Jllustrirtes Uuterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften h 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Der Erbonkel. Novelle von Ernst von Watdow. (Fortsetzung.) Das gutmüthige Mädchen machte sich aber bereits Vorwürfe über diese Heiterkeit auf Kosten eines immerhin bedauernswerthen Menschen.„Es ist häßlich von uns, Jakob, daß wir darüber lachen, weil Onkel Jakob unglücklich geliebt,— sind wir denn glücklich?" „Eigentlich nicht," meinte der Bursch und fuhr sich mit den Fingern durch sein Kraushaar,„und wenn man sich nicht manch- mal tröstete und sich Muth einspräche gegenseitig, dann wär's nimmer zuni Aushalten." Wahrscheinlich wollte Jakob die Wirksamkeit dieses Trostes sofort probiren, denn er schlang seinen Arm um Röschens Nacken und drückte einen siebenten Kuß auf ihren rothen Mind. „Süßes Röschen!" „Lieber, theurer Jakob!" „Still!— Hörtest du nichts?" „Nein!" „Aber ja— es knistert in den Zweigen— jetzt wieder!" Das Mädchen warf einen ängstlichen Blick zurück und geivahrte dabei, daß es bereits zu dunkeln begann,— in den Büschen rechts rauschte es verdächtig. „Mach' fort!" flüsterte Röschen angstvoll. Auch Jakob hatte ein Geräusch vernommen, deshalb zog er seine langen Beine sehr schnell an sich, um sie darauf jenseits der Mauer wieder herabgleiten zu lassen, als er sich aber eben zum Sprunge anschickte, fühlte er,'wie eine feste Hand ziemlich unsanft eben eins dieser vorerwähnten langen Beine packte, was ihn sofort veranlagte, alle beide wieder an sich zu ziehen, wodurch er fast wie ein Türke oben auf der Mauer hockte. Zugleich ge- wahrten die geschärften Blicke des Aermsten drei weibliche Gc- stalten, die auf dem Bleichplatze im Schatten der Mauer standen, und zu seinem Entsetzen erkannte er die Hofräthin, Adelgunde und Tante Emmerenzia. Die letztere hatte den kühnen, thätlichen Angriff gegen ihn unternommen und lispelte ihm jetzt, so laut sie es vermochte, höhnisch zu:„Ei, Jaköbchen, du bist es? Ich dachte gar, hier einen Spitzbuben zu fassen, der Lust hat auf die Augustäpfel in Nachbars Garten. Schau, schau, was willst denn du hier?!" Der muthige Bursche würde der bösartigen, alten Jungfer, ob sie auch seine Tante war, sicherlich eine wenig ehrerbietige Antwort gegeben haben, wenn nicht in diesem Augenblick die Stimme der gefürchteten Schwiegermama in spe sich hätte vernehmen lassen: „Mein Herr, als Sie sich um die Hand meiner jüngsten Tochter Rosa bewarben, sagte ich Ihnen bereits sehr deutlich, daß Ihre Stellung in der Welt" Die feierliche Rede wurde durch das Hinabpoltern zweier großer Steine unterbrochen, die bei einer Bewegung Jakobs, dessen Stellung auf der Mauer oben vorläufig wenigstens eine sehr ungesicherte war, in's Rollen gekommen waren. Ein kläglicher Aufschrei gellte durch die abendliche Stille: ein Stein hatte Tante Emmcrenzia's vorgestreckten rechten Fuß empfindlich getroffen. „Du böser Bube!" zischte sie herauf, während Jakob, seine gefährdete Lage momentan vergessend, spöttisch herabrief: „So soll es allen schlimmen alten Jungfern gehen, die aus Neid, weil sie selbst sitzengeblieben sind, andere glückliche Liebes- paare verfolgen!" „Mein Herr," zürnte Dame Edeltrud,„Sie bedienten sich soeben eines Ausdrucks, der auf Ihr Verhältniß zu meiner Tochter nicht Paßt und— merken Sie wohl auf!— niemals passen wird! Ich will diese empörende Szene nicht noch länger ausspinnen, verlange aber, daß Sie sich schleunig entfernen und es nie wieder versuchen, auf derartigen Schleichwegen das Herz eines unreifen Kindes zu bethören und zum Ungehorsam zu verführen." „Ja, ein elender Verführer ist oieser Bube, der vermeint, die Erbschaft Onkel Jakobs zu erschleichen!" geiferte Emmerenzia, wüthend gemacht durch Jakobs schmähende Worte. Da ließ sich Röschens Stimme sehr deutlich vernehmen und ihr blondes Köpfchen erschien am Rande der Mauer: „Das ist eine schändliche Lüge, Tante Emmerenzia!" Ob- gleich im ersten Moment der Ueberraschung und des Schreckens gewillt zu fliehen, war die tapfere Kleine doch sogleich umgekehrt, als sie die Gefahr erkannt, in welcher ihr Geliebter schwebte. Jetzt war ohnedies schon alles entdeckt, schlimmer konnte es nicht mehr kommen. Nun galt es, dem Sturme Trotz zu bieten. „Ei, sieh' da, Röschen, das Fräulein Nichte nimmt sich ja des braven Jakob recht warm an; na, Frau Schwägerin, da wird man doch wohl gratuliren können! Röschen ist auch der Liebling des„Erbonkels", dem sie zuerst den Namen in's Gesicht gesagt hat—" „Was die übrigen hinter dem Rücken tbaien!" lachte Röschen, die ihre gute Laune wiedergewann. „Jungfer Naseweis!" murmelte Emmerenzia ärgerlich. Dann schickte sie sich zum Rückzüge an, da sie aber die stolze Hofräthin anch noch zu demüthigen wünschte, sagte sie mit einem tiefen Bückling:„Einen schönen guten Abend, Frau Schwägerin, und nichts für ungut. Sie haben sich nun überzeugt, daß ich nicht zuviel gesagt, als ich Ihnen versprach, Sie sollten noch heut unser liebes Pärchen beisammen finden.— Bedaure, Frau Schwägerin, daß Sie so traurige Erfahrungen machen. Wir Kleinstädter sind eben an strengere häusliche Zucht und Sitte gewöhnt. Das sind Großstadt-Manieren!— Wünsche wohl zu ruhen!" Der letzte Stich galt Adelgunde, denn auf sie waren die stechenden Blicke des alten, abschreckend häßlichen Wesens gerichtet. Die Hofräthin, bleich vor Acrger, schlug ihre Hände, in denen sie noch den rostigen Hausschlüssel hielt, zusammen in wortlosem Jammer und sah der Enteilenden nach, während sie bei sich be- rechnete, daß morgen ganz Dohlenwinkel von dieser skandalösen Szene Kenntniß haben werde. Unwillkürlich flammte ihr Zorn gegen die Schuldige wieder auf und durchbrach für kurze Zeit den Damni künstlicher Fassung, den sie in jeder Lebenslage sich zu bewahren suchte, weil man ihr von Kindheit an eingeprägt, daß wirklich vornehme Leute weder ihren Schmerz noch ihre Freude laut äußern dürften. „Der Hofrath von Bartels", schrie sie dem jungen Ucbcl thätcr zu,„wird von Ihrem Vater eine strenge Bestrafung Ihres Leichtsinns verlangen. Mein mißrathenes Kind werde ich selbst richten; ein Kloster wird der beste Aufenthaltsort für dies leicht- sinnige Geschöpf sein!" „Aber Mama, ich bin ja nicht katholisch!" rief, unter Thränen lachend, Röschen über die Mauer. „Einerlei,— so wirst du in eine Diakonissenanstalt gebracht werden. Vorläufig verfüge dich in das Haus,— und Sie, mein Herr," fuhr die Hoftäthin zu Jakob gewendet fort,„Sie werden sich unverzüglich zurückziehen!" „Ich gehe ja schon," sagte der arme Bursche ganz kleinlaut, denn der fremde Ton, ivelcheu die Tante ihm gegenüber anschlug, die Anrede:„mein Herr!" machte ihn mehr verwirrt, als wenn die Dame sich einige landesübliche Ehrentitel erlaubt hätte. Um seinen Gehorsam zu zeigen, sprang er denn auch, nach einem letzten Blick ans das weinende Röschen, von seinem hohen Sitze herab, aber so unglücklich, daß er der„gnädigen" oder vielmehr ungnädigen Tante, welche eine so schnelle Befolgung ihres Ge botcs nicht erwartet hatte, im strengsten Sinne des Wortes an den Hals flog. In dein instinktiven Bestreben, sich zu halten und vor einem gänzlichen Sturze zu bewahren, umklamnicrte Jakob mit»einen langen Armen krampfhaft die eckigen Schultern seiner künftigen Schwiegermaina, und erst als diese mit einem Aufschrei der Eni- rüstung sich freigemacht nnd ihn abgeschüttelt hatte, stürzte er, so schnell ihm seine Beine das erlaubten, davon, ohne auch nur einen einzigen Blick zurückzusenden. Er hätte sonst gesehen, wie Dame Edeltrud, halb ohnmächtig vor Aerger und Empörung und erschöpft von der Äraftanstrengnng, durch die sie sich von der nnfreiivilligen Umarmung befreit, ihrer vor Schreck ganz sprachlos gewordenen Tochter Adelgunde in die Arme sank. ** * Große und anscheinend vernichtende Schicksalsschläge haben oft die reinigende und erfrischende Wirkung auf das Menschengcmüth, die ein starkes Gewitter in der Natur übt. Solch' ein elementares Ereigniß war für Röschen und Jakob die„große Ueberraschungsszenc" gewesen. Er beschloß zu handeln, nnd sie handelte. Am Morgen des andern Tages, nachdem die stürmischen Vorwürfe verstummt waren und die Riihe eines Fried Hofes in der standesgemäßen Wohnung herrschte, schickte sich Röschen an, mit der Magd, wie gewöhnlich geschah, das Haus zu verlassen, um die nothwendigen Einkäufe zu machen. Die Hofräthin behauptete, starke Migräne zu haben, lag auf dem Schlaffopha in ihrem Erkerzimmer und hatte sich frische Gurkcnschalcn um Stirnc nnd Schläft gebunden. Adelgunde hatte eben auf der Mutter Geheiß das Gemach verlassen, um der „Ungerathenen" anzuzeigen, daß sie bis auf lvcitcres Hausarrest habe, als die Leidende den ihr wohlbekannten kreischenden Ton vernahm, welchen das Oeffncn der Hausthüre stets hervor- brachte. Mit einem Satze sprang die heftige Frau von ihrem Lager' ans und an das Fenster, das sie schnell öffnete. Richtig, es war, wie sie geahnt, da schritt Röschen fein ehrbar hin»nd neben ihr Hanne mit einem großen Marktkorbe. „Rosa!" rief Dame Edeltrud gebieterisch. Ein lautes Gelächter antwortete ihr, während Röschen ihren Schntt beschleunigte und angelegentlich dabei mit der Magd sprach, ohne jedoch auf den mütterlichen Zuruf zu achten und den Kopf zu wenden..Inzwischen erschallte erneutes Gelächter, und zwar ans den Kehlen einiger Straßenjungen, die sich mit Ballspielen vergnügten. Dieselben hatten nämlich das in einer großen Nachttmitze steckende Haupt der Hofräthin erblickt, dem die grünen Gurkenschalen, welche durch ein rothes Seidenband um Stirn und Schläfe befestigt waren, allerdings ein höchst originelles Aussehen verliehen. Jetzt ward auch der Dame klar, welchen Grund die Heiterkeit dieser ausgelassenen Schulknaben hatte, nnd um sich den Beleidigungen der jungen Plebejer nicht noch länger auszusetzen, zog sie ihren Kopf schnell zurück und überließ noth- gedrungen das gewissenlose Kind seinem Schicksal.' Röschens gestreiftes Leincnkleidchen flatterte ebe" Ecke, die Mama schlug ärgerlich das Fenster zu, daß blinden Scheiben klirrten, nnd gebot der eintretende' die ganz bestürzt ihre Meldung machen wollte,' gekommen, den Papa Hofrath herbeizubeordern. � empfand ein gesteigertes Mittheilungsbedürfniß,- Frieden des armen Dulders, der sich eben ein geinü pfeischen gestopft hatte, war es geschehen! Inzwischen eilte Röschen dem„schwarzen � uno fragte schon unter dem Hofthor den alten£.»-unecht, ob sie Herrn Jonas sprechen könne. „Eben ist die Fräulc Martha fortgegangen," meinte der mit einem verschmitzten Lächeln;„sie haben lange strausirt und der Herr hat die Hände zusammengeschlagen." Glühende Röthe überzog des Mädchens Wangen, bald aber machte sich ein trotziger Zug um den kleinen Mund bemerkbar, und während sie dem Extrazimmer zuschritt, wo Herr Jonas senior, nach des Hausknechts Meldung, seinen Frühschoppen allein in stiller Sammlung zu trinken pflegte, sprach sie muthig vor sich hin:„Um so besser, wenn er alles weiß, ich brauche es ihm dann nicht erst zu erzählen, und er muß mir helfen!" Als die Magd, diesmal allein, die Einkäufe besorgt, kam sie in den„schwarzen Wallfisch", um ihr Fräulein abzuholen. Herr Jonas begleitete Röschen selbst bis zur Hausthür, und ihre kleine, harte Hand noch einmal herzlich schütlelnd und einen Moment zwischen seinen dicken, ungeschickten Fingern gepreßt hat- tend, flüsterte er ihr trisstend zu:„Ich werde darüber nachdenken, vielleicht habe ich eine gute Idee!" Gewöhnt, sein Wort zu halten, verfügte er sich auch sofort wieder in das Extrazimmer zurück, ließ sich den geleerten Henkel- krug srisch füllen nnd sann und trank— trank nnd sann, bis ihm das schwere Haupt auf die Brust und die Augendcckcl zu- fielen. Ein sanfter Rippenstoß ivcckte den dicken Herrn aus seinem Morgenschlummer._ Vor ihm stand Margarethe, die ebenfalls sehr korpulente Gattin, schlug die Hände zusammen und rief ein- über das andremal: „Herrjemine! Alle Hände voll zu thun, und hier sitzt der Mann und schläft!" „Tu irrst, Margarethlein," erwiderte der dicke Wallfisch nicht ohne Würde,„ich schlief nicht, ich hatte eine Idee, und da ge- schrieben steht,, den Seinen gibt er's schlafend,' so „So schlief Jonas ein, um erwachend zu finden, daß sein Glaube ihm geholfen!" ließ sich die Stimme des alten Studenten vernehmen, der, in dem Rahmen der geöffneten Thüre stehend, das kleine Zwiegespräch des Ehepaars belauscht hatte. Frau Margarethe entfernte sich mit kurzem Gruße, der gelehrte Gast flößte ihr nicht sonderlichen Respekt ein, obwohl Herr Jonas schon öfter die Behauptung aufgestellt hatte, daß es nicht' so ganz unwahrscheinlich wäre, ivenn der„Erbonkel", um die übrigen recht empfindlich zu kränken, seinen Reichthum just dem Eusebius vermache, der sich darum keinen Deut kümmern ivcrde. 'Als die Wallfischin das Zimmer verlassen, ließ sich der alte Student ani Schenktische nieder, und während Herr Jonas ihm geschäftig ein Stempclglas mit Wein füllte, fragte er lächelnd: „Ist es ein Geheimniß oder erlaubt, darnach zu ftagen, welche Idee euch, edler Ganymed, durch höhere Inspiration ge- worden ist?" 75 „Nun," schmunzelte Jonas,„das spielt in die Familien- geschichte hinein; Sie wissen ja, Herr Eusebius, daß der alte Drache, das heißt Ihre Frau Schwägerin, die Hosräthin, und auch der Herr von Bartels die Liebschaft nicht zugeben wollen, zwischen dem Jakob und der Rosel. Nun war gestern wieder ein Heidenskaudal, indem die Alte herausbekonimen hat, daß sich das junge Völkchen heimlich sieht, zum Ueberfluß ist der lange Mensch, der Jakob, der zornigen Dame wie ein reifer Apfel in den Schoß gefallen, als er sich schleunigst zurückziehen wollte. Die kleine wird jetzt strengstens unter Schloß und Riegel gehalten werden, und so werden sich die armen Kinder halb zu Tode grämen, wenn ihnen nicht ein wenig geholfen wird." „Das könnte nur einer, wenn er ein Machtwort zu ihren Gunsten spräche;" meinte Herr Eusebius nachdenkend,„Bruder Jakob aber wird das am wenigsten thun." „Das Kunststück liegt darin, ihn dazu zu bringen!" sagte Jonas zustimmend.„Ich werde halt mein Glück versuchen, die Rosel hat mich gar so schön gebeten." „Haben Sie nicht schon einmal, und vergebens, das Herz des Alten zu erweichen versucht?" „Ja freilich, aber—" „Nun, die traurige Geschichte seiner unglücklichen Jugendliebe mit der armen Lehrcrstochtcr, der schönen Dorothea, die so früh gestorben ist, wird Ihnen bekannt sein, ich habe keine Hoffnung, daß Jakob hülsreich die Hand bieten sollte, um zwei Liebende zu beglücken." „Ich auch nicht," erwiderte Jonas mit schlauem Lächeln. „Aber Sie meinten doch eben noch—" „Daß er helfen würde— gewiß; aber er wird das weniger thun, um die Liebenden zu beglücken, als um die übrigen halb todt zu ärgern und ihnen einen rechten Possen zu spielen. Das Kunststück ist nun, ihn dahin zu bringen." „Ei, ei," meinte Eusebius bedenklich,„das wäre aber unmoralisch. Wissen Sie nicht, was in dieser Beziehung der er- habene Kant uns zu thun gebietet?.Handle so, daß die Maxime deiner Handlungsweise ein allgemeines Gesetz werden könne!'" Jonas Wallfisch blickte den Philosophen so mitleidig und zu- gleich so überlegen an, als sei ihm erst jetzt plötzlich klar geworden, warum Eusebius Bartels es im Leben nicht weiter gebracht, als die zerrissenen Schuhe und Stiefeln der Dohlenwinkler zu flicken. Dann sagte er laut: „Dieser Kant muß ein entsetzlich unpraktischer Mensch sein, wohl so ein Stück Poet oder Sterngucker, der von der Welt nicht den blauen Teufel verstanden hat? Da kenne ich die Menschen besser." „So, so!" brummte der Philosoph vor sich hin. „Ja, meine Idee ist glänzend; ich will Ihnen dieselbe gleich auseinandersetzen. Am'Nachmittage gehe ich also zu Herrn Jakob und werde ihm eine Weinprobe mitnehmen. Zn der Zeit ivciß der alte Herr schon ganz genau, was sich gestern unter* seinen Erben zugetragen hat, denn wenn auch nur das Kleinste, passirt, was dem einen oder dem andern zu Schimpf und Schande ge- reicht, dann wird sofort eine Meldung gemacht." „Schauerlich!" warf Eusebius dazwischen. „Freilich— sehr nett ist das nicht, da hätte Ihr Herr Kant Menschen kennen lernen und Studien machen können!" „Kant spricht auch von Menschen, wie sie sein sollen, von idealen Geschöpfen," belehrte Eusebius eifrig. Jonas Wallfisch lachte.„Ideale Geschöpfe! Da hatte er lieber gleich von Engeln reden können. Was Menschen sind, tveiß ein Schankwirth am besten. Aber wieder auf besagten Hammel zu kommen: Herr Bartels, werde ich sprechen, wissen Sie wohl, wie Sie die Hofräthin und den Herrn Johann— denn das sind doch die Häupter der beiden feindlichen Familien— recht ärgern, anführen und für ihren Geiz und ihre Habsucht strafen können? Da wird er schon die Hände reiben und mich erwartungsvoll ansehen— so(und Herr Jonas kniff die Augen zusammen und grinste schadenfroh). Darauf werd' ich auch ein schlaues Gesicht machen und sprechen: Morgen müßte der Herr Jakob Kopfschmerzen haben und im Bett bleiben; eine Stunde darauf wird alles in Aufruhr sein:.Der Erbonkel ist krank!' Zuerst wird der Meister Johann kommen und sich theilnehmend erkundigen; es wird ihm gesagt: er solle den Jakob schicken. Unterdem kommt sicher auch der Herr von Bartels angeschossen und trifft den Jakob bei dem Erbonkel und hört, wie der sich erkundigt, ivas er ivohl möchte und ob ihm die Tischlerei des Martens paßte, und was so mehr ist. „Die Geschichte wird dem Herrn Hofrath einen heißen Kopf machen und daheim der Gnädigen gewaltig in die Nase fahre», sie wird nun auch einen Trumpf ausspielen, und Erbonkels einstigen Liebling, Röschen, zur Krankenvisite, etwa mit einem Blumenstrauß, schicken. „Schwester Emmerenzia oder Martha haben das nicht sobald ausgespäht, als sie auch schon der Schwägerin Friederike die schlimme Nachricht bringen. Natürlich wird die Geschichte hübsch vergrößert, und schließlich glaubt die Schreinersamilic fest daran, daß die adlige Sippe die Erbschaft erhalten wird. Ebenso fest ist aber auch der Hofrath und die Dame Edeltrud davon über- zeugt, daß Jakob der Erbe ist. „Jetzt fängt meine Rolle an. Erst stelle ich dem Hosrath vor(der holt sich ohnedem Raths bei mir), welch' ein gutes Geschäft er unter so veränderten Verhältnissen machen würde, wenn er seine Zustimmung zu des Erben Werbung um Röschens Hand geben möchte. Dem Meister Johann wiederum und der Frau Friederike male ich recht handgreiflich aus, wie man die adligen Bartels überlisten könnte, wenn Röschen, die Erbin, vorher un- auflöslich mit Jakob verbunden würde. Für alle Fälle wäre dann doch etwas von der Erbschaft gerettet, und da Franziska versorgt ist durch ihre Heirath, liegt den Schrcincrslcuten das Schicksal Jakobs, des Erstgebornen, ja am meisten am Herzen. Sic werden freudig ,Ja!' sagen. Der lange Jakob wird seinen Konfirmationsfrack anziehen, sich fein säuberlich zu der Frau von Bartels in die standesgemäße Wohnung begeben und noch ein- mal um Röschen werben. Ich>vill keinen guten Tropfen über meine Lippen mehr bringen,>venn wir nicht in drei Tagen ein vergnügtes Brautpaar hier in Dohlenwinkel haben." Der alte Student hatte sein Kelchglas geleert und starrte den dicken Wallsischivirth so verwundert an, als wenn derselbe ein neues philosophisches System aufgestellt hätte. Obgleich er vom moralischen Standpunkte aus nun diesen Plan nicht billigen konnte und durchaus nicht der Ansicht war, daß der Zweck die Mittel heilige— mußte er doch des Wallfisches Schlauheit und Kom- binationsgabe anerkennen und zugestehen, daß ein günstiges Re- snltat auf diese Weise erzielt werden könne. Das sprach er auch aus, und Herr Jonas füllte geschwind noch einmal das Glas des Philosophen, erhob das seinigc und sagte schmunzelnd: „Das Brautpaar lebe hoch!" (Fortsetzung folgt.) (D!d Iohn Groum/) Am 9. Mai 1800 wurde in einer bescheidenen Wohnung zu Torrington, einem Landstädtchen deS Neueiigland-Stants Connek tikut, ein Knäblein geboren, das, in der Jugend auffallend still und in sich gekehrt, als Mann viel Lärm machen sollte in der Welt, und znletztj dem Greisenaltcr nah aber noch in der Fülle der Kraft an den Galgen gehängt ward, weil er sich, wie der Ge- kreuzigte der Christuslegende, hatte beigeben lassen, der Erretter, der„Heiland" der unterdrückten Menschheit zu werden. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme. Das Sprüchivort ist wahr, wenn es auch Ausnahmen hat und von manchem Edel- *) Sprich: Ohld Dschonn Braun. reis schon ein recht häßlicher Holzapfel weit vom Stamm gefallen ist. Der Vater unseres John, Owen Brown, war der Ururcnkel eines der Lilxrimfatliers(Pilgerväter), die im Winter 1620 das ungastlich gcwordne old home(alte Heimathland) in der„May- fiower"(dem Schiff:„Maiblume") verlassen und am Wcihnachts- tag des Jahres 1620 die Rüste der„neuen Welt" betreten hatten. Es waren gewalttge Menschen in ihrer Art, jene Puritaner, nicht zu messen mit dem Maßstab unserer Zeit. Brünstig an Gott glaubend, glaubten sie ebenso brünstig an das eigene Recht und die eigene Kraft. Ihr Gottesglanbe' war in Wirklichkeit nur der Ausdruck ihrer glühenden Freiheitsliebe, ihres un- bezw inglichen Selbstständigkeitsgefühls. Klassisch tritt dies zu Tag in dem berühmten Wort, das Cromwell vor einer Schlacht aus- sprach:„Trust in God and keep your powder dry— Vertraut auf Gott und haltet Euer Pulver trocken." Sie vertrauten auf Gott, hielten ihr Pulver trocken und schösse» die stolzen „Cavaliere" todt wie tolle Hunde. Für jenen Naturphilosophen war En Kopro Zeus, im Miste der Gott; für sie war der Gott im Pulver. Gutes Pulver, gute Fäuste und gutes Recht— das war die heilige Dreieinigkeit dieser mannhaften„Gottesstreiter", dieser unbezwingbaren, Kämpfer in den Heerschaaren des Herrn". Und so weit die Familiengeschichte und die Familientradition zurückreicht, waren die Vorfahren unseres John Brown mannhafte „Gottesstreiter" gewesen, Pftichtmcnschcu und Kraftmenschen. Drei seiner Ahnen— der Großvater von Väter- licher und der von mütterlicher Sette und ein Bruder des letzte- reu— hatten im Unabhängigkeitskampf mitgekämpft, und der Geist, in dem sie ge- kämpft, erfüllte die Heimstätte des sick) kräftig entwickelnden Knaben. Kaum 5 Jahre alt, lernte er die Gefahren des Urwalds kennen; mit Vater, Mutter, einem zehnjährigen Halbbruder und zwei Geschwistern, die noch jünger waren als er selbst, wanderte er durch„die Wildniß", „weit, weit nach Westen". Und nun be- ginnt der zweite Ab- schnitt seines Lebens, die Schule seines künftigen Wirkens. Mit dem ruhigen, be- haglichen Leben im heimischen Ziest ist es zu Ende— die Zeit der Arbeit, des K ampfes um's Dasein, des Kam- pfes mit den Elemen- ten, mit wilden Thie- ren, mit Menschen beginnt. Der fünf- jährige Knabe» der das Ochsengespann, bepackt mit den Habseligkeiten der Familie und den kleinen Geschwistern, durch den finsteren, von Schlangen, Bären und Indianern unsicher ge- machten Urivald lenken hilft, lernt rasch alle Künste des Wald-, Bauern-, Hirten- und Jägerlebens. Gewandt wie eine Katze, erklettert er die höchsten Bäume, wird ein Meister" iin Fallen- stellen, kennt keine Gefahr, wird durch die Gefahr nur angereizt. Und dabei beseelt ihn ein brennender Wissensdurst, den zu füllen freilich die Mittel nicht ausreichen. Alle Bücher, die er in Hudson, Staat Ohio, wo sein Vater sich angesiedelt hat, findet, werden verschlungen, die Bibel, namentlich das Alte Testament, kennt er fast auswendig. Das hindert ihn aber nicht, durchaus„praktisch" zu sein. Mit 14 Jahren macht er sich selbständig, hält eine eigene Herde und treibt erfolgreich den Viehhandel. Eine Zeitlang hat er den Gedanken, Prediger zu werden, doch die Liebe zu einem Mädchen, das er, 20 Jahre alt, auf einer seiner Wanderungen getroffen, bringt ihn davon ab. Die Eltern haben nichts einzu- wenden, und am 21. Juni 1820 führt er, nach kurzem Braut- stand, die Geliebte heim. Er schreibt von ihr: weil- !zogen» seinen fl treu 1 „Sie war ein Jahr jünger als ich, bemerkenswerth einfach, aber hübsch arbeitsam und sparsam, von ausgezeichnetem Charakter, voll ernster Frömmigkeit und dabei gesundem Menschenverstand, mit einem so recht wirthschaftlich gewandten und schnellfertigen praküschen Muttertvitz. Ihr mildes, frank und freies Wesen, ihr offenherzig liebreiches Auftreten und, mehr als alles sonst, ihr gleichmäßig ruhiges Entgegenkommen, erwarb ihr, so lange sie lebte, einen mächtigen, guten Einfluß aus mich. Ihre einfachen und stets freundlich sanften Erinahirungen wirkten allemal in richtiger Weise, ohne mein hochmüthig- starres Temperament zur grundlosen Störrigkeit des Eigensinns zu reizen." Der glücklichen Ehe entsprossen 7 Kinder, 6 Söhne und eine Tochter; die Geburt des letzten Kindes kostete der Mutter lim August 1832) das Leben. Ein Jahr darauf verheirathcte er sich wieder mit Mary Day, die ihm 13 Kinder schenkte, 7 Söhne und 6 Töchter. Wir erwähnen des reichen Kindersegens, weil John Brown in seinen Töchtern und Söhnen sich Mitsttei- terinnen und Mit- stteiter herangezogen hat, die in Kämpfen ihm zur Seite standen, zi� Theil ihr Blut nttl ihm und für ihn ver- gössen, ihr Leben mit ihm und für ihn ge- lassen haben. Bei dem„fahrenden Leben", das er führte — der Viehhandel war lauge sein Haupt- erwerbszwcig, und bis zum Jahre 1846 ver- änderte er sechsmal den Wohnort— wurde er vielfach ein Zeuge der Greuel und Schmach derNegerskla- verei, dieses„Schmutz- fleckens auf dem Ehren- schild der großen Re- publik". Wann er sich zuerst seiner„Mission", diesen Schmutzflecken abzuwaschen, bewußt ward, das ist natür- lich nicht nachzuweisen; allein aus den Auf- Zeichnungen seiner ihn überlebenden Töchter ersehen wir. daß er John Brown. M Zeit seiner ersten Ehe sich auf's angelegentlichste mit dem Loos der Unglück- lichen„Niggers" beschäftigte und mit Vorliebe aus der Bibel diejenigen Verse und Sprüche zitirte, welche zu Gunsten der Armen lauten und die werkthäüge Menschenliebe predigen, wie zum Beispiel: „Gedenke derer, die in Banden sind, als gebunden mit ihnen." „Wer sein Ohr verschließt vor dem Jammern des Armen, soll auch einst jammern, aber nicht gehöret werden." „Wer ein erbarmendes Auge hat, soll gesegnet werden, denn er gibt sein Brod den Armen." „Ein guter Name ist eher zu wählen, denn großer Reichthum, und Wohlwollen eher, denn Silber und Gold." „Wer des Armen spottet, verhöhnt seinen Schöpfer, und wer über fremdes Unglück sich freut, soll gezüchtigt werden." „Wer sich des Armen erbarmt, leiht seinem Gott, und Ivas er gegeben hat, wird der Herr ihm wiederbezahlen." „Entziehe nicht Gutes, denen es gebührt, wenn es in der Macht deiner Hand ist, es zu thun." „Ich hasse leere Gedanken, aber dein Gesetz liebe ich."-- „Das letzte Kapitel des Predigers Salomonis und das Buch der Makkabäer", erzählen seine Töchter,„liebte er ganz besonders, und an Fasten- und Feiertagen pflegte er oft das 85. Kapitel des Jesaias zu lesen. „So oft er abends nach Hause kam, erschöpft und arbeits- müde, ließ er gern vorm Schlafengehen von einem Familien- glied sich aus der Bibel vorlesen, was er überhaupt regel- mäßig morgens und abends that. Gewöhnlich sagte er:.Lies mir einen von Tavid's Psal- men.'— Seine liebsten Kirchen- lieber aus Watts' Gesangbuch waren fast lauter solche, die Kampf und Sieg im Tode athmen.— Er war ein großer Be- wundever Cromwells." v Einer seiner Biographen sagt von ihm: „Föhn Brown wardas Alte Testament in amerika- nisches Fleisch und Blut übersetzt." Im Frühjahr 184ß eröffnete er zu Springfield, Massachusetts, ein Wollengeschäft; bald darauf nahm er sich einen Asso- eis, und die Fir- ma„Perkins and Brown" bekam bald einen guten Namen. Brown, den sein thatkräf- tiger Geist aus dem engen Geleis der Routtne heraus- drängte, plante eine vollständige Revolutionirung des Wollhandels. Mit Entrüstung hatte er gesehen, wie die Produ- zenten(die Farmer) von den Spekulan- ten und Zwischen- Händlern ausge- beutet wurden: dem wollte er steuern. Diese betrügerischen, geld- gierigen Spekulanten und Zwischenhändler überflüssig zu machen, das war das Problem. Gedacht, gethan. Er setzte sich mit den Produzenten in Berbindung und es gelang ihm, so ziemlich sämmtliche Produzenten des Staates Ohio für seinen Plan zu gewinnen: die Firma„Perkins und Brown" übernahm, gegen einen geringen Prozentsatz, die Besorgung des Verkaufs der Wolle un- mittelbar an die Konsumenten, d. h. die Wollcnfabrikanten. Die Idee war gut, aber sie scheiterte an der Konkurrenz. Die Speku- lauten, welche sich in ihrer Existenz bedroht fühlten, schloffen ein Schutz- und Trutzbündniß gegen die abscheulichen Revolutionäre, die das Geschäft„verdarben"; sie terrorisirten die Fabrikanten, die bei ihnen in Schuld waren, und brachten es richtig so weit, daß die Firma„Perkins und Brown" in den Vereinigten Staaten „Gib dem, der bittet, und wer von dir borgen will, von dem keinen Absatz fand. Rasch entschlossen lud John Brown die wende nicht dein Angesicht hinweg.". Wollenvorräthe auf ein Schiff und fuhr selber mit hinunter nach London. Er fand sich in feinen Berechnungen getäuscht. Er mußte infolge„ungünstiger Konjunkturen" weit unter dem Preis verkaufen,— die Firma„Perkins und Brown" war an dem Ver- such, den Handel ehrlich zu treiben, gescheitert. Das war 1848. Im kleineren Maßstabe hatte John Brown schon einmal Aehnliches erfahren, als er zehn Jahre vorher auf den Gedanken verfallen war, sich vom Güter-Kauf und-Verkauf redlich zu nähreu. Auch damals hatte er das donquixotische Beginnen mit dem größten Theil seines Vermögens zu bezahlen gehabt. Der eigene Verlust ging ihm nicht nahe— er hatte das Zeug, schnell wieder auf die Füße zu sprin- gen—, aber den Kompagnon, der ini Vertrauen auf ihn sein Kapital in das Geschäft ge- steckt hatte, durfte er nicht im Stich lassen. So wandte er mit ungeheurer Anstrengung drei Jahre lang den Bankrott ab, sorgte für Zahlung der Schulden, trieb die Außenstände ein, und wickelte das Geschäft so glück- lich aus allen Schwierigkeiten heraus, daß 1854 die Trennung der Firma nicht blos in Ehren, fondern auch ohne Verlust für Perkins erfol- gen konnte. In jene Zeit fal- len verschicdneRci- sen nach Europa. Er war wiederholt in England, Frank- reich und Deutsch- land. Es muß ihm damals schon die Rolle vorge- schwebt haben, die er später zu spie- len hatte: er in- teressirte sich ganz besonders für das Militärwesen der genannten drei Länder, studirte daffelbe eingehend, wohnte verschiede- nen Revuen und Manövern bei, besuchte einige der bekannteren Schlachtfelder u. s. w. Er schrieb seine Beobachtungen nieder, die Aufzeichnungen sind uns jedoch leider verloren gegangen. Nur einzelne Bruchstücke sind erhalten worden, aus denen wir ersehen, daß er die stehenden Heere als den größten Fluch der europäischen Staaten betrachtete, als das Grab der Freiheit, der Bildung und des Volkswohlstandes. Außerdem beschäftigte er sich viel mit dem Stand des Ackerbaus. Aus Deutschland nahm er in dieser Beziehung höchst ungünstige Eindrücke nach Amerika zurück: bei uns sei der Ackerbau noch halb barbarisch, die Bewirthschastung höchst irrattonell, grade als ob das deutsche Volk hundert Jahre lang geschlafen hätte. So unrecht hat er sicherlich nicht' gehabt; liegt doch der deutsche Ackerbau, dank der unheilvollen Zwergwirthschast, selbst heut noch im Argen! Bereits im Jahre 1849— also vier Jahre vor formeller Gesandtensaal im Alcazar in Sevilla (Seite 83.) 78 Auflösung der Firma„Perkins und Brown" war John Brown mit seiner Familie nach North-Elba im Staate New Dork über- gesiedelt—„seinem siebenten und letzten Wohnort als Familienvater". Der Landstrich, welchen er dort pachtete, ge- hörte dem edlen Gerrit Smith, einem der begeistertsten Vor- kämpfer der Sklavenemanzipation, und war von ihm, theils sehr billig, theils unentgeltlich unter der Bedingung abgelassen worden, daselbst ein Asyl und eine Kolonie für entwichene Negersklaven zu gründen. John Brown arbeitete mit Feuereifer an der Ver ivirklichung des Plans; entwichene Sklaven strömten niasscnhaft zu, alles versprach anfangs den besten Erfolg, aber mit der Zeit stellte sich heraus, daß es sehr schwierig war, die.meist blos an die Plantagenarbeit gewöhnten Neger zum Ackerbau tüchtig zu machen, und man mußte das Experiment aufgeben. Ebenso unglücklich verlief ein anderer Versuch in der nämlichen Richtung. Ein virginischer Pflanzer, James Birney, schenkte seinen Sklaven die Frecheit und übertrug Brown, der unter den Abolitionisten als Autorität zu gelten begann, die Erziehung der jüngeren Frei- gelassenen. Bei dieser Gelegmheit kam John Brown nach Birginien, in die Hauptvcste der Sklaverei und auf den künftigen Schauplatz des großen Schlußakts seines„Messias"-Lebens. Dort sah er in das scheußliche Pandämonium der Ausbeutung, der Mißhand- lung, der geistigeil und körperlichen Schändung: alles Mensch- liche mit Füßen getreten, die Familienbande aufgelöst, die Weiber und Mädchen den brutalen Lüsten der„ritterlichen" Herren und ihrer Kreaturen überliefert— und der Pfaffe, der glcißnerisch seinen„Segen" dazu gibt. Hätte er der Anfeuerung noch bedurft, diese Reise nach Vir- ginien würde ihm das rächende, das befreiende Schwert in die Hand gedrückt haben. Er war aber schon lange mit sich im Reinen. Das Mißlingen des North- Elba- Experiments hatte ihn belehrt, daß die Abschaffung der Sklaverei nicht durch List, nicht durch Versuche ini Kleinen zu bewerkstelligen war— daß nur zwei Wege zum Ziel führen konnten: entweder eine groß- artige Volksbewegung, welche die, unter dem Einfluß der süd- staatlichen Sklavenhalter stehende Bundesregierung sammt dem Kongreß fortriß und zur Aktion drängte; oder die direkte Aktion des Volkes, eine Erhebung der Sklaven, orgamsirt und unterstützt durch Weiße. Bei der erbärmlichen Haltung der Bundesregierung und des Kongresses, und bei der Gleichgiltigkeit der Volksmaffen in den „freien" Nordstaaten, bot erstcrer Weg keine Aussicht auf baldigen Erfolg. So blieb nur der zweite Weg. John Brown zögerte nicht. Er hatte sich mehr und mehr daran gewöhnt, in der Neger- cmanzipation seinen Lcbensbcruf zu erblicken, dem alles andere unterzuordnen>oar, und deni er auch Frau und Kinder widmete. „Mann Einer Idee", ging er ganz auf in dieser Einen Idee, lebte er nur, um diese Eine Idee zu verwirklichen, war er freudig bereit, Gut und Leben, sich, seine Familie: daS geliebte Weib, die blühenden Söhne und Töchter, alles dieser Einen Idee zu opfern. Die Frage war blos, wann sollte„das große Opfer" gebracht, der große Wurf versucht werden? Die Ereignisse gaben die Antwort und das Signal. (Schluß folgt.) Taubenposten. Von