hallende Knopf mit dem 14 Fuß langen Kreuze befindet, dessen Spitze 487 Fuß über den Erdboden emporragt. Vier riesige Pfeiler mit einem Umfange von je 28 Fuß tragen die Kuppel, deren Durchmesser 122 Fuß beträgt. Natürlich birgt die Peters- kirche neben so vielen weltlichen Kostbarkeiten auch solche, deren Werth nur durch den frommen Glauben der Herde Petri aiierkannt wird, als da sind heiligeKnochen, heilige Schwcißrücher und ähnliche heiligcReliquien. So enthält der Hochaltar(s. unser Bild) die Gebeine des Apostels Petrus, serner ist das Schweißtuch der heiligen Veronika, in das sich Christus bei dem Gang nach der Kreuzigungsstätte das Antlitz getrocknet haben soll, und vieles andere mehr zur Erbauung der stammen Welt vor- handen.— Wann die Völker aufhören werden, sich in frommem Jrrthum und an stommem Betrug zu erbauen, ivann sie einmal die Ungeheuern Summen, die zur Ausführung von Gotteshäusern verwendet worden sind, dadurch nutzbar machen werden, daß sie die Kirchen zu Tempeln des steien Menschengeistes umschaffen, wer weiß es! Die Volksgeduld mit denen, die da die Massen bethören, statt sie zu belehren, ist so unendlich lang und schier unzerreißbar gewesen, daß auch heute noch die Hoffnung auf den endlich erwachenden und frei sich regenden Volks- verstand beinahe allzu kühn erscheint.<7. Eine wichtige steinerne Urkunde. Nach der Lehre Darwins sind Vögel und Reptilien aus einer gemeinschaftlichen Urform abzuleiten, die der genannte Forscher aber nur eben als ein Postulat, als eine wissenschaftliche Forderung aufgestellt hat. Jetzt melden Berichte aus Lichstedt in Baiern die Auffindung eines zweiten Exemplares einer Thierspezies, an der die Verwandtschaft zwischen Repttl und Bogel aus das deutlichste zu erkennen ist, die das Mittelglied zwischen beiden bildet. Dieses Thier, welches von den Gelehrten �rcllaooptrii litllograpliica • linier Bild ist dem allen Kunstfreunden aus da» beste zu empfehlenden, auSge- zeichneten Lrachtwerle„ Italien" lBerlag von iingelhorn in Stuttgart) entnommen. getauft worden ist, ist ein auch der Größe nach hühnerartiger Vogel mit eineni ausgesprochenen, langen Eidechsenschwanz. Das erste Exemplar dieses merkwürdigen Wesens wurde schon 1861 in Solnhofen gefunden; die Echtheit des eigenthümlichen Reptilienschwanzes wurde damals angezweifelt, jedoch von dem Anatomen R. Owen als echtes Glied einer echten und alten Vogelsippe anerkannt. Es handelt sich heute, wie 1861, um eine Versteinerung, welche ein Herr Häberlin zu finden so glücklich war, die aber bei weitem besser erhalten auch ein bedeutend klareres Bild jenes Urthieres gibt, als der frühere Fund, wo die Flügel verschoben, die verschiedenen Knochen aus der Steinplatte zerstreut, der Kopf und Hals aber ganz verloren gegangen waren. Ueber die neue Beute schreibt Herr Häberlin an einen Freund: „Das ganze Exemplar repräsentirt ein Bild von unvergleichlicher Schönheit und Reinheit! Weit sind die Fitttche ausgebreitet, in allen ihren Umrissen, in der Form der Federn, in allen ihren Einzelheiten deutlich erkennbar. Wirbelsäule und Rippen sind in der normalen Lage, Hals und Kopf sind seitwärts herabgebogen und Wirbel für Wirbel genau zu verfolgen. Der Kops liegt aus der Seite und trägt Zähne in den Kiefern. Endlich sind nicht nur die Krallen an den Hinterfüße», sondern auch diejenigen an den oberen Flügcltheilen vorzüglich er- halten." So erlebt der gefeierte Forscher wieder einmal die Freude, einen Satz seines genial entivorsenen Lehrgebäudes durch die Thatsachen be- stätigt zu sehen, und wie oft dem Geschichtsforscher eine alte Steinschrist von unschätzbaren» Werthe ist, so wird für die neuere Naturforschung ein gewaltiges Beweismoment jene eichstedter Stcintafcl werden und sein, auf welche die Natur selbst mit ihrem Griffel Beweise für die Lehre von der Entwicklung der Arten und die Descedenztheorie ein- gegraben hat. Wünschenswerth ist nur, daß möglichst schnell Abbildungen dieses hochwichtigen Fundes gefertigt und den Interessenten zugängig gemacht werden.__ wt. Die Anforderungen, welche man an ein gutes Trinkwasser zn stellen hat, sind folgende: es muß klar, färb- und geruchlos sein; seine Temperatur darf innerhalb der verschiedenen Jahreszeiten nur um ein Geringes schwanken; es darf nur wenig organische Stoffe und gar keine Fäulnißorganismen enthalten; es darf kein Ammoniak, keine salpetrige Säure und keine größere Menge von Nitraten, Chloriden und Salpeter enthalten; es darf nicht zu hart sein, insonderheit keine wesentlichen Mengen von Magnesiumsalzen enthalten. Was das Teich- und Flußwasser anlangt, so ist daraus vor allem zu sehen, daß es keine Spur von menschlichen Abfallstoffen enthalte. Alle diejenigen, die weder in der einen noch in der anderen Weise für eine wissenschaftliche Unter- suchung ihres Trinkwassers, die im Grunde Sache der Staats- oder Geineindebehörden lväre, zu sorgen vermögen, sollten sich folgende kurze Betrachtung über den Werth des Regcmvasscrs, des Teich- und Fluß- wassers, sowie des Brunn- und Quellivassers einprägen: Das Regen- Wasser enthält die geringste Menge fester anorganischer Stoffe in gelöstem Zustande, wenn es in ziemlicher Entfernung von Städte» und in reinen Behältern aufgefangen worden ist. Sein Gehalt an organischen Stoffen ist jedoch etwas größer als der des Quell- und Tiefbrunnwaffers. Da- hingegen ist von den Dächern abfließendes Regenwasser ost derart durch sauleilde Stoffe verunreinigt, daß es nur mit Gesundheitsgesahr genossen werden kann. Das Wasser, welches sich in mikultivirtem, vorzüglich kalkfreien Boden in Teichen und anderen Behältern sainmelt oder durch Sandboden fließt, ist meist zu häuslichen, häufiger und besser noch zu industriellen Zwecken verwendbar. Es ist trotz seines ost unangenehmen Geschmackes, der von den» Gehalt an torsarrigen Stoffen herrührt, der Gesundheit im allgemeinen keineswegs nachtheilig. Zu häuslichen Zwecken nicht gut geeignet ist Waffer, welches sich aus kulttvirtem Boden ange- saiilmelt hat und stets in höhcrem oder geringeren Grade durch orga- nische Düngstoffe verunreinigt ist; enthält der fragliche Dünger aber keine menschlichen Absallstoffe, so ist dies Wasser inliner noch wenige» schädlich, als verunreinigtes Flußwasser. Für alle die genannten Wässer gilt die Regel, daß sie vor dem Gebrauch erst filtrirt»verde» sollen. Ferner sind alle Wässer, welche durch städtische oder Fabrik-Abflüss« verunreinigt werden, sowohl zum Trinken als zun» Kochen nicht zu gc- brauchen. Das schädlichste ist das bereits oben erwähnte Flachbrunn- wasscr, wenn die Brunnen, wie gewöhnlich, in der Nähe von Abtritten. Düngergruben und anderen Stätten ärgster Unreinigkeiten liegen. De» Umstand, daß es meist klar und wohlschmeckend ist, ist kein Beweis für das Fehlen van ekelhaften und gefährlichen Stoffen, vermindert also seine Schädlichkeil noch gar nicht. Am besten zu Genußzwecken geeignet ist Quell- oder Tiesbrunnwasser. Es hat am wenigsten organische Sub- stanzen aufzuweisen und ist fast inimer ebenso klar und ivohlschmeckend als gesund. Seine Temperatur lvird von der Verschiedenheit der Jahres- zeiten so wenig beeinflußt, daß es stets kühl und erfrischend ist. Wie ungeheuer viel Menschen jahrein jahraus gezwungen sind, sich mit gesundheitsnachtheiligem Wasser zu begnügen, und wie viele durch mangelnde Sorgfalt bei der Auswahl ihrer Trink- und Kochwässer sich unabsichtlich Schaden zufügen, werden unsere Leser nach dem Voraus- geschickten leicht ermessen können. 6. teren vom Kopfe bis zum Fuße phantastisch iu lange, weiße Laken ge- hüllt, zu ihm heran und nehmen unter laurem Jammern und Hände- drücken Abschied von ihm. lb. Buchstaben-Rebus. Re rrrrmr Kv IDern 80= kN 6 6 6 rrrmr Geistige Rahrnngsmittelverfälschung und verdorbene Magen. Mit gerechtein Ekel lesen wir in den Annale» unserer deutschen Literatur gewisse Dichterproduite der Epoche des 30 jährigen Krieges, wo durch die unaufhörlichen Greuel aller Art die Nerven der Lesewelt so abgestumpft waren, daß nur Poeten mit einer„verhenkerten" Phantasie, wie ein neuerer Literaturhistoriker sich ausdrückt, einigermaßen auf Beachtung hoffen durften. Tic grasse Wirklichkeit mußte noch übertroffen werden. Wir haben nun Jahrhunderte mehr auf dem Rücken und sind, zu unsrcr Schande müssen wir es gestehen, leider noch dickselliger, noch blasirter geworden. Den Beweis dafür liefern uns die Reflexionen eines zeitgenössischen Kollegen über das, was man in unser» Tagen der Leserwelt zur Auferbauung vorzusetzen die Dreistigkeit hat:„Ueber die politischen Ereignisse in der Zeilung gleitet der Leser mit kurzem, ver- ächtlichen Blick hinweg, denn er beinerkr, daß wiederum beide krieg- führenden Theile den strategischen Plänen nicht gefolgt sind, die er bei seinem Stanimseidel den Abend vorher für beide entwarf. Rasch geht er daher zu dem„kernigsten" Theile der Nachrichten über, um sein ge- sunkeues Nervensystem anzufrischen. Mit Behagen nimmt er so die neuesten dreizehn Selbstmorde aus, konstatirt mit wohlthuendem Schauer, daß wiederum ein Haus einstürzte und in dieser und >encr ausführlich beschriebenen Weise mehrere Männer, Frauen und Kinder zerquetschte. Diesen kräftigen Bildern gegenüber berühren ihn die andern Tagesereignisse, wie das Sterbelager eines verhuu- gerten beliebten Dichters, zwei Kindermorde armer Nähe- rinnen, nur matt, an solche Kost ist er gar zu gewohnt. Selbst die geschilderte Organisation einer Kinder- Dicbsbande genügt ihm jetzt nicht mehr, da noch kein Mord dabei ist. Gleichgiltig pirscht er weiter durch die Spalten, jagt eine Dynamit- Explosion aus, bei der alle Arbeiter der Fabrik ausflogen, streift einen Hausbrand, bei dem zwei Kinder verbrannten und gelangt endlich wieder zu einigen anregenderen Sachen, z. B., daß sich ein Metallgießer das flüssige Erz aus Versehen in die Bluse gegossen, daß eine Fabrikarbeiterin bei den Haarflechten von der Maschine erfaßt und ihr ganzes Kopshaar sammt der Kopfhaut ihr dabei gemalt sam vom Kopfe gerissen worden sei u. s. lv. u. s. w. Nach dieser sein Nervenleben wvhlthätig berührenden Erweiterung seines Welt- wissens schließt er endlich mit der Creme des Ganzen, mit der sorg- samen Lectüre des eben schwebenden hochpikanten Mordprozesses, welchen er mit der Genauigkeit eines Kriminalisten studirt, und von dessen Borgängen seine Seele so erfüllt ist, daß er nahe daran ist, den Mord probeweise nachzumachen."— Sollte nian nicht glauben, der Mensch unserer Tage wolle, wie jener Hans im Volksmärchen, das „Gruseln", und sonst garnichts weiter, lernen? wt. Weist als Farbe der Trauer. Es dürfte nicht allgemein be- kannt sein, daß die Wenden die sonderbare Eigenthümlichkeit haben in Weiß zu trauern. Andree erzählt dies in seinen trefflichen wendischen Wanderstudien und bemerkt, daß nahe Verwandte sogar ein ganzes Jahr lang den weißen Uebcrwurf(plaolita genannt) tragen; derselbe ist aus Leinwand gefertigt. In einigen Gegenden kommt noch dazu das weißeMundtuch. Andree hat diese Erscheinung weiter verfolgt, aber nur in ehemals slavijchen Ländern angetroffen. Noch heute trauert man im Voigtlande weiß. In Deutsch-Böhmen, in der Planener Gegend, nahe bei Eger, tragen beim Leichenbegängnisse eines Jünglings die An- gehörigen ein weißes Tuch in den Händen zum Zeichen der Trauer. Auch im hannöverschen, jetzt germanisirten Wendland ist Weiß die Trauerfarbe. Ehe der Leichenzug sich in Bewegung setzt, treten die nächsten männliche» und weiblichen Angehörigen des Tobten, die letz- Korrespoudenj. Rohlsurt. Dr. C. Friedrich. Ihrem Wunsche gemäß und um zu zeigen, wie sich der Unsinn seiner Hunt wehrt, wenn man ihm systematisch zu Leibe geht, veröffentlichen wir hier Ihren Bries vom ll. August d. I., von dem Sie UN» überstüssiger Weise am 20. August noch eine Abschrist eingesendet haben: „Kohlsurt, den ll. August 1S77. Gcehrtefte Redaltion! In der„tiorresvondenz" der letzten Nr. der„Neuen Welt" finde ich in der Er- wiederung sub Breslau ad Hosmann einige turiose Bemerkungen, die ich einer Rc- daktion, die da» Prärogativ der höchsten Ausllärung sür sich in Anspruch nimmt, nicht zugerrauet hätte. Ich kenne zwar Hrn. Hosmann nicht, aber da», was er an Sie ge- schrieben hat, ist llar, verständig und treffend und da» gewinnt ihm meine Achtung. Ob ich„sein Glaubensgenoye" bin, da» ist noch die Frage, aber wenn ich'»»och nicht bin, so könnte ich'» werden allein durch die verzweifelte Logik ihrer Replik. Sie schreiben da:„In Zhrcr Uebersctzung de» Neuen Testament» haben wir bereit» einige» geblättert, aber Ihre Wahrheit darin ebenso wenig entdecken können, als in der Uebersetzung Luther»!" Sagen Sie mir doch in aller Welt, wiffen Sie denn, was für logischen Unstnn Sie da geschrieben haben? Ei, ei, verehrte Redaktion,— ein Räuschchen gehabt? Oder ein Blechjchädelchen, da» die Deckel Ihrer„Gehirnzellen sür Logik" noch nicht zum gehörigen Ansklappe» hatte kommen lanen in dem Augenblicke, da Sie dies schrieben? Um eine„Wahrheit" zu finden, ja zu„entdecken",„blällcrt" man nur in einem Buche?! Ei, ei, solch eine» logischen"Bock kann man wohl einer Redaktion ver- zeihen, die noch in den Gallcrtwuideln de» Ui schlämme», in der schleimigen Wiege de» protop laSmalischen Gallcrtklumpen» in der Die>c de» OceauS träumend schlummert, aber nimmermehr der Redaktion der„Neuen Welt", die doch bereits au» dem Urschlamm- Höschen ausgekrochen und hinausffcheniwickelt hat über da» Affenstadium Humus zu organischen begeisteren Wesen höchster iiultur- und Ausklärungs-Potenz und ihr Bureau ausgeichlagen hat in der Metropole der Intelligenz! Die„dummen"laubigen", z» denen auch Hr. Hokmaun zu gehören scheint, stehen ja freilich noch nicht ans der Höhe Ihrer Kultur, sonder» fitzen noch in der Finstcrniß des barbarischen Mittelalters, aber so gescheut wird am Ende auch der allerdummste unter ihnen sein, um einzusehen, daß man, um eine„Wahrheit zu entdecken", nicht bloß in einem Buche so ein Bischeu herumblättert, sondern die Nase ordentlich reinstecken und mit Verstand, Ucberlegung und Nachdenken daritt lesen muß. Wenn man in Ihrer„Neuen Welt" bloß so ei» Bischen herumblättert, so kommt man auch nicht hinter die Wahrheit, aber wenn man mir Berstand darin liest, dann entdeckt man bald die Wahrheit, nemlich di« Wahrheit, daß es ein Blatt ist, welches, nachdem man von jemem logischen Uustnn sich überzeugt hat, seine geeignetste Bcrwerthung findet zu bewußten unaussprechlichen Zwecke». Ucbrigen», bester Herr, aus deffm Feder die betreffende Replik gefioffcn ist, kann ich Ihnen ganz genaue Auskunft darüber geben, woher Ihnen und Ihren Glaubens- genossen die Ueberzeugung gekommen ist, daß der Hr. Hosmann und seine Glaubens- genossen sich in einem bcmttleidcnswrrthen Jrrthum befinden. Sic ist Ihnen, bester zgerr, nirgends andersher gekommen, als woher alle Ueberzeugungen der„Neuen Welt" und ihrer verehrten Correspondenten kommen— au» dem Intelligenz- Blatte des Teusel»! Mit der ergebensten Bitte, dieser meiner Replik in den Spalten Ihrer„Korrespon- denz" gütigste Ausnahme gewähren zu wollen, und der Berficherung, im andern Falle sie in andern Journalen zu publiciren, zeichnet hochachtungsvoll Hr. C. Friedrich." Sollte es nicht schon sehr schlimm sein, lieber Hr. Dr.'Fe, daß Sie die AuSsüh- rungen Ihrer Ecttrüstungsepistel an nicht» weiter anzuknüpft» wußten, als an unser» vermeintliche»„logischen" Bock bezüglich des Durchblättern» der Hosmannschen Bibel? Wogum kämpscn Sie denn nicht wr die Bibel mit deren eigenen Waffe» und drechseln lieber einen Berg von Urschlammphrasen, an denen nichts weiter zu erkennen ist, al» Ihre eigene wahrhaft vorsintfluihlichc Rückständigkeit in geistiger Beziehung?? Nun, wir wollen's Ihnen sagen, lieber Herr: Weil die Waffen der Bibel gegen den Banzer der vorurtheilSsreicn Bernunst und da» Schwert, welche» uns die Errunaenschasten der modernen Naturwffsenschastcn geschmiedet haben, eitel gar nichts auszurichten vermögen. Uebrigcn» wollen wir Ihnen auch sagen, warum wir die Bibel, sei sie nun übersetzt von Hinz oder Kunz, nicht erst zu studiren, sondern nur wieder einmal durchzublättern brau- chcn, um»n» zu überzeugen, daß sie nichts weiter ist, al» eine Sammlung historischer Urkunden von zloeiielhaitem Wcrthe und Poerischer Produkte von gleichfalls ausschließlich distorischein Jntereffe: weil wir die Bibel schon lange, sehr lange aus da» genaueste kennen! Also damit wäre Ihnen denn, Doctissime, der letzte vernünsttge Halt für Ihre Urschlammexpectorationen genommen, und es bliebe nichts, gar nichts übrig, als der nackte Unsinn, wie es sich eben gehört sür die krittschen Versuche eine» Glaubensverthci- digers, deffen Intelligenz noch nicht einmal mit dem Teufel gebrochen hat. Gehaben Sie Sich wohl, Herr Doktor! SB est(?). R. St. Bon Ihrem Gedicht„L---- von Gotte» Gnaden" können wir nicht einmal den Titel drucken laffen. wenn wir nicht wegen zweier schweren Bergede» aus ivenigstenS i Jahr zur stillen Einsamkeit eines deutsche» Mustergesängniffe» begnadet werden wollen. Hamburg.- C. F. H. Ihre Novelle ist an Schilderung überreich und an Handlung betteiarm. Sogar der Held thut gar nicht» weiter, als daß er sich vom Schicksal schieben läßt: dabei bricht er nicht weniger al» dreimal in Thränen au»— solche Helden und solche Novellen kann die„Neue Welt" nicht brauchen. Kaffel. C. I. Versuchen Sie e» mit Räthseln. Charaden und Rechnungiausgaben. Statt der Röfielsprünge beginnen wir in der nächsten Nummer lieber gleich mit dein Schachspiel, zu dem ein Freund der N. W. eine Auleitung zusammengestellt hat Mit dieser Nummer beginnt der dritte Jahrgang, den wir, um dem gesteigerten Lesebedürfnisse der Wintermonate Rechnung tragen zu können, schon mit dem Oktober, anstatt wie bisher mit dem Januar, anfangen lassen müssen. Wir leben der Ueberzeugung, daß wir uns die Freundschaft und das Vertrauen der weiten Volkskreise, in denen wir innerhalb kurzer Zeit eine so große Zahl von Lesern gefunden haben, in immer höherem Maße werden erwerben können. Redaktion und Verlag der„Neuen Welt". Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig sPlagwitzerstr. 20).— Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei in Leipzig.