Weihnachten. Erzählung von M. Kautsky. (Fortsetzung.) „Rosel!" rief ihr Auguste freudig überrascht entgegen. „Das ist hübsch, daß Tie herüberkommen," ergänzte Mahlknecht. Rosa reichte beiden die Hand hin.„Ich mußte nachsehen;" sagte sie mit ihrem freundlichen Lächeln,„es gab mir keine Ruhe, ich muß doch wissen, was ihr Schönes da vorbereitet, was die lieben Kinder bescheert bekommen. Ach, wie hübsch so ein grüner Baum mitten in der Stube aussieht, wie reich er geputzt ist,— und erst, wenn die Lichter angezündet sind! Und hier der Weihnachtstisch schon gedeckt! Sieh, Gustel, ich habe auch etwas dafür." Sie zog, wie verschämt, zwei Püppchen aus ihrer Tasche, die in Seidenpapier vorsorglich gewickelt waren.„Es ist eine rechte Kleinigkeit, aber den Kindern wird es schon gefallen." „Ach, wie prächtig!" rief Auguste, die Puppen von allen Seiten betrachtend, die, im reichsten Phantasiekostüm, ganz in Stimmet und Seide gekleidet und mit Flittern förmlich übersät waren. „Aber Rosel, was ist dir nur eingefallen, das ist doch viel zu schön für die Kinder!" „Bewahre, aber es glitzert, es macht Effekt.� „Und die schweren Stoffe!" „Ich habe einige Restchen zusammengekauft, und damit habe ich sie wahrhaft königlich herausgeputzt, meine Püppchen. Nicht wahr, sie werden ihnen Freude machen, den Kindern?" „Das will ich meinen," sagte Mahlknecht.„Aber Sie sollten die Freude mit ansehen, Rosa, Sie sollten sie mitgenießcn." Auguste zwinkerte mit den Augen der Freundin zu, liebevoll, bittend.„Ja, Rosel, es wäre mein Herzenswunsch, bleib' bei uns." „Wie gern würde ich es thun," erwiderte Rosa lebhaft.„Ich denke mir das so schön und fröhlich, wenn die Kinder jubelnd um den Baum springen, und ihr seid so gut gegen mich, und ich— aber—" Sie senkte den Kopf und schwieg. „Na, na!" machte Auguste.„Sie besinnt sich, sie bleibt." „O nein, sie geht!" rief Rosa, jetzt den Kopf entschlossen in die Höhe werfend.„Es ist ja lächerlich," fügte sie mit einiger Heftigkeit hinzu,„wie könnt ihr nur daran denken. Ich und er an einem Tisch, das wäre ein friedliches Mahl!" „Und Sie vermöchten Ihren Groll nicht einmal für einige Stunden zu unterdrücken?" „Ich glaube, ich könnte es nicht," sagte Rosa treuherzig. „Ich fürchte, wenn er mir so gegenübersäße, es würde wieder alles in mir zu kochen anfangen." Mahlknccht lachte.„Ja, bei Ihnen kocht es leicht und geht auch gleich über." „Aber selbst wenn ich vergessen könnte," fuhr Rosa fort,„er kann mir doch niemals verzeihen, was ich ihm augethan habe. Er muß mich jetzt grimmig hassen. Nicht wahr, er haßt mich?" fragte sie rasch und blickte mit gespannter Aufnierksamkeit auf Mahlknccht, als wollte sie die Antivort aus seinen Zügen lesen. „Hm," machte dieser und schnitt ein recht bedenkliches Gesicht, hinter dem gleichwohl der Schelm auf der Lauer lag.„Hm, entzückt ist er'grade nicht von Ihrer Art und Weise, das kann ich Ihnen schon sagen, aber am meisten hat es ihn geärgert," setzte er mit leisem Vorwurf hinzu,„daß Sie ihm den Schimpf öffentlich, vor seinen Kameraden angethan haben." Rosa senkte den Kopf wie eine Bereuende.„Ich habe ihm eine unauslöschliche Beleidigung zugefügt," sagte sie leise, wie zu sich selbst. „Nun, nun," begütigte Mahlkuecht,„unauslöschlich, das meine ich nicht, und wenn ich- und Auguste uns versöhnend in's Mittel legen, und wenn Sie nur ein kleines Wort der Ent- schuldigung—" Rosa fuhr auf.„Ich mich entschuldigen? Niemals! Ich sage Ihnen, Herr Mahlknecht, Ihr Bmdcr hat die Ohrfeige, die ich ihm gegeben habe, und es war eine tüchtige, mehr als ver- dient!" Ihr Ton war leidenschaftlich gesteigert, ihre Miene nahm den Ausdruck triumphirender Genugthuung an. Mahlknecht zog finster die Augenbrauen zusammen, während er ein verzuckertes Herz durchbohrte, um den rothen Faden hin- durchzuziehen.„Gehen Sie, Rosa," sagte er, noch immer bohrend, „ich begreife Sie nicht, Sie sind doch sonst eine gutmüthige Person, und grade dem Fritz gegenüber sind Sie so rabiat." „Rabiat?" wiederholte Rosa mit zornigem Aufwallen.„Ich bitte Sic, nennen Sie mich nicht so, Herr Mahlkuecht. Sprechen Sie nur das abscheuliche Wort nicht aus. Er hat mich ebenso genannt, und mir kommt dabei der ganze Vorfall wieder in's Gedächtniß." „Was war es denn nur?" fragte Auguste, wie besänftigend die kleine, rundliche Hand ihrer Freundin ergreifend.„Was hat es denn nur zwischen euch gegeben? Jeff weiß ja eigentlich gar- nichts, ich kenne wohl die That, aber nicht die Ursache." "„Nun, was wird's gegeben haben? Was sind das für in I. Tlj-Mdn W/7. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. escheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ü 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Ursachen, wodurch junge Leute, die sich gegenseitig bisher recht zuvorkommend behandelt, plötzlich in feindliche Wütheriche vcr- wandelt werden! Sie gefällt ihm, ich weiß das, und der närrische, verliebte Kerl hat ihr einige Süßigkeiten in's Ohr gewispert, ist vielleicht zudringlich gewesen, obwohl der Fritz sonst ein modester Junge ist, nun, und sie, flink bei der Hand, hat ihm gleich die Abfertigung gegeben." Er machte eine nicht mißzuverstehende Geberde. Rosa hatte ihre blauen Augen groß und verwundert aufgerissen. „Aber nein, so ist es nicht," unterbrach sie jetzt mit Heftig- keit, während sie ihre Hände fest und ungeduldig ineinandcrpreßtc. „So ist es ganz und gar nicht, was fällt euch ein! Um mich ging es nicht her, um mich handelte es sich nicht dabei, und es ist ebenfalls nicht wahr, daß der Fritz in mich verliebt ist!" Jetzt war sie glühend roth geworden, wahrscheinlich vor Verdruß. „Wie, es handelte sich nicht um Sie?" fragte Mahlknecht dies- mal ivirklich erstaunt. „Ja, warum haben Sie denn so energisch wie ein Kreuz- donnerwetter dreingeschlagen?" „Weil sich die arme Fanni an ihm rächen wollte," erwiderte die Kleine mit einem beinahe heroischen Ausdruck. „Wegen der Fanni war es?! wegen der hochblonden Fanni?" fragten Auguste und Karl fast gleichzeitig.„Ist das möglich?" „Wegen der Fanni, ja," fuhr das junge Mädchen in steigender Erregung fort.„Ihr wißt, ich und Fanni wir sind bei ein und derselben Maschine beschäftigt. Ich lege ein, sie legt aus. Nun, eines Morgens, nachdem wir unsere Partie gemacht haben, stehen wir beisammen und plaudern, während der Maschinenmeister die' Maschine wieder einrichtet, ich merke bald, daß ihr das Mundwerk nicht so flink wie sonst geht, und wie ich sie darauf näher ansehe, bemerke ich, daß sie rothe Augen hat. Hast Zwiebeln gegessen? frage ich lachend, ihr aber stürzen sogleich die Thränen aus den Augen. Rosa, sagt sie, ich bin eine unglückliche Person! Ich will weiter fragen, da ruft uns aber der Maschinenmeister wieder zur Arbeit, und da war es niit jeder weiteren Erklärung aus. Ich muß gehörig aufpassen bei der Arbeit, wcnn's nicht Makulatur werden soll, ich bin darin noch nicht so geübt, ich wende also meine Augen nicht von meiner Punktur, aber ich höre wie die Fanni, die es viel leichter hat, sich räuspert, wie sie ihr Sacktuch gebraucht, ja mir kommt es so vor, als wenn hie und da eine schwere Thräne aus ihren Augen auf das Papier tropfte, das sie herauszog. Das regte mich unbeschreiblich auf, es machte mich ungeduldig, ich konnte es kaum erwarten bis wir fertig waren. Da läutet's zwölf. Gott sei Dank, der Dreher hört aus zu drehen, die Maschine steht still und ich stürze auf die Fanni los, denn ich sehe, sie will gleich auf und davon. Halt, sag ich, was gibt's, was ist geschehen, rede Mädel! Und sie fällt mir um den Hals und schluchzt: Er hat mich sitzen gelassen. Wer denn? frage ich, du hattest also einen heimlichen Liebsten? Ja, sagte sie, und sie erzählt mir während dem wir Arm in Arm durch den bereits geleerten Saal gehen, wie der Fritz schon während des Sommers immer schön mit ihr gethan habe, und wie er sie Sonntags ausgeführt und trakftrt hätte, und daß es so gut wie sicher gewesen sei, daß sie sich Heirathen sollen, wenn auch sonst niemand noch davon gewußt Hütte. Aber da ändert er plötzlich sein Betragen, der Fritz. Er führt sie des Sonntags nicht mehr spazieren, er hatte ihr bald dies, bald jenes vor- geworfen und heute hatte sie einen Brief erhalten, in dem er ihr schreibt, daß er eingesehen habe, daß sie nicht zusammen passen, und daß sie wohl garnicht glücklich werden könnten, und dann noch ein langes und breites, was weiß ich, aber das Ende vom Lied war, daß es aus sei zwischen ihnen, ganz und gar aus. Laß ihn laufen, sage ich ihr, und denke nicht weiter an den treulosen Menschen. Sie aber sagt: nein, das könne sie nicht und sie müsse sich darüber zu Tode grämen, denn sie sei noch immer in ihn verliebt, und darüber fängt sie gleich wieder zu heulen an. Das geht mir denn an's Herz, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte ich mit ihr geheult, aber ich zeige mich stark und versuche sie zu trösten so gut ich kann, und wir gehen ans dem Saal und wie wir auf den Korridor kommen, sind die Setzer und Drucker und Lehrlinge noch alle da versammelt und lesen eine Kundmachung, die der dicke Anton soeben angeschlagen hatte; wir kümmern uns nicht darum und wollen vorüber, da steht der Fritz vor uns, leibhaftig. Und er grüßt mich, und er grüßt sie. Die Fanni aber, wie sie ihn erblickt, war gleich über der Treppe unten; da tritt er denn noch näher zu mir hin, freundlich, un- befangen, ich aber sehe dem Bösewicht starr m's Gesicht, der da vor mir steht als wäre nichts geschehen, als hätte er nichts auf dem Gewissen, als wenn er nicht soeben ein armes Mädchenherz ge- krochen hätte, und mich faßt der Zorn über eine so bodenlose Nichtswürdigkeit, und als der Freche mir zulächelt, so hinterlistig süß, und als ich fühle, daß er sich zu mir herabbeugt, um nur ein: Guten Tag, Fräulein Rosa, in das Ohr zu flüstern, da zuckt mibs in den Fingern, da wirbelt's mir im Kopf, nnd da hat er eine weggehabt." „Ich kam gerade dazu," sagte Mahlknecht, und mit einem strafenden Blick fügte er hinzu: „Er hatte die Wange Hochroth vor Scham und vielleicht noch mehr von Ihren Fingern. Man sollte es nicht glauben, aber Sie haben eine harte Hand, Raset." „Ja, er hat sie gesiihlt," rief sie triumphirend,„nnd das freut mich!" „Und er blieb stumm, der Fritz, und nahm das hin?" fragte Auguste. „O, er gerieth in Wuth, und er sagte mir, ich sei ein rabiates Geschöpf, ich sei eine wahre Tigerin, sagte er, und ei>� Spinne obendrein, und der Mann, der mich einr hätte sich dem Teufel bei lebendigem Leibe vc „Das können Sie ihm nicht übel nehmen er sagte das in der Aufregung." „Und alle, die uns umstanden, lachten d> habe Recht. O, sie waren alle gegen mich a kümmerte mich wenig, und als er mich bei mir sagte, ich müsse ihm jetzt den Grund i ihm diese Züchtigung zu Theil werden lies nahe zu ihm, und ich fragte ihn, aber so. gierigen Gaffer, die uns umstanden, es nicht yören konnten, denn ich wollte das Geheimniß meiner unglücklichen Kameradin nicht an die große Glocke hängen, ich sagte ihm: das war für die Schlechtigkeit, die Sie an der armen Fanni verübt haben, ver- stehen Sic mich?" „Und hat er es verstanden?" „Hm, er sah mich mit großen Augen an, als hätte er es nicht verstanden, der Heuchler! es wird ihm in der Folge schon klar geworden sein, denn er hat mich nimmer darnach geftagt. Aber seit dem Tage gehen wir uns ans dem Wege, wo wir nur können, und wenn wir uns ja einmal im Saale begegnen, so sieht er rechts und ich links." „Was für uns Unbetheiligtc stets ein heiteres Bild abgibt," sagte Mahlknccht.„Aber daß es sich bei dieser Affäre um eine Dritte handelt, das hätte ich nie geglaubt." „Und daß der Fritz mit Fanni eine Liebschaft hatte, das ist mir ganz etwas neues," versicherte Auguste. „Mir auch, er hat nie von ihr gesprochen, während—" „Während?" fragte Rosa aushorchend. In dem Augenblicke hörte man den kleinen Hans jämmerlich schreien. Die beiden Frauen stürzten in die Küche. Da lag er auf dem Fußboden aus dem Rücken, schrie, als ob er an, Spieß steckte, nnd streckte dabei die Beine in die Luft; und Georg saß ihm rittlings auf dem Bauch und über ihn gebeugt, ein weißes Tuch wie eine Fahne schwingend, suchte er mit demselben, trotz dc'r schützend vorgehaltenen Arme des Kleinen, ihm in's Gesicht zu fahren. Die Mutter lief mit einem Angstruf auf die Beiden zu und trennte sie.„Georg, du entsetzlicher Mensch, was thust du ihm, sag', ivas hast du mit deinem kleinen Bruder angefangen� „Ich habe ihn schneuzen wollen," entschuldigte sich dieser mit weinerlicher Stimme.„Er.hat eine so schmutzige Nase und er will sie sich von mir nicht putzen lassen, er ist eigensinnig, Mama." Dieser Konflikt wurde schnell in's Reine gebracht. Rosa säuberte zuerst dem noch immer widerspänsttgen Hans nnd hierauf dem gestrengen Sittenrichter selbst die kleine Nase, da es dieser nicht minder nöthig hatte, dann wandte sie sich der Thür zu. „Adieu Gustel, seid recht vergnügt, adieu ihr kleinen Burschen." Sie schloß auf. „Und du wirst also ganz allein sein?" klagte Auguste. „Nnd mit was bewirthest du dich?", „Ich habe mir einen Kügelhnpf gebacken, ich will ihn mir gut schmecken lassen nnd dabei an euch denken. Aber jetzt muß ich sehen, daß ich fort komme, sonst könnte es mir passiren, daß ich noch mit ihm zusammentreffe." Sic legte die Hand an dbn Drücker.„Warte noch einen Augenblick," bat Auguste, die, den kleinen Hans am Arme, ihr bis zur Thür nachgegangen war. „Den Weihnachtsbaum mußt du angezündet sehen, wenn auch nur auf einen Augenblick; es würde mir zu leid thun, wenn du den III schönen Anblick nicht genießen solltest."„Aber es ist unmög- tich!" erwiderte Rosa ungeduldig.„Nein, höre doch, ich habe ein Auskunftsmittel. Du wohnst neben au, die Mauer ist sehr dünn, du mußt den Ton einer Glocke hinüber hören." „Ich höre alles hinüber." „Nun, wohlan, sobald alles fertig ist, wird Llarl läuten und wir treten hierauf alle in das Zimmer, ich aber werde die Ein- gangsthür nicht zusperren und die Zimmerthür werde ich offen halten, du kommst leise herein, und von der dunklen Küche aus kannst du, selber unbemerkt, den Weihnachtsbaum betrachten; du hörst dann den Jubel der Kinder und siehst wie sie sich über die schönen Püppchen freuen ivcrdcn, die du ftir sie gemacht hast." „Ach, das möchte ich wohl", sagte Rosa schon halb besiegt. „Und wenn du glaubst, daß ich wirklich unbemerkt bleiben, und wenn du mir versprichst, daß du meine Gegenlvart nicht ver- rathen wirst—"„Ich verspreche dir alles das, niemand, gewiß niemand soll etwas davon erfahren, auch später nicht; die kleine List bleibt ganz unter uns." „Nun, dann komme ich; zwar nur auf einen kurzen, ganz kurzen Augenblick, aber ich muß die Kinder sehen, laß also die Thür offen, und jetzt leb' wohl, Herzensgustel." Sie küßte sie rasch und trat hinaus. Sie hatte nur zwei Schritte zu machen und sie war bei ihrer Wohnungschür. Sie zog rasch den Schlüssel aus der Tasche und beeilte sich damit aufzusperren. Es war die höchste Zeit, sie hörte soeben jemand die Treppe heraufkommen, und dieser Jemand nahm immer drei Stufen auf einmal, sie kannte recht gut denjenigen, der diese übermüthige Gewohnheit hatte. Wie ärgerlich, sie konnte in ihrer Eilfertigkeit nicht sogleich das Schlüsselloch treffen, und die Schritte waren so nahe schon. Endlich steckte der Schlüssel, sie drehte ihn um, und schnell, ohne sich nur einmal umzusehen, war sie in der Thür verschwunden. In demselben Augenblick war Fritz vor derselben angelangt. Der junge Mann blieb stehen und holte geräuschvoll Athem. „Da flüchtet sie wieder vor mir, die Närrin," sagte er uu- muthig zu sich selbst.„Was fiirchtct sie? vor mir hat sie Ruhe, ich werde ihr sicher nimmer in den Weg treten." Gleichwohl blieb er stehen und starrte so sehnsüchtig nach dieser Thür, als könnte er sie mit seinen Augen aus den Angeln heben. Ahnte er, daß das Mädchen noch dahinter stand und mit neugierigen Augen durch das Schlüsselloch guckte, fühlte er, daß diese Äugen mit einem gewissen Wohlgefallen an seinen Zügen hafteten? Wer weiß, mit 26 Jahren hat man so merk- würdige Instinkte. Nach einer Weile nahm er den weichen Filz- Hut herunter, strich ordnend mit der Hand das dunkle, reiche Haar zurück und betrat dann die Wohnung seines Bruders. Er wurde von den Kindern mit einem Freudcngeschrci empfangen, und noch ehe er seinen Oberrock abgelegt hatte, stellte Georg bereits an seinen Beinen allerlei Kletterübungcu an. Plötzlich hielt er in seiner Gymnastik iune. „Ich habe an der Seite hier etwas gespürt, Onkel," sagte er in kindlicher Verwunderung zu ihm aufblickend.„Etwas hartes habe ich gespürt, sind das deine Knochen, Onkel Fritz?" „Freilich, du Schlingel," eriviederte dieser herzlich lachend und den Obcrrock noch fester zuknöpfend, damit das Vögelchen, das er für ihn barg, dem kleinen Auspasser nicht zu Gesicht komme. " Georg ging wie ein Spürhund rund um den Onkel herum, ihn aufmerksam von allen Seiten betrachtend.„Onkel, laß mich noch einmal greifen," bat er schmeichelnd. „Ich möchte fühlen wie hart deine Knochen sind." „Weg da mit den Händen; was der Junge für Gelüste hat." „Daun will ich reiten, du sollst mein Pferd sein." Und ehe sich's Fritz versah, hatte der flinke Bursche seine kleinen Beinchen um das kräftige Bein seines Oheims geschlungen und versuchte in dieser Weise sich wie auf einer Kletterstange emporzuhissen. „Nein, es ist doch zu arg," zürnte Augufte. „Sogleich wirst du den Onkel in Ruhe lassen. Fritz, halte dich nicht länger auf mit ihm. Karl wartet bereits auf dich, es wird Zeit zum anzünden, sonst wird uns der Kleine schläfrig." Fritz ließ sich dies nicht zweimal sagen. Ohne den verdächtigen Oberrock abzulegen entwandte er sich den visitircndeu Händen seines neugierigen Neffen und sich so dünn wie möglich machend, entschlüpfte er durch die kaum geöffnete Thür. „Endlich, du Säumiger!" rief ihm sein Bruder entgegen,„du kommst recht spät, da sieh her, ich binjmiiiahe fertig." Der'Weihnachtsbaum in vollem Schmuck war jetzt aus ein Tischchen gestellt, das mit dem gewissen rothen Tuch überdeckt war und darauf waren sämmtliche Geschenke in sinnreich zierlicher Weise geordnet. Tie Schaöbtel mit den Husaren und die Arche Noah bildeten den Hintergrund, die flimmernden Puppen waren mit großer Pretention vorne hingesetzt und seitwärts lag das Geschenk für Auguste ausgebreitet: ein Halskragen mit Man- schrtten, mit einigen himmelblauen Schleifen herausgeputzt. „Ah, da kann ich wohl mein Präsent gleich daneben legen," sagte Fritz, und er suchte ein kleines vergoldetes Medaillon zu dem übrigen in das gehörige Arrangement zu bringen. „Vetter, das ist für Auguste bestimmt?" fragte der Gatte. „Natürlich, für wen sonst?" „Du kaufst Schmuck? Du bist ein Verschwender, Fritz, und wie er mich dadurch bei meiner Alten in den Schatten stellen wird, du bist eigentlich ein schlechter Mensch." „Ja," scherzte Fritz,„es steckt eine feine Berechnung dahinter, ich will mir bei deiner Gustcl ein Bildchen einlegen, aber jetzt laß mich vor allem meinen Winterrock ausziehen, ich ersticke fast." Er zog das Bögelchen darunter hervor und legte den Rock ab. „Dieser Spitzbube von einem Georg hat es gleich weg gehabt, daß es mit meiner Zugekuöpftheit nicht ganz geheuer sei, ich sage dir, der Bursche ist zu schlau." „Das ist er, und dennoch werde ich ihm heute ein 2c für ein 11 machen," sagte der Vater, indem er lachend auf den Rappen zeigte. „Das ist der Schimmel, nicht war?" fragte Fritz ebenfalls lachend.„Sehr gut, köstlich, ganz wie neu, aber halt, den spannen wir gleich vor den Wagen." „Ja, das thun wir, das wird ihm imponiren,' aber ich meine fast, der Bursch wird allzureichlich beschenkt. Bringt ihm der auch noch was!" „Wer hat denn sonst noch was gebracht?" fragte Fritz verwuu- dert, als könne er sich ein solches Borkommniß nicht erklären. „Die Rosa," versetzte Karl kurz. „Die Rosa— so." „Diese hübschen Puppen brachte sie den Kindern, sie hat sie selbst bekleidet und aufgeputzt." Fritz langte darnach, er bc trachtete sie mit Bewunderung und ließ dann den träumerischen Blick noch lange auf ihnen ruhen, aber er sagte kein Wort.„Sic sind allerliebst, was?" fragte Karl nach einer Pause, während dem er noch einmal alles mit zufriedenen Augen augesehen. „O ja"—„Sie hat Geschmack, das muß man ihr lassen."— „Ten hat sie," sprudelte Fritz heraus. „Sie ist selbst immer so nett, so reinlich— so." „So appetitlich, zum anbeißen," ergänzte Bruder Karl.— Fritz wandte sich ab.—„Ihr seid noch immer unversöhnt?" „Und werden es auch bleiben, sie ist—", er stockte wieder. „Sie ist unausstehlich," rief er mit Heftigkeit. „Meinetwegen," versetzte der Andere, scheinbar gleichgiltig. „Aber ich bitte dich," fuhr er dann mit einem recht malitiösen Lächeln fort.„Warum trägst du denn diese Püppchen im Zimmer herum und drückst sie dabei zärtlich an dein Herz? Gefällt dir das Spielzeug, Fritzchen? Nun, ich wette, wenn Rosa das wüßte, sie machte dir einige solche Dinger, trotz eurer Feindschaft." „Ich bitte dich, spotte nicht," rief Fritz halb ärgerlich, halb lachend, indem er die Püppchen rasch au Ort und Stelle legte. „Du kannst dich lustig macheu, freilich, du hast es gut getroffen, du hast eine liebenswürdige, saufte Frau bekommen, eine wahre Taube, aber—" „Was, aber? Du hast noch gar keine Frau dächte ich, wie kannst du Vergleiche anstellen? Oder hättest du deine Augen vielleicht auf ein kleines, zorniges, rachsüchtiges Ungethüm ge worfen, du Fritz?" Er drohte schelmisch lachend mit dem Finger. „Du, ich will nicht hoffen." „Ich werde garnicht heiratheu, punktum," stieß dieser mit einer Art verzweifelter Resignation heraus.„Ich werde das Glück der Familie niemals kennen lernen, ich werde als alter Junggeselle sterben." „Das ist aber tragisch." „Und wenn ich etwas hinterlasse, sollen es deine Kinder erben." „Ich danke dir, das ist sehr edel von dir, Bruder, aber ich will dir Gelegenheit geben, dich noch bei lebendigem Leibe deinen präsumtiven Erben nützlich zu machen, indem du ihnen jetzt den Weihnachtsbaum anzündest." „Nein, das kauiist du thun," sagte Fritz wider Willen lachend. „Ich gehe, ich habe genug an deinen Späßcheu, und ich will lieber Georg auf den feierlichen Moment vorbereiten." ,',Gut, und wenn ich dann läute, so stürzt ihr alle herein." „Wir stürzen herein; o, ich bin nur neugierig auf das Gesicht, das dein Bube dazu machen wird."(Fortsetzung folgt.) On LmiiMl�ch Zeuchell. Von vr. K. Kidlmann. Motto: Damals Die ungemein große physikalische Absorptionskrast der Woll- und Äleiderfaser, mit anderen Worten, die Aufsaugekraft der Wolle und Lumpen entpuppt sich in neuerer Zeit als der Haupt- faktor für das Zustandckonimcn und die Ausbreitung sowohl de' sporadischen wie der epi- demischen Blatternerkran- kungen. Jil dem Maße, wie diese Thatsache ent- nebelt wird, tritt bei allen Gebildeten das Schreck- gespenst des Nichtgeimpft- seius immer mehr in den Hintergrund, besonders da dieOrtsstatistik des Pocken- sterbenS allenthalben erkeu- nen läßt, daß zu Seuchen- zcitcn nicht die Ungeimpf- tcu, sondern— mit Aus- nähme der ungeimpften Säuglinge— stets die Geimpften und zwei- und dreifach Geimpften es wa- ren, welche zuerst und in Massen erkrankten und hinstarben.— Es ist ein großer Fortschritt in der Seuchenkunde, daß man endlich anfängt, die Blat- tcrn als eine Woll- und Lumpenkrankheit oder— wie bereits die technische Bezeichnung lautet— als eine„Hadernkrankheit" anzusehen.— Die Pocken folgen in ihrem Auf- und Abmärsche unter der Be- völkerung nirgends den Zahlenoscillationen des Nichtgeimpstseins, auch nicht den an Pocken er- krankten Leibern, sondern nur den Wanderungen der von pockenkranken Leibern und Stubenlüften durch- gifteten textilen Stoffe. Dieser Satz bezeichnet eine neue Richtung für die Forschungen nach den natürlichen Ursachen der Pocken, nämlich die Fährte zur Aufsuchung der Absorptions- Verhältnisse der Kleider. Gleichwie bekanntlich Professor von Liebig, als er die alte Stickstofftheorie der Düngerlehre stürzte und an ihre Stelle die Mineraldüngertheorie setzte, viele Jahre lang in einer Kette von Jrrthümern verstrickt blieb, weil, wie er selbst gesteht, er und alle Welt nicht wußte, daß die Ackerkrume auch die in Wasser gelösten Düngsalze nicht durch sich hindurchlasse bis zur Sätti- gung, sie vielmehr auf dem Durchmarsche festhalte und in sich verdichte,— fast buchstäblich genau so ergeht es unseren Aerzten und Hygienikern mit der Pockenlehre. Alan durchlese die ganze impfselige Pockenliteratnr der alten und neuen Heilkunde, man durchstöbere— wie ich es gethan— in den Bürgermeistereiakten die Pockenjournale der Scuchenjahre: nirgends sehen wir auch nur die geringste Andeutung, daß man mit den Absorptions- Verhältnissen der„Lumpen" bekannt gewesen wäre. Die Aerzte, welche insgesammt mit der Lanzette nur gegen das Luftgebildc des Nichtgeimpstseins zu Felde zogen, ließen die erstaunlich großen Petrarca.(Seite 120/ Absorptionsleistungen der Kleiderstoffe, namentlich der Woll- kleider, gegen kranken Hautdunst unbeachtet. Daher, angesichts der schlafenden Tagespresse, die beispiellose Begriffsverwirrung in der Pockenfrage, daher der wahnsinnige Kulturkampf gegen die reichsfeiudlichen Leiber ungeimpftcr Säuglinge und Schwäch- linge mit Giftlymphe und Lanzette! Daher endlich die unbewußte Toleranz gegen die wahren und wirklichen Träger des Pocken- giftes, gegen die Lumpen in allen Formen und Stoffen. Die Betonung der Absorptionsgesctze für die Erklärung der Scuchenausschreitungen hat uns aus von Liebig und seinen lang- jährigen verzweifelten Agrikulturkampf geführt. Auch er hatte, wie wir Jmpfgegner heute, so ziemlich alle seine Zunft- genossen in allen Ländern gegen sich erbittert. Aber er siegte dennoch durch die Ausdauer und durch die schlicßliche Unanfrcht- barkeit seiner Bciveis- gründe. Wir Jmpfgegner— man erlaube uns den Ber- gleich— stehen in dem hartnäckigen Jmpfstrcite immer noch nicht so ver- lassen da, wie einst der junge von Liebig, als er mit seiner„Mincraltheo- rie", dieser großen, welt- bewegenden Reform der Landwirthschaft vor seine Kollegen trat und Vor- urthcile zu bekämpfen hatte, welche älter noch und zäher waren als der Jmpfwahn, und Autori- täten besiegen mußte, welche in der Ackerbauchcmie mindestens für ebenso un- fehlbar, ivie heute unsere Gegner Birchow und Ge- nossen in der Jmpffragc, galten. Viele Jahre lang ivagte kein Mensch, weder Fachgelehrte noch Land- wirthe, auf von Liebigs Seite zu treten. Im La- ger der Gegner von Lie- bigs, so hieß es, seien ja alle Intelligenz, alle Theoretiker und alle Prak- tiker zu finden; alle Er- fahrung, alle Statistik, alle Vernunft spreche entschieden gegen Liebigs Theorien, folglich könne Liebig, als einziger und isolirter Gegner der altbefestigten „Stickstofftheoric" unmöglich recht haben, er könne nicht durch- kommen. Selbst die königliche Agrikulturgesellschaft in England verurtheilte auf Grund aller übereinstimmenden Autoritätsgutachten rücksichtslos die Lehren Liebigs, und die Sache des rationellen Feldbaues, wie Liebig, von aller Welt verlassen, allein sie be- harrlich verfochten, schien für immer gerichtet und begraben. Gradeso wie heute die Jmpfgegner in der Jmpffrage, warb damals Liebig unter seinen Fachgenossen vergebens um Bundes- genossen für seinen hoffnungslosen Agrikulturkampf, vergebens schaute er in allen Ländern ungeduldig nach Anhängern seiner Theorie sich uin, allein alles, was Autorität im Lande hieß, Landwirthe, Professoren und Hofräthe, alle trennten sich von Liebig und wagten nicht, für die klare Wahrheit einzustehen; mächtiger als die Wahrheit erwies sich hier, wie heute in der Jmpffrage, ein hundertjähriges Vorurtheil der Welt— Liebig wurde ob seiner freimüthigen Opposition gegen die haltlose, alte Düngcrlehre verlacht und verspottet. Es verrieth Mangel an Intelligenz. auf Liebigs Seite zu treten. In seinem Umnuth über die offenbare Verblendung der ganzen gegnerischen Welt,». welcher er lebte, und über die Theilnahmlosigkeit der Millionen undankbarer Menschen, für deren wirthschaftliche Güter er un- verdrossen und opfermuthig weiter kämpfte, schrieb von Liebig in seiner Agrikulturchemie jene denkwürdigen Sätze nieder, welche das ganze mit Liebig zerfallene Zeitalter beschämen sollten und welche auch für unsere impfgeguerische Stellung in dein Impf- streite heute volle Geltung haben: „Man kann sich denken," schrieb von Liebig, als seine Be- kämpfung der„Stickstofftheoric" von allen Seiten verlacht und verhöhnt wurde,„daß kr Kampf mit solchen Ansichten geeignet war, alle Hoffnungen auf einen künftigen Erfolg zu verlöschen. Aber ich dachte mich einem Soldaten gleich, der für eine gute Sache kämpfen und seinen letzten Blutstropfen dafür einsetzen will, und dem die Tapferkeit und seine guten Waffen nicht allein zum Siege verhelfen, wenn er nicht außerdem Hunger und Durst und alle Beschwerden eines Feldzuges zu ertragen und sich durch Moräste und Sümpfe seinen Weg zu bahnen weiß, und so nahm ich denn den Widerstand, den meine Lehre fand, als von der Natur einmal gegebene Hindernisse an, welche durch Beharrlich- keit und Ausdauer überwunden werden müßten." Auch wir Jmpfgeguer, die wir Tradition, Staat, Kapital, die Fach- und Tagespresse, die geschlossene Phalanx der für's Impfen fanatisirtcn Aerzte und ihrer Bereine, die Indolenz des so schwer zu iuteressirenden Publikums und— ein preußisches Brotkorbgeietz, welches dem Arzte, welcher gegen das Impfen spricht, den Brotkorb höher hängt*), in bitterster Feindschaft gegen uns haben, wir Jmpfgeguer denken uns. wie der junge Liebig, Soldaten gleich, die für eine gute Sache des Volkes und des Staates, und zwar mit den geistigen Waffen der Statistik, gegen einen gemeinen Aberglauben unentwegt weiter känipfen und ihren letzten Blutstropfen' für die Wahrheit einsetzen wollen. Auch wir fühlen im Jmpfkampfe mit von Liebig alle jene Beschwer- den und persönlichen Nachstellungen, die jeder geistige Fcldzug gegen einen altbefestigten Staats- und Volksaberglauben dem exponirten Krieger auf Vorposten auferlegt; auch wir müssen „durch Moräste und Sümpfe uns die Wege bahnen" und so nehmen wir denn den Widerstand, den unsere Lehre, den unsere statistischen Zahlen— ja Zahlen— finden, als von der Natur einmal gegebene Hindernisse an, welche durch Beharrlichkeit und Ausdauer überwunden werden müssen. Bis jetzt haben seit 1801 unsere Gegner von Etappe zu Etappe noch immer zum Rückzug geblasen, die große Deroute derselben kann also nicht mehr fern sein, denn Zahlen werden endlich doch beweisen: Wir kehren nach dieser kulturkämpferischen Abschweifung wieder zur Theorie vom Lumpeucharaktcr der Pockenseuche zurück.— Nach den Regeln der Logik fällt zwar im Jmpfkampf das ouus probandi, die Beweislast, nur denjenigen zu, welche das Dasein eines Impfschutzes behaupten, und nicht uns Jmpfgeancru, die wir, auf Zahlen gestützt, die Existenz eines solchen Schutzes ein- fach leugnen und den Glauben an einen solchen Pockenschutz für einen plumpen Volksaberglauben erklären; gleichwohl lassen wir uns, die wir die Starkgläubigkeit des geängstigten deutschen Volkes in hygienisch-abergläubischen Dingen sattsam kennen gelernt haben, zu dem weiteren Schritte herbei, daß wir dem Fluche, der un- gerechterweise auf dem Nichtgeimpflsein eines Neugebornen lastet, den eigentlichen Pockenattentäter, die wandernden Wollen und Lumpen entgegenstellen. Wir sehen in der Geschichte die Rastperioden und Rastplätze der Pockenseuche, z. B. das erste Jahrzehnt unseres Jahrhunderts mit seinem großen Pockensinken, jedesmal durch gewcrblich-hygie- nische Reformen großen Stils bezeichnet. Zu diesen Reformell gehörte, wie wir gesehen haben, die systematische Löschung der Wollpockeu in den inländischen Schafherden. An diese kultur- geschichtliche Reinigung der Rohwolle reihen sich zunächst a) der gesteigerte Lumpenverbrauch in Papierfabriken, Kunstwoll- Industrien, Fauldüngerwirthschasten u. s. w.; b) die allgemeine Einführung der periodischen Wechselwäsche für Leib und Bett, in Verbindung mit den Fortschritten der Scifenfabrikatiou und der Rasen- und Knnstbleiche. *) Mir wurde in Berlin im Ministerium gejagt, ich könne trotz besten Prüsungs- und Kriegsverdienst-Zeugnissen nicht jireisphysikus werden, solange ich nicht sür's Impfen sei!!! Und viermal ist mir bis dato ein konkurrenzloses Dorfphysikar aus diesem Hauptgrunde rundweg abgeschlagen worden! Solcher Waffen bedient sich der Staat der In telligenz im Kampfe um den zusammenbrechenden Jmpfwahn! D. Bf. .) Der Lumpenverbrauch sonst und jetzt.— Ich habe in meiner �.»..)barschaft aus dem Jahre 1624 ein Haus in unveränderter Gestalt: als Fenster der Thor- und Schlafstuben dienen kleine, düstere Luken vvii zwei Fuß im Geviert, zum Belüften und Be- lichten der Schlafkammer nicht benutzbar. Hier schliefen die Leute ihr Kryptogamenleben unter und zwischen aufgestauten Kleider- lumpen, nackend zwischen Rohwolldecken, jeder linnenen, wasch- baren Hemden und Zwischendecken baar, von Dunst- und Athmungs- diätetik noch nichts ahnend. Und da sollte es— trotz der tollsten Jmpferei des vorigen Jahrhunderts— keine perennirenden Haut- seuchen, keine unausrottbaren Pockenncster gegeben haben! In den nämlichen Stuben wurde aber auch die Wollschur der Pocken- kranken Hausschafe getrocknet. Was wußten die Aerzte damals davon, daß man sich Seuchengift auch hereinathmen kann!— Möchten doch unsere Hygieniker etwas mehr Kulturgeschichte in den Rumpelkammern des Volkes studiren, dann würden sie bald von dem Steckenpferde der Jmpfreiterei herabsteigen!— In die Verwahrlosung des Stubcnlebens im Volke bezüglich der Woll- und Lumpenhegung kamen einige aufräumende Stöße um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts schon durch die aufstöbernde Volksbewegung der Encyklopädisten und die daran sich knüpfende, alle Winkel säubernde Revolution; die Kriegsmärsche ventilirtcn die alte Wolle auf dem Leibe. Der Haupthebel aber, das Auf- stauen der Lumpen zu heben, war der schnelle Auffchwung der Papierfabrikation, besonders die Einführung einer Methode, aus Wolllumpen Packpapier zu fabriziren. Bon dieser Zeit datirt erst die Massendesinfizirung der lebenden Menschenhäute und ihrer Dunstzonen in den Häusern. Der gesteigerte Lumpenverbrauch brachte um das Jahr 1807— dieselbe Zeit als auch der Schweiß der pockenkranken Schafivollen außer Verkehr gesetzt wurde— eine Nachfrage nach Lumpen zu- Wege, welcher kaum zu genügen war; die Lumpen und in ihnen die Hautmauserstoffe der Menschen wurden nun nicht mehr alt, nicht mehr faul in den Häusern, nicht mehr faul auf den Leibern, wie ehedem. Das war die Zeit, als Hufeland und seine Zeit- genossen des alten Blatterninokulirens überdrüssig geworden waren und nun anfingen, sich mit dem Nimbus des Jenncr'schen Kuh- pockenschwindels zu umgeben. Diese gelahrten Herren sahen nicht, wie neben ihnen her eine großartige Industrie, die Lumpen- zerstampfung, als die radikalste Sanitätspolizei, reinigend und segnend durch's Land zog und Bürgern und Bauern die alten, stiiikenden Lumpen von den trägen Leibern riß und aus den Spinden und den Betten holte und so unbewußt die gefährlichsten Brutncstcr der Seuchen überall ausrottete. Die Aerzte dünkten sich auch damals schon viel zu vornehm, als daß sie die Kulturgeschichte und die Statistik der Volksgewerbe eines Studienblickes gewürdigt hätten, sie— impften, unterdeß vollzogen andere die permanente Massenabfuhr der Seuchengifte und tilgten die Seuche. Man muß mit der Nase des Hygienikers die Lager und Ablade- Plätze cher Lumpensammler und die Werkstätten der Lumpensortirer aufgesucht haben, um zu begreifen, was es heißen will: im Au- fange dieses Jahrhunderts wurden die getragenen Lumpen für vogelffei erklärt und bekamen Geldwcrth! Das war eine Volks- wirthschaftliche und gesundheitswirthschaftliche Lösung, deren Be- dcutung von den ciiffeitig nur auf Klinik und Krankheitsnamen dressirten Aerzten unmöglich neben der vergötterten Jmpfnadel gewürdigt werden konnte. Nur durch dieses Nichtseheu der groß- artigsten Entgiftung der Menschheit von den Hauffchlacken der Lumpen wurde es möglich, daß die Aerzte die unausblelblichen schönen Folgen dieser permanenten Schweiß- und Talgabsuhr, das Zurückweichen der Seuche, dem Spuk der Jenner'schcn Impf- spielerei zuschrieben und diese— zur Schande des 19. Jahr- Hunderts— durch Gesetz und feile Preffe vergöttern ließen. Wenn erst unsere junge Hygiene soweit sich vom Herkommen cmanzipirt haben wird, daß sie unsere Heiladepten, die angehenden Mediziner, bisweilen auch über den engen Gesichtskreis der Kliniken hinaus in's Leben des Volkes und in die treibenden Gewerbe hineinführt und ihnen den Blick für diese unter uns wohnenden, leibhaftigen Krankheits- und Gesundheits-„Genien" öffnet, dann erst wird es auch besser mit der natürlichen Bewäl- tigung und Vorbeugung der Seuchen und Einzelerkrankungen; die Gesundheitswacht wird dann eine wissenschaftlich bewußte werden, wie sie bisher nur eine unbewußte war. Wenden wir uns also zunächst der lumpcnverzehrenden Papiersabrikation zu und über zeugen uns, inwiefern dieselbe an dem numerischen Sinken des Pockenerkrankens und Pockcnsterbens an der Schwelle unseres Jahr- Hunderts ihr großes Theil gehabt hat.(Schluß folgt.) Deutschla.. Skizzen aus den Jahren V. Da tagten sie zusammen in Koburg, die Tnrner aus Süd und Nord, und wollten Deutschland unter einen Hut bringen, und zwar unter den Hut des Herzogs Ernst von Coburg, der aber grade in Baden-Baden weilte und dem Herrscher an der Seine sein Kompliment machte. Sie tagten und beriethen und konnten selbst nicht einig werden, nicht einmal darüber, auf welche Weise die turnerischen Bestrebungen und Arbeiten centralisirt werden sollten. Die Männer des Südens und des Westens verlangten eine thatkräftige Bewegung und Centralisation, sie wollten unter dem schwarz-roth- goldenen Banner auch die politische Freiheit des Volkes erkämpfen, während besonders die Herren aus Berlin und Leipzig jede politische Meinung ausgeschlossen haben wollten. Gradeso wie späterhin der alte Papa Wrangel— Verzeihung, ich wollte sagen der alte Papa Schulze— die Politik ans den Arbeitervereinen zu verbannen suchte. Politik ist Privatsache des Einzelnen, riefen die Herren Anger- stein, gegenwärtig Oberturnivart in Berlin und Ritter des rothen Adlerordens, und Martens, während der Stuttgarter Kallenberg die Turnerbewegung zu einer Freiheitsbewegung machen wollte, allerdings, wie es mir nachher einleuchtete, mit dem Herzog von Koburg an der Spitze. Die Herren Georgii, Festpräsident, und Dr. Götz, Redakteur der„Turnzeitung", blieben neutral— es geht ihnen heute noch immer so, diesen Urbildern des deutschen Philisterthuins— sie nennen sich Demokraten, wollen aber um keinen Preis die„Volks- regierung". Ein Antrag auf Gründung eines„Allgemeinen deutschen Turnerbundes", den Kallenberg stellte, wurde nach lebhafter Dis- kussion abgelehnt,„weil das Volk noch zu sehr eingeschüchtert sei," wie die Leipziger und Berliner benierkten.— Seit 1848, wo sich das Volk„einschüchtern" ließ, waren volle zwölf Jahre verflossen, und so wird das Volk, nämlich das„Volk" jener Herren und ihrer Sippe, die das koburger Turnfest leiteten, wohl für immer ein- geschüchtert bleiben.---- Erzählen wir nun kurz den Verlauf des Festes. Nach dem „Turntage", von welchem noch ein„ehrfurchtsvoller" telcgraphischcr Gruß an den Herzog von Koburg näch Baden-Baden gesandt wurde, am 17. Juni 1860, fand Nachmittags der Festzug und das Schauturnen statt, bei welchem die leipziger Turner sich be- sonders hervorthaten. Der Festpräsidcnt, Rechtsanwalt Georgii aus Eßlingen, hielt die Festrede und forderte am Schlüsse der- selben die Turner auf, die Häupter zu entblößen und an das Vaterland zu denken. Georgii selbst stand hoch auf der Tribiinc und ließ circa 1200 Turner mit entblößten Köpfen vor sich stehen, solange bis es einigen jungen Burschen langweilig wurde, die ein Hoch ausbrachten und somit den Bann lösten. Diese lächerliche Komödie hat später manchen Festgenossen noch geärgert. Am 18. Juni war Feucrwehrprobe, Schwimmübung, Turn- fahrt nach der„Beste" und dem Schlosse Rosenau. Abends fand der Kommers in der Reithalle statt. Mir ist noch erinnerlich, daß sehr viel und sehr viel dummes Zeug über Schleswig-Holstein geredet wurde; auch wurde ebenso viel bei diesen Toasten geweint. Da fuhr plötzlich wie ein leuch- tender Blitz die kurze, kernige Ansprache des Dr. von Sch. dazwischen, der einen Toast ausbrachte ans die deutschen Flüchtlinge in der Schweiz, in England und dem fernen Amerika,„auf die treuesten Söhne des Vaterlands!" Alle Sentimentalität war plötzlich verschwunden, ein brau- sender, nicht endcnwollcnder Beifallssturm erfüllte die Halle, die Augen der deutschen Jugend leuchteten in Begeisterung und Zornes- gluth darüber, daß das Vaterland die besten seiner Söhne ge- ächtet habe.— Die Angersteine, die Götze, alle die Streber und Angstmichel machten schier verwunderte und lange Gesichter und griffen den Redner später seines freien Wortes halber an:„Seine Hoheit der Herzog dürften derlei Toaste ungnädig aufnehmen." Des andern Tages, am 19. Juni, wurde eine Tnrnfahrt nach dem Kallenberg, einem Lustschlosse des Herzogs, gemacht und mit einem Kricgsspiel verbunden. Die Festleiter, die beim Herzoge einquartirt waren, hatten die Turner in zwei Hecrhaufen getheilt; die Losung des einen, 1360—1863 von W. K. der meist aus Thüringern, Süd- und Westdeutschen bestand, war „Koburg", die des andern, der sich aus Berlinern, Leipzigern, Schlesiern und Ostpreußen zusammensetzte, lautete„Deutschland". Nach langem Manövriren siegte Koburg über Deutschland. Erst später ist es manchem harmlosen Turner, der sich mit Ver- gnügen dem Spiele hingegeben, eingefallen, daß er zu einer einfältigen Komödie beigetragen hatte, die die Herren Georgii, Kallenberg, Götz zc. dem Herzog von Koburg aufführten. Es sollte der Sieg Koburgs über Deutschland die Kaiserkrone versinnbildlichen, welche dem Herzog von Koburg gebühre!--- Der Herzog war auch inzwischen von Baden-Badcn zurück- gekehrt und empfing einige Deputationen; vorher war ich gleich- falls begierig gewesen, dem Herrn vorgestellt zu werden, doch nachdem ich die aufgeführte Komödie begriffen, dankte ich für die Ehre. Des Abends war Ball im Theater. Da der Herzog und die Herzogin ihr Erscheinen zugesagt hatten, stellte das Festkomitö an sämmtliche Turner das Ansinnen, in weißen Glacehandschuhen zu erscheinen, was um so lächerlicher war, da die sonstige Klei- dung der meisten Turner in äußerst derangirtem Zustande sich befand. Es konnten ja nicht alle Festtheilnehmcr großes Gepäck bei sich haben, wie die Herren Festleiter, die schon in ihrer Hei- math wußten, daß sie bei dem Herzoge logiren würden. Infolge dessen fielen die Herren bei der Glacehandschnhdcbatte auch mit ihrer Ansicht durch, und das Erscheinen auf dem Balle wurde nicht von den weißen Glacehandschuhen abhängig gemacht. Das war auf dem Balle ein Scharwenzeln um den Herzog und die Herzogin herum! Ja, mancher frisch-fromm-fröhliche und freie Turner war entzückt, wenn er nur die Robe der Frau Herzogin streifen konnte. Die deutsche Servilität zeigte sich da in ihrer ekelerregendsten Weise. In erster Linie belästigten den Herzog natürlich die Herren Georgii, Götz und Genossen; ob dieselben sich schon als künftige Reichsminister dem Herzoge vorstellten, das konnte man nicht hören, aber glauben konnte man es, denn diese Herren haben selbst gemeint, daß sie einst Reichsminister werden würden, und was find sie jetzt? Georgii ist auf dem antisozialistischen Kongreß, der jüngst in Gera tagte, zum Ausschußmitgliede gewählt worden,— also doch Minister, wenn auch nur des Dr. Max Hirsch; Angcrstein hat den rothen Adlerorden erhalten und sinnt über den Herwegh'schen Spruch nach: Adler, ihr klassischen Adler, ihr ordentlich rothen und schwarzen— Wo nur immer ein Aas, sammeln die Adler sich schnell. Und Götz ist noch immer Götz geblieben. ** * Lassen wir die Streber und Simpelmeier laufen und wenden wir uns zu einer Gruppe tübinger und erlanger Studenten, die sich init mehreren Turnern aus dem Handwerkerstande in einem Nebenzimmer des Thcatersaals bei einem Glase Bier nuterhalten. „Es hat gar keinen Sinn, wenn wir einen akademischen Turn- verein gründen," rief ein hübscher, blonder Schwabe aus Tübingen, „die meisten unserer Kommilitonen turnen doch nicht und außer- dem ivird durch die Exklusivität ja der eigentliche Zweck der Turnvereine, die Ausbildung des ganzen Menschen und des ganzen Volks verhindert. Aus unserem Umgänge können hier unsere Freunde etwas lernen, aber ganz bestimmt können wir »och mehr von ihnen lernen, und zwar in Bezug auf das praktische Leben. Ich habe mich in diesen drei Tagen vorzugsweise mit den Handwerkern und Arbeitern, die sich hier als Turner bc- finden, unterhalten und bennde mich sehr wohl d1*: und habe noch gelernt." Ein erlanger Student hielt es für se.fr s zu überwinden, die in studentischen Kreisei seien— jeder Handwerksgeselle sei ein K Studenten, und deshalb müßten erst öfb Bahnbrecher einer vernünftigen Anschauunj „Das wäre nur Strohfeuer," rief ei geselle, der aus einer nahen thüringischen kommen war,„ein Strohfeuer verlischt bald ist, daß in den Turnvereinen die Söhne Bevölkerung längere Zeit turnen und miteinander leben, so kc auf die Dauer aus den Turnvereinigungen für die Gesammtheit nichts Ersprießliches entstehen; einige Turuenthusiasteu und Turn- künstler schließen sich zusammen, und außerdem werden wir gar bald in jeder Stadt, wo man das Turnen pflegt, zwei, auch drei Turnvereine haben, in welchen die einzelnen Klassen ver- treten sind. Und die Möglichkeit des längeren, innigen Zusammen- lebens der verschiedenen Stünde bestreite ich, gestiitzt aus meine Erfahrungen. So interessant im allgemeinen das fast verflossene Fest war, so konnten dem aufmerksamen Beobachter die ver- schiedenen Strömungen, die dasselbe beherrscht haben, nicht ent- gehen, und der noch aufmerksamere Beobachter findet die Ursache der verschiedenen Strömungen in den verschiedenen hier vertretenen Klassen." Einer der Studenten reichte dem erregten Handwerksgesellen die Hand und meinte:„Du siehst zu schwarz; wir sind alle gleich." „Ja, alle gleich— euch stehen Aemter und Würden und ein gewisses Wohlleben bevor und uns das ewige Einerlei geist- tödtender Arbeit, die täglich 12 volle Stunden währt, und im Alter Siechthnm und Roth;" entgegnete der Geselle bitter,„doch trinkt, lassen wir das ernste Gespräch und gehen wir lieber in den Ballsaal, wo unsere Festleiter der Herzogin die Schleppe tragen; die wird froh sein, wenn sie den gemüthlichen Schwaben Zur Geschichte dl Die Zeichen der Knechtschaft werden nicht selten zu Symbolen der Freiheit. Bis 1792 war die rothe Fahne m Frankreich ein Zeichen der Unterdrückung und des Martialgesetzes. Im Juli genannten Jahres, als die Lava der Revolution mächtig in Fluß gerathen und die Vorbereitung zur Entthronung des Königs emsig getroffen wurde, wählte das pariser Volk dieselbe zu seinem Panier und versah sie mit der deutlichen Inschrift:„Martial- gesetz des souveraiucn Volkes gegen die Rebellion der vollziehenden Gewalt." Heute ist eine rothe Fahne in aller Welt das Panier des Proletariats; erinnert doch schon ihre Farbe an den„be- sondern Saft", mit welchem von jeher die verblaßte Schrift der Freiheitsbriefe aufgeftischt werden mußte... Die rothe Mütze Ivar zuvor schon ein revolutionärer Schmuck. Unter dem in Nancy garnisonirenden Schweizerregimcnte Chateau- vieux brach nämlich mährend des Spätsommers 1790 eine Meuterei aus, nach deren Niederwerfung die Offiziere von zwei andern in ftanzösischcm Solde stehenden Schweizerregimentern ein furchtbares Urtheil fällten. Ein Soldat wurde gerädert, 23 seiner Kameraden wurden gehäugt, 41 nach Brest auf die Galeeren geschickt, viele andere in» Gefängniß geworfen. Die schweizerischen Regierungen dokumcntirten ihren landesväterlichen Zorn iiber„die besudelte Fahnentreue" durch den Beschluß, sämmtlichen Betheiligtcn die Rückkehr in's Vaterland zu verbieten und sie zur Rückerstattung „des ihren Hauptlcuten gewaltthätig Erpreßten" anzuhalten, even- tuell ihr in der Heimat befindliches Verniögen zu konfisziren. Daß ' die erste Ursache der Rebellion in der niederträchtigen Ausbeutung der Soldaten durch ihre„würdigen Vorgesetzten" lag_, kam nicht in Betracht, die„Fahnenehre" verlangte ein Opfer... Mittlerweile ging die konstitutionelle Periode der Revolution rasch zu Ende und jetzt fand auch das Ereigniß von Nancy eine andere Beurtheilung. Vielleicht um so mehr, als mau sich wohl erinnerte, daß das Regiment Chatcauvieux seinerzeit beim Sturm auf die Bastille verweigert hatte, auf das Volk zu feuern. Als daher im September 1791 eine Amnestie für polittsche Verbrecher ausgesprochen wurde, crthcilte Ludwig XVl. den Auftrag, bei den schweizerischen Regierungen darauf zu dringen, daß sie" die Ver- urtheilten d' Regimentes ebenfalls an dem Gnadenakte Theil nehmen � � Allein im Lande Wilhelm Tell's wollte �.ch erwachten„Jnsubordinationsgeist" nicht die Begnadigung ward abgelehnt. Bevor schreiben in Paris eintraf, war es bereits Eine Menge von Klubs, Deputirte, die i von Brest, sogar die Räthe des Dcparte- -stc Fürbitte eingelegt und am 31. Dezember rsammlung die Befreiung der Sträflinge. s war beinahe ein Triumphzug. Am bekleidet mit ihren rothen Galeerenmützen ? Eßlingen und den sentimentalen Sachsen aus Lindenau los sein wird." Die Studenten lachten laut auf und Arm in Arm wandelte die kleine Schaar dem Ballsaale zu, wo sich eben der Herzog und die Herzogin verabschiedeten. Großer Tusch— tiefe Ver- beugungcn— ein langes, schmerzliches Nachsehen aus schwäbischen und sächsischen Augen— ja, ein Nachsehen. i-* * Bald sah man die Studenten und Handwerker niit den hübschen koburger Bürgcrmädchen sich im Kreise drehen und im Borüberfliegen rief der tübinger Student dem Handwerksgesellen aus Thüringen zu:„Siehst du, hier hören die Standesunterschiedc auf!" Die beiden jungen Freunde tanzten nämlich mit zwei Schwestern, und es haben, wie mir später mitgetheilt wurde, beide Paare den Tanz fortgesetzt durch das Leben und sind leidlich glücklich geworden— aus dem schwärmerischen Studenten wurde ein recht pfiffiger Advokat und aus dem unbewußten Sozialisten ein braver deuffcher Reichsphilister. -i-* * In Koburg aber ist seit dem Feste die Turnerei immer mehr in Abnahme begriffen gewesen. : Zakoblnermühe. und der Uniform der brester Nationalgarde, den Einzug. Nach hitziger Debatte erkannte ihnen die Nattonalgarde die Ehre, der Sitzung zu. Geführt von Collot d'Herbois traten sie in'oen Saal, schwuren der Nation Treue und begaben sich hierauf nach dem Lokal des Jakobinerklubs, wobei ihnen auf einer Pike eine mit Lorbeer umwundene Galeerenmütze voraiigctragen wurde. Präsident Vergniaud, so erzählt der schweizerische Historiker Karl Morell(„Die Schweizerregimenter in Frankreich; 1789—1792"), empfing sie mit einer feurigen Anrede, in welcher er sagte:„Ihr Unglücklichen werdet der Nation immer theuer sein. Ihr habt Schmach und Unglück erduldet, weil Ihr Euch nicht als Werkzeug der Tyrannei mißbrauchen und erniedrigen ließet, das Volk ge- achtet und geschützt habet. Dieses vom Despotisinns so schwer geahndete Verbrechen verschafft Euch bei der Nation die höchste Ehre und erhöht den Glanz Eurer Tugenden, welche die Ver- räthcr vernichten wollten____ Ihr seid die Märtyrer der Konsti- ttitton, die wir zu vertheidigen geschworen haben." Dieser Auffassung direkt entgegengesetzt war diejenige Marat's, welcher in seineni„Volksfreund" gestand, daß die Soldaten des Regiments Chateauvieux Rebellen gewesen seien. Aber gerade das rechnete er ihnen zum Verdienste an. Sie hatten allerdings das Gesetz verletzt,„doch dies geschah nur, um den heiligsten Ge- setzen der Natur zu folgen, vor welchen alle andern sich beugen müssen." Wenige Tage darauf, am 15. April, fand zu Ehren der Amnestirten ein großes Fest auf dein Marsfeld statt, bei welchem die Büsten Voltmre's, Rousseau's und Franklin's beräuchert und die Ketten der ehemaligen Sträflinge von weißgekleideten Jung- frauen getragen wurden. Den mit zwanzig Pferden bespannten Triumphwagen zierte ein auf Karton gemaltes Bild der Freiheit. Unter den Reden war besonders diejenige Robespierre's von Interesse, der diese Feier als die des edelsten aller Revoluttons- feste pries. Nur ein Tag könne mit diesem wetteifern, der Tag nämlich, an welchem der König gefangen in Paris eingezogen. Das Bundesfest sei durch die Gegenwart Lafayette's und des Hofes herabgewürdigt ivorden. Der 15. April erscheine rein und unbefleckt als der Tag, an welchem die Unschuld über das Laster und über die Verleumdung den Sieg gewann.„Die ans Piken gepflanzten Galeerenmützen bildeten ivieder einen Hauptschmuck der Feier und wurden so, nachdem sie schon vom Jakobinerklub als Zeichen der errungenen Freiheit angenommen worden, zu einem der bekanntesten Symbole des sanskülotttschen Frankreichs." Woher hatten aber die Jakobiner dieies Zeichen? Eine interessante Andeutung hierüber enthält die neueste Publikation des bekannten Genfer Professors Galiffe, einer Sammlung bis- her ungednickter, thcilweise höchst werthvoller Briefe von Genfern und Gcnferinnen des 18. Jahrhunderts.(D'un siäcle h l'autre, Correspondence intfdites. Geneve 1877.) Galiffe hat bei die>rt. Arbeit auä? die Rathsprotokolle nachgeschlagen und dabei die Entdeckung gemacht, daß schon Mitte November 179l, somit immerhin anderthalb Monate vor Erlaß des Dekrets, welches den schweizer Soldaten die Äetten abstreifte, in Genf die rothe Mütze von revolutionär gesinnten Bürgern getragen wurde. Die Prolokolle vom 15. bis 18. November enthalten im Wesentlichen Folgendes: In der Nachmittagssitzung des 15. cheilte das' Oberhaupt der Polizei mit, ein gewisser Mottu, genannt la Liquette, sei, begleitet von zahlreichem Volk, durch die Gassen gewandert, mit einer rothen, den weißen Buchstaben„G" tragenden Mütze bekleidet, wie solche in Frankreich die Galeerensklaven besitzen; offenbar wolle der freche Mensch dadurch andeuten, daß er und seine Klaffe, die Natifs*), ebenfalls in Fesseln geschlagen seien. Er habe *) Tie politisch-soziale Gliederung des Gemeinwesens war eine sehr schroffe. Zuerst kamen die„Citoyens", kaum ein Sechstel der Gesammt heit, als die eigentlichen Machthaber; den zweiten Rang nahmen die „Bourgeois", den dritten die„Natiss" ein, die Nachkomme» von bloßen Einwohnern. Die zwei untersten Schichten, die„Habitans" und die „Domicilies" bildeten die große Mehrzahl, waren jedoch in rechtlicher Hinsicht so übel dran wie die„Sujets" der zur Stadt gehörigen Land- gemeinden. Aus Galiffe's Buch erfahren wir anch einiges über die Familie des berühmten Revolutionärs Marat. Auf eine Anftage aus Paris über den„jungen Doktor Maral", antwortet Professor Le Sage im Jahre 1774:„... Der Bater Marat's war zuerst Professor in seinem Heimatland Sardinien, später in Spanien. Er kam nach Neuenbürg um die Religion zu wechseln, heirathete, und der Sohn, welcher ihm geboren wurde, ist der Doktor, den sie kennen. Die Frau starb; er heirathete eine Genserin, welche ihm einen Sohn und drei Töchter schenkte. Er ließ sich in Genf nieder und starb, nachdem er auch seine zweit" Frau durch den Tod verloren, letztes Jahr dahier in größter Dülstigkeit. Ter jüngere Sohn ist seit langer Zeil Kandidat der mvuJ im Klublvkal„de la Grille" verhaften lassen, worauf sofort zwei Bürger erschienen, um Beschwerde zu führen. Das mit ihnen angestellte Verhör ergab, daß drei solcher Mützen fabrizirt worden waren, was auf das Bestehen eines Komplottes wies. Man behielt die zwei Bürger im Gefängniß und zog noch einen Dritten ein. Ter Rath beschloß Einleitung des Strafversahrens und provisorische Schließung des Gesellschaftshauses de la Grille, „welches das ganze Jahr über der Sammelplatz der turbulentesten Natifs und der eigentliche Heerd der Empörung gewesen." Man wagte indessen nicht so weit zu gehen, sondern begnügte sich den Mitgliedern des Klubs anzuzeigen, daß man sie überwachen, und für alle weiteren Vorkommnisse verantwortlich erklären und das Lokal auf die erste Klage hin schließen werde. Hiermit war die„Frage" für einmal erledigt; erst im November des folgenden Jahres hatte sich der Rath nochmals mit derselben zu beschäftigen. Die Betrübniß über diese„Störung der öffentlichen Ruhe" war groß, doch suchten die Herren mehr auf dem Wege der Güte vorzugchen, einem Wege, den die Gewalt stets dann betritt, wenn ihr kein anderer übrig geblieben. Das aristokratische Regiment krachte bereits in seinen Fugen und im Dezember brach es vollends zusanimen. Auf die politische Entwicklung Frankreichs in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat die kleine Republik Genf in mächtiger Weise eingewirkt. Man hat I. I. Rousseau den Theoretiker der Revolution genannt; es wäre interessant, zu wissen, ob auch deren Symbol, die rothe Mütze, von Gens aus nach Frankreich hinüber gewandelt ist. Rein»»!» Riugg. Theologie und einer der hitzigsten Natif's. Die Fräulein Marat gaben Unterricht in Geographie, Modearbeiten!c. und sind gleichfalls sehr exaltirt."— Die Familie Marat existirt heute noch in Genf, schreibt sich aber der ursprünglichen Orthographie gemäß Mara. Der ErdonKel. Novelle von Ernst von Matdow. (Fortsetzung.) Es war völlig dunkel geworden, die säumige Magd erschien immer noch nicht init den Speisen.— Gertrud, fürchtend, daß irgendein Unglück in der Küche geschehen und dem Kalbsschlägel etwas zugestoßen sein könnte, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, da sie ihn verlassen, begab sich langsam hinweg und machte so der Hosräthin Platz, die mit einer gewissen Feierlich- keit sich nahte, und die Hand Jakobs ergreifend ihn nach dem freien Platze vor die Laube führte. Hier angelangt, sprach sie vernehmlich:„Mein verehrter Schwager! Vertraut mit den Sitten und Gebräuchen hochstehender Leute, wenn es sich um die Feier eines solchen Tages handelt, wie der heutige, glaubten wir, Sie nicht besser ehren zu können, als wenn wir eine ähnliche, würdige Feier arrangirten, und haben wir weder Zeit noch Mühe gespart, um Ihnen ein schwaches Zeichen unserer Verehrung geben zu können." Diese weihevolle Anrede erregte allgemeine Aufmerksamkeit bei den älteren Mitgliedern der Gesellschaft, das junge Völkchen bewegte sich nämlich immer noch lachend und scherzend im Hinter- gründe des Gartens uniher und tändelte, gleich muthwilligen Sommervögeln, zwischen den Rosenbüschen. Hans hatte sich zu Adelgunde gesellt. Die Liebe, welche in den Herzen dieser beiden seltsamen Menschenkinder gekeimt, war endlich zur Frucht gereift, die nur eines letzten, kleinen Anstoßes bedurfte, um von dem Baume der Erkenntniß— wie Einmerenzia in einem ihrer Liebcsgedichte in gereimter Prosa sagte— mit leichter Mühe herabgcschüttelt zu werden. Ter Abenddämmerung dunkler Schleier verhüllte gütig den Blicken des Mädchens die Häßlichkeit ihres Geliebten, sie hörte nur seine zärtlichen Worte, fühlte den Schlag seines Herzens, als er, ihren Arm innig an sich pressend, ihr immer und immer nur von seiner Liebe sprach und sie fragte, ob sie ihn nicht ein wenig wieder lieben könne. Adelgunde fühlte, daß dies der Fall sei,— es bereitete dem alten, einsamen Mädchen eine unendlich süße Empfindung, sich doch von einer Menschenseele treu und wahr geliebt zu wissen. Freilich wohnte besagte Seele in einer ziemlich unschönen Hülle, und was mehr sagen will,«die letztere gehörte einem blutarmen und auf einer sehr niederen Stufe in der Gesellschaft stehenden Manne an. Ein kurzer Kanipf noch gegen die mit der Muttermilch eingesogenen Vorurtheile, und Fräulein Adelgunde von Bartels sank hingebend an die schmale Brust des getreuen Hans, dessen lange Arinc die zarte Gestalt umschlossen, als gälte es, eine kostbare Beute festzuhalten. Lauter und sehnsuchtsvoller schlug die Nachtigall, süßer hauchten die Rosen ihre holden Düfte, das Geräusch des lauten Lebens- Marktes drang nicht bis zu diesen Glücklichen. Selbstvergessen ruhte Adelgunde noch immer an des Geliebten Brust, während die Lippen der beiden sich zu einem langen Kusse geeint. Mitleidig verhüllte die Nacht mir ihrem Schleier das zärtliche Paar vor den neidischen und spottsüchtigen Blicke» der Menschen. Da auf einmal blitzte es ans— ein verrätherischer Strahl. Sie sehen es nicht. Und jetzt— wehe! Tagcshelle herrschte plötzlich. Das elektrische Licht, welches Papa Hosrath entzündet, verscheuchte siegreich das Dunkel und zeigte mit fürchter- licher Deutlichkeit, was sich im Schutze der Nacht geborgen ge- wähnt! Auf dem Kieswege, an den Stamm eines hochstämmigen Apfelbaumes gelehnt, stand Hans und sein Liebchen vor aller Augen, Brust an Brust, Mund an Mund geschmiegt. Mit einem Schrei des Entsetzens brach die Hofräthin zu- sammen, und wie ein Ed)o antwortete diesem mütterlichen Rufe ein leiser Aufschrei Adelgnndens, die sich jetzt, von der Mitleids- losen Helle überfluthet, bleich und zitternd aus den Armen ihres Geliebten riß. Hans stand da, als fei er zu Stein erstarrt; dann fuhr er sich mit den Fingern seiner graubehandschnhten Hände in das künstliche Toupet und stürzte unter dem Spoitgelächter, das Emmerenzia und Martha ausstießen und in das Meister Johann und Frau Friederike unwillkürlich einstimmten, fortgerissen der Komik der Situation, dem Ausgange des Gartens zu. Allmählich erlosch das verhängnißvolle elektrische Licht, die vorige Dunkelheit folgte und verhüllte zwar das schamvolle Antlitz Adelgundens, die in die Arme der Schwester geflüchtet war, andrerseits aber verursachte sie einen bedauerlichen Zusammenstoß. Als Hans nämlich, einem Irrsinnigen gleich, in seiner Ver- zweiflung dem Ausgange zueilte, trat durch die schmale Garten- thür Gertrud mit der Magd, beide den Speisekorb sorglich zwischen sich tragend, lieber diesen nun stürzte Hans in wildem Anprall, und zur Erde fallend, riß er den Korb mit sich, dessen Henkel die erschreckten Frauen unwillkürlich losgelassen hatten. Der appetit- liche Inhalt leerte sich auf den Rasen aus. Die schöugebräunte Kalbskeule kollerte von den Icherben der zerbrochenen Schüssel in Sand und Unkraut, und das Kirschenkoinpot ergoß sich in rothem Strome, ihr nachfließend. Ein bitterer Hohn war es, daß just in diesem Angenblick drei Raketen strahlend ausstiegen, und das Wehgeschrei Gertruds und der Magd klang in die Ohren des übereifrigen, kleinen Hofraths, der sich des gelungenen Werkes freute, wie Hochruf. Zur selben Zeit herrschte aber in dem Lusthause eine noch größere Verwirrung. Dame Edeltrnd war, wie wir bereits ge- meldet, in wirkliche oder auch nur fingirte Ohnmacht gesunken bei dem für ihr Mntterherz so fürchterlichen Anblick. Die gutmüthige Frau Friederike beschäftigte sich zuerst mit der Leidenden und suchte ihr den Inhalt eine's Weinglases einzu- flößen, wobei sie die Hülfe Marthas und Emmerenzias begehrte. Die beiden schadenfrohen, alten Jungfern beeilten sich nichts- destoweniger, die alte Dame, welche auf die hölzerne Bank in der Laube gesunken ivar, aufzurichten, und über diesem Bemühen hatte man die Hauptverson, den Erbonkel, gänzlich vergessen. Zum Glück erinnerte Meister Johann sich seiner und erblickte den Bruder unbeweglich in seinem Sessel sitzend. Der besorgten Frage, ob ihm etwas fehle, antwortete nur ein unartikulirtes Lallen, und beim schnell vorübergleitcnden Leuchten der auf- steigenden Raketen konnte der Schreinermcister zu seiner Bestür- zung sehen, daß Jakobs Mund häßlich verzerrt war und seine kleinen Augen wie verglast vor sich hinstarrten. Jetzt stieß der Meister einen Alarmruf aus, in den sich die Schreie der Frauen mischten, die sofort die Stiche ließen, als ihnen klar ward, was hier geschehen. Ein Feuerregen prasselte, in schönen Garben aufsteigend, her- nieder, und wieder glaubte der Hofrath in unseliger Verblendung, daß die dumpfen Schreie, welche an sein Ohr schlugen, Ausrufe des Beifalls und Entzückens seien. Deshalb ließ er zum Schluß noch einmal das elektrische Licht erstrghlcn und begab sich darauf, händereibend und vergnüglich lächelnd, aus seinem versteckten Winkel nach dem Lusthause, sicher, dort die schönsten Komplimente für seine trefflichen Leistungen in Empfang zu nehmen. Die ungewohnten körperlichen Anstrengungen hatten ihm auch Appetit gemacht, deshalb erregte der Gedanke an das Festmahl ihm die angenehmsten Vorstellungen. Armes, graues Männlein,— hemme den eiligen Schritt und denke der bitteren Wahrheit, welche der alte Vers enthält: „Zwischen Lipp' und Kelchesrand Waltet dunkler Mächte Hand!" Die letzten Strahlen des elektrischen Lichtes beleuchteten die noch immer ohnmächtige Edeltrnd, eine Gruppe händeringender Frauen, die unbeweglichen Züge des Erbonkels und— die prächtige, im Grase ruhende Kalbskeule, die von dem rothen Strome des Kirschenkompots bereits erreicht und überfluthet war. Wenn ein verheerendes Erdbeben eine blühende, prangende Flur verwüstet, stolze Gebäude in einen Schutthaufen verwandelt, und am nächsten Morgen die Sonnenstrahlen wieder hell und freundlich diese Stätte der Zerstörung beleuchten, so nennt man das einen grellen Kontrast und empfindet dabei ivehmüthig die gänzliche Unsicherheit und Unzulänglichkeit desjenigen, was wir Glück zu nennen belieben. Aehntiche Betrachtungen drängten sich bewußt und unbewußt den Mitglieder der Familie Bartels und den theilnehmenden Dohlenwinklern auf. Welche Fülle von Stoff, welche Hochfluth von Neuigkeiten! Dem Mittheilungsbedürsnisse der Dohlenwinkler war mit einem- inale für längere Zeit abgeholfen. Begeben wir uns zuerst in die„standesgemäße Wohnung". Diesmal lag Dame Edeltrud nicht, wie bei Röschens entdecktem Stelldichein, eine Migräne heuchelnd, auf dem Ruhebett. Der Stoß war tiefer— bis in's Herz hinein gedrungen. Die Erinnerung an die gestern erfahrene entsetzliche Demüthi- gung trieb sie rastlos umher, und gleich dem Gespenst aus dem Geschlechte der Raugrafen Gockel, das, der Sage nach, in der Abtei umgehen sollte, irrte die Hofräthin ruhelos von Zimmer zu Zimmer. Ihr Zorn wurde noch dadurch vermehrt, daß die ernst- liche Erkrankung des Schwagers Jakob sie daran hinderte, Rache an dem Verführer ihrer 39jährigen Tochter zu nehmen, denn sie war überzeugt, daß der Erbonkel im Jntcreise der Familienehre eine exemplarische Bestrafung des Frevlers vorgenommen hätte. Worin diese bestanden, war der Dame allerdings nicht ganz klar, jedenfalls mußte der Verbrecher das graue Haus am Markte, die Stadt, ja das Land verlassen. Auf ihrer unruhigen Wanderung durch die Gemächer der standesgemäßen Wohnung vermied Daine Edeltrud, eines der- selben zu betreten, obgleich sie den Schlüssel dieses Thurmzimmer- chens in der Gürteltasche trug. Dieses Stübchen, sonst der Aufenthaltsort eines sinnigen Mägdleins, war jetzt in ein Gcfängniß verwandelt. Hier schwach- tete die von Schmerz und Schaut gleich tief Gebeugte. .Adelgunde saß an dem Fenster und blickte durch die kleinen, trüben Scheiben hinaus in die sonnige Landschaft. Die Augen des armen Geschöpfes waren roth umrändert und die dünnen Locken hingen so schlaff und gelöst herab, als hätte die Schale des mütterlichen Zornes sich nicht blos figürlich, sondern in Wirk- lichkeit über das blonde Haupt der Tochter ergossen. Auf dem noch unberührten Lager— Adelgunde hatte in ihrem Jammer garnicht einmal den Versuch gemacht, sich zur Ruhe zu begeben— lag das weiße Festgewand, die blauen Schleifen und der Bergißmeinnichtzweig. O, es bedurfte dessen nicht, um sie unaufhörlich an den kurzen Augenblick des Glückes zu erinnern, dem so tiefe Demüthigung und lange Reue folgen sollte! Trostlos starrte sie vor sich hin. Wenn auch nur das kleinste Fünkchen Trost ihr geblieben, wenn ein noch so entfernter Hoff- nungsschimmer ihr geleuchtet hätte! Aber nein, daran war garnicht zu denken. Die Mutter war unversöhnlich, das wußte sie, und nie würde sie eine Verbindung ihrer Tochter, eines Fräuleins von Bartels, mit einem simplen Ladcndiener gestatten, den ganz Dohlenwinkel nur unter dem Namen„der lange Hans" kannte. Zudem hatte besagter Haus ja noch garnicht einmal um ihre Hand, sondern nur um ihre Liebe geworben. Liebe— verhängnißvolles Gefühl, es hatte ihr nie Glück gebracht. Auch Theobald Wagner hatte ihr einst Liebe geheuchelt, was ihn indessen nicht abgehalten, die Majorstochter zu Heirathen und allmählich Vater von neun Kindern zu werden. Und Hans? Er würde sie sicherlich auch vergessen, besonders wenn die strenge Mutter ihre Drohung noch ausführte und sie nach Wolfsburg in die Diakonissenanstalt schickte.„Denn," so hatte Dame Edeltrud noch heute früh zornig geäußert,„nachdem du die Ehre unserer Familie hier befleckt, kann ich dich nicht mehr um mich dulden, ohne das reine Wappenschild derer von Reckenstein selbst zu verunglimpfen." Mithin war keine Hoffnung auf eine mildere Gestaltung ihres Geschickes, zumal auch der Erbonkel, der vielleicht Erbarmen mit ihr und Hans gefühlt, durch beider Schuld erkrankt war. Ein tiefer Seufzer entrang sich bei dieser letzten Erwägung dem zarten Busen des armen Mädchens. Da ward leise der Schlüssel in das Schloß gesteckt, dtc Thür geöffnet und Röschen trat in das Gemach. (Fortsetzung folgt.) Parlamentarier. VIl. „Meine Feinde sind feig!" Dieser Ausspruch Friedrich Wil- Helms IV. paßt wohl aus niemanden besser, als auf Herrn v. Unruh, unter dessen Präsidium der Zteumverweigerungsbeschluß von der kon- stituirenden Versammlung in Berlin im Jahre 1848 gesaßl wurde, der „Sleuerverweigerungsbeschluß", welcher nach Unruhs eigenen späteren Worten„eigentlich gar kein Steuerverweigerungsbeschluß war", da er die zweite Lesung noch nich. hinter sich hatte. Wäre die Sache gut abgegangen, dann hätte sich von Unruh natürlich als den Helden des siegreichen„passiven Widerstandes" auf- gespielt, so aber verleugnete er sein eigenes Werk. Ein kostbarer Kauj; dieser„revolutionäre" von Unruh, dieser Bater des„passiven Wider- standes", der am 1». November 1848 in folgender komischen Tirade sein Herz ausschüttete: „Solange die. Presse, solange das Vereinsrecht nicht von neuem geknebelt werden, hat das Land die Mittel in der Hand, ohne Blut- vergießen den Sieg über die Bestrebungen der Reaktion herbeizuführen." Diese Worte hat von Unruh auch unter sein Bildniß geschrieben. Ucbersetzen wir dieselben in gutes Deutsch, so tritt die ganze Jämme»- lichkeit dieses traurigen Phraseurs in das rechte Licht: „Solange die Reaktion sich nicht rührt, solange die Reaktion sich vor unseren Worten fürchtet, solange bleiben wir zum Heile des Buter- landes obenauf und räsonniren weiter: wenn aber die Reaktion wirk- lich ernsthaft auftritt, wie sie es ja zu thun gewöhnt ist, denn, ja dann könnte es ein Blutvergießen geben, wenn wir nicht klug genug wären, in's Mauseloch zu schlüpfen." Und dieser von Unruh, der persönlich so unbedeutend ist, be- herrschte die berliner Nationalversammlung, weil dieselbe in diesem Manne der Halbheit das getreue und glänzende Spiegelbild ihrer selbst sah. Wir würden weitaus den Rahmen, der uns bei diesen kleinen Bildern gesteckt ist, überschreiten, wollten wir sämmtliche parlamen- tarische Schmach, die sich an den Namen von Unruh klammert, hier aufführen. Deshalb sei es genug, wenn wir nur eines Beispiels noch Erwähnung thun. Herr von Unruh erklärte sich ungefähr mit folgenden Worten in der Nationalversammlung gegen einen Antrag auf Amnestie: „Wir leben in einem konstitutionellen Staate und wollen das kon- stitutionelle Prinzip ausbilden: wir müssen deshalb auch die Präroga- tivc der Krone achten. Ein Antrag auf Erlaß einer Amnestie ist ein Eingriff in solche Prärogative. Durch solchen Antrag kann ein unlös- barer Konflikt herbeigesührt werden. Wir wollen deshalb eine Jnter- pellati on einbringen in dieser Hinsicht; gibt uns das Ministerium eine ungenügende Antwort, so lassen wir das Ministerium fallen und die Krone wird sich fügen." Ein sonderbarer Kautz, der da glaubt, daß die Krone einen An- trag mißbilligen, einer diesen ersetzenden Interpellation aber ihre Zu stimmung geben würde. „Dem einen nicht zu Schaden, dem andern nicht zu Leide"— diesen Spruch hätte von Unruh unter sein Bildniß setzen müssen.— Bringen wir nun kurz die Biographie unseres Helden. Geboren 1808 in Tilsit, studirte in Königsberg: wurde Regierungsrath in Pots dam, später Gründer. 1848 wurde er Mitglied der preußischen National- Versammlung und war eine Zeitlang Präsident derselben; 1849 wurde er Mitglied der zweiten Kammer; 1859 Mitglied des Nationalvereins; 1863— 1873 Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses; seit 1867 Mitglied des deutschen Reichstags. Daß er auch, weil es Mode war, in der Konfliktsperiode Fort- schrittsmann wurde, ist natürlich, natürlicher aber noch, daß er später einer der Hauptbegründer und Haupthelden des Nationalliberalismus war. Seine politische Thätigkeit ist in den letzten Jahren unter Null gesunken, dagegen hat der verehrte Abgeordnete die Gründcrpcriodc für sich nicht unbenutzt verstreichen lassen. Weil nun die Sozialdemokratie eine Hauptfeindin der Gründerei ist, deshalb ist von Unruh ein Haupt- seind der Sozialdemokratie. Er schreibt infolge dessen auch kindische Pamphlete gegen dieselbe, die natürlich nur die Wirkung haben, der Sozialdemokratie weiteren Boden zu schaffen. Diese von Unruh'schen Sndelschristchen warnen, da sie von Ignoranz und Servilismus strotzen, sofort jeden vernünftigen Leser vor dem Liberalismus und machen ihn dem Sozialismus geneigt. Zwei Eigenschaften sind noch besonders zu von Unruh's Charakter zu verzeichnen. Wenn der edle Herr in„feiner" Gesellschaft sich be- findet, so ergötzt er sich damit, geistreiche Zoten zu erzählen, wie Hans Blum ausdrücklich einmal von seinem Gesinnungs- und Fraktions- genossen in der„Gartenlaube" erzählt hat. Dann ist die Russenfreundlichkeit des Herrn von Unruh unendlich groß, weil er mit den unkultivirten Russen als Direktor der Nord- deutschen Wagenfabrik und seiner sonstigen Gründungen gute, ja sehr gute Geschäfte gemacht hat— ein braver Patriot und Volksvertreter! Nicht wahr? Seinem Gesinnungsgenossen Fritz Kapp ist eine solche Russen- sreundlichkeit doch etwas zu stark, drum gibt derselbe dem Regierungsrath a. D. und Gründer von Unruh eine Lektion in der„Nationalzcitung", indem er meint, daß von Unruh die Herren Russen doch allzusehr durch die Geschäftsbrille angeschaut habe. Nehmen wir nun Abschied von diesem großen Lichte des preußisch- deutschen Nationalservilismus, dessen hervorragende Eigenschaften wir den Lesern zur Genüge vorgeführt haben.' H. Berichtigung. Vom Rhein erhalten wir von einem hervorragen- den Partefführcr der christlich-sozialen Anschauung folgende Zuschrift: „Ich möchte Sie bitten, einen Jrrthum in dem Artikel„Parlamen- tarier lll" et. die„Neuen Welt" 3. Jahrgang Nr. 6 dahin zu berich- tigen, daß Herr Prof. FerdiiQnd Walter in Bonn nicht im Jahre 1359 gestorben ist, sonder» heute dort noch lebt. Derselbe ist freilich hoch- betagt und vollständig erblindet." Gift im Hause. Welchen schädlichen Einflüssen wir täglich durch den Genuß von gefälschten Nahrungsmitteln ausgesetzt sind, ist von"der Presse schon hinreichend besprochen worden. Daß das Fälschungssystem sich aber auch auf unsere nächste Umgebung, wie Wände, Möbel zc. erstreckt, wird vielen noch unbekannt sein, und grade hier werden die allergefährlichsten und giftigsten Stoffe verwendet. So finden die wegen ihrer Schönheit sehr geschätzten arsenikhaltigen Farben, Schweiasurter Grün, Scheel'sches Grün, Braunschweiger Grün u. dgl., obwohl sie gesetzlich verboten sind, in der mannichfaltigsten Weise Verwendung. So hat man z. B. zuweilen sogar verdächtige grüne Tapeten, um sie verkäuflich zu machen, mit mattgrünen, unschädlichen Farben überzogen gefunden. Es ist dies umso gefährlicher, als man grade bei diesen das Gift nicht vermuthet; häufig findet sich auch das Arsen nicht in der Tapete, sondern in dem Anstrich des die Wand bedeckenden Verputzes. Jedoch nicht die grünen Farben allein sind es, welche den Verdacht eines Arsengehaltes in nicht unerheblicher Menge als berechtigt erscheinen lassen, sondern man hat einen solchen mehrfach in Tapeten von brauner, grauer, blaugrüner und vor allem auch von rother Farbe nachgewiesen. Es ist deshalb dringend empsehlenswerth, jede Tapete vor ihrer An- heftung auf einen eventuellen Gehalt von Arsen prüfen zu lassen.— Aber auch Gegenstände, die dem menschlichen Körper noch näher kommen als Tapeten, und bei deren Verwendung man kaum an iyre gesnndheits- gefährlichen Eigenschaften denken möchte, können dem Verdachte eines Arsengehaltes unterliegen. Das Reichsgesundheitsanit hat einen Fall veröffentlicht, bei dem ein baumwollner Futterstoff, der zur Unter- suchung eingesandt war, einen beträchtlichen Gehalt an Arsen enthielt. Der Stoff war auf der einen Seite glatt und von homogener schwarzer Farbe, während die andere Seite eine ranhe Oberfläche von matt- schwarzem Ton zeigte, auf der sich an einzelnen Stellen, mit dem Ge- webe fest zusammenhängend, größere oder kleinere weißliche Punkte oder Flecke bemerkbar machten. Die Prüfung von nur vier Quadratcenti- Metern ergab einen starken Arsengehalt. Daß ein solcher Stoff, wenn er in großer Oberfläche, z. B. als Futter u. dgl. zu Kleiderstoffen ver- wandt wird, auf die Gesundheit einen sehr nachtheiligen Einfluß ausübt, wird ivohl niemand bezweiseln, und wenn seine Wirkung im An- fang auch gering ist, sie häuft sich mit jedem Tage in ihren Folgen und kann in vielen Fällen den Keim zu Krankheiten legen, deren Ur- sache oft spät, oft garnicht entdeckt wird. Unter solchen Verhältnissen wäre es Pflicht der Industrie, dem öffentlichen Wohle Rechnung zu tragen und Mittel zu erfinden, die bei gleicher Wirksamkeit die schäd- lichen Eigenschaften des Arsen nicht besitzen. Solange aber die gewissen- lose Privatindustrie aus Gelderwerb um jeden Preis ausgeht, wird man von dem Arsen unter den verschiedensten und häufig unerwartetsten Gestalten bis zum häuslichen Herde verfolgt werden, und die strengsten Maßregeln der Sanitätspolizei werden sich als ohnmächtig erweisen, all' den vielen Betrügereien den Garaus zu machen. H. Schm. „König Mammon und die Freiheit" ist der Titel eines„neuen Bilderbuchs", welches im Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig erschienen ist. Bei der Herausgabe dieses Bilderbuchs ist der Wunsch maßgebend gewesen, aus den Weihnachtstisch der Kinderwelt eine Gabe niederzulegen, welche weder zu gedankenlosem Zeitvertreib dient, noch zur Vergiftung des Kindergemüths durch Verbreitung von Kriegs-, Mord- und Gespenstergeschichten, noch auch zur Abstumpfung des kindlichen Verstandes durch Pflege religiösen Aberglaubens. Wer die Menschheit sich erobern will, muß bei den Kindern anfangen— das ist eine gute Lehre, welche die Anhänger des sozialistischen Hnmani- tätsgedankens sehr wohl beherzigt haben. Daß es nicht leicht ist, bei solchen literarischen Erzeugnissen für das erst keimende Denkvermögen und die primitiven Gefühlsregungen der Kinder den rechten Ton, den besten Stoff und die gewinnendste Darstcllungsweise zu finden, wird kein Einsichtiger leugnen. Aber gerade mit Rücksicht aus die einem solchen Unternehmen entgegcnstchenden Schwierigkeiten ist nicht zu verkennen, daß es jedenfalls ein glücklicher Gedanke war, den Mammon, den Hunger, die Heuchelei, Roth und Haß, Geiz und Zwietracht, Rache und Krieg in abschreckenden Gestalten zu personifiziren und abzubilden, während die Freiheit mit ihren Gefolge von Liebe und Frieden, Helden- muth und Gerechtigkeit, Wahrheit und Ruhm, Fleiß und Wissenschaft, Einigkeit und Wohlstand in anmüthigea Bildern vor dem Kindesauge erscheinen sollte. Bezüglich des Textes, welcher den Bildern und den sie erläuternden einsachen Versen beigegeben ist, wird man sogar ge- stehen müssen, daß er aus einen: ungewöhnlich reichen Schatze literarischer Kenntnisse mit seltenem Geschick Passendes und Treffliches auszuwählen wußte. Wir wünschen, daß der durch die Höhe der Herstellungskosten bedingte Preis des Bilderbuchs(M. 1,20) seiner Verbreitung nicht hinderlich sein möge._____ G. Burg Rhcinstein(Bild Seite 112». Aus den: linken User des Rheins, in jener ebenso durch landschaftliche Schönheit als durch histo- rischc, bis in die Römerzeit hinausreichende Erinnerungen und lieber- bleibsel ganz ungewöhnlich ausgezeichneten Gegend, gegenüber von Aßmannshausen, der Heimat des schönen r o t h e n Rheinweins, liegt auf 250 Fuß über den Strom sich erhebenden Felsen die uralte Burg Rheinstein. Schon in: 13. und 14. Jahrhundert geschieht der Burg unter dem Nasnen Voitsberg, Fuidsbcrg, auch Faitzberg Erwähnung, wann und von wem sie aber in ihrer ursprünglichen Gestalt« wStden sein mag, darüber ist uns keine Kunde verblieben. Im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts war sie eine Zeitlang die Residenz Graf Rudolfs I. von Habsburg, den die deutschen Fürsten im Jahre 1273 zum deutschen Kaiser gewählt hatten und der seine kaiserliche Macht im Kampfe gegen das deutsche Raubritterthum erprobte und stählte. Im Jahre I32S überließ die Familie von Eyzß die Ruine der einst statt- lichen Burg dem Prinzen Friedrich von Preußen, und dieser sorgte bis 1829 für ihre Wiederherstellung in einer ihrer früheren Einrich- tung möglichst entsprechenden Weise. Prinz Friedrich stattete die neue Burg auch mit einer ziemlich reichen Sammlung von Antiquitäten, alten Waffen, Kunstwerken und Glasmalereien verschiedenster Art aus. Man sieht von Burg Rheinstein nicht weit hinaus in's Land; nach allen Seiten hin ist der Blick durch Berg und Wald in enge Grenzen gebannt. Aber was das Auge erschaut, ist von jener frischen, pikanten Schönheit, welche die Vergnügungspilger aus allen Wclttheilen all- jährlich die Rheinuser hinauf und hinabführt. G. Francesco Petrarca �Portrait Seite 113) war der größte lyrische Dichter, den die sonnigen Fluren Italiens geboren. Seine von ihm selbst nichts weniger als hochgeschätzten, in italienischer Sprache ge- dichteten Volkslieder— in dem Canzoniere— sind die schönsten Kunst- proben mittelalterlichen Minnegesanges. Tic ihnen zu Grunde liegenden Gedanken sind in gleicher Weise sinn- und geistreich als mannigfaltig: ihre Sprache ist anmuthig und klar und ihre Form ist in hohem Maße kunstvoll zu nennen. Dabei fehlt es dem Dichter aber an vielen Stellen an jener Innigkeit der Empfindung und jener Glut der Leidenschaft, welche auch den nüchternsten Sinn zu bezaubern und hinzureißen ver- mögen. Nur in der Canzonen, welche die damaligen politischen Zu- stände Italiens geißeln, schwingt er sich in seinem Tichlerzornc zu hoher Gewalt des Ausdrucks und Gedankens empor. Das Canzoniere ist immer und immer wieder in alle Kultursprachen übersetzt worden und in nahezu unzähligen Auflagen erschienen. Petrarca war indeß nicht allein der größte Lyriker des italienische» Volkes, sondern er galt auch für den gelehrtesten Mann seiner Zeit. Seine eifrigen Bemühungen um die Kenntniß der altrömischen Literatur und deren Verbreitung haben zur Beseitigung der starrchristlichen Anschauungen, welche den Geist des Mittelalters gefesselt hielten, das ihrige beigetragen. Sein scharf- blickender, mit Wissen so reich ausgerüsteter Verstand spottete der meisten Vorurtheilc jener glaubensvollen, aber wissenslecren Zeit. Insbesondere richtete sich sein Verdammungsurtheil gegen die Thorheilen und Quack- salbereien der Astrologie und Alchemie, zwei angebliche„Wissenschaften", deren verzwickter Unsinn Abertausende lebenslang und unausgesetzt be- schästigt und mauch' reich begabten Kopf verrückt gemacht hat.— Eine große Anzahl von Schriften hat Petrarca in lateinischer Sprache ab- gesaßt, die ja bis in die neueste Zeit sich als die Sprache der Ge- lehrten aller Länder behauptet hat. Sein lateinisches Hauptwerk„De ■vitis rirorum illustrium"(übet das Leben berühmter Männer) enthält die Lebensbeschreibung einer Anzahl berühmter Römer, mit dem sagen- hasten Gründer Roms ansaugend und mit Julius Cäsar schließend. Dasjenige seiner Werke, welches Petrarca und seiner Zeit am bedeu- tendsten erschien, das epische, gleichfalls lateinische Gedicht.Airica leidet an einer Langweiligkeit, die dadurch nicht vermindert wird, daß sein Held der Besieger Karthagos Scipio Afrikanus dcr Aeltere ist, und die es für unsere Geschmacksanforderungen ungenießbar erscheine» läßt. Von hervorragender Wichtigkeit für die Geschichte des 14. Jahrhunderts sind dagegen Petrarca's lateinische Briefe.— Petrarcas Leben war ganz der Kunst und Wissenschaft gewidmet. An, 20. Juli l304 zu Arezzo geboren studirte er von 1318 zu Montpellier und von 1322—25 zu Bologna die Rechte, widmete sich indeß 1326 wieder ganz dem Studium der Literatur. In demselben Jahre kehrte er nach Avignon, wo sein Vater zuletzt gewohnt hatte, zurück und trat in den geistlichen Stand ein, der das mittelalterliche Leben in allen seine» Beziehungen be herrschte. Am Charsrcitag 1324 erblickte Petrarca zum erstenmale seine Laura, die er in seinen Liebcsliedern feiert. 1333 führte ihn eine große Reise über Paris durch Flandern und Brabant nach Lllttich, Aachen, Köln und über die Ardcnnen nach Lyon. 1325 crtheilte ihm Papst Benedikt XII. die erste Pfründe mit einem Kanonikat in Lvmbös. Nach einer Reise nach Rom und von da über Spanien nach England erwarb er sich 1327 zu Vaucluse im südöstlichen Frankreich ein Landgut. Hierher drang im Jahre 1341 die Kunde, daß ihn zwei dcr vornehmsten Pflege- stätten mittelalterlicher Kunst— Paris und Rom— mit dcr Tichter- krone vor seinen Zeitgenossen auszeichnen wollten. Petrarca ließ sich den Lorbeerkranz, den ihm der römische Senat bot, im April 1341 aus dem Kapitol zu Ron, unc die Schläfe winden. Bis zum Jahre 1351 lebte er zumeist in Avignon oder Vaucluse. Einen Bischofssitz, den ihm der Papst antrug, schlug er aus. Tie kurz darauf folgende Er- Hebung des römischen Volkes gegen seine adligen Blutaussaugcr begrüßte er mit Begeisterung und, als der Volkstribun Cola Ricnzi im Kerker schmachtete, nahm er sich desselben warm anc Von 1353 an lebte er in Mailand, wo er mit Kaiser Karl IV. bekannt ward, an dessen Hof nach Prag er 1355 in diplomatischer Mission gesendet wurde. Der laiser gab seiner Achtung vor deni Dichter und Gelehrten in der Er- Nennung desselben zum Pfalzgrafen Ausdruck. Trotzdem widerstand Petrarca allen Versuchen, ihn an Fürstenhösen festzuhalten und zog sich schließlich in ein stilles Dorf zurück, wo seine Tochter, das eine von zwei Kindern einer uns unbekannten Mutler, mit einem mailändischen Edelmann vermählt war. Hier überraschte ihn der Tod mitten in ge- lehrter Arbeit am 18. Juli 1374. Viele Monumente halten das Andenken des merkwürdigen Mannes bei dem italienischen Volke wach. G. Axilösung des Röffelsprungs in Nr. K ist folgende dreisilbige Charadci Ter Reiter ist kein Reiter mehr, fehlt ihm das erste Silbenpaar. Tie dritte Silbe bringt gar oft den Gemsenjäger in Gefahr, Das Ganze bringt zum erstenmal den Lesern heul die„Neue Welt", Und hofft, daß dieses sinn'ge Spiel auch unter Euch viel Freunde zählt. Auflösung dieser Edarade ist: Rösselsprung. Zur Beftchtnng. Ter Stubenmaler A n t o n Hirsch, geboren in Langseifersdors, Kreis Reichenbach in Schlesien, gegenwärtig circa 49 Jahre alt, hat in Reichenbach gelernt, ist dann in die Fremde gegangen und hat vor 18 Jahren in Berlin gearbeitet: seit dieser Zeit fehlt jede Nachricht über seinen ferneren Verbleib. Seine arme, alte, mittlerweile verwittwete Mutl-r ist nun in der höchsten Sorge um ihren Sohn und wendet sich an alle Menschenfreunde mit der Bitte, ihr, wenn möglich, Nachricht von dem gegenwärtigen Aufenthalte desselben zu geben.— Etwaige Nachrichten wolle man gefälligst in unfrankirtcm Briese oder per Korrespondenzkarte an Wittwe Hedwig Hirsch bei dem Sattlermstr. Hrn. Gellrich, Langenbielau III., Schlesien adressiren. Alle sozialistischen Blätter des In- und Auslandes werden gebeten, diese Notiz abzudrucken. Red. d.„N. W." Korresponden). Leipzig. Buchhandlung A. Menzel. Das von Ihnen eingesendete Buch hol einer unserer Milarbeiler zu rezensiren übernommen.— A. Mi. Dag in der Welt kein Mole- kül der Materie und kein Theil der einmal voihandenen Kraft verloren geht, sondern nur die Formen und die Wirkungsarten wechseln, ist vollkommen richtig. Aber eben eine jener vergllnglichen Formen, unter denen sich Mafien von Materie zusaminensinden, ist unsre lkrde, mit der die Menschheit einstent— wahrscheinlich wohl erst in Jahr- Millionen— untergehen wird. Tag damit nicht alles organische Leben im Weltall für alle Ewigkeit aufgehört haben wird, darf natürlich angenommen werden. Was Sie von der Wanderung der Lichtwellen durch'« Wellall schreiben, beweist, daß Sie mancher- lei gelesen haben I Schuarsleben.@. T. Das einfache Räthfel ist zu gebrauchen, bedarf ledoch der redaktionellen Korrektur. Tarmftadt. E. I. K. Dem Versager des Gedichtes„An meinen Sohn", ebenso wie un», wird ei lieb sein, wen» seine Verse nicht nur momentane Rührung erzeugen, sondern auch zur Rachsolae aus dem Wege edlen Unglaubens begeistern. Mainz. Dr.®. Msxt und Brief nach Wunsch rechtzeitig an Sie abgegangen! Langenbielau. A. K. Ihrem Wunsche konnte, wie«ic sehen, gewilltahrt werden. Bon Insertionigebühren kann bei so etwas keine Rede sein. Für die Zusendung der Alt!» srdl. Dank. Dresden. R. R. Das Buch heißt„Rathgebcr sür Gcwerbitreibende" und ist von der Buchhandlung des„Vorwärts", Leipzig, Färberstr. IS, zu dem von Ihnen erwähnten Preise zu beziehen. Ihr Gedanke bezüglich der künstlerischen Tarstellung von Vorfällen der Art, wie Sie einr» miltheilen, ist gut: nur fehlen uns vorläufig noch die Künstler zur praktischen AuSsührung desselben. Hamburg. F. H. So harte Urtheile über die Arbeiten eines als Charakter be- währten und dem Namen nach weilbekannten Mannes sollten jedensall» taktvollerweise nicht eiuer den Blicken aller Welt ossenstehenden Postkarte anvertraut werden. UebrigcnS: Theilen wirklich viele Gesinnungsgenossen Ihre Meinung? Sitzen(Oberfteier). I. K. Tie Natsonalökonomie ist diejenige Wissenschaft, welche die Erscheinungen des wirlhschastlichen Lebens der Ralionen erkennen lehren soll. Die Bezeichnungen„gesellschastliche Llkonomie",„Sozialökonomie" sind mindestens ebenso zulilsig, als die außerhalb Teutschlands vorherrschende..politische Lekonomee". Tie Nationalökonomie ist übrigen», gleich der noch jüngeren Wissenschaft der Statistik, nicht mehr als der Keim einer Gruppe vorläufig kaum dem Namen nach> o, bandener Wissen- Ichasien, die man unter dem Namen der Sozialwissenschasten zusammenfassen kann und die olle Beziehungen de» gesellschastlichen Menschenleben» zu beleuchten haben werden.— Einer Ihrer Wünsche ist. wie Sie. gesehen babrn werden, bereit» erfüllt. Zur Auskläruna der„ziimlich dunklen Köpse de» österreichischen Volkes" werden wir mit Vergnügen auch in Zukunst nach Kräften beitragen. Berlin. H. L. Dank für die eingesendete Schachpartie. Da» Resultat unserer Prüfung in nächster Rummer.— G. Sch. Ihr Wunsch wird Erfüllung finden! Bremen. H. G. Wir werden un» mit einem Pädagogen in Verbindung setzen und Ihnen dessen Antwort aus Ihre Frage übermitteln. Schmelz. F. Tb. Tie eingesendeten Verse sind nicht übel, aber sür die„N. W." sind sie gar zu politisch. Für ein politisches Lokalblatt dürsten sie nach sorgfältiger Feilung verwendbar sein. Dortmund. K. H. Wenn Sie geschichtliche» Material zu einer Arbeit»der die Wiederläusrrdewegung haben, so schicken Sie e« nur an uns. Da» eingesendete Blättlein mit der Geschichte der Multergolle» von Mörl hat un» höchlich ergötzt. Was wird au» dem Kulluikawpse werden, wenn nächstens zur Errettung der Kirche die Jungsrau Maria, ihrer Prophezeiung gemäß, mit einer Leajen Engel in Berlin ankomwt und Sr. Durch- lauebt dem Herrn Bismarck auss Dach steigt! Daß es noch Leute gibt, die solch' ein, 12 Quadratzoll große». mit hellstem Unsinn bedrucktes Wischchen gläubig lesen und mit 5— 10 Pfennigen bezahlen, da» ist allerdings nicht mehr zum Lachen! Liegnitz. G. Scholz. Eine kurze Biographie' Seume'S ist fammt dessen Porträt bereit« im ersten Jahrgange der„R. W." erschienen. Wen» Sie eine kurze und billige Weltgeschichte wollen, die die Thatsachen wenigsten» nicht böswillig sälscht oder entstellt, so lausen Sie Sich die kleinste Ausgabe der Weber'schen Weltgeschlchte. Jena, fl—i- Die Uebersetzung erscheint auch un» gut. Wir werden sie gelegentlich mit dem Original vergleichen und dann wahrscheinlich abdrucken. Besten Dank!— R. S. Da» Silbenräthsel ist brauchbar. Lassen Sie e» bei dem Erstlingsversuche nicht bewenden! Die Fortsetzung der Anleitung zum Schachspiel erscheint in nächster Nummer. *(Schluß der Redaktion: Dinitag, den 27. November.) Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstr. 20).— Druck und Verlag der Gcuossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.