Weihnachten. Erzählung von W. Kautsky. (Fortsetzung.) Als Fritz mit derselben Vorsicht, mit der er eingetreten, wieder das Zimmer verließ, stieß er auf den kleinen Georg, der zuwartend an die Thüre gelehnt war. „Ich habe etwas gesehen, ich habe etwas gesehen!" schrie der allsogleich und paschte in die Händchen. „Was hast du denn gesehen?" „Ich habe ein Licht gesehen." „Du wirst ihrer gleich mehr sehen, Bursche.„Mama," rief Fritz der Schwägerin zu,„komm her, jetzt heißt es aufpassen, saperlot, es wird gleich läuten, die Thür wird aufspringen und dann werden wir die Herrlichkeit sehen. Das Christkind ist ja schon drinnen." „Äomm Mama," drängte Georg,„das Christkind ist schon drinnen." Auguste löschte die Lampe, was Fritz als ein Zeichen übergroßer Sparsamkeit bezeichnete, dann trat sie, ihren Hansl auf dem Arm, zu den Andern. Da harrten sie denn an der Thür, im Dunklen, aneinander gedrängt, in völliger Stille des Moments, und Alle überkam die gewisse erwartungsvoll feierliche Stimmung. Georg schlug das Herz bis an den Hals und selbst Augustes Herz pochte. „Jetzt ist das Christkind schon drinnen?" fragte Georg nach einer Weile mit leiser, unterdrückter Stimme. „Ja wohl." „Wie ist es denn hinein gekommen, Onkel Fritz?" „Tnrch's Fenster." „Wie denn durch's Fenster?" „Es ist auf der Himmelsleiter emporgeschwebt," erklärte die Mama in einer poetischen Anwandlung mit einem zarten Flüstern. „Auf einer Leiter?" wiederholte Georg,„wie die Lampen- anzünder, Mama?"— In diesem Augenblicke läutete es drinnen. Laut, lustig, langandauernd ertönte das Geklingel. Das hört Rosa sicher, dachte Auguste. Da ward die Thür aufgerissen, und ihnen entgegen strahlte der hell erleuchtete Weihnachtsbaum init seiner mannigfaltigen Pracht. Die Kinder wurden vorausgeschoben. Auguste folgte, selber aufgeregt und glückselig wie ein Kind. Hansl jubelte laut auf, er streckte die Händchen aus und rief wie besessen„Ah, ah, ah!" Georg blieb ganz ruhig. Er schien starr vor Ueberraschung. Er hält beide Arme vor sich ausgestreckt und seine kleinen Finger spreizen sich wie in Verwunderung weit auseinander. Ein ganz leises, tief gezogenes Ah! entringt sich endlich seiner Brust. Seine Augen, diese großen, freudigen Kinderangen, vermögen sich nicht abzuwenden von dem bunten, herrlich strahlenden Banme. End- lich fällt sein Blick auf die Seite, er bemerkt den Rappen. Da lacht sein ganzes, liebes Gesichtchen, er zeigt mit dem Zeigefinger auf das metamorphosirte Pferd und ruft entzückt:„Mein Schimmel, schwarz angestrichen!" Alles brach in ein schallendes Gelächter aus. Und draußen in der dunklen Küche steht die Rosel und guckt scheu und vorsichtig durch die offene Thür; und wie sie das hört, muß sie ebenfalls lachen, herzlich, unbezwingbar aber doch so leise, damit es ja niemand hören soll. Fritz jedoch hat feine Ohren, es muß ihm etwas aufgefallen sein, und er nähert sich, wenn auch nur rücklings der Thür. Er horcht hinaus. Der Vater hatte seinen Großen in die Höhe gehoben und ihn wie im Freudenräusche geküßt. „Das ist doch ein Teufelsjunge!" rief er der Mutter zu. „Der läßt sich nicht betrügen, der nicht, er hat seinen Schimmel sogleich wieder erkannt."„Ich hätte es nicht gedacht," rief Auguste noch immer lachend und dabei voll mütterlichen Stolzes auf ihren Erstgebornen blickend. Dann nahm sie ihrerseits Hans auf den Arm und nun wurde den Kindern der Christbaum von einer gewissen Entfernung und nach allen Seiten gezeigt.„Er sieht wirklich sehr hübsch aus, allerliebst, wunderherrlich!" riefen abwechselnd die glücklichen Eltern. „Der unsre ist der hübscheste den ich je gesehen habe," meinte Auguste, und dann zu dem kleinen Hans gewendet:„Siehst du die vielen, vielen Lichterlc?"„Und die viele Bäckerei, Georg, was? da gibt's etwas für dich zu beißen." „Ich möchte gleich beißen, Vater," bat Georg in seinem singenden Ton. „Ein Stückchen kann er ja bekommen, nicht wahr Mutter?" „Und der Hans auch," bejahte diese, und sie nahm ein Bis- cuit vom Baum und steckte es dem Kleinen in den Mund. Georg sollte sich selbst etwas aussuchen. Er wählte bescheidenenvcise eine kleine verzuckerte Bretzel, er biß sie von dem rothen Bändchen, woran sie aufgehängt war, herunter, verspeiste sie und hing dann mit pedantischer Gewissenhaftigkeit das rothe Bändchen wieder auf den Zweig. Neues Gelächter, neues Entzücken. „Was das für ein ordnungsliebender Mensch wird," rief der Vater.„Er ist ein Musterkind," fügte die Mama hinzu. M. IS Tezcmd« IW7, Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. „Jetzt will ich mit- meinem schwarzen Schimmel spielen," sagt. Georg entschieden, den Armen seines Vaters sich entwindend. „Das ist jetzt ein Rappe," erklärte dieser. „Ein Rappe, warum denn?" „Weil er jetzt schwarz geworden ist." „Warum ist er denn jetzt schwarz geivordcn?" Man hielt es für gut, ihm die Antwort schuldig zu bleiben. „Ei, die Mama hat auch etwas bekommen!" winkte Karl, dem Tischchen näher tretend. ich habe es schon bemerkt," lachte Auguste, lind das Christkind hat es gut getroffen, einen solchen Kragen hatte ich mir längst gewünscht, und die Bänder in meiner Lieblingssarbc himmelblau, das ist zu hübsch. „Und das Hübscheste hast d» noch nicht einmal bemerkt," vcr- setzte Karl, ein Bündchen, das über das Medaillon geflattert war, hinwegnchmeud und nun auf dieses selbst hindeutend. „Äh!" rief Auguste entzückt aus, dann trat sie aber erschreckt einen Schritt zurück.„Karl, das ist nicht recht," sagte sie vor- wurfsvoll. „O, das geht mich nichts an, dafür kannst du einem Andern Vorwürfe machen, nicht mir, ich habe es noch nicht so weit gc- bracht, dir so etwas hübsches schenken zu können." Er senkte traurig, wie beschämt den Kopf. Gustel flog ihrem Mann an den Hals. „Du sollst dich nicht darüber grämen, mein Karl, du weißt wie ich darüber denke, du weißt wie glücklich ich an deiner Seite bin, und wenn der," sie deutete lächelnd auf Fritz,„nur auch erst' für zwei so prächttge Jungen zu sorgen haben wird, dann wird ihm fiir dergleichen allerliebste Aufmerksamkeiten auch kein Geld mehr übrig bleiben. Sie wendete sich in hurtiger Geschäftigkeit wieder gegen den Tisch und prakttzirte mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers zwei Päckchen auf denselben. Uebrigens sehe ich, daß auch er mit einer bescheidenen Gabe bedacht worden ist." „Richtig, Fritz, da steht dein Name groß aufgeschrieben." „Und hier der deinige, wenn ich nicht irre." „Was, ich bekonime auch etwas? Na, hörst du Gustel, und meiner Seel', ich glaube sie hat's getroffen!" Er hatte mehrere Papiere abgewickelt, bis er der Sache ans den Grund gekommen war.— „Eine Meerschaumspitze!" rief er jetzt triumphirend,„mit einem Bernsteinmundstück." „Weib, das ist ja der höchste Luxus." „Gustel, Gustel, ich habe dich sehr im Verdacht, daß du heimliche Schätze besitzest, oder daß du das große Loos ge- wonncn hast." „Keines von beiden, Alterchen, aber ick habe gespart." „Sic hat gespart! Da, Fritz, sieh dir diesen Sparapostel an," lachte Karl,„sie hat gespart! da schreie mir noch einer gegen den alten Schulze-Delitzsch; aber jetzt kann ich mir auch die magern Suppen und die spärlichen Fleischrationen erklären, die sie mir seit einiger Zeit zugemessen hat. O Gustel! Aber zum Teufel sage mir nur Fritz was bleibst du denn deständig bei der Thüre, als wenn du davor Schildwache stündest?" „Ich, an der Thiir�" fragte der Angeredete verwundert, als hätte er das garnicht gewußt. „Ich— ich habe von hier den schönsten Ueberblick auf den I Christbaum." „Ach was, Christbanm, darum handelt es sich nicht, du sollst hier dein kleines Geschenk betrachten, komm nur näher!" „Herzlichen Dank dafür!" rief Fritz, und er nickte den Seinen freundlich aber etwas verwirrt zu, während er unverändert seinen Platz behauptete, und seine Augen einen ihnen ungewöhlicheu, lauernden Ausdruck annahmen. Karl hatte das Packet auseinander geschlagen.„Schau, ein seidenes Halstuch," er breitete es auseinander.„Dunkelblau mit weißen Streifen, gerade wie es unsere Gecken tragen." .„O, damit will ich Staat machen, darum werde ich beneidet werden," kam es noch immer von der Thüre her. „Donnerlvetter, Fritz, bist du denn an dieser Stelle angewurzelt, so rühre dich doch." „Ja, ich—" sein aufmerksames Ohr hatte in der Küche ein leichtes Knarren des Fußbodens vernommen, das durch die sich entfernenden Schritte der nichts weniger als ätherischen Gestalt der kleinen Rosa verursacht wurde.„Ah!", schrie Fritz auf,„kch habe sie!" und mit einem Sprung war er in der Küche. „Bist du verrückt, Kerl, was hast du, wen hast du?" „Eine Wohnungscinschleicherin," antivortetc Fritz von draußen. „Ich habe sie erwischt, ich halte sie." Und in der That umfaßte er im dunkeln die vermeintliche Spitzbübin mit seinen kräftigen Armen und preßte sie dergestalt an sich, als wenn er ihr das Wohnungseinschleichen für immer vertreiben wollte. Die arme Rosa war wohl vom Schreck gelähmt, sonst hätte sie sich der Umschlingung ihres Feindes gewiß entrissen, während sie jetzt das Schreckliche lautlos und geduldig über sich ergehen ließ. Die Eheleute waren ebenfalls herbei geeilt. „Lasse sie!" versetzte Auguste, um ihre Freundin ernstlich besorgt.„Lasse sie, es ist ja Rosa!" Fritz hatte die Bedauernswerthe indeß schon in das Zimmer geführt.„Fräulein Rosa!" rief er, und er that als wäre er auf's höchste erstaunt als er ihr jetzt bei der hellen Beleuchtung in das Gesicht sah. Er ließ sie. rasch und wie erschreckt los.„Ö, wenn ich das gewußt hätte!" fügte er in entschuldigendem Ton hinzu, obwohl es recht schelmisch dabei um seinen hübschen Mund zuckte. „Wer h?itte das auch gedacht, Fräulein Rosa, daß sie heimlich in anderer Leute Wohnung-" „Ich— ich— Auguste—" stotterte das Mädchen, blutroth und wirklich ganz verwirrt. „Du Narr!" rief Auguste erbost, indem sie ih'"'" einen kleinen, freundschaftlichen Rippenstoß versetzte. du denn? Ich hatte sie gebeten, der Beschcerung sie wollte durchaus nicht, aber ich drang solange mir versprach für einen Augenblick unbemerkt ein. Glücks zu sein." „Dem sie jetzt, wo sie bemerkt wurde, nicht soglei wenden darf," sagte Karl freundlich und bestimmt. „Rosa!" rief ihr Georg von seinem Rappen, auf den er sich rittlings gesetzt hatte, jetzt zu.„Schau, ich habe eine Peitsche und einen Wagen, und eine schöne Puppe habe ich und das hat mir alles das Christkind gebringt." „Gebracht!" korrigirte der Vater,„und sehen Sic nur, Rosa, wie auch der Hans mit seinem Püppchen zärtlich thut." Rosa trat zu den Kindern. Es wäre doch lächerlich gewesen, wenn sie sogleich wieder fortgelaufen wäre. Sie hatte auch bald ihren munteren Ton und die fröhliche Unbefangenheit, die ihr eigen war, wieder erlangt, und sie spielte mit Georg und als er nach der Puppe verlangte, der er bisher aus emdnrraz de richesse nicht die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet hatte, setzte sie ihm dieselbe in den Wagen, damit er sie spazieren fahren könne. Nach Fritz hatte sie sich nicht mehr umgesehen. Jetzt faßte Auguste die Freundin unter den Arm; sie bat sie nun, auch die Geschenke der Großen zu besehen. Alles wurde noch einmal durchgenommen und bewundert: Augustens Garnitur mit den blauen Schleifen, das Medaillon, die Cigarrenspitze, welche Rosa auf Karl's Ver- langen in den Mund steckte, um dann lachend zu versichern, daß sie einen guten Zug habe, endlich konnte sie nicht umhin, auch dem seidenen Halstuch einige Beachtung zu schenken. Sie ließ es einigemal wie prüfend durch ihre Finger gleiten.„Es ist von guter Seide," sagte sie mit einer gewissen Wichtigkeit. Fritz stand plötzlich an ihrer Seite, er hatte das entgegengesetzte Ende des Tuches ergriffen.„Ein schwerer Stoff," bemerkte er, diesen eben- falls mit den Fingern prüfend.„Und eine hübsche Farbe," setzte sie hinzu.„O gewiß, sehr hübsch, nur zn sehr in die Augen fallend." Rosa dachte, daß dieses tiefe Blau zu seiner bräunlichen Gesichtsfarbe allerdings so gut stimmen würde, daß er damit gar vielen Mädchen in die Augen fallen dürfte, aber sie sagte dies nicht und betrachtete mit gesenkten Augen nur noch aufmerksamer das seidene Gewebe.„Es läßt sich daraus wohl eine hübsche Schleife binden, sagte sie dann, gleichsam als das Ergebniß dieser Bettachtungen.„Meinen Sie wirklich, Fräulein Rosa?" fragte Fritz lebhaft, und er wagte es sie dabei anzusehen. Seine Finger warm unter dem Stoffe den ihrigen so nahe gekonimen, daß sie sich berührten.„Nun, es freut mich wirklich recht sehr, daß das Tuch Ihnen so gut gefällt, Fräulein Rosa, denn es ist mein; es ist Augustes Geschenk." Sie ließ ihren Zipfel plötzlich los. „Entschuldigen Sie," rief sie erröthend in peinlicher Verlegenheit, „das wußte ich nicht."„O, ich bitte, das thut nichts," ant- wortete er eben so verwirrt.„Und wenn es Ihnen Vergnügen macht—" Er hielt ihr den Zipfel gutmüthig wieder hin. Rosa hustete, ihre Augen schweiften uniher, um einen ablenkenden Gegen- stand aufzufinden. „Was bedeutet denn das?" rief sie erstaunt aus, und ihre Finger wiesen auf einen Zettel, worauf ihr Name geschrieben stand. 135 Zärtlichkeit nach ihren kleinen runden Händchen, die dies alles zuwege brachten. Gewiß, es war eine Freude, ihr zuzuschauen, aber die Löwen und Elcphauten, die früher gar lebhaft waren, die wurden recht langweilig und immer einsilbiger, obwohl Georg beständig anspornte und dem Onkel zurief: „Tu mußt sie brüllen lassen,— hörst du, Onkel Fritz!— Onkel Fritz, jetzt kommt das Kameel,— aber das darf nicht so ruhig dastehen, das muß springen, aber es muß auch schreien!— Onkel Fritz, du spielst ja nicht niehr mit mir.— da gehe ich fort." Und er rutschte sehr beleidigt von den Kniecn des taub- stumm gewordenen Onkel herunter. (Schluß folgt.) Lonstantinopel. Von Kart Kannemann. Die unvergleichliche Lage Konstantinopels bietet dem Beschauer eine bezaubernde Fülle von Reizen dar, an welchen die Vorstädte den größten Antheil haben. Von den Höhen des alten Byzanz kann man mit einem einzigen Blicke die üppigsten Landstriche der beiden mächtigsten Erdtheile umspannen. Die unendliche Fülle von Gaben dieser Natur brachte den Kaiser Justinian auf die Idee, daß die Menschen einen so reizenden Ort nie völlig zer- stören und verlassen könnten, und er nannte deshalb Konstanti- nopcl die„ewige Stadt"(urds aeterna). Am nordöstlichen Ufer des goldenen Horns, zivischen der Vor- stadt Kassim Pascha und Galata bildet eine Bucht den Hafen der Stadt. Derselbe ist vortrefflich und erstreckt sich in dem Mccrcsarm, der aus dem Bosporus in das Festland tritt, beinahe eine Meile lang, und ist von der Vorstadt Eyub bis zum Serail 100— 160 Meter, an anderen Stellen aber 500 Meter breit. Er ist äußerst sicher, faßt über 1200 Schiffe und ist dem Vcr- schlämmen nicht ausgesetzt, da die Strömungen des Bosporus ihn beständig rein erhalten. In demselben hat die osmanische Flotte ihre Station. Der Bosporus bietet zugleich eine sehr geräumige Rhede dar. Die fremden Kaufleute haben ihren Sitz meistens zu Galata, auch legen die fränkischen Handelsschiffe meistens bei dieser Vorstadt an. Von den sechzehn diesseits des Bosporus liegenden Vorstädten sind im Westen der Stadt: Salchanc(Fleischhäuser), Jenikapussi (Neuthor), Topdschilar niahallc(Kanonicrvicrtel), Oktadschilar (Zeltaufschlägerviertcl), Nischandschi- Pascha, Tschomlcktschilar (Töpferviertcl», Karagesch(Schwarzbaum), Südlüdsche(Milchort). Von diesen Vierteln zeichnet sich nur das letztere durch seine au- muthige Lage am Hafen aus. Es enthält außer einigen Mcdresscs und Moscheen die Kasernen der Kumbaradschi und Laghundschi, die unmittelbar am Hafen liegen. Tic äußerste Nordwestspitze nehmen das von den letzten byzan- tinischcu Kaisern bewohnte Blachernenschloß, das Balat(Juden- viertel) und der daneben am Goldenen Horn liegende Fanar (Gricchenviertel) ein. Sic bilden die Vorstadt Fanar mahalle, nach dem dort stehenden Lciichtthurm(Fanar) genannt. Diese ist durch das Fanar- kapussi(Thor des Leuchtthurms) vom Hafen geschieden. Die Bewohner dieser Lorstadt, Fanariotcn/ sind alt- adelige Familien von Griechen, die ihren Ursprung hoch ans der Kaiserzcit herleiten. Mohammed II. hatte, nachdem er Äonstan- tinopel erobert, dein griechischen Patriarchen gestattet, sich bei der kleinen Kirche St. Georg anzubauen. Hier siedelten sich seit- dem die Reste des alten griechischen Adels an und erhielten sich ihren alten Stolz. Ans ihnen gingen seit 1669 die Dragomans (Dolmetscher) der Pforte und seit 1731 viele Hospodare(Fürsten) der Moldau und Walachei hervor. Tie Fanarioten haben von den alten Griechen nichts als ihre Fehler und Laster geerbt und gehören unstreitig zu den schlechtesten Eimvohnern Konstantinopels. Perfidie, Hinterlist und Feigheit, Schlauheit, Bosheit, Rachsucht und Habgier, das sind die Eigenschaften, durch welche sich die Fanarioten, welche sich Fürsten schimpfen, vor allen auszeichnen. Gewinnsucht ist die Triebfeder ihrer Handlungen, Gold ihr Kultus; um dieses zu erlangen, verrathen sie ihre besten Freunde. Dem Fanar gegenüber, nach dem Hintergrunde des Goldenen Horns zu, also am nördlichen Strande des Hafens, liegt Kassim- Pascha. Diese Vorstadt enthält einen Bcgräbnißplatz mit vielen Turbehs(Grabmälern), das Tcrschana(Arsenal), nach Anleitung europäischer Offfziere vortrefflich eingerichtet, Schiffswerften und das Bazar. An diese Vorstadt stößt Piali- Pascha mit dem am Goldenen Horn liegenden Admiralsgcbäude. Nördlich davon, sich bis Kassim- PasHa erstreckend, liegt Tatawla oder das Thal St, Dimitri mit einer Unmasse von Schänken, Spielhäusern und Bordellen. Tie Bewohner sind verkommene Griechen und Juden von der Karaiten- sektc. Oberhalb TatawlaS und Kassim-Paschas dehnt sich am Goldenen Horn die große Vorstadt Khasköi(Kammerdorf) aus, von zahlreichen Juden bewohnt. Westlich von hier, am äußersten Ende des Goldenen Hornes, wo die Bäche Barbyses und Khdaris sich in den Hafen ergießen, ziehen sich die prachtvollen Wiesen Fil Tschiri hin, und die Gegend oder Vorstadt Chiahatchane(die süßen Wasser) beginnt. Sie ist trotz ihrer gesunden und malerischen Lage ivenig angebaut; zwischen paradiesischen Thälcrn, fetten Wiesen, waldbegrenzten Hügeln, anmuthigen Hainen taucht hin und wieder ein einzelnes Haus, der Hau eines Khamedschi (Kafctiers) und ein Kiosk auf/ Auf der linken oder südlichen Seite des Goldenen Horn bc- ffndct sich die einzige unmittelbar neben Konstantinopel liegende Vorstadt Eyub. Sic ist von dem schon erwähnten Balat nur durch die Stadtmauer getrennt und liegt, vis-a-vis von Khasköi. Ihren Namen führt sie von einem Gefährten des Propheten, der hier während der ersten Belagerung der Hauptstadt durch die Mohamcdaner 668 getödtet wurde. Mohamcd II. errichtete über seinem angeblichen Grabe eine Moschee, in welcher der Sultan beim Regierungsantritt sich mit dem Schwerte Eyub's feierlich umgürtet. Auch der Sandjakscherif— die heilige Fahne des Propheten— wird hier aufbewahrt. Am Eingange zum Goldenen Horn liegt die von genuesischen Kolonisten im 13. Jahrhundert angelegte und von deren Nach kommen, sowie Griechen, Armeniern und Franken bcivohnte große Vorstadt Galata. Im Jahre 1348 erbauten die Genuesen hier einen 46,2 Meter hohen Feuerthurm(Bujukkule), bekannt unter dem Name»„Thurm von Galata", von welchem man eine sehr hübsche Fernsicht über die Stadt und deren Umgegend genießt. Galata hat beinahe eine Stunde im Umfang, enthält ein Laza- ristenklostcr mit Hospital und eine Erziehungsanstalt. Am Meeres- nfcr ziehen sich große Magazine, Kaufhäuser und Arbeitswerk- stätten hin. Neben Galata befindet sich Topchana(Kanonenlager) mit der großen Landesartilleriekaserne, einem Zeughausc, einer Stück gießerei, die Kasernen der Topschi und Top-Arabadschi u. s. in. Von hier aus geschieht die Uebersahrt nach Konstantinopel. Neben dieser Vorstadt liegt, den Bosporus hinaufwärts, Fondukli, wo selbst sich eine Moschee, ein Lustschloß des Sultans und der so genannte Melonengarten befanden. Gegenüber von Topchana führt die enge Divansstraßc bergauf zii einem mittelmäßig großen Platze, iu dessen Mitte ein hübscher, von Achmed III. angelegter Springbrunnen steht. Hier gewahrt man links die sogenannte „Hohe Pforte", welche in das Serail führt, und rechts die majestätische Aja Sofia. Jenseits Topchanas und an der Nordseite Galatas gelangen wir nach Pera oder Perard Begjoli(Fürstcnstraße), vom Pöbel das„Schweinequarticr" genannt. Hier ist» fast alles europäisch, man glaubt sich in einer italienischen Stadt zu befinden. Pera ist die Frankenstadt, der Winteraufenthalt der fremden Gesandten und ihres durch europäische Reisende vermehrten Gefolges, der Wohnsitz eines katholischen Erzbischofs, der sogenannten Levantiner oder Pcroten, des europäischen Detailhandels und Gewerbwesens. Man hat hier vier katholische Kirchen, viele Gasthöfe, Kredit- vereine, zwei deutsche Ressourcen, eine italienische Oper, Theater zc. Uebcrhaupt lebt man hier ganz auf europäische Weise und hat nicht nur Gelegenheit, sich allen Vergnügungen hinzugeben— wenn man die dazu erforderlichen Mittel besitzt—, sondern man darf sich auch(und dies ist allen kostenfrei gestattet) an dem ivundcrvvllcn Panorama erfreuen, welches die Natur hier vorzugsweise darbietet. Üfiard 138-- \ Glutende Hostien. In einer Zeit, da die Muttergottes-Erscheinungen in vcr- schicde'-en Ländern Europa's geradezu mit einander rivalifiren, da l'undcrtc und taufende gläubiger Christen nach Lourdes, Biarpingen und andern verwandten Wallfahrtsorten pilgern, in einer Zeit, da bereits auch jedes katholische Land seine eigenen blntjchwitzcnden Jungfrauen haben will und Louise Latean durch Konkurrent innen bedroht wird, mag eS am Platze sein, daß auch die Naturforscher von Erscheinungen Notiz nehmen, die früher, im Mittelalter sowohl, wie bis in die neueste Zeit, eine irre- geführte glaubende Menge zu fanatisiren vermochten und durch Betrüger in's Interesse der Kirche gezogen wurden. Wir re- gistrire» an dieser Stelle folgende Thatsachcno Am 25. Juli dieses Jahres entdeckte ich auf einem drei Tage alten Speiserest(abgekochte Kohlrabi), der aus Verschen im Speise- schrank unbemerkt stehen geblieben, blutrothe, feuchte Flecken, die genau so aussahen, als ob sie von frischem, ungeronnenen Blut herrührten. Die Erscheinung war so täuschend, daß ich im ersten Moment daran dachte, die Köchin zu fragen, auf welchem Wege das„Blut" ans den alten Kohlrabiabkoch gekommen sei. Jndeß bemerkte ich alsbald, daß neben den rothen Flecken auch kleine Erhöhungen von weißlich- gelber Farbe sich vorfanden, welche genau den Glanz und die Gestalt der„blutenden" Stellen besaßen. Diese wcißgelben Flecke ivaren Fäulnißpilze, oder— wie man sie wissenschaftlich auch zu nennen pflegt— Spaltpilze, Schizomy- cetcn. Sie fanden sich hauptsächlich zahlreich an jenen Stellen, wo das dem Kohlabkoch beigesetzte Mehl in größeren Klümpchen angehäuft war. Daß wir es hier mit Jäulnißpilzen zu thnn hatten, lehrte uns schon jener spezifische Geruch, den faulende Kohlmassen ab- geben. Unter dem Mikroskop löste sich aber die Masse dieser feuchten gelblichweißen Erhöhungen in zahllose kleinste Organismen auf, welche nur bei den stärksten uns zugänglichen Vergrößerungen als scharf umgrenzte kugelige oder"eiförmige Zellen erscheinen. Ost begegnet man stäbchenförmigen oder ivrkzicherartigen Ge- stalten, welche aus einer geraden oder schraubig gekrümmten Reihe mehrerer oder vieler Zellen bestehen. Sie sind sarblos, wie die viel größeren Wein- oder. Bicrhefezellen. Liegen sie in faulender» tropsbarflüssiger Substanz, so zeigen sie eine lebhafte Bewegung. Tie kugeligen und eiförmigen Zellen tanzen hin und her und be- wegen sich auch von der Stelle, wodurch sie sich leicht von tobten Splitterchen, organischer Körper unterscheiden, welche— in Wasser liegend— auch eine tanzende Bewegung(sogenannte Molekular- Bewegung) zeigen, aber nicht von der Stelle zu rücken vermögen. Die stäbchenförmigen Spaltpilze wandern ebenfalls in der Flüssigkeit herum; oft sind zwei oder mehr Stäbchen an den sich berührenden Enden mit einander verbunden; dann machen sie während ihrer Bewegung ganz den Eindruck, als zankten sie sich beriim und wollten sie auseinander treten. Aeußerst zierlich sind die Schraubenbewegungen der korkzicherartigen Formen, die häufig in gerader Richtung vorwärts eilen, bis sie auf einen Widerstand stoßen, um sofort ihre Bewegungsrichtunz zu ändern. Alle diese Spaltpilzformen treten überall auf, wo organische Substanzen, gleichviel ob thicrischen oder pslanzlichcn Ursprungs, in Wasser faulen. Sie gelten heute allgemein als Fäulnißerreger. Manche von ihnen spielen erwiesenermaßen bei ansteckenden Krank- l>citeu eine bedeutende Rolle; ja man betrachtet manche Formen von Spaltpilzen als die sichtbar gewordenen Kontagien und MiaSmen, als die Ursachen und übertragbaren Vermittler der Pest, Cholera, der Tiphtcrie und des Typhus, des Milzbrand und der Rotzkrankhcit, des gelben Fiebers und anderer epidemischer und endemischer Krankheiten. Eine mikroskopische Probe jener blutroth gefärbten feuchten Erhöhungen zeigte uns ganz dieselben kleinsten Organismen, wie bei gewöhnlichen Fäulnißprozesscn: kleine kugelige Zellen, in der Größe und in ihren Bewegungserscheinungen ganz und gar die Spaltpilznatnr verrathend. Nur durch die röthliche Farbe scheinen sie sich von der gewöhnlichen Fäulnißhefe zu unterscheiden. Sic sind dem Volumen nach viele hundertmal kleiner als die Hefe- zellen des Wcininostcs oder des Bieres und dürften kaum größer sein, als jene weitverbreiteten kleinsten Fäulniß- und Anstcckungs- pilze, von denen nach Nägeli's Berechnung in lufttrockenem Zu- stände etwa 30 Billionen erforderlich sind, um das Gewicht von l Gramm voll zu machen. Ein einziger Blick durch das stärkste Mikroskop zeigt uns auf einmal etliche Millionen solcher röthlich schimmernder Spaltpilzchen. Halten wir das Glasstück, auf welchem diese Wundermonaden der„blutenden Hostien" zu Hunderttausenden und Milliarden neben einander unter dem Deckgläschen in einem Tröpfchen Wasser liegen, gegen das Licht, so sind wir kaum im Stande, mit unbewaffneten Augen den röthlichen Schimmer dieser unzählbaren Lebewesen wahrzunehmen. Sic sind zu klein, um von unseren! Auge wahr- genommen zu werden, wenn sie— in lufttrockenem Zustande— zu Hundcrttansenden in der sonnendurchleuchteten Atmosphäre schweben und zu Millionen und Milliarden auf den Flügeln des Windes durch die Lüfte wandern. Die Vermehrungskraft dieser Monaden grenzt an's Unglaub- liche. Wir berühren mit einer feinen Nadelspitze einen„Blut- flecken" unseres faulenden Kohles und entführen demselben einige tausend Spaltpilzzellen. Die Nadelspitze ist kaum röthlich ge- färbt; wir führen sie über feuchte, weiße Oblaten hinweg, indem wir diese letzteren kaum berühren. Wir geben der weißen Hostien substanz einige beliebig gruppirte Nadelstiche und stellen sie in einen feuchten Raum, z. B. in einer kleinen Porzellanschalc liegend unter ein umgestürztes Trinkglas. Am nächsten Morgen, nach 12— 16 Stunden haben wir„blutende Hostien" vor uns— an allen Stellen der weißen, feuchtgehaltenen Oblate, welche von der Nadelspitze berührt wurden, die prächtig glänzenden, anscheinend ausgeschwitzten blutig-rothen Flecke unserer dlouas prodiAiosa (Ehrenberg). Ja, die Zladelspitze hat Wunder bewirkt: Gestern Abend glitt sie über die Oberfläche der feuchten Oblate, ohne eine sichtbare Spur zu hinterlassen, heute„blutet" die gestreifte Sub- stanz. � Ich habe auf diese Weise alle möglichen Figuren in hellstem Blutroth hervorgezaubert und unter anderem auch das Kreuz nicht vergessen, um meine Hausgenossen sowohl, wie meine Schüler von der Wunderkraft der Nadelspitze zu überzeugen. Die Fäulnißpilze, wozu ohne Zweifel auch unsere blutende, von Ehrcnbcrg so benannte Monas prodigiosa gehört, pflanzen sich einfach durch Theilnng oder Spaltung fort, wie dies schon der Familienname der ganzen Gruppe der Schizomyccten an- deutet. Hat zum Beispiel eine eiförmige Zelle eine gewisse Größe erreicht, so theilt sie sich in der halben Länge in zwei Hälften, die wir Tochterzellen nenne». Letztere wachsen nun weiter und wiederholen den gleichen Borgang, wobei aus ihnen 2X2—4 Zellen dritter Generation entstehen. Das ganze Leben dieser niedrigen Organismen ist also nichts anderes, als ein Wechsel von Wachsen und Zweitheilen, wobei selbstverständlich Stoffe eingenommen, andere Stoffe abgeschieden werden. Der TheilungsvorgaNg kann sich unter günstigen Verhältnissen, bei zuträglicher Temperatur und hinreichender Nahrung, welch letztere in der fautendcn Substanz dargeboten wird, innerhalb 20 bis 30 Minuten wiederholen. Das einzelne Individuum zerfällt innerhalb einer Stunde fticcessive erst in 2, dann in 4 und endlich in 6 Individuen dritter Generation, mit anderen Worten: ein einziges Fäulnißpilzcheu kann im Verlauf einer einzigen Stunde in der Bildung von 8 Urenkeln aufgehen. Aus diesen 8 Jndi- viduen gehen im Verlauf der zweiten Stunde 8X8—64, in der dritten Stunde 8x64—512 Individuen hervor. Die Nachkommenschaft eines einzigen Fäulnißpilzcs beläuft sich nach zehn Stunden glücklicher Vermehrung auf nicht weniger denn 1,073,74l,824 Individuen. DicS geschieht z. B. bei einer Tcmpe- ratnr von ca. 37 Grad Celsius, die unserer eigenen Blntwärmc entspricht. Im Hinblick auf diese immense Vermehrungskraft erklärt sich der rasche Verlauf pestartiger Krankheiten oder der unerwartet schnell eintretende Tov bei sogenannten Blutvergiftungen, nicht minder aber auch die rasche Entwicklung anscheinend schweißartig austretender blutrvther Flecken auf der feucht gehaltenen Oblate, die ja aus derselben Substanz(Stärkemehl) besteht, wie die Hostie. Bringe ich mit der Nadelspitze auf die feuchte Oberfläche der Oblate, oder auf feucht gehaltenes Brod nur ein einziges Jndi viduum unserer Monas prodigiosa, so werde ich nicht allein mit unbewaffnetem Auge von dem Pilzchen absolut nichts wahrnehmen, sondern auch mit dem besten Mikroskop umsonst nach der einzelnen Monas suchen Vermehrt sie sich aber nur halb so rasch, als 1.19 / im oben angeführten Beispiele, so werden nach 20 Stunden an jener feuchten Stelle der Hostie nicht weniger als eine Milliarde Individuen beisammen liegen, und diese ansehnliche Zahl dürfte genügen, nm von unseren unvollkommenen Auge als kleiner rother Fleck wahrgenommen werden zu'können. Das ist die natürliche Geschichte der„blutenden Hostien". Ich habe das Experiment der Uebertragung und künstlichen Züchtung dieser seltsamen Organisnien seit dem 25. Juli 1877 ungefähr drei Wochen hindurch mehrmals wiederholt und der Seltenheit der Erscheinung wegen mit großem Interesse verfolgt bis zu der Zeit, da die Kultur der Wundcrmonadcn wegen der ttcberhand- nähme von gewöhnlichen Fäulnißpilzen und des gemeinen Knopf-\ schimmels(Mucor Mucedo) nicht mehr gelingen wollte. Von den| überraschenden Erfolgen dieser Knltnrversuche haben nicht allein meine Hansgenossen, sondern auch meine Schüler und etliche Freunde Einsicht genommen. Wir alle haben nun verstanden, wie es im Mittelalter nnd seither zu wiederholten malen dem raffinirten Priestertrug gelingen konnte, wochenlang mit„blutenden" Hostien die Gläubigen zu fanatisiren, großartige Prozessionen und Wallfahrten, ja sogar Inden- und Ketzerverfolgnngen in Szene zu setzen. Wir haben uns davon überzeugt, daß die„blutenden Hostien" nichts anderes waren, als„faulende" Oblaten. Das blutende Brod des Leibes Christi war nichts anderes, als ein mit einer besondern Form von Spaltpilzen geimpftes menschliches Nahrungsmittel. Dr. A, D.-P. Deutschlands Festzeit. Skizzen ans den Jahren 1800— von W. K. vir. „Die Schranken sind im Vaterlandc gefallen, die aufgebaut waren zwischen Süd und Nord," so jubelte man auf dem leipziger Turnfeste, welches vom 1. bis 5. August 1868 stattfand. Und nach demselben hieß es in allen Zeitungen und öffentlichen Or- ganen:„Der Schleswig-Holsteiner und der Tiroler, der Königs- berger und der Wiener, der Berliner und der Münchener, sie lagen sich in den Armen und gelobten sich unter heißen Bruder- küssen ewige Treue."„* Es ivar ein schönes Fest, das leipziger Turnfest— das unterliegt, keinem Zweifel. 16,000 auswärtige Turngenossen und 5000 aus Leipzig und der Umgegend waren beisammen, und jeden Tag strömten ebensoviele Festtheilnehmer aus den benachbarten Städten und der Umgegend in die alte Handelsstadt; man sagte, daß am 2. August, der ein Sonntag war, über 50,000 Menschen das Fest von auswärts besucht hätten. Deputationen aus Amerika, England, der Schweiz, Sieben- bürgen, Italien, Holland, Rußland und Australien waren er- schienen, und über 1200 Oesterreicher feierten das deutsche Turnfest noch als Deutsche mit. Tie deutschen Eisenbahnen— ausgenommen die preußischen und bayrischen Staatsbahncn— hatten den Turnern ermäßigte Fahrpreise gewährt. Sonnabend, den 1. August, fand in der Festhalle gegen Abend 8 Uhr der offizielle Empfang statt, bei welchem Dr. Koch, Bürgermeister von Leipzig, die Begrüßungsrede hielt, auf die der Festpräsident Georgii aus Eßlingen dankend antwortete.— Sonntag Vormittags— Turntag; allerlei Streitereien um des Kaisers Bart, den die einen lieber in schwarz-roth- goldenem, die andern in schwarz- weiß-rothem Glänze erblicken wollten. Mittags großes Festessen, Telegramm an den König, von Sachsen, Ant- ivort desselben, Rede des von Dresden angelangten Ministers Beust über deutsche Einigkeit und Freiheit— nnd abends wurde fortgekneipt. Montag, den 3. August, fand der Fcstzug statt. Nun, wir wollen offen gestehen, daß alle militärischen Schauspiele, alle Volksaufzüge gegen das prachtvolle und großartige Bild, welches derselbe darbot, sehr in den Schatten treten. Turner aus 830 Ort- schaften befanden sich im Zuge; gegen 700 Fahnen wallten empor. Voran marschirten die nichtdcutschcn Turner, dann die Schleswig- Holsteiner und Hanseaten, dann die Oestcrrcicher, dann die vom Rhein und aus Westfalen, dann die Bayern u. s. w.— zuletzt die heimischen Sachsen. Das muß man der leipziger Bevölkerung nachsagen, daß sie ihre fremden Gäste zu behandeln wußte, und auch schon vor dem Festzugc zeigte sich dies. Die glühende Hitze, das lange Warten machte die Turner vielfach ungeduldig— die leipziger Bürger aber schleppten Bier und Wein nnd andere Erfrischnng-n auf die Sammelplätze, plauderten mit ihrer Einquartirung in der herzlichsten Weise nnd brachte» so schon Leben und Vergnügen auf alle Straßen nnd Sammelplätze. Drei Kanonenschüsse bezeichneten den Abgang des Zuges, der sich unübersehbar und länger als zwei Stunden durch die Straßen der Stadt nach dem Festplatze bewegte. Der Bcgrüßungsjubel in den Straßen war betäubend; es regnete aus schönen Händen Blumensträuße, Konfekt— ja, einem meiner Freunde wurde der Strohhut durch einen wohlgeziclten Wurf mit einer starken Chokoladcntafel zertrümmert; aber in der allgemeinen Begeiste rung wurden solche Unvorsichtigkeiten nicht übelgenommen. Als Sträußchen, Kränze und Süßigkeiten in der Hitze des Gefechts— die Damen hatten keine Ahnung, wieviele tausende von Turnern noch folgten— verschleudert nnd im Triumphe von den Turnern erobert waren, da blickte manches Auge traurig hernieder, traurig empor, daß man nicht mehr spenden und nicht mehr empfangen konnte; doch Liebe und Begeisterung macht erfinderisch. Taschen tücher wehten in die Straße hinab; Schleifen und Bänder folgten. und es wurden an langen Bindfaden selbst aus dem dritten und vierten Stock gefüllte Weinflaschen herniedergelassen, die dann auf dem langen Marsche die staubbeladenen Turner erquickten. Die kostbarsten Szenen konnte man da erblicken; es galt gar nicht für eine Unart, wenn ein hübscher, schlanker Turner einer der zahlreichen Schönen, die auf der Straße standen oder zu- meist in den Fenstern lagen, einen Kuß raubte. Er hatte ja nur die deutsche Jungfrau und nicht das Weib geküßt. So sah ich selbst einen gewandten Rheinländer mit„affenartiger Geschwin- digkcit" an einer Wasserrinne emporsteigen, sich auf das Wand- gesims unter den Fenstern des zweiten Stockes schwingen und einem dort ahnungslos in den hellen Jubel hineinschauenden Mädchen einen Kuß„rauben".— Ein lauter Schrei, ein helles Lachen der andern Damen, ein herzliches„Nichts für ungut!" des rheinischen Jünglings— nnd rasch war der Turner an der Wasserrinne wieder herabgcglittcn; er schwenkte seinen Hut nach dein Fenster, das pnrpurrothe Gcsichtchen ivandte sich verschämt ab nnd mir kam's so vor, als hätte Gott Amor wieder einmal einen seiner schändlichen Streiche gespielt. Das Mädchen war sichtlich in's Herz getroffen, der junge Rheinländer aber in seinem Uebennuthe dachte nicht an solche Folgen seines lustigen Streiches. Daß die drallen oder, wie die Oestcrreichcr nnd Bayern sagten, die„feschen" altenburger Landmüdchen, die sich zahlreich eingefnuden hatten, bei dem Küssen nicht zu kurz kamen, dafür sorgte ivohl hauptsächlich ihre cigcnthümliche Tracht,— denn, offen gestanden, außer der Tracht ist weder etwas Hübsches noch Interessantes an diesen Mädchen. Auf dem Festplatze hielt zuerst Dr. Götz eine Festrede, aus der ich nur die Worte Einigkeit und Freiheit behalten habe— und fragt man jetzt den verehrten Herrn, der in Lindenau bei Leipzig wohnt, so ist ihm die damals gepriesene„Einigkeit" die Einigkeit der preußischen alles überspannenden Pickelhaube ge� worden und die Freiheit— sie liegt in politischer Beziehung unter der Bismarck'schen Einigkeit begraben, in sozialer Beziehung bedeutet sie aber für die große Masse des deutschen Volkes die Freiheit des Hungerns. Am Abend desselben Tages, nachdem air 10,000 Turner Frei- Übungen exerzirt hatten, fand ein Nachtmanöver der leipziger Feuerwehr statt, welchem man die größte Anerkennung nicht ver- sagen konnte. DinStag, den 4. August, war große Festtafel, bei welcher ein Herr Lecher aus Wien den verfassnngsgetreuen preußischen Abgeordneten ein Hoch ausbrachte— der Aermste, er ahnte nicht, daß diese „Verfassungstreue" bald schon vor dem Erfolge im Staub liegen würde. Der alte Venedey hielt auch eine begeisterte Rede für 140 Deutschlands Freiheit— der Mann meinte es ehrlich, er war aber recht alt, sehr alt geworden. Was Wunder, daß die Jugend, die ahnungslose, den alten Herrn im Namen der Freiheit ans die Schultern hob und ihn durch die Halle trug— ein merk- würdiges Bild: Jacob Venedey der Hohepriester der Freiheit. Der Mann ist todt, lassen wir ihn deshalb, ihn und seine Freiheit. Am 5. August wurde die Besreinngsschlacht, die Völkerschlacht von Leipzig gefeiert. Es war gut, daß wir noch kein Königs- grcitz und Sedan hatten. Was feierte denn eigentlich die freiheits- liebende Jugend? Sie wußte es selbst nicht— der fremde Tyrann wurde vertrieben, das aber war des Blutes, des deutschen Blutes nicht Werth, welches in Strömen geflossen. Professor Dr. von Treitschke hielt die Festrede— eine lange, schön stilisirte, gut auswendig gelernte Festrede.—„Die Zeit ist dahin, wo der Wille der Höfe allein die Geschicke dieses großen Landes bestimmte."— Ja, Treitschke war ein Prophet— die„Höfe" bestimmen nicht mehr allein die Geschicke Deutschlands, aber— Bismarck. Vor deu„Höfen" legt sich der Turner Treitschke nicht mehr auf den Banch, aber vor Bismarck— und der Unterschied? Die„Höfe" waren an derlei Tnrnkunststücke gewöhnt und beachteten die Bauchrutscherci nicht weiter, Bismarck aber amüsirt sich über derartige Clownstücke und zeigt freundlichst lächelnd dieselben der ganzen Welt. Und Treitschke ist infolge dessen„berühmt" geworden. Zum Schlüsse seiner Rede rief der hochcdle Herr mit seiner monotonen, schreienden Stimme: „Auch der Geringste unter uns ist berufen mitzuarbeiten an dem Dome deutscher Einheit, deutscher Freiheit, deutscher Größe!" „Die Halle stürzt ein!" hallte ein tausendstimnnger Ruf— die„Germania", das große Standbild auf der Halle, neigte ihr Haupt, der Sturm wurde zum Ocean'— der„deutsche Dom" war sehr gefährdet; Herr Treitschke steckte sein Mannskript ein und trank eine Flasche Sodawasser— die leipziger Feuerwehr- lcute aber, die Männer aus dem arbeitenden Volke, sie kletterten in Sturm und Wetter an der Halle empor und stützten -die Thürme und die Germania, so daß sie nicht in jähem Fall zertrümmert wurden und zugleich die Halle, den„deutschen Dom", mitzerstörten. Schönschwätzer haben unser deutsches Vaterland verderbt und an den Rand des Grabes gebracht mit ihren nichtsnutzigen Reden von Deutschlands Einheit und Freiheit. Das Volk, das arbeitende Volk wird, endlich aus seinem Traum erwacht, aber unter einem andern Banner, unter dem Banner der Gleichheit das Vaterland wieder erretten aus der unsäglichen Schmach, in der es sich jetzt, gekettet und geknechtet, befindet. Turner Treitschke aber ist einer seiner Kerkermeister, wenn auch nur der untersten einer. ** * Der Abschied nahte. Die fremden Turner, welche damals in Leipzig waren, sie werden,' welcher Gesinnung sie auch sonst jetzt sein mögen, immer mit großer Zufriedenheit zurückblicken auf die Gastfreundschaft, die ihnen von Leipzigs Bürgerschaft entgegen- getragen wurde. Deshalb war der Abschied auch durchweg ein so sehr bewegter und es ist nicht übertrieben, wenn berichtet wird, daß ein alter biederer Mann aus dem Arbciterstande, der„seinen" Turner nach der Bahn gebracht hatte, nachher erklärt habe:„Es ist mir gerade so, als zu jener Zeit, da mir mein einziger Sohn starb."— Ehre also der Stadt Leipzig und ihrer Gastfreundschaft! Wunderbar, daß diese selbe Stadt, die für Schleswig-Holstein und Tyrol schwärmte, die in der deutschen versammelten Jugend nicht nur die Einheit, sondern auch die Freiheit des Vater- landes erblickte, daß diese selbe Stadt so unendlich tief in den nationalservilen Sumpf eingesunken ist, so tief fast wie keine andere deutsche Stadt. Schade um Leipzig! ** * Einige Schnurren will ich noch erwähnen. Auf dem Fest- platze war eine sogenannte„Todtenkammer" eingerichtet, in welche behutsam und ohne Aufsehen zu erregen, von ihren Freunden oder auch von der den Polizeidienst ausübenden Feuerwehr die „Grauen", die aber schon„schwarz" oder völlig„duse" geworden waren, mit einem Worte die schwer Bezechten gebracht wurden, um ihren Rausch auszuschlafen. Im Verhältniß zu der großen Zahl der Festtheilnchnier waren inimer nur sehr wenige Insassen dort zu finden. Höchst ergötzlich war es, als wir einen Bekannten dorthin ablieferten, daß dieser plötzlich fast ernüchtert, auf einen der auf der Pritsche liegenden Schläfer hinwies uud ausrief: „Habe ich doch diesen meinen Freund aus Gstadt schon seit drei Tagen gesucht und finde ihn glücklicherweise jetzt am vierten Tage doch noch." Er legte sich zutraulich hin zu seinem alten Freunde; sie schliefen beide ihren Rausch aus und Abends und am andern Tage wichen sie sich niemals von der Seite.— Ein ostpreußischer Grundbesitzer, ein jovialer Mann, der seine 260 Zollpfund wog, hatte eine„dicke Riege" gebildet. Bedingung 180 Zollpfund Schwere und zwei bis drei leichte Freiübungen. Ueber 40 Mann fanden sich, die zur Belustigung der Zuschauer bald im Gänsemarsch, bald in Sektionen auf dem Festplatz und in der Stadt sich zeigten— in den Bier- und Weinhäusern aber hörte man sehr schnell schon das geflügelte Wort:„Die dicke Riege stirbt(siehe Todtenkammer), aber sie ergibt sich nicht." ** *- „Die Schranken sind gefallen, die aufgebaut waren zwischen Süd und Nord, Schleswig-Holstein muß befreit werden," riefen die Wiener und Tyroler— und Schleswig-Holstein wurde„be- freit" vom dänischen Joche,„befreit" auch durch Oesterreichs Krieger. 1200 österreichische Turner waren in Leipzig auf dem deutschen Turnfeste und zwar als Deutsche. Feiern wir jetzt einmal wieder ein„deutsches Nationalfest", zum Beispiel den aus der Schlacht bei Königgrätz hervorgegangenen Siegestag von Sedan, so werden die Oestcrreicher wohl fehlen, die deutschen Brüder, die trotz der„deutschen Einheit", ja wegen der preußischen „deutschen Einheit" hinausgeworfen worden sind aus Deutschland. Und wie sieht's aus mit der„Freiheit"? Das Antlitz sollte sich jeder Deutsche verhüllen, mit Ingrimm zurückdenken an all' die hochtrabenden Phrasen und Lieder, wenn er unser Vaterland sieht, wie es in den Banden, die Hochmuth und Servilismus ihm geschlagen, darnicderliegt.» �« Schließen wir unsere Skizzen mit der schweren Anklage, daß die deutsche Jugend von damals das dem Vaterlande gegebene Wort gebrochen hat, daß die Freiheit gerade von den Leuten zu Grabe getragen worden ist, welche sie am feurigsten auf den Schild erhoben haben. Doch eine andere Jugend ist nachgewachsen und wächst nach; eine Jugend, die sich nicht mit Phrasen abfüttern läßt, nein die da will, daß Freiheit und Gleichheit in Fleisch und Blut über- gehen, daß in allen politischen und sozialen Verhältnissen sie allein das leitende Prinzip bilden. Der Erdonkel. Novelle von Ernst von Waldow. Eusebius richtete sich auf und sprach, die Rechte ausgestreckt, die Blicke zu dem grauen Plafond des Zimmers emporgerichtet: „.Sprich, was ist der Mensch, daß du übermächtiger Trauer So dich völlig ergibst? Was beseuszest du weinend daö Sterben? Denn wenn das Leben bis jetzt, das vergangne, dir lieblich und süß war, Wenn dir nicht jeder Genuß, als Hütt' in ein Faß ohne Boden Man ihn geschüttet, entfloß und ohne zu laben dahinschwand, Warum gehst du nicht, ein gesättigter Gast, von des Lebens Tafel hinweg und legst dich, du Thor, gleichmüthig zur Ruhe?' „Au— weh!" (Fortsetzung.) Eusebius rief das hinterdrein, als gehöre es noch zu seinem Vortrage. Ganz versenkt in seinen„Stoff" hatte er näinlich nicht darauf geachtet, daß Jakob schon während der Deklamafion leb- hafte Zeichen des Unwillens von sich gegeben; zum Schlüsse war seine Entrüstung so mächtig geworden, daß sie selbst die körper- liche Schwäche besiegt,— mit einem Griffe hatte sich der Kranke des Erbauungsbuches bemächtigt, aus welchem Gertrud ihm vor- hin vorgelesen, und dasselbe nach dem Bruder geschleudert. Das Buch hatte zwar keine edlen Theilc getroffen, und nur der plötzliche Schreck erpreßte dem alten Studenten, der auf diese Wirkung der Weisheit des Lukrez nicht vorbereitet war, jenen Aufschrei. Derselbe rief sogleich die ängstliche Gertrud herbei, die den verblüfften Philosophen fragte, was denn geschehen sei, und als sie von ihm keine befriedigende Antwort erhielt, an das Bett ihres stöhnenden Herrn eilte. „Hinaus— fort!— Selbst ein verrückter Thor!— Mich trösten— will mich umbringen!— Denkt, daß er die Erbschaft bekommt— hahaha!" „Aber Jakob!" rief Eusebius, der sich von seinem Staunen immer noch nicht erholt hatte, vorwurfsvoll.„Ich schwöre dir—" Emmerenzia, die nahe der Thür des Nebenzimmers gestanden, und jedenfalls eifrig gelauscht hatte, öffnete jetzt und trat über die Schwelle; ihr folgten, wie auf Verabredung, sämmtliche erb- berechtigte Geschwister, denn keins wollte jetzt, in der letzten, wichtigsten Stunde den Erblasser mit den übrigen allein lassen. War auch das Testament längst gemacht, so konnte es ja noch umgestoßen oder ein schwerwiegendes Kodizill dazu verfaßt werden! Es galt demnach, auf der Hut zu sein; das sagten sie sich alle, und das Resultat war, daß keiner dem andern traute. Dame Edclttud war nicht die Letzte gewesen, und bezwang ihren. Hochmuth sogar soweit, den Schwager Flickschuster nach der Ursache dieser„Szene" höchstselbst zu befragen. Ganz ehrlich erzählte der alte Sttident, was sich zugetragen, während Gertrud dem Kranken eine beruhigende und kräftigende Arznei einflößte. Diese äußerte denn auch bald ihre Wirkung, Herr Jakob richtete sich ein wenig auf in den stützenden Armen der treuen Dienerin, und betrachtete die um sein Bett gruppirtcn Geschwister mit feindseligen, höhnischen Blicken, dann krächzte er heiser: „Hinaus— sofort!— Mörder, Giftmischer, Erbschleicher!— Ihr wollt mir an's Leben und eure bösen Wünsche und Gedanken verkürzen meine Tage!— Marsch hinaus,'— euch zum Aerger werd' ich noch lange leben!" Damit sank er zurück, schloß die Augen und röchelte dumpf. „Den Arzt— holt den Doktor Binder!" schrie Gertrud m Todesangst. Eusebius war der erste und einzige, der sich schnell ermannte und sich anschickte, den Arzt zu rufen, der im Nebengcmach ein Rezept geschrieben und sich darauf zu Hans in de» Laden hinab- begeben hatte. Auf Frau Gertruds energisches Drängen zogen sich die übrigen zurück, da es leicht ersichtlich war, daß die Gegenwart seiner Erben den sterbenden Geizhals auf das furchtbarste erregte. Wenigstens trugen seine Züge einen sprechenden Ausdruck von Menschenverachtung, als er sich wieder ein wenig erholt hatte. Der Arzt erschien, prüfte den Puls seines Patienten und kniff die Lippen zusammen. Achselzuckend trat er dann zurück. Die Schwäche des Kranken nahm zu, er begann wieder zu röcheln, unruhig glitt seine Rechte— die linke Seite ivar gelähmt— auf der Bettdecke hin und her. Gertrud murmelte ein Gebet,— ein zorniger Blick ihres Herrn unterbrach sie in dieser frommen Beschäftigung. Sie flüsterte leise, um nicht von der Hofräthin gehört zu werden, die hinter dem Feustervorhang halb verborgen stand, eine Frage in das Ohr des Sterbenden. Dieser schüttelte mit dem kahlen Kopfe, aus dem kalte Schweißtropfen perlten. Dann, mit einer letzten äußersten Anstrengung, stammelte er: ..Erben— Feinde— nicht sehen— mein Geld— schönes Geld— ah— ah— ah—" Wieder sanken die Augenlider schwer herab, das Röcheln stellte sich wieder ein— der Todeskampf begann. Es war ein wildes, verzweifeltes Sichsträuben gegen die Ver- nichtnng, und das endlich, kurz vor Mitternacht, erfolgte Ende des wunderlichen Greises hatte nichts Versöhnendes, Friedvolles. ** * Die alte dohlcnwinklcr Thurmuhr verkündete mit tiefen Schlä- gen die zwölfte Stunde, als die Thür des grauen Hauses am Markte sich öffnete, und eine kleine, schweigende Gesellschaft aus derselben hinaus in die sternenhelle, würzige Maiennacht, auf die schweigende, todtenstille Straße trat. Das waren die Erben des Bartels'schcn Vermögens, männlich und weiblich— bürgerlich und adlig. Der ticfbctriibte Hans, dessei? kleine Augen förmlich in Thränen schwammen, leuchtete mir trauriger Miene, und erlaubte sich sogar an den Hofrath, der sich, Dame Edeltrud am Arm führend, so- gleich von den Uebrigen trennte, die schüchterne Frage zu richten: ob er den Herrschaften vielleicht heim leuchten solle, da die Abtei in einer dunkeln und ziemlich entfernten Gasse gelegen sei? Das graue Mänuchen brummte verlegen einige Dankesworte, die Hofräthin jedoch blieb stehen und das stolze Haupt nach rück- wärts gewandt, sagte sie nachlässig: „Ach, apropos, wir können da gleich diese lächerliche An- gelegenheit erledigen. Sie haben die unverantwortliche Kühnheit gehabt, wie mir mein Gemahl sagte, um unsere Tochter, Fräulein Adelgunde v. Bartels, anzuhalten. „Dies ist eine Vermcssenheit, welche nur völlige Unzurechnuugs- fähigkeit einigermaßen entschuldigen kann— diesen Mildernugs- grund will ich annehmen, und in Anbetracht des traurigen und erschütternden Ereignisses, aus keine exemplarische Bestrafung für Ihr gestern begangenes Vergehen dringen, sondern Sie in aller. Stille entlassen. „Sie sind hiermit Ihres Dienstes enthoben und mögen morgen in aller Frühe das Haus Ihres Prinzipals verlaffen. Für paffenden Ersatz wird gesorgt werden. „Noch spreche ich die Hoffnung aus, daß Sie Ihr Vergehe� bereuen, und als Beweis hierfür baldmöglichst auch Dohleuwin'fl. verlassen werden, damit die unglückliche Dame, das Opfer Ihrer Vcrführuugskünste, ohne Erröthcn wieder das Licht des Tages schauen darf!" Eine stolze Handbewegung noch und Dame Edclttud wandte sich zum Gehen, den kleinen Hofrath, der nicht ein einziges Wort zu äußern gewagt, mit sich ziehend. Hans starrte ihr schier entgeistert nach— so viel Unglück, so viel Schmach— er faßte es nicht, es war wirklich zu viel auf einmal— das Licht erlosch in seiner zitternden Hand, er stand im Dunkeln und blickte den Enteilenden eine Weile in stummem Jammer nach, dann setzte er sich auf die ausgetretene Stufe, welche zu dem Laden führte, den er so lange tteulich verwaltet— und weinte bitterlich. Der arme, treue Mensch, er hätte, wenn ihn in diesem Augen- blick jemand auf's Gewissen gefragt: ob ihm der Abschied von' dem ihm so theuren Wirkungskreis schmerzlicher sei, oder die Trennung von der Geliebten— ja wahrlich, er hätte es nicht gewußt. Nur so viel war ihm klar: daß die Welt ein Jammer- thal und er, Hans, zum Unglück geboren sei! Ganz anders— Eusebius ausgenommen, der tief gedauken- voll seiner ärmlichen Wohnung vor dem Thore zuschritt— fühlten und dachten die Erben. Der Schneidernleister und Frau Friederike, denen es für aus gemacht galt, daß Röschen die Erbin sei, konnten es doch nur schwer verwinden, daß die hochmiithige Schwägerin— der Hof- rath zählte auch in dieser, wie in jeder Rechnung immer nur als Null— doch so eigentlich ihren Zweck erreicht— und den Vogel abgeschossen habe. Röschen sei allerdings ein gutes Ding und halte zu den Schwiegereltern mehr als zu den eigenen Eltern— aber der Jakob hat halt doch nur die Erbschaft in zweiter�Linie. Daß die beiden Schwestern leer ausgingen, fanden Johann und Friederike ganz in der Ordnung, auch Eusebius, der mit Geld ohnehin nichts Vernünftiges anzufangen verstand, kam nicht in Betracht. Der Todte hätte eben nur eine„vernünftige Wahl" treffen können— und wenn er dies verabsäumt— so möge ihm Gott die Sünden verzeihen, und ihn trotzdessen sanft ruhen lassen. Alan sieht, daß der Schreiner Johann und seine Ehefrau immer noch christlich dachten; weniger gefühlvoll faßten die adligen Bartels die Angelegenheit auf. Als das Ehepaar(Adelgunde mar noch immer in strenger Haft auf ihrem Zimmer) bei dem verspäteten Nachtmahl saß, um nach dem anstrengenden Tage den erschöpften Leib zu stärken, meinte Dame Edeltrud, nachdem sie den„Erbonkel" ziemlich scharf mitgenommen, dafür, daß er den plebejischen Jakob zuni Erben erkoren—„es mag nun sein wie immer— Zeit ist es jedenfalls, daß unsere Finanzen durch die Erbschaft restaurirt werden, wenn wir auch erst auf Umwegen in den Besitz derselben gelange». Denn ich muß dir sagen," fuhr sie vertraulicher fort, „die Kvntts habe» bereits ein beträchtliche Höhe erreicht, und—" „Wir haben Schulden?" stotterte der kleine Hofrath ganz er- schreckt. „Schulden— welch vulgäre Bezeichnung!" rief Dame Edel- trud enttüstct aus.„Ich sehe, daß du dich meines Vertranens wenig würdig zeigst. Denkst du denn, daß vornehme Leute wie wir nicht andere Ansprüche an das Leben machen, als solche Proletarier, wie deine Verwandten leider sind!" „Aber die Pension—" „Du solltest dir berechnen können, daß sie für unsere Bedürf- nisse nicht ausreichend ist." „Ja— ich weiß, du hast mir das oft gesagt— aber deshalb gebe ich dir doch die 2000 Thaler, Ivelche wir noch von unserem Vermögen besitzen, damit du in Nothfällen von diesem Kapital nehmen möchtest, so z. B. für Röschens Aussteuer, der wir unser- seits doch etwas geben wollten, obgleich später Bruder Jakob fast alles selbst bestritt." „Das war auch gut," entgegnete die Hofräthin trocken,„denn das Geld hat ohnehin seine Verwendung gefunden—" „Ver— wen— dung?!" stammelte das graue Männchen. Daine Edeltrud richtete sich zu ihrer vollen Höhe ans, dann sagte sie streng: „Du bist ein so unverantwortlicher Vater, daß es mich nicht wundert, wenn du dich geberdest, als hättest du überhaupt nur diese beiden Kinder. Vergissest du denn ganz deinen Sohn Adelhart, dm einzigen würdigen Sprößling unserer Familie, den vor dem Loose zu bewahren, hier in dem elenden Dohlenwinkel zu ver- baucrn, allein meiner Energie und sorgenden Liebe gelungen ist!" Parlamentarier. IX. Graf von Schwer in-Putzar, der Minister der„neuen Aera", ein Mann, der gern in die Fußstapfen des Freiherrn von Stein treten wollte, aber nicht konnte, weil die Schritte, die der Freiherr durch die preußisch-deutsche Geschichte gemacht hatte, für den Grafen zu groß waren. 1804 in Pommern geboren, wurde Graf Schwerin dort Landrath und Generallandschaftsdirektor; 1847 Mitglied des vereinigten Land- i tags, 1848 Minister des Kultus. Als Mitglied des deutschen Parlaments gehörte er zu den Altliberalcu. Von 1849— 1855 war Schwerin Präsident der zweiten preußischen Kammer, von 1855—59 Mitglied derselben; er gehörte zur Fraktion Vinke. 1859—1862 Minister des Innern. Gras Schwerin konnte den Militärkonflikt nicht lösen— der König löste deshalb das Ministerium Fürst Hohenlohe und Graf Schwerin auf, die nach ihrer Meinung ehrlich konstitutionell waren, und berief einen einfachen pommcrschen Landjunker, der allerdings in der Diplomatie Carriere gemacht hatte, den Herrn von Bismarck- Schönhausen, dem man von vornherein zurief, er würde„schön hausen", um den Konflikt zu lösen. Wie solches diesem„parlamentarischen" Minister gelang, davon später. Schwerin aher kehrte in das Abgeordnetenhaus zurück; seine /parlamentarische Begabung war gering, desto mehr wurde seine Ehrlich- keit gerühmt. Noch sehe ich den kurzgedrungenen Herrn in einfacher Kleidung, beide Hände in den Hosentaschen, wie er im norddeutschen Reichstage seinem Groll gegen Bismarck Luft machte und mit ganz ruhiger Stimme immer und immer wieder behauptete, Bismarck habe doch gesagt:„Gewalt geht vor Recht"— während letzterer ganz erregt behauptete, das sei ein Jrrthum, der parlamentarische Bericht weise nach, daß er den Ausspruch in ganz anderem Zusammenhange gebraucht habe. Doch Graf Schwerin blieb dem parlamentarischen Bericht gegen- über bei seiner Behauptung, weil er den Ausdruck so gehört habe. In keiner Beziehung konnte der biedere Graf Schwerin den Herrn von Bismarck leiden und nur in den letzten Lebensjahren wurde das Ver- hältniß wenigstens äußerlich gebessert. Seit 1867 gehörte Gras Schwerin dem deutschen Reichstage an und zwar als Nationalliberaler, bis er 1872 starb. Ob er die national- liberale Komödie später noch mit gemacht haben würde, wo sie immer mehr in das Bedientcnthnm ausartete, ist mehr als zweifelhaft bei dem starren preußischen Bureaukraten, der wohl die„preußische Zucht" liebte, aber nimmermehr die nationalliberale„deutsche Korruption". Wiener Lebensbilder. I. (Schluß.) Und früher hatten Kommissionen über Kommissionen stattgesunden, die alles„in bester Ordnung" fanden. Bei den Waisenhäusern war die Revision bis auf die schmutzige Wäsche ausgedehnt und alles„so korrekt" befunden worden,„daß die Kommission ganz überrascht war". Die„schmutzige Wäsche", die in der obenerwähnten Gerichtsverhandlung gewaschen wurde, scheint man sonach damals nicht gesunden zu haben. In der Friedhofsangelegenheil war von der betreffenden Kommission konstatirt worden., daß Beschuldigungen gegen Beamte der Gemeinde „Aber, Adelhart ist doch versorgt!" „Das nennt dieser Mann versorgt!" unterbrach entrüstet die Hosräthin.„Fällt dir wirklich nicht ein, daß ein adliger Offizier noch etwas anderes zum Leben braucht, als Essen und Trinken? Es wäre wahrlich traurig, wenn das von Reckensteinsche Blut, das er mütterlicherseits iu den Adern hat, so ganz aus der Art geschlagen wäre!— Nein, gottlob, unser Adclhart hat noble Passionen, er wettet, er spielt hoch, er unterhält einige Liäsons mit Damen vom Theater,— kurzuin, er braucht viel Geld. Es waren Ehrenwechsel einzulösen— und dazu sandte ich ihm das Geld.— So, nun weißt du es!" Ja, nun wußte er es, und er seufzte so recht aus Herzeus- gründe, dann nahm er den Leuchter vom Tische, um sich in sein Schlafkabinet zu begeben, denn der Appetit war ihm plötzlich ganz und gar vergangen. An der Thür wandte sich der kleine Hofrath noch einmal um und sagte: „Gott wolle meinem Bruder Jakob die Ruhe geben und eine fröhliche Urständ, aber wenn er jetzt nicht gestorben wäre, stünde es schlimm um uns und der Ruin wäre unausbleiblich." Dame Edeltrud begnügte sich damit, hoheitsvoll die Achseln zu zucken. (Fortsetzung folgt.) unbegründet seien und in verleumderischer Weise erhoben wurden! Ist das nicht die reinste Gemüthlichkeit? Aber nun hat man denn die Schuldigen doch vom Dienste entfernt, meinen Sie? Weit gefehlt! Das würde sich ja mit der wiener Gc müthlichkeit nicht vertragen. Der verurtheilte„Waisenvater" wurde zwar mit schwerem Herzen entlassen, jedoch nicht ohne daß er vorher Gelegenheit hatte, in einer rührenden Rede von seinen Waisenkindern Abschied zu nehmen. Die können davon erbaut worden sein! Gegen den anderen„Waisenvater", obwohl auch dem der Betrug gerichtlich nachgewiesen, wurde erst eine„Disziplinar- Untersuchung" eingeleitet. Das Gleiche geschah gegen den Jngenieurassistenten Braun, in Bezug dessen das Schwurgericht einhellig erkannt hatte, daß er„nicht fälschlich" einer verbrecherischen Handlung beschuldigt worden. Wie derartige Untersuchungen geführt werden, möge aus der Thatsache erhellen, daß jene gegen Braun bereits beendet und zu dem Ergebniß gelangt ist, daß sich derselbe vollkommen korrekt benommen und daher in seiner Amtsstellung zu belassen sei. Und das trotz des Verdikts der Jury! Wünschen die Leser der„Neuen Welt" noch mehr Belege von der wiener Gemüthlichkeit? Ich will Sie nicht ermüden und darum erwähne ich noch kurz, daß auch gegen den städtischen Gartcndirektor eine Untersuchung schwebt betreffs der Anklage, aus Gemeindemitteln verschiedene Gärten in der Umgebung eingerichtet zu haben; ferner, daß ein„Armenvater" sich von einer Psründnerin eine mindestens 50 Gulden werthe goldene Uhr um 12 Gulden„verkaufen" ließ, dafür aber deren Pfründe von 4 auf 5 Gulden erhöhte, ein anderer„Armenvater" seinem Hausmeister städtische Anweisungen auf Kohlen gab, zu dem Zwecke, damit seine eigenen(des Armenvaters) neuen Zimmer ausheizen zu lassen, ebenso Anweisungen auf Geldunterstützungen, damit ihm der Hausmeister die Stiesel schöner putze.— Und das alles geschah in einem Hause, im Haushalte der Großcommune Wien, während eines Zeitraumes von kaum vierzehn Tagen; mögen Sie Sich nun selbst einen Begriff von der „väterlichen" Sorgfalt unserer diversen Stadt-, Waisen- und Armen- väter machen. Wenn dies am grünen Holze, bei der Stadtverwaltung geschieht, bei Männern, welche das Vertrauen ihrer Mitbürger auf ihre Posten berufen, wie soll uns nachher die Unverschämtheit Wunder nehmen, mit der die prosessionellen„Gründer" ihre„höchste Fruktifizirung" betreiben. Der Erfinder dieses geflügelten Wortes ist der berüchtigte Placht, der ob seiner großartig betriebenen Schwindeleien im Jahre 1873 zu fünf Jahren schweren Kerkers verurtheilt ivorden war. Namentlich das mit Roth und Kümmernissen erworbene Schärflein des sparsamen Arbeiters, der armen Dienstmagd, des strebsamen Kleinmeisters oder im Dienst ergrauten Schullehrers war es, das diesem gewissenlosen Schwindler zuin Opfer fiel. Noch sind die aufregenden Szenen im frischen Ge- dächtniß, die sich vor der Thür seines Börsengeschäfts abspielten, als dieselbe eines schönen Maitags geschlossen blieb und es an's Tageslicht kam, daß all dieses Geld, an dem Millionen und aber Millionen Tropfen sauren Arbeiterschweißes klebten, auf Ninimerwiedersehen ver- schwunden sei.— Heute ist Placht begnadigt, nachdem er vier Jahre seiner Strafe abgesessen. Aber man würde sich gewaltig irren, wenn man glaubte, daß er sich nun etwa aus Scham zurückziehen werde. So was thut ein Placht nicht! In einem bei 400 Zeilen langen Inserat des edlen Organs, für das internationale Gaunerthum, der „Neuen Freien Presse", dankt er zuerst für die„zahlreichen Kund- gebungen herzlicher und freundschastlicher Theilnahme", die ihm an- läßlich seiner Begnadigung zugekommen und gibt schließlich die Ver- sicherung, daß„sein Muth gestählt, seine Willenskraft gehoben und der Trieb nach angestrengter Thätigkeit in ihm gefordert" sei und daß deinnächst in einer Broschüre unter dem Titel„Unverzagt" die SJfutel und Wege angeben werde, wie die bei ihm verloren gegangenen Ber- mögenstheile wieder hereingebracht werden können.„Unverzagt" wird also die„höchste Fruktifizirung" wieder von von vorne beginnen und es kann daher nicht zeitig genug gewarnt werden:„Taschen zu!" Von Placht zu Wert heim ist nur ein Schritt. Erfand ersterer die„höchste Fruktifizirung", so haben wir letzterem den goldenen Satz: „die Moral ist nicht auf der Tagesordnung" zu verdanken. Daß bei Herrn Baron v. Wcrtheim die Moral wirklich„nicht auf der Tages- Ordnung" steht, braucht nun allerdings nicht erst bewiesen zu werden. Nachstehendes Stückchen ist aber bezeichnend genug, um es den Lesern der„Neuen Welt" nicht vorzuenthalten. In der goldenen Zeit nämlich, als alle Welt„gründete" und die Aktiengesellschaften wie die Pilze nach einem warmen Regen aus dem Boden emporschössen, so daß fast jedes größere und auch manches kleine Geschäft einer solchen Aktiengesellschaft gehörte, da konnte Herr v. Wertheim selbstverständlich keine Ausnahme machen: auch er gründete eine Aktiengesellschaft und verkaufte derselben seine„feuerfeste Kassensabrik" weit über den eigentlichen Werth. Wie es dieser„ersten österreichischen Kassenfabriks- Aktiengesellschaft" erging, beweist am besten der Kurszettel, wo deren Aktien schon die langen Jahre hindurch mit der sterotypen Ziffer-- notirt sind. Heute haben diese Aktien fast gar keinen Werth mehr, und es war daher dem edlen Herrn Baron ein Leichtes, den größten Theil derselben um ein Spottgeld zurückzukaufen. Nun läßt er eine„Generalversammlung" stattfinden, beschließt, da er für seine Person schon über die Mehrzahl der Stimmen verfügt, die„Liquidation" und ernennt daher auch die Liquidatoren. Die Moral steht zwar nicht auf der Tagesordnung, aber das Geschäft ist gemacht— le jeu est t'ait! Indessen dürften unsere Leser für heute genug haben von allen diesen Schwindelgeschichten; vielleicht, wenn es Ihnen lieb ist, bietet sich mir in meinem nächsten Briese Gelegenheit, ein crfteulichcres und weniger schwindelhaftes Thema zu berühren. Wien, 7. November 187? Viennensis. Die Wacht im Walde.(Bild Seite 136.) Eine merkwürdige Probe von thierischer Pflichttreue— diese Wacht bei dem erlegten Hirsche im einsamen Wald bei einem Schneesturm, der dem getreuen Hunde pfeifend in die Nüstern peitscht und ihn beinahe selber zu einem Eis- klumpen erstarren macht. Der Förster hat sich nach dem Forsthause begeben, um den getödteten Hirsch heimschaffen zu lassen, und hat seiner klugen Hündin den Auftrag ertheilt, bei der prachtvollen Jagdbeute bis zu seiner Wiederkehr Wache zu halten. Und nun mag der Schnee sallcn zu Haus' und der Wind heulen, wie er kann, der Jagdhund erstarrt eher auf seinem Posten, als daß er ihn verläßt. Tann, wenn er nach stundenlangem Warten endlich das Herannahen des Herrn wittert und wenn dieser ihn durch einen Zuruf von seiner Wächterpflicht entbindet, stürzt er vor Frost sowohl, als vor Freude über die glückliche Erledi- gung seines Auftrags winselnd und heulend dem Herrn entgegen, der die getreue und anspruchslose Seele vielleicht mit ein paar freundlichen Worten belohnt. Solch' unerschütterliche Pflichttreue müßte man be- wundern, wenn man sich nicht erinnerte, daß der Peitsche diese Charakter- eigenschaft zu danken ist. Der Jagdhund ist, mehr wie jeder andere Hund, so recht das Musterbild eines durch konsequente Unbarmherzigkcit in Furcht und Gehorsam erhaltenen Sklaven; und des mitleidigen Ver- suchs, bei Gelegenheit so einem armen Teufel von Hunde sein Leben ein wenig zu erleichtern, ist er gewiß werth! G.. Am Niklastage.(Bild Seite 137, nach dem Gemälde von Fr. Tüshaus.) Es ist ein„Heiliger", der da auf kräftigem Rosse seinen Umzug hält— ein Heiliger, der sich ebensowohl im evangelischen, als im römischkatholischen und gricchischkatholijchen Kalender findet, und der sich als Schutzpatron der Kinder heute noch auch in solchen Fami- lien eines Kultus erfreut, die von religiösem Aberglauben wenig oder garnichts mehr wissen wollen. Mit dem„heiligen" Nikolaus, der im jqcischen Patara am Ende des dritten Jahrhunderts». Chr. geboren, als Bischof von Myra vom Kaiser Diokletian eingekerkert und von Konstantin dem„Großen" erst wieder freigegeben ward und der, ob- gleich er christlicher Bischof war, doch ein ganz braver Mann gewesen sein soll,— mit diesem heiligen Nikolaus hätten wir sehr wenig zu schaffen, wenn in ihm nicht im Laufe der Jahrhundertc die Liebe zu den Kindern eine schöne Personifikation gesunden hätte. Das Christen- thum machte mit bemerkcnswerthem Geschick alle in das römische und germanische Volksleben tiefeingewurzelten Gebräuche und Sitten zu den eigenen; so verschmolz es die süd- und nordländischen Feste der Winter-, sonnenwende— die Saturnalien und das Julfest— zu seinem Wcihnachts- scfle und verschönerte dasselbe in gleicher Weise mit den bei den Satur- nalien üblichen Geschenken, wie mit dem Weihnachtsbaum, der dem germanischen Sonnengotte beim Julfeste dargebracht wurde. Während indeß die Missionare des Christenthums aus religiöser Schlauheit sich hüteten, diesen und jenen mit dem heidnischen Volksleben sestverwach- senen Brauch anzutasten, und während die Masse der Christen gedanken- los fremde Anschauungen und Sitten übernahm, ziemt es uns, die herrschenden Sitten und Gebräuche zu prüfen und den schönen Kern g�.nüthvoller Ueberlieferung nicht zu verWersen um der christlichen Schale willen, welche ihn einschließt— im Bewußtsein der Aufgabe des Sozialismus, das Gute und Edle zu pflegen und zu fördern, der Menschheit zu Lieb und Nutz, wo es sich findet. Und so mag denn auch der Niklastag gefeiert werden in der einen oder andern Weise als der Tag, an welchem der Wünsche unserer Kleinen besonders gedacht wird und der Geist der Kindesliebe ihnen Freude bringt und seine Gaben, so reich er es vermag, über sie ausschüttet. In einem großen Theilc von Deutschlond, in der Schweiz und in den Niederlanden tritt St. Niklas am Abend des 10. November, als an seinem und Luthers Geburtstag, hoch zu Roß seine Rundreise an, schaut zu den Fenstern hinein auf die schlafenden Kindlein und erkundigt sich bei den Eltern, ob die Kleinen brav find und schöne Geschenke verdienen, oder ob sie bös sind und der Ruthe bedürfen. Dann läßt er ihnen noch Zeit bis zum 5. Dezember— den Guten, um ihren Eltern noch mehr Freude zu machen, und den Schlimmen, sich zu bessern, und in der Nacht zum 6. kommt der Sante Klaas— wie er sich vertraulich nennen läßt--- mit der Ruthe und, was besser ist, mit den Geschenken. G. Europäische Schattenbilder. Wir vergessen leicht und leben rasch auf den flüchtigen Wellen der täglich wechselnden Zeitströmung. Selbst die beiden„Unfehlbaren", der Taikun in Varzin und der Mikado im Vatikan sammt ihren Heerruferli Falk und Windthorst stören nicht mehr unsern Schlummer. Auch der orientalische Massenmord für„friedliche Kulturzwecke" und die Kapriolen des„Republikaners" in der Mönchskutte an der Seine vermögen nicht sonderlich der Menschheit Pulsschlag zu beschleunigen, denn trotz der stigmatisirten Jungfrauen, der Madonnen ans den Pflaumbäumen, des Spiritisten Humbugs, des Kulturkampfs und Gründerschwindels erstirbt die Zeitströmung in einem Sumpfe, welcher den Fäulnißprozeß der modernen Gesellschaft mit Dampfgeschwindigkcit entwickelt. Und dieser Sumpf wirst absonderliche Blasen, die wenigstens das eine Gute bu zwecken, daß sie durch Erschütterung des Zwerchfells unsere Verdauung befördern. Hier einige Proben davon: Nr. 1. Ein loyalitätstriefender Speichellecker wirft in dem„Algeyer Wochenblatt" den Abnehmern der frankfurter Dombauloosc folgenden byzantinischen Köder hin: „Alle Theilnehmer, deren Loose mit einer Niete gezogen werden, erhalten mit der Ziehungsliste das Porträt des deutschen Kaisers franko und gratis übersandt." Nr. 2. Die„Franksurter Zeitung" erzählt folgende Krähwinkelei: „Die getreuen Rudolstädter pflegen den Geburtstag ihres Fürsten alljährlich am 23. November durch Zweckessen zu feiern; aber leider haben sie sich dabei in zwei Parteien gespalten; die Einen essen Zweck im„Löwen", die Andern im„Ritter". Diese Spaltung war schon lange beklagt worden und es kommt deshalb die„Fürstlich Schwarz- bürg- Rudolstädtische privilegirte Zeitung und Wochenblatt" aus den glücklichen Gedanken, daß man sich so vereinigen möge, daß in Jahren mit ungerader Jahreszahl im„Löwen", in denen mit gerader Jahres- zahl im„Ritter" gespeist werde." Das Blatt sagt zu dieser Fusion wörtlich:„Es würde dieses für den durchlauchtigsten Fürsten jedenfalls eine der schönsten und reinsten GcburtStagsftenden sein, welche Höchst- ihm bereitet werden könnten." Geschwind ein anderes Bild aus dem Vaterlande Voltaires. Die Verpfaffung Frankreichs ivächst mit Riesenschritten. Die vor einem Jahre veröffentlichte ossiziellc Statistik gibt folgende Aus schlüssc. Bor zivölf Jahren gab es in Frankreich 108,11!» Mönche und Nonnen, jetzt aber 140,000; im Jahre 1866 hatten die Klöster etwa 500 Millionen Franken Vermögen, heute das Doppelte. Bon 447,122 Mädchen, welche Elementarunterricht' erhalten oder in ReCungshäusern (Salles ck'asile) aufgenommen sind, werden 356,000 in klösterlichen An stalten und nur 00,000 von Laien erzogen. Diese Ziffern bedürfen keines Kommentars. Die letzte Hoffnung in der europäischen Lotterwirthschaft ist und bleibt die sozialdemokratische Parteibildung, diese»nächtigste Schöpfung unseres Jahrhunderts. Es ist im Sumpfe die einzige Beivcgung, deren Wichtigkeit heute nieinaud mehr bestreitet, deren Tragiveite niemand ermißt. Dieses Senskorn, welches im Jahre 1833 Georg Büchner in das mit Blut und Thränen durchlveichte Erdreich versenkte,»vird einst, zum Riesenbaum entfaltet, die jochbefreitcn Beivohner beider Heini sphären beschatten. Ferdinand Lassallc träumte iin Jahre 1863 von„100,000 Arbeitern in einem iiber ganz.Deutschland verbreiteten Verein." Sein Traum hat sich in 14 Jahren verivirklicht, die Arbeiter bataillonc sind heut schon lOinal stärker, als Lassalle sie erhoffte und sie wachsen in arithinetischer Progression. Noch gibt es unter den Bewohnern Europas 80 Prozent, die sich nicht alle Tage satt essen und ihr Hunger, der größte Feind des Bestehenden, rüttelt an de» Jochen des Staaten baueS und wird die Weltwende herbeiführen. l)r. M. Tr. Zur Berichtigung eineS JrrthumS schreibt uns einer unserer Mitarbeiter, Herr Eduard Bertz, Folgendes: „Die Numiner 8 der.Neuen Welt' bringt in Ernst von Waldoivs Novelle auf pag. 87, Spalte 2, die Stelle:,— weil er, gleich dem Philosophen Empedokles, die Welt als ein Janunerthal, als eine? von Exil ansah und es nicht für logisch hielt, die Verlängerung dieser Strafzeit, welche die Seele abbüßen müßte, noch zu bejubeln.' Ich glaube, daß hier Pythagoras gemeint ist, denn nur von ihm wissen wir, daß er die Seele als zur Strafe auf der Erde befindlich und im Leibe als in einem Gesängniß eingeschlossen ansah. Doch den pointir- ten Pessimismus, welchen der gute Eusebius(in der Waldow'schen Novelle) ausspricht, finden wir in dieser Schärfe vielleicht noch besser bei Buddha und Schopenhauer. Empedokles dagegen vertritt eine großartige physische Weltanschauung, in ver so ein mystisches Straf- Prinzip keinen Raum hat. Das mechanische Gesetz von Verbindung und Trennung(gleich Liebe und Haß) schafft und zerstört in ewigem Wechsel. Freilich sind uns nur Fragmente von seinen Schriften erhalten(?eri pbyseos und Katharmoi); fte finden sich bei Aristoteles, Plutarch, Klemens Alexandrinus, Sextus Empirikus und Diogenes Laertius. Aber dort wie in neueren Schriften(Lange, Zeller zc.) ist von keinem.Jammerthal' die Rede." Eine sonderbare Weintraube wurde bei der letzten Weinlese im Rebgcländc bei Zollikon(Zürich) entdeckt. Dort stehen Reben mit gelben Weintrauben(Tokayer) neben Stöcken mit blauen Trauben(Clcvener). Run fand man an einer Tokayer-Rebe neben den normalen gelben Trauben eine solche, an welcher unter den 3t) Beeren 2t) gelb, lt) andere dagegen durchaus blau gefärbt waren. Ohne Zweifel entstanden diese lt) blauen Beeren aus dem Wege der Bastardirung, indem durch ein Insekt, welches die Traubenblüthen besuchte, von einer Clevener Rebe Blüthenstaub auf die Tokayer-Blüthc hinübergetragen und dadurch Fremdbestäubung vermittelt wurde. Es ist dieser Fall aber um so interessanter, als sonst in der Regel bei Bastarden die verschiedenen Farben der Eltern entweder vermischt oder aber unvermittelt neben einander vorzukommen pflegen, während hier bei den blauen Bastard- beeren an der Tokayer-Rebe die Farbe des Vaters(blaue Clevencr Rebe) vollständig über die mütterliche Farbe den Sieg davontrug. Ohnedies sind Bastardtrauben von blauen und weißen Reben sehr seltene Erscheinungen, obschon in vielen Weinbergen der Schweiz beiderlei Reben dicht nebeneinander gezogen und der Fremdbestäubung ausgesetzt werden. Dr. A. D.-P. Anleitung zur Erlernung des Schachspiels. (Fortsetzung.) Von B. G. Wir haben uns nach Einprägnng der in Nr. 6 gegebenen Regeln über den gewöhnlichen Gang der Schachfiguren mit einigen Besonder- hciten der Figurenbewcgung zu befassen. Von der Regel, daß die Bauern nur einen Schritt vorwärts thun dürfen, gibt es eine Ausnahme: Von seiner Ausgangsstellung, auf a2, b2 it. s. w. bis>>2 und a7, b7 u. s. w. bis 1)7, darf der Bauer, wenn es dem Spielenden beliebt, sowohl einen als zwei Schritte vor- wärts thun, also nach aZ, b3 u. s. w. bis b3, a7, b7 u. s. w. bis b7 oder nach a4, b4 u. s. w. bis b4, all, bt> u. s. w. bis bll gehen. Steht ein feindlicher Bauer dem von seinem Ausgangsplatze zwei Schritte vorrückenden Bauer aus einer der dicht angrenzenden Vertikal- linien so gegenüber, daß crstcrer den letzteren schlagen könnte, wenn dieser nur einen Schritt thätc, so darf jener das Schlagen«u passant (sprich— ohne die g am Wortschlusse deutlich hören zu lassen— ang passang, zu deutsch: im Vorbcigehn) vornehmen, indem er, grade als wenn der Feind nur einen Schritt vorwärts gemacht hätte, diesen nimmt und selbst einen Schritt in schräger Richtung vorrückt. Zum Beispiel, es stände aus a2 ein weißer Bauer in seiner Anfangs- stellung und auf b4 ein schwarzer ihm gegenüber; nun ginge der weiße a2— a4, alsdann könnte der schwarze Bauer, wenn es dem betreffenden Spieler voriheilhaft erscheint, ihn ebensowohl ruhig ans a4 stehen lassen, als ihn vu passant schlagen mit b4— a3(Bezeichnung für das Nehmen:, also b4— a3:). Der Bauer ist übrigens im Schachspiele keineswegs verdammt, unter allen Umständen zeitlebens Bauer zu bleiben. Hat er sich nämlich, ohne geschlagen zu werden, bis zur feindlichen Osfizierlinie hindurch gekämpft, also: find die Bauern von a2, 1)2 u. s. w. bis b2, vorgedrungen bis a8 oder b8 u. f. w. und die Bauern von a7, b7 u. s. w. gelangt bis al, 1)1 n. s. w., so kann sich der den siegreich vorgedrungenen Bauern führende Spieler wählen, zu was für einem Offizier der Bauer avanciren soll, gleichviel ob zu einem Springer, Läufer, Thurm oder einer Dame. Dabei ist es auch gleichgiltig, ob irgendwelche Offiziere bereits geschlagen sind oder nicht.' So kann z. B. ein tveißer Bauer, der in die schwarze Offizierlinie gelangt, sehr wohl zur Dame werden, wenn die weiße Dame selbst auch auf dcni Brette ist; so daß der Fall vorkommen kann, daß die eine Partei, oder gar beide, mit 2, 3 Damen, 3, 4 Thürmen, Läufern oder Springern gleichzeitig agiren. Da mit der nächsten Nummer das erste Quartal des 3. rechtzeitig erneuern und für iveiteste Verbreitung der„Neuen Well Ferner ist dem Könige in Gemeinschaft mit je einem Thurme in ta,..m bestimmten Falle eine Ausnahmcbcwegung gestattet, nämlich: Sii.'ä die Felder zwischen einem noch nicht von seinem Platze be- wcgten König und einem gleichfalls noch nicht„gezogenen" Thurme auf ihren Ausgangslinien, also den Linien l und 8, frei geworden— es sind dies die Felder tl, gl oder 18, g8, oder bl, ei,<11 oder b8, c8, 68— so dürfen König und Thurm in einem nnd demselben Zuge derart gehen, daß der König zwei Schritte nach der Seite des betreffenden freien Thurmes thut und der Thurm um den König herum an dessen andere Seite geht und sich auf das nächste Feld dicht neben diesen stellt. Diese Bewegung von König und Thurm nennt man die Rochade, und zwar die kurze Rochade(Bezeichnung o-o), wenn sie nach der b-Seite und die lange Rochade(Bezeichnung o-o-o), wenn sie nach der a-Seite hin erfolgt. Es stellt sich also bei der kurzen Rochade seitens des Königs auf ei und des Thurmes auf bl der König auf gl und der Thurm ans H; bei o-o seitens des K. e8 und T. b8 stellt sich K. g8 und T. 18; bei o-o-o zwischen K. ei und T. al stellt sich K. ei und T. 61 und bei 0-0-0 zwischen K. e8 und T. a8 geschieht K. c8 und T. 68. Dabei ist wohl zu bemerken, daß die Felder zwischen Thurm und König für diesen letzteren nur dann„frei" sind, wenn sie weder von irgendeiner Figur besetzt sind, noch von einer Figur bestrichen(beherrscht oder in Schach gehalten) werden. Steht z. B. ein schwarzer Läufer auf 64 und sind dabei die Felder e3, 12 von keiner Figur besetzt, so darf der Führer der tvelßett Figuren die kurze Rochade nicht vor- nehmen, da L. 64 K. gl schlagen und so das Spiel sofort beendigen würde. Ebensowenig darf die Rvckfade stattfinden, wenn eines der Felder, welche der König überschreitet, von einer seindlichen Figur in Schach gehalten wird, wenn also z. B. ein weißer Springer oll das Feld 68 beherrscht und so das Vorbeigehen des schwarzen Königs bei der Rochade nach o3 hindert. Zum Schlüsse dieses ersten Theils der Anleitung rathen wir nun unseren Lesern, erstens sich durch sorgfältige Beschäftigung mit jeder einzelnen Figur und wiederholte Bewegung derselben über das ganze Brett hin deren Gangart möglickist fest einzuprägen, zweitens auch jede der erwähnten Ausnahmen mit allen davon berührten Figuren von Weiß und Schwarz einzuüben. Die dadurch zu erzielende übersichtlickie Beherrschung des Schachbretts wird sich in der Folge als unerläßlich bewähren.-(Fortsetzung folgt.) Lösung des Rithscls in Nr. g: Lippe, Lappe. K.orrespondcnj. Magdeburg. A. V. M. Kunst ist die Darstellung des Schönen, Schönheit ist die völlige üserlörverung der Idee durch den Stofi, oder mit anderen Worten die völlige Vergeistigung der Materie durch die Idee, und die Idee ist die Vorstellung des nach allgemein menschlichen Begriffen Volltommenen.— Werden Sie Sich mit Ihren Freunden aus der Basis dieser Desinitionen einigen können?— H. K. Nun wird es mit„des Schachspielers Vericgenheit" doch aus sei»?— Rorschach. Anonpmus. sie haben ganz verzweisclt sreie Anffchten über die Liebe! Was uns anbelangt, so habe» wir vor solchen vermeintlich radikalsten Anschauungen auch nicht die mindeste Furcht— eine vernünftig, d. h. streng wiffenschaftlich erzogene Menschheit wird sich Leben und Einrichtungen auch vernünftig zu gestalten Wilsen, und nur bei geistig liesstehenden Menschengemeinschaslen ist das Einrosten von Bor- urtheilen nnd das Plahgreisen nnvernünsliger, ja unnatürlicher Institutionen zu fürchten. Gcrstungcu. A. T. Wir besitzen das gewünschte Buch selbst nicht nnd� glauben auch nichl, dast eS im Buchhandel noch zu haben ist. Jndeffen dürsten die öffentlichen Bibliotheken der großen Stödte, wohl auch der meisten kleineren UniversititSstädte damit versehen sein. Berlin. H. L. Die eingesendete Schachpartie ist nicht übel gespielt, indeß sind wir erstens noch lange nicht soweit mit unserer„ Anleitung" vorgerückt, um ganze Par» neu zu veröffentlichen, zweitens fehlt Ihrem Giuoco Piano doch noch verschiedenes zur Mustcrparlie. Einmal nimlich macht der Schwarze mit den Zügen n, 7, u dem Weißen das Gewinnen doch gar zu leicht! serner ist die Pointe, der weiße Königsspringer nach gä, die Dame im folgenden Zuge nach ln> u. s. w., eine sehr häufig vorkommende Wendung: dann war doch wohl im 13. Zuge für Weiß nicht L. lxi: der stärkste Zug, sondern S. c3— es mit dem drohenden und gradezu tödtlichen S. ei— f6; endlich ist das End- spiel eine vollständige Parsorcejagd, die Schwarz lange vor dem letzten Zuge hätte aus- geben können. UebrigenS möge Ihnen diese eingehende Kritik zum Beweise dienen, daß wir in Ihrer Partie allerlei hübsche Gedanken gesunden haben, denn wäre das nicht der Fall gewesen, so hätten wir lange nicht bis zum letzten Zuge beim Brette ans- gehalten. Also aus Wiedersehen!— R. E. Sie haben mit Jdrcr Bermuthung recht: nun ist alles Ihrem Wunsche gemäß gethan worden. Frankfurt a M. H. S. Tie 25 Exemplare sind am 11. d. W. an Sie abgegangen. Frdl. Gr. Iii rem Bater und Ihne»! An die Einsender der Daheimnummern, welche die Geschichte von der„ninsteriöscn Erfindung" cnihaltenl ES gibt eben noch sehr viele Leute, welche sich das„Mund»» vult decipi die Welt will betrogen werden, ganz ernstlich zu Herzen nehmen. Uedri- gens ist der Gedanke von der„Aushebung der Schwerkrast" zwar sehr dumm, aber immer noch nicht das Dümmste, was sich angebliche Kulturmenschen haben ausbinde» laffen. Nennkirche» b. Wien. Apotheker Franz Wilhelm. Die„R. W." bringt sür ge- wöhnlich gar keine Inserate, am wenigsten aber solche, welche zur Anpreisung von Gcheimmitteln dienen. New Jjork. Redaktion der„ Arbeiterstimme". Besten Tank sni die Znsendung. St. Lanis. A. O.-W. Frdl. Gruß und Dank sur die eingesendete Arbeit. (Schluß der RedaNion: Dinitag, den 11. Dezember.) Jahrgangs schließt, so ersuchen wir unsere Leser, das Abonnement " sorgen zu wollen. Die Expedition der„Neue» Welt". Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstr. 20).— Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.