Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften u 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Erzählung von Er war hente besonders lebhaft der kleine Georg, von seinen Eltern gewöhnlich„der Große" genannt, er war beinahe aufgeregt, es handelte sich für ihn aber auch um keine Kleinigkeit. Schon seit Wochen hatte man ihm vom„Christkind" erzählt, und der dreijährige Bursche hatte begierig aufgehorcht, und wenn er auch nicht alles verstanden hatte, so wußte er doch, daß dies etwas Außergewöhnliches bedeute, und daß artige Kinder etwas schönes dabei bekommen und sich darüber freuen müssen, und er freute sich ganz ungeheuer, der kleine Kerl. Christabend war nun gekommen, die Uhr hatte soeben die fünfte Nachmittagsstunde geichlagen. Georg befand sich in der Küche, wv seine Mama vor einer Weile die Lampe angezündet hatte. Er hüpfte bald auf dein rechten, bald auf dem linken Beine herum und schrie dabei so viel er konnte:„Heute ist Christ- abend!" und der anderthalbjährige Hansl, der auf dem Schöße der Mutter saß und mit Milchbrci gefüttert wurde, freute sich seinerseits über den famosen Lärm, den sein älterer Bruder' auf- führte, und er strampelte aus Vergnügen mit seinen Füßen und sang sein„Ta, ta, tata" dazu, wobei ihm der Milchbrci wieder aus dem Munde floß. Schon vor einer Stunde etwa war der Vater dieser kleinen Familie, der Seher Karl Mahlknecht, nach Hause gekommen, aber statt wie sonst seine Stammhalter wechselweise auf den Arm zu nehmen und sich mit ihnen einige Bewegung zu machen, wechselte er mit seinem jungen, ihm entgegen kommenden Weibchen ge- heimnißvolle Zeichen und mit einem bedeutungsvollen Nicken gegen die Thür flüsterte er ihr zu:„Es ist schon draußen, Gnstel." Und Gustel lächelte und nickte wiederholt, gar verständnißinnig. ,Koinm Georg," rief sie jetzt,„wir Ivollen Berstecken spielen." Er kam rasch herbeigelaufen und sie warf ihm die Schürze über den Kopf.„Wo ist der Georg?" fragte sie verwundert,„wo ist er hingekommen? ich kann ihn nicht finden." Der Junge rührte sich nicht, aber er schmunzelte so recht spitzbübisch unter seiner Hülle und ließ sich suchen. Diesen Moment hatte der hinterlistige Vater benutzt, um das Tannenbäumchen durch die Küche in das anstoßende Zimmer zu schmuggeln, und als dies geschehen war brachen die Eltern in ihrer Herzensfreude über das gelungene Manöver in ein lautes Lachen aus. Der kleine Bub' zog' schnell den Kopf unter der Schürze hervor, aber es>var zu spät. Der Vater kam soeben wieder aus dem Zimmer heraus. Die Kinder liefen auf ihn zu. Er her te und küßte sie. Er W. Kautsk». konnte seine Freude an ihnen haben, es waren gar hübsche, ge- sunde Jungen. Der Aeltere, ein ausgesprochener Blondin, mit wunderzartem Teint und herrlichen blauen Augen, glich der Mutter, der Jüngere hatte dunkle Augen und eine bräunliche Gesichtsfarbe, er war, wie die Leute sagten, seinem Vater wie ans dem Gesicht geschnitten.— Dieser beugte sich zu den Knaben tief herunter. „Weißt du Georg, was heute ist?" „Christkind," antwortctete dieser schnell, indem er dabei in die Höhe sprang. „Christabend," verbesserte der Vater.„Und da kommt das Christkind zu den braven Kindern und bringt ihnen schöne Sachen." „Jetzt schon?" „Noch nicht. Ich muß jetzt erst hinein gehen und dem Christ- kind erzählen, daß du gut und folgsam gewesen bist." „Ich will auch mit hinein." „O nein, du darfst erst in das Zimmer kommen, wenn ich läute." „Warum denn?" fragte der Kleine mit seiner hohen, singenden Kinderstimme. „Das Christkind will es so." „Wirst du bald gehen?" '„Dn mußt schon noch eine Weile Geduld haben. Das Christ- kind hat so viel zu thun; es bringt dir ja einen Baum, und zündet daran viele Lichter an." Der Bube sah mit seinen großen, klugen Augen neugierig zu ihm auf. „Bist du das Christkind?" fragte er forschend. Ter junge Vater lächelte, er befand sich in einem argen Dilemma. Er war zu vernünftig, um in seinem Kinde den Glauben an etlvas Uebernatürliches zu lveckcn, den» das ist eben der Aberglaube, und doch hielt er es mit der traditionellen Poesie dieses Abends unvereinbar ihm die Wahrheit zu sagen. Er hatte unrecht. Für die Kinder sind die Eltern der Inbegriff alles Guten und Verehrungswürdigen... und wenn sie von diesen Geliebten an einem Tag des Jahres, an dem Feste, das der Familie geweiht ist, in so feierlich schöner Weise beschenkt werden, vermeint man, daß dies weniger Eindruck auf ein Kinderherz hervorbringen, daß diese direkte Liebesgabe, die vom Herzen zum Herzen spricht, weniger Poesie enthalten, ihre reinen Gemüther weniger für Liebe und Dankbarkeit empfänglich machen würde, L Ol 1 Tcz!»d«r 1077, als wenn man ihnen jetzt einen Namen nennt, der für sie eben nichts weiter als Name ist, von dem sie nichts wissen, nichts bc- greifen und dessen sinziger, gefährlicher Reiz in seiner geheimniß- vollen Unbegreislichkeit liegt? Dies�Fest wird erst ein wahres 5tindcrfest werden, wenn alles Uebcrnatiirliche, wenn die fromme Lüge und die himmlischen Gleichnisse daraus verbannt werden, wenn es rein menschlich geworden ist. „Wer ist denn das Christkind?" fragte Georg noch dringender. Er war, wie alle wißbegierigen Kinder, ein ewiger Frager. „Das Christkind, Georg, das die guten Kinder so lieb hat und ihnen gern eine Freude macht, das ist— das ist eben das Christkind." „Aha!" machte der Kleine, als wäre ihm damit alles klar geworden. Der Vater aber flüchtete nach dieser geistreichen Auseinander- sctznng in das Zimmer. „Mach nicht zu viel Lärm," ermahnte er nochmals mit dem Finger drohend, ehe er die Thür hinter sich zuschloß. ,,O nein!" rief sein Söhnchen ihm nach, und seitdem hörte er nicht ans zu springen und zu tanzen, daß der Boden zitterte, und sein:„Heut ist Christkind" nach eigener Melodie herunter zu singen. Frau Gustel störte das nicht, sie war daran gewöhnt, und dann hatte sie heute so viel zu denken, ihr liebender, sorglicher Sinn war von der Freude, oie sie den Ihrigen bereiten wollte, ganz eingenomnien. Sie hatte ihren Jüngsten aus den Boden gesetzt, und war nun beschäftigt den Fisch, der zum Nachtessen be- stimmt war, zu putzen und in Stücke zu schneiden, auch Kartoffeln hatte sie an's Feuer gesetzt, sie wollte einen Salat daraus machen, das sollte alles gar gut und appetitlich werden. Der um zwei Jahre jüngere Bruder ihres Mannes, der Ab- gott der Kinder, Onkel Fritz, wurde erivartet, um den festlichen Abend mit ihnen zu feiern. Ueber alles gerne hätte die Gustel auch ihre neue Freundin und Wohnungsnachbarin, die achtzehn- jährige Rosa, dazu geladen. Sie hatte das Mädchen herzlich lieb gewonnen und dieses hing an ihr und den Kindern mit gleicher Zärtlichkeit. Rosa wurde nimmer müde, ihr, der Aelteren, allerlei kleine Aufmerk- samkeiten und Gefälligkeiten zu erzeigen, um sich ihr nach Mög- lichkeit nützlich zu erweisen, und heute am Christabend sollte das arme, junge Ding allein bleiben, mutterseelenallein?! Ihre Methsrau, bei der sie mit noch zwei Kameradinnen gemein- schaftlich ein Kämmerchen innc hatte, brachte den heutigen Abend bei ihrer verheiratheten Tochter zu, und auch die Kameradinnen waren außer Hause zu befreundeten Familien geladen worden; Rosa hatte Niemanden, der sich um sie gekümmert hätte. Sie hatte keine Anverwandten in der großen Stadt, in die sie vor einigen Monaten gekommen war, um daselbst in der großen Bnchdruckerei, in der die beiden Mahlknecht als Setzer beschäftigt waren, als Einlegerin, sogenannte Punktirerin Verwendung zu finden. Ihre einzige und beste Freundin war Auguste und diese hatte das junge Mädchen, das ihrem Manne und Schwager wohl bekannt war, noch nicht geladen, einfach deßhalb, weil sie es nicht gewagt hatte. Zwischen Fritz und Rosa existirte seit ungefähr drei Wochen eine grimmige Feindschaft, wie jedes von ihnen nämlich selbst vcr- sicherte. Was der eigentliche Grund zu dieser Ungeheuerlichkeit war, hatte sie noch nicht erfahren können, beide Thcilc beobachteten darüber ein unverbrüchliches Stillschweigen, und Auguste war viel zu delikat, um in die Freundin zu dringen und ein Geständniß zu provoziren. Auch war sie der Ansicht, die plötzliche Abneigung sei doch nur eine Kinderei und könne nicht von Dauer sein. Was sollte auch zwischen zwei so lieben, guten Personen, wie die Beiden es waren, die überdies in keinem Verhältniß zu einander standen, die sich täglich nur auf Minuten sahen und bisher kaum einige Worte mit einander gewechselt hatten, so Be- deutendes sich ereignet haben, daß ihre Gemüther in gegenseitiger Erbitterung jede Versöhnung zurückweisen sollten? Gustel wollte diese Versöhnung herbeiführen, der heutige Abend wäre am passendsten dafür gewesen, und doch fehlte ibr wieder der Muth, den Feind mit der Feindin gerade an diesem Abend zusammenzubringen; wer weiß, es hätte ja auch übel ablaufen können und hätte eines von der Gegenwart des andern in vor- hinein gewußt, so wären sie wahrscheinlich beide nicht gekommen. An alles das dachte Frau Auguste, erwog das Für und Gegen, das Gelingen und Mißlingen ihres Planes, und dabei salzte sie den Fisch und wickelte ihn in Seinmelbrösel. Da läutete es, behende öffnete sie; es war der Briefträger, er brachte ein an ihren Mann adressirtes Schreiben. Das ist vielleicht wichtig, dachte sie und da Hansl so ruhig mit seiner gestrickten Puppe spielte, ersah sie den günstigen Moment, um es ihrem Karl so- gleich zu überbringen. Sie war auch etwas neugierig die gute Gustel, sie wollte sehen, was er da drinnen mache, wie weit er mit dem Aufputz des Baumes gekommen, sie wollte ihm dabei helfen; und dann hatte sie noch allerlei Sächelchen in Verwahrung, die sie heraus legen mußte. „Gib hübsch auf deinen kleinen Bruder acht," sagte sie zu Georg, und nachdem sie vorsichtshalber noch die Lampe auf einen erhöhten Platz gestellt hatte, huschte sie, selbst glücklich wie ein Kind, zu ihrem Manne in dos Zimmer. Dieses war durch eine Petroleumlampe erleuchtet. Es war ein geräumiges, überaus nettes Zimmer, freilich das einzige das sie hatten. Das ziemlich hohe Tanncnbäumchcn stand am Boden, es war bereits mit einer ziemlichem Anzahl von Nüssen und kleinen Aepfclchen, Papierrosen und goldenen Sternen geschmückt. Der emsige Vater war soeben daran, bunte Papierkettcn festonartig von einem Zweig zu dem andern zu winden. Frau Gustel entzückt die Hände zusammen. „Das wird sehr hübsch werden, Karl, das wird „Nicht wahr, Gustel, ich mein' es auch, und' der Bub' damit haben wird." „Beide, der Hansel versteht das auch schon, was der für Augen machen wird, er ist gar ei' er ist so gescheidt für sein Alter." „Tie vielen Lichter, die werden ihn verblüff' gierigsten bin ich doch, was Georg dazu sagen!... mird nur sein erstes Wort sein?" „Er wird jubeln,-beide werden sie jubeln Ach, wenn es nur schon fertig wäre, ich kann es kaum erwarten, aber wie ich sehe, gibt's da noch viel zu thun." „Freilich, freilich, ich weiß garnicht, wie ich fcrtia werde,— da haben wir's, die Ketten reichen nicht, ich muß noch ein Stück dazu machen,— und hier das Backwerk! Daran müssen noch rothe Bändchen gebunden werden, damit ich es aufhängen kann, und die Keuchen müssen aufgesteckt werden. Donnerwetter, wenn nur der Fritz käme, daß er mir helfen könnte." „Ich will dir helfen, gib her, ich schneide das Papier für die Ketten und du kannst es zusammenkleben. Die Kinder sind so ruhig, ich kann schon noch ein Weilchen hier bleiben." „Das ist mir lieb, Gustel." „Ah ja!" machte sie jetzt.„Hätte ich doch bald vor lauter Freuden vergessen, weshalb ich hierher gekommen— ein Brief für Dich.(Sie zog ihn aus der Schürze.) Sieh her!". Er öffnete verwundert sogleich das Couvert und sah nach der Unterschrift.„Ach, von unserem dicken Anton!" rief er lachend aus, und er schob hierauf den Brief ungelesen in die Tasche. „Das ist eine Weihnachtsgratulation, weiter nichts; habe ihn selbst noch diesen Nachmittag gesprochen; aber ich habe jetzt wahr- lich keine Zeit, sie durchzubuchstabiren, ich spare mir dies Ver- gnügen für später auf." „Ihr kennt euch schon seit lange?" „Ja, es existirt zwischen uns so eine Art Jugendfreundschaft, wir trafen als Knaben immer auf der Straße zusammen, und da ich ihm einmal eine lange Nase machte, so prügelte er mich seitdem regelmäßig durch, sobald er mich nur irgendwo zu Gesicht bekam. Der Schurke konnte es fast ungestraft thun, er war gewiß um fünf Jahre älter und ist schon damals ein vierschrö- tiger Bursche gewesen; da aber meine Faustschläge, mit denen ich mich zu wehren versuchte, auf seinem breiten Rücken gänzlich spurlos vorübergingen und ich ihm niemals wehe that, so faßte er nachgrade eine Art zärtlicher Zuneigung für mich, und diese hat sich bis heute nicht verleugnet." „Er ist Hausknecht in eurer Buchdruckerei, nicht wahr?" fragte Auguste, ein neues Glied in die Papierkette fügend. „Ja, er ist unser Hausknecht und zugleich unser Don Juan," setzte Karl lachend hinzu.„Der Dicke ist trotz seiner Häßlichkeit immer hinter den Fabnkmädchen her, und ich versichere dich, der Kerl hat Glück. Aber Gustel, suche mir ein Tuch heraus, das wir über den Weihnachtstisch breiten können, aber ein hübsches, weißt du, ein brillantes, in Anbetracht, daß sehr viel von dem Tuche und sehr wenig von den Geschenken zu sehen sein wird.— Ach, Gustel," fiigte der junge Mann seufzend hinzu,„warum haben wir so wenig! Ich wollte, ich könnte heute mit Völlen Händen geben." Er faßte plötzlich von rückwärts sein Weibchen 99 um die noch immer feine Taille.'„Gustel," rief er lebhaft, �Gustel, ich habe Sachen gesehen? Sie hängen ja jetzt das Schönste in die Schaufenster, um einem armen Teufel das Herz recht schwer zu machen.� Ich habe immer dabei an dich gedacht, und wie hültzch dich dieses oder jrnes kleiden würde, ich möchte einmal so für dich einkaufen können, nach Herzenslust, ich wollte dich schön machen! Indes; ist meine Weihnachtsgabe recht arm- selig ausgefallen, du mußt schon vorlieb nehmen." Sie drehte sich rasch um und faßte ihn um den Hals.„Du Ungehorsamer!" sagte sie mit ihrem lieblich gewinnenden Lachen, und sie schüttelte ihn dabei ein wenig.„Hatte ich es dir nicht ernstlich verboten, mir überhaupt etwas zu kaufen? Brauche ich denn etwas? Uebrigens ist das ein Kinderfest, und wir müssen uns glücklich schätzen, daß wir diesen bescheeren können." „So, was bescheeren wir ihnen denn eigentlich?" schmunzelte Karl.„Ich weiß von nichts, ich habe keine Spielerei gekauft, ich habe mich da ganz auf dich verlassen. Alte; ich weiß ja, Mütter haben für dergleichen immer etwas übrig. Ich habe nichts anderes für unfern Georg, als den Schimmel da." Da- bei zog er aus einer Ecke ein ziemlich großes, rabenschwarzes Pferd, das auf Rädern� lief. „Prächtig!" rief Gustel.„Ich vcrsiche dich, es sieht noch ein- mal so hübsch aus, seitdem du daraus einen Rappen gemacht hast. Es sieht jetzt ganz frisch, ganz neu aus, als Schimmel ist es sckoii so abgenutzt und sehr schmutzig gewesen." „Das habe ich alles verstrichen." „Ein Ohr hat auch gefehlt." „Das habe ich angeleimt. Ich glaube, er erkennt es nicht wieder," lachte befriedigt der Bater, indem er sein Werk ans einer gewissen Entfernung liebevoll betrachtete,„und der kleine Betrug gelingt mir." „Natürlich," sagte Gustel,„wie sollte er es denn erkennen? Wenn ich es nicht wüßte, ich würde darauf schwören, daß das ein nagelneues Pferd ist, und gewiß nicht den alten Schimmel vom vorigen Jahr dahinter vcrmutheu." .Nun, und was haben wir sonst noch?" Frau Gustel machte recht schelmische Augen und lief dann zur Kommode. Sic suchte zuerst das verlangte Tuch heraus. Es war ein altes rothes Umhängtuch, noch von der Großmutter her, und wenn auch etivas defekt, doch von brillanter Farbe, dann schob sie einige Päckchen verstohlen in ihre Tasche und endlich brachte sie zwei ziemlich umfangreiche Pallete herbei. „Potztausend!" rief Karl.„Meine Alte hat sich angestrengt." Er öffnete hastig das erste.„Eine Arche Noah! An die hatte ich auch gedacht. Und hier? Eine Schachtel mit Häusern— ah!"- „Aber die gehören dem Hans, der Kleine muß auch etwas bekommen." .„Natürlich, alle, alle sollen heute etwas bekommen!" Und der junge Ehemann zog in überniüthiger Freude sein Weibchen an sich und drehte sich mit ihm im Kreise herum. Jndeß waren die Kinder wirklich sehr artig gewesen.. Georg hatte sich, gleich nachdem die Mutter sich entfernt hatte, zu dem kleinen Hans ans den Boden gesetzt, um mit ihm zu spielen. Bei armen Leuten sind die älteren Kinder immer die Hofmeister und Erzieher der jüngeren, und dies kommt beiden zugute. Der Kleine war immer ganz glücklich, wenn der Große sich zu ihm herabließ, und Georg war nie so liebenswürdig und dabei so verständig, als wenn er auf seinen Bruder acht haben mußte. Er sprach jetzt gar eindringlich zu Hans, und dieser lachte dar- über, soviel er nur konnte. Bon seinem pädagogischen Erfolge entzückt, fing Georg ebenfalls zu lachen an und dann schnitt er Gesichter und schüttelte seinen Kops, und der Kleine versuchte dies alles nachzumachen. Georg erfand aber immer neue Be- lustigungen. Jetzt machte er den Hund; er kroch ans allen Vieren, er bellte und legte sich auf den Boden zu den Füßen des Kleinen, und dieser, höchlich vergnügt, fing an, den Bruder bei den Haaren zu raufen. Der arme Georg ließ ganz geduldig seine blonden Locken zausen, er muckste nicht, er war ja der Hund und dem kleinen Hansel machte das so viel Spaß. Aber plötzlich entwand er sich mit einer raschen Bewegung den Händen seines Peinigers, so daß diesem ein Büschel des goldigen Haares zurückblieb. Während er sich am Boden ge- ivälzt, hatte er das Licht bemerkt, das durch die Thürspaltc hin- durchdrang. Das megte seine Neugierde. Er wendete sich gegen Haus und tippte auf seine Hand.„Schau, da unten, siehst du, da ganz unten, das kommt vom Christkind." Er demonstrirte dies mit einem großen Aufwand von Mimik und Gestikulation. „Toi, toi!" antwortete ihm Hans. „Komm, schauen, komm!" Georg ergriff ihn an der Hand und zog ihn in die Höhe.„Du mußt auf den Zehenspitzen gehen ," flüsterte er ihm diktatorisch zu. Und mit gutem Beispiel vorangehend, trippelte er bis knapp zur Thür, legte sich vor dieselbe platt auf den Boden und guckte durch die erleuchtete Spalte. Der Kleine that wie ein Affe das nämliche. >„Jch seh' schon was!" rief Georg hocherfreut ihm zu. „To ta toi," antwortete Hans mit einem sehr lustigen Gesicht, und er ließ dabei reichlichen Speichel auf den Boden fließen. In diesem Augenblick ward nach einem leichten Pochen die Eingangsthür rasch geöffnet und ein hübsches Mädchen trat ein. Sie trug, obwohl das Thermometer einige Grad Kälte wies, ein dünnes, lichtes Perkalkleid, das jedoch auf das sorgfältigste ge- waschen und gebügelt war. Trotz dieses leichten Anzuges schien sie nichts von Kälte zu verspüren, ihr Teint war von zarter Frische, ihre Wangen zeigten das blühendste Roth. Sie gehörte eben zu den Ueppigcn, zu den Gutgenährten, die schon in früher Jugend einiges Fett aniammeln. Fröhlich guckte sie mit ihren blauen Augen in die Welt, ihr kleines Ztäschen, das, im Profil wenigstens, einen leichten Schwung nach aufwärts nahm, verlieh ihrem Gesichte etwas neckisches, und sobald ihre Augen ernster blickten, etwas resolutes; und resolut ivar sie auch, diese kleine, runde Person, dabei flink und lebhaft in ihrer Sprechweise und in allen ihren Bewegungen. „Ihr seid allein, Kinder?" rief sie, sich in der Küche um- sehend.„Und was treiben denn die Schlingel da? Hahaha, da liegen sie beide am Boden und wollen durch die Ritze gucken." Sie lief zu ihnen und kniete an ihrer Seite nieder, vergaß jedoch nicht, vorher ihr Kleid vorsorglich in die Höhe zu nehmen.„Heda, ihr Neugierigen, kommt zu mir." Sic nahm Hans ans den Arm und küßte ihn. Der mußte sie gut kennen, er ließ sich, was sonst nicht seine Sache war, ihre Liebkosung ruhig gefallen und schwang sich in ihren Armen behaglich hin und her. Georg aber legte den Finger an den Mund.„Pst, Rosa," machte er,„er ist schon drinnen." „Wer? Onkel Fritz?" fragte das Mädchen, fast erschreckt. Der Kleine schüttelte verneinend den Kopf.„Der Vater, er spricht mit dem Christkind; ick habe ihn schon reden gehört, o ja," und er schnitt ein ungeheuer pfiffiges Gesicht dazu. „I du Afferl!" rief Rosa.„Du freust dich wohl schon sehr? Ich kann mir's denken. Höre, ist die Mama auch drinnen?" Sie zeigte nach der Thür. „Ja," nickte Georg. „Und— Onkel Fritz noch nicht?" „O nein." Sie nahm ihn beim Kinn und küßte ihn, von dieser Aus- kunft sehr befriedigt. Sie wollte ihn ebenfalls auf den Arm nehmen, aber Georg wehrte sich dessen. „Ich lasse mich nicht mehr tragen, ich bin schon groß," sagte er. „I freilich, du bist schon ein ganzer Mann, sprichst ja auch wie ein solcher; sage mir nur"— das Mädchen neigte sich noch etwas mehr ihm zu und dämpfte ihre Stimme—„sage, wird Onkel Fritz hent Abend bei euch sein?" Georg sah sie groß an, der veränderte Ton war ihm jeden- falls aufgefallen.„Ja," sagte er ebenso leise. Und nach einer Weile noch leiser ihr in's Ohr:„Die Älutter hat schon einen Fisch für ihn gekauft." Rosa mußte lachen.„Ich möchte doch wissen, Georg, ob du den Onkel Fritz sehr lieb hast?" „O ja, ich habe ihn sehr lieb." „Warum denn?" „Er ist immer mein Pferd, und ich kann auf ihm reiten." Rosa stellte keine weiteren Fragen, sie setzte Hans nieder auf den Boden und ganz wie vorher die Mutter sagte sie:„Gib hübsch acht ans den Kleinen, Georg, ich muß ein wenig hinein- sehen.„Ehe sie aber in's Zimmer trat, sprang sie noch zur Eingangsthür und versperrte diese, zweimal den Schlüssel um- drehend. Jetzt war sie doch sicher, daß dieser Fritz sie nicht un- vorbereitet hier überraschen könne.„Ick komme gleick wieder!" Sie winkte nochmals den Kindern zu, und dann verschwand auch sie in der Thür, diese fest hinter sich zuziehend. (Fortsetzung folgt.) Ene�ricH-Ebert-Stiftung ____________ gibliothek_ Insektenfressende Manzen. Von vr. A. Mülberger. Wohl mancher unserer Leser hat schon von insekten- oder fleischfressenden Pflanzen reden Hören und wohl auch gewünscht, diese merkwürdige Erscheinung näher kennen zu lernen. Vielleicht gelingt es uns, auf dem einfachen botanischen Spaziergang, zu dem wir hiermit den Leser einladeu, das Wissenswertheste dieser neuen Entdeckung auch dem Unkundigen klar zu machen. In der kurzen Spanne Zeit, seit die Entivicklungstheorie die naturivissen- schaftlichen Forschungen zu beherrschen beginnt, ist für die Bc- reicherung unserer Kenntnisse schon unglaub lich viel geleistet worden. Das tausendfache Ineinandergreifen des thierischen und pflanz- lichen Lebens, die innigen Wechselbeziehungen, welche zwischen beiden bestehen, früher nur in den allgemeinsten Umrissen zu- gegeben und begriffen, sind heute schon in einer Tiefe und Aus- dehnung erforscht, von der unsere Väter keine Ahnung hatteu. Die Entdeckung Darwins, daß eine ganze Anzahl Pflanzen für ihr Wachsthum fast ausschließlich auf thicnschc Nahrung Insektenfressende Pflanzen.(Für die angewiesen ist.�hat natürlich nicht verfehlt, allgemeines Aussehen zu erregen. Sie erschien um so merkwürdiger, da es sich nicht um irgendeine Absonderlichkeit der üppigen Pflanzenwelt in den heißen Ländern Amerikas oder Afrikas handelte, sondern um die Wachsthumsgeschichte eines niedlichen kleinen Pflänzchens, das in ganz Europa fast überall zu treffen ist, stellenweise sogar unter die gemeinsten Pflanzen gehört. Wer in der Nähe seiner Heimat Torfmoore und Sümpfe oder auch nur sumpffge Wiesen mit Wassergräben kennt, der wird an diesen Orten nicht lange ver- gcblich nach einem Pflänzchen suchen, das wir hier in natur- getreuer Abbildung und in natürlicher Größe vorftihren(Fig. 1). Es ist der gemeine rundblätterige Sonne nthau(Drosera rotundifolia, L.), so genannt, weil die Blättchen der Pflanze im Sonnenschein wie Thautröpfchen glänzen. Jeder von uns, der schon Torfmoore gesehen hat oder nur durch feuchte Nadelwälder F&/. „Neue Welt" gezeichnet und geschnitten.) gewandert ist, kennt jenes eigenthümlichc, bleiche Moos, das in schwellenden Polstern einen Theil der Moorgründe ausfüllt oder nasft Wcgböschungen im Walde überzieht. Man nennt dieses Moos in der Wissenschaft Torfmoos oder Sphagnum. Was für die gewöhnlichen Pflanzen die Mutter Erde, das ist für unsem Sonnenthau dieses Moos. Auf der weichen Unterlage seiner Polster keimt und wächst die Drosera und senkt ihre zarten Wurzelchen 1 bis 2 Centimeter tief zwischen das Moos hinab. In niedrig gelegenen Gegenden findet man die Blätter schon Ende Mai kräftig entwickelt; ihr eigenthümlich röthlicher Schimmer flicht namentlich im Sonnenschein äußerst lebhast gegen die blassen Moospolster ab, und die rosettenförmig gelagerten Blättchen geben dem ganzen Bilde ein überaus niedliches Ansehen. Ende Juli treibt die Pflanze einen Blüthenstempcl, etwa 15 Centimeter hoch, im August geht die Blüthe zu Ende. Die unscheinbaren kleinen, 102 röthlich- weißen Blumen stehen an dem dünnen, aufrechten Schaft in einseitiger Traube, welche, anfangs herabgcbvgen, sich nach und nach so aufrichtet, daß immer die Blume, welche die Reihe zum Blühen trifft, die höchste Stelle einnimmt. Nehmen wir nun ein solches Pflänzchen sammt seiner natür- lichen Moosunterlage auf, so bietet uns die genauere Besichtigung der Blätter des Merkwürdigen gar viel. Auf jedem ausgebreiteten Blatt sehen wir hunderte, überaus zarte, gestielte Drüsen, die etiva 5 Millimeter lang sind und an ihrer Spitze einen röthlich- glänzenden zierlichen Thautropfen zu haben scheinen; sie sehen beinahe aus wie verkleinerte Fühlhörner einer Schnecke. Darwin nennt diese gestielten Drüsen Tentakeln. Wir sehen sie auf um- stehenden beiden Figuren, welche nach dem Darwinschen Werke gezeichnet sind, das einemal von oben, das andremal von der Seite in vierfacher Vergrößerung(Fig. 2 und 3). Beriihrt man mit dem Finger leise das obere Ende einer oder mehrerer solcher Drüsen und zieht dann den Finger langsam zurück, so läßt sich jedes dieser zierlichen Thautröpfchen in äußerst zarte, spiuuwcbartige Fäden ziehen, ähnlich, wie wir's als Knaben wohl niit dem angefeuchteten Harze der Kirschbäume gemacht haben. Die Flüssigkeit, welche den kleinen Tropfen bildet, hat also eine klebrige Beschaffenheit. Eine scharfe Musterung der Drüsen be- lehrt uns ferner, daß nach der Mitte des Blattes hin die Länge der gestielten Drüsen immer mehr abnimmt, daß die randständigeu am längsten sind. War es ein warmer, lichter Sonntag, an dem wir unfern botanischen Marsch antraten, so werden wir neben den eben- beschriebenen, schön ausgebreiteten Blättern des Sonnenthau's noch eine Menge anderer finden, die allerhand Sonderbarkeiten aufweisen. Da ist ein Blatt, auf dem sich eben ein kleines Mücklein niedergelassen hat; es müht sich vergeblich ab, weiter zu kommen. Ter klebrige Saft der Drüsen hält es fest, wie die Leimruthe den Vogel. Tort ist ein halb verborgenes Blättchen, auf welchem allerlei Reste von Insekten, Flügelstücke, Schalen kleiner Käfer u. s. w. herumlagern. Wieder andere Blätter sind nach innen eingebogen, so dgß von den Drüsen fast nichts mehr zu sehen ist. Entweder sind es noch unvollkommen entwickelte Blätter, die eben erst in der Aufrollung begriffe», oder es sind ausgewachsene Blätter, deren Drüsen in ausfallender Weise nach einwärts verbogen sind. Die Letzteren umschließen, wie man sich leicht überzeugen kann, stets irgend ein kleines Kerbthier, am öftesten kleine Mücken oder wenigstens Bruchstücke von solchen. Das gefangene Thierchen nimmt meisk die Mitte des Blattes ein und sämmtliche Drüsen, oder der größte Theil derselben, sind über ihm zusammengebrochen (Fig. 4 und 5). Das eine Bild zweigt uns wieder den Anblick des Blattes von oben, während drei Viertheile der Drüsen gegen die Mitte hin eingebogen sind; das zweite Bild zeigt uns ein über einer Mücke vollständig geschlossenes Blatt von der Seite. Dies ist der einfache Sachverhalt, der für Darwin den Aus- gangspunkt seiner interessanten Untersuchungen bildet. In der ihm eigenen schlichten und anspruchslosen Weise erzählt er im Beginn seines Werkes diese ersten Eindrücke folgenvermaßen: „Ich war während des Sommers 1860 erstaunt zu finden, was für eine große Anzahl Insekten von den Blättern des gewöhn- lichen Sonnenthau's auf einer Haide vor Sussex gefangen wurden. Ich hatte wohl gehört, daß Insekten so gefangen würden, wußte aber nichts weiteres über diesen Gegenstand. Ich sammelte zufällig ein Dutzend Pflanzen, welche sechsundfünfzig ganz aus- gebreitete Blätter trugen, und auf einundreißig derselben klebten todte Insekten oder die Ueberrcste solcher; und ohne Zweifel würden später noch viel mehr Insekten von denselben Blättern und sicherlich noch mehr von den nicht entfalteten gefangen worden sein. An einer Pflanze hatten alle sechs Blätter ihre Beute gefangen; und an mehreren Pflanzen hatten sehr viele Blätter mehr als ein Insekt gefangen. Auf einem großen Blatte fand ich die Reste von dreizehn verschiedenen Insekten. Fliegen werden viel öfters gefangen als andere Insekten. Die größte Art, welche ich habe fangen sehen, war ein kleiner Schmetterling(Cseiion�mxba parnpliilus); aber Herr Wilkinson theilte mir mit, daß er einmal eine große noch lebende Libelle gefunden habe, deren Körper von zwei Blättern festgehalten wurde. Da diese Pflanze in einigen Gegenden äußerst gemein ist, so muß die Anzahl von Insekten, die alljährlich auf diese Weise getödtet werden, ungeheuer sein. Viele Pflanzen, zum Beispiel die klebrigen Knospen der Roß- kastauien, verursachen den Tod von Insekten, ohne daraus, so weit wir bemerken können, selbst irgend welchen Bortheil zu ziehen. ES zeigte sich aber bald deutlich, daß die Drosera für den besonderen Zweck, Insekten zu fangen, ausgezeichnet geschickt war, so daß es wohl der Mühe Werth schien, den Gegenstand zu untersuchen." Durch Jahre lang fortgesetzte, zum Theil äußerst subtile Ver- suche hat Darwin denn über die eigentliche Lebcnsgeschichte unserer Drosera die merkwürdigsten Aufschlüsse zu geben vermocht. Die Resultate, zu denen er gelangte, wurden seither von anderen Gelehrten vielfach geprüft und in allen wesentlichen Punkten bestätigt. Erstens kommt den gestielten Drüsen außer ihrer Fähigkeit, den obengenannten klebrigen Saft abzusondern, eine ganj eigen- thüinliche Reizbarkeit zu. Sobald gewisse organische Stoffe, namentlich also kleine Thicre von dem Klebefaft festgehalten sind, pflanzt sich den Stiel der Drüse entlang ein Reiz fort, der sie ganz allmählich zu einer immer weiter fortschreitenden Einbiegung gegen die Mitte des Blattes hin veranlaßt. Ist das festgehaltene Objekt groß genug, um sämmtliche Drüsen in Mitleidenschaft zu ziehen, so legen sich die Drüsen alle der Reihe nach, zuerst die unmittelbar gereizten, dann die ferner stehenden nach einwärts und hüllen so schließlich das betreffende Objekt vollständig ein. Die äußersten Drüsen beschreiben bei dieser Bewegung einen Kreis- abschnitt von über 180 Grad. Der ganze Prozeß der Einhüllung dauert von 1 bis 4 und 5 Stunden. Die Zeitdauer hängt von der Jugend und- Lebensfähigkeit des Blattes ab. Zweitens tritt, sobald die Drüsen von bestimmten Stoffen, namentlich stickstoffhaltigen Körpern, gereizt werden, eine vermehrte Absonderung des klebrigen Sekretes ein. Blaues Lackmuspapicr wird durch das Sekret geröthet; der abgesonderte Saft ist also sauer. Drittens hat Darwin vollständig bewiesen, daß den Drüsen eine aufsaugende Fähigkeit zukommt und durch eine Reihe schöner Versuche dieses Aufsangungsvermögen erläutert. Die stickstoffhaltigen Körper werden von dem reichlich ergossenen sauren Saft vollkommen verdaut und diese Verdauungsflüssigkeit dann aufgesogen. Sie bildet die Hauptnahrung der Pflanze, vielleicht die einzige überhaupt, denn es ist sehr wahrscheinlich, daß die iudeß erst zarten Würzelcheu nur zur Wasseraufnahme dienen. „Von einer Droserapflanze," sagt Darwin,„an welcher die Ränder der Blätter nach innen gerollt sind, so daß sie einen zeitweiligen Magen bilden, und an welcher die Drüsen der dicht eingebogenen Tentakeln ihre saure Absonderung ergießen, welche animale, später zum Aufsaugen bestimmte Substanzen auflöst, kann man sagen, daß sie sich wie ein Thier ernährt. Aber verschieden von einem Thier trinkt sie mit ihren Wurzeln; und sie muß viel trinken, um die vielen Tropfen der zähen Flüssigkeit, welche um die Drüsen herumliegen, manchmal bis zu 260, und welche während des ganzen Tages der brennenden Sonne ausgesetzt sind, erhalten zu können." Als vierter Punkt muß schließlich noch das Verhalten des Blattes'nach geschehener Aufsaugung, beziehungsweise Verdauung, erwähnt nverden. Der ganze Aufsaugungsprozeß nimmt je nach den Umständen einen bis zwei, ja drei Tage in Anspruch. � Nach dieser Zeit richten sich die Tentakeln allmählich wieder auf und das Blatt gewinnt nach und nach seine normale Gestalt wieder. Kleine Reste der Mahlzeit, Flügel, Chitinstücke u. s. w. bleiben mehr oder weniger lange noch auf dem Blatte liegen oder werden vom Regen weggewäschcn. Jeder Freund der Natur kann die schöne Entdeckung Darwins wenigstens in ihren gröberen Umrissen leicht kontrolireu. Da der Sonnenthan stets gesellig wächst, sv� findet man überall alle Stufen des ganzen Prozesses, vom ersten Klebenbleiben des In- sekts bis zur vollständigen Einhüllung oder Wiederausdehnung, vertreten. Ganz besonders schön kann man das Schauspiel an lichten, sonnigen Tagen genießen. Weniger bekannt ist, daß man den Prozeß auch zu Haust leicht verfolgen kann. Wir wollen also nicht versäumen, ein kleines Moospolster, das Drosera- pflänzchen in verschiedenen Entwicklungsstadien trägt, vom Boden aufzunehmen. Zu Hause stellen wir's auf einen Teller und füllen denselben vollständig mit Wasser, so daß das Moos fast zur Hälfte oder noch höher im Wasser ruht. Nun bringt man den Teller vor ein Fenster, auf das Gesimse oder auf ein Stockbrett, und alles Nöthige zur Beobachtung ist gethan. Sehr wesentlich ist, daß die Pflänzchen dem direktesten Sonnenlicht ausgesetzt werden, nicht minder wichtig ist die freie Luft. Im Zimnier ver- kümmern sie bald, werden matt und blaßgrün, ebenso in schattigen Lagen. Ein freies, lichtes Fenstergxsimsc, gegen Ost oder Südost gelegen, ist der günstigste Platz. Je wärmer der Tag, je inten- siver das Sonnenlicht, desto nothwcndiqer ist eine stete Wasser- zufuhr. Am zweckmäßigsten füllt man jeden Morgen den Teller bis zum Rande mit Wasser. Ein zuviel des Wassers ist nicht zu fürchten, wohl aber ein zuwenig, denn es ist unglaublich, welche Wassermengen ein solches Moospolster mit seinen Drosera- pflänzchen aufsaugt und verdunstet. Unter diesen einfachen Vor- sichtsmaßregeln ist es uns stets gelungen, die Pflanzen kräftig und gesund zn erhalten. Die Beute an Insekten fällt freilich hier nicht so� reichlich aus, wie in der natürlichen Lage, aber mau kann den Pflänzchen mit eingefangcncn kleinen Fliegen oder ganz kleinen Fleischstückchen zu Hülfe kommen. Man bringt sie ent- weder mit den Fingern, oder noch besser mit einer kleinen Pincette, vorsichtig ans ein schön ausgebreitetes Blatt und kann nunmehr den ganzen Prozeß bis in seine Einzelheiten hinein verfolgen. Ob die Insekten nur'zufällig auf die Blätter der Drosera O!d Am 24. Oktober sollte eigentlich der Schlag fallen. Infolge noch nicht ganz aufgeklärter Umstünde sah John Brown sich ge- nöthigt, schon am 17. Oktober 1859 loszubrechen. Es war zu früh! Und das„zu früh" ist in seinen unmittelbaren Folgen ebenso verhängnißvoll, wie das„zu spät"! nur daß die Männer des„Zu früh" Pioniere der neuen Welt, die Männer des„Zu spät" bankrotte Bertheidiger der bankrotten, verrotteten„alten Welt" sind.— Der erste Anprall gelang. Harpers Ferry wurde über- rumpelt— die verblüfften Sklavcnbesitzer und Sklavcnfreunde versuchten keinen Widerstand. Das war gut. Aber kaum minder verhlüfft waren die Sklaven, und das war schlimm. Nur wenige griffen zu den dargebotenen Waffen.— Die Gegner bemerkten bald, daß sie die Macht der Angreifer bedeutend überschätzt hatten: sie sammelten sich, holten Hülfe ans den Nachbarorten und das Unvermeidliche geschah: das kleine Häuflein der Befreier wurde von der Ueberzahl erdrückt. Zwei Söhne Brown's und der Schwiegersohn Thompson waren ge- fallen, der„alte" John Brown mit Säbelwunden bedeckt, von zwei Bajonnettstichcn durchbohrt, wurde mit einem dritten, eben- falls schwer verwundeten Sohn gefangen. Mit übermenschlicher Kraft hielt er sich aufrecht, umtobt, mißhandelt von den wüthendcn Siegern. „Als er ini Grase mit zerfetztem Gesicht, blntverklebtcn Haaren und zwei klaffenden Wunden im Leibe dalag, fragte ihn Jemand:„Sind Sie Kapitän Brown von Kansas?" „Man nannte mich zuweilen so." „Sind Sie der Osawatomie- Brown?" „Ich suchte dort auch meine Pflicht zu thun." Nichts weiter als diese zwei Fragen und seine bescheidenen, doch männlich gehaltenen Antworten darauf, nichts weiter wird uns von seinem ersten Moment der Gefangenschaft berichtet. Ein späteres Gespräch verlief folgender Gestalt: „Was war Ihr gegenwärtiges Ziel?" „Die Sklaven vom Joch zu befreien." „Waren noch andere Personen außer den bei Ihnen Gefun- denen in den Plan eingeweiht?" „Nein." „Erwarteten Sie Hülfe vom Norden?" „Nein; außer uns war niemand im Geheiinniß." „Dachten Sie Leute zu tödten, behufs Ausführung Ihres Plans?" „Gewünscht habe ich's nicht, Ihr zwangt uns dazu." Anderen gegenüber sagte er: „Die Stadt war in meiner Gewalt. Ich hätte sie anzünden und die Einwohner schlachten können. Ich habe die Gefangenen artig und menschlich behandelt. Mich aber hat man wie ein wildes Thier zu Tode gehetzt; meinen Sohn erschossen, als er die Parlamentärflagge trug."' Für den verwundeten Sohn bat er dringend um Schonung und Pflege, für sich selbst forderte er festen Tones die BeHand- lung eines Kriegsgefangenen. Man untersuchte seine Wunden und fand sie nicht absolut tödtlich. Seine Börse enthielt 300 Dollars in Gold. Diese und die Papiere aus seinen Taschen nahm Oberst Lee zu sich. Er selbst erklärte dem Letzteren, er hätte nicht gegen die Unions- truppen kämpfen, noch die öffentlichen Gebäude zerstören, ja nicht gelangen oder irgendwie von ihr angelockt werden, erklärt Darwin noch für eine offene Frage. Er nimmt aber als wahrscheinlich an, daß das ausgeschwitzte Sekret die Geruchsorgane der Insekten irgendwie verlockend affizirt. Es erscheint uns überdies wahr- scheinlich, daß auch das Auge der Insekten von den röthlich glänzenden zierlichen Tröpfchen auf dem Gipfel der Drüsen an- gelockt wird. Unser Sonnenthau ist keineswegs die einzige Pflanze, welche Insekten frißt und verdaut. Die natürliche Familie der drosera- artigen Pflanzen ist über alle Welttheile verbreitet, namentlich in Australien besonders schön und mannichfaltig vertreten. Fast allen Gliedern dieser wohl an 200 Arten reichen Familie kommt das Vermögen zu, Insekten zu fressen. Die Vorrichtungen hiezn sind aber in mannichfaltigster Weise verändert und ausgebildet. Wir aber wollen uns für heut mit dem begnügen, was uns eine einfache botanische Streiferei durch unsre Heimat gelehrt hat. t llrown. «ff) einmal die Staatswaffen mitnehmen wollen; er habe Waffen genug für sich und alle Parteigänger, die aus beiden Städten sich etwa ihm zugesellt hätten, übrig gehabt. Im Falle des Ge- lingens wäre er südwestwärts durch Virginicn marschirt.— Coppoc soll gesagt haben: „Ich wollte der Unternehmung nicht beitreten, aber Ihr Herren wißt nicht, wie unmöglich es ist, Kapitän Brown zu widerstehen, wenn er zur That ruft." Stevens, Brown und sein sterbender Sohn wurden in das Wachthaus gebracht und dort neben einander gelagert. Betten gab's nicht. Sie blieben in ihren Kleidern auf der bloßen Erde. Am Abend des 19. Oktober wurde Brown, in Kissen verpackt, mit vier seiner Genossen in's Gefüngniß von Charlestown ge- schafft. Den 25. Oktober begann die Justizfarce. Die Feinde faßen über ihre Opfer zu Gericht. Um der Form zu genügen, fragte der Vorsitzende Scheriff, ob die Angeklagten einen Bertheidiger hätten. John Brown, den ein Hieb über den Kopf des Gesichts beraubt hatte, und der im heftigsten Wundfieber war, entgegnete: „Virginier, ich bat nicht um Quartier, als man mich gefangen nahm. Ich bat nicht, mein Leben zu schonen. Der Staats- gouverneur von Virginien selbst versprach mir ohne mein Zuthun, aus freien Stücken, ehrlich Gericht. Aber ich kann unmöglich das Gerichtsverfahren in meinem Zustande richtig verfolgen und ordnungsmäßig abwarten. Wenn ihr mein Blut sucht, ihr könnt es in jedem Moment erhalten, auch ohne dies Scheinverfahren. Ich habe keinen Rechtsbeistand gehabt, ich vermag mit keinem zn verhandeln. Ich weiß nichts von den Gefühlen meiner Mit- gefangenen, bin ganz unfähig, irgendwie für meine Vertheidigung einzutreten. Mein Gedächtniß läßt mich im Stich, meine Gesund- heit ist schwach, obwohl in der Besserung. „Will nian nun in der That ehrlich Gericht über uns halten, so gibt es wohl mildernde Umstände zu unseren Gunsten. Allein. wenn wir nur mit einer leeren Fvrm gequält werden sollen, einem Scheinverfahren, so könnt ihr euch die Mühe ersparen. Ich bin zum Ertragen meines Geschickes bereit, bitte um keine Berthei- digung, keine Spiegelfechterei von Untersuchung— verzeiht!— das soll keine Beleidigung sein— aber ich will nichts, als was euch euer Gewiffen oder eure Rachsucht gegen uns zu thun treibt, von euch erwarten oder verlangen! „Ich bitte nochmals, von diesem Blendwerk eines ehrlichen Rechtsverfahrens befreit zu werden. Ich weiß nicht, was die wirkliche Absicht bei dieser Voruntersuchung ist. Ich weiß nicht, welchen Nutzen sie für euer Gcnieinwesen haben soll. Ich habe jetzt gar nichts weiter zu wünschen, als daß ich nicht unnütz und unedel beleidigt werde, wie nur feige Barbaren die in ihre Macht Gefallenen martern." Der Gerichtshof lehnte es ab, die Verhandlung bis zur Ge- nesung der Angeklagten zu vertagen. Zwei Tage darauf, am 27. Oktober, wurde die entscheidende Verhandlung vor der Grand Jury, dem„großen Schwurgericht" eröffn.ct. Dinstag, den 1. November, wurde das„Urtheil" gefällt: Schuldig des Hochverraths und des Mords. „John Brown ist aufzuhängen am Hals bis er todt ist," lautete der Spruch. ■Hb Am 2. Dezember sollte das Nrtheil vollstreckt werden. Der oberste Gerichtshof bestätigte das Urtheil.--- Der 2. Dezember 1859 brach an. Das Schafsot war um 7 Uhr von den Zimmerleutcn— etwa eine Achtelmeile vom Gefängniß— errichtet: 6 Fuß hoch, 12 Fuß breit und 18 Fuß lang. In seiner Mitte ragte der Galgenbaum, kreuzförmig; am Querbalken, den starke Streben stützten, hing von eisernem Haken der Strick herab.— Um 8 Uhr kam das Militär. Eine unvcrhältuißmäßige Macht, Infanterie und Kavallerie, war aufgeboten. Bis 10 Uhr dauerte die exerzitien- und kommandorciche. parademüßige Aufstellung. Im ganzen befand sich auf dem Platze des Hochgerichts eine Truppcnzaht von 3000 Mann.— Vom Publikum hatten sich kaum soviel hundert eingefunden. Rings um Charlestown wie in der Stadt selbst herrschte die dumpfe Angst vor einen: Sklavenaufstand und letzten Versuch zur Befreiung des„Negerheilands" im entscheidenden Augenblick seiner „Kreuzigung". Ruhig erhob sich dieser selbst im Kerker an dem zu seiner Hinrichtung bestimmten Tage, vollendete seine Korrespondenz mit unverminderter Energie und schrieb in vollster Gedanken- klarheit, wie nur je zuvor im Leben, bis halb 11 Uhr. Da traten Scheriff, Kerkermeister und Henkersknechte ein. Der Erstere sagte ihm in der Zelle selbst gleich Lebewohl. Der Held dankte ihm für alle bewiesene Freundlichkeit, am meisten und innigsten aber wiederholte er seine oft schon in den früheren Wochen aus- gesprochene Dankbarkeit gegen Kapitän Avis, seinen Gefängniß- Wächter—„so freundlich im Wächteramt, wie tapfer als Soldat bei der Eroberung des Arsenals." Dann ging er zu seinen Schicksalsgenossen, Lebewohl sagen. Cook tadelte er wegen des feigen Abfalls von ihrer Sache; der Arme, wochenlang wie ein Wild in den Bergen gehetzt und am Ende verrätherisch eingefangen, ließ sein Haupt betrübt auf die Brust hängen und widersprach den Vorwürfen nicht. Jedem der drei anderen theilte er den Rest seines Geldes mit, den man ihm gelassen, je ein Vierteldollarstück; von Stevens nahm er den innig- sten Abschied. Dieser sagte ihm:„Kapitän, ich weiß, Sie gehen in ein besseres Land." Er antwortete einfach:„Ja, ich weiß es." Um 11 Uhr kam er heraus; ein Augenzeuge sagt:„— wie aus den Thoren des Tempels ewigen Nachruhms; sein Angesicht strahlte; er schritt einher mit den: Schritte eines Eroberers." Ein anderer schreibt:„Als Brown aus dem Gefängniß trat, lag auf seinem Gesicht ein Ausdruck inneren Glücks, wie eines Patrioten, der den Tod fürs Vaterland stirbt." Andere melden einfach: „Sein Lächeln hatte etwas wunderbar christlich Vergebungs- volles." Gewiß war den Tag sein Herz das leichteste in Charles- town. Alle aber auf der Straße, die ihn vorübergehen sahen, mochte für einen Moment seine Seelenruhe mit einer Ahnung von etwas Höherem erfüllen, als ihr armes Leben bis dahin gekannt. Es war in der großen Masse zum erstenmal keine Spur von pöbelhafter Spott- und Schimpfsucht zu spüren. In tiefem Schweigen harrte die Menge. Er war noch nicht weit vom Thore seines Gefängnisses, als ihm ein Negerweib mit einem kleinen Kind auf dem"Arme ent- gegentrat. Er hielt an und küßte den Säugling zärtlich wie ein Vater.— Nicht diese Negerin allein wagte sich ihm zu nähern. Als er weiterschritt, rief ihm eine andere Schwarze zu: „Gottes Segen, Alter. Wünscht', ich könnt' helfen— aber kann nicht." In seinen Augen schimmerte es feucht bei diesem muthigen Ausspruch der verachteten Sklavin. Gleich darauf bestieg er den Karren, eine Art Möbelwagen. Der Kutscher war aus Massachusetts. Im Hintergrund des Ge- fährtes stand der Sarg aus schwarzein Wallnußholz, eingeschlossen in einen andern von Pappelholz. Hierin sollte seine Leiche nach dem Norden gebracht iverden. Den Wagen umgab eine Schwadron Kavallerie mit 5 Kom- pagnien Infanterie. Zwei weiße Pferde zogen ihn. Zu seinen Gefährten sprach der starkherzige Greis fast fröhlich über die Schönheit der Landschaft. Das Gerüst bestieg er festen Schrittes, begrüßte kalt höflich die anivesenden Offiziere und Be- amten, nahm seinen Hut mit einem natürlichen Anstand ab und legte ihn zur Seite auf die Diele. Dann ließ er sich bereit machen und bat um schnelle Besorgung des Röthigen, mußte aber noch zehn Minuten mit dem Strang um den Nacken stehen, denn das Militär hatte noch unnütze Evolutionen zu machen.— Tann fiel das Tau, welches die Fallthür hielt, aus der er stand. Seine Lebenskraft äußerte sich noch in Zuckungen, die über fünf Minuten dauerten; 38 Minuten später schnitt man den Körper ab, legte ihn in den Doppelsarg, und mit der vorigen militärischen Begleitung fuhr man ihn zur Bahn— nach Norden.-- Die Wirkung war eine ungeheuere. Was der lebende John Brown nicht zu erkämpfen vermocht, das erkämpfte der todte John Brown. Von unwiderstehlicher Beredtsanikeit war der stumme Mund des Mannes, der in Harper's Ferry am Galgen hing. Im freien Norden kein Herz, das dem Mahnruf, dem Sühnruf sich verschlossen, keine Faust, die sich nicht krampfhaft geballt, kein Mund, der nicht, zornig zusammengepreßt, den Rache schivur geleistet hätte. Am 2. Dezember 1859 wurde die Sklaverei in den Bereinigten Staaten unwiderruflich zum Tode verurtheilt. Ehe ein Jahr vergangen, war Abraham Lincoln zum Präsidenten der Ver- einigten Staaten erwählt: das Todtenglöckchen der Sklaverei begann zu läuten. Den Frühling darauf trat Lincoln sein Amt an: das Richtbeil blitzte in der Lenzsonne. Bier blutige Jahre folgten: Jahre titanischen Ringens, herz- erhebender Aufopferung. Der Norden that seine Schuldigkeit: jeder Soldat war ein Held, und jedem Helden voran zog„der Geist John Browns". Wenn sie des Abends beim Wachtfeuer lagerten, die weiter- gebräunten„Befreier",— wenn sie in den Schneestürmen des Winters, in der versengenden Gluth des Sommers marschirten,— wenn sie die Bnist dem feindlichen Eisen darboten, dann war John Brown unter ihnen und das Schlachtlied dröhnte zum Himmel empor: Glorzi, Glory, Ilallelujali! John Brown's hody lies a mouldring in the grave, His soul is marching on! Chorus: Glory, Glory, Hallelujah! The stars of Heaven are looking kindly down On the grave of old John Brown! Chorus: Glory, Glory, Hallelujah! He's gone to he a soldier in the army of the Lord! His soul is marching on! Chorus: Glory. Glory, Hallelujah! John Brown's knapsack is strapped upon his back, His soul is marching on! Chorus: Glory, Glory, Hallelujah! His pet lamhs will meet him on the way, And they'11 go marching on. Chorus: Glory, Glory, Hallelujah! They will hang Jeff Davis to a tree, As they march along. Chorus: Glory, Glory, Hallelujah! Gloria, Gloria, Hallelujah! Ter Leib John Brown's liegt modernd in der Gruft— Sein Geist marschirt voran. Chor: Gloria, Glo.ria, Hallelujah! Des Himmels Sterne blicken mild herab Auf das Grab des alten John Brown. Chor: Gloria, Gloria, Hallelujah! Er ging und ward Soldat im Heer des Herrn! Sein Geist marschirt voran. Chor: Gloria, Gloria, Hallelujah! Er hat sich den Tornister festgeschnallt, Sein Geist marschirt voran! Chor: Gloria, Gloria, Hallelujah! Und seine Lämmlein folgen ihm nach— Sie marschiren lustig voran. Chor: Gloria, Gloria, Hallelujah! Und lustig hängen sie unterwegs Jeff Davis an einen Banm. Chor: Gloria, Gloria, Hallelujah! An dem religiösen Aeußern des Schlachllieds wird nur ein Kleingeist sich stoßen. Ländlich, sittlich. Vier Jahre lang marschirte„John Brown's Geist" den Nord- truppeil voran. Und als das fünfte anbrach, war die Palme erstritten. Jefferson Davis— der Präsident der südstaatlichen Sklavenbarone, der verunglückte Gesellschaftsretter der„neuen Welt"— brauchte nicht gehängt zu werden, die Union war stark genug, ihn mit einem Fußtritt zum politischen Tod zu begna- digen— die Beste der Sklaverei lag in Trümmern: John Brown hatte gesiegt. Skizzen aus den Jahren IV. „Feuer! Feuer!"——— der Ruf hallte schaurig durch die Nacht. Das kleine Städtchen R. war in voller Aufregung; aber das Kreischen, Jammern und Schreien, welches vielhundertstiinmig auf den Straßen und aus den Häusern erscholl, löschte das Feuer nicht, das bei scharfem Ostwinde eine im östlichen Theile der Stadt liegende Mihle, die daneben stehende Sägemühle und den Holzplatz ergriffen hatte und durch die sprühenden Funken die nächstliegenden Häuser zu erfassen drohte. Der Wind wurde zuin>. Sturm; und dieser wirbelte die flackernden, leichten Tannenbretter von den aufgestapelten Haufen empor und schleuderte weit hinaus die verderbenbringende Gluth. Einige Feuerspritzen rasselten durch die immer mehr an- schwellende Menschenmenge, die hilfsbereit, aber unorganisirt, zusammenströmte. Die Bürgermeister, die übrigen„Väter der Stadt", dann der Spritzenmeister waren bald zur Stelle, Wasser- reihen bildeten sich von selbst, die Eimer flogen durch dieselben und kamen aber leider nur halbgefüllt zu den Spritzen-- die vielen Kommandorufe, allen unverständlich, brachten nur noch größere Verwirrung. „Da kommen die Turner!"— rief plötzlich eine helle Stimme. Ohne Uebereilung, in ruhigem, festen Trabe, Mann an Mann nahte mit einer kleinen aber neuen, von der Feuerversicherungs- Gesellschaft E— dem Turnverein des Städtchens geschenkten Feuer- spritze, eine Schaar von circa 30 jungen Leuten. Als dieselbe den Platz erreicht hatte, kominandirte der Bürger- meister, aus der Menge herausspringend!„Halt!" und wies den Turnern einen Platz an, von welchem dem Feuer nicht wirksam beizukommen war. Der Führer der Turnerschaar machte Vorstellungen— der Bürgermeister pochte auf seine Stellung; die Turnerspritze blieb während des Wortwechsels unthätig, die andern Spritzen waren vielfach defekt und arbeiteten ohne Erfolg— das Feuer hatte schon mehrere Häuser ergriffen; es war die höchste Zeit, daß vor allem der Holzplatz gelöscht wurde. Die Mühle selbst mußte von vornherein preisgegeben werden. Der Bach, welcher die Mühle trieb, floß an einer Seite am Holzplatz vorbei; von jener Seite aus konnte allein wirksame Hilfe kommen. Mit wenigen Worten verständigte der„Turnwart", der des langen Haders mit dem Bürgermeisterlein überdriissig war, seine Genossen und in raschem Trabe ging es mit der Spritze, ohne der Zurufe und der Drohungen des gestrengen Herrn Bürger- nieisters zu achten, der von Arretirung und Gefängniß sprach, um die Mühle herum und mitten in den circa zwei Fuß tiefen Bach hinein. Wenige Kräfte genügten nun, die Spritze fortwährend mit Wasser zu speisen, und in kurzer Zeit flog der Wasserstrahl kräftig über den Holzplatz hinweg ohne Unterlaß, da die jungen Burschen im Hochgefühl, ihre körperliche Kraft einmal voll entwickeln zu können, mit ungemeiner Anstrengung arbeiteten. Nicht eine Viertelstunde war verflossen, als das Feuer auf dem Holzplatze völlig gedämpft war; die Brütstätte des für die Stadt selbst gefährlichen Feuers wurde dadurch erstickt. Die weiter entfernt stehende Mühle, aus welcher alle lebenden Wesen entfernt worden waren, wurde ihrem Schicksale überlassen und brannte völlig nieder. Jetzt galt es, die naheliegenden Häuser zu löschen und somit dem Feuer, ehe es in die engen Straßen der Stadt selbst gc- drungen, Einhalt zu thun. Btit Anstrengung wurde von den Turnern die Feuerspritze den Bach hinaufgebracht und der Wasserstrahl gegen das dem dampfenden und kohlenden Holzplatz zunächstliegende Haus ge- richtet, während die„städtische Feuenvehr" von dem„Spritzen- meister", der ein guter Kupferschmied und ein guter Mensch, aber ein schlechter Musikant in Bezug auf das Feuerlöschwesen war, geleitet, ihre defekten Instrumente auf die beiden andern vom Bache entfernteren brennenden Häuser richtete. Doch den vereinten Bemühungen gelang es nicht, das Feuer zu dämpfen; der Sturm tobte weiter und ei» viertes der Stadt näher gelegenes Hans wurde vom Feuer ergriffen— allgemeines Jammergeschrei erfüllte die Luft. >s Fejheit. 1860—1863 von W. K. Jetzt galt es. Der Turnwart schickte einen Turner nach dem Bürgermeister, um denselben zu ersuchen, einige Personen den Turnern zu Hilfe zu senden, damit die bessern Kräfte des Turn- Vereins von der Spritze sich entfernen könnten, um das der Stadt zunächst liegende Haus, welches noch nicht völlig in Flammen stand, niederzureißen, damit es den Brand nicht weiter trage. Der Herr Bürgermeister ließ antworten, daß er solchen„ver- rückten" Plan nicht unterstütze; unterdessen brannte das Feuer weiter und näherte sich der Stadt. „Laßt die Spritze im Bache stehen, die ganze Stadt ist in Gefahr, wenn wir jenes Hans nicht niederreißen"— rief der Turnwart—„vorwärts also, wir retten die Stadt dem Bürger- meister zum Trotz, und wenn wir deshalb morgen sämmtlich ein- gesperrt werden; die erste Riege mit Kletterseil und Axt, die zweite mit den Leitern und Hacken und die dritte je Einer mit einem vollen Eimer Wasser, um sie den steigenden Kameraden zu reichen— Marsch alio und— still und entschlossen." Mit schnellem Schritte ging's den Bach entlang, dann halb- rechts zu dem letzten der brennenden Häuser.— Der Sturm hatte etwas nachgelassen; zuweilen brach das Mondlicht durch die eilenden Wolken.„Rasch jetzt, ehe der Sturm wieder anhebt," rief der Führer, dem die Kameraden freudig folgten. Und in wenigen Minuten sah man die durchnäßten, grau gekleideten Gestalten im fahlen Mondeslichte an dem brennenden Hause emporklimmen. Die Axthiebe erklangen, die Sparren und Giebel sanken nieder, da erhob sich der Sturm mit erneuter Gewalt. Die Stadt ist verloren, hieß es, da schon das fünfte Haus Feuer fing. Doch ehe man sich's versah, kletterten auch an diesem einige juiige Männer empor und schleuderten die brennenden Sparren zur Erde. Die dritte Riege hatte inzwischen, da die Herren Väter der Stadt jede Hilfe verweigerten, die mit Wasser am Bache gefüllte Turnerspritze mit ungeheurer Mühe an die brennenden Häuser gebracht, und es gelang, mit einigen kräftigen Wasserstrahlen das Feuer an dem zuletzt vom Brande ergriffenen Hanse zu dämpfen, während das Dach des vorher ergriffenen von den auf demselben arbeitenden Turnern nach und nach fast ganz abgetragen war und der Stadt keine Gefahr mehr bot. Die Volksmenge hatte begriffen, daß die Gefahr vorbei war und daß allem die energische Handlungsweise des Turnvereins dieselbe abgewendet hatte; doch nicht die Väter der Stadt. Die durchnäßten und geschwärzten Turner schleppten noch Wasser herbei, um die Spritze ivieder zu füllen, als der Bürger- meister, der sehr stille geblieben lvar, während die Stadt in Ge fahr stand, in langsamem und, wie es fast schien, in schwankendem Schritte herzu kam und das Niederreißen der Häuser, die doch kaum angebrannt gewesen seien, tadelte und meinte,„daß wenn die Versicherungsgesellschaft C. den Schadenersatz nicht leisten wollte, denselben der Turnverein, zu tragen hätte. Die Ver- sicherungsgesellschaft C. habe übrigens dem Turnverein die Spritze auch nicht geschenkt, um damit die Häuser niederzureißen und den Schaden zu vergrößern." Ein Turner, ein lustiges Blut, hatte während der bürger- meisterlichen Rede in aller Stille ein gefülltes größeres Wasser- gefäß hinter den ehrenwerthen Herrn aufgepflanzt und war in das Stockwerk des nahestehenden halb niedergebrannten Hauses gestiegen, während mehrere Kameraden, mit denen eine Ver ständigung getroffen, auf das Dach kletterten,— ein furchtbarer Schrei— ein Sturz— allgemeine Verwirrung— der Turner war auf den dicken Bürgermeister gefallen und dieser mit seiner schlechteren Hälfte in das Wassergefäß. � „Das Haus stürzt zusammen," riefen die Turner und liefen davon— Hilfe! Hilfe! schrie der Bürgermeister, dabei warfen die Turner, welche auf dem Dache waren, nach allen Seiten hin Balken herunten, es krachte und prasselte, daß es eine Lust war, und der dicke innen und außen gedrückte Herr Bürgermeister schrie in seiner Todesangst, daß es gleichfalls eine Lust war. * Das Feuer war völlig gelöscht— außer einigen Brand wunden, welche mehrere Turner davon getragen hatten, war kein anderes Unglück geschehen, als daß am andern Tage die städtische Feuerwehr und vor allem der„Spritzenmeister" am Katzen- jammer litt Der Bürgermeister hatte acht Tage lang einen tüchtigen Schnupfen und einen ebenso tüchtigen Husten— sein Katzen- jammer dauerte nur zwei Tage. Ter Turnwart erhielt nun eine polizeilich-bürgermeisterliche Strafverfügnng wegen Ungehorsams bei dem Brande— die richterliche Entscheidung, welche angerufen wurde, fiel zu Un- zunsten des Herrn Bürgermeisters aus, da sie mit Freisprechung des Turners endete, aber inzwischen hatte der Herr Bürgermeister schon an die Regierung und an die Versicherungsgesellschaft folgenden Bericht abgesandt: „Hohe, eventuell löbliche--- Hierdurch theile ich Ihnen mit, daß bei dem an dein.. ten bei furchtbarem Sturme stattgehabten Brande, der die ganze Stadt zu vernichten drohte, es meinen und den Bemühungen der städtischen Feuerwehr gelungen ist, den Brand unter eigener Lebensgefahr zu disloziren. Dem Uebereifer der hiesigen Turnerfeuerwehr, die sich leider einen nicht einheimischen Gesellen zum Führer gewählt hat, ist es zu verdanken, daß zwei Häuser, die eigentlich nicht in Gefahr standen, mehr oder weniger demolirt wurden. Zü X., Bürgermeister." Das Gericht entschied bald darauf, daß es nach allseitigen Zeugenaussagen feststehe, daß nur die Umsicht und die Auf- opferung und zwar vielfach unter Gefahr des eigenen Lebens der Mitglieder des--- Turnvereins die Stadt vor großem Brandunglücke bewahrt habe. Einer Bestrafung eines Mitgliedes dieses Vereins wegen„Ungehorsams bei dem Brande" könne deshalb nicht stattgegeben werden. Der Erbonkel. Novelle von Ernst von Waldow. (Fortsetzung.) Der Morgen des 25. Mai brach hell und strahlend an, einen schönen Tag versprechend. Einzeln hatten die Familicnglieder dem„verehrten Geburtstagskinde" ihre Glückwünsche abgestattet, mit Ausnahme des philo- sophischen Schuhflickers, der die alten Stiefel der Meier'schen Kinder ausbesserte und dabei neue Beweise für die Idealität der Zeit zu finden bemüht war. In dem kleinen Hanse mit den grünen Fensterladen half Röschen, als der Nachmittagskaffee eingenommen war, ihrem Jakob in die engen Aerinel des schwarzen Konfirmattonsfracks, den er auch zur Trauung getragen, da der Erbonkel dies ent- schieden gewünscht. Der boshafte alte Mann wollte damit die stolze Schwiegermama ärgern, was ihm auch glücklich gelungen war.— Die junge Frau fand ihren Gatten selbst in dieser Toilette sehr hübsch und lieb, und das Geschäft des Anziehens— sie knüpfte ihm auch die blauseidene Halsbinde immer selbst— ward dadurch verzögert, daß Jakob jede kleine Dienstleistung sofort mit reichlich gegebenen und gern genommenen Küssen bezahlte. Jetzt aber war es höchste Zeit für Röschen, an die eigene Toilette zu denken. Ein bunt geblümtes Kattunkleid ward eilig über einige sehr gesteifte Unterröcke gezogen, der Granatenschmuck angelegt und eine rosa Schleife in das volle Haar gesteckt. Da war sie nun fertig und hing sich mit glühenden Wangen und vor Vergnügen glänzenden Augen an den Arm ihres jungen Gatten, dessen harte Hand in ihren kleinen, festen Händen zärtlich drückend, und sich weder an die zu kurzen Aermel des Fracks, noch an den zu großen schwarzen Cylinder stoßend, den Meister Jakob stolz auf den Hinterkopf zurückgeschoben trug. Die jungen verliebten Leutchen hatten sich doch ein wenig vcr- spätet, denn als sie den Garten betraten, war die Familie, bis auf Adelgunde, die sich noch einmal hatte heim begeben müssen, um das Flacon der Mama zu holen, versammelt. Die Thüren des Lusthauses waren weit geöffnet und so konnte die innen befindliche Gesellschaft den Weg und die ihnen Nahenden bequem mustern. Neben dem Erbonkel saß die Hofräthin und an ihrer linken Seite Meister Johann. Emmerenzia und Martha hatten sich zur Rechten des Gefeierten plazirt. Ter alte Herr blickte jetzt mit einem freundlich sein sollenden Grinsen um den zahnlosen' Mund auf das sich nähernde Paar, und meinte dann, zu Dame Edeltrud gewendet: „Die passen zusammen, als wenn die Tauben sie ausgelesen. Eino kleine, dralle Handwerkevfrau das Röschen, wie geboren für einen fleißigen, jungen Meister. He da, Frau Jakob Bartels, geborene von Bartels— warum so spät?" Während die Hofräthin sich aus die Lippen biß, Martha und Emmerenzia einander spöttische Micke zuwarfen, trat Röschen unerschrocken näher, stattete feierlich ihren Glückwunsch ab, und erzählte dann, wie sie erst das Vesperbrot für sich und die Lehr- jungen habe bereiten wollen, dann dem Gatten geholfen, sich in den Staat zu werfen und zuletzt auch sich selbst ein wenig schön gemacht habe— da sei die Zeit vergangen. .Habt ihr euch schon gezankt?" fragte der Erbonkel gut gelaunt. „O ja"— antwortete Jakob schnell. „So— warum denn das— sollst du dich vielleicht um ein Adelsdiplom bewerben, Junge?" Röschen lachte heiter, erröthete dann aber züchtig, als der junge Ehemann in überinüthiger Laune erklärte: „Wir haben uns immer nur dann gezankt, wenn sie mir einen Kuß verweigert hat." Emmerenzia warf einen schwärmerischen Blick zum Himmel, indessen sie das Gelöbniß that, wenn ihr je noch einmal ein ver- spätetes Liebesglück blühen solle, nie zu solchen Klagen Veran- lassung zu geben. Meister Johann mischte sich jetzt in das Gespräch, semer Schwiegertochter, die sich an seiner Seite niedergelassen, scherz- hafte Vorwürfe über ihre Sprödigkcit machend. Die junge Frau hatte mittlerweile ihre Fassung wieder bekommen und verthcidigte sich muthig gegen diese Angriffe, indem sie erzählte, daß Jaköbchen justament, wenn sie in der Küche oder Waschkammer recht bc schäftigt sei, die Milch am Feuer stünde, oder die Seife im Kessel überzukochen drohe, plötzlich erschiene und einen Kuß von ihr be- gehre— bei welchem einen es dann natürlich nicht bliebe. Die arme Hofräthin saß wie auf Nadeln bei diesem un- ästhetischen Gespräche und athmete erleichtert auf, als sie Adel- gundens weißes Kleid um die Rosenhecke, am Ende des Weges, flattern sah. Aber ihre Miene verdüsterte sich bald wieder, als sie neben der zierlich herausgeputzten Lieblingstochter den langen Ladendiener Haus, ebenfalls in Festtoilette, herschreiten sah. Adelgunde beging dabei noch die der Mama ganz unbegreifliche Taktlosigkeit, eine sehr lebhaste Konversation mit diesem unter- geordneten Individuum zu führen und seine an sie gerichteten Worte— möglicherweise waren es sogar Schmeicheleien— freund- lich zu belächeln. Den scharfen Augen der dicken Martha war das nicht ent- gangen. Das alte Fräulein war keineswegs so gutmüthig, wie es den Anschein hatte; ein Blick auf Schwester Emmerenzia hatte ihr gezeigt, daß die noch immer nicht verharschte Herzenswunde beim Erscheinen des Treulosen zu bluten begann, und deshalb meinte sie, mit freundlichem Kopfnicken zu der Hofräthin ge- wendet: „Noch ein Pärchen— schau, die Beiden scheinen sich ,ja recht gut zu vertragen, passen nicht übel zusammen!" „Fräulein Schwägerin!" fuhr die geborene v. Rcckenstein ent- rüstet auf,„das ist eine Beleidigung, welche ich mir allen Ernstes verbitte." „Nun, nun, nichts für ungut, Frau von Bartels," begütigte Martha, während ihr fleischiges Gesicht gleich mild und freundlich blieb,„wenn halt ein Mädchen ledig geblieben ist, da spricht man vom Heirathen, das ist ja gut gemeint, denn übrig bleibt eben keine gern." Der Erbonkel verhielt sich schweigend, zerstreut blickte er auf, es schien ihn irgendein Gedanke angelegentlich zu beschästigen, er hätte sich sonst den Spaß nicht entgehen lassen, die streitenden Parteien noch mehr aufeinander zu hetzen. Mittlerweile war Adelgunde und ihr Begleiter in das Lust- haus getreten. Hans sah heute gar stattlich aus. Er hatte seine großen Hände in ziemlich enge graue Zwirnhandschuhe gezwängt, war frisch gewaschen, sogar rasirt, und die flachsblonden Haare, von Frau Gertruds kunstfertiger Hand arrangirt, waren zu einem Lockentoupet geordnet. Den langen Hals umschlang heut eine himmelblaue Kravatte, was zu Ehren Adelgundens geschehen war, da diese die blaue Farbe so liebte und eine lichtblaue Schärpe auf dem weißen Kleide, einen Vergißmeinnichtzweig in den blonden Locken trug. Da die Gäste sämmtlich versammelt waren, denn auch der Hofrath, der einen kleinen Spaziergang durch den Garten ge- macht, gesellte sich zu ihnen, ward die große Biskuittorte, Schwester Martha's Gabe, angeschnitten, und eine Flasche guten Weins aus dem Wallfischkeller geleert. Die Unterhaltung blieb ziemlich monoton, denn der Festgeber war immer noch ungewöhnlich schweigsam und gedankenvoll, und von Zeit zu Zeit glitt ein forschender Blick über die lange Gestalt des schmächtigen Hans, der durch das strenge Gebot der Hofräthiu, welche ihre Erst- geborne zu sich gerufen, von Adelgunde getrennt worden war. Wäre nicht das junge, lustige Ehepaar gewesen, das auf die Späße und Neckereien des Schreinermeisters und Frau Friederikens stets heitere, schlagfertige Antworten hatte,— das Festniahl hätte eher einem Leicheuschmause geglichen. Der Abend senkte sich herab, die Rosen hauchten ihre berau- schenden Düste, in der Ferne begann eine Nachtigall zu schlagen. Röschen und Jakob hatten sich unter dem Vorwande, einige Rosen für den Onkel zu pflücken, erhoben und wandelten, Arm in Arm geschmiegt, den grasüberwachsenen Kiespfäd entlang, einander halblaut zärtliche Worte zuflüsternd, ja, Tante Martha wollte sogar gesehen haben, daß stets, wenn eine Rose gepflückt, auch ein Kuß geraubt ward. Hans seufzte sehnsuchtsbang bei dieser Bemerkung, und seine zärtlichen Blicke suchten die erröthende Adelgunde, deren feucht- glänzende Augen mehr als Worte sagten. Der Meister Johann überhörte sich im Stillen die mühsam auswendig gelernte Anrede, welche er bei der Abendmahlzeit halten wollte, Emmerenzia, durch den süßen Gesang der Nachtigall poetisch angeregt, reimte heimlich Herz und Schmerz, Brust und Lust, Sehnen und Thränen zusammen, Frau Friederike und Martha mokirten sich ein wenig über den Hochmuth der vor- nehmen Schwägerin, und diese thronte in unnahbarer Erhaben- heit, wie ein alter Adler auf einsamer Felsklippc, der verachtungs- voll hinabschaut auf das gemeine Gevögel. Der kleine Hostath war wiederum verschwunden, was übrigens Parlamentarier. vi. Freiherr Georg von Vincke. Ein Altliberaler— man würde jetzt sagen: ein Freikonservativer— vom reinsten Wasser; er nannte sich selbst den Mann des Rechtes und nicht des Geldes, aber er war der Mann des Privilegiums. Vincke's Blick war fortwährend auf England gerichtet; ihn, den niederdeutschen, den westfälischen Edelniann, heimelte die Erhaltung und Ausbildung des mittelalterlichen Ständewesens in Großbritannien an. Daß Vincke kein bedeutender Historiker war, geht aus dem Ernste hervor, mit dem er sich bemühte, die Ständewirthschaft in Preußen wiederherzustellen, in demjenigen Staate, in welchem das Königthum mit eiserner Faust auf die Trümmer der Herrenrechtc den modernen Staat mit seiner militärisch-bureaukrattschen Hierarchie gesetzt hatte. An diesem Mangel an geschichtlicher Erkenntniß ist der sonst recht talentvolle Freiherr gescheitert und zum Don Ouixote geworden. Vincke wollte ein englischer Peer werden; der Grundbesitz sollte die politische Bedeutung für ihn und seine Standesgenossen abgeben, lieberall empfahl er England als den großen Lehrmeister Deutschlands. Ob diese Empfehlung bei bestimmten Anlässen paßte oder nicht, das war dem sanatischen Anhänger der britischen Verhältnisse gleichgiltig. Wie ernst Vincke übrigens seine Mission auffaßte, geht aus dem Worte hervor, welches er 1846 auf dem westfälischen Provinzialland- tage sprach:„Die Zeit muß kommen, wo der Adel eine mächtige niemand auffiel, da man nicht eben sehr auf ihn zu achten pflegte! Die Schatten wurden länger. Da nahte schon Frau Gertrud mit einer rüstigen Magd. Beide trugen einen langen, vollgepacktcn Körb. Auch die häßliche Haushälterin hatte sich„schön gemacht" und eine Haube mit Hochrothen Bändern aufgesetzt, die vielleicht vor zwanzig Jahren einmal modern gewesen war. Die Damen wurden ersucht, aufzustehen, damit der Tisch festlich gedeckt werden könne. Marthas und Frau Friederikens Hülfe ward dankbar abgelehnt, und so trugen denn diese beiden ihre Stühle vor das Lusthaus und setzten dort ihr angefangenes interessantes Gespräch fort. Emmerenzia hatte sich zu der Hofräthin gesellt, während Adelgunde sich weiterhin in den Garten begeben, und Hans ihr nachgeschlichen war, unbemerkt, wie er meinte. Als der Tisch gedeckt und die Gartenleuchter aufgestellt waren, sandte Gertrud die Magd in die Küche zurück, um die fertigen Speisen zu holen, sie selbst trat in den Eingang der Laube, wo der Erbonkel, der gleichfalls seinen Platz verlassen, stumm und apathisch an dem grüngestrichenen Pfosten lehnte. „Lieber Herr, Sie sind ja heute so stille, Sie werden sich doch nicht verkühlen?" begann Frau Gertrud mit sanfter Stimme das Gespräch. Jakob wandte sich um, seine Augen hatten einen fieberischen Glanz.„Nein, nein, mir ist ganz wohl; ich dachte, und just heute mehr als je, an die vergangene Zeit,— mir ist, als wenn sie dort um die Ecke biegen müßte, wo die dunklen, hohen Rosen- büsche stehen,— weiße Rosen waren ihre Lieblingsblumen,— arme Dorothea, sie blühen auf deinem Grabe,— ja, das ist lange, lange her!" „Lieber Herr, denken Sie nicht daran, das thut nicht gut." „Hast recht," entgegnete Jakob verdrießlich,„ich weiß selbst nicht, warum mir heut die alten Geschichten ivieder zu Sinne kommen,— vielleicht sind die dummen Liebesleute dort schuld daran. Jedenfalls that ich unrecht, sie so weich zu betten. Wenn sie nur recht viel zu arbeiten und zu sorgen hätten, würden ihnen nicht solche Allotria einfallen, wie Rosenpflücken und Küssen— dummes Volk das!" Herr Jakob schloß fast ingrimmig seinen Sermon und trat in die Laube an den Tisch zurück.„Wird das Essen bald kommen?" fragte er dann ungeduldig. Ehe aber Gertrud im Stande war, eine beruhigende Antwort zu geben, fuhr er nachdenklich fort:„Sag' mir ehrlich, Alte, ob wir recht gethan haben, den Buben so zu erziehen, heut kommen mir auf einmal Skrupel. Hast du etwa bemerkt, daß er der blonden Seufzerprinzessin, der Adelgunde, nachgeht?— Das sollte mir noch fehlen, da sollte der Teufel—" „Aber, Herr Jakob, wer wird denn so lästerlich fluchen, und zumal noch am Geburtstag!" unterbrach erschreckt Gertrud, und beschwichtigend setzte sie hinzu:„Sorgen Sie sich nicht, das ist nur so ein kleiner Spaß, der Hans denkt an solche Liebeleien garnicht, dazu ist er zu gut erzogen."(Fortsetzung folgt.) Mauer bildet zwischen Thron nnd Volk, und beide vor gegenseitigen Uebergriffen schützt." Vincke möchte somit den Adel zum Bolksbeschützer machen! Wir danken gehorsamst. Daß er dabei nicht merkte, wie sich in England selbst die Verhältnisse immer mehr verschoben, wie gar die privilegirte Peerskammer an Einfluß immer mehr verlob, ist kein Zeichen seiner bedeutenden Umsicht, er hatte sich einmal in eine Idee verrannt, nämlich durch konstitutionelle Formen den privilegirten Adel an das Ruder des Staats und der Gesellschaft zu bringen, in eine Idee, an deren Ausführbarkeit Vincke ganz allein glaubte. Im übrigen steifte sich Vincke fortwährend auf den„Rechtsboden"; ihm war jegliche Gewalt verhaßt. Er merkte nicht, daß dieser sein Rechtsboden veränderlich war, daß ihn die Gewalt so oder so aufputzte. Er begriff nicht, daß ein Wahlgesetz oktroyirt werden konnte, und nachdem es oktroyirt worden war, ließ er sich trotzdem wählen. Er trat sogar denen gegenüber, welche die oktroyirte Verfassung angriffen, indem er den„Rechtsboden" proklamirte und demnach die Gewalt per- horreszirte. Hier haben wir bei der Beurtheilung Vincke's nur einen Ausweg. Die Contrerevolutton war ihm, dem reichen Junker, jedenfalls genehmer, als die Revolutton, und da verließ ihn der„Rechtsboden"; da begriff er zum erstenmale das geflügelte Wort:„Macht geht vor Recht", da brachte der Eigennutz den Rechtsnarren zur Vernunft. Georg von Vincke war im Jahre 1811 im Kreise Hagen(West- falen) geboren; in den Jahren 1837—48 war er Landrath des Kreises; 1847 Mitglied des vereinigten preußischen Landtags, 1343 Mitglied der deutschen Nationalversammlung, in derselben konstitutionell und erbkaiserlich mit ständischem Hinterhalt, 1849 Mitglied der zweiten preußischen Kammer und zwar bis 18öS, in welchen Jahren er die Fraktion Vincke bildete und unbeschränkter Herr der Beschlüsse des Abgeordnetenhauses war. 1858—1833 war er gleichfalls Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses; sein Einfluß aber war geschwunden, er zog sich darauf vom parlamentarischen Leben zurück. 1366—67 bewarb er sich wieder um einen Sitz, wurde aber in seinem heimischen, westfälischen Kreise nicht gewählt, sondern erhielt ein Mandat für Stargard in Pommern. Im Norddeutschen Reichstage war er kurz vor seinem Tode eine Zeitlang Abgeordneter, ohne sich irgendwie hervorzuthun. Sein Stern war im Erlöschen,— der„Kladderadatsch" hatte sich nach einer Rede seiner bemächtigt: „.... Aber das liegt klar zu Tage, daß der Raisonneur von Stargard ein konfuser Narr ward." H. Thenre Hotelrechaung.(Bild Seite 100.) Das Pflaster der großen Stadt ist theuer und die Großstädter gleichen in einer Beziehung alle ihrem Halbgotte Bismarck— sie nehmen das Geld, wo sie's kriegen. Der Herr Schulze von Zkirchen ist zwar ein reicher Mann; sein Gut ist das größte im Dorf, Schulden hat es keine und an Stelle der alten, großen Zweithalerstücke liegen, seit die Markzeit angebrochen, die neuen, fast ebenso großen Fünfmarkstücke zu Hanf bei einander. Er hat's also, der Herr Schulze, und er läßt sich auch nicht gerne lumpen! Drum ist er eben, als er seit langen Jahren wieder zun: erstenmal aus seinem von der Eisenbahn noch nicht berührten Dorfe in die Hauptstadt mußte und Kind und Kegel mitzunehmen beschlossen war— damit sie auch einmal das tolle großstädtische Treiben sähen— in ein feines Gasthaus gegangen, hat zwei Zimmer im ersten Stock vorn- heraus bezogen, hat Mittags„Tabel todt", oder wie das vertrackte Wort heißen mag, gespeist und wollte nun, seiner bürgerlichen Stellung und seines Reichthums würdig, mit einem solennen Abendessen schließen, um mit dem Nachtzug wieder der Heimat zuzueilen. Aber diese Rechnung! Das ist ja beinahe zum Haarausraufen. Logis— 10 Mark; Frühstück 6 Mark; Table d'hote, drei Couverts(die beiden kleineren Sprößlinge hatten natürlich zusammen an einem Couvert genug!) 6 Mark; Abendessen mit zwei Flaschen Wein 10 Mark; Bou— Bu— Bougies(was das ist, weiß der Teufel!) 2 Mark; Service(das hat der Herr Schulze auch nicht verlangt, aber bezahlen muß er's doch!) 1 Mark— Summa Summarum 35 Mark— für einen Tag— das ist zum Tollwerden! Doch was hilft's, gezahlt muß werden und wenn's auch eine Prellerei ist, die zum Himmel schreit. Ja, die guten, alten Zeiten! Gut wenigsteus in der Recllität dessen, was man kaufte, und in der Billigkeit der Preise; aber heute drängt in der Jagd nach dem Mammon einer den andern, und dabei gehen Reellität und Billigkeit rettungslos zum Teufel! G. Wiener Lebensbilder. I. Sie wünschen Briefe aus Wien? Aber Wien ist nicht mehr das Wien der„guten alten Zeit", wo Freude und Frohsinn herrschte, wo die Silberzwanzigcr klangen und die Harfenisten sangen, wo Gemüth- lichkeit an allen Ecken und Enden lveilte und das Ungeniüthliche wieder auf die gemüthlichste Art und Weise vertuscht wurde. Es ist nicht mehr dieselbe Stadt, von der einst das geflügelte Wort galt: „'s gibt nur a naiierstabt,'s gibt nur a Wien!" Schiller noch besang sie als die„Stadt der Phäaken", wo„immer am Herd sich der Spieß dreht"; aber diese schöne Zeit ist schon lange vor- über, und wenn man zwar in der Epoche des„volkswirthschaftlichen Aufschwungs", wo alles an die ewige Dauer des Schwindels glaubte und die„höchste Fruktifizirung" ihre Orgien feierte, einen neuen Anfang zu nehmen schien, so war der Katzenjammer der nachkrachlichen fünsthalb Jahre ein desto größerer. Die jetzt nach vier Jahren noch immer wachsende Anzahl der Konkurse, namentlich neucstens zahlreicher Gastwirthe und Restaurateurs; die schauerlich überhandnehmenden Ver- brechen und Selbstmorde; die lleberfüllnng der Gefängnisse und Asyl- Häuser, welche die Menge der Obdachlosen nicht zu fassen vermögen, dabei das Leerstehen so vieler Wohnungen; der Mindercrtrag aller Steuern, besonders der indirekten, trotzdem die Einwohnerzahl stets stieg und durch Einrechnung einiger entlegener Dörfer glücklich auf eine Million gebracht wurde,— alles dies dürfte wohl zur Genüge beweisen, daß das Phäaken-Zeitalter schon lange hinter uns liegt. Ja, wäre Wien noch das alte, das fröhliche, das gemüthliche, so würde es sich wohl lohnen, daraus Berichte für ein Unterhaltungs- blatt zu schreiben; aber so: die Gemüthlichkeit ist längst entweder im allgemeinen Elende erstickt oder in der Verjudnng des gesammten öffent lichen Lebens untergegangen(wobei ich aber bitte, mich nicht miß- zuverstehen, da mir nichts serner liegt, als der jüdischen Nationalität oder Religion irgendwie nahezutreten, sondern den Ausdruck„Ver judung" lediglich als einen rerminns tscbuieu» betrachte für ein System, welches den schnödesten Egoismus mit der aufdringlichsten Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstr. Arroganz vereint). Der Nimbus der �einzigen Kaiserstadt" ist selbst im Bereich deutscher Zunge verschwunden, seit die„freie Konkurrenz" sich auch auf diesem Gebiete geltend macht und die Kaiserstadt an der Spree stolz mit der älteren Donaustadt rivalisirt. Daß es aber auch nicht mehr„nur a Wien" gibt, das haben wir erst vor einigen Wochen aus dem Berliner„Gewerkverein" erfahren, wo Herr Hugo Polke in seiner heiligen Einfalt sich darüber lustig macht, daß am heurigen Sozialistenkongresse zu Gent ein und derselbe Delegirte Lyon und Wien vertrat. Der gute Knabe scheint nie etwas von einer Stadt Vienne gehört zu haben und übersetzt den Namen flugs mit„Wien".? Und da wir wiener Sozialisten nicht wußten, je einem lyonescr Arbeiter ein Mandat gegeben zu haben, woran uns unter anderen Kleinigkeiten � auch die sprüchwörtlich gewordene„Freiheit wie in Oesterreich" hindert, H so mußten wir annehmen, daß sich in der„Gewerkvereins"-Geographie ein zweites Wien befindet, welches unbekannt wo, jedenfalls aber sehr weit von Lyon liegen muß, sonst könnte es Herr Polke doch nicht so sonderbar gefunden haben, daß ein Delegirter beide Städte vertrat.— Wo also in dieser traurigen Zeit des Krachs und des Elends noch das Zeug hernehmen, um den Lesern der„Neuen Welt" Erbauliches und Erquickliches aus Wien zu berichten? Doch ich will's versuchen. Gibt es ja glücklicherweise noch einige Orte, wohin sich Reste der alten wiener Gemüthlichkeit geflüchtet, und wenn dieser Orte auch nur wenige sind, so liefern sie doch dem un- befangenen Beobachter eine Fülle von Ausbeute. Den ersten Rang unter diesen Stätten wiener Gemüthlichkeit nimmt unbestritten der— Gerichtssaal ein. Wir scherzen nicht im mindesten; wir Wiener sind es längst gewöhnt, das öffentliche Leben unserer Haupt- und Residenz- stadt in den Berhandlungssälcn der verschiedenen Gerichte pulsiren zu sehen, und namentlich die letzten Jahre haben uns in dieser Beziehung die lehrreichsten Belege geliefert. Wer erinnert sich nicht an den Pro- zeß Ofenheim, in welchem der ehemalige Student mit den zerrissenen Stiefeln, nachher gefeierter„Bolksmann" und später Bürgerminister, nunmehriger vierfacher Verwaltungsrath und Oberkurator der wiener Sparkasse, Exzellenz Dr. Karl Giskra, die Trinkgeldertheorie zu hohen Ehren und auch zur gerichtlichen Anerkennung brachte? Und zwischen Ofenheim und Nachtnebel, dem Vcrräther des Üchatius'schen Stahlbronze- Geheimnisses, dessen Prozeß erst in den jüngsten Tagen spielte, liegt eine lange Reihe ähnlicher Verhandlungen, die alle mehr oder weniger ein getreues Bild von unserem öffentlichen Leben mit seiner ganze» Korruption und all' den gesellschaftlichen Gebrechen, die dasselbe durch- ziehen, geben.(Schluß folgt.) Räthsel. Ein Glied, ein Fluß, ein deutsches Land Wird mit demselben Wort genannt; Darin ein kleines Zeichen streiche Und setz' ein anderes dafür, So nennet es ein Wesen dir Im nördlichen Polarbereiche. F. B. Aorresponden). Uonftantinopel. B. L. Auch durch andere Bermittlung als die Ihre hat mau sich von«onftantinopel aus um die Nr. 1 unierei«laues bemüht. In den Palasi des Siilians wird dieielbe allerdings wohl nur durch Ihre Berbindungen eingedrungen sein. Ucbrigens wenn auch unsre Rusienverachlung mit dem türliichen Rusienhab momentan Berührungspunkte findet, so wird doch die Tendenz der„N. W. wie sie überall in und zwiichen den Zeilen hervorquillt, auf wenig Berständnih und wohl aus gar keine Freundichast bei den Anhängern des Propheten zu rechnen haben.— Für die zuletzt gesendeten Blätter,„La Turquie" und„Stamboul", sreundlichen Dank. Der Artikel über Oswä» Pascha in erstcrer ist ebenso interesiant, als die in letzterer enthaltene Ueber- setzung der Bcglcitzeilen zu den Grcuelszcnen in Nr. 4 u. Bl. trefflich ist.— Nach Montreux- Clarence ist das zweite Heft Ihrem Wunsche gemäß sosort abgesendet worden. Greifswald. T. T. Was Sie thun sollen, einen Ihnen„sehr nahestehenden 48jährigen Mann von einer wüthenden Liebe"—„einer Liebe zum Todtschießen"— zu einem lSjährigen Mädchen zu heilen? Nun, ist's wirklich eine„Liebe zum Todt- schießen", so lagen Sie den Ihnen Nahestehenden nur zuschießen. Aus einen Narren weniger kommt's heutzutage nicht an. Sollte Ihnen indeß der Mann so nahestehen, daß die Üugel, die er selbstmörderisch abseuert, Sic treffen könnte, so bringen Sie vor dem Unalleisekt lieber noch ein paar kalte Douchen aus das liebesiedende Gehirn in An- Wendung. Wien. Fr. P. Ihr Brief ist unserer Expedition übermittelt worden. Dieselbe erfüllt Ihre Wünsche so rasch als möglich. zlauibeuecn. M. Wollen Sie mit Herrn Dr. M. in Korrespondenz treten, so be- dienen Tie Sich gesälligst unserer Bermittlung. Zcrbst. H. 1K. Sie haben ganz recht, wenn Tie meinen, daß in einer BolkSver- sammtungsrede Fremdwörter möglichst vermieden, jedensalls nicht so reichlich gebraucht werden sollen, daß dadurch„der Sin» ganzer Sätze snr die anwesenden Arbeiter UN- verständlich" wird, wie Sie das in einer sozialistischen Versammlung in vor. M. bemerkt zu haben meinen. Ebenso ist wahr, daß lange, künstlich konslruirte Sätze den Eindruck einer Rede schwächen. Bedenken Sie jedoch, daß jeder zunächst so spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und nur sehr wenige so des Wortes Meister sind, daß sie die Form ihrer Rede stets dem Verständnisse ihres ZnhörerkreiscS»nzupaffen vermögen. Verden. A. G. Ihr Gedicht„Scheidcaruß der jronskribirten" zeigt treffliche Gesinnung und anerkennenswerihcs Stteben. Mit dem poetischen Vermögen ist es aber weniger gut bestellt. Verse wie: „ES ist bestimmt im hohen Rath, dem wohlhochvorgesetzten, Daß heut wir werden Mußsoldat, drum anhebt den Gruß, den letzten", und Bilder, wie die von der„dumpsen HerzenSschwüle", von dem„wiehernden Dampf- roß" sind nicht gelungen. Doch nehmen Sie Iich'S nicht zu Herzen, daß wir Sie nicht als guten Dichter anerkennen: der Achtung, die wir dem guten Sozialisten zollen, thut dieser Mangel gar keinen Abbruch. (Schluß der Redaktton: Freitag, den lk. November.) 20).— Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.