Weihnachten. Erzählung von W. Kaulsky. (Schluß.) „I, so geht man nicht fort, das wäre sehr unartig, Georg," ermahnte Rosa in einem hausmütterlich strafenden Tone.„Der Onkel hat lange genug mit dir gespielt, du gibst ihm dafür eine Patschhand." „Ja, einen tüchtigen Patsch gebe ich ihm," rief der llleine mit einem übermüthigen Aufblitzen seiner Augen, und er hob die kleine Hand, so hoch er konnte.„Reiche mir nur die deine her, Onkel." Dieser hielt ihm die Linke hin. „Nicht doch, die Rechte gibt man," scherzte Rosa. Fritz öffnete hierauf gehorsam die zusammengeballte Rechte. Rasch schob Rosa, die dies alles mit Absicht herbeigeführt hatte, die Lampe vor, ihr Licht offenbarte eine geröthete Handfläche. „Richtig, sie ist verbrannt!" rief Rosa mitleidig aus.„Ich wußte es ja, ich hatte es gleich bemerkt, nein, ich bitte, stecken Sie nicht tvieder die Hand in die Tasche, wie Sie vorhin thaten. Sie müssen eine kühlende Salbe darauf legen." Rosa sprach jetzt so dringlich, es klang so überaus gut und theiluahmsvoll, daß Fritz freudig erstaunt in ihr Gesicht sah. „Sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, ich bitte Sie, Herr Mahlknechl. Ich bin nicht imnier rabiat, freilich, Sie halten mich für eine Tigerin." „Nein, Rosa, ich sehe, Sie haben ein mitleidiges Herz, ich möchte auch sehr gerne eine Salbe gebrauchen, aber ich glaube nicht, daß Auguste eine zu Hause hat. „Ich habe— ich habe— eine mitgebracht," sagte sie ganz verschämt.„Ich sah ja vorher schon gar deutlich den Brandfleck, und ich dachte sogleich an die vorzügliche Salbe, die ich noch von meiner verstorbenen Mutter her habe; es wäre freilich möglich, daß sie schon etwas verraucht ist." „O, das thut nichts, geben Sie sie nur her." Rosa nahm aus dem Körbchen, das sie mitgebracht,� einen Leinwandstreifen, der bereits mit der vorzüglichen Salbe bestrichen war.„Sehen Sie, das müssen Sie jetzt auflegen," sagte sie, indem sie ihm denselben hinreichte. „Ich weiß nicht, ob ich das mit der linken Hand zusammen- bringen werde," meinte er kopfschüttelnd.„Ich bin damit sehr ungeschickt, Fräulein Rosa, ach, Sie glauben garnicht, wie sehr ungeschickt." Und in der That, er brachte es garnicht auf die rechte Stelle. Rosa zögerte noch, aber ihr gutes Herz überwand den alten Groll. Sie erfaßte den Streifen uud legte ihn zart und behutsam über die geröthete Haut.„Ach, das thut Ivohl, das kühlt!" rief mit Enthusiasmus der Patient. „Jetzt muß es noch verbunden werden," erklärte der junge Doktor. „Mit was denn,— haben Sie nichts, Fräulein Rosa?" „Wenn es Ihnen recht wäre, würde ich mein Sacktuch dazu verwenden." „O, es ist mir schon sehr recht." „Halten Sie hübsch ruhig, Herr Mahlknecht, sonst verschiebt sich das Pflaster." „Dann müßten Sie es nock einmal anlegen." Sie stand vor ihm und hielt seine Hand in der ihren und wickelte behutsam das Taschentuch darüber. Ihr wurde so sonder- bar dabei zu Muthe, so heiß drang es ihr zum Herzen, so siedend heiß quoll es herauf, und er, der Sitzende, sah zu ihr auf mit den lieben Augen, die garnicht falsch waren, und sie blickten so tief, so grundtief in d e ihren. Sie wußte sich plötzlich nicht mehr zu helfen, und als der Knoten gemacht war, schlug sie wie verzweifelt die Hände vor ihr erglühendes Gesicht und rief in einem herzbrechenden Tone:„Ach, wenn Sie doch nur der Fanny nicht untreu geworden wären!" Fritz fuhr überrascht zurück, diesen Ausspruch hatte er jetzt am wenigsten erwartet, aber er faßte sich uud fragte recht sanft: „Würden Sie dann glücklicher sein, Rosa?" „Ach, viel glücklicher," drang es unter ihren Händen hervor. „Ich hätte Ihnen dann keine Ohrfeige gegeben!" „Rosa, beunruhigen Sie sich deshalb nicht, das thut nichts, ich versichere Sie." „Und dann— dann brauchte ich Ihnen nicht gram zu sein, und ich müßte nicht beständig an die arme Fanny denken, wenn ich Sie ansehe." � „Aber das sollen Sie nicht, Sie sollen nicht an die Fanny denken; ich denke selbst nicht mehr an sie, warum thun sie es?" „Das ist ja eben das Schlimme. Ihr Männer, ihr zerreißt leichtfertig Verhältnisse, die ihr angeknüpft habt, aber ein armes Mädchenherz das geht an, Treubruch zugrunde." „Warum nicht gar, bei Fanny ist dies gewiß nicht zu fürchten." „So? Was wissen Sie? Sie haben sie nicht weinen ge- sehen, aber ich, und ich kann mir recht gut denken, was das heißt, wenn man denjenigen verliert, den man lieb hat." „Aber Rosa!" Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Hcften ii 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. „Schweigen Sie, Sie sind nicht zu entschuldigen,— es ist ein Verbrechen! Sie haben ihr schöne Worte gegeben, Sic haben sie die Ihrige genannt, Sic haben sie angesehen— so zärtlich; o, Sie können das, und ein Mädchen fühlt sich glücklich darüber. Sie haben— Sie haben sie wohl auch— geküßt!" rief sie aus, in stets wachsender Aufregung.„O, gewiß, gestehen Sie es nur, Sie haben sie geküßt, und das muß die höchste Seligkeit sein— gewesen sein, für die Fanny, meine ich— und jetzt, jetzt ist die Arme verlassen, vergessen, und sie wird sich langsam darüber zu Tode grämen!" Sie brach in Thränen aus. Fritz hatte, wie in einem seligen Rausche, des Mädchens Hand� ergriffen, und er wußte sie festzuhalten. „Rosa!" rief er entzückt.„So können Sie lieben, so treu, wahr und tief, aber Fanny nicht, die ist eines solchen Gefühls garnicht fähig, ich fühlte das gleich, oder nein, ich fühlte es erst, nachdem es mir zum Bewußtsein gekommen war, daß ich eine andere liebe." „Noch eine!" kam es entsetzt von ihren halbgeöffneten Lippen. „Ja; als ich diese andere gesehen und gesprochen hatte, da wußte ich, daß jetzt erst die ächte Liebe über mich gekommen und daß das frühere nichts war; ich sah nun ein, daß'ich und Fanny garnicht für einander passen, daß sie mit ihrem leichten, ober- flachlichen Wesen mich unglücklich machen würde, und ich löste das Verhältniß. Ich konnte, ich durfte es, Rosa, es war nie- mals ein intimes gewesen." „Und das jetzige?" „Das soll ein Bund für's Leben werden, wenn sie mich näm- lich will, diejenige—" „O, sie wird Sie schon tvollcn." Es klang wie ein Seufzer, dann streckte sie die Unterlippe hervor, wie Kinder, wenn sie weinen wollen.„Warum sollte sie nicht wollen, wenn Sie sie doch so gerne haben." „O, über alles! Aber dennoch— ich bin dessen nicht so ganz sicher, sie hat niich, als ich mich ihr freundlich zu nähern suchte, mit einer ganz gehörigen Ohrfeige traktirt." „Ah!" schrie Rosa auf, und mit einem Ruck hatte sie ihre Hände befreit, um sich abermals, diesmal in glückseliger Vcr- schämtheit, damit die Augen zu bedecken. Fritz aber schlang seinen Arm um diese flammende Rose.- „Rosa," bat er flehend,„verzeihen Sie mir, ich konnte die Fanny doch umnöglich Heirathen, da ich Sie, da ich dich, Mädchen, mit aller Kraft meiner Seele liebte: kannst du das nicht verstehen?" Sie zog die Hände von den Augen und sah ihn an, wie ver- klärt.„Jetzt verstehe ich es schon," hauchte sie. „Endlich, Gott sei Dank!" jubelte er und er schloß sie noch fester in seine Arme, und das, was sie vorhin für die höchste Seligkeit erklärt hatte, wurde ihr nun im reichsten Maße zutheil. Bald darauf trat Frau Gustel mit ihrer Schüssel mit ge- backenen Karpfen herein. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte sie sie ans den Händen fallen lassen, derartig unerwartet kam ihr. was sie vor sich erblickte. Der kleine Georg, der, ein aufmerksamer Beobachter, die beiden nicht aus den Augen gelassen hatte, während er dabei in voller Gemüthsrnhe den Rest seines Kuchens verzehrte, sprang jetzt berichtend der Mutter entgegen, und er löste alle etwa noch cxistirenden Zweifel:„Sie haben sich wieder gern, Mutter, sie haben sich schon viele Busserln gegeben, er verzeiht ihr's." Karl war seiner Frau mit der Salatschüssel und einem Kruge Bier gefolgt. Er war weniger überrascht, er hatte vielleicht etwas Aehnliches vorausgesehen, und sein gutmüthiges Gesicht erstrahlte deshalb in freudiger Genugthuung. „Es steht zwar geschrieben," begann er in seinem lustigsten Ton, den er sich bemühte, etwas salbungsvoll zu gestalten,„es ist zwar ein Bibelspruch, daß man seine Feinde lieben und daß wir denen Gutes thun sollen, die uns hassen, aber daß Sie, Rosa, es mit der Bibel so genau nehmen und daß Sie sich in Ihrer Herzensgüte zu so weitgehenden Konzessionen hinreißen lassen— „Geh nur, geh, laß' diese Stichclreden," unterbrach ihn seine Frau.„Bist wohl selbst nicht wenig zufrieden, daß es so ge- kommen ist." Sie hatte die Karpfen glücklich aus ihren zitternden Händen auf den Tisch gerettet und umarinte nun die in Verlegen- heit erglühende Rosa und den in Seligkeit schwelgenden Fritz. „Ich bin überaus glücklich, daß eure Herzen sich gefunden haben," sagte die gute Seele. „Ja, aber was wird die Fanny dazu sagen?" versetzte mit der vorwurfsvollsten Miene Mephisto Karl.„Die unglückliche Fanny, die dieses treulose Scheusal da verlassen hat und die sie an ihm rächen wollten, Rosa?" „Damals wußte ich es noch nicht, daß ich es war, die er lieb hatte," entgegnete sehr naiv die Kleine. Karl brach in ein dröhnendes Lachen ans.„Ja so, ja freilich, das ändert viel in der Sache." „Karl, höre auf!" drohte Fritz.„Willst du sie mir wieder aufreizen, sie mir abspenstig machen?" „Zu Tische!" rief Gustel.„Hört nicht weiter auf ihn, er ist ein arger Schelm."— Alle folgten der Einladung der Hansfrau. „Wenn nun aber die Fanni in ihrer Desperation zu dem äußersten Mittel gegriffen hätte?" fuhr der Unbarmherzige fort, nachdem er sich ein großes Stück Karpfen aus seinen Teller ge- legt hatte. „Zu dem äußersten Mittel?" wiederholten die Beiden,„was meinst du damit?" „Wenn diese Unglückliche zum Beispiel—" der Abscheuliche machte eine Pause. „Sie hat doch nicht Gift genommen?!" rief Rosa erbleichend. „O, sie hat etwas viel Schlimmeres gethan." „Um Gottcswillen!" „Ich könnte ihn prügeln, diesen Quäler! Es ist ja alles nur Scherz, Rosa, was er da vorbringt, siehst du denn nicht, wie es lachend um seine Nasenflügel zuckt, aber—" Fritz hob die Fäuste,„es ist wirklich satanisch von dir, Karl!" „Wie gesagt, die Fanni ist zu dem Acußersten geschritten," fuhr dieser unbeirrt fort. „Die Aermste hat— sie hat—" „Laß los, oder—" „Nun also, sie hat sich dem dicken Anton versprochen, und nach Neujahr machen sie Hochzeit. „Sie heirathet!" rief Rosa in ungemessenem Erstaunen.„Fanni heirathet einen Andern!" Tann brach sie in ein herzliches, be- freiendes Lachen aus. „Du siehst, sie hat sich schnell getröstet!" trinmphirte Fritz, und er blickte seiner Rosa gluckselig in die Augen. „Ich finde, sie hat einen verzweifelten Schritt gethan," sagte der lustige Karl, der das Necken nicht lassen konnte.„Der dicke Anton, das ist keine Kleinigkeit, ich weiß das aus Erfahrung." „Wie hast du denn aber dieses mit der Hochzeit erfahren?" fragte Fritz. „Der glückliche Bräutigam hat es für gut befunden, mir dies selbst mitzutheilcn. Da, leset!" und er hielt ihnen den Brief, den er Nachmittags erhalten, und den er erst jetzt in der Küche ge- lesen hatte, hin. Fritz nahm ihn rasch an sich und entfaltete ihn. Rosa sah von der einen, Gustel von der andern Seite über seine Schulter, sie lasen mit ihm: „Lieber gcerter Herr. Ich erlaube mir Sie mit par Zeilen zu beeren, um Sie heflichst zu wissen zu thun daß es bcreiz mit der Fanni richtig in's reine gcpracht ist und daß ich sie Glicklich machen will und schon nach Neijahr gleich wird die Kobulazion sein. Ich weis das Sie es emem alten Kameraden nicht absprechen werden wenn es die Möglichkeit wäre mir den Beistand zu machen. Beiliegend erwarte ich ihre Zustimmung mit Freiden entgegen ich und die Fanni zusammen. Ihr getreier Anton Roß, Hansknecht." Man lachte, man umarmte sich, man drückte sich die Hände, man war überglücklich über diese heitere, befriedigende Lösung. Karl aber schenkte die Gläser voll und erhob das seine auf das Wohl des dicken Anton und seiner Fanni. Man stieß herzhaft an, um dies im Verlaufe dieses glücklichen Abends noch einige male zu wiederholen und auch ein zweites Brautpaar hoch leben zu lassen. Als man etivas zu sich gekommen, erinnerte man sich an den kleinen Georg. Wo war er hingekommen? er war nicht zu sehen; bald aber entdeckte man ihn mit Pferd und Wagen unter dem Tische, der mit seinem weit herabhängenden Tuch in seiner Kinderphantasie zum Stall geworden war. Er war da untergekrochen und, während die Großen lärmend sich besprachen, mäuschenstill bei seinem schwarzen Schimmel gesessen, dem er die letzte Krume Kugclhupf zwischen das Maul geschoben, dann hatte er ihn zärtlich um den Hals genommen und in der Erwartung, daß er fressen werde, sank das Köpfchen immer tiefer, tiefer, bis es auf seinem Arm ruhte. Der kleine Georg war eingeschlafen.— 151 Der Erbonkel. Novelle von 6r»st vo» ZSatdoiv. (Fortsetzung.) Was die dicke Martha betrifft, so watschelte sie daheim einer Ente gleich, die einen Nagel verschluckt hat, hin und her, ein- zeliic abgerissene Worte murmelnd, die ihrer Sorge Ausdruck gaben,>vcr nur der Erbe sein werde! Zugleich wurden alle ohne Humor, aber mit desto mehr Ingrimm, durchgehechelt, wobei die erregte Dame zur Stärkung jedesmal einen tiefen Zug ans der Flasche that, die in einem Eckschrank vor profanen Blicken wohlgeborgen stand. Am schlechtesten kain dabei Emmercnzia weg, denn am Ende hätte Martha noch jedem männlichen Gliedc der Familie Bartels eher den Sieg gegönnt, als der ihr so tief unsympathischen Schwester. Diese saß stumm an einem mit alten und— es muß gesagt sein— ziemlich schmierigen Klarten blättern bedeckten Tische und mischte, hob ab, legte auf, zählte. „Coeur-Dame, das bin ich,— das Pique-Aß, die Pique- Nenn und der Bube stehen hinter mir," murmelte sie jetzt vor sich hin.„Ganz richtig, das waren Lkrankheit, Tod— und an Acrgerniß über Falschheit fehlt es ja leider auch nicht. Oder sollte dieser abscheuliche Pique-Bube gar dev Erbe sein?— Nein doch— das ist der falsche, treulose Haus, denn er hat über seinem Kopfe einen Kreuzverdrnß und das Liebesblatt, die Coeur- Neun. Und von links steht mir Geld zu— viel Geld, die Carreau-Zehn und die Carreau-Ncun, freilich ist auch die Pique- Acht dabei und das bedeutet stets entweder eine Verzögerung, oder eine kleine Unannehmlichkeit— ein häßliches Blatt, die Pique-Acht! Na, ich will mich nicht darüber betrüben, es wird wohl der Neid von den andern sein, denn mir steht nun einmal die Erbschaft zu, das ist sicher, wenn ich den Kranz erst aus- zähle und dann lege, ist es mir doch allemal eingetroffen. �— O, welche Wonne wird es für mich sein, diese falschen, boshaften Menschen, die unsereincm nicht die Luft gönnen, viel weniger die Berühmtheit und die Bewunderung der Welt, so recht tief zu demüthigen,— heimzahlen mit Zinsen will ich ihnen alles!" So Emmercnzia.— Und Eusebius? Der saß auf seinem wackeligen Schusterschemel vor einem Lichtstümpschen, in Händen ein zerlesencs Buch. Er war zu aufgeregt nach all dem Erlebten, uni schon die Ruhe des Schlafes finden zu können. Jetzt blickte er von dem Buche auf und schüttelte sanft das Haupt mit dem grauen Haar und der hohen Denkcrstirn. „Der arme Jakob," sprach er wchmüthig,„wieviel Genüsse hat er doch entbehrt, weil er sich nie mit diesen erhabenen Geistern befreunden wollte. Wenn er zum Beispiel den weisen Empedoklcs gekannt, geliebt und verstanden, wie leicht und schmerzlos wäre er geschieden! Denn er würde durchdrungen gewesen sein von der großen Wahrheit, daß die Welt ein Jammerthal sei und unser Dasein ein Zustand der Verbannung und des Elends. Wer den Leib für den Kerker der Seele hält, der muß sich ja freuen, wenn die Riegel fallen und die befreite Psyche sich aufschwingt zu einem besseren Sein!" Der Erbonkel ruhte draußen ans dem öden, kleinen dohlen- winkler Friedhofe, wo die Bcgräbnißstättc der Bartels den besten Platz einnahm. Auch sie schien nur ein Anbau des grauen Hauses am Markte zu sein, so verwittert, grämlich und wüst schaute es da aus. Die„Leidtragenden"— wenn dieser Ausdruck statthaft ist, hatten nach guter dohlenwinkler Sitte, Citroncn in den Händen und reichliche Thräncn in den Augen, die Leiche zur letzten Ruhe- stätte geleitet und waren dann noch vor Sonnenuntergang heim- gekehrt. Auch das übrige und sehr zahlreiche Trauergelcitc hatte sich zerstreut, und dies nicht eben in der besten Laune, war doch der Leichenschmaus, welcher sonst immer am Begräbnißtage ab- gehalten wird, nach einer letztwilligen Verfügung des Verstorbenen, auf den nächsten Tag verschoben werden. Die Haushälterin Gertrud zeigte nämlich eine Schrift vor, die unverkennbar von Onkel Jakobs Hand stammte, und dort stand geschrieben, daß die feierliche Eröffnung des bei Gericht deponirten Testaments am Tage nach dem Begräbniß, und zwar Vormittags erfolgen solle. Erst darnach sollte der Leichenschmaus statthaben, wozu alle dohlenwinkler Honoratioren, welche vorher auch der Testamentseröffnung beigewohnt, geladen waren. Somit trennte nur noch eine einzige Nacht die vielen Neu- gierigen— Bcthciligte und Unbetheiligte— von der so sehnlich erwarteten Lösung des Geheimnisses. Wenn auch manche darüber murrten, daß ihnen der Leichenschmaus heut entzogen worden und der Meinung waren, ein so reicher Mann, wie der Erbonkel gewesen, hätte wohl die alten Freunde und Mitbürger zweimal bcwirthcn können dafür, daß sie ihm die letzte Ehre erwiesen, so freute es sie doch allgemein, morgen als Zeugen zu der Testamentseröffnung geladen zu sein. Dies war ein Zeichen des Vertrauens, das umsohöher angeschlagen werden mußte, da außer den gerichtlich bestimmten Zeugen sonst nie Fremde einem solchen Aktus anzuwohnen pflegen. Nur das schöne Geschlecht verfolgte der Erbonkel auch noch über das Grab hinaus mit seinem Hasse, denn obgleich die Mit- glieder desselben doch sicherlich am begierigsten auf die endliche Lösung des Räthsels waren, welches alle beschäftigte, so war ausdrücklich bemerkt, daß sowohl bei der Testamentseröffnung als bei dem Festmahl nur Männer zuzulassen seien. Die Dohlenwinklerinnen haben dem Erbonkel diese beschränkende Bestimmung nie vergeben! Obgleich die feierliche Eröffnung des Testaments erst für die zehnte Vormittagsstunde bestimmt war, herrschte in dem grauen Hause am Markte schon von sechs Uhr an ein reges Leben. Frau Gertrud in tiefer Traner, mit einer ricsiggroßen, schwarzen Krepphaube auf ihrem häßlichen Kopfe, kommandirte und hantirte umher und hatte dabei doch noch Zeit, ihrem Neffen, dem langen Hans, das in Unordnung gekommene Halstuch gerade zu zupfen. Hans hatte nämlich trotz des ihm so energisch ertheilten Be- fehls der Hofräthin, weder das graue Haus, noch die Stadt oder gar das Land verlassen. Der Laden war allerdings während dieser Trauertage geschlossen geblieben und ward auch heute noch nicht geöffnet, aber Frau Gertrud hatte ihrem Neffen geboten, an ihrer Seite der Beerdigung des geliebten Herrn beizuwohnen, und bei dieser Gelegenheit hatte sich denn auch das so grausam getrennte Liebespaar, wenigstens flüchtig, wiedergesehen. Bald nach neun Uhr erschienen der Schrcincrmeister Johann und Frau Friederike, dann Emmercnzia, Martha und die adligen Bartels. Das junge Ehepaar— Röschen und Jakob— folgte und Bruder Eusebius machte den Beschluß. Nicht wenig Anstoß erregte dessen Toilette, und schon gestern, bei dem Leichenbegängniß, hatte sich Johann nicht enthalten können, den Bruder darauf aufmerksam zu machen, daß es nicht üblich sei, bei solchen Ge- legcnheiten graue Beinkleider, einen braunen Rock und ein blaues Halstuch zu tragen, worauf ihm der Philosoph lächelnd gcant- wortet, daß er weder einen andern Anzug, noch das nöthige Geld besüße, einen solchen zu kaufen, im übrigen aber auch die Trauer um einen Abgeschiedenen, der also das glücklich überstanden habe, was uns noch bevorstehe, für ebenso überflüssig als lächer- lich halte. Ucbrigens boten die Trauerkostllmc der andern auch einen gar seltsamen Anblick, denn nachdem seit zehn Jahren bei jeder Er- krankung des Erbonkels man dem Hinscheiden dieser wichtigen Person entgegensah, bereitete man sich auch auf das traurige Ereigniß in der Weise vor, daß in aller Stille an die Anschaffung der Tranerklcider gegangen ward. In der Regel wurde Herr Jakob aber bald wieder gesund und zwar noch� ehe die ganze Traucrtoilcttc gefertigt war, und da sich dies öfter wiederholte, so trug zum Beispiel die dicke Martha ein Kleid, das vor zehn Jahren, einen Hut, der vor fünf Jahren modern gewesen. Achn- lich war es bei dem übrigen„ewig Weiblichen" der Famckic Bartels, nur Adelgunde und Röschen hatten mit Hülfe der dohlenwinkler Näherin und Putzmacherin einige zierlichere Klei- dungsstücke für sich gefertigt. Seit Jahren waren die großen Zimmer im Oberstock, welche der Vater des Verstorbenen nach dem Tode seiner Gattin hatte 152 schließen lassen, damit die Einrichtung wohlerhalten bleibe, zum erstenmale geöffnet, gelüftet und gereinigt, denn sie waren dazu bestimmt, ein würdiger Schauplatz der Llomödie zu sein, die sich hier abspielen sollte/ Die verblaßten Familienbilder blickten von den Wänden her- nieder auf die letzten Glieder des Geschlechts der Bartels. Durch die geöffneten Fenster drang die milde, duftcrfüllte Mailuft herein und vertrieb den Modergeruch, welchen die uralten Polstermöbel und dicken Damastvorhänge ausathmeten. Vor dem steifen Kanapee mit verschossenem blauen Damastbezuge stand ein Tisch, auf dem sich ein altcrthiimliches Schreibzeug befand. Rechts und links von den: Tische war je ein Stuhl postirt— dies waren die Plätze für den Herrn Stadtrichter und seinen Schreiber; vor denselben, in: Halbkreise, waren Stühle für die Erben aufgestellt, und hinter diesen eine Reihe Bänke, welche Herr Jonas Wallfisch hergeliehen zum Zwecke, daß die Dohlenwinkler von hier aus dem feierlichen Akte beiwohnen konnten, nach den: Willen des Testators. Ehe die Uhr noch die zehnte Stunde verkündigt, füllte eine zahlreiche Gesellschaft das große Zimmer. Man harrte in großer Spannung der Ankunft der Gerichtspersonen. Es wurde nur leise geflüstert und deshalb konnte man auch deutlich aus dem Nebengemache das Klappern der Teller, das Klirren der Gläser und Flaschen vernehmen, wenn dieselben auf die Tische niedergesetzt wurden. Mau deckte dort schon die Tafel für den auf heut verschobenen Leichenschmaus. Endlich erschienen die Herren vom Gericht. Stadtrichter Melzer, ein alter, hagerer Mann mit fast weißem Haar und einer Habichtsnase, war ein Schulgenosse und Freund(soweit Jakob Bartels Freunde haben konnte) des Verstorbenen gewesen, er hatte auch gestern der Beerdigung beigewohnt und kam nun, im Vollbewußtsein seiner Würde, in Begleitung zweier Aktuarien, um den letzten Willen des Verstorbenen, wie es seine Pflicht war, �u vollziehen. Unter dem Arme trug er eine schwarze Mappe— in dieser befand sich das Testament. Die Erregung der Leidtragenden schien keiner Steigerung mehr fähig zu sein und hatte sich selbst dem munteren Röschen und dem jungen Ehemanne mitgctheilt. Die beiden drückten sich ver- stöhlen die Hände und Röschen flüsterte: „Versprich mir Jakob, daß du mir nicht bös sein willst, wenn mich der selige Erbonkel bedacht hat!" „Dummes Weiberl, da ist ja keine Red' davon," entgegnete er lächelnd,„aber sorg' dich nicht, ich bin ja sein Pathenkind, da versteht sichs schon von selbst, daß ich der Erbe bin,— wir theilcn halt alles!" Meister Johann bewegte unruhig den rechten Arm mit dem unsichtbaren Hobel und stieß dabei alle Augenblicke die neben ihm sitzende dicke Martha in die Seite, was ihm jedesmal einen Blick der Entrüstung eintrug. Emmerenzia, deren dünne Locken das hagere Gesicht mit der langen Nase und dem kurzen, zurücktretenden Kinn einrahmten, zählte fortwährend an ihren schwarzbekleideten Fingern; sie hatte sich nämlich, seit sie den Pegasus bestiegen, angewöhnt, die Füße ihrer Verse an den Fingern abzuzählen, und that nun in nervöser Erregung dies unwillkürlich. Der Hofrath, nicht in Grau, sondern tiefschwarz angethan, saß wie ein gehorsamer Schulknabe, der ängstlich aus die Censur harrt, welche ihm sein strenger Professor im Begriff ist zu geben, neben der stolzen Gattin, die in erhabener Ruhe und Sieges- gewißheit ihn: zur Seite thronte. Ihr Antlitz, zwar aristokratisch bleich, wie immer, war unbewegt, und das einzig Bewegliche an ihr war die große, volle Straußfeder des Trauerhutes, die sich beständig hin und her wiegte und Herrn Jonas Wallfisch, der auf der ersten, für die Honoratioren bestimmten Bank saß, auf das lebhafteste an den Hauptschmuck der mit Trauerfedern gc- zierten Roße gemahnte, die gestern den sterblichen Thcil Herrn Jakob Bartels der Grabesruhe entgegengeführt. Stadtrichter Melzer zog sein großes, blaugewürfeltes Sacktuch aus der Brusttasche seines schwarzen Ueberrockcs, putzte damit die Gläser einer riesigen Hornbrille und setzte diese auf den Sattel des umfangreichen Riechorgans. Die Erben sowohl, als auch die geladenen Zeugen hatten dieser vielversprechenden Prozedur mit einer Art Andacht zu- geschaut, und als sich der alte und als sehr grob bekannte, in hohem Respekt stehende Stadtrichter jetzt räusperte, herrschte Todes- stille. Kein Blatt hätte zur Erde fallen können, ohne daß man es gehört haben würde. Da ward die allgemeine Aufmerksamkeit durch ein Geräusch abgelenkt. Die zum Nebenzimmer führende Thüre wurde geöffnet und zwei Personen traten ein: Frau Gertrud und Hans, der Ladendiener. Diese beiden aber nahmen nicht etwa bescheidentlich auf den Bänken Platz, nein, sie schritten bis zum Ende des Zimmers, wo der Ehrenplatz für das Gerichtspcrsonal sich befand, und setzten sich auf zwei leer gebliebene Stühle neben d:e Bartels- schcn Erben. Hans schlug die Augen nieder, als ihn der Blick Adelgundens, die freudig erröthet war, traf, Frau Gertrnd aber schaute sich gleichmiithig um, und schien es garnicht zu beachten, daß die stolze Hofräthin mit einer unnachahmlichen Geberde der Verach- tung die Schleppe ihres langen Trauerkleides zusammenraffte, damit das Gewand der Dienerin sie nicht streife, nachdem diese Person die unbegreifliche Frechheit gehabt hatte, sich ganz in ihrer Nähe niederzulassen. Der Stadtrichter räusperte sich noch einmal, zog dann ein ziemlich umfangreiches Schriftstück ans der schwarzen Mappe und sprach mit seiner lauttönenden, tiefen Baritonstimme: „Ich bitte die Herrschaften, welche Anspruch auf die Bartcls'sche Erbschaft zu haben glauben, sich hierher bemühen und prüfen zu wollen, daß dieses Schriftstückes Siegel unverletzt ist." Die adlige und bürgerliche erbberechtigte Sippe erhob sich und spazirte im Gänsemarsch, zur heimlichen Erheiterung der beiden Gerichtsschreiber, an dem mit einer verschossenen, blauen Damast- decke bedeckten Tische vorbei, und jeder Einzelne prüfte mit Herz- klopfen die Aechtheit des Siegels und betrachtete die mit der wohlbekannten und sehr charakteristischen Hand des Erblassers geschriebene Auffchrift. Jetzt waren alle auf ihre Plätze zurückgekehrt und der Stadt- richter räusperte sich zum drittcnmale und hielt dann eine kleine Anrede an die Erben, in der er die Tugenden des Verstorbenen zu preisen versuchte und— weil ihm auch beim besten Willen nichts anderes einfallen wollte, dessen Sparsamkeit pries. Dann erfolgte ein leichtes Knacken und Krachen des brechenden Siegel- lacks— ein Ruck noch und das Testament des Erbonkels, auf graues, ordinäres Papier geschrieben, kam zum Vorschein. Es war ein unheimlicher Blick, der hinter den großen Brillen- gläsern hervorschoß und die Erben streifte,— dieser Blick erregte bei allen, die Hofräthin ausgenommen, einen gelinden Schauer. (Fortsetzung folgt.) Das Petroleum. Von Kugo Sturm. Die vor nicht gar langer Zeit durch Spekulationsmauöver hervorgerufeue Preissteigerung des wichtigsten unserer Bcleuch- tungsmatcrialien ist glücklicherweise in kurzer Zeit vorüber ge- gangen. Trotzdem aber hört man hier und dort der Befürchtung Ausdruck geben, die Petroleumquellen könnten dem Versiegen nahe sein. Wir können unfern Leserinnen, die hierdurch in nicht geringen Schrecken versetzt worden, die Versicherung geben, daß diese Befürchtungen völlig grundlos sind. Es kann zwar nicht geleugnet werden, daß eine Abnahme der Produktion von rohem Petroleum nachweisbar war, doch hatte dies seinen Grund in der Nebcrproduktion, die in den vorhergehenden Jahren eingetreten und durch welche die Pctrolcumpreise so herunter gedrückt waren, daß viele Quellen unausgcbeutct blieben, weil sie ihrem Besitzer nicht genug Gewinn versprachen. Und sollten auch einzelne Bohr- löcher selbst in einer ganzen Gegend versiegen, so kann nian doch sicher sein, daß andere Stellen durch neue Erbohrungen der weit verbreiteten unterirdischen Petroleumlager unfern Bedarf auf viele Jahrhunderte zu decken im Stande sind. Das Petroleum— Stein- oder Erdöl— ist nicht etwa eine Entdeckung der Neuzeit, sondem schon seit den ältesten Zeiten war es den Menschen bekannt. Es ist geschichtlich feststehend, daß schon die alten Babylonier das Erdöl gekannt haben. Sie gewannen es aus Quellen in der Nähe des Mßchens Js, das sich in den Euphrat ergießt. Ob sie es zu Beleuchtungszwecken benutzten, ist nicht sicher nachzuweisen, doch sehr wohl anzunehmen. Dagegen weiß man, daß sie es in der Baukunst verwandten. Sie ließen nämlich die flüssigen Theile des Petroleums verdunsten und gewannen so einen Mörtel, den an Festigkeit und Härte kaum etwas übertraf. Die alten Städte Ninive und Babylon sind mit diesem Bindemittel gebaut, und noch heute zeigen die Ruinen derselben eine Festigkeit, die ihres gleichen sucht. Die Quellen am Js wurden von Alexander dem Großen auf seinen asiatischen Äriegszügen besucht und erregten seine und seiner Zeitgenossen Bewunderung. Sie fließen noch heut, wenngleich sie nicht ans- gebeutet werden. Ani Jrawaddy befindet sich noch heut ein berühnites Petroleum- lager, das den alten Jndiern nicht unbekannt geblieben. Ebenso sicher ist es, daß die Aegypter das Erdöl gekannt haben. Man will wissen, daß sie es beim Einbalsamiren ihrer Leichen benutzten. Andere meinen, sie hätten dazu den aus dem Petroleum ge- wonnenen Asphalt gebraucht, der den Mumien ihre Festigkeit verliehen. Ueberhaupt dürfte das Petroleum auch andern Völkern des Alterthums nicht verborgen geblieben sein, und die heiligen Feuer auf den Götzenaltären werden Wohl mit Recht mit dem Erdöl in Verbindung gebracht. Noch heut hüten die Parsen das ewige Feuer von Baku, und seit dem Jahre 1820 befindet sich daselbst sogar ein Kloster, in dem die Feuerpriester die Flammen hüten. Das Gas brennt auf dem Klostcrhofe in mehreren Flammen, auch in den Zellen und in der Kirche werden solche unterhalten. Die Priester hüten das Feuer sorgfältig vor jeder Verunreinigung, ja sie wagen sich nur mit verbundenem Munde in seine Nähe, um den allgewaltigen Feuergott nicht zu erzürnen. Die Europäer sind durch Alexanders des Großen Züge mit dein Erdöl bekannt geworden. Ter griechische Geschichtsschreiber Herodot(484 v. Chr. geboren) spricht in seinem Geschichtswerk, in dem viele Bemerkungen über Länder, Völker und Natur- Produkte eingefügt sind, von den Petroleumquellen der jonischen Insel Zakynthos(das heutige Zante), von der viel Erdöl nach dem Festlande gebracht wurde. Heute noch fließen die dortigen Quellen in der Nähe der Hafenstadt Porto Chierri. Auch der Sammelschriftsteller Plinius(geb. 23 n. Chr.) erwähnt das Erdöl von Agrigentum in Italien, das als„sizilianisches Oel" sogar in Lampen gebrannt wurde. Bei Plutarch, der wenige Jahre später lebte, finden wir die Beschreibung eines brennenden See's in der Nähe der altersgrauen Stadt Ekbatana. Die Indianer Amerikas haben schon seit frühester Zeit des Erdöls sich bemächtigt. In Kanada findet man Ueberreste von Vorrichtungen zur Petroleumausbeutuug, die aus der ältesten Zeit herrühren. Meistens fingen sie es jedoch in wollenen Tüchern auf, aus denen sie eS in ihre Gefäße drückten. Sie benutzten es vorzugsweise zu arzneilichen Zwecken, namentlich bei Vcswun- düngen und Quetschungen. Bei ihren religiösen Feierlichkeiten fand es ebenfalls seine Stelle, wovon sich noch viele der Ein- gewanderten überzeugen konnten. Um 1750 wurden die Weißen Nordamerikas zuerst mit den Petroleumlagern daselbst bekannt. Sie lernten es von den Seneka- Indianern kennen, die es am Oil Creek, im heutigen Pennsyb vanien, fanden. Dieser Bezirk ist bis auf den heutigen Tag noch einer der wichtigsten der Oelkreise. Er liegt in der Provinz Venango. Uni dieselbe Zeit kamen auch Europäer im Quell- gebiete des Geneseeflusses im Staate Neuyork mit Petroleum- lagern zusanimen. Sie wußten jedoch nicht recht, was sie mit demselben anfangen sollten, begnügten sich also mit dem Gebrauch, den sie bei den Indianern gefunden. Bald war das Genesee- oder Senekaöl ein berühmtes Heilmittel, selbst in unfern Apotheken konnte man es für schweres Geld käuflich haben. Die ersten Nachrichten über das neue Produkt Amerikas lockten die Engländer und Franzosen herbei. Die letzteren suchten das- selbe auszubeuten, doch schlugen die ersten Versuche völlig fehl. Man begnügte sich in der Folgezeit mit dem wenigen Oel, das man ohne besondere Einrichtung auffangen konnte. Bis zum Jahre 1820 ist kein nennenswerthcr Versuch zur Ausbeutung gemacht worden. Aus Virginieu führte man jedoch schon 1836 fast an 100 Fässer Petrolenm aus, das man im Thal des kleinen Kanawha auffing. Ein Geologe, Murray ist sein Name, machte zuerst darauf aufmerksam, daß in Westkanada viel Erdöl sein müsse, doch wurden seine wohlgemeinten Worte nicht genügend beachtet. Es ist auch fraglich, ob eine großartige Ausbeutung des Petroleums in jener Zeit die Unternehmungskosten gedeckt hätte. Wenn man auch schon im vorigen Jahrhundert in einigen italienischen Städten, namentlich in Genua, das bei Parma ge- wonnene Oel zu Beleuchtungszwecken benutzt hatte, so verstand man es doch noch nicht, das rohe Petroleum so zu reinigen, daß seine Flamme gegen die des damals gebräuchliche» Rüböls hätte den Kampf aufnehmen können. Das zeigte sich so recht, als 1845 eine Gesellschaft in Neuyork die ersten Versuche machte, das Petroleum als Leuchtmaterial einzuführen. Man war nämlich in der Nähe von Tarentum beim Graben nach Salz auf eine mächtige Petroleumquelle gestoßen. Dieselbe lag etwa 35 englische Meilen oberhalb Pittsburg am Aleghanyfluß. Erst 12 Jahre später nahm eine neue Gesellschaft von Kaufleutcn aus Newhaven in Konnektikut d s damals liegen gebliebene Projekt wieder auf. Zwei Industrielle, Williams und Hamilton, destillirten das rohe Petroleum, und die Proben, welche sie nach Europa sandten, fanden sehr großen Beifall. Der eigentliche Geburtstag der Petroleunündustrie ist der 12. August 1859. Colonel Drake war nämlich so glücklich, an dieseni Tage beim Bau eines artesischen Brunnens bei 23 Meter Tiefe auf eine Petroleuniader zu stoßen, die in der ersten Zeit täglich über 4000 Liter Oel lieferte; noch lange Zeit nachher schöpfte man aus ihr täglich an 1500 Liter. Dieser ungemein glückliche Zufall lockte bald von allen Seiten Petroleuingraber herbei. Es war eine Aufregung, die fast noch das kalifornische Goldfieber übertraf. In kürzester Zeit entstanden am Oelfluß Städte und Flecken, wo zuvor nur der Fuß des Wilden den Urwald durchdrungen. Die Produktion übertraf bald den Bedarf, und die so lebhaft begonnene neue Industrie schien in's Stocken zu gerathen. Da war es ein Deutscher, Herr Hake, der durch neue Destillirversuche das rohe Petroleum so reinigte, daß es um vieles brauchbarer und angenehmer wurde. Im Oeldistrikt begann infolge dieser Erfindung wieder neues Leben, und Städte schössen wie Pilze äns der Erde. Von vielen derselben gilt es, was im Jahre 1865 von Pit-hole berichtet wurde. Die damals erst vier Monat alte Stadt hatte schon mehr als 5000 Einwohner (fast ausschließlich Männer), einige 40 Gast- und Kosthänser, zahllose Viktualien- und Schnapsläden, eine Bänkclsänger-„Oper", einige Bankhäuser, eine Zeitung und ein Theater. Auch zwei Kirchen waren schon im Bau. Die Stadt hatte noch nicht einmal Behörden, doch wird versichert, daß die Volksjustiz Ruhe und Ordnung besser ausrecht erhalten, als es in Neuyork der Fall war. Heute gehört jene Stadt schon der Geschichte an, und wer in ihr einst das Licht der Welt erblickt, vermag ivohl kaum den Ort aufzufinden, wo seine Wiege einst gestanden. Selbstverständlich herrschte nicht überall im Oeldistrikt die wünschenswerthe Ordnung. An manchen Orten wußte niemand recht, wen er als Besitzer eines Brunnens anzusehen habe. Oft herrschte die grenzenloseste Verwirrung an einem Orte, die Zu- stände waren geradezu chaotisch. Auch waren nicht überall ge- nügende Einrichtungen getroffen, um das hervorquellende Bergöl zu bergen und zu verwerthen. Es fehlte an Fässern, so daß viele tausend Tonnen verloren gingen und den nahe gelegenen Alleghanyfluß tränkten. Brach noch ein Feuer aus, so stieg der allgemeine Wirrwarr bis in's Grenzenlose; und solcher Brände gab es nicht selten, da viele der eingewanderten Oelsucher nicht vorsichtig genug umgingen. Wer das Glück hatte, erwarb in kürzester Zeit unermeßlichen Rcichthum, während Andere ihr Hab und Gut verloren. Als man im Jahre 1861 anfing geregelter an die Ausbeutung des Petroleums zu gehen, war zwar schon der Grund zu vielen Industriestädten gelegt worden, in denen aber erst von jetzt ab geordnetere Zustände eintraten. Wir nennen nur Oil-City, Titus- villc, Tidioute, Franklin, Pleasantville, Parkcrs u. s. w., die zum Centralpunkt der Erdölgewinnung sich aufgeschwungen. Das Oelgeschäft hat Städten ivie Cleveland, Pittsburg und namentlich Philadelphia große Reichthümer zugeführt.— Pennsylvanien ist noch heute der Staat, der au der Spitze der Lieferanten steht. 1859 betrug die Ausfuhr aus demselben 335 Faß, zwei Jahre später belief sich dieselbe auf 134,927 Faß und noch immer steigerte sich die Nachftage nach dem indeß beliebt gewordenen Beleuchtungsmaterial. Neben Pennsylvanien hat jetzt Kanada Bedeutung für den Petrolcumgewinn. Die erste Quelle entdeckte man 1860 zwölf englische Meilen von Wyoning. Bald steigerten sich jedoch die Anstrengungen, weitere Lager hier aufzufinden, und schon 1862 beutete man gegen 100 Brunnen aus. Gegenwärtig beschränkt sich die Produktion auf die Halbinsel/ die von den Seen Eric und Huron und vom St. Clairfluß gebildet wird. Der Central- punkt ist die Stadt Oil-Springs. Nördlich davon liegt Pctrolia, die ebenfalls ergiebige Quellen in ihrer Nähe hat. Kleiner ist der Bezirk, der unweit der Mündung des St. Lorenzstromes liegt.— Die Eingeborenen Kanadas kannten das Erdöl schon längst, doch verheimlichten sie den Ort seiner Gewinnung, der erst 1866 auf der Insel Manitulin im Hcronensee von den Weißen aufgefunden wurde. Man behauptet, daß das Petroleum Kanadas besser als das von Peunsylvauien sei. Seine Leuchtkraft soll jenes übertreffen, auch ist bei ihm weniger die Gefahr des Ex- plodirens vorhanden. Südlich von St. Franziska, in Kalifornien, befinden sich reichliche Petroleumlagcr, doch werden sie bis jetzt nur wenig ausgebeutet. Im Bundesstaate Neuyork ist nur ein Strich an der Grenze von Pennsylvanien von Bedeutung. Auch in Ohio (bei Warren), in Illinois, Missouri, Kentucky, Tenessee und Indiana findet man Petroleum, obwohl die drei letzteren Staaten sich noch garnicht an der Produktion betheiligen. Uebrigens scheint ganz Nordamerika reichliche Erdöllager zu bergen, denn auch in Kolorado, Utah und andern Distrikten hat man Spuren davon entdeckt. Im Jahre 1859 produzirte ganz Nordamerika 82,000 Barrels (a circa 150 Liter) Del; im folgenden Jahre betrug der Gewinn schon 500,000 Barrels, und 1870 belief sich der Ertrag auf 6,500,000 Barrels. Jetzt werden jährlich etwas über 10 Millionen Barrels von Nordamerika in den Handel gebracht, wovon gut Zweidrittel zu den Ausfuhrartikeln gehören. 1872 betheiligten sich die nordamerikanischen Staaten im folgenden Verhältniß an der Produktion: Pennsylvanien lieferte 6,539,000 Barrels, Kanada 530,000 B., Westvirginien, Ohio, Kentucky und die übrigen Be- zirke 325,000 B., zusammen 7,394,000 B. Auch Südamerika hat seine Petroleumlager. In der bra- Aus„voimärzlichen" Tagen. Unlängst fiel mir ein alter Band der„Didaskalia" in die Hand und beim Durchblättern der„Blätter für Geist, Gemüth und Publizität" fand ich nachfolgende ergötzliche „Korrespondenz aus Gens", geschrieben im schönen Mai des Jahres 1841: „Ein Correspondent des„Morgenblattes" hat jüngst die Aufmerksamkeit des Publikums auf diesen Verein gelenkt und zwar, indem er denselben als einen völlig politischen bezeichnete, was er jedoch keines- wegs ist. Er hat mit der Politik ganz und gar nichts zu schaffen. Wollten auch überspannte Köpfe je versuchen, ihn zum Tummelplatz ihres hohlen Radikalismus zu machen, so würden sie an den dermaligen Vorstehern und Lenkern, den Herren Prof. Galeer und Bruderer(beide Schweizer) einen entschiedenen Widerstand finden. Außerdem steht der Stifter des Vereins, Herr Kantor Wenzel, als stets wachsamer Hüter im Hintergrunde. Diese wackern Männer sind mit der hiesigen Polizei einverstanden, um von dem Verein de» liberalen Schwindelgeist, die Krankheit unserer Zeit, der die jungen Deutschen des Gewerbestandes nur in's Unglück stürzen könnte, fern zu halten. Sie geben der Polizei pünktlichen Bericht von allem, was in der Mitte dieser Gesellschaft vorgeht und haben selbst der Behörde die feste Versicherung gegeben, daß sie den Geist des Radikalismus mit aller Kraft bekämpfen werden. Statt zu politisiren raucht man in diesem Verein eine Pfeife, trinkt ein Glas Bier, unterhält sich mit einem unschuldigen Spiel und singt zu- weilen ein Liedchen. Der Berein hat außer dem„Frankfurter Journal" nur noch eine Schweizerzeitung, weil ihm die Mittel zur Anschaffung von dergleichen fehlen und überhaupt die Politik außer seinem Bereiche liegt. Es werden auch einige Lehrstunden im Französischen gegeben, die übrigens nur schwach besucht werden, weil der Handwerker am Abend nach schwerer Arbeit nicht mehr zu geistiger Arbeit aufgelegt ist. So leben die Vcreiusmitglieder ganz harmlos, wenn sie sich nicht zuweilen mit deni Wirthe wegen der kleinen Portion Käse oder wegen des schlechten Bieres zanken. Wer nicht gerade Handwerker ist, weiß nichts von diesem Vereine. Hier können die deutschen Ruhestörer keine Rolle spielen und die hiesigen deutschen-Handwerker machen sich mitunter eher durch nächtliche Prügeleien und wildes Gebrüll in den Straßen be- merklich als durch politische Unitriebe: Ein Beweis,'>vie unschuldig solche Vereine sind, wenn Männer wie die Herren Wenzel, Galeer und Bruderer den Pesthauch des revolutionären Geistes und seiner Priester davon abzuwehren loissen. Mögen diese edel» Männer in ihrem schönen Bestreben nicht ermüden. Sie erwerben sich dadurch den Dank der deutschen Handwerker wie der deutschen Regierungen und jedes Freundes der Ruhe und Ordnung.— Sie haben an den Vorgängen in der, filianischen Provinz St. Paulo hat Richard Burton nachgewiesen, dvß sich dort ergiebige Quellen finden, doch ist es auch dabei verblieben. Bolivia hat drei Hauptquellen, die von Cuarurati, Plata und Piguirandi, welche einen Lelbach von 17 Centimeter Tiefe und 2'/z Meter Breite bilden, der eine gute halbe Weg- stunde weit läuft und sich theils dann im Sande verliert, theils einem Bache zufließt, welcher zum System des Piloomayo gehört. In Peru liefert seit 1866 eine Gesellschaft jährlich mehr als 300 Fässer Erdöl, auch in der argentinischen Republik und auf der Insel Trinidad findet man solches. In Asien sind die Quellen am linken Ufer des Jrawaddy schon genannt worden. Dies Petroleum, das aus mehr als 5000 Brunnen geschöpft wird, dient aber hauptsächlich dazu, um das Holz der Häuser zum Schutz gegen die Ameisen damit zu bestreichen. Auch in China, am Kaspisee und im Kaukasus hat man ganz ergiebige Lager. Vorzugsweise ist jedoch die Halbinsel Ascheron bekannt. Nördlich von der Stadt Baku(bei dem Dorfe Balachana) sind über 300 gewöhnliche und viele Bohrbrunnen in Betrieb. Nordöstlich von Baku(beim Dorfe Surachana) wird ebenfalls Erdöl gewonnen. Die Tartaren benutzen es Vorzugs- Iveise zum Kalkbrennen. Afrika hat dies köstliche Erzeugniß ebenfalls, wenngleich unser Handel daraus keinen Gewinn zieht. Unser Erdtheil ist auch nicht leer ausgegangen. In Galizien und der Walachei wird Petroleum ausgebeutet, ja es zieht sich am Nordabhang der Karpathen ein ganzer Oelstrich entlang. Bei Boryslaw werden jährlich fast 14,500 Centner gewonnen, aber leider kann dies Petroleum einen Vergleich mit dem amerikanischen nicht aushalten. Deutschland hat im Flußgebiet der Aller, in Hannover, seinen Erdölbezirk, das dort in der ganzen Gegend in ergiebigen Mengen vorhanden zu sein schein. Auch Braunschweig, Bayern, England, Schottland, Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland und die Schweiz weisen auf das Vorhandensein des Erdöls hin. Jedoch wird Nordamerika wohl stets die erste stelle als Lieferant behaupten. Schweiz ein thatsächliches Beispiel vor Augen, wohin der wilde, zer störungssüchtige Radikalismus führt, der mehr und mehr in die Masse des Volkes einzubrechen sucht und den darum jeder Biedermann zu dämpfen suchen muß, wo und wie er nur kann."... Wie muß dieser Brief dem deutschen Philister zu seinem Bier und seiner„Pseis' Tobak" gemundet haben! Eine christlich- germanische Prügelei auf der Gasse und ein gottessürchtiges Gebrüll,— das that seinem in Loyalität zum angestammten Landesvater ersterbenden Herzen wohl. Das war für ihn ein Zeichen von gesetzlichem Sinn,— von Ruhe und Ordnung. Schartenmaier's Zähre rennt, O du Zeit wie hat sich's g'wendt. Oder wäre die„Didaskalia" von einem Schalk ein bischen genarrt worden, in der Absicht, das leicht erregbare Gemüth der deutschen Polizei zu beschwichtigen? Vor allem ist sicher, daß Galeer, dereiner der wackersten Vorkämpfer des arbeitenden Volkes, in jener Zeit nie auch nur entfernt eine Rolle spielte, wie sie ihm in diesem Briefe an- gedichtet ist und immer im Gegentheil eine energische Propaganda unter- hielt.— Die.Harmlosigkeit" war jedenfalls in jenen Tagen nicht das Merk- mal der deutschen Arbeitervereine in der Schweiz. Im„Republikaner"*) erzählt I. Philipp Becker einiges hierüber. In diesen Vereinen, bemerkt er unter anderem, dominirte das verbissen-revolutionäre Element. Die Geheimnißthuerci war stets in der Mode. Jeder Handwerks bursche galt daheim als verkappter Kommunist, und die hochweise Polizei malte den Teufel so lange und in so lebhasten Farben an die Wand, bis er kam und viele Leute sich mit den kommunistischen Ideen zu befreunden anfingen... Wir organisirten damals die„Propaganda zu Fuß". Es gab stets genug junge, rüstige Burschen, die auf den ersten Wink ihr Felleisen schnürte», um in den deutschen Landen, von Stadt zu Stadt, von Herberge zu Herberge zu ziehen, die Völkerverbrüderung und die Erlösuno der geknechteten Menschheit zu verkünden und neue Apostel für das soziale Evangelium zu werben.„Fürsten zum Land hinaus, jetzt kommt der Völkerschmaus" war das Losungswort. Freilich geriethen viele dieser Sturmvögel in den Käfig, aus dem sie jahrelang nicht wieder herauskamen. Sie nahmen dafür aber auch 1848 und 49 gehörig„Revanche". Die Verbote gegen das Wandern nach der Schweiz blieben fast erfolglos. R. R. •)„Der Siexublilaner", ein Ichweizerilcher Äolttlalender aus das Jahr 187«, der in Zürich estchienen und wegen ieinei trefflichen Inhalt» unserm Lesern in der Schwei, aus da» angelegentlichste zu empsehlen ist. Red. d. ,,91. Sä." 155 Selbsthülfe. Von L. Derminus. „Hier hast du einen Knochen, Volk, heran! Fang' auf! Beiß' dir die Zähne aus daran, Die Selbsthülf', glaube mir, sie ganz allein Kann deine Rettung und Erlösung sein!" So ruft dir eine falsche Rotte zu. Du, Volk, erwidre drauf: Hört, was ich thu'! Ich folge euch und geh auch gleich daran, Doch wißt, mit euch, ihr Schwätzer, sang' ich an. Erst helf ich mir von dir; ich reiß' dir, Wicht, Die Lügenlarve zornig vom Gesicht. Einst wird sie im Museum angegafft, Wohin ich Prügel, Robot schon geschafft. Dann in die Rumpelkammer schleudre ich Die Wieg', in der ihr eingelullet mich, Und weil ich eben bei der Arbeit bin, Will ich, mir selber helfend, weiterziehn. Und suche, wenn ich euch beseitigt Hab', Der Menschheit tausendjährig' Geistesgrab, Des Aberglaubens Riesenmonument, Den stolzen Bau, den man die Kirche nennt. Ein Wort erschüttert— wie Posaunenschall Bei Jericho die Mauer bracht' zum Fall— Auch diesen Bau; das Wort, das Wunder schafft, Weil es das Wunder haßt, heißt: Wissenschast. Die Riesensäule, die den Bau gestützt, Fass' ich mit mächt'ger Faust, von Wuth erhitzt, Und rüttle dran init der titan'schen Kraft, Die ich gespart in tausendjähr'ger Haft. Und Halleluja! daß es donnernd gellt, Ruf ich, sobald der mächt'ge Götze fällt.— Dann aus dem Sturz tönt der Erlösungsschrei, Die>ingekerkerte Vernunft ist frei! Das Kreuz, es wird zur Waffe, vom Altar Jag' ich damit die arge Psaffenschaar, Nach achtzehnhundert Jahren voller Qual Freut der am Kreuze sich zum erstenmal. Ein andres Zeichen heb' ich siegend auf, Die rothe Fahne— Friede steht darauf. Der Friede ist der Bruch der Korruption, Der Friede ist die Revolution. Erschüttert bebt die Erde, dröhnend ziehn Der Freiheit Bataillone drüber hin, Und was den Weg versperrt, es wird zerhau'n, Ich breche Schlechtes, Gutes aufzubau'n. Den Pflug, der mich zum Sklaven hat entehrt, Zertrümm're ich— er wird mein starkes Schwert, Die Mittel, die man kalt und fürchterlich Gebraucht zu meiner Roth— sie rächen mich. Und weiter zieht die Siegesschaar; sie gleicht Dem Zornorkan, der Pest und Seuchen scheucht, Bricht Bajonette, stürzt Verräthcrei, Reißt wild vom Haupt den Schmuck der Tyrannei. Schön wird der Tag, die Erde ist erhellt, Es jubelt dankbar die erlöste Welt, Zerfetzt zu Füßen liegt das uralt' Joch, Der Selbsthülf' bringe ich ein brausend Hoch! Szene aus dem Schwabenkricge.(Bild Seite 148—49.) Der Schwabenkrieg umschließt jene denkwürdigen Kämpfe der schweizer Eid- genossenschaft gegen den deutschen Kaiser, in denen sich die erstere ihre volle Unabhängigkeit vom deutschen Reiche errang. Es waren bereits volle zwei Jahrhunderte vergangen nach Erneuerung der Eidgenossen- schaft, welche das freie Hirtenvolk der drei Waldstätte Schuchz, Uri und Unterwalden seit undenklicher Zeit verbunden hatte. Während dieser langen Zeit hatten die tapferen Bergbewohner unaufhörlich die Unter- drückungsversuche der treulosen Habsburger, die mit Rudolf l. auf den deutschen Kaiserthron gelangt waren, blutig zurückzuweisen. Bon allen diesen Kämpfen ist die Bertreibung der kaiserlichen Vögte Geßler und Landenberg im Jahre 1397, zu welcher die Schweizer von Werner Stauffacher, Walther Fürst und Arnold aus deni Melchthal veranlaßt wurden, durch Schillers Drama„Wilhelm Tell" am bekanntesten ge- worden. Nachdem die Absicht Kaiser Albrechts von Habsburg, die Aufständischen zu züchtigen, durch seine von Johann von Schwaben verübte Ermordung vereitelt worden war, hatte der neue deutsche Kaiser, Heinrich YII. von Luxemburg, die Freiheiten der Waldstätte bestättgt und sie gegen Oesterreich in Schutz genommen. Nach Heinrichs Tode aber war Herzog Leopold von Oesterreich mit großer Macht über sie hergesallen, am IS. Nov. 131S jedoch im Engpaß am Morgarten vernichtend geschlagen worden. Nun hatten die Waldstättc zu Brunnen ihren ewigen Bund geschloffen und sich durch Aufnahme anderer schweizerischer Landschaften, die Oesterreichs Knechtung überdrüssig waren, allgemach verstärkt. So war 1338 zuerst Luzern, dann 1351 Zürich dazugekommen. Darauf traten 1352 Glarus und Zug und 1353 Bern dem Bunde bei und dieser schloß 1357 mit Oesterreich einen Frieden, der den Schweizern aus beinahe 39 Jahre nach außenhin Ruhe schaffte und die Macht ihrer Bischöse und Grasen durch die unaufhörlichen Zwisttgkeiten derselben untereinander so schwächte, daß ihnen schließlich auch die Hülfe der Habsburger nichts mehr nützen konnte. Zwar unter- nahmen 197 geistliche und weltliche Herren in den achtziger Jahren des 14. Jahrhunderts in Gemeinschaft niit Oesterreich einen Krieg gegen die Eidgenossen, aber die Heldenthat Winkelrieds, der sich einen Arm voll Speere in die Brust stieß, um Bresche in den Eisenwall der in geschlossenen Gliedern zu Fuß kämpfenden Ritter zu legen, entschied die verzweifelte Schlacht bei Sempach, am 9. Juli 1389, zu Gunsten des Landvolks. Doch die blutig erstrittene Freiheit war damit noch lange nicht gesichert; neue Kriege gegen Oesterreich wechselten mit Friedensschlüssen auf 29, auf 59 Jahre ab, deren Vereinbarungen nur dazu gemacht schienen, um gebrochen zu werden. Aber in jedem dieser Kämpfe waren Sieg und Ruhm ans Seite der Schweizer. Freilich geriethen diese auch untereinander in Hader. Der Zank um die Erb- schaft der Grasen von Toggenburg verleitete die Züricher zu einem Bündniß mit Oesterreich, welchem Karl Vll. von Frankreich auch noch ein Hülfsheer von nicht weniger als 59,999 Mann zur Verfügung stellte. Auch dieser ungeheuren Uebermacht gegenüber hielten sich die Eidgenossen mit so bewundernswerther Tapferkeit, daß die Franzosen 1444 zu Ensisheim Frieden schloffen und Oesterreich mit den Adligen im Jahre 1459 den fruchtlosen Kampf aufgab. Eiu paar Jahrzehnte nachher geriethen die Schweizer mit dem burgundischen Statthalter im Elsaß, Peter von Hagcnbach, zusammen und dadurch in den Krieg mit dem mächtigen Herzog von Burgund, Karl dem Kühnen. Diesmal standen sie wider diesen gefährlichsten Feind im Bündniß mit Oester- reich, mit dessen Hülse sie um 1474 ein burgundisches Heer bei Ericourt aufs Haupt schlugen und 1475 das ganze damals savoyische Waadt- land besetzten. Als aber 1479 Karl der Kühne selbst mit 99,999 Mann gegen sie anrückte, wurden sie von den Oesterreichern im Stich gelassen und mußten das Waadtland, bis auf Dverdun und Granjon, räumen. Nachdem dann beide Städte genommen und die Besatzung von Granson, dem Versprechen freien Abzugs zum Trotz, feig ermordet worden, er- focht am 3. März ein schweizer Heer an der Stätte des Verraths einen glänzenden Sieg. Ein neues/noch stärkeres Heer des Burgunders ward am 22. Juli 1479 aufgerieben, und am 5. Januar 1477 verlor der gewalttge Herzog von Burgund bei Nancy wider das heldenmüthige Bergvolk Schlacht und Leben. Nun brach eine wilde, übermüthige Zeit an für die siegreiche Schweiz. Das Kriegsglück hatte das Volk der Alpen berauscht und verroht. Arge Streitigkeiten untereinander, Raub und Mord im großen war die Folge. Da wirkte neue Gefahr von außen einigend. Kaiser Maximilian hatte die Schweizer ausgefordert, dem ewigen Landfrieden beizutreten, sich dem Kammergericht unter- zuordnen, keine Kriege gegen Reichsstände zu führen, gegen die Türken ein Heer zu stellen, ihre Söhne aus dem Kriegsdienste im sranzösischcn Heere abzuberufen und mit den schwäbischen Landen einen deutschen Kreis zu bilden. Fügten sie sich, so waren sie dem deutschen Reiche wieder zugehörig und unterthan wie je zuvor. Das durfte aber nimmer geschehen, und so entbrannte, auf ihre entschiedene Weigerung hin, Anfang 1499 der Schwabenkrieg. In einer langen Reihe von Ge fechten, auch wider den Kaiser selbst, blieben die Schweizer Sieger, und schon am 22. September 1499 mußte sich der Kaiser zum Frieden be quemen. Gleichzeitig war auch die Adelsmacht völlig darniedergcworfen worden. Bei einem Zuge in den zwischen dem Bodensce, dem Rhein, der Donau und den Alpen liegenden Hegau hatten die Eidgenossen viele Burgen und Schlösser zerstört und unter andern auch Burg Randcck belagert, deren Besitzer, Burkard von Randeck, geschworen hatte, er wolle im Schweizerlande sengen und brennen, daß der Herr gott selber vor Rauch und Hitze mit den Augen blinzeln und die Füße an sich ziehen nlüffe. Die Besatzung der Burg ließ es während der Belagerung auch an Hohn und Spott für die„Bauern" nicht fehlen, und daruni mußte sie, nachdem sie sich ergeben, im Hemde, mit dem Stab in der Hand, von dem Hauptlästermaul, dem dickbauchigen Schloß psaffen geführt, abziehen. Diese Szene ist's, die in unsrem Bilde der berühmte Disteli dargestellt hat. G. WaS Schiller besonders dazu veraulaßte, die Geschichte des Abfalls der Niederlande zu schreiben.„Der Anblick einer Begeben- heitt', so schreibt er,„wo die bedrängte Menschheit um ihre edelsten Rechte ringt, wo mit der guten Sache sich ungewöhnliche Kräfte paaren und die Hilfsmittel entschlossener Verzweiflung über die furchtbaren Kräfte der Tyrannei im ungleichen Wettkampfe siegen, das erfüllte mich mit einer Bewunderung, wie sie der Pöbel nur den schimmernden Thaten der Ruhmsucht nnd verderblichen Herrschbegierde zollt." Im Anblick dieses Freiheitskampfes war ihm„der Gedanke groß nnd beruhigend, daß gegen die trotzigen Anmaßungen der Fürstengewalt endlich noch Hilfe vorhan- den ist, daß ihre berechnendsten Pläne an der menschlichen Freiheit zu Schanden werden, daß ein herzhafter Widerstand auch den gestreckten Arm des Despoten beugen, hcldenmüthige Beharrung seine schrecklichen Hilfsquellen endlich erschöpfen kann."— In Wielands deutschem Merkur (1788) sagt Schiller:„Die Kraft, mit der das niederländische Volk handelte, ist unter uns nicht verschwunden; der glückliche Erfolg, der sein Wagestück krönte, ist auch uns nicht versagt— wenn ähn- lichc Anlässe uns zu«hnlichen Thaten rufen."—„Die eigene Begeisterung an diesem großen und erhebenden Gedanken" wollte Schiller, wie er offen gestand,—„auch andern mittheilen."— Wir müssen freilich hinzufügen, daß Schiller die kühne Hoffnung, welche er Deut- schland gegenüber aussprach, unterdrückte oder unterdrücken mußte— als er Professor in Jena geworden war. C. L. Im 10. Buche der„Griechischen Anthologie"(Blumenlese) finde ich folgendes bemerkenswerthe Epigramm: "Ef tooal /u6/&oie ixctiairni. a't öt u f i atius yuaumcai ättxyv/xivca ZHQ1'/.tyoval PqcctoT* Dieses griechische Distichon lautet in deutscher Prosa etwa folgender- maßen:„Sechs Stunden des Tages seien der Arbeit geweiht; die übrigen jedoch— so lehren schon die Buchstaben des Alphabets— sprechen zu uns: Mensch genieße dein Leben." Die Worte:„so lehren schon die Buchstaben des A—", bedürfen einer kurzen Erläute- rung. Die Griechen des Alterthums stellten ihre Ziffern von 1 bis 10 durch die ersten zehn Buchstaben ihres Alphabetes dar. Mit den ersten sechs(«= alpha bis?— Stigma) denkt sich also hier der, übrigens unbekannte Dichter die sechs Arbeitsstunden des Tages bezeichnet; die folgenden vier: C(Zeta)(Eta)»(Theta)-(Jota) geben in großen Buchstaben als Wort zusammengestellt unser obiges ZH9/— gesprochen Zcthi— welches in unsrer Sprache bedeutet: lebe, womit hier prägnant gemeint ist:„genieße dein Leben!" Von besonderem Interesse ist dieses Epigramm für uns, weil daraus hervorgeht, daß auch dem Alterthum bereits eine wichtige Auffassungsweise des modernen Sozialismus nicht ganz fremd war. Behauptet doch hier der Dichter, daß wenige Stunden des Tages für die eigentliche, mühe- volle Arbeit des Lebens ausreichend seien, während die übrigen von Rechtswegen dem Lebensgenuß gehören sollten— freilich, fügen wir hinzu, einem nach Maßgabe der Kulturstufe des betreffenden Volkes, durch Bildung, Wissenschaft, Kunst und Sittlichkeit geadelten Genuß. Ist dies nicht auch sozialistische Auffassung? Wird diese Auffassung nicht zum Theil praktisch zum Austrag gebracht durch die wichtige Forderung der Sozialdemokratie, den Normalarbeitstag, gegen dessen Ein- führung sich alle entgegenstehenden Parteien so heftig sträuben? Die Liberalen um ihrer Ausbeutung der Arbeitskraft des Volkes keine Schranken zu setzen, die christlich-frommen und Conscrvativen um ihrem unheilvollen— freilich auch nur den„unteren" Bolkskassen gepredigten — Grundsatz:„Bete und arbeite" treu zu bleiben. Der Liberalismus anerkennt wohl die Wahrheit der Idee, die Gerechtigkeit der Forderung, nimmt sie aber praktisch nur für sich, für den Stand der Besitzen- den und Gebildeten in Anspruch d. h. für einen winzigen Bruchtheil des Gesammtvolkes. Das„niedrige Pack" mag sich immerhin plagen; was könnte es auch Besseres thun?— Die Christlich-frommen dagegen verwerfen den Gedanken gänzlich, indem sie— so weit sie ehrlich und ausrichtig und keine verkappte Liberalen sind— die Behauptung aufstellen, daß der Mensch nur da ist, um(abgesehen von seiner himm- tischen Bestimmung) aus Erden zu arbeiten, nach der Arbeit aber zu ruhen, zu beten und Kraft zu weiterer Arbeit vom„Schöpfer" zu er- flehen. Sie gehen dabei vom sog.„sittlichen Werth der Arbeit" aus, den wir keineswegs leugnen wollen; aber sie fassen den Begriff „Arbeit" in dem einseitigen Sinne der sogenannten Berussthätigkeit auf d. h. ihnen ist Arbeit für den einen die Schuhmacherei, für den andern das Maurerhandwerk u. s. w. Dies berechtigt uns aber durchaus, jene Auffassung eine unheilvolle zu nennen, weil sie— wenn strenge durch- gesührt— jeden Fortschritt in der Kultur des gesamniten Volkes hätte hemmen müssen; weil dann der Satz:„Wissen und Bildung ist das Monopol der besitzenden Klaffen" noch mehr zur Wahrheit geworden wäre, als er es leider schon ist. Wo sollte auch, bei Durchführung des Grundsatzes:„Bete und arbeite" für die besitzlosen, sich abmühenden unteren Volksklasscn, deren Beruf an und für sich keine oder tvenig Bildung beansprucht, diese Bildung herkommen? Wohl durch Gebete vom Himmel gerufen werden?— Nein, unheilvoll, durchaus unheilvoll Da mit vorliegender Nunimer das erste Quartal des 3. rechtzeitig erneuern und für weiteste Verbreitung der„Neuen Wel Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstr. ist diese Auffassung und das Gesetz der Menschenwürde muß ihre ganz- liche Verwerfung verlangen— der Sozialismus dagegen, welcher keines- Wegs den Gedanken der als Grundlage jedes staatlichen Zusammen- lebens unumgänglichen nothwendigen Berussthätigkeit von sich weist, sieht eine gewissermaßen ideale Arbeit auch in dem Bestreben, sich nach vollbrachtem Tagewerk geistiger Selbstfortbildung, geistigen Genüssen zu weihen. Und wenn er infolgedessen, durch praktisch ausführbare Maßregeln dem gesamniten Volke hierzu den Trieb und zugleich die Möglichkeit ertheilen will, ist er es dann nicht, welcher dem„sittlichen Werth der Arbeit" zu seiner wahren Geltung verHilst?— Freilich ist es mit dem Normalarbeitstag nicht gethan; aber wenn zugleich mit seiner allmählichen Verkürzung, das Bestreben obwaltete, wahre Bildung ins Volk zu bringen und den Wunsch, nach stetiger Erhöhung derselben in ihm warm zu erhalten, wenn ferner durch gleichfalls allmähliche Uebersührung in die sozialistische Gesellschaftsorganisation das Volk von quälenden Nahrungssorgen befreit ist, kann, muß, wird dann nicht der Ausspruch des griechischen Dichters zur Wahrheit werden? — Wir wenigstens vertrauen auf eine solche Entwickelung der Mensch- heit zum Guten nnd jeder unbefangen Denkende wird es mit uns thun. J. Gzg. Dreisilbige Charade. Wenn friedlich meiner beiden Ersten Walten, Sind unentbehrlich sie für Jedermann. Doch auch der Dritten Inhalt oft nichts nützen kann, Wenn sie sich fessellos, zerstörungswild entfalten. Die Dritte siehst du rastlos wandern Von Berg und Hügel her in Thal und Feld, Bis sie ein strenger Herr fängt und gefangen hält, So lang' er's Feld behauptet gegen einen milden andern. Vor meinem Ganzen beuge dich beklommen Und ehrfurchtsvoll— es war ein Held auf geist'ger Kampfesbahn, Der bis zun« Tode treu im Streit gestanden wider frommen Wahn, Trotzdem er selbst gehört einst zu den Frommen. Lb. 1). Korresponden). Singet. S, Das Eingesandte an die Expedition abgeliefert. Adressiren Sie ge- fälligst alle Geldsendungen, sowie Bestellungen auf die„N. W. direkt an die Expe- dition, svärberstr. 12. und nicht an die Redaktion. R.'St. Primaner Gr. Frdl. Dank für die kleine Arbeit. Wir hören— oder sehen— öfter etwas von Ihnen— nicht wahr? Breslau. Studiosus Lm. Es muß ein höchst grausames Wesen fein, Ihre Geliebte, daß Sie sie also ansingen können: In Berg und Thal in süßer Qual, Durch Busch und Sumpf vieltausendmal Such' ich nach dir! Ist auch dein Herz von Stahl, tab' keine andere Wahl— chmachte nach dir! Einen liebedürstenden Jüngling etliche tausendmal in Busch und Sumpf vergeblich herum- suchen zu lasten, dazu gehört wirklich ein Herz von Stahl. Uebrigens ist Qual, mal, Stahl, Wahl wirklich anmuthig gereimt; außerdem hatten Sie Saal, Strahl, Shawl, schmal, fahl, Pfahl. Kral— Hottentottenkral—, wie auch Opal, Gemahl und— banal, trivial, schaal noch dazu reimen können. Ihrem Herrn Bater. der Sie wegen Ihrer „dichterischen Begabung schon in Ihrer frühesten Jugend oft für ein Wunderkind" erklärt hat, gönnen wir von Herzen, daß Sie es so herrlich weit gebracht haben. Verden. C. A. D. Ihre Anfrage bezüglich des„freien Willens" und der„Selbst- Verantwortung" konnte weder von der Redaktion des„Bormärts" noch von der der „Neuen Welt" brieflich beantwortet werden, da die Arbeitslast beider Redaktionen die Einschränkung ihres schriftlichen Verkehrs auf das Unumgängliche nöthig macht. Was uns anlangt, so haben wir eine die beregte Materie angehende Frage schon einmal an dieser Stelle beantwortet, wollen aber, in Anbetracht der Wichtigkeu des Themas und der darüber herrschenden Unklarheit, hier von neuem darauf eingehen. Der Wille ist das Produkt des Zusammenwirkens der menschlich«! Triebe und der menschlichen Ersah- rung— es kann bei ihm also von Freisein vernünftigerweise überhaupt nicht geredet werden. Um die Moral zu heben, wird man den Willen dadurch Hestern müsten, daß man die menschlichen Triebe von dem im allgemein menschlichen Sinn Schädlichen ab- lenkt und auf die Erfahrung im gleichen Sinne veredelnd einwirkt. Eine moralische Ber- antwortlichkeit existirt mithin nur für den Menschen, der das erkannt und mit dieser Erkenntniß die Pflicht überkommen hat, in der angegebene« Weise den Willen, zunächst seinen eigenen, zu beeinflußen. Sie werden von dtesem Standpunkte aus die Wider- spräche zwischen dem Herrn, der in Ihrem Orte über das Thema„Verbrechen und Strafe" einen Bortrag gehalten hat, und besten Gegner sehr leicht erklären und verein- baren können. Ort nicht angegeben. Fr. Tn. Daß„Muttergotteserscheinungen" vorgekommen sein mögen, die sich auf die von Ihnen angegebene Art erklären lasten, wollen wir nicht bestreiten. Jndesten können Sie der„N. W." nicht zumuthen, daß sie mit solchen Scherzen in die Fußstapfen der von Ihnen erwähnten Herren Corvin, Busch zc. trete. Zwei Ihrer Sinnsprüche kommen gelegentlich zur Verwendung. Das Gedicht„Lasker und seine Genosten" ist seinerzeit, ivie Sie gewünscht, weitergegeben worden. Jägerndorf, E. O.: Bergen, I. T.; Essen, A. M.; Berlin, S. Fl. u. a. Die von Ihnen eingesendeten Räthsel, Rebusse, Charaden u. vgl. m. sind größtentheilö nicht übel, bedürfen aber der redaktionellen Korrettur, die sie zur gelegentlichen Berwendung reif machen soll! Berlin. K. H. Das Verlangte abgesendet. Die fraglichen Artikel im nächsten Quartal.— Tischler H. H. Versuchen Sie selbst, derarttge Röstelsprünge zu produziren und begnügen Sie Sich nicht mit der symmetrischen Ordnung solcher Produkte. (Schluß der Redaktton: Sonntag, den 16. Dezember.) Jahrgangs schließt, so ersuchen wir unsere Leser, das Abonnement sorgen zu wollen. Die Expedition der„Neuen Welt". 2!1).— Druck und Verlag der GenossenschaftSbuchdruckerei in Leipzig.