Jllustrirtes UnterhalwngSblatt für das Volt Der Erbonkel. Novelle von Krnk von Waldow. (Fortsetzung.) Es ist selbstverständlich, daß sowohl der Abgang von Wolfs- bürg, als die Uebersiedelung nach Dohlenwinkel, mit dem der Hofräthin nothwendig scheinenden Pomp inszenirt wurden. Zu letzterem Zweck mußte Herr Sebaldus einen Brief an den Erbonkel schreiben, in welchem demselben der große Entschluß gleichsam als ein ihm gebrachtes Opfer dargestellt wurde. Die beigefügten Grüße der Schwägerin Edeltrud von Bartels, Gebo- renen von Rcckeustein und der Nichten, wie des Neffen, waren bestimmt, den Erbonkel schon von vornherein für diese edl»» Glieder des Bartels'schen Stammes günstig an stimmen. An Bruder Johann Bartels, den Möbelfabrikanten," wie er jetzt von der Hosräthin genannt wurde, war nock, die Bitte ae- richtet: eine„standesgemäße" Wohnung zu besorgen und dieselbe zum würdigen Empfange des hofräthlichcn Mobiliars vorzubereiten. So schien denn alles auf das beste eingeleitet und alle Vor- bereitungcn, den Hausstand aufzulösen, waren getroffen, als, zu spät für die Ungeduld der Hofräthin, endlich aus Dohlcnwinkcl das längst erwartete Antwortschreiben des Erbonkels eintraf. Selbes stak in einem selbstfabrizirten, schief geschnittenen Kouvert und war mit blasser Tinte in großen Zügen auf graues, dickes Papier beschrieben. Es lautete: „Lieber Bruder Sebastian! Es thut mir leid zu hören, daß man dir den Abschied gegeben hat. Freilich ist es eine alte Wahrheit, daß Hofbeamte und Karrengäule gleich schlecht belohnt werden, daran hättest du denken sollen, als du in den Dienst des Herzogs tratest, wovon ich oich, jedoch vergebens, abzuhalten suchte. Deshalb, mein lieber Sebastian, fühle ich mich auch durchaus nicht veranlaßt, dir irgend welche Unterstützung angedeihen zu lassen, was ich, um jede Irrung zu vermeiden, hier gleich anfangs bemerke. Was nun deinen Entschluß betrifft, nach Dohlenwinkel zu kommen, so fürchte ich, daß du, wie es heißt, die Rechnung ohne den Wirth gemacht hast. Auch werden die Umzugskosten schwer herauszuschlagen sein und dann— der Heller gilt nur da, wo er geprägt wird. Aber du wirst dir ja als vernünftiger Mann und Hausvater alles dies reiflich überlegt haben. An unfern Bruder Johann, den Tischler(ich weiß nichts da- von, daß er„Möbelfabrikant" geworden) habe ich deine Botschaft ausgerichtet, doch che er eine Wohnung für dich miethen kann, mußt du deine Wünsche, eine solche betteffend, genauer formuliren. Weder ich noch Johann wußten, was eine„standesgemäße" Woh- nung ist. Meiner Ansicht nach ist eine standesgemäße Wohnung die, welche man zahlen kann— so sage uns denn, wie viel deine Mittel erlauben, darauf zu verwenden. Der Frau Schwägerin, sowie den Nichten und dem Neffen, von denen ich zum crstenniale Genaueres höre, meinen Gegengruß. Dein aufrichtiger Bruder Jakob Bartels." Der Brief dieses„aufrichtigen" Bruders machte auf die Familie von Bartels natürlich keinen sehr angenehmen Eindruck. Frau Edeltrud sprach von„vulgären Krämerseelen, welche Höheres nicht zu würdigen verständen", und auch Herr Sebaldus — reete Sebasttan, wie sein Name ursprünglich lautete— schüt- telte yar bedenklich das graue Köpfchen und murmelte trübe vor sich hin:„er hat sich nicht verändert— immer noch der Alte." Die Hoffnung, oas Erbe des Bruders für sich oder die Seinen zu erwerben, hatte sich sehr verringert. Nur Adelgunde erklärte den„Erbonkel" für ein Original und stellte die kühne Behauptung auf, daß es ihr zweifellos gelingen werde, seine Gunst zu erobern. Das arme Mädchen spann sich in romanttsche Träume ein und ersann immer neue Pläne, die alle zum Zweck hatten, den Sieg über die übrigen erbberechtigten Verwandten zu erringen. Sie dachte es sich so schön, als die Besitzerin fabelhafter Reichthümer wieder nach Wolfsburg zurückzukehren, vor den treu- losen Geliebten hinzutreten und ihm zuzunifen:„Du hast mich verschmäht, weil ich arm war, siehe, meine Liebe vergibt und will dich mit Krösus-Schätzen überschütten— sei glücklich!" Adelgunde hatte sich so fest in diese angenehme Borstellung hineingelebt, daß sie oft sogar im Sinne der einen oder anderen Rolle, die sie heimlich sich zutheilte, auch im gewöhnlichen Leben sprach. Ihren Vater hatte sie schon verschiedene Male„theurer Oheim", den Laufburschen„Theobald" genannt und zu der alten ; Scheuerfrau sagte sie, als sie derselben einen zerrissenen Morgen- . rock und mehrere defekte Schuhe schenkte:„sei glücklich". Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ü 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Es war an einem kühlen Herbstabend, als die N.'sche Pv- kntsche, ein alter, langer, gelb gestrichener Rumpelkasten, durch den grauen Thorbogen des Städtchens Dohlenwinkcl rasselte. Die engen und nicht eben sauber gehaltenen Straßen waren öde und menschenleer. Nur hier und da schritt noch ein ver- spätetcr Spazirgänger über das holperige Pflaster seiner Behau- sung zu, oder eine Magd, die am Rathsbrunnen einen kühlen Trunk zum Nachtmahl geholt, schlüpfte behende an den Hänser- reihen entlang, trotz der Eile noch einen schnellen Blick in das Innere der Postkutsche werfend und sich darüber verwundernd, daß selbige heut so gefüllt erschien. Die gelbe Arche barg trotzdem nur vier Personen in ihrem Schöße: das Ehepaar von Bartels und dessen weibliche Sprossen. Der kleine Adelhardt war einer Militär-Erziehungsanstalt anver- traut worden und in Wolfsburg zurückgeblieben. Frau Edeltrud hatte dies mit dem Aufgebot ihres ganzen Einflusses durchgesetzt, und der regierende Herzog in Gnaden dem einstigen Hofbeamten die nachgesuchte Freistelle für den Sohn bewilligt. So war doch wenigstens die Gefahr beseitigt, daß der Stammhalter der Familie Bartels gleich dieser in dem elenden Nest versauere— wie die Hofräthin seufzend gemeint. Jetzt saß die gute Dame- steif wie ein hölzernes Heiligenbild — aber ohne Gnade— auf dem bartgepolsterten Wagcnsitze; sie war zwar todtmüdc und„unmenschlich" hungrig, wie sie erst vor einer halben Stunde versichert, aber die Verpflichtung, den Dohlen- winklern zu imponiren, die Nothwcndigkeit der Repräsentation gab ihr auch die Kraft, alle die kleinen Leiden des menschlichen Lebens mit herzhafter Geduld zu ertragen. Frau Edeltrud war eine- Märtyrerin der Convenienz, und sie hätte besonders in ihrer Glanzzeit bei Hofe eher die Qualen eines indischen Säulen- Heiligen ertragen, als auch nur um Haaresbreite gegen die Eti- kette verstoßen. Es war zu beklagen, daß der Heroismus der stattlichen Dame so wenig Anerkennung fand, denn selbst als der Wagen nun end- lich in dem schmutzigen Posthofe hielt, war auch nicht der Schatten eines Menschen zu erblicken, noch war irgend eine Vorkehrung getroffen, die Reifenden zu bewillkommnen. Herr Sebaldus, obgleich von der langen Fahrt gleichfalls sehr erschöpft, sprang indessen so behende aus dem geöffneten Wagen- schlag, daß die Vermuthung nahe lag, er wollte sich der immer peinlicher werdenden Situation durch schleunige Flucht ent- ziehen. Wirklich eilte er auch auf die Straße hinaus und spähte ängstlich, ob nicht endlich jemand nahe, der wenigstens als ein Abgesandter der Familie Bartels gelten und die säumigen Ver- wandten in den Augen der strengen Gattin hätte entschuldigen können. Indessen blieb diese noch immer mit der gleichen Grandezza im Fond der alten Postkutsche sitzen, ihr gegenüber Adelgunde, welche die gelösten Hutbänder knüpfte und den schmerzenden Kopf mit der Hand stützte. Die kleine Rose blickte neugierig und er- wartungsvoll um sich und jetzt in das runzelvolle Gesicht des alten Postillons, der seine Kappe rückend mürrisch sagte: „Wollen denn die Madame nicht aussteigen, wir sind ja nun da, und der Wagen soll in den Schuppen." Frau Edeltrud wandte dem Sprecher ihr Antlitz ziz und auf demselben lag ein Ausdruck so großer Entrüstung, als hätte er ihr eben eine Liebeserklärung gemacht und den Antrag gestellt, mit ihm zu fliehen. Das ging ihr aber auch zu weit! Der Mensch muthete ihr, der Hoftäthin von Bartels, geborenen Freiin v. Reckenstein, zu, so ohne weiteres ihren Fuß in einen finsteren, schmutzigen Hof zu setzen, aus dem Wagen zu steigen, ohne daß sie von diesen erbärmlichen Kleinstädtern, welchen sie die Ehre erzeigte, unter ihnen zu wohnen, gebührend empfangen worden wäre! Und wo war denn er, der„unverantwortliche" Gatte und Vater, der die Seinen schutzlos den Brutalitäten„solcher Plebejer" überließ? Adelgunde, der Mutter Auftegung bemerkend, mischte sich schnell ein. Ihre poetische Natur traf, wie sie wenigstens glaubte, auch im Umgange mit niederen Leuten stets den richtigen Ton. „Der brave Mann", sagte sie mit sanfter Stimme,„weiß ja nicht, was er spricht, er wollte dich sicher nicht beleidigen, liebe Mama." „Na, da hört alles auf," unterbrach der Postillon, noch mehr erstaunt als verletzt.„Ich, der Marsin Klehuber, soll nicht mehr wissen, was ich rede? Da müßte ich doch betrunken sein und ich kann Ihnen versichern, Mamsellchen, daß ich so nüchtern bin, wie eine Fastenbrezel. Uebrigens müssen Sie das selbst am besten .v>,sen, da mir der Herr Papa auch nicht das kleinste Glas Bier nnterwcgens hat einschenken lassen. Kurios genug aber ist's, daß Sie hier, wie mir scheint, in der Postkutsche übernachten wollen." Die Hoftäthin unterbrach den Redestrom des ehrlichen Marsin Klehuber. „Enden wir diese empörende Szene", sprach sie würdevoll, indem sie sich langsam anschickte, den Wagen zu verlassen. Glücklicherweise erschien in diesem Augenblick Herr Sebaldus in der Einfahrt des Hofes und beeilte sich, der erzürnten Dame seine Hilfe anzubieten, die ihr auch sehr nothwendig war, denn sie stiitzte sich bebend auf des Gatten Arm und ssieß abgebrochen hervor: „Nur fort von hier— in das erste beste Hotel." Das graue Männchen war dadurch völlig konsternirt und wiederholte, fast maschinenmäßig, sich fragend zu dem Postillon wendend: „Wo ist denn hier ein Hotel?" „Ein Hotel?" murmelte Martin, sich hinter den Ohren kratzend —„ein Hotel?" dann erleuchtete ein Blitz des Verständnisses seine geftwchten Züge und er sagte:„Ah, darum auch! Na wissen Sie, lieber Herr, aus der Geschichte ist ja nichts aewi"*-- lich war der Grund schon gegraben, aber es ist� zu früh ausgegangen, da hat's der Fleischermeiß Billiges gekaust. Was sollten wir denn auch hier i mit einem Jrrenhause. Da hat man Sie falsch be sind nun gewiß recht weit hergereist gekommen, Madame!" Bei diesen letzten Worten warf der ehrliche M einen halb scheuen, halb mitleidigen Blick auf das der Hoftäthin. Herr Sebaldus brach in ein gezwungenes, krampfhaftes Lachen aus, dann entgegnete er schnell: „Ah, das ist ein Hauptspaß. Ich glaube gar, der gute Mann hält uns für Kranke, die"— „Aber Sie wollten ja in ein Hotel," warf der Possillon ver- legen dazwischen,„und die Anstalt von dem Doktor Meyer hatte auch so einen ftanzösischen Namen." ,Kann sein— wir wollen allerdings in ein Hotel— das ist ein Gasthaus— verstehen Sie, lieber Freund," mischte sich die sanfte Adelgunde ein,„wo ist denn das erste hier in Dohlen- Winkel?" „So— so, in ein Gasthaus— ja, warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt, Mamsellchen. Und in das erste wollen Sie, nun, das hätten Sie bequemer haben können, da sind wir vorbeigekommen. Das erste ist gleich beim Thor, das ist aber nur eine Fuhrmannskneipe." Frau Edeltrud zuckte zusammen, aber sie erwiderte nichts. Hofrath wartete es nicht ab, bis sie die Sprache wieder er- halten, denn den Jrrthum des Possillons schnell gewahrend, rief er: „Nicht der erste— der beste Gasthof— welcher ist das?" „So, der ,efle! Na, das ist doch natürlich der„Schwarze Wallfisch", justament gegenüber, spaziren Sie nur hier durch das Thor, da drüben ist's, wo der Hansknecht jetzt die Laterne an- zündet. He, Christian, der„Wallfisch" kriegt Gäste, komm er hernach auf einen Sprung herüber und helf' er mir das Gepäck vom Wagen laden. Wird Ihnen alles prompt auf die Stube gebracht werden," schloß er, indem er dem kleinen Röschen, das von den übrigen ganz vergessen worden war, aus dem Wagen half. Die kleine Rose erreichte die Ihrigen eben noch, als diese über die ebenfalls nicht sehr saubere Schwelle des Gasthauses „zum Schwarzen Wallsisch" schritten. Doch brachte der vorerwähnte Hausknecht des besten Hotels in Dohlenwinkel den Gästen ein wohlthuendes Verständniß entgegen. Die hochmüthige Miene, mit welcher Frau Edeltrud seinen Gmß ignorirt, flößte ihm jedenfalls Respekt ein, und so führte er denn die vornehmen Reisenden sogleich über die matt erleuchtete Ssiege in das erste Stockwerk des Hauses, öffnete dort eines der besten Gastzimmer und rief mit lautschallcnder Stimme:„Ricke — Ricke!" Als die Gerufene, das Stubenmädchen, erschien, empfahl er sich und machte nun erst seinem Herrn eine Mittheilung von dem großen Ereigniß. Die Hoftäthin hatte sich indessen in die weitausgebreiteten Arme eines großen Lehnstuhls sinken lassen und räusperte sich vernehmbar. Diese leisen Anzeichen eines bevorstehenden Sturmes flößten dem Gatten eine sehr gerechtfertigte Besorgniß ein, und in dem Bestreben, dem siefverletzten Gemiiihe der geborenen Frenn v. Reckenstein eine kleine Genugthuung zu verschaffen, sprach in sehr gespreiztem Tone zu dem Dienstmädchen gewandt, das eben die dicken Talgkerzen in den hohen, blankgeputzten Messingleuchtern entzündete: „Mein Kind, geleiten Sie diese Damen in das für sie be- stimmte Gemach und erweisen Sie ihnen dort alle Dienste, lassen Sie ihnen alle Bequemlichkeiten angedeihcn, welche das Haus zu bieten vermag." „Wünschen die Herrschaften noch ein Zimmer," ftagte das Mädchen dienstfertig,„mit zwei oder drei Betten?" „Die gnädige Frau wird Ihnen ihre desfallsigen Befehle schon geben, führen Sie die Damen nur in ihr Gemach. Nicht wahr, meine thcuere Edcltrud," fuhr er, der sich schwerfällig aus den weichen Polstern des Lchnstuhls Erhebenden den Arm bietend, fort,„wenn du dich etwas restaurirt haben wirst, dann nehmen wir das Souper hier in diesem wohnlichen Gemache zusammen ein?" Sie nickte nur stumm Gewährung, die Gegenwart der Dienerin verschloß ihren Mund, dann folgte sie der freundlichen Einladung des voranschreilenden Mädchens und verließ mit Adelgunde das Zimmer; Röschen trippelte hinterdrein. Der Gatte und Vater stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als er seine Lieben verschwinden sah. Das Mittel hatte sich probat erwiesen, freilich war der Sturm nur für den Moment abgeschlagen, denn davon war er überzeugt, daß die Gattin eher sterben als ihn mit ihren Klagen verschonen werde— aber, wer weiß, es konnte ja irgend ein unerwarteter Zufall eine mildere Stimmung erzeugen— bestenfalls hatte er Zeit gewonnen, und das war schon etwas. Uebrigens war das Selbstgefühl des kleinen Mannes eben- falls in nicht geringem Grade durch den lieblosen Empfang der Dohlenwinkler Vertvandten verletzt. Er theilte,>vas dies bettaf, der Gattin Meinung, daß diese Kleinstädter es sich immerhin zu großer Ehre rechne» könnten, den Hofrath v. Bartels zum Mit- bürger zu erhalten. Deshalb warf sich der kleine Hofrath auch recht stolz in die Brust, als nach bescheidenem Anklopfen der Wirth des schwarzen Wallfisches in's Zimmer trat und sich höflich nach den Wünschen der„verehrten Gäste" erkundigte. Ehe die letzteren zur Aussprache kamen, sagte das graue Männchen, mit einer graziösen Handbewegung nach einem leeren Stuhle weisend: „Nehmen Sie Platz, Herr Wallfisch; wir sind, wie mir scheinen will, alte Bekannte, nur wußte ich nicht, daß Sie jetzt hier in dohlenwinkel einen Gasthof besitzen. Sie lebten früher bei Ihrer Tante in Neustadt, wenn mir recht ist?" „Ja"— stammelte der Wirth, sich auf dem angebotenen Sessel niederlassend—„aber, wenn Sie das alles so genau wissen, dann können Sie ja nur ein Stadtkind sein, der"— „Ich bin der Hofrath v. Bartels," fiel Herr Sebaldus würde- voll ein und schüttelte die ihm dargebotene Rechte des einstigen Schulkameraden. „Dacht ich's doch," rief dieser, die Hände zusammenschlagend, „Hab' ein Vöglein davon singen hören!" „Das war wohl mein Herr Bruder Jakob?" „Ja— Hab' zuweilen die Ehr' seines Besuches." „Und die übrigen Glieder der Sippe?" „Kommen auch ab und zu. Der Herr Meister trinkt rcgcl- mäßig sein Schüppchen hier." „Wie vertragen sich denn die Geschwister unter einander?" Herr Wallfisch lächelte und schob sein goldgesticktes Käppchen vom rechten zum linken Ohre. „Deutsch gesagt vertragen sich die Leute! wie Hund und Kätz' — ist halt eine kuriose Geschichte das." „Wir reden davon noch mehr," erwiderte der Hofrath hastig, denn der Ruf:„Sebaldus!" war, aus dem Nebenzimmer dringend, au sein Ohr geschlagen.„Dann müssen Sie nur auch von sich erzählen, lieber Wallfisch, und wie es gekommen, daß Sic Sich hier angekauft. Ist die alte Tante gestorben?" „Zu dienen. Aber, Herr Hofrath, die Geschichte hört sich an wie ein Roman, das glaubt niemand, der das nicht selbst, wie ich, erlebt. Mein Glück und mein Unglück— oder eigentlich mein Unglück und mein Glück— verbesserte er sich— verdanke ich ganz allein dem Liede vom schwarzen Wallfisch von Askalon— Sie kennen es gewiß auch— es ist ja ein Studentenlied— werden Sie das glauben?" „Sebaldus!" rief eine Stimme im Nebenzimmer. Jetzt eilte der Hofrath fort.„Gewiß, wir sprechen uns dieser '�age recht umständlich über all das aus; für heute bitte ich nur uni ein recht gutes Abendessen— hier oben— meine Gattin wird zu ermüdet sein, um an der Wirthstafel zu speisen." „Verstehe— soll alles pünktlich besorgt werden," anttvortetc der Wirth, sich verneigend, dann verließ er das Gemach. In dem geräumigen Hausflur angekommen, öffnete er die Thür, welche in die große, sauber gehaltene Küche führte und rief: „Grethel— Grethel!" „Komm' schon!" erwiderte eine stattliche, noch immer hübsche Frau, und in das Hinterzimmer tretend, wohin ihr der Gatte schon vorausgeeilt war, fragte sie gelassen: „Na, was gibt's denn, ist's wegen der Fremden droben?" „Natürlich," kicherte Herr Wallfisch, wohlgefällig sein rundes Bäuchlein klopfend,„denk' dir nur, der alte Meister Jakob hat doch recht gehabt, jetzt sind die adligen Bartcls'schen auch angerückt kommen, die droben sind's. Alleweil wird die Katzbalgerei los- geh'n!"» „Na, da spielt's aus!" sagte die dicke blonde Frau und setzte sich schwerfällig nieder. Ueber das lange und für gewöhnlich nicht sehr geistreich in die Welt schauende Gesicht des flachsblonden Wallfisches glitt ein schlaues Lächeln, wie Sonnenschein, dann murmelte er händereibend: „Wird uns ein hübsches Sümmchen eintragen das— denn nun werden Herr Jakob, der Hofrath, Eusebius und Johann noch öfter hier erscheinen und ihre Klagen und Anschuldigungen anbringen bei einem frischen Schüppchen von meineni guten Wein. Uebrigens scheint der Sebastian oder Sebaldus, wie seine adlige Frau ihn ruft, nicht allzu hochmüthig geworden zu sein, denn er erinnerte sich noch der alten Freundschaft und will morgen'bei einem guten Tropfen ein Plauderstündchen mit mir halten. Schien ihn gewaltig zu interessiren, wie der arme Lehrerssohn zu einem so stattlichen Anwesen und einer so hübschen Frau gekommen sei — werd' ihm das alles erzählen und das Lied vom schwarzen Wallfisch als Dreingabe vorsingen." „Jonas," lächelte die geschmeichelte Gattin und hob warnend den Zeigefinger in die Höhe,„Jonas, da wirst du wieder viel zusammenflunkern und dich herzhaft herausstreichen." „Nur die Wahrheit, Weibchen— ach ich bin heut so vergnügt, wie wär's, Margaretlein, trinken wir ein Schüppchen, ich sing' dir dann auch eins: ,Jm schwarzen Wallfisch zu Askalon— „Mann, bist denn gar närrisch geworden? ich muß ja nach der Küche, das Nachtmahl richten lassen!" „Herrje— da fällt mir ein, der Herr Hofrath v. Bartels wünschte ja das Nachtessen bald und oben in der grünen Stube einzunehmen— das hätf ich fast vergessen!" „Plauderhans!" rief die dicke Frau strafend, erhob sich und eilte in die Küche. Auch wir verlassen den etwas beschämt dastehenden Wallfisch, dessen Geschichte der geneigte Leser im nächsten Kapitel erfahren wird, und begeben uns in den Oberstock, in das Zimmer des Hofraths, der jetzt nicht mehr allein, sondern im Kreise seiner gleichfalls hungrigen Lieben sich befindet. Frau Edeltrud macht eben Miene, die Schale ihres Zornes recht gründlich über Dohlenwinkel und dessen Bürger auszuschütten, als nach einem hastigen Anpochen die Thür geöffnet wird und ein mageres Männchen sich in's Zimmer schiebt, das eine un- leugbare Familienähnlichkeit mit dem adligen Bartels hat, also jedenfalls ein Sproß dieses Geschlechtes ist. Man sieht es dem Männchen an, daß es die Sonntagstoilette in großer Eile gemacht, denn der neue lleberrvck ist über ein zerknittertes Hemd fast bis oben herauf zugeknöpft und die braunen Hände, die von harter Arbeit zeugen, sind nur noth- dürftig gewaschen. „Grüß Gott alle bei einand'!" ruft Meister Johann Bartels, der Tischler, denn dieser ist das Männchen, mit etwas linkischem Gruße der adligen Sippe entgegen. Der Hoftath erhebt sich schnell und wird von dem Bruder hastig umckrmt. „Also da bist du doch gekommen, Sebastian— schau, schau— so alt und grau geworden— und das ist wohl deine Frau Ge- mahlin? Grüß Gott, Frau Schwägerin, nun, meiner Treu, hat sich da etwas Hübsches ausgesucht, der Bastian, müssen mal sehr schmuck gewesen sein— freut mich, freut mich!" Die Hoftäthin erhob sich steif und legte ihre feine Rechte in die schwielige Hand des Meisters. „Gewiß der Schwager Johannes," sprach sie dabei und fü kühl hinzu: ,Mir hatten Sie früher erwartet— es war wahrlich ein trüb- seliger Empfang hier in der fremden Stadt, wir wußten ja nicht einmal wohin uns wenden und—" „Ja, ist denn der Lehrjung' nicht im Posthof gewesen?" fragte der Meister erstaunt, während er dabei mit dem rechten Arm wieder eine hastige Bewegung machte. „Behüte— keine Seele war da," erwiderte schnell Herr Se- baldus, der die Stirn der Gattin sich verfinstern sah. Die Er- wähnung des„Lehrjungen", welcher als Abgesandter Meister Bartels die geborene Freiin v. Reckenstein hatte bewillkommnen sollen, war doch auch allzu demüthigeud. „Der Racker soll aber ciue tüchtige Tracht Schläg' bekommen," rief der ahnungslose Meister dazwischen.„Ich>var ganz sicher, daß Ihr hier wohlbehalten in oen schwarzen Wallfisch geführt würdet, falls Ihr heut kämt, denn daran zweifelt' ich noch, in- dem beut Freitag ist und die Damen ein wenig abergläubisch sind — meine Alte z. B. brächt' ich nicht um alles Geld dazu, Freitag zu reisen. Aber warck, du Tausend- sakramenter!" Jedenfalls galt die letz- tcre Bezeichnung wieder dem nachlässigen Lehr- jungen. Frau Edelttud lächelte hobeitsvoll— was hätte sie auch erwidern sollen? „Und das sind meine Nichten?" wandte sich der Meister wieder mit einer hastigen Seitenschweukuug und einer Bewegung, als setze er den Hobel an, zu Sebaldus. „Ja," meinte letzterer vorstellend,„meine älteste Tochter Adelgunde— die jüngste, unser Röschen." Adelgunde stand auf und streckte dem Onkel ihre Hand hin, die er herzhaft schüttelte. „Hm, hm, ein hübsches Fräulein— wohl schon Braut, wenn man fragen darf?" Das arme Mädchen er- röthete und senkte schwei- gend die Blicke; Röschen überhob die Schwester der Antwort, indem sie sich zu- traulich an den neuen Onkel anschmiegte und nach den kleinen Cousins und Cou- sinen fragte, mit dcneiz sie ja spielen werde, wie Papa vcr- sprochcn. „Ja, ja, mein Töchterchen, gewiß, übermorgen wirst du alle kennen lernen"— damit fuhr Herr Johann Bartels lebhaft auf die andere'Seite und bewegte heftig einen illusorischen Hobel— „dabei fällt mir ein, daß ich die geehrte Frau Schwägerin, den Bruder Sebastian und die lieben Nichten auf Sonntag zu einem Mittagessen laden soll.— Wir sind nur einfache Bürgersleut', meine Frau und chch ," setzte er entschuldigend hinzu,„und bitten daher, uns erst Sonntag zu beehren. Morgen ist Samstag— Arbeits- und Scheuertag, da darf ich meiner Alten niemals mit einem Besuch kommen, so wird sie Sonntag alles hernchten und hat dann selbst eine Freud', wenn die Gäste in die blanken Stuben kommen. Also abgemacht, auf Sonntag!" „Wir kverden uns die Ehre geben," sagte die Hoftäthin steif. „Die Ehre— ha ha— ganz auf meiner Seite, auf meiner Seite, Frau Schwägerin—»vüinchc wohl zu ruhen— bitte auf den Traum zu achten, der erste Traum in einer neuen Wohnung und gar in einem neuen Ort, geht allemal aus— ja ja— fragen Michel Angelo.(Siehe Seite 22.) e nur Schwester Emmerenzia, die legt den ganzen Tag und allen Leuten in Dohlenwinkel die Karten— natürlich umsonst— aber ttotzdem trifft's zu— wenigstens in den meisten Fällen.— Aber jetzt mnß ich fort— ja heut' muß noch fleißig bis in die Nacht hinein gearbeitet werden— pressante Bestellung— das letzte Bettchen— solche Leut' haben keine Zeit mehr zum Warten— wollen zur Ruh. Ist die Mutter vom alten Herrn Pastor, Hab' just das Maß zum Sarg genommen, ehe ich herging— könnt' deshalb nicht eher kommen. Na— wird schon seine Prügel heut' noch kriegen, der Himmelsakramenter(hier war wieder der Lehr- junge geineint). Wünsch' wohl zu ruhen allen mit einander— und nichts für ungut." Damit war er schon zur Thür hinaus und stieße mit dem rechten Arm, den er wieder vorgestreckt, als wolle er schon hier den Hobel an die zum Sarge für die Frau Pastorin selig be- stimmten Bretter ansetzen, so heftig an die Magd, die eben mit dem besetzten Präsentirteller zur Thür herein wollte, daß Gläser und Teller laut aneinander klirrten, die fette Kalbsbratensauce in die eingesottenen Kirschen rann und der Saft dieser letzteren sich auf Tischtuch und Servietten ergoß. „Aber Herr Meister Bartels— haben Sie denn gar keine Augen!" grollte die erzürnte Magd. Die Hoftäthin sandte einen Blick stummer An- klage zu dem rauchge- schwärzten Plafond des grünen Fremdenziinmers, dann glitt dieser Blick auf das blasse Antlitz des grauen Männchens und an Sebaldus' Ohr drang der Weheruf: „Alles dies ist dein Werk, Barbar!" Er senkte das schuld- bewußte Haupt. Die erste behagliche Stunde, welche der viel- geplagte Hofrath in seiner Baterstadt zubrachte, war jedenfalls diejenige, in der er plaudernd und sein Schüppchen trinkend in der gemüthlichen Schcnkstube des Gasthauses saß, und von den beredten Lippen des alten Schulfreundes die seltsam verschlungene Le- bensgeschichte des letzteren vernahm. Da wir dieselbe dem Leser nicht vorenthalten wollen, aber, gleich Frau Margarethen, in die Wahrheitsliebe des schlauen Wirthes nicht eben großes Berttauen setzen, auch deffen Weit- schweifigkeit fürchten, geben wir sie hier ohne jede Ausschmückung, ganz objektiv und der Wahrheit gemäß. Bor Jahren war der dicke Wirth des ersten Hotels in Dohlen- ivinkel ein gar armer Waisenknabe— jung und unschuldig und hieß— Jonas Wallfisch. Ein merkivürdiger Name, nicht wahr, und eine noch eigen- thümlichere Zusainmenstellung. Wahrscheinlich hatten die alten Wallfische, seine Eltern, ihren an sich schon seltenen Stamni durch diese Nüance vollständig aus deni Rahmen des Gewöhnlichen und Gewohnten heben und dem Träger desselben als Pathcngeschenk eine ganz ungeheuere Origi- nalität bescheereu»vollen. Jonas hätte demnach von Geburt aus eigentlich die Ver- pflichtung gehabt, ein Genie, mindestens ein Original zu werden, zum allerinindcsten ein origineller Lump zu sein. Aber nichts von alledem--(Fortsetzung folgt.) Dr. Samuel idley Howe. (Schluß.) Nach Vollendung seiner Studien bei Hauy in Paris, dem Stifter des ersten Blrnden-Jnstitutes, im Sommer 1832, begann Howe in Boston sein erste Thätigkeit als Blindenlehrer, und zwar mit auf der Straße aufgelesenen Kindern, zuerst blos sechs an der Zahl, welche aber rasch anwuchs. Sein Werk war indeß ein viel edleres und umfassenderes, als das Hauy's, der blos darauf abzielte, den Blinden doch einigen Unterricht zu erth eilen. � Er hatte die kühne Idee durchdacht, den fehlenden Gesichtssiim durch die übrigen Sinne möglichst und zwar soweit zu ersehen, daß jeder Blinde ein sich selbst erhaltender, freier und gleicher Mensch, ein Gebildeter auf der Höhe seiner Zeit werden sollte. Dazu bedurfte es einer ganzen Anzahl neuer Erfindungen außer den schon gemachten wenigen, einfachsten; und diese hatte er größtentheils selbst zu erdenken und mit eignen % bc jlu so überall lviedererkannt und hatte viele stürmische Versuche, ihn zu� verherrlichen, abzuwehren. M Kaum war Howe nach Massachusetts zurückgekehrt, so nahmenljh. die beginnenden Kämpfe um Abschaffung der Negersklaverei ihn noch neben seinen vielseitigen Erziehungszwecken in Anspruch, R, und er schloß sich nicht nur den Abolitionisten an, sondern re- wk digirte ein Jahr lang eine Wochenschrift in sklavereifeindlichem yn Sinne und blieb bis zur Abschaffung der Negerknechsichast wohl der wirksamste, wenn auch nicht der lauteste Agitator dafür, außer wo die Gefahr am größten war und kühne That geboten, au Sein Werk vorzugsweise war Chs. Summer's Erwählung in(Cl den Senat der Vereinigten Staaten(achtzehn Jahre lang), ferner au die Befreiung des Territoriums und Staates Kansas mit Waffen- ü? gewalt und die Sammlung der Geldmittel zu John Brownspg, Händen herzustellen, weil die Geldunterstützungcn für seine Anstalt Versuch eines Negeranfstandcs in Virginien, welcher nicht verun-�Re anfangs sehr spärlich flössen. Es galt, alle Werke zu studiren, glückt wäre, hätte nicht eine Anzahl unzuverlässiger Mtverschworncr off welche über sein neues Fach, über Physiologie und alle den Verrath gedroht und ein verfrühtes Losschlagen veranlaßt. Save, Memchen behandelnden Wissenschaften zu haben waren. Es galt sehr er sich nun auch bei alledem ini Hintergrunde hielt, um Kniffte, Handwerke und sonstige Beschäftigungen zu finden, in seinen Erziehungszwecken nicht zu schaden, sowie aus Haß gegen mc welchen Blinde genau soviel� oder mehr leisten könnten als alle Rollenspielerei, so war seine Hand doch überall zu erkennen, rxj Sehende, und sie den Blindenau lehren. Es galt tüchtige Ge- und er erwarb sich die bittre Feindschaft der Sklavenhalter- und Vx Hilfen zu wählen und anzuleiten, wie sie unterrichten müßten, Geld-Aristokratie, welche gerade in Boston höchst mächtig war.Ai um mindestens zehn verschiedene Broterwerbszweige zu lehren, und Und diesem Hasse ist das Mißlingen mehrerer seiner schönsten(f( einige Fabrikgebäude, sowie einen Verkaufsladen zu errichten, in Pläne zuzuschreiben. sie! welchen preiswürdige Waaren geliefert würden, so daß dabei den So z.B. gelang es ihm nicht, die deutsche Art des Taub-all Blinden aller Reingewinn zufiele. Es galt, eine große Anzahl stummen-Unterrichts gegenüber der französischen in Amerika ein- ga tüchtiger Lehrer und Leiter für alle Blindenanstalten der Per- zuführen, obschon er selbst wieder eine Anzahl taubstumme Kinder jnr einigten Staaten in seinem Sinne auszubilden, damit seine soweit unterrichtete, daß er mit ihnen gelungene öffentliche Vor- An Idee und Praxis nicht nach oberflächlicher amerikanischer Art stellungen geben konnte; und noch heute herrscht in den Vereinig- de, verwässert würde. Und bis er dieses Ziel erreicht hatte, bis er ten Staaten die französische Lehrweise. Nach dieser lernen die wi Schüler mit den Fingern sprechen, können also blos mit solchen ob zugleich die Theilnahme aller empfänglichen Mitbürger für das selbe gewonnen hatte— eine in' Amerika trotz allem damaligen Geineinsinne eine sehr schwere Sache— gab er sich nur diesem einen Streben hin und vertagte alle seine sonstigen Reformpläne. Nachdem er es aber erreicht hatte, unternahm er eine weitere Reise durch Europa, um den Taubstummen-, Blöd- und Wahn- sinnigen- Unterricht, die Reformbestrebungen im Gefängnißwesen und das gesammte Schulwesen überhaupt genauer kennen zu lernen. Zum Reisegefährten wählte er sich außer einer eben heimgeführten Gattin— einer der gebildefften und edelsten Frauen des Landes— den nachher als Schul- Reformator unvergeßlich gewordenen Horace Mann, dessen spätere Schulverbesserungs- Pläne er auch vielfach unterstützt hat. Knrz vorher jedoch hatte er ein Kunststück erfunden, welches sofort seinen Namen unter allen Menschenfreunden Europa's berühmt gemacht hatte. CH hatte die blind und taub geborne Laura Bridgman, welche obendrein einen sehr schwachen Geruch- und Geschmacksinn zeigte, ein blutarmes elfjähriges Mädchen, soweit unterrichtet, daß sie von anderen weiter unterrichtet werden und fast so sehr als ein vollsinniger Mensch lernen und sich nützlich machen konnte. Welche Erfindungen dazu gehörten und welche liebevolle, unermüdliche müssen. .... nützlich sich unterhalten, welche diese Fingersprache ebenfalls ver- stehen, während nach der deutschen sie laut sprechen und an den Gesichts- und Halsmuskeln die Sprache andrer absehen und ver- stehn, also mit jedermann umgehn können. Als er vollends den Blödsinnigen- Unterricht befürwortete und die von ihm selbst mit blödsinnigen Kindern erzielten Erfolge öffentlich vorführte, ergoß sich eine Sintflut des billigsten Spottes über ihn, und es dauerte Jahre, bis er Staatsunterstützung erlangte, um ein Blödsinnigen-! Institut für alle betreffenden Kinder des Staates zu errichten (1848), nach Jessen Muster später alle ähnlichen Anstalten in der A» Union eingerichtet wurden. Seinen unermüdlichen Anstrengungen fei: ist es auch zu danken, daß eine gründliche Statistik aller Un- so vollsinnigen und Schwachsinnigen im Staate Massachusetts unter- lick nommen und von ihm geleitet wurde, wobei das Hauptgewicht Zu auf Ermittelung aller Ursachen, welche zu diesen angeerbten und zu, anerzog cen Schwächen führen, gelegt wurde. Dieses überaus ver-»hr dienstliche und in vieler Hinsicht wissenschaftlich bahnbrechende die Werk hctt klar bewiesen, daß alle diese Sinnes- und Geistes- die schwächen theils vor, theils nach der Geburt heilbar sein wc Geduld, das ist von ihm in der allerbescheidensten Weise in einem besondern, auf vieles Verlangen geschriebenen Buche auseinander- gesetzt worden; es hier zu beschreiben, ist ganz unmöglich, unsere denkend m Leser aber werden sich das vorstellen können. In Europa drängten sich zu seiner Bekanntschaft nicht blos die edlen, fortschrillseiftigen Menschen, sondern auch die Vornehmen und Hochgestellten. Er aber ging den letzteren aus dem Wege, wäh- Pvl Wir müssen uns mit seinen übrigen Reformbesttebungcn kurz die fassen. In engeren Kreisen wurde seine fast beispiellose Menschen- hn kenntniß und ökonomische Weisheit immer gewürdigt, womit er we geringe Mittel große Frucht tragen ließ und sich in der Wahl bel seiner Gehilfen und Pläne wohl selten vergriff. Er war der dä> Vertrauensmann der kleinen Zahl Wohlhabender, welche nicht in ....-„„*_________________...... selbst fruchtbare Wohlthaten zu erweisen verstanden, und durch»w rqtd er zu sehr vielen der ersteren in genaue Beziehung trat, seine Hände gingen ansehnliche Summen, womit arme aufstre- bei -Brgends und nie hat er den Demokraten, ja, den Sozialdemo- bende Talente, frecheitliche Zwecke und verschämte Roth unterstützt En traten verleugnet. Er war ja nicht blos ein Kopfarbeiter, sondern wurden. Governor Andrew, dieser unersetzliche Mann am rechten riö verdiente gutentheils seinen Lebensunterhalt als Handarbeiter. Platze, der zweimal im Bürgerkriege das größte Unheil abwandte, Als Kunstgärtner in seinem Garten verbrachte er jede freie machte ihn 1865 zum Vorsitzenden der Staats- Wohlthätigkeits- Sc Stunde und erzielte mit seinen feinen Obst- und Beerensorten, behörde und gab ihn: so endlich Gelegenheit, Gefängnisse und Kl Trauben und Gemüsen, Blumen und Sträuchern soviel Reben- Armenpflege im sozialdemokratischen Sinne zu regeln. Die von im einnähme, daß er mit dem Ertrage einer dürftigen Erbschaft und ihm aufgestellten acht Grundsätze sollten, wie seine Leichenrcdner Hc einem sehr bescheidenen Gehalte als Staatsbeamter ein gastfteies fast alle hervorhoben, mit goldnen Buchstaben über der Thür Ei Haus halten konnte, in welchem man früher oder später alle jeder staatlichen Reformanstalt sieben. Sie wurden auch solange bei Männer und Frauen, auf welche Amerika wirklich stolz sein wirklich durchgeführt, als Howe die Anstalten selbst beaufsichtigen die kann, kennen lernen mochte. Die Reise dauerte vom Sommer konnte; es ist eine Schmach, daß in andern Händen sie alle ni 1843 an anderthalb Jahre und erstreckte sich bis Griechenland, wieder unbeachtet blieben. Bei wo Howe seine Ansiedlung besuchte. Da ihm aller Personenkilltus Im Jahre 1863 wurde Howe, zusammen mit den bekannten Ich verhaßt war, nannte er nirgends seinen Namen, wurde aber Sozialisten Robert Dale Owen und James McKay von der wi Regierung Lincolns als Kommissäre bestellt, um den Zustand befreiten Sklaven des Südens zu untersuchen, und ihrer Empfeh- lung entsprang das Freedmens Bureau, welches die ersten Jahre so Großes für die Schulung der Neger und ihre ökonomische �Befreiung gewirkt hat, bis es in Pfaffenhände fiel und um fünf Millionen bestohlcn wurde. Leider niußten die Kommissäre aus ! ihrem Bericht die Empfehlung streichen, daß die Rebellen-Lände- lwcn eingezogen, an Neger und arme Weiße verpachtet, und der ' Reinertrag des Pachtes zur Bezahlung der Kriegsschuld verwandt ° werden sollte. Das ging dem Lincolnschen Kabinette und Kongreß ' viel zu weit. 1 Nochmals beanspruchte Griechenland seine weise Hülfe. Die - Griechen auf der Insel Kreta waren gegen die Türkcnherrschaft - aufgestanden, und Dr. Howe rief 1867 die Hülfe seiner Lands- 'lcute für sie wach, saminclte 37,000 Dollars, rüstete ein Schiff ■ aus und brachte ihnen unter größter Lebensgefahr diese Hülfe °ui passendster Weise selbst, welcher nach seiner Rückkehr nach 'Boston noch manche weitere Liebesgabe folgte. Die griechische - Regierung hat später bei Bekanntwerden seines Todes ihm eine öffentliche Anerkennung ausgestellt, welche eben so sinnig als ' verdient war. 1 Wiederum rief ihn die Unionsregierung zu einem wohlge- 1 weinten nationalen Werke. Es galt der Befreiung des spanisch- 'redenden republikanischen Anthcils von San Domingo von der ' Bergewaltigung durch die nahe Negerherrschaft Haitts und dessen - Anschluß an die Vereinigten Staaten. Dr. Howe und zwei andere �Ehrenmänner sollfen darüber ein Gutachten ausstellen. Dasselbe pel auf Grund eines meisterhaften Berichts beifällig aus, blieb ° aber vom Kongreß unbeachtet, weil Präsident Grant schon im ' ganzen Lande zu unbeliebt war, und der Plan darunter leiden ' wußte(1869). Ein paar Jahr später suchte eine Gesellschaft von " Amerikanern wenigstens im Privatwege den Plan durch Ankauf t der Bai von Samana auszuführen, oder doch vorzubereiten, und ' wieder wurde Dr. Howe zum Vermittler auserschen. Er fand 'aber alle Verhältnisse so nachtheilig verändert, daß der Plan itcrte. Er hielt sich zur Wiederherstellung seiner Gesundheit nva) Monate lang in San Domingo auf, fiel aber bald nach seiner Rückkehr nach Boston dem dortigen Klima und den Nach- wehen seines ersten griechischen Feldzugs, die ihn nie ganz ver- lassen hatten, zum Opfer. Im Begriff, seine Pflichtbesuche im Blinden-Institute, dem er fast ein halbes Jahrhundert vorge- standen hatte, und in den übrigen von ihm gestifteten Anstalten zu machen, fiel er bewußtlos zu Boden und erlangte sein Bewußt- sein bis zu dem zwei Tage später erfolgten Tode nicht wieder. Er hatte einen Monat vorher seinen Tod fast auf den Tag genau > vorausgesagt. Er stand stets um 5 Uhr auf und war bis Abends 10 Uhr thätig. Er war äußerst mäßig. Eine durchaus ritterliche, furcht- lose Natur war in ihm mit weiblicher Geduld, Verträglichkeit und Ausdauer vereinigt. Was er in vernünftiger Gesundheitspflege in allen von ihm geleiteten Anstalten geleistet hat, sodaß Krankheits- und Todes- fälle in auffälliger Weise vermindert wurden, steht als Muster da. Er war auch der erste, welcher die musikalische Erziehung fast aller seiner blinden Schüler bis zur wahren Kunstleistung erhob. Nie hat ihn jemand von seinen Heldenthaten, unglaublichen Strapatzen, Arbeiten und Erfolgen selbstgefällig sprechen hören. Bei seiner von allen Körperschaften seines Staates, ja unter der Theilnahme des Landes begangenen Todesfeier rühmte ihm— wieviel das in Boston sagen will!— ein hervorragender Redner nach, was folgt:„Er hatte keine Religion, die man mit Namen nennen könnte. Für alle Glaubenssätze, Bekenntnisse und Heuchelei fühlte und drückte er aus die grimmigste Verachtung(suprems conternps). Aber für alle Ueberzeugungen, wie sehr sie auch von den seinigen verschieden sein mochten, hatte er Achtung und un- begrenzte Ehrfurcht vor Pflicht und Rechthandeln." Aber wozu der Worte mehr? Sein thatenreiches Leben, allem geweiht, was an der Menschheit gut, edel und groß ist, macht ihn ganz zu dem unsrigen.«. n. Die Pocken eine DM- und Lompen-Zenche. Von vr.«didtmann. Wenn ich der Jmpferei jedweden mildernden Einfluß auf die Ausbrüche der Pockenseuche abspreche und das Nichtgeimvftsein in keinerlei Weise als einen Motor der Pockmepideniien gelten lasse, Iv mache ich mich gleichzeitig anheischig, die wirklichen, die natür- uchen Hauptmotoren der Scuchenschwankungen namhaft zu machen. , s-— vvi. wtuu)tu[u;juuui.umjv.ii uuiui�u|i qu «u nengen sind als solche erstens die Verwilderung in der Schaf- glicht itwS om�rr__ v____ c:— f,____ ihrem b'e allgemeinen Schafpockenimpfungen; daran sich anschließend ,— l»»»v v vi* v»t» viv vvivvv_ n' C Jucht und die künstliche Massendurchseuchung der schapvoll� aiff ihrem lebendigen Mutterboden in früheren Jahrhunderten durch Kio„ff-----—..... die �"Ifuuciiiiiiviuiigtii, uuiun iiuj ,öoIr"Sethgfte Entschweißung pockenkranker Handelsund Lammfelle in den Zeiten, welche den Menschen- Vockenausbrüchen jedesmal unmittelbar voraufgingen. zw eitc n die skandalöse Menschenblakternimpsung � vongen«ah- hundert. Tics sind zwei von den Hauptmotoren der P. welche das zeitliche und örtliche Stelgen und fallen i ,.,, beherrschten; ihnen entsprachen zwei eben®6eneran(.en dumpfer, nämlich erstens die ianlwtspollzellichen'1 roo(te in der Schafwollzucht und in der Enttchweißung d f. � »Westens das Aufgeben der früheren Menichenpockcn mpfung beides um die Zeit von 1806-1809, icne gegen d.e orWna Entstehung, dieses gegen die Weiterverbreitung der scucye ge '�Jn Folgendem will ich einen dritten Halchtmotor der Schwankungen der Pockenscuche, den Verkehr � na Kleider und Lumpen behandeln. Die Lumpenwanderung im weitesten Begnffe des Wortes ist m her That � � Haupthebel der Pockenwanderungcn,'st �s, welch Einzelsamilien, wie in ganzen Völkern, das Ste.g-n und»allen der Seuche im großarttgsten Stile bewirkt. In dem'' d'e Volkshygiene ihre Aufmerksamkeit von der mit l � � rufenen pockenkranken Menschenhaut, ob i'e ge'mpl t geimpft erkrankt sei. abwendet, und stch mehr. al�isyer ge- Ichehen, um die durchseuchten"Lumpen" kummcr, wie Schuppen von den Augen fallen, und wir wer z Beschämung erkennen, daß die Jmpfspielerei nns nur in trüge- rische Sicherheit gewiegt, uns die Sinne verwirrt und unsere Aufmerksamkeit von dem Hauptpockenverbreiter, den Lumpen, ab- gezogen hatte. Als ich im Jahre 1876 auf dem Delegirtentage der deutschen Acrztevereine, als Vertreter des medizinisch-ättologischen Vereines zu Berlin, meine Lumpentheorie als positives Gegengewicht gegen die negative Theorie des sttichtgeimpftseins in die Wagschale ivarf, da ging ein Zug des Mißniuthes und der Entrüstung, des Hohnes und der Verketzcrung gegen mich durch die hochansehntiche ärztliche Delegirten-Versammlung. Wie wenn jemand heranwachsenden Kindern den Glauben an das liebgewonnene Mysterium vom leibhaftigen Christkindleln abdisputiren will, und die entnüchterten Kleinen den Ketzer, der ihnen das althergebrachte Märchen raubt, gründlich hasseil: so kam mir der Zorn, die Entflammung der Gemiither in dem Momente vor, als ich das engherzig gehütete Dogma vom Jmpfsegen mit Zahlen auzutasten wagte. Mit allen Stimmen gegen die meinige wurde meine Lumpentheorie nach der herrschenden„Verdonnerungspraxis" niedergestimmt und die Herr- schaft der Jmpfnadel noch einmal gerettet; man sprach es nnver- hohlen aus, daß man Angriffen gegen den Impfzwang ärztlicher- seits von vornherein gar keine Antwort zu geben brauche.— So laßt uns denn sehen, was mit der Lumpentheorie, dem dritten Gegentrumpf gegen das Jmpfdogma, auszurichten ist. Trotz den wohlfeilen Kalauern, welche die Herren Collegen auf dem Aerztedelegirtentage gegen mich und meine Lumpentheorie losließen, als ich die Pockenausbreitungen nicht sowohl von den erkrankten reconvalescenten Leibern, als von dem Wandern der Lumpen ab- leitete, stelle ich heute den Satz:„Die Pocken eine Lumpenscuche" an die Spitze dieses Abschnittes meiner Pockenabhandlungen. In einer früheren Abhandlung habeich die pockenkranke Schaf- wolle und die pockenkranken Lämmerfelle als den ursprünglichen Mutterböden der Menschenpocken, als den Pockenvermittler zwischen j Schaf und Mensch, zwischen Schafpockenseuchen und Menschen- Pockenseuchen kennen gelehrt und geschichtliche und statistische! haltspnnkte für diese Theorie erbracht. Heute wollen wir unter- suchen, welche verpestende Rolle die zu Kleidern, Betten rc. ver- arbeitete gesunde Wollfaser als geschicktester Zwischenträger zwischen Mensch und Mensch, zwischen erkrankten und gesunden Menschen spielt. Dieser zweite Wolleinflnß ist ebenfalls wie der der kranken Rohwolle ein unbegrenzter. Der Verseuchungseinfluß der Wollfaser in Kleidern und Lumpen beruht auf der ungemein großen Absorptionskraft der Wolle für Dünste. Die Ansteckungs- fähigkeit der Pocken steht daher parallel nicht zu der Abdunstungs- grüße der gewaschenen drei Quadratfuß unbeoeckter Hautfläche an Gesicht und Händen, nnt welchen der Genesene aus der Pocken- stube heraus wieder in den freien Verkehr tritt, sondern parallel zu den ungewaschenen Bett- und Kleiderfasern, die er athmend und dunstend in seiner Krankenstube durchseucht hatte, und die er nachher unter die Menschen trägt. Die durchseuchten Kleider- stoffe wirken genau wie im vorigen Jahrhundert die aufgehängten getrockneten Felle pockenkranker Schafe in den Ställen gesunder Schafe und in den Wiegen der Säuglinge; wie diese bei Schafen und Säuglingen die Seuche entzündeten, so machen die Kleider aus schlecht ventilirten Wohnungen pockenkranker Menschen die Seuche auf der Straße wie in den Häusern aufflackern. Sehen wir zu, mit welcher Geringschätzung die in die Impf- theorie vertieften impffreundlichen Aerzte noch bis vor kurzem über die Verseuchungsbedeutung der Wollfaser als Pockenzunder dachten und schrieben: „In Bezug auf die Annahme der Ansteckungsfähigkeit geht man heute sehr weit und dcsinfizirt Kleider, Betten, Wohnungen, selbst Personen, die im Umgange mit Pocken- kranken gesund geblieben sind. Nach dieser Anschauung niüßte man die Aerzte für Verbreiter der Pocken halten." Dr. Guttstaot.„Die Pockenepidemie in Berlin." Diese naive, zweifelnde Auffassung Guttstadt's über den natür- lichsten Ansteckungsweg, den die Pockcnseuche doch mit Vorliebe nimmt, kennzeichnet so recht die Oberflächlichkeit, mit welcher Theoretiker über Fragen der hygienischen Seuchenpraxis urtheilen. Wohl muß man da, wo Pockenstuben nicht ausgiebig ventilirt werden, grade die Aerzte und ihre Kleider für Verbreiter, Zwischen- träger der Pocken halten; und daß man das bisher meist nicht gethan, das hat dem Volke schon viel Unheil gebracht.„Personen, die im Umgange mit Pockenkranken gesund geblieben sind," müssen wir von allen Zwischenträgern der Seuche sogar als die gefähr- lichsten betrachten. Ihre Gefährlichkeit aber haftet an den Kleidern, mit welchen sie sich in den Stubenatmosphären der Pockenkranken hineingetaucht hatten. In neuester Zeit, da man ein schärferes Auge auf die Scuchenträger hat, entdeckt man fast von Monat zu Monat neue Fälle, in welchen Kleider als die ergiebigsten Träger des flüchtigen Seuchengistes erscheinen. Ich selbst �ah eine der schwersten Seuchen von Haus zu Haus sich an den Schatten einer„Person" heften, welche als Krankcnwärterin von außen kommend,„im Umgänge mit Pockenkranken selbst gesund geblieben war." Und Fälle dieser Art, wo nicht ein pockenkrankes Jndividium, sondern nur Anzüge, welche in geschlossene Pocken- stubenlüfte eingetaucht gewesen und sich mit dem Gift gesättigt hatten, die Seuche ausbreiteten, bilden die Regel, die Ueber- tragungen der Krankheit durch pockenkranke Personen oder besser gesagt von den pockenkranken Leibern aus sind Ausnahmen. Die obige Guttstadt'sche Aeußerung zeigt uns, wie gesagt, daß die Aerzte, einseitig nur die Jmpfspielerei im Auge behaltend, bis auf die neueste Zeit den Hauptmotor der Seucheausbreitting, die Masseninfizirung leblosen, beweglichen Materials nicht gekannt oder dann doch gewalttg unterschätzt und daher vcrnachläßigt haben.— Durch dieses allgemeine Verkennen des größten Regit- lators der Seuchenschwankungen ist uns natürlich für die Statistik der Erkrankungsansteckungen viel schätzbares Beobachttingsmaterial unwiederbringlich verloren gegangen. Wir wollen versuchen, diesen Verlust möglichst nachzuholen, indem wir die Pocken historisch und geographisch als eine Seuche des Lumpenverkehrs beschreiben. Die Pockenseuche ist nun schon so lange und so einseitig mit einer eingebildeten Geleiterscheinung, und zwar mit einer negativen, dem Nichtgeimpftsein eines Bruchtheiles der Bevölkerung zusammen- gezwängt worden, daß eS endlich an der Zeit ist, auch einmal eine andere und zwar eine positive Geleiterscheinung der Seuchenschwankungen, nämlich die Massenbewegung der Lumpen auf ihren Parallelismus mit der Bewegung der Seuche zu prüfen. Man sieht, daß der oben citirte Guttst-idt, der Stiefvater des zu früh geborenen Reichsimpfgesetzes, seine Motive zu diesem Gesetz am inen Tisch geschrieben, und daß er zuvor wohl nie so recht dci Gang einer Pockcnseuche ätiologisch von Person zu Person ver- folgt hatte; sonst müßte er längst gefunden haben, � daß allerdings „Personen die im Umgange mit Pockenkranken gesund geblieben/ die Seuche am ergiebigsten fortpflanzen; er würde dann abcl auch entdeckt haben, daß nicht der geimpfte oder nicht geimpft Leib, sondern die ungeimpften Kleider dieser nicht erkrankten odei genesenen Personen die Seuchcngefahr in sich bargen und un sich herum ausgoßen. Wer weiß, er wäre dann aber vielleicht auf den lustigen Gedanken gekommen, min statt der Menschen leider lieber die bösen Kleider, diese allergefährlichsten Zwischen träger der Seuche, einer Impfung und Revaccinirung zu untev werfen. Doch Spaß bei Seite, gerade die unglückliche fixe Idee, die ungeimpft geblätterte Menschcncpidermis sei der Hauptträgö der Ansteckungsgefahren, verführte die Menschen zu der Impf spielerei und machte und hielt sie blind gegen die gewaltige« Gefabren, welche in den Kleidem der Seuchenstuben verborge! sind. Wir sagten oben, durch ihr Absorpttonsvermögen seien d« Wollfasern tzind verwandten Fasern der Hauptgiftfäng und Gift spender für das schwebende Pockengift aus den Dunstzonen er krankter Menschen. Wir müssen uns daher mit dieser verhäng nißvollcn Eigenschaft der Wollfaser mit ihrer Absorptionskras etwas näher befassen, um später zu begreifen, wie die Seuch an der Faser haftet und mit ihr von Haus zu Haus, von Etat» zu Stadt, von Land zu Land die Welt, oft in den launigste Sprüngen durchwandert.— Unter Absorptionsvermögen der Kleiderfaser überhaus und der natürlichen Hautbcdeckungen der Thiere(Wolle, Haart Epidermis) verstehen'wir hier diejenige merkwürdige Eigenschal dieser Stoffe, verntittelst welcher sie im Stande sind, flüchtig Theilchen, welche in Dunstform oder in Dunst gehüllt ihnen z« geführt werden, festzuhalten, in sich zu verdichten und nur« beschränktem Maße durch sich hindurchzulassen und wieder abz» geben. Die Wollfaser ist dabei ungemein hygroskopisch— diese That fache ist für die Aussaat und Verschleppung der Seuchenkeii» sehr wichtig. Als Dunstsauger wird die Wolle in gesperrt� Dunstzonen der Pockenkranken, in Pockenstuben, zum Hauptgiß fange.: Reine Wolle, welche schon 15 Proz. enthielt, nahm noch s viel Feuchtigkeit auf, daß das Gesammtgewicht des in der Wofl versteckten Wassers 32 Proz. betrug, und doch die Wolle not nicht fühlbar feucht war. Der Landwirth weiß, daß, wenn seilt Schafe naß geworden sind, sie trvtz der hohen Hauttemperat» mehrere Tage zum' Abdunsten des Wassers brauchen. Unter(j1 wöhnlichen Umständen enthält die Wolle 13— 16 Proz. Feuchft keit, welche durch Trocknen an der Lust nur auf 7— 11 Proj vermindert wird. Dieses eigenthümliche Verhalten der Wo» bietet nach zwei Richtungen Gesicktspunkte von hygienischer B deutung: erstens auf dem lebenden Schafe wachsend sammß die Wollfaser massenhaft alle Hautexkrete des Thieres u» speichert sie in sich auf; zweitens, zu Tuch u. s. w. verarbei» und vom Menschen mit oder ohne leinenes Zwischenfilter(Hemd auf dem Leibe getragen, saugt sie aus der dünstenden Haut ß wohl wie aus der Luft der Seuchenstube die giftsatten Düns auf, um sie später unter dem Einflüsse der feuchten HautwärB besonders nach starken Körperbewegungen, an die Athemzont gesunder Menschen wieder von sich abzugeben. Nebenbei bemerkt, mag in Schafställen die kolossale Absorption� kraft der Wolle, das hartnäckige Haftenbleiben des Pockengift an der Wolle, die Ursache sein, daß die Pocken verhältnißmäfl selten aus den verseuchten Schafställen heraus unmittelbar a> Menschen übertragen werden, es sei denn, daß der WollschwS durch eine Hautverletzung in das Blut des Menschen eindnot und bei ihm die wahren, bösartigen Pocken erzeuge. Der Wo' wuchs des Schafes bildet also, ähnlich wie die Ackererde, nili allein den fruchtbaren Keimbodcn und gleichsam die Dungstäk für das Pockengift, sondern ist auch vermöge seiner Absorpttoti kraft zugleich ein natürlicher Giftableiter für den Menschen 1 seinem Verkehr mit dem Schafstalle. Die physikalische Absorption' kraft der Wolle wirkt in dieser Beziehung hier ähnlich desinft rend auf die durchstreichenden Faulftoffc der kranken Schaffchwcü exkremente, wie die Silikatbasen in der Ackererde durch itf chemische Absorptionskraft die durchsickernden Faulstoffe der Dafl exkremente aus dem Dünger an sich reißen und vor dem Cft dringen in's Grundwasser bewahren. Die Absorpttonskraft 1" . Ackererde und die nicht minder wunderbare Absorptionskraft 11 Wollfaser wirken, die durchstreichenden Stoffe desinfizirend und ■' sich selbst infizirend in jeder Beziehung parallel. Gleichwie nämlich alle Ackererdsorten, selbst Sand und Sandstein, mehr oder weniger die Fähigkeit besitzen, aus Lösungen die ' extraktiven Theile auszuziehen und völlig in sich aufzunehmen, ohne sie wieder durch das nachrückende Wasser loszulassen, gleich- wie selbst die aufgelösten Ammoniaksalze der Mistjauche von der Ackerkrume bis zur Sättigung aufgenommen werden, und nur ein geringer Theil durch nachrückendes Wasser hindurchgespült wird: geradeso besitzen Wolle, Epidermis, Haare, Kleider- und Papier- safer in verschieden hohem Grade die fatale Fähigkeit, aus den Lüften, in welchen sie sich befinden, und aus den Leibern, auf welchen sie als Kleider oder Bettdecken getragen werden, gewisse Stoffe— so bekanntlich Riechstoffe, z. B. Rauch von Tabak und röstenden Kaffeebohnen, Düngerdunst, Schweiß, Krankheitskeime, massenhaft in sich aufzunehmen und zu verdichten und nur einen geringen Theil davon durch nachrückende Luftströme, besonders nach Anfeuchtung und Erwärmung allmälig an die umgebenden Medien wieder loszulassen. Die Gesundheitspflege, namentlich die Seuchenkunde, muß sich, wenn sie überhaupt die einfachsten Vorgänge der Seuchenausbrei- tungen— und zwar nicht allein für Pocken, sondern auch für Masern w.— verstehen will, mit der Lehre von der Absorptions- kraft der Wollfaser, dieser transportabeln„Ackerkrume" der Menschenhaut, vertraut machen. Auch das räthselhafte, verschieden- artige Verhalten der verschiedenartig behaarten Thiergattungen, i- B. des glatthaarigen Kuhviehes und des wollhaarigen Schafes, gegen ein und dasselbe thierische Gift, gegen die Pocken, die große Empfänglichkeit des in Leder gekleideten Menschen des Mittel- alters gegen das Pestgift und des in Wolle einhergehenden Menschen gegen das Pockengist, kann ohne einige Kenntniß der Absorptionseigenschaften der verschiedenen Bekleidungsgewebe nicht verstanden werden. Durch v. Liebig angeregt, sind über das Absorptionsvermögen des Ackerbodens viele Versuche gemacht worden. Schon früher hatte man Mistjauche durch Erde hindurchfiltrirt und gefunden, daß die Jauche nach der Berührung mit der Erde ihre Farbe sowie ihren Geruch und ihre Ansteckungsfähigkeit verloren und an den porösen Ackerboden abgegeben hatte. Auch die Absorptions- unterschiede der verschiedenen Erdsorten für einzelne Jnfekttons- stoffe ist festgestellt worden. Auch weiß man schon, wie und unter welchen Bedingungen die von dem Acker angesogenen Stoffe wieder an nachbarliche reine Medien verabfolgt, von denselben wieder gelöst und von neuem wirksam gemacht werden. Aehnliche Aufgaben liegen uns Aerzten für die wiffenschast- liche Erforschung der leblosen Seuchenträger ob. Wir müssen, nachdem wir uns endlich die Jmpfspielerei aus dem Kopfe ge- schlagen haben, an ihrer Stelle die großartigen Absorpttonsvor- gänge der Seuchen kulturgeschichtlich studiren. Auf diesem Wege nur gelingt es uns, die natürlichen Träger des r lsichtbaren Seuchengiftes zu entdecken und so der Seuchen Herr zu werden. Wir werden uns dann nicht mehr vor ungeimpften, also vor undurchgifteten Menschenleibern, sondern vor durchgifteten— *) Vgl. Dr. Ed. Heiden, Lehrb. d. Düngerlehre. 1. Bd. 3. Kap.— Bronner, Der Weinbau in Süddeutschland, Heidelberg 183S. Wie Lonaparte 1797 Am 7. Februar 1797 schrieb ein junger schweizerischer Künstler aus Rom nach der Heimat:„Die Zerstörung ist hier fürchterlich, die schönsten Gemälde werden um Spottpreise veräußert. Ich habe aus der aldobrandinischen Kapelle für wenige Louisd'or einen äu Vmci und einen Niederländer gekauft und hätte noch vieles ebenso billig haben können. Gar mancher hat sich bereichert; es wurde mir ein sehr schöner Annibale Carracci für 40 Scudi angeboten; je heiliger das Bild desto wohlfeiler... Ich war gestern auf dem Kapitol, wo es ganz verwünscht aussieht. Anti- nous steht mit einem hölzernen Kragen und mit dicken Hand- schuhen angethan, in einer Küche; der Aegypter ist in eine' Kiste eingezwängt, mit den Füßen im Bock und steht auf dem Kopfe. Der sterbende Fechter läßt sich blos mit den Fußspitzen sehen und ist in Stroh emballirt; die schöne Venus ist bis an den zarten ipen fürchten, sei es, daß sie auf dem Leibe eines geimpften oder eines ungeimpften Menschen oder eines Rekonvaleszenten getragen werden.— Das Studium der Absorptionsgesetze für die Kleider erklärt uns auch, wie wir oben gesehen haben, die Wege, auf welchen unsere Vorfahren die mittelalterliche Pest, welche ebenfalls an der Bekleidung und zwar an den schlecht gegerbten Lederkostümen haftete, so glücklich losgeworden sind. Wenn die Absorpttonsgesetze, welche für die Ackererde durch v. Liebig so schön erforscht sind, in ihren Grundzügen auch für unsere Hantdecken, die Kleiderstoffe, in ihrer absorbirenden Wir- kung auf flüchtigen Luftinhalt gelten, dann müssen wir den fol- genden Satz anerkennen, welcher einem analogen Erfahrungssatze der Ackerabsorption entlehnt ist: Die aus der Haut abgedunsteten oder aus der umgebenden Lust absorbirten Stoffe, wie Tabaks- oder Weihrauchdüfte, Moschus, Stall- und Latrinendünste, Pockenluft, Masern- und Scharlach- atinosphären werden bei der Absorption durch Kleiderstoffe nicht luftunlöslich, sondern nur an die Faser verdichtet und schwer- löslich in Luft gemacht; hinzukommende Feuchtigkeit oder durch- strömende reinere Luft vermögen, besonders bei höherer Tempe- ratur, einen Theil der absorbirten Stoffe wieder aus der Faser loszulösen und mit sich fortzuführen, ihn zu verdunsten. Es ist aber eine viel größere Menge nachströmender Luft und viel mehr Zeit erforderlich, um das von der Wolle oder der Kleiderfaser einmal absorbirte Seuchengift wieder spurlos aus ihr zu entfernen, als nothwendig gewesen wäre, dasselbe Giftquantum, wenn es nicht von Kleidungsstoffen wäre aufgehalten worden, direkt aus der Luft des Krankenraumes zu entfernen. Es verhält sich hiermit genau so wie mit dem von den Ackererden absorbirten Ammoniak des Regenwassers; auch dieses wird trotz seiner sehr großen Löslichkeit, von dem nachströmenden Wasser nicht leicht mehr aus der Ackerkrume ausgewaschen. Halten wir diese durch die Erfahrungen der Neuzeit bestätigte Analogie zwischen Seuchenabsorptton durch Wolle und Kleider und Ammoniakabsorption durch die Ackererde des Alluvialbodens fest, so gelangen wir zur Aufftellung des Satzes: Es besteht vermöge der Absorption ein Paral- lelismus der Aufeinanderfolge zwischen Bewegung von Wolle und Lumpen einerseits und Bewegung der Pockenseuchen andrerseits; mit andern Worten: Die Bewegung von Wolle und Lumpen ist ein unveränder- liches, positives und daher ein ursächliches Antezedens der Bewegungen der Pockenseuche— oder: die Pockenseuche ist — ähnlich wie die Krätze— eine Woll- oder Lumpen- (Hadern-) Krankheit.— Es wird mir nicht schwer fallen, für dieses gleichmäßige zeit- liche und örtliche Zusammengehen von Woll- und Lumpenpflege und Seuchenschwankungen aus der Geschichte der Textilindustrieen und der Kostümkunde sowohl wie aus den eigenen und aus fremden ärztlichen Beobachtungen der jüngsten Epidemien die genauesten Nachweise zu erbringen. Jede neue Seuche, jede kleinste Ortsepidemie zeigt uns, daß und wie und wo die Kurven des Ganges der Blatternseuche bis in's Detail gewissen Bewe- gungen der Wolle und der Kleider»c. im Volke folgen, und daß gegen diesen Parallelismus zwischen Wolle und Seuche der Pa- rallelismus zwischen Seuche und Nichtgeimpftsein nichts als eine müssige und lächerliche Spielerei ist. die Italiener befreite. Busen in Heu begraben und zwischen Querhölzer hineingepreßt, doch ihr liebliches Gesicht blickt so beweglich aus dem Kasten, daß einem das Wasser in die Augen kommt. Flora steht mitten im untern Gang, ringsum eingepflöckt, und dennoch scheint es, als ob sie Freude dran hätte." Die Italiener mußten die„Freiheit", welche ihnen General Bonaparte brachte, zu einem fürchterlichen Preise bezahlen. Das Nähere erzählt mit rücksichtsloser Offen- heit ein französischer Historiker der ehrliche Linffray. Schon die Proklamation, mit welcher'Bonaparte die Soldaten seiner Armee anfeuerte, war sehr bezeichnend:...„Ihr werdet dort große Städte und reiche Provinzen, Ehre, Ruhm und Schätze finden. Ihr werdet es an Muth nicht fehlen lassen." Die Mann- schast verstand den Wink ihres— Räuberhauptmannes so gut und kam demselben in so haarsträubender Weise nach, daß zuletzt die äußerste Strenge angewandt werden mußte. In den ok Kreisen trieb man's ebenso gemein, nur in pfiffigerer Form, ku» Direktorinni schrieb an Bonaparte:„Wenn uns Rom bereitwillig entgegenkommt, so verlangen Sic vor allen Dingen, daß der Papst öffentliche Gebete für unsere Waffen veranstalte. Einige der schönen Denkniäler dieser Stadt, ihre Stawen, Gemälde, Medaillen, chre Bibliotheken, ihre silbernen Madonnen, ihre Glocken sogar mögen uns für die Kosten entschädigen, den der Besuch, den Sie ihr abstatten, verursachen wird." Ob die eigent- liche Initiative zu diesen Räubereien vom Direktorium oder von Bonaparte ausging, läßt sich nicht genau feststellen. Lanfray neigt fich zu der Annahme, es habe vor Eröffnung der Campagne mündliche Abmachung stattgefunden. Jedenfalls fehlte es auf beiden Seiten nicht am guten Willen.— Bonaparte beeilte sich vor allem, von dem Vertreter Frankreichs in Genua Aufschlüsse über die Streitkräfte, sodann namentlich ein Verzeichnis der Gemälde, Statuen und Merkwürdigkeiten zu erlangen, die sich in Mailand, Parma, Bologna und andern Orten befanden. Dem Direttorium schrieb er:„Es wäre gut, wenn Sie mir drei oder vier namhafte Künstler schickten, um auszuwählen, was wir nehmen und nach Paris schicken sollen." Und aus Paris ging ihm die Antwort ein:„Die Gelder, in deren Besitz Sie gelangen, sind nach Frankreich zu schicken. Lassen Sie in Italien nichts zurück, was die Verhältnisse fortzuschaffen erlauben und was uns nützen kann." Der Herzog von Parma erkaufte den Frieden um'2,000, llOO Lire, 1200 vollständig ausgerüsteten Pferde und 20 Gemälde; da- runter war eines, welches er mit einer Million auszulösen sich erbot. Damit ja nichts übersehen werde und als wäre es nicht genug an den Schwärmen bluffaugerischer Commissäre, erfolgte durch ein Dekret die Ernennung besonderer Agenten, welche der Armee zu folgen hatten, und denen weiter nichts oblag, als„in eroberten Städten die Gegenstände der Kunst und Literatur aus- zulesen, welche nach Frankreich geschafft werden sollten." Ja, um mit dem Akt noch einen wahrhaft blutigen Hohn zu verbinden, ward ein eigener Paragraph aufgestellt, welcher bestimmte, daß die Stadt, an welcher die Erpressung verübt wurde, nöthigenfalls auch Wagen und Pferde für den Transport der Gegenstände zu liefern habe. Die Werke der Kunst und Wissenschaft, auf die man es vornehmlich abgesehen, waren in dem erwähnten Dekret theilweise aufgezählt. Nicht nur Bilder, Stawen und Manuscripte, sondern auch mathemattsche Instrumente, Karten und Maschinen verlangten die brutalen Machthaber Frankreichs. In der Lom- bardei wurden Luxuspferde als Kunstgegenstände weggeschleppt. Zwei pariser Gelehrte, Monge und Berthollet, plünderten für ihren botanischen Garten die Sammlungen von Pavia und Bologna.- Der Marineminister Truquet machte Bonaparte auch auftnerk- sam auf die in der Romagna und in den neapolitanischen Pro- vinzen in Beschlag zu nehmenden Vorräthe an Nutzholz, Hanf Segeltuch: ja er hatte sogar die riesige Frechheit zu schreiben: „�vnnen wir Italien das stolze Bewußtsein, zu dem Glänze unserer Nation beigetragen zu haben. Ich glaube, daß wir mit dieser Maßregel den Wünschen der zahlreichen Patrioten jener Länder entgegenkommen, die eine edle Befriedigung darin finden, zu der Ausrüstung und den Erfolgen der republikanischen Heere mit- wirken zu können." Wahrlich, die Herren Direktoren haben die in der Geschichte des dreißigjährigen Krieges gesuchten Vorbilder nahezu erreicht.— Ein Schreiben Bonapartes an's Direktorium, datirt vom 19. Februar 1797, mag die Serie unserer Mittheilungen schließen:„Die Kommission von Gelehrten hat in Ravenna, Ri- mini, Pesaro, Ancona, Loretto und Perugia eine sehr reiche Ernte gehalten. Alles wird schnellstens nach Paris gebracht werden. Mit den Sachen, die man aus Rom schicken wird, haben wir dann— mit Ausnahme einiger Dinge in Turin und Neapel— alles was sich Schönes in Italien befindet." „Diese Art der Plünderung," sagt Lanfray,„die seit der berüchttgten Einnahme Corinth's durch die Römer nicht ihres gleichen gehabt, hat vielleicht— und mit Recht— am meisten dazu beigettagen, die Völker gegen uns aufzustacheln, denn ihnen die Werke des Genius entführen, hieß gleichsam sie ihrer Ver- gangenheit und ihres Ruhmes berauben. Alle Eroberer hatten Italien diese Andenken seiner Geschichte gelassen, die einzigen Ehrenzeichen, deren es sich damals dem Auslande gegenüber rühmen konnte. Seinen Befreiern kam es zu, ihm dieselbe zu entteißen." Es soll indeß nicht verschwiegen werden, daß eine Anzahl französischer Künstler in einer an's Direktorium gerichteten Eingabe gegen den vandalischen Borgang protestirten. Selbst- verständlich umsonst. Thibcaudaud führt in seinen Memoiren ans der Zeit des Direktoriums aus, nur Feinde des französischen Ruhmes, vergrillte Gemüther und Fanatiker können sich zu einer dcrarttgen Einsprache verirren; die Truppen hätten ja das Recht besessen, die Bilder zu verbrennen und die Statuen zu zertrüm- mern!.... „Wollte der Himmel", klagte der junge Schweizerkünstler in einem zweiten Briefe,„die Franzosen hätten, statt sich damit zu begnügen, die Italiener arm zu machen, die Ketten zerbrochen, mit denen das unglückliche Volk an ein eisernes Joch geschmiedet ist, unter welchem es zur Erde sinkt; hätten sie, ivie sie konnten, die Wolken vertrieben, aus welchen ein giftiger Nebel auf alles herabfällt, was Genie und Talent heißt; hätten sie wenigstens die Quelle eröffnet, welche der päpstliche Segen und St. Peter's Fischerring zugesiegelt hat und aus denen allein man Mittel gegen künftiges Elend und Armuth schöpfen könnte; hätten sie unsere Inquisition vertilgt, dann würde sich bald gezeigt haben, welch' milde Tugenden dieser Himmel hat. Zu unedel und zu klein, dies zu thun, belasteten sie das Volk mit dreifachen Ketten, um ihren Glanz auf solche Ruinen zu bauen.'' Die Nemesis ist eingetroffen. Noch 1870 hat Frankreich für den Verrath an der Revolution von 1789 gebüßt. r. R. Michel Angela.(Seite 16.) Unter den italienischen Künstlern des. 15. und 16. Jahrhunderts ragt als einer der bedeutendsten Michel Angelo Buonarotti hervor. Gleich groß als Bildhauer, Maler und Baumeister, hat er auf den verschiedenarttgsten Gebieten der Kunst großartige Werke geschaffen, die noch heute die höchste Bewunderung verdienen. Er stammte aus dem Geschlechte des Grafen von Canossa und wurde 1474 zu Setignano im Florentinischeu geboren. In den Schulen der Maler Franc. Granacci und Dom. Ghirlandajo bildete er sich zum Maler aus, übertraf aber nach wenigen Jahren nicht nur seine Mitschüler, sondern auch seine Lehrer. Bald aber wandte er sich der Plastik zu. Der kunstsinnige Herzog Lorenzo di Medici nahm den jungen vielversprechenden Künstler in die von ihm errichtete Kunst- akademie auf, Ivo er neben der Bildhauerkunst auch noch eifrig sich dem Studium der Wissenschaft hingab. Vor allem war aber der Aufenthalt an dem florenttner Hofe ven größtem Einflüsse auf die Entwicklung des Künstlers. Lorenzo di Medici, einer der geistvollsten und kunstsinnigsten Fürsten seiner Zeit, hatte seinen Hof zum Mittelpunkt des künstlerischen und literarischen Lebens in Italien gemacht. Der Umgang Mchel Angelo's mit den dort versammelten Gelehrten, namentlich mit Poli- ziano und Pico della Mirandola, sowie mit Lorenzo selbst, dessen tag- licher Tischgenosse er war, förderten die Vielseitigkeit seiner Bildung ungemein. Bei aller Vorliebe für die Plastik gab Michel Angelo die Malerei doch nicht auf. Neben seinen plasttschen Kunstwerken sind auch noch einige Tcmperabilder, die er während seines Aufenthaltes in der florentiner Bildhauerschule malte, vorhanden. Als nach Lorenzo's Tode (1492) die in Florenz ausbrechenden Unruhen dem künstlerischen Leben und Treiben am Hofe�der Mediceer ein Ende machten, gewährte der Prior der Kirche, S. Spirito, dem Künstler einen Zufluchtsort im Kon- vent und gab ihm auch Gejegenheit zu dem für seine Kunst so noth- wendigen Studium der Anatomie, indem er ihm menschliche Kadaver zum Zergliedern verschaffte. Im Jahre 1494 verließ Michel Angelo Venedig und ließ sich in Bologna nieder, kehrte aber 1496 nach Florenz zurück. Unter seinen Kunstwerken aus dieser Zeit sind besonders der schlafende Cupedo und der Bacchus hervorzuheben, welch' letzteren er in Rom, wohin er von dem kunstsinnigen Kardinal Raphaele Riario berufen war, verfertigte. Ein anderes Meisterwerk dieser Zeit ist die Madonna mit dem todten Christus(Pietä) im St. Petersdom zu Rom. Wenn schon diese Kunstwerke den Namen des Künstlers überall bekannt machten, so erstieg er doch erst nach seiner Wckkehr nach Florenz die höchste Stufe des Künstlerruhms in seinem Wettstreite mit Leonardo da Vinci, der zu der Entstehung des Kolossalstandbildes Davids, das nachher vor der Pforte des Justtzpalastes zu Florenz auf- gestellt wurde, Veranlassung gab. Bei der Thronbesteigung des Papstes Julius II. eröffnete sich /ihm ein neuer Wirkungskreis in Rom. Der Papst trug dem Künstler den Entwurf zu einem Grabmal auf. Nach kurzer Zeit ttat der Künstler mit einem Entwürfe aus, der an Groß- arttgkeit und Bollendung selbst die bis dahin bekannten Denkmäler des Alterthums übertraf. Leider ist dieser geniale Entwurs nur in sehr verkleinertem Maßstabe zur Ausführung gelaugt und erst lange nach de? Papstes Tode 1545 ist das Kunstwerk in der Kirche San Pietro ad Vincula in Rom ausgestellt. Den vorzüglichsten Schmuck dieses Kunstwerkes bildet die Statue des Moses. Unter seinen Kunstwerken sind noch besonders seine Freskomalereien in der jixtinischen Kape hervorzuheben, besonders sein Weltgericht, eines seiner genialsten Wer! In seinen späteren Lebensjahren nahm ihn die Baukunst fast au schließlich in Anspruch. Papst Paul III. übertrug ihm nämlich nach Sangello's Tode 1546 die Leitung des Baues der Peterskirche. Er verwarf den Plan Sangello's und führte den Bau nach seinem Plane aus, trotz aller Hindernisse, die ihm entgegentraten. Am 17. Februar 1564, im Alter von 90 Jahren, starb er, umgeben von seinen Schülern und Verwandten. Ntr. Die letzte« Augenblicke der Festung Szigeth. Ein Stück Geschichte der orientalischen Frage zeigt uns unser Bild auf Seite 17. Der Held des Stückes, der freilich auf unserem Bilde nicht dargestellt ist, war Graf Niklas von Zriny, der berühmte Feldherr Kaiser Ferdi- nands I., der sich besonders gegen die das Reich öfters beunruhigenden Türken auszeichnete. Für seine kriegerischen Verdienste ernannte ihn Ferdinand in den kriegerischen Wirren in der Mitte des 16. Jahr- Hunderts zuin Oberbefehlshaber der Mannschaften am rechten Donau- ufer und übergab ihm die Beste Szigeth, ivelche er mit der darin liegenden Besatzung von 25lX) Mann im Jahre 1566 auf das tapferste vertheidigte. Jeder Sturm, den der Sultan Soliman mit ungeheurer Uebermacht auf die Feste unternahm, ward von dem kühnen Zriny zurückgeschlagen; auch alle Versuche, durch Ehren und Landschenkungen den tapsern General abtrünnig zu machen und zu bestimmen, die kleine, aber wichtige Festung zu übergeben, schlugen dem Sultan fehl. Als man ihm drohte, seinen angeblich von den Türken gefangenen Sohn zu enthaupten, da vermochte auch dieser Schreckschuß nichts über den treuen Zriny. Als aber die Türken, nachdem der Sultan Soliman gestorben war, darauf verfallen waren, durch Beschießung mit brennen- den Pfeilen die Beste in Flammen zu setzen, und ihnen das mit den äußeren Schloßtheilen bereits gelungen war, sah Zriny ein, daß der Fall des Platzes unvermeidlich war. Mit seinen 6(X) Getreuen, selbst nur mit Helm und Schwert bewaffnet, zog er zum Burgthor hinaus, um schon auf der Schloßbrücke, von drei Kugeln durchbohrt, den Tod zu finden. Die Seinen wurden theils erschlagen, theils in die Burg zurückgetrieben. In den Kellerräumen, wo die Pulvervorräthe sich be- fanden, hatte Zriny Lunten legen lassen, welche nun ihre Schuldigkeit thaten, als eine Masse Feinde in die Beste eingedrungen waren. 20,(100 Feinde hatten bei den Ausfällen Zriny's und der Schlußkatastrophe, als die Burg in die Luft gesprengt wurde, ihren Tod gefunden. Nach der Darstellung in dem Drama Körner's legte die Frau Zriny's die Brand- fackel an die Pulverfässer, und diese Situation ist es, die dem Künstler den Vorwurf gab zu unserem Bilde. Schon dringen zu der Thüre des Kellers die Türken ein, da, in dem Momente der äußersten Gefahr steckt die vom Dichter als ihres heldenhaften Gatten würdig dargestellte Gattin Zriny's den Brand an, um sich und zugleich die eindringenden Feinde unter den Trümmern der Festung zu begraben. vt. stiele, 40,000 Würfel und viele Karten auf öffentlichem Markte annt. Dieser Capistranus soll mit seinem Gesellschafter Robert Lic für Ablaßbriefe 113,000 Dukaten aus Teutschland nach Rom zurückgebracht haben.— Im Jahre 1469 wurden einem Färbergesellen wegen falschen Spielens die Augen ausgestochen.— Im Jahre 1476 entstand im Land zu Franken zu Niclashausen an der Tauber eine große Wallfahrt zu einem Hirten Hännslein Pfeiffer. Der stand auf und predigte dem Volk an den Feyertägen. Es entstand von allen Orten her ein großer Zulauf vom Pöbel zu diesem Hirten, ihrem Heiligen, denn er predigte wider die Pfaffen, tadelte deren Leben und sagte, man solle der Obrigkeit weder Zoll noch Geleitsgeld geben, alle Wälder und Wasser wären jedermann frey. Er gab vor, die Jung- ftau Maria habe ihm solches offenbaret und rede oft mit ihm. Der Bischof von Würzburg schickte bald Späher nach Niclashausen, welche diesen Hirten gesangen nach Würzburg führten, wo er alsdann ver- brannt wurde.— Der Rath zu Nürnberg hatte seinen Unterthanen bey großer Strafe verboten, dahin zu wallen oder zu lausen. Hierüber erhielten sie auch ein großes Lob vom Pabst Sixtus laut eines päbst- lichen Breve, das unter dem Fischerringe an sie erging.— Im Jahre 1486 hat Pabst Jnnocenz der Achte die Freiheit ertheilt, daß neben den Töchtern der Bürger und Inwohner auch andere Weibspersonen, die nicht zu Nürnberg geboren, in die dasigen Nonnenklöster dürften eingenommen werden, weil die gebornen Bürgerinnen gewöhnlich so zarten Leibes, daß sie keiner Arbeit vorstehen mögen.— In demselben Jahre geschehe es, daß, als Kaiser Maximilian der Erste, als er wollte von dem Reichstage hinwegreiten, fielen ihm die Handwerksleute da- selbst, die ihm Kriegsrüstung und andere Waffen verfertigt hatten, in den Zaum und verlangten ihre Bezahlung. Die Forderung belief sich aus 8000 Goldgulden. Der Kaiser hoffte, daß der Rath diese Schuld bezahlen sollte und nahm sehr ungnädig auf, als er sich dessen weigerte. — Im Jahre 1512 schrieb Kaiser Maximilian von Landau aus nach Nürnberg, daß man Albrecht Dürern dem Kaiser zu Ehren zu Wrn- berg von allen Auflagen, Umgeld, Steuren befteyen sollte. Seit dem Jahre 1516 ließ ihm auch der Kaiser jährlich von seiner Stadtsteuer in Nürnberg 100 Gulden auszahlen.— Im Jahre 1539 wurde ein Geschlechter, mit Namen Vieland, nüt dem Schwert gerichtet, nachdem er wegen des Hängens erbethen worden. Er hatte sich auf das Stehlen gelegt und sich dessen nicht mehr erwehren können, da er es doch nicht bedurfte.— Im Jahre 1548 ist der Kanzley durch den Rath befohlen worden, der Kaiserlichen Majestät hinfür das Prädikat„Unüberwind- lichst" zu geben, welches bis auf diese Zeit nicht im Gebrauch gewesen. — Im Jahre 1629 schickte Herzog August von Coburg dem Rath zwey junge Bären, die bei Sunnenberg in dem Wald gefangen worden. Der Rath schenkte ihm dagegen einen Elephantenzahn, 158 Pfund schwer.— Im Jahre 1653 wurde in der Borstadt Wöhrd vor dem Rathhause ein Alraun verbrannt, den ein Dachdecker daselbst hinterlassen.— Im Jahr 1663 ist ein Haus am Zipfelshof abgebrochen und an einen an- dern Ort zu bauen befohleff' jjorden, weil die Einwohner desselben schon bei vier Jahren vor detkuTeufelsgespenst haben keine Ruhe haben können.— Im Jahre iSTl" wurde die erste politische Zeitung unter dem Titel:„Teutscher Kriegs�urier" zu Nürnberg gedruckt. H. L. SokrateS über die Arbeit. In glänzender Klarheit hebt vom Dunkel des barbarischen Alterthums die griechische Welt sich ab. Ein dnnkeler Fleck aber trübt ihr lichtvolles Kleid, die Sklaverei, die auch in Griechenland ihre Stätte gesunden und in den herrschenden Klassen den gleichen Abscheu gegen die Arbeit erweckt hatte, der auch unsere Gesellschaftsregenten beseelt. In dem folgenden Zwiegespräche zwischen dem berühmtesten Weisen des Alterthums Sokrates und dem Aristarchos, das uns Tenophon überliefert hat, sehen wir Sokrates ein Urtheil über die Arbeit und den Werth des Menschen abgeben, das auch für unsere Zeit von großem Interesse ist. Sokrates, so erzählt Xenophon, be- merkte einst, daß Aristarchos, einer seiner Freunde, sehr bekümmert aussah. Lieber Aristarchos! sprach er, dich scheint etwas zu drücken, und was uns drückt, das müssen wir unfern Freunden mittheilen. Vielleicht können sie dir deine Bürde erleichtern. Ja wohl, lieber Sokrates, erwiderte Aristarchos, befinde ich mich in einer großen Ver- legenheit. Denn seitdem der hiesige Aufstand eine Menge von Bürgern genöthigt hat, im Piräus ihre Sicherheit zu suchen, haben sich meine verlassenen Schwestern und Geschwisterkinder in einer solchen Anzahl zu mir geflüchtet, daß in meinem Hause nicht weniger als vierzehn Personen sich befinden, die Sklaven nicht mitgerechnet. Die Güter bringen uns nichts ein, denn diese hat die Gegenpartei in Beschlag genommen; die Häuser auch nichts, weil fast niemand in der Stadt ist. Möbel will niemand kaufen und Geld auf Borg findet man nirgends; eher würde man es, glaube ich, noch aus der Straße finden. Nun ist es freilich hart, lieber Sokrates, seine Verwandten schmachten zu lassen; aber ihrer so viele in den jetzigen Umständen zu ernähren, ist durchaus unmöglich. — Nachdem Sokrates ihn angehört hatte, sagte er: Wie mag es denn wohl immer zugehen, daß Ceramon, der eine Menge Menschen zu er- nähren hat, nicht nur für sich und sie alle die nothwendigen Bedürf- nisse bestteiten, sondern noch so viel zurücklegen kann, daß er reich wird, und daß du in dem nämlichen Falle besorgen mußt, aus Mangel an dem nöthigen mit den deinigen allen zu verhungern?— Ja, sagte Aristarchos, das macht, er hat Sklaven, ich hingegen freigeborene AuS der„guten alten Zeit". Wir bringen hier einen Auszug aus der Chromk ver Stadt Nürnberg während ihrer Blütezeit in den Jahren von 1330 bis 1674. Derselbe gönnt unfern Lesern einen Uesen Einblick in die Zustände der vielerwähnten guten, alten Zeit: 1330 hat der Rath zu gemeiner Stadt Gesetzbuch folgende Ordnung zu bringen besohlen: Man soll hinfüro keine Braut, die man hingelobt, in eine Kammer bringen und zuvor besehen lassen; bei Straf fünf Pfund Häller. ~ Am Hochzeittag sollen nicht mehr mit zur Kirche gehen, als sechs- Männer und sechs Frauen, somit Braut und Bräutigam.-- Auf den Hochzeiten und Kindtaufen soll man durchaus nichts schenken.— Niemand soll einige Wehr noch spitzig Messer ttagen, ausgenommen der Landrichter, der Waldsttomer, der Forstmeister und der Schultheiß mit chrem Gesind' und die Büttel.— Die Schuhmacher sollen ihre gemachten Schuhe nicht in ihren Häusern oder Bänkem sondern in einem sonder- baren dazu erbauten Hause verkaufen. Im Jahr 1342 ist gemeine Stadt nichts schuldig gewesen, und in Vorrath geblieben an Herrschaft 12 Pfund. Im Jahr 1343 ist das Gesetz gemacht worden, kein Bürger soll seinen Bart mehr ttagen, dann vier Wochen auch die Haare nicht mehr an der Stirn scheiteln. Wer das überfahrt und darum gerügt wird, der I oll vier Wochen fünf Weil von der Stadt sein, ohne Gnad. Im Jahre 1368 hat man angefangen die Stadt zu pflastern. Zu Eingang des Jahrs 1413 haben bei währendem Winter die Wölfe in der Landschaft um Nürnberg großen Schaden gethan. Graf Ludwig zu Oetttngcn hät dem Rath, auf dessen Begehren, etliche Hunde und einen Knecht geliehen, durch deren Hülfe etliche Wölfe gefangen worden. Der Rath hat dem Grafen deswegen ein Denkschreiben übersendet, worin gemeldet wird, daß ein Wolf gefangen sei, den man für den rechtmäßsgen schuldigen achte.(Anm. des Chronisten: Aus welchem zu vermuthen, baß man es vielleicht für eine Zauberei gehalten.)— Im Jahr 1452 mm Johannes Capistranus, ein Barfüßermönch und Cardinal, auch der Rechten Doktor, der als päbstlicher Missionar Teutschland durchreisete, allhier und predigte das Kreuz wider die Türken. Er redete lateinisch und ein Priester seines Ordens erklärte es dem Volke in deutscher Sprache. In seiner Sttafpredigt befahl er auch die Schlitten, spitzigen Schuhe, großen Wulsthauben, Bretspiele, Würfel und Karten zu ver- brennen. Hieraus wurden am Tage St. Laurentti 76 Schlitten, 3640 Menschen zu ernähren.— Und welche hältst du denn tauglichere Menschen, deine Freigeborenen oder des C> mon Sklaven?— Ganz natürlich meine Freigeborenen.— Unu es denn nicht eine Schande, daß er mit den Schlechter» reich werden kann, und du mit den tauglicher» dir nicht zu helfen weißt?— Ei nun, er hat Handwerker zu versorgen, ich Leute von guter Erziehung.— Sind denn nicht, sprach Sokrates, Künstler und Haud werker Leute, welche etwas Brauchbares zu verfertigen wissen?— Allerdings.— Und Gerstengraupen sind zum Beispiel etwas Brauch- bares?— Freilich.— Und Brod auch?— Unstreitig.— Und Kleidungsstücke für beiderlei Geschlechter; zum Excmpel: Unterkleider, Ober- kleider, Brusttücher?— Unstreitig alles brauchbare Sachen.— Nun denn! wissen deine Leute von alledem nichts zu verfertigen?— Doch! ich sollte denken, sie können das alles.- Aber weißt du denn nicht, daß Stauficydes von einem einzigen dieser Zweige, nämlich von der Zubereitung der Gerstengraupen, nicht nur sich und sein Gesinde nährt, sondern auch Herden von Schweinen und Rindern füttert, und dabei noch soviel zurücklegt, daß er im Stande ist, dem Staat außerordent- liche Beiträge zu liefern? daß Ciribos von der Brodbäckerei sein ganzes Haus versorgt und auf einem sehr guten Fuß lebt? und so Demebos von Colyttos von Verfertigung der Oberkleider, Menon von Ueber- rocken, und eine Menge Megarenser von Brusttüchern?— Das glaube ich. Die haben gekaufte Barbaren, welche sie zum Arbeiten an- halten können. Da läßt sich's gut machen. Meine Leute hingegen sind Freigeborene und Verwandte.— Du meinst also, weil sie sreigeborene Leute und deine Verwandten sind, so schicke es sich für sie nicht, etwas anderes zu thun, als zu essen und zu schlafen? Oder dünkt dich, daß andere Freigeborene, welche es so machen, besser daran seien, und ein göttlicheres Loos haben als diejenigen, welche ein nützliches Geschäft verstehen und es treiben? Oder findest du, daß Träg- heit und Fahrlässigkeit in Erlernung und Aufbewahrung nöthiger Kennt- nisse, zur Befestigung der Gesundheit und Stärke, zur Anschaffung und Sicherstellung der Lebensbedürfnisse zuttäglich seien, und daß hingegen Arbeitsamkeit und Betriebsamkeit zu nichts nützen? Und haben sie denn das, was sie nach deiner Aussage können, in der Meinung ge- lernt, daß es für das Leben keinen Nutzen habe, und mit dein Vorsatz, nie davon Gebrauch zu machen; oder nahmen sie sich vor, sich damit zu beschäfttgen, und erwarteten davon einen sichern Vortheil? Wer wird endlich eher an eine sittsame und ordentliche Lebens- art gewöhnt, der Träge, oder der, welcher sich mit etwas Nützlichem beschäftigt? Wer eher die Pflichten der Gerech- tigkeit erfüllen, der Arbeitsame oder der Müssiggänger, welcher sich ängstlich nach den Bedürfnissen des Lebens umsehen muß, und darum verlegen ist, woher er sich die nöthigen Bedürfnisse herbei- schaffen soll? So wie die Sachen nun stehen, kannst du, wie ich denke, eben so wenig ihnen gut sein, als sie dir. Du ihnen nicht, weil du denken mußt, daß sie dir Kosten verursachen; sie dir nicht, weil sie es fühlen, daß sie dir zur Last sind. Daher steht zu besorgen, daß ihr euch gegenseitig noch mehr entfremdet, und daß die Erkenntlichkeit für ehemals geleistete Dienste sich verringern werde. Wenn du sie hingegen in Thättgkeit setzest, so wirst du sie lieb gewinnen, weil du siehst, daß sie dir Nutzen schaffen, und sie werden dich hinwieder lieben, weil sie merken, daß du Freude an ihnen hast. Man wird sich der vorigen Wohlthaten mit Vergnügen erinnern; die Empfindung des Dankes wird noch lebhafter, und damit zugleich euer Verhältniß freundschaftlicher und so zu sagen häuslicher werden. Wenn sie sich mit einem niedrigen Gewerbe abgeben müßten, so wäre es freilich besser für sie, nicht zu leben. Aber sie besitzen ja, nach deiner Aussage, sehr rühmliche Ge- schicklichkeiten, die ihrem Geschlechte vorzüglich anstehen. Und was sie können, das wissen sie alle leicht und behende und mit guter Art und so zu thun, daß es ihnen selbst Freude macht. Laß es also nicht anstehen, sie zu einer Beschäftigung aufzufordern, welche dir sowohl als ihnen selbst nützlich ist. Du darfst nicht zweifeln, daß sie dir willig entsprechen werden.— In der That, sprach Aristarchos, was du da sagst, lieber Sokrates, das gefällt mir sehr wohl. Bis dahin wagte ich es nicht, Geld aufzunehmen, weil ich wußte, daß ich es aufbrauchen würde, ohne es jemals wieder zurückgeben zu können. Nun aber habe ich Lust, es zu thun, um Hand an's Werk legen zu können.— Sogleich wurde das Nöthige veranstaltet und angekauft. Man frühstückte unter der Arbeit, und erst nach Vollendung derselben hielt man Mahlzeit. Die vorher finster» Mienen erheiterten sich bald. Man warf sich keine Seitenblicke mehr zu, sondern sah einander fröhlich in's Gesicht. Sie liebten ihn als ihren Versorger; er sie als nützliche Hausgenossen. Einst kam Aristarchos voll Freuden zu Sokrates, um ihm das alles zu erzählen. Aber, setzte er hinzu, sie werfen mir immer vor, ich sei der einzige im Hause, welcher esse ohne zu arbeiten. Ei, sprach Sokrates, so erzähle ihnen denn die Fabel vom Hund:—„Als die Thiere noch reden konnten, so heißt es, da sprach das Schaf zum Hirten: Seltsam, wir geben dir Wolle, Lämmer und Käse und uns gibst du nichts, als was wir aus der Trist finden. Dem Hunde hingegen, von welchem du dergleichen nicht hast, theilest du von deiner eigenen Speise mit. Und zivar mit Recht, sagte der Hund, welcher das hörte. Denn ich bin's>a auch, der euch schützt, daß euch weder Diebe stehlen, noch Wölfe rauben. Wenn ich euch nicht bewachte, so könntet ihr wegen steter Todesfurcht ht einmal weiden. Auf dieses hin, sagt man, ließen die Schafe dem mde das Vorrecht unbestritten." So sage nun deinen Verwandten, otL seiest gleich dem Hunde in der Fabel ihr Hüter und Beschützer. Dir haben sie es zu danken, daß sie von niemanden gekränkt, sicher und froh bei ihrer Arbeit leben können.— Wir unterlassen es, an diese Erzählung, die uns Zenophon übermittelt, irgend einen Kommentar zu knüpfen. C. L. Blitzableiter im Alterthum. Aus die Erfindung des Blitzablei- ters braucht die Neuzeit keineswegs stolz zu sein. Schon die Alten kannten den Einfluß der Metalle auf deu Blitz und wandten sie zum Schutz gegen Blitzschaden an. So ist, wie Dr. Münk in den„Annalen der Physik und Chemie" mittheilt, im Talmud Tosesta Sabbath XII. zu lesen:„Wer ein Eisen stellt zwischen Geflügel, überttitt das Verbot der Nachahmung heidnischer Sitten; zum Schutze vor Blitz und Donner ist das jedoch z« thun erlaubt." Man hat also im 4. und 5. Jahr- hundert n. Chr. eine Art der Blitzleitung mit Hülfe von Metallen be- reits gekannt. Aber noch viel tiefer ins Alterthum hinein muß die Bekanntschast mit den Blitzableitern reichen. Nach Dümichens„Bau- geschichte des Denderatempels" haben schon die Aegypter hohe, an ihren Spitzen mit Kupfer beschlagene oder vergoldete Mastbäunre neben ihren Stadtthoren oder an Tempeln als Blitzableiter errichtet,„um zu brechen das aus der Höhe kommende Unwetter." In der Nacht des Mittel- alters ist dann auch die Kenntniß des Blitzableiters wieder verloren gegangen, um von Benjamin Franklin von neuem verbreitet zu werden. G. Abschied. Von Moritz Rosenstein. Noch liegt die Welt in nächtig stummer Ruh'— Die Blumen schlummern noch in stillem Reigen, Und traumbesangen ihre Wipfel neigen Die Linden dort der nahen Quelle zu. Ade! Noch einmal laß mich dir in's Auge sehn Und von der Wange dir die Thräne küssen— Schon fällt der Thau auf's weiche Rasenkissen, Ein kühler Hauch hebt flüsternd an zu Wehn. Ade! Das Frühroth dämmert schon im Morgengrau'n, Durch Nebelflor bricht es sich seine Bahnen— Der laute Tag darf unser Glück nicht ahnen, Nur stille Nacht soll unser Kosen schau'n— Ade! Silbenräthsel. Aus folgenden 36 Silben sollen 17 Wörter gebildet werden, deren Anfangsbuchstaben, von oben nach unten gelesen, den Nanlen eines großen Gelehrten und Socialisten der Neuzeit, und deren Endbuchstaben von unten nach oben gelesen, ein Werk desselben ergeben. Die Silben lauten: a, ar, an, dan, don, den, du, eu, ent, sa, ju, der, la, las, li, litz, lon, was, mon, nan, nau, ni, ni, no, pe, rar, ret, sta, stre, ter, tig, tik, ti, ti», ton, wurf. Bedeutung der Wörter: 1) ein Seemanns- maß; 2) eine von den S Musen; 3) ein Küchengewächs; 4) ein französischer Revolutionär von 178S; 5) ein Monat; 6) Fremdwort für Schifffahnskunde; 7) ein spirituöses Getränk; 8) ein weiblicher Vorname; 9) ein berühmter französischer Romanschriftsteller; 10) eine Stadt in England; 11) ein Fluß in Italien; 12) Fremdwort für Gestell; 13) eine Stadt in Mecklenburg; 14) ein Metall; 15) eine Farbe; 16) Name des deutschen Reichsquaselpeters; 17) deutsches Wort für Skizze. Aorrespondenj. Hamburg. F. L. Wir konnten in dieser Nummer die Anleitung zum Schachspiel noch nicht bringen, weil uns der Raum zu knapp wurde: dafür aber in der nächsten' Berlin. W. A. L. Die Mittheilungen Ihre» Brieses nehmen einen Anlauf wie der Borsatz zur„That" bei dem Schesfelschen Etruskerfürsten Pumpus o. Perusia und lausen auch aus etwas Aehnliches hinaus. Damit Sie in künstigen Füllen mit dem Seiden v. Perusia in Versen zu schreiben vermSgai, sei den einschlagenden Strophen chessels hier ein Plätzchen gegönnt: Doch eine That, ich schwör'S, sei itzt von mir gethan, Wie sie die blöde Welt sich nicht im Traume denkt! Gröblich und kalt... mein Name soll zur Nachwelt noch Durch diese That sich überpflanzen, schrelkennoll; So wahr ich hier an diesem Priesicrgrabe steh, Ich— Pumpus von Perusia— der EtruSkerjürst. Die Welt war damals harmlos noch. Man kannte nicht DeS bürgerlichen Rechtes vielverschlungnen Pfad. Und selbst der Greis im Silberbart, er wußte nicht Die Antwort aus die Frage, was ein Darlehn sei. Doch jenen TagS ward im Wald von Suesiulä Zum erstenmal, seit daß die Welt geschaffen stand, Ein Held von einem andern Helden— angepumpt! Jagen Sie uns künftighin, lieber Hr. W. A. L., durch Wendungen,„Sie müssen mir beistehen, mir Helsen," keinen so großen Schrecken ein, wenn Sic nichts weiter wollen, als ein paar Bücher, die wir leider gar nicht befitzen. Sie werden indeß doch jcdensalls einen Freund haben, der Student ist oder sonstwie mit der UniversitätS- bibliothek oder einer andern öffentlichen Büchersammlung in Verbindung steht— der kann Ihnen das Gewünschte ganz leicht und sosort beschaffen. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstr. 20).— Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei in Leipzig.