Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften k 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Der Erbonkel. Novelle von Ernst von Watdow. (Fortsetzung.) Die Brüder standen sich gegenüber, sie waren einander nie sehr sympathisch gewesen und Sebastians Ehrgeiz hatte die Spottsucht Jakobs stets herausgefordert. Jetzt war der„kleine Minister" ein abgedankter Hofbeamter, der es nicht unter seiner Würde fand, auch um die Erbschaft des„geizigen Krämers" zu buhlen. Mit einem triumphirenden Lächeln blickte denn auch Jakob nach der ziemlich kühlen Umarmung auf das schüchterne Männchen herab und sagte dann mit einem Versuche, einiges Wohl- wollen in den Ton seiner Stimme zu legen: „Ja, ja, ich Hab' mir immer gedacht, daß es einmal so kommen wird;— nun, du hast mir damals nicht geglaubt, hast dein Kapitälchen schlecht angelegt— schlecht angelegt,— Fürsten- gunst ist eitler Dunst,— jetzt kommt jeder gute Rath leider zu spät."— Der Hofrath nickte wehmüthig mit dem grauen Kopfchen und murmelte dann etwas von den„Seinen", die es schon kaum er- warten könnten, die Bekanntschaft des verehrten Onkels zu machen. Herr Jakob grinste vergnüglich. „So, so,— hätt's kaum gedacht, daß aus meine alten Tage noch von den schönen, adligen Damen wcrd' so kascholirt werden; na, da komm aber, Bastian, wollen deine Gnädige nicht warten lassen,— müßtest es am Ende gar daheim büßen— he? Oder hast du das Hausregiinent? Schaust mir eben nicht darnach aus!" Damit waren die beiden Arm in Arm in das nächste Ge- mach— das Empfangszimmer— getreten. Dasselbe war höchst ärmlich ausgestattet, sechs Stühle, ein altmodisches Kanapee, einige Schränke und Kommoden, zwei schlechte Stahlstiche an den Wänden—„Napoleon in Fontainebleau" und„das Mädchen von Saragossa" bildeten so ziemlich die ganze Ausstattung des Zim- mers, dessen düstere Fenster niit den halb erblindeten Scheiben nicht einmal durch weiße Vorhänge ein freundliches Ansehen erhielten. Auf dem hartgepolsterten Sopha saß Frau Edeltrud, angethan mit einer schweren, langschleppigen Seidenrobe und eineyi weißen Hute, von dem stolz und zugleich herablassend zwei dicke Straußen- federn winkten. Adelgunde war in ein weiß und blau gestreiftes Wollenkleid gehüllt und das Innere ihres Hütchens zierte ein Kranz aus Vergißmeinnicht, der sich in ihren röthlichblondeu Locken verlor. Sie sah sehr schmachtend aus. Auf des kleinen Röschen Toilette war mindere Sorgfalt verwendet worden. Dame Edeltrud erhob sich steif und reichte dem Schwager Jakob, wie gestern Johann, ihre Rechte, jedoch war das Lächeln, welches jetzt ihren Mund umspielte, bedeutend freundlicher und sie sprach auch einige höfliche Worte, in denen sie die Freude, daß es ihr endlich gestattet sei, der Familie ihres theuren Sebaldus näher zu treten, gewandt Ausdruck gab. Jakob ließ die kleine Hand nach einem leichten Druck wieder las und fragte mit gut gespielter Verwunderung: „Sebaldus, Frau Schwägerin,— Sebaldus heißt wohl Ihr erster Mann?" „Mein erster Mann?" rief die Hofräthin entsetzt.„Wissen Sie denn nicht, daß ich als eine jungfräuliche Braut in den heiligen Ehestand getreten bin?" „Nein, in der That, dies war mir nicht bekannt, es freut mich aber umsomehr, im Interesse meines Bruders,•— jedoch, dann war wohl dieser, Sebaldus� eine— nun, vielleicht eine Jugendbekanntschaft, wenn man fragen darf?" „Aber ich nenne ja den Hofrath, meinen Mann, Sebaldus!" „Ach so, da ist er umgetauft worden,—■ also, Sie fanden für nöthig, ihm einen neuen Menschen anzuziehen,— hm, hm, war immer so eine Art Don Juan, der gute Bastian,— ein Vocativus, wie die Herren Cavaliere sagen, zu denen er sich doch gewiß gerechnet haben wird." Die Hofräthin wünschte augenscheinlich dieses unpassende Ge- spräch beendet, deshalb sah sie zu ihrer Tochter Adelgunde hin- über, und diese, den auffordernden Blick der wasserblaucn mütter- licheu Augen richtig deutend, stellte sich ohne Scheu vor Onkel Jakob in Positur und begann mit einem schmachtenden Blicke: „Theurer Oheim, mir sagt es mein Herz, wir werden bald die besten Freunde werden. Mein weiches, liebevolles Gemüth sehnt sich nach Anschluß, mein dem Gewöhnlichen abholder Sinn war und ist stets dem Außerordentlichen, dem Seltenen und Genialen zugewendet gewesen und—" Hier stockte Adelgunde, denn Jakobs Blick war mit einem Ausdruck auf sie geheftet, wie ihn etwa ein Sammler hat, wenn ihm ein neues Exemplar geboten wird, das er im Moment noch nicht zu klassifiziren vermag. Röschen, der man dahciin schon viele gute Lehren, daß sie ja freundlich und kindlich zärtlich den Erbonkel begrüßen und nicht etwa, ihrer Gewohnheit gemäß, scheu und schüchtern zur Teite blicken solle, näherte sich jetzt mit kleinen Schritten der so hochwichtigen Persönlichkeit, und in dem instinktiven Gefühl, der stockenden und vergeblich den Faden ihrer Anrede wieder suchenden Schwester zu Hülfe zu kommen, ergriff sie Herrn Jakobs feucht- kalte Hand und sagte, ihn neugierig und mit erstaunten Augen betrachtend: „Du bist also der Erbonkel?!" Wäre eine Bombe in das kahle Empfangszimmer durch eine der blinden Scheiben hereingeflogen, die Familie von Bartels hätte nicht entsetzter blicken, nicht vielsagender verstummen können, als dies jetzt geschah. Desto belustigter schien der alte Herr durch diese seltsame Frage. Er meckerte förmlich vor Lachen und wiederholte, immer wieder anf's neue kichernd: ,,Ja, ja, mein Töchterchen, ich bin der Erbonkel." Dann beugteer sich zu der Kleinen nieder und fragte zutraulich:„Willst du mich auch vielleicht beerben, mein Püppchen?" „O ja," lächelte die Kleine, kühn gemacht durch ihren äugen scheinlichen Erfolg,„gewiß möcht' ich das— wenn Schwester Adelgunde und die Mama nicht-? dagegen haben." „Vorlautes Kind!" rief die Hofräthin verweisend dazwischen. Ter Onkel aber legte wie beschützend seine Hand auf das lockige Haupt der kleinen Nichte und meinte gutmüthig: „Lassen Sie doch den lieben Ichatz sprechen, ich höre das Geplauder von Kindern gern, sie können sich noch nicht so gut verstellen wie die Großen, ihr Egoismus tritt deshalb naiver zu Tage. Sag' mir, mein Herzchen, warum will denn Schwester Adelgunde nicht, daß du alle die großen Puppen erben sollst und das viele Spielzeug, was der Onkel hat?" Tie Kleine blickte etwas scheu auf, aber der Gedanke an die großen Puppen und das viele Spielzeug gab ihr Muth, halb weinerlich erwiderte sie daher: „Weil Adelgunde älter ist und von allem zuerst bekommt, und dann lvill sie auch die Erbschaft haben, damit Theobald sie heirathet." Hier faßte Papa Hofrath so nachdrücklich den Arm seiner Jüngsten, daß diese jäh verstummte. Herr Jakob aber wandte sich zu der erglühenden Adelgunde und fragte grinsend: „Also Theobald heißt er,— da darf man wohl gratuliren, Fräulein Nichte?" Das arme Mädchen murmelte einige ablehnende Worte und schwieg dann. Eine peinliche Pause entstand, die der Onkel sich hütete, zu unterbrechen, denn er freute sich der Verlegenheit, welche so augenscheinlich auf allen lastete. Tie Hofräthin ermannte sich zuerst, und da Herr Jakob zu hüsteln begann und seinen alten abgeschabten Hausrock fester um die mageren Glieder zog, sagte sie: „Ihnen scheint nicht ganz wohl zu sein, Herr Schwager, und ivir greifen durch unsern Besuch vielleicht störend in Ihre häüs- lichen Gewohnheiten ein?!" Hähähä!— Fühle mich ganz munter, danke bestens für die freundliche Sorge,— denke aber noch recht lange auf dieser Welt zu bleiben," erwiderte der alte Geizhals grinsend und wandte sich dann zu Röschen.„Ja, mein liebes Kind, der Erbonkel niacht noch lange keine Anstalten zum Sterben und du wirst auf die großen Puppen und Schwester Adelgunde sammt Theobald ans das heidnisch viele Geld noch ein hübsches Weilchen warten müssen!" Frau Edeltrud erhob sich verletzt, ihre Geduld schien erschöpft und sie sagte zu dem trübe vor sich hinblickenden Gemahl: „Wir wollen deinen Bruder nicht länger stören!" „O, nicht doch, Frau Schwägerin, freut mich ja sehr, werden doch nicht denken, daß ich Sie so ohne weiteres fortlasse! Eine Mittagssnppe müssen Sie schon bei dem Erbonkel essen nicht wahr, Röschen?" „Ja. Onkelchen, wenn du mich ein bischen mit deiner großen Puppe spielen läßt!" „Ah, das ist reizend! Hört nur, wie praktisch die Kleine ist, sie will indessen eine �Nutznießung von der Erbschaft haben,— nur, Röschen, laß dir ja nicht merken, daß du die Erbin bist, sonst zausen dich Onkel Johannes' Kinder ohne Gnade." Der Hofrath erzählte hastig, daß Johann sie morgen alle zum Speisen eingeladen habe. Das Gespräch ward nun allgemeiner, und auch Adelgunde mischte sich anfathmend in die Unterhaltung. Trotzdem war es wie eine Erlösung für die Damen Bartels, als die häßliche Haushälterin ihren» großen Kopf in's Zimmei steckte und die Meldung machte, daß die Suppe ans dem Tisch stehe. Onkel Jakob bot galant der stattlichen Schwägerin den Arm- und sie legte nicht ohne inneres Widerstreben die zierlich behand schuhte Linke ans den fettigen Schrcibärmel des Erbonkels. In dem nach dem Hose zu gelegenen schmalen und düsterer Speisezimmer, das nur einen gedeckten Tisch und zwölf plumpe� Sessel ans Eichenholz enthielt, warteten der stolzen Hofräthin nächst der dampfenden Suppe, die schon liebliche Düfte verbreitete, neue Demüthigungen. An einem Tische mit ihr saß und aß nämlich nicht blos die alke Haushälterin, sondern auch deren Neffe Hans, der schmächtige Lehrling mit dem stehenden blöden Lächeln! Herrn Hans schienen die röthlichen Locken und schmachtenden Augen Adelgundens, die seine Tischnachbarin war, besser zu ge fallen, als dem alten Jakob, der Röschen an seine Seite genommen hatte und der Frau Gertrud, während diese den Braten schnitt, in möglichst boshafter Weise erzählte, wclcb' t:' ihm die kluge Kleine gegeben. Ter Hofrath, der eben eine Gabel voll K geführt,' hustete und prustete dabei so besorgnis Bruder sich freundlich erkundigte, ob ihm etwc Halse stecken geblieben sei? Herr Hans lachte über diesen Witz seines vergnügt, und legte dann der schönen Nachbarin, Bewundernng ein großes Stück Ichwcinsbraten c Adelgunde verweigerte die Annahme, aber ihr.nuoen half nichts, der unverschämte Mensch ging sogar so weit, ihr mit seinen rothen, aufgesprungenen Händen zärtlich den Arm zu drücken, während er ihr zufliisterte: „Essen Sie nur, schönes Fräulein, immer lassen Sie sich's schmecken, der Herr Onkel rechnet's Ihnen doch an!" Adelgunde würgte schaudernd das Bratenstück noch hinab, nur damit sie nicht den schrecklichen Menschen neben sich anzusehen und ihm zu antworten brauchte. „O Theobald," hauchte sie, als das letzte Stückchen glücklich verschluckt war,„das alles leide ich um deinetwillen!" ** * So qualvoll der Aufenthalt in dem grauen Hause für die Familie von Bartels, mit Ausnahme Röschens, gewesen, so war doch das sonntägliche Mittagsmahl bei Onkel Johann— dem Schreiner— noch bei weitem entsetzlicher, wie die Hofräthin wenigstens behauptete. Erstens gab es�iviedernm gedünstetes Kraut und Schweins- braten— eine kleine Malice des Schicksalteufelchens, die dem Hosrath, der gern gut speiste, und der armen Adelgunde, welche von der Fran Meisterin bedient worden war, wchmüthige Seufzer kosteten. Frau Edeltrud kostete nur von den aufgetragenen Speisen und erregte dadurch in hohem Grade den Groll der Schwägerin Friederike, welche der„hochnäsigen Gnädigen" noch eher die weißen Kamelien an der Putzhaube und das graue Seidenkleid, als diese völlige Appetitlosigkeit verziehen hätte. lind was für Mühe hatte doch dieses Gastmahl gekostet! Die arme Fran war noch ganz„abgehetzt", wie sie dem Hofrath gestand, der ihre frische Gesichtsfarbe lobte. Dafür waren aber auch die Dielen der„guten Stube"� von untadeliger Weiße, die Vorhänge frisch aufgesteckt, alles sorglich abgestäubt und sogar das Kunstwerk im Glasschrank, eine Schäfcrgruppe aus Dragant, einer gründlichen Reinigung unterzogen ivorden. Leider hatte dabei der liebende Dämon den Kopf verloren— ein Unglück, das Verliebten öfter geschehen soll— und Frau Friederike hatte besagten strohhutbedeckten Kops in der Eile falsch aufgesetzt, so daß Tamon der zärtlichen Phyllis jetzt seine gelbe Lockentvur zeigte und dabei tapfer die Flöte in die Höhe hielt. Endlich ivar auch dieses Mittagsmahl beendet und die„ab gehetzte" Frau Friederike kam zum Sitzen und vcrinochte nun ihrer seits dcni bereits kalt gewordenen Schweinsbraten zuzusprechen. Röschen hatte sich schnell mit der neunjährigen Franziska und dem zwölfjährigen Jakob— Onkel Johanns Kindern— befreundet und freute sich schon auf die versprochenen Spiele in dem geräu migen Hofe. Da drängte die Hofräthin zum Aufbruch, eine Migräne vor- schützend. Jetzt aber kam die Schwägerin ordentlich in's Fener. 39 „sJJa, erlauben Sie mir, das wäre eine schöne Geschichte, wenn Sie jetzt ausreißen wollten, nein, das dürfen Sie mir nicht an thun. Auf Nachmittag zum Kaffee habe ich die ganze Verwandt schaff geladen, und die Jungfer Martha und Emmerenzia würden mir schöne Gesichter machen und sich den Mund zerreißen, wenn sie das Nest ausgeflogen fänden. Deshalb habe ich ja noch heut vor Tage in aller Eil die großen Streuselkuchen gebacken, mein Kaffee,— ich will mich nicht loben, aber nicht wahr, Johann, alles was recht ist,— gut ist mein Kaffee, der wird Sie schon kuriren,— und der Kuchen soll Ihnen schmecken, und wenn Sie zehnmal aus der Residenz kommen,— mein Kuchen ist berühmt. Essen und Trinken aber ist das beste Mittel gegen Kopfschmerz." Es ivar unmöglich, diese wortreiche Beweisführung zu wider- legen, ja, auch nur zu unterbrechen, und so ergab sich die Hof- räthin in ihr Geschick, und während Herr Scbaldns mit dem Bruder Haus und Werkstatt in Augenschein nahm, Röschen lustig im Hofe„Versteckens" und.Mmmerchen vermiethen" spielte, Frau Friederike aber in die Küche ging, um den Kaffee zu bereiten, indessen die taube Magd das Geschirr reinigte,— lehnte Frau Edeltrud den schmerzenden Kopf, von dem sie die beneidete weiße Spitzenhaube abgenommen, an die treue, schmächtige Brust der Tochter und tiefe Seufzer über den Verlust einer erträumten Herrlichkeit und die Leiden dieser„vulgären" Gegenwart stiegen zum Himmel auf. Mit dem Schlage drei fanden sich die beiden jungfräulichen Schwägerinnen cm und begrüßten mit großer Zurückhaltung die bleiche Hofräthin, ivelche schnell wieder ihre Putzhaube aufgesetzt und die Falten des„Grauseidenen" glattgestrichen, von dessen Reizen Frau Friederike sogar der tauben Magd in der Küche „beim Abwasch" erzählt. Fräulein Martha war jedensallS die ansprechendere Erschein nung, klein und dick, hatte ihre sehr altffänkisch, aber sauber ge kleidete Person etwas Gemüthliches, Vertrauenerweckendes. Nur die kleinen grauen Augen erinnerten durch den stechenden Blick an Bruder Jakob. Emmerenzia dagegen hatte die lange, hagere Figur mit dem„Erbonkel" gemein und die großen Hände, sonst besaß sie, abweichend von den übrigen Bartels, dunkle, schwär mensche Augen und schwarzes Haar, das sie zu beiden Seiten des hageren j gelblichen Antlitzes in langen Locken herabhängen ließ. Das dunkle, altmodische Seidenkleid war mit rosa Schleifen in der überladensten Weise aufgeputzt, auch der Haarschmuck bestand in rosa Bandrosetten. Die Schwestern, welche zivar ziemlich gleichzeitig eingetroffen, aber nicht zusamniengekommen waren, betrachteten sich mit scharfen und musternden Blicken, bald aber wandte sich ihre ganze Aufmerksamkeit den adligen Verwandten zu, und der kleine Krieg, der zwischen Martha und Emmerenzia herrschte, ward durch einen in stillschweigender Uebcreinstimmnng geschlossenen Waffenstillstand sistirt. Nachdem die beiden alten Jungfrauen eine halbe Stunde mit der Hofräthin und Adelgunde geplaudert, ward ihnen klar, daß die neuen Ankömmlinge keineswegs zu unterschätzende tAtgnerinnen seien. Die stolze Erscheinung der Hofräthin oder Adelgundens schwärmerische Zartheit konnten doch• einen Eindruck ans Onkel Jakobs unberechenbaren Sinn machen, und vielleicht testirte er auch nur zu Gunsten der„Fremden", um die Dohlenwinkler Sippe recht tief zu kränken— zuzutrauen wäre ihm dies schon. Die dickbäuchige braune Kaffeekanne, inmitten einer Anzahl, von einander verschiedener, goldgerändeter und mit sinnigen Sprüchen versehener Tassen erschien endlich. Der braune, stark init Cichorie vermischte Trank üble aber nur scheinbar eine fried liche und versöhnliche Wirkung. Zwar saßen sie alle vereint um den runden Kaffeetisch, sogar die Kinder hatten sich mit geröthetcn Wangen und in Unordnung gekommenen Kleidern cingefundcn und vertilgten enorme Portionen des sehr schmackhaften Backwerks. An die„gnädige Schwägerin" wagten sich die Schwestern noch nicht heran, mit dem Bruder, der, wenn auch geadelt, doch ein„Bartels" blieb und seit seiner Entlassung aus dem Staats dienste überhaupt viel von seinem Nimbus verloren, war das etwas anderes, ihm konnten sie schon durch einige hingeworfene Bemerkungen auf den Zahn fühlen.. Beide waren von den Ereignissen des gestrigen Tages und dem Empfange, den die„neuen Erbschleicher" bei dem Onkel ge- funden, vollständig, wenn auch durch verschiedene Quellen, unter- richtet. Martha erfuhr, wie alles Wissenswerthe, auch dieses durch den Wirth zum„Schwarzen Wallfisch". Emmerenzia hatte einen Scelenbnnd mit dem Ladcndiener Hans geschlossen und besuchte sehr häufig den Laden unter dein Vorwande, kleine Einkäufe zu machen, dann ging sie auch auf ein Stündchen zu Frau Gertrud, und obgleich die häßliche Haushälterin eine erklärliche Abneigung gegen die ganze erbberechtigte Verwandtschaft ihres Herrn hatte, dem sie blind ergeben war, so konnte sie doch dem Reize eines Planderstündchens nicht widerstehen, und wenn selbst die Ver- sucherin Fräulein Emmerenzia war, die sie schon garnicht leiden mochte. Der redlichen, etwas schroffen Frau war nämlich die zur Schau getragene Schwärmerei der romantischen alten Jungfer gradezu widerwärtig, und die„Seelenfreunds chaft", ivelche Emme- renzia für den blöden Hans zu empfinden vorgab, wurde von Gertrud mit einem sehr derben Ausdruck, wenn auch richtig, aber nicht ganz ästhetisch bezeichnet. Deshalb hatte Frau Gertrud auch der lispelnden Schivär- merin recht viel von dem Eindruck erzählt, den das hübsche Fräu- lein Adelgunde ans das empfängliche Herz ihres Neffen gemacht. Es ist erklärlich, daß Emmerenzia, die' Fräulein von Bartels mit scheelen Blicken musterte, nur auf eine Gelegenheit ivartete, ihrer Galle Luft zu mache». Diese Gelegeuheit ließ auch nicht lange ans sich ivarten, denn Martha, d e kein Herzensintcreffe bei der Sache hatte und der demgemäß die Erzählung von Röschens naivem Gespräche mit Bruder Jakob am wichtigsten gewesen, streichelte jetzt die Wangen des munteren Kindes und sagte lauernd: „Also das hier ist die zukünftige Herrin des Bartelshauses am Markte mitsammt dem vielen Gelde darin— „Und den großen Puppen!" unterbrach Röschen fröhlich. Tie Hofräthin und Adelgunde begannen unruhig zu werden, Frau Friederike goß im Acrger Emmerenzia's Taste so übervoll, daß die rothgeblümte Kaffeeserviette Flecke bekam, und Herr Johann machte sehr energische Anstrengungen, den unsichtbaren Hobel in Bewegung zu setzen. Er faßte sich übrigens zuerst und fragte mißtrauisch: „Wie ist denn der Spaß zu verstehen, Martha?" „Nun, ganz einfach, Röschen hat dem Bruder Jakob dadurch, daß sie ihn mit„Erbonkel" anredete, so gut gefallen, daß er sie zu seiner Erbin erklärt hat ivenn dies nämlich die Schwester Adelgunde—" „Und Herr Theobald erlauben!" schloß Emmerenzia mit einem giftigen Seitenblick auf die erröthende Adelgunde. „Dummes Geschwätz," brummte Frau Friederike verdrießlich vor sich hin und fügte, zu den Kindern gewendet, hinzu:„Wenn ihr satt seid, dann könnt ihr in den Hos spielen gehen, damit hier mehr Platz wird." Die Kinder gehorchten sogleich, obwohl die kleine Franziska eine sehr mürrische Miene machte. Die arme Hofräthin athmcte erleichtert auf, seit das„Enfant terrible" das Zimmer verlassen: aus Dankbarkeit ließ sie sich eine vierte Tasse Kaffee und ein fünftes Stück Kuchen von der be- redten Frau Schwägerin aufnöthigen. Wenn aber nun auch nothgedrungen das Gesprächsthema ge- wechselt wurde, so sorgten die beiden alten Jungfern schon redlich dafür, daß die vornehmen Verwandten nicht ans Rosen saßen und manche unliebsamen Dinge hören mußten. Das graue Männlein verstummte endlich gänzlich, denn der Gattin zusammengekniffene Lippen und gerunzelte Brauen ver- kündeten ihm nichts Gutes.— Welche Gardinenpredigt würde er da zu hören bekommen! Denn das war doch eine ausge- machte Sache, daß er, Sebaldus, oder, wie ihn hier die Geschwister nannten,„Sebastian" für alle Taktlosigkeilen und Bosheiten der Sippe Bartels verantwortlich gemacht ward! llnd nun fragte ihn noch Schwester Emmerenzia, die schnell die schwächste Seite der adligen Schwägerin ausgespürt, ob er denn schon den gelehrten Bruder Eusebius besucht habe und es wisse, daß derselbe in seinen Mußestunden, deren er zwölf am Tage habe, die alten Schuhe und Stiefel der Dohlenwinkler ausflicke? Die Hofräthin fuhr niit der Hand zum Herzen,>vo sie einen scharfen Schmerz verspürte, dann richtete sie' sich majestätisch auf und sagte tonlos: „Ich befinde mich nicht wohl und wünsche mich mit meiner Tochter zurückzuziehen." Die Frau Meisterin sprang geschäftig herzu, und nahm sich nur eben soviel Zeit, einen bösen Blick aus Schwägerin Emmerenzia zu werfen, die mit kindlicher Harmlosigkeit au den Schleifen ihres Bnsentuchcs zupfte und gänzlich ahnungslos schien, daß just ihre boshafte Bemerkung den Herzkrampf der armen Dame veranlaßt hatte. Obgleich nun die Gattin des Tischlermeisters unmöglich ein Verständniß für den Schmerz haben konnte, der Frau Edeltruds Busen schwellte, verdroß sie doch der Umstand, daß man die Gäste ihres Hauses vor ihren Augen beleidigt habe, und sie würde ihrer Entrüstung darüber gewiß viele Worte geliehen haben, wenn nicht in diesem Augenblick ein Wehegeschrei, ausgestoßen von Kinderstimmen, an die Ohren der zwei besorgten Mütter gedrungen wäre. Die Hoftäthin vermeinte Röschens, die Tischlermeisterin der kleinen Franziska Stimme aus dem beginnenden Schrei-Konzert herauszuhören. Während die Dame sich aber uock hülflos und ängstlich umblickte und dabei mit bebenden Fingern den Shawl zu befestigen suchte, war die resolute Meisterin schon zur Stube hinaus- geeilt und beruhigte sich erst, als sie, im Hofe angelangt, die drei Kin- der auf das eifrigste damit beschäfttgt sah, einander nach allen Regeln der Kunst zu prügeln. Richtiger ge- sagt, prügelten Fran- ziska und Jakob die kleine Cousine Rose, und diese, der Ueberinacht schier erliegend, hatte die Kraft ihrer Lungen zu Hülfe genommen, um den stärkeren Feind zu besiegen. Dies war ihr nun auch gelungen, denn die Meisterin säumte nicht, hier mit Wort und That hülfreich einzugreifen. Jakob, der„Tauge- nichts", flog in die rechte und Franziska, der„un- nütze Balg", in die linke Ecke, und Röschen stand als Siegerin ganz allein auf dem Kampfplätze, in der Hand noch ein rothes Zopfband der kleinen Feindin haltend, das sie starren Auges und mit hoch wogender Brust betrachtete. Erst als die übrige Gesell- schaft erschien und die Kleine ihrer Eltern an- Torquato Tasso sichtig ward, faßte sie nach der Stirn, wo eine große Beule Zeugniß von der Faustkrafc Ja- kobs ablegte, und warf sich laut aufschluchzend in die Arme der bleichen Mutter. Meister Johann inquirirte indessen seine Sprößlinge, denen er eine später zu vollziehende Strafe in Aussicht stellte, scharf dar- über, wer oder was den Anlaß zu diesem Streite gegeben habe. „Der Erbonkel!" schrieen Franziska und Jakob gleichzeitig und berichteten dann weinerlich, daß die neue Cousine sich ge- rühmt habe, die Puppen und das viele Spielzeug in dem grauen Hause, ja dieses selbst sammt dem großen Kramladen und dem vielen Gelde werde einmal ihr allein gehören, das habe ihr Onkel Jakob versprochen. Es war keine geringe Entrüstung gewesen, welche diese Mittheilung in den Kindergemüthern der bürgerlichen erbberechtigten kleinen Bartels hervorgerufen! Franziska hatte sich zwar anfangs damit begnügt, die Erbin ein„dummes Ding" zu nennen, das sich einbilde, nur deshalb die Erbschaft davonzutragen, weil es„adelig" sei; als aber Röschen ihr die Versicherung gegeben, daß sie selbst eine„dumme Gans" wäre, wenn sie so rede, und nun von ihr garnichts aus der Erb- schaft erhalten werde, da hatte Jakob—(schon in seiner Eigen- schaft als Pathenkind des Erbonkels der nächste zu dem streitigen Besitze) sich der Schwester angenommen, und—„da war's halt so gekommen"— wie der Bursche jetzt, reueerfüllt, meinte. Es fehlte nicht an bedauernden Bemerkungen»nd guten Rath- schlügen, um den Schmerz der Kleinen zu stillen, welche ihren Thränen nun um so freieren Lauf ließ, als sie in sich den Gegen- stand der allgemeinen Theilnahme erblickte. Am wortreichsten war dabei Jungftau Emmerenzia, und nur die abweisende Kälte Frau Edeltruds konnte verhindern, daß die beiden Schwägerinnen ihnen auch noch in das einzige Asyl— in das Gastzimmer des„schwarzen Wallfisches" folgten, wohin sich jetzt die Damen begaben, in Begleitung des Hoftaths, der sich eilfertig von den Ge- schwistern verabschiedete, sein immer noch leise schluchzendes Töchter- chen au der Hand nach sich ziehend. Frau Edeltrud würde vielleicht eine kleine Ge- nugthuung, wenigstens für all' die ihr wider- fahrene Unbill gehabt haben, wenn sie der Szene hätte beiwohnen können, die sich jetzt in der festlich geputzten großen Stube des Schreinerhauses abspiel- te. Es wäre schwer zu bestimmen gewesen, wer eigentlich den Streit begonnen: ob die dtcke Martha, welche ihrer Schwester Emmerenzia, der„ältlichen, gesetzten Person", lächerliche Ge- fallsucht, was den An- zua bettaf, und blinde Eifersucht auf die hübsche Adelgunde vorwarf,— ob Emnierenzia, die wiederum ihrer Schwä- gerin den Vorwurf schlechter Kindererzieh- ung machte,— ob endlich Meister Johann, der von„unanständigem Betragen" gegen Gäste und nahe Verwandte sprach,— sicher ist nur, daß bald alle auf ein- (Seite 47.) mal sprachen, spotteten, schrieen und schimpften, und viel böse Worte fielen. Jungftau Emme- renzia kam dabei am schlechtesten weg, denn, obgleich sie die giftigste Zunge besaß, sammt der Gabe, stets die verwundbarste Stelle des Gegners im Wortgefecht zu treffen, so hinderte ihr Sprachfehler sie wieder da, wo es sich um Kraft des Ausdrucks und Stimmfülle handelte. Sie lispelte nänilich auch in der größten Erregung des Zorns, nur klang es dann, als zische eine Schlange, während ihre Sprechweise dem blonden Ladendiener gegenüber das Lispeln einer zarten Jungftau imitiren sollte, die dem Gegenstände süßer Herzcnsneigung nicht ftei entgegenzutreten wagt. Die vielen Lächerlichkeiten der verliebten alten Jungfer wurden von ihren Geschwistern scharf gegeißelt, und besonders Martha verschmähte nicht, die„Tugcndheuchlerin" zu entlarven.— Aber auch die stärkste Lunge erschöpft sich endlich. Diese Bemerkung machte die Meisterin an sich, als sie sich hustend und nach Athem haschend auf einen Stuhl gleiten ließ. (Fortsetzung folgt.) 42 Die Chemie des täglichen Lebens. Von Smanuel Wurm. (Fortsetzung.) Das Räuchern mit aromatischen Substanzen, wie Lavendel. Thymian, die in Form von Räucherkerzen, Pulvern und Papieren sch im Handel finden, ist ohne Werth, denn sie zerstören nicht die schlechte Lust, sondern verdecken nur den Geruch derselben. Eine andere Art der Desinfektion ist die, daß mau die schädlichen Gase von geeigneten Körpern aufsaugen(absorbiren) läßt und dadurch aus dem Athmungsraum entfernt. Ein solches Absorptions mittel ist pulverisirte Holzkohle, die man in einem flachen, geräumigen Napfe in den Zimmern aufstellt. Diese hat, besonders wenn sie von Zeit zu Zeit geglüht wird, die Eigenschaft, sich mit Gasen zu sättigen, welche in die Poren der Oberfläche der Holzkohle eindringen. Da ein Kubikzoll pulverisirte Holzkohle 100 Quadratfuß Oberfläche entspricht, so kann sie sehr reichlich absorbiren und nimmt auch gegen 14 Prozent ihres Gewichtes Gase auf. Diese entzieht sie dadurch dem AthmungSraume und veranlaßt gleichzeitig ein Nachströmen frischer Lust durch die Poren und Ritzen des Zimmers. Eine jede Wohnung müßte einen solchen Napf mit Kohlenpulvcr enthalten, und wenn dasselbe täglich durch frisches ersetzt oder das gebrauchte geglüht wird, ivas sich in einer eisernen Schaufel über Kohlenfeuer bequem ausführen läßt, so bietet es eine billige und gute Desinfektion. Natürlich darf man den Napf nicht an zugigen Orten aufstellen, wo Kohlen theilchen emporgewirbelt und so in die Lungen gebracht werden könnten. Die Decken der Schränke sind zur Aufstellung am geeignetsten, da die ausgeathmete Luft, welche wärmer ist, in die Höhe steigt. Ersetzt wird das Kohlenpulver auch durch getrocknete mergelhaltige Erde. Gelöschter Kalk bindet besonders Kohlensäure. Wir halten uns in Schlafzimmern gegen zehn Stunden ohne Unterbrechung auf und scheiden in dieser Zeit IM— 200 Liter Kohlensäure, je nach dem Aster, aus. Ein Mensch von acht Jahren exspirirt stündlich 9,3 Liter, im Alter von 20— 24 Jahren 22,7 Liter Kohlensäure. Eine Person braucht also, da 0,1 pCt. Kohlen� säure die äußerste Grenze zwischen guter und schlechter Luft ist, einen IM— 2M Kubikmeter großen Luftraum, denn die aus geathmete Kohlensäure entspricht IM— 2M Kubikdezimetern für zehn Stunden. Die arbeitenden Klassen, denen nach der Anstrengung des Tages eine genügende Erholung am allernothwcu digstcn wäre, werden freilich noch warten müssen, ehe man ihnen geräumige und gesunde Wohnungen baut oder auf die Luft der Ärbeitslokalitäten mehr Rücksicht" nimmt. Schlechte Luft in den Fabriken, schlechte Lust zu Hause, wenig Zest zur Erholung im Freien, sind einige der hauptsächlichsten Ursachen der kurzen Lebensdauer, welche die Arbeiter haben. Soviel es in eines jeden Kräften steht, suche er sich gesunde Luft zu verschaffen. Durch das Athmcn verbindet sich der Sauerstoff mit den Be- standtheilcn des Blutes und verbrennt dieselben. Hierdurch gehen Stoffe verloren und diese müssen ersetzt Iverden, wenn nicht Störungen im Organismus vorkommen sollen. Die Größe unsers Nahrungsbedürfnisses ist aber verschieden. Sie häugt ab von der Sauerstoffaufnahme und diese wiederum von der körperlichen Bewegung und Anstrengung. Der Appetit derjenigen, welche schwere Arbeit verrichten müssen, ist ja sprüchwörtlich.„Er ißt wie ein Scheunendrescher," heißt es von dem, der unersättlich zu sein scheint. Ter größere Scmerstoffverbrauch beim Arbeiten ver- ursacht eine schnellere und vermehrte Verbrennung des Blutes, die Stoffzufuhr muß also mit dem Stoffverluste steigen, wenn nicht Mangel an Kraft eintreten soll. In gleicher Weise wirkt äußere Abkühlung. Hier ist es der Wärmeverlust, der eure ver inehrte Sauerstoffaufnahme und Verbrennung herbeiführt. Bei jeder chemischen Verbindung, also auch bei der Verbrennung, ent steht nämlich Wärme. Menschen und Thiere haben eine söge- nannte thierische Wärme, welche 37 Grad R. beträgt und nicht viel über noch unter diesen Punkt gehen darf. Wie wir nun unsere Zimmer bei kälterer Witterung mehr heizen, so thun wir dies auch, ohne es zu wissen und zu wollen, mit unserm Körper. Es geschieht durch vermehrtes Athmen, d. h. durch größere Sauer- stoffaufnahme. Die Folge davon ist eine stärkere Konsumtion. Wir empfinden daher nach einem kalten Bade stets Eßlust und verbrauchen im Wmter mehr Nahrung als im Sonlnier. Je mehr Arbeit also der Mensch verrichtet, desto mehr muß er essen, denn die Verluste, die der Körper erleidet, sind abhängig von jener. Durch den Stoffwechsel verlieren wir Eiweiß, Fette, Salze, Wasser u. a.; wir ersetzen sie durch Speise und Trank. Wieviel Nahrungsmittel wir nun zum Ersatz der verbrauchten Stoffe nehmen müssen, hängt von ihrer Nahrhaftigkeit ab, und diese wird bedingt von der Verdaulichkeit, von der Menge und von der richtigen Mischung der in jene» enthaltenen Nahrungs- stosfc. Man hat nun gefunden, daß der Werth derselben in einem bestimmten Verhältnisse dazu steht, ob sie Stickstoff besitzen oder nicht, und theilt sie danach in stickstoffhaltige(Eiweißkörper oder Albumine) und stickstofffreie(Fettbildner). Moleschott hat berechnet, daß ein arbeitender Mann 130 Gr. stickstoffhaltige und 44« Gr. stickstofffreie Nahrung braucht. Diese Zahlen stehen in einem bestimmten Verhältniß zu einander, die stickstoffbaltige Nahrung muß nämlich stets der vierte Theil der stickstoffsreien sein, und man hat beobachtet, daß ein Mensch, der sich seine Nahrung stci von Zwang und Noth wählen kann, sie stets nach diesem Verhältniß zusammensetzt. Auch in der Natur finden wir einen Beweis für die Richtigkeit jener Zahlen, denn diejenige Nahrung, welche sie uns im ersten Lebensalter genießen läßt, die Muttermilch, enthält einen Theil stickstoffhaltige Nahrung aus vier stickstofffreie. Forster nannte sie daher mit Recht„das Nahrungs- inittcl der Nahrungsmittel", uni dadurch auszudrücken, daß sie allen Ansprüchen, welche>vir an ein solches stellen müssen, entspricht. Dazu gehört auch ein gewisser Reichthum an Salzen, besonders an phosphorsauren Alkalien, die auf die Bildung der Gewebe von Einfluß sind. Die verschiedenen Milchsorten unterscheiden sich durch ihren wechselnden Gehalt an Butter, Albumin und Salzen. Die Esels- milch steht der Frauenmilch am nächsten. Kuhmilch hat mehr Butter und weniger Zucker; sie muß daher, soll sie als Ersatz für jene dienen, mit Wasser und Zucker versetzt iverden. Doch ist dies nicht unser gewöhnlicher Rohrzucker, sondern eine Art, die sich nur in der Milch findet und daher auch Milchzucker heißt. Dieser kann unter gewissen Umständen, namentlich durch Ein Wirkung des sich ebenfalls in der Milch befindlichen Käsestoffs, des Easeins, in eine andere chemische Verbindung übergehen, in die Milchsäure, und hieraus erklärt sich das Sauerwerden der Milch. Unsere Hausfrauen wissen, daß diese Zersetzung am schnellsten in der Wärme geschieht und daß sie durch Kälte ver- hindert wird. Letzteres kann man auch durch einen Zusatz von doppeltkohlensaurem Natron erreichen; es ist dies ein ganz un- schädliches Mittel, das von Händlern auch vielfach angewandt tvird und mit einer Verfälschung nichts zu thun hat. Weder der Geschmack noch die sonstigen Eigenschaften der Milch werden da durch gestört. Ein Theil doppeltkohlensaures Natron genügt auf tausend Theile Milch; in Paris ist unter dem Namen conser- vateur du lait eine Mischung im Handel, die aus 95 Gr. jenes Salzes und 905 Gr. Wasser besteht. Ein Deziliter hiervon be- ivahrt zwanzig Liter Milch vor den: Sauerwerden. Alle unsere anderen Nahrungsmittel entsprechen jenem Ver- hältniß von stickstoffhaltiger zu stickstofffreier Nahrung nicht. Aus der folgenden Tabelle von Moleschott können wir ersehen, welche Menge unserer gebräuchlichsten Nahrungsmittel dem täglichen Kost- maß eines arbeitenden Mannes gleichkommt: an Albuminstoffen (Kostmaß 130 Gramm) Käse..... 388 Gramm Linsen Schminkbohnen Erbsen j.. Ackerbohncn. Lchsenfleisch Hühnereier.. Weizenbrot.. Mais... Reis.... Roggenbrot. Kartoffeln 491 576 582 590 614 968 1444 1642 2562 2875 10000 an stickstofffreien Nahrungsstoffen (Kostmaß 148 Granini) Reis..... 572 Gramm Mais..... 625 Weizenbrot... 631 Linsen.... 806 Erbsen.... 819 Ackerbohocn... 823 Schminkbohncn. 876„ Hühnereier... 902 Roggenbrot... 930„ Käse..... 2011 Kartoffeln... 2039„ Fleisch.... 2261 Würden lvir uns nur von einem einzigen der angeführten Stoffe nähren wollen, so brauchten wir von manchem solche Quantitäten, daß sie der Magen gar nicht bewältigen könnte, wie 43 Brot täglich 5—6 Pfund, Kartoffeln 20 Pfund. Andrerseits ist es ersichtlich, daß wir dadurch einen Ueberschuß von stickstoffhaltiger oder stickstofffreier Nahrung erhielten oder gar Mangel an einem von beiden le>dcn müßten. Beides ist aber schädlich; eines Ucber schnsses kann sich die Natur noch entledigen, einen Mangel kann sie nie ersetzen. Elnes der Hauptnahrungsmittel ist das Fleisch. Es enthält gegen 80 pCt. Wasser, 2—3 pCt. Albumin und vcr- schicdene für die Ernährung wichtige anorganische Salze, auch viel Eisen und einen schwankenden Fettgehalt. Außerdem finden sich in ihm verschiedene für dasselbe charakteristische Verbindungen, wie Kreatin(Fleischstoff). Durch seinen großen Wassergehalt ivird es ein ziemlich theures Nahrungsiniltcl, 4�2 Pfund täglich ent sprechen dem Kostmaß von stickstoffreier Nahrung. Durch diese führen wir aber einen bedeutenden Ueberschuß von Albumin den: Körper zu. Dieser zwingt die Natur zu größerer Sauerstoff- zufuhr. Kräftiger rollt das Blut durch die Adern der viel Fleisch verzehrenden Völker. Beweglich und leicht, find sie doch musku lös, kräftig und widerstandsfähig gegen äußere Einflüsse. Die Jndianerstämme Amerikas waren, che sie von den Europäern durch den Branntwein systematisch zugrunde gerichtet wurden, ein Beispiel dafür. Für uns wäre es sehr schädlich, wenn wir uns nur durch Fleisch nähren wollten. Dem größten Theil der Be- völkerung ist es auch unmöglich wegen des hohen Preises, welchen das Fleisch besitzt. Denn selbst als Zufuhrmittel für Stickstoff, wozu es am geeignetsten und auch am vortheilhaftestcn ist, indem schon 1 Pfund ungefähr genügt, ist es den Meisten zu theuer. Ein mäßiger Fleischgenuß ist aber nothwcndig und es ist sehr zu beklagen, daß die Verhältnisse heut so viele zwingen, dieses Be- dürfniß unbefriedigt zu lassen. Wir genießen das Fleisch meist nicht roh, sondern unteriverfen es vorher einer Art von Zubereitung, indem wir es kochen, braten, dämpfen, einpökeln oder räuchern. Durch jeden dieser Vorgänge erhalten wir ein wesentlich anderes Produkt. Wenn wir Fleisch mit Wasser kochen, so entziehen wir ihm mehr oder iveniger voll- ständig seine löslichen Bestandtheile, die in das Wasser übergehen und die Brühe bilden. Diese wird um so gehaltreicher, je lang- samer das Wasser zum Sieden gebracht wird, da bei 70 Grad das Albumin gerinnt, die einzelnen Fleischbündel mit einer un- durchdringlichen Schicht umgibt und so der weiteren Auslangung ein Ziel setzt. Es kann nur noch Wärme und kein Wasser mehr in das Innere des Fleisches dringen, und so wird es durch jene bei längcrem Kochen gar. Das schon vorher in das Wasser über- gegangene Albumin gerinnt ebenfalls und schwimmt als grauer Schaum auf demselben, der in deu Küchen meistens abgeschöpft und weggeworfen wird. Bringt man dagegen das Fleisch sofort in siedendes Wasser, so tritt jene Gerinnung des Eiweißstoffes gleich ein und nur wenig lösliche Bestandtheile gehen in dasselbe über. Das Suppenfleisch besitzt daher nur einen geringeren Nährwerth, während das schnell aufgekochte denselben vollständig be- halten hat. Je besser die Brühe, desto schlechter das übrig blei- bcnde Fleisch. Beim Braten wird das Fleisch in seinem eigenen Safte, ohne Zusatz von Wasser, gar; man erhält also>bei dieser Zubereitung den vollen Ernährungswerth des Fleisches. Das Fett und der abträufelnde Saft bilden bei fortgesetzter Erhitzung die bekannte Bratenkruste, welche bei großen Fleischstücken das Einwirken der Wärme auf die inneren Theile hindert, woher es kommt, daß dieselben oft auch bei lange fortgesetztem Braten rothgefärbt und theilweisc blutig sind. Beim Dämpfen erfolgt das Garwerden durch den Dampf, welcher das Fleisch umgib!. ' Durch Einsalzen und Räuchern schützt man Fleisch vor Fäulniß. Bei ersterem verliert es aber durch die heutige Zubereitungs- Methode eine nicht unbeträchtliche Menge nährender Substanzen, welche in die Salzlake übergehen und mit dieser entfernt werden. Von den 80 pCt. Wasser, welche das Fleisch enthält, verliert es nämlich einen Theil durch das Hinzutreten des Salzes, da es salzhaltiges Wasser nur in geringerer Menge zurückhalten kann. Mit diesem ausfließenden Salzwasser gehen auch viele lösliche Stoffe weg, das Fleisch verliert an Nährwerth. Man hat vor- geschlagen, diesem Verluste dadurch vorzubeugen, daß man die Salzlake abdampft, das Köchsalz auskrystallisircn läßt und die rückständige syrnpdicke Flüssigkeit, welche die Fleischbcstandthcile enthält, dem Pökelfleisch beim Kochen zusetzt. Durch das Räuchern gerinnt ebenfalls der Eiweißstoff. Wir haben gesehen, daß das Fleisch die nöthigen Nahrungs- stoffe mcht in dem richtigen Vcrhältniß enthält, wie dies über- Haupt bei keinem Nahrungsmittel, außer der Muttermilch, der Fall ist. Wir müssen es also mit anderen Speisen zusammen genießen und können es nur als Zufuhrmittel für stickstoffhaltige Körper anwenden. Die nöthigen 130 Gramm Albumin werden erst durch 640 Grm. Ochsenfleisch ersetzt, die gegen 80 Pfg. kosten, wobei noch nicht einmal der Bedarf an stickstofffreier Nahrung gedeckt ist. Günstiger gestaltet sich das Verhältniß bei den Hülsen- früchten. 500—600 Gramm derselben, welche ungefähr 15 Pfg. kosten, bedürfen nur eines kleinen Zuschusses stickstofffreier Körper, um allen Ansprüchen zu genügen. Moleschott nennt sie daher sehr treffend„das Fleisch der Armen". Sie sind vollständig angethan, das Fleisch zu ersetzen und haben nur den Nachtheil, daß sie schwer verdaulich find. Die holzige Zellhant nämlich, welche den Eiweißstoff der Hülsenfrüchte, das Legumin, umgibt, wird durch die Verdauungssäfte nur wenig verändert und geht zum größten Theil unverdaut ab. Daher dürften sie nur bei starker körperlicher Bewegung gegessen werden und sind bei sitzender Lebensweise nur mäßig zu genießen, wie überhaupt ein zu starker Verbrauch sich'verbietet, da infolge der zahlreichen Abgänge bald eine Uebcrsiillung und Verstopfung des Darmkanals eintreten würde. Mitunter wird freilich ihre Unverdaulichkeit durch die falsche Zubereitung verschuldet, indem beim Köchen in kalkhaltigem Wasser, also in Brunnenwasser, das Legumin mit dem Kalk eine unlösliche Verbindung eingeht, welche dnrch die Magensäfte nur sckuver angegriffen wird. Daher dürfen sie nur in weichem Wasser oder in solchem, das dnrch Abkochen von den harten Bestand- thcilcn befreit ist,* gesotten werden. Die Hausfrauen wissen das schon lange und die Theorie kann hier nur, wie dies meistens der Fall ist, die Erklärung für das in der Praxis angewandte Verfahren geben. (Schluß folgt.) Ueder Wundtiehandlung. Von K. Schm. Es hat einer verhältnißmäßig langen Zeit bedurft, bevor den Errungenschaften und den Fortschritten des menschlichen Geistes, besonders auf dem Gebiete der exakten Naturwissenschaften, ein richtiges Verständniß entgegengebracht wurde und ihre Resultate eine nützliche Verwendung im praktischen Leben gefunden haben. Ter Mensch war von jeher dazu geneigt, alle Vorgänge und Veränderungen, welche um ihn und in ihm stattfanden, in das Mythische, Uebernatürlichc zu verweisen, es mar eine heilige Scheu oder richtiger die religiöse Furcht, welche ihn davon abhielt, den ihm räthsclhaft erscheinenden Vorgängen und Erscheinungen nach- zugehen und den Versuch zu machen, den Schleier, der über der ganzen Natur ausgebreitet liegt, etwas zu lüften. Wir sehen, wie die erhitzte und aufgeregte Phantasie in der ältesten Zeit an einsamen Höhlen und Plätzen, wohin der Mensch sich aus Furcht nicht wagte, ihre verschiedenen Gottheiten hausen ließ. Das Christenthum erst brachte über den Zusammenhang der Dinge mehr natürliche und vernünftige Vorstellungen, doch durch die verschiedene Auffassung derselben wurde es vielfach der Erzeuger eines Aberglaubens, wie er durch das ganze Mittelalter hindurch von seinen Vertretern gepflegt, sich leider noch in reichlichem Maße bis aus unsere Zeit erhalten hat und bei einer großen Anzahl von Menschen noch geltend macht. Besonders sind es die Vor- gänge und Veränderungen am menschlichen Körper selbst, über welche bei vielen noch die dunkelsten und widersinnigsten Vor- stellungen herrschen. Die Störungen einzelner Organe unseres Körpers und das allmähliche Aufhören ihrer Funktionen werden von diesen nicht als nothwendige Folge bestehender Naturgesetze angesehen, sondern als Dinge, die für den Menschen unergründbar sind; sie machen es ähnlich wie diejenigen, die ihre Menschenwürde gesichert glauben, wenn gelehrt wird, daß das Menschengeschlecht sich aus beu niedersten Formen entwickelt und vielleicht auch das Stadium des Affenthnms berührt habe. Eine nüchterne Auffassung der Vorgänge an unserem eigenen Körper ist heutzutage ein dringenderes Bcdnrfniß als ie; denn mit dem Aufschwünge, den alle Lebensgebiete in unserm Jahr- hundert genommen, haben sich auch die Gefahren vermehrt, welchen der Mensch täglich ausgesetzt ist— wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten—, besonders die Fortschritte in der Industrie, die allgemeiner werdende Einführung von Dampfmaschinen, Trieb- werken und mechanischen Vorrichtungen aller Art tragen zur Vermehrung der Gefahren sehr viel bei. Männer und Frauen, Erwachsene' und Kinder mit zerquetschten Fingern, zermalmten Händen, Ristwunden am Vorder- und Oberarm bilden ein starkes Kontingent in den Krankenhäusern jeder größcrn Stadt. Durch die verschiedenartigsten Maschinen, Kreissägen, Räder, Hacken:c. verstümmeln sich alljährlich so viele Menschen auf die verschiedenste Art, das; den mitfühlenden Menschen bei Betrachtung dieser Opfer der Industrie ein tief wehmüthigcs Gefühl beschleicht und er gewist zugeben must, dast das Unternehmerrisiko weit weniger Gefahren bat als das Arbeiterrisiko. Fügt man noch die zahllosen Ver- letzungen ans den Eisenbahnen, bei Felsensprengungen, Tunnel- bauten:c. hinzu, dann wird man, wie Prof. Billroth in Wien trefflich sagt, begreifen, wieviel Schweiß nicht allein, sondern auch wie viel Blut an der modernen Kultur klebt! An den Einzelnen tritt deshalb nmsomehr die Verpflichtung heran, dast er sich Aufklärung verschaffe, wie er sich bei vor- kommenden Unglücksfällen verhalten soll und wie am ehesten einem Unglücklichen Hülfe und Linderung gebracht werden kann. Unfern Lesern wird es daher nicht unwillkommen sein, wenn durch die nachstehenden Zeilen der Versuch gemacht wird, gewisse Ver- Haltungsmastregeln bei etwaigen Unglücksfällen, insbesondere über die Behandlung von Wunden, zu geben. Die Bestandtheile unseres Körpers bilden vier Hauptgruppen verschiedenartiger Gebilde: die Knochen, die Muskeln, das Ge- webe und die Nerven. Alle diese Theile bedürfen zu ihrer Ernäh- rung des Blutes. Dasselbe strömt bekanntlich in zweierlei Gefäß- systemen, in solchen, die vom linken Herzen ausgehen, sich über den ganzen Körper verbreiten und in feinen, nur durch Ver- größerungsgläser erkennbaren Oeffnnngen endigen, und in andere, die mit solchen kleinen Oeffnnngen(Kapillaren) beginnen, allmählich dicker werden und im rechten Herzen als größere Gefäststämme einmünden. Tie erstcren heißen'Arterien(Schlagadern), die letzteren Venen(Blutadern); in den letzteren strömt das kohlensäurc- haltige dunkle Blut, welches in den Lungen wieder mit Sauerstoff gesättigt wird, in den erstcren das sauerstoffhaltige hellrothe Blut. Da unser Körper überall von einem solchen Gefäßsystem, in welchem das Blut ununterbrochen seinen Kreislauf zurücklegt, durchzogen wird, so ist es erklärlich, warum schon die geringsten Verletzungen und Beschädigungen den Austritt des Blutes zur Folge haben; von der Größe und Weite eben des verletzten Ge- fäßcs ist auch die Stärke der Blutung abhängig. Ein jeder Ver- lust von Blut aber ist ein Verlust von unserm Lebenssäfte;„Zeit ist Geld", sagt der Geschäftsmann; dem stellen wir sehr begründet an die Seite den Satz„Blut ist Leben", und das Wort Goethe's ans dem„Faust":„Blut ist ein ganz besondrer Saft." Dieser ganz besondre Saft ist eine etwas dickliche, undurchsichtige Flüssig- keit, von einem eigenthümlichen schwachen Geruch, reagirt alkalisch und besitzt eine Wärme von ungefähr 38 Grad Celsius. Die Menge desselben kommt etwa dem 12. bis 13. Theil des gesamnitcn Körpergewichts gleich. Je nach der Beschaffenheit der verletzten Theile unterscheiden wir verschiedenartige Blutungen. Erstens arterielle, wobei die Arterien verletzt sind und das Blut, das hier direkt unter dem Drucke des linken Herzens steht, in Strahlen ausspritzt, zweitens venöse, drittens parenchymatöse, d. h. solche, die eintreten, wenn z. B. bei einem Schnitt in die Weichtheile ganz kleine Arterien und Venen verletzt sind und das Blut in die Umgebung eindringt und dieselbe durchtränkt, und viertens endlich in kapillare, wenn die kleinsten Enden der Arterien und Venen auf irgendeine mccha- nische Weise erweitert sind und das Blut langsam durch die Weich- theile hindurchsickert und zuletzt durch die Färbung derselben die Blutung sichtbar macht. Weiter unterscheidet man die Verletzungen äußerer und innerer Organe. Absolut tödtlich sind die meisten Verletzungen, welche das Herz, Gehirn, den Magen, die Leber, den Darm oder die Lungen betreffen; wir sehen hier oft sogleich oder schon nach wenigen Stunden den Tod eintreten. Die äußeren Vertvundnnzen betreffen zunächst die Verletzungen der Haut, Muskeln, Gefäße und Nerven. Auch hier unterscheidet man wieder solche, bei denen die Haut mit zerrifsen ist und das Blut nach außen strömen kann; man bezeichnet dieselben als offene Wunden im Gegensatze zu denjenigen, bei welchen tiefer gelegene Theile wie Muskeln zerquetscht wurden, ohne daß die sie be- deckende Haut beschädigt ist. In diesen, Falle ist der Abfluß des Blutes behindert und es entstehen bläulichrothe Flecke, wie sie besonders bei Stoß oder Schlag mit stumpfen Gegenständen wahr- genommen werden. Sind solche Blutungen bedeutend und ge- langen sie nicht bald wieder zur Resorption, dann kann Eiterung und Brand entstehen. Um eine solche frische subkutane(unter der Haut vorsichgehende) Blutung zu bekämpfen, müssen wir die Köm- pression anwenden, wenn es möglich ist, mit gleichmäßig angelegten Binden. Wenn ein Kind auf den Kopf fällt oder sich gegen die Stirn stößt, so nehmen in Norddeutschland ganz richtig die Mütter oder Wärterinnen einen Löffelstiel und drücken ihn sofort auf die verletzte Stelle, um die Entstehung einer Blutung zu verhindern. Bei der Behandlung von Wunden kommt es natürlich auf die Art und Weise an, wie die Verletzung zu Stande kam. Wir sprechen von Schnitt-, Hieb-, Stich-, Quetsch- und Schußwunden; außerdem ist es sehr wesentlich, ob die Wunde groß, klein, tief, flach, krumm, grade, rund oder eckig ist. Je nach dem Orte theilt man die Wunden in Hals-, Brust-, Bauch-, Arm- oder Bein- wunden ein. Bald ist nur eine Quetschung vorhanden und die Haut ist nicht geöffnet, wie schon oben bemerkt wurde, bald ist zwar eine Oeffnung der Haut vorhanden, aber nichts ist davon weggenommen, bald ist aber auch ein Theil des Fleisches mit weggerissen oder es ist ein fremder Körper noch in die Wunde eingedrungen, wie ein Splitter, eine Kugel u. dgl. Bei einer frischen Verletzung hat man vor allem sein Augen- merk auf den Sitz der Verwundung zu richten, selbst bei tief- gehenden Verletzungen an den Armen oder Beinen ist immer eher Hülfe möglich, weil hier keine Gefahr für die Verletzung innerer Organe vorliegt, es kommen hier nur die Verletzungen der Haut, Muskeln, Nerven, und im schlimmsten Falle auch der Knochen in Betracht; dann sehe man, ob die Wunde tief oder flach ist; die etwa in der Wunde haftenden Fremdkörper ziehe mau, aber nur wenn sie leicht erreichbar sind, sorgfältig heraus. Als das Wich- tigste bei der Verletzung ist die Blutstillung zu betrachten. Man kann nicht genug darauf aufmerksam machen, daß die Menge des verlorenen Blutes bei dem Heilungsprozesse eines Verletzten von der größten Wichtigkeit ist und daß von einer rasch gebrachten Hülfe in dieser Richtung oftmals das Leben des Betreffenden abhängt. Man muß deshalb bei der Blutstillung seine Haupt- aufmerksamkeit darauf richten, wie am schnellsten der Ausfluß des Blutes aus den theilweise strahlenförmig spritzenden Gefäßen ver- hindert werden kann. In der Regel ist nicht gleich ein Sach- verständiger bei solchen Unglücksfällen zugegen, manchmal vergehen Stunden, bis eine ärztliche Hülfe kommt, der Laie muß deshalb selbst gewisse praktische Winke erhalten, die ihn in den Stand setzen, für den Augenblick einem Unglücklichen beizustehen und unter Umständen dessen Leben zu erhalten. Nach dem Vorausgeschickten wird der freundliche Leser schon von selbst auf den Gedanken kommen, was er in solchen Fällen zu thun hat. Wenn ich mir bewußt bin, daß das Blut in bc- stimmten Röhren kreist und ich sehe, daß einige dieser Röhren verletzt sind, so muß doch mein nächster Gedanke sein, wenn ich die weitere Blutung verhindern will, daß ich einfach auf die be- treffende Stelle, und besser etwas oberhalb der Verletzung nach dem Körper zu, so lange fest drücke, bis ein herbeigerufener Arzt das Weitere unternimmt. Sieht man aber das Blut strahlen- förmig hervorspritzen, wie es bei den Arterien in der Regel der Fall ist, dann weiß ich ganz genau die Stelle, auf welche ich einen Druck auszuüben habe. Die Kompression der Gefäße ist bei größeren Blutungen stets das erste Hülfsmittel, es sollte des- halb in einer jeden Fabrik und andern Etablissements Jemand vorhanden sein, der die Arterienstämme der Extremitäten zu kom- primircn verstände, so verlieren die Leute meist den Kopf und laufen in der ersten Angst zum Arzt, anstatt selbst zu kompri- miren und einen andern zu schicken. Ruhe und eine erhöhte Lage für das betreffende verletzte Glied, damit das Blut, welches za stets dem Gesetz der Schwere folgt, nicht mehr so stark nach der Wunde hin strömen kann, sowie bei beschmutzten Wunden ein sorgfältiges Reinigen derselben sind bei den Verletzungen in zweiter Linie die Hauptanforderungen an den zu Hülfe Eilenden. Der Arzt wird. chst den ihm bekannten nächstliegenden größeren Gesäßstamm- ufsuchen, dort ein festes Band um denselben 45 legen und ihn so zusammenschnüren, daß das Blut nach der der Wunde zugekehrten Richtung nicht mehr strömen kann, man nennt dies mit dem technischen Ausdruck Unterbindung oder Ligatur anlegen. Man sollte nun glauben, daß durch das �Abschneiden jeglicher Zufuhr von Blut unterhalb der vor der Unterbindung gelegenen Theile dieselben vollständig absterben müßten, weil ja das Blut es ist, welches alle Theile des Körpers ernährt. In der That würde dies auch der Fall sein, wenn nicht die Natur in anderer Weise dafür gesorgt hätte. Es bildet sich nämlich in solchen Fällen immer ein sogenannter kollateraler Kreislauf(Seiten- kreislaus) aus, d. h. es breitet sich von den oberhalb der Unter- bindung des Hauptstammes abgehenden Gefäßen ein Gefäßnetz aus, welches mit den unter der Unterbindungsstelle gelegenen Zweigen in Verbindung tritt und so in merkwürdig kurzer Zeit die Cirkulatton des Blutes durch alle Theile des Körpers wieder- hergestellt. Zur Unterbindung wird gewöhnlich bei Verletzung mehrerer und besonders größerer Gefäße geschritten. Bei geringeren Blutungen, wie den parenchymatösen und kapillaren, kann man andere Mittel, wie Eis, salziges Wasser, Essig, Eisenchlorid-c. anwenden. Glühendes Eisen auf die Mündung der Gefäße ge- halten, ist ein ausgezeichnetes Blutsttllungsmittel. Im vorigen Jahrhundert und noch früher wurde zum Blutstillen, abgesehen von den Sympathiekuren, die zur Schande des neunzehnten Jahr- Hunderts noch heute hie und da Gläubige finden, stets das Glüh- eisen, und zwar mit dem besten Erfolge, gebraucht. Heutzutage, wo man etwas empfindsamer geworden zu sein scheint, hat dieses Mittel vor allem der Unterbindung weichen müssen, doch auch heute noch sieht sich mancher Arzt, wenn er des nöthigflen Mate- terials im Augenblick der Roth entbehrt, zur Anwendung dieses nur schembar so grausigen Mittels veranlaßt. Das als Volks- mittel so oft angewendete Spinngewebe ist schon aus dem Grunde zu verwerfen, weil demselben meist ein solcher Schmutz und Staub anhängt, daß die Wunde im höchsten Grade verunreinigt und deren Heilung nur verzögert wird. Bessere Dienste dürften hier der Feuerschwamm und sogar einfaches Fließpapier leisten. (Schluß folgt.) Die deutsche Spracheinigung in der neueren Zeit. Von M. Zöittich. (Fortsetzung.) Aus dieser Aeußerung ergibt sich, daß von einer gänzlich neuen Sprache nicht die Rede sein kann, sondern daß sich Luther viel- mehr an das Vorhandene, ihm Gegenwärttge, hielt. Daß für diese Gemeinsprache das sächsische oder meißnische Deutsch die meisten und Hauptbestandtheile hergab, das erhellt aus folgender Bemerkung des Joh. Mathesius, eines begeisterten Schülers, Anhängers und Freundes unseres Sprachmeisters, der das Leben Luthers zum Gegenstande einer Reihe von Predigten machte:„Dis ist der größten Wunderwerk eins, das vnser Gott durch Doctor Marttn hat ausgericht und redet und erklärt vns itzt, was sein Göttlich Wesen und guediger wille ist, an guten, derben vnd verstendlichen deutschen Worten. Meichsner, sagen auch die außleuder, wenn sie untern leuten gewesen vnd jhres Lands- manns vergessen, reden ein gut deutsch. Darumb erwecket der Son Gottes ein deutschen Sachsen, der gewandert war, vnd die Biblien Gottes in Meichsnische zung brachte." Damit ist gesagt, daß das Meißnische zwar ebenso seine mundartlichen Auswüchse habe, wie jede andere Mundart, aber bei ihr doch weniger der- arfige Entstellungen abzuziehen seien, um eine reine, allgemein verständliche Sprache zu gewinnen; daß ferner bei der„einen gemeinen hochdeutschen Sprache" Luthers der Grundstock eben das meißnische Mitteldeutsch sei. Viele Zeugnisse sind vorhanden, daß diese Ueberzeugung damals thatsächlich allgemein verbreitet war, und sprachgeschichtlich ließe sich noch am henttgen Sprachbestand, sowohl am Wörterschatz als an den Wortformen, der Nachweis führen, daß diese Anschauung auch der sächsischen Mundart bei den Schriftstellern und dann auch in der lebendigen gesprochenen Sprache allmählich das Uebergewicht gesichert hat, mögen auch sehr gelehrte Männer über das Aussprechen dieser TKatsache nicht nur den Kopf schütteln, sondern sogar ganze Schmähreden auf die sächsische Mundart herabdonnern. Damit man aber den Glauben gewinne, daß diese Auszeich- nung nicht willkürlich von Luther proklamirt ward, sondern so- zusagen durch eine Art historischen Rechts gesichert war, führen wir dafür zwei ältere Zeugnisse an. Das eine im„Renner", einem vom Schulrektor Hugo von Trimberg frisch und lebendig hingeschriebenen Werke, welches theils Belehrungen, theils Rügen für seine Zeitgenossen enthielt und neben Vridanks„Bescheiden- heit" im Mittelalter das beliebteste und gelesenste Buch dieser Gattung war. Da heißt es an einer Stelle über die Sprach- eigenthümlichkeiten der verschiedenen deutschen Stämme: Swaben ir Wörter spaltent, Franken ein teil sie faltent, Die Beire sie zezerrent, Die Düringe sie us sperrent, Die Sachsen sie bezuckent, Die Wetereiber(Wetteraue"". würgent, Die Missener sie vol schürzen'/ Egerlant sie swenket. Osterrich sie schrenkct, u. s.. Wenn die Ausdrücke auch in ihrer Bedeutung nicht genau fest- stellbar sind, so ist doch klar, daß alle einen Tadel enthalten, außer dem„vol schürgent" bei den Meißnern, welches jedenfalls soviel bedeutet, wie: voll aussprechen, ohne etwas zu verschlucken oder sonstwie zu verunstalten. Ganz deutlich aber spricht sich die Anerkennung der Vorzüge des meißner Dialekts in einer Priamel des 15. Jahrhunderts aus.(Diese Priameln waren kleinere Spruchgedichte, in denen eine Menge parallel laufende Sätze verbunden waren, die mtt einer gewissen Hast und in der Absicht einer komischen Wirkung ans die Hörer schon seit dem 12. Jahrhundert gern'vorgetragen und gehört wurden.) Die uns angehende Stelle lautet: In Baiern zeucht mau viel der swein, Die treibt man viel hinab den Rhein; In Pohland, Winden bös Gebräu*), Die Ungar» lausig und ungetreu, In Mähren auch desselben gleichen, Die Swanefelder tückisch schleichen, Vogtländer Kühdieb und auch rauben.... Am Rhein schön Frauen als man spricht... In Meißen teutsche sprach gar gut, In Franken manches edele Blut.... Auf Grund dieser Tradition, die volle Geltung hatte und neuerdings wieder durch Luthers Schriftstellerei von neuem ge- kräftigt wurde, berief der mecklenburgische Maler Gaulrap, der in Wittenberg bei Lucas Cranach gelernt hatte, 1572 seinen Bruder zu sich nach Meißen,„damit er besser die meißnische Sprache erlerne," womit er ihm gewiß eine höhere Bildung und dement- sprechend ein besseres Fortkommen in seinein Berufe sichern wollte. 1531 empfahl Luther selbst der niederdeutschen Stadt Göt- tingen einen Magister Birnsticl als Prediger mit den Worten: „ob er nicht Sächsischer Sprache ganz(gleich vollkommen mächttg) sein wird, hoffe ich doch, er solle zu vernemen sein, weil auch zu Brauschweig(niederdeutsches Gebiet!) oberländischer sprachen Pre- diger angeiiehm sind." Diese Stelle beweist, daß möglicherweise selbst auf niederdeutschem Boden der Mangel obersächsischer Sprache einer Entschuldigung bedurfte. Bei Gelegenheit einer harten theologischen Fehde zwischen einem nordheimer und einem Hildes- heimer Pfarrer im Jahre 1587 glaubt der letztere einen bedeu- tenden Trumps auszuspielen mit den Worten:„Du bist ein großer Fürstenprediger gewesen, führest hoche Meisnische Sprache, bist fr�lich woll in Meißen nie gewesen, sondern die Sprache etwahn aus einer Postille gefasset." Der niederdeutsche Angreifer schreibt selbst hochdeutsch, aber seine Bemerkung beweist auch noch, daß die auch anderweitig belegte Sitte der Zeit, im Sächsiscken an Ort und Stelle die beste deutsche Sprache zu erlernen, und, falls dies nicht möglich, wenigstens aus guten Büchern. *) In Polen und im Wcndcnland schlechte Getränke, Biere. Luthers unmittelbare Schüler gaben meist, wenn sie„in's Amt" kamen, ihre heimische Mundart zu Gunsten der in Witten- berg erlernten sächsischen, in der das„Wort lauter und rein ge- lehret ward", ganz auf und wirkten in der Ferne wieder auf weitere Kreise als Pioniere der lutherischen Lehre und, was uns angeht, der lutherischen Sprache. So gewaltig schritt diese Strö- mung nach allen Seiten vorwärts, daß im Jahre 1574 ein Böhme, Benedikt Edelbeck,„des Erzherzog Ferdinanden zu Oester- reich Britzschmeister," in der Beschreibung eines 1573 zu Zwickau abgehaltenen„großen Schießens" entschuldigend in der Einleitung sagt: „... Wem bis büchlein koinpt zuhandt, Den bit ich, wolt mir lassen nach, Mich nicht urtheile in*) meiner sprach, Die ist nicht nach der Meischnischen arth, In Osterreich ich teudsch gelerndt wart. ... Es wer mir ein schwere sach, Solt ich gefolgt haben jedes Lands sprach, Das wer mir ja nicht möglich gewesen, Drumb wolt Ostreisch für Meischnisch lesen." Aber doch nicht ohne mancherlei Anfeindungen zu erfahren, wandelte das lutherisch-sächsische Hochdeutsch seme Siegesbahn bis zur allgemeinen Giltigkeit: es wurde nachdrücklich dagegen an- gekämpft, doch, wie die Folcje gelehrt hat, vergeblich. Da war es zunächst Huldrich Zwtngli, der sein obertoggenburger „Schwizerdütsch" in seinen Schriften festhielt, worin ihm natürlich seine Anhänger folgten. Aber obgleich der schweizer Reformator uns stellenweis mehr anmuthet, weil er energischer und gründ- licher auch in das gesellschaftliche Leben umgestaltend einzugreifen sich bestrebte, so war seine Mundart doch nicht geeignet, einer wirklichen Einheitssprache zugrunde gelegt zu werden, schon aus dem einfachen Grunde nicht, weil eine solche leichter aus der räumlichen Mitte der gleichsprachigen Gesammtheit, schwerlich aber aus dem äußersten Winkel mit Erfolg angebahnt und durchgeführt werden konnte. Blicken wir nach dem Norden und Westen Deutschlands, so sehen wir auch dort in dem Norddeutschen einen Konkurrenten sich erheben. Unter Luthers eignen Augen besorgte dessen Freund Buchenhagen Uebersetzungen oder Umschreibuugen der Bibel, der Katechismen, der Postille und anderer Hauptschriften in die nieder- deutsche(plattdeutsche) Mundart. Daneben aber finden wir viel häufiger das Umgekehrte, daß Niederdeutsche in der Sprache Luthers schreiben, ebensowie fast alle seine Schüler und Anhänger; so nennen wir hier nur den einen Johannes Arnd, der auch schriftstellerisch einer der bedeutendsten Männer auf diesem Felde *) verurtheile wegen. der Literatur war. Auch dort las das Volk den Luther lieber in seiner mitteldeutsch-meißnischen Sprache. Die letzte niederdeutsche Bibelausgabe erschien 1621, während schon seit 1540 Staatsschriften, Verordnungen und andere offi- zielle Aufzeichnungen hochdeutsch verabfaßt wurden. Eine Lite- ratur von selbständiger Bedeutung haben auch die späteren Leistungen in jenem Idiom nicht mehr erlangen können. Den durchschlagendsten Beleg aber für die Allgewalt der Luther'schen Sprache bietet uns ihr sieghaftes Vordringen sogar bis nach dem skandinavischen Norden, nach Dänemark, Schweden, welche bei- nahe ihre eigne Sprache zu Gunsten der Luther'schen aufgegeben hätten. Diese ganze Zeit hielt übrigens, abgesehen von vereinzelten Erscheinungen, dafür, daß das Deutsche jedenfalls nicht geeignet sei, als Sprache der Wissenschaft zu dienen, und auch hier ist Luther ein Bahnbrecher, der zwar auch wissenschaftliche AbHand- lungen lateinisch schrieb, in solchen aber auch die deutsche Sprache verwendete. Wir hatten erwähnt, daß schon das Mittelalter eine bedeutende und ausgedehnte Prosaliteratur besaß; jetzt wagte man nicht deutsche Wortbildungen, man schöpfte nicht aus dem Reich- thum der älteren Sprache, wie es die zum guten Theil mit Un- recht so arg verunglimpften Mystiker des Mittelalters niit großem Glücke gethan hatten: wenn sich die Nöthigung herausgestellt, für einen neu herausgearbeiteten Begriff ein treffendes Wort zu be- sitzen, bildete man sich merkwürdigerweise in der absterbenden lateinischen Zunge allerlei wunderbare Worte, die sehr oft dem Geist der alten Römersprache gradezu in's Gesicht schlugen. Diese Thatsache ist um so sonderbarer, als man ja sonst das Latein mit einem ttefen Respekt, fast wie etwas Heiliges betrachtete. Durchgeführt ward ja dje Anwendung der deutschen Sprache zu wissenschaftlichen Zwecken erst im 17. Jahrhundert durch den ge- lehrten Thomasius, der auch zuerst 1688 in seinen„lustigen und ernsthaften Monatsgesprächen" das Beispiel einer belletristi- schen Zeitschrift gab. Die außerordentliche geisttge Gährung der Reformationszeit hatte in Luther den Wortführer der Geistesrevolution gefunden, der seines Amtes waltete in einer kräfttgen, heldenmäßigen Sprache, in der er schon spitzige Flug- und Streitschriften verabfaßte und begeisternde Lieder dichtete. Dabei entwickelte er eine Fähigkeit als Sprachbildner, wie sie kaum zum zweitenmale anzutreffen sein dürste. Man vergleiche nur einmal dw unmittelbaren Vorgänger Luthers in der Schriftstellerei, und man wird zugeben müssen, daß unser Urtheil gerechtferttgt ist. So kommen wir zu dem Schlußresultat, daß, trotz jener bedeutenden Vorarbeiten, Luthers persönliches Verdienst ein ganz eminentes bleibt; ohne ihn wäre die Entwicklung wohl bedeutend langsamer von statten gegangen. (Fortsetzung folgt.) Parlamentarier. l. Kaiser Nikolaus von Rußland nannte einstmals den Konstitutiv- nalismus ein großes Lügengewebe, und gewiß wird niemand leugnen, daß der absolute Monarch ein richtiges Urtheil gefällt hat. Die drei Gewalten einer konstitutionellen Regierung, die alle drei immer einig sein müssen, wenn ein Gesetz zu Stande kommen soll, oder die zwei Gewalten des modernsten konstitutionellen Staates, des deutschen Reichs, von denen die eine immer das beschließt, was die andere will, und diese aber niemals den besondern Wunsch des Reichs- tags erfüllt, sie rechtfertigen den kaiserlichen Ausspruch, und wenn wir dazu noch das Wort eines andern, aber größeren Cäsaren nehmen: „Europa ist in fünfzig Jahren entweder kosakisch oder republikanisch"— so finden wir auch hier, nur in anderer Forin, dein Konstttutionalismus das Todesurtheil gesprochen. Und in der That, möge man eine konstitutionelle Monarchie oder eine konstitutionelle Republik betrachten, jeder Unbefangene wird in ihnen nur einen Uebergang vom absoluten Staate zu einer wirklichen Volks- regierung erblickeu. Diese Uebergänge dauern aber mehr oder minder lange, dieselben schneiden mehr oder minder tief ein in die Kulturentwicklung der Völker, so daß man unwillkürlich ihnen gern eine größere Aufmerksamkeit schenkt und die Männer betrachtet, welche eine hervorragende Rolle bei den- selben spielen. So wollen auch wir in einer Reihe von Bildern unseren Lesern in kurzen Zügen die bedeutenderen Parlamentarier und parlamentarischen Staatsmänner des deutschen Parlaments, des preußischen Landtags und des deutschen Reichstags seit dem Jahre 1848 vorführen. * von Gerlach wurde im Jahre 17S5 in Berlin geboren; swdirte Rechtswissenschaft: wurde 1342 Mitglied des Staatsraths, 1844— 1874 erster Präsident des Oberlandesgerichts in Magdeburg. Gerlach war ein Führer der konservativen Partei und als solcher im parlamentarischen Leben thiKig, im preußischen Herrenhause von 1849— 51 und im Abgeordnetenhause von 1852— 58. Die konservative Partei jener Zeit kann nian auch die christlich- germanische nennen; das ständische Prinzip soll an Stelle des mili tärisch-bureaukratischen treten— in der Kirche, im Staate und im gewerblichen Leben. Zunächst die Kirche, streng gegliedert nach der geringeren oder größeren Entfernung der einzelnen Konsessionen von den festgesetzten Symbolen; der kirchlichen Ordnung steht die gesellschast- liche zur Seite, womöglich schon durch vorgeschriebenes Kostüm an- gedeutet: die Prälaten, die Junker, die Pfahlbürger. Alle bereitwillig den Druck von oben ertragend, weil jeder Tritte nach unten hin aus- theilen kann; alle mit ihren eigeneu verbrieften Privilegien bewaffnet. Daneben cm gewerblichen Leben kastenarttge Zünfte: Meister, Gesellen, Lehrburschen, jeder auf Kosten des andern palenttrt und alle zusammen auf Unkosten der Konsumenten, die wieder durch Gewerbegerichte und Degradirung unfähiger Meister geschützt werden sollen. Das ist konservativ-reaktionäre Weltanschauung, diese predigte einer der berufensten Vertreter des christlichen Gerinaneiithums. Die alten, ächten Konservativen waren niemals heißblütige Schwär- vier, welche ihre Ideen mit Feuereifer und vielen großen Opfern vcr- theidigten, welche die Menschheit durch That und Beispiel entflammen wollten, nein, es waren Doktrinärs, welche, nicht im Stande, das meu) bliche Treiben in seiner lebensvollen Tiefe und Frische, das stür- mische Wogen desselben zu begreifen, die„Schöpfung Gottes" verpfuscht glaubten, und nun in einem spezifischen, selbstgebauten Christenthuin ein neues Organisationsprinzip entdeckt zu haben meinten. Sic wollten „mit ihren Nachtmützen und Schlafrockfetzen die Lücken des Weltenbaues stopfen", aber für sich immer neue und bessere Nachtmützen und Schlaf- röcke dabei in Anspruch nehmen. Und das war speziell die Stellung des Herrn von Gerlach. Wohlwollend äußerlich, freundlich lauernd, wußte er inanchen Menschen zu seiner Ansicht zu überreden; überzeugt wird er schwerlich jemanden haben. In der ersten und zweiten preußischen Kammer war er eine Zeit- lang durch sein immerwährendes Tadeln gefürchtet; es hals auch nichts, wenn seine Kollegen ihn störten, wenn sie„zur Sache!" riefen, immer blieb er ruhig, gutmüthig lächelnd bat er um Gehör; doch bald hatte man sich an ihn gewöhnt und er spielte oft genug in den Parlamenten nur die Rolle des polternden Alten in der Komödie. „Keine gefährlichere Menschenklasse als die theologischen Ju- risten!"— so hat der alte Schlosser in seinen Vorlesungen oft aus- gerufen, und hat am Ende dabei vorahnend schon den Herrn von Gerlach im Auge gehabt. Dieser berief sich nämlich gewöhnlich gern neueren Verordnungen gegenüber auf ältere Thronreden; neuen Gesetzen gegenüber auf ältere Verordnungen. Dann war der Theologe vorn- auf. Wenn aber zum Beispiel die Lage der Schullehrer verbessert werden sollte, dann trat der Jurist in den Vordergrund; dann sagte Gerlach, daß trotz des geringen Gehalts die Lehrer nicht verhungerten, sie müßten Nebcneinnahmen besitzen, und Unrecht sei es, diese Nebenquellen nicht im Interesse des Staates weitersprudeln zu lassen. Herrn von Gerlach, der auch Schriftsteller der„Kirchenzeitung" und der, Kreuzzeitung" war, wird ferner jener berüchtigte Ausspruch zugeschrieben, daß es eine Gottlosigkeit sei, für die Erleichterung des Loses der niederen Volksschichten einzutreten; nach der Weltordnung sei einmal ein großer Theil der Menschheit zum Dulden bestimmt,— diesen muthwillig zum Bewußtsein seiner Lage zu bringen, zeuge von Unbarmherzigkeit und nicht von verständigem Wohlwollen. Uebrigens seien die Schwielen auch ein Schutzmittel gegen die Mühen des Lebens. Dieser Ausspruch ist gewiß orthodox und inhuman, und doch ist derselbe auch allen liberalen Fabrikanten und Wucherern so recht aus der Seele gesprochen.—-- Von 1858— 1874 verschwand Gerlach von der parlamentarischen und politischen Schaubühne; das liberale Gewässer ging zu hoch und Bismarcks Konservattsmus war ihm zu seicht. Da plötzlich zogen den evangelischen, theologischen, schon sehr altern- den Juristen die Klerikalen wieder an's Tageslicht,— er wurde 1874 wegen einer Flugschrift gegen das neue liberalisirende preußisch-deutsche Regiment verurtheilt und abgesetzt und daraus in einem katholischen Kreise in's preußische Abgeordnetenhaus gewählt. Besondere Ehre legten die Ultramontanen nicht mit dem alten orthodoxen Herrn ein; er redete mehrmals leise und unverständlich— er war erst recht jetzt der polternwollende Alte in der Komödie. 1877 wurde er auch gleichfalls von den Klerikalen, die dadurch so recht ihr konservattv- reaktionäres Gesicht zeigten, in den deutschen Reichstag ge- wählt, doch starb er, noch bevor er seinen Sitz eingenommen hatte. Mit ihm ist einer der bedeutendsten und fähigsten Repräsentanten der christlich- germanischen Richtung, die übrigens auf dem Aussterbe- etat steht, begraben worden. H. - i Torquato Tasso(siehe Seite 40) stammte aus einem alten Adels- geschlechte, welches, mit dem burgundischen Königsstamme verwandt, sich bis in Karls des Großen Zeiten zurückführen läßt. Er war 1544 in Sorrent geboren und studirte in Neapel an der hohen Schule der Je- suiten, erst 13 Jahre alt, Theologie, Philosophie und Jurisprudenz, wurde dann vom Kardinal Ludwig von Ferrara an den Hos von Este gerusen, an welchem der Bruder des Kardinals, der Herzog Alfons U., einen Kreis von Gelehrten, Künstlern und Schöngeistern aller Art um sich gesammelt hatte. Dort faßte er eine tieft, glühende Neigung zu Leonore, der Schwester seines fürstlichen Gönners, die er in glühenden Sonneten besang; zum Schein aber unterhielt er ein ähnliches galantes Verhältniß mit einer Dame am Hose, Leonore Sanvitale. Durch diese verhänguißvolle Liebe, welcher tausend Hindernisse entgegenstanden, ver- fiel er in eine bald hitzig gereizte, bald tieftrübjinnige Stimmung, in welcher er einmal in den fürstlichen Gemächern, von einem Edlen sich beleidigt fühlend, den Degen zog und dafür Stubenarrest erhielt, aus welchem er jedoch nach Sorrent zu seiner Schwester floh. Lange hielt er es jedoch, infolge seiner gewaltigen Leidenschaft, dort nicht aus, son- dern begab sich bald wieder an den fcrraresischen Hof. Während dieses zweiten Ausenthalts soll er, seiner Sinne nicht mehr mächtig, in Gegen-- wart des Hofstaates seine hohe Angebete umarmt haben, wodurch er die Gunst seines Fürsten für immer verscherzte. Als er daraus als irr- sinnig im St. Annenhospital eingesperrt worden war, gelang es erst nach Verlaus von sieben Jahren, welche der Dichter dort zubringen mußte, der Fürsprache des Fürsten von Mantua, Gagalo, die Befreiung Tasso's zu erwirken. In tieft Schwermuth versunken, elend und von der bittersten Roth verfolgt, irrte nun der Dichter in Italien umher, vergeblich vom päpstlichen Stuhl eine kleine Pension erhoffend, die ihn seinem Elend entreißen sollte. Da leuchtete noch einmal ein Hoffnungs- strahl: Ciezio Aldobrandini, der eine lebhaste Zuneigung zu Tasso faßte, betrieb seine Dichterkrönung in Rom. Aber zu spät! Am 2. April \\ 1595 hatte das Herz des Dulders aufgehört zu schlagen. Taffo, der Epen, Trauerspiele, Schäferdramen und lyrische Gedichte geschrieben hatte, verdankt seinen Weltruhm dem Epos„Jerusicloinme liberata", worin er die Eroberung von Jerusalem durch die Kreuzfahrer unter der Führung Gottftieds von Bouillon, in melodischen Versen besang, und wobei er eine Menge märchenhafter Züge einwebte, die nicht wenig dazu beitrugen, das Interesse an dieser Dichtung zu steigern. Die Verse seiner Dichtung leben noch heute in dem Munde seines Volkes und werden von den Gondolieren in allen Hafen- und an der See ge- legenen Städten Italiens im Wechselgesang mit Mandolinen- oder Lautenbegleitung, oder ohne solche vorgetragen. Auch Goethe theilt mit, wie er einem solchen Wechselgesang zweier Kahnsührer gelauscht und da so recht die Kraft und Herrlichkeit der Poesie Tasso's nach- empfunden habe. Den Dichter und sein unglückliches Geschick aber hat bekanntlich unser Goethe selbst in einem feinen Seelengemälde, seinem Gedankendrama„Tasso" zum Gegenstande künstlerischer Darstellung gemacht und unsre Literatur mit einem hervorragenden Meisterstück bereichert. vt. Russisch-bulgarische Greuelthaten in Eski-Saahra. Es ge- währt keine ästhetische Befriedigung, das Bild(Seite 41), welches der rühmlichst bekannte Maler Herr Lorie init kunstsicherem Griffel auf das Papier geworfen. Aber auf ästhettsche Befriedigung hat es der Maler mit diesem Bilde ebensowenig abgesehen, wie auf sittliche Genug- thuung; hier handelt es sich um die nackte, entsetzliche Wahrheit, eine Wahrheit, die jedes Gemüth, welches menschlich zu empfinden vermag, bis zur bittersten Empörung erregen muß. Russen sind es, die im Berein mit ihren Schützlingen, den Bulgaren, in der im Handstreich genommenen offenen Stadt wehrlose Greise niedermetzeln, schwache Weiber auf die entsetzlichste Weise zu Tode quälen und arme, hülslose Kinder sich gegenseitig in die Bajonette werfen. Dies sind dieselben Russen, die angeblich für die christliche Humanität gegen türkische Barbarei das Schwert gezogen haben; dieselben Russen, welche eine gradezu unquali- fizirbare Politik zu den Erbsreunden des deutschen Volkes gemacht hat,— dieselben Bestien sind es, zu deren Gunsten die elende käus- liche Majorität der deutschen Presse heute noch zu schreiben und das Blaue vom Himmel herunterzulügen vermag. Die Türken stehen zwar auch auf kemer höheren Kulturstufe, aber sie gibt auch kein Mensch sür Bertteter der Humanität aus und sie zwingt man uns auch nicht als Nattonalsreunde auf. Die Barbarei der Türken in Bildern vorzuführen, wäre ebenso überflüssig, als es nothwendig ist, dem deutschen Volke die scheußlichen Proben russischer Humanität in so packender Schilderung, wie die unseres Künstlers, vor Augen und zu Herzen zu führen. Und für die„Neue Welt" war es gradezu Pflicht, solchem Bilde Raum zu gewähren, weil fast alle die übrigen illusteirten Blätter, mögen sie auch von Schlachten- und Greuelbildern in widerwärttgster Weise überfüllt sein, von den Unthaten der Russen nichts wissen wollen. Das ist freilich nur zu natürlich: wer betrachtet es denn heutzutage für seine Pflicht, die sittliche Ungeheuerlichkeit um der Sittlichkeit willen an den Pranger zu stellen!? Und welches Organ der öffentlichen Meinung würde nicht vergnügt im Strome der herrschenden Stimmung dahin- plätschern und sich nicht genügen lassen an den beiden erhabenen Zielen des Abonnentenfanges und des hochobrigkeitlichen Wohlgesallens!? G. Aus vergangenen Zeiten. Wir geben in Nachstehendem noch ein Stück aus jener augsburger Chronik, der wir schon ftüher einen interessanten Passus entnahmen: Um das Jahr 1483 kam eine päpstliche Bulle von Rom hierher, darinnen den Laien zum erstenmal die Eier, Milch, Käs und Butter, die Zeit der Fasten über, verboten wurde. Dieses Gebot hat gleich- wohl nachmals Papst Sixtus der Vierte gelindert, dergestalt, daß, so Jemand dieser Speise nicht enttathen konnte, derselbe für sich sonderlich zubereitet Fleisch kaufen möchte, welches er denn hinsüro ohne Sünden essen könnte. Mit dieser Krämerei ist aber unser Rath übel zufrieden gewesen, weil er sich dawider nicht setzen durfte, und doch nicht gern sähe, daß die Bürgerschaft so ums Geld gebracht wurde. Er hat des- halb den Papst mit einer namhaften Summe Geldes versöhnt, daß er solch' Verbot wiederum aufgehoben, und es allein bei dem, daß man kein Fleisch essen sollte, verbleiben lassen, welches aber auch nicht lange Bestand gehabt hat. Im Jahr 1496, zu Ende des Maien, kam Philippus, Erzherzog von Oesterreich, des Kaisers einziger Sohn, hierher, welchem zu Ge- fallen die Geschlechter Turnier und Tänze auf ihre Weis angerichtet. Derohalben er auch wiederum am St. Johannisabend, des Täufers, einen Haufen, 45 Schuh hoch, von Maien und dürren Reben auf dem Frohnhof aufrichten lassen, bei welchem, nachdem sich alle Geschlechter, Frauen und Jungfrauen zur Besperzeit, auf das schönste geschmückt, versammelten, er mit Ursula Neidharttn, als der schönsten Jungftau unter allen, einen lusttgen Tanz angefangen. Die Jungfrau hat eine brennende wächserne Fackel in der Hand getragen und damit den Haufen, auf des Fürsten Geheiß, angezündet, daraus alsbald bei dem hellen Schalle der Trompeten und Zinken dreimal um das Feuer getanzt. Dieser Erzherzog hatte 400 burgundische Reiter mit sich hierher ge- bracht, welche eine besondere Kleidung gehabt, die denn auch unsere Bürger zierlicher als die ihrige gedeucht, verwegen sie es denselben bald (wie denn die Deutschen gleichsam anderer Nationen Affen sind) nach- gethan. Unter andern sind auch die weiten, gebogenen, flachen Schuhe, welche wir heutzutag, statt der spitzigen, geschnäbelteu, tragen, bei ihnen zuerst ausgekommen; wie auch dazumal die Sohlen oder Pantoffeln erstlich, anstatt der Holzschuh, bei uns gebräuchlich worden. Im Jahr 1500, als nach vollendetem Reichstag Kardinal Galeattus, päpstlicher Helligkeit Legat, aufbrechen wollt, aber den Handwerksleuten über 600 Gulden schuldig bliebe, ward er durch den Stadtvogt aresttret, also, daß er das Seinige, so er dazumal bei sich gehabt, sogar auch die Kutsche, dem Bürgermeister Gassenbrodt einsetzen und zum Pfand lassen müssen, davon doch die Schuld nicht halb bezahlt worden. Um diese Zeit begonten die Augsburger ihre Sprache zu ändern und etwas verständlicher zu reden und zu schreiben, also, daß sie zu unserer Zeit, bei der Regierung Kaiser Ferdinands des Ersten, ganz anders reden, denn die alten. Denn da dieselben vor diesem in Aus- sprechung des i und u den Mund weit aufsperrten, brauchen sie jetzt dafür das ei und au im Schreiben und Reden, und allein für allan und auch für aach. Im Jahr 1503 fingen die Bürger zuerst an, das Haar aus dem Haupt kurz abzuscheeren und Kolben zu machen, und da sie zuvor die Bärte kurz gestutzt gettagen, sie jetzt lang wachsen zu lassen. Im Jahr 1504 im Anfang hat allhie Kaiser Max mancherlei kurzweilige Spiel, gewaltige Fechtschulen und artige Geschlechtertanz oft und vielmal mit großer Demuth beigewohnt. Kaiserliche Majestät ist dazumal von D. Conrad Peuttngers vier- jähriges Töchterlein im Namen des ganzen Raths in lateinischer Sprach empfangen und willkommen geheißen worden. Im Jahr 1505 ist es geschehen, daß ein Weib, die Lominetttn genannt, unter dem Schein großer Heiligkeit großen Potentaten die Augen also verblendet, daß, obwohl sie vor diesem begangener Unzucht und Ehebruch halben zum andernnial aus der Sadt verwiesen war, darüber aber Reu und Büß gethan, und nicht allein von dem unver- ständigen Bolke, sondern auch von den Vornehmsten der Stadt dafür angesehen, daß sie weder Essen noch Trinken, ohn allein was ihr im Sakrament gereicht wurde, zu sich nehme, viel weniger, daß sie etwas durch einen natürlichen Trieb von sich ließe oder schliefe, und daß sie solche große Wunder durch stetes andächttges Gebet vermöchte. Solches hat der Kaiser Maximilian und nach ihm der Kardinal des heiligen Kreutzes geglaubt, und beide haben sie als eine Heilige besucht. Nach diesem aber hat die Herzogin Kunigunde von Bayern, des Kaisers Schwester, den Betrug entdeckt und offenbaret, worauf die Heilige, wie in solchen Fällen zu geschehen pflegt, heimlich fortgeschickt, und später- hin, da sie sich in Freiburg verheirathet hatte, dort aber wiederum arge Possen spielte, ertränkt worden. Im Jahr 1506, den 23. Mai, erlaubte der Kaiser den Geschlech- tern, drei Hirsche in den Gehölzen am Lech mit der Armbrust zu schießen. Die Geschlechter gaben darauf ein herrlich Banket, wo an 32 Tischen gespeist wurde. Es waren dazu alle anwesenden Fürsten— die Herzoge von Baiern, der Bischof von Trient u. s. f.— und der abwesenden Fürsten Gesandte und Räthe, wie auch die drei Vornehmsten aus dem Domkapitel eingeladen, sammt aller Geschlechter Weiber und mannbare Töchter. Da die gebotenen Gäste freigehalten werden mußten, so kostete die Zeche jedem der Unsrigen 16 Kreutzer. Nach diesem sind unsere Bürger zu dem Schießen gen Frankfurt am Main, welches um die Herbstmeß gehalten und durch ganz Deutsch- land ausgekündigct war, auch beschrieben worden. Es gingen mit den hiesigen Kaufleuten sechs freudige Schützen von hier aus dahin, denen ein ehrbarer Rath allhie 60 Gulden zur Zehrung verehret. Die Augs- burger Schützen sind aber auch nicht die geringsten gewesen; denn unter denselben hat Lukas Bischer, ein Hafiier, den besten Preis, 105 Gulden, mit der Armbrust, und Jakob Delhuet, ein Schreiner, den andern Preis, 00 Gulden, mit dem Handbogen davongetragen. Schädlichkeit der Wärme. Das immer allgemeiner werdende Bestreben der Aerzte, alle Krankheiten in ihren Entstehungsursachen zu erkennen, gibt uns fast mit jedem Tage einen weiteren(Anblick in die oft so verwickelt aussehenden Vorgänge in unserm Organisnius, und damit zugleich die Möglichkeit, uns vor den Einflüssen, welche als „krankheitserregend" bekannt sind, zu verwahren. Daß die fortwäh- rende Einwirkung von Wärme— mag sie nun von der Sonne oder von» Feuer ausgehen—, sobald sie eine gewisse Höhe überschritten hat, auf unser körperliches und geistiges Wohlbefinden einen großen Einfluß ausübt, hat ein jeder wohl schon mehr oder weniger an sich selbst er- fahren, man fühlt sich unbehaglich, ist unfähig, angestrengt zu arbeiten, ermüdet sehr, bekommt Kopsschmerzen u. s. w. Daß dagegen die Wärme die Veranlassung zur Entstehung einer ganz bestimmten Krankheit, und zwar einer Geisteskrankheit der schlimmsten Art, werden kann, wird Bielen noch unbekannt sein. Die Erkrankungen derer, die sich lange Zeit einer großen Hitze ausgesetzt haben, sind viel häufiger, als man vielleicht ini gewöhnlichen Leben annehmen will; sie treten meist ganz plötzlich auf. In einzelnen Fällen erholen sich die Kranken oft schein- bar, gehen ihrer gewohnten Beschädigung nach, bis dann durch irgend- welche schädlichen Einflüsse die Krankheit von neuem ausbricht. Auch die Art der Wärme zeigt einen Unterschied, so ist die Wärme der strahlenden Sonne viel schädlicher als die des Feuers. Während wir bei Feuer- arbeitern gewöhnlich erst längere Zeit Schwächegefühl, Müdigkeit, Un lust zur Arbeit, Kopffchmerz u. dergl. vorausgehen sehen, treten bei denen, welche sich der strahlenden Sonne ausgesetzt hatten, die einzelnen Krankheitssymptome viel rascher auf. In beiden Fällen bekvnimen die Kranken falsche Vorstellungen(Hallucinattonen), haben Angst, sind un- ruhig, gcrathen in große Verwirrung und glauben sich überall verfolgt und verspottet, bis sie dann nach längerer Zeit tobsüchtig werden. Dieses Stadiuni ist sehr verschieden, manchmal ist es sehr kurz, der Kranke wird dann ruhig und verfällt in eine melancholische Verstim- mung, bei der sich großer Lebensüberdruß kundgibt. Daran schließen sich die Lähmungserscheinungen. Die Zunge zittert, stößt beim Sprechen an, der Gang wird unsicher, das Gedächtniß nimmt sehr rasch ab. In diesem Zustande ist selten mehr an eine Wiederherstellung zu denken. Die Erscheinungen sind so zu deuten: Die Blutgefäße des Gehirns sind überfüllt und durch die anhaltende Ueberfüllung derselben tritt das unter hohem Druck befindliche Blut aus den Wandungen der Gefäße und verbreitet sich als eine wässerige Flüssigkeit über die Gesammtmasse des Gehirns, dringt in dessen Windungen und Höhlen ein, so daß die Funkttonen deffelben wesentlich beeinträchttgt und zuletzt ganz aufgehoben werden. Hört der Druck bald aus, dann ist Resorption, d. h. Ver schwinden der Flüssigkeit und somit eine Wiederherstellung möglich. Die fast alljährlich bei anhaltenden Märschen in großer Sonnenhitze vor- kommenden Unglücksfälle sind ein beredtes Zeugniß für die schädlichen Einwirkungen der Sonnenstrahlen auf den Organismus. Ter hier oft plötzlich eintretende Tod ist auf einen äußerst hohen Druck des Blutes zurückzuführen. Der Grund, warum in unseren Hüttenwerken, Zucker- fabriken, wo die ausstrahlende Wärme des Feuers oft so groß ist, daß die Arbeiter, besonders die Heizer, nur leicht gekleidet darin arbeiten können, nicht noch häufigere Erkrankungen dieser Art vorkommen, beruht zunächst darin, daß die Feuerarbeiter der Hitze, wenn sie ihnen un- erttäglich wird, ausweichen können, während man sich der Sonnen- wärme gegenüber nicht schützen kann, außerdem trifft die vom Feuer ausstrahlende Wärme auch wirklich nicht so direkt den Kopf, als die Sonnenstrahlen, sondern meist mehr die Vorderseite des Körpers und das Gesicht, dann gewöhnen sich diese Arbeiter auch an höhere Hitze- grade. Es mag deshalb zum Schlüsse die wohlberechttgte Mahnung hier angebracht sein, sich nicht muthwilliger und leichtsinniger Weise den brennenden Strahlen der Sonne auszusetzen, insbesondere gilt dies für Kinder, deren Organismus ja überhaupt noch wenig widerstandsfähig und darum um so leichter zu Erkrankungen disponirt ist. Die schlechte Gewohnheit in Deutschland, grade in der heißesten Zeit des Tages, am Mittage, eine Pause in der Arbeit eintreten zu lassen und nicht zu einer andern Zeit, mag durch das dadurch hervorgerufene Bewegen in der Sonnenhitze bei vielen die Veranlassung zur Entstehung dieser schreck- lichen Krankheiten gewesen sein. Unsere Schulzeit ist ebenfalls so ein- getheilt, daß sich die Kinder zwischen 12 und 2 Uhr, also in der größten Hitze bewegen müssen. Mit der immer fticljr und mehr überhandnehmenden Einsicht und Bildung der Massen wird man hoffen dürfen, daß auch in dieser Beziehung den thatsächlichen Verhältnissen mehr Rechnung getragen wird.__ H. Schm. Moralische Grundsätze ohne Uebung kommen ebenso leicht in Ver gessenheit/ als ein auswendig gelerntes Gedicht, ohne Wiederholung. Sind jene einmal in unserm Herzen erloschen, so gehen auch die sitt- lichen Regungen verloren, welche die Seele zur Tugend reizen. Und ganz natürlich zieht der Verlust von jenen auch den Verlust der Tugend nach sich. Sokrates. Aorresponden). Hamburg. Ein Abonnent. Tie Kinder Ihrer Mute sind in u»ier» Hände». Doch fehlte uns bisher die Zeit zur Prüfung. Die nächste Nummer wird Ihnen indeß wahr- idieinlich schon den Bescheid bringen.— W. Hi. Die srendige„Anerkennung eines Arbeiters", die Sie uns zutheil werden laßen, ist ein Theil jenes einzigen Lohnes, nach dem wir ringen. Wir drücken Ihnen im Geiste warm die Hand. Der Hamburger Schach- sreund ist Herr Fabian Landau, der Mitglied einer Schachgesellschast in Hamburg ist und besten genaue Adreste Sie sowohl bei den Herren Auer und Dcrossi, Pserdemarkt Z7, als bei Hrn. A. Geib, RödingSmarkl 12, erhallen klinnen. Stralau.«. W. Eben weil wir unbrauchbare Silbenräthsel genug zur Bersügung haben, sehnen wir unS nach brauchbaren: und zu dieser letzteren Sorte gehören die Ihrigen. Darum besten Dank! Baden(Schweiz). Fabr. gipp. Zu unserem lebhastesten Erstaunen und Bedauern erscheint Ihnen die an Sie gerichtete Korrespondenznotiz in einer der letzten Nummern des vorigen Jahrgangs„hämisch". Sie befinden Sich aber im entschiedensten Irr- thum— nur ein harmloser Scherz und nichts weiter lieg» in jenen Zeilen: theilweise sogar vollkommener Ernst. Wir haben nämlich wirklich gegen eine Beröffenllichung der Namen aller unsre Räthsel lösenden Damen nichts einzuwenden, wenn das gewünscht werden s Ute. Also: Sie haben uns Unrecht gethan und nicht wir Ihnen! Berlin. A. F. F.„Ein Zug unüberwindlichen Weltschmerzes zieht sich" durch die„Neue Welt"? Das ist aber merkwürdig! Wiste» Sie: Weltschmer, ist Leben»- seigheit, und wir sühlen uns vorläufig von unüberwindlichem LebenSmuthe beseelt. Darum seien Sie getrost: die„Reue Welt" und die ganze sozialistische Partei wird nicht„im Ozean der allgemeine» Weltentmuthigung untergehen"! Im übrige» grüben Sie gesälligst den seligen Schopenhauer und telegraphiren Sie ihm in'S Jenseits, wir Sozialisten sreuten uns, daß er sich hätte begraben lasten. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstr. 20).— Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei in Leipzig.