Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volt Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften:i 30 Pfennig, Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Der ErtionKel. Novelle von KrnK von Wutdow. (Fortsetzung.) Was kann nicht in einem Zeitraum von zehn Jahren alles geschehen! Fürsten können von den Thronen gestürzt, Republiken gegründet, Völkerschlachten geschlagen und Freiheitskämpfer zu „Erfolganbetern" werden. Eines nur ist unerschütterlich, so anders es uns auch erscheinen mag: der Charakter des Menschen. Schon der weise Seneka sagte: volle uou üiseitur*), und er hatte nur zn sehr recht. Die Aeußerungen dieses Charakters allerdings sind durch äußere Umstände bestimmbar, und das dünkt uns oft eine Wandlung, ist aber im Grunde nur etwas unwesentliches. So wird der Schwache, der Treulose und Verräther seine Ideale, seine Prinzipien, seine Herren wechseln und sich ob dieser Treulosigkeit vielleicht mit Guizots Worten entschuldigen: „I/Kommo absurde seul ne change pas"**),— die Leute werden von ihm sagen: Wie der seinen Charakter geändert hat!— Weit gefehlt— er blieb grade diesem Charakter getreu, indem er seinen Wankelmuth bethätigte! So die erbberechtigten Glieder der Familie Bartels— bürger- lich und adlig. Auch sie waren sich treu geblieben in all' der Zeit, und die verschiedenen Charaktere dieses merkwürdigen Ge- schlechts hatten sich schön und logisch weiter entwickelt. Wenn wir poetisch sprechen wollten, so müßten wir sagen: Dohlenwinkel glich der vielgenannten Insel der Glückseligkeit. Es blieb nämlich unberührt von allen Haupt- und Staatsaktionen, und der Freiheit Völkerfrühling machte keines Dohlenwinklers Herz höherschlagen. Diese Philister und Spießbürger führten ein bloßes Pflanzenleben, nur war dasselbe weniger harmlos. Wie alle Menschen, die zu jedem höheren Aufschwünge unfähig sind und dabei satt zu essen haben, langweilten sich die Dohlenwinkler ganz fürchterlich, und es war daher kein Wunder, wenn sich ihr ganzes Interesse auf den Bartcl'schen Erbschaftsstreit konzcntrirte. Jakob, der Erbonkel, lebte nämlich immer noch, und er sprach sich gegen Jonas Wallfisch, der mittlerweile um ein gut Theil dicker und um einige kleine Wallfische reicher geworden war, dahin aus, daß ihm dieses lange Leben deshalb einen solchen Hoch- aenuß gewähre, weil er wisse, wie jeder Tag desselben ihm von seinen lieben Geschwistern mißgönnt werde. Nur auf diese Weise könne er sich an ihnen rächen! ♦) Das Wollen wird nicht gelehrt. **) Nur der Dummkopft bleibt, wie er war. Allerdings hatte der Zahn der Zeit auch Onkel Jakob nicht verschont, was sicherlich eine wenig bcneidenswerthe Aufgabe ge- Wesen. Der spitze, kahle Schädel wies auch nicht ein einziges Haar mehr auf, die kleinen, grauen Aeuglein, roth umrandet, lagen noch tiefer in ihren Höhlen, der große Mund hatte auch den letzten Zahn verloren, und nur die buschigen, weißen Augen- brauen hatten sich noch vergrößert. Gertrud, die häßliche Haushälterin, lebte auch noch und waltete in den unwirthlichen Räumen umher, nur das lange, bartlose Gesicht des schmächtigen Ladendieners war ziemlich dasselbe ge- blieben, doch hatten die kleinen, grauen Aeuglein ein gewisses Schmachten angenommen, was stärker hervortrat, wenn die ver- staubten Kastanienbäume vor dem Thore Dohlenwinkels blühten, wenn der Mond am Himmel stand oder— es muß verrathcn werden, so sorglich der tugendhafte Junggcsell auch das Geheimniß seines Herzens hütete— wenn Fräulein Adelgunde von Bartels in einer längst nicht mehr modernen Krinoline, über der sich ein Schleppkleid bauschte, den Staub von den unregelmäßigen Steinen des Marktplatzes fegte. Im Laufe der letzten zwei Jahre war dies häufiger geschehen, ja Adelgunde hatte sogar ihrer Mama begreiflich zn machen ge- sucht, daß es gerathen sei, wenn auch die Familie„von" Bartels, gleich den bürgerlichen,„höchstselbst" Einkäufe in Herrn Jakobs Laden mache. Die geborene Freiin von Reckenstein wäre nun nicht zu bewegen gewesen, ihre, endlich mit großer Mühe errungene „standesgemäße" Wohnung zn solchem Zweck zu verlassen, da sich aber ihre Lieblingstochter erbot, dieses Opfer zu bringen, hatte sie nichts dagegen, es im Interesse aller anzunehmen. Kam ihr doch selbst im Traume nicht der Gedanke, daß ein Gefühl des Mitleids mit der treuen Liebe des Ladendieners Hans ihr alterndes Töchterlcin in den Laden des Erbonkels med!— Ja, anfänglich war es wirklich mir„Erbarmen gewesen, das Adelgundens weiches Herz zu dem hochblonden, schmalschulterigen Junggesellen hingezogen. Wußte sie doch, was eine„unglückliche Liebe" ist! Bruder Adelhart, der es bereits bis zum Lieutenant gebracht, hatte ihr, mit der B rüdem oft eigenen Herzensroheit, Meldung von ihres Geliebten Theobald Wagner Verlobung und Hochzeit, und später von jedem neuen Sprößlinge dieser Ehe gewissenhaft Mittheilung gemacht. m. 10, Rovemter 1877. Der Gram über diese herbe Enttäuschung und zehn weitere Lenze hatten manche Linie, manches Fältchen in die Elfenbein- stirn Adelgnndens, um Augen- und Mundwinkel gegraben, auch die zarte Gestalt war noch„ätherischer" geworden und die laugen Hängelocken bedeutend dünner, da Adelgunde mit großer Gewissen- haftigkeit die grauen Haare ausriß. Des braven Hans Liebe indessen hatte dies alles überdauert und war noch ganz ebenso innig, bewundernd und heiß, als am Tage ihres Entstehens, wo Hans der Erwählten seines keuschen Herzens die dritte Schweinskotelette als Liebesgabe auf den Teller gelegt. Der geneigte Leser möge nun aber nichts Schlimmes von dem Fräulein von Bartels denken, wenn wir bemerken, daß die Aeußerungen dieser Liebe in letzter Zeit an Innigkeit bedeutend zugenommen. Sie beschränkten sich zwar immer noch auf folgendes, fast stereotypes Zwiegespräch, wenn Adelgunde den Laden betreten: „Guten Tag, Herr Hans!" „Ach, allerschönsten Gruß, mein hochverehrtes, schönes und gnädiges Fräulein! Darf ich mich unterthänigst darnach erkun- digcn, wie Hochdieselben geruht?" „Danke, Herr Haus,— recht gut." „O, wie unendlich mich das freut! Hätte es übrigens denken können,— sehen aus>vie der leibhafte junge Amor, wenn er—" „Aber gehen Sie, Herr Hans,— so ein Vergleich!" wehrte Adelgunde erröthend ab. „Bitte, bitte, keine falsche Bescheidenheit! Der Vergleich stimmt leider, denn die Pfeile Amors haben mein armes Herz getroffen, ja, sie sind alle verschossen!" Hier seufzte der empfindsame Ladendicner äußerst geräuschvoll, und auch Adelgundens sehr zartem Busen entrang sich ein Seufzer bei der heimlichen Erwägung, daß sie allerdings ihre sämmtlichen Pfeile verschossen habe— und ach, nur ein einziger hatte ge- troffen, und noch dazu ein Ziel, welches ihr wenig verlockend erschienen. Und doch lag in dieser bescheidenen Eroberung ein Trost für des Mädchens liebebedürftiges Herz. Allmählich erschienen ihr Hansens kleine Aeuglein weniger häßlich, sein langes, bartloses Gesicht weniger abschreckend. Zuletzt sogar fand sie, daß seine lange, magere Gestalt„anmuthig schlank" sei, das rothe Antlitz durch den Mangel eines Bartes frisch und jugendlich erscheine, und die Augen einen ungemein zärtlichen, sympathischen Ausdruck besäßen. Die Einkäufe im Laden des Erbonkels wurden immer fleißiger geuiacht und zwar zu einer Zeit— um die Mittagsstunde der Dohlenwinkler, das ist zwischen 11 und 12 Uhr Vormittags— wo Adelgunde vor jeder Ueberraschung sicher war, und da war es denn schon zu einigen zärtlichen Händedrücken gekommen. Ja, wenn Hans ein wenig kühner gewesen und die Häringstonne nicht just zwischen ihni und seiuer Erwählten gestanden, dann hätte er ihrem zarten Munde vielleicht ein Küßchen geraubt, denn er hatte ihr niinvestens schon zum zehntenmale mit seinem süßesten Lächeln in's Ohr geflüstert: „Ein Küßchen in Ehren Kann niemand wehren." Edeltrud von Bartels, geborene von Reckenstein! Gäbe es Ahnungen, du wärest gleich Lots Weib in eine Salzsäule ver- wandelt worden, hättest du in diesem Augenblick gesehen, daß nur eine simple Häringstonne die Entweihung der adligen Lippen deiner Lieblingstochter durch den plebejischen Mund eines bürger- lichcn Ladendieners verhindert habe! Aber Dame Edeltrud, deren schöne Fülle durch die kleinen und großen Kämpfe, die während dieser zehn Kriegsjahre in Dohlenwinkel täglich stattgehabt, geschwunden war, vertiefte sich zu der Stunde gänzlich harmlos in den vierten Band eines ächten und rechten Ritterromans, der ihr die„ftomnie Glaubens- zeit", wo noch keine Zeitungen erschienen, lebhaft vergegenwärtigte. In einem nebenan gelegenen Thurmzimmer saß der Hofrath, gleichfalls mit Lektüre beschäftigt, und zwar las er die„Wolfs- burger Staatszeitimg". Lieutenant Adelhart hatte nämlich die Aufmerksamkeit, seinem Erzeuger vierteljährlich ein Exemplar der sorgsam gesammelten Nummern dieser hochinteressanten Zeitung zu senden. Es war stets ein Glückstag für Herrn Sebaldus, wenn das Packet mit den Zeitungen eintraf, wenigstens war es die einzige Freude, die er nicht verstohlen genießen mußte. Das arme, graue Männlein hatte sich wenig verändert, nur die Familienähnlichkeit mit Bruder Jakob war stärker hervor- 1) 1 getreten. Auch Herrn Sebaldus Köpflein hatte seine Haarzicrde � eingebüßt, was wieder gut war, kam.er doch dadurch nicht iu> Versuchung, sich die Haare auszuraufen, wozu im Laufe dieser� zehn Jahre Grund genug vorhanden gewesen. Frau Edeltrud� hatte nämlich die schreckliche Gewohnheit, jeden Aerger oder ge- habtcn Verdruß stets brühwarm an ihrem sanften Manne aus- zulassen, so daß dieser eine Art Prügelknabe für sie war. Die arme Frau, die ohnedies leberkrank war und an einer Gallensteinbildung laborirte, wäre längst zu ihren Vätern ver- sammelt worden, wenn sie sich nicht diese Erleichterung verschafft hätte. Waren doch die„standesgemäße" Wohnung und die Hoff- nung, Onkel Jakob zu beerben, die einzigen Lichtseiten in dem dohlenwinkler Exilsleben! Jonas Wallfifch, der allzeit lusttge und hülfsbereite Wirth, hatte es nämlich verstanden, durch kluge Operationen sogar das r mit Wall und Graben befestigte Herz der Dame Edeltrud für/ sich einzunehmen. Er war es gewesen, der ihr vor zehn Jahren H den Vorschlag gemacht, die sogenannte Abtei zu beziehen, eine alten Bau, nahe der dohlenwinkler Kirche gelegen, den einst hu f/ Geschlecht der Grafen von und zu Hahnekamm- Gockel bew"«—' haben sollte. Der letzte Raugraf, Gockel der Jüngere, w> storben, und es hieß von ihm, daß er in der klagend über des edlen Geschlechts Verfall. D> nämlich schuldcnhalbcr nach dem Tode des letz Gockel von Gerichtswegen verkauft worden, u Wallfisch hatte es erstanden. Wie wohl und heimisch fühlte sich Frau Edeltru Erkerzimmern mit den vergitterten Fenstern und gtum... Scheiben. Es hatte sich sogar in den Bodenräumen eine Menge alten Gerümpels vorgefunden, Schränke Lehnsessel, plump ge- arbeitete Tische aus Eichenholz und anderes mehr, das ihr der Wallfischwirth für ein billiges überlassen. So sah denn die standesgemäße Wohnung auch innen wie eine alte Polterkammer aus, und Dame Edeltrud athmete mit Wonne die Moderluft ein, welche die alten, mottenzerfressenen Lederpolster und verschossenen Sammetvorhänge ausströmten. Sic hatte ihren Schwur gehalten und, was ihre Person be- traf, konsequent jede Annäherung an die bürgerliche Verwandt- schaft des Gatten vermieden. Einige Staatsvisiten bei deni Erb- onkel abgerechnet, kam sie mit den Bartels in Dohlenwinkel nicht zusammen. Die Frau des verstorbenen Pastors, eines Synodal- Präsidenten Tochter und deshalb gewissermaßen hoffähig, war der einzige weibliche Umgang, den die Hofräthin in Dohlenwinkel hatte. Derselbe genügte aber, um sie, wie sie sich ausdrückte, „au courant" zu erhalten über alles, was sich begeben und nicht begeben im Städtchen, was die Leute erzählt und was sie ver- schwiegen. Wenn noch irgendetwas mangelte, so sorgten die Töchter Adelgunde und Röschen dafür, daß nichts im Dunkeln blieb. Es konnte nicht fehlen, daß es reichlichen Stoff zu Aerger und Kränkungen gab, am schlimmsten wurde das jedoch, als die verwittw-'te Frau Pastorin herausgebracht, daß Röschen— Fräu- lein Röschen von Bartels, welche die unverdiente Ehre genoß, eine geborene von Reckenstein zur Mutter zu haben, ein Liebes- verhältniß mit einem simplen Schreinergesellen— dem Cousin Jakob— angeknüpft hatte! Welche furchtbare Familieuszcne mit obligaten Krämpfen, Migräneanfällen und reichlichen Thränenergüssen gab es da! Dame Edeltrud gerieth gradezu außer sich. Röschen war zwar immer ein ent'ant terridle gewesen, daß sie sich aber so vergessen, so tief sinken könne, hatte ihre Mama nicht für möglich gehalten. Die Kleine besaß freilich vulgäre Neigungen, sie war am liebsten bei der Magd in Küche, Waschhaus und Keller ge- wescn, hatte trefflich wirthschaften gelernt und fiihrtc nun den bescheidenen Haushalt der Familie mit Einsicht und Sachkennt- niß. Und wenn auch Mama über die rauhen Hände und das durchaus nicht aristokrasische Ziegelroth der Wangen des fleißigen Töchterleins schalt, die Früchte ihrer Arbeit ließ sie sich doch gleich dem Papa Hofratb und der schwärmerischen Adelgunde, wohl- schmecken. Sie versicherte dabei stets, daß ihr der Küchcngenich Ncbelkeit errege, und daß sie unglücklich sei, eine Tochter geboren zu haben, die sich in einer so niederen Sphäre wohlfühlen könne. Das alles hätte sie ihr jedoch noch vergeben, aber diese skanda- löse Liebschaft nie und nimmer. Jeder Umgang mit den„Schreinerleuten" ward auf das strengste untersagt und Röschen vom Tage der Entdeckung an wie eine Nonne gehalten. Sie durste nur in Begleitung Adelgundens 63 ausgehen, und wenn die Mama und deren Lieblingstochter das' Haus verließen, um den gewohnten Spa�irgang längs der Stadt- mauer, im Schatten der verstaubten Äastanienallee, zu machen, ward die Hausthür geschlossen und die Hofräthin trug den riefen- großen, rostfleckigen Schlüssel iu der knöchernen Rechten und schmunzelte vergnügt, wenn sie dabei dachte, welches Herzeleid der ihr so verhaßte Schreinergesell mit den rothen Wangen, den Händen, die stets Politurstecke aufwiesen, iu der blauen Latz- schürze und den groben Lederpantoffeln jetzt haben würde, wenn er vergeblich auf den Besuch der geliebten Cousine harrte. Die gute Dame hatte indessen ihre Rechnung ohne den Wirth gemacht, d. h. sie hatte ganz vergessen, daß zu der ihr so lieben, standesgemäßen Wohnung ein langer, schmaler Garten gehörte, den zuletzt eine ziemlich verfallene, mit Moos und Gräsern über- wucherte Mauer von einem Blcichplatze abschloß, der abends stets ganz einsani und menschenleer zu sein pflegte. Dieser Garten nun, in welchem das von der sorgsamen Mama daheim eingesperrte Röschen sich frei bewegen durste, war der geheime Zusammenkunftsort,' den verfolgte Liebe sich ausersehen. Bis jetzt war dieses stille Asyl von den Späheraugen der ver- wittweteu Frau Pastorin noch nicht ausgekundschaftet morden und die Liebenden durften ihr bescheiden Thcil von Glück genießen, das man ihnen so bitter mißgönnte. Es war an einem Ivarmeu Augustabende, dessen Schönheit Dame Edeltrud zu einem Spazirgange verlockt hatte. Der Hof- rath hatte ausnahmsweise die Erlaubniß erhalten, ein Glas Bier im„Schwarzen Wallfisch" zu trinken, und war seeleuvcrgnügt dahin gepilgert, um die freie Zeit recht gründlich auszunützen und zugleich von Herrn Jonas, dessen heitere Laune ihn geistig ebenso erstischte, wie dies physisch die guten Getränke aus seinem Keller thaten, einige Neuigkeiten zu hören. Adelgunde mußte Mama begleiten und Röschen machte ein betrübtes Gesichtchen, zog das Mäulchen schief und sah dein würdigen Paare nach, bis dasselbe ans ihrem Gesichtskreise cut- schwunden war, dann schwenkte sich die Kleine auf dem Absatz ihres niedlichen Stiefelchens herum, lachte lusttg vor sich hin und eiste zum Spiegel. Das Glas, in einem bereits stark verblichenen Rokokvrahmen geborgen, warf ein gar liebliches Bild zurück, das wir uns betrachten wollen, während Röschen eine kleine, rothe Aster in ihren blonden Flechten befestigt. Ja, Dame Edeltrud hatte recht, das Mädchen war wirklich aus der Art geschlagen.! Röschen besaß weder die lange, hagere Figur, noch die aristokratischen Hände und Füße, noch die typische Adlernase der Reckenstein'schen Töchter. Sie war klein und rund, vielleicht ein wenig derb, aber' frisch und drall, mit einem aller- liebsten Stumpfnäschen, rothen Radieschen-Wangen und einem kleinen, üppigen Kirschenmunde. Die„bürgerliche" Kleidung, welche das Mädchen trug— ein dunkelblaues, gcblüntkes Kattun- kleid, oben am Hals durch einen schneeweißen Lemcukragen be- grenzt und durch eine ebenfalls weiße, zierlich gesttckte Latzschürze gehoben— war der Stein des Anstoßes für die Hofräthin, und sie pflegte stets zu behaupten, daß Rosa's„Kammerjungfermanieren" in solcher Gewandung noch bemerkenswerther zum Vorschein kämen. Röschen hatte sich aber so entschieden geweigert, eines der altmodischen Schlcppklcider— die letzte wolfsburger- Mode vor zehn Jahren— anzulegen, daß Frau Edeltrud und Adel- gunde sie uinsoehcr gewähren ließen, als der Vorrath nicht mehr allzugroß war und ein schlichtes Baumwollen- oder Leinenkleid für das ,Kind" sich eher beschaffen ließ. Wenn uämlich nicht die Spuren des inzwischen verflossenen Dezenniums bei den übrigen Gliedern der adligen Bartels sichtbar geivescn, hätte man denken müssen, diese edle Familie wäre in der Art petrefizirt worden, wie etwa ein in die Kissinger Soolquellc getauchtes Blatt oder Insekt. Der Hostath vertrug sämmtliche graue Röcklein, die er be- sessen, und hatte sich dann aus ebenfalls grauem Tuche ein neues Habit nach dem Schnitte des alten, vor zehn Jahren modern gewesenen, von einem dohlenwinkler Schneider konstruiren lassen. Äehnlich sorgten Edeltrud und Adelgunde für die Ausrüstung ihres sterblichen Menschen, und mit Hülfe einer �dohlenwinkler Nähmamsell, die nebenbei bemerkt, keinen leichten Stand bei den beiden Damen hatte und dieselben dafür anderswo tüchtig„aus- richtete", wurden die geheimen Schätze, welche den Inhalt einer mitgebrachten, großen Kiste bildeten, verarbeitet. Nachdem Röschen die Aster befestigt und sich wohlgefällig in dem trüben Spiegelglase beschaut, klatschte sie vergnügt in die kleinen� aber derben Hände und huschte die Treppe hinab in den abendlichen Garten. Vom Winde bewegt, rauschten die Blätter und Zweige der Büsche und Bäume, die Blumen dufteten, und hoch am blauen Himmelszelte erglänzte silbern die Sichel des Mondes. Das Mädchen indessen hatte kein Auge für die holde Poesie dieses Spätsommerabends, es eilte achtlos weiter, nur dem einen Ge- danken nachhängend,„ob er heut»vohl koininen wird?" Da stand sie auch schon an der epheubesponnenen Mauer: „Jakob!" „Röschen!" „Ach, wie schön, daß du gekommen bist!" „Ich warte schon eine halbe Stunde; ist deine Alte weg?" „Jakob!" sprach sie zwar vorwurfsvoll, aber er mußte wissen, daß es. nicht so schlimm gemeint sei, denn er fuhr ruhig fort:' „Komm nur hierher, Herzens-Röschen— hier ist sie am niedrigsten." Röschen seufzte: wenn sie Shakespeare gekannt hätte, ivürde sie mit Thisbe geklagt haben: „O Wand, du hast schon oft gehört das Seufzen mein, Mein'n schönen Pyramus weil du so trennst von mir, Mein rother Mund hat oft geküsset deine Stein'." So sagte sie nur:„Nimm dich iu acht, daß du dir nicht die Sachen zerreißest oder gar etwa auf die Nase fällst!" „Na geh'— paß' auf, heut habe ich eine Extra- Courage!" Jakob sprach's und schwang sich mit kühnem Anlauf über die Mauer. Röschen stand erst schier erstarrt vor Staunen und Be- wunderung, dann klatschte sie wieder in die kleinen Hände und blickte fast andächtig zu den langen, grau bekleideten Beinen ihres Liebhabers auf, die sich über die epheubckleidcte Mauer schwenkten, worauf der Besitzer dieser Beine, ein frischer, braunlockiger und rothwangigcr Bursch von einigen zwanzig Jahren, sich bemühte, eine solide Basis für einen andern Körpertheil zu erringen. Das gelang ivider Erivarten gut und Jakob hatte nun loirklich auf der berühmten,„süß und liebcnswerthen Wand" Posto gefaßt. „Wie schön der Mondschein scheint!" meinte da bewundernd der lange Jakob. „Ach, laß ihn nur, reden wir lieber von uns," erlviderte das praktische Röschen. „Ach, Röschen!" seufzte Jakob kläglich. Ein ebenso trübseliges Echo anttvortcte ihm, dann fuhr er leiser fort:„Was wird aus uns noch werden?" „Halt ein Brautpaar!" gab sie zuversichtlich zurück. „„Ei, du herzallerliebster Schatz, wie mich das trösten thut. Freilich, die Alten sind just sehr dagegen,— die meinigen auch, denn sie sind wieder gekränkt, weil deine Mutter iu ihrem Hoch- muth nein gesagt hat." „Laß gehen— wird schon anders werden, ich Hab' einen Plan!" „Na, was denn? Laß hören, aber zuerst mußt schon ein bisscrl näherkommen; weißt, Röschen, ich kann dich nimmer ver- stehen!" Sie kani näher, ganz nahe. Da bückte er sich schnell nieder und küßte ihren rothen Mund. Röschen war ganz unendlich entrüstet!, sie gab ihrem Grolle in der wortreichsten Weise Ausdruck, aber sie ging nicht fort, was dann zur weiteren Folge hatte, daß der lange Jakob sich wieder einen Vortheil ersah und das Wagniß wiederholte. Jetzt aber war das Mädchen ernstlich böse und nannte ihn einen schlimmen Buben, den sie nun gar nicht einmal nehmen möchte, selbst wenn es der Eltern Wille wäre. Und nun blieb mich ihm nichts übrig, als seine ganze Beredtsamkeit aufzubieten, um sie zu begütigen, was ihm denn auch so wohl gelang, daß der Friede, wie nicht anders billig, mit einem dritten Kusse be- siegelt wurde. „Nun aber der Plan?" fragte Jakob begierig. „Ja, weißt, das ist eigentlich kein Plan, ich meinte bloß, weil wir uns nicht selber helfen können, sollten wir zu guten Menschen unsere Zuflucht nehmen. Ich Hab' nun solch' Vertrauen zu dem schwarzen Wallstsch— das heißt zu dem alten Herrn Jonas—" „Weil er dich für seinen ältesten Buben, den flachsblonden Jonas junior, dem ich nächstens alle Knochen im Leibe zerbrechen werde, haben will?" entgegnete Jakob und machte in seiner Erregung so lebhafte Bewegungen, daß ein loser Stein seines 64 improvisirten Sitzes sich loslöste und er Mühe hatte, das Gleich- gewicht zu behalten. Röschen wandte sich schmollend ab, und es blieb Jakob nichts übrig, wollte er nicht in Verdruß von ihr scheiden, als sie durch einen vierten Kuß zu versöhnen; weil er aber ein friedfertiger Mensch war und lie- ber zu viel als zu wenig thun ivollte, kam es auch noch zu einem fünften und sechsten. Da riß sich Rös- chen endlich los, und aus dem Traum von Glückseligkeit zur rauhen Wirklichkeit erwachend, rief sie klagend: „Ach, warum müssen just wir so unglücklich sein?" „Ja, warum kannst du nicht näch- stes Frühjahr mein liebes Weibchen sein?" gegenfragte er. Das Mädchen blickte crrötheud zur Erde.„Das wäre doch noch ein bischen zu früh, wir sind ja noch so jung." „Jung gefreit, hat niemand ge- reut!" erwiderte er schlagfertig.„Und da sich der alte Mer- tens zur Ruhe setzen und die Tischlerei in der laugen Gasse verkaufen will, so könnte ich Meister werden und— und ein Meister braucht eben eine Frau Meisterin!" „Du lieber Ja- kob!" „Mein süßes Röschen!" „Ist auch ein kleines Haus dabei?" „Gewiß, weißt, das mit den grün gestrichenen Fenster- laden." „O, das ist so nett und so lieb!" „Das große will er für sich behalten, der Mertens ist mdji arm." «Ich mag auch das große nicht; das kleine ist mir viel lieber, wir haben auch � Platz mit der Tischlerei darin." „Für den An- fang ja," meinte Jakob kopsnickend.„Die Möbel für uns könnte ich derweil in Vaters Werkstatt, so nach und nach, fertig machen, wenn eben keine pressante Arbeit ist." „Wir brauchen ja nur wenig,— laß sehen," rechnete Röschen an den Fingern her.„Einen Kleiderschrank, eine Kommode, einen Tisch, sechs Stühle, einen Spiegel—" „Hör' auf, du rechnest schlecht, lieber Schatz. Zu allererst ein Wandernde Libellen.(Seite 71.) richtiges und schön polirtes Kanapee, mit einem scharlachrothen Bezug aus Wollendamast und sechs Polsterstühlen!" „Ach, Jakob, das wird himmlisch sein!" jubelte Röschen. Der junge Mann warf sich in die Brust und entgegnete stolz: „Denkst du, ich weiß nicht, was sich gehört!? Wenn ich nun schon einmal ein adeliges Fräulein heirathe, dann will ich ihr auch eine standes- gemäße Wohnung einrichten." „Lieber Jakob, das verlang' ich gar nicht, ich würde mit dir glücklich sein, auch ohne das rothe Kanapee und die sechs Polsterstühle; prächtig wird es aber jedenfalls sein." „Ja, das wird es, und du sollst standesgemäß woh- nen," wiederholte der Geselle nicht ohne Würde. Das praktische Röschen, nachdem es sich lange genug an den ihr in Aus- ficht gestellten Herr- lichkeiten ergötzt, dachte nun darüber nach, wie Jakob und sie sich in den wirk- lichen Besitz dersel- ben setzen könnten, und da ward denn der bereits einmal zur Sprache gebrachte Plan, den Wirth zum„schwar- zen Wallfisch" in's Vertrauen zu ziehen, noch einmal erör tert. „Er ist der ein- zige," fuhr Rosa in ihrer Auseinander- setzung fort,„der et- was Einfluß auf den Erbonkel hat, und wenn dieser wollte, dann würden unsre Eltern gewiß nachgeben!" „Aber Röschen, du vergißt ganz und gar,-daß der Erb- onkel eben nicht will! Davon, daß ein junges Paar glücklich wird, mag er nun schon gar- nichts hören, da er selbst seiner Jugend- liebe hat entsagen müssen, was ihm schwer genug gewor- den ist, wie Onkel Eusebius und der Vater erzählten."� „Der arme Onkel!" seufzte Röschen. Daun lachte sie aber gleich darauf hell auf:„Jakob— kannst du dir den alten Erb- onkel als verliebt denken?" „Nein!" sagte Jakob, lächelnd den Kopf schüttelnd. (Fortsetzung folgt.) 66 OeuMauds Festzeit. Skizzen aus den Jahren 1860—1863 von ZS. K. Alle Parteien blicken jetzt mit einem gewissen Hohn auf jene Bewegung zurück, welche der sogenannten neuen Aera in Preußen- Deutschland ein so eigenthümliches Gepräge aufdrückten— ich meine diejenige Bewegung, die in den vielen nationalen Festlichkeiten zu Ansang der sechziger Jahre ihren Ausdruck fand. In Preußen hatte ein Regierungswechsel stattgefunden, und wie jedesmal bei einem solchen Ereigniß waren neben der Anmestie für politische Vergehen auch allerlei kleine Freiheits- spielsächelchen dem Volke zum Geschenk gemacht worden, an welche natürlich sich große Freude und noch größere Hoffnungen an- knüpften. Auch verschiedene der Fürsten in den kleineren Ländern, der Herzog Ernst II. von Koburg- Gotha voran, folgten solchem Beispiele, und so war es nicht zu verwundern, daß der denffche Reichsphilister vor lauter Entzücken und Enthusiasmus die schönsten Turnerpurzelbäume schlug, wie eine Lerche, loenn auch nicht niit so klaren Tönen, seine Freude in lautem Gesänge kundthat, eine Masse Pulver verknallte und eine noch größere Masse des bräun- lichen, acht deutschen Saftes, Bier genannt, vertilgte. „Ich war auch einst so ein sentimentaler Esel!" Diese Worte eines alten Freundes kommen mir immer in den Sinn, wenn ich an jene Zeit zurückdenke. Und doch ist der Ausdruck viel zu hart, und doch hatte jene Zeit ihre gewisse Berechtigung! Diese Berechtigung aber leite ich aus dem Umstände her, daß das deutsche Volk, welches seid 1848 im politischen Murnielthier- schlaf lag, wenigstens seinem theilweisen Erwachen einen, wenn auch manchmal recht ungeschlachten Ausdruck gab, niit einem Worte, daß es sich bewegte, und jede Bewegung hat ihre Be- rechtigung. Die konservative Partei war gleich damals mit den Turn-, Gesang- und Schützenfesten nicht einverstanden, deshalb suchte sie auch oft genug die reaktionär gesinnten Polizeibehörden zu veranlassen, solchen Festlichkeiten Hindernisse in den Weg zu legen,— sie täuschte sich über die Gefährlichkeit derselben. Sie höhnt jetzt über diese Bewegung, weil ihr die Augen aufgegangen sind und weil sie mit solchem Hohne auch die liberale Partei zu treffen glaubt,— aber sie täuscht sich auch darin wieder. Die liberale Partei blickt jetzt nämlich gleichfalls mit unvcr- kennbareni Spott zurück auf jene Zeit, zurück auf jene Einheits- bestrebungen, weil der von ihr angeregte Gedanke von mäch- tigerer Faust in blutiger Weise zur Wirklichkeit übergeführt ist und sie das erlangt hat, ohne irgendwelche Opfer,— daß sie ihre Ehre und Selbständigkeit verloren hat, ist für eine solche Partei kein Opfer— was sie anstrebte: die staatliche Einheit Deutschlands und die Herrschast des mobilen Kapitals, im Gegen- satz zu der vorher mehr oder minder noch durch den Staat ge- schützten Herrschast des Großgrundbesitzes. Dann aber auch weiß sie, daß die Ueberbleibsel jener Turner-, Sänger- und Schützen- bewegung in ihreni Dienste sich befinden, daß die Turnvereine jetzt zur höheren Ehre Moltke's ihre Uebungen machen, daß die Gesangvereine Bismarck- und Laskerhymnen singen und daß die Schützenvereine das Pulver gegen den„Reichsfcind" verknallen, und mit den Kriegervcrcinen, die'jetzt jene Ueberbleibsel über- ragen, sich verbünden— der nationale Gedanke, der früher bei jenen Vereinen herrschte, ist zum„reichssreundlichen" geworden, und das bischen Freiheitsliebe, welches vorhanden war, hat dem ScrvilismuS weichen müssen. Mit Hohn blicken die Liberalen deshalb aus die deutsche Festzeit zurück, aber mit besonderer Liebe und Sympathie auf die übriggebliebenen Trümmer jener Zeit. Wir Sozialdemokraten wollen gerecht sein; wir wollen an- erkennen, daß durch jene Zeit ein idealer Zug ging, welcher die verschiedenen deutschen Stämme zu gleichein Denken und zu den gleichen Äeußerungen desselben antrieb; daß dieser ideale Zug auch die Sehnsucht nach einem gemeinsamen Vatcrlandc wachrief und die Deutschen von Süd und Nord und aus allen Gauen nach den gemeinsanien Feststätten hintrieb. Fern sei es von mir aber, die Ausschweifungen vertheidigen zu wollen, welche in großem Maße sich einstellten, da die Fest- besucher durchweg den beffersituirten Klassen angehörten; fern sei es von mir, die vielfach auftretende Exklusivität der einzelnen Vereine irgendwie in Schutz zu nehmen, die grade aus dem Festwesen, wie ich noch besonders betonen möchte, entstand; aber immerhin, nehmen wir all' dieses Beiwerk fort, so bleibt der eine gute Kern: das Sehnen nach Freiheit und das Erwachen aus dem Schlafe, die Bethättgung am öffentlichen Leben. Fassen wir zunächst und hauptsächlich die Turnvereine in's Auge, in welchen die frischere Jugendkraft sich zeigte, die auch in den Jahren 1848— 49 in Baden und Schleswig-Holstein Zcngniß von ihren Freiheitsbestrebungen abgelegt hatten, so finden ivir, daß die großen Feste dnrchivcg von einem guten Geiste ge- tragen ivaren, daß aber die kleineren Gau- und Ortsfeste einen rein spießbürgerlichen Charakter an sich trugen. Wie kam das?— Aus dem Turnplatze und auch in der Kneipe war es dem beffersituirten Turner nicht grade so sehr unangenehm, mit dem Handwerker oder Arbeiter verkehren zu müssen; aber auf den Turnfesten, auf denen auch die Familie erschien, da war es unausstehlich, in Gegenwart der Mama oder gar der Braut sich von irgendeinem Handwerksgesellen anreden zu lassen. Deshalb wurden eigene Turnvereine für die Beffersituirten geschaffen, darauf die Ballotage eingeführt, und so fand man bald in allen kleineren Städten zwei Turnvereine, einen„vor- nehmen" und einen„geringen", die selbständig auch ihre Bälle und Festlichkeiten abhielten. Das Zopsthnm stand in der größten Blüthe. Auf den großen Turnfesten, die nur in größeren Städten gefeiert wurden, fiel solche Klüngelwirthschaft weg, weil die ver- schiedenen Stände bei den Fremden durch die Turnjacke verdeckt wurden. Aber auch im Anfange der ganzen Festbewegung, der ich meine Skizzen widmen will, tvar der Kastengeist noch ein geringer, derselbe bildete sich immer stärker aus, jemehr die Begeisterung schwand, jemehr durch die königlich preußische Regierung und durch Herrn von Bismarck die erstrebten Ziele erreicht wurden. Die jetzigen Turn-, Schützen- und Sängervcreine sind eine getreue Kopie der herrschenden Standesnnterschiede geworden,— jeder Stand hat einen Verein, und wenn es mehrere Reichs- kanzler gäbe, so sollte es wundernehmen, wenn wir nicht einen Schützenvxrein der Reichskanzler hätten. Aber ich wollte ja nicht von der heuttgen Zeit reden, son- dern von der vergangenen, die mir und mit mir vielleicht noch manchem allerlei schöne und allerlei wehmüthige Erinnerungen hervorruft. Und wahrlich, wenn man zurückdenkt an die vielen Freund- schaften, die im Festrausche mit Gleichgesinnten geschlossen, wenn man der Händedrücke gedenkt, die beim Gruße und beim Scheiden gewechselt wurden, wenn man die Erinnerungskarten, die Photographien und sonstige Andenken an jene Zeit durchstöbert, so treten unbemerkt fast zu gleicher Zeit Freude und Wehmuth hinter uns und blicken über die Schultern in all' die kleinen Erinnerungs- sächelchcn hinein. Freude und Wehmuth leiten dann die Gedanken in jene ver- gangene Zeit und drücken auch mir die Feder in die Hand, um zu plaudern von all' der Lust und all' dem Leid, welche die jugendliche Brust durchtobten. Und so will ich in den nächsten Rummern den Lesern erzählen, nicht allein von den äußern Erscheinungen, wie sie sich auf den Turn- und Festplätzen, bei Gelagen und auf den Tanz- sälen zeigten, nicht allein von den Liedern, die aus froher Turner- brüst erschallten, sondern auch von den Gedanken, welche die deutsche Jug-nd vielfach ergriffen hatten, von ihren Idealen und von ihren Hoffnungen, die bei einer Anzahl sich verwirklicht haben, bei andern aber zu Grabe getragen wurden, um wieder aufzuleben in anderen, größeren Ideen, die zur Jetztzeit dem besten Theil unseres Volkes zum Leitstern dienen. 67 Die Reaktion auf der mjiuchener Raturforscherversammlnng und die Ailstammungslehre in der Uolksschnle. (Schluß.) Virchow erinnert gleich im Anfang seiner Rede an die kritische Situation in Frankreich und spricht ernste Befürchtungen aus, die ohne Zweifel von den versammelten deutschen Naturforschern ge- theilt werden, da wir wissen, wie oft die wissensfeindliche Kirche durch Vermittlung des Staates der freien Forschung Fesseln an- zulegen wußte. Der Syllabus und die Encyelica sind Kriegs- erklärungen an die Wissenschaft, und dieselbe Macht, welche hinter ihnen steht, dirigirt gegenwärtig hinter den Coulissen des franzö- fischen Staatslebens. Wenn aber Frankreich leidet, so bleibt dies nicht ohne Rückschlag auf die Nachbarländer. Redner preist uns, die wir in Deutschland, ja in einer vorwiegend katholischen Stadt hier tagen, glücklich, dieses Maß freier Forschung und freien Re- dens zu haben, jenes Maß, welches nichts weiter mehr zu wün- schen übrig läßt.— Wir anerkennen dankbar, daß sich die Wissen- schaft in Deutschland, Oesterreich, der Schweiz und in anderen Nachbarländern Germaniens während 50 Jahren ihre volle Frei- heit erobert hat. Wir Jüngeren hören mit Staunen, daß der Vater unserer Wanderversammlungen deutscher Naturforscher und Aerzte, Oken, vor einem halben Jahrhundert das neugeborne Kind geheim halten mußte, und daß die Taufpathen der damals noch kleinen Gesellschaft, die heute ihre Mitglieder nach Tausenden zählt, nicht einmal offen genannt werden durften. Oken selbst starb bekanntlich im Exil, ein Märtyrer der Wissenschaft, ein Blut- zeuge für die wissenschaftlich-freiheitliche Entwicklung der ersten Hälfte unsers Jahrhunderts. Heute tagen die radikalsten Denker und Forscher in der Hauptstadt eines römisch-katholischen Landes, in welchem der Ultramontanismus noch kühn und hoffnungsvoll seine Kräfte mit denjenigen der Aufklärer mißt. Man spricht frei und rückhaltslos in öffentlichen Versammlungen über die schwierigsten und wichtigsten Fragen des Lebens und Sterbens, des Wissens und Glaubens, der Wahrheit und des Jrrthums. Auch wir halten es mit Virchow für ersprießlich, wenn die Naturforscher jederzeit daran denken, daß sie diese Freiheit wieder einbüßen könnten, daß wir im gegenwärtigen Besitz dieser Freiheit durchaus keine Gewähr für alle Zukunft erkennen dürfen, daß wir vielmehr darauf zu achten haben, durch weisen Gebrauch jener Freiheit uns ihrer jederzeit würdig zu erweisen. Wir an- erkennen, daß der Mahnruf zur Mäßigung und zum Verzicht- leisten auf persönliche Liebhabereien nicht ganz unbegründet ist; denn die Reaktion spuckt ja an allen Enden. Wir anerkennen ferner an Virchow's Rede den Hinweis auf die Volksstimmnng, das demokratische Zugeständniß, wonach jede Art von freiheitlicher Bewegungsfähigkeit ihren Untergrund in der Volksstimmung zu finden habe. Wir anerkennen mit Virchow, daß es die Aufgabe der Naturforscher ist, dafür zu sorgen, diesen Resonanzboden im Volke nicht durch allerlei Willkürlichkeiten zu verlieren. Wir wissen auch, daß man die günstige Volksstimmung mit Bezug auf die Annahme der Ergebnisse nnscrer modernen Naturwissen- schaff sehr leicht verscherzen kann und daß diese Gefahr allsogleich zur Hand ist, sobald man in festen, fast dogmatisch zu nennenden Sätzen ungelöste Probleme und unbewiesene Vermuthungen(Hy- pothesen) als Gewißheiten hinstellt und von diesen verlangt, daß sie dem allgemeinen Unterrichtsstoff der Volksschule einverleibt werden müssen. Bis zu diesem Punkte werden wir alle mit Virchow einig gehen— und keine Frage erscheint uns in dieser Zeit, da das Volksschulwesen im Begriffe steht, tiefgreifende Umgestaltungen zu erfahren, mehr am Platze, als diejenige: Welches soll der Haupt- inhalt dessen sein, was an neuen Lehren auf den Schulen vor- getragen werden soll? Und was haben die Naturforscher dabei zu verlangen; wie sollen sie sich bei der Lösung dieser Frage verhalten? Nun kommt Virchow auf das Häckel'sche Postulat zu reden, wonach die Abstammungs- und Entwicklungslehre einen integri- renden Beständtheil unseres Unterrichtsstoffes abzugeben habe. Wir haben schon oben bemerkt, daß der mehrjährige Docent des Darwinismus an den züricher Hochschulen jenes Postulat schon vor mebreren Jahren aufgestellt hat. Dort, in Zürich, stieß es nur bei Theologen und Orthodoxen auf Widerspruch und der diesbezügliche Streit gehört dort heute zu den veralteten Trak- tanden, die bereits durch die Praxis zn drei Viertheilen gelöst sind. Um so befremdender erscheint die Haltung Virchow's zn dieser eminent wichtigen Frage. Das Votum des bejahrten Natur- forschers auf der 50. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte, am 22. September 1877, volle 18 Jahre nachdem die Wahrheit der Abstammungslehre ihren unwiderstehlichen Triumph- zug durch die ganze civilisirte Welt angetreten hat, jenes Votum Virchow's bleibt uns ein Räthsel. Virchow warnt davor, die Abstammungslehre in die Volks- schule einzuführen. Warum? Das sagt er eigentlich nicht so gerade und offen heraus, obschon er ganz entschieden als Naturforscher von der Wahrheit der Abstammungslehre überzeugt ist. Aber es gilt ja, dem Häckel'schen Radikalismus ein Bein zn unterstellen, und dazu benutzt er jenes Postulat, um daran anknüpfend die naturphilo- sophischen Ferien-Ausflüge des Jcnenser Biologen, die Plastidnlen- Seele und was drum und dran hängt, die„Gründcr"-Gcsellschaft von„Kohlenstoff und Comp.", die Hypothese vom beseelten Plasma in der Pflanzen- und Thicrzelle, wie sie gegenwärtig von den konsequentesten Vertretern der materialistischen Forschung ange- nommen wird, vor allem Volk, vor dem Häuflein konservativer Naturforscher und Aerzte, vor den anwesenden Pfaffen- nnd ultramontanen Zcitungs-Rcdaktoren, vor den kirchlich gesinnten und dogmenseligen Frauen lächerlich zu machen. Die Art und Weise, wie Virchow hierbei manipulirte, gibt ihm den Schein des Reaktionären. Er zieht gegen Höckel zu Felde und versetzt — ob absichtlich oder unabsichtlich— dem Darwinismus schlechtweg und der Descendenztheorie überhaupt unverdiente, unmoti- virte Peitschenhiebe. Auch Virchow hat vergessen, daß es ein Frevel an der Wahrheit ist, wenn man die Abstammungslehre schlechtweg mit der Darwinschen Zuchtwahltheorie oder mit dem Häckelismus, oder diesen letztern mit dem Darwinismus im eugern Sinne identifizirt. Und den Schein dieser unheilvollen Confusion hat das Virchow'sche Votum in keinem geringeren Grade, als wie wenn es aus dem Munde eines evangelischen Consistorial- rathes geflossen wäre. Es verlohnt sich der Mühe, einen Äugen- blick bei dieser heillosen Conftlsion zu verweilen. Wir haben es schon oft gethan, und wenn wir es heute wieder und wenn wir es in Zukunft abermals thun müssen, so geschieht es— allerdings mit- einem Gefühl schmerzlicher Resignation— darum, weil wir nicht müde werden dürfen, dem Jrrthum jederzeit in Geduld die Wahrheit entgegenzuhalten. Herr Virchow sagt mit Recht, daß das Maß des wirklich Sichergestellten, des thatsächlich als unumstößliche Wahrheit durch die Wissenschaft in exaktester Weise Bewiesenen, wenigstens in dem Sinne, daß es unmittelbar als Lehrstoff dem Volksunterricht ein- verleibt werden könnte, nur ein sehr beschränktes sei. Und wir fügen hinzu: Zu dem unumstößlich und durch tausende von wissenschaftlich festgestellten, untrüglich wahren Thatsachen Bewiesenen gehören die Grundsätze der Abstammungs-Theorie schlechtweg. Man verfolge die wissenschaftlichen Forschungen auf dem Ge- biete der beschreibenden Zoologie und Botanik, die in exaktester Weise gewonnenen Resultate der pflanzlichen und thierischen Ent- Wicklungsgeschichte, die nicht minder genauen Ergebnisse der ver- gleichenden Anatomie, die Fortschritte in der Entzifferung von Versteinerungen in allen Weltaltern, in der Entzifferung jener auf Steine und Felsen eingravirten, von der Natur selbst uns seit Jahrtausenden und Jahrmillionm aufbewahrten, nicht weg- leugbaren Dokumente über die Entwicklungsgeschichte der Pflanzen- und Thierwelt unseres Planeten: man frage die glaubwürdigen Fachmänner unter den Zoologen, Botanikern, Anthropologen, Geologen, Mineralogen und Paläontologen, man frage alle jene so mühsam und mit Selbstverleugnung arbeitenden Forscher, welche sich zur Aufgabe gestellt haben, unsere heute lebenden Pflanzen und Thiere von der Eizelle an bis zur vollen Entwicklung Schritt für Schritt in ihrem Werden und Wachsen zu verfolgen— sie alle werden uns sagen: Die Abstammung des Höhern vom Niedrigen ist unumstößliche Thatsache, die Descendenz läßt sich schlechterdings nicht mehr leugnen, und jeder weitere Disput über die Frage der Abstammung ist schlichtweg unter Fachmännern unnützem Zeit- Verlust gleichzusetzen. In der That: Herr Mrchow hat ganz gut wissen können, daß in allen jenen Sektionen von Fachleuten, wo die Zoologie, Bo- tanik und Paläontologie ihre Männer um sich sammeln, von der Frage der Abstammung seit Jahren gar keine Rede mehr ist, weil man die Descendcnztheorie heute— und schon geraume Zeit— in den kompetentesten Kreisen für bewiesen betrachtet. Und der Beweissätze für die Abstammungslehre gibt es weit über tausend mehr, als für die Wahrheit des Pythagoräischcn Lehrsatzes. Wir haben nicht die Absicht, hier auch nur wenige dieser Be- weissätze anzuführen. Glücklicherweise haben die Freunde der Aufklärung und die Feinde der Univahrheit und des religiösen Mährchens dafür gesorgt, daß dem nach Wahrheit und Licht schmachtenden, dem denkenden und zweifelnden Volke das My- sterium der modernen Naturwissenschaft entschleiert wird. Die Tagespresse hat den Abstammungsgedanken als einen gährung- erregenden Sauerteig in alle Schichten des Volkes geworfen, und wahr ist's, was Virchow sagte: es hat zu allervörderst der So- zialismus mit der Descendenzlehre Fühlung genommen. Vielleicht haben wir in dieser Entdeckung Virchow's auch den besten Anhaltspunkt zur Erklärung seines räthselhaften Votums. Virchow warnt uns Naturforscher, den Abstammungsgedanken in die Volksschule tragen zu wollen. Es kann ihm doch nicht ernst sein, wenn er meint, es sei ja die Descendenzlehre noch nicht hinreichend bewiesen. Er ist vollständig von der Wahrheit der Abstammungs-Theorie überzeugt, obschon ihm noch nicht gelungen ist, an einem vorhistorischen Menschenschädel mehr Affenähnlichkeit zu entdecken, als an manchen Schädeln seiner Zeitgenossen. Virchow ist im Grund der Seele ein Anhänger der Descendenz- Lehre und nimmt das Gleiche von seinen Kollegen, von den arbeitenden Naturforschern an. Aber wir sollen uns hüten, den Gedanken,„den wir selbst nur schüchtern auszusprechen wagen", allem Volke vorzulegen.— Ist das nicht eine Trompete zum Rückzug? Warum hör' ich so sonderbaren Ton? Die Sozialisten haben mit den Darwinianern Fühlung genommen; sie thaten wohl daran, Herrn Virchow schmerzt aber diese Thatsache— und darum stellt er die Descendenz-Lehre wieder unter die Glasglocke, in den Schrank der Wissenschaftszünftler und gibt der Welt sein Votum dahin ab, daß dieses Ding unter der Glasglocke ein Ge- misch von Gift und gesunder Nahrung sei. Weil Höckel die Plastidul-Theorie aufstellte und weil die Plastidule ebensowenig bewiesen werden kann, als ihre Seele, und weil Höckel zufällig ein braver Darwinianer ist, und weil alle Darwinianer Anhänger der Abstammungslehre schlechtweg sind— so ist die Theorie der Abstammung auch noch nicht bewiesen.— Sonderbare Logik!,. Die Naturwissenschaft unserer Tage sagt, daß die Abstam- mungslehre bewiesen sei. Das ist kein Zunftgeheimniß mehr; das lesende Volk(vorab die Sozialisten) hat davon Notiz ge- nommen. Es ist kein bloßes„Glanben" mehr, sondern bei jedem Biologen, der nur einigermaßen die Grundzüge seiner wissen- schaftlichen Disciplin zu übersehen verniag, ist die Descendenz zum Wissen geworden und der Gedanke daran in Fleisch und Blut übergegangen. Das Gleiche kann man noch nicht von der Darwinschen Zucht- wahllehre behaupten. Wenn die Abstammung des Höhern vom Niedrigem, wenn der blutsverwandschaftliche Zusammenhang zwischen der jetzigen und zwischen der vorwelllichen Pflanzen- und Thierwelt durch tausend und abertausend Thatsacheu bewiesen ist, so ist die Darwin'sche Lehre von der natürlichen Zuchtwahl im Kampf um's Dasein erst ein Versuch, das Wie, die Art und Weise des Umwandlungsprozesses(Transmutation), das Wie des Entwickelns vom Niedrigorganisirten zum Höhern zu erklären. Man kann über die Tragweite dieser Zuchtwahllehre und über deren Beweiskraft zweierlei Ansicht sein, ohne indeß im einen oder im andern Falle auch nur einen Augenblick an der Wahr- heit der Abstammung zweifeln zu müssen. Die meisten Anhänger der Descendenzlehre sehen in Darwin's Lehre von der natürlichen Zuchtwahl im Kampf um's Dasein ein Postulat des gesunden Menschenverstandes, und sie glauben, daß diese Darwin'sche Lehre im engern Siune vollständig hinreicht, um alle Thatsacheu in der Geschichte unserer Pflanzen- und Thierwelt auf natürliche Weise und allein vsmunftgemäß erklären zu können. Das sind die sogenannten„Darwinianer saus phrase".— Aber es gibt auch eine Anzahl ganz hervorragender Naturforscher, welche von der Wahrheit der Abstammung vollständig überzeugt sind, ohne der Darwin'schen Zuchlwahtlehre jene hohe Bedeutung beizumessen, die vielmehr der Ansicht sind, daß Darwin's Gedanke nicht hin- reicht, um alles zu erklären, was er zu erklären wünscht. Hier- her gehört z. B. einer der berühmtesten Pflauzen-Physiologen unseres Jahrhunderts, Prof. Dr. Carl Nägeli in München, auf dessen Vortrag"n der 50. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte wir in einem folgenden Artikel aufmerksam machen werden. So dürfen wir sagen: alle Biologen unserer Zeit, welche den neuem Forschungen auf dem Gebiete der verschiedenen Disciplinen zu folgen vermochten, sind in dem Gedanken einig— die Darwin'sche Zuchtwahllehre mag stehen bleiben oder fallen: 'die Abstammungslehre wird für alle Zukunft bleiben, weil sie bewiesen ist. Einen beträchtlichen Schritt tveiter als Darwin ist Häckel ge- gangen, welcher einen geistreichen und zum mindesten durch die Anregung sehr nützlich gewordenen Versuch machte, den Darwin'- scheu Gedanken nach oben und unten für die Gesammtbiologie zu erweitern. Er kam dabei— allerdings durch naturphilosophische Spekulationen geleitet— zu dem Gedanken des Monismus, der im Gegensatz zu den Dualisten Geist und Materie als Einheit, als uutreuubares Ganzes auffaßt und zwar derart, daß wir Thierseele und Menschengeist nur als Summe von Kraftänßemngen aufzufassen hätten, welche im thierischen Nervencentrum durch günstige Kombination von Atomen bei ihrer gegenseitigen Be- wegung ausgelöst werden. Häckel hat in seiner Kohlenstoff- Theorie, welche Virchow so lächerlich zu machen suchte, den ersten Versuch zu Stande gebracht, die in der bisherigen Natur- auffassung vermeintlich existirende Schranke zwischen den söge- nannten belebten und den leblosen Naturkörpem niederzureißen. Konsequenterweise gelangte er bei diesem naturphilosophischen Exkurs zu der Annahme, daß alle Atome, gleichviel ob sie einem leblosen oder belebten Körper angehören, Empfindungsvermögen besitzen. Die Summe der in einem Plasma-MoleW vereinigten Atome besitzt nach Häckel das, was er Plastidul-Seele nennt. Und diese Plastidul-Seele Höckels wird nun von Virchow dem Darwinismus, oder dem Abstammungsgedanken schlechtweg, auf's Kerbholz geschrieben. Wo steht denn geschrieben, daß sich alle Darwinianer zur Häckel'schen Plastidule bekennen? Woher nimmt sich Virchow die Freiheit, mit dem Schrcckbild der Plastidul-Seele gegen die Ausbreitung des Abstammungsgedankens zu Felde zu ziehen? Wer hat jemals gesagt, daß sich die Anhänger und Apostel der Abstammungstheorie mit der Häckel'schen Plastidul-Lehre soli- darisch erklären? Gewiß ist dies noch keinem Sterblichen einge- fallen— und dennoch manipnlirt Virchow so, als ob sämmtliche Sünden, oder sagen wir besser: sdic vermeintlichen Sünden des tapfcrn jcncnser Streiters in's Schuldbuch der Abstammungslehre geschrieben werden müßten. Wir aber sagen, ohne uns von Häckel, den wir hoch verehren und als einen der verdientesten Biologen und Philosophen unseres Zeitalters betrachten, loszu- sagen:„Der Hückel'sche Monismus, seine Kohlenstoff-Theorie und die so übel empfangene Plastidul-Seele— sie mögen stehen bleiben oder fallen: die Wahrheit der Abstammungslehre ist und bleibt für alle Zeiten bewiesen und die moderne Naturwissenschaft hat das Recht, ihre Aufnahme in den Lehrstoff der Volksschule zu verlangen. Wenn Virchow erklärt, daß das, was als vollkommen ge- sicherte wissenschaftliche Wahrheit betrachtet werden kann, auch in den wissenschaftlichen Schatz der Nation und zwar durch die Volksschule aufgenommen werden müsse, so gilt dies in aller- erster Linie von der Abstammungslehre, welche keineswegs iden- tisch ist mit der Darwin'schen Zuchtwahltheorie oder dem Höckel'- scheu Monismus. Wir, die wir an der Markscheide zwischen dem Zeitalter der mosaischen Schöpfungsmythcn und deinjcnigen der natürlichen Abstammungslehre stehen, wir dürfen die Volksschule in der kritischen Zeit des Ueberganges von einer Weltanschauung zur andern nicht leer ausgehen lassen, nicht dem blinden Zufall, nicht der Willkür zudringlicher Pfaffen oder der Unwissenheit furcht- samer Lehrer preisgeben. Von allen Fragen, welche die Menschheit von ihrem Kindes- zeitalter an bis auf unsere Tage am intensivsten beschäftigten, steht die Frage nach unseren: eigenen Ursprung oben an. Dich- tung und Sage haben sich zu allen Zeiten dieser wichtigsten aller Fragen bemächtigt. Bald sind Götter vom Hinimel gestiegen und sind zu Menschen geworden oder haben Menschen gezeugt, bald hat sich die Erde aufgethan, um den Beherrscher unseres Planeten an's Licht zu fördern, bald hat ein Gott rothe Erde oder Lehn: 69 zur Menschengestalt geformt und ihm, dem Erdenklvst, die Seele eingehaucht— jedes Volk und jedes Zeitalter hat sich eine Ant- wort auf die Frage gesucht, woher stamnit die lebendige Natur, woher sind wir, die wir mitten drin stehen? Moses hat eine Antwort hinterlassen, die den Juden und Christen für mehr als drei tausend Jahre Genüge leistete. Aber wir kommen heute mit Moses nicht mehr aus. Sein Wort ist vor dem Richterstuhl der wissenschaftlichen Kritik zum Mährchen geworden— und dennoch lebt dieses Mährchen noch als„Wahr- heit" in den Lehrbücher» unserer Bolksschulen und Staatskirchen. Wir sind so undelikat, Herrn Virchow zu fragen, ob er wei- terhin dulden will, daß man unser» Schulkindern die Mährchcn von Moses und den Propheten als Wahrheit auftische. Er weiß so gut wie wir, daß es niemals eine mosaische Schöpfungswoche gab; er weiß so gut wie wir, daß es keinen ersten Menschen, keinen Adam und keine Eva gab; er weiß so gut wie wir, daß die Wssenschaft das Alter des Menschengeschlechtes nach Jahr- Hunderttausenden berechnet, während der mosaische Adam kaum 6000 Jahre hinter uns liegen würde, wenn die Bibel wahr berichtete. Virchow weiß so gut wie wir, daß es keine erste vollkom- mene Pflanzen- nnd Thierwelt, keinen ersten vollkomnienen sün- denreinen Menschen gab, sondern daß die organische Welt auf unserem Planeten mit niedrigsten, einfachsten Lebewesen begann und daß erst im Verlaufe von Jahrinillionen, nach und nach höhere Formen aus niedrigen hervorzugehen vermochten. Er weiß so gut wie wir, daß es ein Frevel am Wahrheits- und Gerechtigkeitsgefühl, ein Frevel an der empfänglichen Kindesseele ist, wenn heule noch und in Zukunft der Staat es duldet, daß das weiche Gehirn der jungen Generation nnt Unwahrheiten ge- mißhandelt und für späteres gesundes Denken verdorben wird. Virchow muß wollen, daß mit dem Mosaischen Mährchen in allen Staatsschulen ein für allemal gebrochen wird. Virchow muß wollen, daß alle dogmatisch-religiösen Einflüsse von der Schule ferngehalten werden. Virchow muß wollen, selbst wenn er den Sozialisten in die Hände arbeitete, daß an die Stelle von Unvernunft die Vernunft, an die Stelle von Unwahrheit die Wahrheit, an die Stelle des Schädlichen das Nützliche, an die Stelle der Geistesunfteiheit die Geistesfreiheit gesetzt werde. Aber Virchow will nicht. Warum? Weil es eine Häckel'sche Plastidul-Seelentheorie oder eine Plastidul-Psychologie gibt. Aber wer in aller Welt behauptet denn, daß mit der Ein- führung der Abstammungslehre in die Volksschule gleichzeitig die Gesellschaft.Kohlenstoff& Sie.", und gar Plastidul-Psychologie den Schuljungen und Mädchen vorgetragen werde?— Niemand. Oder will Virchow wirklich wegen der Möglichkeit, daß ein ungeschickter oder taktloser Lehrer einmal während einer Lehr- stunde in„Pkastidul-Seelen" machen könnte, lieber den alten schäd- lichen Kram von Paradies und Sintfluth und Noa's Menagerie, von Susanna und von Jonas im Bauche des großen Meerfisches und all die dogmatisirten religiösen Mythen in der Volksschule beibehalten?— Der Pädagoge wird uns fragen, ob denn kein anderer Aus- weg denkbar sei, als der des religiösen oder des wissenschaftlichen „Glaubens". In seiner theilweise begründeten Angst wird der- selbe Pädagoge vielleicht gar aus den Gedanken verfallen, von Schöpsungsgeschichte im einen oder im andern Sinne garnichts in die Schule zu bringen. Das wäre allerdings sehr vorsichtig und möchte demjenigen am klügsten erscheinen, welcher von reli- giösen Dogmen ebensowenig, als vom Häckelismus befangen ist. Allein dieser Vorsichtige machte in diesem Falle die Rechnung ohne den Wirth. Ganz ebenso, wie jedes Volk in seiner Jugendzeit sich nach dem Urspruug der Dinge umsah und bei seinen Priestern und Dichtern oder bei seinen Aeltesten oder Gesetzgebern eine Antwort holte, ganz ebenso wißbegierig, fragend, grübelnd und träumend verhält sich das Kind in unserer Volksschitle. Niemand mehr, als aufmerksame Eltern und erfahrene Volkslehrer, weiß von der Unmöglichkeit einer Praxis zu erzählen, derzufolge dem Schuljungen eine das kindliche Gemüth befriedigende Antwort auf die Frage„woher die belebte Natur?" vorzuenthalten wäre. Es hieße, den Born der jugendlichen Phantasie in Fesseln schlagen wollen, wenn man jene Fragen verbieten oder durchaus unbeant- wortet lassen wollte. Diese oder jene Schöpfungsgeschichte wird also nolens volens in der Volksschule gelehrt werden müssen. Nun gibt es aller- diugs keine andere Alternative, als die: Entweder Moses und die Propheten— oder aber Abstammungslehre. Die Ersteren kann kein ehrlicher Mensch mehr mit Ernst dulden woflen, wenn er über den gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Wahrheiten instruirt ist. Es bleibt somit nur die Deszendenzlehre. Wenn diese aber, wie wir gezeigt haben, unbedingt in den Lehrstoff der Volksschule aufgenommen werden muß, so gehen wir wieder mit Virchow darin einig, wenn er sagt, daß es nicht Sache der Pädagogen sei(wie Häckel meint), zu entscheiden, in welcher Reihenfolge, in welchem Maß und in welcher Form dies in unseren Schulen zu geschehen habe. Auch wir sind der Ansicht, daß man mit großer Vorsicht diesen neuen Lehrstoff in der Volks- schule zu behandeln, namentlich astes Problematische aus der Ab- stammunaslehre für jene Unterrichtsstufe fernzuhalten und nur das durch Paläontologie und Geologie Bewiesene, sowie das Un- zweifelhafteste aus der biologischen Entwicklungsgeschichte und der Systematik in den neuen Schöpsungsbericht aufzunehmen habe. Die Bearbeitung eines derartigen Ersatzes für die Mosaische Schöpfungsgeschichte müßte einem Kongreß anerkannter, gewissen- haster Fachmänner übertragen werden, welche mit den wissen- schaftlichcn Disziplinen der lebenden und der vorhistorischen Schöpfung in intimster Wechselbeziehung stehen. Daß es zugleich bewährte Pädagogen sein müßten, welche das Wieviel und das Wie der zu bietenden Materie mit Takt zu bestimmen hätten, das braucht hier nicht weiter erörtert zu werden. Uns genügt es, an dieser Stelle die Nothwendigkeit der Einführung unserer von der exakten Forschung tausendfach bewiesenen Äbstammuugs- lehre in die Volksschule entgegen dem Virchow'schen Votum dar- gelegt zu haben. Und wenn die Reaktion abermals an tausend Enden ihr drohend Medusenhaupt erhebt; ivenn Aeltere beginnen, verzagt zu werden; wenn Jüngere aus den reaktionären Ruf zur Umkehr hören; wenn die Konservativsten über ein Virchow'sches Votum sich vergnügt die Hände reiben und die Pfafferei der Gegenwart fast siegesbewußt die Weihrauchkessel schwingt und der Aufklärung höh- nend die Nase dreht: so haben wir die tröstliche Wahrheit als Ersatz: Trotz des Abschwurs, den Galileo Galilei der Inquisition leistete, hat sich Mutter Erde die Freiheit ihrer Bewegung er- obert und ist— den Schuljungen zur Freude— auf ihrer Bahn verblieben. Moses und die Propheten stehen nicht wieder auf: aber die Abstammungslehre wird ihren Einzug in die Volksschule halten Dr. A. D.-P, Uic deutsche Spracheinigung in der neueren Zeit. Bon M. ZSittich. (Schluß.) Nun war im allgemeinen«ine feste Sprachgestalt geschaffen, die sich in immer weiterem Umfange Geltung verschaffte, aller- dings nicht ohne daß kleinere Fehden hie und da immer noch über diesen Punkt sich entspannen und durchgekämpft wurden, aber allemal zu Gunsten der schon übermächtig getvordeuen Sprachrichtung. So stand es im 17. Jahrhundert. Gottsched, dem man erst neuerdings wieder gerecht zu werden angefangen hat, der für seine Zeit gewaltig viel galt, so daß man ihn nicht mit Unrecht einen Sprach- und Geschmacksdiktator genannt hat, machte seine Autorität auch für das„Obersächsische", wie er es nennt, geltend. In seiner auch nach dieser Richtung sehr einflußreichen„deutschen Sprachkunst" sagt er:„Ganz Deutsch- land ist längst stillschweigend darüber eins geworden, ganz Ober- und Mitteldeutschland hat bereits den Ausspruch gethan, daß das mittelländische(vergl. oben das mittre D.) oder obcrsächsische die beste hochdeutsche Mundart sei: indem es dasselbe überall, 70 von Bern in der Schweiz bis nach Reval in Liefland und von Schleswig bis Trident in Tyrol, ja von Brüssel bis Ungarn und Siebenbürgen auch im Schreiben nachzuahmen und zu erreichen sucht." Auch er, der Preuße(er war bei Königsberg geboren), spricht scharf und deutlich aus, daß seit der Glaubensreinigung der Sitz der Gelehrsamkeit Obersachsen geworden sei, besonders durch die hohen Schulen zu Wittenberg, Jena und Halle; ferner würdigt er auch die Bedeutung des von Frankfurt am Main immer mehr nach Leipzig übersiedelnden Buchbandels, sowie er zu historischer Begründung speziell erwähnt,„daß, weil auch durch die fruchtbringende Gesellschaft in diesen Gegenden die meisten und besten deutschen Bücher geschrieben und gedrucket worden! so hat die hiesige Mundart unverinerkt die Oberhand bekommen." Als Beweis für die hohe Geltung Gottscheds in sprachlichen Dingen sei angeführt, daß seine„Deutsche Sprachkunst" zum Er- lernen des Deutschen für Franzosen in's Französische übersetzt, von ihm selbst durchgesehen, in Straßburg herausgegeben ward. In Süddcutschland war sie allgemein verbreitet, ebenso im Osten in Oesterreich, wo eine schwächliche Gegenanstrengung von Wien aus in Szene gesetzt wurde, natürlich ohne jeglichen Erfolg. Ein Herr von Antesperg gab dem dort auftauchenden Streben, von der Reichshauptstadt aus die deutschen Lande für ein„kaiserliches Deutsch" zu gewinnen, einen konkreten Ausdruck durch eine 1747 erschiene„kayserliche deutsche Grammatik"; ein in derselben in Aus- sicht gestelltes„kayserlich deutsches Wörterbuch" ist nie erschienen, weil der ganze Plan bei dem derinaligen Stande der Dinge so- fort beim Auftauchen als ein todtgeborenes Kind bezeichnet werden mußte. An Gottsched selbst schreibt ein österreichischer Dichter nicht nur, daß dortselbst Gottsched's Grammatik im Buchhandel „haufenweis" abgehe, so daß das Deutsche nunmehr auch sich bessern werde,— er theilt auch mit, man gehe in Wien damit um, einen Lehrstuhl für deutsche Sprache zu errichten, den ein Sachse einzunehmen habe, ja höchsten Orts dachte man an ihn, Gottsched seihst,„um durch Sie", wie sein Korrespondent ihm schrieb,„den'Grund zu der Verbesserung der Deutschen Sprache allhier zu legen." Da gab es allerdings keine Aussicht auf ein Durchdringen der kaiserlichen deutschen Sprache und Grammatik! Gottsched's Gegner auf dem literarischen und ästhetischen Felde, die schweizer Kunstrichter Bodmer und Breitinger, suchten zwar auch den anderen Provinzen bis zu einem geivissen Grade ihr Recht zu wahren, doch äußert sich letzterer über diesen Punkt wie folgt:„Unter den vielen Provinzen Deutschlands hat Sachsen sich den Ruhm der wohlgeschicktesten, in sonderheit seit der prächtigen Regierung ihres königlichen Kurfürsten Friedrich Augusts, erworben; ihre Sorgfalt für das Ergehen der Sinne ist am weitesten gegangen und hat sich auch auf das Gehör erstreckt; dadurch hat ihre Sprache, die in dem Reichthum und der Deut- lichkeit der Wörter mit anderen Mundarten schon geeifert hat, zum wenigsten in dem Wohlklang den Vorzug über alle andere Aussprachen in Deutschland behauptet." Und in der Vorrede desselben Buches, der.Kritischen Dichtkunst", meint Bodmer: „Soviel mir bekannt ist, hat Meißen das beste Recht von anderen Provinzen Deutschlands zu fordern, daß sie ihre eigne Aussprache und Mundart für die seinige verlassen; allermaßen es darinnen wahre Vorzüge vor allen anderen austveisen kann, die in der Natur und der Absicht der Sprache gegründet sind," und in diesem Tone wird fortgefahren, das Verderbeu läge meist in der schlechten Aussprache, die den schweizer Worten eine Härtigkeit gebe, an der sie keine Schuld hätten und„die sich in eine sanfte Lieblichkeit verwandelt, wenn dieselben durch die zarten Or�ann eines Meißners subliniiert werden." Er schlägt vor, daß man aller- wärts das meißnische Ohr und die meißnische Zunge sich aneignen möchte und will schließlich zum Guten reden, freilich nicht ohne hie und da seine Spitze gegen Gottsched zu kehren:„Ob der Verfasser zivar kein Meißner und was noch schlimnier, ein Schweitzer ist, so hat er es doch als ein Mensch geschrieben." Seine Uebersetzung des„verlorenen Paradieses", eines Epos des Engländers Milton, hat Bodmer von einem Obersachsen revidiren lassen, ebenso wie sein Landsmann, der treffliche und gelehrte Hakler, nachdem er durch seinen Aufenthalt in Teutschland sein Ohr geschärft hatte, sich wyhl hütete, seine Muse schweizerisch reden zu lassen. Den schärfsten und entschiedensten Vertreter fand aber„das neuere Hochdeutsch oder Obersächsisch" iu Adelung, der dieses „die gesellschaftliche Sprache der oberen Klassen der ausgebildetsten Provinz" nennt. Man solle, falls man an der Wahrheit dieser Behauptung zweifle, nur nach dem südlichen Chursachsen kommen, und man werde finden, daß das gute Hochdeutsch nirgends so allgemein, wie hier, selbst von den niedersten Klassen gesprochen werde, daher es wohl hier kein Fremdling sein kann. Die hier bewirkte Aufklärung des Verstandes, des Geschmackes und der Sitten haben sich von hier über alle deutschen Provinzen verbreitet, die dieselben auszunehmen fähig waren, und in dem Maße, als sie dies waren. Mit ihr verbreitete sich auch die hier verfeinerte Sprache und mußte sich verbreiten, weil sie eben so sehr ein Werk des guten Geschmackes war als alles übrige. Adelung fand allerdings auch Widerspruch, jetzt ist er ebenso wie Gottsched beinahe vergessen, ja unverdientermaßcn mehr geschmäht, als gekannt. Er ist nicht ohne einige Uebertreibungen, aber sein wirklich ernstes, überzeugungsvolles Streben verdient keinen Spott und Hohn, ani wenigsten von solchen, die seine Arbeiten nie in der Hand hatten. Jean Paul Richter macht sich einmal in der„Vorschule der Aesthetik" über ihn und seine„meißnischen Klassen" als die preisausschreibenden Sprachmächte:c.:c. des Deutschen lustig; die übrigen großen Dichter stehen ihm meist gleichgiltig gegenüber. Hier handelte es sich ja auch um ein fait accompli, um eine abgeschlossene Thatsache, ein weiterer Streit wäre einer um des Kaisers Bart gewesen. Interessant dürfte jedoch noch eine stelle in Gvethe's Wahr- heit und Dichtung sein, geschrieben im Jahre 1810. Dort heißt es: „Jede Provinz liebt ihren Dialekt, denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Athem schöpft. Mit welchem Eigensinn aber die meißnische Mundart die übrigen zu beherrschen, ja eine Zeit lang auszuschließen gewußt, ist jedermann bekannt. Wir haben viele Jahre unter diesem pedantischen Rcgimente gelitten, und nur durch vielfachen Widerftreit haben sich die sämmtlichen Provinzen in ihre alten Rechte wieder ein- gesetzt." Wir dürfen wohl hinter verschiedene Punkte dieses Satzes, die zu stark aufgetragen sind, ein bescheidenes Fragezeichen setzen. Durch Wilhelm Grimin ist die folgende mündliche Aenßerung Goethes bezeugt:„Man soll sich sein Recht nicht nehmen lassen; der Bär brummt nach der Höhle, in der er geboren ist." So hatt denn der„Bär" auch in der Unterhaltung seine angeborne Mundart nie verleugnet, und die Norddeutschen haben sie ihm auch angehört. Uebrigens hatte Goethe selbst in Leipzig einen Bildungskursus durchzumachen, in welchem besonders die jungen und alten Damen eine große Rolle spielten und dessen eingedenk er vielleicht später im Faust das bekannte Lob Leipzigs nieder- schrieb: Mein Leipzig lob ich mir, es ist ein klein Paris und bildet seine Leute, soweit sich Goethe gegen eine Vergewaltigung der mündlichen Rede nach eincin bestimmten Muster als einer Unnatur wendet, hat er Recht, aber Unrecht hat er, wenn er von einer förmlichen Tyrannei spricht auf dem Gebiete der Schrift- spräche: hier ist der Prozeß ganz organisch vor sich gegangen, ohne Dekrete einer Akademie oder irgend, welche Hülssmittel; die Dinge sechst brachten die Lösung der Aufgabe mit sich und er selbst, wie auch Schiller, benutzten trotz alledem und alledem Gottsched's einschlagende Werke. Bon Schiller zum Schluß noch einen Doppelvers aus einer Reihe von Sinngedichten, betttelt„Die Flüsse"(Deutschlands), worin die Elbe redend eingeführt wird: All ihr andern, ihr sprecht nur Kauderwelsch— unter den Flüssen Deutschlands rede nur ich, und auch in Meißen nur. deutsch. Aber auch diese Polemik ist mehr ans die übertriebenen Ver- ehrer des Meißnischen, welche ihre„Bildung" in einer andere verletzenden Weise zur Schau tragen, gerichtet, als gegen die Sache selbst: auch Schiller holte sich, wie schon bemerkt, in zweifelhasten Fällen bei Gottsched Rath. Heuttgen Tages ist nun die Frage keineswegs mehr eine brennende, die Spracheinheit ist zur Wirklichkeit geworden, sie ist vollzogen und die Akten sind ge>chlossen. Höchstens pflegt man hie uiid da Erörteruugen über den Werth der verschiedenen Aus- sprachen des Neuhochdeutschen, bei denen oft die hannöversche be- sondere Anerkennung findet: ob und mit welcher Berechtigung dies geschieht, das zu untersuchen ist hier nicht unsere Aufgabe. Aus dem Genieindeutsch des Mittelalters, jenem Mitteldeutsch, hat sich das Neuhochdeu'che entivickelt und hat lebensfähig und siegreich alle Anfeindungen überdauert, es hat jetzt in allen Gauen des deutschen Landes anerkannte Geltung— annekttrte Länderstrecken gelten für unsere sprachgeschichtliche Untersuchung eben nicht als deutsche Gaue— und neue tiesgreifende Um gestalttingen, welche das jetzt Feststehende und Geltende in Frage stellen könnten, dürften tvohl kaum zu befürchten sein. Parlamentarier. in. In unseren bisherigen Notizen haben wir zwei christlich-germanische Konservative vorgeführt, die auf der Basis des evangelischen Christen- thums Recht und Gesetz formuliren wollten. Als ein nothwendiges Bindeglied in der ganzen konservativen Kette führen wir heute eine weniger bekannte, aber ebenso wichtige Persönlichkeit wie Stahl und Gerlach unseren Lesern vor: den katholijch-konservativen Abgeordneten Ferdinand Walter. Derselbe war 17S4 in Wetzlar geboren, seit 1821 Professor in Bonn; 1848 Mitglied der preußischen Nationalversammlung; 1849— 50 Mitglied der preußischen ersten Kammer. Walter ging in seinem spezifisch katholischen Wesen so weit, daß er ein eifriger Verehrer des heiligen Rockes zu Trier war, und dennoch, oder vielleicht grade deshalb, schien er zum Vermittler zwischen den Ultramontanen und dem christlich-germanischen Staate berufen. Beide religiös-politischen Richtungen kennen nur einen rothen Faden, der sich über die ganze Erde hinzieht und allenthalben nutzbare Materialien zu dem gottgesälligen Bau aus den Tiefen überwundener Zeitalter herausfischt: den Autoritätsglauben. Deshalb noch sind sie weit entfernt, das Judenthum zu hassen— als Dritten im Bunde begrüßen sie sogar sehr gern den orthodoxen Juden, und selbst Lasker in seiner kindlichen Frömmigkeit wäre ihnen genehm gewesen. Sie wandten sich nur gegen die modernen, abgefallenen Juden und— Christen. Selbst wenn Walter, der praktischer war, besonders wo es die unmittelbaren, rein niateriellen Interessen des Volkes galt, sich bei /olchen Gelegenheiten bis an die Grenzen der damaligen sozialistischen 'Anschauungen wagte, so ließ er doch niemals, ähnlich wie die jetzigen Klerikalen, die Annäherungspunktc mit den evangelischen Konservativen aus dem Auge— er wußte wohl, daß sie ihm immerhin näher standen, als die Liberalen, die den Autoritätsglauben vernichten wollten. Er wußte deshalb seine Vorschläge, die aus die materiellen Jnter- essen gerichtet waren, auch immer so harmlos vorzubringen, daß die Menge an seinen guten Willen glaubte, die christlich-germanischen Kol- legen in der Kammer dieselben aber nicht fürchteten. In der preußischen Nationalversammlung brachte er einmal bei Berathung der Justizgesetzgcbung den Antrag ein:„Jeder Verwandte und Freund hat freien Zutritt zu dem Jnquisiten." Die ganze Rechte war erstaunt, der Abgeordnete Reichenspergcr, der sich bei der jüngsten Berathung der Justizgesetze im gegenwärtigen deutschen Reichstage den Anstrich der Freisinnigkeit gab, stürzte auf die Tribüne und erklärte, daß dann für die Justiz das letzte Stündlein geschlagen hätte. Walter aber hatte den Antrag auf die Massen berechnet, er wußte wohl, daß derselbe nicht angenommen werden würde, und jetzt steht der vornehme Reichensperger ganz auf dem Standpunkte Walters, auch er berechnet bei seinen Oppositionsreden immer den Eindruck, den die- selben aus das katholische Volk machen. Mit der Anhänglichkeit an den christlich- germanischen preußischen Staat war es dem Professor Walter völlig ernst, doch nur deshalb, weil er in ihm den Beschützer auch der katholischen Interessen erblickte. Als er nämlich glaubte, daß die deutsche bürgerliche Revolution 1848 siegen würde, da agitirte er sofort für Losreißimg � der Rheinprovinz von Preußen, für Köln als Hauptstadt des rheinischen Kurfürsten und für ein deutsches Reich unter einem Kaiser, der am liebsten den« Habs- burgischcn Hause entstammen sollte. Doch als die Krisis vorüber war, stand er wieder unwandelbar fest bei den Männern des christlich-germanischen Staats— er bereute tief den einzigen Jrrthum in feinem Leben. Eine Wahl zum erfurter Parlament, welches die norddeutsche pro- testantische Union, als einen Gegensatz zum katholischen Süden, fest- stellen sollte, nahm er nicht an. Im Jahre 1859 ist Walter in Bonn gestorben. Betrachten wir die Stellung Walters, so sehen wir sofort, daß er ein tüchtiger Vorläufer der Herren Windthorst und Genossen war, welche auch nicht vor einem Bündnisse mit den christlich-germanischen Konservativen(von Gerlach war ja ein Fraktionsgenosse) zurllckscheuen trotz ihrer freiheitlichen Phrasen. H. Die Libellen.(Bild Seite 64.) Die bedeutendsten und inter- estantesten unserer Netzflügler sind die Libellen oder Wasserjungfern, von Oken unter dem Namen Schillebolde oder Teuselsnadeln beschrieben. Diese Namen sind aber nicht so zutreffend, als die Bezeichnung des allzeit praktischen Engländers für diese Thiere. Er nennt sie„Dragon- fiies"(Drachenfliegen) und hat damit ihr Wesen und Treiben trefflich gekennzeichnet. Die schillernden, flinken Insekten gehören nämlich zu den größten Räubern, die ununterbrochen fangen und wegschnappen, was nur in ihre Nähe kommt. Schmetterlinge, Fliegen und andere Insekten sind keinen Augenblick sicher vor ihren Angriffen. Vom Mai an bis in den Herbst hinein treiben sie ihr Raubwesen. Sie sind über die ganze Erde verbreitet, fehlen weder im Norden noch im Süden. Im ganzen kennt man gegen 1000 bis 1100 Arten, von denen in Europa etwa 100 einheimisch sind. In den heißen Ländern sind sie reichlicher vertreten, aber nur wenige sind größer und schöner als die unsrigen. Wie alle Insekten, so macheu auch die Libellen eine Verwandlung durch, che sie uns als die farbcnschillernden Flieger erscheinen. Das Weibchen setzt seine Eier entweder direkt in's Wasser ab, oder schneidet mit seiner kurzen Legeröhrc Wasserpflanzen an, um seine Eier unterzubringen. Aus ihnen entwickeln sich nach einiger Zeit die Larven, die im Wasser ihren Ausenthalt haben. Sie können auch schon jetzt ihre räuberische Natur nicht verleugnen, sondern wütheu mit unersättlicher Gier unter all' dem übrigen Geschmeiß, das im Wasser lebt. Mehrmals streiseu sie die alte Haut ab und ersetzen sie durch eine neue, ja sie häuten sich selbst noch dann, wen» bereits die Flügelstumpfe vorhanden sind. Wie lange eigentlich der Larvenzustand bei den einzelnen Arten andauert, ist noch nicht mit Sicherheit sestgestellt worden, wahrscheinlich nimmt aber die Entwicklung die Zeit eines Jahres in Anspruch, so daß die Ueberwinterung stets im Larvenzustande erfolgt. Fühlt die Larve die Zeit herankommen, wo sie das nasse Element mit dem blauen Aether vertauschen kann, so kriecht sie an einer Binse oder einer andern Wasser- pflanze empor: oftmals hat sie sich jedoch zu früh aus dem Wasser entfernt, so daß sie noch einmal in dasselbe zurückkehren muß. Hat sie sich jedoch einmal draußen festgesetzt, so dauert es auch nicht mehr lange, bis die Haut auf dem Rücken entzweiplatzt und das Thier sich aus seiner letzten Larvenhülle herausarbeitet. Ist dieser Akt vollendet, so ist die neugeborne Seejungfer noch keineswegs befähigt, sich hoch in die Lüfte aufzuschwingen. Die Flügel sind noch naß und eingeschrumpft, längs und quer zusammengefaltet. Zusehends glättet sich eine Falte nach der andern, in der Zeit von einer halben Stunde sind sie völlig ausgebreitet. Aber noch sind fie weich und schlaff, erst nach zwei bis drei Stunden sind sie zum Fliegen tauglich. Dann erhebt sich das Insekt in die Lüfte, um mit noch größerer Ausdauer und Gewandtheit als bisher das Räuberleben des vorigen Zustandes fortzusetzen. Ohne uns hier aus eine Unterscheidung der verschiedenen Arten einzulaffen, sei nur bemerkt, daß die Gattungen Calopterix, Agrion, Aeschna und Libellula bei uns am häufigsten sind. Die beiden ersten Gattungen' umfassen die kleineren Arten, während die größeren und wilderen Arten den letzten zwei Gattungen angehören. Unsere größte Libellenart ist die am Hinterleibe grün oder blau gescheckte große Schmaljungfer (Aeschua graudis). Nicht selten sind serner die beiden Plattbaucharten Libellula depressa und L. quadrimaculata, erstete von gelbbrauner Grundfarbe, an den Rändern mit gelben Flecken oder schön himmelblau bereiftem Hinterleibe beim Männchen, letztere fast von derselben Zeich- nung, nur kein blau angelaufenes Männchen. Von den kleineren Arten ist die gemeine Seejungser(Calopterix virgo) am häufigsten. Das Weibchen hat braune Flügel und einen metallisch smaragdgrünen Körper, das Männchen dagegen ersckieint durchaus stahlblau. Bisweilen treten einzelne Arten in so ungeheuren Mengen auf, daß sie die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie unternehmen dann auch wohl regel- mäßige Züge, deren man seit 200 Jahren mehr als 40 verzeichnet hat. Meist bestanden sie aus der vierfleckigen Plattbauchart, einigcmale auch ans Libellula depressa, einmal auch aus einer Art der Schlankjungsern (Agrion), welchen wir unseren Lesern im Bilde vorführen. Forscher, die solche Libellenzüge beobachtet, sprechen allgemein mit Bewunderung von der Regelmäßigkeit des Zuges. Der um die Naturgeschichte der Libellen hochverdiente Naturkundige Hagen, der im Juni 1852 einen Zug bei Königsberg beobachtete, schreibt darüber:„... Die Libellen flogen dicht gedrängt hinter- und übereinander, ohne von der vor- gesd)riebenen Richtung abzuweichen. Sie bildeten so ein etwa sechzig Fuß breites und zehn Fuß hohes lebendes Band, das sich um so deut- licher markirte, als rechts und links davon die Luft rein, von Insekten leer erschien. Die Schnelligkeit des Zuges war ungefähr die eines kurzen Pferdetrabes, also unbedeutend im Vergleich mit dem reißenden Fluge, der sonst diesen Thiercn eigenthümlich ist. Der Zug dauerte in derselben Weise ununterbrochen bis zum Abend fort; eine Schätzung der Zahl der Thiere mag ich mir nidft erlauben. Die Ursache dieser Züge ist noch nicht aufgeklärt. Die Regelmäßigkeit derselben, die dem Naturell jener rastlos umherschweifenden Thiere widerspricht, bedingt allerdings einen bestimmten Zweck." Der von Hagen beobachtete Zug nahm seinen Ursprung aus eineni Teiche bei Dewan, eine viertel Meile von Königsberg. Die Färbung des Körpers und die Beschaffenheit der Flügel ließ erkennen, daß die Thiere erst an demselben Morgen die Verwandlung überstanden hatten. Wohl zu unterscheiden von solchen Zügen sind die Libellenschwärme, die man in manchen Jahren an ein- zelnen Gewässern wahrnimmt, besonders wenn ein kaltes Frühjahr ihre Entwicklung verzögert hat und einige warnie Tage plötzlich die Ver Wandlung zuwege bringen. H. St. Waldidhlle.(Bild Seite 65.) Der alte Herr Förster muß eine sehr gute Haut sein, daß die kecken jugendlichen Holzfrevler vor ihm nicht nur nicht Reißaus nehmen, sondern grade so thun, als ob sie in ihrem Rechte wären, wenn sie ganze Arme voll Holz und Reisig zu einem lustigen Feuerchen zusammenschleppen. Freilich scheint der barfüßige Schelm mit dem Feuerbrand auch die schwache Seite des gutmüthigen Waldbeherrschers getroffen zu haben: die Pfeife ist ihm bei seinen Wald- gängen gewiß ganz unentbehrlich, und die vertrackten Reibhölzer vergißt man gar so leicht, wenn man den Kopf von tausenderlei andern Dingen voll hat. Während der Bursch vor dem Förster den brennenden Ast ganz ernsthast und beinahe mit militärischer Steifheit präsentirt, schaut der das Holz haufenweis herbeischleppende andre Bub' förmlich verklärt darein— die Keckheit des Gespielen gefällt ihm gar zu gut! Der Dritte am Erdbode» ist aber nicht so leicht aus seiner philosophischen Gelassenheil herauszubringen— Pah! den gutmüthigen Alten kennt er schon, der thut ja außer seinen Hasen und Rehen, seinen Schnepfen und Rebhühnern keiner Fliege was zu Leid! Die beiden Mädchen sammt dem kleinsten Buben am Feuer fühlen schon eher etwas Scheu; das Bübchen greift sogar zu dem bei Kindern wohlbewährten Palliativ- mittel in allen Verlegenheiten— es steckt den Finger in den Mund! Indessen begrüßen sich die Hunde in ihrer Weise. Der Hühnerhund neigt sich huldvoll und stimpathisch z» dem Spitz, der für die Gänse des Dorfes eine Respektsperson ist; dem Dachs jedoch will die An Näherung der beiden nicht recht gefallen— ist doch der Große fein langjähriger Berufsgenosse und Freund, aus dessen Zuneigung er sogar ihrem beiderseitigen Herrn gegenüber zuweilen eisersüchtig zu werden im Stande ist. Im ganzen ist das Bild ebenso harmlos als lebens- voll und lebenswahr— eine rechte, ächte Idylle! G. Rösselsprung-Charade von Ch. Dupein. Die Lösung des Rösselsprungs ergibt eine dreisilbige Charade, die dann wieder zu lösen ist. Anleitung zur Erlernung des Schachspiels. Bon Fabian Land»». (Fortledmig.) Spiel-Einleitung. Der Zweck des Spiels ist, den feindlichen König gefangen zu nehmen(„matt" zu setzen); doch hört das Spiel schon auf, wenn ein König angegriffen wird und es ihm unmöglich ist, sich zu vertheidigen oder auszuweichen, er mithin als im nächsten Zuge gefangen zu be- trachten ist. Die Züge geschehen abwechselnd. Jedes Feld kann nur von einer Figur besetzt sein, und nur bei Entfernung(„Schlagen") einer feindlichen Figur darf ein Spieler die seinige auf das von jenem eingenommene Feld setzen. Ein Feld, auf welches hin geschlagen werden kann, wie auch der auf diesem Felde sich befindende Stein, gelten als„angegriffen". Beim Schlagen besetzen alle Steine das Feld des genommenen Steines. Alle Offiziere und der König schlagen wie sie gehen, sowohl vor- wie rück- und seitwärts. Der König geht nach jeder Richtung, aber immer nur einen Schritt, bis aus das nächste Feld. Die Thürme gehen über beliebige unbesetzte Felder in grader Rich- tung vorwärts, seitwärts, rückwärts. Die Läufer ziehen beliebig weit in schräger Richtung. Sie bleiben also stets aus Feldern, welche in der Farbe mit der des Ausgangs- selbes übereinstimmen. Die Dame vereint in sich die Fähigkeiten des Thurmes init denen des Läusers und beherrscht somit die vier graben wie auch die vier schrägen Linien, darf aber nicht in ein und demselben Zuge aus der einen Richtung in die andere übergehen! Der Springer geht in jedem Zuge zwei Felder grade aus, vor-, rück- oder seitwärts, und eines im rechten Winkel nach irgend eiuer Seite hin; er ist die einzige Figur, welche über Figuren, die ihr im (gege stehen, hinwegspringt. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstr. (Zur Einübung des„Rösselsprunges" möge man folgende zehn Züge mit dem Springer von dl vornehmen: 1) von dl— ä2, von (i2-e4, 3) e4— gö, 4) g5-t7, 5) f7-h8, 6) h8-g6, 7) g6-e5, 8) e5— c4, 9) c4— a3, 10) all— bl, und in ähnlicher Weise mit den andern Springern.) Die Bauern gehen immer nur einen Schritt gradeaus und vor- wärts; sie schlagen auch nur ein Feld weit, aber schräg. (Z. B.; ein weißer Bauer auf d2 kann einen feindlichen Stein, der aus a3 oder c3 steht, schlagen, und setzt dann seinen Weg auf der a- resp. o- Linie fort.)(Fortsetzung folgt.) Auflösung des RebuS i» Nr. 1: Einer helfe dem andern, soviel er kann. Auflösung des Silbenriitbfcls In Nr. 2: l) Faden, 2) Euterpc, 3) Rettig, Danton, S) Juni, 6) Nautik, 7) Arac, 8) Nanni, 9) Dumas, 10) London, 11) Arno, 12) Stativ, 13) Strelitz, 14) Antimon, 16) Lila, 16) Laster, 17) Entwurf.— Anfangsbuchstabe» von oben nach unten; Ferdinand Lassalle.— Endbuchstaben von unten nach oben: Franz von Sickingen. Auflöfuug der Rechnungsaufgube tu Nr. 3: Schon mit der 24. Versammlung wird der Arbeiterverein stärker als der Reichsverein. Aorrespondenj. Berlin. O. Sch. Ihre Novelle enthäll io viel UnWahrscheinlichkeiten, ja Uumög- lichkeiten, daß sie schon aus viesem Grunde sür die„N. SB," nicht verwendbar ist. Re- miiston ist erfolgt.— A. Nr. Da wir weder Sie noch die beiden Damen kennen, vermögen wir Ihnen in Ihrer schwierigen Herzensangelegenheit keinen Rath zu geben. Uebriqens ist da» alte Lied von dem ,,granen Freunde, der zwischen zwei Gebllndeln Heu still nach- denkt, welches von den beiden das allerbeste Futter sei", ganz dazu angethan, an das Boriheilhaste eines raschen Gntschlusscs zu erinnern.— Julius Ihr Gedicht„Aus kaltem Stein" verräth Dalent, behandelt aber ein aar zu oft besungenes und gar schwieriges Thema. Wenn sich einer nach Schiller mit einer Kindsmörderin aus den Markt der Poesie wagt, so muß er Vorzügliches geleistet haben, wenn er Eindruck machen will.— H. F. Die mangelhaste und krankhafte Ausbildung der Augenmuskeln, welche Myopie lKnrzstchtigkeir) zur Folge hat, kann flch, wie jede andere Organmißbildung, durch Vererbung sortpflanzen. Aber ebensogut, wie durch schonungslose Behandiung des zur Kurzstchtigkeit diiponirten Auges eine weitgehende Steigerung derselben stairftnden kann, so kann auch durch zweckmäßige Schonung der Augenmuskeln eine Stärkung der Sehkraft erzielt weiden.— Mor. R. Wir konnten die von Ihnen gewünschten Korrekturen schon deshalb nicht eintreten lassen, weil zur Zeit, als Ihr Brief ankam, nicht allein der ganze vorige Jahrgang, sondern sogar schon die ersten drei Nummern des jetzigen re- daktionell fix und sertig waren. Uebrigcns verzeiht man bei derlei niedlichen Kleinig» keilen sowohl dem Autor als dem Setzer und Korrektor solche unschuldige Gedanken- lostgkeiten gern. Wer wird so grausam sein, mit einem Liebesgedicht bis aufs Tüpfelchen über dem i iws Gericht zu gehen I— Tischler G. H. Suchen Sie die Atmosphäre, in der Sie arbeiten und schlafen, durch Ventilation möglichst rein zu erhalten, ohne sich dabei der Zugluft auszusetzen. Außerdem trinken Sie fleißig Wasser, am besten des Morgens recht heißes und gehen Sie möglichst fleißig spaziren, besonders bei warmer und trockner Lust. Weiteres kann Ihnen nur ein tüchtiger Arzt, der Ihren Körper genau untersucht hat, sagen.— Eh. D. Ihrem Schachproblem können wir leider kein so §ünstige» Zeugniß ausstellen, als Ihrem Rösselsprung: es ist völlig inkorrekt. Ersten« aden Sie die cinsachste Lösung D.>!t— köf, D. tb—tl schach und matt ganz übersehen, zweiten« ist bei dieser Lösung sogar der weiße Linier aus dz ganz überflüssig, und drittens ist Ihre Lösung falsch, da da« Springermatt auf«8 wegen des Läuser« auf bö unmöglich ist. Im übrigen wäre die Ausgabe, auch noch abgesehen von der unwahr- scheinlichen Bauernftellung der Schwarzeu. selbst wenn sie korrekt wäre, viel zu leicht. Indessen hoffen wir, daß Sie dieser kleine Mißerfolg niUst von weiteren Versuchen auf dem interessanten Felde der Schachprobleme abhalten wird. taslau. Oe. Soll geschehen! annenwald. F. SLenn Sie bei Gelegenheit über die Verbreitung unserer Grund- sätze unter den E zechen, wie Sic eine solche demertt zu haben glauben, Weiteres be- richten wollen, so wird uns das lieb sein. Leutmannodors. Weber B. Ihre Räthsel find hübsch und mit unbedeutenden redaktionellen Korrekturen alle zu gebrauchen. Eins und das andere sollen Sie bald gedruckt sehen. Breslau. Frau Dr. K. Besten Dank sür die anmuthigcn Verse. Mit leipziger Bcrlagsbuchhändlern stehen wir leider in gar keiner Verbindung. In Hamburg wollen wir selbst einmal anfragen! K— f. M. N. A. Zur Prüfung Ihres dramattschen LersiichS konnten wir noch nicht kommen. Doch hoffen wir in den nächsten u Tagen auch da« erledigen zu können. Wäre Ihnen statt einer eingehenden Kritik mit einem kurzen„gut",„mittelmäßig" oder „unbrauchbar" gedient, so wäre solcher Ausenthalt nicht nöthig. Ober-Petla». H. D. Wird sich machen lassen! Willorf. F. B. Die Räthsel sind diesmal bester, aber noch nicht gut genug, um in der„N. SB." Platz finden zn können. So ist da« Räthsel mit der Lösung Lessing deshalb inkorrekt, weil der Imperativ von lesen nicht lcs! sondern lies! heißt. NeuhauS. R. P. Ihr«imsch, die„>R. W." möge bald„alle übrigen illuffrirtön teitungcn an Abonnentenzahl übertteffen", ist gut. Freilich wird es immerhin noch eine eitlang dauern, che er in Erfüllung geht. Harren Sie inzwischen in Ihrer schwierigen Stellung al« einziger Sozialist unter lauter Sozialistenscinden und politisch Indifferenten wacker aus und lasten Sie die Krankheit, die Sie auch noch heimgesucht hat, nicht Herr über Ihre Gedanken werden. Manche Stellt m Ihrem Briefe klingt sehr bitter, und Sie mögen alle Ursache haben, mit dem, was Ihnen da» Lebe» bescheert hat, tief nn- zufrieden zu sein; aber Sie, als„Sozialdemokrat mit Leib und Seele" haben doch einen Trost in der Zuversicht, daß sich alle die Armen und Stenden in nicht gar serner Zeit ein bessert« Loos erzwingen werden. Bremerhaven. Maschinenbauer F. H. Vergelten Sie die Besriedigung, welche Ihnen, wie sie schreiben, die Lektüre der„R. SB." gewährt, damit, daß sie ihr recht viel Abonnenten unter Ihren Freunden und Arbcitsgenoffen zu verschaffen suchen! Wollcrau i Kanton Schwyz). Die englische Zehnftandenbill beschränkt allerdings nur die Arbeitszeit der Frauen imd Unerwachscnen; die zehnstündige Arbeitszeit ist aber trotzdem, zum guten Theil aus Grund der Wirksamkeit der Trade«- Union«, überall in England eingeführt. Krakau. W. B. Wenn Sie Last hätte» und Gelegenheit fänden, in Leipzig zu arbeiien, so würde bei Ihren Anlagen der hiesige, trefflich geleitete und eingerichtete Arbeiterbildnngsverein Ihrer ferneren Ausbildung sehr sörderlich sein können. Zerbst. H. R. Auch der zweftc Wunsch ist so rasch als möglich erfüllt worden. tkrimmitfchau. P. K. Die Vornamen B-Hlteich« lauten Carl Julius. (Schluß der Redaktion: Dinstag, den 23. Oktober.) 20).— Druck und Verlag der Genoffenschastsbuchdriickerei in Leipzig.