Der Erbonkel. Novelle von Krnst von Watdoni. (Fortsetzung.) Jonas Wallfisch besaß blaue Augen, still und ernst blickend, die nur zuweilen etwas- es muß gesagt werden— schöpsartiges hatten, dazu flachsblondes Haar, ein ewiges Lächeln aus den schmalen Lippen und die Ungelenkigkeit eines jungen Jagdhundes in jeder Bewegung. Dafür war Jonas Wallfisch, der Sohn eines armen Schul- lehrers, auch ein sogenannter„Musterknabe" und der Herr Pastor sagte in der Kinderlehre mehr als einmal:„Der Jonas ist zwar ein blitzdummer Junge, aber ich wollte, Ihr wäret alle so!" Ja, er war unschuldig und tugendhaft und dies sogar noch als Student, da er schon aus dem Borne des Wissens schöpfte und eine rechtschaffene Kneiperei nur dem Namen nach kannte. Jonas wohnte nach dem Ableben der armen alten Wallfische bei seiner Tante in der nahen Universitätsstadt. Die Frau war ebenso reich, als prüde und bigott. Er war ihr Erbe und zwar sollte er das beträchtliche Ver- mögen der Alten aus der Hand ihrer Tochter, einer kleinen aber hübschen Heiligen, erhalten, letzteres freilich nur in dem Falle, daß er tugendhaft und enthaltsam blieb, die Betstunden und Eon- ventikel fleißig besuchte, nur fromme Lieder sang und stets von der Ansicht ausging, daß ein Wirthshaus— wenn auch nicht geradezu eine Hölle, doch die Kapelle sei, welche sich, der Volks- Meinung nach, der Teufel baut, wenn dem Herrgott eine Kirche gegründet wird. Täglich rief ihm die alte Betschwester mit warnend erhobenem dürren Zeigefinger zu:„Weun dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht—" Cousine Margarethlein schlug dazu die frommen Taubenauqen nieder und bat ihn nur„schlechte Gesell- schaft" zu meiden. Unter letzterer verstand sie besonders zwei alte Corpsburschen, die sich vorgesetzt hatten, der Unschuld des Jonas Wallfisch Fallen ZV stellen. Bisher allerdings vergebens, denn noch umschwebte den blonden Jüngling ein sicher auch blonder Schutzengel, mit weißen Flügelein an den Schultem und einer ungemein zähen Ausdauer begabt. Jedenfalls war dieser— der Schutzengel— kein Freund des edlen Gerstensaftes oder anderer geistigen Getränke, denn allemal, wenn die„bösen Buben" den Jonas in die Stammkneipe lockten, gab ihm besagter Spiritus familiaris(wie Theophrastus Para- celsus sich ausgedrückt haben würde) einen moralischen Ruck im Gewissen, der sich wie ein elektrischer Schlag bemerkbar machte und stets ein krampfhaftes Protestiren und Ausreißen des Jonas zur Folge hatte. Endlich gaben die bösen Buben ihr Werk der Finsterniß auf; der eine aber, er hieß Kaspar und„war von je ein Bösewicht", brütete Rache. Und es kam ein Tag, wo der Schutzengel des Jonas, vielleicht aus Langerweile über eine eben genossene Bibelstunde, welche 3 Stunden und 45 Minuten gewährt, so fest entschlafen war, daß er selbst dann nicht erwachte, als Jonas, der den besagten Kaspar unterwegs getroffen, in die Nähe der Teufelskapelle, alias Stammkneipe, genannt„Zum schwarzen Wallfisch von Ascalon", gelangt war. Der Böse aber hatte einen unendlichen Durst in die Seele des Jonas gelegt und dies zwar dtesmal nicht allein nach der Heiligkeit und Himmelsseligkeit, sondern ganz einfach nach irdischem Getränk. Aber auch die Neugier, diese Untugend, welche schon den Fall der Eltermutter verschuldet, plagte den strauchelnden Jüngling, und er fragte mit schüchterner Stimme den Gefährten, warum man gerade diesem Wirthshause einen so seltsamen Namen gegeben? Ein Hohngelächter antwortete dem Erschrockenen. „Du kennst nicht einmal unser Leiblied— o Du jämmerliche Wachspuppe! Du Spottgeburt— doch höre nun!" Und Kaspar begann: „Im schwarzen Wallfisch zu Ascalon, Da kneipt ein Mann drei Tag, Bis daß er steif wie ein Besenstiel Am Marmortische lag." Jonas Wallfisch schlvicg ganz still und lauschte>vie ein Mäus- lein, dann brach er in einen Strom entzückter Ausrufe aus und kicherte zuletzt wie eine Lachtaube. Und der Engel schlief noch immer in Erinangelung einer anderen Beschäftigung. Wozu— frage ich— nützt nun solch' ein Schutzengel, wenn er just in dem Augenblicke, wo er um Gotteswillen wachen sollte, den Schlaf des Gerechten schläft?! Kaspar schwieg. „Weiter!" drängte Jonas. „So komm hinein; ich werde doch nicht auf der Straße singen, auf daß mich die Wache ausgreift? Komm, ein einziges Glas Bier wirst du doch trinken dürfen, und drinnen singe ich dlr die übrigen Verse." Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. irscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. th'. 20. Oktober tS77. 1 26 Also sprach der Versucher— und Jonas Wallfisch folgte ihm, und zwar nur aus literarischem Interesse, wie er sich oder viel- mehr wie er dem immer noch schlafenden Schutzengel heuchlerisch versichertet. Und drinnen sang Kaspar: „Im schwarzen Wallfisch zu Ascalon, Da sprach der Wirth:„Halt an! Der trinkt von meinem Baktrer- Schnaps, Mehr als er zahlen kann!" Jonas aber drängte wieder:„Weiter— weiter!" bekam jedoch nur diesen einen, richtiger gesagt zweiten Vers zu hören, trotz allen Bittens und Zuredens, denn mit teuflischer Ruhe verwies -ihn Kaspar stets„auf morgen!" Wenn aber wenig gesungen wurde, so ward umsomehr ge- trunken und Jonas kam sogar betrunken nach Haus. Wie zeterte die alte Betschwester über der Zeiten und des jungen Wallfisches Verderbniß! Jonas gelobte zwar reuevolle Buße und Umkehr, schob auch alle Schuld auf die beflügelten, lässigen Schultern seines Schutz- engels, dennoch konnte er selbst es nicht hindern, daß der Böse, ermuthigt durch den ersten Sündenfall, Besitz genommen hatte von seiner Seele. Tag und Nacht, wachend und träumend, sang, flüsterte nnd wisperte es vor seineu Ohren: „Im schwarzen Wallfisch zu Ascalon:c. ic.", und nur um endlich diese innere Stimme zum Schweigen zu bringen, über- schritt er wieder die Schwelle der Kapelle des Teufels und ver- nahm von Kaspars Lippen mit immer neuem Entzücken: „Im schwarzen Wallfisch zu Ascalon, Da bracht' der Kellner Schaar, In Keilschrift auf sechs Ziegelstein', Dem Gast die Rechnung dar." Diesmal verhehlte Jonas schon seinen Fehltritt, heuchelte in der Betstunde gewesen zu sein, und es gelang ihm sogar, die Tante zu belügen. Margarethlein jedoch traute ihm nicht, denn sie hatte vernommen, wie ihr Herzallerliebster kichernd und im Zimmer umherspringend, gleich einem jungen Böcklein, unaufhör- lich vor sich hin gesungen hatte: „Im schwarzen Wallfisch zu Ascalon Da sprach der Gast: O weh', Mein baares Geld ging alles drauf, Im Lamm zu Niniveh!" Und der böse Kaspar frohlockte. Höhnisch brüllte er an einem der folgenden Tage, als Mtternacht schon vorüber war, dem ge- fallenen Jonas zu: „Ich schwarzen Wallfisch zu Ascalon, Da schlug die Uhr halb vier, Da warf der Hausknecht aus Nubierland Den Fremdling vor die Thür! Jin schwarzen Wallfisch zu Ascalon Wird kein Prophet geehrt, Und wer vergnügt dort leben will, Zahlt baar, was er verzehrt!" Nun kannte Jonas allerdings das ganze Lied, aber— aber diese Wissenschaft kostete ihn die Gunst der Tante und eine runde Erbschaft von 20,(XX) Thlr.— denn als der entartete Neffe der polternden Alten einst, um Mtternacht nach Hause kommend, mit heiserer Stimme die Früchte seiner Wirthshausstudien in Gestalt des Liedes vom schwarzen Wallfisch vorgetragen, flog er, geschleu- dert von ihrem, durch heilige Entrüstung gestählten Arm, aus der Stube und bald auch aus dem Hause—. und saß nun in Wahr- heit im schwarzen Wallfisch zu Ascalon, oder kürzer gesagt: in der Tinte. Zwar hatte der Wirth, Herr Bummelmcier, keinen Hausknecht aus Nubierland, den Fremden vor die Thür zu setzen, aber auch er huldigte der Moral von Kaspars Leiblied: „Und wer vergnügt dort leben will, Zahlt baar, was er verzehrt." Und so kamen sie denn, die Tage der Trübsal; Tante Ursula starb aus Gram und Gallsucht und hinterließ dem leichtsinnigen Neffen nichts als ihren Fluch—„und das alles um nichts— um Hekuba— um des Wallfisch-Liedes willen!" So rief Jonas und ivarf, wie einst Hans im Glück, auch dies letzte Besitzthum, nämlich den Fluch der Tante von sich, uotndene, er gab ihn dem Wirth für allen genossenen Gerstensaft und Baktterschnaps als Zah- lung an. Jonas fluchte buch dem bösen Kaspar, was ihm ebenfalls nichts einbrachte, und war tiesbettübt; am allertraurigsten aber war ihm zu Muthe an dem Abende, wo er Abschied nehmen sollte von Margarethe. Sie wenigstens sollte ihn nicht noch schlechter beurtheilen als unumgänglich nöthig ivar. Und der Geist kam über ihn und er schilderte mit ciceronischer Beredsamkeit und apostolischem Feuer, welcher Falle der Böse sich bedient habe, um seine arme, unschul-: dige Seele zu fangen, seine Lammesunschuld zu trüben. Margareth hörte zu, bald mißbilligend das Mäulchen ver- ziehend, bald mit halbem Lächeln und unter Kopffchütteln; als der reuige Sünder aber schluchzend ihre Hand ergriffen und nur noch auf ein Wörtlein der Vergebung harrte, da wisperte sie mit verlegenem Augenniederschlag: „Aber wie kann denn ein bloßes Lied so gar viel Verderb- liches gewirkt haben? Das glaube ich kaum— ich möchf es indessen auch einmal hören." Da war's ihm, als öffne sich der Himmel und St. Petrus stehe an der goldenen Pforte und halte ein riesw-� in der heiligen Rechten und tränke ihm, glüc" Smollis zu! Alle Erz- und Pvsaunen-Engel sangen begeistert im Chor: „Im schwarzen Wallfisch zu Ascaloi Und er sang mit und— mit seinem Singer gethan! Die Moral von der Geschichte aber ist,- wenn ihm durch den kleinen Dienstfehler eines— � gegeben über eine Menschenseelc und er schon gcauor, oieselbe beim Wickel zu haben, doch schließlich noch geprellt wird um den Preis für seine Mühe. So erhielt Jonas wenigstens, nachdem er sämmtliche sechs Verse des„schwarzen Wallfisch" der schönen Magareth gelehrt, zum Lohne dafür rhre Hand und mit dieser dre Erbschaft der frommen Tante. Aus Dankbarkeit aber gegen den Urquell seines Glückes, auch wohl aus eigener Neigung, beschloß Jonas die Gelehrsamkeit an den Nagel zu hängen, zog mit seinem jungen, hübschen Weibchen zurück in die Heimath und richtete in der Vaterstadt Dohlenwinkel ein gutes Wirthshaus ein, das er„zum schwarzen Wallfisch" bc- namsete. Das Geschäft gedieh und blühte nnd mit ihm blühte und ge- dich das Ehepaar und ein halbes Dutzend junge Wallfischlein. Jedem Stammgaste aber hatte der gesprächige Wirth in dem grünen Hinterzimmer seine Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichte erzählt, wie eben jetzt auch dem Hoftath von Bartels. Wir haben dem freundlichen Leser die Erzählung des Wirthes um so weniger vorenthalten, als nächst dem„Erbonkel" der „Schwarze Wallfisch" die interessanteste Persönlichkeit in Dohlen- Winkel ist. Letzteres, ein kleines Städtchen, an der östlichsten Grenze des Herzogthums gelegen, von dessen Beherrscher dem Hofrath so übel gelohnt worden, bestand eigentlich nur aus einem Marktplatz, von dem aus mehrere winklige, enge Straßen ausgingen. Das Ganze ward umschlossen von einer halb zerfallenen Stadtmauer. Eine kahle, jedes landschaftlichen Reizes entbehrende Gegend bot sich dem Auge des Beschauers dar, der die Luft in den engen Straßen zu drückend fand und außerhalb der Stadt- mauer zu athmen wünschte. Eine verstaubte Kastanienallee, in welcher die Dohlenwinklcr zu lustwandeln pflegten, und ein schmaler Graben— sie nannten ihn Bach— der im Hochsommer nur mephittsche Dünste verbreitete, an dessen Rändern aber Vergiß- meinnicht wuchsen für zarte, liebende Herzen— dies waren so ziemlich die einzigen Naturschönhetten, welche die bescheidenen Kleinstädter, und dies auch noch in sehr homöopathischer Dosts genossen. Das gemüthliche Plauderstündchen in der grüne» Extrastube wurde durch die Meldung des Hausknechts, die gnädige Madame oben wäre fertig und ließe den Herrn Hofrath bitten herauf zu kommen, unterbrochen. Herr Sebaldus erhob sich seufzend, reichte dem„Wallfisch" zwei' Finger seiner rechten Hand und sagte: „Das ist für mich auch ein saurer Gang, Hab' den Bruder Jakob viele Jahre nicht gesehen, und da mag's schon sein, daß er noch wunderlicher geworden ist. Große Harmonie hat nie zwischen uns geherrscht. Nun, die erheiternde Gegenwart der Damen, den? ich, wird uns über die ersten peinlichen Momente weghelfen." 27 Der dicke Jonas machte zwar ein Gesicht, als sei er eher vom Gegentheil überzeugt, laut aber sprach er, den geschätzten Gast bis zur Thür geleitend: „Gewiß, gewiß, kann ja gar nicht fehlen, wünsch' viel Glück zur ersten Visit', der Herr Jakob wird schon warten, war' sonst wohl aus ein Morgenschöppchen hergekommen!" Wir eilen der Familie v. Bartels voran in das graue, am Markte gelegene Erbhaus des Geschlechtes. Da das große Haus- thor nur geöffnet wird, wenn auf einem Rollwagen die Waaren- vorräthe anlangen, welche die„Firma" aus der nächsten Handels- stadt bezieht, so müssen wir über drei abgenützte Steinstnfen in den spezereiladen treten, um von hier aus durch eine Glas- thür gleich auf den Treppenabsatz zu gelangen. Eine schmale, steile Treppe führt von da in den Oberstock des Hauses. Hinter dem Ladentisch steht ein langer, blonder, schmalschul- triger Mensch, dessen Alter schwer zu bestimmen ist, denn er gehört zu denjenigen, welche niemals jung gewesen sind. Ein förmlich blödsinniges Lächeln verzieht den breiten Mund, während Herr Hans den eben der Tonne entnommenen Salz- häring in ein Stück Papier wickelt und der hübschen Käuferin darreicht. Dabei blinzeln aber die tiefliegenden grauen Aeuglein so schlau nach der Thür, daß der Ausdruck von Harmlosigkeit, den das langgezogene Gesicht sonst zu tragen scheint, dadurch Lügen gestraft wird. Herr Hans ist bald wieder allein und reibt sich seine auf- gelaufenen rothen Hände, als die nach dem Flur führende Glas- thür geöffnet wird und ein häßlicher Weiberkopf mit einer enorm großen weißen Haube bekleidet, in der Spalte erscheint. „Ach, ich dächte sie wären schon da," flüstert die heisere Stimme der Besitzerin des häßlichen Kopfes. „Hm, lassen sich Zeit— sind ja vornehme Leute, Tante— Sie vergessen—„von" Bartels— kann ihnen gar nicht ent- gehen die Erbschaft— hi hi hi!" In dem Moment mußte der junge Mann etwas erspäht haben, denn er winkte der Frau, die er„Tante" genannt, der häßliche Kopf verschwand und Herr Hans blickte wieder mit dem Ausdruck harmlosen Blödsinns auf seine rothen Hände nieder. Frau Gertrud aber, die Haushälterin, eilte, so schnell es ihre alten Beine erlaubten, die steile Treppe hinauf. Wir machen es ebenso und verfügen uns gleich in das Schreibzimmer oder„Comptoir", zu dem Senior des Hauses Bartels, dem viel erwähnten Erb- onkel. ' Herr Jakob sitzt hinter einem hohen, dünnbeinigen, alten Schreibpulte; die lange, magere Gestalt des Mannes ruht zu- sammengekrümmt in einem großen Lehnsessel. Der spitze, fast ganz kahle Kopf, die kleinen grauen Augen, welche tief in den� Höhlen liegen und durch ein paar buschige weiße Augenbrauen noch mehr verborgen werden, der große, zahnlose Mund, vor allem aber der Ausdruck von Hohn und Verachtung, der uin die herabgezogenen Mundwinkel gebreitet ist, machen den Erbonkel zu einer entschieden abschreckenden Erscheinung. Herrn Jakobs Vater hatte vor Jahren mit dem Gelde einer reichen Wittwe, die er aus Spekulation geheirathet, das Geschäft begründet, das, wie alle Welt und vor allem der Besitzer selbst meinte, zu einer Geldquelle geworden war. Dafür wurde mit den Jahren das eheliche Leben des geizigen Kaufherrn immer freudloser. Die Streitigkeiten zwischen den Eheleuten mehrten sich und jedesmal, wenn die Familie wieder einen Zuwachs erhielt, versetzte dieses frohe Ereigniß Herrn Bartels ssmor in die ärgerlichste Stimmung. Jeder neue Spröß- ling war in seinen Augen ein Feind— ein unnützer Esser und eine Persönlichkeit, welche dereinst das mühsam ersparte und zu- sammengescharrte Vermögen verringern, ja in alle vier Winde verstreuen würde. Und diese, gleichsam konzessionirten Räuber seines Geldes, sollte er selbst noch mit beträchtlichen Unkosten groß ziehen— entsetzlich! Das Herz ber_ Mutter und reichen Wittwe sträubte sich gegen eine solche Auffassung und sie suchte ihren sechs Sprößlingen durch doppelte Liebe die mangelnde väterliche Zärtlichkeit zu er- setzen. Diese schien sich auf den ältesten Sohn Jakob ganz allein zu erstrecken, derselbe war aber auch seinem Erzeuger nicht bloß äußerlich, sondern vornehmlich, was Charakter und Neigungen betraf, sprechend ähnlich. Sparsam, bis zum Geiz, achtete er alles gering, was das Leben zierte und schmückte, und zum Jüngling herangereift, ward Jakob immer unverträglicher und cynischer. Weder die Mutter noch die Geschwister liebten den unholden Gesellen, und es gab fortwährend Zank und Streit im grauen Hause am Markte. Und doch besaß Jakob ein liebebedürftiges Herz, und vielleicht wäre es dem Einfluß des Mädchens, dem er dieses Herz geschenkt, gelungen, einen anderen Menschen aus ihm zu machen, wenn der alte Bartels nicht dazwischen getreten und mit rauher Hand das Verhältniß gelöst hätte, welches sein Sohn und Erbe mit der hübschen Tochter eines armen Dorfschullehrers eingegangen. Frau Bartels war dazumal schon todt, die Geschichte drang auch gar nicht sehr in die Oeffentlichkeit, nur daß sehr heftige Szenen zwischen Vater und Sohn vorgekommen, erfuhr man, auch daß Jakob seine Geschwister beschuldigte, ihn verrathen und die Aufpaffer gespielt zu haben. Der alte Kaufherr entschädigte seinen Liebling dafür, daß er gezwungen gewesen, demselben den einzigen Wunsch des Herzens zu versagen, indem er ihn zum Universalerben des beträchtlichen Vermögens einsetzte und den übrigen fünf Kindern nur ein karges Pflichttheil nothgedningen bestimmte. Nur eine Bedingung knüpfte sich an das Erbe. Dasselbe durste, so lange noch ein Glied der Familie Bartels lebte, nie- mand Fremden vermacht werden, und obgleich Jakob, falls er nicht heirathete oder die Ehe kinderlos blieb, das vollständig freie Verfügnngsrecht über Gut und Geld besaß, konnte er es doch immer nur einem der Geschwister oder deren Nachkommen— kurz einem berechtigten Träger— oder einer Trägerin des Familiennamens hinterlassen. Diese Bedingung— ein schwacher Trost für die fünf erbcslustigen Geschwister, war diesen erst später bekannt geworden, und seitdem war ein Wettstreit entbrannt, der justament nicht die schönsten Charaktereigenschaften enthüllte. Jakob hatte nämlich nicht geheirathet, nachdem das Mädchen, ivelches er geliebt, in der Fremde gestorben. Er übernahm nach dem Tode des Vaters das Geschäft, und es gelang ihm durch günstige Spekulationen, das ererbte Verniögen mindestens zu verdreifachen. Welche Aussichten eröffneten sich da den bis auf den Hofrath v. Bartels in mehr oder minder beschränkten Verhältnissen leben- den Geschwistern! Zwar war der Verkehr mit dem Bruder, der nie sehr ange- nehm gewesen, oft geradezu unerträglich— aber was leidet man nicht um einer Erbschaft von 100,000 Thalern willen? Da kam es deni guten Johann, den Schwestern Martha und Emmerenzia nicht darauf an, ob ihr bischen Menschenwürde und Selbstachtung nist Füßen getreten wurde— die Jagd nach dem Glück war d.c Parole, und fort ging es über Stock und Stein in wildem Rennen und jeder suchte dem andern einen Vorsprung abzu- gewinnen. Die Beobachtungen, welche Jakob in der Lage war täglich und stündlich zu machen, trugen allerdings dazu bei seine Men- schenkenntniß zu erivcitcrn, zugleich aber raubten sie dem verbit- tcrten Gemüthe des Mannes den letzten Rest von Wohlwollen. Er ward immer galliger und boshafter, und zuletzt füllte der „kleine Krieg" mit seinen Erben, wie er es nannte, seine Zeit aus und beschäftigte sein Denken, absorbirte alles Interesse. Man kann sich daher vorstellen, wie freudig Jakob Bartels durch die Nachricht berührt worden, daß jetzt auch Bruder Sebastian mit der ganzen adligen Sippschaft sich an dem Kampf um das Erbe betheiligen werde. Vorsichtig wie stets, hatte er schnell sich selbst„salvirt" und dem Bruder jede Aussicht auf thatkräftige Unterstiitzung genommen; so war der alte Geizhals sicher, kostenfrei ein Schauspiel zu genießen, welches durch die Ankunft der neuen„Akteurs" bedeutend an Reiz gewann. 'Jetzt saß er auch wie die Spinne im Netz, das sie kunstreich gewebt und erwartete die Ankömmlinge. Herr Jakob hatte auch mit einem alten, haarlosen und mageren Kater eine bedeutende Aehnlichkeit, besonders was den zugleich lauernden und raub- gierigen Ausdruck der kleinen Augen betraf. Ein vergnügliches Grinsen verzog den häßlichen, zahnlosen Mund, als die Thür sich nun endlich öffnete und von der Haus- hälterin geleitet der Hofrath sein mageres Figürchen zuerst in das Zimmer schob.(Fortsetzung folgt.) Die Chemie des täglichen Lehens. Pflanzen, Thiere und Menschen ändern beständig ihre Zu- sammensetzung, indem sie vermittelst der Organe Stvffe aufnehmen und ausscheiden; hört dieser Prozeß auf, so tritt der Tod ein. Von diesem Augen- Bon Kmanuel Wurm. Chemie heut doch schon sehr werthvolle Aufschlüsse über denselben. Indem sie uns zeigt, auf welchen fltaturgesetzcn Leben und Tod beruht, lehrt sie uns zugleich, wie wir unsere Lebensweise cinzu- richten haben, wenn blicke an unterschci- den sie sich in nichts mehr von denjenigen Körpern, die nie ein Leben besessen haben. Ebenso wie die Mi- neralicn unterliegen sie nur noch äußeren Einflüssen, die innere Thätigkeit steht still. Jene Vorgänge im Organismus sind jedoch sehr verwickelt uud da die Chemie, welche sie allein er- klären kann, sich erst in letzter Zeit mäch- tiger ausgebildet hat, so schien es damals, als ob vieles durch die bekannten Nalur- kräfte allein uner- klärbar sei. Wo aber das Wissen aufhört, da fängt bekanntlich„der fromme Glaube" an. Man glaubte daher einfach, es seien übernatürliche, gött- liehe Emflüsse bei der Lebensthätigkeit im Spiele und be- ruhigte sich lange Zeit dabei. Tie Folge war, daß jede Forschung aufhörte; denn was außerhalb der Erkenntnißfähig- keil unserer Sinne liegt, kann eben nie erforscht werden. Da gelang es 1828 dem ProfessorWöhler.den Harnstoff, einen Kör- per, der sich im Harn der Menschen und Thiere vorfindet, also unter der Einwir- kung der Lebenskraft entstehen müßte, künstlich darzustellen, und seitdeni ist eine große Reihe solcher organischer Verben- düngen auf dieseni Wege dargestellt worden. Man sah jetzt ein, daß die Vorgänge im Orga- nismus auch ohne die Annahme einer übernatürlichen Lebenskraft erklärt werden können, daß sie durch die bekannten chcnnschen und pyy- sikalischen Gesetze bedingt würden, und mit erneutem Elfer warf man sich auf die Erforschung der Lcbenserschcinungen._ Wenn es uns heut auch noch nicht möglich ist, den Lebensprozeß in allen ffincn Wandlungen zu verfolgen, sv giebt uns die phyfiologgche Schimpanse und Orangutaug.(Seite 35.) sie naturgemäß sein soll, und es ist daher wichtig, diese Chemie des täglichen Lebens zu kennen. Athmung und Er- nährung sind die beiden untrennbar mit einander ver- bundcnen Grund- Pfeiler, auf denen das Leben, der Stoff- Wechsel, beruht. Wir athmcn die uns um- gebende Luft, ein Gasgemcnge von be- stimmter Zusammen- sctzung. Sie enthält in 101) Raumtheilen 79,15Thle.Stickstoff, 20,81 Sauerstoff und 0,04 Kohlensäure und zwar überall, Ivo nicht äußere Ein- flüsse ändernd ein- wirken, in denselben Mengen, außerdem noch etivas Ammo niak. Die wesent lichste und für uns wichtigste Eigenschaft des Stickstoffs ist die, daß in ihm der Lebensprozeß auf- hört. Das Athmen in reinem Stickstoff ist von denselben Wirkungen begleitet, als ob überhaupt ein Athmen nicht stattfände: es tritt Erstickungstod ein. Daher hat das Gas auch den Namen Stickstoff erhalten oder wie es die französischen Chemiker nennen: �/otv (etwas, in dem man nicht leben kann). Der Sauerstoff, der zweite Bestandtheil der Luft, ist das ge- rade Gegentheil des Stickstoffs. Ohne Sauerstoff istAthmen undenkbar, er ist der eigentliche Träger des Lebens und hieß daher auch früher Lebenslust. Wäh- rend Stickstoff und Sauerstoff chemische Elemente sind, d. h. einfache Körper, die in keine andern zerlegt werden können, ist die Kohlensäure eine chemische Verbindung von Kohlenstoff und Sauerstoff. Sie ist schwerer als Luft und nicht athembar. Ihre physiologische Bedeutung wird erst aus den weiteren Ausfüh- rnngcn erhellen. Der Lebensprozcß der Menschen und Thiere beruht nun darauf, daß das Blut durch den geathmeten Sauer- stoff verbrannt wird. Vrrbremmng nennen nämlich die Chemiker jede Verbindung, die ein brennbarer Körper mit Sauerstoff ein- geht. Wenn man ein Stuck Kohle anzündet, so verbrennt es, d. h. sein Kohlenstoff verbindet sich mit dem Sauerstoff der Luft und bildet Kohlensäure. Man nennt dies oxydiren(von oxyge- nium, Sauerstoff), den Vorgang selbst Oxydation. Ebenso ver- hält es sich beini Athmen. Wenn der Sauerstoff in den Lungen mit dein Blut in Berührung kommt, so verbindet er sich mit den Bestandtheilen desselben und verbrennt sie. Soll also der Lebens Prozeß normal verlaufen, so muß auch die Athmungsthätigkeit sich normal vollzichen können. Dies hängt natürlich davon ab, daß die Organe, durch welche wir athmen, auch richtig funktio- niren. Wir müssen also unsere Lungen in gesundem Zustande zu erhalten suchen. Vielen wird aber gewiß unbekannt sein, daß wir auch durch die Haut eine nicht unbedeutende Menge ein- und ausathmcn. Wenn durch irgendwelche Einflüsse ein großer Theil der Hautoberfläche zerstört wird, durch Verbrühen oder Ver- brennen, so tritt, auch wenn die inneren Organe unverletzt ge- blieben sind, der Tod ein und zwar in Folge von Erstickung, indem die Lungen allein nicht im Stande sind, den gesammten Gaswechsel zu bewältigen. Es ist daher auf die Pflege der Haut große Sorgfalt zu verwenden; das öftere Baden ist kein Luxus- bcdiirfniß, sondern zur Verhütung von Lungenkrankheiten ein nothwendiges Erforderwiß. Die Hautpvren, durch welche die Per- spiratton bewirkt wird, müssen stets offen gehalten werden, und wo daher die Berufsthätigkeit dieselben durch starken Schweiß oder Staub besonders leicht verstopfen läßt, muß für eine ver- mehrte Reinhaltung des Körpers Sorge getragen werden. Unent- geltliche Badeanstalten für Sommer und Winter sind eine drin- gende Forderung der öffentlichen Gesundheitspflege. Bis jetzt finden sich nur an einigen Orten unentgeltliche kalte Bäder; das Reichsgesundheitsamt könnte hier also eine sehr ersprießliche Thä- tigkeit entfalten. Der zweite wichtige Punkt ist der, daß wir die Luft auch in richtiger Zusammensetzung athmen. Diese finden wir jedoch an bewohnten Orten selten. Denn Menschen, Thiere und Pflanzen athmen nicht nur Luft ein, sondern auch aus, und zwar eine wesentlich anders zusammengesetzte. Die ausgeathmete Lust der Menschen und Thiere enchält zwar dieselbe Menge Stickstoff, aber nur 16 Prozent Sauerstoff und bedeutend mehr Kohlensäure, nämlich 4,3 Prozent. Durch Athmen in demselben Luftraum wird daher die Luft fortwährend verändert d. h. verschlechtert. Denn unsere Organe sind einmal den bestehenden Verhältnissen angepaßt und jede Veränderung der Lust betvirkt eine schädliche Störung in der Thättgkeit der Organe. Wir haben gesehen, daß wir ebensoviel Stickstoff aus- wie einathmen; derselbe spielt also nur eine passive Rolle, und man glaubt, daß er Sauerstoff gleichsam verdünnt und dadurch die Verbrennung verlangsamt. Doch gehen die Ansichten hier sehr auseinander. Von dem Sauerstoff dagegen werden 4 Prozent zur Oxyda- tion verbraucht und weniger ausgeathmct, dafür aber 4 Prozent Kohlensäure mehr. Athmet man also in einem geschlossenen Räume längere Zeit, so wird zuletzt kein Sauerstoff und sehr viel Kohlensäure darin vorhanden sein. Wir sagten aber schon, daß jede Veränderung in der Zusammensetzung der Luft auch eiue veränderte Thätigkeit des Organismus bedingt. Sind anstatt der ursprünglichen 20 Prozent nur 7 Prozent Sauerstoff in der Einathmungsluft enthalten, so treten ernstliche Störungen ein, bei �Prozent erfolgt der Tod. Von Kohlensäure verursacht schon 1 Prozent Mißbehagen, 0,1 Prozent ist nach Pcttenkofer die Grenze zwischen guter und schlechter Luft, 10 Prozent führen den Tod herbei. Die betäubende Wirkung der Kohlensäure hat schon mancher erfahren, der unvorsichtig in einen Gährungskeller hinabstieg. Auf ihr beruht auch die bekannte Erscheinung in der Hundsgrotte zu Neapel, in welcher Hunde sofort sterben, Menschen und größere Thiere dagegen nicht. Es erklärt sich dies dadurch, daß die dort dem Boden entströmende Kohlensäure sich in Folge ihrer größeren Schwere unten ansammelt und von kleineren Ge- schöpfen eingeathmet werden muß, während an höher liegende Athmungsorgane die Kohlensäureschicht nicht heranreicht. Wie gefährlich ausgeathmete Luft werden kann, zeigt eine Episode aus dem indischen Kriege. Im Jahre 1756 ließ nach Eroberung des Fort William der Nabob von Bengalen am 20. Juli Abends 8 Uhr 146 gefangene Engländer in ein 18 Kubikfuß großes Zimmer werfen. Den andern Morgen waren 123 gestorben. Wenn nun aber so viel Kohlensäure ausgeathmct wird, wie ist es denn da möglich, daß wir noch existtren? Es müßte ja schon aller Sauerstoff verbraucht sein! Gewiß wäre dies der Fall, wenn nicht die Natur hier helfend einschritte. Wie nichts dauernd ist in ihr, so geht auch nichts verloren, alles befindet sich in einem ewigen Kreislauf der Umwandlung in neue Formen und bedingt sich gegenseitig. Die Kohlensäure, welche Menschen und Thiere ausathmen, athmen die Pflanzen ein und den Sauer- stoff, welchen wir einathmen, athmen sie aus. Die Pflanzen sind also die Wiederhersteller der normalen Luftzusammensetzung. Daher ist die Waldeslust so rein und wohlthuend für eine kranke Brust, denn sie enthält viel Sauerstoff und wenig Kohlensäure. Mit Recht hat man daher auch empfohlen, Pflanzen in bewohnten Räumen zu ziehen, um die Luft zu verbessern. Leider ist jedoch diese luftverbessernde Thättgkeit der Pflanzen in den Zimmern nicht sehr bedeutend. Denn die Aufnahme der Kohlensäure und Ausscheidung des Sauerstoffs geschieht nur von den Blättern im direkten Sonnenlicht. Es müßten also sehr viele stark belaubte oder mit großen Blättern versehene Gewächse bei guter Beleuch- tung aufgestellt sein. Dies ist aber in Wohnzimmern, die nie Ueberfluß an Raum und Licht haben, nicht gut möglich. Ferner ist die durch das Verpflanzen in Töpfe veränderte Ernährung nicht ohne Einfluß auf das richtige Funktioniren der Blattorganc. Jedoch bieten sie immerhin ein Hilfsmittel, die Lust in den Wohn- räumen zu verbessern und es empfehlen sich besonders große Blatt- pflanzen, ivie Begonia- und Musaarten dazu. Blühende Pflanzen können durch den ausströmenden Geruch betäubend wirken. Nachts sind sie, Ivie alle andern, auf keinen Fall im Schlafzimmer zu dulden, da sie Nachts ebenfalls Kohlensäure aus- und Sauerstoff einathmen. Daher ist des Nachts im Walde eine solch' drückende Luft, ebenso strömt auch eine solche uns entgegen, wenn wir des Morgens in ein Gewächshaus treten. Wichtiger und cinfluß- reicher auf die Verbesserung gebrauchter Luft als die Pflanzen sind die Ventilation nnd die Desinfektion. Auf beide wird aber heut noch wenig Rücksicht genommen. Eine annähernd gute Ben- ttlation findet man meist nur in Theatern und Restaurationen, wo die Luft ohne dieselbe unerttäglich sein würde und desinsizirt werden nur die Kloaken und auch diese oft nur dann, wann eine Epidemie im Anzüge ist. Einrichtungen zur Ventilatton der Wohnräume, besonders der Schlafzimmer, sind noch nicht einge- führt. Jeder fühlt, daß die sogenannte Bureauluft und der Dunst der Schlafzimmer ungesund ist, zu einer vernünfttgen Abhilfe wird aber noch nichts gethan. Ein venttlirender Luststtom ist jedoch dringend nothwendig, denn wir athmen nicht nur die schäd- liche Kohlensäure aus, sondern durch die Haut verdunsten noch andere Gase, wie Ammoniak, Schwefelwasserstoff und Harnstoff, die zersetzend auf das Blut und in Folge' dessen geradezu giftig wirken. Diese letzteren besonders müssen ans dcr AthmungSluft Entfernt werden und zwar dort, wo die Ventilation nicht aus- reicht, durch Desinfektton. Bei manchen Beschäfttgungsarten entwickeln sich in Folge der Arbeit selbst ungesunde Gase, bei andern wird durch Zusammenarbeiten viKer Personen in einem Räume die Lust verschlechtert. In allen diesen Fällen thut Abhilfe dringend Roth. Solange keine Ventilationsvorrichtungen vorhanden sind, muß man sich den Luftwechsel dadurch zu erzeugen suchen, daß man die Fenster so viel wie möglich öffnet. Im Winter und bei feuchter Witte- rung ist dies freilich eine mißliche Sache, jedoch ist es selbst dann besser, auf Kosten von Wärme des Morgens die Fenster zu öffnen, als tagelang in geschlossenem Räume die verdorbene Luft sich au- sammeln lassen. Auch dadurch, daß man die Ofenthüren öffnet, kann man einen Luftstrom herstellen. Auf jeden Fall ist es wünschenswerth, daß die Zimmer mit Ventilationsvorrichtungen versehen werden. Ein Abzug an der Decke, welcher mit dem Schornstein in Verbindung steht, ließe sich überall anbringen und ist für Arbeiterwohuungcu, welche, klein an Raum, viele Menschen beherbergen, ein dringendes Bedürfniß. Das Oeffnen der Fenster aber ist nicht immer möglich— wie bei Krankheitsfällen. Hier muß dann die Desinfektion die Luft zu verbessern suchen. Dies kann sie einestheils dadurch, daß sie die schädlichen Bcstandthcile zer- stört. Es geschieht dies am besten durch Verdampfen von Essig oder mittels Carbolsäure, die man an Kalk gebunden als Pulver ausstreut. Doch sind diese Desinfektionsmittel, ebenso wie Chlor und Theerdäinpfe in bewohnten Räumen nicht gut anwendbar, da ste auf die Lungen reizend ivirken. (Fortsetzung folgt.) Die deutsche Zpracheinigi Von W. Die Sänger der ersten Blütheperiode deutscher Literatur waren verstummt, das Ritterthum, welches wie Parzival begonnen hatte, um wie Tristan zu enden, war verfallen. Wieder trat eine allgemeine Sprachzersplitterung ein, jeder sprach und sang wieder in lokalen Tönen und Lauten: die großen Stoffe waren erschöpft und das Interesse an ihnen erloschen, die Form ward immer glcichgiltiger behandelt, und die an Stelle der ritterlichen Sänger tretenden Meistersänger mit ihren Reguln und Tabulaturcn machten die Poesie zu einem bloßen Handwerk; aber bald fand sich in der„schwarzen Kunst", die der Deutsche Gutenberg erfand ein neues kräftiges Bindemittel. Lange zivar zeigen die Bücher verschiedener Druckorte sehr starke sprachliche Verschiedenheiten. Vielleicht hätte die große Verbreitung der Druckschriften durch fast alle deutschen Lande von selbst und allein wieder eine Sprach- cinigung hervorgebracht, aber es sollte noch einmal eine große Bewegung die Geister aufrütteln und sie anspornen zu erhöhter Regsamkeit. Eine neue Zeit war herausgekommen über unser Vaterland. Die Erfindung des Schießpulvers hatte dem Ritterthum eudgiltig den Todesstoß verseht. Eine neue Gesellschastsgruppe, das Bürger- thum, war schon lange ans Licht getreten und wuchs immer mehr an Bedeutung. Ein neuer fruchtbarer Gewitterregen entlud sich über Deutschland: die Reformation. Es ist hier nicht der Ort, geschichtlich Entstehung und Verlauf derselben zu erörtern. Da wir es nur mit der sprachlichen Seite des Lebens jener Tage zu thun haben, sei erwähnt, daß unter den verschiedenen Dia- lekten jetzt das Mitteldeutsche unter dem Namen der obersächsischen oder meißnischen Mundart die Hauptrolle übernahm. Hier ist nun der Ort, wo Luther's Thättgkeit auf diesem Gebiete etwas näher ins Auge zu fassen ist. Die llrtheile über seinen Charakter und die Rolle, die er in der Geschichte gespielt hat, laufen ganz bedeutend weit auseinander, wie es die Natur der Sache mit sich bringt, ja sie stehen sich meist einander gradezn ausschließend gegensätzlich gegenüber. Die Zeitgenossen Luthers sowohl, wie die meisten seiner Lcbcnsbeschreiber zerfallen in ab- solute Verehrer und absolute Gegner: seine damaligen Gesinnungs- genossen und Glaubensbrüder verehrten ihn als den„Mann Gottes" schlechthin, während seine katholischen Gegner in ihm natürlich einen übermüthigen Narren, ja den Beelzebub selbst sahen. Die Wahrheit dürfte hier, wie bei allen derartigen Streitfragen auf keiner der beiden entgegengesetzten Parteien, sondern grade in der Mitte zu suchen und zu finden sein. Wenn man das revolutio- närc Element, welches, sich gegen die von Rom ausgehende Geister- knechtung aufbäumt, voll und ganz anerkennen und würdigen muß, kann man doch andererseits nicht leugnen, daß der Mann, der im Bauernkrieg 1525 den Fürsten rieth, die Aufrührer todt- zuschlagen tzne die tollen Hunde, der empfiehlt, auf Befehl der von Gott eingesetzten Obrigkeit wider seine Vernunft zw gläuben, daß zweimal zwei fünf ist,— enttveder ein sehr enger Kopf oder ein stark macchiavellisttsch angelegter Charakter in seinen politischen Akten und Aeußerungen war. Mit diesen Dingen haben wir es jedoch hier nicht zu thun; wir behandeln den Uebersetzer, Publi- zisten und Sprachbildner Luther, der nur sein D. M. L.(Doktor Martin Luther) aus den Titel seiner Traktate und Flugschriften zu setzen brauchte und damit jedem lesenden Deutschen jener Tage leine Autorschaft zur Genüge angezeigt hatte. Und dem Schrift- steller Luther müssen wir ein äußerst hohes Verdienst um unsere Literatur und besonders um unsere einheitliche Sprache in ihrer neuhochdeutschen Gestalt zugestehen. Sleidanus, der Zettgcnosse und erste Geschichtsschreiber der Rcformatton, läßt sich höchst anerkennend über Luther's Sprache vernehmen: er habe zu dem tüchtigen Sinne stets das treffende Wort gefunden, ein feines Kunstgefühl an den Tag gelegt und die deutsche Sprache auch glücklich bereichert. Die meisten Schrift- steller jener Zeit, selbst die Verfasser von Streitschriften gegen Luther konnten sich auch dem übergewaltigen Einfluß der Sprache ihres Gegners nicht entziehen; da sie in ebenso weiten Kreisen, wie dieser, gelesen und verstanden sein wollten, mußten sie wohl oder übel betreffs der Sprache den von Luther so glücklich ge- fundenen und eingeschlagenen Weg betreten. Dafür diene als *) Diese Abhandlung knüpft an eine Arbeit desselben Verfassers an in den letzten Heften des eben beschlossenen Jahrgangs befindet. lttg m der neueren Zeit. ZSUtich*). Beleg, daß die Jesuiten, gewiß die erbittertsten Gegner alles dessen was von Luther kam, in ihren Schulen im deutschen Unterricht schon im 16. Jahrhundert die 1578 verfaßte Grammatik des Johann Clajus zu Grunde legten. Der Titel, welcher nrsprüng- lich(lateinisch) lautete:„Deutsche Grammatik des Magister Johannes Clajus ans Hirzberg, aus den Bibeln Luthers und seinen anderen Schriften zusammengestellt," wurde freilich dahin geändert, daß der Luther wegblieb; das Lehrbuch blieb in den Jesuitenschulen in Gebrauch bis ins 18. Jahrhundert hinein. Zuerst ward Luther bewußt als Autorität in sprachlichen Dingen aufgestellt(1531) von dem Schlesier Fabian Frangk, der ein grammatisches Werk verfaßte mit dem Titel„Teutscher Sprach Art und Eigenschaft, Orthographie, gerecht und bnchstabig Teutsch zu schreiben." Besonders bedeutend ist für uns dieses Werk, weil darin zum ersten male die Schriftsprache den Mundarten scharf gegenüber gestellt wird. Der Verfasser lehrt, zu einer„rechtför- migen tentschen Sprache" gehöre nicht nur das Meiden von Pro- vinzialismen, d. h. mundartlichen Eigenthümlichkeiten und Aus- wüchsen in Wortform und Satzfügung, sondern man müsse auch immer anerkannte Muster vor Augen haben und als solche stellt er hin.Kaiser Maximilians Cantzlei und dieser Zeit D. Luthers Schreiben." Ganz verkehrt wäre es, zu glauben, Luther habe sich eine ganz absonderliche Sprache aus eigner Machtvollkommenheit ge- schaffen; am schlagendsten sprechen dagegen zwei bekannte Aeuße- rungen von ihm selbst. In den„Tischreden" bemerkt er gelegentlich ausdrücklich:„Ich habe keine gewisse sonderliche eigene Sprache im Deutschen, fondern brauche der gemeinen deutschen Sprache, das mich beide Ober und Niederländer verstehen mögen. Ich rede nach der sechsischen Cantzley, welcher nachfolgen alle Fürsten und Könige im Deutschland. Alle Reichsstedte und Fürstenhöfe schreiben nach der Sechsischcn und unseres Fürsten Cantzley. Darumb ists mich die gemeinste Deutsche Sprache. Kaiser Maximilian und Chur- fürst Fridrich, Hertzog zu Sachsen haben im Römischen Reich die deutschen Sprachen also in eine gewisse Sprache gezogen." Mit welchem Recht er Friedrich den Weisen nennt, steht noch dahin; daß aber der auch literarisch thättg gewesene Maximilian genannt wird, hat seinen guten Grund in der grellen gegensätzlichen Stel- lung, welche dessen Nachfolger Karl V. zur deutschen Sprache einnimmt. War es doch dieser„Karl der Hispanier", wie ihn die Deutschen nannten, der die schrecklichste Verwelschnng über unsere Muttersprache heraufbeschwor, er, der erklärte, deutsch rede er ui"- mit seinem Pferde! Freilich fragt sich, ob er auch nur so viel Deutsch konnte, da seine Kenntnisse auf diesem Felde nur ' aus aufgeschnappten Brocken der garstigen Brabanter Mundart bestanden haben dürften, welchen Schatz er auf den Straßen seiner eigentlichen Residenz und Reichshauptstadt„Bruxelles" (Brüssel) erworben hatte. Seine private und geschäftliche Corre- spondeuz führte er lateinisch, spanisch, meist französisch, nur seine „lieben Vetter und Gefreunde", die Mecklenburgifchen Herzöge be- glückte er mit Handschreiben in der Sprache, deren er sich im Umgang mit seinem Pferde bediente, vielleicht nicht ohne damit anzudeuten, daß sie ihm auch auf einer dementsprechenden Werth- stufe stehend erschienen. Thatsächlich hat dieser Karl ja auch keine einzige der großen Hoffnungen erfüllt, welche ganz Deutschland bei seiner Wahl auf ihn gesetzt hatte. Die andere Bemerkung Luthers, welche uns Licht gibt für dessen Sprachbehandlung, findet sich in dem„Sendbrief vom Dolmetschen", von der Uebersetzerkunst. Ein wichtiger Zug ist es, daß er die lebende Sprache, wie sie auf dem Markte und in den Straßen an sein Ohr schlug, zu Rathe zog beim Uebcrsetzen und aller schriftstellerischen Thätigkeit, sowie auch beim Predigen. Darüber sagt er:„Man muß nicht die Buchstaben in der Latei- nischen sprachen fragen, wie man soll Deutschen reden, das thun die.Buchstahilistenß sondern man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt danimb fragen, vnd selbigen auff das Maul sehen, wie sie reden vnd darnach dolmetschen, so verstehen sie es dann vnd merken, das man deutsch mit inen redet." (Fortsetzung folgt.) �„Ueber die deutsche Spracheinigung bis zum Mittelalter", welche sich Mi einem Uew-ilo Sittenbild aus einem freien Lande mit gö Es>var an einem jener glutherfüllten Sominertage, die man so gern im schattigen Wald, an der kühlen Quelle beim Säuseln des Westes durch die Wen Baunnvipsel in sinnigem Träumen verbringt, die aber fast unerträglich sind in den dumpfigen Straßen einer Riesenstadt mit engzusammengebauten Häusermassen. Wie leicht man immerhin die Stubenkleidung gewählt, die Wärme zieht doch die besten Körpersäfte durch die weitgeöffnetcn Poren, die Sehnen werden schlaff, die Nerven matt oder gereizt, und schließlich wird Lesen und Schreiben, ja selbst das beharrliche Denken nach einem Ziel trotz aller heldenhaften, durch lange Uebnng unterstützten Anstrengung unmöglich. Solches Klima macht träge Leute, es erweicht auch die festesten Grundsätze. Das Klima im alten Italien zur Römerzcit muß rauher gewesen sein, sonst hätte es keinen Cato, keinen Brutus, keine Storker gegeben, auch leben jetzt in Griechenland keine Spartaner mehr. Nun, meine deutsche Natur mit allen Anlagen zum Stoicis- mus oder Spartancrthum schmolz auch an jenem Sommertage; ich fing an zu begreifen, warum es in Neapel so viele Lazzaroni und in Amerika so viele Loafers(Bummler) gibt. Ich warf den„Herald", das New-Aorker Philisterblatt, an dem ich mich nun seit drei Stunden abgequält, ohne über die erste Seite hin- wegzukommen, bei Seite, und schlenderte nach llmon Square, dem prachtvollen mit Anlagen und Bildsäulen ausgestatteten Mttelplatz zwischen der unteren und oberen Stadt, auf dessen Bänken viele müde Erdenpilger, die vielleicht für die Nacht kein Obdach gehabt, jetzt sanftschlummernd dieser schönen Erde schrecken- volles Weh auf kurze Zeit vergaßen, bis ein der Wirklichkeit ent- sprungenes Traumbild sie zu dem blassen grauen Tagesleben zurückschreckte. Hier und da erschien ein Organ der göttlichen Bourgeoisordnung und weckte seinerseits, indem er einen solchen Armen mit dem Fuße gegen die ausgestreckten Füße stieß. Eiu recht brutales Mittel in der That und würdig dieser Bourgcoiscivilisatton. Was meine Aufmerksamkeit aber alsbald ausschließlich in Anspruch nahm, war ein Paar, welches aus den ersten Blick zwei Gegensätze im sozialen Leben zu repräsenttren schien, ein Knabe von etwa 12 Jahren, schmächtig, blaß und in zerrissener Kleidung mit einem Wichskasten unter dem Arme, und ein junges Mädchen mit fein geschnittenem Gesicht, rosigen Wangen und einem prächttg blonden, reich und ungefesselt herabfließenden Haar. Sie trug ein elegantes weißes Strohhütchen, und ein weißes, rothverziertes Gazekleidchen umhüllte eine noch ziemlich unentwickelte, aber durch die Harmonie der Glieder untadelhaft erscheinende Gestalt. Beide waren in einem sehr lebhaften Gespräche begriffen, und es war merkwürdig zu sehen, wie der kleine Schuhputzer fast das Wesen eines zurechtweisenden Vaters und das Mädchen, das doch gewiß drei Jahre älter als er, die Miene eines sich entschuldigenden Kindes hatte. Sic gingen dicht an mir vorbei, kehrten bald darauf wieder um, und ich konnte aus den leise geflüsterten Worten entnehmen, daß es sich um brüderliche Ermahnung und schwesterliche Entschuldigung Handelle. Kurz nachdem sie das zweite Mal an mir vorbeigegangen. trennten sie sich auch ziemlich kurzangebunden, das Mädchen nahm die Richtung nach der oberen Stadt, der Knabe kam wieder des Weges nach meiner Bank, und als er gerade bei mir angelangt, warf er einen Blick wie man ihn bei Forschern und Entdeckern nicht schärfer durchdringend und übersichtticher finden kann, auf meine Sttefeln und fragte. indem er den Zeigefinger auf die in seinen Augen verschönerungs- bedürftige Fußbekleidung richtete: „Sdine?" Schein, Glanz muß ein Gentleman in Amerika wenigstens auf seinen Stiefeln aufweisen, dann vergibt man ihm auch eine» fettigen Hut, ausgerissene Armlöcher und in Frauzen endende Hosen. Im Prächtigen Ilnion Square werden viele Sttefeln gewichst, das ist so Sitte in einem Lande, in welchem weder eine Hausfrau, noch die männliche Hausfrau des Hotels, der Haus- knecht, die Schuhbürste zu handhaben pflegt. Ich nickte und ließ den Kleinen gewähren, der sich alsbald mit großer Emsigkeit und Sorgfalt an die Arbeit machte. „War das nicht deine Schwester?" ftagle ich den Kleinen. „?es Sir, tbal was my eist er."(Ja, Herr, das war meine Schwester.) her Heirathsburean. licher Weltordnnng von il. Atto-Waliler. „Wo ging sie hin?" „Ich will es Ihnen nicht sagen!" Das war das erste Mal während meines Aufenthalts in dieser Stadt, daß ich statt einer ausweichenden Lüge eine kurze, bündige Zurückweisung meiner Neugier erfuhr. Der Kleine fing mich an zu interessiren, er sah so intelligent aus und mußte seine schöne Jugendzeit, die zu einer gewiß fnichtreichen Ausbildung bestimmt war, im dürftigen Broterwerb und zwischenliegender Müssiggän- gerei verbringen. Solche Blumen lägt der goldgicrige Bourgeois- staat achtlos wild blühen und verwelken, ihm ist die Menschheit nichts als ein Feld für seinen Raubbau und die Einzelnen sind ihm gar nichts. Und während ich, halb noch meine Gedanken auf dem Knaben und halb schon auf solchen Betrachtungen verweilen ließ, sah ich ein Zeitungsblatt aus der Tasche meines zeitweiligen Dieners hervorlugen. „O gieb mir die Zeitung, die Du in der Tasche hast," sagte ich ihm. „Sie ist nichts ftir Sie," meinte er zögernd. „Gut, ich will sie aber sehen." Gehorsam reichte er sie mir hin. Es war ein Blättchen von 4 Seiten, betitelt:„Glückliche Ehen!", elegant auf gutem, starkem und weißem Papier gedruckt. Welche Aussichten gab es darin für irgend einen bemittelten ober unbemittelten Junggesellen oder Wittwer! Schönheit, Liebenswürdigkeit, Rcichthum, muntere Laune, sorg- same Pflege, stille gemüthliche Häuslichkeit, alles was die Men- scheu bei Eingehung einer Ehe wünschen und bedürfen, war da auf dem Markt für irgend welchen Käufer, für irgend welche Käuferin in Hülle und Fülle ausgeboten. O die glückliche Menschheit, der alles Glück so auf dem Präsentirteller entgegen- getragen wird! Und glückliche Ehen verheißt dieses Blatt; das ist das selt- samste in einer Welt, die kaum eine glückliche unter 10 Ehen aus- zuweisen hat. Ich ließ meine Blicke über die Spalten des Blattes langsam und bedächtig gleiten, sah darin, daß auch für menschliche Wesen „gesetzten" und„reiferen" Alters vorgesorgt ivar, und ich hatte dabei gar nicht Acht darauf gehabt, daß mein kleiner Sttefel- Putzer schon längst mit seiner Arbeit zu Ende und nur auf seine Bezahlung und Rückgabe seines Blattes„Glückliche Ehen" war- tele. Ich wurde dessen erst gewahr, als ich einen anderen jungen Mann herantreten sah, der meinen Kleinen mit den Worten anredete: „Hallöh, Henry, wo ist Deine Schwester, wo ist Lissie?" „Sie ist gegangen," erwiderte der Kleine traurig. „Ist sie dahin gegangen, nach dem Bureau?" fragte der Andere, ein junger Arbeiter in ärmlicher aber sauberer Kleidung. „Ja, sie ging, sie ließ sich nicht abhalten." „O ich Unglücklicher, mein ganzes Leben ging mit ihr," stöhnte der junge Mann, und ich sah wirkliche, ächte Thränen an seinen Wangen herabfließen.„Das kostet mir das Leben, ja, das kostet mir das Leben, sag' es ihr, Henry, sie und du, ihr beide werdet mich niemals wieder sehen." „Niemals?" ftagte der Kleine mit Iveinerlicher Sttmme. „Nein, niemals. Ich kann es nicht tragen, ich kann es nicht überstehen. O, diese Welt, ein Paradies für die Reichen, eine Folterkammer für die Armen." Der junge Mann wandte sich zum Gehen, um irgend einem düsteren Ende frühzeitig entgegenzueilen. Ich aber erhob mich lebhaft und rief ihm zu: „Warten Sie einen Augenblick!" „Was wünschen Sie, mein Herr?" frug der junge Mann fast ärgerlich. „Wo wollen Sie jetzt hingehen?" „Das ist wohl meine Sache?!" „Zunächst ja, aber es ist auch eine Sache, die mich interessirt. Ich meine es gut mit Ihnen." Ein mißtrauischer Blick auf mich war die einzige Antwort. „Komm her, Henry," fuhr ich unbeirrt fort, mich an den kleinen Sttefelputzer wendend. �Vorerst nimm hier die 10 Cts. =4 für deinen Dienst und hier dein Heirathsblatt. Jetzt sage mir, liebt nicht der junge Mann hier deine Schwester, die eben noch mit dir zusammen war und nach dem Heirathsbureau ging?" Der Knabe sah mich ganz verdutzt an und blickte dann nach dem jungen Mann, der schnell die Hand fallen ließ, die er zum mahnenden Zeichen des Schweigens an seinen Mund gebracht hatte. „Noch einmal, kommen Sie hierher zu mir," bedeutete ich den Mißtrauischen, und jetzt folgte er wirklich. „Sie lieben," fuhr ich ruhig fort,„das hübsche Mädchen, die Schwester dieses Knaben. Sie ist jedenfalls arm, wie Sie es auch sind, sie wünscht ihre arme Familie, vielleicht eine kranke Mutter oder einen arbeitslosen Vater irgendwie aus ihrem Elend zu erlösen. In diesem löblichen Streben ist sie den Schlingen eines Heirathsbureau's verfallen und Sie grämen sich mit Recht darüber." „Wer hat Ihnen denn das alles erzählt? Henry solltest Du..." „Ich habe gar nichts gesagt, als daß Lissie meine Schwester," betheuerte die Kleine. „Ich brauche so etwas nicht zu hören, ich kann das sehen, jeder Mensch, dessen Augen offen für seine Mitmenschen, kann so etwas sehen. Und�nun hören Sie mich, ich will etwas für Sic und für dieses arme Mädchen thun. Zwischen 12 und 1 Uhr Mittags können Sie mich morgen und irgend einen andern Tag sehen, und ich hoffe Ihnen gute Botschaft bringen zu können." „O, mein Herr," rief der junge Mann, indem er meine beiden Hände ergriff und sie leidenschaftlich drückte.„Ich vertraue Ihnen, Sie sehen vertrauenswürdig aus; Sie würden Niemanden täuschen." „Nein, seien Sie dessen versichert. Leute, die aufs Betrügen ausgehen, sehen anders aus. Aber weshalb sollte man Sie auch betrügen." Eine schönere Gelegenheit, etwas Gutes zu thun und außer- dem dieser Weltstadt eine neue Seite abzugewinnen, konnte ich wohl schwerlich finden, und so sah ich mir nochmals die Adresse des Bureau's, von der das Blatt ausging, an und ging direkt auf mein Ziel los. Das Haus glich ganz dem feinen Aussehen des Blattes, es war ein geschlossenes Haus, und am Basement-(Souterrain) Fenster las man nur in Goldschrift das Wort: Olfiee. So halten es die gesuchtesten Advokaten und Doktoren, die nicht nach neuer Kundschaft fragen. Ich ging direkt auf mein Ziel los und wurde auf mein Klingeln ohne Weiteres eingelassen und in das Sprech- zimmer geführt, dessen Teppiche, Möbel, Spiegel und Bilder zwar nicht den ausgesuchtesten Geschmack, aber doch die Sucht zu glänzen bekundeten. Ich ließ mich in einen Rocking-Chair(Wiege- stuhl) mit weichen! Sitz- und Rückenpolster nieder und überdachte nochmals meinen Feldzugsplan, den ich infolge des hier gewon- neuen von dem, den ich erwartet, verschiedenen Eindrucks modi- fizirte. „Mit wem habe ich die Ehre?" Diese Frage riß mich aus meinem Gedaukengewebe in die Wirklichkeit, aber ich kann sagen, ich war sehr enttäuscht. Ich hatte mir einen älteren, ehrwürdig aussehenden Gentleman, der zu dieser Umgebung paßte, vorgestellt und fand nun das Urbild eines vierschrötigen Bauers, der sich init seinem Fonds von Pfiffig- kcit im Stadtlcbcn zurechtgefunden hat. Ein fettes rothes Gesicht, Hände, wie Fensterladen groß, Elcphantenfüßc, auftechtstehende Schweinsborsten auf einer Stirn, von der sich bereits die Haare schamvoll zurückzuziehen begannen, fettglänzendes Gesicht mit stark geformter Unterkiefer und viel Ringe neben einer dicken Goldkette. Dieses Individuum hatte nach der kurzen Fragstellung alsbald auf einem Arnistuhl mir gegenüber Platz genommen und die dicken Hände auf einem respektablen Bauche gekreuzt. Dieser Person gegenüber ging ich gerade aufs Ziel los, ich erklärte, daß ich hier zu dauerndem Aufenthalt mich niedergelassen und eine Häuslickskeit haben wollte, weshalb ich aus Mangel an Gelegenheit zu Damenbekanntschaft mich an dieses' Bureau ge- wendet, das mir durch einen Bekannten, der mir das Blatt ge- geben, empfohlen worden. Der Mann hörte mich mit sichtlicher Befriedigung an und begann daun nach meinen Lebensverhältnissen zu fragen. Da ich ktmen Grund zur Heimlichkeit hatte, sagte ich ihm so viel als er zu wissen brauchte, und als ich ziemlich mit meinen Eröffnungen zu Ende war, thsilte sich im Hintergrunde ein Teppichvorhang und eine in Seide gehüllte Dame von kleinem hageren Wuchs und mit schon ergrauendem Haar trat ein. Sie trug eine Brille auf ihrer gebogenen Nase, die mich sogleich an das alte Testament erinnerte, und ich kann sagen, ich sah nie ein so ftappant ver- körpertes Fragezeichen. Dieses Wesen stellte mir der Mann als seine Frau vor, und er entschuldigte sich bald darauf für sein Fortgehen mit der Aus- flucht, daß er ein wichtiges Geschäft vorhabe. An seiner Stelle nahm die Dame Platz und begann mich von neuem zu befragen. Schließlich erhob sie sich mit der Versicherung, daß meinen Wünschen vollkommen entsprochen werden würde, daß ich aber vorläufig 25 Dollars zu erlegen hätte. Ich übersah sofort die ganze Situation, nahm mein Taschenbuch heraus, zeigte ihr, daß ich mehr als diese Summe besäße, und sagte ihr oann kurz und bündig, daß ich New-Hork gut genug kenne, um nicht so ohne weiteres für etwas noch ganz Ungewisses große Kosten zu riskiren, daß ich schon sehen würde, wenn man meinetwegen irgend welche besondere Unkosten haben sollte, bei welchen Gelegenheiten ich es nicht an prompter Erstattung fehlen lassen würde u. s. w. Der Dame schien in der That die fabel- hafte Fähigkeit, ihre Nase länger oder kürzer, je nach ihrem Em- pfindungen wachsen machen zu können, innczuwohuen, oder täuschte mich mein Auge? Im Ueorigen verriethen ihre Mienen keinen Aerger, kein Gefühl des Enttäuschtseins, im Gegentheil glättete sie die Falten ihrer Stirn so leicht, wie die Falten ihres schwarz- seidenen Gewandes auf ihrem Schooße und meinte: „Ganz wie es Ihnen konvenirt; wir betrachten Sie als einen Gentleman, dem man trauen kann. Sie werden inich nun einen Augenblick entschuldigen, wir haben jetzt augenblicklich viel zu thun, weil das Geschäft blüht. Bitte, nehmen Sie einstwellen dieses Album, es ist das Album unserer Kunden, Sie können Ihre Auswahl treffen. Wenn Sie nach Geld sehen, so können Sie die Summe, die die Dame schwer ist in der linken Ecke oben angemerkt finden." Ich hatte das reichlich mit Photographieen angefüllte Album schnell überblättert und meinte, indem ich bei dem Bildniß jenes hübschen blonden Mädchens verweilte, sorglos: „Ich wähle lieber eine bemittelte, als eine unbemittelte Dame, wenn mir aber eine besonders gefällt, wie z. B. dieses reizende Gesichtchen, so bin ich auch in der Lage von einem Heiratsgut absehen zu können." Die Danie hatte einen raschen Blick auf das Bild geworfen und bemerkte: „Dieses Mädchen können Sie bei uns sehen; wenn Sie wollen, noch diesen Mittag in unserem Boardinghaus." „O, Sie haben ein Boardinghaus?" frug ich, die Ohren spitzend. „Sie begreifen, daß wir in unserem Hause nicht so viel Ge- sellschaft und Besuche haben können, wie es unser Geschäft mit sich bringt, man muß aufs Renommöe halten. In unserem Boardinghaus aber kann man die Gesellschaft sehr bequem bei offener Tafel mit einander bekannt machen. Wir halten guten Tisch und verlangen nicht mehr, als anderswo. Sie entschul- digen mich." „Dieses Boardinghaus muß ich unter allen Umstanden sehen," dachte ich, und blätterte wieder in dem Album, die oft sehr srap- panten und meist wenig interessanten Gesichter studirend, bis mir doch die Zeit zu lang wurde. Ich ergriff meiiien Hut und ging nach der Halle, in welcher ein junger Mann inir die Thür zuvor- kommend öffnete und mir dabei einen Zettel in die Hand gab. Als ich auf der Straße war, sah ich mir den Zettel an. Es war eine Empfehlung des Boardinghaus mit Preisliste für Speisen und Getränke! Die Zeit schien mir gerade passend, denn es war bereits 12 Uhr und ich verspürte lebhasten Appettt. Das Boardinghaus war in der Hauptgeschästslage New-Iorks, in der unteren Stadt, äovn town*), wie sie es nennen, gelegen. Ich schlenderte langsam dem Orte zu und bettat in dem bezeich- neten Hause ein sehr konifortablc eingerichtetes Speisezimmer im Basement, welches mir, nachdem ich die Glocke gezogen, ohne Weiteres geöffnet wurde. Nun gebe mir die eine der neun Musen einen Pinsel, diese Gesellschaft zu malen! Es waren etwa 20Gäste weiblichen und männ- lichen Geschlechtes in dem angenehmen Alter von 17— 57 Jahren. O, vielleicht war der Herr an der Spitze der Tafel mit der braunen Perrücke, unter welcher die weißen Haarspitzen hervor- ♦) Down town, spr. daun taun, wörtlich: nieder die Stadt. 34 lugten, noch um ein Dezennium älter. Aber was thut's! jeden- falls war er mit seinem gutmüthigen Lächeln und seinem gefäl- ligen Schwatzen der unterbaltendste Tafelgast. Man nahm, wie hier in diesem Lande es der„Stil" verlangt, nicht viel Notiz von mir, nur der Aufwärter deutete auf einen leeren Platz, aus welchem ich zwischen einer Dame von einigen dreißig und einer von einigen zwanzig Jahren Platz nahm. Die Dame zu meiner Rechten war blond, die zu meiner Linken braun, die erstere ziem- lich wohlbeleibt, die andere um so hagerer. Kurz, mein Geschmack mochte sein, welcher er wollte, es war mir Genüge geschehen. Um in einer solchen Gesellschaft sattelfest zu werden, muß man seinen Nachbarinnen gegenüber ein unterhaltender und fast wie von ein bischen Zuneigung für sie angehauchter Gesellschafter sein, somit verzichtete ich vorerst auf das Anknüpfen eines Gespräches mit dein jungen blonden Mädchen, welches bescheiden auf ihren Teller niederblickte und augenscheinlich sehr von den mehr zudringlichen, als feinen Aufmerksamkeiten eines Kaufmanns oder Schreibers von ansehnlicher Körperfülle beschwert wurde, und ich wandte alles, was ich an Liebenswürdigkeit aufzutreiben wußte, auf Komplimente, die ich mit möglichster Unparteilichkeit nach rechts und links austheilte. Der Raum dieser Skizze aus dem sozialen Leben der Empire City gestattet mit nicht, das Gespräch zu zeichnen, zu welchem einige Skandalgeschichten der Tagesblätter, wie gewöhnlich, das Thema bildeten. Am Schluß der Tafel setzte sich ein Herr ans Klavier, ein anderer ergriff die Ziehharmonika, und bei den verlockenden Rhythmen eines Tanzes bildeten sich schnell einige Paare, während andere die Tafel an die Wand schoben. „Tanzen Sie auch?" ftagte meine blonde Nachbarin mit so deutlichem Begehren, daß ich mit einem tiefen Stoßseufzer mich zum ersten male, seitdem ich amerikanischen Boden betreten, zum Tanzen entschloß. Hätte ich irgend eine Absicht auf die Gunst dieser lebenslustigeii Dame gehabt, so würde mein Opfer von ersprießlichem Nutzen für mich gewesen sein. Aber es förderte auch meinen Zweck. Als ich die Blondine zu ihrem Sitze zurück- führte, versicherte sie mir, sie würde entzückt sein, recht bald wieder mit mir zusammenzukommen. Daraufhin wagte ich die Frage, ob sie mich wohl in ihrer Wohnung empfangen würde. „0 no, Sir," sagte sie,„mein Mann ist zu eifersüchtig. Aber wir können uns hier, so oft wir wollen, und vielleicht auch anderswo treffen." „Sind Sie denn verheirathet? Ich dachte, die Gäste hier alle suchten eine passende Partie zu machen?" „0 no, Sir, die meisten hier sind verheirathete Leute, die sich amüsiren, ihr Leben genießen wollen, was sie zu Hanse aus irgend welchem Grunde nicht können. Ach, heirathen Sie lieber nicht, es ist so viel hübscher." Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Zufällig sah ich gerade den Inhaber des Geschäfts an mir vorbeigehen. Ich gab ihm ein Zeichen, daß ich mit ihm vertraulich zu reden hätte, und er deutete nach der Ausgangsthür. Bald saßen wir uns in einem kleinen Zimmerchen in Wiege- stühlen gegenüber. „Nun, wie hat Ihnen Ihre blonde Nachbarin gefallen?" ftagte er gleich.„Sie ist sehr lebenslustig und paßt in die Welt." „Es handelt sich nicht um sie," entgegnete ich trocken.„Zu- nächst lassen Sie mich Ihnen den Betrag meiner Zeche einhän- digen, und dann sagen Sie mir im Vertrauen: das junge blonde Mädchen ist wohl ganz mittellos?" „Ihnen die Wahrheit zu sagen, ja. Sie interessiren sich für sie?" „Ja, und Sie begreifen, daß man nicht gern eine so arme Person Heirathen möchte. Kann man— ich würde mich's schon was kosten lassen— nicht mit ihr in ein Verhältniß treten, ohne daß man sie heirathen müßte?" „O gewiß; warten Sie einen Augenblick, der Clerk, der ihr den Hof macht, ist jetzt gewiß schon gegangen, weil er auf sein Bureau muß. Ich werde sie veranlassen, zu Ihnen hierher zu kommen. Ich hoffe aber, Sie werden erkenntlich sein." Kurze Zeit darauf erschien das blonde Mädchen mit gesenktem Haupte und halbgeschlossenen Augen. Sie wandelte wie im Schlafe. „Setzen Sie sich hierher, mir gegenüber," sagte ich, und sie folgte willenlos. „Die erste Bitte, die ich an Sie richte, ist: vertrauen Sie mir. Ich bin nicht, was Sie in mir vermuthen," bemerkte ich weiter und hatte die Genugthnung zu sehen, daß sie einen Blick ans ftommen blauen Augen auf mich richtete und dieselben dann auch nicht wieder niederschlug.„Sagen Sie mir zunächst, was brachte Sie in dieses Haus? Sprechen Sie zu mir wie zu einem Freunde, wie zu einem Bruder." „Wir sind sehr arm," flüsterte sie kaum hörbar,„meine Mutter ist krank und hülflos, meine kleinen Geschwister schreien vor Hunger. Eine Schulfrenndin von mir dient hier in diesem Hause, sie verschaffte mir ein Darlehn, welches ich zurückzuzahlen habe, wenn ich nicht in den Kerker gehen will. Nun hat mir der Mann von dem Hanse hier gesagt, daß ich eine reiche Heirach machen könnte, daß sich Jemand für mich intere.ssirte, der viel Geld habe. So habe ich mich wohl entschließen müssen." „Es giebt aber einen jungen Mann, einen Arbeiter, der mir wohlgebildet und gut scheint, und der Sie liebt. Ist es nicht so?" „O ja, o ja; ich weiß, und ich liebe ihn auch von Grund meiner Seele. Aber was hilft es uns? Er ist so arm, wie ich, und die Arbeit wird jetzt so schlecht bezahlt, wenn es überhaupt Arbeit gibt." „Gut, und der reiche Mann, wenn überhaupt ein solcher hier verkehrt, wird Sie unglücklich machen und Sie haben jedenfalls nicht die Gabe, aus Ihrer Schönheit ein nutzbringendes Geschäft zu machen. Sie werden nachher elender sein, als zuvor. Kehren Sie um, noch ist es Zeit." „Ich will, ich möchte, o wie gern möchte ich, ich fühle mich jetzt schon so elend. Aber wer nimmt das Bleigewicht von mir?" „Ihre Schuld? wie viel beträgt sie denn?" „Er gab mir 15 Dollars, aber ich werde ihm mehr bezahlen müssen." „Und wenn die Schuld bezahlt wird?" „O, wer wollte das thun? Kein Mensch giebt Geld blos um die Thränen eines armen Mädchens zu stillen." „Sie sollen sehen, es giebt noch solche Menschen. Wollen Sie nun mit mir gehen?" „O kommen Sie, kommen Sie," rief sie, sich lebhaft erhebend, „ich braiiche frische Luft, hier ist die Pest, ich wußte, daß ich hier sterben müßte, wenn ich verdammt sein sollte, hier länger zu leben. O, es mag kommen, wie es will, lieber sterben, als so zu leben." Ich erhob mich nun auch und begleitete das Mädchen. Man wünschte uns„viel Vergnügen", und ich hatte es im Kreise von einfachen, glücklichen Menschen, die es auch in New-Aork gibt. Ein Rundschreiben an einige bemittelte Bekannte brachte alles in Richttgkeit. Wie ich weiter erfuhr, sind die meisten dieser Heirathsbureau's, so gut wie das:„Glückliche Ehen" betitelte, reine Gelegenheit�- macherei-Jnstitilte, zum größeren Theile schlimmerer Art als das, dessen Bekanntschaft zu machen ich die Gelegenheit hatte. Wer wollte sich wundern? Bei der jetzt herrschenden korrupten Bour- geois- oder Ansbeuterwirthschaft werden noch viel schlimmere Giftstätten großgezogen. Ein anderes System brauchen wir, eine bessere Gesellschaftsordnung. Den Golf von Neapel mit der Stadt und dem Vesuv zeigt das Bild S. 28.„Neapel sehe» und sterben", init diesen Worten drückt ein italienisches Sprüchwort die ungemessenc Bewunderung der Jta- liener für die mit landschaftlichen Reizen wahrhaft verschwenderisch aus- gestattete Umgebuilg der süditalischen Hauptstadt aus; und„ein Stück Himmel, das auf die Erde gefallen"— so bezeichnet die Landschaft der Dichter Sannazaro. Viele Stunden weit rahmt die Stadt mit ihren Palast an Palast aufweisenden Prachtkais, mit ihren reizenden Landhäusern und den sich an sie anschließenden Städten und Flecken Portici, Resina, Torre del Greco u. s. w. das Aieer ein. Ueber dies Häusergewimmel empor hebt sich das aus Stein gehauene Kastell San Elmo, die Cita belle Neapels, in deren Felsverließen unter der schmachvollen Bourbonen- herrschaft so viele politische Gefangene einem frühen Tode entgegen- siechten. In der Mitte unseres Bildes bemerken wir das malerische Kastell del'Ovo aus der Halbinsel Pizzisalcone weit in das Meer vor- springend, rechts davon erheben sich die düstern, kegelförmigen Stein- massen des Vesuv, des einzigen bedeutenden Vulkans auf dem euro- päischen Festland. Den stets sich wiederholenden Ausbrüchen des seuer- speienden Berges zum Trotz bedecken seinen Fuß die Wohnungen der Menschen mit einer blühenden Umgebung von Fruchtbäumen aller Art und den üppigen Weinpflanzungen, welchen die feurigen Weine Lacrymä Christi und Bino Greco entsprießen. Dazwischen niünden unfruchtbare Thäler in das Meer aus, in denen die Lavaströme vieler Jahrhunderte mit den bizarren Formen ihrer Gcsteinsmassen eine malerische Wildniß geschaffen haben. Zu alledem denke man sich die Pracht des tiefblauen Hinimels und des in seiner herrlichen, blauen Färbung mit diesem wetteifernden Meeres, an dessen Gestaden sich immergrüne Eichenhaine hinziehen, und man wird das Entzücken verstehen, das jeden erfaßt, dessen Blick so viel landschaftliche Schönheit auf einmal zu umfassen vergönnt ist. G. Schimpanse und Orangutang.(S. 29.) In Nr. 23 des vorigen Jahrganges der„Neuen Welt" zeigte ein Bild, welches das Gerippe des Menschen und das des Gorilla nebeneinander vorführte, die große Aehnlichkcit, welche zwischen diesen beiden Geschöpfen evident zu Tage tritt. Unser heutiges Bild stellt wieder ein paar dieser Ge schöpfe dar, mit denen eine Urverwandtschaft anerkennen zu sollen uns ein kleines ästhetisches Unbehagen verursacht. Aber weder Darwin noch dem viel geschmähten Affen-Vogt, wie ihn die erbittertsten Gegner nannten, ist es je eingefallen zu sagen: der Mensch stammt vom Affen ab. Um den richtigen Standpunkt zu gewinnen und die Lehre der neueren Naturwissenschaft von der Entwicklung der Älrten richtig zu würdigen, behalte man im Auge, daß die heutigen Naturforscher eben die große Einheit und Zusammengehörigkeit aller organischen Wesen lehren, und daß sie bemüht sind, die Kettenreihe darzustellen, in welcher sich aus der einfachen Zelle und aus Zellenkomplexen schließlich das höchstorganische Säugethier, der Mensch, entivickelt hat.— Unser Bild stellt zwei Exemplare der größten Affenarten, den Schimpanse und den Orangutang dar, welche beiden Spezies nebst dem Gorilla für die menschenähnlichsten gelten dürfen. Der Orangutang(sirnia satyrus), der obere auf unserem Bilde, der aus Borneo und Sumatra lebt, ist braun von Farbe und erreicht eine Größe von 6— 7 Fuß. Als äußerst guter und gewandter Kletterer und infolge seiner Vorliebe, einsam in Hochgebirgswaldung seinen Aufenthalt zu nehmen, ist er sehr schwierig zu sangen, ja selbst ihn zu schießen gelingt den Jägern selten. Der Schimpanse(sirnia troglodytes) lebt in Guinea und am Kongo in l Afrika, und ist, ebenso wie der Orangutang, ungeschwänzt. Einer weiteren Schilderung dieser menschenähnlichen Affen, die in früheren Zeiten den Reisenden oft Anlaß zu Berichten von wilden Waldmenschen gaben, überhebt uns das naturgetreue Portrait der beiden Herren, welches unser Bild darbietet. vt. W. Heinse'S Ansichten über Staat, Fürst nnd Volk. Wil- Helm Heinse ist einer der feurigsten Naturalisten der„Genieperiode", d. h. der Periode der Revolution in unserer deutschen Literaturgeschichte, während welcher man, mit den konventionellen Regeln brechend, die Umkehr zur Nawr anzubahnen suchte, fteilich nicht ohne auch hie und da auf bedenkliche Holzwege zu geralhen. Er war gebor« 1749, studirte in Jena, ward bekannt mit Wieland, Gleim, den Brüdern Jacobi, Herder, Göthe und andern Vertretern jener geistigen Gähruug und Bewegung, die wir die Genieperiode nennen. Seine in der Düsseldorfer Gallerte erweckte Liebe zu den Werken der bildenden Kunst trieb ihn nach Italien, wo er sich 1780—84 aufhielt, meist in Rom. Dort entstand auch sein am meisten genanntes Werk, der„Ardinghello oder die glückseligen Inseln." Dieses enthält eine Menge äußerst'gesunder und ftuchtbarer Ideen, von denen wir einige als Lesefrüchte den Lesern darzubieten für nicht unpassend halten. Dieses Werk, ein Zeügniß eines reifen, für seine Zeit achtenswerthen Kunstverständnisses, ward besonders wegen seiner üppigen Sinnlichkeit verschrieen und getadelt; an dichte- rischer Kraft, Gestaltungsvermögen nnd Tiefe der Empfindung kann er sich kühnlich mit unseren Tagesgrößen messen die Heinse, wenn sie ihn kennen, zwar schmähen, ihn in seinem Hauptfehler aber meist überbieten, ohne seine guten Seiten zu besitzen. Folgende Sätze aus seinem Ardinghello dürsten besonders inter- effant sein: Man betrachtet eine Gesellschaft von Menschen, die man einen Staat nennt, am besten als ein Thier*), das von innen Kräfte, Pro- Portion aller Theile haben und gesnnd sein muß, und volle Nahrung, um für sich aus die Dauer zu existiren und glücklich zu sein; und von außen Stärke, Erfahrung und Klugheit, um sich gegen die Feinde zu erhalten. Das Wohl des Ganzen ist das erste Gesetz, wie bei jedem lebendigen Dinge; und jede Staatsverfassung, wo nur ein Theil sich wohlbefindet, oder gar abgesondert wäre, ist ein Ungeheuer, eine Miß- geburt. Ein Despot also, das ist ein Mensch, der ohne Gesetze, die aus dem Wohl des Ganzen entspringen, über die andern herrscht, ist kein Kopf am Ganzen des Staates, sondern ein Ungeziefer, ein Bandwurm im Leibe, eine Laus, Mücke, Wespe, das sich nach Lust an seinem Blute nährt; oder will man lieber: ein Hirt, weil doch dies das beliebte Gleichniß ist, der seine Schafe schert und melkte, und die jungen Läm- mer schlachtet und die fetten alten, wahrlich nicht zu ihrem Besten, sondern zu seinem Besten. Der Staat ist endlich ein Thier, das seine Gesetze hat, weder von Kühen noch Schafen, sondern von der Natur des Menschen, weil er aus Menschen besteht; und kein Mensch ist ") Pente würde» wir sage»„«Ii eine» lebendigen Org-niimui." so Über andere, wie ein Hirt über seine Herde! Ein vollkoin- mener Staat muß ein Thier sein, das sich selbst nach seiner Natur, seinen Bedürfnissen und Erfahrungen regiert, wie ein Ulysses für sich nach den Umständen und gegen andere.— Eine reine Aristo- kratie, wo mehrere beständig herrschen nach ihrem Gutbefinden, ohne Gesetze aus dem Wohl des Ganzen, nur mit Gesetzen für ihr Wohl, die sie nach Belieben ändern, ist eine vielköpfige Hyder von Despo- tismus, viel Ungeziefer ans dem Leibe statt eines. Ein Staat von Menschen, die des Namens würdig sind, vollkommen für alle und jeden, muß im Grund immer eine Demokratie sein oder mit andern Worten: das Wohl des Ganzen muß allem andern vorgehen, jeder Theil gesund leben, Vergnügen empfinden, Nutzen von der Gesellschaft und Freude haben; der allgemeine Verstand muß herrschen, nie blos der einzelne Mensch. .... O, es ist dem Menschen so süß über andere zu herrschen, deren Knaben und Töchter und Weiber sich aufwarten zu lassen, ihren besten Wein zu trinken, ihre besten Früchte, ihr bestes Gemüse und Fleisch zu schmausen, sie im Sonnenbrand arbeiten zu sehen, und selbst im kühlen Schatten zu faulenzen, sie unter den Schwertern und dem donnernden Geschütz der Feinde zu wissen, wenn junge zarte Dirnen ihm sorgsam die Fliegen wegwedeln! Jeder will dazu Recht haben, und göttliches Recht haben, sobald er im Besitz ist; und ließ eher den letzten Kops von allen seinen Unterthanen, Vater und Sohn, Mutter, Bruder, Schwester, Tochter über die Klinge springen, die es rebellisch leugneten, und befände sich lieber allein in einer Wüste zwischen der Pest der Hingerichteten, als daß er zum Exempel einem Rom gestattete, außer seiner Unterjochung(d. h. ohne sein Joch) das erste Volk der Welt zu sein. Dies ist die Natur; so elend ist der Mensch; alle unsere Moral ist gemacht und steht nur in den Büchern— lehrt es nicht alle Geschichte? Dann äußert sich der Held der Erzählung trefflich über die Ge- waltmittel, mit denen die Herrschaften ausrecht erhalten werden, in einer Weise, das man seine Worte gut und gern einem Abgeordneten unserer Tage in den Mund legen könnte, der in einem Parlament gegen die volksfeindliche Einrichtung der stehenden Heere plädirt: Dasselbe thut man(nämlich den letzten Kopf von allen Unter- thanen opsern) um Herrschaft zu erlangen, und düngt die Felder mit Bürgerblute, du kennst die Verse des Euripides, die Cäsar im Munde führte! Und dann fährt der als Brieffchreiber eingeführte Held mit herbem Tadel gegen die„Ordnungsmänner" fort: Sie haben allerlei Blendwerk von Beschönigung ausgesonnen, wo- runter das täuschendste ist, dem Staate Ruh und Ordnung zu verschossen und behende Stärke zu geben; und sie stellen sich an, als ob sie nur. dessen ersteDiener wären und große Lasten aus sich trügen. Wie ist aber einer Bedienter, dem niemand befiehlt? Wie ist einer Bedienter, der nach Gutbefinden Gesetze macht und gibt und keins annimmt? nach Willkur ohne Gesetze straft? Gesetzt auch Ruh und Ordnung; ist dies Glückseligkeit? im Kerker ist auch Ruh und Ordnung! Dann fährt er fort in seinen Reflexionen: Kein Tyrann wird wohl je so ein Narr sein, und sein Sklavenreich einem freien Rom, Athen oder Sparta vorziehen; allein wenn er ge- scheit ist und mit einem Gescheiten unter vier Augen spricht, ganz was anderes behaupten; etwa folgendes: Jedes Wesen darf von Natur um sich greisen, so viel es Macht hat, es sei unter seines Gleichen oder andern Dingen. Du zürnst, daß du gehorchen mußt? Gehorche nicht, wenn du kannst! und du erhältst ein ander Recht. Daß ich, Sultan zu Konstantiuopel, herrsche, da es mir Millionen und Millionen von Sklaven erlauben, wie nimmst du das mir übel? Willst du über nichts herrschen? Ist nicht jeder Mensch ein Sultan, nicht jeder Stier und Hirsch? Die Verständigen werden freilich nie gehorchen, wenn sie nicht müssen. Gehorchet nicht, wenn ihr könnt, so lange bis ihr alle Herren seid! und euer Staat ist die Ver- emigung des reinsten Ganzen, eine Sonne, wo jeder Theil Licht hat und flammt und brennt und einer den andern verstärkt und entzückt und alle insgesammt dann ftemde träge Erdenkörper zum Leben er- wecken, wie jetzt allein Ich. vt. Eiseubahu-Waggonschieber. Die Menschenkrast ersparende Ma- schinenkonstruktion macht riesige Fortschritte. In alle Arbcitsbranchen dringt die Maschine ein und überall bringt sie die Lehre, daß die Menschenmassen thren Lebensberus nicht ausschließlich in mechanischer Thätigkeit suchen sollen und für die Zukunft auch gar nicht werden finden können. Eine Maschine, welche sich in neuester Zeit bereits in England, Frankreich, Belgien und Oesterreich an die Stelle von manchen hundert Arbeitern gesetzt hat und sehr bald auch in Deutschland Eingang finden wird, ist der Eisenbahnwaggouschieber, ein Jlpparat, welcher aus einem zweiarmigen Hebel besteht, dessen einer Arm au der Radaxc des fortzubewegenden Wagens eingehängt wird.„Das Ende dieses Armes ist halbkreisförmig gekrümmt," so schreibt das„Polytechnische Notizblatt",„um sich an den Umkreis der Axe anlegen zu können, das andere Ende ist mit dem des erstgenannten Arms gelcukartig verbunden, und bildet dieses Gelenk den Stütz- und Drehpunkt der Bewegung: letzterer liegt zwischen der Axe und dem Radumfang; an dem ziveiten Hebelarme befindet sich ein Ansatz, der in den Spi�kraiu des Rades i aßt. Wird der Hebel aus und nieder bewegt, so dnlt sich dieser und das Red um verschiedene Mittelpunkte und der Wagen'ommt in Gang." Mit Helfe dieses Apparates soll ein Arbeiter im Stunde sein, einen Wagen fortzuschaffen, zu dessen Bewegung sonst K Mann näthig waren. In Belgien hat die Regierung dem Erfinder, eineni Ingenieur in Amsterdam, das Recht der Fabrikation abgekauft: für Deutschland hat das Recht des Bei kaufs ein frankfurter Ingenieur übernommen. G. Trost fürs Volk. Mein armes Volk, hast du auch nicht genug zu essen, Der Prunk der G:zßen glänzet fort und strahlt! Ich ruf' es laut dir zu, ich ruf es aus vermessen, Ich fürchte nicht der Reihen Allgewalt! Bekümmert einer sich um deine Interessen Dort oben, wo mit deinem Geld man prahlt? Mein armes Volk, hast du auch nicht genug zu essen: Der Prunk der Großen glänzet doch und strahlt! Sieh hin, mein Volk, wie sie die Taufende verschwenden, Die du mit Müh' und Roth hervorgebracht, Wie sie»oll Gleichmuth jetzt chr Antlitz werden, W'nn dir ein Nothschrei s.ch entringt mit Macht, Den die Bedränger aus der freien Brust dir pressen Mit der Gesetze drückender Gewalt! Mein armes Volk, he st du auch nicht genug zu essen: Der Prnnk der Großen glänzet doch, nd strahlt! Konzerte, Bälle werden da gegeben, Für dich bricht man sich nicht den Kopf entzwei, Ob, Volk, du elend magst in Roth und Hunger leben, Man denkt:„Was da! Wir sind ja nicht dabei! Mir halten trotzdem uns die schönsten der Maitressen, Wir fragen nicht darnach, wer sie bezal lt!" Mein arme? Volk, hast du auch nicht genug zu essen: Der Prunk der Großen glänzet doch und strahlt! Wo seid ihr Freiheitsdicbter jetzo denn geblieben, Ihr, die ibr sangt von freien Volkes R.cht? Ihr, die für Freiheit einst gedichtet uiu geschrieben— Jetzt seid für Geld ihr der Bedrücker Knecht! Habt ihr den freien Sang denn ganz und gar vergessen? Ich weiß warum: er wird ja nicht bezahlt! Mein armes Volk, hast du auch nicht genug zu essen: Der Prunk der Großen glänzet doch und strahlt! Mein Volk! Du bist bedrängt,— elender Schmach zum Raube Beugst du die Stirne unter schnödem Joch! Erhebe dich und kniee länger nicht im Staube Der Freiheil heil'ge Fahne schwinge hoch! Aus, wähl' die Richter, die mit richt'gem Maße messen, Wrs Recht und Unrecht ist, auf, wähl' sie bald! Und thust du es,— kannst du das Leid, die Roth vergessen, Der Prunk der Großen dann, er hat gestrahlt! Das Schachspiel. Schon vor längerer Zeil trat aus unserem Leserkreise an uns der Wunsch heran, wir möchten dem Schachspiel eine Spalte der„N. W." widmen. Anfänglich wären wir der Erfüllung dieses Wunsches abge- neigt: so alt und so geistreich das Schachspiel auch ist, hat es sich doch immer nur einer vcrhältnißmäßig geringen, wenn auch großcntheils begeisterten Anhänger/chl zu erfreuen gehabt; es ist zu gedankcncrmü� dend, zu schwer,—„als Spiel zu sehr Ernst", wie Moses Mendels- söhn gesagt haben soll,„und als Ernst zu sehr Spiel", um Leute, die einer spielenden Erhobrng bedürfen, dauernd fesseln zu können. Zudem meinten wir, daß gerade unsere Leser, die Männer und Frauen drZ eigentlichen, des arbeitenden Volkes auch nicht durch die geistreichst Spielerei von der ihnen nöthigsten Arbeit, des Nachdenkens über die staatlichen und gesellschaftlichen Mißstände, abgezogen werden dürsten. Zu weiterem Nachdenken über diesen Gegenstand angeregt durch Wieder- holung des Verlangens nach einer Schachspalte in der„N. W.", und zwar ans Arbeiterkreisen heraus, haben wir unsere Anschauung der Frage ein wenig ändern müssen. Wir beurtheilten anfangs das Schach- spiel von dem uns am nächsten liegenden Standpunkte, den« des Kops- arbeiters, aus nur als Erholungsthätigkeit, und als solche erfüllt es seinen Zweck allerdings nicht, iudem es eine viel zu angestrengte Hirn- lhätigkeit beansprucht. Vom Standpunkte des geistig regsamen Hand- arbeiters nimmt sich die Sache aber anders aus. Für diesen ist Geistes- anstrengung nicht allein Erholung von der Körperarbeit sondern sogar Bednrfniß— wei.> auch ein noch vielfach verkanntes, hinten- Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(P' gwitzerstr. angesetztes Bcdürfniß. Mit dieser Erwägung war der erste Theil unserer Bedenken gegen die Einführung des Schachspiels in die„N. W." gehoben. Aber der zweite hielt noch stand: denn grade dieses Be- dürfniß der Erholung durch Geistesanstrengung kann ja seitens des Handarbeiters nicht in zweckmäßigerer und edlerer Weise befriedigt werden, als durch Stndhcn der Staats- und Gesellschastseinrichtungen an der Hand der sozialistischen Presse. Es schien also, als ob die Pflege des Schachspiels in weiteren Arbeiterkreisen geeignet sei, einen, wenn auch relativ geringen Theil der auf das sozialpolitische Gebiet gerichteten Geistesthätigkeit einzelner Kreise des arbeitenden Volkes in die Bahnen des sozialpolitisch Gleichgültigen abzulenken. Doch auch dag'gen ließ sich einwenden, erstens, daß! ei den bereits für das poli- tische Denken gewonnenen Arbeitern eine spielende Vertrödelung ihrer gesammtenGedankenthätigkeit nicht mehr z» befürchten sei; ferner daß auch der politisch Eifrigste nicht seine ganze Mußezeit aus das Studium ernster, theilweise schtververständlicher Werke werde verwenden wollen und können; weiter noch, daß das Schachspiel sehr wohl befähigt sei, bei dem geistig;mmer lebendiger wirdenden deutschen Arbeitervolke dem geistlosen, also geisttödtenden Kegel-, Karten- und Billardspiel rasch Terrain abzugewinnen; diese Fähigkeit aber lange nicht so sehr dem von vornherein ungemein viel Wissensdrang und Geduld in Anspruch nehmenden sozialpolitischen Studium beiwohne; endlich und ausschlag- gebend, daß wer dem Denken überhaupt einmal gewonnen ist, sei es auch durch das Spiel mit den Schachfiguren, sein Nachdenken nicht aus das Spiel beschränken, sondern bald uns den Ernst des Lebens aus- dehnen wird. Und so verbucht es die„N. W." denn mit dem Schachspiel! Die Bourgeoisie und ihre Söhne turnen, um den nicht zur gehörigen Be- thätigung seiner Kräfte gelangenden Körper nicht ganz einrosten zn lassen— warum sollen die Arbeiter nicht Schach spielen und damit so eine Art Geistesturnerei üben, um auch in ihrer Erholung den großen Zweck der Geistcserziehung, der Einspannung in das Joch der ausschließlichen Körperarbeit zum Trotz, nicht aus den Augen zu ver- lieren?! Um jedem unserer Leser die Möglichkeit zur Besteundung mit dem „königlichen" Spiele zu gewähren, wollen wir vorerst in der nächsten Stummer eine Anleitung zur Erlernung des Schachspiels folgen lassen. Rechnungsaufgabe. Em Sozialist unterhält sich mit einem Liberalen über die Partei- Verhältnisse des Ortes 3£.; der Liberale prahlt mit der Stärke seiner Parwi und erzählt, daß einer der liberalen Parteiführer in seiner letzten Rede auf die Wirksamkeit der vielen liberalen Agitationsversammlungen und die beständig wachsende Zahl der Mitglieder des Reichsvereins in X. als das unerschütterliche Bollwerk der Z.'schen Reichstreue hingewiesen habe.„Allerdings hält," erwiderte der Sozialist,„euer Reichsverein in je 8 Wochen IE Sitzungen ab, während wir uns mit 8 begnügen, und er zählt gegenwärtig 1 Mitglieder mehr als unser Arbeiterverein, aber ihr gewinnt durchschnittlich erst in siebzehn Sitzungen soviel Mitglieder als wir in drei. Nun ist die Frage: wie viel Versammlungen hat der sozialisttsche Arbeiterverein voraussichtlich nöthig, um stärker zu r erden, als der Reichsverein. Aorresponden). Berlin. R. E— r. Zieht man Ihre geringe Schulbildung in Betracht, so wird man Ihre-lrbeiten als Beweise von geistiger Begabung anerkennen dürfen. So lange uns aber nur ein ganz unentwickeltes Talent gegenübertritt, vermögen wir nichts weiter zu thun, als zur sorgfältigen Pflege der vorhandenen Begabungskeime durch geistige Arbeit anzufeuern. Wie Sie am zweckmäfligsten Ihre Studien einrichten und woher Sie billige Bücher bekommen, darüber können Ihnen hervorragende Mtglicdcr der sozialistischen Partei in Berlin, wenn Sie Sich denselben persönlich vorgestellt haben, sedensallö bester Auskunft geben als wir. Wenden Sie Sich z. B. an die Herren Most oder Fritzschc.— La. Ihre Berufung aus den„gesunden Menschenverstand" hat uns an das Wort Kaut's o-innert:„In der That ist es eine große Gabe des Himmels, einen geraden(oder, wie man es neuerlich benannt hat, schlichten) Menschenverstand zu befltzcn. Aber man muß ihn durch Thülen beweisen, durch das Ueberlcgte und Vernünftige, was man denkt und sagt, nicht aber dadurch, daß, wenn man nichts Kluges zu feiner Recht- fertigung vorzubringen weiß, man flch aus ihn als ein Orakel beruft. Wenn Einsicht und Wissenschast auf die Neige gehen, alsdann und nickt eher, sich aus den gemeinen Menschenverstand zn berufen, das ist eine von den subtilen Erfindungen neuerer Zeit, dabei es der schalste Schwäger mit dem gründlichsten Kovse ausnehmen kann---" Nehmen Sie dem alte» Kant nicht Übel, daß er hier etwa» sehr deutlich wird! Gräfenhaimchrn. W. Wenn Rakel eine Weltstadt und Sie nicht nur ein sehr vernünAger. tüchtiger Mann, sondern auch ein Dichter wären, würden wir Ihr Gedicht „Sedanferer in Rakel" ausgenommen haben. Humor kann man Ihnen übrigens nicht absprechen. ,... Wie». E. Tz. Ihnen, der Sie„nach eifrigen wistenschaftlichen Studien vor der Frage angelangt" sind, ob„das Wissen nicht Trug" und ob nicht„im Glauben allein Glück" zu finden sei, rufen wir mit Göthe zu: Verachte nur Bernirnit und Wissenschaft, Des Menschen allerhöchste Kraft, Laß nur in Blend- und Zauberwerken Dich von dem Lügengeist bestärken, So hat er dich schon unbedingt. Uebrigens können wir nicht umhin, die nüchterne Bemerkung hinzuzusüge», daß Einer, so gut wie er an die jüdisch-chriftlicheu Religionsphantasieen glaubt, auch jeder belie- bigen andern Fiktion Glauben schenken darf oder lonsegnenterweise eigentlick müßte. Für religiöse„Wahrheiten" gicdl es gar keine andere Garantie, als die Gewißheit, daß es vor uns auch Leute gegeben hat, die sie bcweislos, aus guten Glauben, hingenommen haben. Und nun lasten Sie Ihren Blick schweifen über die ganze Kulturgeschichte von der Urreligion der Inder bis zum modernen Spiritismus und sagen Sie uns, für welche» Aberwitz diese„Garantie" nicht auch vorhanden wäre?! 20).— Druck und Verlag der Genosscnschastsbuchdruckcrei in Leipzig.