Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Der ErtwnKe!. Novelle von Hrnst von Watdow. (Fortsetzung.) Die Sache war nun einmal geschehen, die Gäste im Zorn von ihr gegangen,— daran ließ sich nichts mehr ändern, und da in diesem Moment die Magd mit der dickbäuchigen Kaffee- kanne erschien, winkte Frau Friederike der gleich ihr schon heiser gewordenen Martha, und beide Frauen ließen sich an dem ver- lassenen Kaffeetische nieder und lobten bei dem braunen Tranke die Klugheit der gewandten Magd, das edle Naß während der kleinen Familienszene draußen warmgestellt zu haben. Bon diesem ansprechenden Thema kam man dann wie von ungefähr auf die viele Mühe und„Mrthschaft", die eine solche„Gasterei" ver- Ursache, und wie wenig dies anerkannt werde im allgemeinen. Da war dann nur ein kleiner Sprung, um auf den hier vor- liegenden speziellen Fall überzugehen— und Jungfer Martha scheute vor diesem kleinen Sprunge durchaus nicht zurück. So kam es denn, daß, ehe noch eine Viertelstunde vergangen, der Friede wieder nothdürftig geschlossen und selbst Emmerenzia am Tische saß, ein Stück Streuselkuchen in den„Aufgewärmten" tauchte und über die Koketterie alternder Mädchen lispelte, die in der Residenz Gott weiß was für Liebschaften gehabt und nun in die Kleinstadt kämen, um unschuldige Jünglinge zu verführen. Onkel Johann hatte seine Mütze genommen und brummend das Zimmer verlassen. Er begab sich zu Bruder Eusebius, dem einstigen Studenten und gegenwärtigen Flickschuster von Dohlen- Winkel, denn es drängte ihn, während er über die Klatschsucht der Weiber daheim räsonnirte, seinem Mittheilungsbedürfnisse zu genügen. Droben, in dem Gastzimmer des„Schwarzen Wallfisches" aber that Frau Edeltrud mit zum Schwur erhobener Rechten das feier- liche Gelöbniß, von heut ab mit der bürgerlichen Verwandtschaft ihres geadelten Gatten— vorbehaltlich des Erbonkels— ein- für allemal und auf das feierlichste zu brechen, nie wieder deren plebejische Schwellen zu überschreiten, noch gedünstetes Kraut und Schweinsbraten, Streuselkuchen und Cichorienkaffee dort zu ge- nießen, ihnen nie ähnliche Gaben der Liebe im eigenen Hause anzubieten, noch ihre Besuche anzunehmen. „Wir sind geschieden, für jetzt und alle Zeit!" so schloß die in ihren heiligsten Empfindungen gekräntte Frau.„Und wenn du wagst, mir in dieser Sache zuwider zu handeln, Sebaldus, dann ist auch das Band zerrissen, welches uns verknüpft,— hörst du?!" „Ich höre, rter—" „Wie, du könntest es wagen, mir zu widersprechen?" „Nein doch— aber dann wäre es meiner unmaßgeblichen Meinung nc-ch besser, wenn wir wieder fortzögen,— denn in einer so fteinen Stadt und verfeindet mit der ganzen Gesellschaft, ja mit der eignen Verwandtschaft, das ist ja ein Leben zum Tcufelholen!" „Sebaldus!" „Na ja— ich bin schon ganz desperat!" „Ich hindere dich ja nicht, dann und wann niit deinen Ver- wandten zu verkehren, nur mich, die geborene Freiin von Recken- stein, und meine Kinder nehme ich aus. Auch werde ich nicht die Flucht vor diesen Kleinstädtern ergreifen. Wir hatten ein Ziel, als wir die Residenz mit Dohlenwinkel vertauschten. Wohlan, dies Ziel wollen wir erreichen— es wird ja nicht allzu schwer sein, so sagt mir meine Ahnung— und erst dann wollen wir den Staub von unseren Schuhen schütteln und diesen erbärmlichen Spießbürgern den Rücken kehren,— aber als Siegende und nicht als Geschlagene!" Sie war groß in diesem feierlichen Augenblick, das füblten sie alle und Frau Edeltrud selbst am tiefsten. Das graue Männlein beugte sich über die Hand der bcroischen Gattin und drückte eintn schüchternen Kuß auf dieselbe, während er ein beklommenes „Amen" lispelte. Adelgunde sprach es leise nach und blickte dabei zu dem wolkcnbedeckten Nachthimmcl empor,— seufzend suchte sie einen Stern zu entdecken, und als diese Bemühung fehlschlug, flüsterte sie resignirt: „Eilende Wolken, Segler dar Lüfte, wer mit euch wanderte, wer mit euch schiffte! Grüßet mir freundlich meinen Theobald!" Da brachte die Magd das Nachtmahl mit einem„schönen guten Abend!" herein; weil man im Sturni und Drang des Tages vergessen, eine diesbezügliche Extrabestellung zu machen, sandte Herr Jonas der hoftäthlichen Familie von dem, was der „Schwarze Wallfisch" seinen Gästen heut Abend— bot es bestand aus gedünstetem Kraut und Schweinskoteletten. Meister Johann hatte sich nach der stürmischen Szene in seinem Hause, wie schon berichtet, auf den Weg gemacht, um dem Bruder M. 3. November l»77, einen der seltenen Besuche abzustatten, die Eusebius, der Sonder- ling, von seinen Geschwistern zu empfangen Pflegte. Bor dem Thore des Städtchens, nahe der Kastanienallee, stand ein kleines, einstöckiges Haus. Es gehörte einer Wäscherin, und deshalb war auf dem wüsten Grasplatz vor dem Hause, den ein einziger alter, knorriger Nußbaum schmückte, auch zu allen Tageszeiten jemand damit beschäftigt, Leinen zu ziehen, nasse Wäsche auszuhängen oder trockene herabzunehmen. Da die Wäscherin, eine arme Wittwe, nur mit Kindersegen vom Geschick reichlich bedacht worden war, hatte sie nie die Mittel gehabt, dem Häuschen innen wie außen einen wohnlichen Anstrich zu geben, ja, sie vermochte nicht einmal, die uothwendigsten Re- paraturen machen zu lassen, was den» zur Folge hatte, daß Thürcn und Fenster nur noch lose in den Angeln hingen und das rauchgeschwärzte Dach sich stark auf die linke Seite neigte, als wolle es dem breitästigen alten Nußbaum irgendeine inter- essante Neuigkeit zuflüstern.' Hier wohnte Eusebius, der verdorbene Student, wie er ge- nannt ward, der Schuhflicker und Weltweise in einer Person. Er hatte der Frau Meier schon seit vielen Jahren die leerstehende Parterrestube, auf der linken Seite gelegen, mit der Aussicht auf den Nußbaum, abgemiethet. Dazumal, als das„bemoste Haupt" hier eingezogen war, lebte der Herr des Hauses, Schuhmacher Meier noch, und da der Student,' welcher in allen Examen durch- gefallen war und doch zur größten Verwunderung der Dohlen- winkler das Studircn nicht lassen konnte, doch auch eine nützliche Thätigkeit üben wollte, so lernte er von seinem Hausherrn das Handwerk und trieb es schlecht und recht nach des alten Meier Tode auf eigene Faust. Die Wittwe wusch die Wäsche der„kleinen Leute" und ihr Miethsmann flickte die zerrissenen Schuhe dieser Kunden. Neues Schuhwerk zu verfertigen, hätte der Philosoph kaum vermocht, auch strebte er nicht darnach, dieses höchste Ziel zu erreichen, er kannte den Ehrgeiz nicht, und ebenso wenig, als es ihn gelüstete, die Menschheit durch eine neue Erfindung, oder mindestens die Wissenschaft durch ein neues System zu bereichern, ebenso wenig schmeichelte er sich mit der Hoffnung, je ein Paar neuer Lackstiefeln oder Schuhe unter seinen Händen hervorgehen zu sehen. Eusebius lebte in seiner ärmlich ausgestatteten Kammer genügsamer als weiland Diogenes in der Tonne, jedenfalls besaß er weniger Eitelkeit und mehr innerliche Befriedigung. Auf einem alten, wurmstichigen Bücherbrette war die Bibliothek des Schuh- flickers aufgestellt,— eine erlesene Sammlung der herrlichsten Geistesschöpfungen aller Zeiten und Nationen. Freilich fehlte hier und da ein Band, oder die zerlesencn Hefte waren mit Pechdraht zusammengeheftet,— nichtsdestoweniger bildeten sie den Stolz und das Glück ihres Besitzers. Dieser selbst saß auf seinem drei- beinigen Schemel— einein Erbstücke Meister Meiers— und blicfte zu dem grünen Drahtbauer auf, in welchem ein maisgelber Kana- rienvogel schlaftrunken auf seineni Stengel ruhte. Ein Lächeln spielte um die bartlosen Lippen des alten Studenten, als Bnider Johann jetzt, der auf einer hölzernen Bank Platz genommen, seine lange Jcremiadc mit den Worten schloß: „Und all' das hat diese unglückliche Erbschaft zuwege gebracht! Störung und Unruhe, wohin man nur blickt,— Zank im Hause, Aerger mit der Frau, Plage mit den Geschwistern und jetzt durch Sebastians Ankunft wieder neue Sorgen, denn unmöglich ist's doch nicht, daß Jakob— uatürlich nur um uns zu ärgern, der adeligen Sippe den Vorzug gibt. O, diese Erbschaft!" �„Hm, hm," machte Eusebius, indem er sich von dem Bauer des gefiederten Lieblings ab und dem Bruder zuwandte. „Also nur die Erbschaft macht euch alle so unzufrieden und sorgenvoll. Warum läßt denn mich der Gedanke daran so völlig nihig?" „Ja dich," erwiderte Johann gedehnt und mit einem sehr einfältigen Gesichte,„das ist etwas anderes." „So, das freut mich, daß du dies einsiehst. Es ist freilich traurig genug, daß von sechs Kindern eines Elternpaares nur ein einziges vernünftig genug denkt, um den Mammon zu verachten und das Haupt nicht vor dem goldenen Kalbe zu beugen, das ihr alle umtanzt." „Du hast leicht reden," seufzte Johann.„Sicherlich würdest du anders sprechen, wenn du Weib und Kinder hättest, wie ich." „Schlecht ausgedrückt, Bnider Johannes! Nicht du hast Weib und Kinder— sie haben dich,— so sagt ein großer Weiser, und er hat nur zu sehr recht. Deshalb auch habe ich nie meine Frei- heit verkauft, indem ich mein Herz einem Weibe verpfändete; wenn Herz und Hand gebunden sind, ist bald auch die Ueber- zeugung nichts weiter als eine Waare, die dem Meistbietenden verkauft wird." „Wahr gesprochen!" sagte da eine dünne Stimme mit einem i gewissen feierlichen Nachdruck, und ein graues Figürchen glitt fchattengleich in das Gemach. „Das ist Bruder Sebastian— der Hosrath!" rief fröhlich der alte Student und sprang von seinem dreibeinigen Schemel auf. Nach den ersten Begrüßungen und Fragen trat eine kleine Pause ein, welche der Hofrath benutzte, seine prüfenden Blicke durch das ärmlich ausgestattete Stübchen gleften zu lassen. Eusebius war eben damit beschäftigt, einen defekten Rohrstuhl vom Staube zu reinigen und ihm durch eine in der Ecke befind- liche Tonne die nöthige Festigkeit zu verleihen, um ein würdiger und ungefährlicher Sitzplatz für den seltenen Gast zu werden, als dieser entrüstet ausrief: „Dieser Jakob ist doch der eingefleischteste Egoist von der Welt, er schwelgt im Ueberflusse und läßt dich, seinen leiblichen Bruder, hier im Elend fast verkommen!" Der alte Student wandte mit dem Ausdruck ungeheuchelten Erstaunens den Kopf um. „Sprichst du von mir?— Ei, da müßte ich davon wissen, wenn es mir so schlecht gehen sollte „Da bist du schön bei ihm angekommen," lächelte meister, indessen der Hofrath erregt fortfuhr: „Aber das ist doch nicht zu leugnen, daß du, C am uothwendigsten Mangel leidest, das sagt mir j, dieses Zimmer!" „Was ist nochwendig, lieber Bruder? Weißt du,\ 1 sagte, als er die aufgehäuften Waaren eines Marktes betrachtete? ,Jch sehe da viele Waaren, deren ich nicht bedarf!�— Nun, auch mir geht es also mit den Dingen dieser Welt, und nur die reinen Geistesfreuden haben Werth in meinen Augen und nach meiner Schätzung." „Sie find selten, Bruder," seufzte der Hoftath,„besonders für einen Familienvater!" Eusebius lächelte.„Das ist heut schon die zweite Klage, die an mein Ohr dringt, über den Segen, den Gott euch Familien- Vätern verliehen, da muß man ja froh darüber sein, als einsamer Junggesell durch's Leben zu wandern. Euer Glück scheint schwer zu tragen,— warum denn beklagt ihr meine Armuth?" „Man müßte ein Herz von Stein haben, wenn man dies nicht thäte," erwiderte Sebastian und warf einen verlegenen Blick aus die mehr als bescheidene Zimmereinrichtung.„Es liegt ja so klar am Tage, daß darüber kein Zweifel obwalten kann—" „Worüber?" fragte Eusebius mit mildem Ernst. „Nun, daß du dich unmöglich hier glücklich fühlen kannst." „Du bist kein Philosoph, sonst wüßtest du, daß eine erhabene Wahrheit in der Lehre von der Nichtigkeit all' jener Freuden und Genüffe liegt, welche die Menschen im allgemeinen für nothwendig zu ihrem sogenannten Glücke halten. Wir haben genug zu thun, wenn wir gegen jene Mühsale und Beschwerden ankämpfen, die einmal das Loos jeglichen Erdenbürgers sind— mehr oder Iveniger. Der Kampf gegen elementare Einflüsse und Ereignisse, gegen Krankheit und Tod— sagt es selbst, ihr Brüder, ist's nicht genug an dem? Wozu sich künstlich Qualen schaffen, sich an Bedürfnisse gewöhnen, deren Entbehrung Leid bringt,— nein, weise zu nennen ist nur derjenige, welcher freiwillig entsagt.— Armer Sterblicher,— nicht Klagen, noch Bitten ändern den Gang des Fatums, das Loos, das jedem gefallen, vollzieht sich, ob er darob verzweifelt oder sich ruhig in fein Schicksal ergibt. Deshalb ergab ich mich, und spare mir die Mühe, das zu be- klagen, was mir nicht beschieden.— Macht es wie ich!" Der kleine Hoftath lächelte.„Mir fällt bei deinen Worten das Gedicht ein, welches du als Junge einmal auswendig lernen mußtest, zur Strafe für einen verübten schlimmen Streich. Weißt du noch, es hieß, wenn ich nicht irre, ,das Hemde eines Glück- liehen'. Einem kranken König ward von seinem Magier als letztes Mittel, die verlorene Gesundheit wiederzuerlangen, der Rath ge- geben, das Hemd eines glücklichen Menschen sich zu verschaffen und anzulegen. Jetzt ward nach einem Glücklichen gesucht, und siehe da, unter all' denen, die ihrer glänzenden Verhältnisse wegen für glücklich gehalten wurden, fand sich niemand, der sich allen Ernstes glücklich zu preisen vermochte, als ihm die Gewissensfrage vor- gelegt ward. Der ftanke König war außer sich und sein Zorn traf alle seine Räthe, welche ihm stets so eindringlich versichert hatten, sein Volk sei glücklich! Da endlich gelang es den fort- gesetzten Nachforschungen, in»der Einsamkeit eines Wiesenthals, 51 und zwar in der Person eines armen Hirten, den„Glücklichen" zu entdecken. Schon wollte man dem Könige die frohe Botschaft 1 enden und bot dem schlichten Landmann Gold über Gold für sein Hemd, als er verlegen erklärte, er besitze keins.— Der kranke König aber starb selbigen Tages." Eusebius hatte sich so lebhaft erhoben, daß sein Schemel in Gefahr gerieth, umzustürzen; er reichte dem Brüder die Hand: „Es freut mich, daß du dir den Inhalt dieses lehrhaften Gedichts behalten; laß mich dir denn gestehen, daß ich demselben ein gut Theil meiner Lebensweisheit verdanke. Denn seht, ihr Brüder, und laßt es euch gesagt sein: Schmerz, Entbehrung, Enttäuschungen entspringen nicht dem Mangel an Glücksgütern, sondern lediglich dem Wunsche, solche zu besitzen! Sonst würde es ja nicht Menschen geben, die, in Dürftigkeit lebend, dennoch zufrieden und glücklich sind. Der Vernünftige nun wird daraus die Lehre ziehen, daß alles das, was gemeiniglich von den Leuten Glück genannt wird, nur auf dem Verhältniß zwischen unseren Anforderungen und dem beruht, was uns darauf zu theil wird. Wir sind unglücklich, wenn wir das Begehrte nicht erhalten,— wir würden uns jedoch dieses Leid ersparen, wenn wir derlei Begehren garnicht stellten." Der Hofrath schüttelte, verlegen lächelnd, das Köpfchen und meinte:„Wenn alle diese Lebensphilosophic besäßen und nach ihr handelten, dann kämen wir zuletzt wieder auf die Tonne des Diogenes!" „Nicht doch. Wir sollen arbeiten und weiterstrebcn, auch freudig das Erworbene genießen und einen offenen Sinn uns bewahren für da» Schöne, nur vor den Wünschen nach dem Un- erreichbaren oder dem Schädlichen uns hüten!" „Mit dem Schädlichen meint er Bruder Jakobs Erbschaft," schmunzelte Meister Johann dem Hofrath zu,„wir sind nämlich, was das betrifft, sehr uneinig." Ein spöttisches Lächeln verzog für einen Augenblick den breiten, gutmüthigen Mund des philosophischen Flickschusters. „Mau kann es niemand recht machen. Was würdet ihr denn sagen, wenn auch ich mich an dieser Jagd nach dem Glück be- theiligte?" „Nun, das hieße nur dein natürliches Anrecht geltend machen," warf Herr von Bartels dazwischen. „Oder," fuhr Eusebius unbeirrt fort,„wenn schließlich ich sogar das Erbe gewänne? Es liegt das im Bereiche der Möglich- keit, da ein Glied der Familie Bartels das Geld erhalten muß, notabene, wenn Jakob uns nicht alle überlebt." Der Tischlermeister war plötzlich schweigsam geworden, er grübelte über irgend etwas nach, das sah man ihm an. Endlich sprach er ein wenig empfindlich:„Das wäre die höchste Un- gercchtigkeit, wenn das Erbe einem der ledigen Geschwister zutheil werden sollte. Habel! wir deshalb die schweren Sorgen eines Familienvaters imithcg übernommen, uns von unseren Weibern plagen lassen, für die Kinder geopfert, um schließlich zu sehen, wie du oder Martha, vielleicht gar die närrische Emmerenzia, das Erbe einheimst!?" Der Meister hatte sich lebhaft erhoben, und da er,' wie stets in solchen Monienten der Erregung, den rechten Ann vorstreckte, als bewege er einen unsichtbaren Hobel, so warf er das auf einem an der Wand befestigten Holzbrctt stehende einzige Glas, ivelches Eusebius sein nannte, herab. Klirrend zerbrach es in Scherben. Johann bedauerte seine Ungeschicklichkeit und versprach Ersatz. Gleichniüthig blickte der Philosoph darauf hin, dann sagte er bedächtig:„Du hast mich von etwas befreit, das nicht durchaus uothwcndig war; es ist nicht nöthig, den Verlust zu ersetzen, denn ich werde fortan ans ineinem Kruge trinken und somit den Luxus eines Trinkglases leicht entbehren können." „Da ist ja Bruder Jakob gegen dich noch ein Shbarit," meinte der Hofratb, und ein beobachtender, scharfer Blick streifte den bedürfnißloseu Weisen. „Mit nichten," erwiderte Eusebius ernst.„Der Geizige liebt in dem tvdten Mammon alle Güter dieser Welt, denen er nur scheinbar entsagte, um diesen zusammenzuscharren. Ich würde nie Schätze aushäufen, die der Rost frißt oder welche Diebe stehlen könnten. Wäre ich reich, so würde ich mein Geld den Bedürf- tigeu geben, d. h. den wahrhaft Armen, die ein Anrecht auf die Hülfe der Gesammthcit haben, weil sie selbst außer Stande sind, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen." „Nun, wenn Jakob erfährt, daß du einen solchen Gebrauch von Bartels Erbschatz niachen willst, dann erhältst du ihn gewiß nicht," meinte Johann, mit einem Seufzer der Erleichterung. Eusebius zuckte die Achseln. „Wie sollte er das erfahren? Solche Ansichten habe ich bis- her gegen niemand als gegen euch geäußert." Eine Pause entstand, die der Hofrath endlich mit der Mah- nung zum Aufbruche unterbrach. „Ihr wollt schon gehen," sagte Eusebius, ein wenig gKräukt, „und ich habe noch garnichts von deinen Erlebnissen erfahren, Bruder Sebastian? Sage mir wenigstens, ob du dich zufrieden in deiner Lage fühlst?" „O ja— sicherlich,— warum auch nicht?" murmelte das graue Männchen und gab dann, vielleicht um dem fragenden Blick der ernsten Augen des Bruders auszuweichen, in gedrängter Kurze eine Skizze seines Residenzlebcns, die mit der Wahrheit und Wirklichkeit wenig gemein hatte. Als beide Brüder nach genommenem Abschied das Haus vcr- lassen und sich schon jenseits der Straße auf dem Wege zur Stadt befanden, blieb der Schreinermeister, den Hofrath an einem Knopf seines Rockes festhaltend, plötzlich stehen. „Willst du etwas neues wissen, Sebastian?" „Nun— das wäre?" „Auch Eusebius spekulirt auf die Erbschaft!" „Behüte— das glaube ich nicht." „O, er ist ein Duckmäuser!" „Dieser Weise— geh', du siehst Gespenster." „Er denkt eben den mißtrauischen Jakob auf eine ganz aparte Weise zn fangen, indem er sich auch auf den Geizigen und Ein- siedler hinausspielt— am Ende ist er klüger als wir alle, und hat den Vogel abgeschossen, während wir nach der Scheibe starren." Der kleine Hofrath hatte seinen Knopf freigemacht und schritt langsam weiter; indessen er sich aber noch bemühte, des Bruder- Johannes bösen Verdacht zu zerstreuen, keimte die schlimme Saat auch in seiner Seele auf. Freilich hatte die Entsagungsfreudigkeit des Philosophen, seine Ruhe, der tiefe Friede, welcher auf den gefurchten Zügen lag, einen Eindruck auf das bewegliche Gemüth des grauen Männleins gemacht, es lag für ihn etwas Erhabenes in der Resignation des armen Eusebius. War er selbst sich doch recht klein erschienen, und nichtig sein Streben und Haschen nach dem Glück und der Ehre vor der Welt. Jetzt erhob sich der eben noch gebeugte Eigendünkel wieder. Ja, Johann konnte recht haben, diese Bcdürfnißlosigkeit, diese Zu- friedenhcit, sie waren nur geheuchelt, auch der Philosoph Eusebius trug eine Maske, die sein wahres Antlitz verdeckte, er war ebenso wenig frei wie die andern, ob er damit auch prahlte, denn er war ein Sklave des Mammon, so gut wie sie alle. An der nächsten Ecke trennte sich der Hofrath von dem Bruder Schreistermeister, in dessen neiderfülltes Gemüth er unterwegs auch einen tiefen Blick gethan. Unmuthig wanderte er allein weiter, und als er die Schwelle des„schwarzen Wallsisches" überschritten, war er fast zu derselben Neberzeugung gekommen, wie vor einigen Stunden Dame Edeltrud, wenn auch auf einein andern Wege. Er meinte nämlich, daß es nach den bereits gemachten Erfahrungen am besten sei, den Ver- kehr mit den Geschwistern soviel als möglich zu beschränken, damit nicht ein»nüberlegtes Wort, eine kleine Schwäche von der erbberechtigten Verwandtschaft erlauscht und dem„Erbonkel" rap- portirt werden könne. Mau sieht, daß auch der Hofrath schon die ersten recht artigen Pas machte, um das goldene Kalb zu umtanzen. (Fortsetzung folgt.) Sokratislhe Meisheit. Sokrates verabscheute die schwelgerischen Genüsse und Speisen, die auf den Gaumenkitzel berechnet waren. Sollten es nicht, sagte er einsL dergleichen Gerichte gewesen sein, durch welche Kirke Menschen in Schweine verwandelt hätte? Odysseub hingegen sei darum nicht zum Schweine geworden, weil sowohl die Warnung des Hermes, als seine eigene Enthaltsamkeit ihn abgehalten habe, sich mit solchen Speisen zu überfüllen. Harter Kopf und starrer Sinn! Ei, was nützt es, � denn die Schlauen, Freundlich streichelnd Wang' und Kinn, Lichten dir die finstren Brauen. Der Alte im Kreuzfeuer. Sind es Leute gar von Fach, Die verstehen sich auf's Stricken, Stricken und umstricken, ach, Leichthin dich mit Wort und Blicken. Alter, Alter, aufgepaßt! Denk' an's Sprüchwort, eh's gelungen: „Weiberlust und-List und-Last— Holl' und Himmel ihre Zungen!" Aesop. 53 Die Chemie des täglichen Lebens. Von Hmanuel ZSurm. (Schluß.) Ebenso wichtig für die Ernährung ist das Getreide. Brot ist schon seit undenklichen Zeiten ein hauptsächliches Nahrungsmittel, ja sein Name ist zu einem Sammelbegriff geworden, unter dem wir die zum Lebensunterhalt nöthigen Speisen verstehen. Nach Brot rief das hungernde Proletariat schon im alten Roni,„Freiheit und Brot!" steht auf der Fahne, um welche es sich heute schaart. Besonders bei uns Deutschen spielt Brot eine große Rolle. Wir sprechen von Mittagbrot und Abendbrot, wobei wir aber nicht ausdrücken wollen, daß wir zu jenen Mahlzeiten nur Brot ge- nießen. Wasser und Brot sind zwar genügend, mäßige Stoff- ausgäbe zu ersetzen, doch wirken sie bei lange fortgesetzter Zufuhr wie alle einseitigen Nahrungsmittel schädlich, denn die 4—5 Pfund Brot, welche das tägliche Kostmaß an Albumin enthalten, haben mehr stickstofffreie Nahrung als nöthig ist. Das Getreide besteht hauptsächlich aus Stärkemehl und Kleber, ersteres ein stickstoff- fteier, letzteres ein Eiweißkörper. Der Kleber findet sich in nicht unbedeutender Menge in der äußersten Hülle, welche gewöhnlich abgeschält wird. Daher ist ungeperlte Gerste und Kleienbrot so nahrhaft und die Kleie ein so gutes Mästungsmittel. Jemehr Kleber aber im Brote vorhanden ist, umsomehr ist auch Bewegung nöthig, da er viel Sauerstoff zur Verbrennung braucht. Bei beschränkter Athmungsthätigkcit, bei körperlicher Ruhe ist die Oxv- Bad Ems.(Seite 60.) dation nicht vollständig, und der Ucberschuß kann in Bestand- theile des Körpers abgelagert werden._ Eine solche Fettansammlung nennen wir Mästung, und daß diese eine geistige Entwicklung, auf welche beim Menschen doch stets Rücksicht genommen werden muß, nicht grade fördert, ist bekannt. Shakespeare, der große Menschenkenner, läßt in feinem Schauspiel„Julius Cäsar" den- selben zu seinem Vertrauten Antonius sagen: „Laß Männer um mich sein von fettem Bau, Mit glatten Köpfen, welche ruhig schlafen. Der Cassius hat so hohlen Hungerblick; Er denkt zu viel; die Leute sind gefährlich." Kraft und Stoff, Geist und Materie, stehen in cineni ursäch- lichen Zusammenhange mit einander. Das„Eiapopeia vom Himmel", von welchem die göttliche Seele kommen soll, die da denkt urtb empfindet, ist durch die Naturwissenschaften dorthin gewiesen worden, wo es hingehört: in die Märchenwelt. Die Chemie beweist, daß der Geist ebenso abhängig ist von der Nah- rung, wie der Körper, ja, sie geht sogar so weit, daß sie die Entwicklung des ersteren durch die Zufuhr eines bestimmten Stoffes bedingen läßt und den Satz aufstellt:„Ohne Phosphor kein Ge- danke." Das Vorhandensein phosphorhaltiger Bestandcheile im Gehirn steigt und fällt nachgewiesenermaßen mit der größeren oder geringeren Ausbildung desselben. Wir haben schon gezeigt, von welchem Einfluß auf den Charakter der häufige Fleisch- genuß ist. Andrerseits wird aus der wilden, fleischfressenden und menschenfeindlichen Katze ein zahmes Hausthier durch vegetabilische Kost. Beweis genug für den Einfluß der Nahrung und zugleich vernichtende Kritik derjenigen Verhältnisse, welche es Millionen Menschen unmöglich machen, sich geistig zu entwickeln. Es eine ' von ist wohlfeil,' bei voller Tafel den„Unverstand der Massen" zu beklagen. Gebt ihnen nur zu essen, dann werden sie auch denken können. Der Hunger, sagt Moleschott, läßt jeden Druck mit Centnerschwere fühlen und ist daher die Hanptnrsache zu Em- pörungen. Alle Revolutionen, mochten sie auch geistig schon lange vorbereitet sein, kamen erst zum Ausbruch, wenn die brutale Magenftage in den Vordergrund trat. Ihr betet ja so gläubig die Schillerffchen Worte nach: „Wenn sich die Völker selbst bcfrei'n, Da kann die Wohlfahrt nicht gedeih'n." Macht sie nur satt, dann habt ihr für eure Wohfahrt nichts zu fürchten. Der Satte ist äußerst friedliebend. Ist es dem Menschen aber nicht vergönnt, seine Nahrungsbedürfnisse in gehöriger Weise zu befriedigen, dann läßt er sich entweder zu Gelvaltthaten hin- reißen oder, wenn der Druck, der ihn unterjocht, zu stark ist, so sucht er nach einem scheinbaren Ersatz für die nöthigen Nahrungs- stoffe. Die Folge ist, daß er verkümmert und verthiert, denn unzureichende Nahrung fuhrt zu übermäßigen! Genuß des Bräunt- wems.— Den thatsächlichen Hintergrund zu dem oben Gesagten bilden besonders einige Theilc Europas: Irland, Belgien und das rechte Oderuser Oberschlesiens. Die letzteren sind sehr reich; wenn auch der Boden nicht die Saat in Hülle und Fülle auf- gehen läßt, so birgt er doch andere Werthe in sich, nämlich Stein- kohlen und Erz. Irland hat ebenfalls solche und im allgemeinen einen fruchtbaren Boden. Und jene drei Länder sind die Do- mänen der Dummheit, der Pfaffen und des Branntiveins! Woher kommt das? Die Bevölkerung jener reichen Provinzen ist arm; der Reichthum des Landes gehört nur einigen wenigen, und die- jenigen, welche nicht zu jener glücklichen Mnorität gehören, nähren sich"von einem Stoße, der zwar Nahrungsmittel heißt, diesen Namen aber garnicht verdient— das ist die Kartoffel. Die Ursache der großen Verbreitung derselben ist die, daß jene Frucht sehr billig ist, weil sie auf dem sandigsten Boden geräth und grade dort ain allerbesten. Zu ihrem Anbau können daher Stellen vcr- wandt werden, die sonst brach lägen oder nur ein geringes Er- trägniß an Flachs und Hafer geben würden. Ihre Anpflanzung ist folglich vom Standpunkte der Nationalökonomie vollständig zu billigen, denn es wird ja dadurch etwas ausgenutzt, dessen Werth sonst verloren ginge. Aber die Kartoffel darf nicht angebaut iverden, um als Nahrungsmittel zu dienen. Zu Zwecken der Industrie, als Viehfutter, ist sie brauchbar; für Menschen ist aber ihr Nährwerth unzureicheud. Die Kartoffel besteht zu zweidrittcl ihres Gewichts aus Wasser, nur 1,5 pCt. sind Eiweiß, der Rest sind stickstofffreie Körper, hauptsächlich Stärke, ferner Zellhaut (Cellulose) und anorganische Salze. 20 Pfund entsprechen dem täglichen Kostniaß an Albumin,-1 Pfund dem an stickstofffreier Nahrung. Wegen ihres geringen Eiweißgehaltes dürften die Kar- toffeln nur eine Zukost zu stickstosfreichen Körpern, wie Fleisch und Hülsenfrüchten bilden. Statt dessen bilden sie in jenen Ge- genden das einzige Nahrungsmittel. Das Brot enthält aber selbst mehr Stärke wie Eiweiß, durch den Genuß desselben init Kartoffeln wird also das Stickstoffdefizit der letzteren nicht aus- geglichen, sondern der Körper bei mangelnder Stickstoffzufuhr mit stickstofffreien Stoffen überladen. Mit Recht können»vir daher sagen, daß unter diesen Verhältnissen der Genuß der Kartoffel nicht eine genügende Ernährung ist. In Irland bildet sie mit Buttcrinilck den Hauptbestandtheil aller Mahlzeiten. Hier könnte sie als Zufuhrmittel stickstofffreier Körper genügen, wenn die Milch in gehöriger Menge genossen würde. Ties ist aber in dem armen Irland nicht der Fall, und sehr oft bildet die Kartoffel die einzige Nahrung. Die unausbleiblichen Folgen treten in jenen Ländern auch ein. Sie sind stets ein Herd der Epidemien; denn ein unzulänglich ernährter Körper ist ain allerchcstcn für Krankheiten disponirt. Oberschlesien mit seinen reichen Kohlen- gniben bot uns vor kurzem das Schauspiel des Flecktyphus, den man ja auch, weil er besonders bei schlechter Ernährung um sich greift, Hungertyphus nennt. Da die Entwicklung des Gehirns von genügender Kost abhängig ist, so ist jene Bevölkerung natür- lich auch geistig zurückgeblieben. Es gewährt einen merkwürdigen Anblick, wie grade in jenen Ländern, wo die sozialen Ungcrech- tigkeitcn so grell zu Tage treten, am allermeisten die schwarzen Kütten herrschen. Klingt es nicht wie Hohn, wenn jene dem hungernden Arbeiter von der Gleichheit und Brüderlichkeit aller erzählen, von dem Lohne, der den Armen oben erivartct:„denn eher ginge ein Kameel durch's Nadelöhr, ehe ein Reicher in den Himmel komme." Die Pfaffen wissen recht wohl, zu wem sie sprechen. Jene Proletarier hat das Elend so dumm und stumpf gemacht, daß sie eben alles glauben. Ihr Denken erhebt sich iiicht bis zum Zweifeln, denn wenn sie einmal das Erbännliche ihrer Lage fühlen, so haben sie einen vortrefflichen Tröster, der all ihre Leiden beschwichtigt: den Branntwein; bei seinen! Genuß verspüren sie keinen Hunger, sie fühlen sich kräftig zur Arbeit und gerathen in jenen glücklichen Rausch des Selbstvergessens. Hat denn nun wirklich der Branntwein einen solchen Nahrwerth, daß er eine ausreichende Kost ersetzen kann? Keineswegs. Der Alkohol desselben hat nur die Wirkung, daß er den Stoffwechsel verlangsamt, und zwar dadurch, daß er zur Verbrennung des cingeathmeten Sauerstoffs dient. Ein geringer Alkoholgenuß wirkt daher nicht schädlich, sondern bei angestrengter körperlicher Arbeit, bei äußerer Kälte, kurz überall bei vermehrter Sauerstoff- aufnähme, ist er ein wirksames Unterstützungsinittel der Athniungs- thätigkcit. Er kann aber nie, und darum handelt es sich doch hier, die zu geringe Zufuhr an Eiweißstoffen ersetzen, sondern er täuscht nur den Körper über den wahren Verbrauch an Stoffen. Zuerst genügen kleine Quantitäten, um diesen Zweck zu erreichen, später muß sich, wie bei allen Reizmitteln, der Verbrauch mit der häufigeren Anwendung steigern. Der Mangel an Albuminstoff bleibt dabei fortdauernd ungedeckt und wird stets größer; der Körper altert frühzeitig, die Muskeln sind energielos, das Gehirn kann sich nicht enttoickeln— Kartoffeln sind außerdem sehr arm an phosphorsauren Salzen— den Schluß bildet ein frühzeitiger Tod, sehr häufig in Folge des eintretenden Säuferwahnsinns (delirium tremens). Im Interesse der forffchrcitenden Kultur ist es daher zu verlangen, daß jener Bevölkerung Mittel an die Hand gegeben werden, sich auf andere Weise zu ernähren. Diese Aenderung steht aber mit der sozialen Frage in so innigem Zm sammcnhange, daß sie ivohl erst mit dieser gelöst werden wird. Denn bessere Lebensmittel haben auch einen höheren Preis, und diesen kann die arme Bevölkerung nicht erschwingen. Die Kar- toffel bietet eben einen weiteren Beweis dafür, wie wir es heut „so glänzend weit gebracht". Ungleich höher an Nähriverth stehen Reis und Mais. Zwar enthalten auch sie viel Stärke, d. h. stickstofffteie Körper und wenig Albumin, doch ist das Verhältniß derselben zu ciuaudcr weit günstiger. Nach der angefiihrten Tabelle entsprechen schon 3 Pfund Mais und 5 Pfund Reis dem vollständigen Bedarf an Eiweiß und enthalten einen großen Uebcrschuß an Fettbildnern. Es kommt dies auch daher, daß sie nur einen geringen Wasser- gehalt, 10—12 Prozent, haben. Die Gemüse dürfen,>vie die Kartoffeln, wegen ihres geringen Eiweißgehaltes nur eine Zukost zu stickstoffrcichen Körpern bilden. Der Nährwerth des Obstes ist ebenfalls sehr unbedeutend; es hat nur den Nutzen, daß es durch die in ihm enthaltenen Obst- säuren durstlöschend wirkt. Bon den Getränken, welche wir zu uns nehmen, haben wir die Bedeutung des Branntweins schon besprochen. Seine Wirkung beruht auf dem Alkohol, welcher durch Gährung von Zucker oder stärkehaltigen Bestandtheilcn gewonnen wird. Neben dem Brannt- wein aus Korn wird aus Kartoffeln ein solcher gewonnen. Bei beide» entsteht neben dem gewöhnlichen Alkohol oder Weingeist auch das sogenannte Fuselöl. Es wird dieses zwar abdestillirt, Spuren davon bleiben aber meist zurück, und es ist besonders Kar- toffelschnaps mitunter sehr reich daran. Ein solcher Fuselgehalt macht sich sofort durch seinen unangenehmen Genich bemerkbar, wenn man etwas von dem Branntwein auf der Hand verdunsten läßt. Dem Fusel wird hauptsächlich die betäubende und stumpf- machende Wirkung des Branntweins zugeschrieben. In-Ober- schlestcn trinkt nian nur Kartoffelschnaps. Das Bier enthält ebenfalls Alkohol, aber bedeutend weniger wie Branntwein. Dasselbe besitzt überhaupt einen wirklichen Nährwerth aus dem Getreide, aus welchem es bereitet werden soll, indem Albumin, Zucker und anorganische Salze in dasselbe übergehen. 2hz Liter Bier enthalten ebeusoviel phosphorsaure Salze, wie 1 Pfund Ochsenfleisch. Das Schäumen des Bieres rührt von der darin enthaltenen Kohlensäure her, die in Blasen entweicht. Die Farbe wird davon beeinflußt, ob das Malz mehr oder weniger stark gedörrt wurde. Häufig wird dieselbe auch durch Zusatz von ge- färbtem Zucker bewirkt. Der Biergenuß ist daher durch seinen Alkoholgehalt anregend und zugleich durch seinen Nährwerth kräf- tigeno. Der Wein enthält neben Alkohol noch Weinsäure und Kohlensäure, ferner einige Mineralsalze, wie phosphorsanren Kalk' und Eisen. Kräftigend wirkt er nur in demselben Sinne wie Branntwein, indem er die Athmungsthätigkeit unterstützt. Unser haupffächlichstes Getränk ist das Wasser, und zwar das Brunnenwasser. Dieses enthält viele Mineralsalze in Auflösung, die es aus den Erdschichten, welche es durchdringen muß, zieht. Sein frischer Gehalt wird durch den Kohlensäuregehalt bedingt. Obwohl unsere Speisen, wie wir gesehen haben, schon stets waffer- haltig sind, so bedürfen wir doch noch außerdem einer Wasser- zufuhr, wenn wir nicht Durst erleiden wollen. Gesundes Trink- wasser ist daher eine nothwendige Forderung; für eine chemische Kontrole der Brunnenwässer geschieht aber bisjetzt soviel wie nichts. In großen Städten, wo sich oft dicht neben dem Brunnen die Kloaken befinden, ist eine Untersuchung, ob in das Wasser etwa Bestandtheilc aus denselben übergetreten sind, äußerst nothwendig. Schlechtes Trinkwasser ist schon manchmal ein Uebertragungsstoff für ansteckende Krankheiten geworden. Es bleibt uns noch übrig einige Getränke zu erwähnen, die heute ein fast unentbehrliches Bedürfniß geworden sind: Kaffee und Thee. 55 Sie enthalten merkwürdigerweise denselben Körper, Coffein oder auch Theün genannt, außerdem anorganische Salze, Legu- mm und Zucker. Infolge eines flüssigen Oels wirken Kaffee und Thee bei zu starkem Genüsse berauschend. Im allgemeinen bc- ruhigt Thee, während Kaffee aufregt. Schwarzer Kaffee wirkt verdauungsfördernd. Nach Darlegung dieser Thatsachcn wird es jedermann ein- leuchtend sein, daß verschiedene Lebensthätigkeiten auch ver- schiedene Ernährung bedingen; daß bei großer körperlicher An- strengung ein Uebcrschuß der Nahrung an Fett, Stärke, Zucker und anderen stickstofffreien Körpern vortheilhaft ist, während er bei sitzender Lebensweise durch zu große Fettbildung schädlich wirken würde. Aber auch der Zusammenhang zwischen der Kul tnrstufe und der Ernährung einer Bevölkerung wird jetzt deutlich erscheinen, und das Vernunftwidrige mancher bestehenden Ver- hältniffe wird man nicht mehr als eine Ungerechtigkeit, sondern als Verbrechen betrachten. Würde es jedem Menschen möglich sein, seine Bedürfnisse an Nahrung und Luft in ausreichender Weise zu befriedigen, dauu würden die Krankheiten bald ab- nehmen, ein kräftigeres Geschlecht würde emporwachsen, ein geistig entwickelteres und freieres. Hoffentlich ist jene Zeit nicht mehr allzufern! Die Reaktion auf der miinchener Ratursorschermrsammlung und die Abkammnugslehre in der Uolkssliiute. Nachdem die Werktage der 50. Versammlung deutscher Natur- forscher und Aerzte niit den drei allgemeinen und den zahlreichen Sektionssitzungen, welche insgesammt eine Fülle geistiger Arbeit repräsentiren, an uns vorübergezogen sind, mag es ani Platze sein, die Frage nach der Signatur dieser Jubiläumsversammlung aufzuwerfen und zu beantworten. Die gesammte Naturwissen- schast ist in wenigen Jahrzehnten zur ersten, zur mächtigsten und treibendsten Kraft im Kulturleben unseres Jahrhunderts geworden. Darum die große Theilnahme, daher das eminente Interesse, mit welchem die Gebildeten aller Stände den Verhandlungen der ver- sammelten Naturforscher folgen. Die Entwicklungsgeschichte der Naturforschung selbst zeigt uns nicht minder als die Kulturgeschichte verschiedene Perioden. Jede Periode besitzt ihren eigenthümlichen Charakter: seit dem Jahre 1859 leben wir im Zeftalter des Darwinismus; die Ausbreitung der Abstammungslehre und ihre fruchtbringende Anwendung auf die sämmtlichen Disziplinen der Biologie— das ist die Signatur der letzten zwei Jahrzehnte in der Geschichte der Naturforschüng. Für den Fernerstehenden und den Uneingeweihten mag die Bermuthung naheliegen, daß sich in den Verhandlungen der Naturforscherversammlungen, die alljährlich wiederkehren, die Puls- schlage der Wissenschaft ani unzweideutigsten und untrüglichsten zu erkennen geben. Dies trifft für die Sektionssitzungen, wo die einzelne Disziplin ihre Vertreter um sich sammelt, zum größten Theil zu; allein für die allgemeinen Sitzungen, wo sich sämmt- liche Naturforscher zur Anhörung einiger Vorträge zusammen- finden, wohl keineswegs. Abstammungslehre, Darwinismus und Häckelismus sind bis jetzt Verhandlungsgegenstände der allgemeinen, nicht der Sektions- sitzungen gewesen. Allein in diesen Generalversammlungen gibt es keine Debatte. Die Redner sprechen dort mit dem Bewußt- sein, daß sich am Ende der„Predigt" niemand erheben und Ein- wände gegen allfällige Jrrthümcr oder Unwahrheiteu dieser oder jener Art machen kann. Der Zuhörer ist dazu verdammt, in den allgemeinen Sitzungen der Naturforscherversammlungen alles Mögliche stillschweigend hinnehmen zu müssen; er muß unter Umständen ansehen, wie notorische Unwahrheiten, wenn sie pikant und geistreich vorgetragen werden, von Laien und Irregeführten als unumstößliche Wahrheit hingenommen und mit lautem Bei- fall beklatscht werden. Es versteht sich von selbst, daß die Wissen- schaft, die Wahrheit und das Gefühl der Gerechtigkeit hiebet sehr schlecht wegkommen. Die Naturforscher haben schon lange gegen das autoritäre Kanzelwort in Kirchen und Schulen den Sturm- lauf begonnen; sie haben die schädliche heilige Scheu vor jeder Autorität abgeworfen— und sind dabei sehr gut gefahren und rascher als es jemals vorher geschah, vorwärts geschritten. Warum dürfen aber heute noch in den allgemeinen Sitzungen der Natur- forscherversammlung keine Diskussionen stattfinden? Warum soll dort keine Debatte zulässig sein, nachdem man derselben doch in den Sektionssitzungen zum Rechte verhalf? Wie fruchtbringend müßte das sein, wenn z. B. heute die vorragendstcn Häupter der Darwinianer und Antidarwinianer angesichts sämmtlicher Diszi- plinen der Biologie in einer allgemeinen Sitzung auseinander- Platzten! Die Erfahrungen in den Seftionssitzungen haben gezeigt, daß die Diskussion iiber einen vorgetragenen Gegenstand oft. sehr oft ftuchtbringender und anregender ist, als der mit vieler Mühe und lange Zeit vorbereitete Bortrag selbst, an welchen die Diskussion sich anknüpft. Das Gleiche dürste von den Vorträgen und den noch anzustrebenden Diskussionen in den allgemeinen Sitzungen erwartet werden. Wir wollen auch in diesen letzteren nicht die Rolle eines stummen Kirchcnbesuchers spielen. Wir wollen die Freiheit haben,, auch dort dem Jrrthum entgegentreten zu können, wo er bisher allein noch eine autoritäre Stellung zu behaupten vermochte. Die drei allgemeinen Sitzungen während der abgelaufenen 50. Versammlung deuffcher Naturforscher und Aerzte brachten manchen geistreichen Vortrag. Bon ganz eminenter Bedeutung— weil sie die höchsten aller Fragen berührten— waren die Vor- träge von Ernst Häckcl über„die heutige Entwicklungslehre im Verhältniß zur Gesammtwissenschast", von Carl Nägeli über „dieSchranken der naturwissenschaftlichen Erkenntniß", und von Geheimrath Virchow über„die Freiheit der Wissenschaft im modernen Staatsleben". Höckels Vortrag, welcher in der ersten allgemeinen Sitzung stattfand, brachte für den, der mit seinen Arbeiten bekannt ist, nichts neues; selbst die Auseinandersetzung über die Entwicklungslehre und ihre Stellung zur Ethik bewegte sich für den Darwinianer in bekannten Argumenten; auch das Postulat, daß die Entwicklungslehre von der Hochschule herab auszufließen habe in die Volksschule, wurde schon vor Jahren von einem zürcher Dozenten des Darwinismus in Wort und Schrift aufgestellt. Aber für die vielen Freunde der neueren Welt- und Naturauschauung, welche kaum alle diesbezüglichen Schriften und Bücher kennen dürften, war es ein Hochgenuß, den radikalen jungen Känipen von Jena zu hören, wie er die Quintessenz der modernen Naturwissenschaft und seiner eigenen Theorie in kurzer, Packeuder Rede zusammenfaßte. Nägeli's Rede über„die Schranken der naturwissenschaftlichen Erkenntniß" ist eine Erweiterung und bedeutsame Korrektur der Dubois-Reymond'schen Rede über die Grenzen des Naturerkennens. Nägeli ist ein eminenter Empiriker und ein Kritiker pur exoellenoe. Seine Methode des Forschens ist mustergiltig, seine Rede klar und die Logik unantastbar. Die jüngeren Forscher unserer Zeit dürfen sich beglückwünschen, wenn der greise Philosoph und Physiologe, trotz seiner reservirten Halwng' gegenüber der exklusiven darwi- nistlschen Richtung einer jüngeren Schule, am Ende seiner Rede über die Schranken der naturwissenschaftlichen Erkenntniß zu dem Satze gelangt:«Wir wissen und wir werden wissen." Das klingt doch nicht im entferntesten so entmuthigend— so reaktionär, wie das vielgepriesene, vielzitirte Schlußwort zu Tubois-Reymonds Vortrag: Ignoramus et ignorabirnus. Hättet hat eine neue Naturphilosophie gegründet. Er liebt es, bisweilen das Gebiet der empirischen Forschung zu verlassen und seine Phantasie in die luftigen Räume rein philosophischer Kontemplationen und Spekulationen— sozusagen von der müh- samen empirischen Forschung weg in die Ferien spaziren zu führen. Was er dann in solchen Vakanzen herausphilosophirt, das� legt er nicht in sein Schreibpult, sondern unterbreitet es der Seffent- lichkeit, ohne doch wohl darauf Anspruch zu erheben, daß er hie- bei unumstößliche, absolute Wahrheiten verkünde und ihm deshalb unbedingt geglaubt werden müsse. Ja, manche„Exakte" behaupten sogar, daß ihm bisweilen selbst bei empirischen Forschungen die Phantasie durchbrenne, und da klopfen sie ihm bald sanft, bald derb auf die Finger, ganz so, wie sie meinen, daß er es verdient 56 habe. Anksol/chen sanften„Drückern" fehlte es auch in den ersten zwei allgemeinen Sitzungen der 50. Naturforscherversammlung nicht. Sie werden nicht ohne etwelchen Nutzen sein, sobald sie maßvoll und begründet, sobald sie am rechten Ort und zur rechten Zeit applizirt werden. Es kann niemals schaden, wenn nian uns Jüngeren sagt:„Hütet euch vor der Verführerin Phantasie, wenn ihr als.Exakte' denkt und redet und schreibt!"— Das ist ein wohlmeinender, beberzigenswerther Rath, den wir den Aelteren hiennit bestens veroanken. Allein das heißt noch keineswegs zum Rückzug blasen, das heißt noch keineswegs einer Reaktion, einer verhängnißvollcn Re- aktion rufen, wie das Virchow in der dritten allgemeinen Sitzung gethau hat, als er über„die Freiheit im modernen Staatsleben" sprach. Wir haben von seiner Rede vieles erwartet, ja sogar einen kleinen Abstecher auf die Dühring-Affäre an der berliner Universität, natürlich ohne Hoffnung auf Trost für den Gemäß- regelten; allein Virchow hat uns unerwartetes gebracht: einen „Drücker", der uns das Blut unter den Fingernägeln vorpreßt und einen Schrei des Schmerzes über die Lippen drängt.„Bi»chow unter den Reaktionären!" Das ist die Signatur der dritten allgemeinen Sitzung unserer fünfzigjährigen Nawrforschcrversamni- lung. Darüber läßt sich nachdenken. Wir haben diese Angelegen- heit auseinanderzusetzen. (Schluß folgt.) Ueder WundiiehanMung. Von K. Kchm. (Schluß.) Bei der Blutstillung kommt es zunächst darauf an, entweder die Gefäße zur Kontraktion(Zusammenziehung) zu bringen, oder aber das Blut gerinnungsfähig zu machen, damit an den Mün- dungsstellen gewissermaßen ein Pfropf gebildet wird, der den Ausfluß des Blutes hindert. Das erstere erreichen gewisse mecha- nische und chemische Reize, besonders bei kleineren Gefäßen; die- selben ziehen sich bei Anwendung und Auflegung von Eis, Essig, Salzwasser u. s. w., wie schon erwähnt, an den Mündungen zu- sammen, das Blut geräth in's Stocken und die Blutung bleibt oft sofort stehen, oder man legt Watte in eine Wunde und kom- primirt dieselbe alsdann, dadurch verstopft man neben der Kom- Pression zugleich die Mündungen der Gefäße. Es ist dies letztere jedoch nur ein Provisorisches Hülssmittel, welches vor dem Er- scheinen des Arztes sehr zu empfehlen ist. Zuweilen bleibt auch die Blutung von selbst stehen; das Blut besitzt nämlich die Eigen- schaft, sobald es mit der atmosphärischen Luft in Berührung ge- bracht wird, zu gerinnen, es bilden sich auf diese Weise ganz von selbst Pfropfe, die jede weitere Blutung abhalten. Bei denjenigen Gefäßen, welche unter starkem Druck des Herzens stehen, wie die dem Rumpfe näher gelegenen, ist dies nicht so leicht der Fall, man muß deshalb in solchen Fällen zu einer andern Art von Blut- stillung schreiten, nämlich zur künstlichen Erzeugung von Blut- pfropfen. Dies wird durch Glüheisen, wodurch zunächst eine Schorfbildung hervorgerufen wird, durch Eisenchlorid k. am schnellsten erreicht; auch bei der Unterbindung bildet sich später ein Blutpfropf, ein sogenannter Thrombus, der so fest wird, daß er den ganzen Blutstroni zurückhält, nachdem bereits der Unter- bindunasfaden abgeweicht ist, oder vielmehr das ganze Gefäß durchschnitten hat. Als weiteres Mittel ist das Terpentinöl zu nennen, das besonders bei parenchymatösen Blutungen ausge- zeichnete Dienste leistet. Eine Blutung aber gibt es, welche dem Arzte unangenehm werden kann, nämlich die der Hämophilen(Bluter). Es gibt nämlich gewisse Familien, in denen die Eigenthümlichkeit erblich ist, daß sich bei den geringsten Anlässen schon stärkere Blutungen einstellen, welche oftmals äußerst schwer und zuweilen nur für kurze Zeit, meist aber garnicht gestillt werden können. Ein ein- faches Nasenbluten kann oft deu Tod solcher Unglücklichen herbei- führen. Nach den einen soll die Ursache in einer krankhasten Zusammensetzung des Blutes bestehen, so daß dasselbe nicht ge- rinnungsfähig wird, nach den anderen soll dieselbe auf einer Erkrankung und Verdünnung der Gefäßwandungen beruhen, die dann nicht im Stande sind, sich zu kontrahiren und leicht zu weiteren Zerreißungen Veranlassung geben. Da eben vom Nasenbluten die Rede war, so sei hier die praktische Bemerkung angebracht, daß dasselbe meist durch in Salzwasser getränkte Wattebäuschchen, die bei zurückgehaltenem Kopfe in die Nase geschoben werden, beseitigt werden kann; viele Eltern lassen ihre Kinder, wie sie zu sagen pflegen, erst ausbluten und dann die Nase mit kalten: Wasser ausspülen. Es entsteht aber dadurch, besonders bei schwächlichen Kindern, meist ein un- nöthiger Blutverlust, das kalte Wasser besitzt zwar auch die Fähig- keit, die kleinen Gefäße zur Konttaktion zu bringen, allein doch nicht in dem Maße wie das Kochsalz, außerdem hat es den Nach- theil, daß durch das beständige Einziehen von Wasser manchmal das bereits zu Pfröpfen geronnene Blut wieder aufgeweicht und herausgespült wird und die Blutung deshalb von neuem beginnt. Dauert nun aber ttotz der angewandten Mittel die Blutung fort, dann ist der Sitz der Blutting weiter hinten nach dem Gaumen zu. Diese Art kann nur durch einen Sachverständigen mittels Durchziehens eines Tampons von der Nase nach der Rachenhöhle zu zum Stillstand gebracht werden. Auch die Brandwunden spielen im alltäglichen Leben eine große Rolle. Sind kleine Partten, wie Finger, Hände:c. zer- stört, dann genügt die vorläufige Anwendung von Kälte, sind aber größere Partten des Körpers verletzt, z. B. ein Ktnd sei in siedendes Wasser gefallen, dann versäume man ja nicht, die be- treffenden Theile mit frischem Oele einzureiben und dann dieselben mit Watte fest einzuwickeln. Die beständige Anwendung von Kälte, z. B. ein Wasserbad, ist hierbei nicht gut möglich; wendet man aber Kälte an, dann werden die Schmerzen gewöhnlich heftiger, so wie man damit aussetzt. In wie weit übrigens die Haut auch bei der Athmung eine Rolle spielt, kann man daran sehen, daß bei Brandwunden, selbst wenn sie nicht bis in tiefere Schichten reichen, sobald sie zwei Drittel der gesammten Körperfläche ein- nehmen, immer der Tod einttitt. Was nun die Heilung der verschiedenen Wunden betrifft, so ist es selbstverständlich, daß die Quetschwunden, bei denen ja eine Zerreißung so vieler Theile stattfindet, die größten Schwierigkeiten machen; die Schußwunden gehören ebenfalls hierher. Am ein- fachsten gestaltet sich das Verhältniß bei Schnittwunden. Schon nach wenigen Tagen legen sich hierbei die Wundränder aneinander und verkleben, zumal wenn dieselben vor einem Auseinanderzerren durch Naht geschützt sind; das unterbrochene Gefäß und Nerven- system sucht wieder seine Verbindung herzustellen, ja wir sehen nach kurzer Zeit nur noch eine röthliche Narbe, die allmälig blaffer wird, als einzigen Ueberrest. Anders ist es bei den Quetschwunden. Zuweilen ist das sämmtliche Gewebe, die Haut, Muskeln und Nerven, so total zerfetzt und zermalmt, daß dem Arzte nichts anderes übrig bleibt, als das betteffende Glied zu amputtreu, d. h. abzulösen. Die Zeit, welche verfließt, bis sich Todtes vom Lebenden abgrenzt, ist außerdem bei den mancherlei Geweben verschieden, je reichlicher ein Organ an Kapillaren ist, um so rascher wird die Abstoßung des Todten vom Lebendigen erfolgen; es erfolgt bei diesen Wunden jedesmal eine Art Ge- schwürs- und Eiterbildung, darüber entsteht zuletzt ein derbes Gewebe, das sogenannte Granulattonsgewebe. Am Gesichte und an deu Lippen heilen wegen des großen Gefäßreichthums vre- hältnißmäßig die Wunden am schnellsten. Die Behandlung kleiner Wunden kann man jedem einsichts- vollen Laien selbst überlassen, wenn er die Rathschläge, täglich die Wunde auszuwaschen und mit Charpie zu versehen, befolgt und dieselbe durch Anlegen eines sauberen Verbandes vor schäd- lichen Einflüssen von außeu schützt, zuweilen kann er auch mit Höllenstein die etwa faulig gewordenen Fleischtheile abätzen. An- ders ist es bei den größeren Wunden. Schon daraus kann eine bedeutende Gefahr erwachsen, daß die aus der Wunde sich zer- setzenden faulenden Gewebe ansteckend auf die gesunden Theile wirken. In den meisten Fällen erfolgt jedoch die Thättgkeit des lebendigen Gewebes so schnell, daß durch die massenhaft vorhan- 57 denen Zellen, welche sich zu Geweben umwandeln, gewissermaßen ein Wall gegen außen gebildet wird. Diese Neubildung, das schon oben genannte Granulationsgewebe, läßt nicht leicht faulige Stoffe durch, und die einmal gebildete Granulationsfläche ist außer- ordentlich resistent gegen solche Einflüsse. Es ist in welen Gegenden Deutschlands Sitte, Geschwüre mit Kuhmist und andern fauligen Stoffen zu bedecken(zu welchen, Zwecke, das wissen vermuthlich blos die alten Schäfer und Sympathiefrauen), nie entsteht da- durch Fäulniß, weil sich bereits unten eine Granulationsschicht gebildet hat. Bringt man aber diese Stoffe auf eine frische Wunde und bindet dieselbe fest zu, dann wird man nach kurzer Zeit Brand eintreten sehen. Ob man die Wunden als offene oder geschlossene behandeln soll, darüber sind die Meinungen noch getheilt, seitdem jedoch Professor Lister in Edinbnrg mit seiner antiseptischen Wundbehandlung hervorgetreten ist, seitdem neigt man sich mehr zu der letzteren Behandlungswcise. Bei der er- steren kam es zunächst nur darauf an, den Eiter und die Sekrete sofort abfließen zu lassen, etwaige Nachtheile ließen sich durch Auflegen von feuchten Läppchen k. vermeiden, die in der Luft sogenannten suspendirten Schädlichkeiten konnten, wie man annahm, in dem kontinuirlich abfließenden Eiter, einmal nieder- geschlagen, ihre Lebensfähigkeit nicht erhalten; jedoch immer, ob mit offener oder geschlossener Wundbehandlung, kamen zuweilen die vielfachen Blut- und Eitervergiftungen vor, ja es schien die Zahl der Opfer zuweilen ähnlich wie in einer Epidemie in Schrecken erregender Weise zuzunehmen. Die chirurgischen Anstalten wurden lange Jahre hindurch von Erfahrenen gefürchtet wie die Pest. Verfasser erinnert sich noch heute eines Falles aus seiner Studienzeit, wo er von seinem Hauswirth, als er demselben wegen einer Kniegelenksentzündung die Aufnahme ins Hospital dringend anempfohlen hatte, zur Antwort bekam:„Ja, wenn der Hospitalbrand nicht wäre." � Verfasser glaubte damals, es sei dies eine alberne Idee, allein später hat er einsehen lernen, daß jener Mann instinktiv wahr gesprochen hatte. Es kam der Fall vor, daß in einem Spitale von 100 Kranken, von denen 70 nicht lebensgefährlich verletzt waren, 75 am Hospitalbrand erkrankten und zu Grunde gingen. Die er- sahrenen Chirurgen mußten sich oft gestehen, daß ihrer Kunst ein geheimer und verborgener Feind entgegenarbeite, dessen sie nickt Herr werden konnten, sie mußten sich gestehen, daß ihre Kranken- säle, anstatt zu Heilungsstätten, zu Brutstätten des Todes gewor- den waren. War man aber auch überzeugt, daß in einem alten Krankenhanse irgend welche Einflüsse, die so zerstörend auf die Wunden einwirkten, vorhanden sein mußten, so wurde man mit großem Schrecken den Feind auch bald wieder in einem neuen Gebäude gewahr. Etwas günstiger gestalteten sich die Verhält- nisse bei dem sogenannten Barackensystem, besonders die Vciiti- lationsbedingungcn waren hier bessere; allein auch hier zeigte sich zuweilen der alte Feind. Mancher konnte sich glücklich preisen, wenn er bei einer Verletzung sich der sorgenden Hand eittes An- gehörigen anvertrauen konnte, anstatt in ein Hospital zu gehen, während es jetzt gerade umgekehrt ist. Nirgends kann dw Wund- Heilung einen regelmäßigeren und naturgemäßeren Verlauf nehmen, als jetzt in einem mit allen Anforderungen der heutigen Wissen- schaff ansgcstatteten Krankenhause. Im Kriege selbst, wo nur manchmal ans kurze Zeit Nothlazarethe eingerichtet wurden, zeigte sich oft in der verheerendsten Weise dieser heimtückische Feind. Während die verschiedenen Forscher darüber einig waren, daß die Ursachen in der fehlerhaften Bekämpfung gewisser Pilzsporen gelegen seien, trat plötzlich Lister mit seiner neuen Bchandlungsweisc der Wunden an die Oeffentlichkeit. Dieselbe besteht in einer kon- tinnirlichen Einwirkung von Carbolsäure aus die Wunde mittels eines mit dieser Säure durchtränkten Watteverbandes. Die klei- neu in der Lust suspendirten Organismen werden durch die Säure vollständig getödtet und somit unschädlich gemacht. Da jedoch die Einwirkung der Carbolsäure auf die Wunde selbst eine ätzende ist und bei langer Dauer zuweilen auch schädlich für den Or- ganismus wird(sie ist außerdem sehr übelriechend), so kann man es als einen weiteren Fortschritt bezeichnen, daß die Carbolsäure durch die Erfindung der Salicylsäure dnrch Professor Kolbe in' Leipzig eine ebenso wirksame Vertreterin gefunden hat. Letztere besitzt dieselben Eigenschaften in Bezug auf die Zerstörung der Pilzkeime wie die Carbolsäure, dabei ist sie nicht übelriechend und ätzend, während außerdem ihre Herstellungskosten bedeutend ge- ringer sind. Den Nachtheil, daß die Salicylsäure leichtflüffig ist, suchte man wieder dadurch auszugleichen, daß man die Watte zum Verbände in Carbolsäure tränkt, die in eigens dazu ein- gerichteten Fabriken bereitet wird; außerdem legt man bei größeren Wunden zwischen den Verband kleine Blechkapseln ein, die mit Carbolsäure gefüllt sind. Auf diese Weise werden bei etwaigem Vertrocknen des Verbandes, die von außen durch denselben hin- durchtretenden kleinsten Organismen unschädlich gemacht. In der leipziger chirurgischen Klinik, wo zuerst diese Verbesserung ange- wendet wurde, setzt man neuerdings der Salicylsäure ein Drittel Borsäure zu, diese wirkt ebenfalls antiseptisch d. h. pilzzerstörend und ist als Mineralsäure am wenigsten flüssig. Zum Ausspülen der Wunden gebraucht nian gewöhnlich das ganz billige Salicyl- wasser; es ist dies eine Lösung von 1 Theil Säure auf 300 Theile Waffer. Als Salicylwatte hat sich 3- und 10prozentige sehr vor- theilhaft bewährt. Sobald die Wunde vom Verbände befreit wird, — es geschieht dies gewöhnlich alle 2—3 Tage— wird immer zur Vorsicht ein feiner Regen von Carbolsäure 1: 50 Wasser oder Salicylsäure 1:300 ans dieselbe ergossen, dasselbe geschieht jetzt bei jeder Operation. Der größte Triumph dieser Behandlungs- Methode besteht darin, daß seit Einführung derselben in den ver- schicdencn Krankenhäusern der heimtückische Feind der Verwun- deten, der Hospitalbrand, vollständig verschwunden ist. Ein weiterer großartiger Fortschritt, der auf dem Gebiete der Chirurgie in den letzten Jahren errungen wurde, ist die Erfindung des . Professor Esmarch in Kiel, die sogenannte Esmarch'sche Blutleere, die bei Amputation mit Vortheil anzuwenden ist. Dabei wird das zu operircndc Glied mit einer elastischen Binde fest umschnürt, so daß kein Blut mehr in dasselbe fließen kann. Nach einiger Zeit wickelt man von demselben bis zu der Stelle, wo man operiren will, die Binde wieder ab. Das Blut wird nun oberhalb der Operationsstelle durch die vorhandene Binde zurückgehalten, und der Operateur hat den Vorthcil, daß er ans einem klaren und sauberen Felde arbeiten kann, der Kranke, daß er kein Blut verliert. Der bis jetzt aufmerksam gefolgte Leser wird einsehen, daß die' Einführung der verschiedenen neueren Wundbehandlungs- Methoden als ein äußerst segensreicher Fortschritt unseres Jahr- Hunderts betrachtet werden muß. In unserer Zeit, in der keine fünf Jahre vergehen, innerhalb welcher sich nicht Tausende auf Befehl von oben gegenseitig verstümmeln und zerfleischen müssen, verdient dieselbe eine um so größere Beachtung; denn sie gibt uns doch wieder die Hoffnung daß wir wenigstens das Leben von taufenden solcher Unglücklichen erhalten können, während wir sie im andern Falle dem sicheren Tode verfallen sehen müßten. Die Zeit der Erfindung(fünf Jahre) ist zu kurz, als daß sie bis jetzt in großem Maßstabe bei einem Kriege Anwendung gefunden haben könnte, zudem erfordert die Anwendung derselben ein höchst ausgebildetes technisches Personal, sowie die Anlegung von ge- eigneten Fabriken zc., so daß nur höchst civilisirte Völker sich der- selben im Kriege, die ja auch bei ihnen schmachvoller Weise kei- neswegs zu den Seltenheiten oder gar Unmöglichkeiten gehören, bedienen können. Die deutsche Spracheimgung in der neueren Zeit. Von W. Zöittich. (Fortsetzung.) Der zugleich mit Luther thätigen für die Sprache wichtigen Bestrebungen haben wir in der Hauvtsache gedacht. Jetzt haben wir es mit der weiteren Entwicklung im Verlaufe des 17. Jahr- Hunderts und der folgenden Zeit zu thun, mit der Epoche der im großen Ganzen bereits geeinigten Sprache. Hier häufen sich natürlich die Zeugnisse immer mehr, und wir sehen uns genöthigt, Auslese zu halten unter denselben, um nicht in eine katalogähn- liche Auszählung aller sprachgeschichtlichen Leistungen von nur einiger Bedeutung zu verfallen. Wie in jeder Kunst auf eine Periode der praktischen Kunst- Übung erst später die Theorie mit ihren abgezogenen Regeln folgt, begann auch jetzt, nachdem die mehr oder minder aus sprachlichen Bteisterstllcken gebildete Reihe Luther'scher Schriften ihr Ende er- reicht hatte, ein pilzähnliches Emporwuchern von theoretischen Wer- ken über die deutsche Sprache. Deutsche Grammatiker sind es in erster Linie, die bemerkenswerthe Aeußerungen über den Verlauf der Sprachentwicklung thun, an zweiter Stelle die Dichter, die Sprachkünstler, die selbstverständlich immerwährend Veranlassung hatten, nachzudenken über den von ihnen als Material gebrauchten Sprachstoff; oft waren die Grammatiker zugleich Dichter, ja das Zeitalter forderte gradezu, daß die Dichter Gelehrte, daß die Gelehrten Dichter seien, eine Forderung, welche, was den freien Schöpferdrang anlangt, lähmend auf die Produktion gewirkt und auch hauptsächlich verursacht hat, daß diesem Abschnitt unserer Literatur lange Zeit. jede liebevolle Pflege vorenthalten wurde, wiewohl auch er des Interessanten genug bietet. Der große Sprachforscher und Sprachkenner Konrad Gesner spricht sich in der von ihm verfaßten Vorrede zu seines Freundes Josua Maaler„deutschem Wörterbuch" sehr warm für das sächsische Deutsch aus, er nennt nur statt Meißen Leipzig, wegen seiner schon damals hohen Bedeutung als Meßplatz, besonders für den Buchhandel, Ivelch letztere Rücksicht ihn auch bestimmt, neben Leipzig die berühmten Druckorte Augsburg und Basel als Stätten guter deutscher Sprache zu nennen. Enoch Hanmann, freilich ein geborner Leipziger, bemerkt in seinem Ergänzungswerke zu Opitzens tentscher Poeterei:„Viele geben vor, als wenn sie(die von Opitz geforderte hochdeutsche Sprache) zu Leipzig und Halle sollte rein geredet werden. Und es ist nicht ohne, wenn ichs in Vergleichung gegen die andern Oerter schätze." Und an späterer Stelle:„Zu der Zierlichkeit ge- hört auch, daß man sich guter Meißnischer und itziger üblicher Reden, welche bey verständigen und vornehmen Leuten im Schlvange, sich gebrauche"; z. B. solle„man nicht kusen oder schnacken vor reden, eine junge struntze vor eine jungfrau setzen". Schließ- lich bezeichnet er"die Jdealsprachc nicht als eine solche„die vom Pöbel insgemein geredet wird: sondern welche an keinem und doch fast an allen Orthen zu befinden". Aber doch geht aus Obigem hervor, daß diese Jdcalsprache der Verwirklichung am nächsten sei im Meißnerland. Caspar Schoppe, beauftragt, ein Handbuch für einen öfter- reichischen Fürsten zu schreiben, äußert sich 1625 in demselben da- hin, daß das österreichische Deutsch nichts werth sei, dagegen das meißnische den Reigen führe, dessen Sprachgebiet sei für Deutsch- land dasselbe, was den Griechen Attila, den Spaniern Toledo, den Franzosen Orleans, den Italienern Florenz sei: der Mittel- Punkt der echten, rechten, einigen hochdeutschen Sprache., Luthers Bibel ist unsere Divina Comedia, jagt Sicherer, d. h. dasjenige Werk, welches ein Musterbild für die deutjche Sprache aufstellt. Bedenke man nur, wie eifrig die Schriften Luthers, zumeist die Bibel, die Katechismen und die Hauspostille gelesen wurden, was sich schon aus den unzähligen Drucken von ungeheuren Auflagen ergibt, und man wird unbedingt zugeben können, daß Luther eben solch ein Markstein in der Geschichte des deutschen Geistes, be- sonders des Sprachlebens ist, wie Dante für Italien. Zu Kölln an der Spree, also in Berlin wird im Jahre 1618 die Aufführung einer Comödie angekündigt mit den Worten: „Amantes amentes, das ist ein sehr anmnthiges Spiel von der blinden Liebe, oder wie maus deutsch nennt, von der Leffeley. Alles nach art und weise der jetzigen Venussoldaten aufs gut Sächsisch gereimet." Daß übrigens der meißner Dialekt nicht ganz mit der gebil- deten neuhochdeutschen Kunstsprache zusammenfiel und sich deckte, ist wohl klar; diese Anerkennungen wollen eben besagen, daß bei dieser Sprachweise am wenigsten abzuziehen sei, um die gebildete Gemeinspracbe zu erhalten. Dahin gehört auch die Bemerkung Zesens im„deutschen Heli- kon", in jedem Lande würden zwei Sprachen gesprochen,„eine hoche, bei den geschickten(Gebildeten) und dem Frauenzimmer und eine niedere bei den Bauren u. s. w." Was das Sächsische anlangt, meint er:„Meinen Meißnern(er war aus Anhalt, rech- nete sich aber zu den Meißnern!) kann ich disfalls nicht gleich geben noch den rükken halten", weil sie,„ob sie schon die reineste und aus dem gründe der Sprache selbst meistentheils her-fließende bäste mund-ahrt haben", doch auch viele Sprachfehler begingen. „Dem sei nun wie ihm wolle", fährt er fort,„so sollte man sich dännoch so lange, bis wir unserer spräche Wörter recht nach ihren stämmen gerichtet hätten,(durch eine tiefere Sprachforschung und V eiiie_ wissenschaftliche Gramniatik) der Meißnischen mund-ahrt und ausspräche, als der im mittel-tüpfel des ganzen Hoch-Deutschlandes üblichen und durch den Großen Lutern und andere erleuchtete männer am basten aus-gearbeiteten spräche billich gebrauchen, und die reime gleich als die schreib-ahrt darnach richten." Damit deutet auch er, und mit Recht, auf die centrale geographische Lage dieses Sprachgebietes hin, welche das Meißnische zur Vermittlung besonders geeignet erscheinen ließ. Geographisch bestimmt übrigens Zesen den Begriff Obersächsisch folgendermaßen:„Was ich von dieser Aussprache sage, will ich keineswegs auf das einzige Meißen gedeutet haben. Wir können sicher auch das ganze Boigtland, Thüringen, Mansfeld und Anhalt nebst der Lausitz und Nieder- schlesien dazu rechnen. In allen diesen Landschaften wird in Städten, unter Vornehmen, gelehrten und gesitteten Leuten ein recht gutes Hochdeutsch gesprochen: welches man a potior!(nach dem wichtigsten Bestandtheil) nach dem Sitze des vornehmsten Hofes das Obersächsische zu nennen pflegt." Aus diesem und aus andern Gründen ward überhaupt Sachsen in deutschen Landen als Ort besonderer Kulturpflege gerühmt; hier lasse man einer guten Aussprache auch eine ganz besondere Sorgfalt angedeihen, man lese hier gemeinlich darum gute Bücher, „um eine zierliche Sprache zu erzielen". Ueber sächsische Gesittung urtheilt noch später der schwäbische Dichter Schub art in einem Spruch über den Werth der ver- schiedenen deutschen Volksstäinme: „Der Sachs ist fein, der Breme stark, Das Bayervolk hat Knochenmark..." In dem Liedc des Schwabenmädchens sagt derselbe Schriftsteller: „Ich Mädchen bin aus Schwaben Und braun ist mein Gesicht, Der Sachsenmädchen Gaben Besitz' ich freilich nicht." Der literarisch bedeutendste Mann jener Epoche, Martin Opitz, hat seine Stellung zu dieser Frage nicht scharf formulirt ausgesprochen, er fordert nur,„deine, was wir hochdeutsch nennen, besten Vermögens nachzukommen, und nicht deren Oerter Sprache, wo falsch geredet wird, in unsre schrifften zu vermischen." Opitz gibt uns Gelegenheit, an die Sprachgesellschaften zu erinnern, Vereinigungen, die sich nach dem florentinischen Muster der Academia della crusca*) gebildet hatten zur Pflege und Reinhaltung der deutschen Sprache, und voll edlen und patriott- scheu Eifers diesem Zwecke eine treue, angestrengte Thätigkeit widmeten, wie sie denn auch nicht ohne Einfluß auf Sprach- und Literatnrentwicklung geblieben sind. Der'„Nährende", wie der Ordensname des Vorstehers und Mitbegründers der„frucht- bringenden Gesellschaft"(auch„Palmenorden" genannt) Fürst Ludwigs von Anhalt-Köthen, lautete, schrieb an Opitz, der seinen gereimten„Psalter" an ihn zur Prüfung geschickt hatte, einen Brief ii.it verschiedenen„Erinnerungen" in Bezug auf einige Mängel,. z. B. speziell schlesische Wendungen, Worte und Reime, die nach„der gebräuchlichsten art zu reden und zu schreiben" umzuändern seien, und meint damit wieder die meißnische. In dem Briefwechsel der Gesellschaft, dem„Erzschrcin der Fruchtbringenden", findet sich eine interessante Zuschrift Zesens, worin derselbe unter anderm in Bezug'aus den Neudruck eines seiner Werke sagt:„Was die Schreibrichtigkeit betrifft, so ist dem- felben, der den Truk lesen soll(gleich: dem Korrektor) anbefohlen worden, daß er sich nuhr nach der gemeinsten zu Wittenberg und Leipzig itzt üblichen schreib-ahrt richten soll." Hier finden wir ganz deutlich ausgefprochen, welchen bedeutenden Einfluß die Druckereien mit ihren Setzern und Korrektoren auf die äußere Gestalt der Sprache ausübten. Schottel, der erste ttefergehende deuffche Grammatiker, nimmt zwar an einer Stelle seiner„Arbeit von der teutschen Haupt- und Heldensprache" eine ablehnende Haltung an gegen das Meißnische, in dem er sich lustig macht über die Anmaßung der Meißner(daß diese selbst einen solchen Anspruch erhoben, ist nicht belegt!), der hochdeutschen Sprache Richter und Schlichter sein zu wollen, gibt aber an andrer Stelle zu:„die meißnische Ausrede(gleich Aussprache) ist lieblich und wohllautend." Ebenso Morhof, ein Mecklenburger, in seinem „Unterricht von der teuffchen Sprache und Poesie":„Die Meißner *)„Gesellschaft der Kleie", so geiiannt, weil sie das reine, feine Mehl des guten Italienischen von der Kleie der niedrigen und fremden Sprachelemente abzusondern sich als Aufgabe gestellt hatte. Ausrede ist die zierlichste; wer nun ein reines deutsches Carmen schreiben will, der muß den lieblichsten Dialektum, Meißnisch, sich vorsetzen. Mit der zierlichen Ausrede, die ja viele nicht gerade finden wollen, ist jedenfalls die volle Erhaltung der Wortendungen gemeint, deren sich die Rheinländer, der Bayer u. a. m. nicht rühmen konnten. Auch Bödiker, einer der besten Grammattker nach Schottel, ein Berliner(1690), erkennt den Vorrang des Meißnischen an; ebenso der Verfasser des„Deutschen Sprachschatzes", eines Wörter- buches, Caspar Stieler aus Erfurt(1691); dessen etwas in lohensteinisch- schwülstiger Manier gehaltene Zueignung an den Parlamentarier. Ii. Der bedeutendste aller altkonservativen Parlamentarier war u» zweifelhaft Stahl. Derselbe wurde im Jahre 1862 in München von jüdischen Eltern geboren und trat 1819 zur evangelischen Religion über. 1832 Professor in München, wurde er 1846 nach Berlin berufen. Dann war er von 1849 bis zu seinem Tode, den 16. August 1861, Mitglied der ersten preußischen Kammer. Sein merkwürdiges und deshalb so bezeichnendes Bemühen war, das Recht und den Staat auf christlichen Offenbarungen aufzubauen. Die Materialien hierzu suchte er in der dunklen Ferne des Mittel- alters, in den Ständen und Zünften, sein Ideal aber lag nicht im Mittelalter, sondern in der Zukunft. Deshalb suchte er nicht, wie Gerlach, das Christenthum als mystisch-romantische, sondern als nüchtern- doktrinäre Grundlage in die Politik einzuführen. Der Staat war nach ihni„eine Anstalt Gottes über den Menschen, ein gegliederter Organismus, dem die Menschen als dienende Glieder angehören, ein jeglicher zu seiner besttmmten Stelle und Verrichtung". An Stelle der mittelalterlichen Privatberechtigung sollte nach Stahl nunmehr, von der Krone bis zu dem geringsten Standesprivilegium, die göttliche Einsetzung und demgemäß an die Stelle gewajtsamer Ab hülfe die christliche Duldung treten. Bon solcher Basis aus sollte dann die weitere Entwicklung der ständischen Institutionen organisirt werden. Stahl spielte eine äußerst glänzende Rolle im preußischen Herren- hause und fand unter den preußischen Junkern die glühendsten Anhänger seines christlichen Staatsrechts. Die liberalisirenden Elemente im Herrenhause, welche das Systeni der drei Gewalten(Königthum, Herrenhaus und Abgeordnetenhaus) als ihr Ideal ansahen, hatten natürlich schweren Stand, wenn der klare, konsequente altkonscrvattve Redner das Unhaltbare eines solchen Systems nachwies. Ganz besonders groß war bei Stahl der Judenhaß. Nach seiner „Rechtsphilosophie" billigte er nicht nur, daß der damalige„Deutsche Bund" den Juden b los-die bürgerlichen Privattechte zugestand, son- der» ihm war auch solche Konzession schon manchmal zu viel, indem er es sehr bedenklich fand, den Juden die Erwerbung von Grundbesitz zu- zugestehen.. Noch sei erwähnt, daß Stahl schon als Student in Heidcloerg der damaligen Burschenschastsbewegung seine Ansichten vom christlich-germa- nischen Rechtsstaate aufdrängen wollte; er fand aber in Feuerbach einen ihm völlig gewachsenen Gegner, der ihm eine bedeutende, aber keineswegs beneidenswerthe Zukunft prophezeite. Feucrbach hat recht gehabt. Trotzdem Reichthum und allerlei Ehren sich bei Stahl angehäuft hatten, so ist er doch, nur von sehr wenigen Menschen betrauert, gestorben, und sah noch vor seinem Tode seine Theorie in Trümmer fallen. Feuerbach aber, obwohl arm, wurde vom ganzen Volke bettauert und erblickte noch das Morgenroth einer, ja seiner besseren Zeit. H. Bildung macht frei.„Bewahre das Ebenmaß in allen Dingen, hüte dich vor jubelnder Lust, wie vor klagendem Jammer und strebe darnach, deine Seele harmonisch und wohlklingend zu erhalten, wie die Saiten einer schöngesttmmteu Harfe." Dies ist nach Pythagoras das Arkanum der Weisheit und zugleich die Definition jener moralischen Kraft, die unbezwinglich dasteht im Kampfe um's Dasein, die über scheinbar unüberwindliche Hindernisse ttiumphirt und die einzig mögliche Siegerin über rohmaterielle Angriffe ist. Ans der Anttkc in's Moderne übersetzt, heißt sie— die Menschenwürde. Glaube ja nicht, lieber Leser, daß dieser seltene Arttkcl in den oberen Gesellschaftsschichten öfter wie beim„Volk" zu finden ist. Grade aus den„Höhen der Menschheit" grassirt der chronische Seelenschnupfen, vulgo Verstimmung, deshalb weit mehr, weil dort die Zuglust alle Tage aus einem andern Loche Pfeift. Die reine Seelcnstimmung ist nur bei körperlicher und geistiger Frische möglich, denn Faulheit ist Dummheit des Körpers und Dumm- heit ist Faulheit des Geistes; darum:„Lerne und arbeite, denn Bil- dung macht frei!" Wenn alle Menschen das allgemeine Sittengcsetz in sich ttagen und ausüben, so handelt jeder aus seiner Lebensstellung Kurfürsten Johann Georg III. von Sachsen bietet folgende Pomp- hafte Phrase: der Angeredete sei der Würdigste, ein solches Werk zugeeignet zu bekommen,„da Sie ein Herrscher über solche Städte und Festungen sehn, ivorinnen die hochdeutsche Sprach glücklich geboren, glücklicher erzogen und auf's glücklichste ausgezieret und geschmücket worden, auch noch täglich einen erneuerten und lieb- lichen Glanz empfähet; ich meine das prächttge Dreßden, das heilige Wittenberg, und das Süßeste aller Städte, Leipzig, welches auch von seinem Sprachenzucker dem sonst salzichten Halle solch' eine milde Bcysteur verehret, daß es sich seiner Lehrlingschast zu schämen nimmermehr Ursach finden wird."(Schluß folgt.) heraus richttg und die Harmonie ist hergestellt. So kalkulirte der Kri- ttker der reinen Vernunft, Immanuel Kant, und dasselbe Thema variiren alle Philosophen von Anaxagoras bis Hartmann, nur vergessen die ge- lehrten, aber unpraktischen Herren, daß zur richttgen Harmonie die Kenntniß des Konttapunktes nothwendig ist, oder— um mich populär auszudrücken— das Bewußtsein der Nothwendigkeit der Moral, welches nur aus einer sorgfältigen Erziehung resnltirt. Und was thut der Staat für die Erziehung ber Gcsammtheit? Nichts! Die Kinder seiner Schlcppttäger läßt er zu Aspiranten auf Ordensstcrne und Kreuze erziehen, stachelt durch Verfälschung der Weltgeschichte ihren Ehrgeiz, um sie dem Volke zu entfremden, und wenn er aus„Staatsmitteln" einige Stipendien für Afrikareisende und Nordpolsahrer bewilligt hat, glaubt er alles gethan zu haben. Und unsere Dichter und Denker?— Deutschlands größter Dichter, der frankfurter Patriziersohu Goethe, der nie„sein Brot in Thränen aß", kümmerte sich trotz seiner ttesbegrün- dcten Einsicht in das Bedingte aller menschlichen Leistungen, nur um das„unbedingt Vollendete". Glücklicher Grieche, der du nur die Blumen und nicht den Grabeshügel sahst! Schillers„Briefe über ästhettsche Erziehung" und Lcssings„Erziehung des Menschen" haben das Dioskurenpaar im Reiche der Schönheit bei ihren dcmagogen- riechenden Zeitgenossen in den Verruf republikanischer Bestrebungen ge- bracht, und doch war seit jeher den Dichtern„von Gottes Gnaden" die Regierungsform gleichgiltig, wenn sie nur das Menschengeschlecht veredelte.— Der Staat mit seinem noch nicht abgestreiften„Polizei- begriff" steht nach wie vor auf dem Standpunkt der realistischen Zweck- setzung oder, richttger gesagt, Bevormundung des künftigen Kanonen- futters, und überläßt die Entfaltung der idealen Keime der Religion. Kein Vernünfttger wird die weiterziehende Macht der Religion leugnen. Nur bitte ich den Leser, das Dogma und die Hierarchie nicht mit dem Christenthum zu verwechseln. Dieses unscheinbare semitische Reis auf den abendländischen Stamm gepfropft, hat des Baumes Säfte belebt und seine Frucht veredelt. Seine unverfälschte Lehre hat die feinsten Schwingungen in das Gefühlsleben der abendländischen Welt gebracht und mit den letzten Ausläufern des klassischen Alterthums verschwistert, zum erstenmale den lebendigen Begriff der Menschlichkeit ohne Klassen- unMschiede erzeugt. Aber auf dem orthopädischen Streckbett des Dogma wurden die Sätze:„Selig sind die Armen" und die„Wahrheit wird euch freimachen" bis zur Unkenntlichkeit verrenkt. Nun, wir haben den Stoff und können der Form entrathen. Wie lange die Menschheit brauchen wird, um das Christenthum der Päpste zu vergessen, das kann ich dem Leser nicht sagen. David Strauß meint:„Warum sollen wir uns darüber die Kopse der Nachkommen zerbrechen?" Der Menschen- geist muß aber beständig eine Lösung des Welträthsels suchen, und da der Busen der Natur für das Religionsmieder zu üppig geworden ist, so sah sich die Menschheit nach einer andern Schnürmethode um und glaubt das Richttge in der Naturwissenschast gefunden zu haben. Sehen wir uns einmal die„Unfehlbaren" Griechenlands an. Diogenes Lacrtius zählt über hundert griechische Philosophen auf, wovon einer den andern befehdet. Thales erklärt das Wasser als die Grundursache aller Dinge, Diogenes die Luft, Heraklit das Feuer. Die vier Elemente des Empedokles löst Demokrit in„Atome" aus, Anaxagoras läßt das Weltall durch „Intelligenz", Parmenides durch„Liebe", Heraklit durch„Haß" und Pythagoras durch die„Zahl" entstehen.— Bei den Naturforschern fahren wir absolut sicherer, sie prätcndiren wenigstens nicht die Unfehl- barkeit. Die Naturerkenntniß ihrer Zeit liegt ihrem jeweiligen System zugrunde. Schreitet die Erkenutniß vor, so wird ihr Systeni werthlos, und somit unterstützen und fördern sie sich gegenseitig. Freilich ist die augenverderbende Spitzenarbeit der Forschung nicht jedermanns Sache, aber ihre Resultate sind nicht, wie das Brimborium der Psaffen, Mono- pol der.Bevorzugten, sondern Gemeingut des Volkes. Die Wissenschast, diese ultraradikale Lehrerin der Menschheit, kennt keine historischen Rechte und stellt mit unerbittlicher Strenge den Grundsatz auf:„Dem Menschen ist gar keine Erkenntniß angeboren, denn was er weiß, erlaugt er nur durch Erfahrung." Das ist wohl auch der Grund, warum sich die Kinder „genialer" Abkunft so selten auf der geistigen Höhe der Erzeuger be- haupten. Aber ist denn die Welt, die im innersten Kern absurd ist, auch werth, daß man an ihre Erkenntniß sein Gehirnschmalz vergeudet? Unbedingt, denn das Erkennen und Ueben der platonischen Trias, des Schönen, Guten und Wahren ist der einzige ruhige Genuß in der athemraubenden Regsamkeit dieses Erdballs, der im Hintergrunde einer linsenförmigen Sterneninsel, Milchstraße genannt, an deren Rand zahl lose Sonnensysteme sich Hausen, von dem Lichtalmosen einer dieser Sonnen lebt. Unser Verstand, so groß er auch sei, gleicht dem Wal fisch, der das Meer austrinken möchte; er wird nie durch das Ziffer blatt in das Räderwerk der auf die Minute gehenden Weltuhr dringen, obzwar er noch beiläufig vierhundert Jahrtausende Muße dazu hat, denn so lange wird es dauern, bis das durch Ausstrahlung in den öden Weltraum sich fort und fort vermindernde Sonnenfeuer erlischt. Alle Maschinen, auf denen unsere Civilisation beruht, werden unseren Planeten nicht vor der Katastrophe der Erstarrung schützen. Der letzte Haufe frierender Verrückter wird sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, um sich zu erwärmen, bis zuletzt die Erde, ein leerer Sarg, auf der Woge der Unendlichkeit treibt. Dr. M. Tr. Bad Ems. lBild Seite 53.) Wer hat von dem sommerlichen Rendezvousorte aller möglichen gekrönten Häupter, insbesondere der Kaiser von Rußland und Deutschland, nicht schon oft genug reden hören und noch öfter geschrieben gesehen! In Nassau, im engen, von hohen Felsen umschlossenen, reizenden Lahnthale liegt dieser weltbekannte Bade ort, dessen warine Mineralquellen für eine ganze Menge der verschie- densten Körperleiden der„Gesellschaft", d. h. der„guten" Gesellschaft, die da gut zu leben versteht und gut zu zahlen vermag, Heilung spenden. Warum sollten die Vornehmen und Reichen nicht auch die Heilquellen, die Naturschönheit und die gesunde Lust monopolisiren wollen, wie sie sonst alles, was das menschliche Wohlsein fördert, zu ihrem Eigenthum, das natürlich kein Diebstahl und auch kein Unrecht ist, zu machen ver standen haben?—„Denn ein Recht zum Leben, Lump, haben nur die etwas haben!"— Wie mag der Czar aller Reussen, das„milde" Väterchen Alexander, sich wohlgefühlt haben, wenn er den, wahrscheinlich von den vielen Sorgen und Mühen um das Wohl seines Volkes, nerven- zerrütteten Körper in dem altberühmtcn Badehause zu den vier Thürmen, links auf unsrem Bilde, Sommer für Sommer zum Heile seiner Unter- thanen wieder gesund getrunken und gewaschen hat! Und wie mögen „die allerhöchsten Kreise" gerührt gewesen sein, als die Felsenquellen in der Mitte unsrer Jllustratton von ihrem patriotischen Besitzer mit dem Namen des deutschen Kaisers geschmückt und geehrt wurden!— Solch' vornehme Bäder, wie Ems, haben den großen Vortheil— für die „gute" Gesellschaft!— daß in ihnen selbst und in ihrer nächsten Um gebung von dem in den großen Städten so lästigen„Plebs" wenig oder nichts zu bemerken ist, der durch sein arbeitsbcschmutztes, hungriges Aussehen den ewig Satten den so kostbaren Appetit verdirbt. Auch für den„Plebs" ist es nur vortheilhaft, wenn er von dem in solchen Sommer frischen entfalteten Luxus, wie ihn die auf der steilen Höh' der Geld säcke Thronenden heute lieben, so wenig als möglich zu scheu bekommt— er könnte sonst gar leicht sein einziges, in der That unschätzbares Gut einbüßen— das der stille» Genügsamkeit mit seiner Existenz, jener Existenz, die ihm die bencidenswerthe Wahl zwischen Halbtodtarbeiten und Ganztodthungern läßt. Vom Standpunkt dieses Gedankens ans könnten wir fast Reue empfinden, daß wir unfern Lesern einen Blick ans das Fürstenbad Ems gönnten, aber wir hoffen, daß ihnen die kleine Illustration von all' dem Lebensübermuthe keinen Begriff geben njiiö, der sich da den Sommer über im engen Lahnthale breitmacht, trotz des ungeheuren Elends außerhalb dieses Thales in allen Ländern und bei allen Völkern! G. Sternkarten. Auf die Anfrage in Nr. 38 des vor. Jahrg. der „Neuen Welt" bezüglich einer guten Sternkarte erwidere ich Folgendes. Für den Anfänger in der Himmelskunde genügt die Sternkarte des Sticler'schen Schulatlas vollkommen. Sie ist sehr einfach, klar und übersichtlich und enthält nur die wichttgsten Sternbilder. Für 20 Pfennig ist sie in jeder Buchhandlung zu haben. Sie ist überdies deshalb empfehlenswcrth, weil sie die Grundzüge der Alignemeuts- Methode enthält. Wer über die ersten Schwierigkeiten hinaus und mit der Topographie des Himmels im allgemeinen vertraut ist, der schaffe sich die schöne Sternkarte des nördlichen Himmels im Sticler'schen Handatlas an. Sie kostet 80 Pfennige. Wer endlich etwas schlechthin vollkommenes wünscht, für den ist der früher(Nr. 3 des vor. Jahrg.) erwähnte Heis'sche Sternatlas auf 12 Tafeln, dessen verhältnißmäßig billiger Preis in jeder Buchhandlung zu erfragen ist. l>r. M. Ein gesegnetes Weinjahr. Bei den großen Verheerungen, welche die Reblaus in neuerer Zeit in den Weinbergen anrichtet, und den durch das Erfrieren des Weinstocks im Frühjahr verursachten Miß- ernten, klingt es wie ein Märchen aus guter, alter Zeit, wenn wir in einer wiener Chronik lesen, daß im Jahre 1499 der Wein so reichlich gedieh, daß man nicht genug Fässer und Geschirre dafür auftreiben konnte. Man mußte in der Eile große Behälter aus Brettern zusammenschlagen, um ihn darein zu füllen, und diese nannte man Wein stuben. Die Weinlese dauerte Tag und Nacht, solange, bis es bereits zu schneien anfing. In Wien kostete die Maß(1 Liter hält ungefähr 2/4 Maß) Gebirgswein(wovon im Jahre 1460 das Seite! oder die Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstr. Viertelmaß 14 Pfennige gekostet hatte) zwei Psennige, der Land wein gar nur einen Pfennig, das ganze Jahr lang. Auch wurden von der Lese bis zur folgende» Pfingstzeir allein auf der Donau 27,000 Fässer Wein nach Oberösterreich und Bayern geführt. E. v. W. Anleitung zur Erlernung des Schachspiels. Bon Fabian Landau. Das Schachbrett besteht aus 64, abwechselnd hell oder dunkel gefärbten Feldern. Es ivird beim Spiel, bei dem sich für gewöhnlich nur zwei Spieler gegen über befinden, so gelegt, daß die rechte Ecke vor jedem der beiden Spieler ein weißes Feld zeigt. Zum Zwecke genauer Bezeichnung der einzelnen Felder werden die auf die Spieler senkrecht(vertikal) zulausenden Felderreihen mit den Buchstaben a, b u. s. w. bis Ii benannt, und für die wagerechten Felderrcihen die Zahlen 1, 2 u. s. w. bis 8 hinzugefügt. So werden durch das Zusammentreffen je eines Buchstabens mit einer Zahl die 64 Schachbrettfelder in einer alle von einander unterscheidenden Weise bezeichnet. Die Schachfiguren oder Schachsteine. Das Schachspiel wird mit 32 Figuren oder Steinen gespielt, von denen die dem einen Spieler zukommende eine Hälfte dunkel, die dem andern zukommende andre hell gefärbt ist. Zu jeder Hälfte gehören: 1 König, der Kürze halber zu bezeichnen mit K., 1 Dame(Königin oder Feldherr), Bezeichnung: D., 2 Thürme(Roche), Bezeichnung: T., 2 Läufer, Bezeichnung: L., 2 Springer(Rössel), Bezeichnung: S., 8 Bauern, die nicht mit einem besondern Buchstaben bezeichnet werden. Damen, Thürme, Läufer und Springer werden auch unter der Bezeichnung Offiziere zusammengefaßt und Läufer und Springer als leichte oder kleine Offiziere von Dame und Thürmen unterschieden. Die Aufstellung der Figuren wird folgendermaßen vor genommen: Auf die jedem Spieler zunächst befindliche wagerechte Felderreihe werden die Offiziere plazirt, und zwar so, daß die Thürme die Ecken auf a und b besetzen, die Springer daneben auf b und g, die Läufer auf c und f, die Damen auf>1 und die Könige auf e zu stehen kommen. Da es nun Regel ist, daß bei dem schwarzen Eckseldc der Weißen mit al zu zählen begonnen wird, so steht(dem Grundsap getreu: regina aervat(tonet) colorern, wörtlich: die Königin bewahrt die Farbe), die weiße Dame zu Anfang immer auf einem weißen, die schwarze Königin auf einem schwarzen Felde. Auf der jedem Spieler zweitnächstcn, wagerechten Felderreihe(der 2. und 7.) wird jedes Feld mit einem Bauern von der gleichen Farbe wie die Offiziere und der König auf der Reihe 1, resp. 8, besetzt. (Fortsetzung folgt.) Aorresponden). H. W. Allona, Frau Fischer, Stralau, G. Ich., Rathenow und viele andere: Alle uns zugegangenen Lösungen der Räthsel in den ersten Nummern diese» Jahrgangs waren richtig. Die Lösung de» Silbenriithscl» in Nr. 2 hat Frl. Marie 3. in Königsberg zuerst eeingesandt. Waldenburg(Schlcs.Z. Braunschweig. Herzlichen 0tim an den wackeren Genossen B., dessen sich de: Redakteur der„N. W." von der Zeit der erbitterten waldenburger Winter- campagne von 1870 her sehr gut erinnert. Die tapseren waldenburger Bergleute find hofsentlich jetzt so gute Sozialisten, als sie e» damal» zu werden versprachen!? Dortmund. K.®.- Wir werden einen unserer geschichtikundigen Mitarbeiter zu einer Beleuchtung der Wicdertiluserbewegung zu veranlagen suchen. Auch die Frei- maurerei ist einer Behandlung Werth. Leipzig. Dr. 8— St. Besten Dank. Der größte Theil wird verwendet werden können! Plagwih. Schlosser H. P. Machen Sie ein Lerzeichniß der 25 in Ihrem Besitz befindlichen Broschüren und senden Sie uns dasielbe oder, noch bester, bringen Sie e« UN» selbst. Dann ist die Sache sosort erledigt. Zur Erlernung der Stenographie ist da» Lehrbuch de» Or. Albrccht allerding» da» bewährteste. Soiffous. R— t. Der Geldbetrag ist an die Expedition abgelicsert. Schweidnitz. H. Da» Marxsiche Kapital kostet M. u.so incl. Porto und ist zu beziehen vo» der Expedition de»„LorwärtS" in Leipzig gegen Einsendung de» Betrag». Bon Hrn. Gthl. werden Sie wohl am 17. Okt. Bescheid erhalten haben. Hamburg. Ungenannter: Ihre„Reiscftimmungen" zeigen Sprachgewandtheit, sind aber an Inhalt nicht reich genug und bezüglich der Moral ein klein wenig zu locker sür die„N. W." Ottense».®. I— n. Da» Silbenräthsel ist nicht übel und kann bei Gelegenheit zur Berwendung gelangen. München. F. X. E. Für die„9i. W.", die an ihre Mitarbeiter sehr hohe An- sorderungen stellen muß, sind Sie, wie au» dem eingesandten Feuilleton hervorgeht, doch gar zu sehr Ansänger. Ihr Berlangen, wir sollten Ihnen Ihr Mspt, da» grade ein Blatt stark ist, franko retourniren, ist etwa« stark. Berlin. L. Sch. Ihre Novelle„Die Grauen" ist zu phantastisch sür unser Blatt. Remission ist erfolgt.— Eh. D. Die Räthsel sind gut,- der Rösielsprung ist sogar sehr hübsch. Zur Prüfung der Schachausgabe fehlte uns noch die Zeit.— R. Sch. Beide Artikel können wir ganz gut gebrauchen. Mit den„Blumen al« Symbole der Liebe" möchten wir aber bi» zum Frühjahr warten. Ist e» Ihnen recht?— Tischte- G. H. Unser Herr Mitarbeiter, der über Stubenaquarien zu schreiben versprochen hat, wird durcki diese Notiz am besten an sein Besprechen erinnert. Die Antwort aus Ihre übrigen Fragen bringt Ihnen die nächste Nummer. Breslau. A. R. Wir ersüllen Ihren Wunsch natürlich sehr gern.— E. W. Sie haben doch da» Gewünschte rechtzeitig erhalten? (Schluß der Redaktion: Din-wg, den 16. Oktober.) 20).-— Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.