Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften h 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 1878." J] (Ein verlorener Posten. Roman von Rudolf Lavant. Ueber dem von waldigen Höhen umschlossenen und ans der Enge des Thalkessels mit einigen verstreuten Häuschen an ihnen emporkletternden kleinen schlesischen Fabrikstädtchen M. brütete die eigenthümliche Schwüle eines Aprilabends. Aus wolkenver- hangenem Himmel fiel ab und zu ein Tropfen und über den Bergen zuckte es zuweilen hastig auf von fernem Wetterleuchten. An solchen Abenden fühlt sich der Eine vom warmen Athem des kommenden Frühlings angehaucht und hofft, am nächsten Morgen das erste Veilchen zu finden— der Andere wieder fühlt sich be- drückt und fast beängstigt von der feuchtwarmen Treibhausluft und es ist ihm, als entspreche dem Drängen und Treiben in der Natur, dem Steigen der Säfte und dem Schwellen der Knospen ein unklares, stürmisches Gähren in seiner Seele. Wie die Natur nicht auf jeden wirkt, so wirkt sie auch nicht auf alle gleich— schon die kleine Gesellschaft, in die ich meine Leser führen will, wird dies bestätigen. Wir sind in der Dämmerung durch die Gassen geschlendert und haben wohl ab und zu den jungen Mädchen ausweichen müssen, die Arm in Arm und gassenbreit(das wollte freilich in M. nicht allzuviel sagen) singend daherkamen; von der eintönigen Fayade uud den nüchtern-langweiligen Fensterreihen der mechani- schen Weberei des Kommerzienraths Reischach wenden sich unsere Augen unwillkürlich dem gegcnübergelegenen Wohnhause zu, der steinernen Verkörperung einer Baumeistergrille, die nur ein un- gebildeter Glückspilz mit den Anforderungen des guten Geschmacks in Einklang bringen und deren Kosten nur die Kasse eines so reichen Mannes, wie es der Herr Kommerzicnrath war, glcichgiltig finden konnte. In das Haus selber, das uns durch seine wunder- liche, fast schrullenhafte, und jedenfalls verzwickte Bauart ein ironisches Lächeln abnöthigt, dürfen wir freilich nicht treten; man schreitet über diese teppichbelegte eiserne Wendeltreppe, die in der Vorhalle ein Gitter absperrt, nur empor, nachdem man durch den Portier gemeldet ist. Aber kraft meines Vorrechts als Dichter sehe ich durch dicke Mauern und schwere, scidne Portiören und belausche auch ungesehen die drei Damen, die in dem Zimmer des Fräulein Emmy ihr Dämmer- und Plauderstündchen halten. Fräulein Emmy, des Kommerzienraths verzogener und ver- wöhnter Liebling, war eigentlich schlichtweg Emma getauft, da Herr Reischach zur Zeit ihrer Geburt noch nicht reich, also auch noch nicht Kommerzienrath und Ritter des rothen Adlerordens war— aber später, in der Pension, hatte sie den aparten Namen ihrer Mitschülerinnen gegenüber sicy des ihren fast wie eines körpcr- lichcn Gebrechens geschämt und ihren Eltern kindisch erbitterte Vorwürfe gemacht und manche Thräne darüber vergossen, daß die„himmlische" Marlitt zu jener Zeit noch nicht Mode gewesen— ihre Mama hätte dann doch gewiß so viel Takt gehabt, sie Feli- citas oder Else oder Gisela zu nennen. Endlich hatte sie auf den Rath einer klugen Freundin durch Acndernng des a in y dem abscheulichen, plebejischen Namen etwas Schliff gegeben und ihn leidlich zugestutzt und Papa— nun, er konnte zwar beim besten Willen nicht einsehen, wodurch die eine Form vor der andern etwas voraus habe, aber das waren Dinge, auf die er sich viel weniger verstand als auf ägyptische und indische Baumwolle und auf die schnurrenden Spindeln seiner Fabrik, und sein Töchterchen war, als er sich in seiner Ahnungslosigkeit und Un- befangenheit erlaubte, die Acnderung eigentlich überflüssig zu finden, so verstimmt geworden und hatte so spitze Accente in ihre Stimme gelegt und so nachhaltig geschmollt, daß er sich beeilte und beeiferte, die Modifikation des„allerdings sehr altväterischen" Namens sehr hübsch und sehr noihwendig zu finden und die kleine Erzürnte schmeichelnd zu fragen, ob sie nicht eine neue„Robe" brauche. Die Mutter war zu jener Zeit leider schon todt; die brave Frau hatte sich nie so recht in den vornehmen Ton ge- funden und ihrer stärkeren Hälfte, als ihm„die Gnade des Landes- Herrn" den tönenden Titel verlieh, in ihrer naiven Treuherzigkeit vorgestellt, daß sie„dazu" doch eigentlich nicht„gebildet" genug seien; auch als Frau Kommerzienrätbin fühlte sie sich, so oft sie bemerkte, daß eine Magd nicht schul- und kunstgerecht scheuerte, von der fast unwiderstehlichen Lust angewandelt, der Ungeschickten oder Bequemen Lappen und Bürste abzunchinen und selber hinzuknien, um ihr zu zeigen, wie es eigentlich zu machen sei, und nur der Gedanke an ihre schwere, raschelnde Seidenrobc und an des Herrn Gemahls Außcrsichgerathen über solche„Rückfälle" hielt sie im letzten Moment noch zurück; sie hätte schwerlich geduldet, daß das Töckterlein ihren ehrlichen Christennamen abänderte, wie sie denn aller„Uebcrhebung" fast ängstlich feind war und innerlich gegen das äußere„Feinthun" inurrte und sich manches liebe Mal heimlich in die alten bescheidenen, gutbürgerlichcn Verhältnisse zurücksehnte, die ihr noch erlaubt hatten, eine wirkliche Hausfrau zu sein und in denen sie nie von Langeweile geplagt gewesen war, ja wie sie bei allem ehrlichen Respekt vor ihres Mannes Scharfblick und seinem praktischen Sinn zuweilen nicht umhin konnte, es innerlich sehr komisch zu finden, wenn er sich abquälte, ein reines Hochdeutsch zu sprechen und Phrasen zil drechseln und � 5. Jamiar 1878. den glatten, saloppen Wcltton anzunehmen, den er an Leuten, die lange nicht so reich waren als er, bewunderte und um den er sie beneidete. Die gute Frau hätte wohl auch den Kops ge- schüttelt, wenn man sie in das Boudoir ihrer„Kleinen" geführt hätte, welches unser Herr Kommerzienrath für den Inbegriff aller Eleganz und Vornehmheit hielt und nach seinen Begriffen halten mußte— die Einrichtung dieses kleinen einfcnstrigcn Gemachs hatte ja ein ganz ansehnliches Stück Geld gekostet. Er wußte freilich nicht, daß die Tochter seines Banquiers in Breslau, die seine Enimy einmal besucht hatten, über dieses Boudoir ver- stöhlen die Zkäschen rümpften; sie fanden, Tapete, Vorhänge und Meublemcnt seien sehr kostbar, stimmten aber in der Farbe nicht harmonisch zusammen, man habe nach und nach viel zu viel in das kleine Zimmer hineingcpfropft, nach Laune und Zufall, statt dasselbe nach einem best.mmten Plan mit geschmackvoller Enthalt- samkeit und einfacher Eleganz auszustatten, und neben Gegen- ständen, die einen wirklichen Kunstwerth besäßen, fänden sich andere, die vielleicht thener gewesen seien und dem Kommerzien- rath dadurch imponirt Hütten, die aber eine wirklich vornehme junge Dame nur belächeln, über die sie nur die Achseln zucken könne. Es kann uns wohl nicht zugemuthet werden, ein Urtheil darübci abzugeben, inwieweit diese Kritik eine berechtigte war; wir verstehen ja von solchen Dingen auch nicht allzuviel und werden uns wohl in der Hauptsache auf die beiden Damen aus der Provinzialhauptstadt verlassen dürfen; ich sage ausdrücklich „in der Hauptsache"— es gibt nicht viele Frauen, die nicht ein wenig boshaft, ein wenig ironisch und ein wenig maliziös würden, wenn von der Einrichtung oder der Toilette einer andern, und sei es selbst eine sehr„liebe" Freundin, die Rede ist, und diese erfahrnngsmäßig feststehende Thatsachc macht es nothwcndig, in Gedanken die etwas zu strengen Aeußerungen um eine Kleinigkeit zu niildern und abzuschwächen. Was wir selber an dem Zinimcrchen der jungen Dame aus- zusetzen haben, ist, daß sich dem Tust der vielfarbigen Hyazinthen- kerze i und der milchweißen Maiblnmenglöckchen, die den Blumen- tisch schmücken, der Duft eines starken modischen Parfüms beimischt— in einer für schwache Nerven jedenfalls höchst empfindlichen Weise. Fräulein Emmy merkt davon freilich nichts; sie hat von der Mutter eine gesunde, kernfeste Natur geerbt, sich aber allerdings darüber, daß sie so gar nicht weiß, was Nerven sind und über ihre frischen Farben, die ihr fast bäurisch erscheinen wollen, schon Vorwürfe gemacht und ihre Pcnsionatsfrcundinncn um ihre nervöse Disposition und ihre matte Farbe ernstlich beneidet; es ist jeden- falls wesentlich„feiner" und einer Kommerzienrathstochtcr würdiger, von den Nerven tyrannisirt zu werden und sich einer schmachtenden, interessanten Blässe rühmen zu können. Ihre Nerven wider- stehen dem betäubenden Duft, von dem ihr Zimmerchen erfüllt ist, die Dame jedoch, welche sich nachlässig in die andere Ecke der hlausammtnen Causeuse gegossen hat(Fräulein Emmy hat auch das noch nicht„weg" und gibt sich viele Mühe, es zu erlernen), muß sich schon eher dem Jdealznstande nähern, denn als die dritte, welche, von den schweren Vorhängen fast verdeckt, am Fenster sitzt, dieses öffnet, sagt sie lebhast: „Recht so, Martha— es ist unerträglich schwül und Emmy sollte entweder ihre Hyazinthen wegbringen lassen oder ihr Parfüm nicht wie Weihwasser verspritzen. Zu starke Gerüche sind auch nicht dvn ton, Kind." Die Schweigsame am Fenster erwidert nichts und sieht hinaus in den Garten, aus dem das Plätschen des wieder in Stand ge- setzten Springbrunnens durch die Stille dringt; der Garten ver- läuft sich allmählich in Gebüschpartien, ninimt nach und nach vollständigen Parkcharaktcr an und geht zuletzt am Fuße des Höhenzugs in den Wald über, der diesen bedeckt, nur durch einen hohen Wildzaun von den königlichen und städtischen Forsten ge- schieden. Fräulein Emmy hat inzwischen, obgleich etwas betreten, ihr orientalisches Parfüm, das sie„rasend" liebt, in Schutz genommen, >vird jedoch erst lebhaft, als die Dame, die sie„Kind" genannt hat, das Gespräch auf den nächsten Kasinoball in W., der be- nachbarten Kreisstadt, bringt. Im Tone unverkennbaren Jntereffes erkundigt sie sich: „Wir sind auch eingeladen, aber ob ich hingehe, steht doch noch nicht fest; meine besten Tänzer sind augenblicklich nicht da und du weißt wohl auch nicht, ob sie bis dahin zurückkehren werden; es wäre unverzeihlich— aber auf diese Herren ist nicht immer voller Verlaß und man muß sich doch immer wieder ver- söhnen lassen, sonst werden die Bälle ja ganz fade." „Also Premierlieutenant von Ehrenfels, Lieutenant von Brandt, Lieutenant von Werner, Rittmeister von Hcldrich?— ich nenne sie nach der Ancicnnität, d. h. nach der ihrer Gunst bei dir." Die Frage hat eine leicht ironische Färbung. Fräulein Emmy ist viel zu naiv, arglos und eifrig, uni diese Nüance nicht zu überhören. Sie meint: „Das ist aber noch keine Antwort; ich wollte doch wissen, ob du etwas über die Rückkehr der Herren gehört hättest." „Ja, nach dem, was man mir sagte, hast du wenig Aussicht, die Namen der Herren in angemessener Abwechslung hinter die einzelnen Tänze zu schreiben und dich an lichtblaue Attilas mit silberner Verschnürnng zu schmiegen— du wirst wohl einmal mit dem bürgerlichen schwarzen Frack vorlieb nehmen müssen, womit ich nicht gesagt haben will, daß ich denselben für über- mäßig geschmackvoll halte." „Ach, das ist es ja nicht allein; du wirst doch zugeben, daß die Unterhaltung mit einem Offizier bei weitem interessanter ist, als die fast aller Herren vom Civil?" „Womit du jedenfalls andeuten willst, man brauche nur klingende Sporen an den Hacken zu tragen und einen klirrenden Säbel über's Pflaster zu schleifen, um der Inbegriff ritterlicher Galanterie und männlicher Schönheit zu sein? Nun, du wirst mit der Zeit auch auf andere Gedanken kommen, hoffentlich ohne schmerzliche Erfahrungen und lediglich durch das Wachsen deiner Einsicht." Fräulein Eminy ist sichtlich überrascht. „Das klingt ja förmlich pathetisch und es möchte einem ganz angst und bange werden. Aber was in aller Welt hast du denn plötzlich gegen die armen Offiziere? Du hast doch früher nie solche Ansichten geäußert, sondern(und hier machte sie einen schüchternen Versuch, etwas wie Ironie in ihre weiche, helle Stimme zu legen) die Herren so sichtlich begiinstigt, daß deine Verlobung bald mit dem, bald mit jenem von ihnen wiederholt mit aller Bestimmtheit vorausgesagt wurde." „Wie die Ereignisse bewiesen haben, stets mit Unrecht; du hättest gerade nicht nöthig gehabt, Werth ans diese leichtsinnig ausgestreuten Gerüchte zu legen, von denen du doch weißt, wie sie entstehen. Es braucht noch gar keine Kaffeegesellschaft gehalten zu werden, es brauchen nur zwei junge Damen in einem Dämmer- stündchen die blonden oder braunen Köpfchen zusammenstecken, wie wir es jetzt thun, und es ist eine neue Verlobung so gut wie proklamirt und tvandert als Thatsachc von Mund zu Mnnd, natürlich unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit." „Nun ja, ich will es ja gerne glauben und du brauchst nicht gleich böse zu werden, aber ich muß noch einmal fragen: Was haben dir die Offiziere gcthan?" „Ich denke, Kind, wir lassen das; es würde nichts dabei herauskommen. Jedes junge Mädchen aus guter Familie hat eine Periode, in der die Herren init den blanken Knöpfen, den buntgeränderten Tellermützen und der näselnden, affektirt-nach- lässigen Sprechweise ihr als Ziel aller Wünsche vorschweben, be- sonders aber die von der Kavallerie, und zwar je nach dem indi- viduellen Geschmack Husaren, Dragoner, Ulanen oder Kürassiere. Dieser Geschmacksverirrung entrinnen sie so wenig ivie zehn Jahre früher den Kinderkrankheiten, doch bleibt sie gleich diesen meist ohne Folgen und man erinnert sich ihrer mit einem Achsel zucken. Ich habe diese Periode, wie ich ohne weiteres zugebe, ebenfalls durchzumachen gehabt,� aber jetzt, meine liebe Emmy, suche ich Männlichkeit, adligen Sinn, wahren Muth und Zartgefühl überall anders eher, als bei den Offizieren und habe für die recht schablonenhaften und recht durchsichtigen Künste der Herren nur noch ein leichtes Achselzucken und ein spöttisches Lächeln. Ich wünsche um deinetwillen, daß du zu der gleichen � Ueberzeugung gelangst und daß du die Erkenntniß weder zu spät erwirbst, noch um einen höheren Preis als ich." Die Angeredete, die erst ein wenig ungeduldig hatte werden wollen, hat sich dem Eindruck des ruhigen Ernstes, mit dem jenes Bekenntniß abgelegt ward, unifoweniger zu entziehen ver mocht, als sie gewohnt war, sich der um fast zehn Jahre älteren mütterlichen Freundin, der jungen Wittwe eines pensionirtcn Dragoncrobersten, welche in der Kreisstadt im Hause eines Schwagers, eines höheren Beamten, lebte und ein häufiger und immer gern gesehener Gast im Reischach'schen Hanse war— oft auf Wochen—, ihres Scharfsinns, ihrer Wclterfahrenhcit und ihrer vielseitigen Bildung halber ohne langes Uebcrlegen gläubig- unterzuordnen und ihre Ucberlegeuheit als unbestreitbar auzusel Sie ist nachdenklich gewvrden und hat den blonden Lockenkop' die Hand gestützt; über das sorglose, heitre, rosige Kindergegcyt (eins von denen, sür die es, weil ihnen die geistige Beseelung und der individuelle Ausdruck fehlen, die unverwüstlich sind, innner gefährlich ist, wenn das verwüstete und verblühte Gesicht der Mutter sich neben ihnen zum Vergleich präsentirt und infolge der unverkennbaren Aehnlichkeit mit Nothwendigkeit den Gedanken weckt, daß dieses blühende Kind in 30 Jahren in jedem Zug der Mutter gleichen werde, wie diese in jungen Jahren der Tochter geglichen haben muß) lagert sich ein leichter Schatten und mit einem kleinen, etwas komisch wirkenden Seufzer sagt sie endlich: „Da möchte man am Ende sagen, Martha habe das bessere Theil erwählt— auf sie paßt deine Theorie nicht einmal, denn ihr kann nicht nachgesagt werden, daß sie sich je für Offiziere interessirt hätte; wenigstens habe ich nie etwas darüber gehört." „Sehr richtig bemerkt, kleine tztcunmalweise. Martha hat sich nie ein Zeichen von Interesse abgewinnen lassen und ani aller- wenigsten von zweierlei Tuch, aber meine Theorie bekommt da- durch noch kein Loch, Emmy, denn auf die philosophischen Naturen paßt keine von den Theorien, die man aus dem Leben und Treiben der Weltkinder abgeleitet hat." Emmy kann sich eines herzlichen Lachens nicht erwehren; ein Philosoph ist in ihren Augen ein sehr grämlicher, vergilbter alter Herr mit langem, grauem Haar und tausend Falten und Fältcheu im Gesicht, der entsetzlich schnupft und infolge dessen blaue gedruckte Taschentücher trägt; die großen runden Brillen- gläser geben ihm etwas Eulenhaftes und er geht stets gesenkten Hauptes und trägt die Arme mit dem Stock auf dem Rücken. So hatte der Rektor eines brcslauer Gymnasiums ausgesehen, der für die Pcnsionatsfräulein, an deren traditionellem Gänse- marsch er zuweilen achtlos vorüberschoß, ein Gegenstand der Furcht und doch auch des heimlichen Gekichers war und von dem die Sage ging, er sei ein großer Kenner aller philosophischen Systeme und habe noch aus dem Todenbettc von seinem eigenen System gefaselt, das nun leider unvollendet bleiben müsse. Und nun sollte ihre sanfte, stille, geduldige Martha mit dem tiefdunkten großen Augenpaar und dem reichen schwarzen Haar, das freilich an den Schläfen bereits die ersten seinen silbernen Fäden zeigte, eine Philosophin sein! Wie drollig das war und was für wunder- liche Einfälle Leontine doch zuweilen hatte! Mit ihrer ganzen Lebhaftigkeit ruft Emmy der noch immer anscheinend theilnahmlos am Fenster Sitzenden zu: „Aber, Martha, so sage doch nur auch einmal ein Wort! Leontine behauptet, du wärst eine Philosophin und du mußt nur helfen, sie zum Widerruf einer so schnöden Behauptung zu nöthigen, die doch unmöglich begründet sein kann. Es wäre doch zu schrecklich, wenn eines schönen Tages statt des„Gefangenen von Chillou" und des„Child Harold" u. s. w. die„Kritik des reinen Verstandes" oder wie das gelehrte Buch hieß, auf deinem Nähtisch läge(ich glaube gar, das gibt es garnicht mit Gold- schnitt), wenn du anfingst, aus einer großen Horndose zu schnupfen und Plaue Taschentücher zu tragen. Man könnte dir ja dann kaum noch einen Kuß geben, und wollte man es selber thuu— am Ende litte es gar deine Würde nicht und mit meiner Hoff- nung, daß sich doch noch einmal ein recht guter und gescheidter Mann fände, von dem du sagen könntest, er wäre der Rechte, wäre es erst recht aus; es ist doch gewiß sehr unphilosophisch, sich zu verheirathen, noch dazu in der Kirche. Die abscheulichen Philosophen sind ja alle wahre Heiden!" Frau Leontine v. Larisch hatte nicht umhin gekonnt, in das Gelächter des übermüthigen, höchlich amüsirten blonden Kindes einzustimmen, und die Dämmerung im Zimmer erlaubte gerade noch, auch auf dem Gesicht von Martha Hoher ein leises, wohl- wollendes, wenn auch ein wenig zerstreutes Lächeln zu entdecken. Mit den scherzenden Worten:„Es ist doch ivohl besser, ich sorge für Licht, sonst mißbraucht ihr das Vorrecht der Dämmerstunde gar zu lange!" verließ sie ihren Platz und das kleine Gemach, und Leontine ließ einen nachdenklichen Blick auf der schlanken, biegsamen Gestalt ruhen, die sich so geräuschlos und mit so viel unbewußter, natürlicher Amnuth zu bewegen verstand. Dann wendete sie sich au Emmy: „Es scheint, ich muß dir heute lauter Vorlesungen halten. Ich hatte keineswegs gesagt, daß Martha eine Philosophin sei, sondern nur von einer„philosophischen Natur" gesprochen, was du besser verstehen wirst, wenn ich hinzufüge„und auch eine -' poetische"— im Grunde besteht zwischen beidem eine innige Wechselwirkung. Darüber war nichts zu lachen, sollte ich meinen. )ätte ich behaupten wollen, Martha sei eine Philosophin und Dichterin, so wäre das ein unpassender Scherz gewesen— sie hat wohl nie etwas geschrieben, als die Posten ihres Ausgabebuchs, einen Waschzettel und— Briefe, aber das rechne ich ihr zum besondcrn Verdienst an, denn ihre Briefe sind so hübsch, so fein und energisch im Ausdruck, so eigenartig und doch einfach und wahr im Besprechen der alltäglichsten Vorkommnisse, das jede Andere längst auf die nicht mehr ungewöhnliche Idee gekommen wäre,„psychologische" Novellen ä la Marlitt zu schreiben, in denen das Weib das sittliche Korrektiv des Mannes ist, und die Redak- teure der belletristischen Blätter mit ihnen zu bombardiren. Ich bin überzeugt, sie hat auch nicht einen Vers verbrochen, wessen ich mich willig schuldig bekenne und worin selbst du vermuthlich kein ganz reines Gewissen hast, wenn es sich auch nur um ein ausgelassenes Spottgedicht handeln wird. Aber ich lvürde es Martha auch sehr verargen, wollte sie sich auf's Reimen legen, um sich in der Sonntagsnummer des Kreisblattes unter einen, romantischen(natürlich adligen) Pseudonym gedruckt zu sehen— sie hat den Beruf, einen wirklichen Poeten zu Hunderten von Strophen zu begeistern, nicht den, selber mangelhafte Verse zu machen." Fräulein Emmy machte eine Geberde humoristischer Abwehr. „Nun hör' aber anf— es ist gerade genug. Wen. ich heute Nacht nur eine halbe Stunde ruhig zu schlafen vermag— deine Schuld ist es nicht. Erst soll mir mein hübsches, buntes Offizier- kartenhaus zcrblasen werden(„soll— werden" betonte sie) und nun wird auch noch prophezeit, daß sich ein junger Dichter mit bald träumerisch verschleierten, bald scherzhaft blitzenden blauen Augen und wallenden Locken in unsere gute Martha verliebt und sie zu seiner Muse macht. Und ich hatte mir immer gedacht, sie werde mir einmal einen schon etwas ältlichen, aber wohlkonser- virten Herr» in Amt und Würden als ihren zukünftigen Eheherrn präsentiren! Du weißt doch, daß sie vor ein paar Wochen ihren dreiunddreißigsten Geburtstag feierte— was sie allerdings gar- nicht zu betrüben schien, während mir bei dem bloßen Gedanken, ich könnte ebenso alt werden, ohne Frau zu sein, die Thräncn in die Auge.» traten, sodaß ich unwillkürlich zu schluchzen begann, als ich ihr meinen Gratulationskuß gab; sie hat zum Glück nicht errathen, was mich so aufregte, denn sie hätte mich gewiß in der sanften Weise gescholten, vor der ich mehr Furcht habe, als vor irgend etwas auf der Welt." „Um die dreiunddreißig sei du nur ganz unbesorgt, und mit dem ältlichen wohlkonservirten Herrn bist du aller Wahrscheinlich keit nach anf einem Holzwege, obschon ich mir den Dichter, dessen Liebe sie verdient, wesentlich anders denke, als du. Ich sage dir, in dieser stillen Gestalt, die so sparsam mit den Worten ist und die dem sofort zu denken gibt, der ein einziges Mal sah, wie sie die Augen voll aufschlug, die sonst immer von den langen Wimperu verschleiert sind, der ein einziges mal den Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit und voller Theilnahme in diesen dunklen Augen gewahrte— ich sage dir, in dieser stillen Gestalt schlummert mehr Leidenschaft und Poesie, als wir je besessen haben, und sie ist ini Stande, eine von den berauschenden Liebeslcideiischaftcn zu ent zünden und zu erwidern, unbekümmert um die Folgen, die wir so hinreißend und rührend finden, wenn ein Dichter sie uns schildert, die aber in Wirklichkeit so selten sind und vor denen wir auch in kleinmüthiger Verzagtheit zurückschrecken würden, wenn sie je im Leben, an uns heranträten. Das tvciß sie wohl selber noch nicht, aber sie wird es erfahren und es wäre schade, wenn sie es nicht erführe, denn ein Leben ohne Liebe ist für sie härter als für uns und—" Sie unterbrach sich. Die in so warmer Weise Geschilderte trat mit dem Armleuchter in's Zimnier und entzündete die beiden Kerzen. Fräulein Emmy, die recht nachdenklich geworden war und in der sich(zum ersten male) der Zweifel regte, ob sie von ihrer mütterlichen Freundin nicht am Ende mystifizirt werde, lenkte das Gespräch auf seinen Ausgangspunkt zurück, indem sie sagte: „Du hälft die Ritterlichkeit ebenfalls für die Grnndbedinguüg eines ernsten Interesses für einen Mann, erkennst aber den Offi- zieren nur eine imitirte zu; darf ich vielleicht fragen, ob dir die ächte hier oder in W. jemals aufgestoßen ist? Ich wäre sehr neugierig, diesen Sterblichen ebenfalls kennen zu lernen und würde dann versuchen, den Frack erträglich zu finden." „Willst du immer weiter schweifen? sieh, das Gute liegt so nahe," rezitirte Frau Leontine spöttelnd.„Ich weiß in der That nicht, wo du deine Augen hast, denn mir ist die neue Erscheinm sofort aufgefallen. Deine Dorette machte mir gestern früh gerat das Haar, als vom Platze herauf die Signalhörner der Feuer- wehr schallten, und ich trat einen Augenblick an's Fenster, um den kleinen Zug vorüber defiliren zu lassen; sie kamen wohl von einer Frühübung, schoben die Fabrikspritze, die sie mit benutzt haben mochten, in den Schuppen und ihr Hauptmann hielt mit heller, sonorer Stimme eine kurze Ansprache an sie, worauf sie im Laufschritt davon rasselten. Dorette ist wirklich ein höchst scharfsinniges Geschöpf— es war, als hätte sie meine Gedanken errathen, denn sie fragte, wenn auch ein wenig schüchtern und sondirend, ob die Feuerwehr sich nicht einen recht stattlichen und feinen Hauptmann zugelegt hätte, und als ich lächelnd fragte, ob sich infolge dessen nicht recht auf den Ball beim Stlftungsfest Feuerwehr freue, wurde sie ein wenig roth und erwiderte: „Azo denken Sie hin, gnädige Frau? An einen so feinen Herrn kann doch ein Kammermädchen nicht denken, und er würde schwerlich mit mir tanzen." Ich ließ sie weiter plaudern und erfuhr so in aller Bequemlichkeit, daß der schlanke, junge Mann mit den breiten Schultern und dem langen, blonden Schnurrbart seit sechs Wochen als Comptoirchef in deines Vaters Diensten steht, daß er aus England gekommen ist und daß ihn die Feuerwehr, in die er als einfacher Spritzmann eingetreten war, sehr bald auf Vorschlag ihres bisherigen Führers zum Hauptmann wählte, als sie sah, daß er alle Zweige des Dienstes aus dem Fundament verstand. Dorette erzählte mir auch, daß seine Leute, der Mehr- Miramar.(Seite 1K2.) ahl nach Weber, buchstäblich für ihn durch's Feuer gingen und >aß er mit einem Blick mehr ausrichte, als der frühere Haupt- mann mit all' seinen Unteroffiziers- Kernflüchen und allem Schimpfen und Wettern. Nur das kleine Häufchen junger Kauf- leute, die der Feuerwehr angehören, soll nicht ganz mit ihm zu- frieden sein; sie haben immer eine etwas exklusive Stellung ein- genommen und sich abseits von ihren Kameraden zu halten gesucht und versprachen sich von der Erwählung eines Standesgenossen zum Führer natürlich eine Begünstigung ihrer Prätensionen, dieser hat aber, sobald er den Sachverhalt durchschaute, die Sonder- gelüste der geschniegelten Herrchen nicht blos entschieden zurück- gewiesen, sondern sie auch mit feineni, gutmüthigem Humor lächerlich gemacht und rund heraus erklärt, daß er in seinem Corps nur Feuerwehrleute kenne und zwischen diesen keinen Unter- schied mache, als den des Eifers, der Anstelligkeit, dts Muthes und des Straffheit. Und was weißt du nun über diesen Ritter in Stahlhelm und Roßhaarbusch, Emmy?" Fräulein Emmy war sichtlich enttäuscht und es klang ziemlich gedehnt und gleichgiltig, als sie erwiderte: „Ach, das ist also der Herr(Hammer, meine ich, heißt er), an dem Papa eine so gute Acquisition gemacht haben will und der ini Comptoir eine Menge Verbesserungen und Vereinfachungen eingeführt hat, zum großen Verdruß des alten Wcinlich, der bisher so eine Art Comptoirchef war und jetzt kalt gestellt ist. Papa hat früher seine Garne von den großen deutschen Zwischenhändlern bezogen, seit er jedoch die mechanische Weberei gebaut hat, findet er es profitabler, seine Bezüge direkt aus England zu machen und uni gleich mit der Spinnerei in Verbindung zu treten, hat er den Herrn Hammer cngagirt, der mehrere Jahre in Manchester angestellt war und die Verhältnisse dort und alle Bezugsquellen sehr genau kennt. Papa kann ja nicht englisch, der alte Weinlich hat nur die gewöhnliche Comptoirroutine und versteht es meister- lich, Papa um den Bart zu gehen, einen krummen Rücken zu machen und ihm in allem Recht zu geben— sonst ist er das Gegentheil eines Genies und die jungen Leute bringen aus den Handelsschulen neben argem Dünkel nur ein paar Brocken mit, mit denen sie nichts Rechtes anzufangen wissen und die hinten und vorn nicht zureichen. Sonst weiß ich nichts über den Herrn, -r der das seltne Glück hat, von dir protegirt zu werden, wir können ja aber nachher Papa anbohren— wenn von seinem Engländer die Rede ist, kommt er ordentlich in Feuer und wird sofort mit- theilsam." Da mischte sich zum ersten male Modesta in's Gespräch und sagte: „Ich bin zufällig auch im Stande, einen kleinen Beitrag zur Charakteristik des Herrn Hammer zu liefern, da Leontinc ein frisches Interesse für ihn an den Tag legt. Er hat ein gutes Herz, er ist wohlthätig und er ist es, was mehr sagen will, in aller Stille. Ich mar dieser Tage einmal bei der Frau Berthold, die ja viele Jähre bei uns gedient hat, weil ich hörte, daß sie krank sei. Die Leute haben viele Kinder und einen alten ganz hinfälligen Vater zu ernähren, und da der Mann sich kürzlich in der Fabrik die Hand erheblich gequetscht und statt des Wochen- lohncs nur das knappe Krankengeld bezieht, so waren sie recht kümmerlich daran. Während ich mir das von Frau Berthold erzählen ließ, kam der eine Bube, ein hübscher, sonnenverbrannter Flachskopf mit großen, offenen, graublauen Augen, ganz cchauffirt angetrabt und rief in's Zimmer:„Mutter, Mutter— ich habe ein Stück goldenes Geld." Und vorsichtig öffnete er über dem Bett der Mutter die kleine, braune, krampfhaft geschlossene Faust und ein Zehnmarkstück fiel auf die Zudecke. Der Kleine war in der Fabrik gewesen, um sich bei dem alten gutmüthigen Portier zu erkundigen, ob er nicht einmal wieder einen Arm voll Holz bekommen könne;„der Herr, der bei der Feuerwehr den rothen Busch auf dem Helm trägt," war dazu gekommen, hatte ihn freundlich gefragt, wer er sei und dann mit dem Portier gc- sprochcn. Als er nachher schon wieder nahe an der Stadt war, war ihm der Herr entgegen gekommen, hatte ihm das Geld ge- geben und ihm gesagt, er solle es ja nicht verlieren und seinen Eltern einfach sagen, ein fremder Herr hätte es ihni geschenkt. Darauf hat der Kleine dreist erwidert:„O, ich kenne Sie— Sie haben Sonntags einen blanken Helm mit einem feuerrothen Busch auf!" Der Herr hatte gelacht und war davon gegangen." Fräulein Emmy war ein wenig gerührt und sehr erstaunt über die lauge„Rede"— sie fragte neugierig:„Tu kennst ihn also nur pur renommee?" Martha lächelte, aber es war, als werde ihre sonstige ruhige Sicherheit durch einen Hauch von unerklärlicher Befangenheit ge- trübt, als sie erwiderte:„Nein, ich habe sogar schon mit ihm gesprochen und kann versichern, daß er durch Takt und Gewand- heit jedem Salon Ehre machen würde." Sie machte eine kleine Pause, als zaudrc sie, ob sie weiter erzählen müsse, ja, als bereue sie sogar, so viel gesagt zu haben, aber während Emmy in gespanntester Neugier rief:„Aber weiter, weiter!" und Frau v. Larisch sich ganz unmerklich und flüchtig auf die Unterlippe biß, wie man es wohl thnt, wenn man ctivas recht Unerwartetes und nicht blos Willkommenes erfährt, kam der Bedrängteift der galonnirte Diener zu Hilfe, dessen Phantasieuniform alle Welt sehr abenteuerlich fand, nur der Herr 5tominerzienrath nicht, und meldete gravitätisch:„Der Herr Kommerzienrath erwarten die Damen zum Thee." (Fortsetzung folgt.) Ein Gesuch in Miramar. Bon einem Naturforscher. (Bild S. ISO.» (Nachdruck verboten.) Während wir im Pero d'oro in Trieft das Mittagessen zu uns nehmen, kommt mein Freund H., ein junger, vielversprechender Gelehrter, uni uns bei der köstlichen Septemberwitterung zu einer improvisirtcn Fahrt nach Miramar einzuladen. Wir zwei an- deren— beides Naturforscher— kannten das Zauberschloß nur aus der Ferne, sah ich es doch während des mehrwöchigen Auf- entHalts von meiner„Villa" aus jeden Morgen, wenn ich an's Fenster eilte, um meinen Blick über das leicht vom Morgenwind bewegte Meer hiiuoeg und gegen Norden an die felsigen Abhänge des schauerlichen Karstgebirges gleiten zu lassen. Dort steht das Schloß am Meer, leuchtend wie ein Märchen, räthsel- Haft wie das Verhängniß. Wir wollten es in der Nähe kennen lernen und nahmen also die Einladung unseres Freundes an. In früher Nachmittagsstunde trafen wir uns alle— Freund H. kam mit seiner Gemahlin— in der Via del Torrente und mietheten einen Wagen, der uns alsbald dem Weichbild dc-r Handelsstadt entführte. Außerhalb des Bahnhofes biegt die Straße nach links ab und zieht sich von da an bis Miramar dicht am Meeresufer hin. Was ist herrlicher, als eine Fahrt längs der adriatischen Küste, dort, wo sich nach rechts die un- wirthbaren Felseinöden des Karst erheben, während links, hart am Wege, die rhythmischen Wellen des Meeres ihre Gedichte flüstern! Das Ufer ist steil; dicht neben uns ragen die sonderbar geschichteten Steinmauern empor. Nur an wenigen, von Erde be- deckten Stellen und Vorsprüngen finden sich da und dort noch kräftige Pflanzen, unter denen namentlich die malerisch-schlanken Riesenhalme von Arundo Donar(fälschlich auch„spanisches Rohr" genannt), einem unserem Schilfrohr ähnlichen Gras, das hier wild wächst, ganz auffallend von der Umgebung absticht. Tie mageren Rasenplätze sind verdorrt, die kleineren Sträucher— zumeist Schmetterlingsblüthcr— welk und herbstlich gelb. Nur die Robiniensträucher haben die tropisch-afrikanische Hitze der letzten paar Wochen unbeschadet ausgehalten und sind lebhaft grün geblieben. Alle übrige Vegetation verräth den zerstörenden Einfluß der Glühhitze des August. Aber auf der linken Seite der Straße grüßt das weite, schim- mernde und ewig bewegte Meer, das gegen Süden nur durch den Himmel begrenzt wird, während im Osten und Südosten die istrischcn und dalmatiner Höhenzüge ihre kahlen Häupter und Rücken erheben, indeß im Westen langsam die Lagunen von Grado und die sumpfigen Stricke von Aquileja hervortreten. Wir haben Miramar immerwährend vor unS; aber näher und näher rückt es heran, und ehe wir's uns recht versehen, stehen Ivir vor dem Ein�angsthor zum Park. Vor kaum zwei Jahr zehnten war hier noch Wüste; jetzt ist sie zum Paradies geworden, ein irdisches Paradies— aber für den Schöpfer desselben ein verlorenes Paradies. Schon gleich am Thor griißt uns eine räthselhastc Sphinx- in Gestalt eines malerisch lumvigen Bettlers: die Grazie in Lumpen gehüllt; arin, alt, gebückt, gesenkten Hauptes, auf eine Krücke gestützt— ein depossedirter Fürst?—— Wir wissen's nicht und frugcn nicht; aber es berührt sonderbar, am Eingang eines irdischen Paradieses das Symbol der Misere, die Kehrseite unserer sozialen Ordnung, einen in Lumpen gehüllten Bettler zu sehen, der— soviel wir erfahren— von amtlicher Seite zu seinem Berufe legitimirt und sogar im Stande ist, bei aus- bleibeiidein Fremdenbesuch in Miramar selbst Reklamationen zu machen, daß sein Geschäft nicht genug rentire, um leben zu können. Die Umgebung ist so malerisch—— und der Bettler am Parkthor eine so frappante Staffage. Unten schlagen die Wellen an die Grundmauern des Schlosses, Felstauben zanken sich auf der Terrassenniauer. Wir treten ein. Rechts und links grüßen uns die immergrünen Büsche von Pittosporum Tobira, von Arbutus Unedo(dem Erdbeerbaum), die Laubkronen von Lorbeerbäumen, Oliven, iniinergrünen Eichen und dunkeln Cypresscn, Kinder des üppigen Südens und des kalten Nordens— sie stehen schweigsam mit ihren glänzenden Blättern; wir achten ihrer noch nicht mit dem Interesse, das sie. verdienen; denn auf schußweite Entfernung steht vor uns das Schloß, unbewohnt, verlassen— nur von einigen Beamten und Dienern bewacht. Schattengänge und Guirlanden maskiren den Eingang. Das Mauerwerk des Erdgeschosses ist von schwarz- grünem Epheu ganz bedeckt und macht den Eindruck, als hätte die Natur ungekünstelt das schwarze Leichentuch gespannt, um dem Nahenden zu sagen, daß die Trauer, die Melancholie, die Verzweiflung in diesem Schlosse eingezogen. Wer hat denn diesen Wunderbau hergezaubert? Wer aus der Einöde ein Eden geschaffen?—— Du weißt es: Maximilian, ein Erzherzog von Oesterreich und nachmaliger Kaiser von Mexiko, ein feingebitdeter, kunstsinniger und, wie man sagt, auch edel- denkender Habsburger. Geboren im Jahr 1832, genoß er eine fürstliche Erziehung und fand trotz der Neppigkeit seiner Umgebung Zeit und Lust zu idealerem Streben. Im Jahr 1857 führte er die schöne Belgierin und Königstochter Charlotte ctfs Braut heiin und schuf sich und ihr das herrliche Miramar. Er dichtete und schrieb Memoiren, während an seiner Seite die stolze Belgierin in bildender Kunst sich übte und ein träumerisches Dasein in vollen Zügen genoß. Zwei Glückliche in einem Paradiese! Die Stellung unter den Menschen hatte sie zu Halbgöttern geschaffen; da trat der Versucher zu ihnen und bot ihnen die Kaiserkrone des fernen Mexiko. Sie verließen das Eden ihrer bisher so un- getrübten Liebe und betraten den Weg der Abenteurer. Das Verhängniß vollzog sich. Man begrüßte ihn unter den Tropen als Kaiser, sie als Herrscherin(1864); aber bald lehnten sich die Freiheitsdurstigen gegen ihn auf, bekämpften ihn als Usurpator, als Tyrannen. Das treue Weib schied von ihm, um bei Ver- räthern Hülfe und Rettung zu erflehen. Es war zu spät.— Zehn Jahre nach ihrer Vereinigung stand er verlassen und ver- loren vor den Exekutionstruppen. Die Kugeln freier Mexikaner fanden den Weg durch den Purpur des Kaisermantels. Sein letzter Gedanke war das verlorene Paradies, Miramar mit der unglückseligen Königstochter. Die Nacht der Schwermuth und Verzweiflung senkte sich über die unglücklichste der Wittwen. Das schöne Weib ist seit zehn Jahren irrsinnig, sie hat Miramar ver- lassen und— eine lebende Leiche— sich in die Dunkelheit des unbewußten Daseins zurückgezogen. Maximilian, als Mensch gut und edel, hatte vergessen, daß es in unserm Jahrhundert ein halsbrecherisches Unternehmen ist, sich in fremden Landen fremden Völkern als Herrscher aufzu- drängen.„Er war ein Träumer—— der in der neuen Welt ein neues Reich verkündet und für seinen Wahn gestorben,"— sagt der Dichter von ihm*). „Mit dem Wahne kam das Strafgericht,— Ein Herrscher sieht die finstern Mächte nicht, Die ihre sichre Beute stets umlauern— k* Er wollte Samen auf Ruinen streu'n, Und an der reichen Ernte sich erfreu'n, In einer Kaiserburg mit morschen Mauern." Wir haben hier nicht zu untersuchen, in welchem Verhältniß Schuld und Sühne im Leben des verlornen Kaisers und der ehrgeizigen, jetzt von schwerer Geistesnacht niedergedrückten Königs- tochter zu einander stehen. Wir beschäftigen uns hier nicht mit dem in Purpur gehüllten Imperatoren, sondern mit dem Schöpfer von Miramar, dem kunstsinnigen Menschen, dem Freund der Musen, der im Unglück selbst noch sein Leid zu besingen versteht. „Was frommt des Herzens Zug, Gebricht die Kraft zum Flug? Theurer, denk' an mich, und weine— weine!" Miramar!„Ich bewundere das Meer!" Der zauberhafte Name, das Drama, welches sich an denselben knüpft und vor allem der überwältigende Reiz der Natur, welcher diesem Plätzchen Erde eigen ist, üben auf Leidvolle wie auf Fröhliche eine außergewöhu- liche Zugkraft aus. Miramar ist der Wallfahrtsort jener Glück- lichen, die während der Flitterwochen ihrer jungen Ehe die Adria besuchen; es ist aber gleichzeitig auch der letzte Zufluchtsort jener Unglücklichen, die sterben, weil sie lieben. Man hat im Verlauf von wenigen Wochen dort drei weibliche Leichen ans dem Meer gezogen: unglückliche Frauen, verlorene Bräute. Es wurde uns gelegentlich die Stelle gezeigt, wo man letzthin eine blühende Triestinerin mit dem Fischernetz aus dem Wasser zog— an sonniger Stelle eine nasse Leiche. Und was hat sie zum Selbstmord getrieben? Sie hat geliebt, einen Mann mit Leidenschast geliebt, der als gemeiner Verbrecher sich enthüllte und niemals ihr Gatte werden durste— ein Brigand. Ja, die Liebe ist kein leerer Wahn, und Miramar hat recht sonnige Plätzchen, um selig sterben zu können. Wir machen zuerst dem Schloß einen Besuch. Man zeigt uns das Schlafzimmer Maximilians, sein Arbeits- zimmer, die Bibliothek, Gesellschafts- und Audienzzimmer, die Speisesäle, die Schloßkapelle und— den Thronsaal. Nicht die fürstliche Ausstattung, sowohl als tue Einfachheit all' dieser Räume und der edle Stil der Architektonik sind es, welche dem Innern des„Feenschlosses am Meer" so eigenthümlichen Reiz verleihen. Aber überall stoßen wir auf Remimseenzen traurigster Art. Bibliothek und Gemälde verrathen den gebildeten Literatur-, Kunst- *) Dranmor's gesammelte Dichtungen, pag. 167— 177. Berlin. 1873. und Naturfreund. Unter den Oelgemälden fesseln uns weniger die Porträts der gekrönten Häupter, unter denen weniger geniale, als mittelmäßige und beschränkte Kapazitäten zu sehen sind; auch die Verräther des„verlorneu Kaisers" fehlen nicht; es find viel- mehr einige Meisterwerke moderner Künstler, wie dasjenige eines Italieners, der Venedig bei Nacht mit ivnnderbarer Nalurtreue zu geben vermochte. Ein anderes von ergreifender Wirkung stellt den orientalischen Sklavemnarkt dar, wo weibliche Schönheit und Unschuld von der personistzirten Häßlichkeit und Gemeinheit um schnödes Geld feilgeboten wird. Hier hat der Künstler— un- bewußt— den krassesten Ausdruck für das soziale Elend gefunden, das am Mark der lebenden Gesellschaft zehrt. Wir sagen„nn- bewußt"— und„unbewußt" hat der fürstliche Käufer dieses Gemäldes das Zerrbild unserer sozialen Verkehrtheit in die unmittelbare Nähe seines Thrones versetzt. Oder ist dem nicht also? Bietet uns nicht die ganze sogenannte zivilisirte Welt ein trau- riges Abbild jenes orientalischen Sklavenmarktes? Sklave ist der schaffende Mann, Sklavin ist seine Tochter, vor deren Schönheit und Unschuld die Schatzkammer des Reichen sich öffnet, um beides für schnödes Gold zu kaufen. Lassen wir das weitere Reflektiren! Drüben auf einem Tisch steht ein kleines Gemälde, von der schönen Königstochter Charlotte selbst gefertigt: ein Schiff auf der Adria. Die Malerin hat in den glänzenden Meeresspiegel ihre eigenen Gedanken versenkt. Sie wollte Kaiserin von Mexiko werden und malt das Schiff, das sie mit ihrem Gemahl ans dem Paradies von Miramar wegführt und hinüberträgt an die ferne, fremde Küste. Trostlos ist sie einige Jahre später von dort wieder zurückgekommen, um an ihrem Schicksal irre zu iverden. Im Thronsaal hängen die Bilder der berühmtesten Habsburger und eine herrliche Komposition zur Geschichte dieses Königshauses: eine Allegorie auf Karl V., in dessen Reich die Sonne nie unter- ging. Ueber diesem großen Gemälde ist auch das Porträt eines „vergangenen" Kaisers angebracht, dessen ganze im Bild zur Darstellung gekommene Erscheinung unwillkürlich au den Menelaus in der„schönen Helena" erinnert— eine lächerliche Gestalt. Sie verunzierte den ganzen Thronsaal. Wozu aber überhaupt dieser Thronsaal in Miramar? Man sagt uns, daß er die Ausführung einer Idee des ver- lorenen Kaisers von Mexiko sei. Allerdings eine köstliche Idee. Man findet auch weise Sprüche an passender Stelle angebracht; lateinische Verse mit tiefem philosophischen Inhalt,„die der Wandersmann verweilend liest und ihren Sinn bewundert."— Gewiß, Maximilian war ein Schöngeist! Aber er hat den Thron- saal nicht mehr vollendet gesehen.— Ein Thronsaal für einen Todten! Das Szepter liegt zerbrochen auf seinem Sarg und die Krone zertreten im mexikanischen Sand. Die Republik hat ihm den Tod gebracht. Weise Prätendenten können von ihm lernen. Der Thronsaal ist eine Ironie auf die herrliche Schöpfung Maximilians, und sollte dereinst das Feenschloß in Trümmer gehen, so wird es der Thronsaal verschuldet haben. Wir erinnern uns nochmals des„Sklavenmarktes" in einem benachbarten Gemach. Und die neue Zeit flüstert uns zu: Du sollst dich nicht treten lassen. Du sollst dich- nicht unterdrücken lassen. Du sollst den Sklavensinn von dir thun. Du sollst die Knechtselnsteit von dir thun. Du sollst dich nicht bücken vor einem lebendigen Menschen; Denn er ist nicht mehr als du. Es war der Thronsaal das letzte, was wir im Schlosse sahen; denn in der Schloßkapelle war es finster und wir haben sie nur gestreift, als wir hinaustraten, um in den großen Park zu wan- dern. Der helle Sonnenschein lag über der prächtigen Meeres- bucht mit dem schloßgekrönten Landvorsprung, als wir außen rings herumgingen um das sonderbare Trauerhaus. Du magst au irgendeiner Stelle deinen Blick vom Schloß wegwenden und hinausschweifen lassen in die Natur: überall wird dich letztere bezaubern. Das Meer ist ein ewiges Leben, eine niminerruhende Bewegnng; sein Bild ist in keinem Augenblick identisch mit dem vergangenen; die Zukunft— jeder Augenblick bringt dir immer neue Aspekte. Und wenn du, au irgendeiner Stelle am Ufer ihm in's leuchtende Antlitz schaust, so kehrst du immergrünen Gebüschen, Lorbeerhainen und duftenden Wäldern den Rücken. Oelbaum un!» Lorbeer, Eiche und Myrthe, Cypresse und Fächerpalme, Cedcr und Mammuthsbaum, Araukarien und Weymouthskiefern mahnen au fremde Lande, zumeist an den gesegneten Süden. Eiche und Fichte, Ephen und Stechpalme, Wachholder und Sinngrün sind Kinder des Nordens; aber zwischen ihnen stehen wildlvachsend Opuntien und Agaven— und erzählen von Mexiko und vom verlornen Kaiser und der irrsinnig gewordenen Kaiserin. Ich habe schon viele Gärten und Anlagen gesehen, allein diese Mannichfaltigkcit und diesen Artenrcichthum noch nirgends in dem Maße auf so kleinem Fleck Erde. Namentlich sind es die Nadel- Hölzer und Cupresfineen, die hier eine Vertretung fanden, wie kaum in einem botanischen Garten des europäischen Festlandes. Die libanotische Ceder, aus deren Holz bekanntlich der salomo- nische Tempel aufgebaut ward, und der kalifornische Mammuth- bäum(Leguoia ZiA-uitea) gedeihen hier beide gleich prächtig, obschon sie sich im Vaterland Gegenfiißlcr sind. Im ganzen Park finden wir vorwiegend immergrüne Baum- und Strancharten, so daß selbst im Winter, der übrigens selten Schnee bringt, das Grün ausharrt und über den nordischen Gesellen triumphirt. Auf der großen, ebenen Parktcrrasse mit dem unvergleichlichen Ausblick auf das Meer, steht eine Doppelreihe prächtiger Fächer- palmcn von doppelter Manneshöhe(Ctmmasrops excclsa). Nur eine dieser Pflanzen ist männlichen, alle übrigen sind weiblichen Geschlechts. Und das, was uns der Gärtner von diesem Pflanzen- Sultan und seinem Harem erzählt, erinnert mich unwillkürlich an die Meinung der„läutern Brüder", arabischer Gelehrten des 10. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, wonach die Palme auf der höchsten Stufe der pflanzlichen Entwicklung steht, weil sie eine Thicrpflanze ist, welche in ihren Handlungen und Zuständen denen der andern Pflanzen ferner steht, wiewohl ihr Körper pflanzenartig bleibt.„Im Palmbaum ist nämlich die handelnde (männliche) Kraft von der leidenden(weiblichen) getrennt, und die männlichen Stämme haben befruchtenden Blüthenstaub für die Weibchen, wie dies bei den Thieren." Welche Fortschritte hat die Naturerkenntniß seit jener Zeit gemacht, da die Botanik allein um der Arznei willen betrieben wurde und ein Theophrastus Paracelsus ab Hohenheim um 1500 von den Medizinern verlangte, daß sie auch die„Anatomei in solcher Gestalt der Kräuter und aller Gewächsen" studiren,„ans daß ihr da zusammen die gleiche Anatoniei der Krankheit in Ord- nung bringet.— Ein Kraut ist frauisch, eins ist männisch.— Nun sieh die Wurzeln der Manneskrankheiten und besiehe die Wurzeln der Frauenkrankheiten, und sitze darüber und rechen es aus, wie du bestehen wirst mit deiner pKMca und causis und indiciis. Allein es sei denn, daß du den Frauen gebest ihre besondern Wurzeln, den Mannen ihre besondern, und wissest die Arznei, daß sie gespalten ist, den Mannen ein Thcil, den Frauen den andern Thcil, sonst wirst du kein Arzt sein, sondern ein Ver- führer: dazu du mit viel Künst darfest Lügen und Tellerschlecken, wie denn euer aller Art ist und Studiren auf den hohen Schulen!" Die Fächerpalmen auf Miramar tragen Früchte; das einzige männliche Exemplar hat alle weiblichen Blüthenständc befruchtet. Wir wissen heute auch ganz bestimmt, daß die Alten nicht recht hatten, als sie meinten, daß weibliche und männliche Palmen sich zur Blüthezeit gegen einander neigen. Unten am Meeresufer sind untergetauchte Wasserpflanzen. Mit deni Mikroskop erkennst du bei genauerer Untersuchung als- bald, daß das gehcimnißvolle Liebeleben in der Pflanzenwelt schon bei Niedern Gewächsen zum wunderlichsten Ausdruck gelangt und ohne Zweifel bei den niedersten Pflanzen seinen Anfang ge- nommen hat. Ungemein erfrischend und zugleich reich an perspektivischen Aspekten sind die langen, zum Theil sich kreuzenden Schatten- gänge mit den schwarzgrüncn Epheudächern. Einer derselben ge- währt vom hintersten Ende aus einen wunderbaren Blick das Laubwerk seiner Wände und Decke entlang bis zur vordem Oeffnung und dann hinaus, direkt in's Meer und hinüber an die Felsküste, auf deren Höhen Dninv mit Thurm und weithin schimmernden Häusem grüßt. Dicht hinter letzteren guckt auch noch der Thurm von Monfalconc hervor und schaut zu uns in den langen Schattengang herein, als spähete er nach Liebes- tändelcien. An anderer Stelle treffen wir in einem dieser Laubgänge einen alten Bekannten, eine bronzene Kopie der nackten Statue von Napoleon I., die in der Brera zu Mailand dem Besucher so fremdartig entgegentritt. Die Kopie ist als solche sehr gelungen; aber wir können diesem in Erz antiqnirten Wclteroberer keine ästhetische Seite abgewinnen, am allerwenigsten in unfern Tagend da sich die ganze denkende Welt wieder schmerzlich daran erinnert, daß es Napoleon l. war, welcher die Errungenschaften der fran- zösischen Revolution für lange Zeit zu lähmen vermochte. C anova hat diese berühmte Statue schon 1810, also noch zu Lebzeiten Napoleons, modellirt und in Rom aus der Hand des Gießers hervorgehen sehen. Von 1814 bis 1836 lag die Statue in den Magazinen der Akademie, hernach im Museum, bis sie 1859 im Hof der Brera auf das Postament erhoben wurde. Auf wessen Veranlassung hin diese Kopie in Miramar ihren Emzug hielt, ist uns unbekannt. Wahrscheinlich ist sie ein Geschenk Napoleons III., welcher den Erzherzog Miximilian nach Mexiko und in's Ver- derben führte.(Schluß folgt.) Ein Wort über Stenographie. Ter Bildungstrieb unseres arbeitenden Volkes dringt immer rastloser vorwärts. Es ist dabei nicht zu verwundern, wenn der Durst nach Wissen, der unsere Proletarier beseelt, oft genug nicht immer an den reinsten Quellen zu stillen versucht wird. Seit das Volk tvciß, daß Wissen Macht ist, wirft es sich mit wahrem Ilngestlim dem Lernen in die Arme; woher sollte es wissen, welche Bahnen die richtigsten, welche Ziele die greifbarsten sind. Das Lernen selbst ist auch eine Wissenschaft und keine von denen, die immer leicht zu handhaben sind. In der neueren Zeit ist die Stenographie mit Enthusias- Mus als Bildnngsmittel des Volkes proklamirt und mehr oder weniger als großartige Kulturerrungenschast aufgestellt worden. Die„Neue Welt" hat sich veranlaßt gesehen, am Schlüsse des ersten Jahrgangs eine solche Auslassung zu veröffentlichen. Ein Blick in die Arbeiterzeitungen überhaupt zeigt, daß in den An- zeigen der Bildnngsvereine der Stenographiennterricht eine vor- ragende Rolle spielt. Was ist der Grund dieser Erscheinung? Verdient die Schnell- schreibcknnst wirklich den Platz, den ihr enthusiastische Verehrer erweisen? Gehört sie wirklich in dem Sinne zu unsern Kultur- errungenschaften, daß sie berufen ist, Gemeingut aller zu werden und die Entwicklung des Geistes überhaupt zu fördern? Zur Beantwortung dieser und einiger damit zusammenhängenden Fragen erbitten wir uns die Aufmerksamkeit, des Lesers. Es ist eigenthümlich, daß die Stenographie geradezu an den> Orten, wo sie anscheinend am meisten Nutzen bringen könnte, an! unseren Hochschulen, nirgends so recht Eingang findet. Tauscndc 1 von jungen Leuten sitzen zu den Füßen des Lehrers, ihr Ohr hängt an dessen Munde und die flüchtige Feder bringt die Worte zu Papier. Wie trefflich, wenn man die Kunst versteht, alles, jedes einzelne Wort zu fixiren! Denn„was man Schwarz ans Weiß besitzt, kann man getrost nach Hanse tragen." Wie unangenehm aber» wenn man diese Kunst nicht versteht und so �manches Wort, so mancher Gedanke des Lehrers der flüchtigen Feder entrinnt! Da ist die Kunst der Stenographie gewiß ein herrliches Aus- kunstsmittel! Und doch ist dem nicht so. Zwischen Schreiben und Schreiben ist ein großer Unterschied. Ter Student, welcher gut stenographirt, bringt es allerdings fertig, am Schluß der Vorlesung alles, jedes einzelne Wort, das vom Lehrer gesprochen wurde, in seinem Hefte zu haben; sein„Manuskript" ist tadellos, vollständig. Aber— und das ist ein Hauptgrund— er hat die Worte des Lehrers nur in seinem Hefte, nicht aber in seinem Kopfe. Der Student dagegen, welcher nicht stenographirt, sondern die gewöhnliche Schrift, wenn auch mit beliebigen Abkürzungen, benutzt, hat zwar kein„wörtliches Mannskript", aber er kann sich ganz gut das Wissenswertheste fixirt und dasselbe— was wiederum ein Hauptpunkt ist— zugleich in seinen Kopf, d. h. in sein Ver- ständniß, aufgenommen haben. Eine kurze Erläuterung wird das verständlich machen. Je gewandter und rascher der Vortrag eines Lehrers ist, desto I weniger hat der Stcnographirendc Zeit, dem Inhalt der Worte auch nur die geringste Aufmerksamkeit zuzuwenden. Er hört den Laut oder Schall der Worte und die nothwcndigc Eile, jeden Laut zu fixiren, macht es ihm rein unmöglich auch den Sinn zu 165 fassen: von einer Prüfung des Sinnes, von einem Unterscheiden des Wesentlichen oder Unwesentlichen, von einem Erfassen der Gedanken nach dem Grad und der Bedeutung ihres Inhalts ist absolut keine Rede. Der Mechanismus des Schreibens absorbirt den Schreibenden so sehr, daß der geistige Inhalt vollkommen verloren geht. Der Schreiber kann nicht mehr denken, er ist eine bloße Maschine, eine Maschine allerdings, die merkwürdiger Weise hören und schreiben, aber gerade so wenig denken kann, wie jede andere Maschine. Ganz anders der Student, welcher mit der Feder in der Hand einem Vortrage folgt und sich der gewöhnlichen Schreibweise bedient. Er weiß, daß er nicht alle Worte des Lehrers zu Papier bringen, sondern nur das Werth- vollste, das Bedeutendste fixiren kann. An ihm ist es also, scharf aufzumerken, dem Inhalt der Rede mit angestrengtester Aufmerk- samkeit zu folgen, das Wesentliche vom Unwesentlichen, die Spreu vom Waizen zu sondern. Immer wird ihm so viel Zeit bleiben, das, was ihm werthvoll dnnkt, zu Papier zu bringen, wenn auch nur in Andeutungen oder Umrissen. Sein Thun ist ein unaus- gesetztes Aufmerken, Denken, Prüfen, Unterscheiden, mit einem Wort, eine geistige Gymnastik, die unendlich höheren Werth hat, als das gedankenlose Nachschreiben bloßer Worte. Ich habe einen vortrefflichen Lehrer gehabt auf der Hochschule zu T., einen be- deutenden Gelehrten. Wie oft pflegte er zu sagen:„Ein steno- graphisches Manuskript ist keinen Schuß Pulver iverth!" Er hatte recht, recht insofern, als der Schreiber selbst von seiner Vor- lesung zumeist gar keinen Nutzen hat, sondern diesen Nutzen sich erst nachträglich durch eingehendes Studium seines Manuskripts erringen muß. Er hat also mehr als doppelte Mühe. Ein ge- wöhnlich geschriebenes Manuskript dagegen kann, wenn der Schrei- bende aufmerksam und geübt ist, dem Inhalt nach vollständig sein und hat überdies den ungeheuren Vorzug, daß der Schreibende darum seine eigene Gedankenarbeit, sein eigenstes Fassungsvermögen niederlegt. Nimmt er es nachträglich wieder zur Hand, so mnthet ihn der Inhalt nicht fremd und unbekannt an; er fühlt sich zu Hause und findet ans seinen eigenen Worten ebensogut, ja noch besser, als sein steuographirender Kommilitone, des Lehrers Ge- danken heraus. Aber man stenographirt ja nicht blos für sich selbst, man stenographirt namentlich auch für andere! Auch hierüber kann man auf der Universität treffliche Erfahrungen sammeln. Einem stenographischen Manuskript fehlt es, auch für den, der große Uebung im Lesen desselben hat, zumeist sicher an Uebersicht- lichkeit. Wenn es sich um Studien in stenographischen Manu- skripten handelt, empfindet man diesen Mangel auf's schmerz- lichste. Rasches Sichznrechtfinden, schnelle Orientirung ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die gewöhnliche Schreibweise ist für den Leser tausendmal bequemer und wird es immer bleiben. Es muß so sein, ganz abgesehen davon, daß man stenographische Schrift oder Druck ja überhaupt nicht schneller lesen kann, als jede andere Schrift. Worte und Gedanken stehen in so inniger Wechselbeziehung, daß man das eine nicht ohne das andere schneller oder langsamer machen kann. Die Stenographie wird doch nicht beanspruchen wollen, auch das Denken schneller zu machen. Was ich bisher gesagt, ist das Resultat langjähriger Erfahrung und jeder, der nicht zu den Fanatikern der Stenographie gehört, — und jede derartige Fertigkeit hat ihre Fanatiker— wird mir beistimmen. Aber es ist nicht nöthtg, sich auf die Erfahrung zu berufen. Es gibt innere Gründe genug, um unsere Auffassung nach allen Seiten hin zu rechtfertigen. Wenn ich spreche und ein zweiter meine Worte stenographiren soll, was verlange ich von demselben? Ich verlange, bei Licht betrachtet, etwas Unmögliches von ihm. Ich verlange nämlich, daß er nicht blos so schnell denke, wie ich— denn Sprechen und Denken, deckt sich— sondern, daß er zugleich das Gedachte niederschreibe. In derselben Zeit- einheit, die ich zum Aussprechen meines Gedankens brauche, soll er die doppelte Arbeit verrichten— Denken und Schreiben. Ent- weder also muß er noch einmal so schnell denken, wie ich, um die Hälfte der Zeiteinheit auf's Schreiben verwenden zu können oder aber— und das ist die Losung des Räthsels— er läßt das Denken bleiben und begnügt sich mit dem bloßen Schreiben. Und das ist denn auch der gewöhnliche Gang der Dinge. So sehen wir, daß die Stenographie, weit entfernt, an und für sich schon etlvas geistig Bedeutendes zu sein, vielmehr ein ganz gefährliches Prinzip der Oberflächlichkeit in ihrem Schooße birgt. Nicht blos die Erfahrung, eine innere Naturnothwendigkefl bringt es so mit sich. Denken und Sprechen sind zwei Funktionen, die sich, was den Zeitaufwand betrifft, vollständig decken, Denken und Schreiben oder Sprechen und Schreiben aber sind zwei Thätigkeiten, die sich niemals, so lange die heutigen Naturgesetze walten, decken können. Das Schreiben muß langsamer sein, als das Denken, das Schreiben wenigstens, welches noch neben der mechanischen Thätigkcit Raum zum Denken übrig lassen soll. Der Stenographirende denkt natürlich auch, aber er denkt nicht an den Inhalt dessen, was er schreibt, er kann nicht daran denken, sondern er denkt nur an sein Schreiben, an die Gesetze, die er in seinem Schreiben befolgen muß, mit einem Wort, an seine Schreibregeln. Ich hoffe, man wird mich über das Vorhergehende nicht miß- verstehen. Es kann mir natürlich entfernt nicht in den Sinn kommen, die überaus große Bedeutung der Stenographie fiir's öffentliche Leben zu. leugnen. Die großen geistigen Verkehrswege der Nationen können ohne sie nicht mehr gedacht werden; sie hat sich für das politische und soziale Leben eine hohe Bedeutung errungen. Aber von hier ans bis zu dem Satze, daß dieselbe ein allgemeines Bildungsprinzip enthalte, wie es ihre begeisterten Anhänger uns glauben machen wollen, ist nicht blos ein großer, sonder» ein verkehrter Schritt. Die Stenograph c kann niemals „Gemeingut aller Gebildeten" werden in dem Sinne, daß sie die gewöhnliche Schreibweise aus ihren Positionen verdrängt. Sie muß nothwendig eine Spezialkunst, eine Spezialfertigkeit bleiben, und ist als solche gewiß grade so achtungs-, so ehrenwcrth, wie jede andere Art geistiger oder körperlicher Arbeit. Ebensowenig soll verkannt werden� daß die Erfinder der verschiedenen steno- graphischen Systeme vielfach außerordentlichen Scharfsinn und feines Verständniß der Sprache und ihrer Anforderungen bekundet haben. Was für praktische Folgerungen ergeben sich aus dem allen? Es muß dem Arbeiterstande gegenüber mit aller Ent- schiedenheit betont werden, daß ihm ganz andere und viel nach- haltigere Bildungsmittel zu Gebote stehe», als die Stenographie. Ja, wenn wir noch weiter bedenken, daß der Arbeiter durch- schnittlich die kleine Zeit, die ihm zur geistigen Arbeit, zum Lernen übrig bleibt, mühsam und mit großen Opfern erkaufen muß, so wird es zur förmlichen Pflicht, den Arbeiterstand als solchen vor der Stenographie zu warnen. Einestheils steht der Nutzen, den sie bringt, zu dem Zeitaufwand, den sie erheischt, in gar keinem Verhältniß, anderntheils liegt sogar eine gewisse Gefahr der Ver- flachung, der Oberflächlichkeit in ihr. Wenn eine Zeit Konzen- trirung aller geistigen Fähigkeiten, ernstes Denken und rastloses Lernen fordert, so ist es die unsrige. Die Stenographie ist für jeden, der sie nicht als Beruf treiben will, nichts weiter als eine Spielerei. Dr. Mulberger. Der Erbonkel. Novelle von Ernst von Waldow. (Fortsetzung.) Stadtrichter Melzer begann mit der lauten und ein wenig krächzenden Stimme eines Unglücksraben wie folgt: „Dieses Testament, was hier zur Verlesung kommen soll, ist, seinen ursprünglichen Inhalt betreffend, schon vor langer Zeit entworfen worden. Alljährlich fast hat der Herr Erblasser be- liebt, einige ihm nothwendig erscheinende Abänderungen zu treffen, und die letzte Revision erfuhr das Testament vor nun drei Monaten. Selbstverständlich ist alles in der Form Rechtens ge- schehen und ist gegen die Aechtheit nichts einzuwenden, auch be- fand sich der Herr Erblasser zu jener Zeit, laut Zeugnisses des ihn behandelnden Arztes, in völlig normalem Geisteszustände. Dies vorausschickend, gehe ich an die Verlesung des Testaments." Wieder entstand eine sekundenlange Pause, der metallische Blick schoß noch einmal unter den großen Brillengläsern hervor und überflog die todteustille Versammlung.— Dann fuhr die krächzende Stimme'zu reden fort: „Ich, Christian Leberecht Jakob Bartels, Bürger der Stadt Dohlenwinkel und Hansbesitzer daselbst, habe in folgendem, frei von jeglicher Beeinflußung und nach meinem besten Ermessen, zudem nach jahrelanger, eifriger und unpartheiischer Prüfung, über das mir von meinem Vater hinterlassene Vermögen, im Falle meines Todes, wie folgt verfügt. „Ad I. Für milde Stiftungen. Acht Tage nach miemem Ableben sollen an die städtischen Armen, die mich oft genug mit ihren Anliegen und Jeremiaden belästigt haben, die in meinem Gebrauch gewesenen Kleidungs- und Wäschestücke vertheilt werden, aus daß sie sich durch den Augenschein überzeugen, mit wie wenig ein reicher Mann auskommen konnte. Da ich fest überzeugt bin, daß die weise Lehre, daß überhaupt nur der Bedürfnißlose reich ist, für jeden Einzelnen weit werthvoller ist, als das größte Geld- geschenk, hinterlasse ich diesen allen weiter nichts als die oben genannten Kleidungsstücke, um die sie ja würfeln können. „Ad II. Dagegen bestimme ich die Summe von 20,(XX) Thalern zur Gründung eines Spitals für unheilbare Kranke, denn es ist Pflicht der Allgemeinheit, für jene Unglücklichen Sorge zu tragen, die absolut nicht mehr im Stande sind, sich durch eigene Kraft zu helfen. Es ist in der Regel schlecht bestellt um jene Hülfe, welche in solchen Fällen geboten wird, und dem Uebelstande will ich nach meinen schwachen Kräften abhelfen, hoffend, daß mein Beispiel Nachahmung finden wird. Der zu meinem Stadthause gehörige sogenannte Rosengarten soll zum Bauplatz für das Spital genommen und die zum Äufbau des Hauses nöthigen Materialien sollen gleichfalls aus dem Baarfonds meines Nachlasses bestritten werden. Die näheren Bestimmungen über die Verwaltung dieses Spitals befinden sich in einem Anhange, der diesem Testamente beigeheftet ist. „Nur eins will ich auch noch an dieser Stelle bemerken, daß es mein ausdrücklicher Wille ist, einen Raum in diesem Hause der Barmherzigkeit zur Aufnahme und Heilung kranker Thiere verwendet zu wissen. Die Menschen sind nämlich gegen diese armen und treuen Geschöpfe, die ihnen zur Unterhaltung dienen oder Nutzen bringen, im höchsten Grade undankbar und vergessen ganz, daß die Thiere bedeutend besser sind als sie und erst im gezähmten Zustande menschliche Unarten und Bosheiten annehmen und zeigen. Notabene: Zimmermeister Ludolff schuldet mir von lange her die Summe von 500 Thalern, und wird es demselben sicher angenehm sein, wenn ich ihm dadurch, daß er sich beim Bau des Spitals nützlich machen darf, Gelegenheit gebe, diesen Betrag(die Schuldverschreibung des p. Ludolff befindet sich bei meinen übrigen Werthpapicren), den ich ihm schon so lange kre- ditirt, endlich abzuzahlen." Der Stadtrichter Melzer schöpfte Athem. Die Erben hatten süß-sauere Mienen bei diesem unerwartet reichen Legate gemacht. Auch in dem Zuschauerräume— wenn wir diesen gewagten Aus- druck brauchen können— hatte diese Bestimmung Sensation er- regt; als aber der gleichfalls anwesende Zimmermeister Ludolff, der als schlechter Zahler bekannt war, eine höchst verdutzte Miene machte und dann halblaut einen Fluch vor sich hin brummte, hätte wenig dazu gefehlt, daß eine allgenieine Heiterkeit gefolgt wäre. Lediglich die Spannung, was nun weiter werden würde, und die Scheu vor dem allgewaltigen Herni Stadtrichtcr hielt die Leute zurück. Dieser begann denn auch schon wieder, nachdem er einen noch schärferen Blick auf die Erben geworfen und diesmal sogar ein entschieden höhnisches Lächeln um die schmalen Lippen des ge- waltigen Mannes spielte. „Da meine Geschwister all' die Jahre her weder Zeit noch Mühe gespart haben, sich mir angenehm zu machen, und das Schicksal es wollte, daß sie so lange auf den ersehnten Augen- blick warten mußten, wo ich mit Tode abgehen und der Bartels'sche Erbschatz in ihre Hände fallen würde, wäre es höchst ungerecht von mir, wollte ich sie nicht angemessen bedenken. „Jahrzehnte über bemühte sich ein jeder und eine jede, mir die möglichst schlechte Meinung von dem oder der andern bei- zubringen. Daß diese Arbeit nicht eine ganz vergebliche gewesen, davon werden die nachfolgendeu Bestimmungen dieses Testamentes meine Erben überzeugen!" Herr Melzer räusperte sich, und diese kurze Pause benützten die Erben dazu, einander feindselige Blicke zuzuwerfen. Eine geheime Unruhe sprach übrigens dabei aus ihren versteckten Mienen.— Diese Einleitung war wenig versprechend— doch jetzt— jetzt kam ja die Entscheidung und schließlich konnte es auch einem jeden egal sein, was der nun Verstorbene von ihm gedacht oder gehalten. Nach den letztwilligen Bestimmungen des ersten Erblassers, des Vater Bartels— dem es darum zu thun gewesen, das Hauptkapital vereinigt zu wissen in der Hand eines einzigen Nachkommen— durfte Bruder Jakob das Geld nicht verzetteln, sondern war gehalten, es einem Bartels— wer derselbe imnier sei— zu hinterlassen. Ob er dies gern oder ungern that, fiel dabei wenig in's Gewicht. Die krächzende Stimme begann wieder: „Ad III. Meinem ältesten Bruder Johann Bartels, Schreiner- meister allhier, der in letzter Zeit mehr als einmal den Wunsch ausgesprochen, sich zur Ruhe zu setzen und seine alten Tage in Frieden zu verleben, fern von den Anfeindungen der übrigen Geschwister, hinterlasse ich meine, zu diesem Zwecke im Vorjahre erworbene, in Dorf Nauhenwitz gelegene Ackerwirthschaft. „Die Landlust, die Bewegung im Freien wird den angegriffenen Gesundheitszustand meines Bruders verbessern und zugleich lvird seine Seelenruhe hergestellt werden, denn Frau Friederike hat dadurch einen größeren Wirkungskreis für ihre Thäfigkeit und wird ihren Mann weniger plagen können. „Noch mache ich zur Bedingung, daß Bruder Johann diesen Besitz nicht veräußern darf, sondern denselben nach seinem Tode unverschuldet seinen Erben zu hinterlassen hat, auch soll der An- tritt dieser Erbschaft, notabene die Uebersiedelung nach Rauhen- witz, sechs Wochen nach der Testamentsvollstreckung erfolgen." Der kleine Schreinermeister bebte vor Zorn und Aerger und Frau Friederike blickte ingrimmig drein. Allerdings hatte Johann wiederholt den Wunsch geäußert, seine letzten Lebensjahre aus dem Lande zu verleben. Seine Tochter Franziska nämlich, die den Verwalter des Gutes Nauhenwitz geheirathet, hatte schon mehr als einmal erzählt, daß Herr v. Mahren, dem das Gut gehörte, es gern und zu einem sehr billigen Preise veräußern möchte. Nun hatten es sich Eltern, Tochter und Schwiegersohn gar herrlich gedacht, das hübsche Freigut vereint bewohnen und bewirthschaften zu können. Daß der Erbonkel die unter dem Hammer befindliche und dem stattlichen Gutshof gegenüber gelegene Ackerwirthschaft an sich gebracht, davon hatte niemand eine Ahnung gehabt. Unerbittlich, wie die Stimme des Engels mit der Posaune, fuhr indeffen der Stadtrichter zu lesen fort: „Ad IV. Wenn mein Bruder Eusebius noch jünger wäre, so würde ich ihm ein Kapital zu dem Zweck überweisen, daß er eine Zeitlang jenseit des Ozeans Studien bei den praktischen Amerikanern mache. Er würde vielleicht dann einschen, daß es weniger der Bücherweisheit bedarf, um seinen Mitmenschen zu nützen, und daß einerlei ist, ob man nur den Katechismus oder die Werke aller Weltweiseu studirt hat, wenn man es doch nicht weiter gebracht hat, als die alten Schuhe und Stiefeln der Dohlen- winkler zu flicken." Das bartlose Gesicht des alten Studenten röthete sich— was die Ermahnungen und Spöttereien vieler Jahre nicht vermocht,. s hatten diese wenigen Worte, die gleichsam aus dem Grabe heraus zu ihm gesprochen waren, erreicht. Der Gedanke verwirrte ihn plötzlich: daß vielleicht auch er, der bescheidenste und genügsamste der Menschen, sich überhoben habe in gelehrtem Dünkel und sich für weise gehalten, während er doch von dem Einfältigsten insofern übertroffen werde, daß letzterer der Menschheit nützlich sei- � Betreten blickte der Philosoph vor sich nieder, und seine Augen glänzten erst wieder in neuem Muthe und höherer Freudigkeit, als Doktor Melzer forffuhr: „Da ein alter Baum sich aber nicht wohl verpflanzen läßt, soll man ihm Gelegenheit geben, seinen Schatten nutzbringend zu spenden. So bestimme ich denn meinen Bruder Eusebius zum Verwalter des obengenannten Spitals, und hat ihm mein Uni- versalerbe eine jährliche Rente von 000 Thalern, bis zum Tode, zu zahlen. Daran knüpfe ich die beschränkende Bestimnuing: daß Eusebius von dieser Einnahme nicht mehr als die Hälfte jährlich zuni Ankaufe von Büchern verwenden darf. Ich zweifle nicht daran, daß er diesem Hause der Barmherzigkeit ein treulicher Vorsteher sein und dafür sorgen wird, daß alle meine dafür nach langer Ueberlegung getroffenen Bestimmungen und Einrichtungen aufrecht bleiben." Der alte Student blickte init einem Lächeln höchster Zufrieden- heit um sich, auch die übrigen schienen beftiedigt.� Nach den|[ ersten Bestimmungen war man schon auf das Aeußerste gefaßt gewesen und hätte sich kaum noch gewundert, wenn Eusebius zum Universalerben ernannt worden wäre. Nun war auch diese Ge- fahr beseitigt, und man athmete freier. „Ad V. Meine Schwester Martha", las der Stadtrichter, „eignet sich ganz vortrefflich zur Wirthin eines Gasthauses. Da sie selbst gern gut ißt und einem ächten Tropfen nicht abgeneigt ist,"— ff er schmunzelte Jonas Wallfisch verständnißvoll—„so habe ich für sie das Wirthshaus und die Schankgerechtigkeit in Segendorf ertvorben, und wird es nur an ihr liegen, durch prompte und reelle Geschäftsführung ihrem kleinen Wirthshause einen großen Ruf zu verschaffen." Martha ward bleich vor Zorn, während ihre große Nase im schönsten Rubinroth erglänzte. Sie kannte das kleine, erbärmliche Wirthshaus in Segendorf, das ganze Grundstück war nicht viel über 1000 Thaler iverth, und das sollte ihr ganzes Erbtheil sein! Aller Augen blickten nun auf den Hofrath, an ihn mußte jetzt die Reihe kommen, wenn es dem Alter nach ging, wie bisher. Aber es hieß weiter in dem sonderbaren Testamente: „Ad VI. Auf einer meiner Reisen hatte ich Gelegenheit die innere Einrichtung und das Leben in eincin Stift flir„betagte Unvermählte" weiblichen Geschlechtes kennen zu lernen. Mit einer scharfen Zunge und ein wenig Bosheit kann sich da eine jede Parlamentarier. X. Dr. Löwe-Calbe!— Mit ivelchein Jubel wurde des Mannes Name genannt, als er mit einem Theile der Mitglieder des Parlaments von Frankfurt nach Stuttgart übersiedelte und dort energisch für die Reichsverfassung eintrat. Und welche Erbitterung griff um sich, als man hörte, daß der glänzende Redner und der gewandte Parlaments- Präsident wegen Hochverraths am deutschen Bunde vom preußischen Obertribunal zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurtheilt worden sei. Glücklicherweise war Löwe in's Ausland gegangen, und alldieweil ging es den Preußen so wie den Nürnbergern. Löwe ist ein geborener Redner, er hat eine volltönende, kräftige und klangreiche Stimme, sein Stil ist edel und seine Ausdrucksweise geht zu Herzen— was wunder, daß er 1848, in jener großen, wenn auch allzuphrasenreichen Zeit, große Begeisterung fand. Seine Pflicht that Löwe in jener Zeit, soweit es ein einziger Mann vermochte, völlig, und sein Andenken wäre allen wahrhaft freisinnigen Männern in Deutsch- land theuer geblieben, wenn, ja wenn Löwe nicht nach Deuffchland zurückgekehrt wäre. Er hatte sich in die Schweiz geflüchtet, war dann nach London und daraus nach New-Port gezogen, wo er von seiner ärztlichen Praxis lebte. Da nahte sich ihm das Unglück im Jahre 1861 in Gestalt der vom Preußenkönig erlassenen Amnestie. Löwe kehrte nach Deutschland zurück und machte sofort den dummen Streich, sich das preußische Bürgerrecht wiederzuerwerben und in das Abgeordnetenhaus wählen zu lassen. Geboren ist Löwe in Olvenstedt bei Magdeburg im Jahre 1814; den Zunamen Calbe hat er erhalten, weil jener Ort ihn!848 in's Parlament wählte, in dem er zur Linken gehörte. Nach der Uebersiedlung des Parlaments nach Stuttgart wurde er zum Präsidenten gewählt. Vom Jahre 1368— 70 und von 1873 bis jetzt ist er Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses, dessen erster Vicepräsident er seit 1876 ist. Seit 1867 ist er Mitglied des deutschen Reichstags. Als Parla- mentarier ist der Mann immer tiefer gesunken; vom Demokraten über die Fortschrittspartei hinaus, befindet er sich bei den Nationalliberalen, wenn auch nicht dem Namen nach— Laster ist ihm manchmal zu frei- sinnig. Er stimmte für das deutsche Militärgesetz, welches aus sieben Jahre das Budgetrecht des Reichstags illusorisch machte; er stimmte für das Landsturmgesetz, daß alle Staatsangehörige bis zum 42. Jahre kriegspflichtig macht und unter den Korporalstock bringt. Löwe ist fett geworden, sehr fett: sein Herz ist fett geworden, sein Hirn und seine Stimme— und so fett, so zahm ist er auch geworden. Erhält der rothe Revolutionär von 1848 nun noch eine Geheimraths- stelle im Reichsgesundheitsamt, aus welche er spekuliren soll, so ist er politisch vollends todt,— und so wollen auch wir ihn zu den Tobten werfen. H. Die ersten Anfänge der Gesellschaftsbildung. Bei der Beschrei- bung des ägyptischen Thierdienstes erzählt Diodor:„Als die Menschen aus dem thierischen Zustande zum geselligen Leben übergingen, so fraßen sie einander auf und bekriegten sich, wobei der Stärkcrc immer den Schwächeren überwältigte. Nachher aber fanden es die, welche an Stärke den anderen nicht gewachsen waren, vortheilhafter, sich schaaren- weise zu sammeln und sich gewisse Thiere, die später heilig gehalten wurden, zu Merkzeichen zu wählen. Bei einem solchen Merkzeichen kamen nun Leute zusammen, die in beständiger Furcht gelebt hatten, und bildeten so ihren Verfolgern gegenüber einen achtunggebietenden recht angenehm durch's Leben bringen, denn was das Dasein alter Jungfern so peinvoll macht, wird ihnen in dieser wohlthätigen Anstalt aus dem Wege geräumt. Sie erblicke» hier weder einen Mann, nock> ein jüngeres oder schönes weibliches Wesen, also wiri> weder ihre Herzensruhe gestört, noch ihr Neid erregt. Dafür dilettiren die Bewohnerinnen dieses Stiftes in allen möglichen Künsten, und wird es meiner poetischen Schwester leicht werden, ein geeignetes Publikum für ihre lyrischen Ergüsse zu finden. Ich habe mich demnach entschlossen, eine Stelle durch Einzahlung eines Kapitals für sie zu erwerben, und gebe ich ihr zu bedenken, daß, wenn sie nicht in das nauenheimer Stift übersiedeln wollte, das Geld verloren wäre und sie somit leer ausginge." Bisher hatten noch alle Genannten ihre Fassung zu bewahren gewußt, nur Emmerenzia machte eine Ausnahme. Ihre dunkeln Augen schössen Blitze, die Geieruase schob sich noch mehr vor und dafür trat das Kinn fast gänzlich zuriick, sie flüsterte der neben ihr sitzenden Schwägerin Friederike zu, daß sie dieses ungerechte Testament umstoßen werde, und da sie bei ihrem Sprachfehler jedes Wort verstümmelt herausbrachte, klang es wie das Zischen einer Schlange. (Fortsetzung folgt.) Verein."— Es ist ganz unzweifelhaft, daß die Roth, das Bedürfnis!, die Menschen zur Vereinigung geführt. Wir haben in der Natur noch ähnliche Vorgänge; die einzelne Krähe ist einem Habicht nicht gewachsen, vereint aber wird er bezwungen, und so ist es im Menschenleben, gleich- giltig auch, ob der feindliche Gegenstand ein Menschenfresser oder ei» anderes Uebel ist.— Die Menschen wollen ein friedliches und ein ihrer Kultur entsprechendes glückseliges Leben führen. Jeder Mensch hat das berechtigte Streben nach dem vollen Genuß aller Vorzüge, welche der Gesellschaftsverband dem einzelnen zu bieten vermag, und diesem Streben begegnen wir bereits in den ersten Anfängen der Menschheitsgeschichte. Von einzelnen wurden Erfindungen und Entdeckungen gemacht, welche ihnen Vortheile brachten. Die Bertheidigung derselben, das Bestreben, sie allein auszunutzen, erweckte Gesellschaftskämpfe, da die übrigen Mit- glieder des Verbandes das sehr natürliche Verlangen trugen, die Vor- theile, welche der einzelne vor den anderen genoß, zu verallgemeinern, ein ebensolches Dasein zu führen, wie ihr zufällig bevorzugter Genosse. Wo der Glückliche sich dazu verstand, an den Vorzügen, zu denen er gelangt, auch andere theilnehmen zu lassen, um nicht mit allen theile» zu müssen, da entwickelte sich der Klassenstaat, da gab es auf der einen Seite Starke und Mächtige, Herrscher, und aus der andern Schwache und Abhängige, Sklaven.— Diesen Kämpfen begegnet man auch heute noch. Einer großen Menge, der der Lebensgenuß vorenthalten und verkümmert wird, den die Kulturstufe bietet, welche der Gesellschafts- verband erreicht hat, steht ein kleiner Bruchtheil Genießender gegen- über. Die Menschen in ihrer Allgemeinheit beseelt nicht, wie neuerdings von einenl namhaften Gelehrten auf dem Gebiete der Sozialwissenschaft behauptet wurde,„das ruhelose Streben nach bevorzugtem Dasein, nach Vortheilen vor anderen und selbst auf Kosten anderer," sondern allein das Verlangen nach der denkbar höchsten Glückseligkeit. So wollen die arbeitenden Klassen auch nicht ein schwelgerisches Leben, wie die Ge- nießenden es sich bereiten können, sondern ein auskömmliches und gleich glückliches für alle. C. L. Ein Mitarbeiter Mirabeau's. Das in meinem Artikel über die Jakobinermütze erwähnte Buch von Professor Galiffo enthält auch einen Brief von Etienne Solomon Reybaz. Der Name dürste nur dem kleinsten Theil der Leser der„Neuen Welt" bekannt sein; er lieh seinen Glanz einem andern und größer», und der unverdienten Ver- gessenheit entriß ihn erst ein 1873 herausgekommenes Buch von Plan, das an der Hand von auf der genfer Stadtbibliothek befindlichen Originalien den strengen Beweis durchführte, daß Mirabeau nicht allein von Reybaz fortwährend mit Material für die parlamentarische Aktion verschen wurde, sondern daß er auch inehrere Reden hielt, welche dieser für ihn entworfen und bis in's Detail ausgearbeitet hatte.— Im Jahre 1781 kam es in Genf zu blutigen Wirren, die Nachbarstaaten inter- venirten und die Häupter der revolutionären Natiss entzogen sich der Rache des siegreichen Patriciats durch die Flucht. Unter den Geflohenen war auch Reybaz. Ein geborener Waadtländer, hatte er nach Voll- endung theologisch-philosophischer Studien in Gens längere Zeit eine Hauslehrcrstclle bekleidet, dann als Mentor eines jungen schwedischen Grase,. Frankreich durchreist, in literarischen Kreisen daselbst viele Be- kanntschaften angeknüpft und bei seiner Rückkehr in der schönen Leman- stadt das Bürgerrecht erworben. Mit seiner scharfen Feder verfocht er die Sache der Natiss und die Niederlage dieser Partei machte auch seine Stellung unhaltbar.— Oekonomisch unabhängig, lebte er in Paris, wohin er sich gewendet, ganz seinen Studien und arbeitete nur gelegentlich für eine Zeitung. Zwei Mitarbeiter des von Mirabeau bc- gründeten„Courrier de Provence" machten ihren Meister aufmerksain auf 168 die glänzende Begabung ihres Landsmanns, und dieser versäumte nicht, denselben für dauernd an sich zu ziehen. Plan hat circa sechzig Briese veröffentlicht, welche Mirabeau an seinen Mitarbeiter schrieb, und die- selben beweisen, daß zwischen den beiden ein herzliches, aus gegenseitiger Hochachtung begründetes Verhältniß bestand. Ein Brief, datirt vom 4. Januar 1790, ist das Begleitschreiben zu einer Arbeit über die Re- forni einer kriminalrechtlichen Materie, welche Reybaz zur Durchsicht unterbreitet wird. Unterni 28. Januar spricht ihm Mirabeau seinen lebhaften Dank aus für die ihm gelieferte Abhandlung über die moralischen und politischen Konsequenzen des priesterlichen Cölibates. Er entschuldigte sich, daß er in seiner Rede einige Worte ausgelassen habe und versicherte, daß sie im Druck erscheinen werden. Einmal klagt er auch mit reizender Höflichkeit über die Schrift, welche für die Tribüne zu sein sei. Die Reden über das Duell, über die Organisation der Nationalgarde, die Besteuerung der Rente u. s. w. sind unter direkter Mithilfe von Reybaz entstanden. Auch einen Entwurf über die Um- und Neugestaltung des öffentlichen Erziehungswesens, den„Anker der Revolution" sollte er abfassen, Mirabeau forderte ihn hierzu mit schwungvollen Worten auf. Von seinem Sterbelager aus richtete er noch einen Brief an Reybaz, in tvelchem er die Hoffnung ausdrückt, bald wieder austreten zu können. Der Tod ereilte ihn jedoch am 2. April 1791; drittes Tags darauf bestieg Talleyrand die Tribüne, verlas die(von Reybaz entworfene) Rede, welche Mirabeau hatte halten wollen und nannte sie dessen„letzten Seufzer". Der Entwurf zu dem meisterhaften Votum über die Priesterehe fand sich vollständig im Nach- lasse von Reybaz vor. Wird Mirabeau, von dem Viktor Hugo irgendwo sagt, ,',es sei kein Mensch und kein Volk, sondern ein unermeßliches Er- eigniß, das zu uns spreche," durch Plan's Enthüllung vom Piedestal geworfen? Keineswegs. Wie seit der Entdeckung der Sonnenflecke die Sonne uns nicht minder majestätisch erscheint, so bleibt Mirabeau in seiner ersten Periode doch eine großartige Gestalt, ein flammendes, leider aber bald in einer Korruptionslache untergegangenes Gestirn. Schon seine ersten, zum Theil im Gefängniß und gewiß ohne Beihilfe dienst- barer Geister geschriebenen Werke(es sei nur an seine„Briefe über die BerhastungSbefchlc und die Staatsgefängnissc" erinnert) athmen eine Kraft und Leidenschaftlichkeit, wie sie nur genialen Naturen innewohnt. Und gerade darin, daß er den bescheidenen und unberühmten Reybaz nach kurzem Verkehr, beinahe aus den ersten Blick als einen Mann von kongenialem Wesen erkennt, ist ein Beweis seines eminenten Scharf- sinncs.— Mirabeau vertrat den Konstitutionalismus in der Revolution; Reybaz war Republikaner, aber ein sehr gemäßigcr, der an der weiteren Entivicklung keine sonderliche Freude hatte. Als Vertreter seiner Vater- stadt bei den französischen Machthaber» entwickelte er später viel Energie und kehrte dann in's Privatleben zurück, um seinen Studien zu leben. Er starb 1894. Seine Tochter vermählte sich mit dem dänischen Dichter Baggesen. R. R. Rouget de Liste tragt zum erstenmal die Marseillaise vor. (Bild Seite 161.) In Stratzburg war es, wo das weltberühmteste und wirkungsreichste aller Lieder gedichtet und zum erstenmale vorgetragen wurde. Der dort garnisonirende französische Jngenienroffizier Rouget de Lisle hatte durch einen Schlachtgesang die französischen Truppen für die Kämpfe gegen die verbündeten Preußen und Oesterreicher begeistern wollen, aber es sollte ihm viel mehr gelingen, als er träumen konnte— sein Lied ward nicht nur binnen kürzester Frist zum Schlachtgesang der Rheinarmec, sondern es drang auch von der Armeeher in's Volk von ganz Frankreich und hielt mit den marseiller Revolutionssoldaten im Hoch- sommer 1792 seinen denkwürdigen Einzug in Paris, um als Kampf- und Sturmlied der großen Revolution das französische Volk zur äußersten Anspannung seiner Kraft, zu himmelauflodernder uuiD schier unverlösch- lichcr Leidenschaft zu begeistern. Ob eine Ahnung davon die ersten Zuhörer beschltchcn, daß in dem Liede eine weltgeschichtliche Triebkraft gezeugt war von unberechenbarer Gewalt, ob ein Funken jener wilden Gluth, die es in den Gcmüthern der Millionen entflammte, den Dichter, als er es vortrug, beseelte,— wer könnte uns heut noch davon Kunde geben? Aber unser Bild deutet darauf hin, und wir halten es kaum für anders möglich, daß dort im Hause des Bürgermeisters von Straß bürg die markigen Worte, die knappen, wuchtigen Verse einen tiefen, gewaltigen Eindruck hervorriefen und aus die Gemüther gewirkt haben mögen, wie das dumpfe Brausen eines von weiter Ferne heranziehenden Orkans. G. Die Nniversalmühle von Steimmig. von Hörde& Comp, in Wien fabricirt, mahlt in großen Mengen Getreide aller Art, während zu ihrem Betriebe nur sehr geringe Kraft erforderlich ist. Namentlich in Gegenden, in welchen es an Wasser fehlt, oder die von Mühlen entfernt sind, macht sich das Bedürfniß für derartige Maschinen geltend, die oft unvollkommen construirt sind, große bewegende Kraft erfordern, theuer sind und wegen ihrer Complicirtheit zu große Anlage- und Unter- Haltungskosten und theure Reparaturen verursachen. Alles dies ist bei der Steimmig'schen Mühle vermieden. Sie besteht einfach. aus einer vertikalen Mühle, die an horizontaler Axe befestigt ist. An der Seite dieser Mühle befindet sich ein Segment aus Stein, das auf einem Wagen in einer Art Kasten ruht und durch ein Handrad der Mühle genähert oder von ihr entfernt werden kann. Bei kleinen Mühlen ist die Einrichtung nnigekehrt: das Segment ist fest und die Mühle läßt sich nähern und entfernen. Das zu mahlcnde Getreide wird in den am obern Theile der Mühle befindlichen Fülltrichter geschüttet und wird mittels' Cylinder zwischen das Segment unS die Mühle geführt. Gewöhnlich erhält man nur grobes Mehl, will man feines haben, so muß das Segment fast bis zur Berührung mit der Mühle gestellt werden. Da etwa nur der vierundzwanzigste Theil der seitlichen Fläche der Mühle arbeitet, so ist die Reibung fast unmerkbar und wird mit größter Leichtigkeit durch die Kraft des Schwungrades überwunden; da das gemahlene Getreide die Mühle sofort verläßt, so ist nur eine geringe bewegende Kraft erforderlich. Wenn man nur schroten will, so wird bei der kleinen thättgen Mahlfläche nur äußerst wenig Mehl selbst bei kleinsten Körnern gebildet. Die verwandten Mühlsteine sind derart, daß man sie wochenlang ohne aufzuhauen gebrauchen kann, und wenn schärfen nöthig wird, so kann dies in einer halben Stunde geschehen, ohne daß die Mühle demontirt werden muß. Ueberhaupt sind Repa- raturen nur sehr selten nöthig. Die großen Vorzüge dieser Mühle sind, daß man, je nach der Stellung des Segments zu der arbeitenden Mahlfläche gleichmäßig alle Arten Getreide darauf mahlen kann, serner Gewürze, Farben, Kaffee, kurz alle Substanzen, die sich in der Kälte und im trocknen Zustande überhaupt mahlen lassen. Die erforderliche bewegende Kraft ist nur gering, denn ein zwölfjähriger Knabe kann stündlich 159 bis 299 Kilogramm Getreide auf dieser Mühle mahlen; durch eine Pferdekraft betriebene Mühlen liesern täglich 7,599 bis 19,999 Kilogramm Niehl. Eine der wichtigsten Nnwendungen dieses Apparats ist zum Schroten des Hafers für Pferde, wofür man bis jetzt noch keine gute Maschine hatte; ein Mann kann mit Leichtigkeit in einer Viertelstunde das tägliche Futter für zwei starke Pferde schroten. Als letzter Vorzug der Steimmig'schen Universalmühle sei die Präcision angeführt, mit welcher der Abstand des Segments von der Mahlfläche geregelt werden kann. Namentlich für Brauereien ist der Apparat sehr nützlich, da er fast gar kein Mehl, sondern Schrot liefert. Eine Pferdekrast gab bei einem Versuche stündlich 525 Kilo- gramm. Die Fabrik liefert die Mühlen in vier Größen. Die Dimen- sionen der Größen(Nr. 1) sind: Länge 1.42m, Breite 9.99m, Höhe 1.89m. Durchmesser der Mühlsteine bei Nr. 1 ist 1.19m, bei Nr. 2, 3 und 4 resp. Im, 9.89m und 9.69m. Nr. 4 ist 9.89m lang, 9.39m breit und 1.69m hoch. Der Durchmesser der Welle ist bei Nr. 1 9.69m, ihre Länge 9.12m. Die Zahl der Umdrehungen ist 39 bis 59(Nr. 1), 69 bis 89(Nr. 3), 39 bis 49(Nr. 4). Die tägliche Produktion ist bei Nr. 1 15,999 Kilogramm, bei Nr. 2 19,999 Kilogramm. Die nöthige bewegende Kraft ist 1 bis 1'/, Pferdekraft bei Nr. 1 und 2,'/c Pferdekraft bek Nr. 3 und Vis Pferdekrast(ein Knabe) bei Nr. 4. Die Preise sind in Francs: Nr. 1 1259 Mühle und Segment 225,99. Emballage 37,59. „ 2 1125„„„ 187,59.„ 39,99. „ 3 759„„„ 125,99.„ 25,99. „ 4 375„„„ 75,99.„ 29,99. Die Maschine Nr. 4 ist die einzige, die speziell für Handbetrieb ein- gerichtet ist. I)r. B.-R. �.orrespondenj. Breslau. Maurer F. G. Einsilbige Rälblel hält man am besten ganz lurz und scharf poinrirt. Ihre Berse zeigen Sinn für Rhythmus und ziemlichen Gedanlenreich- thum, in der iform sink sie jedoch mangelhaft und darum sür uns nicht verwendbar. Bersuchen Sie Sich weiter in derartigen Leistungen!— Frl. Alwine Tn. Tab Sie Ihrer Tante den 2. Jahrgang der„ Reuen Welt"„schön gebunden" zu Weihnachten schenlen. ist lobenswenh und erfreulich' weniger erfreulich war uns Ihr„bescheidener Wunsch", wir möchten doch„recht rasch"„ein haar ganz Neine Verse machen", die Sie als„Motto"(Sie meinen wohl: Widmung?!) in das Geschenlexemplar hinein- schreiben könnten! Sie sind gewib noch sehr jung, liebes Fräulein Alwine? Nohlsur». Dr. C. Friedrich. Sie scheinen aus den Abdruck Ihres zweiten Briese« verzichtet zu haben, Sie Streiter im Herrn und„ehemaliger" Sozialdemokrat!? Heut- zutage ist es wirklich Kinderspiel, die Frommen im Lande, wenn sie sich auch gelegentlich einmal gar trutziglich geberden, zu den Stillen im Lande zu machen! Berlin. St. Es wäre doch sehr schlimm, wenn Sie recht hätten, daß„doch jeder sicher solchen Familienhader" zu erleben hatte. Uebrigens beweist Ihr Urtheil, daß Sie von einer der Krankheiten unserer Zeit, der Sucht nach dem Aubergewöhnlichen, Er- schütternden nicht frei sind. Nervenabstumhfung— ein schwer zu kurirendes Leiden! Probiren Sie die Medizin, deren ersten Löffel Ihnen diese unsere Neujahrinummer beut. Degcsloch. Schristsever W.®. Die Münzabbildung, welche Sie uns zur Ent- väthselung eingesandt, ist uns selber vorläufig ein ungelöstes Rätbiel. Insbesondere irriftren uns die Zahlen: aus dem Avers ISZV, auf dem Revers MDC9VI, d. i. 1706, je.; der König Karl III, der einzig mit dem Carolu» III, res Hispaniae, gemeint sein kann, ist 1716 geboren, ward 1730 König beider Sizilien und 17S!» König von Spanien. Wie ist die vermeintliche Münze beschaffen und wo haben Sie dieselbe her? Paris. E. B. Eine sranzösische Ausgabe der„N. W." erscheinen zu lassen, ist nicht so leicht, als Sie zu glauben scheinen. Dazu gehören, ganz abgesehen von dem mehr als zweifelhaften Erfolg, viel gröbere Mittel und weiterreichende Berbindungen, als uns gegenwärtig zu Gebote stehen. Eine Modenzeitung, wieder„Bazar" oder die „Victoria", kann mit viel gröberer Sicherheit als internationales und vielsprachiges Blatt austreten,«ks die„N. W." oder sonst irgendein Preßorgan für Unterhaltung und Belehrung.-._ An R., gerbst, E. und Sch— y, Berlin, F. Kl., Weibensel», B., Glauchau, B— n, Hamburg, H—t, Hannover und Ix, Oderberg sind in der lezten Woche Mspte remittirt worden. (Schluß der Redaktion; Freitag, den 21. Dezember.)